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Robert E. Howard 

Kull von Atlantis 

Ins Deutsche übertragen 

von Hubert Straßl 

 

Abenteuer aus dem Hyborischen Zeitalter, aus der Zeit vor der Sintflut 
Kull ist ein Atlantis-Geborener unbekannter Herkunft. Er flieht vor der Rache 
seiner barbarischen Stammesgenossen und gelangt schließlich nach 
Valusien, wo er sich in blutigen Kampf die Königswürde erwirbt. 
Von tödlichen Intrigen, Verrat, Heimtücke und Schwarzer Magie umgeben, 
regiert er mit starker Hand sein Königreich, in dem er ein fremder unter 
Fremden ist, und bekämpft das Böse, wo auch immer es ihm begegnet.

 

 

 

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Inhalt 

Inhalt ................................................................................................ 2

 

Prolog .............................................................................................. 3

 

FLUCHT AUS ATLANTIS.............................................................. 5

 

DAS SCHATTENKÖNIGREICH .................................................12

 

DER ALTAR UND DER SKORPION..........................................50

 

DELCARDES’ KATZE..................................................................55

 

DER SCHÄDEL DER STILLE.....................................................86

 

DIESE AXT IST MEIN ZEPTER!.................................................96

 

NUR EINEN GONGSCHLAG LANG........................................120

 

VERSCHWÖRUNG BEI NACHT .............................................126

 

DER KÖNIG UND DIE EICHE..................................................158

 

OHNE TITEL...............................................................................160

 

DIE SPIEGEL DES TUZUN THUNE ........................................164

 

DIE SCHWARZE STADT ..........................................................175

 

OHNE TITEL...............................................................................179

 

EPILOG.......................................................................................200

 

NACHWORT ..............................................................................207

 

 

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-3 - 

Prolog 

(Prolog) 

Über jene Ära, die die nemedischen Chronisten das präkata-
klystische Zeitalter nennen, gibt es kaum Berichte, außer über 
den letzten Abschnitt, und der liegt hinter einem Schleier von 
Sagen verborgen. Die Geschichtsaufzeichnung beginnt mit dem 
Verfall der präkataklystischen Zivilisation, in der Kamelien, 
Valusien, Verulien, Grondar, Thule und Kommorien die 
mächtigsten Königreiche waren. Diese Völker besaßen 
verwandte Sprachen, was auf einen gemeinsamen Ursprung 
schließen läßt. Es gab noch weitere, nicht minder zivilisierte 
Reiche, deren Bewohner jedoch andere und augenscheinlich 
ältere Rassen waren. 

Die Barbaren jener Epoche waren die Pikten, die auf einer 
Inselgruppe weit draußen im westlichen Ozean lebten; die 
Atlanter auf einem kleinen Kontinent zwischen den Pikten-inseln 
und dem Hauptkontinent Thuria; und die Lemurier, die eine Kette 
von großen Inseln in der östlichen Hemisphäre bewohnten. 

Es gab weite unerforschte Gebiete. Die zivilisierten Reiche 
nahmen trotz ihrer gewaltigen Größe nur einen vergleichsweise 
kleinen Teil des Planeten ein. Valusien war das westlichste 
Königreich des thurischen Kontinentes, Grondar das östlichste. 
Östlich von Grondar, dessen Volk nicht so hoch entwickelt war 
wie jene der anderen Königreiche, erstreckte sich ein wildes, 
rauhes Land, Wüste zum größten  Teil. In den fruchtbareren 
Gebieten, in den Dschungeln und in den Bergen lebten verstreute 
Sippen und Stämme primitiver Eingeborener. Weit im Süden gab 
es ein rätselhaftes Reich, das nicht mit der thurischen Kultur in 
Zusammenhang stand und offensichtlich  bereits vor dem 
Auftauchen des Menschen existierte. An den fernen östlichen 
Küsten des Kontinentes lebte eine andere Rasse, menschlich, 
geheimnisumwittert und nicht-thurisch, auf die die Lemurier von 
Zeit zu Zeit stießen. Sie mußte von einem dunklen und 
namenlosen Erdteil irgendwo im Osten der lemurischen Inseln 
stammen. 

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-4 - 

Die thurische Zivilisation zerfiel. Ihre Armeen bestanden zum 
Großteil aus Barbarensöldnern. Pikten, Atlanter und Lemurier 
waren ihre Generäle, ihre Staatsmänner und nicht selten ihre 
Könige. Über Streit und Hader zwischen den Königreichen und 
die Kriege zwischen Valusien und Kom-morien, als auch über die 
Eroberungszüge der Atlanter, denen es gelang, ein Königreich 
auf dem Festland zu erschaffen, erfahren wir mehr aus Sagen 
denn geschichtlichen Fakten. 

Das Hyborische Zeitalter 

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-5 - 

FLUCHT AUS ATLANTIS 

(Exile of Atlantis) 

Die Sonne ging unter. Ihr letzter Schein tauchte das Land in Rot 
und lag wie eine Blutkrone auf den schneebestäubten Gipfeln. 
Die drei Männer, die das Sterben des Tages beobachteten, 
atmeten tief den Duft ein, den der frühe Abendwind aus den 
fernen Wäldern herbeitrug, dann wandten sie sich einer 
wichtigeren Sache zu. Einer der Männer briet Wild über einem 
kleinen Feuer. Er tupfte mit einem Finger an das brutzelnde 
Fleisch und kostete es mit der Miene eines Feinschmeckers. 

"Es ist fertig, Kull, Khor-nah. Wir können essen." Der Sprecher 
war kaum mehr als ein Junge: groß, schmalhüftig, breitschultrig, 
und er bewegte sich mit der Geschmeidigkeit eines Leoparden. 
Der eine seiner Begleiter war ein älterer Mann mit kräftiger 
Statur, dichtem Haarwuchs und harten, herausfordernden Zügen. 
Der andere war ein Ebenbild des Sprechers, nur ein wenig 
größer und eine Spur breiter um Brust und Schultern. Mehr noch 
als der Junge vermittelte er den Eindruck von Kraft und 
Geschmeidigkeit. "Gut", sagte er. "Ich bin hungrig." "Wann bist du 
das nicht, Kull?" spöttelte der Junge. "Wenn ich kämpfe", 
erwiderte Kull ernst. Der Jüngling warf dem Freund einen 
forschenden Blick zu, als wolle er in sein Inneres sehen, denn 
nicht immer wurde er klug aus ihm. 

"Und dann bist du durstig  - blutdurstig", warf der Ältere ein. 
"Genug der Worte, Am-ra. Schneide das Fleisch." 

Die Nacht brach herein. Die ersten Sterne funkelten am Himmel. 
Der Nachtwind strich über das Bergland. In der Ferne brüllte 
plötzlich ein Tiger. Instinktiv tastete Khor-nah nach dem Speer 
mit der Steinspitze/ der neben ihm lag. Kull drehte den Kopf. Ein 
eigentümliches Licht blitzte in seinen eisgrauen Augen. 

"Die gestreiften Brüder jagen heute nacht", stellte er fest. 

"Sie verehren den aufgehenden Mond." Am-ra deutete nach 
Osten, wo ein rötliches Glühen sichtbar wurde. 

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-6 - 

"Weshalb?" fragte Kull. "Der Mond verrät sie nur ihrer Beute und 
ihren Feinden." 

"Vor vielen hundert Jahren", erzählte Khor-nah, "bat ein 
Königstiger, der von Jägern verfolgt wurde, die Frau im Mond um 
Hilfe. Sie warf ihm eine Ranke herab, an der er hochkletterte und 
sich in Sicherheit brachte. Viele Jahre blieb er im Mond. Seither 
verehren alle Gestreiften den Mond." 

"Das glaube ich nicht",  brummte Kull. "Weshalb sollten alle 
Gestreiften den Mond verehren, weil er einem ihrer Rasse vor 
so langer Zeit geholfen hat? So mancher Tiger ist die 
Todesfelsen emporgeklettert und den Jägern entkommen, aber 
keiner verehrt diese Felsen. Und woher sollten sie wissen, was 
vor so langer Zeit geschehen ist?" 

Khor-nahs Miene verfinsterte sich. "Es steht dir nicht an, Kull, 
abfällig über die Worte der Älteren zu urteilen oder dich über die 
Legenden des Volkes lustig zu machen, das dich bei sich 
aufnahm. Diese Geschichte muß wahr sein, denn sie wurde von 
Generation an Generation weitergegeben, länger schon, als die 
Menschen sich zu erinnern vermögen. Was immer war, wird 
auch immer sein." 

"Ich glaube es nicht", widersprach Kull erneut. "Diese Berge 
waren schon immer, aber eines Tages werden sie zerfallen und 
verschwinden. Eines Tages wird das Meer sie überspülen ..." 

"Genug dieser Lästerungen!" rief Khor-nah mit einer Heftigkeit, 
die an Zorn grenzte. "Kull, wir sind gute Freunde, und ich halte 
deiner Jugend so manches zugute, doch eines mußt du lernen: 
Achtung vor der Überlieferung. Du verspottest die Sitten und 
Gebräuche unseres Volkes, ausgerechnet du, den dieses Volk 
aus der Wildnis rettete und dem es ein Zuhause und einen 
Stamm gab." 

"Ich war ein nackter Affe, der in den Wäldern umherstrich", gab 
Kull offen und ohne Scham zu. "Ich konnte nicht wie die 
Menschen sprechen, und meine einzigen Freunde waren die 
Tiger und Wölfe. Ich weiß nicht, woher ich komme, oder welches 
Blut in meinen ..." 

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-7 - 

"Das ist nicht von Bedeutung", unterbrach ihn Khor-nah. "Deinem 
Äußeren nach könntest du einer vom Stamm der Geächteten aus 
dem Tigertal sein, die in der Großen Flut umkamen, doch das ist 
nicht von Bedeutung. Du hast dich als tapferer Krieger und 
großer Jäger erwiesen ..." 

"Wo findet man schon einen Jüngling, der ihm im Speerwerfen 
oder im Ringen auch nur ebenbürtig ist?" warf Am-ra mit 
leuchtenden Augen ein. 

"Das ist wahr", stimmte Kor-nah zu. "Er ist eine Bereicherung für 
den Stamm aus den Küstenbergen, trotzdem muß er lernen, 
seine Zunge im Zaum zu halten und die heiligen Dinge der 
Vergangenheit und der Gegenwart in Ehren zu halten." 

"Ich spotte nicht", erklärte Kull ohne Arg. "Aberich weiß, daß 
vieles, was die Priester behaupten, nicht der Wahrheit entspricht, 
denn ich habe mit  den Tigern gejagt, und ich kenne die wilden 
Tiere besser als die Priester. Tiere sind weder Götter noch 
Dämonen, sondern auf ihre Art Menschen, doch ohne die 
Mordlust und Machtgier der menschlichen ..." 

"Noch schlimmere Lästerung!" rief Khor-nah ergrimmt.  "Der 
Mensch ist Valkas größte Schöpfung." 

"Ich hörte die Küstentrommeln früh am Morgen", warf Am-ra ein, 
um das Thema zu wechseln. "Draußen auf dem Meer wird 
gekämpft. Valusien zieht gegen die lemurischen Piraten." 

"Mögen sie sich gegenseitig umbringen", brummte Khor-nah. 

Kulls Augen leuchteten wieder. "Valusien! Land der Träume! 
Eines Tages werde ich die große Stadt sehen, von der soviel 
Wundersames berichtet wird." 

"Das wird dein schlimmster Tag sein", knurrte Khor-nah. "Ketten 
werden dich niederdrücken, und Folter und Tod werden dir gewiß 
sein. Keiner unserer Rasse bekommt die Große Stadt zu 
Gesicht - außer als Sklave!" 

"Möge Unheil über sie kommen", murmelte Am-ra. 

"Verwüstung und Verheerung!" rief Khor-nah und schüttelte 
seine Faust gen Osten. "Für jeden Tropfen atlantischen Blutes, 

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-8 - 

das sie vergossen haben, für jeden Sklaven, der auf ihren 
verdammten Galeeren geschunden wird, soll eine andere Plage 
über Valusien und die Sieben Reiche kommen!" 

Am-ra sprang begeistert auf und wiederholte einen Teil des 
Fluches. Kull schnitt sich unbeeindruckt ein Stück Fleisch ab. 

"Ich habe gegen die Valusier gekämpft", sagte er. "Sie griffen 
mutig an, aber sie waren nicht schwer zu töten. Sie waren nicht 
die Teufel, die du in ihnen siehst." 

"Du hast gegen die schwachen Wachtrupps an der Nordküste 
gekämpft", brummte Khor-nah. "Oder gegen die Besatzung eines 
gestrandeten Kauffahrers. Warte ab, bis du den Schwarzen 
Reitern gegenüberstehst oder der Großen Armee - wie einst ich. 
Hei! Dann fließt Blut in Strömen! Mit Gandaro dem  Speermann 
machte ich die valusischen Küsten unsicher, als ich noch jünger 
war als du, Kull. Ja, mit Feuer und Schwert stießen wir weit vor 
ins Reich. Fünfhundert waren wir, aus allen atlantischen 
Küstenstämmen. Zu viert nur kehrten wir zurück! Nicht weit von 
Hawks, einer Ansiedlung, die wir plünderten und niederbrannten, 
zermalmte uns die Vorhut der Schwarzen Reiter, Hei! Dort 
tranken die Speere, und die Schwerter litten nicht Durst! Wir 
lichteten ihre Reihen und sie die unseren, doch als der 
Schlachtenlärm verklungen war, gab es nur noch vier von uns. 
Schwer verwundet konnten wir fliehen." 

"Von Ascalante hörte ich", fuhr Kull unbeirrt fort, "daß die Mauern 
um die Kristallstadt zehnmal so hoch sind wie ein großer Mann; 
daß man von all dem Gold und Silber geblendet wird und daß die 
Frauen, die durch die Straßen wandeln oder sich aus den 
Fenstern der Häuser lehnen, in seltsame weiche und 
schimmernde Gewänder gekleidet sind." 

"Ascalante muß es wohl wissen", erwiderte Khor-nah grimmig. 
"Er war so lange ihr Sklave, daß er seinen guten atlantischen 
Namen nicht mehr weiß und nur den kennt, den die Valusier ihm 
gegeben haben." 

"Ihm gelang die Flucht", gab Am-ra zu bedenken. 

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-9 - 

"Ja, aber für jeden Sklaven, der es schafft, den Klauen der 
Sieben Reiche zu entkommen, schmachten sieben in ihren 
Verliesen und sterben jeden Tag ein wenig/ denn ein Atlanter ist 
nicht zum Sklaven geboren." 

"Seit dem Anbeginn der Zeit sind wir die Feinde der Sieben 
Reiche", sagte Am-ra nachdenklich. 

"Und wir werden es bleiben, bis die Welt untergeht", erklärte 
Khor-nah mit finsterer Genugtuung. "Denn Atlantis, Valka sei 
Dank dafür, ist jedermanns Feind." 

Am-ra stand auf und nahm seinen Speer, um Wache zu halten. 
Die beiden anderen legten sich ins Gras und schliefen. Wovon 
wohl Khor-nah träumte? Vom  Schlachten-getümmel, vom 
Donnern von Büffelhufen oder von einem Höhlenmädchen. Und 
Kull ... 

Durch die Schleier seines Schlafes drangen aus weiter Ferne 
die triumphierenden Klänge goldener Trompeten. Wolken 
strahlenden Glanzes umhüllten ihn. Dann tat sich ein gewaltiger 
Ausblick vor seinem Traum-Ich auf. Eine riesige 
Menschenmenge hatte sich vor ihm versammelt, und ein 
donnernder Ruf in einer fremden Sprache drang aus ihren 
Kehlen zu ihm empor. Waffen klirrten, und wie Schatten 
verhielten mächtige Armeen zur Linken und zur Rechten im 
Schritt. Die Schleier zerrissen, ein Gesicht blickte kühn in die 
Menge, eine Herrscherkrone über der Stirn 

- ein 

scharfgeschnittenes, kühles, unbewegtes Gesicht mit 

Augen wie das Grau der kalten See. Wieder jubelte die 
Menschenmenge: "Heil dem König! Heil dem König! Heil König 
Kull!" 

Kull fuhr aus dem Schlaf hoch. Die fernen Berggipfel 
schimmerten im Mondlicht, der Wind strich über das hohe Gras. 
Khor-nah lag schlafend neben ihm, und Am-ra hob sich wie eine 
Bronzestatue gegen den  sternenfunkelnden Himmel ab. Kulls 
Blick wanderte über sein einziges Kleidungsstück  - ein 
Leopardenfell, das er um die panthergleichen Hüften 
geschlungen hatte. Ein nackter Barbar war er  - Kulls 

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-1 0 - 

gletschergraue Augen glitzerten. Kull, der König! Er sank in den 
Schlaf zurück. 

Am Morgen machten sie sich auf den Weg zu den Höhlen ihres 
Stammes. Die Sonne stand noch nicht hoch, als das breite Band 
des blauen Stromes in Sicht kam und die Höhlen des Stammes 
vor ihnen lagen. 

"Seht!" entfuhr es Am-ra. "Sie verbrennen jemanden!" 

Ein Brandpfahl war vor den Höhlen errichtet worden. Ein junges 
Mädchen war daran gefesselt. Die Augen der Herumstehenden 
verrieten kein Mitleid. 

"Sareeta", stellte Khor-nah fest/ und seine Züge wurden hart. 
"Sie wählte den Platz an der Seite eines lemurischen Piraten, 
diese Dirne!" 

"Meine eigene Tochter", sagte eine alte Frau mit harter Stimme. 
"Sie hat Schande über Atlantis gebracht. Sie ist nicht mehr meine 
Tochter. Ihr Gefährte ist tot. Sie wurde an Land gespült, als ein 
atlantisches Schiff das ihre zerstörte." 

Kull sah das Mädchen voll Mitgefühl an. Er konnte es nicht 
verstehen - weshalb verdammten diese Menschen, ihre eigenen 
Stammesleute, sie so sehr, nur weil sie einen Feind ihres Volkes 
zum Gefährten erwählt hatte? In all den Gesichtern, die ihr 
zugewandt waren, konnte Kull nur in einem Mitleid entdecken  - 
Am-ras blaue Augen blickten bekümmert und voller Mitgefühl. 

Niemand sah, was Kulls eigenes unbewegtes Gesicht verriet, nur 
die Augen des zum Feuertod verdammten Mädchens hingen an 
ihm. Keine Furcht sprach aus ihnen, nur 

ein inbrünstiges Flehen. Kulls Blick wanderte zum Reisig um 
ihren Füßen. Bald würde es der Priester, der sie bei seinen 
Göttern verdammte, mit seiner Fackel entzünden. Kull sah, daß 
sie mit einer schweren Holzkette, wie nur die Atlanter sie 
anzufertigen wußten/ an den Pfahl gefesselt war. Er konnte sie 
von dieser Kette nicht befreien, selbst wenn es ihm gelang, sich 
einen Weg durch die Menge zu bahnen. Ihre Augen flehten. Er 
blickte auf das angehäufte Reisig, und seine Hand glitt zu dem 

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-1 1 - 

langen Steindolch in seinem Gürtel. Das Mädchen verstand. Sie 
nickte, und er sah die Erleichterung in ihren Augen. 

Kull schlug so blitzschnell und unerwartet wie eine Kobra zu. Er 
riß den Dolch aus dem Gürtel und warf ihn. Er traf knapp unter 
dem Herzen und tötete sie augenblicklich. Während die 
Menschen noch wie vom Donner gerührt standen, wirbelte Kull 
herum und rannte katzengleich die steile Felswand empor. Immer 
noch war die Menge erstarrt, dann riß ein Mann Bogen und Pfeil 
hoch und spannte. Kull schwang sich über den Rand der 
Steilwand. Die Augen des Schützen verengten sich. Wie zufällig 
stolperte Am-ra gegen ihn, und der Pfeil schoß weit an seinem 
Ziel vorbei. Dann war Kull verschwunden. 

Er hörte das wütende Geheul seiner Verfolger - seiner eigenen 
Stammesbrüder, die nach seinem Blut lechzten, weil er gegen 
ihre grausamen und unbegreiflichen Sitten verstoßen hatte. Doch 
kein Mann in ganz Atlantis konnte Kull vom Stamm aus den 
Küstenbergen einholen. 

Kull entkommt seinen aufgebrachten Stammesbrüdern, fällt 
jedoch den Lemuriern in die Hände. Die nächsten beiden Jahre 
ist er Rudersklave auf einer Galeere, dann gelingt ihm die Flucht. 
Er schlägt sich nach Valusien durch und lebt als Gesetzloser in 
den Bergen, bis er gefangengenommen und in einen valusischen 
Kerker geworfen wird. Doch das Glück ist ihm hold. Er bewährt 
sich als Gladiator in der Arena, dann als Soldat in der Armee und 
steigt zum Heerführer auf. Mit Unterstützung von Söldnern und 
einigen 

unzufriedenen valusischen Edlen greift Kull nach dem Thron. Kull 
selbst ist es der den tyrannischen König Borna tötet und ihm die 
Krone vom blutigen Haupt reißt. Der Traum ist Wirklichkeit 
geworden: Kull von Atlantis herrscht über das uralte Königreich 
Valusien. 

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-1 2 - 

DAS SCHATTENKÖNIGREICH 

(The Shadow Kingdom) 

l Parade für einen König 

Die Trompeten schallten lauter, dem tiefen Brausen der 
Brandung, dem sanften Tosen der Abendflut an den 
schimmernden Küsten Valusiens gleich. Die Menschenmenge 
jubelte, Frauen warfen Rosen von den Dächern, als das 
rhythmische Stampfen silberner Hufe näher kam und die erste 
Reihe des gewaltigen Aufmarsches in die breite helle Straße 
einbog, die um den Turm des Glanzes mit seinen goldenen 
Spitztürmen herumführte. 

Voran ritten die Trompeter, schlanke, scharlachrot gewandete 
Jünglinge, die in ihre langen, goldenen Instrumente stießen. 
Ihnen folgten die Bogenschützen, hochgewachsene Männer aus 
den Bergen, und diesen das schwerbewaffnete Fußvolk, dessen 
Rüstzeug im Takt mit den Schritten klirrte und dessen lange 
Speere sich in perfektem Einklang hoben und senkten. Danach 
folgte die mächtigste Truppe der Welt: die Roten Reiter. Vom 
Helm bis zu den Sporen in Rot gerüstet, saßen sie auf ihren 
Pferden und ritten stolz einher, den Blick starr geradeaus, doch 
nur scheinbar umbekümmert um  den Beifall der Menge. Sie 
glichen Bronzestatuen, und kein Schwanken ging durch den Wald 
ihrer aufragenden Speere. 

Dieser stolzen und Respekt einflößenden Garde folgten die 
bunten Reihen der Söldner: grimmige, wilde Krieger, Männer aus 
Mu und Kaa-u, aus den Bergen im Osten und von den Inseln im 
Westen. Sie waren mit Speeren und mit großen Schwertern 
bewaffnet. In einigem Abstand marschierten in dichter Formation 
die lemurischen Bogenschützen. Dann kam das leichte Fußvolk 
des Landes, und den Schluß bildeten wiederum Trompeter. 

Ein prächtiger Anblick, ein Anblick, der ein wildes Gefühl des 
Triumphes aufwallen ließ in der Brust Kulls, des Königs von 
Valusien. Als echter Kriegerkönig saß er nicht auf dem 
Topasthron vor dem Turm des Glanzes, sondern auf dem 

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-1 3 - 

Rücken eines mächtigen Hengstes. Er hob seinen muskulösen 
Arm in Erwiderung des Grußes der vorbeimarschierenden 
Scharen. Sein stolzer Blick glitt über die prächtig gewan-deten 
Trompeter, haftete länger an den Soldaten, die hinter ihnen 
folgten. Seine Augen blitzten auf, als die Roten Reiter mit 
Waffengeklirr und tänzelnden Pferden vor ihm anhielten, um 
ihrem König den Ehrengruß zu entbieten; sie verengten sich eine 
Spur, als die Söldner vorbeizogen. Diese Söldner salutierten 
niemandem. Mit straffen Schultern marschierten sie vorbei und 
maßen Kull kühn und herausfordernd, doch nicht ohne eine 
gewisse Anerkennung. Ihre Gesichter waren grimmig, der Blick 
ihrer Augen voll Wildheit unter zottigen Mähnen und buschigen 
Brauen. 

Und Kull erwiderte diesen Blick. Tapferen Männern gestand er 
vieles zu, und es gab keine mutigeren auf der Welt, selbst unter 
den wilden Stämmen nicht, die sich weigerten, ihn anzuerkennen. 
Aber Kull war selbst zu sehr Barbar, um viel für sie übrig zu 
haben. Es gab zu viele Fehden zwischen ihnen. Die meisten 
waren seit unzähligen Generationen Feinde von Kulls Volk, und 
obgleich der Name Kull in den Bergen und Tälern seiner Heimat 
nun verflucht war und diese Heimat ihm fremd geworden war, 
ließen sich die alten Abneigungen nicht so einfach abschütteln. 
Denn Kull war kein Valusier, sondern ein Atlanter. 

Als die Kampftruppen hinter den edelsteinfunkelnden Wänden 
des Turmes des Glanzes seinem Blick entschwunden waren, gab 
Kull seinem Hengst die Zügel und ritt gemächlich zum Palast 
zurück. Unterwegs besprach er die Parade mit den 
Befehlshabern, die mit ihm ritten. Mit wenigen Worten strich er 
das Wesentlichste heraus. 

"Die Armee ist wie ein Schwert", sagte Kull, "und ein Schwert darf 
nicht rosten." So ritten sie die Straße hinab, und Kull schenkte 
dem Geflüster keine Beachtung, das aus der noch immer die 
Straßen säumenden Menschenmenge an seine Ohren drang. 

"Seht, das ist Kull! Valka! Welch ein König! Und welch ein Mann! 
Seht nur seine Arme! Und seine Schultern!" 

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-1 4 - 

Aber auch ein drohendes, finsteres Gemurmel: "Kull! Verfluchter 
Thronräuber von den Heideninseln!" Und: 

"Welche Schmach! Ein Barbar auf unserem Königsthron ...!" 

Kull scherte sich wenig darum. Mit Gewalt hatte er nach dem 
morschen Thron des uralten Valusiens gegriffen, und mit mehr 
Gewalt hielt er ihn nun: ein Mann gegen ein Reich. 

Erst die Ratsversammlung, dann die Hofgesellschaft, bei der Kull 
die schmeichlerischen Huldigungen der Edlen und ihrer Damen 
über sich ergehen lassen mußte und dieses oberflächliche 
Geschwätz mit sorgsam verborgener, grimmiger Belustigung 
ertrug. Endlich verabschiedeten sich die Höflinge, und Kull lehnte 
sich in seinen Hermelinthron zurück, um Regierungsgeschäfte zu 
überdenken, bis ein Diener die Erlaubnis des großen Königs 
erbat, sprechen zu dürfen. Er meldete einen Abgesandten der 
piktischen Botschaft. 

Kulls Gedanken kehrten aus dem Labyrinth valusischer 
Staatsaffären zurück, durch das sie gestreift waren. Er musterte 
den Pikten unfreundlich. Der Mann erwiderte den Blick des 
Königs ruhig. Er war ein schmalhüftiger, mittelgroßer Krieger, 
kräftig gebaut, mit breiten Schultern und der dunkleren Haut 
seiner Rasse. Die scharfgeschnittenen, unbewegten Züge und 
der furchtlose Blick verrieten nichts. 

"Ka-nu, Ratsoberhaupt des Stammes, rechte Hand des Königs 
aller Pikten, sendet Grüße und läßt wissen: >Beim Fest des 
aufgehenden Mondes steht ein Thron bereit für Kull, den 
höchsten der Könige, den Edelsten der Edlen und Herrscher von 
Valusien.<" 

"Gut", erwiderte Kull. "Sage Ka-nu, dem Ehrwürdigen, 
Botschafter der Westinseln, daß der König von Valusien mit ihm 
Wein trinken wird, wenn der Mond über die Berge von Zalgara 
zieht." 

Der Pikte zögerte. "Ich habe eine Botschaft für den König, nicht 
...", er deutete verächtlich auf die Diener, "... für diese Sklaven." 

Kull befahl ihnen, sich zu entfernen, und behielt den Pikten 
wachsam im Auge. 

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-1 5 - 

Der Krieger trat näher und sagte leise: "Kommt heute nacht allein 
zum Fest, Lord König. Das sind die Worte Kanus." 

Das Königs Augen wurden schmal und glänzten kalt wie grauer 
Schwertstahl. 

"Allein?" 

"Ja." 

Stumm starrten sie einander an. Unter der Maske der 
Förmlichkeit schwelte die uralte Feindschaft ihrer Stämme. Über 
ihre Lippen kamen die kultivierte Sprache und die höfischen 
Phrasen einer zivilisierten Rasse, die nicht ihre war, doch aus 
ihren Augen funkelten die Urinstinkte des Wilden. Kull mochte der 
König von Valusien sein, und der Pikte ein Gesandter seines 
Hofes, aber hier in der Thronhalle starrten sich zwei Barbaren 
an, wild und mißtrauisch, während die Erinnerung an grimmige 
Kämpfe und uralte Fehden in ihnen brannte. 

Der König war im Vorteil, und es bereitete ihm große 
Genugtuung. Er hatte das Kinn auf die Hand gestützt und 
musterte den Pikten, der wie eine Bronzestatue vor ihm stand, 
mit stolz erhobenem Kopf und herausforderndem Blick. 

Über Kulls Lippen huschte ein spöttisches Lächeln. 

"Das erwartest du in der Tat von mir - daß ich allein komme?" 
Das Leben in der Zivilisation hatte Kull gelehrt, mit feinen Worten 
zu spotten. Die Augen des Pikten funkelten gefährlich, doch er 
schwieg. "Wie soll ich wissen, daß dich wirklich Ka-nu schickt?" 

"Ich habe es gesagt", kam finster die Antwort. 

"Wann hat je ein Pikte die Wahrheit gesagt?" höhnte Kull. Er 
wußte, daß Pikten die Lüge fremd war, doch er wollte den 
Gesandten reizen. 

"Ich durchschaue Eure Absicht, König", erwiderte der Pikte kalt. 
"Ihr wollt Grimm in mir wecken. Bei Valka! Es ist Euch bereits 
gelungen. Ich bin erzürnt genug. Und ich fordere Euch zum 
Zweikampf mit Speer, Schwert oder Messer, zu Pferd oder zu 
Fuß. Ist der König auch Mann genug?" 

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-1 6 - 

Kulls Augen verrieten die widerwillige Achtung, die ein Krieger 
einem mutigen Feind zollt, doch er nutzte die Gelegenheit, dem 
Gegner einen weiteren Stich zu versetzen. 

"Hast du erwartet, daß der König die Herausforderung eines 
namenlosen Kriegers annimmt?" erwiderte Kull spöttisch. "Oder 
daß der Herrscher Valusiens einen Gesandten mit der Waffe 
empfängt? Du hast meine Erlaubnis zu gehen. Sage Ka-nu, daß 
ich allein kommen werde." 

Mörderische Wut leuchtete aus den Augen des Pikten. Es 
kostete ihn alle Kraft, nicht  nach der Waffe zu greifen. Abrupt 
wandte er dem König den Rücken, schritt durch die Audienzhalle 
und durch das große Tor nach draußen. 

Aufs neue lehnte Kull sich auf seinem Hermelinthron zurück und 
grübelte. 

Das Ratsoberhaupt der Pikten wollte also, daß er ohne 
Begleitung kam. Weshalb? Plante er einen Hinterhalt? Kulls 
Finger schlossen sich um den Griff seiner großen Klinge. 
Unwahrscheinlich. 

Die Pikten legten viel zu großen Wert auf das Bündnis mit 
Valusien, als daß sie es irgendwelcher Stammesfehden wegen 
aufs Spiel setzen würden. Kull mochte ein Krieger aus Atlantis 
sein und damit der Erbfeind aller Pikten, doch er war auch der 
König von Valusien, der mächtigste Verbündete der westlichen 
Völker. 

Kull sann lange über die seltsamen Umstände nach, die ihn zum 
Verbündeten alter Feinde und zum Feind der alten Freunde 
gemacht hatten. Er erhob sich und schritt ruhelos und lautlos wie 
ein Raubtier durch die große Halle. Er hatte die Fesseln alter 
Freundschaften und Traditionen abgestreift, um seinen Ehrgeiz 
zu befriedigen. Und, bei Valka, dem Gott des Meeres und des 
Landes, er hatte seine Träume wahrgemacht! Er war nun der 
König Valusiens  - eines verblassenden, dekadenten Valusiens, 
das sich im Glanz vergangener Zeiten sonnte, aber dennoch ein 
mächtiges Land war, das mächtigste der Sieben Reiche. 
Valusien  - das Land der Träume nannten es die Barbaren, und 

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manchmal konnte sich Kull des Gefühls nicht erwehren, in einem 
Traum zu leben. Verwirrend waren für ihn die allgegenwärtigen 
Intrigen im Palast, in der Armee, im Volk. Alles erschien ihm wie 
ein Fest der Verkleidung, bei dem Männer und Frauen ihre 
wahren Gedanken und Gefühle hinter undurchsichtigen Masken 
verbargen. Doch der Griff nach dem Thron war einfach gewesen 
- entschlossenes Handeln im rechten Augenblick, die grimmige 
Sprache der Schwerter, der Tod eines längst verhaßten 
Tyrannen, ein ausgeklügeltes Komplott mit ehrgeizigen 
Staatsmännern, die am Hof in Ungnade gefallen waren. Kull, der 
ruhelose Abenteurer, der Flüchtling aus Atlantis, hatte die 
schwindelnde Höhe seines Traumes erreicht: er war Herrscher 
von Valusien, König von Königen. Und mehr und mehr erkannte 
er nun, daß es viel schwieriger war, den Thron zu halten, als ihn 
zu erobern. Die Gegenwart des Pikten hatte alte Erinnerungen 
an seine wilde, ungebundene Jugend wachgerufen. Und wieder, 
wie schon oft in den letzten Tagen, befiel ihn eine nagende 
Unruhe. Ein Gefühl der Unwirklichkeit ergriff von ihm Besitz. Wie 
konnte er, ein gewöhnlicher Mann aus den fernen Bergen 
jenseits des Meeres, ein Volk regieren, eine Rasse mit dem 
Wissen und den Erfahrungen von Jahrtausenden ...? 

"Ich bin Kull!" rief er und warf den Kopf hoch wie ein Löwe, der 
seine Mähne schüttelt. "Ich bin Kull!" 

Mit dem Blick eines Raubvogels überflog er die uralte Halle. Sein 
Selbstvertrauen  strömte zurück ... Und in einem dunklen Winkel 
der Halle bewegte sich ein Wandbehang - kaum merklich. 

2 Und so sprachen 

die stillen Hallen Valusiens 

Der Mond war aufgegangen, und flackernde Fackeln in silbernen 
Schalen erhellten den Garten, als Kull sich auf dem Thron 
niederließ, den Ka-nu, der Botschafter der Westinseln, an 
seinem Tisch hatte bereitstellen lassen. Der betagte Pikte saß 
zur Rechten Kulls und entsprach so gar nicht der Vorstellung, die 
man von einem Abgesandten dieser barbarischen Rasse haben 
mochte. Hoch an Jahren war Ka-nu und in der Staatskunst 
wohlerfahren. Er war mit ihr alt und weise geworden. In den 

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Augen, die Kull abschätzend musterten, war kein Haß. Keine alte 
Stammesfeindschaft trübte sein Urteilsvermögen. 
Jahrzehntelanger Umgang mit Staatsmännern der zivilisierten 
Welt hatte die alten Vorurteile fortgewischt. Die erste Frage, die 
er sich stellte, war nicht: Wer oder was ist dieser Mann? 
Sondern: 

Kann er mir nützen, und wie? Stammesvorurteile gab es für ihn 
nur dann, wenn sie seinen Zwecken dienlich waren. 

Kulls Augen ruhten sinnend auf Ka-nu. Er antwortete einsilbig und 
fragte sich, ob die Zivilisation auch ihn einmal so verändern 
würde wie den Pikten. Denn Ka-nu war beleibt und verweichlicht. 
Viele Jahre waren vergangen, seit der Pikte ein Schwert im 
Kampf geführt hatte. Zugegeben, er war alt, doch Kull hatte ältere 
als ihn zuvorderst im Schlach--tengetümmel gesehen. Die Pikten 
waren eine langlebige Rasse. Ein Mädchen von großer 
Schönheit stand an Ka-nus Seite und füllte seinen Becher, und 
sie hatte viel zu tun. Die ganze Zeit über sprühte Ka-nu vor Witz 
und Beredsamkeit, und obgleich Kull Geschwätzigkeit verachtete, 
konnte er sich doch dem scharfsinnigen Humor des Alten nicht 
entziehen. 

Piktische Häuptlinge und Staatsmänner nahmen an der 
Festlichkeit teil, letztere heiter und zwanglos, erstere dagegen 
steif und offensichtlich unfähig, ihre eingefleischten 
Stammesabneigungen abzustreifen. Trotzdem beneidete Kull sie 
um die Freiheit und Ungezwungenheit der ganzen Angelegenheit, 
die sich sehr von den Gepflogenheiten am valusischen Hof 
unterschied. Solche Freiheit gab es noch an den einfachen 
Lagern der Atlanter  - Kull zuckte die Schultern. Aber zweifellos 
hatte Ka-nu recht getan, daß er, soweit es die alten Traditionen 
und Vorurteile betraf, vergessen hatte, daß er ein Pikte war. Und 
er, Kull, würde gut daran tun, in eine valusische Haut und einen 
valusischen Verstand zu schlüpfen. 

Als der Mond schließlich am höchsten stand, lehnte sich Ka-nu, 
der soviel wie drei Männer gegessen und getrunken hatte, mit 
zufriedenem Seufzen zurück und sagte: "Geht nun. Freunde, 
denn der König und ich möchten uns über Dinge unterhalten, die 

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nicht für die Ohren von Kindern bestimmt sind. Ja, auch du, 
meine Schöne, aber erst einen Kuß auf deine roten Lippen ... so 
gefällt es mir, und nun wiege dich fort, meine Rosenknospe." 

Über dem weißen Bart blinzelten Ka-nus Augen verschmitzt, als 
er Kull musterte, der steif, grimmig und voller Ablehnung vor ihm 
saß. 

"Ich weiß, was Ihr jetzt denkt, Kull", erklärte der betagte 
Staatsmann plötzlich, "daß dieser Ka-nu ein nutzloser alter Narr 
ist, der nichts anderes mehr im Kopf hat als Wein und Weiber." 

Das kam so unerwartet und entsprach so genau seinen 
Gedanken, daß Kull ziemlich verblüfft war, obgleich er sich nichts 
anmerken ließ. 

Ka-nu gluckste, und sein Bauch hüpfte. "Wein ist rot und Frauen 
sind sanft", meinte er nachsichtig. "Aber - ha! ha! -glaube nicht, 
daß das irgendwelchen Einfluß auf meine Pläne und 
Entscheidungen hat." 

Wieder schüttelte er sich vor Lachen, und Kull bewegte sich 
unruhig. Es hatte fast den Anschein, als nähme der Alte ihn nicht 
ernst, und ein raubtierhaftes Funkeln schimmerte in des Königs 
Augen. 

Ka-nu griff nach dem Weinkrug, füllte seinen Becher und sah Kull 
fragend an. Doch der schüttelte unwillig den Kopf. 

"Es ist wohl so", sagte Ka-nu gleichmütig, "daß ein alter Kopf 
mehr verträgt. Ich werde alt, Kull, also warum gönnt ihr jungen 
Männer mir nicht die Freuden, die uns Alten noch bleiben? Ich 
muß mich damit abfinden, ich werde ein steinalter Mann ohne 
Kraft, ohne Freunde und ohne Freuden." 

Aber sein Aussehen und seine Miene straften seine Worte 
Lügen. Sein gerötetes Gesicht strahlte nur so, und seine Augen 
blitzten und ließen den weißen Bart wie eine Verkleidung 
erscheinen. Er sah in der Tat wie ein Kobold aus, dachte Kull mit 
vagem Ärger. Der alte Halunke hatte alle primitiven Tugenden 
verloren, die seiner und Kulls Rasse zu eigen waren, um so mehr 
schien er seine alten Tage zu genießen. 

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-2 0 - 

"Hört meine Worte, Kull", sagte Ka-nu und hob mahnend den 
Zeigefinger, "es ist immer ein gewisses Wagnis, einen jungen 
Mann zu loben, dennoch muß ich Euch meine wahren Gedanken 
offenbaren, um Euer Vertrauen zu gewinnen." 

"Wenn Ihr glaubt, es durch Schmeichelei ..." 

"Pah, wer sprach von Schmeichelei? Ich schmeichle nur, um zu 
entwaffnen." 

Ein wacher Glanz war in Ka-nus Augen, ein kaltes Glitzern, das 
nicht zu seinem trägen Lächeln paßte. Er war ein guter 
Menschenkenner, und er wußte, wollte er bei diesem 
raubtierhaften Barbaren etwas erreichen, mußte er offen sein. 
Denn wie ein Wolf, der die Falle wittert, würde er unfehlbar jede 
Falschheit durchschauen. 

"Es liegt in Eurer Hand, Kull", sagte er und bedachte jedes Wort 
sorgsamer, als er es in der Ratsversammlung der Stämme tat, 
"der mächtigste aller Könige zu werden und Valusien in altem 
Glanz wiedererstehen zu lassen. Valusien bedeutet mir nicht viel 
- obwohl seine Frauen und sein Wein bemerkenswert sind -, aber 
es ist so, daß mit der Macht Valusiens auch die Macht der Pikten 
wächst. Mehr noch, mit einem Atlanter auf dem Thron mag eines 
Tages auch Atlantis dem Bündnis angehören ..." 

Kull lachte bitter. Ka-nu hatte an einer alten Wunde gerührt. 

"Atlantis hat meinen Namen verflucht, als ich auszog, Ruhm und 
Reichtum in den großen Städten der Welt zu suchen. Wir - sie - 
sind  uralte Feinde der Sieben Reiche, und nicht weniger 
erbitterte Feinde aller Verbündeten der Reiche, wie Ihr eigentlich 
wissen solltet." 

Ka-nu zupfte an seinem Bart, sein Lächeln war nicht zu deuten. 

"Nein, Kull, nein. Ihr müßt umdenken. Denn ich weiß, wovon ich 
rede. Dann werden Streitigkeiten und Kriege aufhören, die 
niemandem Gewinn bringen. Ich sehe eine Welt des Friedens 
und des Wohlstands - in der jeder seines Nächsten Bruder ist -, 
die beste aller Welten. Das alles könnt Ihr vollbringen - wenn Ihr 
lange genug lebt!" 

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"Ha!" Kulls Faust schloß sich um den Schwertgriff. Er sprang mit 
solcher Plötzlichkeit und Geschmeidigkeit auf, daß Ka-nu, den 
vollkommene Krieger so begeisterten wie andere vollblütige 
Pferde, sein altes Blut stürmisch durch die Adern wallen fühlte. 
Valka, welch ein Krieger! Nerven und Sehnen aus Feuer und 
Stahl in perfektem Zusammenwirken, der Instinkt des Kämpfers, 
der erst den gefürchteten Krieger ausmacht. 

Aber Ka-nus leicht sarkastischer Ton verriet nichts von seiner 
Begeisterung. 

"Aber Kull. Setzt Euch wieder. Seht Euch um. Die Gärten sind 
verlassen, die Bänke und Stühle leer außer den unseren. 
Sicherlich werdet Ihr mich nicht fürchten?" 

Kull sank auf den Thron zurück, aber er sah sich wachsam um. 

"Barbar bis ins Mark", brummte Ka-nu. "Wenn ich wirklich Verrat 
plante, glaubt Ihr, daß ich das hier tun würde, wo jeder Verdacht 
sofort auf mich fiele? Das wäre Narrenwerk! Ihr jungen Krieger 
habt viel zu lernen. Meine Häuptlinge können nicht vergessen, 
daß Ihr aus den Bergen von Atlantis kommt, und Ihr verachtet 
mich tief in Eurem Inneren, weil ich ein Pikte bin. Das führt uns 
nirgendwo hin. Ihr seid für mich Kull, der König von Valusien, 
nicht Kull, der tollkühne Atlanter, der Anführer der Horden, die 
über die Westinseln herfielen. Und Ihr solltet in mir nicht den 
Pikten sehen, sondern den Staatsmann, der zwischen den 
Völkern steht. Und als der gebe ich folgendes zu bedenken: 
Wenn der Tod Euch morgen ereilte, wer würde dann den Thron 
besteigen?" 

"Kaanuub, der Baron von Blaal." 

"Stimmt. Ich habe viele Gründe, weshalb ich gegen Kaanuub 
wäre, vor allem, weil er nur eine Marionette ist." 

"Wie das? Er war mein härtester Gegner, aber ich ahnte nicht, 
daß er für die Interessen anderer focht." 

"Die Nacht hat viele Ohren", erwiderte Ka-nu ausweichend. "Und 
die Welt hat Türen. Aber Ihr könnt mir vertrauen. Und Ihr könnt 
Brule, dem Speerkämpfer, vertrauen. Seht!" Er zog ein goldenes 
Armband aus seinem Gewand hervor. Es stellte ein dreifach 

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-2 2 - 

gewundenes, geflügeltes Reptil mit drei Rubinhörnern auf dem 
Kopf dar. 

"Seht es Euch genau an. Brule wird es an seinem Arm tragen, 
wenn er morgen nacht zu Euch kommt. Ihr werdet ihn daran 
erkennen. Traut Brule wie Euch selbst und tut, was er Euch rät. 
Und damit Ihr seht, daß Ihr mir vertrauen könnt, will ich Euch dies 
zeigen ..." 

So rasch wie ein herabstoßener Habicht riß der Alte etwas aus 
seinem Umhang hervor, etwas, das ein unheimliches grünes 
Licht auf die beiden Männer warf, und ließ es sofort wieder 
verschwinden. 

"Der gestohlene Stein!" rief Kull und wich zurück. "Das grüne 
Juwel aus dem Schlangentempel! Valka! Ihr? Weshalb zeigt Ihr 
es mir?" 

"Weil ich Euer Leben retten will. Und weil ich Euch mein 
Vertrauen beweisen möchte. Wenn ich Euer Vertrauen 
mißbrauche, dann vergeltet es mit gleicher Münze. Mein Leben 
liegt in Eurer Hand. Ihr seht, ich könnte kein Verräter sein, selbst 
wenn ich es wollte, denn ein Wort von Euch würde auch mein 
Ende bedeuten." 

Trotz seiner ernsten Worte strahlte der alte Halunke über das 
ganze Gesicht und schien ungemein mit sich zufrieden zu sein. 

"Aber warum liefert Ihr Euch mir solcherart aus?" fragte Kull, der 
immer weniger wußte, was er von dem allen halten sollte. 

"Wie ich schon sagte, damit Ihr seht, daß ich kein falsches Spiel 
im Sinne habe. Und morgen, wenn Brule zu Euch kommt, folgt 
seinem Rat ohne Furcht vor Verrat. Doch genug. Eine Eskorte 
wartet draußen, um Euch zum Palast zu geleiten." 

Kull erhob sich. "Aber Ihr habt mir noch nichts erzählt." 

"Ah, wie ungeduldig die Jugend doch ist!" Mehr denn je glich er in 
diesem Augenblick einem listigen Kobold. "Geht und träumt von 
Thron und Macht und Königreichen, während ich mich meinen 
Träumen von Wein und zärtlichen Frauen und duftenden Rosen 
hingebe. Glück auf Eurem Weg, König Kull." 

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-2 3 - 

Als Kull den Garten verließ und zurückblickte, sah er Kanu noch 
immer entspannt und mit vergnügter Miene an seinem Platz 
sitzen - das Bild eines mit sich und der Welt zufriedenen, weisen 
alten Mannes. 

Ein berittener Krieger wartete außerhalb des Gartens auf den 
König. Kull war ein wenig überrascht, als er erkannte, daß es 
derselbe war, der ihm Ka-nus Einladung überbracht hatte. Kein 
Wort fiel, als Kull sich in den Sattel schwang und sie durch die 
leeren Straßen ritten. 

Die lärmende Fröhlichkeit des Tages hatte der unheimlichen 
Stille der Nacht Platz gemacht. Im Schein des silbernen Mondes 
konnte man das ehrwürdige Alter der Stadt deutlicher spüren. 
Die gewaltigen Säulen der Villen und Paläste reckten sich hoch 
zu den Sternen empor. Die breiten Treppen, still und verlassen, 
schienen aufwärts in die Unendlichkeit zu führen und in der 
Dunkelheit des Himmels zu enden. Stufen zu den Sternen, 
dachte Kull. Die stille Pracht der nächtlichen Stadt beflügelte 
seine Phantasie. 

Klapp, klapp, klapp hämmerten die silbernen Hufe auf den 
breiten, mondlichtbleichen Straßen, doch sonst war kein Laut zu 
vernehmen. Das Alter der Stadt, die unglaubliche Zahl von 
Jahren, ließ den König plötzlich erschauern. Es war, als lachten 
die großen, stillen Gebäude mit lautlosem Spott über ihn. Und 
welche Geheimnisse mochten sie kennen? 

"Du bist jung", flüsterten die Paläste und Tempel und heiligen 
Stätten, "wir aber sind alt. Die Welt war wild und ungestüm, als 
wir erbaut wurden. Du und dein Stamm, ihr werdet verschwinden, 
doch wir sind unbezwingbar, unzerstörbar. Wir hielten Wacht 
über eine fremde Welt, lange bevor sich Atlantis und Lemurien 
aus den Fluten des Ozeans erhoben. 

Wir werden noch dasein, wenn die grünen Wasser längst tief und 
ruhelos über den Türmen von Lemurien und den Bergen von 
Atlantis wogen und die Westinseln die Gebirge einer neuen Welt 
sein werden. 

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-2 4 - 

Wie viele König haben wir durch diese Straßen reiten sehen, ehe 
Kull von Atlantis auch nur ein Gedanke im Gehirn Käs, des 
Vogels der Schöpfung, war? Reite nur, Kull von Atlantis. 
Mächtigere werden nach dir kommen. Mächtigere waren vor dir. 
Sie alle sind Staub und vergessen. Wir aber stehen. Wir wissen. 
Wir sind. Reite, reite deinen Weg, Kull von Atlantis. Kull, der 
König. Kull, der Narr!" 

Und es schien Kull, als trommelten die Hufe in stetem Rhythmus 
immer die gleichen, höhnenden Worte in die Nacht hinaus: 

"Kull - der - König! Kull - der - Narr!" 

Scheine, Mond. Dein bleiches Licht weist einem König den Weg! 
Leuchtet, Sterne. Ihr seid die Fackeln im Gefolge eines 
Herrschers! Und pocht. Silberhufe. Ihr verkündet, daß Kull durch 
die Stadt reitet! 

Ha! Wach auf, Valusien! Es ist Kull, der durch die Nacht reitet, 
Kull der König! 

"Wir haben viele Könige gesehen", murmelten die stillen Hallen 
Valusiens. 

Von solchen Gedanken beseelt, erreichte Kull den Palast, wo ihn 
seine Leibwache, Krieger der Roten Reiter, erwartete, um die 
Zügel seines Pferdes zu übernehmen und den König zu seinen 
Gemächern zu geleiten. Der Pikte riß wortlos sein Pferd mit 
einem wilden Ruck am Zügel herum und verschwand wie ein 
Phantom in der Nacht. Kulls noch immer erregte Phantasie sah 
ihn wie einen Dämon aus der Älteren Welt durch die stillen 
Straßen jagen. 

In dieser Nacht fand Kull keinen Schlaf, denn die Dämmerung 
war nicht mehr fern; er verbrachte die letzten Nachtstunden 
damit, im Thronsaal auf und ab zu gehen und die Geschehnisse 
zu überdenken. Ka-nu hatte ihm nichts erzählt, und dennoch 
hatte er sich ihm völlig ausgeliefert. Was hatte er damit gemeint, 
daß der Baron von Blaal nur eine Marionette sei? Und wer war 
dieser Brule mit dem rätselhaften Drachenreif am Arm, den Ka-
nu ihm in der kommenden Nacht schicken wollte? Und weshalb? 
Und vor allem: Warum hatte ihm Ka-nu den grünen Stein des 

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-2 5 - 

Verderbens gezeigt, der vor langer Zeit aus dem 
Schlangentempel gestohlen worden war; jener Edelstein, um den 
furchtbare Kriege entbrennen würden, wenn die unheimlichen 
und schrecklichen Hüter des Tempels in Erfahrung brächten, wo 
er sich befand? Vor ihrer Rache würden Ka-nu auch die wilden 
Krieger seines Stammes nicht zu schützen vermögen. Aber Ka-
nu wußte, daß er sich nicht wirklich in Gefahr begeben hatte, 
grübelte Kull, denn der Staatsmann war zu schlau, sich ohne 
Aussicht auf Gewinn einem solchen Risiko auszusetzen. Hatte 
er es nur getan, um dem König den Argwohn zu nehmen und ihn 
so um so leichter zu überlisten? Konnte Ka-nu ihn jetzt überhaupt 
noch am Leben lassen? Kull zuckte die Schultern. 

3 Nächtliche Besucher 

Der Mond war noch nicht aufgegangen, als Kull mit der Hand am 
Schwertgriff zum Fenster schritt. Die Fenster gaben den Blick 
auf die großen inneren Gärten des Königspalastes frei. Die 
Nachtbrise, die den Duft der Gewürzsträucher mit sich trug, 
bauschte die dünnen Vorhänge. Der König blickte hinaus. Die 
Wege und Haine lagen verlassen, die sorgfältig geschnittenen 
Bäume waren unförmige Schatten. In der Nähe sprühten 
Brunnen silbern im Sternenlicht und in einiger Entfernung 
plätscherten weitere. Keine Posten durchstreiften diese Gärten, 
denn die äußeren Mauern waren so stark bewacht, daß ein 
Eindringen unmöglich schien. 

Kletterpflanzen rankten sich an den Palastmauern hoch, und 
während Kull noch überlegte, wie leicht es doch wäre, daran 
hochzuklettern, löste sich aus der Dunkelheit unter ihm ein 
Schatten, und ein nackter brauner Arm griff zum Fensterbrett 
hoch. Kulls große Klinge fuhr halb aus der Hülle, da hielt der 
König inne. An dem  muskulösen Arm schimmerte der 
Drachenreif, den ihm Ka-nu am Vorabend gezeigt hatte. 

Der Besitzer des Armes schwang sich mit katzenhafter 
Gewandtheit über das Sims in den Raum. 

"Bist du Brule?" begann Kull, dann hielt er überrascht inne und 
musterte den Eindringling ergrimmt und mißtrauisch. Es war 
derselbe Krieger, den er in der Audienzhalle verhöhnt hatte, 

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-2 6 - 

derselbe, der ihm von der piktischen Botschaft das Geleit zum 
Palast gegeben hatte. 

"Ich bin Brule, der Speerkämpfer", antwortete der Pikte 
wachsam; und unvermittelt, während er Kull forschend ins 
Gesicht blickte, stieß er mit kaum mehr als einem Flüstern die 
Worte hervor: 

Ka nama kaa lajerama!" 

Kull starrte ihn an. "Ha! Was sagst du?" 

"Kennt Ihr es nicht?" 

"Nein. Die Worte klingen fremd. Sie sind aus keiner Sprache, die 
ich je gehört habe - und doch, bei Valka! Irgendwo - muß ich sie 
schon gehört haben ..." 

"Ja", brummte der Pikte nur. Sein Blick glitt durch das Gemach, 
das dem König als Arbeitsraum diente. Ein paar Tische, ein 
Diwan und zwei große Regale mit Pergamentschriften waren die 
ganze Einrichtung. Verglichen mit dem Prunk des übrigen 
Palastes wirkte der Raum kahl. 

"Sagt mir, König, wer bewacht die Tür?" 

"Achtzehn der Roten Reiter. Aber wie ist es dir gelungen, 
unbemerkt durch den Garten zu gelangen und die Palastmauern 
zu erklimmen?" 

Brule grinste geringschätzig. "Die valusischen Wachen sind 
blinde Büffel. Ich könnte ihre Mädchen vor ihren Augen stehlen. 
Ich schlich zwischen ihnen hindurch, ohne daß sie mich hörten 
oder sahen. Und die Mauern - ich könnte auch ohne die Ranken 
hochklettern. Ich habe an der Küste Tiger gejagt, als der 
schneidende Ostwind den Nebel vom Meer hereintrieb, und ich 
habe die Steilhänge der Berge an der Westküste erklommen. 
Doch kommt jetzt - nein, berührt erst diesen Armreif." 

Er hielt seinen Arm hoch, und als Kull seiner Bitte verwundert 
nachkam, seufzte er merklich erleichtert. 

"Gut. Nun legt diese königlichen Gewänder ab, denn heute nacht 
liegen Taten vor Euch, von denen kein Atlanter je geträumt hat." 

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-2 7 - 

Brule selbst trug nur einen Lendenschurz, in dem ein kurzes 
Krummschwert steckte. 

"Woher nimmst du die Unverschämtheit, mir zu befehlen?" grollte 
Kull. 

"Hat Ka-nu euch nicht gebeten, allen meinen Anweisungen zu 
folgen?" fragte der Pikte gereizt, und seine Augen funkelten. "Ich 
hege keine Liebe für Euch, König, aber im Augenblick habe ich 
alle Abneigung aus meinem Herzen verbannt. Tut auch Ihr es. 
Und folgt mir jetzt." 

Lautlos schritt er quer durch den Raum zur Tür. Ein Schieber in 
der Tür erlaubte den Blick in den Korridor hinaus, ohne selbst 
gesehen zu werden. Der Pikte bat Kull, nach draußen zu sehen. 

"Was seht Ihr?" 

"Nur die achtzehn Wachsoldaten." 

Der Pikte nickte und winkte Kull, ihm zum anderen Ende des 
Raumes zu folgen. Brule tastete einen Augenblick an der 
Wandtäfelung. Dann tat er einen raschen Schritt zurück und zog 
sein Schwert. Kull konnte einen überraschten Ausruf nicht 
unterdrücken, als ein Teil der Wand lautlos aufschwang und den 
Blick auf einen schwach erhellten Gang freigab. 

"Ein Geheimgang!" sagte Kull ergrimmt. "Und ich wußte nichts 
davon! Bei Valka, jemand wird dafür büßen!" 

"Still!" zischte der Pikte. 

Brule stand wie eine Bronzestatue, jeder Nerv gespannt, um 
auch nicht das leiseste Geräusch zu überhören. Etwas in Brules 
Verhalten sandte Kull einen eisigen Schauder über den Rücken, 
nicht aus Furcht, sondern in Erwartung von etwas Unnennbarem. 
Dann winkte Brule und stieg durch die Geheimtür, die hinter ihnen 
offen blieb. Der Gang war leer und kahl, doch lag nirgends Staub, 
wie es in einem unbenutzten Raum eigentlich der Fall sein sollte. 
Von irgendwoher kam ein düsteres, graues Licht, dessen Quelle 
nicht zu erkennen war. Alle paar Schritte konnte Kull Türen 
sehen, die, wie er wußte, in den Räumen dahinter unsichtbar 
waren. 

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-2 8 - 

"Der ganze Palast scheint voller Türen zu sein", murmelte er. 

"Das ist er. Viele Augen beobachten Euch, König, Tag und 
Nacht." 

Brules Verhalten beeindruckte den König. Der Pikte bewegte sich 
langsam vorwärts, lautlos, geduckt, die Klinge vor dem Körper in 
der leicht vorgestreckten Rechten. Wenn er sprach, geschah 
dies flüsternd. Unablässig blickte er wachsam nach allen Seiten. 

Der Gang bog scharf ab, und Brule spähte vorsichtig um die 
Krümmung. 

"Seht!" flüsterte er. "Aber denkt daran! Kein Wort! Keinen Laut - 
wenn Ihr am Leben bleiben wollt!" 

Kull blickte vorsichtig an ihm vorbei. Der Gang mündete direkt an 
der Biegung in eine Treppe. Kull zuckte zurück. An ihrem Fuß 
lagen die achtzehn Roten Reiter, die in dieser Nacht des Königs 
Arbeitsraum bewachen sollten. Nur Bru-les Griff an seinem Arm 
und seine hastige Warnung hielten Kull davon ab, die Stufen 
hinunterzuspringen. 

"Still, Kull! In Valkas Namen, seid still!" zischte der Pikte. "Diese 
Gänge sind jetzt verlassen, dennoch ist es sehr gefährlich. Aber 
Ihr mußtet es sehen, damit Ihr meinen Worten glaubt. Jetzt 
zurück in Euren Arbeitsraum." Damit schlich er den Weg zurück. 
Kull folgte ihm, während sich seine Gedanken überschlugen. 

"Das ist Verrat", brummte der König, und seine stahlgrauen 
Augen funkelten gefährlich. "Gemeiner mörderischer Verrat! Nur 
wenige Augenblicke ist es her, daß diese Männer vor meiner Tür 
Wache standen." 

Als sie in den Arbeitsraum zurück waren, schloß Brule sorgfältig 
die geheime Tür und winkte Kull, erneut einen Blick durch die 
Öffnung nach draußen .zu werfen. Kull schnappte hörbar nach 
Luft. Denn vor der Tür standen die achtzehn Wachen. 

"Zauberei!" stieß er leise hervor und zog sein Schwert halb 
blank. "Sind es tote Männer, die den König bewachen?" 

"Ja!" antwortete Brule leise, und ein Ausdruck war in seinen 
funkelnden Augen,  den Kull nicht zu deuten wußte. Einen 

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-2 9 - 

Augenblick lang starrten sie einander an. Kull runzelte verwirrt die 
Stirn, als er in dem verschlossenen Gesicht des Pikten zu lesen 
versuchte. Dann formten Brules Lippen die Worte: "Die-
Schlange-die-spricht!" 

"Schweig!" entfuhr es Kull. Er drückte seine Hand auf Brules 
Mund. "Der Name ist verflucht. Verdammt, der ihn nennt!" 

Die furchtlosen Augen des Pikten musterten ihn forschend. 

"Schaut noch einmal, König Kull. Seid Ihr sicher, daß die Wachen 
nicht abgelöst wurden?" 

"Vollkommen sicher. Es sind dieselben Männer. In Valkas 
Namen, das ist Zauberei  - es ist ungeheuerlich! Kaum eine 
Viertelstunde ist es her, da sah ich die Leichen dieser Männer 
mit eigenen Augen. Und doch stehen sie hier." 

Brule trat von der Tür zurück, und Kull folgte ihm aufgewühlt. 

"Kull, was wißt Ihr von den Überlieferungen dieses Volkes, über 
das Ihr herrscht?" 

"Viel - und doch wenig. Valusien ist uralt ..." 

"Das ist wahr." Ein seltsamer Glanz lag in Brules Augen. "Wir 
sind nur Barbaren  - gerade erst  Geborene, verglichen mit den 
Sieben Reichen, deren Alter nicht einmal ihre Weisesten zu 
nennen vermögen. Weder menschliche Erinnerung noch die 
Chroniken der Geschichtsschreiber können uns sagen, wann die 
ersten Menschen aus dem Meer kamen und Städte auf dem 
Land zu bauen begannen. Aber, Kull, nicht immer wurden die 
menschlichen Rassen auch von Menschen regiert!" 

Der König sah auf, und ihre Blicke trafen sich. 

"Ja, es gibt eine Sage in meinem Volk ..." 

"Und in meinem!" unterbrach ihn Brule. "Lange bevor unsere 
Inseln das Bündnis mit Valusien schlössen, in den Tagen 
Löwenprankes, des siebenten Kriegerhäuptlings der Pikten, vor 
so vielen Jahren, daß niemand mehr ihre Zahl zu nennen 
vermag. Von den Inseln des Sonnenuntergangs brachen wir auf, 
umfuhren die Küsten von Atlantis und fielen mit Feuer und 
Schwert in Valusien ein. Da hallten die weißen Strande vom 

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-3 0 - 

Klirren der Speere wider, und die brennenden Burgen machten 
die Nacht zum Tag. Und der König, der König Valusiens, der 
damals am blutgetränkten Strand fiel ..." Er sprach nicht zu Ende. 
Stumm starrten die beiden einander an. Dann nickten sie beide. 

"Unvorstellbar alt ... ist Valusien", flüsterte Kull. "Die Berge von 
Atlantis und Mu waren nur Inseln im Meer in den jungen Tagen 
Valusiens." 

Der Nachtwind strich durch das offene Fenster. Nicht die frische, 
salzige Seeluft, wie sie Brule und Kull aus ihrer Heimat kannten 
und liebten, sondern der Atem flüsternder Stimmen aus der 
Vergangenheit, schwer von den Düften längst vergessener 
Dinge und seufzend unter der Last von Geheimnissen, die schon 
alt waren, als die Welt kaum geboren war. 

Die Wandteppiche bewegten sich raschelnd, und plötzlich fühlte 
sich Kull vor der unermeßlichen Weisheit, die in den dunklen 
Tiefen dieser Jahrtausende verborgen lag, wie ein unwissendes 
Kind. Und wieder überfiel ihn ein Gefühl der Unwirklichkeit, und 
seine Seele war voll von mächtigen, monströsen Schatten, die 
ihm schreckliche Dinge zuflüsterten. Er spürte, daß in Brule 
Ähnliches vorging. Der Pikte erwiderte seinen Blick mit einer 
grimmigen Eindringlichkeit. In diesem Augenblick empfand Kull 
eine warme kameradschaftliche Verbundenheit mit diesem 
Krieger eines feindlichen Stammes. Wie gegeneinander 
kämpfende Leoparden sich gemeinsam gegen die Jäger 
wenden, wenn sie in die Enge getrieben werden, so verbündeten 
sich diese beiden Barbaren gegen die unmenschlichen Mächte 
der Vergangenheit. 

Brule schritt voran zur Geheimtür. Schweigend traten sie 
hindurch und folgten dem düsteren Korridor, doch diesmal in 
entgegengesetzter Richtung. Nach einer Weile hielt der Pikte an 
und trat zu einer der geheimen Türen. Er bat Kull, ebenfalls durch 
den verborgenen Sehschlitz zu blicken. 

"Diese führt zu einer wenig benutzten Treppe, über die man in 
den Gang gelangt, in dem sich auch die Tür in Euren Arbeitsraum 
befindet." 

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-3 1 - 

Während sie noch spähten, kam eine Gestalt lautlos die Treppe 
hoch. 

"Tu! Mein engster Berater!" entfuhr es Kull. "In der Nacht und mit 
blankem Dolch in der Faust! Was bedeutet das, Brule?" 

"Meuchelmord und gemeinster Verrat!" zischte Brule. "Tut  es 
nicht!" warnte er, als Kull die Tür aufreißen und hinausstürmen 
wollte. "Wir sind verloren, wenn Ihr ihn hier stellt, denn weitere 
lauern am Fuß der Treppe. Folgt mir!" 

Sie eilten den Gang zurück in den Arbeitsraum. Brule schloß die 
Geheimtür sorgfältig hinter Kull. Dann durchquerte er den Raum 
und verschwand durch eine Öffnung in eine selten benutzte 
Kammer. Dort schob er in einer dunklen Ecke die Wandbehänge 
zur Seite und verbarg sich dahinter, wobei er Kull mit sich zog. 
Endlose Augenblicke verstrichen. Kull konnte den Wind hören, 
der im Nebenraum die Fenstervorhänge bewegte, flüsternd und 
murmelnd wie die Stimmen von Geistern. Und dann schob sich 
Tu, der engste Berater des Königs, lautlos durch die Tür. 
Augenscheinlich war er durch den Arbeitsraum gekommen, den 
er leer vorgefunden hatte, und suchte sein Opfer nun in den 
angrenzenden Räumen. 

Er hielt den Dolch zum Stoß erhoben und bewegte sich 
geräuschlos. Einen Augenblick hielt er inne und sah sich in dem 
offenbar leeren, von einer einzigen Kerze dürftig erhellten Raum 
um. Dann schritt er vorsichtig weiter. Die Abwesenheit des 
Königs schien ihm unbegreiflich zu sein. Er stand schließlich vor 
dem Versteck und ... 

"Töte ihn!" zischte der Pikte. 

Mit einem einzigen mächtigen Satz war Kull mitten im Raum. Tu 
wirbelte herum, doch der blitzschnelle, katzenhafte Angriff ließ 
ihm keine Zeit zur Abwehr oder gar Gegenwehr. Schwertstahl 
funkelte im trüben Licht und drang knirschend zwischen Knochen, 
als Tu mit Kulls Schwert zwischen den Schultern zu Boden sank. 

Kull beugte sich über ihn. Seine Zähne waren gefletscht wie die 
eines Raubtieres, seine Brauen zusammengezogen, seine 
Augen kalt und grau, wie das Eis der See. Plötzlich ließ er das 

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-3 2 - 

Schwert los und wich erschrocken zurück. Er schauderte, als 
hätte ihn eine eisige Hand berührt. 

Denn vor seinen Augen verschwamm Tus Gesicht und wurde 
unwirklich. Die Züge zerflossen und verschmolzen auf eine 
unglaubliche Weise. Das Gesicht verschwand wie 

ein sich auflösender Nebelschleier. An seiner Stelle befand sich 
ein tückisch starrender, grauenvoller Schlangenkopf! 

"Valka!" keuchte Kull, und Schweiß perlte auf seiner Stirn. 
"Valka!" 

Brule beugte sich mit steinerner Miene vor. Nur in seinen Augen 
spiegelte sich etwas von Kulls Entsetzen. 

"Nehmt Euer Schwert, Lord König", sagte er. "Es gilt noch viel zu 
tun." 

Zögernd griff Kull nach dem Knauf. Schaudernd setzte er den 
Fuß auf das abscheuliche Etwas am Boden, doch als sich der 
scheußliche Rachen durch einen letzten Muskelreflex öffnete, 
zuckte er würgend vor Übelkeit zurück. Gleich darauf verfluchte 
er seine Schwäche. Er riß das Schwert heraus und betrachtete 
die ungeheuerliche Kreatur genauer, die einmal Tu, sein engster 
Berater, gewesen war. Vom Reptilienkopf abgesehen 
unterschied sie nichts von einem Menschen. 

"Ein Mann mit dem Kopf einer Schlange!" sagte Kull leise. "Er ist 
ein Priester des Schlangengottes, nicht wahr?" 

"Ja. Tu schläft ahnungslos. Diese Teufel können jede Gestalt 
annehmen. Mit der Hilfe eines Zaubers verwandeln sie ihr 
Gesicht, so wie ein Schauspieler eine Maske  überstreift, und 
können solcherart jedem gleichen." 

"Dann sind die alten Sagen also wahr", grübelte der König. "Die 
alten schrecklichen Geschichten, über die keiner zu reden wagt, 
aus Furcht, als Gotteslästerer ein Ende zu finden, sind keine 
Hirngespinste. Bei Valka, ich glaubte es immer  - ich nahm es 
immer an -, dennoch ist es so unglaublich. Und die Wachen vor 
der Tür ..." 

"Sie sind Schlangenmenschen wie er. Wartet! Was wollt Ihr tun?" 

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-3 3 - 

"Sie töten!" zischte Kull. 

"Ihr müßt den Kopf treffen, wenn Ihr sie vernichten wollt", erklärte 
Brule. "Achtzehn warten vor der Tür und möglicherweise ein 
Dutzend weitere in den Gängen. Laßt Euch berichten, König, wie 
Ka-nu von dieser Verschwörung erfuhr. Er hat seine Spitzel 
selbst im innersten Heiligtum der Schlangenpriester, und von 
ihnen kamen die Hinweise. Er hat das geheime Gangsystem des 
Palastes bereits vor langer Zeit entdeckt und eine Karte 
gezeichnet. Auf seinen Befehl habe ich sie mir eingeprägt und 
bin gekommen. Euch zur Seite zu stehen, denn auf Euch wartet 
ein  Tod, wie ihn schon viele Könige Valusiens fanden. Ich bin 
allein gekommen, da mehrere zu schicken Verdacht erregt hätte. 
Auch wäre eine größere Zahl nicht unbemerkt in den Palast 
gelangt. Einen Teil des verräterischen Planes habt Ihr gesehen. 
Schlangenmenschen stehen Wache vor Eurer Tür, und der da 
hatte in der Gestalt Tus Zugang zu allen Räumlichkeiten des 
Palastes. Wenn der Anschlag der Priester mißlang, würden am 
Morgen die echten Wachen wieder auf ihren Posten sein, 
ahnungslos und ohne Erinnerung. Doch auf sie wäre alle Schuld 
gefallen, hätte der Priester Erfolg gehabt. Wartet hier, ich 
schaffe diesen Kadaver fort." 

Ungerührt hob der Pikte das furchterregende Wesen auf seine 
Schulter und verschwand damit durch eine andere Geheimtür. 
Kull wartete reglos,  während die Gedanken durch seinen Kopf 
wirbelten. Neue Priester der mächtigen Schlange. Wie viele 
mochte es in seinen Städten geben? Wie konnte er Menschen 
und Doppelgänger unterscheiden? Und wie viele seiner getreuen 
Ratgeber und Generäle waren noch Menschen? Konnte er 
überhaupt noch irgend jemandem vertrauen? 

Die Geheimtür schwang auf, und Brule trat ein. 

"Du warst flink." 

"Ja!" Der Krieger trat näher und betrachtete den Boden. "Hier 
sind noch Blutflecken auf dem Teppich, seht Ihr?" 

Kull bückte sich. Aus  den Augenwinkeln sah er die schnelle 
Bewegung, das Aufblitzen von blankem Stahl. Wie von der Sehne 

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-3 4 - 

geschnellt fuhr er hoch und stieß mit der Klinge nach oben. Der 
Krieger sackte auf das Schwert, während sein eigenes auf den 
Boden fiel. In diesem Augenblick erfüllte es Kull mit grimmiger 
Genugtuung, daß der Verräter den Tod durch solch einen 
blitzschnellen Aufwärtsstoß fand wie er beliebte Kampftaktik 
seines Volkes war. Dann, als Brules Körper vom Schwert glitt 
und reglos auf dem Boden lag, begann das Gesicht zu zerfließen 
und sich aufzulösen. Während Kull mit angehaltenem Atem und 
eisigem Schauder zusah, verschwanden die menschlichen Züge 
und machten dem gräßlichen aufgerissenen Rachen einer 
Schlange Platz und schrecklichen starren Augen, in denen selbst 
im Tod noch Gift und Tücke war. 

"Er war die ganze Zeit ein Schlangenpriester!" keuchte der 
König. "Valka! Welch ein ausgeklügelter Plan, mich zu überlisten! 
Und Ka-nu? Ist er ein Mensch? War es wirklich Ka-nu, dem ich 
im Garten gegenübersaß? Allmächtiger Valka!" Er schüttelte sich 
vor Grauen, als er sich fragte: 

"Sind die Bewohner Valusiens Menschen, oder sind sie alle 
Schlangen?" 

Während dieser grimmigen Überlegungen fiel ihm auf, daß die 
Kreatur, die er als Brule gekannt hatte, das Drachenarmband 
nicht mehr trug. Ein Geräusch ließ ihn herumwirbeln. 

Brule trat durch die Geheimtür. 

"Haltet ein!" Auf dem Arm, den der Pikte abwehrend hob, glänzte 
der Drachenreif. "Valka!" Brule blieb abrupt stehen. Ein 
grimmiges Lächeln verzerrte seine Lippen. 

"Bei den Göttern des Meeres! Diese Teufel sind über alle 
Maßen gefährlich. Einer muß mich im Gang gesehen haben, als 
ich den Kadaver wegschleppte, und dann meine Gestalt 
angenommen haben. Es bleibt nichts übrig, als auch diesen 
beiseite zu schaffen." 

"Bleib stehen!" Eine tödliche Drohung schwang in Kulls Stimme. 
"Zwei Männer haben sich vor meinen Augen in Schlangen 
verwandelt. Wie soll ich wissen, daß du nicht einer von ihnen 
bist?" 

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-3 5 - 

Brule lachte. "Zwei Gründe sprechen dagegen, König Kull. Kein 
Schlangenpriester würde das tragen", er deutete auf den 
Drachenreif, "und keiner vermag diese Worte zu sagen." Wieder 
vernahm Kull den seltsamen Satz: "Ka nama kaa lajerama." 

"Ka nama kaa lajerama", wiederholte Kull mechanisch. "Wo, in 
Valkas Namen, habe ich das schon gehört? Nein, ich muß mich 
täuschen! Und doch - und doch ..." 

"Ja, Ihr erinnert Euch recht, Kull", bestätigte Brule. "Irgendwo in 
den dunklen Abgründen der Erinnerung sind diese Worte 
verborgen. Obwohl Ihr sie nie zuvor im Leben gehört habt, 
kommen sie Euch vertraut vor, denn vor urdenklichen Zeiten 
wurden sie dem unsterblichen Seelenbewußtsein unauslöschlich 
eingeprägt, für alle Wiedergeburten bis ans Ende der Zeiten. 
Diese Worte haben grausige, blutige Äonen überdauert, seit 
jener Zeit, da sie als Losungsworte für die menschliche Rasse 
galten, als diese einen erbitterten Kampf gegen die unheimlichen 
Wesen aus dem Älteren Universum focht. Denn nur ein echter 
Mensch vermag sie auszusprechen, da seine Kiefer und sein 
Mund sich von allen anderen Kreaturen unterscheiden. Ihre 
Bedeutung ist längst vergessen, nicht aber die Worte selbst." 

"Das ist wahr", erwiderte Kull. "Ich habe auch die alten Sagen 
nicht vergessen  - Valka!" Erbrach verblüfft ab, denn plötzlich 
taten sich, dem lautlosen Öffnen einer geheimen Tür gleich, 
nebelhafte, unergründliche Tiefen seines Bewußtseins auf, und 
einen Atemzug lang war ihm, als blickte er Leben um Leben 
zurück bis in die Unendlichkeit und sähe durch die grauen, 
geisterhaften Schleier ferne Gestalten längst Staub gewordener 
Jahrhunderte  - Menschen im Kampf gegen furchterregende 
Ungeheuer, siegreich in einer Welt des Schreckens. Vor einem 
grauen, ständig wechselnden Hintergrund tauchten 
unbeschreibliche Alptraumgestalten auf, die aus Angst und 
Wahnsinn geboren waren; und unter ihnen der Mensch, der 
Scherz der Götter, der blinde, unwissende Kämpfer, der dem 
langen blutigen Pfad seiner Bestimmung folgt, ohne zu wissen 
warum, strauchelnd, mörderisch, nur ein großes zerstörerisches 
Kind, und doch irgendwo in seinem Innern erfüllt von einem 

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-3 6 - 

göttlichen Funken ... Kull fuhr sich verwirrt mit der Hand über die 
Stirn. Diese unerwarteten Blicke in die Abgründe der Erinnerung 
bestürzten ihn immer aufs neue. 

"Sie sind nicht mehr", sagte Brule, als könne er seine geheimsten 
Gedanken lesen, "die Vogelfrauen, die Harpy-ien, die 
Fledermausmenschen, die Fliegenden Teufel, die Wolfleute, die 
Dämonen, die Kobolde - alle, außer solchen Kreaturen wie diese 
hier, und ein paar Wolfsmenschen. Es war ein langer und blutiger 
Krieg, der ungezählte Jahrhunderte währte. Er begann, als sich 
die ersten Menschen, dem Affendasein entwachsen, zum 
erstenmal den Kreaturen entgegenwarfen, die damals die Welt 
beherrschten. Und schließlich ging die Menschheit als Sieger 
hervor  - vor so langer Zeit, daß nur noch die uralten Sagen 
davon künden. Die Schlangenmenschen waren die letzten, doch 
am Ende triumphierte der Mensch auch über sie und trieb sie in 
die Wüsten der Welt, wo sie sich mit echten Schlangen 
vermischten, bis eines Tages - so prophezeiten die Seher - die 
furchtbare Brut für immer verschwunden sein wird. Doch sie 
kehrten zurück, als die menschliche Rasse schwach und 
selbstgefällig wurde und die alten Kriege vergessen waren. Ein 
schrecklicher Krieg entbrannte, ein Krieg, dessen Schlachtfeld 
überall war! Mit Hilfe ihrer unmenschlichen Kräfte und 
Fähigkeiten mischten sich die Ungeheuer des Älteren Planeten 
unter die Menschen der Jüngeren Erde, nahmen vertraute 
Gestalten und Formen an und verbreiteten Grauen und 
Entsetzen. Niemand vermochte mehr zu sagen, wer Mensch war 
und wer nicht. Niemand konnte irgend jemandem mehr trauen. 
Doch ihre eigenen Fähigkeiten ließen sie Mittel und Wege 
entdecken, wie das Echte vom Falschen unterschieden werden 
konnte. Die Figur des fliegenden Drachen, der geflügelten 
Echse, der mächtigen Kreatur aus längst vergangenen Zeiten, 
die der größte Feind der Schlange war, wurde zum 
Erkennungszeichen, wie auch diese Worte, die ich Euch sagte, 
denn nur ein echter Mensch vermag sie auszusprechen. Und so 
siegte die Menschheit erneut. Doch der Mensch ist noch immer 
Affe genug, zu vergessen, was er nicht stets vor Augen hat. So 

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-3 7 - 

konnten die Teufel nach Jahren des Vergessens wiederkehren. 
Diesmal kamen sie als Priester, denn die Menschen hatten in 
Macht und Wohlstand den Glauben an die alten Religionen und 
Götter verloren. Die Schlangenmenschen traten als Verkünder 
eines neuen, wahren Glaubens auf und schufen eine monströse 
Religion zur Verehrung des Schlangengottes. Ihre Macht ist so 
groß, daß jedem der Tod droht, der die alten Überlieferungen 
über das Schlangenvolk weitergibt.  Wieder beugen Menschen 
das Knie vor einem Schlangengott und sind zu Tausenden so 
blind, daß sie nicht sehen, daß diese Macht nichts anderes ist 
als dasselbe Grauen, das der Mensch vor so langer Zeit bereits 
in die Knie zwang. Es sieht so aus, als gäbe sich die 
Schlangenbrut mit der priesterlichen Macht zufrieden  - aber ..." 
Brule hielt inne. 

"Sprich weiter." Kull spürte, wie sich seine Nackenhaare 
sträubten. 

"Echte Menschen herrschten als Könige über Valusien", sagte 
der Pikte leise, "und sind dennoch auf dem Schlachtfeld als 
Schlangen gestorben  - so wie der, der durch Löwen-prankes 
Speer den Tod fand, als wir von den Inseln kamen, um die 
Sieben Reiche zu plündern. Wie aber ist das möglich, Lord Kull? 
Diese Könige wurden von Frauen geboren und lebten als 
Menschen! Es gibt nur diese Erklärung: daß die echten Könige 
nächtens erschlagen wurden, so wie es Euch heute ergangen 
wäre, und daß die Priester der Schlange in ihrer Gestalt 
regierten, ohne daß es jemand ahnte." 

Kull unterdrückte einen Fluch. "Ja, so muß es sein. Niemand, der 
einen Schlangenpriester mit eigenen Augen gesehen hat, ist je 
am Leben geblieben. Sie wahren ihre Geheimnisse mit allen 
Mitteln." 

"Die Verwaltung der Sieben Reiche ist ein unentwirrbares und 
unüberschaubares Gebilde", sagte Brule. "Viele der echten 
Menschen wissen, daß die Spitzel der Schlange in ihrer Mitte 
sind und daß diese Verbündete unter den Menschen haben - zu 
denen Kaanuub, der Baron von Blaal, gehört -, doch keiner wagt 
einen Verdächtigen zu demaskieren, so groß ist die Furcht vor 

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-3 8 - 

der Rache. Keiner traut dem anderen. Keiner kann es wagen, 
seine Befürchtung einem anderen mitzuteilen. Wenn sie aber 
sicher wären, daß ein Schlangenpriester oder ihre Verschwörung 
öffentlich aufgedeckt würde, wäre die Macht der Schlange 
bereits halb gebrochen, denn alle würden dann helfen, die 
Verräter zu enttarnen. Ka-nu ist der einzige, der genügend 
Scharfsinn und Mut besitzt, es mit ihnen aufzunehmen, aber 
selbst Ka-nu brachte über die Verschwörung nur soviel in Erfah-
rung, daß er mir sagen konnte, was voraussichtlich gesche-hen 
würde - und was bisher auch geschehen ist. Bis jetzt wußte ich, 
was mich erwartet, doch von nun an müssen will uns auf uns 
selbst und unser Glück verlassen. Hier, glaube ich, sind wir im 
Augenblick sicher. Die Schlangen da draußen werden ihre 
Posten nicht verlassen, damit keine unerwarteten menschlichen 
Besucher zu Euch gelangen können. Aber Ihr könnt gewiß sein, 
daß sie es morgen wieder ver-suchen werden. Was sie 
ausbrüten, vermag niemand vor herzusagen, nicht einmal Ka-nu. 
Für uns gibt es nur eines, König Kull, keiner darf von des 
anderen Seite weichen, bis der Sieg unser ist oder der Tod. 
Begleitet mich, wenn ich die sen Kadaver in das Versteck zu dem 
anderen schaffe." 

Kull folgte dem Pikten mit seiner grausigen Last durch die 
Geheimtür und den düsteren Korridor entlang. Gewohnt, sich in 
der Wildnis lautlos zu bewegen, verursachten sie kein Geräusch. 
Geistern gleich glitten sie durch die gespen-stische Düsternis. 
Daß die Gänge verlassen waren, verwun-derte Kull. Er erwartete 
an jeder Biegung, auf eine grauen volle Erscheinung zu stoßen. 
Sein altes Mißtrauen kehrte zurück. Führte ihn der Pikte in einen 
Hinterhalt? Er blieb einen Schritt oder zwei hinter Brule zurück 
und hielt seine Klinge stoßbereit in Rückenhöhe des sorglosen 
Pikten. Brule würde der erste sein, der starb, wenn er ein 
falsches Spiel trieb. Falls der Pikte das Mißtrauen des Königs 
spürte, ließ er es sich nicht anmerken. Gleichmütig schritt er 
voraus, bis sie einen dick mit Staub bedeckten, lange nicht 
benutzten Raum erreichten, dessen Wandbehänge schwer von 
Feuchtigkeit und Moder waren. Hinter diesen verbarg Brule die 

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-3 9 - 

Leiche. Danach machten sie sich auf den Rückweg. Als Brule 
abrupt und völlig unerwartet erstarrte, war er dem Tod näher, als 
er ahnte, denn Kulls Nerven waren zum Zerreißen gespannt. 

"Irgend etwas hat sich da vorn bewegt", zischt der Pikte. "Ka-nu 
sagte mir, daß sie diese Gänge nicht benutzten, aber ..." 

Er zog seine Klinge und schlich an der Wand entlang. Kull folgte 
ihm vorsichtig. 

Nicht weit vor ihnen erhellte ein sonderbarer bleicher Schein die 
Düsternis und näherte sich. Sprungbereit, mit dem Rücken zur 
Wand, warteten sie; worauf, wußten sie nicht, doch Brules 
angespannter Atem, der scharf zwischen den Zähnen kam, sagte 
Kull mehr als alles andere, daß er dem Pikten vertrauen durfte. 

Der Schein wurde zu einer schattenhaften Form, vage 
menschenähnlich, doch nebelhaft und durchscheinend. Sie 
wurde greifbarer, je näher sie kam, wenn auch nicht wirklich fest. 
Ein Gesicht blickte sie an, ein Paar großer, leuchtender Augen, 
in denen sich das Grauen unzählbarer Jahrhunderte spiegelte. 
Es lag keine Drohung in den bleichen, erschöpften Zügen, nur 
übermächtiges Mitleid. Und das Gesicht - dieses Gesicht ... 

"Allmächtige Götter!" keuchte Kull, und eisige Finger krallten sich 
in seine Seele. "Eallal, der König von Valusien, der seit tausend 
Jahren tot ist!" 

Brule wich zurück, so weit er konnte. Seine Augen weiteten sich 
in namenlosem Grauen. Das Schwert zitterte in seiner Faust. 
Zum erstenmal in dieser schrecklichen Nacht übermannte ihn 
das Entsetzen. Kull stand stand hoch aufgerichtet und 
herausfordernd. Instinktiv hielt er die nutzlose Klinge zum Hieb 
bereit. Eiskalt lief es ihm über den Rücken, und sein Haar 
sträubte sich, aber er war noch immer König der Könige  und 
bereit, es dafür mit den unbekannten Mächten der Toten ebenso 
aufzunehmen wie mit den Kräften der Lebenden. 

Die gespenstische Erscheinung kam geradewegs auf sie zu, 
ohne sie zu beachten. Kull wich zurück, als sie an ihnen 
vorüberglitt, und spürte einen eisigen Hauch wie einen Windstoß 
aus dem Land des ewigen Schnees. Ihre Schritte waren lautlos 

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-4 0 - 

und doch so schwer, als ob die Ketten aller Zeiten an den 
unwirklichen Füßen hingen. Dann war sie hinter einer Biegung 
des Ganges verschwunden. 

"Valka!" entfuhr es dem Pikten unterdrückt, während er sich den 
kalten Schweiß von der Stirn wischte. "Das war kein lebendes 
Wesen! Das war ein Geist!" 

"Ja!" Kull schüttelte nachdenklich den Kopf. "Hast du das Gesicht 
nicht erkannt? Das war Eallal, der vor tausend Jahren über 
Valusien herrschte und den man auf furchtbare Weise ermordet 
im Thronsaal fand  - jener Raum, der jetzt der Verfluchte Raum 
heißt. Hast du noch nie seine Statue in der Halle der Könige 
gesehen?" 

"Doch, ich erinnere mich jetzt. Ihr Götter! Das ist ein weiterer 
Beweis der teuflischen Macht der Schlangenpriester. Dieser 
König wurde von ihnen ermordet, und nun ist seine Seele ihr 
Sklave für alle Zeiten! Denn die Überlieferungen sagen, wenn ein 
Mensch von Schlangenmenschen getötet wird, gehört sein Geist 
bis in alle Ewigkeit ihnen." 

Grauen schüttelte Kull. "Valka! Welch ein Schicksal! Hör mich an 
..." Seine Finger umschlossen Brules sehnigen Arm wie stählerne 
Klammern. "Hör mich an! Wenn diese Teufel mir tödliche 
Wunden schlagen, dann stoß mir dein Schwert in die Brust, um 
meine Seele davor zu bewahren. Schwöre es mir!" 

"Ich schwöre es", antwortete Brule und seine wilden Augen 
blitzten. "Und Ihr werdet das gleiche für mich tun, Kull." 

Ein fester Händedruck besiegelte das blutige Versprechen. 

4 Masken 

Kull saß auf seinem Thron und blickte in Gedanken versunken 
auf das Meer der ihm zugewandten Gesichter. Ein Höfling sagte 
etwas in gehobenem Tonfall, doch der König hörte nicht zu. 
Unweit von ihm stand Tu, sein engster Berater, bereit, des 
Königs Anweisungen zu befolgen. Doch Kull schauderte aus 
tiefster Seele, wann immer sich ihre Blicke trafen. Äußerlich war 
die Hofgesellschaft so unberührt wie die See zwischen den 
Gezeiten. Dem grübelnden König erschienen die Geschehnisse 

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-4 1 - 

der letzten Nacht wie ein Traum, bis sein Blick auf die Armlehne 
des Thrones fiel. Eine braune, sehnige Hand ruhte darauf, an 
deren Gelenk ein Drachenreif glänzte. Brule stand neben seinem 
Thron, und des Pikten zischendes Flüstern, das nur er hören 
konnte, holte Kull immer wieder aus der unwirklichen Welt zurück, 
in die sich seine Gedanken verirrten. 

Nein, dieses nächtliche Grauen war kein Traum gewesen. Als er 
nun hier in der Empfangshalle auf seinem Thron saß und den 
Blick über die Höflinge, die Damen, die Lords und Staatsmänner 
gleiten ließ, schienen ihre Gesichter unwirklich zu sein, 
Trugbilder, nicht mehr als höhnende Schatten des Echten. Ihre 
Gesichter waren für ihn immer Masken gewesen, aber bisher 
hatte er dies mit Verachtung und Gleichmut hingenommen und 
hinter den Masken oberflächliche, kümmerliche Seelen vermutet, 
habsüchtig, gierig und mißgünstig. Jetzt wirkte alles bedrohlich, 
jetzt lauerte ein dunkles Grauen hinter den nichtssagenden 
Masken. Während er förmliche Höflichkeiten mit einem 
Edelmann oder einem Ratgeber tauschte, glaubte er,  das 
lächelnde Gesicht sich wie Rauch auflösen und daraus den 
erschreckenden Kopf einer Schlange entstehen zu sehen. Wie 
viele der Versammelten waren grauenerregende, unmenschliche 
Ungeheuer, die hinter der Fassade eines menschlichen 
Gesichtes seine Ermordung planten? 

Valusien 

- Land der Träume und Alpträume  - ein 

Schatenkönigreich, das von Phantomen regiert wurde, die sich 
hinter den bunten Behängen verkrochen und einen Narren aus 
dem König machten - der selbst nur ein Schatten war. 

Und wie der Schatten eines Schattens stand Brule mit 
unbewegter Miene und wachsamen Augen an seiner Seite. Brule, 
ein wirklicher Mann! Kull fühlte, daß seine Freundschaft zu dem 
Barbaren etwas ebenso Wirkliches war und daß Brule auch sein 
Freund war, weit mehr, als es die politischen Umstände 
erforderten. 

Und was waren die wirklichen Dinge des Lebens? sann Kull. 
Ehrgeiz, Macht, Stolz? Die Freundschaft eines Mannes, die 
Liebe einer Frau  - die Kull nie erfahren hatte  -, Kampf, 

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-4 2 - 

Eroberung, oder was? War der Kull wirklich, der hier auf dem 
Thron saß, oder war jener Kull der wirkliche, der in den Bergen 
von Atlantis gelebt hatte, die fernen Inseln des 
Sonnenuntergangs heimgesucht und über die grünen, 
schäumenden Wogen des Atlantischen Meeres triumphiert 
hatte? Wie konnte ein Mann in einem einzigen Leben so viele 
verschiedene Männer sein? Denn Kull wußte, daß es viele Kulls 
gab, und er fragte sich, welcher der wirkliche Kull war. Im Grunde 
gingen die Priester der Schlange mit ihrer Magie nur einen Schritt 
weiter, denn alle Menschen trugen Masken, die verschiedensten 
Masken zu den verschiedensten Anlässen; und Kull grübelte, ob 
nicht längst hinter jeder Maske eine Schlange verborgen war. 

In solcherart düsteren Gedanken versunken, saß er auf seinem 
Thron, und die Höflinge kamen und gingen, bis alle Geschäfte 
des Tages erledigt waren und schließlich der König mit Brule 
allein im Thronsaal zurückblieb  - von den schläfrigen Dienern 
abgesehen. 

Kull befiel eine große Müdigkeit. Weder er noch Brule hatten in 
der vergangenen Nacht geschlafen, noch hatte Kull in der Nacht 
davor Schlaf gefunden, als er im Garten Ka-nus einen ersten 
Fingerzeig auf die unglaublichen Ereignisse erhielt, die 
bevorstanden. In der letzten Nacht hatte es nach ihrer Rückkehr 
aus den Geheimgängen keine weiteren Zwischenfälle mehr 
gegeben, doch keiner der beiden dachte an Schlaf. Kull, der die 
unglaubliche Vitalität eines Wolfs besaß, war in seinen jungen 
Barbarentagen oft viele Tage lang ohne Schlaf ausgekommen, 
doch nun war sein Verstand wacher denn je vom Grübeln und der 
Erinnerung an die unheimlichen Entdeckungen der letzten Nacht. 
Er brauchte Schlaf, aber an Schlaf dachte er am allerwenigsten. 

Er hätte auch nicht gewagt zu schlafen, wenn es ihm in den Sinn 
gekommen wäre. Denn da war noch etwas, das ihm keine Ruhe 
ließ. Obgleich er und Brule die Wachen vor der Tür des 
Arbeitsraums nicht aus den Augen gelassen hatten, um 
herauszufinden, ob und wann sie ausgetauscht würden, war dies 
doch unbemerkt geschehen. Am Morgen vermochten die 
Wachtposten Brules magische Worte zu wiederholen. Auch 

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-4 3 - 

erinnerten sie sich an nichts Ungewöhnliches. Sie waren 
überzeugt, daß sie wie gewohnt die ganze Nacht Wache 
gestanden hatten, und Kull behielt die Wahrheit für sich. Er 
zweifelte nicht, daß sie echte Menschen waren, aber er folgte 
Brules Rat, Stillschweigen gegen jedermann zu bewahren. 

Brule beugte sich über den Thron und sagte so leise, daß ihn 
auch die müden Diener nicht hören konnten: "Ich glaube, sie 
werden bald zuschlagen, Kull. Ka-nu gab mir vorhin einen 
verstohlenen Wink. Die Priester wissen, daß wir von ihrem Plan 
erfahren haben, aber sie sind unsicher, 

wieviel wir wissen. 

Wir müssen auf alles vorbereitet sein. Ka-nu und die piktischen 
Häuptlinge bleiben in Rufweite, bis alles auf die eine oder andere 
Art entschieden ist. Ha, Kull, wenn es zum offenen Kampf kommt, 
werden die Straßen und Paläste Valu-siens im Blut ersaufen!" 

Kull lächelte grimmig. Er dürstete nach Taten. Dieses Herumirren 
in einem Labyrinth von Unwirklichkeit und Zauberei war seiner 
Natur zutiefst zuwider. Ihn verlangte es nach Angriff, nach dem 
Klirren von Schwertern, nach dem wilden Einsatz in der Schlacht. 

Schließlich kehrte Tu in Begleitung der übrigen Berater in die 
Halle zurück. 

"Lord König, es ist Zeit für die Ratsversammlung, und wir sind 
bereit. Euch in die Ratskammer zu folgen." 

Kull erhob sich, und die Ratgeber beugten das Knie, als er an 
ihnen vorbeischritt, und schlössen sich ihm an. Brule erntete 
Stirnrunzeln, als er dem König dichtauf folgte, aber niemand 
erhob Einwände. In Brules herausforderndem Blick lag die ganze 
Verachtung des Barbaren. 

Die Schar schritt stumm durch die Hallen und erreichte 
schließlich die Ratskammer. Wie gewöhnlich wurde die Tür 
geschlossen, und die Berater nahmen in der Reihenfolge ihres 
Ranges vor dem Podium Platz, das der König betrat. Einer 
Bronzestatue gleich stand Brule hinter Kull. 

Der König ließ den Blick rasch durch den Raum wandern. 
Sicherlich war hier kein Verrat zu befürchten. Die siebzehn 

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-4 4 - 

Berater kannte er alle gut. Ohne Ausnahme waren sie auf seiner 
Seite gewesen, als er den Thron Valusiens bestieg. 

"Männer Valusiens ...", begann er in der üblichen Weise, dann 
hielt er bestürzt inne. Wie ein Mann hatten sich die Ratgeber 
erhoben und kamen auf ihn zu. In ihren Blicken war keine 
Feindseligkeit, doch ihr Verhalten war höchst sonderbar für eine 
Ratsversammlung. Der vorderste hatte ihn fast erreicht, als Brule 
wie ein Panther dazwischen-sprang. 

"Ka nama kaa lajerama!" Seine Stimme peitschte durch die 
plötzliche Totenstille im Raum. Der vorderste Ratgeber wich 
zurück. Seine Hand zuckte zu seinem Gewand. Wie von der 
Sehne geschnellt bewegte sich Brule. Sein Schwert blitzte auf, 
und der Mann stürzte zu Boden und rührte sich nicht mehr - nur 
sein Gesicht löste sich auf und wurde zum Kopf einer gewaltigen 
Schlange. 

"Tötet sie, Kull!" keuchte der Pikte. "Sie sind alle Schlangen!" 

Danach herrschte blutiges Chaos. Kull sah, wie die vertrauten 
Gesichter wie Nebelschwaden zerflossen und zischende 
Reptilienschädel entstanden, während die ganze Schar auf ihn 
losstürmte. Sein Verstand war wie gelähmt, aber sein mächtiger 
Körper handelte.Die große Klinge sang ihr Lied in seiner Faust, 
und die heranbrandende Woge zerstob in roter Gischt. Doch sie 
stürmten erneut vorwärts, unbekümmert um den Tod, um den 
König niederzustrecken. Bestialische Rachen stießen auf ihn zu; 
schreckliche kalte Augen starrten ihn an; ein durchdringender 
Gestank verpestete die Luft  - der Geruch der Schlangen, den 
Kull in den Dschungeln im Süden kennengelernt hatte. Schwerter 
und Dolche stießen und hieben nach ihm, doch die Wunden, die 
sie ihm schlugen, wurden ihm kaum bewußt. Er war in seinem 
Element. Noch nie zuvor war er solch grauenvollen Feinden 
begegnet, aber es machte keinen Unterschied. Sie waren 
lebendig, in ihren Adern floß Blut, das vergossen werden konnte, 
und sie starben, wenn seine mächtige Klinge ihre Schädel 
spaltete oder ihre Leiber durchbohrte. Hieb, Stich, Stich und 
Hieb. Doch Kull hätte ohne den Mann, der an seiner Seite 
kämpfte und manch tödlichen Stoß parierte, in dieser Kammer 

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-4 5 - 

sein Leben gelassen. Denn der König wütete wie ein Berserker. 
Er kämpfte auf die furchtbare atlantische Weise, den Tod 
umarmend, um ihn zu geben. Er vergeudete keine Zeit und Kraft 
mit Abwehr, er stand hoch aufgerichtet, wich keinen Schritt, und 
kein anderer Gedanke war in seinem trunkenen Verstand, als zu 
töten. Es kam selten vor, daß diese barbarische Wildheit über 
den besonnenen Kämpfer triumphierte, doch nun war alle 
Vernunft abgestreift und hatte einer roten Woge mörderischer 
Blutlust Platz gemacht. Jeder seiner Hiebe streckte einen 
Gegner nieder, doch sie drangen mit unverminderter Heftigkeit 
auf ihn ein, und immer wieder war es Brule, der einen tödlichen 
Hieb parierte oder einen Stoß zur Seite lenkte. Er wich nicht von 
Kulls Seite und focht leidenschaftslos und meisterlich, nicht wie 
Kull mit weit ausholenden Streichen und Stößen, sondern mit 
kurzen Überhandhieben und Stößen von unten herauf. 

Kull lachte im Kampfesrausch. Die grauenvollen Gesichter 
wirbelten in einer roten Lohe um ihn. Er fühlte Stahl in seinen Arm 
dringen und schwang seine Klinge mit solcher Gewalt nach unten, 
daß sie den Gegner bis hinab zum Brustbein spaltete. Dann 
wichen die roten Nebel vor seinen Augen, und der König sah, 
daß er und Brule allein inmitten eines Haufens erschlagener 
Monstrositäten standen. 

"Valka! Welch  ein Gemetzel!" sagte Brule und wischte sich das 
Blut aus dem Gesicht. "Kull, wenn das Krieger gewesen wären, 
die mit Waffen umzugehen wußten, dann wären wir jetzt tot. 
Diese Schlangenpriester verstehen kein Schwert zu führen und 
sind leichter zu töten als  alle Gegner, die ich je vor der Klinge 
hatte. Dennoch, wären sie nur ein paar mehr gewesen, hätte das 
Ende anders aussehen können." 

Kull nickte zustimmend. Die berserkerische Blutlust war verflogen 
und hatte einer großen Erschöpfung Platz gemacht. Er blutete 
aus zahlreichen Wunden an Brust, Schulter, Armen und Beinen. 
Brule, der ebenfalls aus mehreren Fleischwunden blutete, beugte 
sich besorgt zu ihm. 

"Lord Kull, wir wollen rasch dafür sorgen, daß die Frauen Eure 
Wunden verbinden." 

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-4 6 - 

Kull wehrte ab. 

"Nein, nicht bevor alles vorüber ist. Aber geh du und laß deine 
Wunden versorgen. Ich befehle es!" 

Der Pikte lachte grimmig. "Ihr habt die schwereren Wunden, Lord 
König ...", begann er und hielt abrupt inne, als ihn die Entdeckung 
wie ein Schlag traf. "Bei Valka, Kull, das ist nicht die 
Ratskammer!" 

Kull blickte um sich, und die letzten Nebel schwanden aus seinem 
Verstand. "Nein, es ist der Raum, in dem Eallal vor tausend 
Jahren starb - den sie den >Verfluchten Raum< nennen." 

"Bei den Göttern, dann ist es ihnen doch gelungen, uns zu 
täuschen!" rief der Pikte und trat wütend nach den Toten. "Wie 
Blinde sind wir in die Falle getappt! Mit ihrer Zauberei haben sie 
alles verändert ..." 

"Dann ist noch eine Teufelei im Gange", stellte Kull fest. "Wenn 
die echten Ratsmitglieder sich versammelt haben, dann befinden 
sie sich jetzt in der richtigen Ratskammer. Wir müssen uns 
beeilen." 

Sie verließen den Raum des Grauens und eilten durch die stillen 
Hallen. Vor der richtigen Ratskammer blieb Kull mit einem kalten 
Schauder stehen.  Aus dem Raum war eine Stimme zu 
vernehmen. Die Stimme war seine eigene! 

Mit zitternder Hand schob er die Wandbehänge zur Seite und 
blickte in den Raum. Er sah die Ratgeber, die Ebenbilder der 
Männer, die er und Brule eben getötet hatten, und auf dem 
Podium stand Kull, der König von Valusien. 

Er tat einen Schritt zurück. Alle Farbe war aus seinem Gesicht 
gewichen. 

"Das ist Wahnsinn!" flüsterte er. "Bin ich Kull? Ich, der ich vor dir 
stehe, oder ist der da drinnen der echte Kull, und ich bin nur ein 
Schatten, ein Gedanke?" 

Brules Hand grub sich in seine Schulter und schüttelte ihn heftig. 

"In Valkas Namen, seid kein Narr! Wie könnt Ihr nach allem, was 
geschehen ist, noch immer zweifeln? Ist Euch nicht klar, daß dort 

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-4 7 - 

drinnen echte Männer sitzen, die von einem Schlangenpriester 
getäuscht werden, der Eure Gestalt angenommen hat? 
Inzwischen solltet Ihr bereits tot sein, und diese Kreatur hat 
Euren Platz eingenommen, ohne daß Eure Gefolgschaft etwas 
davon ahnt. Zögert nicht einen Augenblick. Tötet ihn schnell, oder 
wir sind verloren. Die Roten Reiter, die bei ihm stehen, sind 
echte Männer. Niemand außer Euch hat eine Chance, ihn zu 
erreichen und zu töten. Tutesrasch!" 

Kull schüttelte die Verwirrung ab und straffte entschlossen und 
herausfordernd die Schultern. Er holte tief Luft, wie ein 
Schwimmer, bevor er in die Fluten taucht. Dann stieß er die 
Behänge zur Seite und war mit einem einzigen mächtigen Sprung 
auf dem Podium. Brule hatte recht gehabt. Links und rechts 
standen die Roten Reiter, Wachsoldaten, die gelernt hatten, sich 
mit raubtierhafter Flinkheit zu bewegen. Jeder andere hätte 
diesen Angriff mit dem Leben bezahlt. Aber der Anblick des 
hereinstürmenden Ebenbildes ihres Königs ließ sie einen 
Augenblick lang erstarren - und das war lange genug für Kull. Der 
falsche König griff nach seinem Schwert, doch noch während 
seine Finger sich um den Knauf schlössen, drang Kulls Klinge 
durch seine Brust und zwischen den Schultern wieder hinaus, 
und die Kreatur, die die Versammelten für den König gehalten 
hatten, sank auf das Podium nieder und lag still. 

"Seht her!" Kulls erhobene Hand, und seine befehlende Stimme 
erstickten den losbrechenden Tumult. Während sie verwundert 
innehielten, deutete er auf den Toten zu seinen Füßen - dessen 
Gesicht sich zu verwandeln begonnen hatte und zu dem einer 
Schlange wurde. Sie wichen zurück, während durch eine Tür 
Brule trat und durch eine andere Ka-nu hereinkam. 

Sie ergriffen des Königs blutige Hand, und Ka-nu sprach: 

"Männer Valusiens, ihr habt es mit eigenen Augen gesehen. Dies 
ist der wahre Kull, der mächtigste König, der je über Valusien 
herrschte. Die Macht der Schlange ist zerschlagen. Ihr seid alle 
echte Menschen. Befehlt Euren Getreuen, König Kull!" 

"Hebt diesen Kadaver auf", befahl Kull, und die Männer der 
Wache gehorchten. 

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-4 8 - 

"Und nun folgt mir", befahl der König und schritt voraus zum > 
Verfluchten Raum<. Brule beobachtete ihn besorgt und bot ihm 
seinen Arm als Stütze, doch Kull schüttelte ihn ab. 

Schier endlos erschien dem blutenden König die Entfernung, 
aber schließlich stand er an der Tür und lachte mit wildem 
Grimm, als er die entsetzten Aufschreie der Ratsmitglieder hörte. 

Auf seinen Befehl warfen die Wachen den Leichnam, den sie 
getragen hatten, zu den anderen. 

Dann winkte er alle aus dem Raum, verließ ihn als letzter und 
verschloß die Tür. 

Schwindel erfaßte ihn und ließ ihn schwanken. Die bleichen, von 
Entsetzen gezeichneten Gesichter, die ihm zugewandt waren, 
wirbelten und verschwammen in einem geisterhaften Nebel. Er 
spürte das Blut aus seinen Wunden an seinen Gliedern 
hinabrinnen, und er wußte, daß er sein Vorhaben rasch 
ausführen mußte. 

Seine Klinge glitt scharrend aus der Hülle. 

"Brule, bist du da?" 

"Bei Euch!" Er sah Brules Gesicht undeutlich durch die 
Nebelschleier dicht an seiner Schulter, aber Brules Stimme 
schien aus unendlicher Ferne zu kommen. 

"Denk an unseren Schwur, Brule. Laß sie jetzt zurücktreten." 

Mit dem linken Arm verschaffte er sich Platz, als er das Schwert 
hochriß. Dann stieß er es mit aller Kraft, die noch in ihm war, 
durch die Tür in den Rahmen. Bis zum Knauf rammte er die 
große Klinge in das Holz und versiegelte den Raum für immer. 

Auf schwankenden Beinen wandte er sich den 
schreckensbleichen Ratgebern zu. "Dieser Raum sei nun 
doppelt verflucht. Und mögen die Skelette für alle Zeiten in ihm 
modern als ein Symbol für die schwindende Macht der Schlange. 
Hier, vor dieser Tür, schwöre ich, daß ich die Schlangenbrut 
jagen werde, in jedem Land, auf jedem Meer, und daß ich nicht 
ruhen will, bis auch die letzte ihrer Kreaturen vernichtet ist, bis 

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-4 9 - 

das Gute siegt und die Macht der Hölle zerschlagen ist. Das 
schwöre ich - ich - Kull - König Valusiens." 

Seine Knie gaben nach, und die Gesichter tanzten wild um ihn. 
Die Ratgeber sprangen, ihn zu stützen, doch bevor sie ihn 
erreichen konnten, fiel Kull zu Boden und lag reglos auf dem 
Rücken. 

Die Männer beugten sich aufgeregt über ihren König. Kanu trieb 
sie mit geballten Fäusten zurück, wobei er heftigst fluchte. 

"Zurück, ihr Narren! Wollt ihr das bißchen Leben erdrükken, das 
noch in ihm ist? Wie ist es, Brule, ist er tot, oder wird er leben?" 
fragte er den Krieger, der sich über die reglose Gestalt beugte. 

"Tot?" zischte Brule. "Solch ein Mann wie er ist nicht so leicht 
umzubringen. Zuwenig Schlaf und der Blutverlust haben ihn 
geschwächt  - bei Valka, er hat viele Wunden, aber keine ist 
tödlich. Schick diese aufgeregten Narren sofort nach den 
Frauen." 

Ein wilder Glanz der Bewunderung leuchtete aus Brules Augen. 

"Valka, Ka-nu, hier ist ein Mann, wie es in diesen Zeiten des 
Verfalls nicht seinesgleichen mehr gibt. In kurzer Zeit sitzt er 
wieder im Sattel. Und dann wehe euch, Schlangen der ganzen 
Welt, nehmt euch in acht vor Kull von Valusien. Valka! Welch 
eine blutige Jagd das werden wird! Ah, die Welt geht großen 
Zeiten entgegen mit solch einem König auf dem valusischen 
Thron." 

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-5 0 - 

DER ALTAR UND DER SKORPION 

(The Altar and the Scorpion) 

"Gott der kriechenden Dunkelheit, steh mir bei!" 

Ein schlanker Jüngling kniete in der Düsternis. Seine weiße Haut 
schimmerte wie Elfenbein. Der glänzende Marmor war kalt unter 
seinen Füßen, aber sein Herz erfüllte eine noch eisigere Kälte. 

Hoch über ihm, von Schatten halb verborgen, wölbte sich die von 
marmornen Mauern getragene gewaltige Lapislazu-likuppel. Vor 
ihm leuchtete stumpf ein goldener Altar, auf dem eine riesige 
Kristallskulptur glitzerte: ein Skorpion, dessen vollkommene Form 
mehr als ein Kunstwerk war. 

"Großer Skorpion", fuhr der Jüngling in seinem Gebet fort. "Hilf 
deinem Anbeter! Vor langer Zeit starb Gonra der 
Schwertkämpfer, mein größter Vorfahr, vor deinem Schrein auf 
einem Haufen erschlagener Barbaren, die dein Heiligtum zu 
entweihen trachteten. Durch die Lippen deiner Priester hast du 
versprochen, Gonras Volk für alle Zeiten beizustehen. 

Großer Skorpion! Nie zuvor hat dich ein Mann oder eine Frau 
meines Blutes je an diesen Schwur erinnert. Doch nun, in der 
Stunde meiner bittersten Not komme ich zu dir und flehe dich an, 
gedenke dieses Versprechens um des Blutes willen, das Gonras 
Schwert trank und das aus Gonras Adern floß! 

Großer Skorpion! Thuron, der Hohepriester des Schwarzen 
Schattens, ist mein Feind. Kull, der König von Valusien, reitet aus 
seiner Stadt der Purpurtürme, um Feuer und Schwert zu den 
Priestern zu tragen, die seine Gesetze mißachten und den 
dunklen Älteren Göttern immer noch Menschenopfer darbringen. 
Doch ehe der König eintrifft und uns zu retten vermag, werden 
ich und das Mädchen, das ich liebe, nackt auf dem Altar im 
Tempel der Immerwährenden Schwärze liegen. Das hat Thuron 
geschworen! Er will unsere Körper den uralten, schrecklichen 
Scheusalen vorwerfen und unsere  Seelen dem Gott des 
Schwarzen Schattens darbieten. Kull, der über Valusien herrscht, 
reitet herbei, uns zu helfen. Doch Thuron herrscht über diese 

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-5 1 - 

Bergstadt, und er ist uns dicht auf den Fersen. Großer Skorpion, 
hilf uns! Erinnere dich Gonras, der sein Leben für dich gab, als 
die atlantischen Barbaren mit Feuer und Schwert in Valusien 
einfielen." 

Der schlanke Jüngling ließ die Schultern hängen und senkte 
verzweifelt den Kopf. Das Abbild auf dem Altar erinnerte an 
glitzernde Eiskristalle in klirrendem Frost, und nichts an ihm 
verriet, daß der ungewöhnliche Gott das verzweifelte Flehen 
gehört hatte.Plötzlich richtete sich der Jüngling ruckhaft auf. 
Hastige Schritte waren auf den breiten Stufen vor dem Tempel 
zu hören. Ein Mädchen huschte durch das schattenüberlagerte 
Portal wie eine weiße Flamme, die der Wind vor sich hertreibt. 

"Thuron - er kommt!" keuchte sie und warf sich in die Arme ihres 
Liebsten. 

Das Gesicht des Jungen wurde bleich. Er drückte sie fest an 
sich, während er auf den Eingang starrte. Schritte, schwer und 
drohend, hallten auf dem Marmor wider, und eine Gestalt hob 
sich finster im offenen Portal ab. 

Thuron, der Hohepriester, war groß und hager, ein knöcherner 
Riese. Seine Augen glommen wie Feuer unter den buschigen 
Brauen. Seine dünnen Lippen waren zu einem lautlosen Lachen 
verzerrt. Als einziges Kleidungsstück trug er ein seidenes 
Lendentuch, aus dem ein scharfer gebogener Dolch ragte. In 
seiner knochigen Hand hielt er eine kurze schwere Peitsche. 
Seine beiden Opfer klammerten sich aneinander und 

starrten ihn mit weit offenen Augen an - wie Vögel eine Schlange. 
Und sein langsamer schleichender Schritt, als er näher kam, war 
dem geschmeidigen Gleiten eines Reptils nicht unähnlich. 

"Thuron, nimm dich in acht!" rief der Jüngling tapfer, doch seine 
Stimme bebte vor Entsetzen. "Wenn du schon den König nicht 
fürchtest und kein Erbarmen mit uns hast, so hüte dich, den 
Großen Skorpion herauszufordern, unter dessen Schutz wir 
stehen." 

Thuron lachte nur höhnisch im Bewußtsein seiner Macht. 

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-5 2 - 

"Der König!" spottete er. "Was könnte der König mir anhaben, 
der ich mächtiger als alle Könige bin? Der Große Skorpion? Ha, 
ha! Er ist längst vergessen, eine Gottheit, zu der vielleicht noch 
Weiber und Kinder beten. Willst du mit deinem Skorpion dem 
Schwarzen Schatten drohen? Du Narr! Valka selbst, der Gott der 
Götter, könnte dich nun nicht mehr retten! Du bist dem Gott des 
Schwarzen Schattens versprochen." 

Er packte die beiden furchtsamen Gestalten, und seine langen 
krallengleichen Nägel drangen tief in das weiche Fleisch  ihrer 
Schultern. Sie versuchten, sich zur Wehr zu setzen, doch er 
lachte nur und hob sie mit unglaublicher Kraft in die Luft und ließ 
sie an seinen ausgestreckten Armen zappeln. Sein 
schneidendes Gelächter hallte hohntriefend von den Wänden 
wider. 

Während  er den Jungen mit den Knien festhielt, fesselte er das 
in seinem grausamen Griff wimmernde Mädchen an Händen und 
Füßen. Dann ließ er sie grob auf den Boden fallen und fesselte 
den Jungen. Mit kalten Augen betrachtete er sein Werk. Nur das 
verzweifelte Schluchzen des Mädchens brach die Stille. 
Schließlich sagte der Hohepriester: 

"Ihr kleinen Narren! Habt ihr wirklich geglaubt, ihr könntet mir 
entkommen? Immer waren es Männer deines Blutes, Junge, die 
sich im Rat und am Hof meinen Plänen entgegenstellten. Nun 
wirst du dafür bezahlen, und der Schwarze Schatten wird trinken. 
Ha! Ich bin heute der wahre Herrscher der Stadt, mag König 
sein, wer will!  

Meine Priester streifen bewaffnet durch die Straßen, und 
niemand wagt es mehr, sich mir zu widersetzen. Selbst wenn der 
König jetzt in die Stadt geritten käme, könnte er meine Schergen 
nicht schnell genug bezwingen, um euch noch zu befreien." 

Sein Blick wanderte durch den Tempel und blieb an dem 
goldenen Altar und dem Kristallskorpion haften. 

"Ha, ha! Was seid ihr für  Dummköpfe, euren Glauben einem 
Gott zu schenken, den die Menschen schon lange nicht mehr 
verehren! Der keinen einzigen Priester mehr hat und dem nur im 

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-5 3 - 

Andenken seiner früheren Größe ein Tempel geweiht ist! Ein 
Gott, zu dem nur einfache Leute und dumme Weiber beten. 

Die wahren Götter sind düster und blutgierig! Daran erinnert 
euch, wenn ihr auf dem schwarzen Altar liegt, hinter dem für 
immer ein Schwarzer Schatten wacht. Bevor ihr sterbt, werdet ihr 
die wahren Götter kennenlernen, die mächtigen, furchtbaren 
Götter, die aus vergessenen Welten und verlorenen Reichen der 
Finsternis kamen, die auf vereisten Sternen geboren wurden und 
auf schwarzen Sonnen jenseits des Lichtes der Sterne. Ihr 
werdet die vernichtende Wahrheit des Unnennbaren 
kennenlernen, auf dessen wirkliche Form keine menschliche 
Beschreibung zutrifft, doch dessen Symbol der Schwarze 
Schatten ist!" 

Das Mädchen hatte zu weinen aufgehört. Wie der Junge war sie 
gelähmt von den Worten des Priesters, die sie den grauenvollen, 
von unbarmherzigen Schatten wimmelnden Abgrund ahnen 
ließen, der sich vor ihnen auftun würde. 

Thuron packte sie erneut mit seinen klauengleichen Händen, um 
sie sich über die Schulter zu werfen. Er lachte, als sie sich 
aufbäumten. Seine Finger gruben sich in das zarte Fleisch des 
Mädchens ... 

Ein Schrei zerschmetterte die Stille wie einen Kristallgong in 
tausend klirrende Scherben, während Thuron zurücksprang und 
zu Boden fiel und sich brüllend wand. Eine kleine Kreatur huschte 
davon und verschwand durch das Portal. Thurons Schreie 
wurden dünn und schrill und endeten abrupt auf dem höchsten 
Ton. Schweigen senkte sich wie auf eine Gruft herab. 

Endlich flüsterte der Junge voll Ehrfucht. 

"Was war das?" 

"Ein Skorpion!" erwiderte das Mädchen zitternd. "Er kroch über 
meinen nackten Busen, ohne mir etwas zu hin. Als Thuron mich 
packte, stach er ihn." 

Wieder herrschte Schweigen. Dann sagte der Junge zögernd: 

"Seit Menschengedenken ist in dieser Stadt kein Skorpion 
gesehen worden." 

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-5 4 - 

"Der Große Gott rief diesen einen seines Volkes herbei, um uns 
zu helfen", flüsterte das Mädchen. "Die Götter vergessen nicht, 
und der Große Skorpion hat seinen Schwur gehalten. Wir wollen 
ihm dafür danken!" 

An Händen und Füßen gefesselt wanden sich die beiden 
Liebenden mit dem Gesicht zum Altar. Lange lagen sie so und 
priesen dem großen, schweigenden, schimmernden Skorpion voll 
Dankbarkeit  - bis das ferne Stampfen silberner Hufe und das 
Klirren von Schwertern vom Eintreffen des Königs kündete. 

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-5 5 - 

DELCARDES’ KATZE 

(Delcardes' Cat) 

König Kull war mit Tu, dem obersten Ratgeber der Krone, 
aufgebrochen, um Delcardes' sprechende Katze in Augenschein 
zu nehmen, denn obgleich es nicht ungewöhnlich ist, daß eine 
Katze einen König sieht, ist es nicht jedem König in die Wiege 
gelegt, eine Katze wie die von Delcardes zu sehen. Deshalb 
verbannte Kull die Todesdrohung des Zauberers Thulsa Doom 
aus seinen Gedanken und machte sich auf den Weg zu 
Delcardes. 

Kull war skeptisch, und Tu war wachsam und mißtrauisch, ohne 
daß er zu sagen vermochte weshalb, aber die Jahre der Intrigen 
und Verschwörungen am Hof hatten ihn argwöhnisch gemacht. 
Er verlieh seiner Überzeugung lautstark Ausdruck, daß eine 
sprechende Katze Schwindel, Betrug oder Einbildung sein 
müsse, und beharrte darauf, daß die Existenz solch einer 
Kreatur eine offensichtliche Beleidigung der Götter wäre, die nun 
einmal bestimmt hatten, daß nur der Mensch mit der Macht der 
Sprache gesegnet sei. 

Aber Kull wußte, daß in alten Zeiten die wilden Tiere zu den 
Menschen gesprochen hatten, denn er war mit den Sagen und 
Überlieferungen seiner  barbarischen Vorfahren vertraut. 
Deshalb hielt er wohl Zweifel für angebracht, war aber auch 
bereit, sich überzeugen zu lassen. 

Delcardes trug das ihre dazu bei. Sie hatte es sich wie eine 
große, wunderschöne Katze auf ihrem seidenen Diwan bequem 
gemacht und blickte Kull unter langen gebogenen Wimpern 
hervor an, die ihren schmalen, schrägen Augen unvergleichlichen 
Liebreiz verliehen. 

Ihre Lippen waren voll und rot, und gewöhnlich leicht zu einem 
geheimnisvollen Lächeln geöffnet. Ihre Seidenroben und ihr 
Schmuck aus Gold und edlen Steinen verbargen kaum etwas 
ihrer makellosen Figur. 

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-5 6 - 

Doch Kull schenkte Frauen wenig Beachtung. Er herrschte wohl 
über Valusien, war aber ein Atlanter und damit in den Augen 
seiner Untertanen ein Barbar. Kriege und Eroberungen nahmen 
einen großen Teil seiner Zeit in Anspruch, wie auch seine 
unablässigen Bemühungen, sich auf dem ewig schwankenden 
Thron des uralten Reiches zu halten, und seine selbstgestellte 
Aufgabe, sich mit den Sitten und Denkweisen des Volkes vertraut 
zu machen, über das er herrschte. 

Für Kull war Delcardes eine königliche Gestalt, rätselhaft und 
verführerisch, doch umgeben von einer Aura uralter Weisheit 
und Magie. 

Für Tu war sie eine Frau und damit ein möglicher Quell für 
Gefahren und Intrigen. 

Für Ka-nu, den piktischen Botschafter und Kulls engsten 
Vertrauten, war sie ein Kind, das sich wichtig nahm und seine 
Wichtigkeit in vollen Zügen genoß. Aber Ka-nu war nicht dabei, 
als Kull zu der sprechenden Katze kam. 

Die Katze ruhte auf einem weichen Seidenkissen auf einem 
eigenen Diwan und betrachtete den König aus den 
unergründlichen Tiefen ihrer Augen. Sie hieß Saremes und hatte 
einen Leibsklaven, der hinter ihr stand, um jederzeit ihren 
Wünschen nachzukommen. Er war ein hagerer Mann, dessen 
untere Gesichtshälfte hinter einem bis zur Brust fallenden 
Schleier verborgen war. 

"König Kull", sagte" Delcardes, "ich möchte eine Gunst von Euch 
erbitten, ehe Saremes spricht und ich schweigen muß." 

"Ich höre Euch an", erwiderte Kull. 

Das Mädchen lächelte erwartungsvoll und faltete die Hände. 
"Laßt mich Kulra Thoom von Zarfhaana zum Mann nehmen." 

Tu ergriff das Wort, bevor Kull etwas sagen konnte. 

"Mein Lord, diese Angelegenheit ist lang und breit erörtert 
worden! Ich ahnte schon, daß man Euch nicht ohne Absicht 
hierhergebeten hat!  Dieses  - dieses Mädchen hat königliches 
Blut, wenn auch zu einem geringen Teil, und es ist gegen das 

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-5 7 - 

valusische Herkommen, daß Edelfrauen Fremde von niederem 
Stand heiraten." 

"Aber der König kann eine Ausnahme machen", sagte sie 
schmollend. 

"Mein Lord." Tu hob verärgert abwehrend die Hände. "Eine 
solche Heirat wird Krieg, Rebellion und Zwistigkeiten für die 
nächsten hundert Jahre heraufbeschwören." 

Er war drauf und dran, einen Vortrag über Stand, Sippentradition 
und Geschichte zu halten, aber Kull wehrte ab. Seine ohnehin 
geringe Geduld war zu Ende. 

"Valka und Hotath! Bin ich ein altes Weib oder ein Priester, daß 
man mich mit solchen Dingen behelligt? Macht es untereinander 
aus und bleibt mir künftig mit Heiratsfragen vom Leibe! In Atlantis 
heiraten Männer und Frauen wen sie wollen und sonst 
niemanden." 

Delcardes schmollte ein wenig, schnitt Tu, der ihren Blick finster 
erwiderte, eine Grimasse. Dann lächelte sie strahlend und 
räkelte sich auf ihrem Diwan mit einer geschmeidigen Bewegung. 

"Sprecht jetzt lieber mit Saremes, Kull, sonst wird sie eifersüchtig 
auf mich." 

Kull blickte die Katze ein wenig unsicher an. Sie hatte ein langes 
seidiges graues Fell, und ihre Augen waren schmal und 
geheimnisvoll. 

"Sie sieht sehr jung aus, Kull, doch sie ist unvorstellbar alt", sagte 
Delcardes. "Sie ist eine Katze der Alten Rasse, die vor 
Tausenden von Jahren lebte. Fragt sie danach, Kull." 

"Wie alt bist du, Saremes?" fragte Kull ohne große Erwartung. 

"Ich war schon alt in Valusiens jungen Tagen", antwortete die 
Katze mit klarer, doch seltsam klingender Stimme. 

Kull fuhr heftig zusammen. 

"Valka und Hotath!" entfuhr es ihm. "Sie spricht in der Tat!" 

"Ich spreche, ich denke, ich weiß, ich bin", sagte sie. "Ich war die 
Vertraute von Königinnen und die Beraterin von Kömgen, lange 
bevor deine Füße über Atlantis' weißen Strand schritten, Kull von 

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-5 8 - 

Valusien. Ich sah die Vorfahren der Valusier aus dem Osten 
kommen und die Alte Rasse in den Staub zwingen, und ich war 
schon hier, als die Alte Rasse vor so vielen Äonen über das 
Meer kam, daß den menschlichen Verstand Schwindel erfaßt bei 
dem Versuch, sie zu zählen. Ich bin älter noch als Thulsa Doom, 
den nur wenige je zu Gesicht bekamen. Ich habe mächtige 
Reiche entstehen und fallen sehen. Ich habe erlebt, wie Könige 
auf ihren Rossen stolz  herbeitrabten und still auf ihren Schilden 
fortgetragen wurden. Ja, man hat mich einst als Gottheit verehrt. 
Grausam waren die Jünger, die mir dienten und furchtbar die 
Riten, die man mir zu Ehren erdachte. Denn in alter Zeit betete 
man meinesgleichen an,  und unsere Gläubigen waren so 
unmenschlich wie ihre Taten." 

"Kannst du in den Sternen lesen und die Zukunft vorhersagen?" 
Kulls barbarischer Verstand dachte sofort in praktischen 
Bahnen. 

"Die Bücher der Vergangenheit und Zukunft sind offen für mich, 
und ich sage den Menschen, was für sie zu wissen gut ist." 

"Dann sag mir", verlangte Kull, "wo ich Ka-nus geheime Botschaft 
gestern verlegt habe." 

"Du hast sie in die Spitze deiner Dolchscheide geschoben und 
sofort vergessen", erwiderte die Katze. 

Kull starrte sie an, zog den Dolch aus der Hülle und schüttelte 
sie. 

Ein zusammengefaltetes Schriftstück fiel heraus. 

"Valka und Hotath!" stieß er hervor. "Saremes, du bist eine Hexe 
in Katzengestalt. Tu, was sagt Ihr nun?" 

Aber Tu hatte die Lippen zu einem schmalen Strich 
zusammengepreßt und sah Delcardes finster an. 

Sie erwiderte unschuldig seinen Blick. Er wandte sich verärgert 
an Kull. 

"Mein Lord, laßt Euch von Vernunft leiten. Es ist alles nur 
Schwindel, den wir nicht durchschauen." 

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-5 9 - 

"Tu, niemand hat gesehen, daß ich die Nachricht versteckte. Und 
ich selbst hatte es vergessen." 

"Mein König, ein heimlicher Beobachter hätte ..." 

"Heimlicher Beobachter? Macht Euch nicht noch mehr zum 
Narren, Tu. Glaubt Ihr gar, daß eine Katze Spitzel schickt, die 
mich beim Verstecken von Botschaften beobachten sollen?" 

Tu seufzte. Je älter er wurde, desto schwerer fiel es ihm, Könige 
seine Ungeduld und seinen Ärger nicht merken zu lassen. 

"Mein Lord, vergeßt nicht, wer hinter dieser Katze stekken 
könnte!" 

"Aber Lord Tu", sagte Delcardes mit sanftem Tadel, "Ihr seid mir 
gegenüber nicht sehr freundlich und Ihr beleidigt Saremes." 

Kull ärgerte sich ein wenig über seinen Berater. 

"Eines könnt Ihr wenigstens nicht abstreiten. Tu", stellte er fest, 
"daß die Katze spricht." 

"Es ist ein Trick", beharrte Tu starrköpfig. "Nur der Mensch 
spricht, Tiere nicht." 

"Das stimmt nicht. Tu", widersprach Kull, der von der Fähigkeit 
der Katze überzeugt war und beweisen wollte, daß er recht hatte. 
"Ein Löwe hat zu Kambra geredet, und Vögel haben den Alten 
der Küstenbergstämme berichtet, wo Wild zu finden war. 

Niemand wird abstreiten, daß sich die Tiere der Wildnis 
miteinander unterhalten. So manche Nacht schlug ich mein Lager 
auf den waldigen Hängen oder in der Steppe auf und hörte, wie 
im Sternenlicht die Tiger einander zubrüllten. Weshalb sollte dann 
ein Tier nicht die Sprache des Menschen erlernen? Es gab 
Zeiten, da konnte ich das Brüllen der Tiger fast verstehen. Der 
Tiger ist mein Totem und tabu für mich, außer er greift mich an 
und ich muß mein Leben retten", fügte er hinzu. 

Tu vermochte seine Mißbilligung kaum zu unterdrücken. Dieses 
Gerede von Totems und Tabus war vielleicht bei einem 
Stammeshäuptling zu begreifen, aber vom König von Valusien 
solche Worte zu hören war eine ungemein schmerzliche 
Erfahrung. 

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-6 0 - 

"Mein Lord", sagte er, "eine Katze ist kein Tiger." 

"Das stimmt", pflichtete Kull ihm bei, "und diese Katze ist weiser 
als alle Tiger." 

"Das ist die reine Wahrheit", erklärte Saremes ruhig. 
"Lordkanzler, würdest du es glauben, wenn ich dir verriete, was in 
diesem Augenblick in der königlichen Schatzkammer geschieht?" 

"Nein!" knurrte Tu. "Tüchtige Spitzel können alles in Erfahrung 
bringen - wie ich nur zu gut weiß." 

"Niemand kann gegen seinen Willen überzeugt werden", zitierte 
Saremes gleichmütig ein altes valusisches Sprichwort. 
"Trotzdem will ich dir sagen, Lord Tu, daß ein Überschuß von 
zwanzig Goldtals entdeckt wurde und inzwischen bereits ein 
Kurier auf dem Weg ist, dir zu berichten. Ah, hier kommt er 
schon." Schritte erklangen draußen am Gang. 

Ein schlanker Höfling in der farbenfrohen Livree der königlichen 
Kämmerei trat ein und bat um die Erlaubnis, sprechen zu dürfen. 
Als Kull sie gewährte, sagte er: 

"Erhabener König und Lord Tu. Ein Überschuß von zwanzig 
Goldtals fand sich in der königlichen Schatzkammer." 

Delcardes lachte und klatschte vor Freude in die Hände. Tu zog 
finster die Brauen zusammen. 

"Wann wurde das festgestellt?" 

"Vor etwa einer halben Stunde, mein Lord." 

"Wie viele haben davon erfahren?" 

"Niemand, mein Lord. Nur ich und der königliche Kämmerer 
wußten es bis jetzt, da ich Euch berichtete." 

"Hm!" Tu winkte ihm verärgert zu. "Du kannst gehen. Ich werde 
mich später um die Sache kümmern." 

"Delcardes", sagte Kull, "diese Katze gehört Euch, nicht wahr?" 

"Lord König", erwiderte das Mädchen. "Saremes gehört 
niemandem. Sie beehrt mich lediglich mit ihrer Anwesenheit. Sie 
ist mein Gast. Sie ist ihre eigene Herrin seit Tausenden von 
Jahren." 

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-6 1 - 

"Ich wollte, ich könnte sie mit in meinen Palast nehmen", sagte 
der König. 

"Saremes", wandte sich Delcardes ehrerbietig an die Katze, "der 
König hätte dich gern als seinen Gast." 

"Ich werde den König von Valusien begleiten", erklärte die Katze 
würdevoll, "und im Königspalast bleiben, bis ich mich entschließe, 
anderswo hinzugehen. Denn wisse, Kull, es hält mich nie lange 
an einem Ort. Ich liebe es, mir die Welt anzusehen, über Straßen 
zu laufen, wo ich in längst vergangener Zeit durch dichte Wälder 
streifte, und durch den Wüstensand zu schleichen, wo ich früher 
über Prunkstraßen spazierte." 

So kam Saremes, die sprechende Katze, in den Königspalast 
von Valusien. Ihr Leibsklave begleitete sie. Sie erhielt ein 
geräumiges Gemach mit weichen Diwanen und seidenen Kissen. 
Die köstlichsten Leckerbissen der königlichen Tafel wurden ihr 
vorgesetzt, und alle Höflinge und Bediensteten im Palast 
huldigten ihr - außer Tu, dem es gar nicht gefiel, daß eine Katze 
so geehrt wurde, selbst wenn sie eine sprechende Katze war. 
Saremes behandelte ihn mit belustigter Geringschätzung, 
während sie Kull würdevoll als Gleichgestellten betrachtete. 

Recht häufig ließ sie sich von ihrem Sklaven, der sie überallhin 
begleiten mußte, auf einem Seidenkissen zum Thronsaal tragen. 

Oftmals besuchte Kull sie jedoch auch in ihrem Gemach. Dann 
unterhielten sie sich bis in die frühen Morgenstunden. 

Viele Geschichten erzählte sie ihm, und groß war ihre Weisheit. 
Kull lauschte voll Aufmerksamkeit und Interesse, denn es 
bestand kein Zweifel, daß diese Katze klüger und weiser als die 
meisten seiner Ratgeber war. Ihre Sprache war bedeutungsvoll 
und orakelhaft, doch sie machte keine Prophezeiungen, die über 
die kleinen alltäglichen Geschehnisse im Palast und im Reich 
hinausgingen. Vor Thulsa Doom, der dem König eine Drohung 
gesandt hatte, warnte sie Kull allerdings ausdrücklich. 

"Denn", so sagte sie, "ich, die ich eine größere Zahl an Jahren 
gelebt habe, als du an Minuten leben wirst, ich weiß, daß es für 

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-6 2 - 

die Menschen besser ist, die Zukunft nicht zu kennen. Denn was 
sein wird, wird sein, und der Mensch kann es weder abwenden 
noch beschleunigen. Es ist besser, im Dunkeln zu gehen, wenn 
der Weg an einem Löwen vorbeiführt und es keine andere 
Straße gibt." 

"Und doch", murmelte Kull, "wenn sein muß, was sein wird - was 
ich bezweifle  - , und ein Mensch erfährt, was der Morgen ihm 
bringt, und dieses Wissen stärkt oder schwächt seinen Arm, 
müßte das dann nicht auch vorherbestimmt sein?" 

"Wenn vorherbestimmt war, daß er es erfährt", erwiderte 
Saremes und trug so weiter zu des Königs Verwirrung und 
Zweifel bei. "Es ist jedoch so, daß nicht alle Pfade des Lebens 
von Anbeginn feststehen, denn ein Mensch mag dies tun, oder 
ein Mensch mag das tun. Und nicht einmal die Götter wissen 
immer, was im Kopf eines Sterblichen vor sich geht." 

"Dann", meinte der König, "ist doch nicht alles vorherbestimmt, 
wenn es mehr als einen Weg gibt, dem der Mensch folgen kann. 
Wie ist es da aber möglich, Ereignisse richtig vorauszusagen?" 

"Das Leben hat viele Wege, Kull", erwiderte Saremes. "Ich stehe 
am Kreuzweg der Welt, und ich weiß, wohin jeder Pfad führt. 
Aber auch die Götter können nicht vorhersehen, welchen der 
Mensch nehmen wird, den nach rechts oder links, sobald er den 
Kreuzweg erreicht hat. Doch wenn er sich entschieden hat, gibt 
es kein Zurück mehr." 

"In Valkas Namen", sagte Kull, "Warum machst du mich nicht auf 
die Gefahren oder Vorzüge eines jeden Weges aufmerksam, an 
den ich komme, und hilfst mir den richtigen zu beschreiten?" 

"Weil auch den Kräften meiner Art Grenzen gesetzt sind", 
erwiderte die Katze. "Damit wir das Wirken der Götter nicht 
behindern. Wir dürfen die Schleier nicht völlig von den Augen der 
Sterblichen ziehen, wenn es nicht geschehen soll, daß die Götter 
uns die Macht nehmen oder wir den Menschen Schaden 
zufügen. Denn wenn auch viele Pfade von der Kreuzung in alle 
Richtungen führen, kann der Mensch doch nur einen auswählen, 
und manchmal ist der eine nicht besser als der andere. Die 

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-6 3 - 

Fackel der Hoffnung flackert vielleicht auf einem Weg, und der 
Mensch folgt ihr, obgleich gerade dieser Pfad der schlimmste 
von allen ist." 

Als sie sah, wie schwer es Kull fiel, zu verstehen, fuhr sie fort: 
"Auch unsere Kräfte müssen Grenzen haben, sonst würden wir 
zu mächtig und zu einer Bedrohung für die Götter, Lord König. 
Deshalb sind wir einem Zauber unterworfen. Zwar dürfen wir die 
Bücher der Vergangenheit beliebig öffnen und darin lesen, aber 
in jene der Zukunft sind uns nur flüchtige Blicke durch den Nebel 
gestattet, der sie verhüllt." 

Kull hatte das Gefühl, daß Saremes' Erklärungen dürftig und 
unlogisch waren und nach Hexerei und Schwindelei klangen, 
aber der Blick aus ihren tiefen, unergründlichen Augen, der auf 
ihm ruhte, machte ihm den Widerspruch schwer, auch wenn er 
ihm auf der Zunge lag. 

"Und nun", sagte die Katze, "werde ich zu deinem Besten den 
Schleier für einen Augenblick beiseite ziehen: Laß Del-cardes 
Kulra Thoom heiraten." 

Kull erhob sich mit einem ungeduldigen Zucken seiner mächtigen 
Schultern. "Ich will nichts mit mit den Affären einer Frau zu tun 
haben. Mag Tu sich der Sache annehmen." 

Und doch überschlief Kull den Gedanken in den folgenden 
Tagen. Und da Saremes den Rat mit viel Schlauheit in ihre 
philosophischen Gespräche verwob, wurde Kull allmählich 
schwach. 

Kull bot wahrhaftig einen seltsamen Anblick, wie er mit dem Kinn 
auf seine starke Faust gestützt und interessiert nach vorn 
gelehnt, den Worten der Katze lauschte, die zusammengerollt auf 
ihrem Seidenkissen ruhte oder sich schläfrig in ihrer ganzen 
Länge streckte, während sie von geheimnisvollen Dingen 
erzählte. Ihre Augen glitzerten dabei, aber sie bewegte ihre 
Lippen kaum. Und ihr Sklave Kuthulos stand wie immer 
statuengleich hinter ihr. 

Kull schätzte Saremes' Meinung sehr und fragte sie bei fast allen 
Staatsgeschäften um Rat - den sie mit Vorbehalt oder überhaupt 

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-6 4 - 

nicht gab. Irgendwie stimmte ihre Antwort jedoch gewöhnlich mit 
seinen Vorstellungen überein, und er fragte sich, ob sie nicht 
vielleicht auch Gedanken zu lesen vermochte. 

Kuthulus störte ihn durch seine stete Anwesenheit, seine Starre 
und sein Schweigen, aber Saremes wollte niemand anderen um 
sich haben. Kull versuchte zu ergründen, was sich hinter dem 
Schleier verbergen mochte, doch obgleich er sehr dünn schien, 
verriet er doch nichts über das Gesicht darunter. Und Höflichkeit 
Saremes' gegenüber hielt Kull davon ab, den Sklaven 
aufzufordern, den Schleier abzunehmen. 

Eines Tages kam Kull zu Saremes' Gemach, und sie blickte ihm 
mit rätselhaften Augen entgegen. Der Sklave stand statuengleich 
hinter ihr. 

"Kull", sagte sie. "Wieder einmal werde ich den Schleier für dich 
lüften. Brule, der piktische Speerkämpfer, Ka-nus Krieger und 
dein Freund, wurde soeben von einem furchtbaren Ungeheuer in 
den Verbotenen See gezogen." 

Mit einem Fluch sprang Kull auf. "Brule? Bei Valka! Was hatte er 
am Verbotenen See vor?" 

"Er ist dort geschwommen. Eile, denn noch kannst du ihn retten, 
selbst wenn er in das Verzauberte Land am Grunde des Sees 
gebracht wird." 

Kull wirbelte zur Tür. Er war bestürzt, wäre es aber über solch 
eine Eigenmächtigkeit eines jeden anderen noch viel mehr 
gewesen als bei dem kühnen, respektlosen Pikten, dem 
Oberhaupt der mächtigsten Verbündeten des Reiches. 

Er wollte nach Wachen rufen, doch Saremes hielt ihn zurück. 

"Nein, König Kull. Es ist besser, du gehst allein. Nicht einmal dein 
ausdrücklicher Befehl, dir in das Wasser des gefürchteten Sees 
zu folgen, würde vermutlich befolgt werden, denn nach dem 
valusischen Gesetz bedeutet es den Tod für jeden außer dem 
König." 

"Gut, ich werde allein gehen", stimmte Kull zu, "und Brule vor dem 
Grimm der Bürger bewahren, wenn es ihm gelingen sollte, den 

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-6 5 - 

Ungeheuern zu entkommen. Laß Ka-nu von meinem Vorhaben 
wissen." 

Kull wehrte respektvolle Fragen mit einem wortlosen Knurren ab, 
stieg auf seinen Hengst und verließ die Stadt Valusien im 
Galopp. Er ritt allein und befahl, daß ihm keiner folge. Was er tun 
mußte, konnte er auch ohne Hilfe schaffen, und er wollte nicht, 
daß irgend jemand Zeuge war, wenn er Brule oder dessen 
Leichnam aus dem Verbotenen See holte. Er verfluchte die 
Unverfrorenheit des Pikten und das Tabu, das über dem See 
hing. Ein Verstoß dagegen mochte eine Rebellion unter den 
Valusiern entfachen. 

Die Abenddämmerung senkte sich bereits von den Höhen des 
Zalgaragebirges herab, als Kull sein Pferd am Ufer des Sees 
anhielt, der inmitten eines großen, einsamen Waldes lag. An 
seinem Anblick war nichts Furchterregendes. Sein Wasser lag 
klar und blau von einem sandigen weißen Ufer zum anderen, und 
die winzigen Inseln hoben sich wie Smaragde und Jade aus der 
ruhigen Oberfläche. Ein schwacher, schimmernder Dunst stieg 
von ihm auf und verstärkte das Gefühl verträumter Unwirklichkeit, 
die über der ganzen Landschaft zu liegen schien.  Kull lauschte 
einen Augenblick angespannt, und es war ihm, als klänge eine 
ferne Musik durch das saphirblaue Wasser. 

Er schüttelte sich fluchend und fragte sich, ob er bereits dem 
Zauber des Sees verfiel. Hastig streifte er Kleider und Schmuck 
ab, nur den  Gürtel, das Lendentuch und seine Klinge behielt er 
an. Dann watete er hinaus in die glitzernde 

Bläue, bis sie seine Hüften umspülte. Er holte tief Luft, denn er 
wußte, daß der Grund nun rasch unter seinen Füßen schwinden 
würde, und tauchte. 

Während er durch das sanfte Saphirblau schwamm, wurde ihm 
klar, daß er ein wenig überstürzt gehandelt hatte. Zumindest 
hätte ihm Saremes sagen können, an welcher Stelle Brule 
geschwommen war, als er angegriffen wurde, und ob er den 
richtigen Pfad nahm, auf dem er ihn retten konnte. Aber vielleicht 
hätte es ihm die Katze ohnehin nicht verraten. Selbst wenn sie 
ihm gesagt hätte, daß sein Unterfangen vergeblich wäre, hätte er 

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-6 6 - 

trotzdem alles zu Brules Rettung unternommen. So oder so 
würde er nun hier sein. Es lag also tatsächlich Wahrheit in 
Saremes' Worten, daß es für die Menschen besser war, wenn 
sie ihre Zukunft nicht kannten. 

Was die Stelle betraf, an der Brule angegriffen worden war, nun, 
das Ungeheuer konnte ihn inzwischen überallhin geschleppt 
haben. Kull hatte vor, den Seegrund abzusuchen, bis ... 

Noch während er dies dachte, huschte ein Schatten an ihm 
vorbei, ein vager Schimmer im Jade und Saphir des Sees. 
Weitere Schatten glitten rings um ihn vorüber, doch er vermochte 
ihre Formen nicht zu erkennen. 

Weit unten sah er den Seeboden, von dem ein eigenartiges 
Glühen ausging. Dann waren die Schatten überall um ihn. Sie 
woben ein Netz, ein ständig sich wandelndes Netz in tausend 
schillernden Farben. Das Wasser leuchtete in einem hellen 
Topaston, und die Wesen flimmerten in zauberhafter Pracht. Wie 
Schatten von Schatten waren sie, zart und unwirklich, und doch 
aus sich heraus leuchtend. 

Als Kull erkannte, daß sie nicht vorhatten, ihn anzugreifen, 
beachtete er sie nicht mehr, sondern wandte seine 
Aufmerksamkeit dem Seegrund zu. Er berührte ihn leicht, zuckte 
jedoch zurück, denn es war ihm, als wäre er auf etwas Lebendes 
getreten. Er hatte eine rhythmische Bewegung unter seinen 
nackten Sohlen gespürt. Das schwache Glühen stieg hier überall 
vom Seeboden auf, bis es in der Feme mit den leuchtenden 
Saphirschatten verschmolz. Der ganze Seegrund war ein 
Feuerteppich, der mit steter Regelmäßigkeit glühte und erlosch. 
Kull bückte sich. Der Boden war mit einem moosähnlichen Belag 
überzogen, der wie weiße Flammen leuchtete. Es war, als wäre 
das ganze Seebett mit Myriaden von Glühwürmchen bedeckt, die 
im Takt ihre Flügel hoben und senkten. Und dieses Moos 
pulsierte unter seinen Füßen wie etwas Lebendes. 

Kull begann wieder nach oben zu schwimmen. Er war in den 
Küstenbergen des meerumschlungenenen Atlantis 
aufgewachsen. Wasser war sein zweites Element. Er war darin 
ebenso zu Hause wie jeder Lemurier. Er vermochte doppelt so 

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-6 7 - 

lange unter Wasser zu bleiben wie andere Schwimmer. Doch 
dieser See war tief, und er wollte seine Kräfte schonen. 

Er kam an die Oberfläche, füllte seine Lunge in tiefen Zügen und 
tauchte erneut. Wieder huschten die Schatten um ihn, blendeten 
ihn fast mit ihrem gespenstischen Glimmen. Er schwamm 
diesmal rascher, und als er den Grund erreichte, eilte er darüber, 
so rasch es die klebrigen Pflanzen erlaubten. Das Feuermoos 
glühte und pulsierte, die schillernden Kreaturen flitzten um ihn 
herum, und alptraumhafte ungeheuerliche Schatten unsichtbarer 
Wesen fielen über seine Schultern auf den flammenden Grund. 

Das Moos war übersät mit Schädeln und Gebeinen von 
Menschen, die sich in den Verbotenen See gewagt hatten. 
Plötzlich wirbelte das Wasser lautlos auf, und etwas raste auf 
Kull zu. Zuerst hielt er es für einen riesigen Kraken, denn seine 
Form war die eines Kraken mit um sich greifenden Tentakeln, 
doch als es auf ihn einstürmte, sah er, daß es menschliche 
Beine hatte und ein häßliches halbmenschliches Gesicht, das 
ihm zwischen den schlangelnden Saugarmen entgegenstarrte. 

Kull wappnete sich. Als sich die mörderischen Tentakel 
peitschend um seinen Körper legten, stieß er das Schwert mit 
kalter Zielsicherheit mitten in das dämonische Gesicht. Das 
Wesen starb zuckend und mit schrecklichen, lautlosen Schreien 
zu seinen Füßen. Blut breitete sich wie ein roter Schleier aus. 
Hastig stieß Kull sich vom Grund ab und schoß in die Höhe. 

Noch während er im schwindenden Tageslicht Luft holte, 
schnellte ein großer Körper über die Wasseroberfläche auf ihn 
zu - eine Wasserspinne, größer als ein Eber, deren kalte Augen 
in einem höllischen Licht leuchteten. Kull hielt sich mit den Beinen 
und einem Arm über Wasser und riß die Klinge hoch, und als die 
Spinne über ihm war, hieb er ihren Körper halb auseinander, und 
sie versank lautlos. 

Ein schwaches Geräusch ließ Kull herumfahren. Eine zweite, 
noch größere Spinne stürzte heran. Sie warf ein klebriges Netz 
über des Königs Arme und Schultern, das für jeden das Ende 
bedeutet hätte, der nicht die ungeheure Kraft Kulls besaß. Der 
König aber zerriß die starken Stränge, als wären sie dünne 

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-6 8 - 

Fäden. Dann packte er ein Bein der mörderischen Kreatur und 
stieß ihr das Schwert wieder und wieder in den Körper, bis sie 
erschlaffte und mit einer breiten Spur sich rötenden Wassers 
davontrieb. 

"Valka!" keuchte der König. "Das ist kein Ort für einen, der 
Erholung sucht. Aber diese Kreaturen sind so leicht zu töten. Ich 
frage mich, wie sie Brule überwältigen konnten, der doch nach 
mir der beste Kämpfer in den Sieben Königreichen ist." 

Aber Kull sollte bald herausfinden, daß weitaus gefährlichere 
Wesen in den tödlichen Abgründen des Verbotenen Sees 
lauerten. Erneut tauchte er hinab, und diesmal sah er nur die 
schillernden Schatten und die Gebeine der Toten. Wieder kam er 
hoch, um Luft zu holen, und stieß ein viertes Mal in die Tiefe. 

Er befand sich unweit einer der Inseln, und während er zum 
Grund hinabschwamm, fragte er sich, was sich wohl alles hinter 
dem dichten, smaragdgrünen Blattwerk verbergen mochte, das 
die Insel wie ein undurchdringlicher Wall vor neugierigen Blicken 
schützte. Man raunte, daß sich dort Tempel und Schreine 
erhoben, die keine menschliche Hand erbaut hatte, und daß in 
bestimmten Nächten die Bewohner des Sees aus der Tiefe 
kamen, um dort unheimliche Rituale abzuhalten. 

Der Angriff erfolgte in dem Augenblick, als seine Füße das Moos 
berührten. Er kam von hinten, und als Kull instinktiv 
herumwirbelte, beugte sich eine riesige Gestalt über ihn  -eine, 
die weder Mensch noch Tier war, sondern auf schreckliche 
Weise aus beidem gestaltet war - und packte ihn mit gewaltigen 
Fingern an Arm und Schulter. 

Kull wehrte sich wild, doch die Kreatur hielt seinen Schwertarm 
wie mit eisernen Klammern, und ihre Krallen drangen ihm tief ins 
Fleisch. Mit einer gewaltigen Anstrengung gelang es Kull, sich 
herumzudrehen. Sein Angreifer glich einem Hai, dem unterhalb 
der Augen ein langes, spitzes Hörn, einem Krummsäbel gleich, 
aus dem Schädel wuchs. Er hatte vier Arme, menschlich in der 
Form, doch unmenschlich an Größe und Kraft und an den 
Fingern mit gekrümmten Krallen bewehrt. 

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-6 9 - 

Zwei der Arme hielten Kull fest, daß er sich nicht bewegen 
konnte, die beiden anderen drückten seinen Kopf nach hinten, 
um ihm das Rückgrat zu brechen. Doch selbst ein solch 
ungeheuerliches Geschöpf vermochte Kull von Atlantis nicht so 
leicht zu bezwingen. Wilder Grimm wallte in ihm hoch und verlieh 
ihm übermenschliche Kraft. 

Kull stemmte die gespreizten Beine in das Moos. Mit einem 
gewaltigen Ruck riß er seinen linken Arm aus dem mörderischen 
Griff. Mit katzenartiger Flinkheit versuchte er das Schwert mit der 
Linken zu fassen, und als das mißglückte, hieb er mit aller Kraft 
mit der Faust nach dem Gegner. Doch das saphirblaue Wasser 
nahm dem Schlag die Kraft. Der Haimann senkte den Kopf, aber 
bevor er nach Kull stoßen konnte, packte der König das Hörn mit 
der Linken und hielt es fest. 

Was dann folgte, war eine Probe an  Kraft und Ausdauer. Das 
Wasser lahmte Kulls Flinkheit, so sah er seine einzige Chance in 
der Umklammerung des Gegners, um auch dessen Gewandtheit 
einzuschränken. Verzweifelt versuchte er seinen Schwertarm 
freizubekommen, was den Haimann zwang, ihn mit allen vier 
Armen festzuhalten. Kull wagte nicht, das Hörn loszulassen, um 
nicht Gefahr zu laufen, durchbohrt zu werden, und der Haimann 
wollte nicht eine seiner Hände von dem Arm nehmen, der das 
lange Schwert in der Faust hielt. 

So zerrten und rangen sie, und Kull wußte, daß er verloren war, 
wenn er diesem Spiel nicht bald ein Ende setzte. Er brauchte 
dringend Luft. Das kalte Funkeln in den Augen des Haimannes 
verriet, daß dieser wohl wußte, daß er Kull nur unter Wasser zu 
halten brauchte, bis er ertrank. 

Eine verzweifelte Lage für einen Mann. Aber Kull von Atlantis war 
kein gewöhnlicher Mann. Von Kindheit an war er in die harte, 
blutige Schule des Lebens gegangen und hatte sich stählerne 
Muskeln und einen eisernen, unerschrockenen Verstand 
angeeignet, die zusammen den schier unschlagbaren Kämpfer 
ausmachten. Dazu gesellte sich Mut, der ihn niemals verließ, und 
eine raubtierhafte Wildheit, die ihn manchmal Übermenschliches 
vollbringen ließ. 

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-7 0 - 

So faßte er mit dem nahen Ende vor Augen einen Entschluß, der 
so verzweifelt war wie seine Lage. Er ließ das Hörn los, krümmte 
seinen Körper so weit nach hinten wie er konnte, und dann 
packte er mit der freien Linken einen der Arme des Ungeheuers. 

Sofort stieß der Haimensch zu. Sein Hörn streifte an Kulls 
Schenkel entlang und verfing sich in seinem Schwertgürtel. Bevor 
es wieder frei war, legte Kull seine ganze Kraft in die Finger, die 
den Arm umklammert hielten, und zerquetschte das klamme 
Fleisch und die Knochen darunter wie eine faulige Frucht. 

Der Haimann sperrte in lautloser Qual den Rachen auf und stieß 
wild zu. Kull wich aus, dabei verloren sie das Gleichgewicht und 
den Boden unter den Füßen, hochgeschwemmt von den 
jadefarbigen Wogen, die sie aufwühlten. Während sie rangen, riß 
Kull seinen Schwertarm aus dem schwächer werdenden Griff und 
rammte die Klinge in den Leib des Ungeheuers. 

Der mörderische Kampf hatte nur ganz kurze Zeit gedauert, doch 
Kull kam es wie Stunden vor, während er nach oben schwamm; 
sein Schädel drohte zu bersten, und eine ungeheure Last 
drückte auf seine Brust. Wie durch einen dichten Schleier nahm 
er wahr, daß der Seegrund plötzlich steil vor ihm anstieg, was nur 
bedeuten konnte, daß er sich einer Insel näherte. Plötzlich 
erwachte das Wasser um ihn zum Leben. Etwas Riesiges 
schlang sich von den Füßen bis zu den Schultern um ihn, das 
selbst seine gewaltigen Muskeln nicht abzustreifen vermochten. 
Seine Sinne begannen zu schwinden. Vage spürte er, daß er mit 
ungeheurer Geschwindigkeit davongetragen wurde. Er vermeinte 
viele Glocken läuten zu hören. Dann war er plötzlich über 
Wasser und pumpte in heftigen Zügen kostbare Luft in seine 
gequälten Lungen. Er wirbelte durch völlige Dunkelheit. Ein langer 
Atemzug, dann wurde er wieder unter Wasser gerissen. 

Es wurde heller um ihn, und er sah tief unter sich das Feuermoos 
pulsieren. Er befand sich in der Gewalt einer riesigen Schlange, 
die einen Teil ihres Leibes in mächtigen Ringen um ihn 
geschlungen hatte und ihn mit sich schleppte, wohin, mochte 
Valka allein wissen. 

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-7 1 - 

Kull wehrte sich nicht. Er schonte seine Kräfte. Falls die 
Schlange ihn nicht so lange unter Wasser hielt, daß er erstickte, 
dann hatte er sicher noch eine Chance gegen sie, wenn sie ihn 
in ihrem Unterschlupf freigab, oder wohin immer sie ihn brachte. 
Kulls Arme und Beine steckten so bewegungslos in den Ringen, 
daß Fliegen nicht unmöglicher gewesen wäre, als einen Arm aus 
dieser Umklammerung zu befreien. 

Die Schlange, die Kull mit solcher Geschwindigkeit durch die 
blaue Tiefe trug, war gewiß die größte, die er je gesehen hatte - 
ihr golden und jadegrün geschuppter, wunderschön gemusterter 
Leib mußte wenigstens zweihundert Fuß lang sein. Ihre Augen, 
die sich manchmal Kull zuwandten, waren erfüllt von eisigem 
Feuer. Selbst Kull, der schon viele wundersame Dinge gesehen 
hatte, war beeindruckt von diesem bizarren Bild: der gewaltige 
grüne und goldene Leib, der durch das brennende Topas des 
Sees flog, während die Schattenfarben ringsum verwirrende 
Muster woben. 

Wieder verlief der wie Juwelen leuchtende Seeboden aufwärts - 
vielleicht zu einer weiteren Insel oder zum Ufer  -, und plötzlich 
öffnete sich der Schlund einer großen Höhle vor ihnen. Die 
Schlange glitt ins Innere. Das Feuermoos blieb zurück. Kulls Kopf 
drang durch die Wasseroberfläche. Dunkelheit war um ihn. 
Schier endlose Zeit schleppte ihn die Schlange  durch finstere 
Höhlengänge und tauchte schließlich erneut. 

Als sie wieder hochkamen, war Licht um sie, wie es Kull noch nie 
zuvor gesehen hatte: ein düsteres Leuchten über der dunklen, 
stillen Wasseroberfläche. Da wußte Kull, daß er sich im 
Zauberreich am  Grund des Verbotenen Sees befand, denn dies 
war kein irdischer Schein. Es war ein schwarzes Licht, 
schwärzer als jede Finsternis, und dennoch beleuchtete es das 
unheilige Gewässer, so daß er sein Spiegelbild sehen konnte. 
Die Ringe des Leibes gaben ihn plötzlich frei. Er schwamm sofort 
auf die mächtigen dunklen Umrisse zu, die vor ihm schattenhaft 
emporragten. 

Er schwamm mit kräftigen Stößen und sah beim Näherkommen, 
daß es eine große Stadt war. Aus einem gewaltigen 

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-7 2 - 

Felsenplateau wuchs sie in die Höhe, bis  sich die Spitzen der 
düsteren Türme in der Schwärze oberhalb des unheiligen Lichtes 
verloren. Er kletterte aus dem kalten Wasser und stieg steinerne 
Stufen empor, die wie die einer Kaimauer in den Fels gehauen 
waren. Um ihn befanden sich große quaderförmige Gebäude aus 
mächtigen, basaltähnlichen Blöcken. Zwischen ihnen ragten 
gewaltige Säulen empor. 

Kein Schimmer irdischen Lichtes milderte die Düsterkeit dieser 
unmenschlichen Stadt, doch aus den Mauern und Türmen quoll 
das schwarze Leuchten in pulsierenden Wellen auf das Wasser 
herab. 

Kull wurde sich plötzlich bewußt, daß ihm auf einem großen Platz 
zwischen den Bauwerken fremdartige Kreaturen 
entgegenblickten. Er blinzelte, um seine Augen an das 
sonderbare Licht anzupassen. Die Wesen kamen näher, und ein 
Raunen ging durch die dichtgedrängte Menge wie das 
Schwanken von Grashalmen im Nachtwind. Schmale, 
schattenhafte Gestalten waren es, die sich mit schwachem 
Glimmen vom dunklen Hintergrund ihrer Stadt abhoben. Ihre 
Augen leuchteten unheimlich. 

Da sah der König, daß eine aus ihrer Schar vor den übrigen 
stand. Die Gestalt wirkte menschenähnlich. Das bärtige Gesicht 
war von edlem Schnitt, doch war die Stirn in Unmut gerunzelt. 

"Du kommst als echter Vertreter deiner Rasse", sagte der 
Wassermann. "Blutbesudelt und mit einem Schwert in der Faust." 

Kull lachte grimmig über diese Ungerechtigkeit. 

"Valka und Hotath!" fluchte er. "Das Blut ist zum größten Teil 
mein eigenes, und es waren die Kreaturen deines verdammten 
Sees, die es vergossen." 

"Tod und Vernichtung sind die Gefolgschaft deiner Rasse", fuhr 
der Wassermann finster fort. "Wir wissen es. Wir herrschten 
bereits über die blauen Wasser dieses Sees, als die Menschheit 
noch nicht mehr als ein Traum der Götter war." 

"Niemand behelligt euch ...", sagte Kull. 

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-7 3 - 

"Nur aus Furcht. Schon in alter Zeit versuchten Menschen in 
unser dunkles Königreich einzudringen. Wir töteten sie, und es 
herrschte Krieg zwischen den Menschensöhnen und dem 
Wasservolk. Wir gingen hinaus und verbreiteten Furcht und 
Schrecken unter den Erdlingen, denn wir wußten, daß sie uns nur 
den Tod bringen würden und daß nur Todesfurcht sie 
abschrecken könnte. Mit Zauberkräften raubten wir ihnen den 
Verstand und ließen ihre Seelen gefrieren, bis sie um Frieden 
flehten, den wir gewährten. Die Menschen der Erde erklärten 
diesen See für tabu und bestimmten, daß kein Mensch ihn 
betreten dürfe, ausgenommen der König von Valusien. So 
geschah es vor Tausenden von Jahren. Seither hat kein 
Mensch, der in das Verzauberte Land kam, JE wieder die 
Oberfläche gesehen, außer als Leichnam. König von Valusien, 
oder wer immer du sein magst, du bist am Ende deines Weges." 

Kull starrte ihn herausfordernd an. 

"Dein verfluchtes Königreich war nicht mein Ziel. Ich suche Brule, 
den Speerkämpfer, den ihr in die Tiefe geholt habt." 

"Lüge", erwiderte der Wassermann. "Seit über hundert Jahren 
hat sich kein Mensch mehr in diesen See gewagt. Du bist nur 
gekommen, um nach Schätzen zu suchen, oder um zu plündern 
und zu töten, wie alle deiner mordgierigen Art. Du sollst sterben!" 

Kull spürte das Gewisper magischer Kräfte ringsum. Sie ließen 
die Luft erzittern und wurden zu festen Formen und schwebten 
durch das düstere Licht wie Spinnweben, tasteten nach ihm mit 
dünnen schlangelnden Armen. Doch Kull wischte sie fluchend mit 
den bloßen Händen zur Seite, daß sie zerstoben. Denn über die 
wilde Logik des Barbaren hatte die uralte dekadente Magie keine 
Macht. 

"Du bist jung und stark", stellte der König des Sees fest. "Die 
Verderbtheit der Zivilisation hat sich in deinem Herzen noch nicht 
festgesetzt, und unser Zauber vermag dir nichts anzuhaben, weil 
du ihn nicht begreifst. So müssen wir denn etwas anderes 
versuchen." 

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-7 4 - 

Die Wassermänner zogen Dolche und näherten sich Kull. Da 
lachte der König von Valusien, stellte sich vor eine Säule, um den 
Rücken frei zu haben, und umklammerte sein Schwert, daß die 
Muskeln seines rechten Armes zu mächtigen Strängen 
anschwollen. 

"Das ist ein Spiel, das mir geläufig ist. Geisterpack", sagte er 
grinsend. 

Sie hielten inne. 

"Du begehrst vergeblich gegen dein Schicksal auf", sagte der 
König des Sees. "Wir sind unsterblich. Menschliche Waffen 
vermögen uns nicht zu töten." 

"Nun lügst du", antwortete Kull mit der List des Barbaren. "Hast 
du nicht selbst gesagt, daß die Menschen immer nur gekommen 
wären, um zu plündern und zu töten? Ihr mögt vielleicht ewig 
leben, aber scharfer Stahl kann dem ein Ende machen. Überlegt 
es euch gut. Ihr seid verweichlicht und schwach und wißt nicht 
mehr mit Waffen umzugehen. Die Weise, wie der Dolch in eurer 
Faust liegt, verrät es. Ich bin für den Kampf geboren und erzogen 
worden. Sicher werdet ihr mich töten, denn ihr seid Tausende 
und ich bin nur einer, doch eure Magie hat versagt und viele von 
euch werden sterben, bevor ich falle. Zu Dutzenden werde ich 
euch niederstrecken. Denkt nach, Wassermänner, ist euch mein 
Tod all die Leben wert, die er euch kosten wird?" 

So sprach Kull, der überzeugt war, daß Wesen, die mit einer 
Klinge töten, auch durch die Klinge sterben können, und er hatte 
keine Furcht. Als Abbild des Todes und der Vernichtung stand er 
vor ihnen, blutverkrustet und angst-einflößend. 

"Ja, überlegt es euch gut", wiederholte er. "Ist es nicht besser, ihr 
bringt Brule zu mir und laßt uns zurückkehren, als daß mein 
Leichnam einen blutigen Hügel eurer Toten krönt, wenn der 
Schlachtenlärm verstummt  ist? Unter meinen Söldnern sind 
Pikten und Lemurier, die meiner Spur auch in den Verbotenen 
See folgen und das Verzauberte Land in eurem Blut ertränken 
werden, wenn ich hier mein Leben lassen sollte. Denn sie haben 
ihre eigenen Tabus und kümmern sich wenig um die der 

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-7 5 - 

zivilisierten Völker, noch schert es sie, was aus Valusien wird. 
Sie achten nur mich, der ich ein Barbar bin wie sie." 

"Die alte Welt nimmt ihren unaufhaltsamen Weg in den 
Untergang und das Vergessen", erwiderte der Seekönig düster. 
"Und wir, die wir einst so mächtig waren, müssen uns in unserem 
eigenen Reich der arroganten Kraft des Barbaren beugen. 
Schwöre, daß du niemals wieder den Fuß in den Verbotenen See 
setzen wirst und dafür sorgst, daß niemand mehr dieses Tabu 
bricht, dann lassen wir dich gehen." 

"Ich werde nicht ohne den piktischen Speerkämpfer gehen." 

"Kein piktischer Speerkämpfer ist je zu diesem See 

gekommen." 

"Nein? Die Katze Saremes sagte mir ..." 

"Saremes? Ja, sie ist uns von alters her bekannt, als sie einst 
durch das grüne Wasser herabgeschwommen kam und einige 
Jahrhunderte am Hof des Verzauberten Landes zubrachte. Sie 
besitzt die Weisheit der Zeit, doch ich wußte nicht, daß sie auch 
die Sprache der Menschen spricht. Wie dem auch sei, bei uns ist 
kein solcher Mann, wie du ihn suchst, und ich schwöre ..." 

"Schwöre nicht bei Göttern oder Dämonen", unterbrach ihn Kull. 
"Gib mir dein Wort als Mann." 

"Du hast es", sagte der König des Sees, und Kull glaubte ihm, 
denn es war etwas Majestätisches an dem König, das Kull das 
Gefühl gab, unbedeutend zu sein. 

"Und ich", erklärte Kull, "gebe dir mein Wort  - das ich noch nie 
gebrochen habe -, daß niemand mehr dieses Tabu verletzen und 
euch belästigen wird." 

"Und ich glaube dir, denn du bist anders als jeder Erdling, den ich 
je kannte. Du bist ein wahrer König und ein wahrer Mann." 

Kull dankte ihm. Er steckte sein Schwert in die Scheide und 
wandte sich zur Treppe. 

"Kennst du den Weg in deine Welt zurück, König von Valusien?" 

"Ich nehme an", erwiderte Kull, "daß ich ihn finden werde, wenn 
ich lange genug schwimme. Ich weiß, daß die Schlange mich 

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-7 6 - 

mitten durch wenigstens eine, wahrscheinlich aber mehrere 
Inseln geschleppt hat und daß wir lange durch eine Höhle 
geschwommen sind.""Du bist kühn und unerschrocken", sagte 
der Seekönig, "aber es könnte sein, daß du niemals den Weg 
aus der Dunkelheit findest." 

Er hob die Hände, und ein Behemoth kam zum Fuß der Treppe 
geschwommen. 

"Ein grimmiges Reittier", sagte der Seekönig. "Aber es wird dich 
sicher ans Ufer der Oberfläche bringen." 

"Eine Frage noch", bat Kull. "Wo bin ich jetzt? Unter einer Insel? 
Oder unter dem Festland? Oder ist dieses Land wirklich unter 
dem Grund des Sees?" 

"Du befindest dich im Mittelpunkt des Universums, wo du immer 
bist. Zeit, Ort und Raum sind nur Trugbilder. Sie existieren 
lediglich im Verstand des Menschen, der Begrenzungen braucht, 
um die Welt zu verstehen. Es gibt eine einzige Wirklichkeit, aber 
sie trägt viele Masken, die der begrenzte Verstand ihr aufsetzt. 
So wie der See dort oben nur ein Trugbild des einzigen echten 
hier in der Tiefe ist. Geh nun, König, denn du bist ein wahrer 
Mann, auch wenn du die erste Welle der über die Welt 
hereinbrechenden Flut der Barbarei bist." 

Kull lauschte respektvoll. Er verstand vieles nicht, aber er ahnte 
die große Magie hinter den Worten. Er schüttelte die Hand des 
Seekönigs und schauderte leicht bei der Berührung des 
Fleisches, das nicht menschlich war. 

Dann warf er einen letzten Blick auf die hohen schwarzen 
Gebäude und die schattenhaften Gestalten zwischen ihnen und 
danach hinaus auf die glänzende Schwärze des Wassers, über 
die spinnengleich die Wellen des schwarzen Lichtes krochen. 
Schließlich wandte er sich ab, schritt die Stufen zum Wasser 
hinab und sprang auf den Rücken des Behemoths. 

Ewigkeiten dunkler Höhlen, rauschenden Wassers und der 
flüchtigen Wahrnehmung gigantischer, unsichtbarer 
Monstrositäten folgten. Der Behemoth trug den König manchmal 
über und manchmal unter dem Wasser, und plötzlich war das 

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-7 7 - 

Feuermoos um sie, und sie stießen durch das Blau des 
leuchtenden Wassers, und Kull watete an das Ufer. 

Sein Hengst wartete geduldig, wo der König ihn zurückgelassen 
hatte. Der Mond warf seinen ersten Silberschimmer über den 
See, und Kull stieß überrascht einen Fluch aus. "Bei Valka! Vor 
kaum einer Stunde bin ich hier abgestiegen! Und ich hätte 
gedacht, daß viele Stunden oder gar Tage vergangen wären." 

Er schwang sich auf sein Pferd und ritt zurück in die Stadt. Er 
zweifelte nun nicht mehr daran, daß etwas Wahres an den 
Worten des Seekönigs über die Unwirklichkeit der Zeit 

war. 

Kull war müde, ergrimmt und verwirrt. Der lange Weg durch das 
Wasser hatte ihm das Blut abgewaschen, aber durch das Reiten 
hatte die Wunde an seinem Schenkel wieder zu bluten begonnen. 
Sein Bein fühlte sich steif an und schmerzte. Doch Kull war 
hauptsächlich mit dem Gedanken beschäftigt, daß Saremes ihn 
belogen hatte, entweder aus Unwissenheit oder aus böser 
Absicht, und ihn damit fast in den Tod geschickt hätte. Weshalb 
hatte sie das getan? 

Kull fluchte und überlegte, was wohl Tu sagen würde. Schließlich 
mochte sich auch  eine sprechende Katze irren, es mußte kein 
Verrat dahinterstecken. In jedem Fall würde er in Zukunft weniger 
Gewicht auf ihre Worte legen. 

Kull ritt durch die stillen mondsilbernen Straßen der uralten Stadt, 
und die Wachen am Tor sperrten die Augen auf, als sie ihn 
kommen sahen, aber sie waren klug genug, keine Fragen zu 
stellen. 

Der ganze Palast war in Aufruhr. Fluchend schritt Kull zum 
Ratssaal und anschließend zu Saremes' Kammer. Die Katze lag 
zufrieden und zusammengekuschelt auf ihrem Kissen. Um sie 
herum standen aufgeregt durcheinanderredend Tu und die 
königlichen Ratgeber. Der Sklave Kuthu-los war nirgends zu 
sehen. 

Kull wurde sofort mit Fragen bestürmt, aber er schritt wortlos zu 
Saremes und starrte sie an. 

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-7 8 - 

"Saremes", sagte der König. "Du hast mich belogen." 

Die Katze blickte ihn unergründlich an und gähnte, gab jedoch 
keine Antwort. Kull wartete ratlos, bis Tu ihn am Arm faßte. 

"Kull, wo in Valkas Namen seid Ihr gewesen? Wie kommt Ihr zu 
dieser Wunde?" 

Kull schüttelte ihn gereizt ab. 

"Laßt ab von mir", knurrte er. "Diese Katze hat mich zum Narren 
gehalten - wo ist Brule?" 

"Kull!" 

Der König wirbelte herum und sah Brule durch die Tür kommen. 
Seine spärliche Kleidung war von einem langen Ritt 
staubbedeckt. Die bronzefarbigen Züge des Pikten waren 
unbewegt, aber die Augen verrieten seine Erleichterung. 

"In sieben Teufels Namen!" stieß er wütend hervor, um seine 
Gefühle zu verbergen. "Mein Reiter haben die Berge und Wälder 
nach Euch durchkämmt. Wo seid Ihr gewesen?" 

"Am Verbotenen See, um deine wertlose Haut zu retten", 
erwiderte Kull mit grimmigem Vergnügen über die Verblüffung 
des Pikten. 

"Am Verbotenen See?" rief Brule mit dem Freimut des Barbaren. 
"Habt Ihr den Verstand verloren? Was sollte ich denn dort? Ich 
begleitete Ka-nu gestern an die zarfhaanische  Grenze. Als ich 
zurückkam, war Tu dabei, die gesamte Armee auszuschicken, 
um Euch zu suchen. Seither durchstreifen meine Männer jeden 
Winkel, außer dem Gebiet um den Verbotenen See, wo wir Euch 
nie gesucht hätten." 

"Saremes hat mich belogen ...", begann der König. 

Doch seine Worte gingen in einem Schwall tadelnder Stimmen 
unter, die ihn daran erinnerten, daß ein König nicht so einfach 
fortreiten und sein Reich dem Schicksal überlassen dürfe. 

"Ruhe!" brüllte Kull. Er hob die Hände, und seine Augen funkelten 
gefährlich. "Valka und Hotath! Bin ich euch vielleicht für jeden 
Schritt Rechenschaft schuldig? Tu, berichtet mir, was geschehen 
ist?" 

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-7 9 - 

In der plötzlichen Stille, die dem königlichen Ausbruch folgte, 
erklärte Tu: 

"Mein Lord, wir sind vom ersten Augenblick an getäuscht worden. 
Die Katze ist, wie ich von Anfang an überzeugt war, nur ein 
Schwindel, ein gefährlicher noch dazu." 

"Aber ..." 

"Mein Lord, habt Ihr noch nie von Menschen gehört, die ihre 
Stimme aus einer Entfernung erklingen lassen können, so als 
käme  sie aus dem Mund eines anderen, oder von einem 
unsichtbaren Sprecher?" 

Röte überzog Kulls Gesicht. "Ja, bei Valka! Wie konnte ich Narr 
das nur vergessen! Ein alter Zauberer in Lemurien hatte diese 
Fähigkeit. Doch wer sprach ..:" 

"Kuthulos!" rief Tu. "Ich war der Narr, daß ich mich seines 
Namens nicht erinnerte! Kuthulos, ein Sklave, ja, aber der größte 
Gelehrte und weiseste Mann der Sieben Reiche. Der Sklave der 
Teufelin Delcardes, die sich jetzt auf der Folterbank windet!" 

Ein überraschter Ausruf entfuhr Kull. 

"Ja", sagte Tu grimmig. "Als ich feststelle, daß Ihr fortgeritten 
seid, und niemand wußte wohin, da dachte ich, daß Verrat im 
Spiel wäre, und ich überlegte. Da fiel mir ein, wer Kuthulos 
wirklich war und daß er die Kunst des körperlosen Redens 
beherrschte. Und mir fiel auch auf, daß Euch die Katze immer 
nur unbedeutende Dinge vorhergesagt, nie große 
Prophezeiungen gemacht und es mit nicht mehr als Ausflüchten 
entschuldigt hatte. 

Da zweifelte ich nicht mehr daran, daß Euch Delcardes diese 
Katze zusammen mit Kuthulos überlassen hatte, um Euer 
Vertrauen zu erschleichen und Euch in Euer Verderben zu 
locken. Deshalb ließ ich Delcardes in den Palast bringen und 
foltern, damit sie ein umfassendes Geständnis ablege. Es war 
wahrlich ein durchtriebener Plan. Saremes mußte ihren Sklaven 
zu jeder Zeit um sich haben. So konnte er durch sie reden - und 
sich der Wirkung seiner Worte auf Euch sicher sein." 

"Und wo ist Kuthulos?" fragte Kull. 

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-8 0 - 

"Er war nicht mehr da, als ich in Saremes' Gemach kam und ..." 

"Ho, Kull!" erklang eine fröhliche Stimme von der Tür her, und 
eine bärtige, koboldartige Gestalt trat ein, gefolgt von einem 
schlanken, verängstigen Mädchen. 

"Ka-nu! Delcardes! So seid Ihr gar nicht gefoltert worden!" 

"Oh, mein Lord!" Sie rannte zu ihm, fiel auf die Knie vor 

ihm und umklammerte seine Beine. "Oh, Kull", schluchzte sie, 
"sie werfen mir schreckliche Dinge vor! Ich gestehe, daß ich 
Euch beschwindelt habe, aber ich wollte Euch bestimmt nichts 
Böses! Ich wollte nur Eure Einwilligung zur Heirat mit Kulra 
Thoom erlangen!" 

Kull hob sie auf die Füße. Er war verwirrt, aber er hatte ihrer 
offensichtlichen Angst und Reue wegen Mitleid mit ihr. 

"Kull", sagte Ka-nu, "wie gut, daß ich noch rechtzeitig zurückkam, 
bevor Ihr und Tu das ganze Königreich rebellisch machen 
konntet!" 

Tu funkelte ihn wütend an. Er war immer eifersüchtig auf den 
piktischen Botschafter, der ebenfalls Kulls Berater war. 

"Als ich zurückkehrte, war im Palast der Teufel los. Eure Höllinge 
rannten kopflos umher, ohne etwas Vernünftiges zu 
unternehmen. Ich schickte Brule und seine Reiter aus, nach 
Euch zu suchen. Dann begab ich mich in die Folterkammer - das 
ist immer empfehlenswert, wenn Tu das Sagen hat ..." 

Der Lordkanzler zuckte zusammen. 

"Ich begab mich also zur Folterkammer", fuhr Ka-nu ungerührt 
fort, "wo sie gerade dabei waren, sich unserer kleinen Delcardes 
anzunehmen, die herzzerreißend weinte und alles sagte, was sie 
wußte und nur ungläubige Ohren fand. Sie ist nur ein naives Kind, 
Kull, auch wenn sie in ihrer Schönheit noch so erwachsen 
aussieht. Deshalb habe ich sie mitgebracht. 

Delcardes hat sicher die Wahrheit gesagt, als sie behauptete, 
Saremes sei nur ihr Gast und die Katze sei unvorstellbar alt. Es 
ist wahr, Saremes ist eine Katze der Alten Rasse und weiser als 
jede andere Katze. Sie kommt  und geht, wie es ihr beliebt. 

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-8 1 - 

Trotzdem ist sie nichts weiter als eine Katze. Delcardes hatte 
Freunde im Palast, die ihr all die kleinen Dinge berichteten, die so 
nützlich für sie waren, wie von meiner Botschaft, die Ihr verlegt 
hattet, oder von dem Überschuß in der Schatzkammer. Der Bote, 
der Bericht erstattete, gehört zu ihnen. Er hatte den Überschuß 
entdeckt und ihr davon erzählt, noch bevor der Kämmerer davon 
wußte. Ihre kleinen Spione sind Eure treuesten Diener. Was sie 
ihr erzählten, konnte Euch nicht  schaden, war aber hilfreich für 
sie, die sie alle lieben, weil sie wissen, daß sie nichts Böses im 
Schilde führte. 

Sie hoffte, durch Kuthulos, der aus dem Mund der Katze sprach, 
mit kleinen Prophezeiungen und Dingen, die jeder wissen konnte, 
etwa. Euch vor Thulsa Doom zu warnen, Euer Vertrauen zu 
gewinnen. Und indem die Katze, wie Ihr glauben solltet. Euch 
immer wieder drängte. Euer Einverständnis zur Hochzeit von 
Delcardes und Kuira Thoom zu geben, hoffte sie die Erfüllung 
ihres sehnlichsten Wunsches zu erlangen." 

"Dann wurde Kuthulos zum Verräter", sagte Tu. 

In diesem Augenblick erklang Lärm an der Tür. Mehrere Wachen 
traten ein und führten einen hochgewachsenen Gefangenen in 
ihrer Mitte, dessen Hände gebunden waren und der einen 
Schleier vor dem Gesicht trug. 

"Kuthulos!" 

"Ja, Kuthulos", sagte Ka-nu, aber er schien besorgt, und seine 
Augen wanderten unruhig durch das Gemach. "Kuthulos, 
zweifellos, der mit dem Schleier die Bewegungen seines Mundes 
und seiner Halsmuskeln verbarg, wenn er Saremes sprechen 
ließ." 

Kull musterte die stille Gestalt, die reglos wie eine Statue stand. 
Schweigen senkte sich über die Versammelten, als streife ein 
eisiger Wind durch das Gemach. Eine ungeheure Spannung lag 
in der Luft. Delcardes starrte auf die stumme Gestalt, und ihre 
Augen weiteten sich, als die Wachen berichteten, wie sie den 
Sklaven fingen, als er versuchte, durch einen wenig benutzten 
Korridor zu entkommen. 

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-8 2 - 

Dann senkte sich die Stille erneut herab, als Kull die Hand 
ausstreckte, um den Schleier von dem maskierten Gesicht zu 
ziehen. Durch das dünne Gewebe spürte Kull zwei Augen, die in 
seine brannten. Niemand bemerkte, wie Kanu seine Fäuste 
ballte, als bereite er sich auf einen schrecklichen Kampf vor. 

Als Kulls Hand den Schleier schon fast berührte, brach ein 
plötzliches Geräusch die atemlose Stille - es klang, als schlüge 
jemand mit der Stirn oder dem Ellenbogen auf den Boden. Das 
Geräusch schien aus der Wand zu kommen. Kull war mit einem 
Schritt an der Stelle und schlug gegen ein Stück der 
Wandtäfelung. Eine verborgene Tür sprang auf und gab den 
Blick in einen staubigen Gang frei, in dem die gefesselte und 
geknebelte Gestalt eines Mannes lag. 

Sie zogen ihn in das Gemach, stellten ihn auf die Beine und 
befreiten ihn von seinen Banden. 

"Kuthulos!" schrie Delcardes auf. 

Kulls Augen weiteten sich. Das Gesicht, das sich ihnen nun 
offenbarte, war hager und gütig, wie das eines weisen Lehrers 
der geistigen Wissenschaften. 

"Ja, meine Lords und Lady", sagte er. "Dieser Mann, der meinen 
Schleier trägt, drang durch eine geheime Tür in mein Gemach 
und schlug mich nieder und fesselte mich. Ich lag hier und mußte 
mitanhören, wie er den König fortschickte, in seinen Tod, wie er 
glaubte, aber ich konnte nichts tun, es zu verhindern." 

"Aber wer ist dann er?" Alle Augen wandten sich der 
verschleierten Gestalt zu. Kull trat zu ihr. 

"Lord König, nehmt Euch in acht!" rief der echte Kuthu-los. "Er ..." 

Mit einem Ruck riß Kull den Schleier vom Gesicht - und fuhr mit 
einem Ausruf zurück. Delcardes schrie, und ihre Knie gaben 
nach. 

Die Ratgeber drängten mit schreckensbleichen Gesichtern nach 
hinten, und die Wachen ließen den Gefangenen los und wichen 
grauenerfüllt vor ihm zurück. 

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-8 3 - 

Das Gesicht des Mannes war ein fleischloser, bleicher 
Totenschädel, in dessen Augenhöhlen fahlblaue Flammen 
brannten. 

"Thulsa Doom!" entfuhr es Ka-nu. "Ich habe es fast erwartet!" 

"Ja, Thulsa Doom steht vor euch, ihr Narren." Seine Stimme 
klang hohl und hallte wider wie in einer Gruft. "Der mächtigste 
aller Zauberer und dein Todfeind, Kull von Atlantis. Diesen 
Waffengang hast du für dich entschieden. Aber hüte dich, es war 
nicht der letzte." 

Mit einer einzigen verächtlichen Bewegung zerriß er seine 
Fesseln und schritt zur Tür. Die Versammelten machten ihm 
hastig Platz. 

"Du bist ein blinder Narr, Kull", sagte er. "Sonst hättest du mich 
trotz der Verkleidung nie für diesen anderen Narren, Kuthulos, 
halten können." 

Kull erkannte, daß er recht hatte. Zwar hatten die beiden etwa 
gleiche Größe und Statur, doch war das Fleisch des 
totenköpfigen Zauberers wie das eines Mannes, der schon lange 
tot war. 

Der König hatte keine Furcht wie die anderen, aber er war so 
überrascht von dieser unerwarteten Wendung, daß er sprachlos 
auf seinen Feind starrte. Als er schließlich vorwärtssprang wie 
ein Mann, der aus einem Traum erwacht, griff Brule bereits mit 
der lautlosen Wildheit eines Tigers an. Seine krumme Klinge 
blitzte auf, und wie ein Blitz zuckte sie zwischen die Rippen 
Thulsa Dooms und durchbohrte ihn mit solcher Wucht, daß sie 
zwischen den Schultern hinausdrang. 

Brule riß seine Klinge mit einer raschen Drehung aus dem 
Körper, während er zurücksprang und geduckt abwartete, um 
erneut anzugreifen, wenn es notwendig sein sollte. Er erstarrte. 
Nicht ein Tropfen Blut drang aus der Wunde, die für einen 
Lebenden den Tod bedeutet hätte. Der Totenköp-fige lachte nur. 

"Es ist schon eine Ewigkeit her, daß ich starb wie alle 
Sterblichen!" höhnte er. "Nein, ich werde lediglich in eine andere 
Sphäre ziehen, wenn meine Zeit gekommen ist, nicht eher. Ich 

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-8 4 - 

blute nicht, denn meine Adern sind leer, und ich fühle nur ein 
wenig Kälte, die vorbei sein wird, wenn sich die Wunde schließt. 
Sie ist bereits dabei, sich zu schließen. Geh zur Seite, Narr, 
wenn dein Meister Abschied nimmt. Doch ich komme wieder, 
Kull, dann wirst du schreien und sterben und verrotten vor meinen 
Augen! Bis dahin, Kull, grüße ich dich!" 

Und während Brule noch erstarrt zögerte und Kull verblüfft 
innegehalten hatte, ging Thulsa Doom durch die Tür 

und verschwand vor ihren Augen. 

"Zumindest, Kull", sagte Ka-nu später, "habt Ihr den ersten 
Waffengang mit dem Totenköpfigen für Euch entschieden, wie er 
selbst zugab. Das nächste Mal müssen wir wachsamer sein, 
denn er ist der Teufel in Person  - ein Meister der Schwarzen, 
unheiligen Magie. Er haßt Euch, denn er ist ein Vasall der großen 
Schlange, deren Macht Ihr gebrochen habt. Er besitzt die Gabe 
der Täuschung und der Unsichtbarkeit wie niemand sonst. Er ist 
ein furchtbarer und erbarmungsloser Gegner." 

"Ich fürchte ihn nicht", versicherte ihm Kull. "Beim nächsten Mal 
wird er mich vorbereitet finden, und mein Schwert wird reden, 
auch wenn es ihm nichts anzuhaben vermag, wie er behauptet, 
was ich allerdings nicht glaube. Brule hat nur seine verwundbare 
Stelle nicht getroffen, die selbst ein lebender Toter haben muß, 
das ist alles." 

Dann wandte er sich an Tu. "Lord Tu, es scheint mir, daß auch 
die zivilisierten Völker ihre Tabus haben, da ich der einzige bin, 
der den blauen See betreten darf." 

Verärgert, vor allem, weil Kull der überglücklichen Del-cardes 
gewährt hatte, zu heiraten, wen sie wollte, erwiderte Tu: 

"Mein Lord, das ist kein heidnisches Tabu wie jene, vor denen 
Euer Stamm sich beugt. Es ist vielmehr ein Mittel der Politik, um 
den Frieden zwischen Valusien und den Seebewohnern zu 
wahren, die Zauberkräfte besitzen." 

"Und unsere Tabus bewahren uns davor, die unsichtbaren 
Geister der Tiger und der Adler in Frieden zu lassen", erklärte 
Kull. "Ich kann da keinen Unterschied sehen." 

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-8 5 - 

"Wie auch immer", warnte Tu, "Ihr müßt Euch vor Thulsa Doom 
in acht nehmen. Er verschwand in eine andere Dimension. 
Solange er dort bleibt, ist er unsichtbar und keine Gefahr für uns. 
Doch er wird wiederkommen." \ 

"Ah, Kull", seufzte der alte Halunke Ka-nu, "wie schwer j mein 
Leben doch im Vergleich zu Eurem ist. Brule und ich haben 
ordentlich gezecht in Zarfhaana, und ich fiel eine Treppe hinab 
und schrammte mein Schienbein grün und blau  - während Ihr 
Euch den lieben langen Tag auf den Lorbeeren Eurer 
Regentschaft ausgeruht habt." 

Kull schenkte ihm nur einen wortlosen Blick, dann drehte er ihm 
den Rücken zu und beugte sich zu  der schlafenden Saremes 
hinab. 

"Sie ist kein Zaubergeschöpf, Kull", sagte der Speerkämp-fer. 
"Sie ist klug und sieht weise aus, aber sie spricht nicht. Und doch 
fesseln mich ihre Augen und ihre Altehrwürdigkeit. Trotzdem ist 
sie nur eine Katze, nichts weiter." 

"Mag sein, Brule", sagte Kull und streichelte bewundernd ihr 
seidiges Fell, "aber sie ist eine sehr, sehr alte Katze." 

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-8 6 - 

DER SCHÄDEL DER STILLE 

(The Skull of Silence) 

Man nennt ihn immer noch den Tag der Furcht des Königs. Denn 
schließlich war auch Kull, der König von Valusien, nur ein 
Mensch. Es gab zwar keinen kühneren Mann, aber alles Irdische 
hat seine Grenzen, selbst der Mut. Natürlich waren Kull auch 
zuvor Anflüge von Furcht, Erschrecken und Entsetzen vor dem 
Unbekannten nicht fremd gewesen. Aber solche Gefühle waren 
nicht mehr als ein flüchtiges Aufflakkern in den Tiefen seines 
Verstandes, ausgelöst durch das Unerwartete oder etwas 
Abstoßendes und Unnatürliches  -mehr Abscheu also als 
wirkliche Furcht. Daher übermannte ihn echte Furcht so selten, 
daß die Menschen diesem Tag, der ihn das Fürchten lehrte, 
einen Namen gaben. 

Ja, es gab diesen Tag, an dem Kull wahre Furcht kennenlernte, 
nackte blinde Furcht, die ihn bis ins tiefste Mark erschütterte und 
sein Blut gefrieren ließ. Deshalb ist es für die Menschen ein 
besonderes Ereignis, doch sie sprechen nicht abfällig darüber, 
noch schämt Kull sich dieser Furcht. Nein, denn als es sich 
zutrug, gab der König sein Bestes und errang unsterblichen 
Ruhm. 

Und so geschah es. Kull saß entspannt auf dem Thron und 
lauschte ein wenig schläfrig der Unterhaltung zwischen Tu, dem 
Lordkanzler, Ka-nu, dem piktischen Botschafter, Brule, Ka-nus 
rechtee Hand, und Kuthulos, dem Sklaven, der zudem der größte 
Gelehrte der Sieben Reiche war. 

."Alles ist Schein", behauptete Kuthulos, "alle äußeren 
Manifestationen der Wirklichkeit, die jenseits menschlichen 
Verstehens liegt, da es keine Bezugspunkte gibt, mit deren Hilfe 
der endliche Geist das Unendliche messen kann. Die eine 
Realität mag der Ausgangspunkt für alles sein, oder jede 
natürliche Illusion mag einen eigenen Ausgangspunkt haben. All 
das wußte Raama, der größte Geist aller Zeiten, der vor Äonen 

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-8 7 - 

die Menschheit aus den Klauen unbekannter Dämonen befreite 
und die Rasse aus dem Staub emporhob." 

"Er war ein mächtiger Zauberer." Ka-nu nickte nachdenklich. 

"Er war kein Magier", erklärte Kuthulos. "Kein Hexer, der 
unverständliche Zaubersprüche murmelt und aus der 
Schlangenleber weissagt. Mummenschanz gab es für ihn nicht. 
Er verstand den Ursprung der Dinge, er kannte die Elemente und 
wußte, daß natürliche Kräfte, auf die natürliche Ursachen 
einwirken, auch natürliche Auswirkungen haben. Er brachte seine 
scheinbaren Wunder durch Anwendung seiner Kräfte auf höchst 
natürliche Art und Weise zuwege, die für ihn so 
selbstverständlich waren, wie uns das Entzünden eines Feuers 
ist, für uns jedoch so unbegreiflich und unvorstellbar, wie es 
unser Feuer den ersten Menschen gewesen wäre." 

"Weshalb hat er dann den Menschen nicht alle seine 
Geheimnisse verraten?" fragte Tu. 

"Er hatte erkannt, daß  es für den Menschen nicht gut ist, zuviel 
zu wissen. Irgendein Schurke könnte die gesamte Menschheit, 
ja, das ganze Universum in seine Gewalt bringen, wenn er über 
Raamas Wissen verfügte. Nein, der Mensch muß langsam 
lernen, und seine Seele muß damit wachsen." 

"Und doch sagst du, alles sei Schein?" warf Ka-nu hartnäckig 
ein. Er war zwar klug, wenn es um die Politik ging, verstand 
jedoch wenig von Philosophie und Wissenschaft, und war 
deshalb voll Hochachtung für Kuthulos und seine Weisheit. "Wie 
kann das sein? Hören und sehen und fühlen wir denn nicht?" 

"Was sind Bilderund Laute?" konterte der Sklave. "Ist der Laut 
nicht das Fehlen von Stille? Und ist Stille nicht das Fehlen von 
Geräuschen? Die Abwesenheit eines Dinges ist kein greifbarer 
Stoff. Es ist - nichts! Und wie kann Nichts existieren?" 

"Warum gibt es dann überhaupt Dinge?" fragte Ka-nu verwirrt. 

"Sie sind Erscheinungen der Wirklichkeit. Wie Stille; 

irgendwo gibt es die Essenz der Stille, ihre Seele. Ein Nichts, das 
etwas ist; eine Abwesenheit, die so absolut ist, daß sie stoffliche 
Form annimmt. Wer von euch hat je absolute Stille erlebt? 

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-8 8 - 

Keiner! Immer gibt es irgendwelche Geräusche  - das Säuseln 
des Windes, das Summen eines Insekts, ja selbst das Wachsen 
des Grases oder das Wispern des Wüstensandes kann man 
hören. Aber im Mittelpunkt der Stille gibt es keinen Laut." 

"Raama", warf Ka-nu ein, "hat vor langer, langer Zeit den Geist 
der Stille in eine große Burg gesperrt und diese für alle Ewigkeit 
versiegelt." 

"Ja", stimmte Brule zu. "Ich habe die Burg gesehen. Sie ist ein 
gewaltiges schwarzes Bauwerk auf einem einsamen Berg in 
einer wilden Gegend Valusiens. Seit undenklichen Zeiten kennt 
man sie als den Schädel der Stille." 

"Ha!" Kulls Interesse war geweckt. "Meine Freunde, ich habe 
Lust, mir diese Burg anzusehen!" 

"Lord König", sagte Kuthulos warnend, "es ist gefährlich, mit dem 
Feuer zu spielen. Raama war weiser als je ein Mensch vor oder 
nach ihm. Es wird berichtet, daß er mit Hilfe seiner Künste einen 
Dämon gefangensetzte. Nicht mit Hilfe seiner Künste, behaupte 
ich, sondern mit seinen Kenntnissen der Naturkräfte, und es war 
auch gewiß kein Dämon, sondern ein Element, das die Existenz 
der Rasse bedrohte. 

Die Macht dieses Elements geht schon allein daraus hervor, daß 
selbst Raama es nicht vernichten, sondern nur einschließen 
konnte." 

"Genug." Kull machte eine ungeduldige Gebärde.  "Raama ist 
schon seit so vielen tausend Jahren tot, daß ich gar nicht 
darüber nachdenken mag. Ich reite zum Schädel der Stille! Wer 
kommt mit mir?" 

Alle, die zugehört hatten, und hundert Rote Reiter, Valusiens 
kühnste Krieger, begleiteten Kull, als er im Morgengrauen die 
Residenz verließ. Sie ritten durch das Gebirge von Zalgara, bis 
sie nach vielen Tagen einen einsamen Berg erreichten, der sich 
düster von den umliegenden Hochebenen abhob und auf dessen 
Gipfel eine finstere Burg kauerte. 

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-8 9 - 

"Das ist sie", erklärte Brule. "Im Umkreis von hundert Meilen lebt 
kein Mensch, noch war die Gegend je besiedelt. Sie wird 
gemieden, als läge ein Fluch auf ihr." 

Kull zügelte seinen großen Hengst  und blickte hoch. Keiner 
sprach. Kull war sich der befremdlichen, ja schier unerträglichen 
Stille bewußt, während er die schwarze Burg betrachtete. Als er 
redete, zuckten alle unwillkürlich zusammen. Dem König schien 
es, als strömten die düstere Burg tödliche Strahlen der Stille aus. 
Keine Vögel zwitscherten ringsum, kein Wind flüsterte in den 
Zweigen der verkrüppelten Bäume. Als Kulls Reiter den Hang 
emporritten, hörte sich das Hufgeklapper auf dem felsigen Boden 
dumpf und wie aus weiter Ferne an, und es verklang ohne Echo. 

Sie hielten vor der Burg, die wie ein finsteres Untier zu lauern 
schien. Wieder versuchte Kuthulos den König zurückzuhalten. 

"Kull, bedenkt! Wenn Ihr das Siegel brecht, setzt Ihr vielleicht ein 
Ungeheuer frei, dessen furchtbaren Kräften wir nicht mehr Herr 
zu werden vermögen" 

Kull schob ihn ungeduldig zur Seite. Widerspruchsgeist und 
Eigensinn - fast allen Königen eigene Untugenden - beherrschten 
ihn, und obgleich er gewöhnlich vernünftigen Ratschlägen 
durchaus zugängig war, beharrte er diesmal hartnäckig auf dem, 
was er sich in den Kopf gesetzt hatte. 

"Lies mir die alten Lettern auf dem Siegel, Kuthulos", befahl er. 
"Lies sie!" 

Widerstrebend stieg Kuthulos vom Pferd. Die anderen folgten 
seinem Beispiel, mit Ausnahme der Soldaten, denen der Schein 
der bleichen Sonne das Aussehen bronzener Reiterdenkmäler 
verlieh. Die Burg grinste höhnisch auf sie herab wie ein 
Totenschädel ohne Augenhöhlen, denn sie hatte keine Fenster, 
nur eine riesige Eisentür, die verriegelt und versiegelt war. 
Offenbar  bestand das ganze Bauwerk nur aus einem einzigen 
Raum. 

Kull gab einige Befehle an die Reiter und war verärgert, daß er 
seine Stimme mehr als sonst heben mußte, damit seine 

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-9 0 - 

Hauptleute ihn hören konnten. Ihre Antworten kamen gedämpft 
und kaum verständlich. 

Dann schritten der König und seine vier Begleiter auf die Tür zu. 
An einem Rahmen neben der Tür hing ein recht ungewöhnlicher 
Gong, aus grünem Jade, wie es schien. Aber als Kull den Gong 
näher betrachtete, war er sich der Farbe nicht mehr sicher, denn 
sie verschwamm vor seinen Augen und wechselte ständig, so 
daß er manchmal vermeinte, in große Tiefe zu blicken und 
manchmal auf seichten Grund. Neben dem Gong hing ein 
Schlegel aus dem gleichen seltsamen Material. Er nahm ihn in 
die Hand und schlug damit leicht auf den Gong. Halb taub fuhr er 
zurück, denn der Klang war von unvorstellbarer Gewalt  - als 
wären alle Geräusche der Welt darin vereint. 

"Lies die Lettern, Kuthulos", befahl er erneut. Ehrfürchtig beugte 
sich der Sklave vor, denn zweifellos waren die Worte von dem 
großen Raama selbst gemeißelt worden. 

"Was einst war, kann wieder sein", las er laut. "Dann wird die 
Furcht König über die menschliche Rasse sein!" 

Er richtete sich auf. Die Angst in seiner Stimme war 
unverkennbar. 

"Eine Warnung! Eine Warnung von Raama selbst! Hört auf sie, 
Kull! Hört auf sie!" 

Kull lachte verächtlich, zog sein Schwert und schlug damit das 
Siegel entzwei. Danach hieb er auf den gewaltigen Eisenriegel 
ein, immer und immer wieder, wobei er sich vage bewußt war, wie 
leise seine schweren Schläge klangen. Plötzlich gab der Riegel 
nach. Die Tür schwang auf. 

Kuthulos schrie. Kull erstarrte - der Raum war leer? Nein! 

Er sah nichts, es gab nichts zu sehen, dennoch spürte er das 
Pulsieren der Luft um ihn, als etwas in gewaltigen, unsichtbaren 
Wellen aus der verfluchten Halle wogte. Kuthulos ergriff seinen 
Arm. Er schrie, so laut er konnte, doch seine Worte klangen 
unsagbar dumpf und schwach. 

"Die Stille! Es ist die Seele der ewigen Stille!" 

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-9 1 - 

Jedes Geräusch erstarb. Die Pferde bäumten sich auf  und 
warfen ihre Reiter in den Staub. Die Männer preßten die Hände 
gegen die Ohren und schrien, doch von ihren Lippen kam kein 
Laut. 

Kull stand als einziger aufrecht mit dem nutzlosen Schwert in der 
Faust. Stille! Vollkommene, absolute Stille! Pulsende, wogende 
Wellen lautlosen Grauens! Seine Männer brüllten in ihrem 
Entsetzen, schrien sich die Kehlen wund. Und doch war nichts zu 
hören! 

Die Stille drang in Kulls Seele, umklammerte mit Krallenfingern 
sein Herz, stieß stählerne Klauen in seinen Verstand. Vor 
unerträglicher Qual preßte er die Hand gegen die Stirn. Sein 
Kopf schien zu zerspringen. In einer Welle des Grauens, die ihn 
überschwemmte, sah Kull in blutigem Rot eine schreckliche 
Vision: Die Stille breitete sich über die Erde, über das ganze 
Universum aus! 

Die Menschen starben mit lautlosen Schreien. Das Tosen der 
Flüsse, das Rauschen der Meere, das Heulen des Windes, alles 
verstummte, erstarb. Jeglichen Laut erdrückte die Stille; diese 
Stille, die Schädel bersten ließ, die alles Leben auf der Erde 
auslöschte und nach den Sternen griff, um auch sie für immer 
zum Schweigen zu bringen. 

Das war der Augenblick, da Kull wirkliche Furcht empfand, 
Grauen und Entsetzen, so mächtig, daß sie die Seele und den 
Verstand lahmten. Als er diese entsetzliche Vision vor sich sah, 
schwankte er, taumelte er vor Furcht. 0 ihr Götter! Nur einen 
einzigen Laut, nur ein leises, winziges Geräusch! Kull riß den 
Mund auf wie seine lautlos wimmernden Begleiter, und die 
unmenschliche Anstrengung, seine Qual hinauszuschreien, 
sprengte schier seine Brust. Die pulsierende Stille verhöhnte ihn. 
Er hieb mit der Klinge 

auf den metallenen Türrahmen ein. In immer neuen Wellen wogte 
die Stille aus der Halle, krallte sich in ihn, zerrte an ihm und 
spottete seiner, als wäre sie etwas auf schreckliche Weise 
Lebendiges. 

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-9 2 - 

Ka-nu und Kuthulos lagen reglos auf dem Boden. Tu wand sich 
auf dem Bauch liegend, die Hände an den Kopf gepreßt, mit 
weitaufgerissenem Mund wie ein Fisch auf dem Trockenen. 
Brule wälzte sich wie ein verwundeter Wolf im Staub und krallte 
seine Finger um seine Schwerthülle. 

Kull vermochte nun die Gestalt der Stille fast zu erkennen. Die 
schreckliche Stille, die nach langer Gefangenschaft aus ihrem 
Schädel quoll, um die Schädel der Menschen zu zerbersten. Sie 
wand und schlängelte sich in unwirklichen Schleiern und 
Schatten. Sie lachte ihn aus! Sie lebte! Kull taumelte, fiel - und im 
Sturz schlug seine ausgestreckte Faust gegen den Gong. Er 
hörte keinen Laut, aber er spürte ein deutliches Wogen und 
Zucken der Wellen um ihn, ein leichtes Zurückweichen, 
unwillkürlich, so wie eine menschliche Hand vor der Glut einer 
Flamme zurückzucken mochte. 

Ah, der alte Raama ließ die Welt auch nach seinem Tod nicht 
ohne Schutz zurück! Kulls wirbelnder Verstand begriff plötzlich 
das Rätsel. Das Meer! Der Gong war wie das Meer in seinem 
immer wechselnden Grün, niemals ruhig, manchmal tief, 
manchmal seicht, niemals still!  

Die See! Bei Tag und Nacht brandend und donnernd  -der 
Erzfeind der Stille. Ein Schwindelgefühl übermannte ihn. Übelkeit 
ließ ihn würgen, trotzdem gelang es ihm, den Schlegel zu fassen. 
Seine Knie gaben nach, doch er hielt sich mit der Linken an dem 
Metallrahmen fest, während seine Rechte den Stiel wie im 
Todeskrampf umklammerte. Die Stille wogte voll Grimm um ihn. 

Sterblicher, du wagst es, dich mir entgegenzustellen, die ich älter 
als die Götter bin? Bevor es Leben gab, war ich, und ich werde 
noch sein, wenn alles Leben längst erloschen ist. Vor dem ersten 
Laut war das Universum still und wird es wieder sein. Denn ich 
werde hinausströmen in den Kosmos und jeden Laut ersticken - 
ersticken - ersticken - ersticken! 

Das Brüllen der Stille hallte in Kulls schmerzerfülltem Schädel in 
immer neuen, unerträglichen Wogen wider, während er den Gong 
schlug - wieder - und wieder - und wieder! 

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-9 3 - 

Und bei jedem  Schlag wich die Stille zurück  - Fingerbreit um 
Fingerbreit. Kull schlug mit neuer Kraft. Jetzt konnte er bereits 
schwach, wie aus unendlicher Ferne über unvorstellbare 
Abgründe der Stille hinweg, das Hallen des Gongs hören, doch 
es klang nicht lauter, als klopfte jemand am anderen Ende des 
Universums mit einem Hufnagel auf eine Silbermünze. Aber bei 
jeder Schwingung des Tons erzitterte die Stille. Ihre würgenden 
Arme schrumpften, die Wogen brachen. Die Stille wich. 

Weiter und weiter, immer weiter zurück, bis sich die Schleier in 
der Türöffnung wanden, während sich hinter Kull die Männer 
wimmernd und kraftlos und mit leeren Augen aufzurichten 
versuchten. Kull riß den Gong aus seinem Rahmen und wankte 
zur Tür. Für ihn war ein Kampf nicht zu Ende, der nicht 
entschieden war. Für ihn gab es kein Nachgeben und keine 
Zugeständnisse. Es genügte nicht mehr, diese Tür wieder zu 
verschließen und versiegeln. Das ganze Universum hätte 
innehalten müssen, um mitanzusehen, wie ein Mann allein die 
Existenz der Menschheit rechtfertigte und zu höchsten Höhen 
des Triumphes emporklomm. 

Er stand in der Tür und stemmte sich gegen die Wogen, 
unablässig den Gong schlagend. Die Höllenkraft dieses 
grauenvollen Etwas, in dessen letzte Festung er eindrang, raste 
um ihn. Die ganze Stille befand sich nun wieder in der Kammer 
und wich Schritt um Schritt vor dem unüberwindlichen Dröhnen 
des Gongs zurück. Alle Laute, alle Geräusche der Welt waren 
von jener Meisterhand darin gebannt worden, die schon vor so 
langer Zeit sowohl den Laut als auch die Stille bezwungen hatte. 

Und im Herzen ihrer Festung sammelte die Stille noch einmal all 
ihre Kräfte zu einem letzten Angriff. Höllen aus klangloser Kälte 
und schweigendem Feuer wirbelten um Kull. Er focht gegen ein 
Wesen, das stofflich und wirklich war. Stille war die Abwesenheit 
von Laut, hatte Kuthulos gesagt: Kuthulos, der sich nun 
wimmernd und ohne Verstand auf dem Boden wälzte. 

Doch das hier war mehr als Abwesenheit. Eine Abwesenheit von 
solcher Vollkommenheit, daß ihre Gegenwart greifbar wurde, 
eine abstrakte Illusion, die stoffliche Wirklichkeit war. Kull wankte 

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-9 4 - 

taub, blind, nahezu gefühllos im Ansturm der kosmischen Kräfte, 
die seine Seele, seinen Körper, seinen Geist zu bezwingen 
suchten. Von der Stille eingehüllt erstarb das Dröhnen des 
Gongs erneut. Doch Kull hörte nicht auf. Sein gepeinigtes Gehirn 
ließ ihn schwanken, doch er stemmte die Füße gegen die 
Schwelle und schob sich vorwärts. Er stieß auf stofflichen 
Widerstand, einer Welle aus undurchdringbarem Feuer gleich, 
heißer als Flammen und kälter als Eis. Doch er preßte vorwärts 
und spürte, wie das Hindernis langsam nachgab. 

Fuß um Fuß, Schritt für Schritt kämpfte er sich in die Halle des 
Todes und trieb die Stille vor sich her. Jeder Schritt war 
teuflische, mörderische Pein, jeder Fußbreit die Hölle. Den Kopf 
gesenkt, die Schultern nach vorn gestemmt, die Arme in wildem 
Rhythmus schlagend, so erkämpfte Kull seinen Weg ins Innere, 
während große Blutstropfen auf seiner Stirn und seinen Brauen 
zusammenliefen. 

Hinter ihm begannen sich die Männer taumelnd zu erheben, 
schwach noch und schwindlig von der Stille, die ihren Verstand 
beherrscht hatte. Sie starrten verständnislos auf die Tür, wo ihr 
König allein die mörderische Schlacht um das Universum focht. 
Blind kroch Brule vorwärts, das Schwert über  den Boden 
schleifend, noch nicht wieder er selbst, doch von seinen 
halbverschütteten Instinkten geleitet, dem König zu folgen, und 
wenn der Weg in die Hölle führte. 

Kull zwang die Stille zurück, Schritt um mühsamen Schritt, und er 
spürte, wie sie schwächer wurde, wie sie schrumpfe. Im selben 
Maße wurde der Gong lauter und lauter, bis er mit seinem 
Dröhnen die Halle erfüllte, die Erde, den Himmel. Die Stille 
duckte sich vor ihm, zog sich zusammen, verkroch sich in sich 
selbst in einer schrecklichen Gestalt, die Kulls Augen sahen - und 
doch nicht sahen. Sein Arm schien zu erlahmen, doch mit einer 
gewaltigen Anstrengung verstärkte er die Gongschläge, bis sich 
die Stille in einer dunklen Ecke wand und kleiner und kleiner 
wurde. Ein letzter Schlag noch! Alle Geräusche des Universums 
erklangen zusammen in einer brüllenden, gellenden, 
schmetternden, alles umtosenden Kakophonie! Der Gong 

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-9 5 - 

zerschellte in einer Million schwingender Splitter. Und die  Stille 
schrie! 

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-9 6 - 

DIESE AXT IST MEIN ZEPTER! 

(By this Axe I Rule) 

>Meine Lieder sind die Nägel zu des Königs Sarg! < 

"Um Mitternacht muß der König sterben!" 

Der Sprecher war groß, hager und dunkelhaarig. Eine krumme 
Narbe nahe am Mund verlieh ihm ein ungewöhnlich finsteres 
Aussehen. Die Zuhörer nickten. Ihre Augen funkelten. Vier waren 
es: ein kleiner dickleibiger Mann mit ängstlichem Gesicht, 
weichem Mund und vorquellenden Augen, die ihm einen Ausdruck 
unentwegter Neugier verliehen; ein grimmiger Riese, 
grobschlächtig und mit dichtem Haarwuchs; ein 
hochgewachsener, drahtiger Mann in der Kleidung eines 
Hofnarren, dessen brennende, blaue Augen mit einer Spur von 
Wahnsinn funkelten; und ein untersetzter Zwerg mit überbreiten 
Schultern und überlangen Armen. 

Der erste Sprecher lächelte auf eine frostige Weise. "Laßt uns 
jetzt den Eid schwören, den keiner brechen kann - den Eid des 
Messers und des Feuers! Nicht, daß ich euch nicht vertraue. 
Aber ich halte es für besser, wenn wir einander sicher sein 
können. Es kommt mir vor, als ob einige es mit der Angst 
bekämen." 

"Du hast leicht reden, Ardyon", sagte der kleine, dicke Mann. "Du 
bist bereits ein Geächteter, auf dessen Kopf ein Preis steht. Du 
hast nichts mehr zu verlieren. Du kannst nur gewinnen, aber wir 
..." 

"Ihr habt viel zu verlieren und noch viel mehr zu gewinnen", 
erwiderte der Geächtete ungerührt. "Ihr habt mich aus meinem 
Unterschlupf in den Bergen geholt, weil ihr mich braucht, euren 
König zu stürzen. Ich habe den Plan geschmiedet, die Schlinge 
und den Köder ausgelegt und stehe bereit, die Beute zu töten - 
aber ich muß mir eurer Unterstützung sicher sein. Seid ihr bereit 
zu schwören?" 

"Genug des dummen Geredes", rief der Mann mit den 
brennenden Augen. "Ja, wir werden noch heute schwören, und 

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-9 7 - 

wir kommen in der Nacht zum Totentanz für einen König! >0h, zu 
der Streitwagen Lied und der Geier Flügelschlag. <" 

"Spar dir deine Lieder für ein andermal auf, Ridondo", sagte 
Ardyon lachend. "Es ist die Stunde der scharfen Kimgen, nicht 
der Gesänge." 

"Mein Lieder sind die Nägel zu des Königs Sarg!" rief der 
Spielmann und zog einen langen, schmalen Dolch. "Diener, bringt 
eine Kerze her! Ich werde den Schwur als erster leisten!" 

Während ein Sklave eine lange, dünne Kerze brachte, ritzte 
Ridondo sein Handgelenk, daß Blut aus dem Schnitt quoll. Einer 
nach dem anderen folgten die übrigen seinem Beispiel und 
hielten die Wunden so, daß das Blut noch nicht tropfen konnte. 
Dann ergriffen sie einander an den Händen in einem Kreis um 
die brennende Kerze und drehten ihre Handgelenke, daß die 
Blutstropfen in die Flamme fielen. Während es zischte und 
knisterte, sprachen sie: 

"Ich, Ardyon, ein Verbannter und Geächteter, schwöre mit 
diesem Bluteid, zu handeln und zu schweigen." 

"Und ich, Ridondo, der berühmteste Spielmann an den Höfen 
Valusiens!" rief der Sänger. 

"Und ich, Ducalon, Graf von Komahar", sagte der Zwerg. 

"Und ich, Enaros, Kommandant der Schwarzen Legion", grollte 
der Riese. 

"Und ich, Kaanuub, Baron von BIaal", krächzte der kleine, dicke 
Mann mit hoher zittriger Stimme. 

Die Kerze flackerte und erlosch unter den roten Tropfen. 

"So erlischt auch das Leben unseres Feindes", sagte Ardyon 
und gab die Hände der Männer frei. Er musterte sie mit sorgsam 
verhohlener Verachtung. Als Gesetzloser wußte er, daß Eide 
keine Versicherung waren, auch nicht solche, die mit Blut 
besiegelt wurden, doch er wußte auch, daß Kaanuub, dem er am 
wenigsten traute, abergläubisch war. Es galt, so sicherzugehen, 
wie es nur möglich war. 

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-9 8 - 

"Morgen", brach Ardyon das Schweigen, "oder besser gesagt, 
heute, denn es dämmert bereits, wird Brule der Speerkämpfer, 
die rechte Hand des Königs, zusammen mit Ka-nu, dem 
piktischen Botschafter, nach Grondar aurbrechen. Begleiten 
werden sie die piktische Eskorte und eine größere Anzahl der 
Roten Reiter, der Leibwache des Königs." 

"Ja", stimmte Ducalon befriedigt zu. "Und war es auch dein Plan, 
Ardyon, ich habe ihn in die Tat umgesetzt. Ich habe einflußreiche 
Verwandte im Rat von Grondar. Dadurch war es nicht schwer, 
den König von Grondar zu bewegen, Ka-nu an seinen Hof zu 
bestellen. Und da Kull Kanu von allen am meisten schätzt, sorgt 
er auch für eine sichere Begleitung." 

Der Geächtete nickte. 

"Gut. Mit Enaros' Hilfe ist es mir endlich gelungen, einen 
Hauptmann der Roten Garde zu bestechen. Dieser wird seine 
Männer heute kurz vor Mitternacht vom königlichen 
Schlafgemach abziehen. Ein verdächtiges Geräusch oder 
ähnliches wird Vorwand genug sein. Höflinge werden keine 
dasein. Dafür ist auch gesorgt. Und wir werden bereit sein. Wir 
fünf und sechzehn verwegene Kerle, die ich aus den Bergen 
mitgebracht habe. Sie halten sich in der Stadt versteckt. 
Einundzwanzig gegen einen .,." 

Er lachte. Enaros nicke. Ducalon grinste. Kaanuub erbleichte. 
Ridondo klatschte in die Hände und rief: 

"Valka! Kein Meister der goldenen Saiten wird diese Nacht je 
vergessen! Der Sturz des Tyrannen, der Tod des Despoten  - 
Überall werden sie meine Lieder singen!" 

Seine Augen loderten mit einem fanatischen Feuer. Die anderen 
starrten ihn zweifelnd an, außer Ardyon, der den Kopf senkte, um 
sein Grinsen zu verbergen. Abrupt stand der Geächtete auf. 

"Genug! Geht jetzt nach Hause und laßt euch nicht anmerken, 
was wir vorhaben." Er musterte Kaanuub und zögerte. "Baron, 
Euer bleiches Gesicht wird Euch verraten. Wenn Kull zu Euch 
kommt und Euch mit seinen eisgrauen Augen ansieht, sind wir 

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-9 9 - 

alle verloren. Zieht Euch auf Euren Landsitz zurück und wartet 
auf Nachricht von uns. Zu viert schaffen wir es auch." 

Kaanuub sank fast in die Knie vor Erleichterung und 
verabschiedete sich mit dankbarem Gestammel. Die anderen 
nickten dem Geächteten zu und gingen ebenfalls. 

Ardyon streckte sich wie eine große Katze und grinste. Er rief 
einen Sklaven. Ein finster aussehender Kerl erschien, dessen 
Schulter mit dem Zeichen der Diebe gebrandmarkt 

war. 

"Morgen", sagte Ardyon und nahm den Becher entgegen, 
"morgen werde ich durch die Straßen gehen, und jeder mag mich 
sehen. Seit Monaten, seit dem Tag, da mich die vier Rebellen 
aus den Bergen holten, habe ich mich wie eine Ratte verkrochen 
... mitten unter meinen Feinden. Ich mußte das Tageslicht 
meiden, nachts vermummt durch finstere Gassen schleichen und 
mich noch schwärzerer Wege bedienen, aber ich habe 
fertiggebracht, was diese vier aufrührerischen, doch 
angesehenen Männer nicht konnten. Mit ihrer Hilfe und der vieler 
anderer Handlanger, die mich meist gar nicht zu Gesicht 
bekamen, habe ich im Herzen des Reiches Unzufriedenheit und 
Korruption verbreitet. Ich habe Beamte bestochen und 
aufgewiegelt, das Volk aufgehetzt  - kurzum, ohne aus dem 
Hintergrund hervorzutreten, habe ich den Sturz des Königs 
eingeleitet, mag er sich in diesem Augenblick auch noch sicher 
auf seinem Thron wähnen. Ah, mein Freund, bevor Kaanuub und 
Ducalon mich holten, hatte ich fast vergessen, daß ich 
Staatsmann war, bevor man mich verbannte." 

"Ihr habt seltsame Mitstreiter", sagte der Sklave. "Sie haben 
Schwächen, aber auch ihre Stärken", erwiderte der Geächtete 
entspannt. "Ducalon zum Beispiel - er ist schlau, mutig, waghalsig 
und hat Blutsverwandte in höchsten Kreisen, doch er ist 
bettelarm, seine wenigen Besitzungen sind hoch verschuldet. 
Enaros  - ein wildes Tier, stark und tapfer wie ein Löwe. Er hat 
ziemlichen Einfluß bei den Soldaten, aber um mehr zu erreichen, 
fehlt ihm der Verstand. Kaanuub  - verschlagen, intrigant, 
habsüchtig, aber ungeheuer reich, was für meine Pläne 

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-1 0 0 - 

besonders wichtig ist. Ridondo  - ein verrückter Spielmann, voll 
haarsträubender Pläne, mutig, aber launisch. Das Volk liebt ihn 
wegen seiner Lieder, mit denen er es zum Lachen und Weinen 
bringt. Wenn unser Plan heute nacht gelingt, wird er für unsere 
Beliebtheit sorgen." "Und wer besteigt den Thron?" 

"Kaanuub selbstverständlich  -  wie er annimmt! Er hat eine Spur 
königliches Blut, das Blut jenes Königs, den Kull mit eigenen 
Händen tötete. Ein schwerwiegender Fehler des gegenwärtigen 
Königs. Er weiß, daß es Männer im Reich gibt, die sich ihrer 
Abstammung von der alten Dynastie rühmen, doch er läßt sie am 
Leben. So kommt es, daß Kaanuub um den Thron intrigiert. 
Ducalon träumt von der einstigen Größe seines Titels und seiner 
Besitztümer unter dem alten Regime und hofft sie wieder zu 
erringen. Enaros haßt Kel-kor, den Befehlshaber der Roten 
Reiter, und hält sich für den geeigneteren Mann. Er wäre gern 
Befehlshaber der gesamten valusischen Streitkräfte. Und was 
Ridondo betrifft ... hm! Ein wirklicher Idealist. Er sieht in Kull, dem 
Ausländer und Barbaren, nur einen blutrünstigen Wilden, der 
übers Meer kam, um sein friedliches und schönes Land zu 
erobern. Er hebt den alten König in den Himmel und vergißt, 
welch ein übler Tyrann er war. Er vergißt die 
Unmenschlichkeiten, unter denen das Land während seiner 
Herrschaft zu leiden hatte, und das Volk vergißt es mit ihm. 

Man singt bereits >Das Klagelied für einen König<, in dem 
Ridondo den Schurken als Heiligen hinstellt und Kull den 
>Barbaren mit der schwarzen Seele< nennt. Kull lacht über diese 
Lieder und läßt Ridondo gewähren, aber gleichzeitig wundert er 
sich, warum sich das Volk gegen ihn wendet." 

"Aber warum haßt Ridondo Kull so?" 

"Weil er ein Dichter ist und weil Dichter immer die Mächtigen 
hassen und sich in Träume von vergangenen Zeiten flüchten. 
Ridondo ist eine Fackel des Idealismus und sieht sich selbst als 
den Helden, den glänzenden Ritter, der auszieht, den Tyrannen 
zu stürzen." 

"Und Ihr?" 

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-1 0 1 - 

Ardyon lachte und leerte den Becher. "Ich habe so meine 
eigenen Ideen. Dichter sind gefährlich, weil sie das glauben, was 
sie singen, wenn es frisch aus dem Herzen kommt. Ich, nun ich 
glaube, was ich denke. Und ich denke mir, Kaanuub wird den 
Thron nicht allzu lange halten. Noch vor ein paar Monaten hatte 
ich nichts anderes mehr im Sinn, als bis an mein Lebensende 
Dörfer und Karawanen zu überfallen. Jetzt allerdings - nun, wir 
werden sehen." 

2 >Damals war ich der Befreier - heute 

Ein Raum, der trotz der kostbaren Wandbehänge und der 
schweren Teppiche auf dem Boden seltsam karg wirkte. Ein 
kleiner Schreibtisch, hinter dem ein Mann saß. Dieser Mann 
wäre unter Millionen aufgefallen. Das lag nicht so sehr an seiner 
ungewöhnlichen Statur, seiner Größe und seinen mächtigen 
Schultern, obgleich diese Merkmale den Eindruck verstärkten. Es 
war sein Gesicht, das mit seiner düsteren Unbewegtheit den 
Blick auf sich zog, und es waren seine schmalen grauen Augen, 
die den Willen seines Gegenübers mit ihrer eisigen Kraft 
bezwangen. Jede seiner Bewegungen, auch die kleinste, verriet 
stählerne Muskeln und einen Verstand, der sich ihrer zu 
bedienen wußte. Nichts an seinen Bewegungen war bewußt oder 
überlegt. Er war entweder im Zustand vollkommener Reglosigkeit 
- einer Bronzestatue gleich - oder er war in Bewegung, und zwar 
mit einer katzenhaften Schnelligkeit, der das Auge kaum zu 
folgen vermochte. Im Augenblick hatte er das Kinn auf die Fäuste 
gestützt und die Ellenbogen auf den Schreibtisch und blickte 
düster auf den Mann, der vor ihm stand und gerade damit 
beschäftigt war, die Riemen seines Brustpanzers zu schließen. 

Dabei pfiff er geistesabwesend vor sich hin. Das war ein  ganz 
und gar ungewöhnliches Verhalten für einen, der sich in der 
Gegenwart eines Königs befand. 

"Brule", sagte der König, "diese Regierungsgeschäfte ermüden 
mich mehr, als es alle meine Schlachten zusammen getan 
haben." 

"Das gehört nun einmal zum Spiel, Kull", antwortete Brule. "Ihr 
seid der König. Ihr müßt Euch an die Regeln halten." 

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-1 0 2 - 

"Ich wollte, ich könnte mit dir nach Grondar reiten", sagte Kull 
neiderfüllt. "Es ist eine Ewigkeit her, daß ich ein Pferd zwischen 
den Schenkeln hatte, aber Tu sagt, daß dringliche 
Angelegenheiten meine Anwesenheit erfordern. Valka verdamme 
ihn! 

Ich habe aufgehört, die Monate zu zählen", fuhr er mit 
wachsendem Grimm fort, als er keine Antwort erhielt, "seit ich 
das alte Herrschergeschlecht aus dem Palast fegte und den 
Thron Valusiens bestieg. Davon hatte ich schon geträumt, als ich 
noch ein kleiner Junge im Land meiner Stammesbrüder war. Und 
wie einfach war es. Wenn ich jetzt auf den langen harten Weg 
zurückschaue, kommen mir alle Anstrengungen, Kämpfe und 
Entbehrungen so fern  und unwirklich vor, als hätte ich sie nur 
geträumt. Und welch ein Aufstieg war es: vom einfachen Jäger in 
Atlantis zu den lemurischen Galeeren - zwei Jahre an ihre Ruder 
gekettet -, dann zum Gesetzlosen in den Bergen Valusiens, zum 
Gefangenen in den Kerkern der Stadt, zum Gladiator in der 
Arena, zum Soldaten der valusischen Armee, zu ihrem 

Befehlshaber, schließlich zum König! 

Mein Fehler, Brule, war, daß ich nicht zu Ende träumte. Ich sah 
mich immer nur den Thron erobern. Darüber blickte ich nicht 
hinaus. Als König Borna tot vor meinen Füßen lag und ich die 
Krone von seinem blutigen Kopf riß, hatte ich die fernste Grenze 
meiner Träume erreicht. Von da an war alles trügerisch und 
falsch. 

Ich hatte nie mehr gewollt, als einen Thron zu erobern, nicht 
darauf zu sitzen. 

Als ich Borna stürzte, damals jubelte mir das Volk zu. Damals 
war ich der Befreier - heute murren sie hinter meinem Rücken 
und blicken finster hinter mir her. Sie spucken auf meinen 
Schatten, wenn sie glauben, daß ich es nicht sehe. Von Borna, 
dem  toten Schwein, haben sie eine Statue im Tempel der 
Schlange aufgestellt und bejammern, daß ihr großer geheiligter 
König von einem blutrünstigen Barbaren erschlagen worden ist. 
Als ich als Krieger ihre Armeen zum Sieg führte, da sahen sie 

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-1 0 3 - 

über die Tatsache  hinweg, daß ich ein Fremder bin. Aber jetzt 
können sie es mir nicht verzeihen. 

Und jetzt kommen sie in den Tempel der Schlange gekrochen, 
um Räucherwerk zu Bornas Andenken zu entzünden ... Männer, 
die seine Henker geblendet und verstümmelt haben, Väter, deren 
Söhne in seinen Kerkern ein Ende fanden, Ehemänner, deren 
Frauen in seinem Harem verschwanden. Pah! Die Menschen 
sind alle Narren." 

"Dafür ist hauptsächlich Ridondo verantwortlich", erklärte der 
Pikte und schnürte den Schwertgurt um ein Loch enger. "Die 
Lieder, die er singt, machen das Volk verrückt. Hängt ihn in 
seinen Narrenkleidern auf den höchsten Turm der Stadt. Laßt ihn 
Reime für die Geier schmieden." 

Kull schüttelte die Löwenmähne. "Nein, Brule. Er steht außerhalb 
meiner Gewalt. Ein großer Dichter steht über dem höchsten 
König. Er haßt mich, dennoch wäre ich gern sein Freund. Seine 
Lieder sind mächtiger als mein Zepter, denn immer wieder hat er 
mich zutiefst bewegt, wenn er für mich sang. Ich werde sterben 
und vergessen sein. Seine Lieder werden ewig leben." 

Der Pikte zuckte die Schultern. "Wenn Ihr es so wollt. Ihr seid der 
König, und das Volk kann Euch nicht absetzen. Die Roten Reiter 
stehen wie ein Mann hinter Euch, zusammen mit dem ganzen 
Piktenreich. Wir sind beide Barbaren, wenn wir auch den größten 
Teil unseres Lebens in diesem Land verbracht haben. Ich muß 
jetzt gehen. Ihr habt nichts zu befürchten, außer einem Dolch im 
Rücken, was so gut wie unmöglich ist, weil Tag und Nacht eine 
Abteilung Rote Reiter für Eure Sicherheit sorgt." 

Kull hob grüßend die Hand, und der Pikte schritt mit schweren 
Schritten aus dem Raum. 

Ein anderer Mann wartete bereits auf eine Audienz, was Kull 
erneut zu Bewußtsein brachte, daß die Zeit eines Königs seinen 
Untertanen gehörte. 

Es war ein junger Edelmann aus der Stadt mit Namen Seno val 
Dor. Dieser berühmte Schwertkämpfer und Draufgänger 
erschien in einem Zustand deutlicher Verstörtheit vor dem König. 

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-1 0 4 - 

Seine Samtkappe war zerknittert, und als er sie fallen ließ, 
während er sich auf die Knie warf, hing die große Feder traurig 
herab. Seine kostbaren Kleider waren schmutzig, so als wäre 
ihm in seiner tiefen Verzweiflung seine äußere Erscheinung seit 
Tagen gleichgültig gewesen. 

"König, o mein Lord König", sagte er aus tiefster Seele, "um der 
ruhmreichen Taten meiner Familie willen, Majestät, und um 
meiner Treue willen, flehe ich Euch an, gewährt mir in Valkas 
Namen eine Bitte." 

"Nenne sie." 

"Mein Lord König, ich liebe ein Mädchen. Ohne sie kann ich nicht 
mehr leben. Ohne mich wird sie sterben. Ich kann nicht mehr 
essen und  nicht mehr schlafen, weil ich immer an sie denken 
muß. Ihre Schönheit verfolgt mich am Tag und in der Nacht - das 
strahlende Bild ihrer Lieblichkeit ..." 

Kull bewegte sich unruhig. Er war nie verliebt gewesen. 

"Dann heirate sie doch, in Valkas Namen!" 

"Ah!" rief der Jüngling. "Das geht ja nicht! Sie ist eine Sklavin. 
Sie heißt Ala und gehört Ducalon, dem Grafen von Komahar. In 
den schwarzen Gesetzbüchern Valusiens steht geschrieben, 
daß ein Edelmann keine Sklavin ehelichen darf. Das war schon 
immer so. Ich  habe Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt und 
doch immer nur die gleiche Antwort erhalten. Edelleute können 
niemals Sklaven heiraten. Es ist schrecklich. Sie sagen, daß es 
noch nie in der langen Geschichte des Reiches vorgekommen 
ist, daß ein Edelmann eine Sklavin heiraten wollte. Gibt es keinen 
Weg für mich? Ich wende mich an Euch als meine letzte 
Hoffnung." 

"Und verkauft dieser Ducalon sie nicht?" 

"Doch, aber das würde wenig ändern. Sie wäre dann noch immer 
eine Sklavin, und man darf ebensowenig seine eigene Sklavin 
heiraten. Und ich will sie nur als mein Weib. Alles andere wäre 
nur eine Verhöhnung unserer Liebe. Ich möchte sie der Welt 
zeigen, geschmückt und gewandet wie es einer Gemahlin val 
Dors geziemt. Aber das ist nur möglich, wenn Ihr mir helfen 

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-1 0 5 - 

könnt. Sie wurde als Sklavin geboren, als Kind von Sklaven, 
deren Vorfahren seit hundert Generahonen Sklaven sind. Sie 
wird eine Sklavin sein, so lange sie lebt, und ihre Kinder ebenso. 
Daher darf sie keinen Freien heiraten." 

"Dann werde selbst ein Sklave", schlug Kull vor und beobachtete 
den Jüngling scharf. 

"Das wollte ich", erwiderte Seno so aufrichtig, daß Kull ihm sofort 
glaubte. "Ich ging zu Ducalon und sagte zu ihm: 

>Ihr besitzt eine Sklavin, die ich liebe. Ich möchte sie heiraten. 
Nehmt mich als Euren  Sklaven, so daß ich ihr nah sein kann.< 
Entsetzt schlug er mir meinen Wunsch ab. Er wollte mir das 
Mädchen verkaufen, ja, sie mir schenken, aber er wollte mich 
nicht als Sklaven nehmen. Und mein Vater hat den Bluteid 
geschworen, mich zu töten, wenn ich die Schande der Sklaverei 
über den Namen val Dor brächte. Nein, mein Lord König, nur Ihr 
könnt mir noch helfen." 

Kull rief nach Tu und legte ihm den Fall dar. Tu, der oberste 
Berater, schüttelte den Kopf. "In den großen eisengebundenen 
Büchern steht es geschrieben, so wie Seno es gesagt hat. Es 
war immer Gesetz und wird es auch immer sein: Einer von edlem 
Geschlecht darf sich nicht verbinden mit einem Sklaven." 

"Kann ich dieses Gesetz nicht ändern?" fragte Kull. 

Tu legte eine Steintafel vor ihn auf den Tisch, in die das Gesetz 
gemeißelt war. 

"Seit Tausenden von Jahren besteht dieses Gesetz. Seht her, 
Kull, die ersten Gesetzgeber schrieben es in Stein nieder, vor so 
vielen Jahrhunderten, die ein Mann im Verlauf einer ganzen 
Nacht nicht zählen könnte. Weder Ihr noch ein anderer König 
besitzt die Macht, es zu ändern." 

Kull fühlte plötzlich wieder das unerträgliche Gefühl völliger 
Hilflosigkeit, wie so oft in letzter Zeit. Es schien ihm, daß 
Regentschaft nur eine andere Art der Sklaverei war. Er hatte 
sich immer mit seinem Schwert durchgesetzt und erschlagen, 
wer sich ihm in den Weg stellte. Wie konnte er sich gegen 
besorgte und respektvolle Freunde behaupten, die sich vor ihm 

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-1 0 6 - 

verbeugten, ihm schmeichelten und sich gegen jede Neuerung 
sträubten; die sich und ihre alten Bräuche hinter Tradition und 
Unantastbarkeit verschanzten und ihm jede Änderung 
verwehrten? 

"Geh", sagte er mit einer müden Handbewegung. "Es tut mir leid, 
aber ich kann dir nicht helfen." 

Seno val Dor verließ den Raum mit hängendem Kopf und 
gebeugten Schultern, mit leerem Blick und schlurfenden 
Schritten. Er war ein gebrochener Mann. 

3 >Ich hielt Euch für einen Tiger in Menschengestalt! <" 

Ein kühler Wind strich durch den Wald. Das silberne Band eines 
Baches wand sich zwischen den Stämmen mächtiger Bäume 
dahin, um die sich starke Schlinggewächse und blühende 
Kletterpflanzen rankten. Ein Vogel sang, und das weiche Licht 
der Spätsommersonne drang durch das dichte Laubwerk und 
streute ein Licht- und Schattenmuster wie von goldenem und 
schwarzem Samt auf den grasbewachsenen Waldboden. 
Inmitten dieser idyllischen Stille lag ein Sklavenmädchen. Sie 
hatte ihr Gesicht auf die weißen Arme gedrückt und weinte, als 
ob ihr kleines Herz brechen würde. Die Vögel sangen, doch sie 
war taub dafür; die Bäche murmelten ihr fröhlich zu, doch sie war 
stumm; die Sonne schien so wunderschön, doch sie war blind - 
das ganze Universum war ein schwarzer Abgrund, in dem es nur 
Schmerz und Tränen gab. 

Deshalb hörte sie auch die leisen Schritte nicht und sah den 
großen, breitschulterigen Mann nicht, der aus dem Buschwerk 
trat und neben ihr stehenblieb. Sie wurde sich seiner 
Anwesenheit erst bewußt, als er sich niederkniete und sie 
aufrichtete. Mit Händen, die so behutsam wie die einer Frau 
waren, wischte er ihr die Tränen aus den Augen. 

Das Sklavenmädchen blickte in ein dunkles unbewegtes Gesicht 
hoch, dessen eisige graue Augen wundersam sanft waren. An 
seinem Aussehen konnte sie erkennen, daß der Mann kein 
Valusier war, und in diesen unsicheren Zeiten bedeutete es für 
ein Sklavenmädchen nichts Gutes, allein im Wald von einem 

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-1 0 7 - 

fremden Mann, noch dazu einem Ausländer, überrascht zu 
werden, doch sie war zu unglücklich, sich zu fürchten, zudem sah 
der Mann freundlich aus. 

"Was ist denn geschehen, Kind?" fragte er, und weil eine 
verzweifelte Frau meist jedem ihr Herz ausschüttet, der 
mitfühlend Anteil nimmt, schluchzte sie: "Oh, ich bin so 
unglücklich. Ich liebe einen jungen Edelmann ..." 

"Seno val Dor?" 

"Ja, Herr." Ihre Augen weiteten sich vor Erstaunen. "Woher wißt 
Ihr das? Er möchte mich heiraten, und nachdem bisher alle 
Versuche, die Erlaubnis zu erlangen, fehlgeschlagen sind, begab 
er sich heute zum König. Aber der König wollte ihm auch nicht 
helfen." 

Die Miene des Fremden verdüsterte sich. "Hat Seno gesagt, daß 
der König nicht wollte?" 

"Nein, der König rief seinen obersten Ratgeber und sprach mit 
ihm. Und dann fügte er sich seinem Rat. Oh", schluchzte sie, "ich 
wußte, es würde umsonst sein! Die Gesetze Valusiens sind für 
alle Ewigkeit geschrieben. Wie grausam und ungerecht sie auch 
sein mögen, kümmert niemand. Sie sind sogar mächtiger als der 
König." 

Das Mädchen konnte spüren, wie sich die Muskeln der Arme, die 
sie hielten, anschwollen und zu eisernen Strängen verhärteten. 
Ein düsterer Ausdruck der Resignation trat in das Gesicht des 
Fremden. 

"Ja", murmelte er, mehr zu sich selbst, "die Gesetze Valusiens 
sind mächtiger als der König." 

Daß sie sich aussprechen konnte, hatte ihr ein wenig geholfen. 
Sie trocknete ihre Tränen. Sklavenmädchen sind Sorgen und 
Leid gewöhnt. Dieses Mädchen hatte es allerdings das ganze 
Leben lang ungewöhnlich gut gehabt. 

"Haßt Seno den König jetzt?" fragte der Fremde. 

Sie schüttelte den Kopf. "Er weiß, daß dem König die Hände 
gebunden sind." 

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-1 0 8 - 

"Und du?" 

"Was meint Ihr?" 

"Haßt du den König?" 

Sie riß erschrocken die Augen auf. "Ich! Oh, Herr, wer bin ich 
denn, daß Ihr das denkt? Ich hab' nie an so etwas gedacht ..." 

"Darüber bin ich froh", sagte der Mann ernst. "Denn der König, 
kleines Mädchen, ist nur ein Sklave wie du, der noch schwerere 
Ketten zu tragen hat." 

"Der arme  Mann", sagte sie mitleidig, obgleich sie die Worte 
nicht ganz verstand. Dann brach es zornig aus ihr hervor: "Aber 
ich hasse die grausamen Gesetze, denen die Menschen 
gehorchen müssen! Warum dürfen sich Gesetze nicht ändern? 
Die Zeit bleibt auch nicht stehen! Warum müssen die Menschen 
heute unter Gesetzen leiden, die für unsere barbarischen 
Vorfahren vor Tausenden von Jahren gegolten haben ..." Sie 
brach plötzlich ab und sah sich furchtsam um. 

"Erzählt es niemandem", flüsterte sie und drückte ihren Kopf 
bittend an seine Schulter. "Es geziemt sich nicht für eine Frau, 
und schon gar nicht für eine Sklavin, so offen über solche Dinge 
ihre Meinung zu sagen. Ich werde sicherlich bestraft, wenn meine 
Herrin oder mein Herr davon erfahren." 

Der große Mann lächelte. "Sei ohne Sorge, Kind. Auch der König 
würde dich für deine Worte nicht bestrafen. Ich glaube sogar, 
daß er denkt wie du." 

"Habt Ihr denn den König selbst gesehen?" fragte sie mit 
kindlicher Neugier, die ihren Kummer für den Augenblick 
verdrängte. 

"Oft." 

"Und ist er wirklich acht Fuß groß?" fragte sie hastig. "Und hat er 
Hörner unter seiner Krone, wie die Leute sagen?" 

"Kaum", sagte er lachend. "Zu deiner Beschreibung seiner 
Größe fehlen ihm fast zwei Fuß. Und was seine Statur betrifft, so 
könnte er mein Zwillingsbruder sein. Es gibt nicht einen Zoll 
Unterschied zwischen uns." 

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-1 0 9 - 

"Ist er so freundlich wie Ihr?" 

"Manchmal, wenn er sich nicht mit Staatsgeschäften 
herumschlagen muß, deren Sinn er nicht verstehen kann, und mit 
den Eigenheiten eines Volkes, das ihn niemals verstehen wird." 

"Ist er wirklich ein Barbar?" 

"Durch und durch. Er wurde in Atlantis geboren, wo er unter 
heidnischen Barbaren aufwuchs. Er hatte einen Traum, und er 
machte ihn wahr. Weil er ein starker Krieger war, der mit dem 
Schwert umzugehen wußte, weil er in den Schlachten siegreich 
war und die Barbarensöldner in der valusischen Armee ihn 
liebten, wurde er König. Weil er aber ein Krieger und kein 
Staatsmann ist und weil all seine Schwertkunst ihm nun nichts 
mehr nützt, ist sein Thron ins Wanken geraten." 

"Und ist er sehr unglücklich?" 

"Nicht immer", erwiderte der große Mann lächelnd. 

"Manchmal, wenn er sich allein davonstiehlt und ein paar Stunden 
Erholung in den Wäldern sucht, ist er beinah glücklich. 
Besonders, wenn er ein hübsches Mädchen findet, wie ..." 

Das Mädchen schrie erschrocken auf und sank vor ihm auf die 
Knie. "Oh, Majestät, verzeiht mir! Ich wußte es nicht. Ihr seid der 
König!" 

"Hab keine Angst." Kull kniete erneut neben ihr nieder und legte 
seinen Arm um ihren zitternden Körper. "Du hast selbst gesagt, 
ich wäre freundlich ..." 

"Ja, das seid Ihr, Majestät", flüsterte sie mit erstickter Stimme. 
"Ich hielt Euch für einen Tiger in Menschengestalt nach allem, 
was die Leute sagen, aber Ihr seid gütig und freundlich ... a-aber 
... Ihr seid der CKönig, und ich ..." 

Überwältigt von ihrer Verlegenheit und Verwirrung sprang sie 
plötzlich auf und floh und war zwischen den Büschen 
verschwunden. Die Erkenntnis, daß es der König gewesen war, 
dem sie ihre erbärmlichen Sorgen anvertraut hatte, erfüllte sie 
mit solcher Scham, daß sie aus purem Entsetzen die Flucht 
ergriff. 

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-1 1 0 - 

Kull seufzte und erhob sich. Die Staatsgeschäfte riefen ihn. Er 
mußte zurückkehren und mit Problemen ringen, die ihm fremd 
waren und deren Lösung er sich nicht einmal vorstellen konnte. 

4 >Wer stirbt als erster? < 

Zwanzig Gestalten schlichen durch die nächtliche Stille, die sich 
auf die Gänge und Hallen des Palastes gesenkt hatte. Sie trugen 
weiches Lederschuhwerk, das weder auf den dikken Teppichen 
noch auf den Marmorplatten Geräusche verursachte. Die 
Fackeln in den Nischen der Hallenwände spiegelten sich rötlich 
auf blankem Dolch, auf Schwertklinge und scharfgeschliffenem 
Axtblatt. 

"Leise. Leise, verdammt!" zischte Ardyon und blieb stehen, um 
sich nach seinen Gefährten umzusehen. "Hört mit dem lauten 
Geschnaufe auf, wer immer es ist! Der Hauptmann der 
Nachtwache hat dafür gesorgt, daß keine Posten in diesen 
Hallen stehen. Die meisten von ihnen sind zu betrunken dazu. 
Die übrigen folgten seinem Befehl. Dennoch müssen wir 
vorsichtig sein. Unser Glück ist es, daß diese verdammten 
Pikten  - diese blutgierigen Wölfe  - entweder in ihrer Botschaft 
lungern oder unterwegs nach Gron-dar sind. Psst! In Deckung - 
da kommt die Wache!" 

Sie verschwanden hinter einer gewaltigen Säule, hinter der sich 
ein ganzes Regiment verbergen hätte können, und warteten. 
Fast im gleichen Augenblick marschierte eine Abteilung von zehn 
Männern vorbei - hochgewachsene, muskulöse Männer, Statuen 
aus Eisen gleich in ihrem roten Rüstzeug. Sie waren schwer 
bewaffnet. Verwunderung sprach aus manchem Gesicht. Der 
Anführer war totenblaß, sein Mund ein schmaler Strich. Als sie 
an der Säule vorbeikamen, hinter der sich die Eindringlinge 
verbargen, hob er die Hand, um den Schweiß von der Stirn zu 
wischen. Er war jung, und der Verrat am König fiel ihm nicht 
leicht. 

Mit dem leiser werdenden Klirren von Waffen und Rüstzeug 
verschwanden sie in einem der Gänge. . 

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-1 1 1 - 

"Gut!" Ardyon lachte unterdrückt. "Er hat Wort gehalten. Kulls 
Schlafkammer ist unbewacht! Beeilt euch, wir müssen rasch 
handeln. Wenn sie uns auf frischer Tat erwischen, ist es aus mit 
uns, aber einen toten König werden sie rasch vergessen. 
Vorwärts!" 

"Ja, vorwärts!" rief Ridondo. 

Sie stürmten durch den Korridor und hielten keuchend vor einer 
Tür. 

"Hier ist es!" stieß Ardyon hervor. "Enaros, brich die Tür auf!" 

Der Riese warf sich mit seinem ganzen Gewicht dagegen. Beim 
zweitenmal brachen knirschend die Riegel. Das Holz splitterte. 
Die Tür sprang auf und krachte nach innen. 

"Hinein!" brüllte Ardyon mit entflammter Mordlust. 

"Hinein!" kreischte Ridondo. "Tod dem Tyrannen ..." 

Sie erstarrten mitten im Schritt. Kull stand vor ihnen  - kein 
nackter, im Schlaf überraschter Kull, kein verwirrtes, 
unbewaffnetes Opfer, sondern ein wacher, grimmiger Kull, 
bereits halb angekleidet mit dem Rüstzeug eines Roten Reiters 
und mit einer langen Klinge in der Faust. 

Kull hatte an Schlaflosigkeit gelitten und war kurz zuvor 
aufgestanden. Er hatte vorgehabt, den Offizier der Wache in 
sein Gemach zu bitten und sich mit ihm eine Weile zu 
unterhalten. Doch ein Blick durch das Guckloch der Tür hatte ihm 
gezeigt, daß dieser mit seinen Männern abzog. Der ewig 
mißtrauische Verstand des Barbarenkönigs sah dafür 
augenblicklich nur eine Erklärung: Verrat! Er dachte keinen 
Augenblick daran, die Männer zurückzurufen, denn aller 
Wahrscheinlichkeit nach waren sie an der Verschwörung 
beteiligt. Es gab keinen anderen Grund für den Abmarsch. Kull 
verlor keine Zeit. In aller Eile begann er die Rüstung anzulegen, 
die immer in seiner Kammer bereitlag, als Ena-ros sich das 
erstemal gegen die Tür warf. 

Einen Atemzug lang war die Szene erstarrt  - die vier adeligen 
Rebellen in der Tür und die sechzehn Mordgesellen hinter ihnen - 
und in der Mitte des königlichen Schlafgemachs der schweigende 

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-1 1 2 - 

kampfbereite Riese, der ihnen mit seinen schrecklichen 
grimmlodernden Augen den ersten Mut geraubt hatte. 

Doch dann rief Ardyon: "Auf ihn! Macht ihn nieder! Er steht 
gegen zwanzig, und er trägt keinen Helm!" 

Das stimmte, dafür war nicht mehr genug Zeit gewesen, so wie 
jetzt keine Zeit mehr war, den großen Schild von der Wand zu 
nehmen. Dennoch war Kull besser geschützt als jeder der 
Meuchelmörder, mit Ausnahme Enaros' und Ducalons, die ihm in 
voller Rüstung mit geschlossenem Visier gegenüberstanden. 

Mit einem Gebrüll, das von der Decke widerhallte, stürmten die 
Verschwörer in den Raum. Allen voran kam Enaros mit 
gesenktem Kopf wie ein angreifender Stier. Er hielt die Klinge tief 
für einen tödlichen Stoß in den Unterleib. Und Kull sprang ihm wie 
ein reißender Tiger entgegen. Er legte all seine Kraft und sein 
ganzes Gewicht in den Arm, der die Klinge führte. Mit einem 
singenden Laut kam das große Schwert herab und schmetterte 
auf den Helm des Gegners. Schwert und Helm zersprangen, und 
Enaros sackte leblos zu Boden, während Kull mit dem 
klingenlosen Griff in der Faust zurücksprang. o 

"Enaros!" knurrte er, als der zerschmetterte Helm den 
zerschmetterten Schädel erkennen ließ. Dann waren die übrigen 
heran. Er spürte eine Dolchspitze über seine Rippen gleiten und 
schleuderte den Angreifer mit dem linken Arm zur Seite. Er 
schlug einem anderen den Rest seiner Klinge zwischen die 
Augen, daß er besinnungslos und blutüberströmt zu Boden sank. 

"Vier von euch, bewacht die Tür!" schrie Ardyon. Er fürchtete, 
Kull könnte mit seiner gewaltigen Kraft und Flinkheit 
durchbrechen und entkommen. Vier seiner Gesetzlosen lösten 
sich aus dem Ring und bauten sich vor der einzigen Tür auf. Zur 
gleichen Zeit sprang Kull zur Wand zurück und riß eine alte 
Streitaxt herab, die dort schon seit hundert Jahren hängen 
mochte. 

Mit dem Rücken zur Wand starrte er ihnen einen Augenblick lang 
entgegen, dann sprang er mitten unter sie. Es war nicht seine 
Art, auf einen Angriff zu warten. Er bestimmte den Kampf. Ein 

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-1 1 3 - 

Axthieb durchtrennte die Schulter eines Gegners, ein 
fürchterlicher Rückhandstreich zerschmetterte den Schädel 
eines zweiten. Ein Schwert zerbrach an seinem Brustpanzer. 
Ohne diesen hätte er längst in seinem Blut gelegen. Es galt vor 
allem auf den ungeschützten Kopf zu achten und auf die Stellen 
zwischen Brust- und Rückenpanzer. Es brauchte mehr Zeit, eine 
valusische Rüstung anzulegen, als er gehabt hatte. Er blutete 
bereits an der Wange und an den Armen und Beinen, doch so 
blitzschnell und tödlich waren seine Angriffe, daß seine 
Widersacher trotz ihrer zahlenmäßigen Überlegenheit zögerten, 
aus ihrer Deckung herauszugehen. Außerdem behinderten sie 
sich gegenseitig. 

In einem Augenblick drangen sie mit wilden Hieben auf ihn ein, im 
nächsten wichen sie zurück und umringten ihn stechend und 
parierend, und die Toten, die sie vor Kulls Füßen ließen, waren 
stummer Beweis für die Tollkühnheit ihres Versuchs. 

"Feiglinge!" schrie Ridondo außer sich vor Wut. Er riß die Kappe 
vom Kopf und schleuderte sie von sich. Seine Augen glühten 
zornig. "Weicht ihr dem Kampf aus? Wollt ihr, daß der Despot 
am Leben bleibt? Auf ihn!" 

Er stürmte vor und stieß wild zu. Kull, der ihn erkannte, 
zerschmetterte mit einem wuchtigen kurzen Axthieb die Klinge 
und versetzte dem Sänger einen Stoß, der ihn zurücktaumeln 
und zu Boden stürzen ließ. Da gelang es Ardyon, sein Schwert in 
des Königs Arm zu stoßen. Er duckte sich unter Kulls Axthieb und 
konnte sein Leben nur durch einen hastigen Sprung nach hinten 
retten. Einer der Mordgesellen stürzte sich auf Kulls Beine, um 
ihn zu Fall zu bringen, aber nachdem er sich einen Augenblick 
lang scheinbar gegen eine Statue aus Eisen gestemmt hatte, 
stierte er gerade noch rechtzeitig hoch, um die herabsausende 
Axt zu sehen, aber nicht mehr rechtzeitig genug, ihr noch 
ausweichen zu können. In der Zwischenzeit hatte einer seiner 
Gefährten mit seinem Schwert in beiden Händen weit ausgeholt 
und all seine Kraft in den Hieb gelegt. Die Klinge zerhieb den 
Schulterpanzer des Königs und drang in die Schulter darunter. 
Augenblicklich war Kulls Brustpanzer voll Blut. 

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-1 1 4 - 

Ducalon drängte sich in wilder Ungeduld nach vorn, wobei er 
seine Mitstreiter zur Seite stieß. Er hackte mit dem Schwert nach 
Kulls ungeschütztem Kopf. Kull duckte sich, daß die Klinge knapp 
über ihn hinwegzuckte und nur ein Büschel Haare durchhieb. 
Sich unter den Schwertstreich eines Zwerges wie Ducalon zu 
ducken war schwierig für einen Mann von Kulls Größe. 

Kull wirbelte auf der Ferse herum und schwang die Axt aus der 
Seite in einem weiten flachen Bogen, einem angreifenden Wolf 
gleich. Ducalon sackte mit zerschmetterter linker Seite in einem 
Sturzbach von Blut zu Boden. 

"Ducalon!" sagte der König heftig atmend. "Den Zwerg würde ich 
selbst in der Hölle wiedererkennen ..." 

Er richtete sich auf, um dem Angriff Ridondos zu begegnen. Von 
aller Vernunft verlassen stürmte der Sänger mit nicht mehr als 
einem Dolch in der Faust auf ihn zu. Kull hob die Axt und sprang 
einen Schritt zurück. 

"Ridondo!" rief er in scharfem Ton. "Bleib stehen! Dich möchte 
ich nicht verletzen ..." 

"Stirb, Tyrann!" kreischte der Spielmann von Sinnen und warf 
sich auf den König. Kull zögerte mit dem Hieb, den er vermeiden 
wollte, bis es zu spät war. Erst als er den Stahl in seine 
ungeschützte Seite dringen spürte, hieb er in blinder 
Verzweiflung zu. 

Ridondo stürzte mit zerschmettertem Schädel, und Kull stolperte 
an die Wand zurück. Blut quoll zwischen seinen Fingern hervor, 
die er auf die Wunde preßte. 

"Jetzt oder nie! Gebt ihm den Rest!" brüllte Ardyon. 

Kull lehnte sich mit dem Rücken an die Wand und hob seine Axt. 
Er bot einen schrecklichen Anblick. Das Urbild des Kriegers. Er 
stand mit weit gespreizten Beinen. Mit einer blutigen Hand stützte 
er sich an der Wand, mit der anderen hatte er die Axt zum Hieb 
erhoben. Seine grimmigen Gesichtszüge waren zu einer Maske 
des Hasses verzerrt. Die eisigen Augen loderten durch Schleier 
von Blut. Die Männer zögerten. Der Tiger mochte dem Tod nahe 

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-1 1 5 - 

sein, aber er war noch immer stark genug, einige mit sich zu 
nehmen. 

"Wer stirbt als erster?" knurrte Kull zwischen blutigen Lippen 
hervor. 

Ardyon sprang ihn wie ein Wolf an. Noch im Sprung krümmte er 
sich mit der unglaublichen Flinkheit, für die er bekannt war, und 
ließ sich zu Boden fallen, um dem Tod zu entgehen, der in 
Gestalt einer blutigen Axt auf ihn zuraste. Hastig rollte er zur 
Seite und brachte seine Beine in Sicherheit, als Kull sich von der 
Wucht des Hiebes ins Leere fing und erneut ausholte. Diesmal 
sank die Axt knapp neben Ardyons wirbelnden Beinen vier Zoll 
tief in den polierten Holzboden. 

Da wagte ein anderer den Angriff, und die übrigen folgten ihm 
halbherzig. Der erste hatte gedacht, er könnte Kull erreichen und 
ihn niederstrecken, bevor dieser die Axt aus dem Holz bekam, 
doch hatte er den König unterschätzt oder seinen Entschluß 
einen Atemzug zu spät gefaßt, denn die Axt fuhr hoch und herab, 
und das blutige Zerrbild einer menschlichen Gestalt flog vor ihre 
Füße. 

In diesem Augenblick war das hastige Klirren von Schritten von 
der Halle her zu hören, und die Schurken an der Tür riefen: 
"Soldaten kommen!" 

Ardyon fluchte, und seine Männer verließen ihn wie Ratten ein 
sinkendes Schiff. Sie liefen in die Halle hinaus  - blutend und 
hinkend zu einem guten Teil  -, und draußen im Gang erklang 
Rufen, worauf die Verfolgung begann. 

Abgesehen von den toten oder sterbenden Männern auf dem 
Boden befanden sich Kull und Ardyon allein im königlichen 
Schlafgemach. Kulls Knie drohten nachzugeben. Er lehnte sich 
schwer gegen die Wand und beobachtete den Geächteten mit 
dem Blick eines sterbenden Wolfs. Selbst in dieser ausweglosen 
Lage verlor Ardyon seinen Zynismus nicht. 

"Alles scheint verloren zu sein, vor allem die Ehre", murmelte er. 
"Jedoch, der König stirbt aufrecht, und ..." Keiner vermag zu 
sagen, welche Überlegungen ihm noch durch den Kopf gingen, 

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-1 1 6 - 

denn er lief plötzlich auf Kull zu, gerade als dieser sich mit seiner 
Axthand das Blut aus den Augen wischte. Ein Mann mit gezückter 
Klinge vermag rascher zuzustoßen, als ein unvorbereiteter 
Verwundeter mit einer Axt zuschlagen kann, die wie Blei in seiner 
müden Faust liegt. 

Doch gerade als Ardyon zum tödlichen Stoß ansetzte, erschien 
Seno val Dor in der Tür und schleuderte etwas, das blitzte, surrte 
und sich tief in Ardyons Kehle grub. Der Geächtete taumelte, ließ 
sein Schwert fallen und sank vor Kulls Füßen nieder, die sich 
vom pulsierenden Blutstrom aus der durchtrennten Schlagader 
röteten  - als stummer Beweis für Senos Geschicklichkeit im 
Umgang mit Waffen, wozu auch Messerwerfen gehörte. Kull 
starrte verwirrt auf den toten Meuchelmörder hinab, und Ardyons 
gebrochene Augen stierten scheinbar höhnisch zurück, als hätte 
der überraschende Tod ihn um die letzte Erkenntnis betrogen: 

daß alles zu Ende war. 

Während Seno den König stützte, füllte sich der Raum mit 
Bewaffneten in der Uniform der val Dor-Familie, und Kull 
bemerkte, daß ein schüchternes Sklavenmädchen seinen 
anderen Arm hielt. 

"Kull, Kull, seid Ihr tot?" Val Dors Gesicht war sehr blaß. 

"Noch nicht", erwiderte der König heiser. "Kümmert Euch um die 
Wunde an meiner linken Seite. Wenn ich sterbe, dann davon. Sie 
ist tief - Ridondos Abschiedslied! -, die anderen sind nicht tödlich. 
Stillt das Blut für den Augenblick. Es gibt noch etwas zu tun." 

Sie gehorchten verwundert, und als kein Blut mehr floß, spürte 
Kull, obgleich er bereits leichenblaß war, ein wenig seiner Kraft 
zurückkehren. Der gesamte Palast war inzwischen auf den 
Beinen. Hofdamen, Lords, Soldaten, Ratgeber liefen aufgeregt 
herum. Die Roten Reiter sammelten sich schäumend vor Grimm 
und zu allem bereit. Nur schwer ertrugen sie, daß nicht sie, 
sondern andere ihrem König beigestanden hatten. Der junge 
Offizier, der die Wache an der Tür befehligt hatte, war in der 
Dunkelheit entkommen, und alle Anstrengungen, ihn aufzuspüren, 
blieben erfolglos. 

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-1 1 7 - 

Kull, der sich noch immer starrköpfig auf den Beinen hielt, ergriff 
mit einer Hand seine Axt und Senos Schulter mit der anderen, 
wandte sich Tu zu, der händeringend dastand, und befahl: "Bringt 
mir die Steintafel, auf der das Gesetz über die Sklaven 
geschrieben steht." 

"Aber, Lord König ..." 

"Tut, was ich sage!" schrie Kull und hob die Axt. Tu eilte hastig 
aus dem Raum. 

Während er wartete und die Hofdamen seine Wunden 
verbanden und sanft aber vergeblich seine eisernen Finger von 
dem blutigen Axtstiel zu lösen versuchten, lauschte Kull Senos 
aufgeregten Worten. 

"... Ala belauschte Kaanuub und Ducalon bei einer Verschwörung 
... Sie hatte sich in einer kleinen Nische verkrochen, um ihren ... 
unseren Kummer zu beweinen. Da kam Kaanuub auf seinem 
Weg zu seinem Landsitz vorbei. Er zitterte aus Angst, daß ihre 
Pläne schiefgehen könnten, und er wollte mit Ducalon noch 
einmal alles besprechen, um sicherzugehen, daß  sie nichts 
übersehen hatten. 

Er verließ das Haus erst spät am Abend, so daß auch Ala so 
lange warten mußte, bis sie sich davonschleichen und zu mir 
kommen konnte. Es ist ein weiter Weg von Ducalons Haus zum 
Wohnsitz der val Dors, ein weiter Weg für ein kleines Mädchen 
zu Fuß, und obgleich ich sofort meine 

Männer zusammenrief und hierhereilte, wären wir fast zu spät 
gekommen." 

Kull drückte seine Schulter. "Ich werde es dir nicht vergessen." 

Tu kam mit der Gesetzestafel herein und legte sie ehrfürchtig auf 
den Tisch. 

Kull schob alle zur Seite, die um ihn herumstanden, und 

stand aus eigener Kraft. 

"Hört mich, Volk von Valusien", rief er. Nur seine raubtierhafte 
Zähigkeit hielt ihn aufrecht. "Ich stehe vor euch - ich, euer König. 
Ich bin dem Tode nahe, aber das bin ich nicht zum erstenmal. 

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-1 1 8 - 

Hört meine Worte! Ich bin dieses Amtes müde! Ich bin nicht 
König, sondern ein Sklave! Gesetze, Gesetze und wieder 
Gesetze sind es, die mir die Hände binden! Ich kann weder 
Schurken bestrafen noch meine Freunde belohnen, weil mich 
Gesetze, Sitten und Traditionen daran hindern. Bei Valka, in 
Zukunft werde ich nicht nur dem Namen nach König sein! 

Hier stehen die beiden, die mein Leben gerettet haben. Von nun 
an soll kein Gesetz sie daran hindern, zu heiraten, wenn sie es 
wünschen." 

Seno und Ala flogen einander mit einem Jubelruf in die Arme. 

"Aber das Gesetz!" kreischte Tu. 

"Ich bin das Gesetz!" brüllte Kull und schwang seine Axt hoch. 
Sie schmetterte herab, und die Steintafel zersprang in hundert 
Scherben. Die Anwesenden rangen vor Entsetzen die Hände und 
warteten ergeben, daß der Himmel über ihren Köpfen einstürze. 

Kull wankte zurück. Seine Augen funkelten vor Entschlossenheit, 
auch wenn der Raum vor seinem Blick zu verschwimmen drohte. 

"Ich bin der König, das Reich und das Gesetz!" donnerte er und 
ergriff das stabförmige Zepter, das vor ihm lag. Er zerbrach es in 
zwei Teile und warf es von sich. "Dies wird mein Zepter sein!" Er 
schwang die gerötete Axt hoch, daß ein Schauer von 
Blutstropfen über die bleichen Höflinge spritzte. Kull nahm die 
schmale Krone in die linke Hand und lehnte sich an die Wand, als 
die Beine allein ihn nicht mehr tragen wollten. Doch in seinen 
Armen lag immer noch die Kraft des Löwen. 

"Ich bin entweder König oder tot!" brüllte er, und seine mächtigen 
Muskeln spannten sich und seine Augen blitzten. "Wenn euch 
das nicht gefällt, so kommt und holt euch die Krone!" 

Mit der sehnigen Linken hielt er ihnen die Krone entgegen, mit 
der Rechten hob er drohend die Axt. 

"Diese Axt ist mein Zepter! Sie ist das Zeichen meiner 
Herrschaft! Ich habe mich nach Kräften bemüht, der 
Marionettenkönig zu sein, als den ihr mich haben wolltet, und auf 
eure Art zu regieren. Von nun an tue ich es auf meine Weise. 
Wenn ihr nicht kämpfen wollt, werdet ihr gehorchen. Gerechte 

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-1 1 9 - 

Gesetze sollen  bleiben, solche, die veraltet sind, werde ich 
zerschmettern, so wie ich dieses zerschmettert habe. Ich bin der 
König!" 

Einer nach dem anderen beugten die blassen Höflinge und die 
angsterfüllten Damen das Knie und neigten in Furcht und 
Verehrung das Haupt vor dem über und über blutbefleckten 
Riesen, der in grimmigem Triumph auf sie hinabblickte. . 

"Ich bin der König!" 

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-1 2 0 - 

NUR EINEN GONGSCHLAG LANG 

(The Striking of the Gong) 

Irgendwo in der heißen roten Finsternis begann ein Pochen. Es 
war ein pulsierender Rhythmus, lautlos, doch fühlbar in der 
atemlosen Stille. Der Mann bewegte sich. Er tastete blind um sich 
und setzte sich auf. Zuerst vermeinte er, auf den hohen, 
gleichmäßigen Wellen eines schwarzen Meeres dahinzutreiben, 
auf Wogen, die in stumpfer Gleichförmigkeit auf und ab rollten, 
was ihm beinah körperlichen Schmerz bereitete. Er spürte das 
Pulsieren und Pochen in der Luft und streckte die Hände aus, als 
könnte er die Schwingungen festhalten. Aber war das Pochen 
wirklich in der Luft um ihn  - oder in seinem Kopf? Er konnte es 
nicht sagen, und ein phantastischer Gedanke durchzuckte ihn - 
das Gefühl, in seinem eigenen Schädel eingeschlossen zu sein. 

Das Pulsieren ließ nach und schwand. Er preßte die Hände 
gegen seine schmerzenden Schläfen und versuchte sich zu 
erinnern. Erinnern? Woran? 

"Das ist seltsam", murmelte er. "Wer oder was bin ich? Was ist 
das für ein Ort? Was ist geschehen, und weshalb bin ich hier? 
Bin ich schon immer hier gewesen?" 

Er stand auf und wollte sich umsehen. Vollkommene Dunkelheit 
umgab ihn. Er kniff die Augen zusammen, doch er vermochte 
nicht den kleinsten Lichtschimmer auszumachen. Er streckte die 
Arme aus und setzte wie ein Blinder vorsichtig Fuß vor Fuß. Licht 
suchte er, so instinktiv wie eine Pflanze. 

"Das kann einfach nicht alles sein", grübelte er. "Es muß auch 
etwas anders geben - aber was ist anders als dies? Licht! Ja, ich 
erinnere mich an Licht, aber ich kann mich nicht entsinnen, was 
Licht ist. Ganz gewiß kenne ich eine Welt, die anders ist als 
diese." 

Weit entfernt entstand ein schwacher, grauer Schimmer. Er eilte 
darauf zu. Der Schimmer breitete sich aus, bis der Mann den 
Eindruck hatte, einen langen, sich stetig erweiternden Korridor 

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-1 2 1 - 

entlangzugehen. Dann stand er mit einemmal im blassen 
Sternenlicht und spürte den kalten Wind in seinem Gesicht. 

"Das ist Licht", murmelte er. "Aber das ist noch nicht alles." 

Er empfand und er erkannte das Gefühl, sich in 
atemberaubender Höhe zu befinden. Hoch über ihm, doch auch 
um ihn und unter ihm, funkelten und glitzerten wie in einem 
majestätischen kosmischen Ozean die kalten Sterne. Er runzelte 
nachdenklich die Stirn, als er diese Pracht bewunderte. 

Dann wurde ihm bewußt, daß er nicht allein war. Eine große, 
undeutliche Gestalt hob sich gegen den Sternenhimmel ab. 
Instinktiv fuhr seine Hand an seine linke Seite - und sank schlaff 
herab. Er war nackt und ohne Waffe. 

Die Gestalt kam näher. Es war ein Mann, ein sehr alter Mann 
offenbar, auch wenn seine Züge in dem trügerischen Licht kaum 
zu erkennen waren. 

"Du bist neu hier?" fragte er mit einer tiefen, klaren Stimme, die 
wie der Schlag eines Jadegongs klang. Bei diesem Klang wurden 
Erinnerungen in dem Mann lebendig, der die Stimme hörte. 
Verwirrt rieb er sich das Kinn. 

"Jetzt entsinne ich mich", sagte er. "Ich bin Kull, König von 
Valusien - aber was tue ich hier, nackt und waffenlos?" 

"Niemand kann etwas mitnehmen durch dieses Tor", erwiderte 
der andere rätselhaft. "Denke nach, Kull von Valusien. Weißt du 
nicht mehr, wie du hierhergekommen bist?" 

"Ich stand an der Tür zum Ratssaal", überlegte Kull,  "und ich 
entsinne mich, daß die Wache auf dem äußeren Turm den Gong 
schlug, um die volle Stunde zu verkünden, da ging der helle Klang 
des Gongs plötzlich in einem lauten, schmetternden Lärm unter. 
Alles wurde dunkel, und rote Funken sprühten kurz vor meinen 
Augen. Dann erwachte ich in einer Höhle oder einer Art Korridor, 
ohne mich an irgend etwas zu erinnern." 

"Du bist durch das Tor geschritten. Dahinter scheint es immer 
dunkel zu sein." 

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-1 2 2 - 

"Dann bin ich wohl tot? Bei Valka! Ein Feind muß mir hinter einer 
der  Säulen im Palast aufgelauert und mich niedergestreckt 
haben, als ich mich mit Brule, dem Pikten, unterhielt." 

"Ich habe nicht gesagt, daß du tot bist", erwiderte die Gestalt. 
"Vielleicht ist das Tor nicht ganz geschlossen. Es wäre nicht das 
erstemal." 

"Aber wo bin ich hier? Im Paradies oder in der Hölle? Es ist .nicht 
die Welt, in der ich geboren wurde. Und diese Sterne - ich habe 
sie nie zuvor gesehen. Die Sternbilder sind großartiger und 
leuchtender als alle, die ich kenne." 

"Sie sind Welten jenseits der  Welten, Universen innerhalb und 
außerhalb von Universen", erklärte der Alte. "Dies ist nicht die 
Welt, auf der du geboren wurdest. Du befindest dich in einem 
anderen Universum, ohne Zweifel in einer anderen Dimension." 

"Dann bin ich ganz sicherlich tot." 

"Was ist der Tod anderes als ein Durchschreiten der Ewigkeiten 
und ein Überqueren der kosmischen Meere? Doch ich habe 
nicht gesagt, daß du tot bist." 

"Aber wo, in Valkas Namen, bin ich dann?" brüllte Kull, dessen 
Geduld erschöpft war. 

"Dein barbarischer Verstand klammert sich an stoffliche 
Gegebenheiten", erwiderte der andere ruhig. "Welche Rolle spielt 
es, wo du dich befindest oder ob du tot bist, wie du es nennst? 
Du bist Teil des großen Lebensmeeres, das an alle Ufer spült, 
und du bist überall, hier wie dort, Teil von ihm, und wirst 
schließlich zu seiner Quelle, dem Schoß allen Lebens, 
zurückfließen. Glaube mir, du bist für alle Ewigkeiten an das 
Leben gebunden, wie es ein Baum, ein Stein, ein Vogel oder eine 
Welt ist. Wie kannst du es den Tod nennen, wenn nicht mehr 
geschieht, als daß du deinen unbedeutenden Planeten, deine 
ungeschlachte Form verlassen mußt?" 

"Aber ich habe immer noch meinen Körper." 

"Ich habe nicht gesagt, daß du tot bist, wie du es nennst. Was 
das betrifft, magst du dich noch immer auf deinem kleinen 
Planeten aufhalten. Welten in Welten, Universen in Universen. 

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-1 2 3 - 

Es gibt Dinge, die sind zu klein oder zu groß für die menschliche 
Vorstellungskraft. Jedes Sandkorn auf dem Strand von Valusien 
trägt unzählige Universen in sich und ist selbst als ein Ganzes 
ein Teil des großen Planes aller Universen, wie die Sonne, die du 
kennst. Dein Universum, Kull von Valusien, ist vielleicht ein 
Sandkorn am Strand eines anderen mächtigen Königreiches. 

Du hast die Grenzen der stofflichen Schranken durchbrochen. 
Vielleicht bist du nun in einem Universum, das eines der 
Edelsteine an dem Mantel bildet, den du auf Valusiens Thron 
getragen hast. Und das Universum, das du kennst, ist Teil des 
Spinnennetzes dort im Gras vor deinen Füßen. Ich sage dir, 
Größe und Raum und Zeit sind relativ und existieren nicht 
wirklich." 

"Bist du ein Gott?" fragte Kull neugierig. 

"Wissen und Weisheit machen noch keinen Gott", erwiderte der 
Alte fast ungeduldig. "Sieh!" Eine schattenhafte Hand deutete auf 
die Sterne, die wie herrliche Juwelen glitzerten. 

Kull sah, daß sie sich mit unvorstellbarer Geschwindigkeit 
veränderten, daß Bilder und Muster in stetem Fluß wechselten. 

"Auch die Sterne, die du für so beständig hältst, verändern sich 
in ihren eigenen Zeitablauf, so rasch wie die Rassen der 
Menschen entstehen und vergehen. Während wir sie hier 
beobachten, kriechen Lebewesen auf jenen, die Planeten sind, 
aus dem Urschlamm und erklimmen die langen und 
beschwerlichen Leitern zu Kultur und Weisheit und sterben mit 
ihren zerfallenden Welten. Alles ist Leben und Teil des Lebens. 
Für sie vergehen Milliarden von Jahren, für uns nur ein 
Augenblick. So ist das Leben." 

Kull beobachtete fasziniert, wie einzelne Sterne und gewaltige 
Sternbilder aufglühten und verblichen, während andere, genauso 
strahlend, ihre Stelle einnahmen, um den gleichen Weg zu gehen. 

Da überschwemmte ihn plötzlich erneut die heiße, rote Finsternis 
und löschte die Sterne aus. 

Wie durch einen dichten Nebel hörte er das vertraute Klirren von 
Schwertern. 

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-1 2 4 - 

Dann stand er taumelnd auf den Beinen. Im hellen Schein der 
Sonne, der wie geschmolzenes Gold durch breite Fenster fiel, 
sah er die hohen Marmorsäulen und Mauern des Königspalasts. 
Hastig tastete er an sich hinab und berührte Kleider und ein 
Schwert an der Seite. Er war voll Blut. Ein rotes Rinnsal floß aus 
einer leichten Schläfenwunde. Doch der größte Teil des Blutes 
an seinen Gliedern und seinem Gewand war nicht sein eigenes. 
Zu seinen Füßen lag in einer roten Lache, was einst ein Mann 
gewesen war. Das Schwerterklirren, das er gehört  hatte, war 
verstummt bis auf das Echo von den Wänden. 

"Brule! Was ist los? Was ist geschehen? Wo bin ich gewesen?" 

"Ihr wart auf einer Reise, die fast im Reich des Totenkönigs 
geendet hätte", erwiderte der Pikte mit einem grimmigen Lächeln, 
während er seine Klinge säuberte. "Dieser Meuchelmörder 
lauerte Euch hinter einer Säule auf und sprang Euch wie ein 
Panther an, als Ihr Euch in der Tür umgewandt habt, um mit mir 
zu reden. Wer immer diesen Anschlag ausgeheckt hat, muß 
große Macht besitzen, daß ein Mann bereit ist, für ihn in den 
sicheren Tod zu gehen. Hätte sich das Schwert in seiner Hand 
nicht gedreht und Euch nur gestreift, dann wärt Ihr jetzt mit einem 
gespaltenen Schädel unter ihm, statt hier zu stehen und über 
eine harmlose Fleischwunde zu grübeln." 

"Aber das liegt doch gewiß schon Stunden zurück", meinte Kull. 

Brule lachte. 

"Euer Kopf ist noch nicht klar, Kull. Von dem Augenblick an, da er 
sprang und Ihr fielt, bis zu jenem, da ich ihm das Herz 
durchbohrte, ist nicht genug Zeit verstrichen, daß man die Finger 
einer Hand zählen könnte. Und während Ihr in seinem und in 
Eurem Blut auf dem Boden gelegen habt, verging gewiß nicht 
mehr als vielleicht zweimal diese Spanne. Tu ist noch nicht 
einmal mit dem Linnen zum Verbinden zurück, das er sofort 
holen lief, als er Euch fallen sah." 

"Ja, du hast recht", gab Kull zur Antwort. "Ich verstehe es nicht - 
aber gerade bevor sein Schwert mich traf, hörte ich den Gong 

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-1 2 5 - 

die volle Stunde schlagen, und ich konnte ihn noch immer hören, 
als ich wieder zu mir kam. 

Brule, Dinge wie Zeit oder Raum gibt es nicht. Ich habe die 
längste Reise meines Lebens gemacht und Millionen Jahre 
gelebt, während der Gong nur ein einziges Mal schlug." 

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-1 2 6 - 

VERSCHWÖRUNG BEI NACHT 

(Swords of the Purple Kingdom) 

l Verschwörung hinter verschlossenen Türen 

Unheimliche Stille lag wie ein erdrückendes Gespinst über der 
uralten Stadt Valusien. Die Hitze flimmerte über den glänzenden 
Dächern und zwischen den glatten Marmormauern. Die 
purpurnen Türme und ihre goldenen Spitzen schimmerten durch 
einen Dunstschleier. Kein Hufgeklapper auf den breiten, 
gepflasterten Straßen brach die schläfrige Stille, und die wenigen 
Bewohner, die zu Fuß unterwegs waren, gingen hastig ihren 
Geschäften nach und verschwanden rasch wieder in ihren 
Häusern. Valusien schien eine Geisterstadt zu sein. 

Kull, der König von Valusien, schob die dünnen Vorhänge 
beiseite und blickte über das goldene Fenstersims hinaus auf 
den Hof mit seinen plätschernden Brunnen, den geschnittenen 
Hecken und gestutzten Bäumen und über die hohe Mauer auf die 
leeren Fenster der Häuser. 

"Ganz Valusien verschwört sich hinter verschlossenen Türen, 
Brule", brummte er. 

Sein Gefährte, ein bronzegesichtiger Krieger von mittelgroßer, 
muskulöser Statur, grinste schwach. "Ihr seid zu argwöhnisch, 
Kull. Die meisten treibt nur die Hitze in die Häuser." 

"Aber sie intrigieren", beharrte Kull. Er war ein großer, 
breitschultriger Barbar mit dem idealen Körperbau eines 
Kämpfers: einem mächtigen Brustkorb und schmalen Hüften. 
Kalte, graue Augen lagen unter dichten, schwarzen Brauen. 
Seine Züge verrieten seine Herkunft, denn Kull, der Usurpator, 
war ein Atlanter. 

"Stimmt, sie intrigieren. Aber intrigiert das Volk nicht immer, ganz 
gleich, wer auf dem Thron sitzt? Und diesmal würde man es 
ihnen sogar verzeihen, Kull." 

"Ja." Der Hüne zog die Brauen finster zusammen. "Weil ich ein 
Fremder bin. Der erste Barbar auf dem valusischen Thron seit 

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-1 2 7 - 

Anbeginn der Zeit. Als ich noch Befehlshaber ihrer Streitkräfte 
war, sahen sie über den Umstand meiner atlantischen Herkunft 
hinweg. Aber jetzt werfen sie ihn mir vor  - mit Blicken und 
Gedanken wenigstens." 

"Was kümmert es Euch? Ich bin hier so fremd wie Ihr. Das Volk 
ist über die Jahrtausende zu schwach geworden, sich selbst zu 
regieren, deshalb haben Fremde die Macht an sich gerissen. Ein 
Atlanter sitzt auf dem Thron, unterstützt von allen 
Piktenstämmen, den ältesten und mächtigsten Verbündeten des 
Reiches; der Hof wimmelt von Ausländern, und die Armee von 
Barbarensöldnern; und die Roten Reiter  - nun, sie sind zwar 
Valusier, aber sie gehören den Bergstämmen an, die sich als 
eigenständiges Volk betrachten." 

Kull zuckte ungeduldig die Schultern. 

"Ich weiß, was das Volk denkt, und mit welchem Grimm und mit 
welchem Widerwillen sich die mächtigen alten valusischen 
Familien in meine Herrschaft fügen. Ich komme nicht dagegen 
an. Dabei ging es ihnen unter Borna, einem Valusier und direkten 
Nachkommen der alten Dynastie, wesentlich schlechter als unter 
mir. Aber das ist der Preis, den ein dahinsiechendes Reich 
zahlen muß: Die starken jungen Völker kommen und nehmen es 
auf die eine oder andere Weise in Besitz. Ich habe neue Armeen 
aufgestellt, Söldner rekrutiert und Valusien ein wenig seines alten 
Glanzes wiedergegeben. Man sollte meinen, ein Barbar auf dem 
Thron, der die Scherben zusammenhält, wäre besser als 
hunderttausend, die plündernd und mordend durch die Straßen 
ziehen und alles in Schutt und Asche legen. Denn das wäre unter 
ihrem König Borna längst geschehen. Das Königreich zerfiel, und 
an den Grenzen lauerten sie bereits darauf, allen voran die 
Grondarianer, die einen Eroberungszug von gewaltigem Ausmaß 
vorbereiteten ... 

Aber ich tötete Borna mit eigener Hand in jener grimmigen Nacht, 
als ich die Rebellen in den Kampf führte. Damit schuf ich mir ein 
paar Feinde, aber es dauerte keine sechs Monate, und die 
Macht war fest in meinen Händen, das Reich geeint, der 
Dreibund gegen Valusien zerschlagen und die Angriffslust der 

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-1 2 8 - 

Grondarianer gebrochen. Jetzt träumt Valusien friedlich vor sich 
hin und plant in aller Ruhe meinen Sturz. Dabei gab es keine 
Hungersnot, seit ich die Krone trage, die Lagerhäuser sind bis 
obenhin mit Getreide gefüllt, die Handelsschiffe bersten vor 
Fracht, die Geldbeutel der Kaufleute sind prall gefüllt, und die 
Menschen werden fett  - und trotz allem murren sie und fluchen 
und spucken auf meinen Schatten. Was wollen sie mehr?" 

Der Pikte grinste und erwiderte mit bitterem Spott: 

"Einen neuen Borna! Einen blutigen Tyrannen! Aber laßt sie 
undankbar sein. Ihr habt diesen Thron nicht ihretwegen erobert, 
und Ihr regiert das Reich nicht für sie. Ihr  habt vielmehr den 
Traum Eures Lebens wahrgemacht, und Ihr habt den Thron fest 
in der Hand. Laßt sie murren und ihre Ränke schmieden. Ihr seid 
der König." 

Kull nickte in grimmiger Entschlossenheit. "Ich bin der König 
dieses purpurnen Königreiches! Und ich werde der König 
bleiben, bis ich aufhöre zu atmen und meine Seele den langen 
Weg in das Schattenreich antritt. Was gibt es?" 

Ein Sklave verbeugte sich tief. "Die Tochter des mächtigen 
Hauses bora Ballin, Nalissa, begehrt eine Audienz, allerhöchste 
Majestät." 

Des Königs Miene verdüsterte sich. "Ein neuer Versuch, mich 
für ihre verdammten Heiratsabsichten zu gewinnen", sagte er 
seufzend zu Brule. "Es ist besser, wenn du gehst." Und zu dem 
Sklaven: "Laß sie eintreten." 

Kull saß in einem samtbezogenen Sessel und betrachtete 
Naiissa. Sie war erst etwa neunzehn Jahre alt, und in der 
kostbaren, doch spärlichen Art, in der sich valusische Edel-
damen kleideten, bot sie einen hinreißenden Anblick, dem sich 
selbst der Barbarenkönig nicht entziehen konnte. Ihre Haut war 
wunderbar weiß, was sie zu einem guten Teil den vielen Bädern 
in Milch und Wein, aber hauptsächlich einer natürlichen, 
vererbten Schönheit verdankte. Ein zartes Rosa tönte ihre 
Wangen, und ihre Lippen waren voll und rot. Schmale schwarze 
Brauen schwangen sich über ein Paar sanfter, dunkler, 

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-1 2 9 - 

unergründlicher Augen, und alles umrahmte dichtes, lockiges, 
schwarzes Haar, das zum Teil von einem schmalen Goldreif 
zusammengehalten wurde. 

Naiissa kniete zu Füßen des Königs nieder, nahm seine 
schwieligen Finger in ihre sanften, schlanken Hände und blickte 
mit großen und bittenden Augen zu ihm auf. Von allen Menschen 
im Königreich war Naiissa die einzige, deren Blick Kull auswich, 
denn ihre Augen waren von einer geheimnisvollen und lockenden 
Tiefe. Sie ahnte bereits ein wenig von ihrer Macht, dieses 
verzogene und verwöhnte Aristokratenkind, aber sie war noch zu 
jung, um sich ihrer ganzen Wirkung bewußt zu sein. Doch Kull 
war ein guter Menschenkenner, und er erkannte mit einigem 
Unbehagen, daß Naiissa, wenn sie erst erwachsen war, ein nicht 
zu unterschätzender Machtfaktor am Hof und im Reich sein 
würde, zum Guten oder zum Schlechten. 

"O Majestät", flehte sie weinend wie ein kleines Kind, das ein 
Spielzeug haben möchte, "bitte laßt mich Dalgar von Far-sun 
heiraten. Er ist  jetzt valusischer Bürger, wird am Hof 
hochgeschätzt, wie Ihr selbst sagt. Warum ..." 

"Ich habe dir schon gesagt", erklärte der König geduldig, "daß es 
mir völlig gleichgültig ist, wen du heiratest, diesen Dalgar oder 
Brule oder den Teufel! Aber dein Vater  wünscht nicht, daß du 
diesen farsunischen Abenteurer heiratest, und ..." 

"Aber Ihr könnt ihn dazu zwingen!" rief sie. 

"Die Familie bora Ballin gehört zu den Treuesten der Krone", 
erwiderte der Atlanter. "Und dein Vater, Murom bora Ballin, zählt 
zu meinen engsten Freunden. Als ich ein Gladiator ohne Freunde 
war, bot er mir seine Freundschaft an. Er lieh mir Geld, als ich 
noch einfacher Soldat war, und er stand mir zur Seite, als ich 
nach dem Thron griff. Und wenn es meine rechte Hand kostete, 
ich würde ihn nicht zu etwas zwingen, das ihm so sehr 
widerstrebt, oder mich in seine Familienangelegenheiten 
einmischen." 

Nalissa hatte noch nicht gelernt, daß manche Männer durch 
keine weibliche Taktik umzustimmen sind. Sie bettelte, 

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-1 3 0 - 

schmeichelte und schmollte. Sie küßte Kulls Hände, weinte an 
seiner Brust, setzte sich auf seinen Schoß und rührte hundert 
Gründe an. 

Das brachte ihn alles recht in Verlegenheit, nützte jedoch nichts. 
Kull war voller Mitgefühl, blieb jedoch eisern. Auf all ihre Bitten 
und Schmeicheleien hatte er nur eine Antwort: 

Daß die Sache ihn nichts anginge, daß ihr Vater besser wüßte, 
was gut für sie ist, und daß er, Kull, sich da auf keinen Fall 
einmischen würde. 

Schließlich gab Naiissa auf und verließ den König mit gesenktem 
Kopf und schleppenden Schritten. Als sie aus dem königlichen 
Gemach kam, begegnete sie ihrem Vater, der auf dem Weg zum 
König war. Murom bora Ballin, der den Grund für den Besuch 
seiner Tochter beim König leicht erriet, sagte nichts. Doch der 
Blick, den er ihr zuwarf, tat beredt genug kund, daß sie noch ein 
Nachspiel erwarten würde. Das Mädchen stieg traurig in die 
wartende Sänfte und haderte mit der Welt, die soviel Leid auf ein 
einzelnes Mädchen häufen konnte. Dann fing sie sich, als 
andere Gefühle aus ihr hervorbrachen. Ihre Augen blitzten 
aufrührerisch, und sie gab einen kurzen Befehl an die Sklaven, 
die ihre Sänfte trugen. 

Graf Murom stand inzwischen vor dem König, und seine Züge 
waren eine Maske förmlicher Höflichkeit. Kull empfand sie 
schmerzlich. Förmlichkeit herrschte zwischen ihm und allen 
seinen Untertanen und Verbündeten, ausgenommen dem Pikten 
Brule und dem Botschafter Ka-nu, aber diese steife Förmlichkeit 
war ein neuer Zug an Graf Murom, und Kull erriet auch den 
Grund. "Eure Tochter war bei mir, Graf", sagte er ohne 

Umschweife. 

"Ja, Majestät." Es klang gleichmütig und höflich. 

"Ihr wißt wahrscheinlich, weshalb. Sie will Dalgar von Farsun 
heiraten." 

Der Graf verneigte sich würdevoll. "Wenn Eure Majestät es 
wünschen, bedarf es nur eines Wortes." Seine Züge verhärteten 
sich. 

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-1 3 1 - 

Kull erhob sich bekümmert und schritt zum Fenster. Er blickte 
erneut auf die schläfrige Stadt hinaus. Ohne sich umzudrehen 
sagte er: "Nicht für ein halbes Königreich würde ich mich in Eure 
Familienangelegenheiten mischen oder Euch zu etwas zwingen, 
das Euch so tief zuwider ist." 

Im nächsten Augenblick war der Graf an seiner Seite. Seine 
Förmlichkeit war fortgewischt. Seine Augen leuchteten. 
"Majestät, ich habe unrecht von Euch gedacht. Ich hätte wissen 
müssen ..." Er machte Anstalten niederzuknien, doch Kull 
hinderte ihn daran. 

Der König grinste. "Seid unbesorgt, Graf. Eure persönlichen 
Angelegenheiten sind Eure eigene Sache. Da müßt Ihr meine 
Hilfe nicht befürchten. Aber ich könne Eure Hilfe brauchen. Eine 
Verschwörung liegt in der Luft. Ich kann die Gefahr riechen, so 
wie ich in jungen Jahren die Nähe eines Tigers im Dschungel 
oder einer Schlange im hohen Gras gespürt habe." 

"Meine Spitzel haben überall in der Stadt herumgehorcht, 
Majestät", berichtete der Graf, und seine Augen glänzten vor 
Tatendrang. "Das Volk murrt, weil es unter jedem Herrscher 
murrt. Aber ich war bei Ka-nu in der Botschaft. Er will Euch 
warnen, daß Geld und Kräfte jenseits der Grenzen am Werk 
sind. Er sagte, er wüßte nichts Genaues, aber seine Pikten 
entlockten einem betrunkenen Diener des veruli-schen 
Botschafters einige Hinweise  - sehr vage Hinweise auf einen 
Handstreich, den die Regierung plant." 

Kull schüttelte den Kopf. "Die verulische Falschheit ist 
sprichwörtlich. Doch Gen Dala, der verulische Botschafter, ist 
über jeden Zweifel erhaben." 

"Das ist ihren Plänen um so dienlicher. Wenn er nichts davon 
weiß, was seine Regierung vorhat, wird alles um so 
unverdächtiger erscheinen." i "Aber worauf ist Verulien aus?" 
fragte Kull. 

"Gomlah, ein entfernter Verwandter König Bornas, floh dorthin, 
als Ihr die alte Dynastie gestürzt habt. Wenn Ihr sterbt, würde 
Valusien auseinanderfallen. Die Streitkräfte wären ohne 

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-1 3 2 - 

Führung. Alle Verbündeten außer den Pikten würden Valusien 
den Rücken kehren. Die Söldner, die nur Euch gehorchen, 
würden sich gegen das Reich wenden, dann wäre es eine leichte 
Beute für das erste starke Land, das die Grenzen überschreitet. 
Gomlah wäre ein ausgezeichneter Grund für einen Einmarsch 
und eine ebenso gute Marionette auf dem valusischen Thron ..." 

"Das ist mir klar", knurrte Kull. "Ich verstehe mehr vom| Kämpfen 
als von der Politik, aber ich erkenne die Gefahr. Der erste Schritt 
muß also meine Beseitigung sein, nicht wahr?" "Ja, Majestät." 

Kull lächelte und streckte seine mächtigen Arme. "Mir wird das 
Regieren ohnehin ein wenig langweilig dann und wann." Seine 
Finger spielten mit dem Knauf des großen Schwertes, das er 
immer gegürtet trug. 

"Tu, oberster Ratgeber der Krone, und Dondal, sein Neffe", 
verkündete ein Sklave, und zwei Männer traten ein. 

Tu, der oberste Ratgeber,  war ein stattlicher Mann von 
durchschnittlicher Größe und mittleren Alters, der mehr den 
Eindruck eines Kaufmannes denn das eines Beraters erweckte. 
Sein Haar war gelichtet, sein Gesicht faltig und von einer Miene 
steten Argwohns geprägt. Alter und Verantwortung hatten ihn 
gezeichnet. Obgleich von niederer Geburt, hatte er sich mit 
unvergleichlichem Geschick und Intrigen nach oben gekämpft. Er 
hatte bereits drei Königen gedient, bevor Kull kam, und das hatte 
seine Spuren hinterlassen. 

Sein Neffe Dondal war ein schlanker, geckenhafter Jüngling mit 
scharfen, dunklen Augen und einem freundlichen Lächeln. Seine 
wichtigste Tugend war, daß er schweigsam war und nie etwas 
weitererzählte, das ihm am Hof zu Ohren kam. Nur aus diesem 
Grund gewährte man ihm Zutritt an  Orten, die ihm sonst trotz 
seiner Verwandtschaft mit Tu verschlossen geblieben wären. 

"Es handelt sich nur um eine unbedeutende Angelegenheit, 
Majestät", erklärte Tu. "Diese Bewilligung zum Ausbau eines 
neuen Hafens an der Westküste. Wollen Eure Majestät hier 
unterzeichnen?" 

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-1 3 3 - 

Kull schrieb seinen Namen unter das Dokument. Tu zog eine 
Siegelring aus seinem Gewand hervor, den er an einer dünnen 
Kette um den Hals trug, und brachte das Siegel an. Kein anderer 
Ring auf der ganzen Welt war diesem gleich, und Tu trug ihn bei 
Tag und Nacht bei sich. Außer den Anwesenden im königlichen 
Gemach gab es keine vier Männer auf der Welt, die wußten, wo 
der Ring aufbewahrt wurde. 

2 Rätsel 

Die Stille des Tages war fast unmerklich in die Lautlosigkeit der 
Nacht übergegangen. Der Mond stand noch nicht am Himmel, 
und die winzigen silbernen Sterne spendeten kaum Licht, als 
würde ihr Glanz von der Hitze verschluckt, die noch immer vom 
Boden emporstieg. 

In einer verlassenen Straße erklang hallend der Hufschlag eines 
einzelnen Pferdes. Falls Augen aus den leeren Fenstern den 
nächtlichen Reiter beobachteten, blieben sie verborgen. Nichts 
verriet, ob sie erkannt hatten, daß es Dalgar von Farsun war. 

Der junge Farsunier war voll gerüstet. Ein leichter Panzer 
bedeckte seinen geschmeidigen,  muskulösen Körper. Er trug 
einen Helm, und er erweckte den Eindruck, als wüßte er mit dem 
langen, schmalen, am Griff mit Edelsteinen verzierten Schwert 
umzugehen. Die mit einer roten Rose verzierte Schärpe um 
seine gepanzerte Brust schmälerte keineswegs das Bild von 
Männlichkeit, das er bot. 

Während des Rittes warf er einen Blick auf die zerknüllte 
Nachricht in seiner Hand, die in valusischen Schriftzeichen 
folgendes besagte: "Um Mitternacht, mein Geliebter, in den 
Verdammten Gärten jenseits der Mauern. Wir werden 
zusammen fliehen." 

Eine aufregende Botschaft. Dalgars Mund verzog sich zu einem 
Lächeln, während er sie las. Nun, ein wenig romantischer 
Überschwang mußte man einem jungen Mädchen nachsehen, 
um so mehr, als er selbst nicht ganz frei davon war. Er konnte die 
Verabredung kaum erwarten. In der Morgendämmerung würde er 
mit seiner zukünftigen Braut bereits weit jenseits der verulischen 

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-1 3 4 - 

Grenze sein. Dann mochte Graf Murom bora Ballin toben wie er 
wollte, und mochte sich die ganze valusische Armee auf ihre 
Fersen heften, mit solch einem Vorsprung würden er und Nalissa 
außer Gefahr sein. Er war voll überschwenglicher, romantischer 
Gefühle, und sein Herz schwoll vom Heldenmut und Tatendurst 
der Jugend. Es war noch Stunden bis Mitternacht, doch er lenkte 
sein  Pferd mit einem Druck seiner gepanzerten Ferse in ein 
Viertel dunkler, enger Gassen, um den Weg abzukürzen. 

"O silberner Mond, o Busen der Nacht", summte er leisd eines 
der leidenschaftlichen Liebeslieder des verrückten toten Sängers 
Ridondo, als sein Pferd plötzlich schnaubend scheute. In der 
Dunkelheit eines schmutzigen Hauseinganges bewegte sich 
stöhnend eine dunkle Gestalt. 

Dalgar zog die Klinge, glitt vom Pferd und beugte sich über den 
Stöhnenden. 

Als er sich tiefer bückte, erkannte er, daß es ein Mann war. Er 
zog ihn in das spärliche Licht der Gasse und sah, daß er noch 
atmete. Etwas Warmes und Klebriges blieb an Dalgars Hand 
haften. 

Der Mann war dicklich und augenscheinlich ziemlich alt, denn 
sein Haar war schütter und sein Bart hatte weiße Strähnen. Er 
trug die Lumpen eines Bettlers, aber selbst in der Dunkelheit 
entging Dalgar nicht, daß die Hände unter all dem Schmutz weich 
und weiß waren. Aus einer häßlichen Wunde an der Seite des 
Kopfes sickerte Blut. Die Augen waren geschlossen. Er stöhnte 
von Zeit zu Zeit. 

Dalgar riß einen Streifen von seiner Schärpe, um ihn auf die 
Wunde zu drücken, dabei verhedderte sich ein Ring seiner Hand 
in dem struppigen Bart. Ungeduldig zog er daran, und der Bart 
löste sich ganz und enthüllte ein glattrasiertes, faltiges Gesicht 
eines Mannes von mittlerem Alter. Dalgar fuhr mit einem Ausruf 
zurück. Er sprang auf. Verwirrt und entgeistert stand er einen 
Augenblick und starrte auf den stöhnenden Mann. Dann löste 
rasches Hufgeklapper in einer Parallelstraße seine Lähmung. 

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-1 3 5 - 

Er  lief durch die enge Seitengasse darauf zu und sprang dem 
Reiter rufend und winkend in den Weg. Der riß heftig an den 
Zügeln und griff gleichzeitig nach seinem Schwert. Die 
eisenbeschlagenen Hufe des Pferdes schlugen Funken auf den 
Pflastersteinen, als es sich auf der Hinterhand aufbäumte. 

"Und jetzt? Oh, du bist es, Dalgar." 

"Brule!" rief der junge Farsunier. "Rasch! Tu, der oberste 
Ratgeber, liegt da drüben in der Seitenstraße. Er ist bewußtlos ... 
vielleicht bereits tot!" 

Augenblicklich sprang der Pikte vom Pferd und warf die Zügel 
über den Kopf des Tieres. Es stand wie eine Statue, während er 
Dalgar mit der Klinge in der Faust hinter-hereilte. 

Dann beugten sie sich zusammen über den bewußtlosen 
Ratgeber, während Brule ihn mit kundiger Hand abtastete. 

"Sieht aus, als wäre nichts gebrochen", brummte der Pikte. "Kann 
es allerdings nicht mit Sicherheit sagen. War sein Bart bereits 
ab, als du ihn gefunden hast?" 

"Nein, das war ein Mißgeschick, als ich ..." 

"Dann ist das wahrscheinlich die Tat eines Schurken, der ihn gar 
nicht kannte. Wenigstens hoffe ich das. Denn wenn der Mann, 
der ihn niederschlug, wußte, wen er vor sich hatte, dann ist 
schwärzester Verrat in Valusien im Gange. Ich habe ihm nicht 
nur einmal gesagt, daß es gefährlich ist, sich in solcher 
Verkleidung in der Stadt herumzutreiben -aber ein Ratgeber läßt 
sich einfach nichts sagen. Er war der Meinung, daß er auf diese 
Weise alles in Erfahrung bringen könnte, was vorging. Er hatte 
die Hand am Puls des Reiches, wie er sich ausdrückte." 

"Doch ein Halsabschneider", wandte Dalgar ein, "hätte ihn 
ausgeraubt. Hier ist sein Geldbeutel mit ein paar Kupferstücken. 
Und wer würde schon einen Bettler ausrauben wollen?" 

Der Speerkämpfer nickte fluchend. "Das ist wahr. Aber wer in 
Valkas Namen konnte wissen, daß er Tu vor sich hatte? Er trug 
immer eine andere Verkleidung, die ihm nur Dondal und ein 
Sklave anzulegen halfen. Und wer immer ihn niederschlug, was 
wollte der von ihm? Ah, bei Valka, er wird sterben, wenn wir hier 

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-1 3 6 - 

noch länger herumstehen und Rätsel raten. Hilf mir, in auf mein 
Pferd zu setzen." 

Als der oberste Ratgeber schwankend im Sattel saß, wo ihn 
Brules kräftige Arme hielten, galoppierten sie durch die 
nächtlichen Straßen zum Palast. Die erstaunte Wache ließ sie 
passieren, und der Bewußtlose wurde in einem Gemach auf 
einen Diwan gebettet, wo er unter den fürsorglichen Händen der 
Sklaven und Hofdamen bald erste Lebenszeichen von sich gab. 

Schließlich setzte er sich auf und griff sich stöhnend an den 
Kopf. Ka-nu, der piktische Botschafter und gewandteste 
Staatsmann des Königreiches, beugte sich über ihn. 

"Tu! Wer hat Euch niedergeschlagen?" 

"Das weiß ich nicht", erwiderte der Ratgeber benommen. "Ich 
kann mich an nichts erinnern." 

"Hattet Ihr wichtige Dokumente bei Euch?" 

"Nein." 

"Vermißt Ihr irgend etwas?" 

Tu begann unsicher an seinen Kleidern zu tasten. Sein Blick 
wurde zusehends klarer. Plötzlich weiteten sich seine Augen vor 
Entsetzen. "Der Ring! Der königliche Siegelring! Er ist fort!" 

Ka-nu hieb mit der Faust in die Handfläche und fluchte 

aus tiefster Seele. 

"Das mußte passieren! Ich habe Euch oft genug gewarnt, das 
Ding nicht überall mit Euch herumzutragen! Rasch, Brule, Kelkor 
... Dalgar! Das bedeutet Verrat! Zum Gemach des Königs! 
Schnell!" 

Vor dem königlichen Schlafgemach standen zehn Männer der 
Roten Reiter, der Lieblingstruppe des Königs. Auf Kanus hastige 
Fragen berichteten sie, daß sich der König vor etwa einer Stunde 
zurückgezogen hatte, daß seither niemand Einlaß begehrte und 
daß sie nichts Verdächtiges bemerkt hätten. 

Ka-nu pochte an die Tür. Er erhielt keine Antwort. Panik überkam 
ihn. 

Er versuchte die Tür zu öffnen, doch sie war von innen 

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-1 3 7 - 

verschlossen. 

"Brecht diese Tür auf!" schrie er mit vor Aufregung heiserer 
Stimme. Sein Gesicht war weiß. 

Zwei der Roten Reiter, Hünen von Gestalt, warfen sich mit ihrem 
ganzen Gewicht gegen die Tür, doch sie war aus schwerem 
Eichenholz und mit Bronze beschlagen und hielt. Brule stieß die 
beiden zur Seite und bearbeitete die massive Tür mit dem 
Schwert. Unter den kräftigen Hieben der scharfen Klinge flogen 
die Späne und das Metall gab nach, und nach kurzer Zeit brach 
sie auf, als Brule sich mit der Schulter dagegenwarf. Mit einem 
scharfen Ausruf blieb er stehen. Ka-nu, der hinter ihm in das 
Gemach stürmte, raufte sich verzweifelt den Bart. Die königliche 
Lagerstatt war in Unordnung, als ob jemand darin geschlafen 
hätte, aber vom König selbst war nichts zu sehen. Das Gemach 
war leer. Nur das offene Fenster ließ einige Schlüsse zu. 

"Sucht alle Straßen ab!" brüllte Ka-nu. "Durchkämmt die Stadt! 
Bewacht alle Tore! Kelkor, bringt die gesamte Streitmacht der 
Roten Reiter auf die Beine. Brule, sammle deine Pikten und laß 
sie reiten, bis sie zusammenbrechen, wenn es sein muß. Eilt! 
Dalgar ..." 

Doch der Farsunier war verschwunden. Er hatte sich plötzlich 
daran erinnert, daß Mitternacht nicht mehr weil war, und weitaus 
wichtiger als das Verschwinden des Königs war für ihn, daß 
Nalissa bora Ballin in den Verdammten Gärten zwei Meilen 
außerhalb der Stadtmauer auf ihn wartete. 

3 Das Siegel 

An diesem Abend hatte sich Kull früh zurückgezogen. Wie 
gewohnt blieb er vor der Tür zum Schlafgemach ein paar Minuten 
stehen, um mit den Wachen, seinen einstigen 
Regimentskameraden, zu plaudern und alte Erinnerungen 
auszutauschen aus den Tagen, da er noch selbst zu den Reihen 
der Roten Reiter gehört hatte. Dann entließ er seine Diener und 
betrat sein Gemach. Er schlug die Bettdecken zurück und 
machte sich zum Schlafengehen bereit. Da war gewiß 
ungewöhnlich für einen König, doch Kull war seit jeher an das 

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-1 3 8 - 

rauhe Soldatenleben gewöhnt und hatte in jungen Tagen als 
Angehöriger eines Barbarenstammes nicht anders gelebt. Er 
hatte sich nie daran gewöhnen können, daß alles für ihn getan 
wurde, so verlangte es ihn wenigstens in seinem eigenen 
Schlafgemach Ruhe vor seinen Dienern zu haben. 

Aber gerade, als er die Kerze löschen wollte, die den Raum 
erhellte, hörte er ein Geräusch am Fenstersims. Mit dem 
Schwert in der Faust schlich er lautlos wie ein großer Panther 
durch das Gemach und blickte hinaus. Das Fenster öffnete sich 
in die Innenhöfe des Palastes. Im Licht der Sterne waren 
undeutlich die Hecken und Bäume auszumachen. Brunnen 
schimmerten und waren mehr zu ahnen als zu sehen. Die 
Wachtposten, die unten ihre Runden zogen, konnte er nicht 
erkennen. 

Aber an seinem Ellenbogen entdeckte er Verblüffendes. An den 
Ranken, die die Palastmauern bedeckten, hing ein kleiner, dürrer 
Kerl, der wie einer der Bettler aus den Straßen der ärmeren 
Viertel aussah. Er machte einen harmlosen Eindruck mit seinen 
dünnen Gliedern und seinem äffischen Gesicht, doch Kull 
betrachtete ihn mit grunzeiter Stirn. 

"Es scheint, daß ich unter meinem Fenster Posten aufstellen 
muß oder diese Ranken niederreißen", stellte der König fest. 
"Wie bist du unbehelligt an den Wachen vorbeigekommen?" 

Der kleine Kerl legte einen dünnen Finger an die Lippen und 
streckte dann mit affenartiger Gewandtheit eine Hand durch die 
Gitterstäbe. Stumm reichte er Kull ein Stück Pergament. Der 
König rollte es auf und las: "König Kull: Wenn Euch Euer Leben 
lieb ist und wenn Euch das Wohl des Reiches etwas bedeutet, 
dann folgt diesem Boten, wohin er Euch führen wird. Weiht 
niemanden ein. Auch die Wachen dürfen Euch nicht sehen. Die 
Einheiten sind von Verrätern durchsetzt. Wenn Ihr überleben und 
den Thron halten wollt, müßt Ihr meine Anweisungen genau 
befolgen. Vertraut dem Überbringer dieser Nachricht voll und 
ganz." Unterschrieben war das Pergament mit: >Tu, Lordkanzler 
von Valusien< und versehen mit dem Siegel des königlichen 
Siegelringes. 

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-1 3 9 - 

Kull zog finster die Brauen zusammen. Die Sache gefiel ihm 
nicht. Aber er erkannte Tus Handschrift an dem eigenwilligen, 
winzigen Schnörkel am Ende des Namens, dem 
unverwechselbaren Kennzeichen des Kanzlers gewissermaßen. 
Und dann der Abdruck des Siegels, der nicht nachgemacht 
werden konnte. Kull seufzte. 

"Also gut", stimmte er zu. "Warte, bis ich meine Waffen angelegt 
habe." 

Wieder bekleidet und mit einem leichten Kettenhemd gerüstet 
erschien Kull erneut am Fenster. Er packte die Stäbe, spannte 
seine Muskeln und spürte, wie die Stäbe nachgaben  - weit 
genug, daß selbst seine breiten Schultern durchschlüpfen 
konnten. Er kletterte hinaus und griff nach den Ranken. An ihnen 
kletterte er mit der gleichen Leichtigkeit und Gewandtheit hinab 
wie der kleine Bettler. Unten angelangt ergriff Kull seinen 
Begleiter am Arm. "Wie bist du an den 

Wachen 

vorbeigekommen?" flüsterte er. 

"Wenn sie mich entdeckten, zeigte ich ihnen das königliche 
Siegel." 

"Damit werden wir nicht beide unerkannt hinauskommen", 
brummte Kull. "Bleib hinter mir. Ich bin mit ihrem Dienst vertraut." 

Die nächsten zwanzig Minuten verbrachten sie damit, hinter 
Büschen den Vorbeimarsch von Wachtposten abzuwarten, 
blitzschnell im Schatten unterzutauchen und lautlos von Deckung 
zu Deckung zu huschen. Schließlich erreichten sie die 
Außenmauer. Kull ergriff seinen Führer bei den Füßen und hob 
ihn hoch, bis seine Finger den oberen Mauerrrand zu fassen 
bekamen. Als er oben war, reichte der Bettler dem König die 
Hand, um ihm hochzuhelfen, doch Kull winkte nur verächtlich, 
nahm einen kurzen Anlauf, schnellte empor, packte die 
Mauerkrone mit einer ausgestreckten Hand und schwang sich 
mit einer unglaublichen Leichtigkeit und Gewandtheit hinüber. 

Gleich darauf erreichte das höchst ungleiche Paar die Seite 
jenseits der Mauer und verschwand in der Dunkelheit. 

4 >Ich bin zum Kampf bereit! < 

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-1 4 0 - 

Nalissa, die Tochter des Hauses bora Ballin, war voll innener 
Unruhe und Furcht. Ihre romantischen Hoffnungen und ihre 
ehrliche Liebe gaben ihr Kraft genug, daß sie ihre Ent-scheidung 
und den überstürzten Aufbruch nicht bedauerte, doch nun 
wünschte sie nichts sehnlicher als die Ankunft ihres Geliebten 
herbei. 1 Bis jetzt hatte es keine Schwierigkeiten gegeben. Da es 
zu auffällig gewesen wäre, die Stadt nach Einbruch der Nacht zu 
verlassen, war sie bereits kurz vor Sonnenuntergang von zu 
Hause fortgeritten und hatte ihrer Mutter gesagt, daß sie die 
Nacht bei einer Freundin verbringen würde. Es war ihr Glück, 
daß die Frauen in Valusien unübliche Freiheiten genossen und 
nicht in Harems und gefängnisähnlichen Frauenhäusern 
eingeschlossen blieben, wie es in den östlichen Reichen üblich 
war; ein Brauch, der die Große Flut überdauerte. 

Naiissa war mutig durch das Osttor geritten und hatte den 
direkten Weg zu den Verdammten Gärten genommen, die zwei 
Meilen östlich der Stadt lagen. Dieses Gebiet war einst 
Lustgarten und Landsitz eines Edelmanns gewesen. Doch dann 
drangen Gerüchte von grausamen Ausschweifungen und 
schauerlichen Ritualen nach draußen. Und schließlich rotteten 
sich die Menschen zusammen, aufgebracht über das immer 
häufigere Verschwinden von Kindern, stürmten die Gärten und 
erhängten den Edelmann am Tor seines Hauses. Bei der 
Durchsuchung der Gärten fanden sie so schreckliche Dinge, daß 
sie außer sich vor Grauen und Abscheu zerstörten, was 
zerstörbar war: Teile des Landhauses, die Pavillons, Lauben, 
Grotten, selbst die Mauern. Nur was aus unzerstörbarem 
Marmor errichtet war, widerstand der Wut der aufgebrachten 
Menge und der Zeit. Nun, hundert Jahre später, wucherte ein 
kleiner Dschungel in den verfallenden Mauern und bedeckte die 
Ruinen. 

Naiissa versteckte ihr Pferd in einem verfallenen Sommerhaus 
und setzte sich auf den aufgebrochenen Marmorboden, um zu 
warten. Zuerst machte es ihr nichts aus. Das sanfte Licht der 
untergehenden Sommersonne tauchte das Land in einen 
goldenen Schimmer, in dem alles freundlich aussah. Das grüne 

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-1 4 1 - 

Laubmeer um sie herum, nur durchbrochen von weißen Flecken 
marmorener Mauerreste und halbverfallener Dächer, faszinierte 
sie. Doch als die Nacht kam und die Schatten sich verdichteten, 
wurde Nalissa unruhig. oDer Nachtwind flüsterte unheimliche 
Dinge durch die Zweige, die breiten Palmblätter und das hohe 
Gras; und die Sterne glitzerten kalt und fern. Alte Sagen und 
Geschichten kamen ihr wieder in den Sinn, und sie bildete sich 
ein, daß da noch andere Geräusche waren als das heftige 
Pochen ihres Herzens - das Rauschen unsichtbarer schwarzer 
Schwingen und das Gemurmel unheimlicher Stimmen. 

Sie betete, daß die Mitternacht kommen möge und mit ihr Dalgar. 
Hätte Kull sie so gesehen, so hätte er nichts von den 
geheimnisvollen Tiefen ihrer Augen erblickt, und nichts, das auf 
ihre große Zukunft am valusischen Hof hinwies; er hätte nur ein 
verängstiges kleines Mädchen vor sich gesehen, das sich nichts 
mehr ersehnte, als in die Arme genommen und liebevoll 
festgehalten zu werden. 

Aber daran, diesen unheimlichen Ort zu verlassen dachte sie gar 
nicht. 

Die Zeit schien überhaupt nicht vergehen zu wollen, aber 
irgendwie verstrich sie doch. Endlich kündigte ein erster bleicher 
Schimmer den aufgehenden Mond an, und sie wußte, daß die 
Stunde der Mitternacht nah war. 

Plötzlich vernahm sie einen Laut, der sie aufspringen ließ. Ihr 
Herz schlug bis zum Hals. Irgendwo in den verlassenen Gärten 
zerriß ein Ruf und das Klirren von Stahl die Stille der Nacht. Ein 
kurzer, schriller Schrei ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren. 
Dann senkte sich die Stille wie ein greifbares Gespinst herab. 

Dalgar  - Dalgar! Der Gedanke hämmerte in ihrem gelähmten 
Verstand. Ihr Geliebter war gekommen und von jemandem - oder 
etwas - überfallen worden. 

Sie schlich aus ihrem Versteck, eine Hand an ihr wild pochendes 
Herz gepreßt, das ihren Brustkorb zu sprengen drohte. Sie folgte 
einem überwachsenen Pfad, und die wispernden Palmblätter 
strichen wie Geisterfinger über ihren Körper. Um sie herum war 

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-1 4 2 - 

ein schwarzer Schlund wogender, lebendiger Schatten, in denen 
das Böse lauerte. Es war totenstill. 

Vor ihr ragte das verfallene Landhaus auf. Plötzlich traten ihr 
lautlos zwei Männer in den Weg. Sie schrie auf, dann war ihre 
Zunge vor Entsetzen gelähmt. Sie versuchte zu laufen, doch ihre 
Beine versagten den Dienst. Bevor sie einen Schritt machen 
konnte, hatte sie einer der Männer gepackt und unter seinen Arm 
geklemmt, als wäre sie ein kleines Kind. 

"Eine Frau", schnarrte er in einer Sprache, die Nalissa kaum 
verstand, doch als Verulisch erkannte. "Gib mir dein Messer, und 
ich werde ..." 

"Dafür haben wir jetzt keine Zeit", widersprach der andere auf 
valusisch. "Sperr sie zu dem anderen. Wir können sie später 
beide zusammen erledigen. Aber Phondar will ihn vorher sehen 
und ausquetschen." 

"Wird nicht viel dabei herauskommen", grollte der veruli-sche 
Hüne und folgte seinem Gefährten. "Der wird nicht reden - soviel 
kann ich dir sagen. Seit er in unseren Händen ist, hat er nur 
Flüche von sich gegeben." 

Naiissa hing hilflos unter dem Arm des Riesen und war starr vor 
Angst, doch ihre Gedanken überschlugen sich. Wer war dieser 
>andere<, den sie ausquetschen und dann töten wollten? 

Der furchtbare Gedanke, daß das nur Dalgar sein konnte, 
vertrieb ihre eigene Furcht und erfüllte sie mit einer wilden und 
verzweifelten Wut. Sie begann sich zu winden und zu treten, was 
ihr einen klatschenden Schlag eintrug, der sie aufschreien ließ 
und ihre Augen mit Tränen füllte. Sie fügte sich in ihre Lage und 
wurde bald darauf grob durch einen finsteren Eingang gestoßen, 
daß sie fiel und erschöpft liegen blieb. 

"Sollten wir sie nicht lieber fesseln?" meinte der Hüne. 

"Wozu? Sie kann nicht entkommen. Und ihn kann sie auch nicht 
befreien. Komm schon, wir dürfen keine Zeit verlieren." 

Naiissa setzte sich auf und blickte sich verzagt um. Sie befand 
sich in einem kleinen Raum, dessen Ecken mit Spinnweben 
verhangen waren. Staub lag dick auf dem Boden, übersät mit 

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-1 4 3 - 

Marmorschutt von den verfallenden Mauern. Ein Teil des Daches 
war eingestürzt, und das Licht des höhersteigenden Mondes fiel 
durch die Öffnung. In seinem Licht entdeckte sie die Gestalt, die 
nahe der Wand am Boden lag. Sie wich zurück und biß sich in 
einer schrecklichen Ahnung auf die Lippen. Dann erkannte sie 
mit unendlicher Erleichterung, daß der Mann viel zu groß war, als 
daß er Dalgar hätte sein können. Sie kroch zu ihm und blickte in 
sein Gesicht. Er war geknebelt und an Händen und Füßen 
gefesselt. Über dem Knebel starrten zwei kalte, graue Augen sie 
an. 

"König Kull!" Nalissa preßte die Hände an ihre Schläfen, als der 
Raum um sie herum vor ihren erschrockenen Augen zu 
verschwimmen schien. Doch im nächsten Augenblick zerrten ihre 
schlanken, kräftigen Finger am Knebel. Minutenlang mühte sie 
sich ab, bis sein Mund endlich frei war. Kull bewegte erleichtert 
die Kiefer und fluchte in seiner Muttersprache, selbst noch in 
diesem Augenblick darauf bedacht, die zarten Ohren des 
Mädchens nicht zu verletzen. 

"Oh, mein Lord, was tut Ihr hier?" Das Mädchen rang die Hände. 

"Entweder ist mein oberster Ratgeber ein Verräter, oder ich bin 
ein vollkommener Narr!" grollte Kull. "Ein Bote kam zu mir mit 
einer Nachricht in Tus Handschrift und sogar versehen mit dem 
königlichen Siegel. Ich folgte ihm, wie Tu mir riet, durch die Stadt, 
zu einer Pforte, die mir bisher unbekannt gewesen war. Von 
dieser Pforte wußten offenbar nur die Verschwörer. Draußen 
erwarteten sie uns mit Pferden, und wir ritten wie die Teufel in 
diese verfluchten Gärten. An der Mauer ließen wir die Pferde 
zurück, und ich marschierte. wie ein blinder Narr in die Falle. | 

Als ich durch die Tür kam, fiel ein großes Kampfnetz über mich, 
in dem sich Klinge und Schwertarm verfingen. Ein Dutzend 
Schurken stürzte sich auf mich. Aber sie hatten sich die Sache 
ein wenig zu leicht vorgestellt. Zwei hingen an meinem rechten 
Arm, so konnte ich meine Klinge nicht gebrauchen, aber ich trat 
einen in die Seite, daß seine Rippen brachen. Dann hatte ich 
meine Linke durch das Netz, und einer machte Bekanntschaft mit 
meinem Dolch. Er schrie wie eine verdammte Seele, als er starb. 

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-1 4 4 - 

Aber bei Valka, es waren zu viele. Sie rissen mir schließlich das 
Kettenhemd vom Leib" - Naiissa sah, daß der König nur eine Art 
Lendenschurz trug  - "und fesselten mich. Der Teufel selbst 
könnte diese Stricke nicht abstreifen oder die Knoten lösen. 
Einer der Kerle war ein Seemann, und ich weiß von früher, wie 
sie ihre Knoten knüpfen. Ich war einst Galeerensklave." 

"Aber was kann ich tun?" jammerte das Mädchen händeringend . 

"Such dir ein größeres Marmorstück und schlage einen 
scharfkantigen Splitter ab", erklärte Kull rasch. "Du mußt 
versuchen, diese Stricke durchzuschneiden ..." 

Sie tat, wie ihr geheißen und brachte ein langes, schmales 
Steinstück zustande, dessen gekrümmte Kante scharf wie ein 
Messer mit schartiger Schneide war. 

"Ich fürchte, damit werde ich Euch verletzen", sagte sie 
entschuldigend, als sie anfing. 

"Schneide meinetwegen durch Haut, Fleisch und Knochen, aber 
befreie mich!" knurrte Kull mit flammenden Augen. "Wie ein 
blinder Narr in der Falle! Oh, ich einfältiger Tor! Valka, Honon 
und Hotath! Wenn ich diese unseligen Schurken erst in den 
Fingern habe - wie kommst du hierher?" 

"Laßt uns später darüber sprechen", sagte sie ziemlich atemlos. 
"Jetzt ist keine Zeit." 

Beide schwiegen, während das Mädchen an den zähen Stricken 
sägte, ohne auf ihre eigenen Hände zu achten, die bald 
aufgerissen und blutig waren. Langsam, Faser um Faser, gaben 
die Stricke nach, aber sie waren noch immer stark genug, einen 
Menschen zu halten, als vor dem Eingang schwere Schritte 
erklangen. 

Naiissa erstarrte. Eine Stimme sagte: "Er ist da drin, Phon-dar, 
gefesselt und geknebelt. Eine kleine Valusierin, die uns hier über 
den Weg lief, ist bei ihm." 

"Dann seid auf der Hut vor einem jungen Gockel", sagte eine 
andere Stimme, deren rauher harter Klang verriet, daß der Mann 
Gehorsam gewohnt war. "Höchstwahrscheinlich war sie hier mit 
irgendeinem jungen Stutzer verabredet. Du .,." 

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-1 4 5 - 

"Keine Namen, keine Namen, guter Phondar", unterbrach ihn die 
weiche Stimme eines Valusiers. "Vergiß unsere Abmachung 
nicht. Bis zu dem Tag, an dem Gomlah den Thron besteigt, bin 
ich nur - der Maskierte." 

"Gut", brummte der Verulier. "Du hast heute nacht gute Arbeit 
geleistet. Maskierter. Kein anderer wäre dazu imstande 
gewesen, denn nur du konntest uns das königliche Siegel 
beschaffen, und nur du konntest Tus Schrift gut genug fälschen - 
hast du den Alten umgebracht?" 

"Vielleicht. Wenn nicht heute, so stirbt er am Tag, da Gomlah den 
Thron besteigt. Das Wichtigste ist, daß sich der König in unserer 
Gewalt befindet." 

Kull zermarterte sich das Gehirn, wem die in seinen Ohren so 
bekannt klingende Stimme des Verräters gehörte. Und Phondar - 
Grimm verzerrte seine Züge. Wahrlich eine Verschwörung 
ungeheuren Ausmaßes, wenn Verulien gleich den Befehlshaber 
der königlichen Streitkräfte sandte, um die schmutzige Arbeit zu 
tun. Der König kannte Phondar gut, denn der hatte schon 
mehrmals an seinem Hof geweilt. 

"Hole ihn heraus", sagte Phondar. "Wirbringen ihn in die 
Folterkammer. Ich will ein paar Antworten von ihm haben." 

Die Tür wurde geöffnet, und ein Mann trat ein. Es war der; 

Hüne, der Nalissa gefangen hatte. Die Tür fiel hinter ihm zu. | Er 
durchquerte den Raum, ohne Naiissa zu beachten, die in' einer 
Ecke kauerte. Er beugte sich über den gefesselten König, ergriff 
ihn an der Schulter und an den Beinen, um ihn hochzuheben. Da 
ertönte ein schnappendes Geräusch, als Kull seine ganze 
gewaltige Kraft in einen einzigen Ruch legte und die restlichen 
Fesseln zerriß. 

Er war noch nicht lange genug gebunden gewesen, daß die 
Durchblutung und seine Kraft darunter gelitten hätten, Wie eine 
Python zustößt, so fuhren seine Hände an die Kehle des Hünen 
und drückten sie zusammen wie eiserne Zwingen. 

Der Mann sank auf die Knie. Mit einer Hand versuchte er Kulls 
Finger von seiner Kehle zu reißen, mit der anderen griff er nach 

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-1 4 6 - 

seinem Dolch. Seine Finger gruben sich eisenhart in Kulls 
Handgelenk, der Dolch glitt aus der Scheide, doch dann traten 
seine Augen aus den Höhlen, und die Zunge kam zwischen den 
Zähnen hervor. Die Finger lösten sich um Kulls Handgelenk, und 
der Dolch entfiel der kraftlosen Hand. Der Verulier erschlaffte. 
Seine Kehle war unter dem schrecklichen Würgegriff 
buchstäblich zerquetscht worden. Kull brach mit einem mächtigen 
Ruck sein Genick. Während er ihn losließ, zog er ihm das 
Schwert aus dem Gürtel. Naiissa hatte den Dolch aufgehoben. 

Der Kampf hatte nur ein paar Atemzüge lang gedauert und kaum 
mehr Geräusche verursacht als ein Mann, der eine schwere 
Last aufhob und über die Schulter warf. 

"Beeil dich!" rief Phondar draußen ungeduldig, und Kull, der sich 
wie ein Tiger zum Angriff duckte, überlegte blitzartig. Er wußte, 
daß sich wenigstens zwanzig Verschwörer in den Gärten 
befanden. Den Stimmen nach zu schließen hielten sich allerdings 
im Augenblick nur zwei oder drei in der Nähe der Tür auf. Dieser 
Raum war kein geeigneter Ort zur Verteidigung. Jeden Moment 
mußte jemand hereinkommen, um nach dem Grund der 
Verzögerung zu sehen. Er faßte einen schnellen Entschluß und 
handelte sofort. 

Er nickte dem Mädchen zu. "Sobald ich draußen bin, läufst du 
ebenfalls hinaus und linker Hand die Stiege hoch." Sie nickte 
zitternd, und er tätschelte beruhigend ihre Schulter. Dann wirbelte 
er herum und stieß die Tür auf. 

Die Männer draußen, die den Verulier mit dem hilflosen König auf 
den Schultern erwartet hatten, erstarrten bei dem völlig 
überraschenden Anblick: Kull stand  in der Tür, halb nackt, zum 
Sprung geduckt wie ein Tiger in Menschengestalt, die Zähne in 
purer Kampfeswut gefletscht, die Augen vor Grimm lodernd. Sein 
Schwert wirbelte wie ein silbernes Rad im Mondlicht. 

Kull sah Phondar in diesem kurzen Augenblick vor sich, neben 
ihm zwei verulische Soldaten und eine schlanke Gestalt mit einer 
schwarzen Maske. Dann war er mitten unter ihnen, und der 
Totentanz begann. Der verulische Befehlshaber fiel unter dem 
ersten Schwertstreich des Königs, der seinen Schädel trotz des 

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-1 4 7 - 

Helms bis zu den Zähnen hinab spaltete. Der Maskierte riß seine 
Klinge aus dem Gürtel und stieß zu. Die Spitze fuhr über Kulls 
Wange. Einer der Soldaten stieß mit dem Speer nach Kull, wurde 
abgewehrt und lag im nächsten Augenblick tot auf seinem 
Kommandanten. Der zweite Soldat wich zurück und stürzte 
davon, wobei er lautstark nach seinen Kameraden rief. Der 
Maskierte wich parierend vor dem ungestümen Angriff des 
Königs zurück, wobei er seine Klinge mit fast unheimlichem 
Geschick gebrauchte. Er kam nicht dazu, selbst anzugreifen. Der 
wilde Ansturm des Königs drängte ihn vollkommen in die 
Verteidigung. Kull hämmerte auf seine Klinge ein wie ein Schmied 
auf den Amboß, und immer wieder schien es, als würde der 
lange verulische Stahl den maskierten und verhüllten Kopf 
zerschmettern, doch immer fuhr die schmale valusische Klinge 
dazwischen, lenkte den Hieb eine Spur zur Seite oder parierte 
ihn um Haaresbreite. 

Dann sah Kull die verulischen Soldaten durch das Dickicht 
rennen und hörte das Klirren ihrer Waffen und ihre grimmigen 
Rufe. Hier im offenen Gelände würden sie ihn von allen Seiten 
angreifen und wie eine Ratte aufspießen können. Er führte einen 
letzten Streich gegen den zurückweichenden Valusier, dann 
wandte er sich um, lief behende die Treppe hinauf, wo Nalissa 
bereits wartete. 

Oben angelangt wandte er sich seinen Angreifern zu. Er und das 
Mädchen standen auf einer Art künstlichem Vorsprung. Eine 
Treppe führte hinauf, und einst hatte auch eine auf der anderen 
Seite hinabgeführt, doch sie war vor langer Zeit eingestürzt. Kull 
sah, daß sie sich in einer Sackgasse befanden. Die Mauern 
waren zwar mit tief gemeißelten Verzierungen versehen, doch So 
sei es, dachte Kull, hier sterben wir. Aber wir werden viele mit uns 
nehmen. 

Die Verulier sammelten sich unter der Führung des 
geheimnisvollen, maskierten Valusiers am Fuß der Treppe. 

Kull faßte sein Schwert fester und warf den Kopf zurück, eine 
unbewußte Bewegung aus den Tagen, als sein Haar wie eine 
ungebändigte Löwenmähne gewesen war. 

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-1 4 8 - 

Kull hatte den Tod nie gefürchtet  und tat es auch jetzt nicht. Es 
gab nur einen Grund, der ihn den Grimm und die Lust des 
Kampfes nicht wie einen alten Freund herbeisehnen ließ: das 
Mädchen an seiner Seite. Ihre zitternde Gestalt und ihr bleiches 
Gesicht bewirkten einen plötzlichen Entschluß. 

Er hob eine Hand und rief: "He, ihr Männer Veruliens! Ich bin 
zum Kampf bereit! Viele von euch werden vor mir fallen. Aber 
wenn ihr das Mädchen ungeschoren laßt, werde ich mich ohne 
Gegenwehr ergeben, und ihr könnt mich töten wie ein Schaf." 

Naiissa schrie protestierend auf, und der Maskierte lachte. "Kein 
Handel mit einem, der bereits so gut wie tot ist. Das Mädchen 
muß auch sterben. Ich mache keine Versprechungen, die ich 
nicht halten will. Vorwärts, Männer, holt sie euch!" 

Sie schwemmten wie eine schwarze Woge des Todes die 
Treppe herauf. Ihre Schwerter blitzten silbern und tödlich im 
Mondlicht. Einer war seinen Kameraden weit voraus, ein Hüne, 
der eine Streitaxt über den Kopf schwang. Er war schneller 
heran, als Kull geschätzt hatte, und stand im nächsten Augenblick 
auf der Plattform. Kull griff an, und die Axt sauste herab. 

Er fing den schweren Stiel mit der Linken ab. Nur wenige Männer 
hätten das vermocht. Gleichzeitig führte er einen mächtigen 
seitlichen Schwertstreich mit der Rechten, der Rüstung, Muskeln 
und Knochen durchhieb, daß die Klinge zerbrach und in der 
Wirbelsäule steckenblieb. 

Kull ließ den nutzlosen Griff los und entriß die Axt der kraftlosen 
Faust des sterbenden Kriegers, der die Stufen hinabrollte. Kull 
lachte grimmig auf. 

Die Verulier auf der Treppe zögerten, obgleich sie der Maskierte 
von unten her anstachelte. Sie begehrten auf. 

"Phondar ist tot", rief einer. "Sollen wir dulden, daß ein Valusier 
Befehle gibt? Das ist ein Teufel und kein Mann, der uns 
gegenübersteht! Laßt uns verschwinden, so lange wir noch 
können!" 

"Ihr Narren!" rief der Maskierte wutschnaubend. "Begreift ihr 
denn nicht, daß es keine Sicherheit für euch gibt, solange der 

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-1 4 9 - 

König lebt? Wenn ihr heute versagt, wird euch euer eigenes 
Land verstoßen und zusammen mit ganz Valusien auf euch Jagd 
machen! Vorwärts, ihr Narren! Ein paar von euch werden 
sterben, aber besser, ein paar sterben durch des Königs Axt, als 
alle zusammen durch den Galgen. Wenn einer von euch kehrt 
macht und diese Stufen herunterkommt  - werde ich ihn 
eigenhändig töten!" Er hob das lange, schmale Schwert drohend. 

Mehr als zwanzig zählte ihre Schar, und sie waren verzweifelt. 
Sie fürchteten den Maskierten, und sie wußten, daß er recht 
hatte. Deshalb wandten sie sich wieder Kull zu und sammelten 
ihren Mut zum entscheidenden und letzten Sturmangriff. 
Währenddessen gewahrte Nalissa eine Bewegung am Fuß der 
Mauer. Ein Schatten löste sich aus der Vielzahl anderer Schatten 
und bewegte sich an der Mauer aufwärts. Er kletterte affenartig 
entlang der tiefen Verzierungen. Diese Seite der Mauer lag im 
Mondschatten, deshalb konnte sie die Züge des Mannes nicht 
erkennen. Zudem trug er einen schweren Helm, der sein Gesicht 
verdeckte. 

Sie sagte nichts zu Kull, der mit erhobener Axt am 
Treppenabsatz stand, sondern huschte zum Rand der Mauer und 
kauerte sich hinter den Trümmerstücken einer einstigen 
Brüstung nieder. Jetzt konnte sie erkennen, daß der Mann von 
Kopf bis Fuß gerüstet war, doch noch immer war ihr kein Blick 
auf seine Züge vergönnt. Ihr Atem kam in heftigen Stößen, als 
sie den Dolch hob, während sie mit aller Kraft gegen die 
wachsende Übelkeit ankämpfte. 

Als ein gepanzerter Arm über die Mauerkante griff, sprang sie 
rasch und lautlos wie eine Tigerin und stach in das ungeschützte 
Gesicht, das sich ihr plötzlich im Mondlicht zuwandte. Und noch 
während der Dolch hinabzuckte, und sie den Stoß nicht mehr 
aurhalten konnte, schrie sie vor Entsetzen auf, denn in diesem 
kurzen Moment erkannte sie das Gesicht ihres Geliebten, Dalgar 
von Farsun. 

5 Der Kampf auf der Treppe 

Nachdem Dalgar die aufgeregte Schar um Ka-nu unauffällig 
verlassen hatte, lief er zu seinem Pferd und ritt im Galopp zum 

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-1 5 0 - 

Osttor. Er hatte gehört, wie Ka-nu Anweisung gab, die Tore zu 
schließen und niemanden hinauszulassen, und er ritt wie ein 
Wahnsinniger, um dem zuvorzukommen. Es war ohnehin 
schwierig, bei Nacht aus der Stadt zu gelangen, und Dalgar, der 
erfahren hatte, daß die Tore in dieser Nacht nicht von den 
unbestechlichen Roten Reitern bewacht wurden, hatte vorgehabt, 
sich mit der Überzeugungskraft von Münzen Durchlaß zu 
verschaffen. Doch nun hing alles von der Dreistigkeit seines 
Planes ab. 

Schweißgebadet erreichte er das Osttor und rief: "Öffnet das 
Tor! Ich muß noch heute nacht zur verulischen Grenze reiten! 
Rasch! Der König ist verschwunden! Laßt mich  durch und 
verschließt das Tor gut! Im Namen des Königs!" 

Und als der Soldat zögerte: "Rasch, ihr Narren! Der König ist 
vielleicht in großer Gefahr! Horcht!" 

Weit über die Stadt erklang das tiefe Dröhnen der großen 
bronzenen Glocke des Königs, die nur geläutet wurde, wenn sich 
der König in Gefahr befand. Die Wachen wurden lebendig. Sie 
wußten, daß der Edelmann Dalgar bei Hof in hohem Ansehen 
stand. Sie glaubten seinen Worten, und sein entschlossenes 
Auftreten ließ sie augenblicklich die großen Eisentore öffnen. Er 
schoß wie der Blitz durch und war augenblicklich in der 
Dunkelheit verschwunden. 

Während des Rittes dachte er an Kull und hoffte, daß ihm nichts 
Ernstes zugestoßen war, denn er mochte den rauhen und 
offenen Barbaren weitaus lieber als all seine zivilisierten und 
blutlosen Vorgänger auf dem Thron der Sieben Reichet 

Wenn diese Sache nicht gewesen wäre, hätte er bei der Suche 
geholfen, doch Nalissa wartete auf ihn, und er war bereits spät 
dran. 

Als der junge Edelmann in die Gärten hineinritt, hatte er das 
untrügliche Gefühl, daß dieser einsame abweisende Ort alles 
andere denn verlassen war. Im nächsten Augenblick hörte er das 
Klirren von Stahl, das Geräusch vieler eiliger Schritte und eine 
wütende Stimme, die etwas in einer fremden Sprache rief. Er glitt 

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-1 5 1 - 

vom Pferd und zog sein Schwert. Dann kroch er durch das 
niedere Buschwerk, bis das verfallene Landhaus vor ihm 
auftauchte. Dort erwartete ihn ein seltsames Bild. Oben auf einer 
halbverfallenen Treppe stand ein fast nackter, blutbesudelter 
Hüne. Er erkannte, daß es der König von Valusien war. An 
seiner Seite stand ein Mädchen - ein halb erstickter Schrei kam 
über Dalgars Lippen. Naiissa! Seine Nägel gruben sich in das 
Fleisch seiner Hand, als er sie zur Faust ballte. Wer waren diese 
dunkel gekleideten Männer, die die Treppe umlagerten? Gleich 
wer, sie waren auf den Tod des Königs und des Mädchens aus. 
Da vernahm er Kulls Stimme, als dieser seinen Gegnern sein 
Leben für das des Mädchens bot, und ein Gefühl großer 
Dankbarkeit überflutete ihn. Dann fielen ihm die tiefen 
Ornamente in der Mauer auf. Augenblicke später kletterte er 
bereits empor, um das Mädchen zu beschützen, das er liebte, 
und, wenn es keinen anderen Weg gab, an der Seite des Königs 
zu sterben. 

Er hatte Naiissa aus dem Blickfeld verloren, doch jetzt während 
des Kletterns wagte er nicht, sich nach ihr umzusehen. Die 
Steine waren schlüpfrig, der Halt trügerisch. Er sah sie erst 
wieder, als er den oberen Rand erreichte und sich hochziehen 
wollte. Da hörte er ihren Schrei und sah ihre Hand mit einem 
metallischen Aufblitzen auf sein Gesicht zukommen. Er duckte 
sich und fing den Schlag mit dem Helm ab. Die Klinge des 
Dolches brach vom Griff, und Naiissa sank im nächsten 
Augenblick in seine Arme. 

Ihr Schrei hatte Kull mit erhobener Axt herumwirbeln lassen. Er 
hielt inne, als er den Farsunier erkannte, und sofort begriff er. Er 
wußte, warum das Paar hier war und grinste beifällig. 

Der zweite Ansturm kam zum Halten, als die Verulier den zweiten 
Mann auf der Plattform entdeckten. Doch dann setzten sie sich 
erneut in Bewegung und sprangen die Stufen hoch. Ihre 
Schwerter schimmerten im Mondlicht. Ihre Augen leuchteten aus 
verzerrten Gesichtern. Kull empfing den ersten mit einem 
mächtigen Hieb von oben, der Helm und Schädel zerschmetterte. 
Dann war Dalgar an seiner Seite. Seine Klinge zuckte vor und 

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-1 5 2 - 

durchbohrte eine veru-lische Kehle. Damit begann der Kampf auf 
der Treppe, der seither in den Liedern der Sänger und Dichter 
unsterblich geworden ist. 

Kull sah dem Tod ins Auge und teilte ihn aus mit blutiger Hand. Er 
verschwendete kaum einen Gedanken an Verteidigung. Seine 
Axt schwang in einem Rad des Todes um ihn, und bei jedem 
Treffer knirschten Stahl und Knochen, spritzte Blut und erklang 
ein Schrei der Pein oder des Todes. Leichen verstopften den 
Aufgang, aber die Überlebenden kletterten über die blutigen 
Leichen ihrer Kameraden. 

Dalgar bot sich wenig Gelegenheit für Hieb oder Stich, doch er 
sah sofort, daß seine wichtigste Aufgabe darin bestand, Kull zu 
schützen, der zwar ein geborener Kämpfer war, aber ohne 
Rüstung nicht lange überleben würde. 

So wob Dalgar mit all seiner Geschicklichkeit mit der Klinge einen 
stählernen Schutzschild um den König. Wieder und wieder lenkte 
er eine Schwertspitze von Kulls Brust, wieder und wieder 
blockierte sein gepanzerter Arm einen tödlichen Hieb. Zweimal 
fing er mit seinem Helm Schwertstreiche ab, die dem 
ungeschützten Haupt des Königs galten. 

Es ist nicht leicht, einen anderen und sich selbst gleichzeitig zu 
decken. Kull blutete aus Schnitten im Gesicht und an der Brust, 
aus einer Platzwunde an der Schläfe, einem Stich in den 
Schenkel und einer tiefen Wunde an der Schulter. Eine Lanze 
hatte Dalgars Harnisch durchbohrt und war in seine Seite 
gedrungen. Er spürte, wie seine Kräfte schwanden. Unter einem 
letzten rasenden Ansturm der Feinde ging der Farsunier zu 
Boden. Er fiel vor Kulls Füße, und ein Dutzend Klingen waren auf 
sein Leben aus. Mit löwenartigem Brüllen und einem mächtigen, 
weiten Schwung seiner blutigen Axt fegte Kull sie beiseite und 
sprang schützend über den gefallenen Jüngling. Dann drangen 
sie erneut auf ihn ein ... 

Da erklang das Donnern von Pferdehufen, als eine wilde 
Reiterschar wie Wölfe im Mondlicht heulend in die Verdammten 
Gärten preschte. Ein Hagel von Pfeilen sang auf die Treppe zu, 
Männer schrien und stürzten zu Boden oder zerrten an den 

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-1 5 3 - 

mörderischen Schäften, die tief im Fleisch saßen. Die wenigen, 
die Kulls Axt und den Pfeilen entgangen waren, flohen die Stufen 
hinab, wo sie den Krummschwertern Brules und seiner Pikten 
gegenüberstanden. Dort starben sie, diese tapferen verulischen 
Krieger, bis zum letzten Mann kämpfend  - Schergen eines 
verräterischen Königs. Sie starben ehrlos und ohne Ruhm, aber 
sie starben wie Männer. 

Doch einer starb nicht dort unten am Fuß der Treppe. Der 
Maskierte war beim ersten Geräusch der näherkommenden 
Reiter geflohen und galoppierte auf dem Rücken eines schnellen 
Pferdes durch die Gärten. Er hatte fast die Außenmauer erreicht, 
als ihm Brule, der Speerkämpfer, den Weg versperrte. Von 
seinem Platz auf der Plattform konnte Kull den Kampf der beiden 
im Mondlicht verfolgen. 

Der Maskierte hatte seine Rückzugstaktik aufgegeben. Er griff 
den Pikten mit wilder Verwegenheit an, und der Speerkämpfer 
stellte sich ihm, Pferd gegen Pferd, Mann gegen Mann, Schwert 
gegen Schwert. Beide waren ausgezeichnete Reiter. Ihre Tiere 
tänzelten, drehten sich, bäumten sich auf unter dem Ruck der 
Zügel oder dem Druck der Schenkel. Doch während all dieser 
lenkenden Bewegungen verebbte das Klirren der Schwerter nicht 
einen Augenblick. Brule focht im Gegensatz zu seinen 
Stammeskriegern mit dem schmalen geraden valusischen 
Schwert. In Reichweite und Behendigkeit waren sie einander 
ebenbürtig, und Kull hielt immer wieder den Atem an und grub 
seine Zähne in seine Lippen, wenn es schien, als fiele Brule 
durch einen überraschenden gefährlichen Hieb oder Stich. 

Es gab kein wildes aufeinander Einhauen bei diesen beiden 
erfahrenen Kämpfern. Auf Stoß folgte Gegenstoß, Parieren und 
erneuter Stoß. Plötzlich schien Brule vor der Klinge des Gegners 
zurückzuweichen. Er parierte mit wilden Streichen und bot dem 
Gegner eine Blöße. Der Maskiere gab seinem Pferd die Fersen, 
als er zustieß, so daß Schwert und Pferd wie eine Einheit 
vorwärtsschossen. Brule lehnte sich zur Seite, ließ die Klinge 
über die Seite seines Harnisches abgleiten, während seine 
eigene nach vorn stieß, so daß Ellenbogen, Handgelenk, Griff 

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-1 5 4 - 

und Spitze von der Schulter aus eine gerade Linie bildeten. Die 
Pferde prallten gegeneinander und überschlugen sich auf dem 
Boden. Doch aus dem Gewirr von schlagenden Hufen erhob sich 
nur Brule unverletzt, während der Maskierte von Brules Klinge 
durchbohrt im Gras liegenblieb. 

Kull erwachte wie aus einer Lähmung. Die Pikten heulten wie 
Wölfe um ihn herum, bis er Ruhe heischend die Hand hob. 
"Genug! Ihr habt triumphiert! Aber kümmert euch jetzt um Dalgar. 
Er ist schwer verwundet. Und wenn ihr mit ihm fertig seid, könnt 
ihr nach meinen Wunden sehen. Brule, wie habt ihr mich 
gefunden?" 

Brule stand über dem toten Maskierten und winkte Kull zu sich. 

"Eine Bettlerin hat gesehen, wie Ihr über  die Palastmauer 
geklettert seid. Und weil sie neugierig war, folgte sie Euch und 
sah Euch durch die vergessene Pforte die Stadt verlassen. Wir 
patrouillierten gerade im Grasland zwischen der Stadtmauer und 
den Gärten, als wir Waffenlärm hörten. Wer aber mag das 
sein?" 

"Nimm ihm die Maske ab", sagte Kull. "Wer immer sich dahinter 
verbirgt, hat Tus Handschrift gefälscht und den Siegelring 
genommen. Er ..." 

Brule zog die Maske vom Gesicht des Toten. 

"Dondal!" entfuhr es Kull. "Tus Neffe! Brule, Tu darf es niemals 
erfahren. Er soll glauben, daß Dondal mit dir geritten und im 
Kampf für seinen König gefallen ist." 

Brule schien es nicht zu begreifen. "Dondal! Ein Verräter! Wie ist 
es möglich? Wie oft habe ich mit ihm Wein getrunken und 
meinen Rausch in einem seiner Betten ausgeschlafen." 

Kull nickte. "Ich mochte ihn auch." 

Brule säuberte seine Klinge und schob sie mit einem 
scharrenden Laut in die Hülle. "Die Not macht einen Schurken 
aus fast jedem Mann", stellte er düster fest. "Er war tief 
verschuldet  - Tu war ein alter Geizkragen. Er pflegte zu sagen, 
daß Geld die jungen Männer nur verderben würde. Dondals Stolz 
war kostspieliger, als er sich leisten konnte, so fiel er Wucherern 

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-1 5 5 - 

in die Hände. Für mich ist Tu der wirkliche Verräter, denn er hat 
den Jungen mit seinem Geiz zum Verrat getrieben. Fast 
wünschte ich, meine Klinge hätte sein Herz durchbohrt anstatt 
Dondals." 

Damit wandte sich der Pikte ab und ging mit düsterem Gesicht. 

Kull kehrte zu Dalgar zurück, der noch halb besinnungslos auf 
der Plattform lag, während die Piktenkrieger mit erfahrenen 
Händen seine Wunden verbanden. Andere kümmerten sich um 
den König, und während sie das Blut stillten und die Wunden 
reinigten und verbanden, kam Nalissa zu Kull. 

"Majestät." Sie streckte ihm ihre kleinen, nun zerkratzten und 
blutverkrusteten Hände entgegen. "Habt Ihr jetzt vielleicht 
Erbarmen mit uns - und erfüllt meine Bitte ..." Ihre Stimme hielt 
erstickt inne. "... wenn Dalgar nicht stirbt?" 

Kull faßte sie an den zierlichen Schultern und schüttelte sie 
gequält. 

"Mädchen, Mädchen, Mädchen! Erbitte alles von mir, nur nicht, 
was ich dir nicht gewähren kann. Verlange das halbe Königreich 
oder meine rechte Hand, und sie ist dein. Ich werde Murom 
fragen, ob er jetzt nicht doch seine Einwilligung zu dieser Heirat 
gibt ... Ich werde ihn sogar bitten  -aber ich kann ihn nicht 
zwingen." 

Hochgewachsene Reiter kamen durch die Gärten herbei, deren 
prächtige Rüstungen im Mondlicht zwischen den halbnackten 
wölfischen Pikten schimmerten. Einer, ein stattlicher Mann, war 
abgestiegen und kam gelaufen, wobei er das Visier seines 
Helmes öffnete. 

"Vater!" 

Murom bora Ballin drückte seine Tochter mit dankbarem Seufzen 
an seine Brust. Dann wandte er sich dem König zu. 

"Majestät, Ihr seid schwer verletzt!" 

Kull schüttelte den Kopf. "Nein, nicht schwer, für mich 
wenigstens, obgleich ein anderer sich vielleicht steif und wund 
fühlen würde. Aber dort liegt der junge Mann, der mir den Tod 

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-1 5 6 - 

vom Leibe hielt, der mein Helm und mein Schild war, und ohne 
den Valusien nun nach einem neuen König schreien würde." 

Murom eilte zu der reglosen Gestalt. 

"Dalgar! Ist er tot?" 

"Es fehlt nicht viel", knurrte ein sehniger Pikte, der noch immer 
mit seinen Wunden beschäftigt war. "Aber er ist aus Stahl und 
Fischbein. Mit ein wenig Pflege kommt er sicher durch." 

"Er kam her, um Eure Tochter zu treffen und mit ihr zu fliehen", 
sagte Kull, und Nalissa senkte traurig den Kopf. "Er schlich durch 
das Gebüsch und sah mich auf dieser Treppe um mein Leben 
kämpfen und um ihres. Er hätte fliehen können. Nichts hätte ihn 
daran gehindert. Doch er kletterte die Mauer zu uns hoch in den 
sicheren Tod, und er focht so freudig an meiner Seite, als wäre 
er zu einem Fest geladen. Dabei ist er von Geburt nicht einmal 
mein Untertan." 

Muroms Hände ballten und lösten sich. Seine Augen wurden 
weich und sanft, als er seine Tochter ansah. 

"Naiissa", sagte er liebevoll und zog das Mädchen in seine 
gepanzerten Arme, "möchtest du noch immer diesen 
verwegenen Burschen zum Mann?" 

Ihr Blick war Antwort genug. 

Kull befahl: "Hebt ihn vorsichtig auf und tragt ihn in den Palast. Er 
soll die beste ..." 

Murom fiel ihm ins Wort: "Majestät, wenn es Euch recht ist, laßt 
mich ihn in mein Schloß bringen. Dort soll er unter die Obhut der 
besten Ärzte kommen, und seine Genesung ... Nun, wenn Eure 
Majestät damit einverstanden sind, könnten wir den glücklichen 
Umstand mit einer Hochzeit krönen?" 

Nalissa jauchzte vor Freude, klatschte in die Hände, küßte ihren 
Vater und Kull und flog wie ein Wirbelwind an Dal-gars Seite. 

Murom lächelte mild, und sein edles Gesicht leuchtete. "Aus 
einer Nacht voll Blut und Schrecken ist Freude und Glück 
geboren worden." 

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-1 5 7 - 

Der Barbar grinste und schulterte seine schartige und blu-tige 
Axt. 

"So ist das Leben, Graf. Des einen Leid ist des anderen Freud." 

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-1 5 8 - 

DER KÖNIG UND DIE EICHE 

(The King and the Oak) 
Bevor die Schatten die Sonne bezwangen, flogen die Falken 
frei einher, 
Und Kull ritt durch den großen Wald, das Schwert auf den 
Knien schwer. Und die Winde flüstern rund um die Welt: 
> König Kull reitet zum Meer. < 
Die Sonne sank blutrot ins Meer, die Dämmerung brach 
herein, 
Eines Zauberers Schädel war der Mond, und in seinem 
magischen Schein Wurden die großen Bäume des Walds zu 
Geistern in einem Höllenhain. 
Im fahlen Licht ragten Bäume empor, unmenschlichen 
Monstren gleich. Kull schien es, als regte sich jeder Stamm 
und wäre lebendig jeder Zweig, Und Geisteraugen glühten 
rings, unirdisch, böse und bleich. 
Das Astwerk wand sich wie Gewürm, dämonisch anzusehn. 
Eine alte Eiche schwankte steif und begann knarrend zu gehn. 
Sie riß ihre Wurzeln aus dem Grund und blieb vor dem König 
stehn. 
An diesem einsamen, finsteren Ort hüb ein grimmiger 
Zweikampfan. Stumm rangen in gespenstischer Nacht ein 
uralter Baum und ein Mann. Am eisenharten Holz zerbrach der 
Dolch in des Königs Hand. 
Und während des Kampfes sang der Wald einen düsteren 
Refrain, 
Den jahrmillionenalten Haßgesang voll Rachegier und Pein: 
>Wir waren die Herren, bevor der Mensch kam, Wir werden es 
wieder sein. < 

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-1 5 9 - 

Kull erahnte ein uraltes Reich, gebeugt von den Menschen 
schwer, 
Wie ein Königreich aus grünem Gras von einem wimmelnden 
Ameisenheer. Und ein Grauen ergriff ihn und fiel wie ein Alp 
Über den Träumer her. 
Mit blutenden Händen setzte er sich gegen den starren Baum 
zur Wehr. Da blies ein kühler Morgenwind, wie aus einem 
Traum erwachte er. 
Und König Kull aus dem stolzen Atlantis ritt schweigend hinab 
zum Meer. 

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OHNE TITEL 

(Untitled Fragment) 

Drei Männer saßen um einen Tisch bei einem Spiel. Eine sanfte 
Brise wisperte durch das offene Fenster, wehte die dünnen 
Vorhänge zur Seite und trug den Duft von Rosen und blühenden 
Büschen in den Raum. 

Drei Männer saßen um den Tisch, einer war ein König, einer ein 
Prinz aus uraltem Hause, der dritte Häuptling eines kriegerischen 
Barbarenvolkes. 

"Verloren, Brule!" stellte Kull, der König von Valusien, fest, 
nachdem er eine seiner Elfenbeinfiguren bewegt hatte. "Mein 
Zauberer setzt deinen Krieger außer Gefecht." 

Brule nickte. Er war nicht so hünenhaft von Gestalt wie der 
König. Er war kräftig, gedrungen und geschmeidig. Kull war der 
Tiger, Brule der Leopard. Brule war ein  Pikte und bronzefarbig, 
wie es für seine Rasse charakteristisch war. Unbewegte Züge, 
ein stolzer Kopf, muskulöser Nacken, breite Schultern und 
mächtiger Brustkorb sowie sehnige Arme und Beine - das waren 
die körperlichen Merkmale seines Volkes. Doch in einem 
unterschied sich Brule merklich von seinen Stammesbrüdern: 
ihre Augen waren von einem glänzenden dunklen Braun oder 
tiefstem Schwarz, seine dagegen von einem schwelenden Blau, 
was auf einen Schuß keltischen Blutes hindeutete oder auf jenes 
der Wilden, die nahe am Polarkreis in Eishöhlen hausten. 

"Ein Zauberer ist schwer zu schlagen, Kull", erklärte Brule, 
"sowohl im Spiel als auch in den blutigen Schlachten der 
Wirklichkeit. Mein Leben hing einmal an einem seidenen Faden, 
als ich meine Kräfte mit einem piktischen Zauberer messen 
mußte. Er hatte seine Magie und ich eine gute Klinge." 

Er hielt inne, um einen großen Schluck aus seinem mit 

rotem Wein gefüllten Becher zu nehmen. 

"Erzähl uns die Geschichte, Brule", drängte der dritte 

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Spieler. Ronaro, der Prinz  des großen Hauses der Ati Volante, 
war ein schlanker, vornehmer junger Mann mit feingeschnittenen 
Zügen, dunklen Augen und einem wachen, klugen Gesicht. Er 
war von nobelster Abstammung, Sproß des weltoffensten 
Zweiges der Aristokratie, die das uralte Valusien hervorgebracht 
hatte. Die anderen beiden waren das genaue Gegenteil. Er kam 
in einem Palast zur Welt, von den anderen beiden wurde der eine 
in einer Lehmhütte, der andere in einer Höhle geboren. Ronaros 
Stammbaum ließ sich zweitausend Jahre zurückverfolgen, Seine 
Ahnherren waren Herzöge, Ritter, Fürsten, Staatsmänner, 
Dichter und Könige gewesen. Brule kannte die ungefähre Kette 
seiner Ahnen ein paar hundert Jahre weit zurück. Zu ihnen 
zählten fellbekleidete Häuptlinge, bemalte und federgeschmückte 
Krieger, Schamanen mit Bisonschädelmasken und 
Fingerknochenhalsketten und ein oder zwei Inselkönige, die in 
Lehmhütten residierten, sowie einen sagenumwobenen Helden 
oder zwei, die man ihrer herausragenden Körperkräfte oder 
Bluttaten wegen fast als Götter verherrlichte. Kull wußte hingegen 
nicht einmal, wer 

seine Eltern waren. Aber aus den Zügen der drei leuchtete etwas 
Gemeinsames, das die Ketten von Herkunft und 
Lebensumständen hinter sich ließ  - der natürliche Adel wahren 
Mannestums. Diese Männer waren, jeder auf seine Art, 
Edelmänner im besten Sinn des Wortes. Ronaros Vorfahren 
waren Könige die von Brule in Fell gewandete Häuptlinge; und die 
von Kull mochten sowohl Sklaven als auch Häuptlinge gewesen 
sein. Aber jeder der drei strahlte diese unbeschreibliche Aura 
aus, die den wahrhaft großen Mann kennzeichnet und mit dem 
Irrglauben aufräumt, daß alle Menschen gleich geboren würden. 

"Nun", begann Brule mit einem Schimmer ferner Erinner-rungen 
in den Augen, "es geschah in meiner frühen Jugend, als ich an 
meinem ersten Kriegszug teilnahm. Oh, ich hatte schon zuvor 
getötet, bei den Streitigkeiten um die Fisch-gründe oder auf den 
Stammesfesten, aber ich war noch nicht mit den Narben des 
Kriegers ausgezeichnet ..." Er deutete auf seine nackte 

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sonnengebräunte Brust, wo die Zuhörer drei kleine waagrechte 
Narben erkennen konnten 

Während er erzählte, beobachtete ihn Ronaro mit unver-
hohlenem Interesse. Diese stolzen Barbaren mit ihrer 
urtümlichen Vitalität und ihrer unverblümten Direktheit 
faszinierten den jungen Prinzen. Die Jahre in Valusien als einer 
der mächtigsten Verbündeten des Reiches hatten den Pikten 
äußerlich verändert  - sie hatten ihn nicht gezähmt, ihm jedoch 
eine Fassade von Kultur, Bildung und gesell-schaftlichem 
Verhalten aufgedrückt. Aber unter dieser Fas-sade lag die 
ungezügelte Wildheit des Barbaren noch immer unberührt. An 
Kull, einst Krieger in Atlantis und jetzt König von Valusien, war die 
Veränderung wesentlich tiefgreifen-der geschehen. 

"Ihr müßt wissen", fuhr Brule fort, "daß wir von den Inseln alle 
eines Blutes sind, auch wenn es viele Stämme gibt und jeder 
Stamm seine ganz eigenen Bräuche und Über-lieferungen hat. 
Wir alle erkennen Nial vom Stamm der Tatheli als obersten König 
an, doch seine Regentschaft ist nicht tiefgreifend. Er mischt sich 
nicht  in die Angelegenhei-ten der Stämme, erhebt nicht Tribut 
noch Steuern, wie die Valusier es nennen, außer von den Nargi, 
den Dano und den Walfängern, die ebenfalls auf der Insel Tathel 
leben und denen er Schutz vor anderen Stämmen gewährt. Dafür 
nimmt er Tribut von ihnen, doch nicht von meinem Stamm, den 
Borni, noch von den anderen. Er greift auch nicht ein, wenn zwei 
Stämme einander bekriegen - außer ein Stamm legt sich mit den 
dreien an, die unter seinem Schutz stehen. 

Wenn der Krieg zu Ende ist, gelten sein Schiedsspruch und 
seine Friedensbedingungen: Welche geraubten Frauen 
zurückgegeben werden müssen, was für die Kriegsboote bezahlt 
werden muß und welcher Blutpreis zu entrichten ist, und so 
weiter. Und wenn die Lemurier oder die Kelten oder irgendeine 
andere Erobererhorde gegen uns zieht, so ruft er alle Stämme 
zusammen. Dann ist aller innerer Streit vergessen, und wir 
kämpfen Seite an Seite. Es ist der beste Weg. Er könnte nach 
der absoluten Herrschaft greifen, denn sein eigener Stamm ist 
sehr mächtig, und mit valusischer Hilfe könnte es ihm gelingen - 

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aber er weiß gut, auch wenn er mit Hilfe seiner Verbündeten alle 
anderen Stämme in die Knie zwingt, würde es nie mehr Frieden 
geben, sondern steten erbitterten Kampf, so lange noch ein 
Borni, ein Sungara, ein Wolftöter oder irgendein anderer der 
Stammeskrieger am Leben ist." 

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DIE SPIEGEL DES TUZUN THUNE 

(The Mirrors of Tuzun Thune) 

Selbst für Könige kommt einmal die Zeit großer Müdigkeit. Da 
wird das Gold des Throns zu Messing; der Palast verliert seinen 
Glanz; die Edelsteine der Krone schimmern matt wie das Eis des 
weißen Meeres; die Gespräche der Menschen gleichen dem 
sinnlosen Rasseln der Schellen des Narren. Ein Gefühl der 
Unwirklichkeit beschleicht einen. Selbst die Sonne steht kupfern 
am Himmel, und der  Hauch der grünen See schenkt keine 
Frische mehr. 

Kull saß auf Valusiens Thron, und die Stunde der Müdigkeit war 
für ihn gekommen. Wie ein endloses Panorama zog alles an ihm 
vorbei: Männer, Frauen, Priester, Ereignisse und Schatten von 
Ereignissen, Dinge, die zu sehen waren, und solche, die erst 
noch getan werden mußten. Aber sie kamen und gingen wie 
Schatten und ließen in ihm keinen Eindruck zurück, nur eine 
ungeheure Erschöpfung. Und doch war Kull nicht müde. In ihm 
steckte eine Sehnsucht nach Dingen außerhalb seiner selbst, 
außerhalb des valu-sischen Hofes. Unrast erfüllte ihn, und 
seltsame unlösch-bare Träume griffen nach seiner Seele. Auf 
seinen Wunsch kam Brule der Speerkämpfer zu ihm, ein Krieger 
aus dem Piktenland der Inseln im Westen. 

"König, Ihr seid des Lebens auf dem Hof leid. Kommt mit auf 
mein Schiff, und wir lassen uns eine Weile von den Wellen 
tragen." 

"Nein." Trübsinnig stützte Kull das Kinn auf die kräftige Faust. 
"Ich bin alles müde. Die Städte langweilen mich  -und an den 
Grenzen ist es ruhig. Ich höre das Lied der Wellen nicht mehr, 
wie damals, da ich als Junge auf den Klippen von Atlantis lag und 
die Sterne am Himmel funkelten. Selbst die grünen Wälder 
locken mich nicht mehr wie früher. Ein seltsames Sehnen ist in 
mir, ein Sehnen über das Leben hinaus. Geh!" 

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Gedankenschwer verließ Brule ihn, und Kull brütete weiter auf 
seinem Thron. Da stahl sich eine junge Hofdame zu ihm und 
flüsterte: 

"Großer König, begebt Euch zu Tuzun Thune, dem Zauberer. Er 
kennt die Geheimnisse des Lebens und Todes, der Sterne am 
Himmel und der Lande unter dem Meer." 

Kull blickte das Mädchen an. Wie gesponnenes Gold waren ihre 
Haar und ihre veilchenblauen Augen eigentümlich geformt. Sie 
war schön, doch ihre Schönheit bedeutete Kull wenig. 

"Thuzun Thune", wiederholte er. "Wer ist das?" 

"Ein Zauberer der Alten Rasse. Er lebt hier in Valusien am See 
der Visionen im Haus der tausend Spiegel. Er weiß Antwort auf 
alle Fragen, o König; er spricht mit den Toten und unterhält sich 
mit den Dämonen der Verlorenen Lande." 

Kull erhob sich. 

"Ich werde diesen Wundermann aufsuchen, doch kein Wort 
davon zu irgend jemandem, hört Ihr?" 

"Ich bin Eure Sklavin, o König." Untertänig sank sie auf die Knie, 
doch ihr Lächeln, das Kull nicht zu sehen vermochte, war 
verschlagen genau wie ihre Augen. 

Und so kam Kull zum Hause Tuzun Thunes am See der 
Visionen. Breit und blau erstreckte sich das Wasser des Sees, 
und manch prächtiger Palast erhob sich an seinen Ufern. Barken 
in Schwanenform trieben ruhig dahin, und weiche Musik stieg von 
ihnen auf. 

Das Haus der tausend Spiegel erhob sich groß und geräumig, 
doch ohne Prunk vor Kull. Die breite Flügeltür stand offen, und so 
stieg er die Freitreppe hinauf und betrat unangemeldet das Haus. 
In einem Saal, dessen Wände aus Spiegeln bestanden, traf er 
auf Tuzun Thune, den Zauberer. Der Mann war alt wie die Berge 
von Zangara, seine runzlige Haut wie Leder, doch seine kalten 
grauen Augen schimmerten wie Schwertstahl. 

"Kull von Valusien, mein Haus ist Euer." Er verbeugte sich und 
bot Kull einen thronähnlichen Sessel an. 

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"Ihr seid Zauberer, wie ich hörte", sagte Kull ohne Umschweife. 
Er stützte das Kinn auf seine Rechte und blickte den Mann 
düster an. "Könnt Ihr Wunder wirken?" 

Der Zauberer streckte eine Hand aus, die Finger öffneten und 
schlössen sich wie die Krallen eines Raubvogels. 

"Ist dies kein Wunder - daß dieses blinde Fleisch meinem Geist 
gehorcht? Ich gehe, ich atme, ich spreche. Sind das nicht alles 
Wunder?" 

Kull betrachtete ihn gedankenvoll. "Könnt Ihr Dämonen 
beschwören?" 

"Ja. Ich kann einen Dämon herbeirufen, der schrecklicher ist als 
alle in der Welt der Geister  - indem ich Euch ins Gesicht 
schlage." 

Kull blinzelte, dann nickte er. "Was ist mit den Toten? Könnt Ihr 
mit ihnen sprechen?" 

"Stets spreche ich mit Toten - so wie jetzt. Der Tod fängt bei der 
Geburt an, und jeder beginnt zu sterben, sobald er geboren ist. 
Schon jetzt seid Ihr tot, König Kull, weil Ihr geboren wurdet." 

"Und Ihr? Ihr seid älter als ein Mensch wird. Sind Zauberer 
unsterblich?" 

"Menschen sterben, wenn ihre Zeit gekommen ist. Weder früher 
noch später. Meine ist noch nicht gekommen." 

Kull dachte über diese Worte nach. 

"So ist denn der größte Zauberer Valusiens nichts weiter als ein 
gewöhnlicher Sterblicher, und ich war ein Narr, Euch 
aufzusuchen? 

Tuzun Thune schüttelte den Kopf. "Sterbliche sind Sterbliche, 
doch die größten Menschen sind jene, die die einfachen Dinge 
am raschesten lernen. Blickt in meine Spiegel, Kull." 

Die Decke bestand ebenso aus Spiegeln wie die Wände, und all 
diese Spiegel waren von den unterschiedlichsten Größen und 
Formen, doch alle geschickt aneinandergefügt. 

"Spiegel sind die Welt, Kull", murmelte der Zauberer. "Seht in 
meine Spiegel und werdet weise." 

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Kull schaute sich aufs Geratewohl um. Die Spiegel der 
gegenüberliegenden Wand fanden ihr Abbild und spiegelten 
wiederum andere wider, so daß es den Anschein hatte, als blicke 
er durch einen langen beleuchteten Gang, der von Spiegel um 
Spiegel gebildet wurde. Und weit hinten in diesem Korridor 
bewegte sich eine winzige Gestalt. Es dauerte eine Weile, bis er 
erkannte, daß die Gestalt sein Abbild war. Ein Gefühl der 
Unbedeutendheit beschlich ihn. Ihm schien, als wäre dies der 
wahre Kull, als zeige das Figürchen seinen wahren Maßstab an. 
So trat er rasch zur Seite und stellte sich vor einen anderen 
Spiegel. 

"Seht genau hin, Kull", hörte er den Zauberer. "Dies ist der 
Spiegel der Vergangenheit." 

Graue Schleier verbargen die Sicht, gewaltige Nebel-Schwaden 
wallten und wandelten sich. Durch diese Schleier sah Kull sich 
rasch verändernde, wundersame, aber auch grauenvolle Bilder: 
Tiere und Menschen und Wesen, die weder das eine, noch das 
andere waren, zogen vorbei; 

gewaltige exotische Blüten hoben sich von dem Grau ab: 

Hohe tropische Bäume ragten über Sümpfe, in denen sich 
ungeheure Reptilien suhlten; gräßliche Drachen flogen durch die 
Lüfte, und die ruhelose See brandete ohne Unterlaß über 
schlammige Küsten. Noch gab es den Menschen nicht, doch war 
er der Traum der Götter, und furchterregend muteten die 
Alptraumgeschöpfe an, die durch dichten Urwald schlichen. 
Angriff und Abwehr und erschreckender Zeugungsakt, wohin man 
sah. Der Tod war allgegenwärtig, denn Leben und Tod gehen 
Hand in Hand. Über die Sümpfe der Welt schallte das Brüllen der 
Ungeheuer, und unbeschreibliche Gestalten hoben sich hinter 
dem Vorhang des unablässigen Regens ab. 

"Und das ist die Zukunft." 

Kull folgte stumm des Zauberers Blick. 

"Was seht Ihr?" 

"Eine fremdartige Welt", antwortete Kull schwer. "Die Sieben 
Reiche sind zu Staub zerfallen und vergessen. Die ruhelose 

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grüne See wogt viele Faden tief über Atlantis' schroffen Bergen, 
und die Hochebenen von Lemurien im Westen sind die Inseln 
eines unbekannten Meeres. Fremdartige Wilde ziehen heilige 
Stätten schändend durch die alten Lande und durch neue, welche 
die Kraft des Wassers aus der Tiefe gehoben hat. Valusien und 
alle Lande unserer Zeit sind nicht mehr. Die Menschen von 
morgen sind Fremde und wissen nichts von uns." 

"Die Zeit schreitet voran", entgegnete Tuzun Thune ruhig. "Wir 
leben heute. Was kümmert uns das Morgen oder das Gestern? 
Das Rad dreht sich, Reiche entstehen und vergehen; die Welt 
verändert sich; die Menschen fallen in die Barbarei zurück und 
beginnen aufs neue den langen Aufstieg. Valusien war schon vor 
Atlantis, und vor Valusien gab es das Reich der Alten. 0 ja, auch 
wir schritten auf unserem Vormarsch über jetzt längst 
vergessene Volksstämme hinweg. Ihr, der Ihr von den 
meerumspülten Bergen Atlantis' gekommen seid, um nach der 
alten Krone Valusiens zu greifen, glaubt, mein Volk wäre alt, das 
in diesen Landen zu Hause war, ehe die Valusier aus dem Osten 
vordrangen, in jenen Tagen, ehe es Menschen auf den Inseln 
gab. Doch hier lebten bereits Menschen, bevor die Alten Stämme 
aus den Steppen einritten, und vor diesen Menschen andere, ein 
Volk folgte dem nächsten. Die Völker vergehen und werden 
vergessen, denn das ist das Schickal der Menschen." 

"Ja." Kull seufzte. "Doch ist es nicht bedauerlich, daß sein Ruhm 
und alles Schöne, was der Mensch geschaffen hat, wie Rauch 
dahinschwindet?" 

"Warum, da es doch sein Los ist. Ich grüble nicht über den 
vergangenen Glanz meiner Rasse, noch mache ich mir 
Gedanken über zukünftige. Lebt jetzt, Kull, jetzt! Die Toten sind 
tot, die Ungeborenen leben noch nicht. Was kümmert es Euch, 
wenn die Menschen Euch vergessen werden, wenn Ihr selbst 
Euch in den stillen Welten des Todes vergessen habt? Seht in 
meine Spiegel und werdet weise." 

Kull blickte in einen weiteren Spiegel. 

"Das ist der Spiegel des größten Zaubers; was seht Ihr, Kull?" 

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"Nur mich." 

"Seht genauer hin, Kull; seid Ihr es wirklich?" 

Kull blickte angespannt in den Spiegel, und sein Abbild erwiderte 
den Blick. 

"Ich stelle mich vor diesen Spiegel", sagte Kull nachdenklich und 
stützte das Kinn auf die Faust, "und erwecke diesen Mann zum 
Leben. Das kann ich nicht verstehen, denn zum ersten Mal sah 
ich ihn in den stillen Gewässern von Atlantis und später in den 
goldgerahmten Spiegeln Valusiens. Hier ist er, ein Schatten 
meines Selbst, ein Teil von mir. Ich kann ihm Leben geben oder 
es ihm nehmen, wie es mir beliebt; 

doch ..." Er hielt inne; merkwürdige Gedanken huschten durch die 
Tiefen seines Verstandes wie schattenhafte Fledermäuse durch 
eine riesige Höhle. "... wo ist er, wenn ich nicht vor einem Spiegel 
stehe? Darf ein Mensch so leichtfertig einen Schatten des 
Lebens und Seins schaffen und dann vernichten? 

Wie will ich wissen, daß er im Nichts verschwindet, wenn ich vom 
Spiegel zurücktrete? 

Bei Valka, bin ich der echte Mensch, oder ist er es? Welcher von 
uns ist der Schatten des andern? Vielleicht sind diese Spiegel 
Fenster in eine andere Welt? Sieht er mich so, wie ich ihn sehe? 
Bin ich für ihn nicht mehr als ein Spiegelbild, wie er es für mich 
ist? Und wenn ich das Abbild bin, welche Art von Welt existiert 
dann auf der anderen Seite dieses Spiegels? Welche Armeen 
reitert dort? Welche Könige herrschen? Meine Welt ist die 
einzige, die ich kenne. Wie soll ich es beurteilen können, wenn 
ich nichts von anderen weiß? Gewiß gibt es auch dort grüne 
Hügel und brandende Wogen und breite Ebenen, auf denen 
Männer in die Schlacht ziehen. Sagt mir, Zauberer, der weiser ist 
als die meisten Menschen: Gibt es Welten außerhalb der 
unseren?" 

"Der Mensch hat Augen zum Sehen", antwortete der Alte. "Wer 
sehen möchte, muß zuerst glauben." 

Stunden verstrichen, und immer noch saß Kull vor Tuzun Thunes 
Spiegeln und starrte in jenen, der sein Bild wiedergab. Manchmal 

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-1 7 0 - 

vermeinte er, harte Oberflächlichkeit zu sehen, andere Male 
gewaltige Tiefen. Wie die Oberfläche der See war der Spiegel 
Tuzun Thunes; undurchdringlich wie das Meer in der schräg 
einfallenden Sonne und im kargen Sternenschein, wenn kein 
Auge in seine Tiefen zu sehen vermag; gewaltig und 
geheimnisvoll wie die See, wenn die Sonne gerade auf sie fällt 
und dem Beobachter ein atemberaubender Blick auf ungeheuere 
Abgründe geboten ist. Derart war der Spiegel, in den Kull 
schaute. 

Schließlich  erhob sich der König seufzend und verabschiedete 
sich immer noch staunend. Und Kull besuchte aufs neue das 
Haus der tausend Spiegel; Tag für Tag kam er und saß 
stundenlang vor dem Spiegel. Die Augen, die ihm 
entgegenblickten, waren wie seine, und doch war Kull, als spüre 
er einen Unterschied - eine Wirklichkeit, die nicht von ihm kam. 

Stunde um Stunde starrte er mit seltsamer Eindringlichkeit in den 
Spiegel, und Stunde um Stunde erwiderte das Abbild seinen Blick. 

Vernachlässigt wurden Staatsgeschäfte und Besprechungen mit 
den Ratgebern. Die Untertanen murrten. Kulls Hengst stampfte 
ungeduldig im Marstall, und Kulls Krieger verbrachten die Zeit mit 
Würfelspielen und müßiger Unterhaltung. Kull kümmerte es nicht. 
Manchmal glaubte er nahe daran zu sein, ein Geheimnis größter 
Bedeutung aufzudecken. Er betrachtete das Spiegelbild nicht 
mehr als Schatten seiner selbst, es war für ihn zu einer eigenen 
Persönlichkeit geworden, die ihm äußerlich zwar ähnlich sah, 
doch so weit von Kull entfernt war wie die beiden Pole 
voneinander. Das Abbild hatte sein eigenes Wesen, wie Kull 
schien, und es war so wenig abhängig von Kull, wie Kull von ihm. 
Und Tag für Tag wurde Kull unsicherer, in welcher Welt er 
wirklich lebte; war er der Schatten, gerufen durch den Willen des 
anderen?  Lebte er statt des anderen in einer Welt der 
Einbildung, dem Schatten der wirklichen Welt? 

Kull fing an, sich zu wünschen, eine kurze Weile in den anderen 
jenseits des Spiegels schlüpfen zu können, um zu sehen, was zu 
sehen war; doch falls ihm das gelingen würde, könnte er dann je 
wieder zurück? Würde er eine Welt vorfinden, genau wie die, in 

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-1 7 1 - 

der er sich jetzt befand? Eine Welt, von der die seine nur ein 
geisterhaftes Abbild war? Was war Wirklichkeit und was Illusion? 

Hin und wieder fragte sich Kull, wie solche Gedanken und 
Träume je Eingang in seinen Geist gefunden hatten. Und 
manchmal fragte er sich auch, ob sie überhaupt aus ihm kamen. 
Seine Überlegungen waren seine, niemand vermochte die 
Gedanken eines anderen zu beherrschen; er konnte sie nach 
Belieben  rufen, oder etwa nicht? Waren sie nicht wie 
Fledermäuse, die kamen und gingen, nicht nach seinem Willen, 
sondern dem ... Wessen? Der Götter? Der Nomen, die das 
Schicksal woben? Kull gelangte zu keinem Ergebnis, denn bei 
jedem geistigen Schritt verirrte er sich mehr und mehr in einem 
Dunst von Scheinannahmen und Widerlegungen. Doch soviel 
wußte er: Seltsame Visionen drängten sich ihm auf wie Geister, 
die ungebeten aus der Leere des Nichtseins schwebten. Nie 
zuvor hatte er sich ähnlichen Gedanken hingegeben,  doch jetzt 
beherrschten sie ihn im Schlafen und Wachen, daß er manchmal 
benommen einherwandelte; und schreckliche Alpträume quälten 
ihn. 

"Verratet mir, Zauberer", sagte er, während er gebannt vor dem 
Spiegel saß, "wie kann ich durch dieses Tor treten? Denn 
wahrlich, ich bin mir nicht sicher, ob das, was ich sehe, in 
irgendeiner Form existiert." 

"Seht und glaubt!" riet der Zauberer. "Man muß glauben, um 
etwas zu erreichen. Form ist Schatten, Substanz ist Illusion, 
Stofflichkeit ist Traum; der Mensch ist, weil er glaubt zu sein; 
aber was ist der Mensch anderes als ein Traum der Götter? Und 
doch kann der Mensch sein, was er sein möchte. Form und 
Substanz sind nur Schatten. Der Geist, das Ich, das Wesen der 
Götterträume  - nur das ist wirklich und unsterblich. Seht und 
glaubt, wenn Ihr etwas erreichen wollt, Kull." 

Der König verstand ihn nicht so recht; eigentlich verstand er die 
rätselhaften Äußerungen des Zauberers nie wirklich, doch irgend 
etwas tief in ihm reagierte darauf. So saß er Tag für Tag vor den 
Spiegeln Tuzun Thunes. Und stets leistete der Zauberer ihm 
einem Schatten gleich Gesellschaft. 

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So kam der Tag, da sich Kull flüchtig Bilder fremdartiger 
Landschaften zeigten; vage Gedanken und Erkenntnisse gingen 
ihm durch den Kopf. Tag für Tag verlor er die Beziehung zur Welt 
mehr. Zusehends wurde alles für ihn unwirklicher, geisterhafter, 
nur der Mann im Spiegel schien Wirklichkeit zu sein. Kull glaubte 
nun, den Toren zu mächtigeren Welten nahe zu sein; herrliche 
Ausblicke öffneten sich ihm flüchtig; die Nebel der Unwirklichkeit 
begannen sich zu lichten. "Form ist Schatten, Substanz ist 
Illusion; sie sind nur Schatten", vernahm er wie aus weiter Ferne 
in einem Winkel seines Bewußtseins. Er erinnerte sich an die 
Worte des Zauberers, und ihm schien, als verstünde er sich nun 
fast  - Form und Substanz; konnte er sich nicht nach Belieben 
verändern, wenn er nur den Schlüssel zu dieser Tür fände? 
Welche Welten innerhalb anderer Welten harrten des kühnen 
Entdeckers? 

Der Mann im Spiegel schien ihm zuzulächeln  - näher, näher. 
Nebel hüllte alles ein, und das Spiegelbild verdunkelte sich 
plötzlich. Kull hatte das Gefühl, zu schwinden, sich zu verändern, 
in etwas anderem aufzugehen ... 

"Kull!" Der schrille Ruf zerriß die Stille in eine Million vibrierender 
Teilchen! 

Berge stürzten ein, und Welten wankten, als Kull von dem 
verzweifelten Schrei zurückgeworfen, all seine Kräfte auf schier 
übermenschliche Weise einsetzte. Wie oder wieso wußte er 
nicht. 

Ein Klirren, und Kull stand im Saal Thuzun Thunes vor einem 
zerschmetterten Spiegel, verwirrt und fast blind vor 
Benommenheit. Vor ihm lag der Leichnam des Alten, dessen Zeit 
nun abgelaufen war, und über ihm stand Brule mit rot triefendem 
Schwert und vor Grauen weit aufgerissenen Augen. 

"Valka!". entfuhr es dem Krieger. "Kull, ich kam gerade noch 
rechtzeitig!" 

"Ja - aber was ist geschehen?" Der König rang nach Worten. 

"Fragt diese Verräterin!" Der Pikte deutete auf ein Mädchen, das 
furchterfüllt vor dem König kauerte. Kull sah, daß es die junge 

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Hofdame war, die ihn zu Tuzun Thune geschickt hatte. "Als ich 
hereinkam, sah es aus, als drohtet Ihr Euch in dem Spiegel 
aufzulösen wie Rauch im Wind. Bei Valka! Hätte ich es nicht mit 
eigenen Augen gesehen, ich könnte es nicht glauben. Ihr wart 
schon fast verschwunden, als mein Schrei Euch zurückriß." 

"Ja", murmelte Kull, "diesmal hatte ich die Tür fast 
durchschritten." 

"Dieser Schurke ist äußerst schlau vorgegangen", sagte Brule. 
"Kull, erkennt Ihr jetzt, welch ein Netz aus Magie er wob und über 
euch warf? Kaanuub von Blaal verschwor sich mit diesem 
Zauberer, um sich Euer zu entledigen, und diese Verräterin, ein 
Mädchen der Alten Rasse, lockte Euch hierher. Der Ratgeber 
Ka-na erfuhr heute von der Verschwörung. Ich weiß nicht, was 
Ihr in diesem Spiegel gesehen habt, doch mit ihm hat Tuzun 
Thune Eure Seele in Bann geschlagen und durch seine Hexerei 
fast Euren Körper in Nebel verwandelt." 

"Ja." Kull war immer noch benommen. "Aber er hatte doch als 
Zauberer das Wissen aller Zeit, und er blickte herab auf Gold, 
Ruhm und Macht, was konnte Kaanuub ihm da bieten, daß er 
zum gemeinen Verräter wurde?" 

"Gold, Macht und eine hohe Stellung", brummte Brule. "Je eher 
Ihr erkennt, daß Menschen auch Menschen bleiben, ob sie nun 
Zauberer, König oder Leibeigener sind, desto besser werdet Ihr 
zu herrschen imstande sein, Kull. Was soll mit ihr geschehen?" ; 

"Nichts, Brule", antwortete der König, als sich das Mädchen vor 
Kulls Füße warf und wimmerte. "Sie war nur ein Werkzeug. Steh 
auf, Kind, und geh deines Weges; niemand wird dir etwas antun." 

Als er mit Brule allein war, warf Kull einen letzten Blick aufThuzun 
Thunes Spiegel. 

"Mag sein, daß er Ränke schmiedete und mich durch Zauber 
täuschte; nein, ich zweifle nicht an deinen Worten -doch war es 
seine Zauberei, die mich in Nebel verwandelte, oder habe ich ein 
Geheimnis entdeckt? Wenn du mich nicht zurückgeholt hättest, 
hätte ich mich dann in Nichts aufgelöst  - oder neue Welten 
jenseits gefunden?" 

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Brule blickte flüchtig auf die Spiegel und zuckte die Schultern, als 
erschauerte er. "Ja, Thuzun Thune hat die Weisheit aller Höllen 
hier gebannt. Gehen wir, Kull, ehe sie auch mich verhexen." 

"Ja, gehen wir", murmelte Kull, und Seite an Seite verließen sie 
das Haus der tausend Spiegel - in denen vielleicht die Seelen der 
Menschen gefangen sind. 

Niemand blickt jetzt mehr in die Spiegel des Zauberers Thuzun 
Thune. Die Vergnügungsbarken meiden das Ufer, an dem das 
Haus des Zauberers steht, und niemand betritt den Saal, in dem 
der Leichnam vor den Spiegeln der Täuschung liegt. Man hält 
das Haus für verflucht und macht einen weiten Bogen herum, und 
obgleich es noch tausend Jahre stehen wird, werden keine 
Schritte in ihm hallen. Doch Kull denkt auf seinem Thron oft über 
die Weisheiten und Geheimnisse nach, die dort verborgen liegen 
... 

Denn er weiß, daß jenseits seiner Welt andere Welten sind, und 
ob Thuzun Thune ihn nun durch Worte oder Zauber bannte, ihm 
erschlossen sich durch jene seltsame Tür ungeahnte Bilder. Und 
seit Kull in Thuzun Thunes Spiegel geblickt hat, ist er sich der 
Wirklichkeit weniger sicher. 

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DIE SCHWARZE STADT 

(The Black City) Fragment 

Die kalten Augen Kulls, des Königs von Valusien, verrieten 
Verblüffung, als sie auf dem Mann ruhten, der so plötzlich 
hereingestürmt war und nun zitternd vor Grimm vor dem König 
stand. Kull seufzte. Er kannte seine barbarischen Verbündeten, 
denn war er nicht selbst ein Atlanter von Geburt? Brule, der 
Speerkämpfer, war es, und er hatte die valu-sischen Embleme 
von seinem Harnisch gerissen, so daß ihn nichts mehr als einen 
Verbündeten des Reiches auswies. Und Kull wußte, was dies 
bedeutete. 

"Kull!" rief der Pikte, weiß vor Wut. "Ich verlange Gerechtigkeit!" 

Wieder seufzte Kull. Es gab Zeiten, da sich selbst ein so 
kriegerischer König wie er nach Ruhe und Frieden sehnte. Hier 
in Kamula glaubte er beides gefunden zu haben. Verträumtes 
Kamula  -  selbst während er darauf wartete, daß der ergrimmte 
Pikte fortfuhr, wanderten seine Gedanken zurück zu den 
beschaulichen, verträumten Tagen, die er seit seiner Ankunft in 
dieser Stadt in den Bergen verbracht hatte, in dieser Stadt der 
Freuden, deren Marmor- und Lapislazulipaläste terrassenförmig 
zur Bergkuppe hochstrebten, die die Stadtmitte bildete. 

"Mein Volk ist seit tausend Jahren mit dem Reich verbündet!" 
Der Pikte ballte in einer wütenden Geste die Faust. 

"Wie erklärt Ihr es, daß einer meiner Stammeskrieger im Palast 
des Königs vor meinen Augen von meiner Seite gerissen 
wurde?" 

Kull fuhr überrascht hoch. 

"Was sagst du da? Welcher Krieger? Wer riß ihn von deiner 
Seite?" 

"Das sollt Ihr mir sagen", knurrte der Pikte. "Im einen Augenblick 
war er noch hier, lehnte an einer Marmorsäule - im nächsten  - 
fort! Da war nur ein übler Gestank und das Echo eines Schreis." 

"Vielleicht ein eifersüchtiger Ehemann ...", meinte der König. 

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Aber Brule unterbrach ihn ungeduldig. "Grogar war nie hinter 
Weibern her  - nicht einmal hinter piktischen. Diese Kamulier 
hassen uns Pikten. Ihre Mienen sagen es deutlich." 

Kull lächelte. "Du träumst, Brule. Diese Menschen sind viel zu 
träge und zu sehr den Freuden ergeben, um jemanden zu 
hassen. Sie lieben, sie singen, sie dichten - oder denkst du, der 
Dichter Taligaro hätte Grogar geholt? Oder die Sängerin Zareta? 
Oder Prinz Mandara?" 

"Wer es auch war", sagte Brule heftig, "laßt Euch eines sagen, 
Kull: Für das Reich hat Grodar sein Blut wie Wasser vergossen, 
und er ist der beste Häuptling meiner berittenen Bogenschützen. 
Ich werde ihn rinden, lebendig oder tot, und wenn ich in Kamula 
keinen Stein auf dem ändern lasse! Bei Valka, ich werde diese 
Stadt in Flammen legen und diese Flammen mit Blut löschen ..." 

Kull erhob sich von seinem Thron. 

"Bring mich zu der Stelle, wo du Grondar zuletzt gesehen hast", 
sagte er. Brule verstummte und schritt mürrisch voran. Sie 
verließen den Saal durch eine Seitentür und folgten einem 
gewundenen Korridor Seite an Seite, so verschieden im 
Aussehen, wie zwei Männer nur sein können, doch gleich in der 
Geschmeidigkeit ihrer Bewegungen, gleich, was die Schärfe 
ihres Blickes betraf, gleich in der vage spürbaren Wildheit, die 
dem Barbaren eigen war. 

Kull war breitschultrig, von mächtigem Körperbau  -und doch 
geschmeidig. Sonne und Wind hatten sein Gesicht gebräunt, 
sein schwarzes, gerade geschnittenes Haar erinnerte an eine 
Löwenmähne, seine grauen Augen wirkten so kalt wie ein 
Schwert, das durch tiefes Eis schimmert. 

Brule wies die typischen Merkmale seiner Rasse auf  - er war 
mittelgroß, schlank und muskulös wie ein Panther und hatte viel 
dunklere Haut als der König. 

"Wir waren im Prunkgemach", brummte der Pikte. "Gro-gar, 
Manaro und ich. Grogar lehnte sich gegen eine Säule an der 
Wand  - und verschwand vor unseren Äugen. Ein Wandstück 
schwang nach innen, und er war nicht mehr da! Nur flüchtig 

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sahen wir tiefe Schwärze dahinter und ein abscheuliches Bild, 
das sich uns entgegendrängen wollte. Da riß Manaro, neben dem 
Grogar gestanden hatte, sein Schwert aus der Scheide und stieß 
die gute Klinge in die Öffnung, so daß die Wand sich nicht mehr 
völlig schließen konnte. Wir versuchten sie wieder zu öffnen, 
doch sie gab nicht nach, da eilte ich zu euch, während Manaro 
sein Schwert in dem Spalt festhält." 

"Und warum hast du dir die valusischen Embleme von deinem 
Harnisch gerissen?" fragte Kull. 

"Ich war wütend", knurrte der Speerschleuderer mißmutig und 
wich des Königs Blick aus. Kull nickte schweigend. Das war die 
natürliche, obgleich unvernünftige Handlung eines zornigen 
Wilden, der seinen Grimm nicht an einem natürlichen Gegner 
auslassen kann. 

Sie betraten das Prunkgemach, dessen hintere Wand in das 
Gestein des Berges eingelassen ar, an dessen Hang Kamula 
erbaut war. 

"Manara sagt, er könne schwören, daß er leise Musik gehört 
hat", brummte Brule. "Dort lehnt er, mit dem Ohr am Spalt. Holla - 
Manaro!" 

Kull runzelte die Stirn, als ihm auffiel, daß der hochgewachsene 
Valusier weder seine Haltung veränderte, noch den Ruf 
erwiderte. Wahrhaftig lehnte er an der Wandverkleidung, mit 
einer Hand um das Schwert, das die Geheimtür spaltweit 
offenhielt, und ein Ohr an diesen Spalt gedrückt. Kult fiel die fast 
greifbare Schwärze dieses schmalen Streifens auf - ihm schien, 
als lauere hinter dieser unbekannten Öffnung ein lebendiges 
Wesen. 

Ungeduldig schritt er darauf zu und legte schwer die Hand auf die 
Schulter des Recken. Da löste Manaro sich von der Wand und 
fiel mit vor Grauen verzerrten, glasigen Augen vor Kulls Füße. 

"Valka!" fluchte Brule. "Er wurde erstochen  - wie konnte ich ihn 
nur allein lassen!" 

Der König schüttelte den Kopf. "Es ist kein Blut an ihm - sieh dir 
sein Gesicht an!" Brule tat es und fluchte. Die Züge des toten 

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Valusiers waren zu einer Maske des Grauens erstarrt - und sie 
erweckte den Eindruck, als lausche er. 

Vorsichtig näherte sich Kull dem Spalt, dann winkte er Brule zu. 
Irgendwo hinter dieser geheimnisvollen Tür erklang ein dünnes 
Wimmern wie von einer gespenstischen Flöte. Es war so 
schwach, daß man es kaum zu vernehmen vermochte und doch 
vereinte sich in dieser Musik der Haß und die Grausamkeit von 
unzähligen Dämonen. Kull zuckte die mächtigen Schultern. 

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OHNE TITEL 

(Untitled) Fragment 

"Schließlich", sagte Tu, der oberste Ratgeber, "floh Lala-ah, die 
Gräfin von Fanara, mit ihrem Liebhaber, dem farsu-nischen 
Abenteurer  Fenar, und brachte Schande über das Haupt des 
Mannes, den sie ehelichen sollte, und über Valu-sien." 

Kull nickte. Er hatte das Kinn auf die Faust gestützt und Tus 
Geschichte von der jungen Gräfin von Fanara, die einen 
valusischen Edelmann auf den Stufen des Meramatempels 
versetzte und mit einem Liebsten das Weite suchte, mit 
geringem Interesse verfolgt. 

"Ja, ich verstehe", unterbrach er Tu ungeduldig. "Aber was habe 
ich mit den Liebesabenteuern eines wankelmütigen Mädchens zu 
schaffen? Ich kann es ihr nicht verübeln, daß sie Ka-yanna 
verließ  - bei Valka, er ist so häßlich wie ein Rhinozeros und 
doppelt so unerfreulich. Warum langweilt Ihr mich mit dieser 
Geschichte?" 

"Ihr seid Euch der Tragweite nicht bewußt, Kull", sagte Tu mit 
aller Geduld, deren es bei einem Barbaren bedurfte, der es zum 
König gebracht hatte. "Weil die Sitten des Landes nicht die Euren 
sind. Damit, daß sie Ka-yanna vor dem Altar verließ, an dem die 
Vermählung vollzogen werden sollte, hat Lala-ah die alten 
Traditionen des Reiches aufs gröbste verletzt. Ein Schlag in das 
Gesicht Valusiens ist auch ein Schlag in das Gesicht des Königs, 
Kull. Schon dafür muß sie festgenommen und bestraft werden. 

Zudem ist sie eine Gräfin. Edelfrauen dürfen, so will es die 
valusische Tradition, Ausländer nur mit Einwilligung des Staates 
ehelichen. In ihrem Fall wurde diese Zustimmung weder erbeten 
noch erteilt. Valusien wird zum Gespött aller Länder werden, 
wenn wir es zulassen, daß Männer aus anderen Ländern unsere 
Frauen entführen und ungestraft davonkommen." 

"Valka!" Der König schüttelte den Kopf. "Hier wird ohne Unterlaß 
großes Getue um Sitten und Tradition gemacht. Seit ich auf dem 

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Thron sitze, habe ich kaum etwas anderes gehört. Dort, wo ich 
herkomme, wählen die Frauen frei ihre Gefährten." 

"Ich weiß, Kull" erwiderte Tu geduldig. "Aber Ihr regiert Valusien - 
nicht Atlantis. Bei uns können die Männer und auch die Frauen 
frei entscheiden und handeln, aber die Zivilisation ist ein dichtes 
Netzwerk von Gesetzen und Traditionen. Und noch etwas ist im 
Fall der jungen Gräfin zu bedenken: Sie hat einen Schuß 
königlichen Blutes." 

"Dieser Mann verfolgte mit Ka-yannas Reitern das Mädchen", 
sagte Tu. 

"So ist es", erklärte der junge Mann. "Und ich habe eine 
Botschaft von Fenar für Euch, Lord König." 

"Eine Botschaft an mich? Ich kenne diesen Fenar nicht." 

"Er hinterließ sie einem Grenzwächter von Zarfhaana für seine 
Verfolger: >Laßt das Barbarenschwein, das den ehrwürdigen 
Thron des Reiches besudelt, wissen, daß ich ihn einen niederen 
Schurken schimpfe. Sagt ihm, daß ich eines Tages zurückkehren 
werde, um seinen feigen Kadaver in Weiberkleider zu stecken 
und ihn als Stallmagd zu halten. <" 

Kulls mächtige Gestalt ruckte hoch, sein Thronstuhl fiel krachend 
um. Einen Augenblick lang stand er sprachlos, dann fand er 
seine Stimme  wieder, und sein Brüllen ließ Tu und den jungen 
Edelmann zurückstolpern. 

"Valka, Honen, Holgar und Hotath!" donnerte er valu-sische und 
heidnische Götter in einem Atemzug, daß sich Tu bei dieser 
grimmigen Blasphemie die Haare sträubten. Kull hob die 
mächtigen Arme, und seine Faust schmetterte mit solcher Gewalt 
auf den Tisch, daß die massiven Beine nachgaben. Tu, den 
dieser Ansturm barbarischen Grimms von den Füßen gefegt 
hatte, wich bleich an die Wand zurück, dicht gefolgt von dem 
jungen Edlen, der mit der Überbringung der Botschaft Fenars viel 
gewagt hatte. Doch Kull war zu sehr Barbar, als daß er sich für 
die Beleidigung am Überbringer vergriffen hätte; solcherart 
pflegten zivili-siertere Herrscher ihren ersten Grimm zu stillen. 

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"Pferde!" brüllte Kull. "Laßt die Roten Reiter aufsitzen! Schickt 
Brule zu mir!" 

Er riß sich die königliche Robe vom Leib und schleuderte sie 
durch den Raum, packte eine kostbare Vase vom 
zerschmetterten Tisch und zerschlug sie auf dem Boden. 

"Rasch!" keuchte Tu und schob den jungen Edelmann zur Tür. 
"Holt Brule, den piktischen Speerkämpfer  - eilt, ehe uns der 
König alle erschlägt!" 

Tu beurteilte Kulls Verhalten nach den Erfahrungen mit früheren 
Königen, doch Kull war noch zu unberührt von zivilisierten 
Gepflogenheiten, um seinen königlichen Grimm an unschuldigen 
Untergebenen auszulassen. 

Der erste lodernde Grimm war einer kalten Wut gewichen, als 
Brule eintraf. Beim Anblick der Zerstörung im Zimmer lächelte der 
Pikte grimmig. 

Kull begann. Reitkleidung anzulegen. Als Brule eintrat, blickte er 
auf. Seine grauen Augen blitzten kalt. 

"Reiten wir, Kull?" fragte der Pikte. 

"Ja, wir reiten, bei Valka! Und es wird kein Spazierritt. Zuerst 
nach Zarfhaana, vielleicht auch weiter - in die Schneeländer oder 
die Sandwüsten, wenn es sein muß, bis in die Hölle! Dreihundert 
der Roten Reiter sollen sich bereitmachen." 

Brule grinste erfreut. Er war ein muskulöser Mann von mittlerer 
Größe mit funkelnden Augen in einem verschlossenen Gesicht. 
Er glich einer Bronzestatue. Ohne ein weiteres Wort wandte er 
sich um und verließ den Raum. 

"Lord König, was habt Ihr vor?" wagte Tu zu fragen, obgleich er 
noch immer vor Furcht zitterte. 

"Ich hefte mich an Fenars Fersen", erwiderte der König heftig. 
"Ich lege das Königreich in Eure Hände, Tu. Ich kehre erst 
zurück, wenn ich den Farsunier vor der Klinge gehabt habe, oder 
gar nicht." 

"Nein, nein!" rief Tu. "Das ist äußerst unratsam, o König! 
Vergeßt die Worte eines namenlosen Aufschneiders! Der Kaiser 

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von Zarfhaana wird Euch niemals gestatten, mit solch einer 
Streitmacht seine Reichsgrenzen zu überschreiten." 

"Dann werden wir über die Ruinen seiner Städte reiten", 
erwiderte Kull mit grimmiger Entschlossenheit. "In Atlantis läßt ein 
Mann eine Beleidigung nicht ungerächt. Wenn mich auch Atlantis 
ausgestoßen hat und ich nun König Valusiens bin  - so bin ich 
immer noch ein Mann, bei Valka!" 

Er gürtete seine große Klinge und schritt zur Tür, während Tu 
ihm nachblickte. 

Draußen vor dem Palast saßen vierhundert Männer in ihren 
Sätteln. Etwa dreihundert davon gehörten Kulls Roten Reitern, 
der gefürchtetsten Streitmacht der Welt, an. Diese Männer 
waren hauptsächlich Krieger der valusischen Bergstämme, die 
stärksten und tapfersten einer degenerierten Rasse. Die übrigen 
hundert waren Pikten, grimmige, wilde Krieger aus Brules Stamm, 
die mit ihren Pferden zu Zentauren zu verschmelzen schienen 
und wie leibhaftige Teufel aus der Hölle kämpften. 

Alle diese Männer entboten Kull den königlichen Salut, als er die 
Stufen des Palastes herunterschritt. Wilde Begeisterung ließ 
seine Augen aufleuchten. Er war Fenar fast dankbar für diesen 
Anlaß, der es ihm ermöglichte, eine Weile aus dem eintönigen 
Leben am Hof auszubrechen und sich in ein Abenteuer zu 
stürzen  - aber er bedachte den Farsunier deshalb nicht mit 
freundlicheren Gedanken. 

An der Spitze seiner grimmigen Streitmacht saßen Brule, der 
Häuptling der mächtigsten Verbündeten Valusiens, und Kelkor, 
der stellvertretende Befehlshaber der Roten Reiter. 

Kull dankte für den Salut mit einem kurzen Wink und schwang 
sich in den Sattel. 

Brule und der Befehlshaber lenkten ihre Pferde links und rechts 
neben ihn. 

"Achtung", kam Kelkors knapper Befehl. "Gebt die Sporen! Reitet 
los!" 

Der Reiterzug setzte sich in Trab. Neugierig spähte das Volk aus 
Fenstern und Türen, und die Menschen auf den Straßen hielten 

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erwartungsvoll inne, als das Klappern von Silberhufen durch das 
Stimmengewirr und die Geräusche des Marktes und der 
Geschäfte hörbar wurde. Die Rosse schüttelten ihre 
geschmückten Mähnen, das bronzene Rüstzeug der Krieger 
blitzte in der Sonne, die Wimpel an den Spitzen der langen 
Lanzen flatterten. Kurz verstummten die Menschen am 
Marktplatz, als der prächtige Reitertrupp vorüberritt. Erstaunte 
und bewundernde Blicke folgten den Reitern auf der breiten 
weißen Straße, bis das Klappern der Silberhufe auf dem Pflaster 
in der Ferne verklungen war. Dann wandten sich die Bewohner 
der Stadt wieder den alltäglichen Dingen zu  - wie es die 
Menschen immer tun, gleich wohin Könige reiten. 

Über die breiten weißen Straßen ritten sie hinaus durch die 
Vororte mit ihren ausgedehnten Herrensitzen und Palästen, 
immer weiter, bis die goldenen Spitzen der saphirblauen Türme 
Valusiens nur noch ein silberner Schimmer in der Ferne waren 
und die grünen Berge Zalgaras majestätisch vor ihnen aufragten. 

Als die Nacht hereinbrach, lagerten sie bereits hoch oben in den 
Berghängen. Die Bergbewohner, stammesverwandt mit den 
Roten Reitern, kamen in Scharen ins Lager und brachten Essen 
und Wein, und die Krieger, die sich in der Stadt so stolz und 
unnahbar gaben, waren wie verwandelt, scherzten mit ihnen, 
sangen die alten Lieder und lauschten den alten Geschichten. 
Kull aber wandte dem Lager und dem grellen Feuerschein den 
Rücken und blickte hinaus über die dunklen Berge und Täler. 
Dichter Bewuchs nahm 

den Felsrücken die Schroffheit, die Täler sanken tief hinab in ein 
magisches Schattenreich, aus dem die Berge klar und mächtig 
im Silberlicht des Mondes emporragten. Diese Bergwelt Zaigaras 
hatte Kull immer in ihren Bann gezogen. Sie weckte Erinnerungen 
an die Berge von Atlantis, deren schneebedeckte Gipfel er in 
jungen Jahren erklommen hatte, bevor er in die große Welt 
hinauszog, um nach den Sternen zu greifen, und einen uralten, 
mächtigen Thron bestieg. 

Doch sie waren ganz anders. Die Felsen von Atlantis ragten steil 
und felsig in den Himmel, kahl und unwirtlich. Die Berge von 

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Atlantis waren von der Wildheit und Ungezähmt-heit der Jugend, 
wie Kull selbst. Ihre Schroffheit war noch unberührt von der Zeit. 
Die Berge Zaigaras hingegen standen wie uralte Götter, und 
grüne Wälder bedeckten ihre Rücken und Hänge, und ihre 
Umrisse waren sanft und beschaulich. Zeit  - Zeit  - sann Kull. 
Jahrhunderte um Jahrhunderte hatten ihre steinerne Pracht 
hinweggerafft. Nun verlieh ihnen das Alter eine andere, sanftere 
Schönheit, und sie standen versunken in Träumen von anderen 
Zeiten und dahingegangenen Königen. 

Einer roten Flut gleich schwemmte die Erinnerung an Fenars 
prahlerische Beleidigung seine Grübeleien zur Seite. Seine 
Fäuste ballten sich, als er voll Grimm zum stillen Antlitz des 
Mondes emporblickte. 

"Helfara und Hotath mögen meine Seele zum ewigen Feuer 
verdammen, wenn ich dem Farsunier nicht das Maul stopfe!" 
grollte er. 

Wie als Antwort auf diesen heidnischen Schwur fuhr der 
Nachtwind flüsternd durch das Laubwerk. 

Noch bevor die Dämmerung den Himmel über den Bergen 
Zaigaras rot färbte, saßen Kulls Männer im Sattel. Das erste 
Licht des Morgens leuchtete auf Lanzenspitzen, Helmen und 
Schilden, als der Reitertrupp seinen Weg durch die dicht 
bewachsenen Täler und über die langgezogenen Hänge suchte. 

"Wir reiten in den Sonnenaufgang", bemerkte Kelkor. 

"Ja", erwiderte Brule grimmig. "Und einige von uns werden in die 
Welt jenseits reiten." 

Kelkor zuckte die Schultern. "So wird es immer sein. Das ist das 
Los des Kriegers." 

Kull musterte den Befehlshaber. Aufrecht wie ein Speer saß 
Kelkor im Sattel, kerzengerade, unbeugsam wie eine eiserne 
Statue. Der Anblick des Mannes erinnerte Kull an eine blitzende 
Klinge aus geschliffenem Stahl. Er war ein Mann von schier nie 
erlahmenden Kräften. Seine hervorstechendste Eigenschaft 
aber war seine unerschütterliche Ruhe. Alles was er tat oder 
sagte, war von kühler Beherrschtheit geprägt. Ob in der Hitze der 

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oft beleidigenden Wortgefechte in der Ratsversammlung oder im 
heulenden, klirrenden Chaos der Schlacht, Kelkor blieb immer 
gelassen, verlor nie den Überblick. Er hatte kaum Freunde und 
legte auch wenig Wert auf Freundschaften. Er verdankte es 
ausschließlich seinen Fähigkeiten, daß er vom namenlosen 
Söldner zum zweithöchsten Mann der valu-sischen Streitkräfte 
aufgestiegen war - und nur der Umstand seiner Geburt machte 
den höchsten Rang für ihn unerreichbar. Denn die Tradition 
verlangte es, daß der oberste Befehlshaber der Truppen ein 
Valusier sein müsse, und Kelkor war ein Lemurier. Dem 
Aussehen nach war er allerdings mehr Valusier als Lemurier, 
denn er war hochgewachsen und schlank und trotzdem kräftig 
gebaut. Allein seine Augen verrieten seine Herkunft. 

Beim nächsten Sonnenaufgang ließen sie die Berge hinter sich, 
deren Ausläufer in der Kamoonischen Wüste endeten, einem 
unbewohnten Ödland aus gelbem Sand, das sich von Horizont zu 
Horizont erstreckte. Dort gab es weder Bäume noch Büsche, 
noch Wasser. Abgesehen von einer kurzen Rast am Mittag, um 
etwas zu essen und den Pferden ein wenig Ruhe zu gönnen, 
ritten sie den ganzen Tag, obgleich die Hitze fast unerträglich 
war. Die Männer, obgleich Strapazen gewohnt, erschlafften unter 
der Glut. Sie ritten schweigend. Das Klirren von Steigbügeln und 
Rüstzeug, das Knarren von schweißdurchnäßten Sätteln und das 
eintönige Schlurfen der Hufe durch den tiefen Sand waren die 
einzigen Geräusche. Selbst Brule entledigte sich des Harnisches 
und hing ihn an den Sattelknauf. Nur Kelkor saß aufrecht und 
ungebeugt vom Gewicht der vollen Rüstung, scheinbar unberührt 
von der Hitze und Erschöpfung, die den anderen zusetzte. 

"Stahl, durch und durch Stahl", dachte Kull bewundernd, und er 
fragte sich insgeheim, ob er je so vollkommene Herrschaft über 
sich selbst erlangen könnte, wie sie sich dieser Mann, der auch 
ein Barbar war, angeeignet hatte. 

Nach zweitägigem Ritt hatten sie die Wüste hinter sich und 
erreichten eine Hügelkette, die die Grenze zu Zarf-haana 
bildeten. Zwei zarfhaanische Grenzreiter kamen ihnen entgegen 
und forderten sie auf anzuhalten. 

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"Ich bin Kull von Valusien", sagte Kull ohne Umschweife. "Ich bin 
hinter einem Schurken mit Namen Fenar her. Versucht nicht 
mich aufzuhalten. Ich werde mich vor eurem Kaiser 
verantworten." 

Die beiden Reiter lenkten ihre Pferde zur Seite, um den Trupp 
durchzulassen, und als das Hufgeklapper in der Ferne verklang, 
sagte der eine zu dem anderen: 

"Ich habe die Wette gewonnen. Der König von Valusien selbst 
hat die Verfolgung aufgenommen." 

"Ja", erwiderte der andere. "Diese Barbaren haben ihre eigenen 
Vorstellungen von Ehre. Wäre der König ein Valusier, bei Valka, 
dann hättest du verloren." 

Die Schluchten Zarfhaanas hallten wider vom Hufschlag von 
Kulls Reitern. Die friedliche Landbevölkerung lief vor den Dörfern 
zusammen, um den Vorbeiritt der wilden Schar zu beobachten, 
und bald ging die Nachricht in alle Richtungen des Himmels, daß 
Kull von Valusien nach Osten ritt. 

Kurz hinter der Grenze ließ Kull anhalten, um mit Brule, Ka-yanna 
und Kelkor die Lage zu besprechen. Ein Gesandter war 
unterwegs, um den zarfhaanischen Kaiser von ihrer friedlichen 
Absich zu unterrichten. 

"Sie sind uns viele Tage voraus", sagte Kull. "Wir dürfen keine 
Zeit mit unnützen Fragen verlieren. Diese Bauern werden uns 
nicht die Wahrheit sagen. Wir müssen uns auf die eigene Nase 
verlassen wie Wölfe auf der Spur des Wilds." 

"Laßt mich diese Leute befragen", sagte Ka-yanna mit einem 
tückischen Grinsen auf den dicken, sinnlichen Lippen. "Ich kann 
Euch versichern, daß sie die Wahrheit sagen werden." 

Kull blickte ihn fragend an. 

"Ich löse ihre Zunge", erklärte der Valusier selbstgefällig. 

"Du willst sie foltern?" Offene Verachtung war in Kulls Stimme. 
"Zarfhaana ist ein befreundetes Land." 

"Denkt Ihr, daß sich der Kaiser um ein paar armselige Bauern 
schert?" fragte Ka-yanna unbeeindruckt. 

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"Ich will davon nichts mehr hören." Kull wies dieses Ansinnen mit 
angeborenem atlantischem Abscheu von sich, doch Brule wandte 
ein: 

"Kull. Mir gefällt der Plan dieses Kerls ebensowenig wie Euch, 
aber hin und wieder hat selbst ein Schwein recht." Kayannas 
Lippen verzerrten sich vor Wut, aber der Pikte schenkte ihm 
keine Beachtung. "Laßt mich mit ein paar meiner Männer ins 
Dorf gehen und die Bewohner befragen. Wir werden ihnen genug 
Angst einjagen, daß sie reden, mehr nicht. Das erspart uns 
Wochen mühseliger Suche." 

"Der Vorschlag des Barbaren", sagte Kull mit dem 
wohlmeinenden Spott, der für ihn und den Pikten ein vertrautes 
Spiel war. 

"In welcher Stadt der Sieben Reiche seid Ihr denn geboren, Lord 
König?" konterte der Pikte sarkastisch. 

Kelkor unterbrach dieses Geplänkel mit einer ungeduldigen 
Handbewegung. 

"Hier, an dieser Stelle  befinden wir uns", erklärte er und 
zeichnete mit der Dolchspitze eine Karte in die Asche des 
Lagerfeuers. "Fenar wird nicht nach Norden gehen  -immer 
vorausgesetzt, er hat nicht vor, in Zarfhaana zu bleiben -, denn 
jenseits Zarfhaanas liegt das Meer, wo sich Scharen von Piraten 
und Plünderern tummeln. Auch den Weg nach Süden wird er 
nicht nehmen, denn dort liegt Thu-ranien, mit dem sein Land 
verfeindet ist. Ich vermute, daß er sich auch weiterhin ostwärts 
halten wird, daß er Zarfhaana irgendwo in der Nähe der östlichen 
Grenzstadt Talunia verlassen und sich durch das unwirtliche 
Grondar schlagen wird. Danach denke ich, wird er sich südwärts 
wenden, um auf dem Umweg über die kleinen Fürstentümer 
Farsun zu erreichen - das ja westlich von Valusien liegt." 

"Da spricht einiges dagegen, Kelkor", wandte Kull ein. "Wenn 
Fenar wirklich vorhat, nach Farsun zu fliehen, weshalb, in Valkas 
Namen, ist er dann in die entgegengesetzte Richtung 
aufgebrochen?" 

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"Weil, wie Ihr ebensogut wißt, Kull, in diesen unsicheren Zeiten 
alle Grenzen außer den östlichsten streng bewacht und 
patrouilliert werden. Ohne eine staatliche Vollmacht hätte er sie 
nicht passieren können, schon gar nicht mit der Gräfin." 

"Ich glaube, Kelkor hat recht, Kull", warf Brule ein, den es danach 
drängte, endlich aufzusitzen und loszureiten. "Was er sagt, hat 
Hand und Fuß." 

Kull nickte. "Wir reiten nach Osten." 

So ritten sie ostwärts, lange ruhige Tage, und die freundliche 
zarfhaanische Landbevölkerung versorgte sie und lud sie zu 
Festlichkeiten, wann immer sie halt machten. Ein sorgloses und 
müßiges Land, dachte Kull, einem sanften, wehrlosen Mädchen 
gleich, das da liegt vor den lüsternen Blicken eines grimmigen 
Eroberers. 

Das Hufgeklapper begleitete Kulls träumerische Gedanken, 
während sie durch stille Täler und entlang dicht bewaldeter 
Hänge ritten. Er gönnte seinen Männern keine Rast, denn hinter 
seinen ruhelosen Träumen von Macht und Ruhm und großen 
Eroberungen lauerte das Gespenst seines Hasses  - der 
erbarmungslose Haß des Barbaren, vor dem alle anderen 
Sehnsüchte verblassen. 

Sie machten weite Bogen um größere Städte, denn Kull wollte 
vermeiden, daß seine stolzen Kampfhähne mit den Bewohnern 
aneinandergeraten konnten. Der Reitertrupp näherte sich der 
Grenzstadt Talunia, dem östlichsten Vorposten Zarfhaanas, als 
der Abgesandte Kulls aus dem Norden vom kaiserlichen Hof mit 
der Botschaft zurückkehrte, daß der Kaiser es wohlwollend 
gestattete, daß Kull mit seiner Streitmacht durch sein Land zog 
und daß er den valusischen König bat, ihm auf dem Rückweg 
einen Besuch abzustatten. Die Ironie der Situation entlockte Kull 
ein grimmiges Lächeln, denn während der Kaiser noch 
wohlwollend die Erlaubnis gab, hatte Kull mit seiner Schar das 
Land bereits durchquert. 

Kulls Reitertrupp erreichte Talunia in der Morgendämmerung, 
nachdem sie die ganze Nacht geritten waren, weil er gedacht 

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hatte, daß sich Fenar und die Gräfin vielleicht sicher genug 
fühlten, sich eine Weile in der Grenzstadt aufzuhalten, und weil 
er deshalb dasein wollte, noch bevor die Nachrichten von seinem 
Anmarsch die Stadt erreichten. 

Kull ließ seine Männer in einiger Entfernung von den 
Stadtmauern lagern und begab sich nur in Begleitung Brules in 
die Stadt. Die Tore wurden ihm bereitwillig geöffnet, nachdem er 
das königliche Siegel Valusiens vorzeigte und das Zeichen des 
freien Geleits, das ihm der zarfhaanische Kaiser gesandt hatte. 

"Sag mir nur eines", wandte sich Kull an den Kommandanten der 
Torwache, "sind Fenar und Lala-ah in eurer Stadt?" 

"Das weiß ich nicht", erwiderte der Soldat. "Es ist viele Tage her, 
daß sie durch dieses Tor in die Stadt kamen. Ob sie noch hier 
sind oder nicht, vermag ich nicht zu sagen." 

Kull nickte und zog einen edelsteinbesetzten Reif von seinem 
Arm. "Niemand braucht zu wissen, wer ich bin, verstehst du? Ich 
bin nur ein reisender valusischer Edelmann mit seinem piktischen 
Begleiter." 

Der Soldat betrachtete das kostbare Schmuckstück begehrlich. 
"Ja, Lord König, ich verstehe. Was aber ist mit Euren Soldaten, 
die draußen im Wald lagern?" 

"Von der Stadt aus kann sie niemand sehen. Und wenn Landvolk 
durch das Tor kommt, befrag es. Wenn einer etwas von dem 
Lager weiß, halte ihn unter irgendeinem Vorwand bis morgen früh 
fest. Bis dahin werde ich alles in Erfahrung gebracht haben, was 
ich wissen will." 

"In Valkas Namen, Lord König, was Ihr von mir verlangt, ist grobe 
Verletzung meiner Wachpflicht!" erklärte der Soldat vorwurfsvoll. 
"Zwar halte ich es für ausgeschlossen, daß Ihr Verrat im Sinn 
habt, dennoch ..." 

Kull änderte seine Taktik. "Ist es nicht deine erste Pflicht, den 
Befehlen deines Kaisers zu gehorchen? Hast du nicht sein 
Siegel in meiner Hand gesehen? Verweigerst du ihm den 
Gehorsam? Valka, mir scheint, daß dir der Sinn nach Verrat 
steht!" 

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-1 9 0 - 

Das ist wahr, dachte der Soldat. Im Grunde machte er sich 
keiner Bestechung schuldig. Schließlich war es der Befehl eines 
Königs, der mit dem Einverständnis seines Kaisers handelte ... 

Kull gab ihm das Armband. Nur ein leichtes Lächeln verriet seine 
Verachtung für die Art und Weise, wie die Menschen ihr 
Gewissen von ihren Wünschen zu überzeugen verstanden, ohne 
sich einzugestehen, daß sie sich nur selbst etwas vormachten. 

Der König und Brule schritten durch die Straßen, in denen die 
ersten Händler und Kaufleute mit ihren Geschäften begannen. 
Kulls mächtige Gestalt und Brules bronzene Haut zogen viele 
neugierige Blicke auf sich, doch nicht mehr, als dies bei Fremden 
üblich war. Kull aber begann zu bedauern, daß er nicht Kelkor 
oder einen Valusier mitgenommen hatte, denn Brule war ein zu 
auffälliger Begleiter. Pikten verschlug es selten in die östlichen 
Städte. Kunde von seiner Anwesenheit mochte die Gesuchten 
warnen, 

Sie fanden eine einfache Herberge, wo sie ein Zimmer nahmen 
und sich anschließend in die Trinkstube begaben, um vorsichtig 
herumzuhorchen. Doch der Tag verging, ohne daß sie etwas 
über das flüchtige Paar erfuhren. Auch behutsame Fragen 
brachten nichts ans Licht. Wenn sich Fenar und Lala-ah noch in 
Talunia aufhielten, dann verstanden sie es, unsichtbar zu bleiben. 
Kull hätte gedacht, daß die Anwesenheit eines verwegenen 
Galans und seiner schönen, adeligen Geliebten in aller Munde 
sein müsse, doch niemand schien etwas zu wissen. 

Kull hatte vor, sich nachts in der Stadt umzusehen und sich, wo 
es notwendig erschien, auch mit Gewalt Einlaß zu verschaffen, 
und, wenn das fehlschlug, am Morgen beim Statthalter vorstellig 
zu werden, und die Herausgabe der Flüchtigen zu verlangen. So 
ein Handeln widerstrebte seinem grimmigen Stolz zwar ganz und 
gar, wäre aber der übliche diplomatische Weg gewesen, hätte es 
sich um eine weniger persönliche Angelegenheit gehandelt. Aber 
es war eine Sache der Ehre, und Kulls Stolz ließ es nicht zu, für 
seine Rache solcherart Hilfe zu erbitten. 

Die Nacht brach bereits herein, als die Gefährten hinaus auf die 
Straße traten, die noch dicht bevölkert war und von Fackeln an 

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-1 9 1 - 

den Hauswänden beleuchtet wurde. Als sie an der Einmündung 
einer dunklen Seitengasse vorbeikamen, ließ sie eine 
unterdrückte Stimme innehalten. Aus der Dunkelheit der 
Hauswand winkte eine dürre Hand. Die beiden tauschten einen 
kurzen Blick, dann folgten sie dem Wink, wachsam mit der Hand 
am Dolch. 

Eine alte Vettel, zerlumpt und gebeugt von den Jahren, trat aus 
der Dunkelheit. 

"Ah, König Kull, was führt Euch nach Talunia?" krächzte sie. 

Kulls Finger schlössen sich fest um den Dolchgriff, als er 
vorsichtig fragte: 

"Woher kennst du meinen Namen?" 

"Die Märkte haben viele Zungen und viele Ohren", erwiderte sie 
mit spöttischem Kichern. "Ein Mann erkannte Euch heute in der 
Schenke, und die Kunde ging von Mund zu Mund." 

Kull fluchte leise. 

"Hört mich an!" zischte die Frau. "Ich kann Euch zu den 
Gesuchten führen ... aber es hat seinen Preis." 

"Deine Schürze voll Gold", versprach Kull rasch. 

"Gut. So hört zu. Fenar und die Gräfin wissen von Eurer Ankunft. 
Sie sind bereits mit den Vorbereitungen für die Flucht 
beschäftigt. Sie halten sich seit dem frühen Abend, als sie es 
erfuhren, in einem Haus verborgen und werden ihr Versteck bald 
verlassen ..." 

"Wie können sie die Stadt verlassen?" unterbrach Kull sie. "Die 
Tore werden bei Sonnenuntergang geschlossen." 

"An einem Seitentor an der Ostmauer werden Pferde für sie 
bereitstehen. Der Wachtposten ist bestochen. Fenar hat in 
Talunia viele Freunde." 

"Wo haben sie sich jetzt verkrochen?" 

| Die Alte hielt ihm ihre knochige Hand entgegen. "Ein Zeichen 
Eures guten Willens, Lord König", sagte sie schmeichlerisch. 

Der König drückte eine Münze in ihre Hand, und sie lächelte 
geziert und machte eine übertriebene Verbeugung. 

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-1 9 2 - 

"Folgt mir, Lord König." Rasch humpelte sie voraus in die finstere 
Gasse hinein. 

Der König und sein Begleiter folgten ihr  unsicher durch enge, 
gewundene Straßen, bis sie vor einem großen, finsteren 
Gebäude in einem verkommenen Viertel der Stadt anhielt. 

"Sie sind in einer Kammer gleich oberhalb der Treppe an der 
Straßenseite, Lord König." 

"Woher weißt du das so genau?" fragte Kull mißtrauisch. "Es will 
mir nicht in den Sinn, weshalb sie sich an einem so erbärmlichen 
Ort verkriechen." 

Die Frau lachte leise und selbstzufrieden. 

"Sobald ich mich überzeugt hatte, daß Ihr in Talunia seid, Lord 
König, ging ich zu dem Haus, in dem sie wohnten, und berichtete 
ihnen und bot ihnen ein sicheres Versteck an! Ha, ha, ha! Sie 
bezahlten gut dafür mit Goldmünzen!" 

Kull starrte sie stumm an. 

"Bei Valka", sagte er schließlich, "ich weiß, daß die Zivilisation 
manche Überraschung bereithält, aber ein solches Weib ist mir 
noch nicht begegnet. Du führst jetzt Brule zu dem Tor, bei dem 
die Pferde warten. Brule geh mit ihr und 

warte dort auf mich  - für den Fall, daß mir Fenar hier entwischt 
..." 

"Kull", widersprach Brule warnend, "geht nicht allein in  dieses 
finstere Haus. Es könnte eine Falle sein!" 

"Dieses Weib wird nicht wagen, mich zu hintergehen." Sie 
schauderte bei diesen grimmigen Worten. "Beeilt euch!" 

Als die beiden Gestalten in der Dunkelheit verschwunden waren, 
trat Kull ins Haus. Er tastete sich mit den Händen voran, bis sich 
seine katzenhaften Augen an die Dunkelheit angepaßt hatten. Er 
erreichte die Treppe und stieg vorsichtig hinauf. Trotz seiner 
Größe bewegte sich Kull so leichtfüßig und lautlos wie ein 
Leopard. Selbst wenn der Wächter am oberen Treppenende 
wach gewesen wäre, hätte er kein Geräusch gehört. 

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-1 9 3 - 

Doch er erwachte erst, als Kulls Hand sich über seinen Mund 
preßte, und fiel gleich wieder in den Schlaf zurück, als Kulls Faust 
sein Kinn traf. 

Der König stand einen Augenblick gebückt  über seinem Opfer 
und lauschte, doch der kurze Kampf war nicht gehört worden. 
Alles war still. Er schlich zur Tür. Ah, seine geschärften Sinne 
vernahmen leises hastiges Gemurmel, vorsichtige Schritte - Kull 
stieß die Tür auf und war mit einem mächtigen Sprung im Raum. 
Er hielt sich nicht damit auf, seine Chancen abzuwägen. Es 
hätten ihn auch ein Dutzend blanker Klingen erwarten können. 

Dann geschah alles in einem Atemzug. Kull sah einen nackten 
Raum. Helles Mondlicht fiel durch das Fenster herein, durch das 
zwei Gestalten kletterten, wovon offenbar die eine die andere 
trug. Flüchtig sah er ein Paar dunkler, blitzender Augen in einem 
Mädchengesicht von anziehender Schönheit, ein zweites 
lachendes, verwegenes Gesicht  - dann sprang er wie ein Tiger 
durch den Raum und brüllte in tierischer Wildheit auf, als er sah, 
daß sein Gegner ihm entkommen würde. Das Fenster war 
bereits leer, als er es erreichte. Rasend vor Wut sah er die zwei 
Gestalten in der Dunkelheit zwischen den umliegenden 
Gebäuden verschwinden. Ein helles spöttisches Lachen klang zu 
ihm herauf, gefolgt von einem kräftigeren und höhnischeren. Kull 
schwang sich über das Fensterbrett und sprang die dreißig Fuß 
hinab auf die Straße, ohne der Strickleiter einen Blick zu 
schenken, die aus dem Fenster hing. Ihnen durch das Gewirr der 
Straßen folgen zu wollen, das sie zweifellos besser kannten als 
er, wäre ein hoffnungsloses Unterfangen gewesen. 

Aber er wußte, wohin sie wollten, und so rannte er zu der 
Seitentür in der Ostmauer, die der Beschreibung der alten Hexe 
nach nicht weit sein konnte. Dennoch verging einige Zeit, bis er 
dort eintraf. Er fand nur Brule und die Alte vor. 

"Nein. Nur die Pferde sind hier. Niemand ist gekommen", 
berichtete Brule. 

Kull fluchte heftig. Fenar hatte ihn überlistet, und die Frau 
ebenso. Da er eine Falle erwartete, waren die Pferde am Tor nur 

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-1 9 4 - 

ein Ablenkungsmanöver. Fenar war sicherlich im Augenblick 
dabei, durch ein anderes Tor zu verschwinden. 

"Rasch!" rief Kull. "Reite ins Lager zurück und laß die Männer 
aufsitzen! Ich bleibe Fenar auf den Fersen!" 

Er sprang auf eines der Pferde und war in der Nacht 
verschwunden. Brule bestieg das andere und ritt zum Lager 
zurück. Die Alte blickte ihnen nach und lachte schadenfroh. Nach 
einer Weile hörte sie in der Ferne den Hufschlag vieler Pferde. 

"Ha, ha, ha! Sie reiten in den Sonnenaufgang - dahinter gibt es 
keine Umkehr!" 

Kull ritt die ganze Nacht, um den Vorsprung zu verringern, den 
der Farsunier und das Mädchen gewonnen hatten. Er wußte, daß 
sie es nicht wagen würden, in Zarfhaana zu bleiben, und da im 
Norden das Meer lag und im Süden Thuranien, Farsuns alter 
Feind, stand ihnen nur eine Richtung offen  - der Weg nach 
Grondar. 

Als die Sterne verblaßten, ragten die Hänge der östlichen Berge 
vor Kull zum Himmel auf, und die Dämmerung kroch über das 
Grasland, als der König sein müdes Roß den Paß hochlenkte 
und einen Augenblick anhielt. Hier mußten die Flüchtigen 
durchgekommen sein, denn die Berge erstreckten sich entlang 
der gesamten zarfhaanischen Grenze, und der nächste Paß lag 
viele Meilen nördlich. Der Zarfhaanier in dem kleinen Turm am 
Rande der Paßstraße grüßte den König. Der erwiderte mit einem 
Winken und ritt weiter. 

Am Kamm des Passes hielt er an. Jenseits lag Grondar. Auch 
hier auf der östlichen Seite stiegen die Felshänge steil empor, 
und zu ihren Füßen lag Grasland, soweit das Auge reichte. Sein 
Blick wanderte über wogende Savanne bis zum Horizont. Büffel 
und Wild waren offenbar die einzigen Bewohner dieser endlosen 
Weiten. Der östliche Himmel rötete sich nun rasch, und wenig 
später leuchtete die Morgensonne wie ein Steppenfeuer über die 
Savanne und umrahmte den reglosen Reiter mit ihren Flammen, 
daß er sich für den Reitertrupp, der eben weit unten in den 

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-1 9 5 - 

ersten Hohlweg des Passes einbog, wie eine dunkle Statue 
gegen die Morgenröte abhob. 

"Er reitet in den Sonnenaufgang", murmelten die Krieger. 

"Dahinter gibt es keine Umkehr." 

Die Sonne stand bereits hoch am Himmel, als der Trupp Kull 
einholte, denn der König hatte angehalten, um sich mit den 
Gefährten zu beraten. 

"Laß deine Pikten ausschwärmen", sagte Kull. "Fenar und die 
Gräfin werden bald versuchen, nach Süden abzubiegen, denn 
niemand reitet tiefer in diese Wildnis, als er unbedingt muß. Es 
mag sogar sein, daß sie an uns vorbeizuschlüpfen versuchen, 
um nach Zarfhaana zurückzukehren." 

Sie ritten weit ausgefächert, Brules Pikten hungrigen Wölfen 
gleich an den äußersten Flanken. 

Aber die Spur der Fliehenden führte schnurgerade in die Wildnis 
hinein. Kulls kundiger Blick vermochte ihren Verlauf durch das 
hohe Gras leicht auszumachen. Sie verriet auch, daß die Gräfin 
und ihr Galan allein waren. 

So ritten Fliehende und Verfolger tiefer und tiefer hinein in 
Grondars unbekannte Wildnis. 

Wie Fenar den Vorsprung solcherart zu halten vermochte, war 
Kull ein Rätsel, aber die Soldaten mußten ihre Pferde schonen, 
während Fenar Reservepferde hatte, auf die er überwechseln 
konnte, wodurch sie besser bei Kräften blieben. 

Kull hatte keinen Boten an den König dieses Landes geschickt. 
Die Grondarianer waren ein wildes, kaum zivilisiertes Volk, über 
das wenig bekannt war, außer daß ihre Horden manchmal aus 
der Savanne auftauchten und mit Feuer und Schwert in 
Thuranien und den kleineren Länder einfielen. Im Westen waren 
Grondars Grenzen eindeutig festgelegt und gekennzeichnet und 
gut bewacht  - vor allem von den Nachbarn. Doch wie weit sich 
das Königreich nach Osten erstreckte, wußte niemand. Gerüchte 
besagten, daß ihr Land bis zu jener gewaltigen, unbewohnbaren 
Wildnis reichte, die in den Sagen und Überlieferungen als das 
Ende der Welt bezeichnet wurde. 

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-1 9 6 - 

Mehrere Tage anstrengenden Rittes vergingen, ohne daß sie die 
Fliehenden oder ein anderes menschliches Wesen zu Gesicht 
bekamen. Dann machte ein Pikte einen Reitertrupp aus, der von 
Süden her kam. 

Kull ließ anhalten und wartete. Es waren etwa vierhundert 
grondarianische Krieger, hagere, verwegene Gestalten in 
Lederrüstzeug und primitiven Waffen. Sie hielten in einiger 
Entfernung. 

Ihr Anführer ritt heran. "Fremde, was sucht ihr in diesem Land?" 

"Wir verfolgen eine Gesetzesbrecherin und ihren Gefährten. Wir 
suchen keinen Streit mit Grondar." 

Der Grondarianer stellte höhnisch fest: "Wer über Grondars 
Grenzen reitet, hält sein Leben in der rechten Hand, Fremder." 

"Bei Valka!" rief Kull, der die Geduld verlor, "laß dir sagen, meine 
rechte Hand ist schwerer anzugreifen als ganz Grondar! Gebt 
den Weg frei, oder wir reiten euch nieder!" 

"Lanzen bereit!" kam Kelkors knapper Befehl. Der Wald der 
Lanzen senkte sich wie eine. Die Krieger lehnten sich vor. 

Die Grondarianer wichen vor dem unerwartet gefährlichen 
Gegner zurück. Sie wußten, daß sie im offenen Gelände den 
schwergerüsteten Reitern nicht gewachsen waren, und gaben 
verdrossen den Weg frei. Der Anführer rief hinter den Valusiern 
her: 

"Reitet nur, ihr Narren! Reitet in den Sonnenaufgang  -von dort 
kommt keiner zurück!" 

Während 

des Weiterritts folgten kleinere Trupps der 

Grondarianer wie Wölfe ihrer Fährte. Kull ließ das Lager nachts 
verstärkt bewachen, doch die Reiter blieben auf Distanz und 
belästigten sie nicht. 

Das Grasland nahm kein Ende. Kein Berg, kein Wald unterbrach 
die Eintönigkeit. Manchmal sahen sie fast völlig verfallene Ruinen 
einer alten Stadt, die stumme Zeugen aus jenen blutigen Tagen 
waren, als die Vorfahren der Grondarianer vor langer, langer Zeit 
auftauchten und die ursprünglichen Bewohner des Landes 

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-1 9 7 - 

unterworfen hatten. An bewohnten Städten oder Ansiedlungen 
der Grondarianer kamen sie nicht vorbei. Ihr Weg schien sie in 
den wildesten, abgelegensten Teil des Landes zu führen. Es 
stand bald fest, daß Fenar nicht an Umkehr dachte. Seine Spur 
führte schnurgerade nach Osten. Ob er irgendwo in dem 
unwirtlichen Land Unterschlupf zu finden hoffte oder nur seine 
Verfolger mürbe machen wollte, blieb eine offene Frage. 

Nach mehreren Tagesritten erreichten sie einen großen Fluß, 
der sich durch die Ebene wand. An seinem Ufer  endete die 
Savanne. Drüben, auf der anderen Seite, erstreckte sich eine 
kahle Wüste bis zum Horizont. 

Ein Mann stand am Ufer und ein großes, flaches Boot 
schaukelte auf der Wasseroberfläche. Der Mann war alt, doch 
von mächtiger Statur und so groß wie Kull. Er war nur in Lumpen 
gekleidet, doch er strahlte etwas Königliches und 
Achtunggebietendes aus. Sein schneeweißes Haar war 
schulterlang, und sein ungebändigt wallender weißer Bart reichte 
fast bis zum Nabel. Den großen leuchtenden Augen unter 
buschigen weißen Brauen hatte das Alter nichts anzuhaben 
vermocht. 

"Fremdling, der du wie ein König reitest", sagte er mit einer 
tiefen, vollen Stimme zu Kull, "möchtest du den Fluß 
überqueren?" 

"Ja", antwortete Kull, "wenn die, die wir suchen, ihn überquert 
haben." 

"Ein Mann und ein Mädchen setzten gestern auf meiner Fähre 
über." 

"Beim Namen Valkas!" fluchte Kull. "Der Mut dieses Narren 
beginnt mir zu imponieren! Welche Stadt liegt dort drüben, 
Fährmann?" 

"Dort liegt keine Stadt mehr", erklärte der alte Mann. "Hier an 
diesem Fluß endet Grondar - und die Welt!" 

"Wie ist das möglich!" entfuhr es Kull. "Sind wir so weit geritten? 
Ich dachte, diese Wüste, die du das Ende der Welt nennst, wäre 
Teil Grondars." 

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-1 9 8 - 

"Nein. Grondar endet hier. Dies ist das Ende der Welt. Jenseits 
herrscht Magie über das Unbekannte. An dieser Stelle ist die 
Grenze der Welt. Dort beginnt das Reich des Grauens und des 
Unwirklichen. Dies ist der Fluß Stagus, und ich bin Karon, der 
Fährmann." 

Kull betrachtete ihn interessiert. Wie sollte er wissen, daß er 
einem Mann gegenüberstand, der bis in die fernste Zukunft auf 
dieser Welt sein würde, wenn längst die Wahrheit in Mythen und 
Sagen verloren war und aus Karon dem Fährmann der Schiffer 
des Hades geworden war. 

"Du bist sehr alt", sagte Kull mit Neugier in der Stimme, während 
die Valusier den Mann verwundert und die Pikten ihn mit 
abergläubischer Scheu musterten. 

"Das ist wahr. Ich gehöre der Älteren Rasse an, die über die 
Welt herrschte, bevor es Valusien gab oder Grondar oder 
Zarfhaana, König Kull. Ihr Reiter aus dem Sonnenuntergang wollt 
diesen Fluß überqueren? Viele Krieger und viele Könige habe ich 
ans jenseitige Ufer gebracht. Sind Euch die Worte vertraut: Von 
jenseits des Sonnenaufganges gibt es keine Rückkehr! Von den 
vielen Tausenden, die den Stagus überquert haben, ist nicht 
einer zurückgekommen. Dreihundert Jahre stehe ich nun hier, 
König von Valusien. Ich brachte die Armeen König Gaars des 
Eroberers hinüber, als er mit seinen gewaltigen Heerscharen 
zum Ende der Welt geritten kam. Sieben Tage lang dauerte das 
Übersetzen, doch keinen von ihnen habe ich je wiedergesehen. 
Nur der Lärm einer Schlacht tief im Ödland war von 
Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang zu hören, doch als der 
Mond aufging, war alles still. Höre auf meine Worte, Kull. 
Niemand ist je vom jenseitigen Ufer des Stagus zurückgekehrt. 
Unvorstellbares Grauen erwartet jeden dort drüben. Manchmal 
vermag ich in den Schleiern der Dämmerung schreckliche 
Kreaturen zu erkennen, denen kein Sterblicher widerstehen 
kann. Höre auf mich, Kull." 

Kull wandte sich im Sattel um und musterte seine Männer. 

"Hier endet meine Befehlsgewalt", sagte er. "Ich selbst werde 
Fenar auf den Fersen bleiben, bis in die Hölle, wenn es sein 

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-1 9 9 - 

muß. Aber ich verlange von keinem, mir über diesen Fluß zu 
folgen. Ihr habt meine Erlaubnis, nach Valusien zurückzukehren, 
und niemals wird euch deshalb auch nur ein Wort des Vorwurfs 
treffen." 

Brule lenkte sein Pferd an Kulls Seite. 

"Ich reite mit dem König", sagte er. Ein zustimmender Ruf war die 
Antwort seiner Pikten. Kelkor ritt vor. 

"Wer umkehren will, einen Schritt vor!" befahl er. 

Die Lanzenreihen wankten nicht. Die Männer saßen reglos wie 
Statuen. 

"Sie reiten mit, Kull", sagte der Pikte grinsend. 

Ein wilder Stolz erfüllte des Königs Brust. Er sagte nur einen 
Satz, einen Satz, der die Krieger mit mehr Stolz erfüllte als jede 
Auszeichnung. 

"Ihr seid Männer." 

Dann setzte Karon sie über. Er ruderte mehrmals, bis die ganze 
Streitmacht am östlichen Ufer stand. Und obgleich das Boot 
schwer war und der alte Mann allein ruderte, trieben es die 
großen Ruder rasch durch die Fluten, und nach der letzten 
Überfahrt war er nicht müder als zu Beginn. 

Kull fragte: "Wenn die Wüste wirklich von diesen schrecklichen 
Kreaturen bevölkert ist, weshalb haben sie nie den Weg in die 
Welt der Menschen gefunden?" 

Karon deutete auf den Fluß, und als Kull genauer hinsah, 
bemerkte er, daß es in dem Wasser von Schlangen und Haien 
wimmelte. 

"Nichts vermag durch diesen Fluß zu schwimmen", sagte der 
Fährmann, "weder Mensch noch Mammut." 

"Vorwärts!" rief Kull. "Vorwärts! Reiten wir. Freies Land liegt vor 
uns." 

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-2 0 0 - 

EPILOG 

(Epilog) 

Dann brach der Kataklysmus über die Welt herein. Atlantis und 
Lemurien versanken unter den Fluten des Meeres, und die 
Pikteninseln wurden emporgehoben und bildeten die Berggipfel 
eines neuen Erdteils. Teile des Thurischen Kontinents 
verschwanden unter Wasser, andere sanken ein und füllten sich 
zu gewaltigen Binnenmeeren und Seen. Vulkane brachen aus, 
und verheerende Beben machten die stolzen Städte der großen 
Reiche dem Erdboden gleich. Ganze Völker wurden ausgelöscht. 

Die Barbaren überstanden die Katastrophe ein wenig besser als 
die zivilisierten Rassen. Die Bewohner der Pikteninseln wurden 
vernichtet, aber in den Bergen an der valu-sischen Südgrenze 
blieb eine große Kolonie, die als Puffer gegen Invasoren diente, 
unberührt. Das Königreich der Atlanter auf dem Kontinent entging 
ebenfalls der allgemeinen Zerstörung. Dorthin konnten sich 
Tausende ihrer Stammesbrüder vom versinkenden Land mit 
Schiffen in Sicherheit bringen. Zahlreiche Lemurier entkamen zur 
Ostküste des Thurischen Kontinents, die verhältnismäßig 
verschont geblieben war. Sie wurden von der uralten Rasse, die 
dort lebte, versklavt und fristeten Jahrtausende lang ihr Dasein in 
brutaler Unterdrückung. 

Im Westen des Kontinents entstanden durch die veränderten 
Lebensbedingungen neue Tier- und Pflanzenarten. 
Undurchdringliche Urwälder bedeckten die Ebenen, mächtige 
Flüsse brachen sich ihre Wege zum Meer, zerklüftete Gebirge 
hoben sich in den Himmel, und Seen überspülten die Ruinen alter 
Städte in fruchtbaren Tälern. In das Königreich der Atlanter auf 
dem Festland schwärmten Myriaden von Tieren und primitiven 
Wilden  - Affenmenschen und Affen. Obgleich die Atlanter stetig 
um ihre Existenz ringen mußten, vermochten sie Enklaven ihres 
einstigen hochentwickelten Barbarenreiches zu erhalten. Aller 
Metalle und Erze beraubt, verarbeiteten sie Stein wie ihre fernen 
Vorfahren. Sie hatten bereits eine hohe Kunstfertigkeit erreicht, 
als sie mit dem mächtigen Piktenreich in Berührung kamen. Die 

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-2 0 1 - 

Pikten waren ebenfalls in die Steinverarbeitung zurückgefallen, 
hatten aber raschere Fortschritte in der Kriegskunst gemacht. 
Von der künstlerischen Natur der Atlanter hatten sie nichts, sie 
waren eine praktischer veranlagte, kriegerischere und vor allem 
fruchtbarere Rasse.  So hinterließen sie keine gemalten Bilder 
oder Elfenbeinschnitzereien wie ihre Feinde, sondern viele 
erstaunlich wirksame Steinwaffen. 

Diese Steinzeitreiche prallten in einer Reihe blutiger Kriege 
aufeinander, und die zahlenmäßig unterlegenen Atlanter wurden 
in die Primitivität zurückgeworfen, doch auch die Entfaltung der 
Pikten kam zum Stillstand. Fünfhundert Jahre nach dem 
Kataklysmus waren die Barbarenreiche verschwunden. An ihrer 
Stelle gibt es nun ein Volk von Wilden  - die Pikten  -, die in 
andauernde kriegerische Auseinandersetzungen mit den 
primitiven Stämmen  - den Atlantern -, verstrickt sind. Die Pikten 
besaßen den Vorteil der zahlenmäßigen Überlegenheit und der 
Einigkeit, während die Atlanter in lose zusammenhängende Clans 
aufgespalten waren. So sah es im Westen zu der Zeit aus. 

Im fernen Osten, vom Rest der Welt durch mächtige Gebirge und 
große Seen abgeschnitten, fristen die Lemurier ihr erbärmliches 
Dasein als Sklaven der alten Rasse. Der ferne Süden ist noch in 
Geheimnisse gehüllt. Vom Kataklysmus unberührt, steht er auf 
einer vormenschlichen Entwicklungsstufe. Von den zivilisierten 
Rassen des Thurischen Kontinents lebt ein kärgliches 
Überbleibsel der nichtvalu-sischen Völker in dem Bergland im 
Südosten  - die Zhemri. Da und dort sind Stämme affenartiger 
Wilder über die Welt verstreut, die vom Aufstieg und Untergang 
der großen Zivilisationen nichts wissen. Aber im fernen Norden 
ist ein neues Volk im Entstehen begriffen. 

Zur Zeit des Kataklysmus floh eine Gruppe Wilder, von nicht viel 
höherem Entwicklungsniveau als der Neandertaler, vor der 
Vernichtung nordwärts. Sie drangen in die Schneeländer vor, die 
nur von einer Gattung wilder Schneeaffen bewohnt waren, 
großen zotteligen, weißen Tieren, die sich offenbar dort 
entwickelt hatten. Diese Tiere jagten sie und trieben sie bis weit 
über den Polarkreis hinaus, wo sie nicht überleben konnten, wie 

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-2 0 2 - 

die Wilden glaubten. Die Eindringlinge aus dem Süden paßten 
sich ihrer harten neuen Umwelt an. 

Nachdem die piktisch-atlantischen Kriege die Anfänge einer 
neuen Kultur blutig begraben hatten, veränderte ein neuer, 
kleinerer Kataklysmus das Aussehen des alten Kontinents ein 
weiteres Mal. Anstelle der Seen bildete sich ein großes 
Binnenmeer, das den Westen noch stärker vom Osten trennte. 
Die Erdbeben, Überschwemmungen und Vulkanausbrüche 
vollendeten den Untergang der Barbaren, der mit ihren 
Stammeskriegen seinen Anfang genommen hatte. 

Tausend Jahre nach dem kleineren Kataklysmus ist die westliche 
Welt ein rauhes Land der Urwälder, Seen und reißenden Ströme. 
Durch die Wälder der nordwestlichen Berge streifen Horden von 
Affenmenschen, die keiner Sprache mächtig sind und nicht den 
Gebrauch von Feuer oder Werkzeugen kennen. Sie sind die 
Nachkommen der Atlanter, die in ein Stadium primitiver 
Dschungelbewohner zurückgefallen  sind, aus dem sich ihre 
Vorfahren vor Jahrtausenden so mühsam hochgekämpft haben. 
Im Südwesten leben verstreute Sippen degenerierter 
Höhlenbewohner, deren Sprache primitivster Art ist, die sich 
jedoch immer noch Pikten nennen, was nun für sie soviel 
bedeutet wie Menschen - sie selbst -, als Unterscheidung zu den 
Tieren, mit denen sie ums Dasein kämpfen. Es ist die einzige 
Verbindung mit ihrer Vergangenheit. Weder die niederen Pikten 
noch die primitiven Atlanter haben Kontakt mit anderen Stämmen 
oder Völkern. 

Weit im Osten haben sich die Lemurier, die durch ihr 
unmenschliches Sklavendasein fast auf ein tierisches Niveau 
gesunken sind, gegen ihre Herren erhoben und sie vernichtet. 
Als Wilde leben sie in den Ruinen einer fremden Zivilisation. Die 
Überlebenden dieser Zivilisation, die der Wut ihrer Sklaven 
entkommen waren, zogen westwärts. Sie fallen in das 
geheimnisvolle vormenschliche Reich des Südens ein und 
erobern es. Dabei nimmt ihre Kultur auch Züge dieser älteren an. 
Das neue Königreich heißt Stygien, doch scheinen Überbleibsel 

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-2 0 3 - 

der alten Rasse überlebt zu haben und sogar verehrt worden zu 
sein, obgleich es das Volk als solches nicht mehr gab. 

Da und dort auf der Welt finden sich bei kleinen Gruppen von 
Wilden Anzeichen einer Entwicklung, aber verstreut und ohne 
Zusammenhang. Doch im Norden wachsen die Stämme. Das 
Volk dort wird die Hyborier oder Hybori genannt. Ihr Gott war Bori 
- ein großer Häuptling, der der Sage nach in einer Zeit lange vor 
ihrer Flucht nach Norden in den Tagen des großen Kataklysmus 
lebte, über den die Stämme aber nur noch aus verstümmelten 
Überlieferungen wissen. 

Sie haben sich über den ganzen Norden ausgebreitet und ziehen 
langsam südwärts. Bisher sind sie auf keine andere Rasse 
gestoßen. Kriege gab es nur zwischen den eigenen Stämmen. 
Fünfzehnhundert Jahre Entwicklung im kalten Norden haben sie 
zu einer hochgewachsenen, dunkelblonden, grauäugigen, 
unternehmungslustigen und kriegerischen Rasse geformt, die 
auch bereits ausgeprägte künstlerische Züge aufweist. Sie leben 
noch hauptsächlich von der Jagd, doch die südlicheren Stämme 
betreiben seit einigen Jahrhunderten auch Viehzucht. Es gibt 
eine Ausnahme in der bisher vollkommenen Isolation von 
anderen Rassen: 

Einmal kehrte ein Wanderer aus dem hohen Norden zurück und 
berichtete, daß die als unbewohnt geltenden Eiswüsten Heimstatt 
eines großen Stammes affenähnlicher Menschen seien. Er hielt 
sie für Abkömmlinge jener Tiere, die die Vorfahren der Hyborier 
einst aus den bewohnbareren Gebieten vertrieben hatten. Er 
drängte darauf, einen starken Kriegertrupp nordwärts zu 
schicken und sie auszurotten, denn sie würden sich zu echten 
Menschen entwickeln. Er erntete Gelächter, und nur eine kleine 
Schar abenteuerlustiger junger Krieger folgte ihm in den Norden, 
doch keiner kehrte je zurück. 

Die Stämme der Hyborier zogen in immer größerem Umfang 
südwärts, je mehr die Bevölkerung anwuchs. Eine ganze Epoche 
der Wanderungen und Eroberungen setzte ein. Quer durch die 
Weltgeschichte kann man Wanderungen von Stämmen und 
Volksgruppen beobachten. 

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-2 0 4 - 

Betrachten wir die Welt fünfhundert Jahre später. Stämme der 
blonden Hyborier sind nach Süden und Westen gezogen und 
haben viele der kleinen, unbedeutenden Clans besiegt und 
ausgelöscht. Aber das Blut der eroberten Rassen hat immer 
auch seine Spuren in den Eroberem hinterlassen, so daß die 
Nachkommen der älteren Horden bereits merklich veränderte 
rassische Züge aufzuweisen beginnen. Diese gemischten 
Rassen wurden von den nachdrängenden reinblütigen Horden 
angegriffen und vor ihnen hergefegt wie Kehricht von einem 
säubernden Besen, wodurch sie sich nur noch rascher mit einer 
Vielzahl von Rassen und Volksgruppen vermischten. 

Bisher sind die Eroberer nicht mit den älteren Rassen in 
Berührung gekommen. Im Südosten streben die Nachkommen 
der Zhemri, gestärkt durch Vermischung  mit einem namenlosen 
Stamm, mit neuer Kraft die Wiederbelebung ihrer alten Kultur an. 
Im Westen beginnen die affengleichen Atlanter den langen 
Aufstieg. Sie haben den Kreis ihres Daseins vollendet; sie haben 
ihre einstige menschliche Existenz längst vergessen; sie wissen 
nichts von früheren Entwicklungsstadien und beginnen ihre 
Entwicklung unbeeinflußt und unbehindert von menschlicher 
Erinnerung. Südlich von ihnen sind die Pikten noch immer Wilde, 
bei denen sich entgegen allen Naturgesetzen weder Fortschritt 
noch Degeneration zeigt. Weit im Süden liegt unberührt das 
uralte, geheimnisvolle Königreich Stygien. An seinen östlichen 
Grenzen liegt das Gebiet primitiver Nomadensippen, die bereits 
als die Söhne Shems bekannt sind. 

Nicht weit von den Pikten hat im weiten Tal des Zingg, im Schutz 
hoher Berge, eine namenlose Gruppe von Primitiven, die man 
eventuell als mit den Shemiten verwandt bezeichnen könnte, ein 
fortschrittliches Ackerbau- und Siedlungssystem entwickelt. 

Ein weiterer Faktor gab der hyborischen Völkerwanderung neuen 
Anstoß. Ein Stamm dieser Rasse entdeckte die Verwendbarkeit 
von Stein als Baumaterial, und so war das erste hyborische 
Reich entstanden  - das primitive und barbarische Hyperborea, 
das als einfache Festung aus überein-andergetürmten 
Steinblöcken zur Abwehr des Nachbarstammes seinen Anfang 

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-2 0 5 - 

nahm. Daraufhin gab der Stamm seine Pferdehautzelte auf und 
baute einfache, unzerstörbare Steinhäuser, in deren Schutz er 
stark wurde. Es gibt nur wenige noch dramatischere Ereignisse 
in der Geschichte als den Aufstieg des primitiven, grimmigen 
Reiches Hyperborea, dessen Menschen mit einem Schlag ihr 
Nomadenleben aufgaben und Behausungen aus nacktem Stein 
errichteten und sie mit gewaltigen Mauern umgaben. Eine Rasse, 
die kaum dem Steinzeitalter entwachsen war, entdeckte durch 
puren Zufall die ersten einfachen Grundlagen der Architektur. 

Der Aufstieg dieses Reiches ließ viele andere Stämme ihre 
Wohnsitze verlassen. Durch Kriege geschlagen und nicht gewillt, 
ihren Rassengenossen in den Festungen tributpflichtig zu 
werden, brachen viele Sippen auf lange Wanderschaften um die 
halbe Welt auf. Gleichzeitig werden die nördlicheren Stämme 
erstmals von hünenhaften blonden Wilden heimgesucht, deren 
Entwicklung noch kaum über das Stadium von Affenmenschen 
hinausging. 

Die Geschichte der nächsten tausend Jahre ist die Geschichte 
vom Aufstieg der Hyborier, deren kriegerische Stämme die 
westliche Welt beherrschen. Primitive Reiche entstehen. Die 
dunkelblonden Invasoren sind auf die Pikten gestoßen und haben 
sie in die unwirtlichen Gebiete im Westen getrieben. Im 
Nordwesten wissen die Nachkommen der Atlanter, die aus 
eigener Kraft das Halbmenschenstadium überwinden, noch 
nichts von den Eroberern. Weit im Osten entsteht die ganz 
eigene, fremdartige Halbzivilisation der Lemurier. Im Süden 
haben die Hyborier an den Grenzen jener Weideländer, die als 
die Lande der Shem bekannt sind, das Königreich Koth 
gegründet. Die Wilden dieser Länder entwickeln sich rasch durch 
die Berührung mit den Hyboriern, aber auch mit den Stygiern, 
von denen sie seit Jahrhunderten bedrängt wurden, über das 
Barbarenstadium hinaus. Die blonden Wilden aus dem hohen 
Norden sind mächtig und zahlreich und beginnen die nördlichen 
hyborischen Stämme südwärts zu drängen, die wiederum ihre 
eigenen Sippen vor sich hertreiben. Das alte Reich Hyperborea 
wird von diesen nördlichen Stämmen erobert, behält jedoch 

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seinen ursprünglichen Namen. Südöstlich von Hyperborea ist ein 
Königreich der Zhemri mit Namen Zamora entstanden. Im 
Südwesten ist ein Stamm der Pikten in das fruchtbare Tal des 
Zingg eingedrungen, hat die ackerbaubetreibenden Bewohner 
unterworfen und sich dort angesiedelt. Das Mischvolk, das 
daraus entstand, wurde später von einem umherstreifenden 
Stamm der Hyborier besiegt, und aus diesen vermischten 
Elementen entstand das Königreich Zingara. 

Fünfhundert Jahre später sind die Reiche der Welt festgelegt. 
Die Königreiche der Hyborier  - Aquilonien, Neme-dien, 
Brythunien, Hyperborea, Koth, Ophir, Argos, Corin-thia, und 
eines, das als das Grenzkönigreich bekannt ist -beherrschen die 
westliche Welt. Östlich davon liegt Zamora, südwestlich Zingara - 
Völker, die einander in ihrem dunklen Äußeren und ihren 
exotischen Bräuchen ähneln, doch nicht miteinander verwandt 
sind. Weit im Süden schlummert Stygien unberührt von fremden 
Invasoren, doch die Völker von Shem haben das stygische Joch 
gegen das weniger harte von Koth ausgetauscht, dessen 
ursprüngliche dunkelhäutige Herren sich in das Gebiet südlich 
des mächtigen Stromes Styx zurückzogen, der auch Nilus oder 
Nil heißt und aus den schwarzen Hinterländern erst nordwärts 
fließt, dann im rechten Winkel abbiegt und seinen Weg durch die 
Weideländer von Shem fast genau nach Westen nimmt und sich 
dort ins Meer ergießt. Nördlich von Aqui-lonien, dem westlichsten 
hyborischen Königreich, leben die Cimmerier, furchtlose Wilde, 
die von keinen Invasoren bezwungen wurden, aber von ihnen 
lernten, in rascher Entwicklung begriffen. Sie, die Nachkommen 
der Atlanter, machen nun größere Fortschritte als ihre alten 
Feinde, die Pikten, die in der Wildnis westlich von Aquilonien 
leben. 

Das hyborische Zeitalter 

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NACHWORT 

Kull von Atlantis! Für mich ist die Übersetzung dieses Buches ein 
purer Nostalgietrip. 

Für mich war Kull von Atlantis, genauer gesagt, die Story 

Das 

Schattenkönigreich, der Auftakt für  fast ein Vierteljahrhundert 
Beschäftigung mit der Fantasy-Literatur, sowohl als Hobby als 
auch im Beruf. 

Neben Kull waren es vor allem die historischen Novellen Robert 
E. Howards, die mir besonders gefielen. Mein Lieblingsbuch ist 
immer noch THE SOWERS OF  THE THUN-DER, das neben 
vier dieser historischen Novellen über hundert Strichzeichnungen 
Roy G. Krenkels enthält, eines Künstlers, der, oft skizzenhaft, 
wie kein anderer archaische Szenerien und Figuren zu Papier 
brachte. Krenkel schrieb ein Vorwort zu diesem Buch, aus dem 
ich schon einmal in einer deutschen Robert E. Howard-Ausgabe 
zitiert habe. Ich möchte es hier wieder tun, weil mir seine Worte 
auch heute, nach dieser intensiven Wiederbegegnung mit Kull 
von Atlantis, aus der Seele sprechen: 

"Howard war ein großer Schriftsteller  - das ist bereits oft 
festgestellt worden. Es kann nicht oft genug wiederholt werden. 
Hören Sie zu: 

Als ich ein Krieger war, galt mir der Trommelschlag, Da mir in 
Ruhm und Glanz das Volk zu Füßen lag. Jetzt bin ich König und 
mir droht Gefahr Durch Gift und Mörderdolch aus ihrer Schar. 

Es ist alles da - der wertlose Pomp öffentlichen Ansehens, die 
Leere der Königswürde, die Last der Verantwortung, der 
heimtückisch lauernde Verrat, die Furcht  - in einem einzigen 
Vierzeiler! Ich habe dicke Bücher gelesen, in denen es nur halb 
so gut stand. 

Seine Worte klangen wie eherne Hämmer auf einem Amboß der 
Götter. Dunkler und unberechenbarer Götter." 

Und: 

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-2 0 8 - 

"Man liest Howard wie ein ferner Beobachter, der durch einen 
Nebel der Zeit blickt - flüchtige grelle Bilder von marschierenden 
Männern in Rüstungen, von Verteidigungswällen, über die wilde 
Horden stürmen, von Intrigen in düsterem Kerzenlicht. Wie von 
weit her hören wir den Ruf des Olifants, das Klirren von Stahl auf 
Stahl, die Schreie der Sterbenden; zu gewaltig - zu schrecklich -
um wirklich zu sein, und darob irgendwie nur um so wirklicher! 
Was sich herauskristallisiert und deutlich vor uns steht, ist die 
Stimmung." 

Und: 

"Die Personen bewegen sich wie Figuren des Schicksals über 
eine Welt, die aus einem Alptraum geboren wurde. Dunkle und 
ungeheuerliche Taten, strahlendes Heldentum, übermenschlicher 
Mut und gemeiner Verrat sind die Elemente - und schimmernde 
Städte (mit nachtdunklen Kerkern), Lachen und schöne Frauen, 
und Tod, und - Wahnsinn! 

Dies ist kein Buch für zartfühlende Ästheten oder feinfühlige alte 
Damen  - es zu lesen, ist, als hätte man etwas Wirkliches, 
Schreckliches selbst erlebt. Man fühlt mit Howard, zu einem Teil 
wenigstens, diesen grimmigen Schmerz um verratene Könige 
und verlorene Reiche  - um große Taten, die vergeblich waren, 
um Schönheit, die ausgelöscht, und Lachen, das für immer 
verstummt ist. 

Sie werden diese Geschichten nicht nur lesen - Sie werden sie 
erleben!" 

Krenkel schrieb dies über die historischen Erzählungen 
Howards, aber es paßt in vielem auch auf das vorliegende Buch. 

Sie werden in dieser neuesten Ausgabe der Kull-Geschichten 
auch mit drei Fragmenten konfrontiert. Lassen Sie mich dazu 
kurz erklären: 

Robert E. Howard schrieb seine Erzählungen wie zwischen den 
Weltkriegen in der Unterhaltungsliteratur in Amerika üblich, für 
die PULPS, die großformatigen Groschenmagazine, WEIRD 
TALES, FICHT STORIES, ORIEN-TAL STORIES, MAGIC 
CARPET MAGAZINE, GOLDEN FLEECE, STRANGE 

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-2 0 9 - 

DETECTIVE STORIES, ARGOSY, um ein paar zu nennen. 
Howards bekannteste Geschichten, vor allem die um Conan den 
Barbaren, erschienen in WEIRD TALES, einem Horror-Magazin, 
ab Beginn der dreißiger Jahre bis zu seinem frühen Tod, 1936. 

Die Kull-Geschichen entstanden alle zwischen 1926 und 1930, 
doch nur zwei. Das Schattenkönigreich und Die Spiegel des 
Tuzun Thune, erschienen zu Howards Lebzeiten. Einige der 
Stories enthalten außer der phantastischen Szenerie kein 
eigentliches Fantasy-Element und waren für WEIRD TALES 
nicht geeignet, und die harte Konkurrenz auf dem Sektor der 
Abenteuer-Magazine bereitete Howard in diesem frühen Stadium 
seiner schriftstellerischen Laufbahn Mühe, Fuß zu fassen. So 
wanderten die meisten Kull-Stories wieder in die Schublade oder 
waren Ausgangsmaterial für spätere Conan-Geschichten. 

Erst 1966 kamen in einem Agenturnachlaß mehrere Kartons mit 
Howard-Manuskripten ans Tageslicht, darunter sieben 
vollständige, unveröffentlichte Kull-Geschichten und drei 
Fragmente. Für die erste Taschenbuchausgabe, die bereis 1967 
erschien, vollendete Lin Carter die drei Fragmente. Diese 
erschien 1976 in zwei Taschenbüchern auch in deutscher 
Sprache. 

Die vorliegende Ausgabe ist nun ein Versuch, das Material so zu 
präsentieren, wie Howard es in den zwanziger Jahren schrieb, 
und dem Fan und Interessenten die Fragmente als kleine Zugabe 
anzubieten, da er sie sonst sicher nie zu Gesicht bekommen 
hätte. 

Dies ist aber auch noch nicht das gesamte Kull-Material. 

Eine der besten Geschichten Kings of the Night/Herrscher der 
Nacht gehört zum Zyklus um den Piktenkönig Bran Mak Morn.* 

Die kurze Erzählung The Curse of the Golden Skull/Rotaths 
Fluch (die Geschichte eines sterbenden Zauberers, dem der 
>Barbarenhäuptling Kull von Atlantis< den Todesstoß versetzt 
hat) war in der ersten deutschen Kull-Ausgabe** enthalten. 

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-2 1 0 - 

Kull spukt außerdem durch die Romane um Cormac MacArt, 
einen gälischen Abenteurer aus Howards Feder, die Andrew 
Offutt schrieb. 

Im Laufe der letzten zehn Jahre sind die meisten Story-Zyklen 
Howards auch in deutscher Sprache erschienen. Vieles davon 
habe ich selbst ausgegraben und zusammengestellt. Dabei hat 
mich immer wieder verblüfft, wie produktiv Robert E. Howard in 
diesen kurzen zehn Jahren seines schriftstellerischen Schaffens 
war. Und immer noch kommt interessantes Material ans 
Tageslicht. 

Und dann: Howards Gedichte! 

Hören Sie zu: 

Denn mein Wegführt in die Öde Und mein Traum ist ohne Licht. 
Meine Schwingen rasten müde, Bis der Sturm der Zeit sie bricht. 

* Robert E. Howard: KÖNIG DER PIKTEN - Die Sage von Bran 

Mak Morn, Bastei Lübbe 20 066, 1984 

** Robert E. Howard: KULL VON ATLANTIS und HERR VON 
VALUSIEN TERRA FANTASY 28 und 29, Erich Pabel Verlag, 
1976 

Oder: 

Jch hab nicht das Locken der Lauten gehört, 

noch der bronzenen Hörner Schall, 

Doch dort, wo kein Wind die Stille stört, 

hört ich des Schweigens Hall. 

Ich hab nicht gehört, wie die Trommeln gehn, 

noch sah ich die Banner im Feld, 

Doch ich habe die Drachen kommen gesehn, 

glutäugig, über die Welt. 

So düster, so grimmig, so faszinierend wie seine Prosa. 

Der Erste Deutsche Fantasy Club hat seit den sechziger Jahren 
in Zusammenarbeit mit Glenn Lord, dem literarischen 
Nachlaßverwalter Howards, in seinen Publikationen viele 
Gedichte und Briefe (etwa an seine Autorenkollegen August 


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