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2

 

 

Frank Callahan 

Das Kriegsbeil Luzifers 

Apache Cochise 

Band Nr. 16 

Version 1.0 

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3

Prolog 

Man nannte die Apachen Barbaren, Wilde und Massenmörder. 
Waren sie das? Über alles, was in dieser Welt geschieht oder 
früher einmal geschah, kann man so oder so urteilen.
 

Um objektiv zu sein, kann an dieser Stelle nur von 

Unbefangenen ein Widerruf dieser Meinung über die Apachen 
erfolgen. Unser Nachruf, sozusagen eine verspätete 
Ehrenrettung dieses großen, stolzen und kämpferisch 
veranlagten Volkes, das von der Steinzeit »über Nacht« in eine 
erbarmungslose Zivilisation versetzt wurde, die sie nicht 
begriff, wie auch die Umstände, die zum Untergang der roten 
Rasse führten.
 

Man kann sagen, die damaligen Weißen und Mexikaner 

waren alles andere als weitblickend, eher nur von einer 
hyperhumanen Art, die dem Prankenschlag eines Panthers 
glich. Bei den meisten Weißen war die Ausrottung der Indianer 
eine beschlossene Sache, honoriert durch Prämien für einen 
Apachen-Skalp.
 

Dachten und handelten die weißen Einwanderer mit ihrer 

mitgebrachten zweitausendjährigen Kultur alle richtig, Kultur 
und Zivilisation, gemessen an der der Apachen? Oder 
bewegten sie sich in der klischeehaften Vorstellung des 
Militärs vom »toten Indianer, der ein guter ist«?
 

Mitnichten. Zum Teil gab es vorausschauende und 

mitfühlende Männer in der Army, die aber wegen ihrer 
»Humanitätsduselei« nicht zu Wort gelangten, aber den 
Untergang der roten Rasse voraussagten und mit den 
Indianern fühlten.
 

Nicht alle waren sie ein Colonel Chivington, ein abenteuer- 

und beförderungssüchtiger George Armstrong Custer. Fest 
steht aber, daß der Massenmord an der indianischen Rasse von 

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vielen Amerikanern heutzutage bagatellisiert und, wenn die 
Sprache darauf kommt, mit einer lässigen Handbewegung 
abgetan wird. 

Auch die in wissenschaftlichen Disziplinen denkenden 

Amerikaner können einen Rückblick auf die Zeit nach 1850 nur 
schwer vertragen. Man sieht die in den Wüsten und Gebirgen 
vegetierenden Stämme Arizonas nicht, und das beruhigt den 
Durchschnittsamerikaner ungemein, weil er das ökologische 
Harakiri, das man mit dem Land und seiner Urbevölkerung 
trieb, nicht mit ansehen muß.
 

Zugegeben, die Stämme der Indianer, besonders die 

Apachen, betrieben zu keiner Zeit Vorratswirtschaft, 
ausgenommen die seßhaften und Ackerbau treibenden Pueblos 
im Westen von Neumexiko und in den nordöstlichen Bereichen 
Arizonas.
 

Lag hier der Untergang der roten Rasse begründet? 
Sicherlich nicht, denn kein nomadisierendes Volk in Europa, 

Asien oder Afrika konnte sich mit Vorratshaltung befreunden. 
Gingen sie unter? Nein, sie gingen auf in den Völkern, deren 
Gebiete sie okkupierten. Auch andere negative Aspekte – in den 
Augen der Weißen – kann den Apachen nicht abgesprochen  
werden. Sie waren nun einmal Naturkinder, einfache Nomaden 
in einem riesigen Kontinent, der ihnen alles bot, was sie zum 
Leben brauchten. Zu allen Zeiten war daher für die Apachen 
die Welt noch in Ordnung. Erst als der weiße Mann mit seinen 
überlegenen Waffen, mit Schnaps und seiner verfeinerten 
Kultur und seinen ansteckenden Krankheiten kam, legte sich 
das große graue Leichentuch über die Stämme und 
Sippenverbände.
 

Ganz bestimmt wäre vor 100 und mehr Jahren 

möglicherweise vieles ganz anders gekommen, wenn unter den 
Militärs und in der Regierung in Washington nur ein einziger 
Mann mit entsprechendem Weitblick und ohne Ressentiments 
gegen die rote Rasse gewesen wäre.
 

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5

Es hat nicht an klardenkenden und verantwortungsbewußten 

Leuten gemangelt, aber sie hatten nicht die Stimmengewalt im 
Kongreß, die dazu notwendig gewesen wäre, den Indianern zu 
ihrem Recht zu verhelfen.
 

Es ist nicht Aufgabe dieser Einleitung, anzuklagen und zu 

richten, denn niemand von uns kann sagen, daß er es 
womöglich hätte besser machen können. Sie alle in der 
damaligen Zeit – Rote wie Weiße – waren Kinder einer harten 
und erbarmungslosen Epoche, und sie waren Bewohner einer 
rauhen Umwelt.
 

Die Serie APACHE COCHISE mit ihrem wahrhaft großen 

Häuptling Cochise als Held ist die im Wesen und Charakter 
authentische Aufzeichnung amerikanischer Geschichte, die in 
Romanform für den deutschen Sprachraum noch nicht oder nur 
in Kurzform gebracht wurde.
 

Die guten und schlechten Weißen, die anständigen Apachen 

und die grausamen, tauchen namentlich in der Story auf und 
geben der Geschichte einen dramatischen, wenn auch 
makabren Hintergrund.
 

Ihr Martin Kelter Verlag. 

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6

*** 

Die Rauchsäulen der Lagerfeuer hoben sich träge über die 
Jacales und hingen wie eine Dunstglocke über der Apacheria. 
Ein Wall aus Steinen umgab die Hochgebirgsfestung der 
Chiricahuas in den Dragoons. Die Morgendämmerung breitete 
sich immer mehr aus und ließ die Konturen schärfer 
hervortreten. Tau funkelte auf Büschen, Gräsern und Farnen. 

Zwischen den Wickiups herrschte geschäftiges Treiben. 

Squaws bereiteten das Frühstück. Einige Krieger traten zu den 
Feuern und wärmten die klammen Hände. Ein großer und 
breitschultriger Apache verließ sein Zelt. Bekleidet war er mit 
einem grauen Calicohemd, wollenen Hosen und kniehohen 
Wüstenmokassins. Um die Stirn trug er das farbige 
Schweißtuch wie einen dünngewickelten Turban. 

Mit festen Schritten durchquerte Cochise, der Häuptling der 

Chiricahua-Apachen, das Lager und näherte sich einer 
Felsenklippe, auf der er reglos stehenblieb. Nur sein mächtiger 
Brustkorb bewegte sich. Wie versteinert wirkte das markante 
Gesicht mit der Adlernase. Cochises Blick glitt über das 
unwegsame Land, das sich immer deutlicher aus der 
Dunkelheit hervorzuschälen begann. 

Wild, einsam und zerklüftet lag es vor dem Apachen-Chief. 

Bussarde zogen ihre Kreise. 

Cochises Augen verengten sich leicht. Er erkannte zwei 

Reiter, die Bruchteile von Sekunden darauf wieder von der 
rauhen Bergwildnis verdeckt wurden. 

Einige Minuten später tauchten sie erneut zwischen den 

Felsschroffen auf. Es gab keine Zweifel, ihr Ziel war die 
Apacheria. 

Auf Cochises Gesicht zeigte sich keine Regung, als er zwei 

seiner Späher erkannte, die er schon seit Stunden 

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7

zurückerwartete. 

Er fragte sich, welche Nachrichten sie ihm bringen mochten. 
Bestimmt wurden dadurch seine Probleme nicht geringer. Er 

sorgte sich hier in den Bergen um sein Volk, das von den 
weißen Eindringlingen immer mehr in die Enge getrieben 
wurde. 

Eine Einwandererwelle jagte die andere. Landsuchende aller 

Nationen zogen nach Westen und Südwesten. Digger wühlten, 
Maulwürfen gleich, in den Bergen nach Gold. Farmer nisteten 
sich überall dort ein, wo es fruchtbares Land gab und scherten 
sich keinen Deut darum, daß dieses Land schon seit 
undenklichen Zeiten den Apachen gehörte. 

Cochises Körper entspannte sich leicht. Er fuhr sich mit der 

flachen Hand über die Stirn, als hätte er so seine bitteren 
Gedanken vertreiben können. Dann trat er auf eine Lücke in 
dem Steinwall zu, wo seine beiden Krieger bald auftauchen 
mußten. 

Es dauerte auch nicht mehr lange, dann näherten sich 

Hufschläge. Die zwei Indianer ritten hinter einem Felsen 
hervor, der sich wie ein düster erhobener Zeigefinger gegen 
den immer heller werdenden Himmel reckte. 

Die Chiricahua-Krieger zügelten die müden und erschöpften 

Pferde und sprangen ab. Cochise trat gemessenen Schrittes auf 
seine Blutsbrüder zu, die einen Höllenritt hinter sich hatten. 
Nachdem er sie begrüßt hatte, musterte er die noch jungen 
Apachen mit ernstem Blick. Dann sagte er: »Ihr seid lange 
unterwegs gewesen und habt nicht ohne Grund eure Pferde fast 
zuschanden geritten. Laßt mich wissen, meine Brüder, was 
geschehen ist.« 

Die beiden Chiricahuas nickten. 
Schwarzer Wolf, ein tapferer Krieger, der sich schon in 

einigen Kämpfen bewährt hatte, ergriff das Wort. 

»Sechzehn rollende Wickiups, von den Bleichgesichtern 

Conestoga-Wagen genannt, sind nördlich der Galiuro 

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Mountains in unser Gebiet eingedrungen. Wir haben ihre 
Fährten verfolgt. Die Weißen kommen aus dem Land, das sie 
Neu-Mexiko nennen. Viele Helläugige ziehen mit diesem 
Treck – Alte und Junge, Greise und Kinder. Viele Männer mit 
Feuerrohren bewachen die fahrende Schlange, großer 
Häuptling.« 

Schwarzer Wolf schwieg. Resignation hatte in seiner guttural 

klingenden Stimme mitgeschwungen. 

»Ein Siedlertreck«, murmelte Cochise voller Bitterkeit. »Die 

Weißen wollen uns schon wieder einen Teil unserer 
angestammten Heimat stehlen. Ihnen werden andere in Scharen 
folgen. Bald werden es viele tausend sein.« 

Die Miene des Häuptlings drückte Besorgnis aus. 
»Wir werden sie vernichtend schlagen und viele Skalps 

erbeuten«, schwor Donnervogel, der andere Krieger. Seine 
Augen glühten im fanatischen Feuer der Jugend. Er breitete 
beide Arme aus und preßte sie dann über seiner Brust 
zusammen, als wollte er damit andeuten, wie die 
eingedrungenen Bleichgesichter zermalmt werden sollten. 

»Wir sind stark genug, um die Bleichgesichter zu besiegen«, 

sagte Schwarzer Wolf. »Sie erzittern schon, wenn sie uns nur 
sehen. Und du wirst uns in den Kampf führen, großer 
Häuptling.« 

Cochise blickte seine beiden Krieger ernst an, sah ihre 

leuchtenden Augen und wußte, daß sie mit jeder Faser ihrer 
Herzen an ihn glaubten, so wie auch die anderen Chiricahuas, 
mit deren Hilfe er schon bedeutende Siege errungen hatte. 

»Ruht euch aus«, sagte er dann zu Schwarzer Wolf und zu 

Donnervogel. »Ich muß nachdenken. Eure Nachricht hat mein 
Herz beunruhigt, meine Brüder.« 

Die beiden Krieger führten ihre Mustangs in die Apacheria. 

Cochise folgte ihnen und trat wieder auf das Felsplateau, von 
dem aus er einen großartigen Ausblick auf die unter ihm 
liegende zerklüftete Wildnis hatte. 

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9

Die Strahlen der aufgehenden Sonne verdrängten die letzten 

Schatten der Nacht und tauchten die Dragoons wie in 
funkelndes Gold. 

Cochise kauerte sich nieder, sah nicht dieses malerische Bild, 

sondern hing seinen sorgenschweren Gedanken nach. 

Minuten vergingen. 
Schritte ließen den Apachen-Chief aufhorchen. Er blickte 

sich um und erkannte seinen Sohn Naiche, der neben ihm 
stehenblieb und ihn fragend ansah. Naiche, der ungefähr 19 
Jahre alt war, ähnelte Cochise sehr und war dessen 
Zweitältester Sohn. Der Erstgeborene, Taza, war vor längerer 
Zeit auf einem Beutefeldzug gegen die Gelbhäutigen in 
Mexiko gefallen. 

»Haben unsere Späher schlechte Nachrichten gebracht, 

Vater?« fragte der junge Apache und kniete sich neben Cochise 
nieder. 

Der Jefe nickte und starrte in die Ferne, wo Hügel und Berge 

mit dem Horizont zu verschmelzen schienen. 

»Nahe der Galiuro Mountains lagert ein großer Siedlertreck 

mit sechzehn Conestoga-Wagen. Es wird wieder Kampf und 
Blutvergießen geben, wenn die Weißen ihren Trail fortsetzen. 
Wir können diese Bleichgesichter nicht auch noch in unserem 
Land dulden.« 

Naiches Lippen preßten dich zusammen. Er haßte die 

Weißhäutigen, die wie ein alles verschlingender 
Heuschreckenschwarm über die Heimat seiner Urväter 
herfielen und sie mit einer Selbstverständlichkeit in Besitz 
nahmen, als gehörte sie ihnen. 

Der Häuptlingssohn wollte antworten. Cochise schnitt ihm 

mit einer schnellen Handbewegung das Wort ab. 

»Ich will zu der fahrenden Schlange reiten und mit den 

Anführern verhandeln«, sagte der berühmte Häuptling. 
»Vielleicht gelingt es mir, die Bleichgesichter zur Umkehr zu 
bewegen. Ich werde nichts unversucht lassen, um ein neues 

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Blutbad zu verhindern.« 

Naiche schüttelte den Kopf. 
»Die weißen Kojoten werden dich auslachen und verspotten. 

Du kannst sie nicht umstimmen, Vater. Sie sind wie Raubtiere, 
die eine Beute erspäht haben und nicht mehr von ihr ablassen 
können. Oder wie Aasgeier, die sich auf ein hilfloses Opfer 
stürzen. Es ist aber deine Entscheidung. Du bist unser Jefe und 
hast uns immer gut geführt. Wir vertrauen dir.« 

Cochise erhob sich. 
Ein feines Lächeln spielte um seinen Mund. Dann legte er 

seinem Sohn eine Hand auf die Schulter. 

»Mein Plan steht fest, Naiche. Vielleicht gelingt es mir, die 

Bleichgesichter umzustimmen, obwohl ich genau weiß, wie 
unnachgiebig sie sein können. Wenn wir den Treck angreifen, 
dann müssen viele unserer tapferen Krieger sterben. Dies 
möchte ich verhindern.« 

»Der Große Geist möge dich begleiten, mein Vater.« 
Naiche senkte den Blick. Cochise wußte natürlich, wie gern 

sein Sohn ihn auf diesem gefährlichen Ritt begleitet hätte. 
Vergebens wartete Naiche auf diese Worte seines Vaters. Dann 
wandte er sich um und lief ins Lager zurück. 

Cochise verweilte noch einige Minuten auf dem Plateau, ehe 

auch er den Rückweg antrat. Eine Stunde später ritt der 
Apachen-Chief los, sich dem Siedlertreck auf geheimen Pfaden 
nähernd, die nur den Apachen bekannt waren. 

Wie  eine endlose Schlange bewegten sich die 16 Conestoga- 
und Murphy-Wagen. Sie wurden von Ochsengespannen 
gezogen, die sich kräftig in die Geschirre legen mußten, denn 
das Gelände stieg leicht an. 

Eine große Staubwolke hing über dem Siedlertreck und war 

bereits aus großer Entfernung zu sehen. Die Fahrer der Wagen 

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schrien sich die Kehlen heiser und schwangen immer wieder 
ihre Peitschen, um die schwerfälligen Gespanne anzutreiben. 

Die Treckwagen wurden von Reitern begleitet. Gewehre 

funkelten ab und wann metallisch, wenn sie von den Strahlen 
der sengenden Sonne getroffen wurden. 

Nur langsam näherte sich der Wagenzug den Ausläufern der 

nördlichen Galiuro Mountains. Das Gelände war unfruchtbar. 
Sand und Felsen bestimmten diesen Abschnitt des langen 
Trails. 

Hin und wieder ragten verkrüppelte Kiefern aus Felsspalten 

hervor. Kakteen aller Arten wuchsen im weiten Rund. 
Klapperschlangen sonnten sich auf Felsbrocken. Manchmal 
drang ihr warnendes Rasseln zu den Reitern herüber. 

Manchmal mußte sich der vorderste Conestoga einen neuen 

Weg suchen, wenn sich Bodenspalten auftaten oder die Räder 
im Sand zu versinken drohten. 

Es war schon ein höllischer Trail. Schweiß, Blut und Tränen 

begleiteten ihn Tag für Tag, Stunde um Stunde. 

Einige Dutzend Pferdelängen vor dem vordersten Conestoga 

ritt ein bullig wirkender Mann auf einem starkknochigen 
Rappenhengst. Unter den Achselhöhlen und auf den 
Oberschenkeln der speckigen Hose zeichneten sich dunkle 
Schweißflecken ab. 

Langes, ungepflegtes Haar quoll unter einem breitkrempigen 

Hut hervor. Unter buschigen Brauen ruhten energisch 
blickende graue Augen. Eine Knollennase, leicht wulstige 
Lippen und stoppelbärtige Wangen und ein fast brutal 
wirkendes Kinn rundeten das Bild dieses Mannes ab. 

Sein Name war Hank Coolidge. Er führte den Treck an. Und 

er war ein Mann, der sich durchzusetzen verstand. Die Siedler 
wagten es nur selten, sich gegen diesen rauhen Burschen 
aufzulehnen. 

Hank Coolidge seufzte, wischte mit dem Handrücken über 

die schweißbedeckte Stirn, warf einen Blick zum Himmel, wo 

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die Sonne wie ein gefräßiges Ungeheuer thronte und Mensch 
und Tier das letzte bißchen Mark aus den Knochen zu saugen 
schien. 

Er wandte sich im Sattel um und fluchte, daß es sogar einem 

mexikanischen Mulitreiber die Schamröte ins Gesicht getrieben 
hätte. 

»Es geht alles viel zu langsam«, knurrte Coolidge. »Damned, 

warum kapieren dann diese verdammten Schollenbrecher nicht, 
daß es auf jede Stunde ankommt. Wir müssen bis heute abend 
den Aravaipa River erreichen. Er führt zwar zu dieser 
Jahreszeit kaum Wasser, ich hoffe aber, es wird für uns alle 
und auch für die Ochsen und Pferde genügen.« 

Der Treckführer lenkte sein Pferd so hart herum, daß es kurz 

stellte und gellend wieherte. Dann jagte Coolidge auf den 
vordersten Conestoga zu. 

»Warum fahrt ihr nicht schneller, zum Henker?« brüllte er. 

»Ich habe euch doch eingebleut, daß ich heute keine Bummelei 
dulde. Ihr stellt euch wie die letzten Greenhorns an.« 

Der noch junge Mann auf dem Wagenbock schien sich unter 

den wütenden Blicken des Treckführers zu ducken. Neben ihm 
saß ein Oldtimer, der sich nun Coolidge zuwandte. 

»Regen Sie sich wieder ab, Mister«, sagte er mit krächzender 

Stimme. »Sie brauchen sich doch nur unser Gespann 
anzusehen, um zu wissen, was los ist. Die Tiere sind erschöpft, 
haben in den letzten Tagen kaum Wasser oder Futter erhalten. 
Wir sind schon froh, wenn sie nicht zusammenbrechen. Und so 
geht es auch den anderen Gespanntieren. Vielleicht sollten wir 
Sie anschirren, dann würden Ihnen ganz schnell die großen 
Töne vergehen.« 

Hank Coolidges Gesicht verfärbte sich dunkel. Keiner der 

Männer des Trecks hatte es bisher gewagt, so mit ihm zu 
sprechen. Nur mühsam brachte er seinen aufsteigenden Zorn 
unter Kontrolle. 

Der Oldtimer, Wes Montgomery, nickte seinem Sohn Frank 

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kurz zu. 

»Vorwärts, mein Junge! Wir haben wirklich keine Zeit zu 

vertrödeln. Natürlich hat der Treckboß recht. Er sollte aber 
einsehen, daß es mit unserem Gespann schlecht bestellt ist. Wir 
können nicht zaubern. Die Ochsen sind am Ende. Niemand von 
uns konnte ahnen, daß wir so lange unterwegs sein würden. 
Nach unserem Zeitplan hätten wir unser Ziel bereits vor zwei 
Wochen erreichen müssen.« 

Coolidge saß zusammengesunken im Sattel, hatte beide 

Hände aufs Sattelhorn gestützt und starrte auf den Conestoga, 
der sich rumpelnd und ächzend in Bewegung setzte. 

Der Treckführer quetschte einen lästerlichen Fluch hervor 

und spuckte aus. Ohne die beiden Montgomerys noch eines 
Blickes zu würdigen, trieb er seinen Rappen an. Staub wallte 
unter den Hufen auf, als er wieder zur Spitze des Wagenzuges 
preschte. 

»Coolidge kann uns nicht leiden«, sagte Frank Montgomery, 

während er die lange Peitsche über den Köpfen des 
Ochsengespannes knallen ließ. »Wir sind immer an allem 
schuld.« 

Wes Montgomery setzte seinen verbeulten Hut ab und fuhr 

sich durch sein ergrautes Haar. 

»Wir dürfen es nicht zu persönlich nehmen, Frank. Coolidge 

steckt bis über die Ohren in Schwierigkeiten. Und immer neuer 
Ärger kommt hinzu. Wir müssen wirklich so schnell wie 
möglich dieses wüstenähnliche Terrain hinter uns bringen. 
Außerdem rechnet er wohl damit, von den Rothäuten 
angegriffen zu werden.« 

Frank blickte sich unwillkürlich um. Sein Gesicht wurde um 

einige Nuancen heller. Angst stahl sich in seine blauen Augen. 

»Damit müssen wir nun mal rechnen«, fuhr sein Vater fort. 

»Es ist immer noch Apachengebiet, durch das wir trauen. Erst 
wenn wir das von uns gekaufte Land erreichen, werden wir 
außer Gefahr sein. Ich wundere mich ohnehin, daß wir noch 

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keine Indianerfeder gesehen haben.« 

Frank Montgomery schluckte. 
»Diese roten Teufel tragen keinen Federschmuck. So 

wenigstens hat es mir ein Scout vor längerer Zeit erklärt. 
Bestimmt beobachten uns die Indsmen schon seit vielen Tagen. 
Wir werden sie erst sehen, wenn sie gesehen werden wollen.« 

»Das ist richtig, Frank. Sie sind Meister im Anschleichen 

und blitzschnellen Zuschlagen. Wir brauchen uns aber nicht zu 
ängstigen. Coolidge hat ein hartes Rudel um sich versammelt. 
Seine Jungs können mit Gewehren und Revolvern so gut 
umgehen, wie eine alte Jungfer mit ihren Stricknadeln. Es sind 
über dreißig hartgesottene Typen, die sogar dem Teufel ein 
Barthaar ausreißen würden. Wir und die anderen Siedler sind 
auch noch da. Die Apachen werden es sich überlegen müssen, 
ob sie uns angreifen.« 

Nach diesen Worten schwiegen die beiden Männer und 

hingen ihren Gedanken nach. Das Ochsengespann trottete 
schwerfällig dahin. Wie auf einer Perlenschnur aufgereiht – 
folgten die fünfzehn anderen Conestoga- und Murphy-Wagen. 

»Coolidge kann mich am allerwenigsten leiden«, sagte Frank 

nach einer Weile. Gleichzeitig zuckte die Peitschenschnur zu 
einem Felsbrocken hinüber, wo sich eine Klapperschlange 
sonnte. Das Reptil stellte die Schwanzspitze mit der Klapper in 
die Höhe und rasselte warnend. Dann glitt es davon und 
verschwand zwischen Felsen und Mesquitebüschen. 

»Wie kommst du nur darauf?« 
Frank Montgomery rieb mit der Bandana sein Gesicht ab, auf 

dem sich Schweiß und Staub zu einer breiigen und schmierigen 
Schicht vermischt hatten. 

»Er hat es auf Cynthia abgesehen, Dad. Hast du das noch 

nicht bemerkt? Bei jeder sich nur bietenden Gelegenheit 
schleicht er wie ein Wolf um das Mädchen herum. Er hat ihr 
schon mehr als einen nicht gerade freundschaftlichen Antrag 
gemacht. Er will sie haben, wie ein Mann nur eine Frau 

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besitzen will.« 

»Unsinn, mein Junge. Cynthia Baker ist deine Verlobte. 

Coolidge weiß das sehr genau. Und du kannst dem Girl 
vertrauen. Der Treckboß würde es nie wagen, ihr Gewalt 
anzutun. Ihre Eltern wachen mit Argusaugen über sie. Schlag 
dir diese Gedanken aus dem Kopf. Außerdem haben wir bald 
unser Ziel erreicht. Ihr werdet heiraten, und ich möchte dann 
später eine Schar von Enkelkindern auf meinen Knien 
wiegen.« 

Wes Montgomery lachte glucksend, während Frank grinste. 

Er griff die Gespannzügel fester und ließ seine Peitsche 
knallen. 

»Vorwärts, ihr alten Tanten!« rief er. »Los, strengt euch ein 

bißchen an, sonst werdet ihr bald in die Mägen von hungrigen 
Rothäuten wandern!« 

Mit der Abenddämmerung legten sich die ersten Schatten 
zwischen Felsen, Büschen und Kakteen. 

Die Sonne verglühte wie eine Orange in einem 

Flammenmeer hinter den Berggipfeln im Westen, ließ das öde 
und unwegsame Land nochmals blutigrot aufleuchten. 

Ein Reiter zügelte seinen unbeschlagenen Mustang und 

richtete sich kerzengerade auf. Unbewegt war das Gesicht des 
Chiricahua-Häuptlings. 

Hinter ihm öffnete sich ein Canyon wie der Rachen eines 

vorsintflutlichen Ungeheuers. Fast senkrecht stiegen die 
Felswände in die Höhe. Klein und unscheinbar wirkte der 
Reiter gegen diesen majestätischen Anblick. 

Cochise legte eine Hand vor die Stirn und nickte dann 

zufrieden. Er sah den Siedlertreck sich nähern, der wohl noch 
ungefähr 500 Yards entfernt war. Der Jefe trieb seinen 
Mustang mit einem Zungenschnalzen an. Willig setzte sich der 

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Pinto in Bewegung. Noch immer saß Cochise kerzengerade auf 
dem Rücken des braun und weiß gescheckten Pferdes. 

Zwei Steinwurfweiten weiter zügelte er es. Nun war der 

Apache überzeugt, von den Bleichgesichtern der fahrenden 
Schlange gesehen zu werden. 

Er sah auch sofort, daß sein Auftauchen Unruhe unter den 

Weißen auslöste. Eine Reitergruppe sammelte sich vor dem 
ersten Conestoga, der angehalten hatte. 

Cochise lächelte verhalten. Er wußte genau, daß schon ein 

einzelner Apache Furcht und Schrecken unter den weißen 
Eindringlingen verbreitete. Natürlich konnten die Weißen nicht 
ahnen, daß er allein gekommen war, um mit ihnen zu 
verhandeln. 

Bestimmt vermuteten sie im Canyon die Hauptstreitmacht 

der Apachen. Dieser Gedanke würde sie noch mehr in Furcht 
und Panik versetzen, denn durch eben diesen Canyon mußte 
der Wagenzug, wollte er nicht einen Umweg von vielen Meilen 
zurücklegen. 

Der Indianer-Chief konnte die Befehle nicht verstehen, die 

beim Treck gegeben wurden. Dazu war die Entfernung noch zu 
groß. Reglos auf seinem Pinto sitzend, beobachtete er, wie die 
Conestogas und Murphys zu einer Wagenburg 
zusammengefahren wurden. Er kannte diese Angewohnheit des 
weißen Mannes, der sich so auf einen Angriff vorbereitete und 
sich hinter die Wagen zurückzog. 

Ein verächtliches Lächeln kräuselte die Lippen des Apachen-

Häuptlings. Diese Wagenburg bot kaum Schutz gegen seine zu 
allem entschlossenen Krieger, wenn sie angriffen. Sie würden 
nicht blindlings anstürmen, sondern erst wenige Yards vor den 
Wagen förmlich aus dem Boden wachsen, die Verteidiger 
einfach überrennen, um sie dann im Zweikampf zu töten. 

Minuten vergingen. 
Cochise glaubte, nun lange genug gewartet zu haben. Er trieb 

seinen Mustang nochmals an, den er nach weiteren 100 Yards 

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zügelte. Dann hob er beide Arme in die Höhe und ließ sie 
kreisen. 

Er hoffte, von den Weißen verstanden zu werden. Nichts 

rührte sich hinter den Wagen. Nur hin und wieder blitzte ein 
Gewehrlauf auf, der von den letzten Strahlen der 
untergehenden Sonne getroffen wurde. 

Der Apache wartete geduldig, schien mit seinem Pferd 

verwachsen zu sein – wie ein Reiterstandbild. 

Und Cochise fragte sich, ob wenigstens einer der 

Hellhäutigen genügend Mut aufbrachte, ihm entgegenzureiten. 

»Indianer!« 

Der Ruf setzte sich von Wagen zu Wagen fort, ließ viele der 

Frauen, Männer und Kinder erschrecken. Hände schraubten 
sich so fest um Gewehre und Revolver, daß die Knöchel weiß 
schimmerten. 

Der Wagentreck geriet ins Stocken. Hank Coolidge fluchte 

und trieb sein Pferd zu den Conestogas hinüber. 

»Fahrt die Wagen zusammen!« donnerte seine 

befehlsgewohnte Stimme. »Los, Leute, jede Minute zählt! Es 
ist zwar nur eine einzelne Rothaut, doch wo eine ist, sind auch 
andere. Haltet eure Waffen bereit!« 

Die einzelnen Kutscher befolgten seine Befehle. Bald waren 

die Wagen im Kreis zusammengefahren. Erleichterung breitete 
sich unter den zukünftigen Siedlern aus. Frauen und Kinder 
versammelten sich in der Mitte der Wagenburg, wohin man 
auch die Ochsengespanne getrieben hatte. 

Die wehrfähigen Männer kauerten hinter Wagenrädern und 

Deichseln oder lagen in den Wagen und hielten ihre Gewehre 
schußbereit. Mancher heisere Fluch schallte durch die 
Abenddämmerung. 

Die dreißig rauhen Burschen, die zur Schutzmannschaft des 

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Trecks gehörten, hatten sich zwischen den Siedlern verteilt. 
Einige von ihnen grinsten, als sie die blassen Gesichter der 
Schollenbrecher sahen, wie die Siedler oft verächtlich genannt 
wurden. 

»Nun mach dir nur nicht die Hosen voll, mein Junge«, sagte 

ein bärtiger Bursche, der lässig seine Winchester in den 
Händen hielt. »Mit den Rothäuten werden wir schnell fertig. 
Und ich glaube auch nicht, daß sie bei Dunkelheit angreifen 
werden. Die fallen höchstens im Morgengrauen über uns her. 
Das ist ihre Stunde.« 

Frank Montgomery nickte. Sein Vater kniete mit 

verbissenem Gesicht neben ihm. Frank blickte in die Mitte der 
Wagenburg und erkannte Cynthia unter den anderen Mädchen 
und Frauen, die sich um die Kinder kümmerten. Ihr 
weizenblondes Haar war nicht zu übersehen. Dann blickte der 
Junge zu Hank Coolidge hinüber, der von einigen Männern 
umringt wurde. 

Der Treckführer glich einem Felsen in einer 

sturmgepeitschten See. Immer wieder gab er Befehle oder 
beruhigte die aufgeregten Siedler, die ihn ängstlich um Rat 
fragten. 

»Hört zu, Leute!« rief Coolidge dann mit schallender 

Stimme. »Es besteht kein Grund zur Aufregung. Fast sieht es 
so aus, als sei der Indianer dort drüben allein. Natürlich kann es 
auch sein, daß wir bereits umzingelt sind. Die Rothaut will mit 
uns verhandeln, denn sonst hätte sie sich nicht so offen 
gezeigt.« 

Hank Coolidge spuckte aus, ehe er fortfuhr: »Ich werde dem 

Apachen mit zweien meiner Leute entgegenreiten. Mir bleibt 
nichts anderes übrig, als herauszufinden, was die Rothaut von 
uns will. Also verhaltet euch ruhig. Ich glaube nicht an einen 
Trick, denn sonst wären die roten Teufel längst über uns 
hergefallen.« 

Bewundernde Blicke trafen Coolidge, der unter den Siedlern 

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 19

nicht besonders beliebt war. Selbst Frank Montgomery mußte 
ihm in diesen Sekunden Anerkennung und Respekt zollen. Er 
selbst hätte für nichts auf dieser Welt die Wagenburg verlassen, 
um einem Indianer entgegenzureiten. Frank betastete 
unwillkürlich seine Haare. 

»Noch sitzt dein Skalp auf dem richtigen Platz, mein Junge«, 

sagte der Bärtige neben ihm und grinste. »Und wir wollen 
hoffen, daß es auch so bleibt.« 

Cochises Körper spannte sich und erinnerte für den Bruchteil 
einer Sekunde an einen sprungbereiten Puma, als er drei Reiter 
sah, die sich von den Conestogas lösten und im Schritt auf ihn 
zukamen. 

Es war schon ein prächtiger Anblick, den er den drei Weißen 

bot, die sich ihm langsam näherten. 

Cochise wirkte wild und hart zugleich, so wie das Land, in 

dem er aufgewachsen war, und das sein Volk seit Urzeiten 
beherrschte. Er blickte den Männern entgegen. 

Wie in Stein gemeißelt wirkten seine Gesichtszüge. Seine 

breite Brust hob und senkte sich fast unmerklich. Die Hände 
ruhten auf dem schlanken Hals seines Pintos. Das Gewehr lag 
über seinen Knien. 

Hank Coolidges Herzschläge beschleunigten sich leicht, als 

er die geballte Kraft des Apachen sah. Trotzdem huschte ein 
verächtliches Lächeln um seinen Mund. Er hob den Lauf seiner 
Winchester an, als er sich dem Indianer bis auf zwei 
Pferdelängen genähert hatte. Seine beiden Begleiter, die 
ebenfalls bis zu den Zähnen bewaffnet waren, blieben einige 
Yards hinter ihm zurück. 

Mißtrauisch musterten sie die Umgebung und glaubten wohl, 

hinter jedem Felsen, hinter jedem Strauch und in jeder 
Bodenmulde hielten sich Apachen verborgen. 

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Cochise ignorierte den auf ihn gerichteten Gewehrlauf. Noch 

immer blickte er die drei Weißen unbewegt an. Längst hatte er 
erkannt, daß der bullig wirkende Typ der Anführer war. 

Die Blicke der beiden so ungleichen Männer tauchten 

ineinander. Hank Coolidge fühlte es plötzlich kalt über seinen 
Rücken laufen, als er in die dunklen Augen des Apachen 
starrte. 

»Was willst du, Rothaut?« 
Alle Verachtung, die er einem Indianer entgegenbringen 

konnte, schwang in diesen Worten mit. 

Cochise antwortete nicht. 
Wieder sah er Coolidge mit einem Blick an, in dem sogar so 

etwas wie Mitleid lag. Dies reizte den Treckführer noch mehr. 
Er lächelte gemein. Dann riß er sein Gewehr entschlossen hoch 
und richtete die dunkle Mündung auf die breite Brust des 
Indianer-Chiefs. 

»Los, antworte, du roter Bastard, sonst schieße ich dich in 

zwei Teile!« 

Der Häuptling zuckte mit keiner Wimper. 
»Du spielst mit deinem Leben und dem deiner beiden 

Freunde. Ehe du auch nur das Feuerrohr abdrücken könntest, 
würdest du einem Igel ähneln, denn so viele Pfeile werden 
dann in deinem Körper stecken.« 

So bluffte Cochise. Seine Worte erzielten auch sofort die 

erwünschte Wirkung. Coolidge senkte das Gewehr und sah 
verstört auf seine beiden Partner, die sich unwillkürlich 
duckten, als drohte wirklich ein Pfeilhagel über sie 
hereinzubrechen. 

»Und nun hört, was ich euch zu sagen habe!« fuhr der Jefe 

mit fester Stimme fort. »Ihr befindet euch im Lande der 
Chiricahua-Apachen. Wir dulden nicht, daß ihr euren Weg 
fortsetzt. Wir bieten euch die große Chance, dorthin 
zurückzukehren, woher ihr gekommen seid. Ihr werdet alle 
sterben, wenn ihr meinem Befehl nicht gehorcht. How, ich 

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habe gesprochen!« 

Coolidge spuckte wütend aus. 
»Hör mit diesem Affengeschwätz auf, Rothaut«, stieß er 

hervor. »Wir setzen unseren Trail fort. Niemand wird uns 
daran hindern können. Auch du nicht, und wenn du noch so 
viele Krieger auf die Beine bringst. Wir werden euch alle in die 
Ewigen Jagdgründe schicken. Laßt lieber eure schmutzigen 
Pfoten von diesem Treck. Mehr habe ich nicht zu sagen. Ist das 
in deinen Hohlschädel hineingegangen?« 

Cochise wußte bereits nach diesen Worten, daß seine 

Mission gescheitert war. 

Coolidge fuhr fort: »Du kannst uns nicht einschüchtern. Ich 

bringe den Wagenzug ans Ziel, ob es dir und deinen roten 
Bastarden paßt oder nicht. Wenn du uns angreifst, wirst du bald 
die Blauröcke auf deinem ungewaschenen Hals haben.« 

Coolidge lachte schallend. Seine beiden Partner grinsten 

säuerlich. Sie fühlten sich offensichtlich nicht wohl in ihrer 
Haut. 

»Du redest wie ein altes Weib, weißer Mann«, entgegnete 

Cochise, der längst merkte, daß ihn keiner als den Anführer der 
Chiricahuas erkannt hatte. »Bis die Soldaten hier sind, seid ihr 
alle schon lange von den Geiern gefressen, und eure Skalps 
baumeln an den Gürteln meiner tapferen Krieger. Du weißt 
ganz genau, daß das hier Apachenland ist. Niemand darf es 
unerlaubt betreten. Du bringst nicht nur dein Leben in tödliche 
Gefahr, sondern auch das von Frauen, Kindern und Greisen. 
Ich habe euren Treck genau beobachtet, ehe ich euch 
entgegengeritten bin. Sie alle müssen sterben, weil du nicht 
nachgeben willst.« Coolidge lächelte spöttisch. 

»Wenn du wirklich über eine solche Kriegsmacht verfügst, 

Rothaut, warum willst du erst verhandeln? Das kapiere ich 
nicht. Du scheinst nur wenige Leute um dich geschart zu 
haben, die gegen uns keine Chancen haben. Und nun versuchst 
du zu bluffen. Darauf falle ich nicht herein, du rothäutiger 

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Heide.« 

Wieder lachte Coolidge scheppernd. 
»Du wirst diese Worte noch bereuen, Bleichgesicht«, 

entgegnete der Jefe gelassen, obwohl es tief in seinem Innern 
brodelte. Er war ein stolzer Krieger, der normalerweise jede 
Beleidigung sofort ahndete. 

Cochise hatte jedoch schon vorher damit gerechnet, 

verspottet und verhöhnt zu werden. Er wollte aber seine 
Mission, auch wenn sie längst gescheitert war, friedlich 
beenden. 

Die Schatten der Nacht krochen aus den Felsspalten und 

Bodenmulden hervor. 

»Verschwinde, Rothaut!« fauchte Hank Coolidge. »Du 

kannst dich freuen, weil ich heute meinen friedlichen Tag habe. 
Und solltest du es wagen, den Treck anzugreifen, dann werdet 
ihr alle zur Hölle fahren – oder zu eurem Manitu.« 

Wieder schüttelte sich Coolidge vor Lachen. 
»Wir werden sehen«, sagte der Häuptling. »Meine Warnung 

und meine Befehle gelten. Zieht nicht weiter, sonst führt euer 
Weg ins Verderben.« 

Cochise wendete sein Pferd und ritt in majestätischer 

Haltung langsam davon. Nach einer Weile nahm ihn die 
Dunkelheit auf. 

Hank Coolidge kratzte sich am Kinn. Das spöttische Lächeln 

verwischte schlagartig. Seine Mundwinkel zuckten. 

Dann wandte er sich seinen beiden Begleitern zu, die ihn mit 

schräggelegten Köpfen ansahen. 

»Mußtest du den Apachen so beleidigen?« fragte Ben 

Kincaid, einer der Treckunterführer. »Ich habe der Rothaut 
angesehen, wie sehr sie sich beherrschte.« 

»Nur so verhandelt man mit diesen Bastarden«, antwortete 

Hank Coolidge. »Diese Burschen müssen merken, daß wir 
keine Angst vor ihnen haben, denn sonst tanzen sie uns schon 
bald auf den Nasenspitzen herum. Dieser Apache ist ein 

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Bluffer. Das sage ich euch, weil ich mich mit diesem roten 
Gesindel gut auskenne. Laßt uns nun zu unseren Leuten 
zurückreiten. Und ich wette jeden Betrag, daß wir im 
Morgengrauen unseren Trail fortsetzen, ohne auch nur einen 
Indianer zu sehen.« 

Coolidges Partner schienen diesen Optimismus nicht zu 

teilen. Sie wollten sich aber nicht mit ihrem Boß anlegen. 

Ben Kincaid sagte: »Du mußt es wissen, Hank, denn du hast 

von uns allen die größte Erfahrung mit den Rothäuten. Okay, 
ich hoffe nur, wir erreichen wenigstens ohne Kratzer die 
Wagenburg.« 

»Ihr habt bestimmt die Hosen voll, Jungs, was?« höhnte 

Coolidge. »Uns wird nichts geschehen. Diese Apachen haben 
einen sehr hohen Ehrenkodex. Dieser Bursche wollte 
verhandeln, mehr nicht. Seine Krieger, falls es sie überhaupt 
gibt, werden uns reiten lassen.« 

Hank Coolidge zog seinen Rappen herum und ritt los. Seine 

beiden Begleiter folgten ihm. Schnell näherten sie sich der 
Wagenburg, über die sich die Schatten der Nacht gesenkt 
hatten. 

Auch Coolidge atmete insgeheim auf, als er sich im Innern 

der kleinen Festung befand. 

Niedergebrannte Feuer erinnerten an glühende Augen in der 
Morgendämmerung. Bodennebel waberte zwischen 
Speerdornbüschen und Mesquitesträuchern, ließ Felsbrocken 
und Kakteen wie mit Rauhreif überzogen erscheinen. 
Tautropfen funkelten wie Diamanten im Licht des beginnenden 
Tages. 

Frank Montgomery wickelte sich aus seiner Decke und kroch 

unter dem Conestoga hervor. Er strich sich mit den gespreizten 
Fingern der rechten Hand durch seine wirr abstehenden Haare, 

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gähnte ausgiebig und sah sich dann müde um. 

»Na, hast du endlich ausgeschlafen, mein Junge?« fragte sein 

Vater und lehnte sein Gewehr an ein Wagenrad. »Bisher hat 
sich nichts Besonderes ereignet. Coolidge sagt aber, daß die 
Apachen in wenigen Minuten angreifen werden, falls sie es 
vorhaben.« 

Der junge Bursche blickte durch die Lücke zwischen zwei 

Wagen und hielt dann seine klammen Hände vor den Mund. Er 
hauchte dagegen, ehe er nach seinem Gewehr griff, das neben 
der Decke lag, und hebelte eine Patrone in den Lauf. 

Überall duckten sich die Männer hinter den Fahrzeugen. Erst 

da wurde Frank sich der fast unheimlichen Stille bewußt, die 
über der Wagenburg lag. Sogar die Natur schien den Atem 
anzuhalten. Nun war sie gekommen, die Stunde zwischen 
Nacht und Tag, der alle mit bangen Herzen entgegengesehen 
hatten. 

Frank Montgomery kniff die Augen zusammen. Ein kalter 

Hauch lief über seinen Rücken und ließ ihn fröstelnd 
zusammenzucken. 

Waren dort draußen nicht huschende Schatten, die sich in 

gespenstischer Lautlosigkeit heranpirschten? 

Sein Vater legte ihm beruhigend eine Hand auf den Arm, als 

Frank sein Gewehr anhob. 

»Keine Panik, mein Sohn. Coolidge und einige seiner Leute 

befinden sich außerhalb der Wagenburg auf Spähtrupp. Der 
Treckführer will nichts dem Zufall überlassen. Er weiß 
bestimmt, was er tut.« 

Frank wischte sich über die Stirn, auf der sich trotz der 

morgendlichen Kühle ein paar Schweißperlen angesammelt 
hatten. Dann blickte er wieder hinaus und sah einige der 
niedergebrannten Feuerstellen, die rings um die Wagenburg 
verteilt waren und die ganze Nacht hindurch das vor den 
Männern liegende Terrain erleuchtet hatten. 

Es wurde langsam heller. Die Konturen nahmen an Schärfe 

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 25

zu. 

Vier schemenhafte Gestalten tauchten plötzlich vor den 

Conestogas auf. Jemand zischelte: »Nicht schießen, ihr 
Heldensöhne, wir sind es!« 

Coolidge, Kincaid und noch zwei Männer, die zur 

Schutzmannschaft gehörten, kletterten über eine Deichsel und 
betraten das Innere der Wagenburg. 

Hank Coolidge nickte zufrieden, als er die vielen fragenden 

Blicke auf sich gerichtet sah. 

»Da draußen rührt sich nichts, Leute«, verkündete er. »Wir 

konnten keinen der roten Kerle entdecken. Wir haben uns 
umsonst eine lange Nacht um die Ohren geschlagen. Los, an 
die Arbeit! Spannt die Ochsen vor die Wagen! In einer Stunde 
fahren wir weiter.« 

Viele der umstehenden Männer senkten ihre Gewehre und 

atmeten auf. Frauen und Kinder eilten zu ihren Wagen. Schon 
bald herrschte ein geschäftiges und lärmendes Treiben. 

Hank Coolidge rief seine Mannschaft zusammen, die ihn 

dann in einer dichten Traube umstanden. Er spuckte aus und 
sagte: »Die Gefahr ist noch nicht vorüber, Jungs. Wir haben 
noch lange nicht gewonnen. Vielleicht spielen die Rothäute nur 
mit uns, wollen uns in Sicherheit wiegen und fallen erst im 
Canyon über uns her.« 

Coolidge sah seine Leute der Reihe nach an und räusperte 

sich. »Kincaid und ich werden auskundschaften, ob die 
Schlucht besetzt ist. Sollten wir in einer Stunde nicht zurück 
sein, dann haben uns die Indianer umgebracht.« 

Der Treckführer lächelte. 
»Unkraut vergeht nicht, Jungs. Daran solltet ihr immer 

denken. Und von den Indsmen lassen wir uns nicht 
unterkriegen.« 

Kincaid führte zwei Pferde heran. Wenige Minuten später 

ritten Coolidge und sein Gefährte auf den Canyon zu, der ihnen 
dunkel entgegengähnte. 

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Sie hielten ihre Gewehre bereit. Natürlich wußten die beiden 

Männer, daß es für sie ein Himmelfahrtskommando war, 
sollten sich wirklich Apachen in der Schlucht verborgen halten. 

Ben Kincaid rutschte nervös im Sattel hin und her. Er seufzte 

tief und blickte Coolidge nicht gerade freundlich von der Seite 
an. 

»Warum muß ich immer mit dir reiten, Hank? Glaubst du 

wirklich, ich wäre der große Held, für den mich nun alle 
halten?« 

»Du bist mein bester Mann, Ben. Dir kann ich vertrauen. 

Außerdem sind wir ein eingespieltes Team und haben schon 
manchen Kampf gemeinsam ausgetragen. Auch mir geht der 
Hintern auf Grundeis, verdammt. Wir haben aber keine andere 
Wahl, als auszukundschaften, ob der Canyon frei ist. So, und 
nun sollten wir die letzten 50 Yards zu Fuß zurücklegen, dann 
bieten wir den roten Teufeln wenigstens kein allzu großes 
Ziel.« 

Noch immer wallten Bodennebel, hingen wie große weiße 

Leichentücher über dem wüstenähnlichen Gelände. Saguaro-
Kakteen glichen Gestalten, die mit erhobenen Händen 
dastanden. 

Vorsichtig näherten sich die beiden Weißen dem Canyon. 

Nichts regte sich im weiten Rund. Das hatte aber nicht viel zu 
besagen. Wenn sich die Apachen wirklich in der Schlucht oder 
irgendwo im Gelände verborgen hielten, dann waren sie nicht 
so leicht auszumachen. 

Kincaids Handflächen wurden feucht. Sein Atem ging 

schneller, je mehr sie sich dem Canyon näherten. 

Hank Coolidge konnte man die Nervosität nicht ansehen. 

Aber auch ihm war es ziemlich mulmig zumute, obwohl er es 
niemals zugegeben hätte. 

Die beiden Männer drangen in den Canyon ein. Ihre Augen 

mußten sich an die dort herrschende Dämmerung gewöhnen. 
Sie hielten hin und wieder inne und legten die Köpfe in die 

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Nacken. Wie Felsdome reckten sich die Steilwände gen 
Himmel, der immer heller wurde. Manchmal kollerte ein 
Steinchen oder rieselte Sand hernieder. 

So legten sie 40 Yards zurück. Nichts geschah. Kein Apache 

war zu sehen, obwohl es genügend Möglichkeiten hinter 
Felsnadeln und Steinblöcken für einen Hinterhalt gab. 

Dann verbreiterte sich die Schlucht immer mehr und öffnete 

sich zu einer großen Ebene. 

Abrupt blieben Coolidge und Kincaid wie auf ein geheimes 

Kommando hin stehen. Sie starrten auf eine indianische 
Kriegslanze, die mitten im Weg steckte. 

»Bis hierher und nicht weiter«, murmelte Coolidge. »Das ist 

die letzte Warnung der Chiricahuas.« 

Kincaid sah sich lauernd nach allen Seiten um. Sonnenlicht 

erhellte plötzlich das vor ihm liegende Terrain. Die Schatten 
schwanden. Nun sah alles nicht mehr so gefährlich aus. Sein 
Körper straffte sich. 

»Der Canyon ist frei, nicht wahr, Hank?« 
»Es sieht wenigstens so aus, Ben. Natürlich können die 

Rothäute noch irgendwo stecken. Vielleicht ist alles auch nur 
wieder ein Trick von diesen Burschen, ein Bluff. Wir  sollen 
glauben, der Canyon wäre frei. Doch wenn wir mit unseren 
Wagen hier durchfahren, fallen sie über uns her. Uns bleibt 
aber keine andere Wahl, als es zu riskieren.« 

Ben Kincaid nickte. Wenige Minuten später kehrten die 

beiden Männer um. Noch immer steckte der Speer im Boden, 
der als letzte Warnung des Apachen-Chiefs gedacht war. 

Cochise sprang von seinem Pinto, nachdem er die Apacheria in 
den Dragoon Mountains erreicht hatte. Man sah dem Jefe nicht 
an, daß ein langer Ritt hinter ihm lag. 

Einer der jungen Krieger brachte das Pferd weg, um es zu 

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versorgen. Stammesälteste und andere Krieger versammelten 
sich um ihren Häuptling. Cochise erkannte auch seinen Sohn 
Naiche, der ihn mit ernsten Blicken musterte und bestimmt mit 
Ungeduld darauf wartete, endlich zu erfahren, ob die Mission 
seines Vaters geglückt war. 

Cochise trat zu dem großen Beratungsfeuer, das bizarre 

Schatten auf die Gesichter seiner Krieger zauberte. Einige 
Squaws waren aus den Wickiups gekommen. 

Cochise setzte sich. 
Eine schon ältere Frau brachte zu essen und zu trinken. Die 

Stammesältesten kauerten sich rund um die lodernden Rammen 
nieder. Von irgendwoher drang der Ruf eines jagenden 
Nachtfalkens. 

Minuten vergingen. 
Der Häuptling schob die Tonschüssel zurück, dann strich 

sein Blick über die Anwesenden und blieb schließlich an 
Naiche hängen. 

»Meine Mission ist gescheitert«, verkündete Cochise. »Ich 

habe mit den Bleichgesichtern verhandelt. Es war genauso, als 
hätte ich versucht, einen Bären mit Steinen von seiner 
geschlagenen Beute zu vertreiben.« 

Eine tiefe Falte grub sich über der Nasenwurzel zur Stirn des 

Apachen-Chiefs mit dem legendären Ruf. 

Er hob beide Hände. Rötlicher Feuerschein ließ sein Gesicht 

fast gespenstisch aufleuchten. Die Männer, durch deren Reihen 
ein Murmeln gegangen war, schwiegen. Alle Augen richteten 
sich auf den Jefe. 

»Wir  müssen nun über Krieg und Frieden entscheiden. 

Niemand kann uns dies abnehmen. Wir  bitten den Großen 
Geist, daß unser Entschluß weise ausfallen möge.« 

Cochise ließ seine Arme sinken. 
Dann berichtete er von seinem Gespräch mit dem weißen 

Treckführer. Wieder erfüllte Unruhe die Krieger, als sie von 
der unnachgiebigen Haltung der Bleichgesichter erfuhren. 

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Es war Naiche, der plötzlich aufsprang, seine zur Faust 

geballte Hand in die Luft stieß und schrie: »Zastee! Tötet!« 

Der Ruf pflanzte sich fort. Bald war die Apacheria von 

gellenden Schreien erfüllt, die zum Kampf gegen den 
Siedlertreck aufforderten. Es war ein höllischer Lärm, der weit 
in die Nacht hinaus hallte. Jedem Bleichgesicht wäre wohl in 
diesen Sekunden das Blut in den Adern geronnen. 

Cochise saß schweigend am Feuer, hielt seinen Kopf gesenkt 

und war ganz in Gedanken versunken. Er verstand die 
Erregung seiner Krieger nur zu gut. Und er dachte daran, daß 
viele von ihnen sterben mußten, wenn er das Kriegsbeil gegen 
die Siedler ausgrub. Natürlich wäre es ihm und seinen Kriegern 
gelungen, die Eindringlinge zu vernichten. Er wußte aber auch 
zu gut, wie schnell neue Einwanderer ihnen folgen würden. 

Unerschöpflich schien die Flut der hellhäutigen Menschen zu 

sein, die sich in das Land der Apachen ergoß. Cochise dachte 
auch an seine Abmachung, die er mit dem einarmigen General 
Howard getroffen hatte. Bisher war das Abkommen von seiner 
Seite aus nicht gebrochen worden, obwohl sich Victorio, der 
Anführer der Mimbrenjos, mit seinen Kriegern ständig 
widersetzte und den Konflikt zwischen den Apachen und den 
Weißen schürte. 

Cochise hob beschwörend beide Hände in die Höhe. Seine 

Stammesbrüder schwiegen. Der stattliche Häuptling mit dem 
markanten Gesicht erhob sich. Die zuckenden Flammen 
zauberten zuckende Lichter auf seine große Gestalt. 

»Laßt uns beraten, meine Brüder. Wir sollten uns nicht zu 

Dingen hinreißen lassen, die wir vielleicht später bereuen. Es 
geht um Leben und Tod, für uns und auch für die 
Bleichgesichter. Bei dem Treck sind viele Frauen und Kinder, 
Greise und Alte. Wenn wir sie töten, dann wird das Blut von 
Unschuldigen vergossen.« 

Ein langanhaltendes Geraune im weiten Rund. 
»Die weißen Eindringlinge schonen auch unsere Kinder, 

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Frauen und Alten nicht«, rief Nahaye anklagend. Jeder der 
Krieger wußte, daß seine gesamte Sippe ausgelöscht worden 
war. »Dieser heilige Kampf duldet keine Schonung«, fuhr 
Gelbe Feder fort. »Wir oder die Bleichgesichter. Nur eine der 
beiden Rassen wird überleben.« 

Zustimmendes Gemurmel klang auf. 
Cochise lächelte grimmig. Sein Herz war mit Bitterkeit 

erfüllt. Zu wahr waren die Worte, die Gelbe Feder 
ausgesprochen hatte. Dem Jefe war jedoch klar, daß die 
Apachen hoffnungslos im Kampf gegen die Helläugigen 
unterlegen waren. 

Natürlich errangen sie große Siege, doch für jeden getöteten 

Weißen drangen hunderte, tausende andere in ihr Land ein. 
Cochise wußte zu genau, wie sehr sein Volk bereits mit dem 
Rücken zur Wand kämpfte. 

Er selbst hoffte noch immer, durch Verhandlungen das 

schreckliche Ende seines Stammes aufhalten oder wenigstens 
hinausschieben zu können. 

Der Häuptling setzte sich wieder. 
»Wir werden beraten. Vielleicht kehren die Bleichgesichter 

auch um und nehmen meine Warnung ernst.« 

Cochise glaubte jedoch nicht an seine Worte. Er war weise 

und weitsichtig und gerade deshalb voller Trauer. 

General Oliver O. Howard saß reglos vor seinem Kartentisch. 
Steile Falten standen auf der Stirn des Offiziers. Sorgenfalten. 
Dann blickte er auf die drei vor ihm stehenden Colonels, die 
ihn fragend ansahen: Richards, White und Walman. Auch ihre 
Mienen wirkten sorgenschwer. 

Colonel Richards strich über seinen Schnurrbart. Sein 

stämmiger Körper richtete sich kerzengerade auf. 

»Das waren die letzten Meldungen, die einer unserer Scouts 

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mitgebracht hat. Es handelt sich um einen Aussiedlertreck, der 
sich mitten im Apachenland befindet. Ich glaube nicht, daß 
sich das die Rothäute unter Cochise gefallen lassen. Es wird 
Krieg geben. Wir hätten den Treck zurückhalten sollen.« 

Colonel White fuhr wie eine zustoßende Klapperschlange zu 

Richards herum. Er war für sein hitziges Temperament 
bekannt. 

»Wir haben keinerlei Handhabe dagegen«, stieß er scharf 

hervor. »Das wissen Sie genauso gut wie ich. Wenn nicht, dann 
sollten Sie die Besiedlungsgesetze von Arizona studieren.« 

»Aber, aber, meine Herren«, sagte der einarmige Howard. 

»Das Problem ist schwerwiegend, doch wir brauchen uns nicht 
zu streiten. Ich könnte auch in die Luft gehen, wenn ich daran 
denke, was nun wieder auf uns zukommt.« 

Colonel Walmans schmales Gesicht blieb unbewegt. 
»Wir haben keine Leute, um den Treck zu schützen. 

Außerdem müßten wir dann gegen Cochises Krieger kämpfen. 
Das aber würde den Vertrag mit dem Apachen-Häuptling 
brechen.« 

»Ich bin nie für diesen Vertrag gewesen«, wandte White 

zornig ein. Unwillkürlich ballten sich seine Hände. 

»Bitte, mäßigen Sie sich, White«, tadelte General Howard. 

»Ich kenne Ihre Einstellung den Indianern gegenüber, die ich 
nicht teile. Und noch habe ich hier das Sagen.« 

»Jawohl, Sir«, preßte der zurechtgewiesene Offizier hervor 

und nahm militärische Haltung an. 

»Stehen Sie bequem«, sagte Howard und winkte ab. »Wir 

müssen uns etwas einfallen lassen, Gentlemen. Cochise hat 
überhaupt keine andere Wahl, als den Treck anzugreifen, will 
er das Gesicht bei seinen Kriegern nicht verlieren. Es wird ein 
blutiges Gemetzel geben, wie schon so oft. Und dann ist der 
Teufel los.« 

Howard erhob sich und bewegte sich dann unruhig durch den 

Raum. Die drei Colonels hüllten sich in Schweigen. Sie wußten 

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zu gut, wie es in Howard brodelte. Ein einziges Wort konnte 
ihn wie eine Dynamitpatrone explodieren lassen. 

Schließlich blieb er vor seinen Untergebenen stehen. 
»Ich erwarte Ihre Vorschläge, wie wir Schlimmes verhindern 

können, meine Herren.« 

Colonel White wischte an seinem Ärmel ein imaginäres 

Staubkörnchen ab. 

»Ich schlage vor, daß wir dem Treck zur Hilfe eilen. Eine 

Schwadron könnte die entscheidende Verstärkung bringen, um 
einen Angriff der Apachen abzuschlagen. Vielleicht gelingt es 
uns sogar, diesen Cochise so zu schwächen, damit er ein für 
allemal Ruhe gibt.« 

General Oliver Otis Howard musterte White, als hätte er ein 

seltenes Insekt vor sich. Dann wandte er sich ab und fixierte 
Colonel Walman. 

»An und für sich bin ich auch für diesen Vorschlag, Sir. Ich 

muß aber zu bedenken geben, daß wir keine Schwadron 
freistellen können, um diesem Siedlertreck zu Hilfe zu eilen. 
Unsere Leute sind…« 

Howard winkte ab. Er wußte selbst, wollte ihm nicht 

schmecken, daß er keinen einzigen seiner Soldaten entbehren 
konnte, die alle mit anderen und wichtigen Aufgaben betraut 
waren. 

»Können Sie mir eine andere Lösung vorschlagen, Colonel 

Walman?« 

»Tut mir leid, Sir, ich…« 
Der einarmige Haudegen trat einen Schritt zur Seite und 

baute sich direkt vor Richards auf. 

»Ihr Vorschlag, Colonel?« 
Richards überlegte kurz, ehe er entschlossen sagte: »Sir, ich 

bin dafür, den Scout John Haggerty um Rat zu fragen.« 

Howard nickte zufrieden. 
»Der Meinung bin ich auch. Bitte veranlassen Sie, daß sich 

Mr. Haggerty umgehend bei mir meldet. Das war's, Gentlemen. 

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Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.« 

Der General setzte sich mit gekrauster Stirn wieder hinter 

seinen Kartentisch, während die drei Offiziere das Zelt 
verließen. 

Wenn uns einer helfen kann, dann Haggerty, dachte Howard 

verbittert. Und wenn es ihm nicht gelingt, diesen Konflikt 
beizulegen, so gnade uns Gott. Dann wird sich meine 
Abmachung mit Cochise in Rauch auflösen. Hunderte von 
Menschen werden sterben müssen – Unschuldige und 
Schuldige, Weiße und Rote. Dieses Land gleicht einem 
Pulverfaß, an dem nur noch der zündende Funke fehlt. Wenn 
dieser Siedlertreck nicht umkehrt, dann wird es zu einem 
Massaker wie nie zuvor kommen. Arizona wird erneut in 
Flammen stehen. Und das ist es, was ich verhindern möchte. 

General Oliver Otis Howard erhob sich, trat zu einem 

anderen Tisch und schenkte sich einen Whisky ein. Er nahm 
einen langen Schluck, doch der Bourbon wollte ihm nicht 
schmecken. 

»Sie wollen mich sprechen, Sir?« 

General Howard hob den Kopf und musterte die vor ihm 

stehende große Gestalt mit den breiten Schultern und der 
schlanken Taille. Braunes gewelltes Haar umsäumte ein 
schmales, bartloses Gesicht, in dem die Augen funkelten. 

Howard lächelte und deutete einladend auf einen Stuhl. Ehe 

sich der Scout setzte, reichte der General ihm die Hand. 

»Schön, Sie zu sehen, Mr. Haggerty. Um es kurz zu machen: 

ich benötige Ihren Rat.« 

John Haggerty staunte nicht schlecht, während er nickte. 

Dann lauschte er aufmerksam dem Bericht des Generals, der 
ihn über den Siedlertreck genauestens informierte. 

»So ist die Lage, Haggerty. Und ich brauche Ihnen nicht zu 

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erklären, wie sehr ich in der Klemme stecke. Ich kann es nicht 
zulassen, daß diese Menschen umgebracht werden, denn dann 
wird man mir vorwerfen, die Eindringlinge nicht gewarnt zu 
haben. Der Treck müßte aber umkehren, sonst wird Cochise 
über ihn herfallen. Sie sehen also, wie die Lage ist. Entweder 
es gelingt uns, die Leute zur Umkehr zu bewegen oder Cochise 
von einem Angriff abzuhalten. Keiner der beiden Seiten wird 
nachgeben wollen.« 

Seine Worte verklangen. Howard lehnte sich zurück. Der 

ehemalige Bürgerkriegsgeneral sah gealtert aus. Er rieb sich 
über die Stirn, als hätte er so seine schweren Sorgen einfach 
wegwischen können. 

Der Chiefscout lächelte verkrampft. »Sie erwarten doch 

hoffentlich keine Lösung dieses Problems von mir, General?« 

Dessen Gesicht zeigte Enttäuschung. Der Scout fuhr schnell 

fort: »Wenn Sie mir den Befehl dazu geben, dann reite ich in 
die Ebene zwischen den Galiuro und Pinaleno Mountains, um 
mit dem Treckführer zu reden. Vielleicht gelingt es mir, ihn 
von seinem selbstmörderischen Vorhaben abzubringen.« 

Der General atmete auf. Sogar ein Lächeln stahl sich um 

seine Mundwinkel. 

»Das wollte ich von Ihnen hören, Haggerty«, sagte er 

erleichtert. »Sprechen Sie mit dem Treckführer. Sagen Sie ihm, 
daß er keinerlei Hilfe von der Armee zu erwarten hat. Machen 
Sie diesem Mann in aller Deutlichkeit klar, was ihm 
bevorsteht. Vielleicht unterschätzt dieser Bursche Cochise und 
seine Krieger. Und noch etwas, Mr. Haggerty. Ich…« 

Es hielt den Offizier nicht mehr auf seinem Stuhl. Er trat 

dicht vor den Scout. Ihre Blicke tauchten ineinander. 

»Sie kennen Cochise gut, sind ihm schon öfter begegnet. Er 

schätzt Sie auf seine Weise. Vielleicht schaffen Sie es, ihn von 
einem Angriff abzuraten. Möglicherweise hört er auf Sie. 
Ehrlich gesagt, sonst weiß ich keinen Rat mehr.« 

Die beschwörende Stimme des Generals verstummte. Er 

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hatte eine Hand auf die Schulter des Scouts gelegt, der an 
seiner Unterlippe nagte. 

John erhob sich, schien angestrengt nachzudenken. Ihm war 

klar, von Howard einen kaum zu lösenden Auftrag erhalten zu 
haben. Dann ging ein Ruck durch den stattlichen Mann. 

»Ich danke Ihnen für das Vertrauen, Sir«, sagte John 

Haggerty. »Ich will alles tun, um ein Blutbad zu verhindern. 
Sie wissen aber ebenso gut wie ich, daß es sehr schwer sein 
wird, dies zu erreichen.« 

»Sicher, Haggerty. Ich lege das Schicksal von einigen 

hundert Menschen in Ihre Hände. Sie sind der richtige Mann 
für diese Aufgabe, Mr. Haggerty.« 

Der Scout nickte Howard zu und stülpte sich den Stetson auf 

seine Haarpracht. 

»Danke für das in mir gesetzte Vertrauen, Sir. Ich hoffe von 

ganzem Herzen, Sie nicht zu enttäuschen.« 

John dachte in diesen Sekunden an seinen Freund und Scout 

Curt Miller, mit dem er viele gemeinsame Abenteuer erlebt 
hatte. Miller war am Marterpfahl der Chiricahuas qualvoll 
gestorben. 

General Howard reichte Haggerty die Hand. »Alles Glück 

dieser lausigen Welt. Kommen Sie wohlbehalten wieder 
zurück.« 

»Danke, Sir. Ich werde sehen, was ich tun kann. Und es wäre 

doch verdammt schade um meinen Skalp, nicht wahr, 
General?« 

Der Scout verließ das Zelt und trat ins Freie. Der glühende 

Hauch eines heißen Tages streifte sein Gesicht. 

Sand knirschte unter seinen Stiefeln, als John sich in 

Bewegung setzte. 

Haggerty wurde von einigen Dragoonern neugierig 

gemustert. Längst hatte sich unter den Soldaten 
herumgesprochen, was dort in den nördlichen Ausläufern der 
Galiuro-Berge geschah. 

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Und keiner der Blauröcke hatte den Wunsch, in die Haut 

Haggertys zu schlüpfen. Alle waren davon überzeugt, daß er 
mit beiden Stiefeln in die Hölle springen mußte, um diesen 
gefährlichen Auftrag auszuführen. 

Längst lag der Canyon hinter dem Treck. Allmählich legten 
sich Angst und Sorgen unter den Siedlern, nachdem sie keinen 
einzigen Indianer zu Gesicht bekommen hatten. 

Vor ihnen breitete sich die weite Ebene zwischen den 

Galiuro und Pinaleno Mountains aus. Die Conestogas und 
Murphys krochen langsam vorwärts. Der Zustand der 
Ochsengespanne wurde immer kritischer. Wasser war so gut 
wie nicht mehr vorhanden, weder für die Menschen noch für 
die Tiere. 

Alle litten darunter. Außerdem lag eine gnadenlose Hitze 

über dem ausgedörrten Land. 

Hank Coolidge befand sich wie immer an der Spitze des 

Wagenzugs. Ihm schienen die Strapazen nichts auszumachen. 
Einige seiner Leute ritten eine Meile voraus, um den Weg zu 
erkunden. Die anderen Männer der Schutzmannschaft hatten 
sich beiderseits der Fahrzeuge verteilt und achteten auf die 
Umgebung. 

Coolidge wurde das Gefühl nicht los, beobachtet zu werden. 

Indianer hielten sich in der Nähe auf, mochten es auch nur 
wenige Späher sein, die den Wagentreck nicht aus den Augen 
ließen. 

Der schwergewichtige Coolidge wußte zu gut, daß sie kaum 

einen Apachen zu Gesicht bekommen würden. 

Hank Coolidge wurde aus seinen Gedanken geschreckt, als 

einer der ausgeschickten Kundschafter herangaloppiert kam. 
Eine große Staubfahne wehte hinter den wirbelnden Hufen her. 

Kincaid parierte seinen Wallach neben dem Boß. 

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»Warum reitest du dein Pferd in Grund und Boden?« grollte 

Coolidges harte Stimme. Er starrte auf das schweißbedeckte 
Tier, dessen Flanken zuckten und das gerade klagend wieherte. 

»Wasser«, stieß Ben Kincaid hervor und spuckte aus, denn er 

fühlte feine Sandkörnchen zwischen seinen nikotingelben 
Zähnen. »In einer Meile Entfernung haben wir den Aravaipa-
Fluß gesichtet, Hank. Nun wird doch noch alles gut werden.« 

Coolidge grinste zufrieden. 
»Na, endlich«, sagte er. »Okay, Ben. Reite mit einigen 

Männern voraus und seht euch genau um. Vielleicht haben uns 
die roten Teufel einen Hinterhalt gelegt. Haltet Augen und 
Ohren offen. Man kann nie wissen, was in den Gehirnen dieser 
Indsmen vorgeht.« 

Kincaid nickte. Man sah ihm die Erleichterung an. 
»Okay, Boß, wir sehen uns um. In zwei oder drei Stunden 

habt auch ihr es geschafft.« 

Er wendete sein Pferd und ritt im Trab davon, obwohl er es 

kaum erwarten konnte, den Fluß zu erreichen, der aber diesen 
Namen zur Zeit zu Unrecht führte. 

Es war nicht mehr als ein dünnes Rinnsal, das sich in dem 

steinigen und sandigen Bett dahinschlängelte. Trotzdem 
genügte es, um den brennenden Durst zu löschen und die 
Wasserfässer zu füllen. 

Kincaid erreichte bald vier Reiter, die ihm aus müden Augen 

entgegenblickten. Er lächelte ihnen zu. 

»Vorwärts, Jungs! Wir reiten zum Aravaipa und sehen uns 

die Gegend an. Coolidge hat Bedenken. Es könnte sein, daß 
uns dort Apachen erwarten. Die Rothäute konnten sich genau 
ausrechnen, wohin wir trailen. Haltet eure Gewehre bereit! Wir 
müssen dem Treck den Weg ebnen, sonst sind wir alle 
verloren.« 

Die vier Männer nickten. Es waren harte und erfahrene 

Kerle, denen schon öfter heißes Blei um die Ohren geflogen 
war. Sie folgten Ben Kincaid. 

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Schon bald wieherten die Pferde und liefen schneller. Sie 

witterten Wasser. 

Nach einer Weile lag das Flußbett vor den Reitern. Sie 

zügelten ihre Pferde und schwärmten in Schützenlinie aus, um 
für etwaige Angreifer kein zu geballtes Ziel zu bieten. 

Ihre Tiere tänzelten nervös. Sie wollten zum Wasser. Die 

fünf Männer mußten hart in die Zügel greifen, um die Pferde 
zu bändigen. 

Sie warfen einen Blick in die Runde. Das Gelände war fast 

flach. Einige Felsbrocken ragten wie abgebrochene 
Zahnstummel aus dem sandigen Boden. Andere lagen herum, 
als hätte sie ein Riese im Spiel verstreut. 

Manzanitas, Mesquite, Kakteen und Speerdornbüsche 

wuchsen verstreut. Die gelben und roten Blüten der 
Ocatillosträucher leuchteten wie Farbtupfer in der tristen 
Einöde. 

»Nichts«, sagte Kincaid. »Ich kann keinen Chiricahua 

entdecken. Ihr vielleicht, Jungs?« 

Seine vier Partner schüttelten die Köpfe. 
Einer von ihnen sagte: »Trotzdem bin ich davon überzeugt, 

daß wir beobachtet werden. Die lassen uns keine Sekunde aus 
den Augen, nachdem wir ihre Befehle und Warnungen in den 
Wind geschlagen haben. Bestimmt sammelt dieser Indianer-
Chief erst seine wilde Horde um sich. Der hat erkannt, wie 
stark wir sind. Er weiß genau, wie sinnlos es ist, uns mit 
wenigen Kriegern anzugreifen.« 

Der bärtige Mann rieb seine Stirn ab, über die große 

Schweißperlen rannen und tiefe Furchen in das verdreckte 
Gesicht gruben. 

»Ich reite zum Wasser hinüber, während ihr weiter das 

Gelände beobachtet. Anschließend folgt mir der nächste von 
euch. Ich nehme dann hier seinen Platz ein.« 

Ben Kincaid gab seinem Pferd die Zügel frei. Der Wallach 

preschte los, als hätte man ihm einen Kaktus unter den Schweif 

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geklemmt. Und schon bald labten sich Pferd und Reiter am 
kostbaren Naß, das sie so lange vermißt hatten. 

Ein neuer Morgen graute. 

Cochise verließ sein Wickiup. Noch brannten die Kochfeuer 

nicht. Der Chiricahua-Chief sah nur einige Wachtposten, die 
den Schlaf ihrer Mitbrüder bewachten. 

Der Häuptling ging auf den Wall zu und setzte sich auf einen 

der vorspringenden Steine. Die Jacales erinnerten an graue 
Elefantenbuckel im Dunst des beginnenden Tages. 

Naiche glitt mit lautlosen Schritten auf seinen Vater zu und 

blieb vor ihm stehen. 

»Du bist schon sehr früh auf«, sagte er. »Lassen dich die 

quälenden Sorgen nicht ruhen?« 

Ein Lächeln umspielte Cochises Lippen. 
»Meine Sorgen sind so zahlreich wie die Büffel, die früher 

die Ebenen bevölkerten. Ich finde kaum noch Schlaf, mein 
Sohn, denn die Entscheidung über Krieg oder Frieden muß 
bald fallen.« 

»Wir vernichten die weißen Eindringlinge. Nicht nur ich 

denke so, sondern auch die meisten Krieger der Chiricahuas. 
Du weißt es. Unsere Brüder sind zum Kampf gerüstet und 
brennen darauf, die Bleichgesichter zu töten und aus dem Land 
unserer Väter zu vertreiben.« 

»Ich habe einen Boten zu Victorio geschickt«, sagte Cochise. 

»Der Anführer der Mimbrenjos wird bald in unserer Apacheria 
eintreffen. Ich will mich mit ihm beraten.« 

Naiches dunkle Augen funkelten. 
»Victorio ist für Krieg, Vater. Er haßt die Bleichgesichter 

wie sonst nichts auf dieser Welt. Wenn es nach ihm gegangen 
wäre, dann hätten wir schon längst alle Weißen aus unserem 
Land vertrieben. Er ist stets gegen den Vertrag mit dem 

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Einarmigen gewesen, dem Jefe der Blauröcke.« 

Der Häuptling nickte. 
Naiches Worte entsprachen den Tatsachen. Victorio hatte 

diesen Vertrag nie gebilligt und immer wieder versucht, Haß 
und Unfrieden zwischen Weiß und Rot zu säen, was ihm auch 
oft genug gelungen war. 

»Der Treck wird von vielen bewaffneten Männern begleitet, 

die kämpfen können und nur zum Schutz für die fahrende 
Schlange angeworben worden sind. Ich habe es gesehen, mein 
Sohn. Auch unsere Späher und Kundschafter haben es immer 
wieder berichtet. Victorio kann sich nicht blind stellen. Ein 
Angriff würde vielen Apachen das Leben kosten. Ich suche 
noch immer nach einer Möglichkeit, dieses Blutbad zu 
verhindern, obwohl die Aussichten sehr gering sind. Die 
weißen Eindringlinge haben inzwischen den Fluß erreicht und 
ein Camp errichtet. Sie werden dort einige Tage bleiben, damit 
sich ihre Gespanntiere und die Pferde erholen.« 

Naiche nickte mehrmals. 
»Du glaubst also, wir haben noch genügend Zeit, um unsere 

Krieger heranzuführen?« 

»So ist es, mein Sohn. Natürlich wäre die Stelle dort am Fluß 

nicht gut für einen Angriff. Ich will erst mit Victorio palavern 
und dann eine Entscheidung fällen.« 

»Zastee!« rief Naiche grimmig. »Tod den weißen 

Eindringlingen!« 

Er schwang seine geballten Hände über dem Kopf und stieß 

sie dann in die Richtung, in der die Ebene zwischen den 
Galiuro und den Pinaleno Mountains lag. 

»Noch 'nen Whisky, Keeper!« Der ungefähr 
Dreiundzwanzigjährige schob dem kleingeratenen Burschen 
hinter dem Tresen sein leeres Whiskyglas zu. 

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»Los, laß noch mal die Luft raus!« 
Dann sah sich der große Mann mit dem schmalen Gesicht im 

Bird Cage Saloon von Tombstone um. Er war der einzige Gast, 
obwohl es draußen bereits dunkelte. 

Mißmutig fuhr sich Wyatt Earp über seinen Dragoner-

Schnurrbart und rückte seinen Revolvergürtel zurecht. Tief 
baumelte ein Colt am Oberschenkel, offenbar nicht nur als 
Zierde. 

Wyatt Earp war ein As mit dem Colt. Schon mancher Gegner 

hatte das erst erkannt, als es für ihn bereits zu spät gewesen 
war. Selbst Earp konnte zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen, 
daß er viele Jahre später einer der berühmtesten und 
legendärsten Revolvermänner des Westens werden sollte. 

Wyatt Earp wandte sich wieder dem Keeper zu, der zwei 

Schritte seitlich hinter dem Tresen stand und ein gespültes 
Whiskyglas polierte. 

Earps Gesicht färbte sich dunkel, als er auf sein Glas blickte, 

das er bereits an die Lippen gehoben hatte. Kein Tropfen 
funkelnden Whiskys befand sich darin. 

»Bist du schwerhörig, du abgebrochener Zwerg?« stieß er 

wütend hervor. »Gib mir ganz schnell einen Drink, sonst ziehe 
ich dich über die Theke und…« 

Wyatt stellte das leere Glas klirrend auf die blankpolierte 

Theke. Sein Gesichtsausdruck drückte Verblüffung aus, als er 
in die Doppelläufe einer Schrotflinte starrte, die der kleine 
Keeper unter dem Tresen hervorgezaubert hatte. 

»Hör mir gut zu, Earp«, krächzte Ted Silver. »Du bekommst 

von mir erst wieder einen Tropfen, wenn du auch die 
entsprechenden Bucks danebenlegst. Außerdem schuldest du 
mir bereits zwanzig Dollar. Schon seit Tagen versprichst du 
mir, das ins reine zu bringen. Nun ist Schluß. Geld gegen 
Ware, so wie es üblich ist. Hast du das kapiert? Und wenn du 
pampig wirst, dann drücke ich ab. Kapiert?« 

Wyatt Earp stand leicht breitbeinig da. Seine Rechte 

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schwebte wie die gekrümmte Klaue eines Raubvogels über 
dem Griff seines Revolvers. Sein Kinn schob sich leicht nach 
vorn. 

»Na, wie willst du es haben?« fragte der Keeper furchtlos. 

»Von dir lasse ich mir nicht länger auf der Nase herumtanzen. 
Und deine Schnorrerei hört bei mir ein für allemal auf.« 

Earps Körper entspannte sich. Er nahm seine Hand vom 

Revolvergriff. In seinen Augen lag ein erstaunter Ausdruck. 

Er schüttelte den Kopf, schien das alles nicht zu begreifen. 

Dann lachte er schallend, als wäre das der beste Witz seines 
Lebens. Earp schlug sich dabei klatschend auf die 
Oberschenkel. »Da hast du es mir aber gezeigt, Ben. Okay, 
mein Freund. Noch einen Whisky, dann will ich alles 
vergessen. Meine Schulden begleiche ich in den nächsten 
Tagen. Du weißt genau, wie sehr mich das Pech am Spieltisch 
verfolgt hat. Außerdem ist in deiner Bruchbude überhaupt 
nichts mehr los.« 

Ben Silvers spitznasiges Gesicht wurde vom flackernden 

Schein einer Kerosinlampe beleuchtet. Er winkte ab. 

»Das ist mein letztes Wort gewesen, Earp. Los, verschwinde 

und laß dich hier erst wieder blicken, wenn du deine Schulden 
bezahlt hast! Ich habe mich umgehört. Auch in den anderen 
Saloons und Kneipen stehst du in der Kreide. Vielleicht solltest 
du es mal mit richtiger Arbeit versuchen, anstatt den ganzen 
Tag in den Saloons herumzulungern und auf Fremde zu warten, 
die du dann im Spiel ausnehmen willst. Das ist doch ein 
prächtiger Vorschlag, Earp, oder?« 

Wyatt preßte die Lippen zusammen. Sein Lachen war ihm 

längst in der Kehle steckengeblieben. 

»Nimm den Schießprügel weg, zum Henker!« fauchte er 

dann. »Wenn das Ding versehentlich losgeht, dann bin nicht 
nur ich, sondern auch dein ganzer schöner Saloon im Eimer.« 

Ben Silver nickte und senkte das Schrotgewehr. 
»Okay, Earp. Jetzt solltest du Leine ziehen. Wenn du deine 

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Schulden beglichen hast, wirst du mir wieder ein 
willkommener Gast sein. Und nun raus mit dir!« 

Wyatt Earp, der selten in seinem jungen und ereignisreichen 

Leben eine derartige Niederlage einstecken mußte, nickte 
Silver kurz zu. 

»Ich komme wieder, mein Bester«, stieß er kehlig hervor. 

»Darauf kannst du dich verlassen.« 

Dann stiefelte er wutentbrannt davon. Wild schwangen die 

Pendeltüren, nachdem er den Saloon verlassen hatte. 

Ben Silver verstaute die Flinte unterm Tresen, sog keuchend 

die Luft in die Lungen und wischte sich dann einige 
Schweißperlen von der Stirn. Dann schenkte er sich mit 
zittrigen Fingern einen Drink ein. 

Erst in diesem Moment verspürte der kleine Mann eine heiße 

Angst in sich aufsteigen, die er vorher unterdrückt hatte. 

Er schüttete den Whisky in seine Kehle, verschluckte sich 

prompt und schnappte dann nach Luft wie ein Fisch auf dem 
Trockenen. 

»Du verträgst wohl dein eigenes Gesöff nicht mehr, Ben?« 

fragte kurz darauf ein neuer Gast, als er zum Tresen trat und 
einen schnaufenden und hustenden Keeper vorfand. 

Es schien, als hätten sich sämtliche Salooner von Tombstone 
abgesprochen, Earp jeglichen Kredit zu verweigern. Überall 
blitzte der hochgewachsene Mann ab. 

Das trug natürlich nicht dazu bei, seine schlechte Laune zu 

verbessern. Sosehr er auch in seinen Taschen suchte, er fand 
nicht einen einzigen Nickel. 

Fluchend blieb Wyatt Earp unter dem Vordach des 

Mietstalles stehen. Die Town lag im fahlen Mondlicht. Fern 
und klar funkelten die Sterne und erinnerten an Diamanten auf 
schwarzem Samt. 

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Auf der Main Street herrschte reger Betrieb. Reiter zogen 

Staubschleier hinter sich her, die wie Goldpuder funkelten, 
wenn Lichtschein aus Fenstern oder Türen darauffiel. 

Wyatt Earp hatte Kohldampf und Whiskydurst. Außerdem 

fragte er sich, wo er die Nacht verbringen sollte. Er hatte keine 
Lust, im Livery Stable zu übernachten. 

Plötzlich mußte Wyatt grinsen. Seine schlechte Laune 

schwand von einer Sekunde zur anderen. Er pfiff sogar leise 
vor sich hin, als er sich in Bewegung setzte. 

Marylin, dachte er. Sie könnte meine Rettung sein. Wenn ich 

daran denke, wie sie mir gestern zugezwinkert hat, dann müßte 
sie mir eigentlich helfen. 

Wyatt Earp beschleunigte seine Schritte und näherte sich 

einem einstöckigen Haus am Ende der Straße. Licht, das 
Wärme und Geborgenheit versprach, fiel aus einem der 
Fenster. 

Der Revolvermann leckte sich über die Lippen. 
Hay, ging es ihm durch den Kopf, das ist was für meines 

Vaters Sohn. Wyatt grinste wieder. Das Girl ist ganz große 
Klasse. 

Er dachte an Marylin Moore, sah ihr weizenblondes, bis auf 

die Schultern fallendes Haar vor sich. Auch sonst saß alles an 
den richtigen Stellen, um das Herz eines Mannes schneller 
schlagen zu lassen. 

Earp blieb stehen. Ein leichter Wind, der von den Mule Paß 

Mountains wehte, brachte den Duft von Erde und Gras nach 
Tombstone. 

Der Revolvermann schob seinen Stetson in den Nacken. Ein 

verwegenes Lächeln legte sich um seine Mundwinkel. Er trat 
zur Tür und klopfte dagegen. 

Zuerst rührte sich nichts. Nach nochmaligem Pochen 

näherten sich Schritte. 

»Wer ist da?« vernahm Earp die rauchige Stimme von 

Marylin Moore, die ihm durch und durch ging. 

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»Ich bin es, Ma'am, Wyatt Earp.« 
Die Tür öffnete sich knarrend. Er schloß geblendet die 

Augen. Eine zarte Hand griff nach seinem Arm. 

»Komm rein, Wyatt«, sagte Marylin. Sie ging vor, während 

Earp ihr folgte. 

Dann standen sie sich in einem gemütlich eingerichteten 

Zimmer gegenüber. 

Die junge Frau, die in Wyatt Earps Alter sein mußte, bot 

wirklich einen reizenden Anblick. Sie trug ein eng anliegendes 
Kleid, das ihre Formen betonte. Die obersten Knöpfe waren 
geöffnet. 

Earp schluckte, als er die Ansätze ihres festen Busens sah. 

Ein verführerisches Lächeln umspielte ihren vollippigen Mund. 
Sie strich sich eine Strähne des blonden Haares aus der Stirn. 

»Schön, dich zu sehen, Wyatt«, hauchte Marylin. »Auf dich 

habe ich schon lange gewartet und fast alle Hoffnungen 
aufgegeben. Du bist ein Mann, so ganz nach meinem 
Geschmack.« 

Wyatt Earp schluckte erneut. Derartige Worte hatte er in 

seinen kühnsten Träumen nicht zu erhoffen gewagt. Nun 
brauchte er nicht wie eine Katze um den heißen Brei 
herumzustreichen und konnte gleich aufs Ganze gehen. 

Das tat er auch. Er trat auf Marylin zu und nahm sie in seine 

starken Arme. Ihre Lippen fanden sich zu einem langen Kuß. 
Er fühlte die Wärme ihres sinnlichen Körpers, der sich fest 
gegen den seinen preßte. 

Dann löste sich das Girl von ihm und rang nach Atem. Wyatt 

wollte erneut nach ihr greifen, doch sie schob ihn lächelnd 
zurück. 

»Nicht so stürmisch, mein Guter. Wir haben doch Zeit, oder? 

Wie lange willst du bleiben?« 

»So lange du willst, Kleines.« 
Marylin Moore nickte zufrieden und schenkte dann zwei 

Gläser mit goldgelb funkelndem Kentucky Whisky ein. 

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Nachdem sie sich zugeprostet hatten, deutete sie auf einen 
Sessel. 

»Mach es dir bequem, Darling. Ich ziehe mir rasch etwas 

anderes an. Gedulde dich ein paar Minuten. Ich bin gleich 
wieder zurück.« 

Marylin verschwand durch eine Tür ins angrenzende 

Zimmer. Wyatt Earp konnte gerade noch einen Blick auf ein 
großes Doppelbett erhaschen, ehe sich die Tür schloß. 

Heiliger Rauch, dachte er, was es nicht alles gibt! Das wird 

mir wohl niemand glauben, wenn ich diese Geschichte 
irgendwann einmal erzähle. Na ja, der eine hat's, der andere 
eben nicht. Ich bin ein richtiger Glückspilz. 

Earp schenkte sich noch ein Glas voll und schlürfte 

genußvoll daran. 

Die Tür öffnete sich. Marylin kam ins Zimmer. Sie trug ein 

fast durchsichtiges Etwas, das mehr von ihrem formvollendeten 
Körper zeigte als es verbarg. 

Wyatt Earp mußte schon wieder schlucken. Er setzte das 

Glas ab und wollte sich erheben. 

»Bleib nur sitzen, Darling«, raunte ihre rauchige Stimme, in 

der all die süßen Versprechen lagen, die eine Frau einem Mann 
nur geben kann. 

Sie drehte sich tänzelnd im Kreis. Wyatt war ganz fasziniert. 

Sein Herz schlug schneller. 

Marylin blieb vor ihm stehen. 
»Ehe wir aber zur Sache kommen, möchte ich dich bitten, 

deinen Obolus zu entrichten.« 

»Was?« fragte der Revolvermann, ohne einen Blick vom 

wogenden Busen der jungen Frau zu nehmen. 

Marylins Lider verengten sich leicht. Ihre Stimme klang um 

einige Nuancen kälter, als sie fragte: »Was zahlst du, damit ich 
die Nacht mit dir verbringe?« 

Dabei rieb sie den Zeigefinger gegen den Daumen – 

eindeutig. 

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Wyatt Earp sprang auf, als hätte er auf einer Klapperschlange 

gesessen. Seine Augen wurden groß und größer, während sich 
sein Mund leicht öffnete. 

Der schnelle und so gefürchtete Revolvermann bot einen 

grotesken Anblick, war sich dessen aber überhaupt nicht 
bewußt. Er staunte die Lady an, die überhaupt keine Lady war. 

»Was?« wiederholte er. 
Nun schien Marylin Moore endlich zu kapieren, daß Earp 

nicht die geringste Ahnung hatte, mit welchem Gewerbe sie ihr 
Geld verdiente. 

»Hör zu, mein Bester«, sagte sie kalt. »Auf dieser lausigen 

Welt gibt es nichts geschenkt. Du müßtest es bereits wissen, 
denn du bist alt genug dazu. Rück schon zwanzig Bucks raus, 
und ich verspreche dir, du wirst es nicht bereuen.« 

Nun verstand Earp endlich. Eine eiskalte Dusche hätte nicht 

schlimmer sein können. Er schüttelte den Kopf. 

»Ich bin pleite«, sagte er. »Ich hatte keine Ahnung, daß 

du…« 

Sie unterbrach den vor ihr stehenden Mann mit einer 

schnellen Handbewegung. Zorn schwang in ihrer Stimme mit, 
als sie zischelte: »Das habe ich gern, Earp. Erst schleichst du 
dich hier herein, küßt mich, trinkst meinen Whisky, begaffst 
mich und willst nun keinen Cent rausrücken. So geht das 
nicht.« 

Wyatt griff seinen Stetson von der Sessellehne und näherte 

sich der Zimmertür. 

»Johnny, Fred!« rief Marylin. 
Eine Tür wurde aufgerissen. Zwei muskulöse Burschen 

stürmten ins Zimmer. Sie hielten Revolver in den Fäusten, 
lächelten grimmig und starrten Wyatt Earp drohend an. 

»Er will nicht zahlen, Jungs«, kreischte Marylin. »Angeblich 

ist er pleite. Das glaube ich nicht, denn er hat erst vor einigen 
Tagen tüchtig beim Pokern abgesahnt. Los, seht nach, was er in 
den Taschen hat.« 

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Die beiden Männer nickten. Noch immer waren ihre 

Revolver auf Wyatt Earp gerichtet, der plötzlich ahnte, daß er 
in eine Falle geraten war. Diese beiden Kerle und das Girl 
hatten es nur auf sein Geld abgesehen. 

»Nur ruhig Blut, Boys«, sagte Earp gelassen. Sein Körper 

spannte sich wie zum Sprung. Der Hauch des Todes breitete 
sich aus. 

Die beiden Männer grinsten böse. Einer knurrte: »Wenn du 

uns Schwierigkeiten machst, dann legen wir dich um.« 

Wyatt Earp duckte sich. Längst lag seine Rechte auf dem 

Griff seines Revolvers. Er war nun mal ein Mensch, der sich 
nicht ungestraft einen Hosenknopf wegnehmen ließ. 

So reagierte er mit der Wildheit eines Pumas, der sich in die 

Enge getrieben fühlt und nur noch eine Chance im 
bedingungslosen Kampf sah. Er tat dies, obwohl zwei Revolver 
auf ihn gerichtet waren. 

Earp hechtete zur Seite, zog im Fallen seinen Colt und schoß, 

noch ehe er am Boden aufprallte. 

Seine beiden Gegner waren geschockt. Mit einer solchen 

Wende hatten sie nicht gerechnet. 

Einer der Burschen wurde im rechten Arm getroffen und 

taumelte zur Seite. Der andere von Marylins Freunden feuerte 
zwar, doch seine Kugel bohrte sich in die Dielen. 

Wyatt Earp brachte das Kunststück fertig, dem Halunken den 

Colt aus der Hand zu schießen. Sein Gegner schrie auf, 
klemmte sich die geprellte Rechte unter die Achselhöhle und 
starrte aus geweiteten Augen in die dunkle Mündung von 
Wyatts Revolver, aus dem feiner Pulverrauch kräuselte. 
Marylin Moore hatte beide Hände vor den Mund gepreßt. 
Angst und Entsetzen prägten ihr Gesicht und entstellten es zu 
einer Grimasse. 

Earp erhob sich und ging dann rückwärts zur Tür, den Colt 

im Anschlag. 

Marylin nahm die Hände vom Mund. Haßerfüllt blickte sie 

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den Revolvermann an. 

»Das wirst du büßen, Wyatt«, stieß sie hervor. »Die beiden 

Jungs haben viele Freunde in Tombstone und ich natürlich 
auch. Alle werden dich hetzen und jagen. Wir holen uns deinen 
Skalp, du schießwütiger Hundesohn.« 

Wyatt Earp lächelte grimmig. 
»Die Gentlemen können froh sein, daß ich sie geschont habe. 

Wenn mir die Kerle noch einmal unter die Augen treten, dann 
wird's rauher.« 

Der Revolvermann drehte sich auf den Absätzen um und 

verließ den Raum. Er rammte seinen Colt ins Halfter und stand 
wenige Sekunden später vor dem Haus. 

Seine Erregung legte sich. Er fühlte sich verschaukelt, 

hereingelegt. Langsam ging er zum Mietstall und überlegte, ob 
die kleine Puta ihre Drohung wahrmachen mochte. 

Egal, dachte Earp. Hier in Tombstone kriege ich sowieso im 

Moment kein Bein mehr auf die Erde. Mir bleibt wohl nichts 
anderes übrig, als mir mein Pferd zwischen die Schenkel zu 
klemmen und die Stadt zu verlassen. 

Der Revolverkämpfer und Spieler blieb abrupt stehen. Tiefe 

Falten gruben sich in seine Stirn. Er dachte an den Siedlertreck 
nördlich der Galiuro Mountains, der hier in Tombstone 
Tagesgespräch gewesen war. 

Ich sollte zu den Schollenbrechern reiten, um bei denen mein 

Glück zu versuchen. Mir wird schon etwas einfallen, dachte 
Wyatt Earp. Die Männer sind bestimmt einem Spielchen nicht 
abgeneigt, damit sie mal auf andere Gedanken kommen. 
Außerdem könnte ich den Siedlern meinen schnellen Colt 
anbieten. Die haben garantiert längst die Hosen voll, wenn sie 
an die Apachen denken. 

Wyatt Earp holte sein Pferd aus dem Mietstall und war froh, 

den Stallburschen nirgends entdecken zu können. 

»Die paar Bucks für die Einstellung meines Pferdes zahle 

ich, wenn ich wieder einmal in Tombstone bin«, murmelte er 

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vor sich hin. 

Einige Minuten später verließ Wyatt Earp die wilde Stadt im 

tiefen Süden Arizonas und ritt in die Nacht hinaus. Sein Ziel 
war der Wagentreck. 

Den Revolvermann interessierten zu jener Zeit weder die 

Apachen noch die Probleme der Siedler. Er hoffte auf ein paar 
schnelle Dollars, um endlich wieder so leben zu können, wie er 
sich das vorstellte. 

Einige Pferdelängen vom Aravaipa River entfernt hatte Hank 
Coolidge die Conestogas und Murphys zu einer Wagenburg 
zusammenfahren lassen. Längst waren die Ochsengespanne 
und Pferde getränkt. Die Wasserfässer quollen fast über. 

Die Stimmung der Siedler und auch der Begleitmannschaft 

hatte sich schlagartig gebessert. Nun sah alles wieder rosiger 
aus. Indianer waren zudem nirgends gesichtet worden. 

Inmitten der Wagenburg flackerte ein großes Feuer. Der Duft 

von gebratenem Fleisch ließ allen das Wasser im Mund 
zusammenlaufen. Natürlich hatte Coolidge nicht vergessen, 
Wachtposten aufzustellen, die ihre Aufgabe sehr ernst nahmen. 

Die Dämmerung legte sich über das Land. Die ersten Sterne 

stahlen sich hervor. Es wurde merklich kühler. 

Hank Coolidge sah sich zufrieden um. Alles war nach seinen 

Wünschen geregelt. Es hätte nicht besser laufen können. Für 
einen Moment dachte er an die Chiricahuas. 

Natürlich wußte Coolidge genau, daß dieses Problem noch 

lange nicht aus der Welt geschafft war. 

Die Apachen werden sich zur Wehr setzen. Dies ist nur die 

Ruhe vor dem Sturm. 

Der Treckführer warf einen Blick in die Runde. Für einen 

Herzschlag lang fixierte er den jungen Frank Montgomery, der 
vor einem der Conestogas stand und sich mit seinem Vater 

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unterhielt. 

Wie ein Dieb schlich Coolidge davon, kletterte über eine 

Deichsel und lief geduckt zum Fluß hinüber. 

Es war dunkler geworden. Das dünne Rinnsal des Aravaipa 

schimmerte wie ein silbernes Band. Unter einem Cottonwood 
blieb Coolidge stehen, um sich zu orientieren. 

Ein paar Mesquitebüsche, dicht am Flußufer, wiegten sich im 

leichten Wind. Grillen zirpten. Von irgendwoher erklang das 
langgezogene Heulen eines Wolfes. 

Hanks Nackenhaare schienen sich zu sträuben. Unwillkürlich 

dachte er an die Apachen und fragte sich, ob es wirklich ein 
Lobo gewesen war oder ein Indianer, der einem anderen damit 
ein vereinbartes Zeichen geben wollte. 

Coolidge wischte diese Gedanken beiseite und bewegte sich 

auf das Flußufer zu. Steine knirschten unter seinen Stiefeln. 
Nach einer Weile blieb Coolidge wie erstarrt stehen und 
lauschte. 

Er schlich weiter, kauerte sich hinter einem Strauch nieder 

und blickte dann auf Cynthia Baker, Frank Montgomerys 
Verlobte, die im Wasser stand, und zwar so, wie Gott sie 
erschaffen hatte. 

Das seichte Wasser reichte nur bis zu ihren Knöcheln. Das 

Mädchen wusch sich völlig unbefangen, denn es glaubte, allein 
zu sein. Cynthia konnte nicht ahnen, daß gierig funkelnde 
Augen auf sie gerichtet waren. 

Sie bot wirklich einen erfreulichen Anblick, obwohl ihr 

nackter Körper fast mit der Dunkelheit verschwamm. Bald 
watete sie aus dem Wasser, um sich wieder anzukleiden. 

Sie streifte sich die Bluse über und schlüpfte in ihre Jeans, 

die sich an den schlanken Körper wie eine zweite Haut 
anschmiegten. Hank Coolidge lauerte noch immer, beugte sich 
nun ein wenig nach vorn, um sich nur keine Einzelheit 
entgehen zu lassen. Sein linker Fuß rutschte plötzlich weg, 
denn ein Steinbrocken hatte nachgegeben. 

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Der Treckführer verlor das Gleichgewicht, kippte vornüber 

und brach durch das Gebüsch wie ein angeschossener Lobo auf 
der Flucht. Er purzelte vor Cynthias Füße, die im ersten 
Moment wie erstarrt verharrte, und dann ängstlich und entsetzt 
aufschrie. 

Erst nach einigen Schrecksekunden erkannte sie Coolidge. 

Sie hatte wohl im ersten Moment an einen Apachen geglaubt, 
der sie überfallen wollte. 

Coolidge rappelte sich wütend fluchend auf die Beine. 

Cynthia Baker wich zurück, noch immer verängstigt. Ein paar 
Wassertropfen im Gesicht glitzerten hell im Mondlicht. 

»Schrei nur nicht wieder, Kleines«, sagte Coolidge mit 

Reibeisenstimme. »Ich bin es nur. Tut mir leid, wenn ich dich 
erschreckt habe. Ich bin nur auf einem Rundgang und mußte 
nachsehen, wer sich hier aufhält. Es hätte ja auch ein Indsman 
sein können.« 

Seine Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. Cynthia wich 

einen weiteren Schritt zurück. 

»Sie haben mich beobachtet«, sagte sie. »Warum lassen Sie 

mich nicht in Ruhe, Mr. Coolidge? Warum wollen Sie nicht 
einsehen, daß ich längst in festen Händen bin? Wir haben weiß 
Gott genügend Sorgen und Probleme. Wenn mein Verlobter 
von diesem Zwischenfall erfährt, dann wird er sehr wütend 
sein. Auch den anderen Siedlern dürfte es nicht gefallen, wenn 
Sie ein Mädchen belästigen. Bitte gehen Sie jetzt, denn es wird 
nicht mehr lange dauern, dann holt mich Frank hier ab.« 

Hank Coolidge murmelte einige Worte, die undeutlich 

klangen und von Cynthia nicht verstanden wurden. Dann hob 
der Treckführer seinen verbeulten Hut vom Boden auf und 
stülpte ihn sich wütend auf den Schädel. 

»Stell dich nur nicht so an«, sagte er zornig. »Du gefällst mir 

eben. Bestimmt bin ich nicht der einzige Mann, dem du schon 
den Kopf verdreht hast. Diesen Montgomery kannst du noch 
ein ganzes Leben lang glücklich machen. Ich will doch nur ein 

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wenig Spaß mit dir haben. Und du würdest auch auf deine 
Kosten…« 

Cynthia fauchte nun wie eine Tigerkatze. Diesen 

Temperamentsausbruch hätte Coolidge ihr sicher nicht 
zugetraut. Sie kam urplötzlich heran, dann klatschte auch schon 
ihre Hand auf die stoppelbärtige Wange des Treckführers. 

Coolidge taumelte zurück, machte ein reichlich dämliches 

Gesicht und mußte erst mal verdauen. 

Wer weiß, wie es weitergegangen wäre, wenn sich nicht 

schnelle Schritte genähert hätten. Frank Montgomerys 
schlanker Körper schob sich zwischen den Büschen hindurch. 

Hank Coolidge warf dem Mädchen noch einen drohenden 

Blick zu, wandte sich ab und stampfte davon. Im Vorbeigehen 
sagte er zu Frank Montgomery: »Du solltest besser auf Cynthia 
achten. Es geht nicht, daß sie sich hier allein in der Dunkelheit 
herumtreibt. Sie könnte leicht von einem indianischen Späher 
überrascht werden.« 

Bald darauf war der schwergewichtige Mann nicht mehr zu 

sehen. Er war in die Dunkelheit getaucht. 

Frank trat zu Cynthia, die sich erleichtert in seine Arme warf. 

Tränen netzten seine Wange. Er löste sich von ihr, griff seiner 
Verlobten unters Kinn und hob ihren Kopf leicht an. 

»Was wollte dieser Dreckskerl?« 
»Er beobachtete mich beim Baden, Frank. Ich war aber 

schon wieder angezogen, als er mir wie ein reifer Apfel vor die 
Füße fiel. Vergiß es, denn sonst gibt es nur noch mehr Ärger. 
Ich habe Coolidge schon eine runtergehauen. Zukünftig wird er 
mich wohl in Ruhe lassen, Frank.« 

Der junge Mann nagte an seiner Unterlippe. Seine Hand 

tastete zum Hosenbund, in dem ein Revolver steckte. Sein 
Gesicht glich einer düsteren Maske. 

»Ich bringe den Kerl um!« stieß Montgomery wütend hervor. 
Cynthia legte eine Hand auf seinen Arm und wischte sich mit 

der anderen die Tränen weg. 

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»Laß es bleiben, Frank. Wir haben genügend Sorgen. Und 

ohne Coolidge sind wir in dieser Wildnis verloren. Er wird sich 
bestimmt zusammenreißen und mich in Ruhe lassen.« 

»Irgendwann rechne ich mit diesem Bastard ab. Komm, 

Darling, wir gehen ins Lager zurück. Hier ist wirklich nicht der 
richtige Ort für dich. In dieser Beziehung muß ich Coolidge 
zustimmen. Wie leicht hätte ein Indianer über dich herfallen 
können.« 

Frank Montgomery griff nach Cynthias Hand. Gemeinsam 

gingen sie auf die Wagenburg zu. Ringsum flammten die ersten 
Feuer auf, die die Umgebung gespenstisch erleuchteten. 

Coolidge hoffte, daß sich die Chiricahuas nicht unbemerkt 

nähern könnten. 

Ein kleines Feuer flackerte abseits neben den Wickiups in der 
Apacheria. Zwei Männer saßen sich gegenüber. Die zuckenden 
Flammen spiegelten sich in ihren dunklen Augen. Starr wirkten 
ihre Gesichter. 

Cochise, der Anführer der Chiricahuas und Victorio, der Jefe 

der Mimbrenjo-Apachen. 

Cochise ergriff das Wort. 
»Ich höre, Victorio. Laß mich wissen, wie du über die 

weißen Eindringlinge denkst.« 

Der Mimbrenjo hob den Kopf. Er war ungefähr vierzig Jahre 

alt, also etwas jünger als Cochise. Haß glühte in seinen Augen. 
Cochise hatte nichts anderes erwartet. Er wußte aber auch, daß 
der haßerfüllte Ausdruck nicht ihm galt, sondern den 
Bleichgesichtern, die in das Land der Apachen eingefallen 
waren. 

»Ich teile deine Sorgen, Cochise, denn es sind auch die 

meinen«, erklang Victorios dumpfe Stimme. »Du hättest mich 
schon früher rufen sollen. Trotzdem bin ich bereit, mit meinen 

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Kriegern an deiner Seite gegen die Bleichgesichter zu 
kämpfen. Wir werden sie vernichten, reichlich Beute machen 
und uns ihre Skalps nehmen.« 

Cochise hatte mit keiner anderen Reaktion gerechnet. So gut 

kannte er den Mimbrenjo bereits. 

»Ich verfüge über hundert, die mir bereitwillig in den Kampf 

folgen werden«, fuhr Victorio fort. »Ihr Zorn auf die 
Hellhäutigen ist nicht geringer als mein eigener, Cochise. Und 
zusammen mit deinen tapferen Chiricahuas wird es uns 
gelingen, die fahrende Schlange zu vernichten und einen 
großen Sieg zu erringen. Er wird die Bleichgesichter 
aufhorchen lassen und sie in Zukunft davon abhalten, in unser 
Land einzudringen. How!« 

Victorio senkte den Kopf und starrte in die rote Glut. Seine 

wulstigen Lippen preßten sich zusammen. 

»Die weißen Männer sind gut bewaffnet und auch über 

hundert«, gab Cochise zu bedenken. »Sie werden von einem 
erfahrenen Mann geführt. Ich hab' mit ihnen gesprochen, wie 
ich dir schon erzählte.« 

»Pah!« Victorio machte eine wegwerfende Handbewegung. 

»Du sprichst wie eine ängstliche Squaw. Wir werden die 
Bleichgesichter hinwegfegen, noch ehe sie mit den Feuerrohren 
auf uns schießen können.« 

»Du kennst mich, Victorio. Es ist keine Angst, die mich 

zögern läßt, sondern die Sorge um unsere Krieger und auch wie 
der einarmige Anführer der Blauröcke reagieren wird. Ich habe 
mit ihm einen Vertrag geschlossen. Cochise ist noch nie 
wortbrüchig geworden.« 

Der Mimbrenjo lächelte verächtlich. 
»Victorio ist schon immer gegen diesen Vertrag gewesen. 

Die Hellhäutigen haben bisher jeder ihrer Vereinbarungen mit 
uns gebrochen. Sie reden stets mit gespaltener Zunge. Dieser 
Blaurock-Jefe hat schon längst von dem Treck erfahren. Er 
weiß sehr gut, daß wir überhaupt nicht anders handeln können, 

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als die Eindringlinge zu vernichten. Er hat nichts 
unternommen. Bestimmt will er den Krieg und sucht nur einen 
Vorwand. So denke ich.« 

Nachdenkliches Schweigen senkte sich über die beiden 

Apachen. Der Wind raunte in den Bäumen. Das 
niederbrennende Feuer knisterte. Funken wirbelten durch die 
Luft und erinnerten an verglühende Sternschnuppen. 

»Laß uns zusammen in die Nähe des Wagentrecks reiten«, 

nahm Cochise das Gespräch wieder auf. »Wir sehen uns dort 
alles an und entscheiden an Ort und Stelle, was wir 
unternehmen werden. Wenn du einverstanden bist, dann sollen 
uns mein Sohn Naiche und mein Unterführer Ulzana 
begleiten.« 

Victorio sagte: »Du schwankst noch immer in deiner 

Entscheidung, Cochise. Gut, ich bin einverstanden und will 
mich selbst überzeugen. Der Treck kann uns nicht entkommen, 
denn dazu ist er viel zu langsam. Die Hellhäutigen müssen 
noch eine weite Strecke zurücklegen, ehe sie ihr Ziel erreichen. 
Auf ihrem Weg gibt es kaum Wasser. Vielleicht liegt in der 
Nähe des großen Lavafeldes unsere Chance. Wenn die 
Bleichgesichter vor Durst fast wahnsinnig werden, schlagen 
wir zu.« 

Der Mimbrenjo lächelte zufrieden. Für ihn schien es 

beschlossene Sache zu sein, den Treck anzugreifen. Auch 
Cochise blieb kaum eine andere Wahl, als sich immer mehr mit 
diesem Gedanken vertraut zu machen, sonst litt sein Ansehen 
bei den Kriegern. 

John Haggerty lag zusammengerollt unter seiner Decke in einer 
Bodenmulde und erholte sich von den Strapazen eines langen 
Rittes. Sein Pferd weidete einige Yards entfernt. 

Der Rapphengst hob nur den Kopf, ließ die Ohren spielen 

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und schickte dann ein warnendes Schnauben zu seinem Herrn 
hinüber. 

Der Scout war von einer Sekunde zu anderen hellwach. Sein 

Oberkörper ruckte hoch, während er mit der rechten Hand nach 
seinem Gewehr tastete. 

Das Pferd schnaubte erneut. Da vernahm auch John Haggerty 

die Hufschläge, die sich seinem kleinen Camp näherten. 

Er kroch unter der Decke hervor, zog seine Stiefel an und 

kroch zum Rand der Bodenmulde, die von niedrigem 
Buschwerk umsäumt wurde. 

Haggerty schüttelte sich fröstelnd. Dann spähte er zwischen 

den Zweigen eines Mesquitestrauches auf das vor ihm liegende 
Gelände. Er erkannte die Silhouette eines Reiters, die sich 
deutlich gegen das hellere Firmament abzeichnete. 

Es war kein Indianer, wie John zuerst befürchtet hatte. Die 

klirrenden Hufeisen und der in die Stirn gezogene Stetson des 
Mannes ließen dies deutlich erkennen. 

Der Chiefscout senkte sein Gewehr. Dann schätzte er die 

Entfernung und die Richtung des Fremden ab und rechnete sich 
aus, daß der Fremde nur eine knappe Steinwurfweite von ihm 
entfernt vorbeireiten mußte. 

Die Hufschläge wurden lauter. Im Osten rötete sich der 

Himmel leicht und kündete den neuen Tag an. 

Die Hälfte seines Trails zum Siedlertreck lag bereits hinter 

John. Am späten Vormittag mußte er die Schollenbrecher, wie 
auch er sie insgeheim nannte, erreichen. 

Und dieser Stranger schien dasselbe Ziel zu haben. 

Zumindest ritt er in die Richtung, in der sich der Treck befand. 

Der Fremde zügelte plötzlich sein Pferd und drehte sich um. 

Sein Blick richtete sich auf die Sträucher, hinter denen der 
Armee-Scout in Deckung gegangen war. 

Sein Pferd schnaubte, wieherte verhalten und tänzelte nervös. 

Der Fremde schwang sich nun blitzschnell aus dem Sattel und 
war sofort im Gelände verschwunden. 

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Irgend etwas mußte ihm verraten haben, daß er sich nicht 

allein auf weiter Flur befand. 

John Haggerty runzelte die Stirn. Er lauschte und vernahm 

auch schon bald ein Geräusch. Es hörte sich an, als wäre Leder 
oder Stoff über einen Stein geschabt. 

»Hier bin ich, Mister!« rief Haggerty, um das Versteckspiel 

zu beenden. »Kommen Sie langsam näher, damit wir uns 
gegenseitig beschnuppern können. Ich versichere Ihnen, daß 
ich es nicht auf Ihren Skalp abgesehen habe.« 

John Haggertys Worte verhallten. 
Er spähte an dem Strauch vorbei, konnte aber von dem 

Fremden noch immer nichts entdecken. Er blieb auch in den 
nächsten Minuten unsichtbar. Anscheinend schien er dem 
Scout nicht zu trauen. 

»Na, dann eben nicht«, murmelte John verärgert. Er schlich 

geräuschlos einige Yards zur Seite und ging hinter einem aus 
dem Boden ragenden Felsbrocken in die Hocke. 

Minuten vergingen. 
John sah plötzlich die Umrisse einer Gestalt dicht am Rande 

der Bodenmulde. Der schlanke Bursche kauerte sich nun 
nieder. Matt funkelte der Lauf eines Revolvers in seiner Faust. 

Na warte, Freundchen, dachte John und robbte los. Ein 

Apache hätte es kaum besser gekonnt. Unbemerkt näherte er 
sich dem Fremden, der sich noch immer an derselben Stelle 
befand und wohl längst die Orientierung verloren hatte. 

Bald war der Scout so dicht hinter dem Stranger, daß er ihn 

fast hätte berühren können. John Haggerty mußte unwillkürlich 
grinsen. Dann stieß seine Waffe nach vorn. 

Der Lauf seines Colts drückte sich in den Rücken des 

Mannes, der natürlich sofort wußte, was die Stunde geschlagen 
hatte. Sein Körper verkrampfte sich, als John Haggertys heißer 
Atem seinen Nacken streifte. 

»Laß dein Eisen fallen!« zischelte der Scout. 
Der Revolver fiel zu Boden. 

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»Okay, mein Junge, nun solltest du dich langsam umdrehen.« 
Der Fremde wandte Haggerty sein Gesicht zu, das vom 

bleichen Mondlicht beschienen wurde. Haggerty nickte 
mehrmals und sagte dann: »Dich kenne ich doch, Mister. Wir 
sind uns mindestens schon einmal begegnet. Habe ich dir 
damals nicht vorgeschlagen, als Scout in die Army einzutreten? 
Du aber wolltest nach Tombstone, um dort dein Glück zu 
versuchen.« 

Wyatt Earp, denn um keinen anderen handelte es sich, nickte 

lächelnd. 

»Yeah, so ist es gewesen. Und du bist Haggerty, der Scout. 

Ich erinnere mich genau. Nun solltest du deine Kanone 
wegstecken, denn ich werde immer nervös, wenn ich in die 
Mündung eines Schießeisens blicken muß.« 

John Haggerty schob seinen Colt ins Halfter. 
»Das hätte ins Auge gehen können, Earp. Nun ist mir auch 

dein Name wieder eingefallen. Warum hast du auf meine 
Zurufe nicht reagiert? Hast du wirklich geglaubt, einen 
Apachen vor dir zu haben?« 

»Man kann nie wissen, Haggerty«, antwortete er. »Es hätte 

auch eine Falle sein können. In den letzten Tagen bin ich schon 
mehr als einmal hereingelegt worden. Ich lerne schnell, mußt 
du wissen.« 

Er lachte jungenhaft und hob dann seinen Revolver vom 

Boden auf, den er ins Leder rammte. 

John Haggerty kratzte sich am Kinn. 
»Eine Frage hätte ich noch, Earp«, sagte er dann. »Wie 

konntest du bemerken, daß sich hier jemand verborgen hält?« 

»Einmal sagte es mir ein dumpfer Druck in meiner 

Magengegend. Und dann vernahm ich das Gekrächze von 
einigen Vögeln, die hier über den Bäumen und Büschen 
kreisten. Du mußt sie aufgescheucht haben. Das machte mich 
erst richtig stutzig.« 

John Haggerty lächelte. »Darauf hätte ich eigentlich von 

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selbst kommen müssen, Earp. Du scheinst wirklich kein 
Greenhorn zu sein.« 

Der junge Revolvermann leckte sich über die Lippen. 
»Hast du nicht einen Schluck Whisky in deinen 

Satteltaschen, Haggerty? Der würde mir jetzt mächtig gut 
schmecken.« 

»Ich sehe mal nach. Komm mit runter in mein Camp. Ich 

hoffe nur, daß ich auch wirklich noch eine Flasche Whisky in 
meiner Satteltasche habe.« 

Haggerty fand eine noch halbvolle Flasche, die er Wyatt 

Earp reichte. Der nahm einen langen Schluck und gab sie dem 
Scout zurück. 

»Für mich ist es noch zu früh. Ein Becher Kaffee wäre mir 

jetzt bedeutend lieber. Wir sollten aber besser kein Feuer 
machen, denn sonst haben wir bald die Apachen auf dem Hals. 
Wohin willst du eigentlich, Earp?« 

Wyatt zögerte. »Fast glaube ich, Haggerty, daß wir dasselbe 

Ziel haben. Ich will zu einem Siedlertreck, der nördlich von 
hier lagert. Es kann nicht mehr weit sein.« 

Der Chiefscout blickte den Revolverkämpfer und Satteltramp 

kopfschüttelnd an. 

»Der Wagenzug ist auch mein Ziel. Ich handele im Auftrag 

von General Howard und soll versuchen, den Treckführer 
davon abzubringen, noch weiter zu trailen.« 

Wyatt Earp grinste. »Daran glaubst du wohl selbst nicht, daß 

du einen solchen Burschen umstimmen kannst. Da beißt du auf 
Granit. Hinter dem Treck liegen bestimmt viele hundert 
Meilen. So dicht vor dem Ziel werden die Siedler nicht 
umkehren wollen.« 

»Das befürchte ich auch«, entgegnete John Haggerty. »Dann 

werden die Apachen über die Schollenbrecher herfallen und sie 
töten. Ich frage mich aber, was du hier willst. Hier gibt es keine 
Beute zu holen, du kannst höchstens deinen Skalp verlieren.« 

Wyatt Earps Lächeln verlor sich. 

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»Cochise?« 
»Klar, Earp. Dieses Gebiet wird von dem Chiricahua-Chief 

beherrscht. Und bestimmt findet er zahlreiche Verbündete bei 
den anderen Apachenstämmen. Dieser Treck ist eine lohnende 
Beute. Was willst du dort?« 

Der junge Gunner grinste irgendwie verlegen, während er an 

seinem Dragoner-Schnurrbart zupfte. 

»Ehrlich gesagt, Haggerty, ich bin völlig abgebrannt, pleite, 

denn ich hatte eine ganze Menge Pech in Tombstone. Und als 
ich von dem Treck hörte, habe ich mir gedacht, vielleicht 
diesen Siedlern meinen schnellen Colt anzubieten. Bestimmt 
spucken sie einige Bucks aus. Ich ersetze eine ganze 
Revolvermannschaft mit meinem Eisen.« 

Wyatt Earp sagte dies ohne jegliches Pathos und ohne 

Übertreibung. John Haggerty musterte den Revolverkämpfer. 

»Ich glaube dir schon, daß du eine schnelle Hand hast, Earp. 

Hier draußen geht es aber nicht darum, Sekundenbruchteile 
schneller als der Gegner zu ziehen. Wenn es mir nicht gelingt, 
den Treckboß von seinem Vorhaben abzuhalten, dann werden 
die Chiricahuas und ihre Verbündeten aus einem 
gutvorbereiteten Hinterhalt zuschlagen und Tod und 
Vernichtung bringen. Ihre Übermacht dürfte erdrückend sein. 
Sicher wird dir dein schneller Colt etwas Luft verschaffen. Am 
Ende aber werden die Apachen siegen. So sehe ich es.« 

Diese Worte wollten Wyatt Earp nicht schmecken. Dann 

aber lächelte er. 

»Abwarten und Tee trinken, Haggerty. Da ich nun mal 

meinem Ziel so nahe bin, möchte ich nicht mehr umkehren. 
Wenn du nichts dagegen hast, dann sollten wir die letzten 
Meilen gemeinsam zurücklegen. Einverstanden, Scout?« 

»Okay«, antwortete John Haggerty. »Laß uns also losreiten. 

Ich habe keine Zeit mehr zu verlieren. Vielleicht haben die 
Apachen bereits angegriffen, und wir finden nur noch 
skalpierte Tote und rauchende Trümmer vor.« 

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»Das wollen wir nicht hoffen«, sagte Wyatt Earp. »Dann 

wären unsere Leben auch keinen Pfifferling mehr wert.« 

Weder war die Stunde zwischen Nacht und Tag gekommen. 
Alles wirkte grau in grau. Bodennebel verhinderten eine gute 
Sicht. Keiner der wehrfähigen Männer des Siedlertrecks 
schlief. 

Alle starrten auf das flache Gelände. Mancher von ihnen sah 

huschende Schatten, die in Wirklichkeit überhaupt nicht 
vorhanden waren und ihm nur seine ängstliche Phantasie 
eingab. 

Die Nerven der Männer waren zum Zerreißen gespannt. 
Dies war die Stunde der Apachen. 
Sollten sie angreifen, dann nur, wenn sich das erste 

Dämmerlicht des beginnenden Tages ausbreitete. 

Auch einige Frauen kauerten zwischen den Männern und 

hielten Gewehre in den Händen. Sie wollten lieber im Kampf 
sterben, als den Indianern in die Hände fallen. 

Zu viele Greuelmärchen hatten sie gehört. Wie sollten sie 

auch wissen, daß viele der weißen Eindringlinge und 
manchmal sogar auch die Armee gegen die Indianer mit 
gnadenloser Härte vorgingen und weder Alte noch Squaws und 
Kinder schonte. 

Frank Montgomery hockte dicht neben seinem Vater. Die 

beiden waren ebenfalls angespannt und nervös und starrten sich 
die Augen aus dem Kopf. Frank schwitzte trotz der 
morgendlichen Kühle. 

Er hielt Ausschau nach Cynthia, als er sich umgedreht hatte, 

konnte sie jedoch nirgends entdecken. Und das machte ihn 
noch unruhiger und besorgter. 

Sein Vater deutete den Blick seines Sohnes richtig. Kaum 

hörbar flüsterte er: »Sie ist dort in dem kleinen Zelt, Frank, und 

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kümmert sich um die alte Mrs. Lear. Die Strapazen der langen 
Reise sind zu groß für die Frau gewesen. Ich glaube, sie wird 
nicht mehr lange durchhalten. Vielleicht könnte ihr ein Arzt 
helfen, doch den haben wir hier natürlich nicht.« 

Frank Montgomery nickte, dann konzentrierte er sich wieder 

auf das vor ihm liegende Gelände. Es wurde immer heller. 
Manchmal rissen die wogenden Nebelschleier. 

Von den Apachen war nichts zu sehen. Die Männer und 

Frauen ahnten, daß sie sich wieder einmal vergebens auf einen 
Angriff vorbereitet hatten. 

Eine halbe Stunde später fielen die ersten Strahlen der 

aufgehenden Sonne über das wüstenähnliche Land. Die 
wabernden Bodennebel verschwanden innerhalb kürzester Zeit. 
Schon bald war die Sicht gut genug, um alles im weiten Rund 
erkennen zu können. 

Hank Coolidges Stimme erschallte: »Okay, Leute, das wäre 

es wieder einmal gewesen. Ich sage euch, die roten Teufel 
finden einfach nicht genügend Mut, um über uns herzufallen, 
denn sonst hätten sie schon längst angegriffen. Die wissen 
genau, daß es hier nur heißes Blei zu erben gibt.« Der 
Treckboß lächelte zuversichtlich. »Nur die von mir eingeteilten 
Wachen bleiben auf ihren Plätzen. Ich möchte bald den Duft 
von Kaffee in die Nase kriegen. Also, an die Arbeit, Ladies!« 

Bald herrschte wieder rege Betriebsamkeit zwischen den zu 

einer Wagenburg zusammengefahrenen Conestogas und 
Murphies. Frauen bereiteten das Frühstück, während die Sonne 
höher zu klettern begann und einen heißen Tag versprach. 

»Wann werden wir weiterfahren?« fragte Frank seinen Vater. 
»Morgen oder übermorgen. Ich habe mit Coolidge 

gesprochen. Die Gespanne und die Pferde müssen wieder voll 
auf der Höhe sein. Vor uns liegt eine Durststrecke. So drückte 
er sich wenigstens aus.« 

Frank Montgomery nickte, zuckte dann zusammen, als er den 

warnenden Ruf eines der Wachtposten vernahm. 

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»Zwei Reiter!« rief der Mann. 
Für einen Moment schienen diese Worte alle zu lähmen. 

Hank Coolidge lief heran und legte dann eine Hand über die 
Augen, um von der Sonne nicht geblendet zu werden. 

»Nicht aufregen, Leute. Es sind keine Indianer, sondern zwei 

Weiße, die sich nähern. Haltet trotzdem eure Waffen bereit. 
Vielleicht ist es ein Trick der roten Teufel, denen ich jede 
Schurkentat zutraue.« 

Hanks schallende Stimme verstummte. Ein fast 

bedrückendes Schweigen legte sich über die Wagenburg. Auf 
vielen Gesichtern spiegelte sich Angst wider. 

Die beiden Reiter näherten sich schnell, holten nochmals die 

letzten Reserven aus ihren Gäulen heraus. Sie hatten ihre Arme 
vom Körper abgewinkelt, um ihre Friedfertigkeit zu 
demonstrieren. 

Eine Steinwurfweite vor den ersten Wagen parierten John 

Haggerty und Wyatt Earp ihre Pferde. Der Scout legte beide 
Hände trichterförmig vor den Mund und rief: »Dürfen wir zu 
euch, Gents? Mein Begleiter und ich sind froh, euch endlich 
gefunden zu haben.« 

Coolidge nickte. »Reitet langsam näher, damit wir euch 

genauer in Augenschein nehmen können. Laßt die Hände von 
den Waffen! Ist das klar?« 

John Haggerty nickte und trieb sein schweißbedecktes Pferd 

an. Schon bald erreichten er und Wyatt Earp die ersten 
Fahrzeuge und ritten dann in die Wagenburg hinein. 

Der Chiefscout ignorierte ein halbes Dutzend auf ihn 

gerichteter Gewehrmündungen und glitt aus dem Sattel. Earp 
folgte seinem Beispiel. 

Der Revolvermann reckte und streckte sich, lächelte 

freundlich nach allen Seiten und rückte dann seinen 
Revolvergürtel zurecht. 

Jeder erkannte auf Anhieb die Gefährlichkeit des jungen 

Mannes. Sein Lächeln konnte nur wenige der Siedler täuschen. 

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John blieb wenige Schritte vor Coolidge stehen, den er sofort 

als den Treckboß erkannt hatte. 

»Mein Name ist John Haggerty, Army-Scout und im Auftrag 

von General Howard unterwegs.« 

Hanks stoppelbärtiges Gesicht blieb unbewegt. Er schob 

dann seine Unterlippe nach vorn, was seiner Miene nicht 
gerade einen freundlicheren Anstrich gab. Er musterte 
Haggerty eingehend. 

»Okay, Scout«, brummte Coolidge. »Warum treibst du dich 

hier herum? Diese Gegend ist nicht ungefährlich. Habt ihr 
Indianer gesehen? Das würde mich interessieren.« 

»Der junge Bursche, den ich vor einigen Stunden zufällig 

getroffen habe, heißt Wyatt Earp. Apachen haben wir nicht 
gesichtet. Und ehrlich gesagt, ich hatte auch kein Bedürfnis 
danach.« 

Coolidge grinste. »Mein Name ist Hank Coolidge, Haggerty. 

Wir werden uns noch eingehend unterhalten. Zuvor solltet ihr 
eure Pferde versorgen und einen Schluck Kaffee trinken.« 

John und Wyatt nickten. 
»Das ist ein Wort, Coolidge«, sagte der Scout und fragte sich 

wieder einmal, ob es ihm gelingen würde, den Treckführer zur 
Umkehr zu bewegen. 

John Haggerty und Hank Coolidge saßen nahe des Aravaipa 
River auf Felsbrocken und schwiegen sich aus. 

»Okay, Haggerty, du machst es verdammt spannend. Nun 

sind wir unter uns. Was hast du mir zu berichten?« 

Der Treckboß schob sich eine Zigarre zwischen die Zähne 

und zündete sie an. 

»Wie ich dir schon sagte, schickt mich General Oliver 

Howard. Und vielleicht kannst du dir denken, was ich dir 
auszurichten habe, Coolidge.« 

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»Den Blauröcken paßt es wohl nicht, daß ich diese Leute 

durch das Apachenland führe. So ist es doch, oder?« 

»Du hast genau den Punkt getroffen. Ich möchte dich im 

Namen von General Howard bitten, umzukehren… Moment, 
laß mich aussprechen. Die Angelegenheit ist viel zu wichtig, 
um sie mit einer Handbewegung oder ein paar lässigen Worten 
abzutun.« 

John Haggerty blickte in das abweisende Gesicht des 

Treckführers, der nun verächtlich grinste und dann die 
qualmende Zigarre von einem Mundwinkel in den anderen 
schob. 

»Du gefährdest den Frieden mit den Chiricahuas, Coolidge. 

Und damit, bringst du nicht nur die Siedler in große Gefahr, 
sondern auch viele hundert andere Weiße, die von den 
Apachen in ihrem Land geduldet wurden.« 

»Verdammt, hör auf!« fauchte Coolidge gereizt. »Was soll 

dieses Geschwätz? Ich führe nur einen Auftrag durch. Die 
Siedler haben mich und meine Männer angeworben, um diesen 
Wagenzug sicher ans Ziel zu bringen. Das werde ich tun – 
basta!« 

John Haggerty wußte nun, wie schwer es sein würde, den 

Treckführer umzustimmen. Er gab aber die Hoffnung noch 
nicht auf. Zuviel stand auf dem Spiel. 

»In Ordnung, Coolidge. Ich habe ein paar Fragen, die du mir 

hoffentlich beantworten wirst.« 

»Spuck sie schon aus.« 
»Was ist mit den Indianern? Haben sie sich bis jetzt noch 

nicht blicken lassen?« 

»Einer dieser roten Halunken ist uns vor einigen Tagen 

entgegengeritten. Ich habe mit ihm gesprochen. Er riet mir 
auch umzukehren, sonst würde er sich unsere Skalps holen.« 

Der Treckboß spuckte wütend aus. 
»Wer von den Chiricahuas ist es gewesen?« 
Coolidge zuckte mit den Achseln. 

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»Keine Ahnung, Haggerty. Ich kann dir ja den roten Knaben 

beschreiben. Vielleicht weißt du dann, mit wem ich gesprochen 
habe.« 

Der Treckführer beschrieb den Indianer. Schon nach wenigen 

Worten wußte John Haggerty, daß es Häuptling Cochise 
gewesen war, der den Treckboß gewarnt hatte. 

»Es ist Cochise gewesen«, sagte der Scout und merkte, wie 

das Gesicht des Treckführers bleich wurde. Coolidge 
verschluckte sich am Rauch seiner Zigarre und hustete. 

Mit tränenden Augen fragte er: »Bist du sicher? War es 

wirklich der Chef der Chiricahuas?« 

»Es gibt keinen Zweifel. Ich kenne Cochise persönlich, denn 

wir sind uns schon öfter begegnet«, antwortete der Scout mit 
fester Stimme. »Du aber hast den Jefe schwer beleidigt. Er ist 
ein stolzer Mann. Trotz allem gibt er dir und dem Treck noch 
eine Galgenfrist. Cochise will den Frieden, sonst hätte er erst 
gar nicht mit dir zu verhandeln versucht. Du mußt umkehren, 
denn der Apache steht zu seinem Wort und läßt euch dann 
ungeschoren.« 

Haggerty glaubte nun, den Treckboß am Angelhaken und in 

seinem Entschluß wankend gemacht zu haben. 

Sekunden vergingen. 
Schließlich schüttelte Hank Coolidge den Kopf. Er war ein 

hartnäckiger Typ, der nicht zu allem gleich ja und amen sagte. 

»Ich muß Sie enttäuschen, Haggerty. Die Siedler haben alle 

Brücken hinter sich abgebrochen, den letzten Cent in dieses 
Unternehmen gesteckt und hoffen auf eine neue Chance am 
Ziel ihrer langen Reise.« 

»Was soll das, Coolidge? Alle werden sterben, wenn die 

Apachen angreifen. Du weißt es so gut wie ich. Cochise ist ein 
großer Häuptling. Er wird seine Krieger selbst führen. Und er 
ist ein listiger Fuchs, der alle Tricks beherrscht.« 

Hanks Hände ballten sich zu Fäusten. Längst lag die Zigarre 

zu seinen Füßen und qualmte vor sich hin. 

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»Tut mir leid, Scout. Die Apachen werden uns nicht 

besiegen, da bin ich ganz sicher. Die Siedler werden kämpfen. 
Meine dreißig Leute sind erfahren und können ebenfalls wie 
die Teufel kämpfen. Nein, wir geben nicht auf.« 

John Haggerty schloß für einen Moment die Augen. Er fühlte 

Hilflosigkeit in sich aufsteigen. Und doch wollte und durfte er 
noch nicht aufgeben. 

Zuviel hing davon ab, den Treckboß davon zu überzeugen, 

daß sie keine Wahl mehr hatten. 

»Ich werde mit den Siedlern reden, Coolidge. Das mußt du 

mir erlauben. Vielleicht kann ich ihnen den Ernst der Situation 
in ihre Köpfe hämmern.« 

»Von mir aus. Ich wette jeden Betrag, daß du es nicht 

schaffen wirst. Wie sieht es eigentlich mit den Soldaten aus? 
Warum helfen die uns nicht, um sicher an unser Ziel zu 
gelangen?« 

»General Howard verfügt nicht über genügend Leute, um 

sich hier einzukaufen. Außerdem würde er dann den Vertrag 
mit Cochise brechen. Mann, Coolidge, das habe ich dir doch 
vor einigen Minuten alles schon einmal groß und breit erklärt.« 

»Was ist mit deinem Begleiter?« fragte der Treckboß. »Will 

auch er, daß wir zurückfahren sollen?« 

»Earp gehört nicht zu mir. Ich kenne den jungen Burschen 

nur sehr flüchtig. Er will euch seine Hilfe gegen die Apachen 
anbieten. Er scheint ein As mit dem Revolver zu sein.« 

Hank Coolidge erhob sich und schob seinen verbeulten Hut 

zurecht. Dann deutete er zur Wagenburg hinüber. 

»Okay, Scout, sprich zu den Siedlern. Sollten sie ablehnen, 

dann kannst du wieder verschwinden oder uns im Kampf gegen 
die Apachen unterstützen. Das überlasse ich dir. Fast habe ich 
den Eindruck, als lauerten die Indsmen schon überall im weiten 
Umkreis.« 

Coolidge sah sich um, konnte natürlich keinen Indianer 

entdecken. Auch Haggerty nahm an, daß Cochise den Treck 

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beobachten ließ. Er fragte sich, warum der Apachen-Chief 
noch nicht angegriffen hatte. 

Anscheinend hoffte Cochise noch immer darauf, daß man 

seine Warnung beherzigte. 

Fred Rawling und Johnny Rider zügelten  ihre Pferde. Auch 
ihre beiden Freunde, die mit ihnen von Tombstone aus Wyatt 
Earp verfolgt hatten, parierten ihre Gäule. 

Die vier Männer ließen ihre Blicke schweifen. Fred Rawlings 

verwundeter Arm ruhte in einer Schlinge vor der Brust. Die 
vier Burschen hatten bisher vergebens versucht, Wyatt Earp 
einzuholen. 

Und sie verfluchten insgeheim Marylin Moore, weil sie der 

Frau versprochen hatten, sich den Skalp des jungen 
Revolvermanns und Spielers zu holen. 

»Wir sollten besser kehrtmachen«, sagte Johnny Rider und 

blickte auf das öde Land. »Dieser Kartenhai ist uns 
entkommen. Wenn wir weiterreiten, kriegen wir Ärger mit den 
Rothäuten. Dieser Wagentreck, der in Tombstone zum 
Tagesgespräch gehörte, kann nicht mehr weit entfernt sein. Ich 
habe keine Lust, mich in ein Spiel einzukaufen, das uns 
überhaupt nichts angeht.« 

Seine drei Begleiter nickten. Sie hielten ihre Gewehre 

schußbereit. Der Ruf eines Falken ließ die vier Männer 
zusammenzucken, zumal am Himmel kein Vogel zu sehen war. 

»Die roten Teufel sind schon ganz in unserer Nähe«, raunte 

Fred Rawling. Er wischte sich einige Schweißperlen von der 
Stirn, obwohl die Sonne noch längst nicht ihre volle Kraft 
entfaltet hatte. 

»Da vorn!« stieß Rider plötzlich hervor. 
Nun sahen auch die drei anderen Weißen den Indianertrupp, 

der auf einem flachen Hügel aufgetaucht war. Wie 

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Reiterstandbilder wirkten die sieben Apachen, so reglos saßen 
sie auf ihren Mustangs. 

Die Distanz zu den Weißen betrug keine 50 Yards. 
Johnny Rider verlor die Nerven. Er schrie gellend auf und 

brachte seine Winchester in Anschlag. Krachend entlud sich 
die Waffe. 

Einer der Apachen warf die Arme in die Höhe und fiel dann 

seitwärts von seinem Pferd. Die anderen Indianer rissen ihre 
Mustangs herum und waren innerhalb von Bruchteilen von 
Sekunden hinter dem Hügel verschwunden. 

»Denen habe ich es aber gegeben, was, Jungs?« schrie 

Johnny Rider triumphierend. »Die werden nun wie die Hasen 
laufen.« 

Fred Rawling schüttelte den Kopf. 
»Wir sollten nun lieber wie die Hasen laufen«, sagte er mit 

einem galligen Unterton in der Stimme. »Ich glaube nicht 
daran, daß die Rothäute aufgeben werden. Du hast zu 
überhastet gehandelt, Johnny. Vielleicht hätten sie uns 
gewähren lassen. Jetzt hast du einen ihrer Krieger getötet. Sein 
Blut schreit nach Rache.« 

Johnny Riders Lächeln erstarrte. Unsicher blickte er seine 

drei Gefährten an, die leicht geduckt in den Sätteln saßen, als 
erwarteten sie jeden Augenblick einen Angriff. 

»Okay, dann sollten wir verduften, Jungs«, rief Rider. »Wir 

reiten nach Tombstone zurück. Diesen Earp erwischen wir 
auch ein anderes Mal.« 

Die vier Männer lenkten ihre Pferde herum und galoppierten 

los. Dumpf hämmerten die Hufschläge auf dem 
ausgetrockneten Boden, den schon seit vielen Wochen kein 
Tropfen Regen mehr genäßt hatte. 

Hin und wieder blickten sich die Flüchtenden um. Eine 

höllische Angst saß ihnen im Nacken. Und auch Johnny Rider 
hatte längst eingesehen, überhastet auf den Apachen gefeuert 
zu haben, zumal sich die Indianer friedlich verhalten hatten. 

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Ein gurgelnder Laut ließ Johnny Rider zusammenzucken. 

Mit geweiteten Augen starrte er auf Fred Rawling, durch 
dessen Hals sich ein indianischer Kriegspfeil gebohrt hatte. 
Aus seinem weit geöffneten Mund quoll Blut. 

Dann kippte der Getroffene lautlos aus dem Sattel, schlug am 

Boden auf und blieb reglos liegen. 

Rider und seine beiden Gefährten sahen sofort, daß Rawling 

tödlich getroffen worden war. Sie trieben voller Panik ihre 
Pferde an, obwohl weit und breit kein Apache zu sehen war. 

Die höllische Angst saß den Männern wie eine Faust im 

Nacken. Erbarmungslos gaben sie den Pferden die Sporen, 
deren schrilles Wiehern sogar die Hufschläge übertönte. 

Ein weiterer Pfeil sirrte in gespenstischer Lautlosigkeit heran 

und bohrte sich in den Rücken des neben Johnny reitenden 
Kumpels. Der sank auf den Pferdehals und rutschte dann einige 
Yards weiter aus dem Sattel. 

Rider brüllte seine Angst, die er nun nicht mehr kontrollieren 

konnte, nur so aus sich heraus. 

Zwei oder auch drei Pfeile surrten heran. Einer traf den Hals 

des Wallachs, während der andere Riders Partner in die 
Schulter fuhr. 

Der noch junge Mann schrie gellend. Sein Pferd stolperte 

und fiel auf die Seite. Der Verwundete flog durch die Luft, 
landete in einem Mesquitestrauch und rührte sich nicht mehr. 

Johnny Rider preschte weiter, wie von Furien gehetzt. 
Eine heiße Furcht schnürte ihm die Kehle zu. Er feuerte auf 

einen Indianer, der aus einer Bodenmulde auftauchte. Die 
Kugel ging fehl. Er lenkte sein Pferd in eine andere Richtung, 
doch auch dort tauchte ein Apache auf. 

Pfeile flogen durch die Luft. Zwei von ihnen trafen Johnny 

Riders Pferd, das langsamer wurde, wieherte und zu stolpern 
begann. Es gelang Johnny, aus dem Sattel zu springen. 

Er landete hart auf einem Stein. Sein Gesicht schimmerte 

grau wie Holzasche. Rider rollte sich herum. Sein Herz 

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hämmerte gegen die Rippen. 

Johnny kniete sich hin, riß seine Winchester an die Wange 

und feuerte auf einen Apachen, der hinter einem Saguaro-
Kaktus hervorkam. 

Der Indianer verschwand augenblicklich. Johnny Rider sah 

sich nach allen Seiten um. Kein Apache war zu entdecken. Und 
doch ahnte der in die Enge Getriebene, daß er bereits umzingelt 
war. Sein Leben war keinen lausigen Cent mehr wert. 

Tatsächlich griffen die Apachen von allen Seiten an. Wie 

lautlose Schemen glitten sie näher. Pfeile sirrten. Tomahawks 
durchschnitten pfeifend die Luft. 

Rider feuerte, ehe er zusammenbrach. Zwei Pfeilschäfte 

ragten aus Brust und Schulter. 

Das ist das Ende, war sein letzter Gedanke. 

Fast alle Siedler und auch ein Teil der Schutzmannschaft hatten 
sich im Rund der Wagenburg versammelt. Skeptisch wurde 
John Haggerty von allen Seiten gemustert. 

Er spürte Mißtrauen und Ablehnung. 
Der Scout blickte kurz zu Hank Coolidge und erkannte ein 

fast spöttisches Funkeln in dessen Augen. 

Dann ging ein Ruck durch den hageren Körper des Armee-

Scouts. Er hob seine rechte Hand. Nach wenigen Sekunden 
schwiegen die vielen Menschen. 

»Hört mir gut zu, Leute!« rief John. »Mein Name ist 

Haggerty. In meiner Eigenschaft als Scout schickt mich 
General Howard zu euch.« 

Haggerty legte eine Pause ein, ehe er mit beschwörend 

klingender Stimme fortfuhr. 

»Gebt euer Vorhaben auf. Es ist der Wunsch des Generals. 

Er kann die Lage hier im Indianergebiet besser überblicken und 
weiß genau, was euch passiert, wenn ihr weiterfahrt.« 

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Unwilliges Gemurmel ging durch die dichtgestaffelten 

Reihen der Menschen. Viele Köpfe wurden geschüttelt. Andere 
Siedler wieder starrten unsicher auf den Scout mit dem 
markanten Gesicht. 

»Die Chiricahuas werden es nicht hinnehmen, wenn ihr noch 

weiter in ihr Gebiet eindringt. Es war Cochise persönlich, der 
euch vor einigen Tagen zur Umkehr aufforderte. Auch seine 
Geduld ist begrenzt. Bald wird er über euren Wagenzug 
herfallen. Und der Chiricahua-Chief ist in der Lage, mehr als 
hundert Krieger aufzubieten. Ihr habt keine Chance. Natürlich 
würdet ihr tapfer kämpfen, aber am Ende doch unterliegen. 
Glaubt mir, Leute, ich kenne die Apachen sehr gut. Cochise 
muß euch besiegen, will er nicht sein Gesicht bei seinen 
Kriegern verlieren. Aus diesem Grund bitte ich euch im Namen 
von General Howard, Vernunft walten zu lassen.« 

John Haggerty fuhr sich mit dem Handrücken über seine 

braungebrannte Stirn. Ein feines Netz von Schweißperlen hatte 
sich angesammelt. Er blickte auf die Siedler, und da wurde ihm 
klar, daß es ihm nicht gelungen war, sie von der Notwendigkeit 
einer Umkehr zu überzeugen. 

»Natürlich kenne ich eure Probleme«, rief Haggerty. »Ich 

verstehe auch, daß ihr nicht umkehren wollt. Coolidge sagte 
mir, die meisten von euch haben ihr ganzes Vermögen in 
diesen Treck eingebracht. Viele von euch haben alle Brücken 
hinter sich abgebrochen. Das mag alles so sein. Versucht euer 
Glück woanders, dort, wo die Indianergefahr nicht mehr akut 
ist. Der Westen ist riesig. Jedem von euch winkt noch immer 
die große Chance. Wenn ihr aber nicht auf mich hört, werdet 
ihr alle sterben.« 

John Haggerty sprang vom Kutschbock eines Wagens und 

ging auf die vorderste Reihe der Siedler zu. Instinktiv wichen 
einige der Männer und Frauen zur Seite. 

Der Scout blieb stehen. 
»Ihr müßt über meine Worte nachdenken, Leute. Nehmt sie 

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nur nicht auf die leichte Schulter. Der Tod schwebt seit Tagen 
über euch. Begreift das endlich. Die Armee wird und kann 
euch nicht helfen, denn sie verfügt nicht über genügend 
Soldaten. Außerdem gibt es einen Vertrag mit Cochise, den ihr 
brecht. Mehr habe ich euch nicht zu sagen, Leute. Denkt über 
meine Worte nach und überlegt gut, ehe es zu spät ist.« 

John Haggerty wandte sich ab und trat zu Wyatt Earp, der 

ihn grinsend ansah. 

»He, Haggerty«, fragte er, »bist du früher Wanderprediger 

gewesen? Vielleicht solltest du auch Politiker werden.« 

Dann wurde Wyatt ernst. Bedauernd zuckte er mit den 

Achseln. 

»Die Siedler werden dir was pfeifen, Haggerty«, unkte er. 

»Laß dir das gesagt sein. Ich habe schon mit diesem Coolidge 
gesprochen. Er wird mich anheuern und einige Bucks 
ausspucken, wenn ich den Treck begleite.« 

»Dann bist du ein Narr, Earp«, entgegnete der Scout gallig. 

»Es lohnt sich nicht, für ein paar lausige Dollars ins Gras zu 
beißen. Auch im Spiel wirst du hier nicht groß absahnen 
können. Die Siedler haben wirklich ihre letzten Cents in den 
Treck gesteckt. Du bist hier auf dem falschen Dampfer.« 

Wyatt Earp grinste wieder. 
»Du siehst zu schwarz, Haggerty. Hast du dir diese dreißig 

Burschen der Schutzmannschaft näher angesehen? Die können 
mit den Waffen garantiert ausgezeichnet umgehen. Auch bei 
den Siedlern sind einige rauhbeinige Jungs. Die Indsmen 
werden auf Granit beißen. Das versichere ich dir. Wart's ab.« 

»Du unterschätzt die Apachen. Wenn die erst aus dem Boden 

zu wachsen scheinen und ihr Kriegsgeschrei anstimmen, wird 
auch dir das Herz in die Hose rutschen. Verlaß dich darauf. Ich 
habe so meine Erfahrungen. Ich übertreibe nicht, Earp.« 

John Haggerty blickte zu den Siedlern hinüber, die sich nun 

zu kleinen Gruppen zusammengeschart hatten und lautstark 
diskutierten. 

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Hank Coolidge trat auf Haggerty und Earp zu. Sein Gesicht 

wirkte ausdruckslos. 

»Eine schöne Rede, Haggerty«, sagte er mürrisch. »Ich 

glaube aber nicht, daß du die Leute umstimmen kannst. Die 
meisten von ihnen lassen sich nicht von ihrem Ziel abbringen. 
Sag mal ehrlich, glaubst du wirklich, dieser Cochise und seine 
Krieger werden uns schlagen können?« 

John zeigte die Andeutung eines Lächelns. 
»Hast du schon mal gegen Apachen gekämpft?« 
»Nein«, antwortete Coolidge. »Natürlich bin ich schon mit 

anderen Indianerstämmen aneinandergeraten. Ich habe auch 
viel von den Apachen gehört, kann mir aber nicht 
vorstellen…« 

Haggerty unterbrach den Treckführer. 
»Die Apachen und insbesondere die Chiricahuas sind die 

besten und wildesten Krieger hier im Südwesten. Sie kämpfen 
mit einem Fanatismus, den wir Weiße überhaupt nicht 
verstehen können. Sie kämpfen ums Überleben, obwohl viele 
ihrer Häuptlinge längst wissen, daß dieser Kampf nicht zu 
gewinnen ist. Ihr dürft eines nicht vergessen: dieses Land 
gehört den Apachen. Hier leben sie seit vielen Generationen. 
Und nun wollen die Weißen es ihnen wegnehmen. Versetzt 
euch mal in ihre Lage. Sie sind keine dummen, primitiven und 
ungebildeten Wilden, wie sie immer wieder hingestellt werden, 
sondern Menschen wie wir, von ihren Müttern unter 
Schmerzen geboren. Auch sie empfinden Freude, Trauer, Leid 
und Liebe. Aber ihr werdet das wohl nie begreifen.« 

Hanks Augen verengten sich zu Schlitzen. 
»Du scheinst ein mächtig großer Indianerfreund zu sein, 

Haggerty. Mann, das schmeckt mir überhaupt nicht. Vielleicht 
fällst du uns sogar in den Rücken und…« 

In John begann es zu kochen. »Spar dir deine weiteren 

Worte, Coolidge«, stieß er hervor. »Was Recht ist, sollte auch 
Recht bleiben. Und wenn du mir noch mal unterstellst, mit den 

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Apachen gemeinsame Sache zu machen, dann werde ich dir 
ganz kräftig auf die Hühneraugen treten.« 

»So war es nicht gemeint«, sagte der Treckboß, doch sein 

verächtliches Lächeln strafte ihn Lügen. 

»Regt euch wieder ab«, schaltete Wyatt Earp sich ein. »Es 

nützt keinem was, wenn ihr euch gegenseitig die Augen 
auskratzt.« 

»Vier Pferde nähern sich!« rief einer der Wachtposten und 

eilte auf Coolidge zu. 

John Haggerty und Wyatt Earp folgten Coolidge und dem 

Wächter. Sie sahen die Pferde, die langsam auf die Wagenburg 
zutrotteten. Die Sättel waren leer. Einige Sekunden später 
erkannten die Männer die querliegenden Körper darüber. 

Coolidge fluchte lästerlich. Die Siedler und die 

Schutzmannschaft griffen zu ihren Waffen und verteilten sich 
hinter den Conestoga- und Murphywagen. 

John Haggerty knirschte mit den Zähnen. Er ahnte, daß es 

Tote sein mußten, die da quer über den Sätteln lagen. Der 
Scout ging den vier Pferden entgegen. Wyatt Earp folgte ihm. 
Es dauerte nicht lange, dann befand sich auch Hank Coolidge 
an ihrer Seite. 

Die Pferde blieben von allein stehen, als sie nur noch wenige 

Schritte von den drei Männern entfernt waren. 

»Oh, wie haben die roten Teufel nur diese armen Burschen 

zugerichtet«, sagte der Treckboß seufzend. 

Es war wirklich kein Anblick für Sonntagsschüler, der sich 

Haggerty, Earp und Coolidge bot. 

Die vier Weißen waren tot. Pfeilschäfte ragten aus den 

Körpern. Sie waren skalpiert worden. Sattelgurte, Scabbards 
und Satteltaschen waren rot von geronnenem Blut. 

Haggerty löste sich als erster aus der Erstarrung. Er hob den 

Kopf eines der Toten an. Das Gesicht war ihm unbekannt. 
Wyatt Earp, der dem Scout gefolgt war, zuckte zusammen. 

»Du kennst ihn?« 

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Der Revolvermann, der bleich geworden war, nickte. 

Coolidge zog sein Bowie-Messer und schnitt die Toten los. 
Wyatt Earp erkannte auch den zweiten Mann, den er bei 
Marylin Moore hatte zurechtstutzen müssen. 

»Die Kerle waren hinter mir her«, sagte Wyatt Earp. »Es ist 

eine längere Geschichte, die ich dir später einmal erzählen 
werde, Haggerty. Die vier Burschen hatten wohl nicht so viel 
Glück wie wir. Die Indianer machten kurzen Prozeß mit ihnen 
und haben die Toten zu uns geschickt.« 

»Das scheint Cochises letzte Warnung zu sein«, murmelte 

Haggerty und wandte sich ab. Er lief zur Wagenburg hinüber, 
wo sich die Siedler drängten. 

»Seht euch die Toten nur genau an!« rief er. »Seht sie euch 

an, damit ihr wißt, was mit euch allen geschehen wird, wenn 
ihr nicht endlich vernünftig werdet. Vielleicht haben einige von 
euch noch geglaubt, die Apachen scherzten nur. So ist es weiß 
Gott nicht. Das ist blutiger Ernst. Seht euch die Toten an!« 

John Haggerty wandte sich von den Frauen und Männern ab 

und trat in den Schatten eines Wagens. Er ließ sich nieder und 
lehnte sich gegen ein Wagenrad. 

Der Kampf hat begonnen, dachte der Scout. Cochise tändelt 

jetzt nicht mehr länger herum. Nun hat es bereits die ersten 
Toten gegeben. Es wird nur noch eine Frage der Zeit sein, bis 
er an der Spitze seiner Krieger angreifen wird. 

Dann wird das Blut in Strömen fließen. Menschen, ob roter 

oder weißer Hautfarbe, werden sterben. 

John Haggerty fragte sich, ob es noch eine Chance gab, 

dieses schreckliche Blutvergießen zu verhindern. 

Die Sonne brannte unbarmherzig. An vielen Stellen schien die 
Luft zu kochen. Die fernen Berge flimmerten messingfarben. 

Vier Reiter näherten sich einem Plateau und hielten ihre 

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Mustangs an. Stolz und kerzengerade saßen Cochise, Victorio, 
Ulzana und Naiche auf den Pferderücken. 

Der Chiricahua-Chief hob seine rechte Hand und deutete 

geradeaus. 

»Dort unten in der Ebene lagern die weißen Eindringlinge«, 

sagte Cochise. »Wir können sie von diesem Felsplateau aus gut 
sehen.« 

»Auch die weißen Hunde sollen uns sehen«, knurrte 

Victorio. »Schon unser Anblick wird genügen, um sie erzittern 
zu lassen.« 

Er trieb seinen Pinto an. 
Cochise, Naiche und Ulzana folgten dem Jefe der 

Mimbrenjos. Auf dem vorspringenden Felsplateau zügelten sie 
die Mustangs: Nun wirkten sie wie Statuen. 

Nur bunter Zierat an den Pferden wehte im leichten Wind. 

Die vier Apachen blickten auf die unter ihnen liegende Ebene 
und die Wagenburg. 

»Die Bleichgesichter sind mit Blindheit geschlagen«, stieß 

Victorio dumpf hervor. »Sie haben uns noch nicht entdeckt.« 

Naiche warf seinem Vater einen kurzen Seitenblick zu und 

zog einen Spiegel aus einem umgehängten Lederbeutel. 

Cochise nickte. 
Naiche hielt den Spiegel hoch, der die sengenden 

Sonnenstrahlen reflektierte. Es dauerte nur Sekunden, dann 
wurden die Weißen in der Ebene aufmerksam. 

Die Männer und Frauen unterbrachen ihre Tätigkeiten und 

schienen zu erstarren. Alle Augen richteten sich auf die vier 
Indianer dort oben auf dem Felsplateau. Sie sahen die wilden 
und verwegenen Gestalten auf den Pferden und bekamen es mit 
der Angst zu tun. 

Einige Frauen bekreuzigten sich. Halbwüchsige Kinder 

klammerten sich an ihren Röcken fest und begannen zu 
weinen, obwohl die meisten von ihnen überhaupt nicht 
verstanden, was das alles zu bedeuten hatte. 

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Sie spürten aber die Furcht und das Entsetzen, die von den 

Erwachsenen ausgingen. 

John Haggerty, Wyatt Earp und Hank Coolidge standen in 

einer Gruppe zusammen und warfen sich fragende Blicke zu. 
Längst gab der Indianer keine Blinkzeichen mehr. 

»Cochise«, sagte Haggerty. »Das ist der große Häuptling mit 

einigen seiner Krieger. Die Entfernung ist zu groß, um ihn 
genau erkennen zu können. Doch Cochise ist dabei. Und wo er 
ist, sind auch seine Krieger nicht mehr weit. Die Zeit des 
Wartens und der Schonung ist vorüber.« 

Während der Scout dies sagte, rissen die vier Apachen auf 

dem Felsplateau ihre Pferde herum und waren innerhalb von 
wenigen Sekunden verschwunden. 

Hank Coolidge wischte sich über die Augen. Wyatt Earp 

nahm seine Hand vom Griff des Revolvers, den er instinktiv 
umklammert hatte. 

»Sie sind weg«, stöhnte Hank Coolidge. »Es war wie ein 

Teufelsspuk.« 

Er wandte sich an John Haggerty. »Was wird Cochise nun 

unternehmen?« wollte der Anführer des Siedlertrecks wissen. 

»Ich bin kein Hellseher, Coolidge. Vielleicht sollte dies eine 

letzte Warnung sein, als er sich uns zeigte. Ich werde noch 
einmal mit den Siedlern sprechen. Vielleicht haben sie 
inzwischen ihre Meinung geändert.« 

Wyatt Earp und Hank Coolidge schüttelten wie auf ein 

geheimes Kommando hin ihre Köpfe. 

»Sie werden nicht aufgeben«, prophezeite Wyatt Earp. »Die 

Leute haben bereits stundenlang diskutiert und denken nicht 
daran, umzukehren.« 

»Wir werden sehen«, sagte Haggerty. »Irgendwie muß es 

doch in die Köpfe dieser Menschen hineingehen, daß sie 
verloren sind, wenn sie stur bleiben.« 

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»Das waren Cochise und drei seiner Krieger. Vielleicht sind 
auch Häuptlinge von anderen Stämmen bei ihm. Ich kenne 
Cochise persönlich. Dies war seine letzte Warnung, Leute. 
Schlagt sie nicht in den Wind.« 

So rief der Scout. Dann deutete er zu den vier Gräbern 

hinüber, wo die vier unglücklichen Weißen lagen, die den 
Apachen zum Opfer gefallen waren. 

»Soll es euch auch so ergehen, Männer und Frauen? Denkt 

an eure Kinder und an die Alten. Es gibt nur eine Möglichkeit, 
um einem Massaker zu entgehen: nehmt Vernunft an und fahrt 
zurück. Ihr müßt euch schnell entscheiden. Die Zeit drängt.« 

John Haggerty hatte das Gefühl, gegen eine Wand zu 

sprechen. Zwar las er Angst und Sorgen in den meisten 
Gesichtern; doch wurden von ihrem einmal gesteckten Ziel 
magisch angezogen. 

Wes Montgomery, der Oldtimer, schob sich aus dem Kreis 

seiner Gefährten und trat dem Scout einige Schritte entgegen. 
Mit heiserer Stimme rief er: »Wir wissen alle, daß du es gut 
mit uns meinst, Haggerty. Wir haben aber keine andere Wahl, 
als den Trail fortzusetzen. Wo sollen wir denn hin? Unser 
letztes Geld ist für die Wagen und die Ausrüstung 
draufgegangen. Und vorher haben wir bereits für das Land 
bezahlt, das wir besiedeln wollen. Wir haben kaum noch einen 
Dollar in den Taschen. Wenn wir jetzt aufgeben, werden wir 
alle vor die Hunde gehen. Sicher, wir haben Bammel vor den 
Apachen. Wir hoffen aber, daß sie uns nicht angreifen werden 
und uns in Frieden ziehen lassen. Wir tun ihnen doch nichts.« 

John Haggerty zuckte verzweifelt mit den Achseln. 
»Auch dieses Land, das ihr angeblich gekauft und schon 

bezahlt habt, gehört den Apachen. Sie wollen keine neuen 
Siedler in ihrem Stammesgebiet. Wenn ihr nicht auf mich 
hören wollt, dann kann ich euch nicht mehr helfen.« 

Haggerty wandte sich ab und stiefelte davon. Er war tief 

enttäuscht. John warf Hank Coolidge einen Blick zu, wußte 

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aber, daß er von dem Treckboß keinerlei Hilfe zu erwarten 
hatte. 

Vor Wyatt blieb der Scout stehen. 
»Willst du noch immer bleiben, Earp?« fragte er ihn. »Hier 

kannst du keine Reichtümer erben, sondern nur deinen Skalp 
verlieren.« 

»Auch du wirst bleiben müssen«, gab Wyatt Earp zu 

bedenken. »Die Rothäute haben schon längst den Kreis um den 
Siedlertreck geschlossen. Da kommt keine Maus mehr hinaus 
oder herein. Willst du jetzt nach Tucson reiten?« 

John Haggerty antwortete nicht gleich. Er furchte seine Stirn, 

schien zu überlegen. Schließlich schüttelte er den Kopf. 

»Nein«, sagte er. »Wenn die Leute wirklich nicht vernünftig 

werden, dann bleibt mir nichts anderes übrig, als zu Cochise zu 
reiten und mit ihm zu sprechen.« 

»Was?« Earp glaubte sich verhört zu haben und musterte 

deshalb den Chiefscout General Howards ungläubig. »Das ist 
doch nicht dein Ernst?« 

»Habe ich eine andere Wahl? Vielleicht bringe ich den 

Häuptling dazu, den Treck durch sein Land ziehen zu lassen.« 

Wyatt Earp kam nicht aus dem Staunen heraus. »Das kann 

dir ganz leicht den Skalp kosten.« 

»Schon möglich, Earp. Bei Sonnenuntergang reite ich los, 

sollten die Siedler bis dahin ihre Meinung noch immer nicht 
geändert haben.« Coolidge, der Haggertys letzte Worte gehört 
hatte, zog eine Grimasse. 

»Wenn du Selbstmordabsichten hast, Mann, dann jage dir 

doch eine Kugel durch den Schädel. Dieses Verfahren ist 
kürzer. Die Apachen würden sich erst eine ganze Menge Spaß 
mit dir machen, ehe sie dich ins Jenseits befördern.« 

»Wißt ihr einen anderen Ausweg?« 
Wyatt Earp und Hank Coolidge blieben stumm und blickten 

den Scout an, als hätten sie einen Verrückten vor sich. Keiner 
von ihnen hätte gewagt, allein zu den Apachen zu reiten. 

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Die Abenddämmerung senkte sich hernieder. Die Sonne 
verglühte hinter den Bergen. Ein rötlicher Schein ließ das 
unwegsame Gelände ein letztes Mal aufleuchten. 

Schatten krochen aus Felsspalten hervor, senkten sich über 

Kakteen, Yuccas und Pinien. Die aufziehende Nacht webte die 
ersten dunklen Schleier, die sich immer mehr ausbreiteten und 
alles zu verschlingen drohten. 

Auf einer kleinen Lichtung saßen sich vier Indianer 

gegenüber. Wacholderbüsche und Mesquite wuchsen im 
weiten Rund. 

Schweigen herrschte. 
Cochise starrte in die untergehende Sonne. Sein Blick schien 

nach innen gekehrt zu sein. Tiefe Falten gruben sich in das 
Gesicht des Häuptlings der Chiricahuas. 

Die Gedanken des Jefe kreisten um John Haggerty, den 

Falken, wie er ihn nannte. Cochise hatte den Armee-Scout trotz 
der großen Entfernung zur Wagenburg erkannt. 

Und Cochise fragte sich nun, was Haggerty bei dem 

Siedlerzug zu suchen hatte. Er fand jedoch keine Antwort 
darauf. Seine Späher hatten ihm zwar berichtet, von vier 
Weißen angegriffen worden zu sein, die sie anschließend 
getötet hatten, doch von den Blauröcken war weit und breit 
nichts zu sehen. 

Natürlich wußte der Apachen-Chef, daß Haggerty als Scout 

zur regulären Armee gehörte. 

»Wie lange wollen wir noch schweigen?« fragte Victorio. 

Ungeduld schwang in seiner Stimme mit. »Wir müssen zu 
einem Entschluß kommen, Cochise. Ich bin dafür, daß wir die 
Bleichgesichter angreifen und töten.« 

Ulzanas kleinwüchsiger Körper richtete sich auf. In seinem 

gnomenhaften Runzelgesicht zuckte es. Er warf seinem Jefe 
einen herausfordernden Blick zu, sagte aber nichts. 

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Naiche betrachtete seinen Vater nachdenklich. 
Victorio fuhr fort: »Wir können über hundert Krieger 

aufbieten. Sie werden wie ein Heuschreckenschwarm über die 
weißen Eindringlinge herfallen und sie töten. Ich möchte 
endlich deine Entscheidung wissen.« 

»Ich habe mich noch nicht entschieden, Victorio, denn ich 

will nichts überstürzen. Die Zeit drängt nicht.« 

»Du hast noch immer die Hoffnung, daß die Bleichgesichter 

umkehren werden?« fragte Naiche. 

»So ist es, mein Sohn«, erwiderte Cochise ruhig und 

bemerkte, daß Victorios Miene Wut ausdrückte. Der 
Mimbrenjo hatte sich aber gleich wieder unter Kontrolle. 

Die Schatten wurden länger, und die Konturen begannen sich 

immer mehr zu verwischen. 

»Du solltest an die große Beute denken, Cochise«, sagte 

Ulzana und breitete theatralisch die Arme aus. »Denke an die 
Pferde und an die Waffen der Weißen. Auch die kleinen Büffel 
sind sehr wertvoll für uns. Wir werden viele Wochen lang zu 
essen haben. Und in den rollenden Wickiups sind viele Dinge, 
die wir gebrauchen können.« 

»Dir geht es immer nur um die große Beute«, entgegnete 

Cochise. Der zwergenhafte Ulzana schien unter dem 
zwingenden Blick seines Jefe noch mehr zu schrumpfen. »Mir 
geht es um das Leben meiner Krieger. Viele würden den Tod 
finden.« 

Victorio schüttelte den Kopf. 
»Wir alle werden irgendwann in die Ewigen Jagdgründe 

eingehen. Ich erinnere an die Worte Crowfoots, den tapferen 
Häuptling der Blackfoot, von unseren Vettern weit im Norden. 
Er sagte: ›Was ist das Leben? Es ist das Aufleuchten eines 
Glühwurms in der Nacht. Es ist wie der Hauch eines Büffels im 
Winter. Es ist der kleine Schatten, der über das Gras huscht 
und sich im Sonnenuntergang verliert.‹« 

Victorio hatte diese Worte voller Pathos ausgesprochen. 

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Dann sah er seine drei Gefährten der Reihe nach an. 

»Ich kenne diese Worte«, sagte Cochise. »Sie sind sehr 

weise. Ich aber sage, jedes Leben zählt und ist unser 
kostbarstes Gut, besonders im Kampf gegen die weißen 
Eindringlinge. Und ich werde nur kämpfen, wenn es wirklich 
keinen anderen Ausweg mehr gibt.« 

Dann herrschte dumpfes Schweigen. Die vier Apachen 

starrten zu Boden, hingen ihren Gedanken nach. 

»Was willst du tun, Cochise?« drängte Victorio schließlich. 

»Warum denkst du nicht an die vielen Skalps, die wir uns 
holen können? Die Kunde von unserem Sieg wird wie ein 
Präriebrand durch das Land eilen. Die Hellhäutigen werden 
erzittern.« 

Cochise hob seine Hand. Für einen Moment streifte sein 

Blick Naiche, der sich bisher zurückgehalten hatte, obwohl 
auch er von einem tiefen Haß gegen die Bleichgesichter erfüllt 
war. Es sah aber so aus, als wollte er seinem Vater nicht in den 
Rücken fallen und ihm die alleinige Entscheidung überlassen. 

»Ich habe einen Weißen dort unten im Lager erkannt. Ich 

nenne ihn den Falken. Von seinen weißen Brüdern wird er 
John Haggerty genannt. Er ist ein Mann, der den Apachen 
zugetan ist, obwohl er auf der anderen Seite steht. Noch weiß 
ich nicht, was den Falken zu den Hellhäutigen geführt hat. Ich 
möchte es herausfinden. Vielleicht kann er die Siedler 
bewegen, unser Land zu verlassen.« 

Der Mimbrenjo und auch Ulzana zogen grimmige Gesichter. 

Sie sahen keinen Sinn darin, mit jenen Frieden zu schließen, 
die ihnen ihre Heimat raubten und die Indianer vertreiben oder 
ausrotten wollten. Sie dachten nur an Skalps und reichliche 
Beute. 

Naiches Gesicht blieb unbewegt. Er wußte von der Art 

Haßliebe zwischen Cochise und dem Scout. Vor geraumer Zeit 
hatte Haggerty das Leben von Cochises Schwester Tla-ina, 
oder Sanfter Wind, wie sie von den Weißen genannt wurde, 

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gerettet. 

Immer wieder waren sich Cochise und der Scout in den 

letzten Monaten begegnet. John Haggerty hatte auch den 
Vertrag zwischen General Howard und dem Apachen-Chief 
vermittelt. 

Victorio sagte: »Worte können dich nicht von deinem Plan 

abbringen, Cochise. Das weiß ich. Also sprich mit dem 
Bleichgesicht. Er wird dir nicht helfen wollen, denn auch er ist 
nicht besser als die anderen weißen Kojoten. Soll ich mit dir 
kommen?« 

»Naiche wird mich begleiten«, erwiderte Cochise. 
Sein Sohn nickte und ließ sich die Freude über diesen 

Vertrauensbeweis seines Vaters nicht anmerken. 

»Die weißen Hunde werden euch töten«, rief der 

gnomenhafte Ulzana und fuchtelte mit den Armen herum. 

Cochise lächelte. »Dieses Risiko werden Naiche und ich 

eingehen. Sollten sie uns wirklich umbringen, dann werdet ihr 
uns rächen, meine Brüder.« 

Damit war für den Jefe der Chiricahuas das Palaver beendet. 

Er starrte in die Nacht, die sich längst wie ein schützender 
Mantel über das Felsplateau gelegt hatte. 

Der Häuptling erhob sich und trat an den Rand der 

Felsenklippe. Unter sich sah er die zusammengefahrenen 
Wagen der Siedler. Im weiten Umkreis brannten hell lodernde 
Feuer, die an die glühenden Augen von Riesen erinnerten. 

Sie haben Angst vor einem Überfall, dachte Cochise. 

Vielleicht wird doch noch alles gut. 

Tief in seinem Herzen aber spürte der Apache, daß der 

Kampf immer näher rückte und wohl unvermeidbar war. 

Er dachte auch an den Scout, den er den Falken nannte. Er 

schätzte diesen Mann, von dem er wußte, daß er gerecht war 
und – wie Cochise – den Frieden wollte. 

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»Wie willst du vorgehen, Haggerty?« fragte Wyatt Earp 
interessiert und sah den sympathischen Mann an. Auch Hank 
Coolidge wartete neugierig auf eine Erklärung des Scouts. 

»Es ist eine fast unlösbare Aufgabe«, sagte John Haggerty 

mit ruhiger Stimme. »Ich muß ein wenig auf meinen guten 
Stern vertrauen. Cochise und einige seiner Krieger kennen 
mich. Es kommt nun darauf an, ob sie zuerst schießen und 
dann erst fragen.« 

Die zuckenden Flammen eines Lagerfeuers beleuchteten die 

Gesichter der drei Männer. Bizarre Schatten gaukelten durch 
die Nacht. Vor der Wagenburg glühten viele Lagerfeuer. 
Wachtposten patrouillierten. Sonst herrschte Ruhe im Lager 
der Schollenbrecher. 

»Drückt mir die Daumen, Leute«, sagte Haggerty noch, 

bevor er sich in Bewegung setzte. Er sprang in den Sattel 
seines Hengstes und trieb ihn mit einigen Zurufen an. 

Noch einmal wurde der Reiter vom Lichtschein eines der 

Lagerfeuer erfaßt, ehe ihn das Dunkel der Nacht verschlang. 
Die Hufschläge des Pferdes wurden leiser, verstummten dann. 

Nach einer knappen Meile zügelte John den Braunen. Er 

legte den Kopf in den Nacken und starrte zu dem Plateau 
empor, wo am Nachmittag die vier Indianer zu sehen gewesen 
waren. 

Dort rührte sich nichts. Haggerty hatte auch nicht damit 

gerechnet, Cochise konnte überall sein. 

Der Scout sah sich um. Das Gefühl einer drohenden Gefahr 

breitete sich in seinem Innern aus. Und dieses mehr instinktive 
Gefühl hatte John Haggerty schon mehr als einmal das Leben 
gerettet. 

Er glitt aus dem Sattel und zog sein Pferd hinter einen 

Felsbrocken, der ihm Deckung bot. 

Das Heulen eines Wolfes durchschnitt die Stille. Ein anderer 

Lobo antwortete. Falls es wirklich Wölfe waren, dann befanden 
sie sich in Johns unmittelbarer Nähe. 

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John umklammerte seine Winchester fester. Er glaubte nicht 

an Wölfe. Es mußten Apachen sein, die durch die Finsternis 
schlichen und sich auf diese Weise verständigten. Bestimmt 
hatten sie den Reiter längst entdeckt und pirschten sich nun auf 
lautlosen Mokassins heran. 

Der Braune schnaubte unruhig. Er schien die sich nähernden 

Indianer bereits gewittert zu haben. 

John Haggerty sah ein, daß so sein Plan niemals aufgehen 

konnte. Die Apachen würden über ihn herfallen, ehe er sich mit 
ihnen in Verbindung setzen konnte. 

Die indianischen Späher mußten den Auftrag haben, jeden 

der weißen Eindringlinge, der sich mehr als eine Meile von der 
Wagenburg entfernte, zu töten. 

Haggertys Pferd blähte die Nüstern und scharrte mit dem 

rechten Vorderhuf. 

Der Scout steckte bis über beide Ohren in der Klemme. 

Wenn er von den Indianern angegriffen wurde, mußte er sich 
verteidigen. Dann gab es auf beiden Seiten unnötige Opfer. 
Dies alles konnte nicht dazu beitragen, den Frieden zu erhalten. 

Wieder heulte ein Wolf. John Haggerty starrte aus 

zusammengekniffenen Augen in die Dunkelheit, die nur vom 
blassen Schimmer der fernen Sterne ein wenig erhellt wurde. 
Der Mond verbarg sich noch hinter den Berggipfeln. 

Der Scout konnte niemanden entdecken. Es waren auch 

keine verdächtigen Geräusche zu vernehmen. Zu gut wußte er 
aber, daß man Apachen erst sah, wenn sie selbst gesehen 
werden wollten. 

John schlich eine Steinwurfweite zur Seite und hielt sich 

immer in Deckung. Dann kauerte er sich in einer Bodenmulde 
nieder. Das Scharren des Hengstes drang an seine Ohren. 

Auch die Apachen mußten das Schnauben des Tieres 

vernehmen. Der Scout hoffte, daß sich die Chiricahuas an den 
Braunen heranschlichen. 

Sekunden vergingen, die John endlos lange erschienen. 

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Ein leises Geräusch ließ John Haggerty blitzschnell 

reagieren. Er rollte sich herum und entging so dem 
niedersausenden Tomahawk des hinter ihm aufgetauchten 
Apachen. 

Der Indianer schoß, vom eigenen Schwung getrieben, an dem 

Scout vorbei und knurrte vor Enttäuschung, da sein Hieb mit 
dem Kriegsbeil den Gegner verfehlt hatte. 

Haggerty holte mit seinem Gewehr aus und schlug zu. Der 

Winchesterlauf traf den Apachen am Schädel. Er drehte sich 
taumelnd und brach dann wie vom Blitz gefällt zusammen. 

Johns Atem ging nun schneller. Er mußte sich eingestehen, 

daß der Trick mit seinem Pferd nicht geklappt hatte. Bestimmt 
schlichen bereits weitere indianische Späher heran. 

Er mußte diese Stelle so schnell wie möglich verlassen, 

wollte er nicht sein Leben verlieren. 

Er robbte zu seinem Pferd zurück. Einige Schritte vor dem 

braunen Hengst wuchs ein gedrungener Körper aus einer 
Bodenmulde hervor und sprang den Chiefscout an. 

Ein Messer blitzte in der Faust des Apachen. Haggerty 

gelang es, das Handgelenk des Kriegers zu packen. Dicht vor 
seiner Brust fing er die breite Klinge des Büffelmessers ab. 

John riß sein Knie hoch und traf den Gegner empfindlich. 

Der knickte mit dem Oberkörper ein. Der Scout rammte dann 
seine Rechte gegen das Kinn des Indianers, der aufstöhnte und 
zu Boden stürzte. 

Der Scout warf einen lauernden Blick in die Runde. 
Er sah sie kommen. Es waren mehr als zehn Krieger, die mit 

der Geschmeidigkeit von Wüstenwölfen heranstürmten und 
Messer und Tomahawks schwangen. 

John Haggerty wußte, daß ihm keine andere Chance blieb, 

als zu fliehen oder auf die anstürmenden Apachen-Krieger zu 
schießen. Er entschloß sich zur Flucht. 

Noch hatte er keinen der Indianer getötet. Noch war kein 

Blut geflossen, was den Konflikt mit Cochise ausgeweitet 

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hätte. 

John Haggerty sprang mit einem Satz in den Sattel seines 

Pferdes und trieb es mit einem wilden Schrei an. Der Hengst 
fiel schon nach wenigen Yards in einen gestreckten Galopp. 

Ein Tomahawk verfehlte nur knapp den Kopf des Scouts. Ein 

Messer bohrte sich in seine rechte Satteltasche. Dann 
vergrößerte sich der Abstand zwischen den Angreifern und 
dem Flüchtenden. 

Haggertys Mission war gescheitert. Es war ihm nicht 

gelungen, den Ring der Späher zu durchbrechen, den die 
Apachen um den Siedlertreck gelegt hatten. 

Bald schon sah John die lodernden Feuer, die vor der 

Wagenburg die Nacht in begrenztem Umkreis erhellten. Er 
blickte sich im Sattel um, konnte jedoch keine Verfolger 
entdecken. 

Er ließ es langsamer angehen und ritt dann nur noch im 

Schritt, als er sich einem der Feuer näherte. Haggerty hob beide 
Arme in die Höhe, um zu zeigen, daß niemand auf ihn schießen 
sollte. 

Hoffentlich hat keiner der Wächter einen nervösen 

Zeigefinger, dachte der Scout, der sich plötzlich wie auf einem 
Präsentierteller fühlte. 

»Ich bin's, Haggerty!« 
Sein Ruf verhallte. John ritt gemächlich weiter. Mit 

Sicherheit waren nun einige Gewehrmündungen auf ihn 
gerichtet. Wenige Yards vor den ersten Conestogas glitt John 
aus dem Sattel. 

Schritte waren zu hören. 
Wyatt Earp und Hank Coolidge schälten sich aus dem 

Schatten eines Treckwagens. Sie senkten die Läufe ihrer 
Gewehre, als sie sich völlig sicher waren, auch den Scout vor 
sich zu haben. 

»Sitzt dein Skalp noch fest?« fragte Coolidge. 
John Haggertys Lächeln wirkte gekünstelt. Er nahm seinen 

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Hut ab und fuhr sich durch sein dichtes Haar. 

»Viel hätte nicht gefehlt, dann wäre ich wirklich meinen 

Skalp losgeworden. Ich habe es nicht geschafft. Es sind über 
ein Dutzend Apachen um den Siedlertreck verteilt. Sie griffen 
mich an. Zwei von ihnen konnte ich niederschlagen. Dann bin 
ich geflohen, denn sonst hätte es Tote gegeben. Und das hätte 
Cochise uns nicht verziehen.« 

Wyatt Earp nickte bedächtig. 
»Es ist schon so, wie ich gesagt habe, Haggerty. Hier kommt 

keiner mehr raus oder rein. Wir sitzen in der Falle.« 

»Ich werde bei Tageslicht noch mal versuchen, an Cochise 

heranzukommen«, sagte John. »Es war wirklich ein Fehler, es 
in der Dunkelheit zu wagen. Die Indianer erkannten mich 
nicht. Ich werde morgen mein Glück erneut versuchen.« 

Hank Coolidge winkte ab. 
»Das bringt auch nicht viel ein, Haggerty. Ich schätze, die 

Apachen werden im Morgengrauen über uns herfallen. Dann 
aber wird es Tote geben. Ich glaube auch nicht, daß Cochise 
auf dich hören wird. Schließlich haben wir seine Geduld 
überstrapaziert.« 

John Haggerty nickte. Er folgte den beiden Männern ins 

Innere der Wagenburg. In der Nähe eines Lagerfeuers ließen 
sich die drei Männer nieder. 

Bald hielt der Scout einen Becher mit dampfendem Kaffee in 

seinen Händen. Auch er hatte nun alle Hoffnung aufgegeben. 

Mit großer Wahrscheinlichkeit griffen die Apachen im ersten 

Tageslicht den Siedlertreck an, um die weißen Eindringlinge 
vernichtend zu schlagen. 

Der Ruf eines jagenden Nachtfalken durchschnitt die 
nächtliche Stille. Es dauerte nur Sekunden, ehe der Schrei des 
Falken, nur eine kurze Distanz von Cochise und Naiche 

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entfernt, erwidert wurde. 

Der Chiricahua-Chief und sein Sohn warteten geduldig. 

Dann tauchten zwei Apachen auf, die lautlos heranglitten und 
dann vor Naiche und Cochise stehenblieben. 

Einer der Krieger nickte seinem Jefe zu. 
»Ein Bleichgesicht wollte die fahrende Schlange verlassen. 

Er schlug zwei unserer Krieger nieder und ergriff dann die 
Flucht, als wir ihn fast gestellt hatten. Der Weißhäutige ist 
wieder zu seinen Gefährten zurückgeritten.« 

Cochises Gesicht zeigte keine Regung. 
»Könnt ihr mir das Bleichgesicht beschreiben?« 
Schwarzer Wolf tat es, jedoch ziemlich vage. Trotzdem 

konnten Cochise und Naiche sich denken, daß es nur der Falke 
gewesen sein konnte, der den Wagentreck verlassen wollte. 

»Er ist in die falsche Richtung geritten«, sagte Naiche und 

sah seinen Vater fragend an. 

»Vielleicht wollte er zu mir, mein Sohn. Der Falke versuchte 

wohl, sich mit mir in Verbindung zu setzen. Er will sicher mit 
mir verhandeln. Aus diesem Grund hat er unsere Krieger auch 
nur niedergeschlagen und nicht getötet.« 

Schweigen herrschte nach diesen Worten. Cochise blickte 

zur Wagenburg hinüber, die sich ungefähr eine Meile entfernt 
befand und deren flackernde Wachfeuer gut zu sehen waren. 

»Bist du bereit, mein Sohn?« 
»Ich bin bereit, mein Vater«, antwortete Naiche. 
Cochise blickte Schwarzer Wolf und Donnervogel ernst an. 

Dann sagte der Häuptling der Chiricahuas: »Mein Sohn und ich 
werden ins Lager der Bleichgesichter schleichen. Ich will mit 
dem Weißen verhandeln, den wir den Falken nennen. Sollte 
mir und meinem Sohn etwas geschehen, dann wird Victorio 
euch führen.« 

Schwarzer Wolf und Donnervogel senkten die Köpfe. Sie 

bewunderten den Mut ihres Anführers und den seines Sohnes. 

Cochise und Naiche schlichen los. In ihren Gürteln steckten 

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nur Messer und Tomahawk. Bald verloren sie sich in der 
Dunkelheit und näherten sich vorsichtig der Wagenburg. 

Cochise kroch über den sandigen Boden. Naiche folgte ihm in 
kurzem Abstand. Yard um Yard robbten sich die beiden 
Apachen an die Fahrzeuge heran. 

Sie hielten auf die Mitte zwischen zwei Feuern zu. Wächter 

konnte Cochise nicht entdecken. Ihm war aber klar, daß sie 
irgendwo lauerten. 

Zuerst galt es, die Lagerfeuer hinter sich zu bringen. Dann 

erst konnten sie versuchen, in die Wagenburg einzudringen. 
Cochise wußte, daß diese Aufgabe nicht leicht war. 

Er wollte möglichst ungesehen zu John Haggerty gelangen, 

um von vornherein jegliche Mißverständnisse auszuschließen. 
Den anderen Bleichgesichtern traute er nicht. Wenn einer von 
ihnen die Nerven verlor und schoß, dann war der Krieg nicht 
mehr aufzuhalten. 

Der Häuptling kroch weiter. Seine Kleidung hob sich kaum 

von der Umgebung ab. Der Atem des Apachen-Chiefs ging 
gleichmäßig. Einmal blieb er liegen und sah sich nach seinem 
Sohn um, der mehrmals nickte, um seinem Vater zu zeigen, 
daß alles in Ordnung war. 

Sie setzten sich wieder in Bewegung, näherten sich dem 

Schein des Wachfeuers. Nun wurde es kritisch. Cochise 
vertraute aber ein wenig auf sein Glück und auch auf die 
Blindheit, mit denen die Bleichgesichter meistens geschlagen 
waren. 

Minuten vergingen. Zoll für Zoll schoben sich die beiden 

Apachen vorwärts. Cochise fühlte Erleichterung, als er und 
Naiche endlich den Gefahrenkreis hinter sich gelassen hatten. 

Die Dunkelheit hüllte die beiden Indianer wieder ein. Sie 

krochen auf einen Conestogawagen zu. 

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Nun wurde es wieder brenzlig. Vielleicht lagen dort 

schlafende Weißhäutige. Es konnte auch sein, daß Wächter 
dort kauerten. 

Naiche schloß zu seinem Vater auf. 
Fünf Pferdelängen vor dem Conestoga blieben die beiden 

Apachen reglos liegen. Scharfäugig blickten sie zum Wagen 
hinüber. 

Hinter ihnen knisterten die Flammen. Sie sahen auch im 

Innern der Wagenburg ein Feuer. 

Cochise nickte seinem Sohn zu. 
In der Nähe des Conestogas schien sich niemand 

aufzuhalten. Wenigstens konnten die beiden Chiricahuas 
niemanden entdecken. Schon bald lagen sie unter dem Wagen. 

Cochise lächelte verhalten, als er das zufriedene Gesicht 

seines Sohnes sah. Es war eine besondere Leistung, sich 
unbemerkt unter einen der Wagen geschlichen zu haben. 

Die beiden Apachen gaben keinen Mucks von sich, denn es 

näherten sich Schritte. Sie sahen die Stiefel eines Mannes, der 
neben einem der Wagenräder stehenblieb. Der Wächter schien 
zu gähnen und setzte dann seinen Kontrollgang fort. 

Cochise blickte zu dem flackernden Lagerfeuer hinüber, an 

dem drei Männer saßen und sich leise unterhielten. Die anderen 
Siedler schienen zu schlafen. Hin und wieder waren die 
Schritte der Wachtposten zu hören, die ihre Runden drehten. 

Naiche sah seinen Vater an. Der legte einen Finger vor seine 

Lippen und kroch dann langsam unter dem Wagen hervor. 

Sein Ziel war das Lagerfeuer. 
Längst hatte Cochise gesehen, daß einer der drei Männer 

drüben der Falke war. 

Und er mußte mit dem Scout verhandeln, um vielleicht doch 

noch das große Blutvergießen verhindern zu können. 

Naiche folgte seinem Vater. Geräuschlos wie Schlangen 

glitten sie auf das Feuer zu. Die drei Weißen bemerkten nichts 
davon. Gedankenversunken saßen sie dort und starrten in die 

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Glut. 

Ein leichter Wind wehte von den Bergen. Irgendwo flatterte 

eine lose Wagenplane. Pferde schnaubten und wieherten. Das 
Muhen der Ochsengespanne war zu vernehmen. 

Aus einem Murphywagen drang das Weinen eines Kindes, 

das gleich darauf von der besorgten Mutter beruhigt wurde. 

Cochise und Naiche hatten sich inzwischen dem Feuer bis 

auf wenige Yards genähert. Der Jefe zog sein Kriegsbeil aus 
dem Gürtel. Gleich darauf hielt auch Naiche den Tomahawk in 
den Händen. 

Der Chiricahua-Häuptling nickte seinem Sohn kurz zu. Die 

beiden Apachen wollten urplötzlich vor den drei 
Bleichgesichtern auftauchen. Die Schrecksekunden lähmten 
dann vermutlich die Hellhäutigen. So war es schon immer 
gewesen, wenn ein Apache unversehens vor einem 
Bleichgesicht aus dem Boden zu wachsen schien. 

Cochise und Naiche erreichten die Stelle, wo der 

Flammenschein die ersten Lichtreflexe auf den sandigen Boden 
zauberte. 

Die beiden Apachen sprangen gleichzeitig in die Höhe. Der 

flackernde Schein des Lagerfeuers spiegelte gespenstisch auf 
ihren Gesichtern. So standen sie da und hielten ihre 
Tomahawks in den erhobenen Fäusten. 

John Haggerty, Wyatt Earp und Hank Coolidge zuckten 

zusammen, blieben aber angespannt sitzen. 

Die Männer starrten auf die Streitäxte und glaubten, daß ihr 

letztes Stündlein geschlagen hatte. 

Hank Coolidge stöhnte: »Großer Gott, das Kriegsbeil 

Luzifers!« 

Cochise streckte gebieterisch den rechten Arm aus. Wild und 
verwegen wirkte die imponierende Gestalt. 

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Die drei Bleichgesichter saßen noch immer wie versteinert 

und wagten nicht, sich zu bewegen. 

Die Überraschung war perfekt. Damit hatte nicht einmal 

John Haggerty gerechnet, daß Cochise inmitten der 
gutbewachten Wagenburg zusammen mit seinem Sohn 
aufzutauchen wagte. 

»Ich bin Cochise!« sagte der Häuptling. »Mein Sohn und ich 

sind als Freunde gekommen. Wir möchten mit den 
Bleichgesichtern nochmals verhandeln.« 

Cochise und Naiche senkten die Hände mit den Kriegsbeilen. 

Sie warteten auf eine Entgegnung. 

Im roten Feuerschein wirkten die beiden Apachen wie 

Sendboten aus einer fremden Welt. 

John Haggerty überwand als erster seine Überraschung. Er 

erhob sich und trat auf Cochise zu. Nur wenige Schritte vor 
dem Jefe blieb er stehen und hob eine Hand zum Gruß. 

Die beiden Männer sahen sich an. Ihre Blicke tauchten 

ineinander. John Haggerty bewunderte wieder einmal den 
Löwenmut dieses legendären Apachen. Der Scout las den 
tiefen Ernst in den Augen Cochises. 

»Werdet ihr mit uns verhandeln?« fragte der Häuptling mit 

eindringlicher Stimme. 

John Haggerty nickte. 
»Ich freue mich, dich zu sehen, Cochise«, antwortete er 

lächelnd. »Du nimmst mir eine große Sorge ab. Noch vor 
ungefähr einer Stunde versuchte ich, zu dir zu gelangen. Deine 
Krieger griffen mich an. So hatte ich keine andere Wahl, als 
wieder umzukehren, denn sonst hätten mich deine tapferen 
Krieger getötet.« 

Nun lächelte auch Cochise. 
»Ich habe davon gehört, Falke. Vielleicht hätten dich meine 

roten Brüder getötet. Du aber hättest viele von ihnen in die 
Ewigen Jagdgründe mitgenommen.« 

Cochise schien bereits über alles informiert zu sein. 

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Der Scout sah sich nach Wyatt Earp und Hank Coolidge um. 

Die beiden Männer hatten nun auch ihren Schock überwunden 
und flüsterten sich etwas zu. 

Haggerty nickte Naiche zu, dessen Gesicht aber unbewegt 

blieb. Nur in seinen dunklen Augen funkelte es. 

»Du willst also verhandeln, Cochise. Das ehrt dich, großer 

Häuptling. Ich glaube auch, daß es besser ist, nochmals 
miteinander zu sprechen, als sich gegenseitig umzubringen.« 

Cochise entspannte sich leicht, als er die Worte vernahm. Er 

blickte an Haggerty vorbei. Der Scout wandte sich um und sah 
einige Wachtposten, die langsam herankamen und ihre 
Gewehre auf die zwei Apachen gerichtet hielten. 

»Zurück!« rief John Haggerty. »Geht wieder auf eure Plätze, 

Leute! Cochise und sein Sohn sind in Frieden gekommen. Sie 
wollen verhandeln, deshalb wird ihnen kein Haar gekrümmt. 
Ist das klar?« 

Die Schritte der Männer stockten. Zögernd senkten sie die 

Gewehrläufe. 

Hank Coolidge erhob sich. Sein Gesicht war zu einer 

Grimasse verzogen. Wyatt Earp trat neben ihn. Die Hände der 
beiden Männer schwebten über den Griffen ihrer Revolver. 

Der Chiefscout schüttelte den Kopf. 
»Das gilt auch für euch beide!« rief er. »Cochise und sein 

Sohn sind Parlamentäre, die mit uns sprechen wollen. Laßt sie 
in Frieden und zerstört nicht alles, bevor wir zu einer Lösung 
gelangt sind.« 

Der Scout wandte sich Earp und Coolidge zu. Er deckte mit 

seinem Körper die Apachen, die unbeweglich dastanden, aber 
die beiden Männer im Auge behielten. 

»Wir werden uns die beiden Indsmen schnappen«, fauchte 

der Treckführer. »Wenn wir sie als Geisel nehmen, nützen sie 
uns 'ne ganze Menge. Ihre roten Blutsbrüder werden es dann 
nicht wagen, uns anzugreifen.« 

»Unsinn, Coolidge! Laßt die Waffen stecken, sonst seid ihr 

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schneller tot, als ihr amen sagen könnt!« 

Earp grinste. Für ihn schien es an der Zeit zu sein, etwas für 

die Siedler zu tun, um sich die ihm in Aussicht gestellte Prämie 
zu verdienen. 

Der Mann, der später mal einen legendären Ruf bekommen 

sollte, sprang blitzschnell zur Seite und zog seinen Colt. Ehe er 
aber den Lauf wie einen ausgestreckten Zeigefinger auf 
Cochise richten konnte, wirbelte dessen Tomahawk durch die 
Luft. 

Die stumpfe Seite des Beils traf ihn an der Schulter und 

schleuderte ihn zu Boden, wo er sich nicht mehr rührte. 

Auch Hank Coolidge war nicht untätig geblieben. Er 

versuchte ebenfalls, seinen Revolver zu ziehen. 

Das mißlang kläglich. 
Naiche schleuderte ebenfalls seinen Tomahawk mit 

meisterlicher Präzision. Coolidge kippte wie ein getroffener 
Büffel um und blieb reglos neben Wyatt Earp liegen. 

John Haggerty wußte, daß die beiden nur betäubt waren. 

Cochise und Naiche hatten keine andere Möglichkeit gesehen, 
als auf diese Weise ihr Leben zu schützen. 

Der Armee-Scout stand noch immer vor den Apachen und 

breitete nun die Arme aus. 

»Geht zurück auf eure Plätze, Leute!« rief er. »Es ist nichts 

Schlimmes passiert. Der Gunner und euer Treckführer sind nur 
bewußtlos. Sie hätten nicht nach den Waffen greifen sollen. 
Wenn auch nur ein Schuß fällt, wird es hier nur so von 
Indianern wimmeln. Dann haben wir ausgelebt. Glaubt nur 
nicht, daß Cochise nicht vorgesorgt hat.« 

Diese Worte wirkten. 
Die Männer der Schutzmannschaft und auch einige Siedler 

wandten sich ab und verschwanden aus dem Feuerschein. 

»Ich danke dir für deine Worte, Falke«, sagte der Häuptling 

und deutete auf die beiden Bewußtlosen. 

»Mein Sohn und ich waren gezwungen, uns zu wehren. Wir 

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hätten sie auch töten können, doch das wollten wir nicht.« 

John nickte mehrmals. 
»Wollt ihr euch nicht setzen? Darf ich euch etwas anbieten?« 
Cochise und Naiche schüttelten die Köpfe, ehe sie sich im 

Schneidersitz niederließen. 

Der Chiefscout ging zuerst zu Wyatt Earp und dann zu 

Coolidge. Sie waren tatsächlich nur bewußtlos. An ihren 
Schädeln wuchsen taubeneigroße Beulen. 

John brachte den Indianern die Kriegsbeile zurück, die sie 

hinter die Gürtel schoben. 

Haggerty ließ seine Blicke durch die Wagenburg wandern, 

die außerhalb des Feuerscheins im Dunkel lag, Er ahnte, daß 
viele Augenpaare jede seiner Bewegungen verfolgten. 

Er konnte sich vorstellen, daß kaum einer der Siedler noch 

schlief. Vielen von ihnen lief es bestimmt kalt über den 
Rücken. Mit dem plötzlichen Auftauchen der Apachen hatte 
keiner gerechnet. 

»Haben Sie neue Nachrichten von dem Wagenzug?« fragte 
General Oliver Otis Howard. Der Offizier erhob sich hinter 
seinem Schreibtisch und blickte Colonel Richards an. 

»Keine Nachrichten, Sir«, antwortete Richards. »Wenn Sie 

wollen, dann schicke ich einen unserer anderen Scouts zum 
Treck.« 

Howard winkte ab. 
»Nein, so war es nicht gemeint. Haggerty wird es schon 

schaffen, obwohl es eine verdammt schwere Aufgabe ist.« 

»Das können Sie laut sagen, Sir. Ich bin bei Gott kein 

Feigling, doch ich würde mich in Haggertys Haut nicht wohl 
fühlen.« 

Oliver Howard lächelte. 
»Ich glaube sogar, auch Haggerty fühlt sich nicht besonders 

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wohl. Die Indsmen sind eben unberechenbar.« 

»Das ist eben so ihre Art«, sagte der Colonel. Er blickte auf 

Howard, der hin und her wanderte. Richards erkannte die tiefe 
Unruhe, die den General bewegte. 

»Haggerty wird es schon schaffen. Er ist unser bester Scout. 

Außerdem kennt er Cochise. Der Auftrag liegt bei ihm in guten 
Händen.« 

General Howard blieb stehen. 
»Sie wollen mich wohl beruhigen?« fragte er. 
Der Colonel zuckte mit den Achseln und zupfte dann an 

seinem Schnurrbart. 

»Vielleicht machen wir uns wirklich zu große Sorgen, Sir. 

Ich schätze Cochise als einen sehr vernünftigen Mann ein. 
Natürlich spielt auch er hin und wieder mit dem Feuer.« 

Schritte ertönten. Ein Sergeant trat ein, riß die Hacken 

zusammen und salutierte. 

Howard nickte ihm zu. 
»Was gibt's, Sergeant?« 
»Der Scout Hal Warner möchte Sie sprechen, Sir.« 
»Schicken Sie ihn herein.« 
Man sah dem hager wirkenden Mann an, daß er einen harten 

Ritt hinter sich hatte. Seine Augen lagen vor Müdigkeit tief in 
den Höhlen. Die Kleidung war mit einer dichten Staubschicht 
überzogen. 

General Oliver Howard sah ihn fragend an. 
»Ich habe eine Fährte entdeckt, die auf die Galiuro 

Mountains zuführt, Sir. Es waren mehr als siebzig 
unbeschlagene Mustangs. Die genaue Zahl konnte ich nicht 
feststellen.« 

»Indianer, nicht wahr?« 
Hal Warner nickte. 
»Ohne Zweifel, Sir. Ich habe die Fährte nur wenige Meilen 

verfolgt und kann nicht sagen, zu welchem Stamm die 
Apachen gehörten.« 

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»Wie alt sind die Hufspuren gewesen?« 
»Sie waren noch sehr frisch. Höchstens sieben oder acht 

Stunden alt, Sir.« 

»Stehen Sie bequem, Warner. Könnten es Mimbrenjo-

Apachen gewesen sein?« 

Hal Warner fuhr sich über sein stoppelbärtiges Gesicht und 

unterdrückte nur mit Mühe ein Gähnen. 

»Die Frage kann ich nicht mit Sicherheit beantworten, 

General. Die Möglichkeit besteht natürlich, daß es Krieger von 
Victorio waren, die in Richtung der Galiuro-Berge geritten 
sind.« 

Oliver Otis Howard hatte kaum mit einer anderen Antwort 

gerechnet. Tiefe Falten furchten seine Stirn. 

»Wie sieht die Lage an der Indianerfront im allgemeinen 

aus?« fragte er dann schleppend. 

»Am Apachen-Paß ist alles ruhig, Sir. Auch sonst haben sich 

die Apachen friedlich verhalten. Es scheint so, als 
konzentrierten sich alle Krieger auf den Wagentreck.« 

Howard nickte. 
»Danke, Mr. Warner. Ruhen Sie sich nun aus, denn Sie 

haben eine längere Pause verdient. Bitte, bleiben Sie aber in 
der Nähe, falls ich Sie für einen weiteren Einsatz benötige.« 

»Das geht in Ordnung, Sir«, sagte Hal Warner, grüßte und 

verließ das Zimmer. 

General Howard und Colonel Richards sahen sich an. Der 

einarmige General nahm wieder seine ruhelose Wanderung auf. 
Er wirkte wie ein gereizter Tiger. 

»Nun haben wir die Bescherung«, stieß Howard hervor. 

»Victorio und seine Mimbrenjos kaufen sich jetzt ebenfalls in 
dieses Spiel mit ein. Das wird eine große Verstärkung für die 
Chiricahuas bedeuten, Colonel. Und dies wiederum bedeutet, 
daß der Wagentreck verloren sein wird, wenn die Apachen 
angreifen.« 

Richards nickte. 

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»Es war zu erwarten, daß Cochise seine Vettern zu Hilfe ruft. 

Victorio will ein mächtiger Häuptling werden. Dazu benötigt er 
nun mal viele Siege und noch mehr Skalps. Er war es auch, der 
in den letzten Monaten immer wieder den Vertrag zwischen 
mir und Cochise sabotierte. Wenn es nach Victorio ginge, dann 
würde das ganze Land erneut in Flammen stehen.« 

Howard setzte sich hinter seinen Schreibtisch. Was Richards 

gesagt hatte, bedeutete nichts Neues für den General. 

»Es bleibt uns nichts anderes übrig, als auf Haggertys 

Verhandlungskunst zu vertrauen.« 

Colonel Richards trat dicht an den Schreibtisch und stützte 

beide Hände schwer auf. 

»Vielleicht sollten wir doch mit allen Eventualitäten rechnen, 

Sir«, sagte er ernst. 

General Oliver O. Howard hob den Kopf. 
»Sie möchten den Siedlern helfen?« 
»Ich sehe keine andere Möglichkeit, Sir, wenn Haggertys 

Mission scheitern sollte. Wir können es nicht zulassen, daß 
über hundert Weiße ihr Leben verlieren.« 

Howards Gesicht verzog sich, als hätte er in eine Zitrone 

gebissen. Er erhob sich. 

»Wir haben kaum Soldaten, Colonel. Ich kann nicht zaubern. 

Sie wissen genau, wie unterbesetzt wir sind. Und das 
Oberkommando meint, daß unsere Leute ausreichen.« 

Richards überlegte kurz. 
»Vielleicht könnten wir drei Züge Kavallerie freistellen. Das 

wären zweiundsiebzig gut ausgebildete Soldaten. Sie könnten 
die Entscheidungen zugunsten der weißen Siedler bringen.« 

»Damit brechen wir den Vertrag mit Cochise.« 
»Unsere Soldaten werden eine abschreckende Wirkung auf 

die Apachen ausüben, Sir.« 

General Howard lächelte spöttisch. 
»Täuschen Sie sich da nicht, Colonel? Sie kennen die 

Apachen. Und die fürchten sich nicht. In Ordnung, Colonel, ich 

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werde mir Ihren Vorschlag durch den Kopf gehen lassen. 
Zuerst müssen wir jedoch abwarten, was John Haggerty 
erreicht. Irgendwie wird er uns informieren. Dann sehen wir 
weiter.« 

Richards sah die Unterredung mit dem General als beendet 

an. Er grüßte und verließ den Raum, ließ einen nachdenklich 
gewordenen General zurück, der nun die ganze Last der 
Verantwortung auf seinen Schultern zu tragen hatte. 

Das Lagerfeuer knisterte. Bizarre Schatten spielten auf den 
Gesichtern von Cochise, Naiche und John Haggerty. 

Wyatt Earp und Hank Coolidge lagen noch immer bewußtlos 

am Boden und blieben wohl auch noch einige Minuten im 
Reich der Träume. Die übrigen Männer der Schutzmannschaft 
und auch die Siedler hielten sich bei den Conestogas und 
Murphys auf. 

Natürlich ließen sie die drei am Lagerfeuer keine Sekunde 

aus den Augen. Und manch einer hielt sein Gewehr auf die 
beiden Apachen gerichtet. 

»Die weißen Männer sind so stur und so dumm wie die 

Büffel, die früher die weiten Ebenen bevölkerten«, begann 
Cochise mit ruhiger Stimme. »Ich habe mit diesem Mann dort 
vor einigen Tagen gesprochen und ihn gewarnt, den Weg 
weiter durch das Land der Apachen zu nehmen.« 

Der Häuptling der Chiricahuas deutete auf Hank Coolidge. 
»Er verlachte und verspottete mich und trotzte meiner 

Warnung. Nun ist mein Herz schwer geworden, Falke. Viele 
tapfere Männer müssen sterben, wenn die fahrende Schlange 
weiterzieht. Mein Herz wird sich aber in einen Stein 
verwandeln, wenn die hellhäutigen Eindringlinge keine 
Vernunft annehmen.« 

John Haggerty nickte. 

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»Auch ich bin in großer Sorge, Cochise«, sagte der 

Chiefscout. »Aus diesem Grunde kam ich hierher. General 
Howard schickt mich, um mit dir und meinen weißen Brüdern 
zu verhandeln.« 

»Und wenn wir zu keinem Ergebnis gelangen, dann wird der 

einarmige Blaurock-General seine Krieger schicken und damit 
den Vertrag brechen. So ist es doch?« 

Cochises Stimme vibrierte. Haggerty winkte ab. 
»General Howard will unter allen Umständen den Vertrag 

mit dir einhalten, Cochise. Wir müssen eine Lösung finden, die 
beiden Seiten gerecht wird.« 

Naiche bewegte sich unruhig neben seinem Vater. Cochise 

schüttelte fast unmerklich den Kopf, dann wandte er sich 
wieder an den Armee-Scout. 

»Dies ehrt den Jefe der Blauröcke. Er wird sich aber auf die 

Seite der Eindringlinge schlagen und sein Wort brechen, wie 
die Bleichgesichter schon immer wortbrüchig geworden sind. 
Wenn wir zu keiner Einigung kommen, wird er seine 
Langmesser heranführen, um uns zu drohen. Du solltest das 
wissen, daß die tapferen Krieger der Apachen keine Furcht 
kennen. Ich bin in das Lager gekommen, um dich zu bitten, mit 
dem weißen Anführer der Siedler nochmals zu sprechen. Ich 
gebe dir drei Tage Zeit, um ihn zur Umkehr zu bewegen. Dann 
will ich deine Antwort wissen, Falke. Sie wird über Krieg und 
Frieden entscheiden.« 

Cochises Worte verklangen. Er starrte in das langsam 

niederbrennende Feuer. 

»Ich habe verstanden, Häuptling«, sagte John Haggerty. 

»Drei Tage werden mir genügen, um nochmals auf Coolidge 
einzuwirken. Er weiß nun, daß deine Drohungen und 
Warnungen ernst gemeint waren. Ich hoffe von ganzem 
Herzen, ihn überzeugen zu können.« 

»Vielleicht spricht der Mann, den du den Falke nennst, mit 

gespaltener Zunge«, ließ sich Naiche vernehmen. »Du traust 

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ihm zu sehr, Vater. Er ist ein Bleichgesicht wie all die anderen. 
Sie haben alle nur zum Ziel, uns Indianer zu vernichten oder in 
Reservate zu sperren, wo wir elend sterben müßten.« 

So sprach Naiche zu seinem Vater. 
»Wir werden sehen, mein Sohn«, sagte der Häuptling der 

Chiricahuas. »In drei Tagen wissen wir mehr.« 

»Ich hoffe, du wirst dich dann bei mir entschuldigen, 

Naiche«, sagte John Haggerty. »Warten wir die drei Tage ab. 
Dann werden wir weitersehen. Dein Vater meint es ehrlich. 
Auch ich will den Frieden. Warum sonst wäre ich 
hierhergekommen?« 

Naiche antwortete nicht. Er saß kerzengerade da und blickte 

den Scout mit stoischem Gesichtsausdruck an. 

In diesem Moment vernahm John Haggerty ein Stöhnen 

hinter sich. Er drehte sich um. Es war Wyatt Earp, der sich 
schwach bewegte und wohl aus der Ohnmacht zu erwachen 
schien. 

Der Scout ahnte, daß neuer Ärger auf ihn wartete. 

John Haggerty hatte sich erhoben, trat neben den 
Revolvermann und kniete sich neben ihm nieder. 

Wyatt Earp öffnete die Augen und stöhnte schwer. In seinem 

Gesicht zuckte es. Seine rechte Hand tastete jene Stelle ab, wo 
ihn die stumpfe Seite des Kriegsbeils getroffen hatte. 

Dann ruckte sein Oberkörper plötzlich hoch. Das vorgereckte 

Kinn war hart und kantig. Wyatt starrte John Haggerty aus 
funkelnden Augen an, während seine Rechte zum Halfter griff. 

Der Revolvermann aus Tombstone wollte aufspringen, doch 

der Scout hielt ihn zurück. 

»Nur ruhig Blut, Earp. Du solltest verdammt froh sein, noch 

zu leben. Außer einer Beule und ein wenig Kopfschmerzen 
hast du nichts abgekriegt.« 

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Wyatt Earp schluckte mehrmals, räusperte sich und spuckte 

aus. Sein Blick suchte die beiden Apachen, die noch immer am 
Feuer saßen und auf die zuckenden Flammen starrten. 

»Ich werde diese beiden Teufel umbringen«, preßte er dann 

haßerfüllt hervor. Earp fixierte Hank Coolidge, der noch immer 
bewußtlos am Boden lag. 

»Ist er tot?« 
»Nur betäubt. Cochise und sein Sohn haben eure Leben 

geschont. Und wenn du lange genug nachdenkst, wirst du 
einsehen, daß die beiden nicht anders handeln konnten.« 

John Haggerty hatte das Gefühl, einem störrischen Maultier 

gut zuzureden. Er spürte den gnadenlosen Haß, der durch 
Wyatt Earps Körper pulsierte, und verstärkte den harten Griff. 

»Laß mich los!« fauchte Earp. 
»Nur wenn du vernünftig bleibst.« 
Wyatt Earps Körper entspannte sich leicht. Er wischte sich 

mit dem Handrücken über die Stirn. 

»Die Bastarde sollen verschwinden«, brummte er. 

»Haggerty, nun frage ich mich ernstlich, auf welcher Seite du 
stehst.« 

»Einer muß vernünftig bleiben, wenn ihr alle verrückt 

spielt«, entgegnete der Scout. »Dir hätte ich mehr Verstand 
zugetraut, Earp. Ich verstehe doch, daß Coolidge durchdrehte. 
Du hast aber zuerst zur Waffe gegriffen und den Treckführer 
noch dazu ermutigt. Ihr habt es nur Cochises Großmut zu 
verdanken, noch am Leben zu sein. Es ist kein Zufall, daß ihr 
nicht mit gespaltenen Schädeln hier am Boden liegt.« 

Der Revolvermann biß sich auf die Unterlippe. 
»Wenn du mich nicht sofort losläßt, Haggerty, dann werden 

wir uns prügeln.« 

Der Scout ließ den Arm von Earp los und erhob sich. Dabei 

griff er nach den am Boden liegenden Colt des 
Revolvermannes und schob ihn in seinen Hosenbund. 

»Gib mir die Waffe!« verlangte Wyatt Earp. 

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»Ich gebe sie dir später zurück. Und wenn du nicht die 

Klappe hältst, dann werden wir uns wirklich prügeln. Glaub 
mir, gegen meine Fäuste hast du keine Chance. Ohne Colt bist 
du nämlich hilflos wie ein junges Kalb, das sich in der Wildnis 
verirrt hat.« 

Wyatt fluchte lästerlich und blieb am Boden sitzen, während 

Haggerty nun zu Hank Coolidge trat, der ebenfalls aus seiner 
Bewußtlosigkeit erwachte, stöhnte und fluchte und die große 
Beule an seinem Schädel befühlte. 

Der Treckführer starrte Haggerty mit geweiteten Augen an. 

Angst war darin zu lesen. 

»Bist du etwa auch in der Hölle?« fragte Coolidge dann 

mißtrauisch. »Mein Schädel schmerzt, als hätte sich darin ein 
Hornissenschwarm angesiedelt.« 

»Das wird wieder vergehen, Coolidge«, sagte John Haggerty 

besänftigend. »Du bist dem Totengräber von der Schippe 
gesprungen. Es soll dir eine Warnung sein. Und nun verhalte 
dich ruhig.« 

Hank Coolidge sah nun die beiden Chiricahuas, die 

kerzengerade mit unbewegten Mienen am Feuer saßen. 

Coolidge schüttelte sich. Ihm wurde es mulmig zumute. 

Seine rechte Hand tastete erneut nach der Stelle, wo ihn das 
Kriegsbeil getroffen hatte. 

Er sank wieder auf den Rücken zurück. Schwer hob und 

senkte sich seine Brust. John Haggerty hoffte, daß der 
Treckführer sich friedlich verhielt. 

Wyatt Earp saß noch immer am Boden und musterte Cochise 

und Naiche mit feindseligen Blicken. Er verzieh den beiden 
Apachen nicht die Niederlage, die sie ihm zugefügt hatten. 

John Haggerty ging zum Lagerfeuer zurück, setzte sich und 

sah Cochise fest an. 

»Darf ich dir und Naiche nicht doch etwas anbieten?« 
Der Häuptling der Chiricahuas schüttelte den Kopf, dann 

sagte er: »Ich danke für deine Gastfreundschaft, Falke. Mein 

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Sohn und ich werden dich nun verlassen. Es gibt nichts mehr 
zu verhandeln. Du hast drei Tage und Nächte Zeit, um mit 
diesen Leuten zu sprechen.« 

John Haggerty nickte mit ernstem Gesicht. 
»Ich will alles tun, um ein Blutvergießen zu verhindern. 

Daran bin ich genauso interessiert wie du, Häuptling. Wir 
werden uns dann nach dieser Frist wiedersehen.« 

»Ich werde dich zu finden wissen, Falke.« 

Frank Montgomery hob das Gewehr und visierte den 
Apachenhäuptling an. Nun brauchte er nur noch den Finger zu 
krümmen, dann war es mit Cochise aus und vorbei. 

Der junge Siedler zögerte. 
Er hatte noch nie in seinem Leben einen Menschen getötet. 

Schweißperlen rannen ihm über die Stirn. Sein Herz pochte 
schneller gegen seine Lippen. 

»Nimm die Kanone weg, Mensch!«  vernahm er die erregte 

Stimme seines Vaters. »Das wäre Mord, was du da vorhast, 
sinnloser und brutaler Mord.« 

Wes Montgomery legte seinem Sohn, der wie unter einem 

Peitschenhieb zusammenzuckte, eine Hand auf die Schulter. Er 
senkte das Gewehr, das sein Vater an sich nahm. 

»Er ist unser Feind«, murmelte Frank Montgomery auf. 

»Wenn ich Cochise töte, dann sind seine Krieger ohne Führer. 
Vielleicht fallen sie dann nicht über uns her.« 

»Unsinn, Frank. Dann hätten wir auch die letzte Chance 

verspielt. Gewalt hat noch nie Probleme gelöst. So wie du 
denken viele Menschen in diesen Sekunden. Ich hoffe nur, daß 
keiner die Nerven verliert und wirklich schießt. Wir sollten 
diesem Scout vertrauen, der mit dem Apachen-Häuptling 
verhandelt. Er weiß genau, was er tut.« 

Frank Montgomery massierte sein Kinn und schien 

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nachdenklich zu werden. Er hatte plötzlich ein flaues Gefühl 
im Magen und lehnte sich schwer gegen ein Wagenrad. 

»Danke, Vater«, raunte er. »Ich – ich…« 
»Schon gut, Frank. Auch ich habe überlegt, ob ich nicht 

eingreifen sollte. Natürlich ist dieser Cochise unser Feind, der 
uns tagtäglich bedroht. Aber ein Schuß aus dem Hinterhalt 
wäre gemein und würde das Dilemma auch nicht ändern. Du 
würdest für den Rest deines Lebens nicht mehr froh. Das aber 
wollte ich unter allen Umständen verhindern.« 

Frank Montgomery nickte mehrmals und sog die Luft in die 

Lungen. 

Dann starrten er und sein Vater wieder zum Lagerfeuer 

hinüber, wo sich der Scout gerade um Wyatt Earp und Hank 
Coolidge kümmerte, die aus ihrer Bewußtlosigkeit erwacht 
waren. 

»Hoffentlich spielen diese beiden Burschen nicht wieder 

verrückt«, murmelte der alte Wes Montgomery. 

Cochise und Naiche erhoben sich. Ihre langen Haare flatterten 
im leichten Wind, der durch die Wagenburg strich. Hin und 
wieder funkelten die Tomahawks und die Büffelmesser in den 
Gürteln der beiden Chiricahuas. 

Ein langer Blick traf John Haggerty. »Wir sehen uns in drei 

Tagen, Cochise. Ich will alles tun, um auf den Treckführer 
nochmals einzuwirken.« 

Hank Coolidge erhob sich stöhnend und schwankte wie ein 

angeschossener Bär. Der Scout blickte zu ihm hinüber. Dabei 
sah er, daß Wyatt Earp aus dem Feuerschein in die Dunkelheit 
verschwunden war. 

Das aber konnte nur bedeuten: der Revolvermann wollte sich 

bewaffnen und dann auf die beiden Apachen losgehen. 

Cochise und Naiche verstanden Haggertys bittenden Blick 

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und nickten. 

»Wir gehen, Falke. Cochise und sein Sohn hoffen, daß es bei 

unserem nächsten Zusammentreffen eine Lösung geben wird, 
die alle beiden Seiten hoffen läßt.« 

Der Chiefscout streckte Cochise seine Hand entgegen, die 

der jedoch nicht ergriff. Die Indianer wandten sich um und 
tauchten dann in der Nacht unter. 

John Haggerty stand reglos und schaute in jene Richtung, in 

der die beiden Chiricahuas verschwunden waren. Er fühlte die 
Last einer großen Verantwortung auf sich ruhen. 

John wußte, daß ein winziger Funke genügte, um dieses 

Pulverfaß zur Explosion zu bringen. Die nächsten Stunden und 
Tage mußten die Entscheidung über Leben und Tod vieler 
Menschen bringen. 

ENDE