background image

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

background image

 

2

John Montana 

Schieß deinen Pfeil, Apache 

Apache Cochise 

Band Nr. 31 

Version 1.0 

background image

 

3

Prolog 

Ihr Land war es, in das Mexikaner und Amerikaner 
eindrangen. Das Land ihrer Väter. Karstig und elend, 
wasserarm und unfruchtbar schmorte es unter heißer 
Arizonasonne. Wüste, bizarre Klippen, himmelansteigende 
Berge und Giftschlangen. Trotzdem verteidigten sie es mit der 
Stärke ihrer Seele und dem wilden Schlag ihrer Herzen. Zu 
diesem Zeitpunkt waren sie längst keine Athapasken mehr, 
sondern deren Nachfahren; Apachen.
 

Sie selbst nannten sich T'Inde ++ Volk, auch Naizhan ++ 

Unsere Rasse. Und sie besiedelten ein Land so groß wie 
Deutschland und Frankreich zusammen. In diesen ihren 
Jagdgründen leisteten sie Eindringlingen Widerstand und 
verteidigten jeden Fußbreit Boden mit ihrem Herzblut.
 

Zur Zeit der Handlung unserer Geschichte APACHE 

COCHISE lebten 6000-7000 Apachen, die in Arizona und 
Neumexiko Angst und Schrecken verbreiteten, besonders im 
amerikanisch-mexikanischen Grenzgebiet und weit in Sonora, 
bis hinunter zur Sierra Madre Occidental. 

Ihren Haß gegen die Nachfahren der Spanier und den 

Erzfeind, die Comanchen, übertrugen sie auf ihre neuen 
Unterdrücker. Von ihnen ist die Rede in unserer Serie. Sie ist 
die historiengetreue Basis der Thematik APACHE COCHISE.
 

background image

 

4

*** 

Seit einer Stunde lagen Cochise und sein Freund, der Falke, im 
filzigen Gesträuch unterhalb der steilen Felsen und 
beobachteten das Treiben auf der nahen Hazienda. 

Weit über hundert Mexikaner und Americanos lungerten 

weitverstreut zwischen Hütten, Ställen und den 
Vorratsscheunen herum und vertrieben sich die Zeit mit 
Würfel- und Kartenspiel, oder saßen träge vor sich hin dösend, 
am weiten offenen Feuer auf dem Hauptplatz, über dem ein 
junger Rico mit stoischem Gleichmut die Kurbel des Spießes 
drehte, um das Fleisch des Jungbullen gleichmäßig zu bräunen. 

Im Schatten der langgestreckten weißgetünchten Casa saß 

Don Rodriges im Kreis einiger Mexikaner beim eifrigen 
Gespräch. Sie alle trugen über den Schultern weite Sarape 
Santilleros, jene bunten, in der Mitte geöffneten Decken, die 
vor Sonne und Wind schützten. 

Der Wind blies heftig und kühl von Norden ins Tal. Den 

Himmel bedeckten dunkle, träge ziehende Wolkenbänke, und 
aus der Ferne war grollender Donner zu vernehmen. Eines 
jener gefürchteten Unwetter nahte, deren plötzliche 
Regengüsse Flüsse über die Ufer drängte oder das Land 
überschwemmte. 

Eine Woche waren John Haggerty, Cochise und seine 

Apachenfreunde der Wagen- und den Pferdespuren der 
Conducta gefolgt, und befanden sich nun tief im Norden, 
weitab ihres eigentlichen Stammgebietes, im mexikanischen 
Chihuahua. 

John Haggerty spürte die brennende Ungeduld im Herzen. 

Dort unten saß Don Rodriges, einer der eifrigsten Verfechter 
der Revolution, inmitten seiner Capos und wartete auf eine 
Begegnung. 

background image

 

5

Nahe des Hauses, in seinem Blickfeld, leuchteten die hellen 

Planen der Conducta, die weit über hundert moderne 
Winchester-Karabiner trugen, die, einmal für die U.S. Army in 
Fort Tucson bestimmt, in verbrecherische Hände gefallen 
waren. Ihren langen, abenteuerlichen Weg hatte John bis 
hierher verfolgen können. 

»Wir sollten in der Nacht, wenn das Gewitter über dem Land 

tobt, die Banditen angreifen und versuchen, die Murphys zu 
entführen«, flüsterte John, obwohl auf diese Distanz niemand 
anders seine Stimme vernehmen konnte. »Chiricahuas, 
Mimbrenjos und Yaquis werden überraschend angreifen, das 
Gesindel in ein Scharmützel verwickeln und von der Hazienda 
fortlocken. Vielleicht gelingt es uns, in der Verwirrung die 
Murphys zu entführen.« 

Cochise lächelte über den Eifer des Falken, der erkennen 

ließ, wie tief ihm die Gewehre am Herzen lagen. Er deutete 
nach Osten, wo heftige Windböen Staub und Sandfontänen vor 
sich hertrugen. 

»Es sind zu viele Männer auf der Hazienda. Und von dort 

stoßen weitere Kämpfer zu ihnen.« 

Johns Blick folgte Cochises Handbewegung. Im wirbelnden 

Staub, dem westlichen Flußufer des Rio Casa Grande folgend, 
bewegte sich ein kleines Heer Reiter der Hazienda entgegen. 
Trotz der Entfernung erkannte John ihre starke Bewaffnung, 
ihr blitzendes Zaumzeug und die bunten Uniformhosen, die die 
Reiter trugen. Er bemerkte die beiden Feldhaubitzen, die sie im 
Vierergespann mitführten, während sie, den flachen Hügel als 
Deckung nutzend, der Hazienda näher kamen. 

»Rothosen«, sagte John überrascht, »maximilianische 

Kavalleristen, die für die Sache ihres Kaisers kämpfen.« 

»Vielleicht werden sie unsere Probleme lösen«, erwiderte 

Cochise mit listigem Lächeln im kühngeschnittenen Gesicht. 
»Die Bunthosen sind die Feinde des Rebellengenerals aus den 
Sierra Madres. Ihre Kundschafter müssen erfahren haben, daß 

background image

 

6

sich hier ihre Feinde versammeln. Es wird zu einem 
mörderischen Kampf kommen, Falke. Vielleicht werden sie 
sich gegenseitig töten und Viktorio wird mit ihren Skalps 
zufrieden sein und auf die schnellen Gewehre verzichten.« 

John schüttelte heftig den Kopf. Einen Gedanken nur 

verschwendete er an Viktorio, den Mimbrenjowolf, der 
unmißverständlich darauf hingedeutet hatte, daß er einen Teil 
der Beutewaffen für sich in Anspruch nehmen wollte. So wie 
es Tehuecos Absicht war. 

»Die Rebellen sind in der Überzahl, Jefe, und werden die 

Rothosen in den Fluß jagen.« 

Klug und listig, wie es Apachenart war, lächelte der große 

Häuptling aller Apachen, während er lauschend dem singenden 
Wind folgte. »Die Bunthosen sind nicht allein, Falke. Eine 
zweite Abteilung nähert sich von Süden der Hazienda. Die 
wilden Organosfelder schützen sie vor den Blicken ihrer 
Feinde.« 

John Haggerty neigte lauschend den Kopf. Er hörte nur das 

Brausen des Windes. 

»Du mußt dich täuschen, Cochise.« 
»Wir werden es bald wissen.« 
Ihr Augenmerk richtete sich auf die sichtbare Truppe, die 

nun ihre Pferde zügelte und in Sturmformation richtete, 
während einige Kanoniere die Lafetten der Berghaubitzen vom 
Protzwagen lösten und in Stellung brachten. 

Im dichten Strauch raschelte es. Haggertys Hand fuhr zur 

Hüfte, doch Cochise berührte mahnend seinen Arm. »Es ist 
Viktorio, Freund. Die Neugierde treibt ihn aus dem Lager zu 
uns.« 

»Du hast befohlen, daß Viktorio zurückbleibt«, erwiderte 

John unwillig. Er sah den Schatten im dichten Filz und lauschte 
Cochises Antwort. 

»Viktorio ist der Jefe der Mimbrenjos. Ich habe nicht das 

Recht, ihm zu befehlen, ich habe ihn nur gebeten. Aber er ist 

background image

 

7

unruhig wie du, Falke, dessen Gedanken den schnellen 
Gewehren gelten. Er wittert fette Beute.« 

Wie ein Schatten kroch der Mimbrenjo heran. Wortlos 

deutete er nach Osten, und dann zur Hazienda hinunter, auf der 
noch immer Ruhe herrschte. 

Cochise nickte stumm. 
Im Westen über den Bergen hinweg zuckten Blitze aus den 

schwarzen Wolken, denen rollender Donner folgte. Ihr Lärm 
verdrängte die dumpfen Abschüsse der Berghaubitzen. 

Die ersten Kugeln schlugen mitten auf dem Platz ein, töteten 

Rico und zerfetzten das eiserne Gestänge, das den halbgaren 
Bullen hielt. Zurück blieb eine dunkle Explosionswolke, von 
denen in kürzesten Abständen weitere aus der Erde wuchsen. 

Wie aufgescheuchte Lämmer sprangen die Rebellen auf die 

Beine, hetzten ratlos hin und her, bis es sie zum breiten Gatter 
drängte, wo ihre Pferde unruhig umherliefen. 

John Haggerty sah zwischen Staub und dunklen 

Explosionswolken Don Rodriges, dessen mächtige Stimme 
aufschallte, und der es fertigbrachte, Ruhe in die 
Rebellenarmee zu bringen. John hörte den donnernden 
Widerhall seiner Stimme, die ihn an seine Begegnung im Tal 
der Gesetzlosen erinnerte. Wortgewaltig, zornig und dennoch 
bestimmend. 

Der heftigen Kanonade folgte die tödliche Stille, die nun 

durch stampfenden Hufschlag unterbrochen wurde, als eine 
Reiterschar, in Viererreihe formiert, über den flachen Hügel 
galoppierte. 

Don Rodriges befehligte seine Armee und dirigierte sie zur 

Ostflanke der Hazienda zu den Barrikaden, während seine 
engsten Vertrauten, darunter Budd Cameron, zur Conducta 
stürzten. 

Schüsse fielen, und mit viel Geschrei, ihre Säbel 

schwingend, gingen die Uniformierten die Hazienda an. Pferde 
stürzten, Soldaten wälzten sich im Gras und färbten das Grün 

background image

 

8

mit dem Rot ihres Bluts. Eine zweite Welle kam von Süden aus 
dem Schatten hoher Organos. Kampfstark und verwegen. Sie 
erreichten die steinerne Wehrmauer innerhalb kürzester Zeit. 
Ihre Pferde nahmen im Sprung das Hindernis und ihre Säbel 
fuhren auf die ungedeckten Häupter der Verteidiger nieder. Ein 
blutiges Gemetzel, ein wütendes Ringen, Mann gegen Mann, 
nahm seinen Anfang. 

Viktorios dunkle Augen leuchteten bei diesem Anblick. Sein 

Atem ging heftig. Er sah, wie seine Blutfeinde, die 
Gelbgesichter und Weißaugen, im unerbittlichen, gnadenlosen 
Kampf ineinander verflochten, dem Tod reichliche Beute 
schenkten. 

Blitze rissen mit fürchterlichem Donnerschlag die Erde auf, 

schafften ein tödliches Inferno zerfetzter Menschen- und 
Pferdeleiber. Der Steinschlag der berstenden Mauer begrub 
gleich ein halbes Dutzend kaisertreuer Soldaten. Der gelbe 
Rauch, der aus der Erde zuckte, ließ John erkennen, daß Don 
Rodriges Dynamit einsetzte, um den feindlichen Angriff 
abzuwehren. 

Tatsächlich ließ der Ansturm nach. Helle Trompetenstöße, 

die trotz des Kampflärmes hörbar waren, rief die 
maximilianischen Truppen zurück. In wilder Hast flohen sie, 
unter Zurücklassung ihrer Toten und Verwundeten, über die 
Hügel zur Ausgangsstellung zurück. 

»Sie werden wiederkommen«, flüsterte John mit belegter 

Stimme. Unbewußt fielen ihm General Howards Worte ein, die 
er einmal vor einem Gefecht mit mexikanischen Rebellen zum 
Ausdruck gebracht hatte. Ein amerikanischer Soldat blickt nur 
nach vorn, wo der Feind steht. Er kennt keine Angst. Der Tod 
ist der höchste Ruhm, den der Soldat erreichen kann. 

Warum sollte ein maximilianischer Offizier anders denken 

als ein amerikanischer? 

Cochise nickte bei Haggertys Worten. Die letzten Jahre 

hatten ihn den Weißaugen nähergebracht, daß er ihr Denken 

background image

 

9

und Handeln begriff, ohne es jedoch zu verstehen. 

»Ihre Donnerrohre werden die Hazienda zerfetzen, daß kein 

Stein mehr auf dem anderen bleibt«, erwiderte er nachdenklich. 
Der Jefe blickte zur Seite. Er sah, daß Viktorio lautlos im 
Unterholz verschwunden war. Er erriet Viktorios Gedanken, 
ohne sich dem Falken gegenüber zu äußern. 

Auch Don Rodriges schien das Unheil vorauszuahnen. Seine 

Stimme schallte befehlsstark über den Hof, und John Haggerty 
sah, daß einige seiner Männer den Murphytreck bespannten 
und der Rest der Verteidiger zum Corral eilte, um die Pferde zu 
satteln. 

Alles deutet auf eilige Flucht hin. 
Nun, wo Stille die Kampfpause füllte, sah John die dunklen 

verstreuten Schatten auf dem Hof und an der Mauer. Er 
schätzte, daß Soldaten und Rebellen wenigstens zwanzig Leute 
während des Gefechtes verloren hatten. Er schürzte verächtlich 
die Lippen, als Don Rodriges in aller Eile eines der Pferde 
bestieg und nach Westen zu den Bergen deutete, die 
verschwommen im aufziehenden Regensturm standen. 

»Er läßt seine Verwundeten einfach zurück«, fluchte 

Haggerty. 

»Die Buntröcke lassen ihm keine Zeit, die Verwundeten zu 

bergen«, Cochise lächelte. 

In enger Formation drängten die Reiter um die Gespanne. 

Don Rodriges gab das Zeichen zum Aufbruch. Seine Fracht 
schien ihm wertvoller zu sein als ein paar Verwundete. 

Noch während sie in die flache Ebene sprengten, entdeckte 

John eine kleine Reitergruppe, die, flach auf ihren Pferden 
liegend, das Anwesen angingen. 

»Viktorio«, sagte John gepreßt, und seine Miene verfinsterte 

sich, als er ihren Anführer erkannte. 

Cochise lächelte gelassen. Ein Apache kannte nicht die 

Mentalität der weißen Rasse. Für ihn war Feind Feind und 
Beute einfach Beute. 

background image

 10

»Er nimmt sich, was ihm leicht in den Schoß fällt, Falke. 

Erspar dir den Anblick. Wir wollen ins Lager zurückreiten und 
den Rebellen folgen, ehe der Regen ihre Spuren verwischt.« 

Als John sich aufrichtete, schlugen Granaten in die Hazienda. 

Unter flammendem Feuerschlag barsten die weißen Mauern 
der Casa und fetzten die Giebel der angrenzenden Adobehütten 
weg. 

Unbeirrt, inmitten des tödlichen Infernos, verrichteten 

Viktorios Mimbrenjos ihr grausames Werk. 

Vom Sturm gepeitscht brachen die dunklen Wolkenbänke auf. 
In wahren Sturzbächen fiel der Regen nieder und verwandelte 
die pfadlose Prärie in schlammigen Morast. Der Tag war 
dunkel wie eine Nacht. Blitz und Donner vereinten sich in 
peitschenden Schlägen und spalteten die einsam dastehende 
Korkeiche, die wie ein flammendes Fanal aufleuchtete, ehe der 
Wolkenbruch die Glut erstickte. 

Schweigend bewegten sich die Reiter durch die endlose 

Weite, in der die Fährte der schweren Conducta längst 
verschwunden war. 

Cochise, Haggerty und Viktorio hatten die Spitze 

übernommen. Etwa fünfzig Yards zurück ritten Tehueco, 
Naiche und ihre Krieger. 

John Haggertys Gedanken weilten im Zeltlager der 3th 

Cavalry, und für einen Augenblick verdammte er die Freiheit, 
die ihn von allen Pflichten gegenüber General Howard befreite. 
Er war ein freier Mann in einem freien Land, und dennoch 
bewegte er sich wieder einmal im Schatten der Armee. 
Irgendwo weit voraus auf der Flucht vor maximilianischen 
Truppen floh Don Rodriges in die schützenden Schluchten der 
Berge, ohne daß der General ahnen konnte, daß ein zweiter, 
nicht weniger gefährliche Gegner, seiner unsichtbaren Spur 

background image

 11

folgte. 

Johns Blick streifte Viktorios flinken Pinto, über dessen 

Reitdecke ein Bündel blutiger Haarschöpfe herabbaumelte. 
Schwarzgesträhnte Mexikanerskalps, rote und graue 
Haarbüschel kaiserlicher Soldaten. 

Wie grausam ein Apache nur sein konnte. 
Ihr Anblick erinnerte John, daß er inmitten einer Schar 

Wilder ritt, die, niemals ihr Land aufgebend, eine ständige 
Plage für siedlungswillige Einwanderer sein würden. Und für 
einen Moment hatte er jenen Tag am Whitewater vor Augen, 
als Viktorio ein ganzes Mormonendorf auslöschte. Der 
Mimbrenjo-Jefe war ein unerbittlicher, gnadenloser Feind aller 
Weißen und Mexikaner. 

Ihre Blicke berührten sich. John sah das grausame Lächeln in 

Viktorios dunklen Augen, so, als habe der Mimbrenjo seine 
Gedanken erraten. Und John Haggerty ahnte, das Viktorio mit 
den erbeuteten Skalps nicht zufrieden war, die ihm Ruhm und 
Ehre bei den Stämmen der Apachen einbrachte. Er würde 
weiter töten, damit die grausame Beute sein Zelt schmückte 
und weithin seine Tapferkeit verkündete. 

Sturmwind peitschte ihnen entgegen. Von den Santilleros, 

die Viktorio und Cochise über die Schulter gestülpt hatten, 
troffen Regenbäche, und auch John spürte die nasse Kälte, die 
durch den dünnen Wettermantel drang. 

Es wurde dunkel. Die Sicht betrug keine zehn Yards weit. 
Unbemerkt schwenkte Cochise nordwärts. Als sie den 

buschbewachsenen Hügel erreichten, hielt der Chief sein Pferd 
zurück. 

»Die Geister des Donners und des Regens verdecken Sonne 

und Mond und zwingen uns, hier unser Lager aufzuschlagen«, 
rief Cochise ins tobende Unwetter. »Es ist ihr Wille, daß wir 
den Fremden nicht folgen können.« Er gab den 
nachdrängenden Reitern ein Zeichen, damit sie von den 
Pferden gleiten sollten. Er selbst rutschte von der Flanke seines 

background image

 12

Pintos und führte ihn ins schützende Gesträuch. 

Der Sturm peitschte die Äste, aber sein Anprall wurde vom 

filzigen Unterholz aufgefangen. 

John sah die Schatten, die sich schweigend niederließen. Er 

folgte Cochise, der eine enge Lichtung gefunden hatte. Auf 
einer Strauchwurzel setzte er sich nieder. 

»Du bist ungeduldig, Falke«, sagte Cochise, der an 

Haggertys Seite saß. 

John nickte. »Wir sind weit von ihrem Weg abgekommen, 

Chief. Warum verläßt du ihre Spur?« 

Cochise schien zu lächeln. »Der Geist des Regens hält auch 

unsere Feinde zurück, denn ihre schweren Schooner werden im 
Schlamm versinken. Wenn der Sturm nachläßt, und der Wind 
die Erde der Prärie trocken bläst, werden wir ihre Fährte 
wiederfinden. Und auch ihre schweren Wagen. Du wirst es 
morgen erleben.« Cochise schob die nasse Decke fester um die 
Schulter. Er suchte eine bequeme Lage am Strauch und senkte 
den Kopf. Seine Augen waren geschlossen, und John spürte, 
daß der Häuptling seine Gedanken löschte, um einige Stunden 
Schlaf zu finden. 

John fror. Doch irgendwann nahm auch ihn die Müdigkeit 

auf. Die Umgebung verwischte und das Heulen des Sturms 
verblaßte. 

Als er aufwachte, dämmerte es. Im Osten, jenseits des Rio 

Casa Grande, stieg glutrot die Sonne über die Berge und 
verkündete einen neuen, heißen Tag. 

Die Apachenkrieger waren in Bewegung und führten ihre 

Gäule aus den nassen Sträuchem. Cochise reichte ihm ein 
Stück Pemmikan, das sein Sohn Naiche als 
Trockenverpflegung mitführte. Der Jerky aus Fett, Gewürzen 
und Fleisch schmeckte vorzüglich. Noch während er sich den 
Magen füllte, suchte er den Mimbrenjo-Jefe, der in der Nacht 
in seiner Nähe geschlafen hatte. 

»Wo steckt Viktorio?« wollte er wissen. 

background image

 13

Cochise deutete lächelnd in südwestliche Richtung. »Er und 

zwei Späher sind aufgebrochen, um die verlorene Spur zu 
finden.« 

John wußte, was den Mimbrenjo so früh auf die Beine 

gebracht hatte. Er antwortete wütend: »Er hat Angst, die 
schnellen Gewehre zu verlieren.« 

Der Häuptling nickte ernst. »Es wird schwer sein, ihn zu 

überzeugen, daß die schnellen Gewehre Eigentum der weißen 
Soldaten in Tucson sind.« Doch dann lächelte er. »Wer weiß, 
ob wir sie je erbeuten werden. Weshalb also beschäftigen wir 
uns mit diesen Gedanken? Komm jetzt, wir haben Zeit 
verloren.« 

Cochise führte sein Pferd aus dem Strauch. Als John ihm 

folgte, saß der Chief bereits im Sattel und sprach im 
athabaskischen Dialekt auf die Krieger ein. 

Die verdörrte Wüste, in der Nacht vom Wasser getränkt, 

zeigte für wenige Stunden blühende Vegetation. Ein 
Blumenteppich reichte bis zu den fernen Schatten der Berge. 

Doch am Mittag ließ glühende Hitze den bunten Korso 

welken. Zurück blieb hartes Grammagras, durchwachsen von 
widerstandsfähigen Manzanitas, Speerdorn, Wacholder und 
anspruchlosen Organos. 

Der Boden war schorfig und brach an vielen Stellen auf. 
Cochise hatte einige Späher vorausgesandt. Zwei von ihnen 

kehrten nun zurück. Sie deuteten mit einem Wortschwall nach 
Süden, John, ihrer Sprache mächtig, hörte, daß die 
Kundschafter auf eine breite Spur beschlagener Pferde 
gestoßen war. Unmöglich konnten sie von Don Rodriges 
Mannschaft stammen, der seiner Schätzung nach viele Meilen 
westwärts reiten mußte. 

»Es sind die Buntröcke«, sagte Cochise in Johns Überlegung 

hinein. »Sie folgen den Rebellen. Wir wollen vorsichtig sein 
und ausschwärmen.« 

In der Folgezeit zogen die einzelnen Kriegsgruppen weit 

background image

 14

auseinander durch die Prärie und benutzten jede Senke als 
Deckung. 

Nach etwa einer Stunde erreichten sie die Fährte, die 

Cochises Späher entdeckt hatten. Cochise glitt vom Pferd und 
prüfte die Spuren. Als er wieder sein Pferd bestieg, blickte der 
Jefe ernst nach Westen in die Richtung, in der sich die 
Rebellen und auch Viktorio bewegten. 

»Die Bunthosen sind uns zwei Stunden voraus, Falke. Wir 

wollen eine schnellere Gangart anschlagen.« 

Noch während er sein Pferd in Bewegung setzte, war es 

John, als höre er das ferne Echo von Schüssen, das eine Weile 
andauerte und dann verstummte. Er trieb seinen Gaul an 
Cochises Seite. 

»Du bist in Sorge um Viktorio?« fragte er geradewegs. 
Cochise nickte ernst. »Er ist unbesonnen und unbeherrscht, 

wie es ihr Weißen mitunter seid. In manchen Dingen ist er 
unberechenbar.« Cochise trieb die Wüstenmokassins in die 
Flanke seines Pferdes und lockerte die Zügel. Noch während er 
der breiten Spur im Galopp folgte, schwenkten seine 
verstreuten Krieger zu ihm. John Haggerty hatte Mühe, ihnen 
zu folgen. 

Breite Distel- und Organosfelder durchzogen das Hügelland. 

Wie drohende Säulen reckten gewaltige Kerzenkakteen ihre 
Arme in den flimmernden Tag. 

Auf dem steinigen Geröllfeld erkannte John einige Male 

Spuren der Conducta, und es wunderte ihn, wie weit Don 
Rodriges trotz des Unwetters nach Westen vorgedrungen war. 

Irgendwann, am Nachmittag wich Cochise von der Fährte ab 

und führte seine Kriegsgruppen in einen flachen Felskessel. Er 
sprach mit Naiche und Tehuecco, deutete mehrmals nach 
Westen und gab John schließlich ein Zeichen, daß er ihm 
folgen möge. 

Die Apachen stiegen von ihren Pferden. 
John ritt in Cochises Schatten, der wachsam wie ein Luchs 

background image

 15

die Umgebung absuchte und sich ständig zwischen den flachen 
Hügelwellen bewegte. Irgend etwas schien Cochise zu spüren, 
wovon Johns zivilisierte Sinne nichts aufnehmen konnten. 

Schließlich ritt er zu den Beifußsträuchern auf dem Hang und 

stieg vom Pferd. Noch ehe John eine Frage stellen konnte, 
verschwand der Häuptling im Gebüsch. 

John versuchte zu folgen. Cochise war bereits weit voraus 

und durcheilte mit raumgreifenden, wieselflinken Schritten die 
Senke, so daß Haggerty immer mehr an Boden verlor. 

Cochise war längst im mannshohen Chollasgestrüpp des 

nächsten Hügels verschwunden, als John dort eintraf. Er kroch 
durch die filzigen Disteln, die Spuren von Cochises Weg 
zeigten. Als er den Häuptling erreichte, lag Cochise im 
schützenden Schatten des Gesträuchs und blickte schweigend 
in die Tiefe. 

Johns Atem ging schwer vom schnellen Lauf. Er warf sich an 

die Seite des Häuptlings, der stumm in die Tiefe zu den drei 
Murphys deutete, um die sich maximilianische Soldaten 
scharrten. Es mochten fünfzig sein und mehr. Aber John 
erkannte auf den ersten Blick, daß die Schooner leer waren und 
ihre Räder tief im losen Treibsand steckten. Kisten waren 
erbrochen. Rodriges mußte die Fracht auf die Reitpferde 
gepackt haben, als er die aussichtslose Lage der Wagen 
erkannte, ehe er seine Flucht fortsetzte. 

Cochise stieß ihm die Faust in die Flanke und deutete auf den 

freien Platz zwischen den Schoonern. 

»Viktorio«, flüsterte der Häuptling leise, »die Bunthosen 

haben Viktorio und zwei seiner Krieger gefangen. Sie werden 
sie zu Tode foltern. Du weißt warum?« 

John dachte an die vielen Dragonerskalps, die Viktorio 

mitführte. Er nickte und schätzte bereits die Entfernung von 
ihrem Lauerposten bis zur Conducta. 

»Wir werden einen Weg suchen, um ihn zu befreien«, sagte 

er und nannte sich im selben Augenblick einen Narren. Mit 

background image

 16

dem Mimbrenjo verband ihn nichts. Nur Ärger, der 
zwangsläufig auf ihn zukommen würde, sollten sie in den 
Besitz der geraubten Waffen kommen. Viktorio würde niemals 
seinen Anspruch aufgeben. Weshalb also überließ er ihn nicht 
seinen Feinden, die ebensowenig Erbarmen kannten wie der 
Mimbrenjo selbst? 

Er spürte Cochises prüfenden Blick. »Du würdest dein Leben 

für ihn einsetzen, Falke?« fragte der Häuptling. »Er wird es dir 
nie danken.« 

»Und du, Jefe? Würdest du dein Leben nicht für sein Leben 

wagen?« fragte John zurück. 

Cochise zuckte lächelnd die Achseln. »Das ist etwas anderes, 

Falke. Ich bin ein Apache und Jefe wie Viktorio. Uns 
verbinden die Bande unseres Blutes.« 

John blickte in die Tiefe. Er sah ihre Bewegung und hörte ihr 

heiseres Lachen, als die Soldaten die drei Rothäute brutal auf 
die Beine zerrten und an die schweren Räder der Schooner 
fesselten. Er schloß die Augen, als einer von ihnen, der 
Uniform nach ein Offizier, eine schwere Peitsche ergriff und 
die Riemen auf Viktorios nackten Oberkörper 
niederschmetterte. John hörte den schmatzenden Laut und sah 
den blutigen Striemen auf Viktorios brauner Haut. Doch kein 
Laut des Schmerzes drang von den Lippen des Mimbrenjos. 

»Wir werden warten, bis es dunkel ist«, sagte Cochise ruhig 

und kroch tiefer ins Gesträuch. 

»Bis dahin haben die Soldaten ihn totgepeitscht«, sagte John 

Haggerty. 

Ein undurchdringliches Lächeln stand im kühnen Gesicht des 

Häuptlings. »Er ist Apache, Falke, und an Schmerz gewöhnt. 
Er wird seine Gedanken ausschalten und den Schmerz nicht 
spüren. So läßt sich vieles ertragen. Wir wollen Tehueco 
informieren und gemeinsam den Weg suchen, wie wir den 
Mimbrenjo-Jefe aus der Hand der Rothosen befreien können.« 

background image

 17

Als Wild Bill Hickok auf dem Weg nach Animas das einsame 
Bergtal berührte, lebte in ihm die Erinnerung an die 
erbarmungslose Schlacht auf, die er gegen Don Rodriges 
Pistoleros gefochten hatte. Fünf Männer hatten hier ihr Leben 
lassen müssen. Darunter berühmte und berüchtigte Gunfighter 
wie Rod Claymont, Sam Ambom und Tim Hipper, die, im 
Zweikampf unbesiegt, im Ansturm mexikanischer Pistoleros 
verblutet waren. 

Das Tal war einsam und verlassen. Die flachen Hügel am 

Platz vor dem Berg, in der die Toten ruhten, verfallen. Aus der 
schwarzen verbrannten Erde, auf der vor zwei Wochen noch 
ein Dorf gestanden hatte, kroch schüchtern das erste Grün. Die 
Bewohner des Tales hatten alle Spuren verwischt. 

»Hierher wird niemand zurückkehren«, sagte Hickok 

verbissen, während er vom Gaul stieg, den Plainshut vom Kopf 
zog und ein paar Worte zu den Gefallenen sprach. 

Minuten später saß er wieder im Sattel und sprengte seinen 

Leuten voran die breite Serpentine hoch, auf der Kot und 
verwitterter Unrat modernd an Charlie Goodnights geraubte 
Herde erinnerte. 

Hickok wandte sich nach Westen, mit dem Ziel Animas, wo 

er hoffte, den Augenblick zu erleben, wo man Don Rodriges 
am Hals aufhängen würde. In einem Dorf auf halbem Weg 
nach Animas stieß er auf eine Militärpatrouille aus der Stadt, 
und in einem Gespräch mit dem jungen Offizier mußte er 
erfahren, daß in Animas kein Mexikaner auf seine Hinrichtung 
warten mußte, weil niemand einen Mann namens Rodriges 
dem Militärgericht übergeben hatte. 

Diesem Gedanken folgend schwenkte er mit seiner Truppe 

nach Süden und strebte der mexikanischen Grenze entgegen, 
hoffend, irgendwann auf eine Spur Haggertys und des 
Apachenhäuptlings zu stoßen. 

background image

 18

Zwei Tage ritten sie und erreichten das Tal der Singenden 

Winde. Dort, wo das Tal in einen Engpaß hineinstieß, 
begegneten sie Wrackteilen eines schweren Gefährts und einem 
weiten Grabhügel, der darauf schließen ließ, daß hier ein 
heftiges Gefecht stattgefunden hatte. Er erinnerte sich der 
Conducta mit den geraubten Armeekarabinern, von denen 
Haggerty gesprochen hatte. 

»Ich glaube, wir sind auf dem rechten Weg«, sagte Hickok 

zuversichtlich, beugte sich nieder und wog eine zerbrochene 
Lanzenspitze in der Faust. »Die Bastarde, die unsere Freunde 
auf dem Gewissen haben, hatten eine harte Auseinandersetzung 
mit Rothäuten. Vielleicht waren es Apachen, die ihrem 
Häuptling entgegen ritten und auf den Treck gestoßen sind.« 

»Vielleicht liegt Cochise und sein weißer Freund, der Falke, 

dort unter dem Hügel begraben.« Alison deutete mit dem 
Karabinerlauf auf die breite Erdwölbung. 

Wild Bill Hockoks Grinsen war eine Herausforderung, als er 

antwortete: »Die beiden bringt so schnell nichts um. Entweder 
haben sie ihre Pläne geändert und folgen der Conducta, wobei 
sie den General als Gefangenen mitführen. Oder der 
schlitzäugige Bastard ist ihnen entwischt und sie sitzen auf 
seiner Spur. Das käme unseren Interessen nahe, Jungs, denn es 
ist beileibe sicherer, wir hängen den mexikanischen Rebellen 
an eine Sequori, anstatt daß die Armee über sein Schicksal 
berät.« 

Marwik kroch zwischen den Trümmern des Schooners 

umher, von dem nur wenig übriggeblieben war. Er schleppte 
die Reste eines verbogenen Gewehrlaufes heran, den er dem 
Anführer reichte. »Das war mal eine Winchester. Es liegen 
noch mehr dieser Torsos herum. Der Wagen muß explodiert 
sein.« 

Hickok nickte. Seine Augen leuchteten, denn er sah sich in 

seiner Theorie bestätigt. »Reiten wir, Jungs, und halten die 
Augen offen. Ich möchte nicht in den Hinterhalt von Rodriges 

background image

 19

Pistoleros rennen.« 

Von nun an zogen sie zügig nach Süden, durchquerten den Paß 
in einem Tag und erreichten offenes Land, das sie zu einem 
breiten Fluß führte. 

Am Ufer des Rio Casa Grandes berührten sie eine 

niedergebrannte Hazienda. Ein bestialischer Gestank zwang 
sie, die Bandera vor den Mund zu binden. Als sie sich dem 
Anwesen näherten, stieg ein Schwarm Geier krächzend in den 
Himmel. Hinter den Mauertrümmern sahen sie den Grund: fast 
zwei Dutzend Menschen lagen weit verstreut zwischen 
Granattrichtern. 

»Hier hat ein Gefecht zwischen Regierungstruppen und 

Rebellen stattgefunden«, sagte Hickok bestimmt. 

Worauf Alison auf die Toten deutete. 
»Und wer hat ihnen die Skalps vom Kopf geschnitten?« 

fragte er höhnisch. »Die kaiserliche Armee ihren eigenen 
Gefallenen? Oder die Rebellen ihren eigenen Leuten?« 

»Verdammt, was weiß ich, was hier geschehen ist?« fluchte 

Hickok. »Wir wollen wachsam sein und am Flußufer rasten.« 
Er schwenkte sein Pferd und sprengte über die Mauerreste der 
Einfriedung. 

Zwischen Rotdorn, Husachesträuchern und wohlriechendem 

Sagebrush fanden sie eine Tränkstelle für ihre Pferde. Noch 
während sie ihre Pferde in das knietiefe Wasser führten, 
deutete Marwik unauffällig zu dem Steilhügel im Norden. 

»Wir werden beobachtet, Hickok«, flüsterte er. 
Wild Bill folgte der Bewegung. Er sah im Schatten filziger 

Sträucher eine halbnackte Gestalt, die nur mit einem offenen 
Chaparajos und einem Lendenschurz bekleidet war, und jede 
ihrer Bewegung folgte. Sein Jagdinstinkt spürte, daß im Busch 
noch mehr dieser kriegerischen Rothäute steckten. 

background image

 20

Seine kühnen Augen blitzten, denn er glaubte nun zuwissen, 

wer die Toten auf der Casa skalpiert hatte. 

»Sie sind scharf auf unsere Haarpracht, Alison. Sieh zu, daß 

du sie in der Nacht nicht verlierst.« 

Alison hob grinsend seinen Stetson und deutete auf sein 

schütteres Haar. »Bei mir macht es ihnen keine Freude, Aber 
deine Lockenpracht, Hickok, würde eine Rothaut zur Kühnheit 
verlocken.« 

Hickok strich über das wallende Haar, das ihm bis zu den 

Schultern reichte. 

»Es wäre nicht das erste Mal, daß es einer versucht hat, und 

wird auch nicht das letzte Mal bleiben. Aber sie alle werden 
den Augenblick nicht erleben«, erwiderte er im Brustton 
tiefster Überzeugung. »Jungs, führt die Gäule ins Gesträuch 
und bindet ihnen Fesseln. Nehmt den Karabiner und steckt 
euch die Taschen voll Munition. Vielleicht bekommen wir in 
der Nacht Besuch.« 

Noch einmal streifte sein Blick die Höhe. Die Rothaut war 

verschwunden. 

Aber sie alle waren gewarnt. Im Wechsel von je sechs Mann 

wachten sie in der Nacht, lagen mit entsicherten Gewehren und 
griffbereiten Colts im Gebüsch und warteten auf einen Angriff. 

Weit nach Mitternacht schallte der Ruf eines Rotfuchses auf, 

der von einer anderen Stelle beantwortet wurde. Unverfänglich, 
wie es schien, denn der Fuchs belegte die Nacht. Aber der Ruf 
konnte Hickok nicht täuschen. Er kroch zu Torney, McDiem 
und Newer, die sich im losen Ufersand eine Mulde gegraben 
hatten. 

»Haltet die Augen offen, sonst seid ihr bald euren Skalp los. 

Sie kommen, denn ich rieche schon ihren Schweiß.« 

Hickok kauerte unter einem Rotdornstrauch. In beiden 

Händen hielt er die schweren Colts. 

Der Wind strich durch die Büsche, wehte über die 

grasbewachsene Fläche, die im satten Mondlicht lag, und 

background image

 21

streichelte die Halme. Plötzlich klang trommelnder Hufschlag 
im Norden auf, der sich rasch näherte. Schatten gleich floh ein 
halbes Dutzend struppiger Ponys über die Ebene. Wildes 
Geschrei füllte die Nacht. 

McDiem und Torney begannen zu feuern, ehe die Reiter auf 

Schußnähe heran waren. Die Angreifer schwenkten sofort ihre 
Pferde in Richtung Fluß und dann nach Norden. Noch immer 
war ihr wütendes Geheul zu hören. 

»Das war ein Scheinangriff«, rief Hickok gedämpft, »sie 

wollen unsere Pferde.« 

Mit einem Sprung war er tiefer im Gesträuch und bahnte sich 

den Weg zur Lichtung, wo ihre Pferde grasten. Die Tiere 
stampften unruhig mit den Hufen. Fremder Schweißgeruch 
machte sie nervös. Da sah er auch schon den Schatten, der die 
Remuda anging. 

Sein linker Revolver explodierte und die Rothaut fiel stumm 

ins Gras. In der Nähe raschelten Sträucher. Hickok fuhr 
blitzschnell um die Achse. Er hörte Alisons Stimme und sah 
aus den Reflexen des Augenwinkels, wie ein Schatten ihn von 
der Seite ansprang. Trotz des Zwielichtes erkannte Hickok die 
Lanze, die die Rothaut ihm entgegenstieß. Wild Bill tänzelte 
einen halben Schritt zurück, ließ den Revolver fallen und 
erfaßte den Lanzenschaft. Seine mächtige Pranke zuckte ins 
Dunkel und er spürte den harten Anprall. Die Lanze hing nun 
schlaff in seiner Faust, die Rothaut rollte stumm vor seine 
Füße, drehte sich noch einmal auf den Rücken und streckte 
dann Arme und Beine aus. 

»Es müssen noch mehr im Busch stecken«, flüsterte Hickok, 

»holt sie euch.« Er selbst beugte sich nieder, erfaßte den 
Bewußtlosen und zerrte ihn ans Ufer des Creeks. 

Alison und McDiem feuerten ihre Revolver ab. Ihr Fluchen 

zeigte, daß sie ihr Ziel verfehlt hatten. Schatten huschten davon 
und verschwammen mit der Dunkelheit. 

Wild Bill Hickok schob den Kopf des Bewußtlosen tief ins 

background image

 22

kalte Wasser des Flusses. Er hörte, wie Alison und McDiem 
herantraten. 

»Willst du ihn ersäufen?« fragte Alison trocken, während er 

die verschossenen Patronen im Colt ersetzte. 

»Ich will wissen, wie viele sie sind«, fluchte Hickok und riß 

den Kopf der Rothaut aus dem Wasser. Der Bursche trampelte 
und zappelte und schien nun wieder bei Bewußtsein. Er stieß 
kehlige Laute aus, die Hickok nicht verstehen konnte. 

Hickok zog den Burschen auf die Beine. Ein schlanker, 

muskulöser Krieger. Blutjung und beweglich wie eine Gerte. 
Er sprach ihn an. Als der andere keine Antwort gab, riet 
Alison: »Versuch es mit deinem Spanisch. Der Bastard scheint 
ein Yaqui zu sein. Sie leben im Grenzland.« Noch während er 
sprach, trat Alison näher. Er griff in den Gurt und setzte der 
Rothaut sein breitklingiges Bowiemesser an die Kehle. »Frag 
ihn jetzt. Wenn er Spanisch versteht, wird er dir antworten. 
Wenn nicht, schlitze ich ihm die Ohren aus seiner 
weißgefärbten Visage. Comprende, amigo?« Er grinste so 
boshaft, daß die Rothaut zaghaft nickte. 

»Comprende americano.« 
»Na also«, Alison zog sein Messer zurück. 
Wild Bill begann sein Verhör. »Du bist ein Yaqui?« 
»Sie, americano.« 
»Ist Tehueco dein oberster Häuptling?« bellte Hickok. 
Der Indianer zuckte schmerzhaft zusammen. Er murmelte 

etwas in seiner Sprache, das wie ein Fluch klang. Hickok 
erinnerte sich der kurzen Unterhaltung, die er mit John 
Haggerty im Banditennest geführt hatte. 

»Dein Häuptling ist Natie, der sich der Rote Wolf nennt. Und 

ihr seid seine Wölfe. Abtrünnige der Yaquisippen. 
Ausgestoßen und verdammt von euren Familien. 
Nomadisierende Bastarde, die von Raub und Mord leben und 
friedlichen Siedlern das Leben zur Hölle machen.« Hickok 
redete sich in Zorn, und als er En-akai ansah, der schwach zu 

background image

 23

grinsen begann, überkam es ihn und er schlug ihn mit der Faust 
nieder. 

Wie ein Stein fiel En-akai zu Boden. 
»Damit hättest du auch einen Ochsen erlegt«, sagte Alison 

sarkastisch. »Er wird dir eine Weile nicht sagen können, was 
du wissen willst. Du bist unbeherrscht, Freund. Ein Zeichen, 
daß du älter wirst, Hickok. Was nun?« 

»Ich weiß, was ich wissen will. Sie sind etwa zwanzig 

Krieger, die von Raubzügen leben. Cochise wäre dankbar, 
wenn er ihrem Häuptling begegnen würde. Und Tehueco, der 
Yaqui-Kazike, erst. Er würde mir die hübschesten Weiber 
seines Dorfes schenken, wenn ich ihm den Roten Wolf vor die 
Füße werfe.« 

Hickok grinste, während er den Bewußtlosen am ärmellosen 

Caparajos faßte und auf die Beine stellte. »Wir bringen ihn ins 
Lager, und wenn er morgen früh aufwacht, jagen wir ihn zum 
Teufel.« 

»Du willst ihn laufen lassen?« fragte Alison verblüfft. 
Hickoks Grinsen wurde boshaft. »Nicht, bevor er erkannt 

hat, wie schnell unsere Revolver sind. Ich will Ruhe vor den 
Bastarden haben und nicht damit rechnen müssen, daß sie uns 
bei der nächsten Gelegenheit ihre Pfeile in den Rücken 
pflanzen. Du weißt, daß wir uns eine Aufgabe gestellt haben. 
Dafür brauchen wir die nötige Freiheit.« 

Trotz der Schmerzen, die unter der Haut brannten, war 
Viktorio bei vollem Bewußtsein. Er hatte erlebt, wie der 
Offizier seine Befragung über den Verbleib der Rebellen 
beendete, weil er keinen Erfolg sah. Er erkannte mit 
brennenden Augen, wie die Peitsche des Offiziers Snake-aman 
und Omar-Hill peinigte, bis sie ihr Bewußtsein verloren. Er 
sah, wie der Bunthosenoffizier wütend von ihnen abließ und zu 

background image

 24

seinen Soldaten trat und Befehle erteilte. 

In der Abenddämmerung war eine achtköpfige Spähergruppe 

aufgebrochen, um den Pferdespuren, die nach Westen führten, 
zu folgen. 

Der Offizier war noch einmal zu ihm getreten und hatte 

versprochen, ihn langsam und qualvoll am Rad eines 
Schooners sterben zu lassen. 

Dies alles hatte Viktorio gelassen hingenommen, denn er 

fühlte sich nicht allein. Freunde waren in der Nähe. Sie würden 
ihn bald finden. 

So überraschte es ihn nicht, als der leise Ruf einer Graszirpe 

in der Dunkelheit ertönte, der ihm Cochises Nähe anzeigte. Er 
lächelte, und der Schmerz unter der Haut verlor seine 
Bedeutung. 

Sein Blick streifte die Feuer, die die Bunthosen in der Mulde 

entzündet hatten, und berührte den Offizier, der ihn mit der 
Peitsche gedemütigt hatte, wie einen Bastardhund, der an 
Prügel gewöhnt war. Er wollte es nicht vergessen. 

Sein scharfes Ohr nahm Laute auf, die von den Hügeln 

kamen, und dann plötzlich sprengte eine Reiterschar lautstark 
auf das Soldatenlager zu und scheuchte die Uniformierten auf 
die Beine. Noch während die Kaiserlichen ihre Waffen 
ergriffen, um sich zu verteidigen, verschwanden die Reiter wie 
Schatten in der Dunkelheit. 

In diesem Moment der Verwirrung spürte Viktorio die 

scharfe Klinge, die über seine Brust fuhr und die Fesseln 
durchtrennte. 

Ein flacher Atemzug berührte ihn. 
»Cochise?« flüsterte Viktorio, während er die Blutstauung in 

den Armen massierte. 

»Der Jefe befreit die anderen. Bleib liegen und wart auf sein 

Zeichen«, antwortete Haggerty. Lautlos glitt er unter den 
Planken des schweren Schooners hindurch und verschwand in 
der Nacht. 

background image

 25

Im Lager der Soldaten herrschte Aufregung. Befehle 

schallten durch die Nacht. Im weiten Viererkarree gingen die 
Soldaten in Stellung und erwarteten den zweiten Angriff. 

Viktorio verharrte in stummer Reglosigkeit. Er schloß die 

Augen, um sich auf den Augenblick der Flucht zu 
konzentrieren. Seine Gedanken berührten den Falken, der nicht 
sein Freund war, und es wunderte ihn, daß der Falke sein 
Leben für das seine riskierte. 

Endlose Sekunden vergingen, ehe der Lockruf der Zirpe die 

Nacht durchdrang. Blitzschnell tauchte Viktorio in den 
Schatten des Schooners, kroch unter der Achse hindurch in die 
Finsternis. 

Der Ruf der Zirpe kam nun vom nahen Hügel, den Viktorio 

ohne Zögern anging. Irgendwie schienen die Soldaten von der 
Stille beunruhigt. Sie begannen ziellos in die dunkle Nacht 
hinein zu feuern. 

Viktorio spürte ihre Angst. Er lächelte grausam, als er ins 

Gesträuch eindrang. Seine Schmach würde er nicht vergessen. 

»Viktorio?« rief Cochise ungeduldig. 
Viktorio drängte durch den Busch und erreichte den 

Häuptling, der ihm die Schlinge eines Lassos zuwarf, sein 
Pferd herumriß und davonjagte. 

Pfeilschnell flog Viktorios Körper auf den Rücken des 

Pintos. Seine Wüstenmokassins drängten ins Fell des Pintos, 
und er folgte dem Hufschlag Cochises. 

Er durchquerte das Tal und überschritt den zweiten Hügel, 

hinter dem sich die Apachenkrieger formiert hatten. 

»Wir wollen nach Norden ausweichen und ihr Lager 

umgehen«, bestimmte Cochise, als Viktorio an seiner Seite 
auftauchte. Fahles Licht erhellte die Prärie. 

Viktorio atmete schwer. Plötzlich brannten wieder seine 

Wunden. Mit zorniger Stimme erwiderte er: »Wir sollten nicht 
fliehen, sondern die Soldaten angreifen und niedermachen. Ich 
werde diesen Offizier, der mich wie einen Hund prügelte, 

background image

 26

töten.« 

»Du hast es dir selbst zuzuschreiben, Viktorio«, sagte der 

Häuptling. »Nur dein Leichtsinn brachte dich in diese Lage. 
Bedenk, es steht mehr auf dem Spiel als die Rache an einem 
einzelnen Mann. Laß Vernunft und Klugheit sprechen und 
verdränge deine Rachegelüste. Vielleicht wirst du deinem 
Peiniger bald begegnen.« 

Der Mimbrenjowolf blickte zu den Hügeln, hinter denen 

noch immer Gewehrfeuer erschallte. Sein Blick streifte den 
Falken, der an Cochises Seite ritt. Er sprach kein Wort des 
Dankes, sondert zog sein Pferd herum. 

»Deine Worte sind klug, Cochise. Ich kann warten.« 
Cochise führte seine Kriegsgruppe nach Norden, um gegen 

Morgengrauen in südwestlicher Richtung die Fährte der 
flüchtigen Rebellen zu suchen. Er ahnte, daß die Tropa die 
Kaps der Berge bald erreichen würde. Deshalb bestimmte er 
nur eine kurze Rast an der Wasserstelle, die sie berührten, und 
setzte den Weg im Eiltempo fort. 

Mit den ersten Morgenschatten stießen sie auf eine breite 

Pferdespur, der sie eine Weile folgten. Cochise ließ vier Späher 
vorausreiten, die schon bald zurückkehrten. An Apa-noganes' 
Lendengurt baumelten vier hellhaarige Skalps, was John 
erkennen ließ, daß sie Feindberührung hatten. 

Apa-noganes berichtete mit schnellen Worten und deutete 

nach Westen. Cochise gab Viktorio und dem Falken ein 
Zeichen und preschte in diese Richtung. Nach zwei Meilen 
stießen sie auf ein Dutzend Skelettbäume, die von 
Zapotesträuchern umschlossen waren. Auf der Lichtung lagen 
tote Soldaten. Die Vorausabteilung der Dragonereinheit. Die 
Erde war aufgewühlt und zeigte Spuren eines harten Kampfes. 
John sah die Toten, und er wußte, woher Apa-noganes seine 
Beute hatte. 

»Die Soldaten sind auf eine Nachhut der Rebellen gestoßen«, 

sagte Cochise, ohne daß er vom Pferd stieg. Er beobachtete den 

background image

 27

Mimbrenjo-Jefe, der aus dem Buschgürtel herausgeritten war 
und nach Spuren suchte. 

Viktorio kehrte nach wenigen Minuten zurück. 
»Sie sind uns fünf Stunden voraus, Cochise. Ich fürchte, 

unsere Feinde werden in den zerklüfteten Sierras 
untertauchen.« Die Unruhe, die ihn beherrschte, zeigte sein 
Jagdfieber. John Haggerty, der dies bemerkte, kannte den 
Grund seiner Unruhe. Viktorio dachte noch immer an die 
Waffen, als wären sie sein Eigentum. 

»Die Götter der Berge sind die Freunde der Apachen. Sie 

werden uns ihr Wohlwollen zeigen. Wir werden ihre Spur auch 
auf dem harten Fels erkennen.« Während Cochise sprach, 
drehte er sich auf dem Rücken seines Ponys um und blickte 
nach Osten, von wo aus seine Krieger heransprengten. Aber 
seine Gedanken liefen über sie hinweg zu den 
Bunthosensoldaten, die denselben Pfad wie sie beschriften. Das 
machte ihm Sorgen. 

Trotzdem gab er das Zeichen zum Aufbruch. 
Die pfadlose Prärie zeigte ihr verdorrtes Wüstengesicht. 

Loses, sprödes Geröll wechselte ständig mit sandigen Dünen. 
Dazwischen lagen schroffe Bergkuppen und zerklüfteter Fels, 
absolut geeignet für einen Hinterhalt. Cochise ließ seine 
Gruppen ausschwärmen. In weiter Front gingen sie die Berge 
an. Er, Naiche und der Falke führten die Chiricahuas auf der 
nur noch schwach zu erkennenden Spur der Rebellen, Viktorio 
und seine Mimbrenjos schützten die offene Südflanke, und 
Tehueco mit den Yaquis deckte das nördliche Territorium. 

Mit zunehmender Dunkelheit wuchsen die hohen Schatten 

der Sierra Alamo Hueco in den scheidenden Tag. Ihre 
mächtigen schneebedeckten Gipfel wirkten wie drohende 
Fäuste, die sie den Eindringlingen entgegenstreckten. 

Irgendwo dort oben auf der Kuppe eines Berghügels liegen 

die Ruinen eines alten Franziskanerklosters, dachte John 
Haggerty, den das Bild beeindruckte. Vielleicht liegt dort das 

background image

 28

Ziel Don Rodriges. 

Wild Bill Hickok lächelte, unbeeindruckt der drohenden 
Haltung der Yaquis, die der Rote Wolf bei der 
niedergebrannten Hazienda versammelte, denn er wußte, daß 
die abtrünnigen Yaquis es niemals wagen würden, sie so offen 
anzugreifen. Ihre drohenden Gesten sollten ihn und seine Leute 
nur einschüchtern. 

»Bring den Bastard, Alison«, sagte Hickok und deutete zu 

der gefangenen Rothaut, die gefesselt im Gebüsch lag. 

En-akais Gesicht zeigte die Spuren von Hickoks Fäusten. 

Doch stolz hielt er den Kopf in den Nacken und blickte zu 
seinen Brüdern hinüber, die vor der Mauer der Hazienda ihre 
Ponys bewegten. 

»Schau dir deine Sinnesgenossen ruhig an, Rothaut«, sagte 

Hickok grinsend, »und berichte ihnen später, was du hier erlebt 
hast. Los, Jungs, wir wollen ihm ein Gratisschauspiel bieten, 
von dem er noch seinen Urenkeln erzählen kann. Wie wäre es 
mit dir, McDiem?« 

Der krummbeinige Revolverschwinger überlegte nur einen 

Augenblick, dann trat er zur Feuerstelle, sammelte fünf leere 
Konservendosen auf, deren Inhalt sie am Morgen verzehrt 
hatten, ging zu einem Rotdorn und schob die Dosen auf die 
stachligen Äste. 

Fünfzehn Schritte bewegte er sich rückwärts, verfolgt von 

den dunklen Augen En-akais. Noch in der Bewegung fuhren 
seine Hände abwärts. Die Rechte erfaßte blitzschnell den Colt. 
Während der Lauf hochschwang, glitt die Linke leicht wie eine 
Feder über den Abzug. Fünf Schüsse krachten, die Dosen 
flogen überaus laut polternd aus dem Gesträuch. 

Von der Hazienda her schallte wütendes Geschrei der 

Yaquis, die aus der Feme dieses Schauspiel erlebten. 

background image

 29

En-akais Gesicht blieb ausdruckslos. 
»Er ist von deiner Schießkunst nicht überzeugt, Mac«, rief 

Marwik dem Schützen zu. Er suchte eine neue Dose, trat 
grinsend näher und stellte sie dem Yaqui auf den Kopf. »Du 
hast noch eine Kugel im Lauf. Vielleicht wäre es besser, du 
schießt ihm ein Loch zwischen die schwarzen Augen, anstatt 
die Büchse zu treffen.« 

Marwik trat zur Seite, als aus McDiems langem Revolverlauf 

eine Feuergarbe sprühte. Wie von Geisterhand wehte die Dose 
vom Kopf des Yaquis, dessen Mundwinkel nervös zu zucken 
begannen. 

»Er zeigt Regung, Mc. Wir sollten das Spiel wiederholen. 

Schieß mal von der abgewandten Seite über die Schulter. Da 
stehen die Chancen eins zu eins, ob du das Ziel oder seinen 
Schädel triffst.« 

McDiem lud grinsend seinen Colt auf. 
Hickok schüttelte bei Marwiks Vorschlag den Kopf. »Wir 

wollen den Jungen nicht begraben, sondern ihm vor Augen 
führen, was geschieht, wenn seine Brüder sich noch einmal in 
Reichweite unserer Feuerspucker wagen. Alison, zeig ihm mal 
deinen Dollartrick.« 

Hickok griff in die Tasche und hielt eine Münze in der Faust. 

»Vielleicht beteiligt sich Newer an dem Spaß.« 

En-akai wurde unruhig. Obwohl er es nicht zeigte, 

beeindruckte ihn die Schießkunst des krummbeinigen 
Weißauges. Er blickte auf Hickoks Hand, der mit kräftiger 
Bewegung die Münze hochwirbelte. 

Als die Münze den Gipfelpunkt erreichte und die 

morgendliche Sonne auf ihren wirbelnden Flächen funkelte, 
feuerte Clay Alison aus der Hüfte. 

En-akai sah, daß die Münze noch einmal hochgeschleudert 

wurde, ehe ein zweiter Schuß sie aus der Richtung drängte. 
Klirrend schlug sie drei Schritte entfernt auf einen Stein. 

Hickok nahm sie auf. Er trat grinsend vor die Rothaut und 

background image

 30

zeigte die beiden Einschüsse in der Fläche. Eine hatte die Mitte 
durchschlagen, die zweite Kugel hatte aus dem Rand eine Ecke 
gebrochen. »Meine Jungs könnten das Spiel x-beliebig lange 
fortsetzen, Yaqui, ohne daß auch nur ein Schuß daneben ginge. 
Vielleicht überzeugt das deinen Häuptling Roter Wolf, daß mit 
uns wenig Staat zu machen ist.« 

Hickok durchschnitt seine Fesseln und schob die Münze in 

En-akais ärmellose Lederweste. 

»Nun verdufte, Rothaut, und erzähl deinem Häuptling, was 

du erlebt hast. Wenn er dann immer noch nicht die Nase voll 
hat, werden unsere Kugeln seine schwarzen Haare einzeln aus 
dem Skalp zupfen.« Hickok machte eine Handbewegung zur 
Hazienda hinüber. 

En-akai verstand wohl nicht den vollen Wortlaut seiner 

Worte. Aber er spürte im drohenden Unterton der Stimme die 
Warnung und sah die Aufforderung des Weißauges, daß er sich 
entfernen durfte. Erst mißtrauisch zögernd, dann in schnellen 
Lauf übergehend, hastete er den Hang hinauf. 

»Der Bursche ist flink wie ein Hase«. 
Hickok hob sein Einrohr auf und setzte es ans Auge. Er sah, 

wie En-akai den Häuptling erreichte und heftig auf ihn 
einsprach. En-akai reichte ihm die Münze, die Roter Wolf nach 
allen Seiten drehte und die Einschüsse untersuchte. Mehrmals 
ging sein Blick ins Lager der Weißaugen. Schließlich reichte 
Natie En-akai den Arm und der schwang sich auf die 
Hinterhand von dessen Mustangs. Wildes Geschrei ausstoßend, 
sprengten sie in die offenen Plains. 

»Er ist überzeugt«, schnaufte Hickok belustig, »und wird 

unsere Nähe künftig meiden. Sattelt die Gäule, Jungs, wir 
haben viel Zeit verloren.« 

Sie vermieden die Nähe der Hazienda, umritten sie in weitem 

Bogen und trabten westwärts, hoffend, bald eine Fährte zu 
finden. Gegen Mittag stießen sie auf einen Hügel, und Hickok 
traute seinen Augen nicht, als er vier Berghaubitzen entdeckte, 

background image

 31

die von buntröckigen Soldaten besetzt waren. 

»Maximilian«, sagte er verblüfft und zügelte seinen Gaul. 

»Wir sollten sie umgehen«, riet Lorne, »gegen ihre Kanonen 
sind unsere Gewehre kleines Spielzeug.« 

Hickok schüttelte heftig den Kopf und kramte aus seiner 

Satteltasche eine verwaschene Unterhose, die er an den Lauf 
seiner Winchester band. »Wir sind weder mexikanische 
Rebellen noch streunendes Indianergesindel. Ich hoffe, sie 
verstehen, was diese Fahne bedeutet.« 

Er lockerte die Zügel und ging in gemächlichem Trab den 

Hügel an. Seine Männer folgten. 

Schon im Näherkommen erkannte er, daß dies ein 

versprengter Haufen Soldaten war. Sie empfingen die Fremden 
mit mißtrauischer Zurückhaltung. Der größte Teil von ihnen 
sprach Französisch. Doch ein Sergeant war der englischen 
Sprache mächtig und konnte die fremden Reiter verstehen. 

Hickok drückte seine Verwunderung aus über das Bild, das 

er sah, doch der Sergeant klärte ihn schnell auf. Sie hatten vor 
zwei Tagen ein Gefecht mit Rebellen am Rio Casa Grande, und 
die Rebellen waren nach Westen in die Berge geflohen. 
Capitano Laffitieur hatte die schwerfällige Abteilung Artillerie 
zurücklassen müssen, die bei einer schnelleren Verfolgung 
hinderlich war. Sie warteten hier auf dessen Rückkehr oder 
auch auf weitere kaisertreue Truppen, die bald am Rio Casa 
Grande aufmarschieren würden. Er sprach von zwei 
Regimentern Kavallerie, Artillerie und Infanterie, die General 
Miramon befehligte. Sie selbst waren nur die Vorhut. 

Er grinste dabei hinterhältig. »Unsere Spione konnten in 

Erfahrung bringen, daß der Volksaufwiegler Benito Juárez mit 
seiner Rebellenarmee in den nächsten Tagen den Rio Casa 
Grande überschreiten und an den Lagunen von Guzman 
entlang südwärts zur Hauptstadt ziehen will.« 

Hickok war beeindruckt. Er sprach nun selbst von den 

Dingen, die ihn nach Mexiko führten. Als er Don Rodriges 

background image

 32

erwähnte, der moderne Waffen mitführte, verlor Sergeant 
Poullier den letzten Funken Mißtrauen. Er nickte heftig. 

»Das müssen die Rebellen sein, auf die wir am Fluß gestoßen 

sind, Monsieur. Es waren fast hundert Männer, meist 
Mexikaner.« 

»Die Leute, die wir suchen.« Hickok nickte zuversichtlich. 

»Erklären Sie uns die Richtung, in der sie geflohen sind. Wir 
finden keine Spuren.« 

»Ein Unwetter hat sie verwischt, Monsieur«, erwiderte der 

Franzose und hielt eine langatmige Rede über den 
zurückliegenden Wolkenbruch. 

Nach einer Stunde ritten Hickok und seine Mannschaft nach 

Westen. Zwei Tage waren eine Menge Vorsprung. Er machte 
sich nur Gedanken darüber, wo dieser Armeescout und 
Cochises Apachen abgeblieben sein mochten. Sergeant Poullier 
hatte sie mit keinem Wort erwähnt Clay Alison drängte sein 
Pferd an Hickoks Seite. »Wir reiten mitten im 
Aufmarschgebiet der Revolution, Hickok. Ich hoffe nicht, daß 
wir zwischen zwei Fronten geraten.« 

Wild Bill deutete auf den dunklen Schatten am Horizont. 

»Dort liegt unsere Richtung, Alison. In den Bergen wird es 
nicht zur großen Schlacht kommen. Aber ich glaube, wir liegen 
richtig. Die Waffen, die Don Rodriges erbeutet hat, sind für 
Juárez bestimmt. Irgendwann werden er und der 
Rebellengeneral aufeinanderstoßen.« 

Nach einigen Meilen Wegstrecke vernahmen sie 

Geschützfeuer im Osten, von dort, wo die maximilianische 
Artillerieeinheit zurückgeblieben war. 

Hickok zügelte sein Pferd und lauschte dem rollenden Echo 

der Abschüsse, das schwach durch die Einsamkeit floh. Er sah 
die fragenden Gesichter seiner Begleiter und grinste 
verschlagen. 

»Dieser schlitzohrige Yaquibandit hält sich wohlweislich aus 

der Reichweite unserer Karabiner. Scheinbar aber sucht er 

background image

 33

Ersatz für die entgangene Beute am Fluß. Ich hoffe nur, die 
Berghaubitzen der Maximilians werden den streunenden 
Bastarden tiefe Gräber schaufeln.« 

Santillo und einige seiner kampfstarken Pistoleros lagen 
lauernd in den Schrunden der Felsen. Als Nachhut Don 
Rodriges' war es ihnen gelungen, die Kundschafter der 
Kaiserlichen Armee heimtückisch zu überfallen und in einem 
kurzen Schlagwechsel zu erledigen. 

Nun, in den Steilhängen der Sierras Alamos lauernd, 

entdeckte der mexikanische Bandit drei einzelne Reiter, die 
sich vorsichtig durch den Arroyo tasteten, so, als witterten sie 
eine Gefahr. 

Santillo, der sie schon eine Weile mit dem Fernglas 

beobachtete, reichte Mochane grinsend sein Glas. »Die Welt ist 
klein, muchacho, sonst könnten wir diesen Bastarden nicht so 
schnell wieder begegnen. Erkennst du sie wieder, Juan?« 

Juan Mochane preßte das Glas an die Augen. Nach einer 

Weile nickte er heftig. »Der eine von ihnen ist der 
Apachenhäuptling und der zweite der Mann, den er Falke 
nennt. Der dritte Reiter, eine Rothaut, ist mir fremd.« Er reichte 
dem Capo das Glas zurück. »Was werden wir tun?« 

Santillo blickte zu seinen Männern hinüber, die gut verteilt in 

sicherer Deckung lagen, und jederzeit jeden Winkel der 
schmalen Schlucht mit ihren Waffen bestreichen konnten. Sie 
waren sechs. Die anderen nur drei. 

»Wir werden ihre Skalps dem General schenken. Ich wette, 

er wird sich uns gegenüber dankbar erweisen. Warten wir, bis 
sie auf Schußweite heran sind.« Der Sprecher gab seinen 
Männern durch Handzeichen seine Absicht kund, schob seinen 
Karabiner näher und legte eine Handvoll Patronen auf den Fels. 

Die fremden Reiter zügelten plötzlich ihre Pferde und trieben 

background image

 34

sie dicht zusammen. Sie blickten in die Richtung, wo Santillo 
seinen Hinterhalt aufgebaut hatte. Einer streckte den Arm aus. 

»Sie haben uns entdeckt«, flüsterte Mochane an Santillos 

Seite. 

»So scharf können ihre Augen nicht sein«, sagte der Rebell 

und Bandit. Er blickte über die Schulter zum Steilhang hoch, 
über der ein mächtiger Greifvogel schwebte, nun im Steilflug 
niedersank und mit weitem Flügelschlag durch den Arroyo 
schwebte. Santillo lachte verächtlich auf. 

»Sie bewundern die Natur, Juan. Vielleicht ist es der letzte 

Blick, den sie in ihrem Leben aufnehmen.« 

Die Reiter trieben ihre Pferde an, kamen nun in Reichweite 

von Santillos Gewehren. Er gab seinen Leuten ein Zeichen und 
schob den Karabiner an die Schultern. Fast gleichzeitig 
feuerten sie. 

Reiter und Pferde stürzten, schlugen hart auf den Fels. 

Während die Gäule erregt mit den Hufen schlagend hochkamen 
und in östlicher Richtung durch den Arroyo flohen, blieben die 
Männer als langgestreckte Schatten reglos auf dem Fels liegen. 

Santillo setzte die Waffe ab. »Du siehst, es war ein 

Kinderspiel. Hol dir Terazo und Dowares und bring mir ihre 
Haare.« 

Mochane nickte. Er rief nach den beiden und deutete in die 

Tiefe. Die Männer sprangen über die Felsen zu der schmalen 
Wasserrinne. Sie stellten ihre Karabiner an den Fels und 
kletterten mit Mochane in die Tiefe. 

Santillo steckte zufrieden eine schwarze Zigarre zwischen die 

Lippen und dachte an die Belobigung, die er zu erwarten hatte. 
Der General würde mit ihm zufrieden sein. 

Steine polterten in die Tiefe. Mochane und seine Bgleiter 

rutschten über die Schottermoräne und erreichten nach 
fünfzehn Minuten die Schluchtsohle. Mochane winkte hoch. 

Santillo blies einige Rauchringe in den Himmel und schaute 

gelangweilt zu den Fremden hinüber. Was sie am Körper 

background image

 35

trugen war ihre Beute. Ihre Skalps würden Don Rodriges 
erfreuen. 

Mochane war nun auf dreißig Yards an die Toten 

herangekommen. Er zückte sein Jagdmesser und schwang es 
über dem Kopf, so, als wollte er seine Freude bekunden, mit 
der er sein Werk verrichten würde. Er und seine Kumpane 
gingen weiter. 

Als sie nur noch wenige Schritte entfernt waren, fuhren die 

»Toten« pfeilschnell in die Höhe, und noch ehe Santillo das 
Echo der Schüsse auffing, warfen Mochane, Terazo und 
Dowares die Arme hoch und sanken tödlich verletzt zu Boden. 

Santillo fiel die Zigarre aus dem Gesicht. 
»Carachos«, schrie er im nächsten Augenblick und griff zum 

Karabiner. »Die Embudos haben uns reingelegt. Schießt, 
Companeros, bis der Teufel sie holt.« 

Er feuerte den ersten Schuß ab. 
Doch da waren die drei Fremden bereits in Bewegung. 

Wieselflink, hakenschlagend wie gehetzte Wildkaninchen, 
strebten sie mit mächtigen Sprüngen dem morschen Felsquader 
entgegen, den die Natur aus dem Berg gesprengt hatte, und 
noch ehe sie eine Kugel erreichen konnte, warfen sie sich 
hinter die sichere Deckung. 

»Stellt das Feuer ein«, schrie Santillo wütend, als seine 

Begleiter den Felsbrocken mit Blei beharkten. »So kommen 
wir nicht an sie heran.« 

Mescale und Diego krochen mit erhitzten Gesichtern näher. 

»Was werden wir tun, Amigo?« fluchte Diego, »sie haben 
Juan, Anco und Pedro getötet.« 

»Ich werde überlegen.« Santillo hob die entfallene Zigarre 

auf und steckte sie in Brand. Eine Weile schloß er die Augen 
und schien nachzudenken, bis ein breites Grinsen über sein 
narbiges Gesicht lief. »Sie haben keine Gewehre. Die sind mit 
ihren entlaufenen Pferden verschwunden. Sie sitzen in der 
Falle.« Er nickte, als wolle er seine eigenen Worte bestätigen. 

background image

 36

»Mit ihren Revolvern und Lanzen können sie gegen uns nichts 
ausrichten. Du und Mescale, ihr klettert höher und versucht in 
ihre Rücken zu kommen. In der Zwischenzeit werden wir die 
Gringos beschäftigen. Ich will ihre Haarschöpfe. Schon, um 
Juan, Anco und Pedros Frieden willen. Enrico soll euch 
begleiten.« 

Mescale, Diego und Enrico krochen mit wütenden 

Gesichtern davon. Die Toten waren ihre besten Freunde 
gewesen. Sie würden sie rächen. 

Santillo wartete eine Weile, ehe er Horace, der mit ihm 

zurückgeblieben war, ein Zeichen gab. 

»Wir feuern alle Minute einen Schuß ab, Compadre. Sie 

sollen wissen, das wir noch da sind.« Während er das Gewehr 
an die Schulter schob, dachte er nach, wie lange seine drei 
Kämpfer brauchten, um in die Rücken der Fremden zu 
gelanden. 

Eine oder gar zwei Stunden? Was bedeutete schon die Zeit. 

Er grinste. Bis zum Einbruch der Nacht würden sie erledigt 
sein. Und er dachte an Don Rodriges, der mit der Armee einen 
halben Tag voraus sich dem einsamen Kloster nähern mußte. 
Morgen würden sie zu ihm stoßen. 

Im ständigen Wechsel feuerten sie ihre Gewehre ab. Ihre 

Geschosse schlugen Splitter aus der massiven Felsdeckung. 
Das Echo rollte durch die Bergwelt. Einmal glaubte Santillo 
einen dumpfen Aufschrei zu vernehmen, matt, wie durch einen 
Filter gepreßt. Aber es waren wohl seine überreizten Sinne, die 
die Laute aufnahmen. Vielleicht war es ein Puma, der hoch in 
den Bergen sein Wild jagte. 

Die Zeit verrann. Die Schatten in der Schlucht wurden 

breiter. Nur undeutlich war ihr Ziel zu sehen. Drei Stunden 
mochten vergangen sein. 

»Puer Dios«, schrie Santillo einmal wütend, »die Bastarde 

lassen sich Zeit, als lägen sie mit einer Concorina im Bett. Es 
wird bald Nacht, ohne daß wir von ihnen hören.« 

background image

 37

Er beugte sich über die Brustwehr und brüllte in die Tiefe. 

»Companeros, warum gebt ihr nicht auf? Wir werden euch 
töten, ohne daß ihr einen Schmerz spürt. Es ist ein gutes 
Angebot!« 

Drunten blieb es still. 
Die Schatten wuchsen über den Fels hinaus und füllten die 

Schlucht. 

Santillo blickte verzweifelt zum Himmel. In einer Stunde 

wurde es dunkel. 

An der Südflanke polterten Steine in die Tiefe und zerrissen 

die Stille. Ein Mann taumelte über das Felsband. Aus vielen 
Wunden blutend, mit vom Kampf zerrissener Kleidung und 
irrem Blick, wankte er näher. 

»Maldito, Diego«, fluchend fuhr Santillo auf die Beine. Er 

starrte seinen Kampfgefährten wie einen bösen Geist an, der 
plötzlich aus dem Fels getreten war, »was bedeutet das Ganze? 
Wo sind die anderen Männer?« 

»Apachen«, röchelte Diego mit letzter Kraft, »Mescale, 

Enrico ++ tot.« Er machte einige unsichere Schritte, schwankte 
und schlug vornüber mit dem Gesicht auf den nackten Fels. 
Zwischen seinen Schulterblättern steckte die Breitklinge eines 
Tomahawks. 

Während Santillo entsetzt den Kopf wandte, griff Horace zur 

Brust, aus der zitternd der gefiederte Ulmenschaft eines 
Kriegspfeiles ragte. Ein zweiter und dritter Pfeil ging fehl. Der 
Mexikaner fiel zu Boden. 

Plötzlich umgab Santillo fürchterliches Geheul. Aus dem 

Nichts heraus, wie böse Derwische, tauchten ein halbes 
Dutzend halbnackter Gestalten auf, ihre Lanzen und 
Schlagbeile blitzten im niedergehenden Sonnenlicht. Sie waren 
so nahe, daß Santillo ihre glühenden fanatischen Augen sehen 
konnte. 

Er ließ das Gewehr fahren. Seine Hand zuckte zur Hüfte, und 

noch in der Bewegung feuerte er den Colt ab. Er sah einen 

background image

 38

Mann niederstürzen, da traf ihn ein Apachenpfeil. Wilder 
Schmerz durchzuckte den Desperado, der, um sich feuernd, 
zum Abgrund taumelte. 

Santillo spürte nicht die Leere, die sich auftrat, als er ins 

Nichts trat. Mit gellendem Schrei stürzte er in die Tiefe. 

Im Tal lösten sich Haggerty, Cochise und Viktorio aus der 

Deckung. Sie sahen Tehueco und seine Krieger, die hoch oben 
ihre Streitäxte schwangen. 

Raumgreifend durchquerte John Haggerty die Schlucht und 

erreichte als erster den Toten. Als er den zerschmetterten 
Körper umdrehte, waren die beiden Apachen heran. 

»Santillo«, sagte John heiser, als er den Toten erkannte. 

»Einer von Don Rodriges Capos. Zuletzt sahen wir ihn in der 
Felsenfestung der Rebellen.« 

Cochise wandte sich schweigend ab. 
Von der Höhe herab krochen Tehuecos Krieger die trockene 

Wasserrinne herunter, während in der Tiefe der Schlucht 
trommelnder Hufschlag aufklang. Naiche führte die 
Chiricahuas und Mimbrenjos heran. 

Zum ersten Male spürte Cochise Heimweh nach seinen 

Bergen, seiner Apacheria und der gewohnten Umgebung. Es 
war eine lange blutige Spur, auf der er und der Falke ritten. Er 
spürte, sie war noch lange nicht zu Ende. 

John Haggerty trat an seine Seite und blickte den Reitern 

entgegen, die ihre Pferde um die Schluchtbiegung führten. 

»Don Rodriges kann uns nicht mehr weit voraus sein«, sagte 

Haggerty rauh. »Er und seine Rebellen verbergen sich bei den 
Ruinen des alten Franziskanerklosters.« 

Cochise nickte; »Wir werden ihnen bald begegnen, Falke.« 

Müde wandte der Häuptling sich ab und ging schweigend 
seinem Sohn entgegen, der den Apachen weit voraus ritt. 

background image

 39

Von innerer Unruhe erfüllt, durchwanderte General Howard 
das Quadrat seines Zeltes. Er spürte nicht die Mittagshitze, die 
wie eine Feuerglocke unter dem Zeltdach lag, denn seine 
Gedanken waren bei Al Sieber, seinem neuernannten Chief-
Scout, der seit einigen Wochen John Haggertys Aufgaben 
erfüllte. Vor zwei Wochen hatte er Sieber und drei 
Indianderkundschafter nach Osten gesandt, um nach dem 
Verbleib der von der Regierung angekündigten 
Waffenconducta zu forschen, die einer Mitteilung nach mit 
einer Murphykolonne nach Tucson überführt werden sollte, 
ohne daß er von ihnen hörte. 

Inzwischen waren weder die Karabiner, die einen Teil seines 

Armeecorps modernisieren sollten, eingetroffen, noch sandte 
Sieber ihm eine Botschaft. 

Es lag tiefes Ungewisses Schweigen über den Dingen, zumal 

Hunkpapa-Scouts aus den Dragoon- und den Chiricahuabergen 
Hiobsbotschaften brachten, daß starke Kriegsgruppen der 
Mimbrenjos und Chiricahuas ihre Apacherien mit 
unbekanntem Ziel verlassen hatten. 

Die schwelenden Unruhen der letzten Monate, wie auch die 

blutigen Auseinandersetzungen der Apachen in Sonora und 
Chihuahua mit mexikanischen Rebellen und französischen 
Söldnertruppen, schürten Howards Befürchtungen, daß das 
heimliche Verschwinden der Chiricahuas und Mimbrenjos in 
Verbindung mit dem überfälligen Transport standen. 

Colonel Walman, persönlicher Berater Howards, saß 

schweigend hinter dem primitiven Kartentisch und verfolgte 
seit einer Weile Howards unruhige Schritte. Er spürte, daß 
Howard in Sorge war. 

»Sie befürchten das Schlimmste, Sir«, sagte er nach einer 

Weile lächelnd. 

General Howard blieb abrupt stehen und blickte überrascht in 

Walmans lächelndes Gesicht. 

»Ich befürchte weit mehr als das Schlimmste, Walman«, 

background image

 40

schnaufte Howard bissig. »Cochise ist aus seiner Apacheria 
verschwunden. Viktorio reitet mit seinen Kriegern in 
unbekannten Regionen, und auch Tehueco hat sein Dorf 
verlassen. Wenn sie Wind von dem Waffentransport 
bekommen haben, können wir die Conducta abschreiben. 
Wissen Sie, was die modernen Waffen in den Händen der 
Apachen bedeuten, Walman? Aufruhr und neue Unruhen, die 
wir kaum unter Kontrolle bringen könnten. Dafür sind unsere 
Forts zu schwach besetzt. Nachrichten aus New Mexico, die 
von verstärkter Aktivität der Apachenstämme berichten, 
bestätigen meinen Verdacht. Weiß der Teufel, warum Sieber 
sich nicht meldet. Der Scout und seine Kundschafter sind seit 
einer Woche überfällig. Ich wünschte, Haggerty hätte diese 
Aufgabe übernommen.« 

Colonel Walman schüttelte bestimmt den Kopf. »Ihr neuer 

Chief ist ein zuverlässiger Mann. Er hat die besten 
Fährtensucher der Armee dabei. Vielleicht wurde er durch 
irgendwelche Umstände aufgehalten, oder hat selbst 
Schwierigkeiten mit plünderndem Raubgesindel. Soll ich 
weitere Kundschafter nach Osten entsenden?« 

General Howard schüttelte widerstrebend den Kopf. »Ich 

trage mich mit dem Gedanken, das ganze Korps in 
Alarmbereitschaft zu versetzen. Zweihundert Repetiergewehre, 
die dazugehörige Munition und dieser neuartige Sprengstoff 
könnten ganz Arizona in einen Hexenkessel verwandeln.« 

Howard trat unter das Zeltvordach und blickte über den 

flachen Talkessel hinweg, den seine Zeltstadt füllte, nach 
Osten, von wo er seine Kundschafter erwartete. 

Aber so weit sein Auge reichte, dehnte sich einsame Wüste 

bis zu den fernen grauen Schatten der Dragoons aus. 

»Die Ungewißheit ist mir unerträglich, Walman«, sagte er 

über die Schulter. »Ich warte noch einen Tag mit der 
Entscheidung. Meldet sich Sieber nicht, setze ich zwei 
kriegsstarke Schwadronen in Trab, die nach den 

background image

 41

verschwundenen Kriegsstämmen der Apachen forschen sollen. 
Meine Burschen brauchen sowieso Bewegung. Sie werden faul 
und träge, darunter leidet die Disziplin.« 

General Howard trat in den Sonnenglast und ging den 

staubigen Fahrweg hinunter, den flache Mannschaftszelte 
säumten. 

Nach zwei Stunden kehrte er zurück, knöpfte seine 

Uniformjacke auf, zog sie aus und warf sie auf das Feldbett. 
»Dieser Sommer ist unerträglich, Walman. Weiß der Teufel, 
was an Arizona so wichtig ist, daß wir abseits aller 
Bequemlichkeit in einer Wildnis hausen müssen.« 

Colonel Walman kannte derartige Ausbrüche des Generals, 

die nicht ernst zu nehmen waren, weil Howard das Territorium 
liebte wie sein eigenes Kind. 

Am Nachmittag, lange Schatten krochen bereits ins Dessert, 

sprengte ein Reiter auf abgetriebenem Gaul durch das breite 
Zauntor und zügelte ihn vor dem Stabszelt. 

Vom Hufschlag aufgeschreckt, sprang Howard von seiner 

Pritsche und stürzte nach draußen. 

»El Chico«, rief er den kleinen Hunkpapa an, der vor zwei 

Wochen mit Sieber der überfälligen Conducta 
entgegengezogen war. »Welche Botschaften schickt mir dein 
Chief?« 

Der Hunkpapa glitt steif vom Pinto. Seine Kleidung war über 

und über mit Staub bedeckt, was auf einen langen 
anstrengenden Ritt schließen ließ. 

Colonel Walman trat mit einer Feldflasche zu dem 

Hunkpapa, »Trink einen Schluck und dann berichte«, forderte 
er. El Chico nickte dankbar, nahm einen tiefen Schluck, 
wischte über seine spröden Lippen und wandte sich an den 
General. 

»Wir sind bis in die Hidaigos vorgestoßen, General, ohne auf 

die Pferdewagen zu stoßen. Der letzte Punkt, den die Kolonne 
berührt hat, liegt jenseits der Animas Mountains in einem Dorf 

background image

 42

namens Hachita. Dort erinnerte man sich an die Kolonne. In 
Animas ist sie nie angekommen. Irgendwo auf der Wegstrecke 
zwischen diesen Orten ist sie verschwunden.« 

General Howard unterdrückte einen Fluch. Er spürte im 

tiefsten Innern seine Theorie bestätigt. 

»Seid ihr Fährten größerer Indianergruppen begegnet?« 
Der Hunkpapa schüttelte, bestimmt den Kopf. »Nein, 

General. Nur einem Grabhügel, dreißig Meilen vor Animas. 
Chief Sieber meinte, daß dies vielleicht ein Hinweis wäre. Er 
und Nino durchstreifen dort die Täler.« 

General Howard wandte sich an seinen Berater. »Vier 
Gespanne können nicht einfach in der Wildnis verschwinden, 
ohne Spuren zu hinterlassen. Setzen Sie zwei Schwadronen in 
Bereitschaft. Sie werden morgen unter Ihrer Führung 
aufbrechen und Verbindung zu Sieber suchen.« 

Colonel Walman grüßte und deutete zum weiten Corral am 

Lagerrand. »Bring dein Pferd dort unter, und leg dich schlafen. 
Du wirst uns morgen zu Sieber führen.« 

Der Hunkpapa nahm die Zügel und ging schweigend den 

Fahrweg hinunter. 

General Howard betrat das Zelt, entzündete die Karbidlampe 

und beugte sich über den Kartentisch. Eine Weile studierte er 
die Karte. Als er sich aufrichtete, lag Unruhe in seinem 
Gesicht. 

»Ich glaube, Colonel«, sagte er müde, »wir gehen üblen 

Zeiten entgegen.« 

Am Morgen brachen die Krieger auf und folgten der tiefen 
Steilschlucht, die ins Gebirge führte. John, der an der Seite 

background image

 43

Cochises ritt, hatte errechnet, daß das alte Franziskanerkloster 
keine zehn Meilen weit entfernt sein konnte. 

Am Mittag wandte er sich an den Häuptling. »Wir wollen 

vorsichtig sein und die Pferde an einer geeigneten Stelle 
zurücklassen. Es wäre möglich, daß Don Rodriges einige 
Vorposten aufgestellt hat, die den Mexikaner warnen könnten. 
Außerdem wird er unruhig sein, weil Santillo nicht beim Gros 
auftauchte, und Kundschafter nach ihm senden.« 

Der Jefe nickte. Sein Blick schweifte prüfend über die 

scharfen Grate der Bergkuppen, als suche er einen Aufstieg in 
den Steilwänden, um vom Canyon abzukommen. Er wirkte 
ernst und dennoch gelassen. 

John wußte, daß der Häuptling die Nacht allein und abseits 

vom Lager verbracht hatte, um bei den Göttern des Mondes 
und des Windes Kraft und Stärke zu sammeln. Er dachte an 
den bevorstehenden Kampf mit den Rebellen, die in der 
Überzahl und waffenmäßig stark ausgerüstet waren. Wenn ein 
Überraschungsangriff mißlang, würde es zu einem 
fürchterlichen Sterben bei beiden Parteien kommen. 

Sonne und Schatten wechselten auf der Schluchtsohle, die in 

vielen Windungen in den Berg hineinfloß. Der Hufschlag der 
unbeschlagenen Pferde klang gedämpft und verlor sich in den 
Steilwänden. Noch war das Rebellenlager zu weit entfernt, als 
daß man dort die Laute hätte aufnehmen können. Aber John 
war vorsichtig und wollte jeden Zufall außer acht lassen. 

Etwa zwei Meilen vor dem Ruinenkloster entdeckte er eine 

schmale Passage. »Vielleicht liegt dahinter ein Talkessel, der 
die Pferde aufnimmt«, sagte er, und Cochise lenkte seinen 
Pinto sofort in die Richtung. Die anderen blieben zurück. Nach 
etwa zehn Minuten tauchte Cochise wieder auf und gab durch 
Handzeichen zu verstehen, daß man ihm folgen solle. 

John ritt in Cochises Schatten. Die Felsspalte erweiterte sich 

nach etwa vierzig Yards zu einem Kessel, der geeignet schien, 
Pferde und Reiter aufzunehmen. 

background image

 44

»Hier wollen wir lagern«, bestimmte der Häuptling, und zu 

Viktorio gewandt fuhr er fort: »Ich werde mit dem Falken 
einen Aufstieg über das Felsband suchen, der uns in die Nähe 
unserer Feinde führt. Viktorio mag in der Abenddämmerung 
mit den Kriegern folgen.« 

Der Mimbrenjo nickte stumm. Nur ein seltsamer Blick 

streifte Haggerty, und John spürte, daß Viktorio sich noch 
immer mit den zweihundert Repetiergewehren beschäftigte. Er 
ahnte, daß es zwischen ihnen beiden am Ende der Mission zu 
einer Auseinandersetzung kommen würde, die über Leben und 
Tod entschied. Selbst sein Freund Cochise hatte darauf keinen 
Einfluß. 

Schweigend stiegen Cochise und John in die schmale Rinne, 

die im Winkel aufwärtsführend am rauhen Fels entlang lief. 
Der Weg war beschwerlich und barg die Gefahr, vom spröden 
Fels abzugleiten. Oder daß ein Steinschlag polternd in die Tiefe 
fuhr und den Gegner rechtzeitig warnte. 

Nach einer Stunde erreichten sie die Höhe, und zum 

erstenmal erkannten sie die zerfallenen Ruinen des Klosters, in 
deren Schatten einige Dutzend Menschen herumlungerten. 
Andere saßen an einem Feuer und vertrieben sich die Zeit beim 
Würfelspiel, wieder andere schliefen in irgendeinem schattigen 
Winkel. 

Cochise deutete zum verfallenen Turm hinüber. John nickte. 

Trotz der Entfernung erkannte er Don Rodriges, der, umgeben 
von seinen Capos, zwischen Turm und einer weiten Grotte 
lagerte. John vermutete mit Recht, daß dort die 
Winchestergewehre und das Dynamit gelagert waren. 

»Wir müßten einen Keil zwischen Kapelle und der Höhle 

schaffen, um Don Rodriges vom Kern seiner Truppe zu 
trennen. Vielleicht gelingt es uns in einem überraschenden 
Angriff, die Waffen zu erbeuten und damit deine Krieger 
auszurüsten, während eine zweite Gruppe von der 
Schluchtsohle angreift und die nötige Verwirrung schafft«, 

background image

 45

sagte John Haggerty. 

Cochise lächelte schwach. »Du denkst an den 

Mimbrenjowolf, Falke.« 

John erwiderte sein Lächeln mit einem Achselzucken. »Ich 

vertraue ihm nicht. Während des ganzes Weges denkt er an die 
Repetiergewehre. Er wird sich nicht von ihnen trennen wollen, 
wenn er sie erst einmal in den Händen hält. Ich möchte den 
Ärger zwischen dir und ihm vermeiden, denn es ist noch nicht 
lange her, daß sich die verfeindeten Stämme der Chiricahuas 
und Mimbrenjos ausgesöhnt haben.« 

Cochises Lächeln blieb. »Zwischen Chiricahuas und den 

Mimbrenjos soll der Frieden bestehen bleiben. Es wird dein 
Problem sein, wie du mit Viktorio fertig wirst, Falke.« 

John spürte, daß der Jefe wie er dachte. Erst eine 

Auseinandersetzung zwischen Viktorio und ihm würde 
endgültig die Besitzrechte klären. Er sondierte das Terrain und 
schenkte seine Aufmerksamkeit der Höhle, aus der ein Mann 
trat, in dem er Budd Cameron erkannte. Er gesellte sich zu dem 
Kreis der Capos. 

»Die Höhle bietet uns einen natürlichen Schutz zur 

Verteidigung, Jefe, Wer weiß, vielleicht führt von dort ein Weg 
in die Tiefe.« 

John Haggerty schwieg. Er bemerkte die Unruhe, die drüben 

auf dem Platz entstand. Die Kartenspieler waren aufgesprungen 
und zum Abgrund geeilt. Einer von ihnen rannte mit großen 
Schritten über den freien Platz zu Don Rodriges. Er 
gestikulierte heftig mit den Armen, worauf Don Rodriges und 
seine Capos aufsprangen. 

»Irgend etwas ist geschehen«, flüsterte Cochise, und er 

dachte an Viktorio, den sein wildes Blut oft zu Eigeninitiativen 
greifen ließ. Der Mimbrenjo war mutig genug, die Rebellen in 
einer offenen Schlacht vom Bergpfad hoch anzugreifen. 
Vielleicht auch wollte er Haggerty zuvorkommen, um seine 
eigenen Ansprüche an der Beute zu bekräftigen. 

background image

 46

Don Rodriges' Stimme donnerte über den Platz. Der ganze 

Haufen war nun in Bewegung und griff nach den Waffen. 

In diesem Augenblick hörte John heftige Atemzüge im 

Rücken. Als er seine Winchester herumriß, warf Viktorio sich 
an seine Seite. Dicht hinter ihm bewegten sich zwei Dutzend 
Krieger. Einen weiteren Teil verdeckte der Felsschrund. 

Cochise atmete hörbar auf, als er den Mimbrenjo erkannte. 

»Was bedeutet das?« fragte er unruhig. 

Viktorio deutete zur Schlucht, die den Fels durchschnitt. Ein 

breites Grinsen füllte sein Gesicht. 

»Bunthosen, Jefe. Über hundert Langmesser durchqueren die 

Schlucht. Sie kommen über den Breitweg, der zu den 
verfallenen Ruinen führt. Sie müssen unserer Fährte gefolgt 
und nun auf die Rebellen gestoßen sein.« 

Noch während Viktorios Worten rollte das Echo vieler 

Schüsse über die Berge hinweg und eröffnete ein tödliches 
Inferno. 

Cochise und Haggerty wechselten einen kurzen Blick, und 

ihre Gedanken schienen auf gleicher Ebene zu laufen, als John 
sagte: »Es wäre eine günstige Gelegenheit, an die Waffen 
heranzukommen. Don Rodriges konzentriert seine Streitmacht 
am Aufgang des Paßweges. Die maximilianischen Truppen 
werden ihn eine Weile beschäftigen. Vielleicht vergißt er für 
einen Augenblick seine kostbare Fracht.« 

Der Häuptling nickte. Er sah Viktorios funkelnden Blick, der 

dessen Gedanken offenbarte, und er sah mit Sorge der Zukunft 
entgegen, wenn sein Freund, der Falke, erst sein Ziel erreicht 
hatte. 

Don Rodriges spürte die militärische Disziplin der 
buntröckigen Soldaten, die mit mörderischem Mut und 
Selbstaufopferung das Ruinenkloster angingen und ständig an 

background image

 47

Gelände gewannen. Er erkannte auch die Gefahr, als zwei 
Abteilungen, den toten Winkel nutzend, an den Steilwänden 
hochkrochen, um ihre ungesicherte Flanke zu erreichen. 

Er winkte Cameron heran, der in der Nähe hinter der 

Brustwehr lag und unablässig seine Winchester spucken ließ. 

»Nimm deine Scharfschützen, Capo«, bestimmte der 

General, »und verschanz dich auf dem Glockenturm. Die 
Soldaten an der Westflanke dürfen die Höhe nicht erreichen. 
Sie bedeuten für unsere Leute eine tödliche Bedrohung.« 

Cameron nickte. Er kroch zu Carpender, Howard und 

Kitchen, und deutete zum verfallenen Turm hoch. Gemeinsam 
eilten die vier über den Platz. Als sie durch das breite 
Kirchentor verschwanden und über die Reste der Treppe 
kletterten, folgte ihnen verstärktes Gewehrfeuer der 
angreifenden Soldaten. 

Don Rodriges war in ständiger Bewegung, erteilte hier und 

dort Anweisungen und sprach seinen Soldaten ständig Mut und 
Hoffnung zu. 

Als vom Glockenturm die ersten Schüsse fielen und von den 

Felswänden der Flanke zwei Uniformierte in die Tiefe stürzten, 
wußte Don Rodriges, daß Cameron seine Aufgabe erfüllte. 

Dennoch nahm die Bedrohung ständig zu. Angeführt von 

Capitano Laffitieur, jede Deckung des Paßweges ausnutzend, 
waren die maximilianischen Einheiten bis auf achtzig Yards an 
die Außenmauern des Klosters herangekommen. Es hatte sie 
ein halbes dutzend Tote und Verwunderte gekostet, ohne daß 
ihr Vorwärtsdrängen aufzuhalten war. 

Don Rodriges erinnerte sich an das erbeutete Dynamit, das 

mit einem großen Teil der Winchestergewehre in der großen 
Grotte lagerte. 

Er bestimmte Alfonso Forney, der noch immer unter der 

Pfeilwunde litt, die Yaquis ihm beigebracht hatten, Cantery 
und drei seiner engsten Vertrauten, eine Kiste Sprengstoff zu 
holen. 

background image

 48

Doch nur Forney kehrte nach einigen Minuten zurück. Sein 

verschwitztes Gesicht zeigte den Schrecken, der hinter ihm lag. 

»Rothäute«, ächzte er schreckensbleich, »Apachen. Sie 

haben die Höhle besetzt, General. Cantery, Sandros und 
Chivato sind tot.« 

Don Rodriges' Kopf flog herum. Den weiten Eingang der 

Höhle verdeckte der Glockenturm. Aber er sah, daß Camerons 
Leute ihren Standort gewechselt hatten und ihre Karabiner in 
diese Richtung abfeuerten. 

Cochise, fuhr es ihm durch den Sinn, und John Haggerty, 

dieser verdammte Armeescout, dem er mit knapper Not 
entwischen konnte. Sie müssen sich mit den Yaquis vereint 
haben. 

Don Rodriges verfärbte sich. Sein Blick folgte der Gestalt, 

die mit schrillem Todesschrei über die Brüstung des Turmes 
kippte und in die Tiefe stürzte. Wütend ballte er die Hände. 
Diese beiden Männer, deren Gefährlichkeit er im Tal der 
Gesetzlosen erlebt hatte, hatte er fast vergessen. 

Einen Augenblick lang verfolgte Don Rodriges in Gedanken 

den weiten Weg vom Canyon der Singenden Winde bis zu den 
Toren der alten Klosterruinen, die ihnen als gegenwärtiger 
Schlupfwinkel dienten, und er spürte, daß die zweite Front, die 
sich auf der Nordseite entwickelte, mindestens ebenso 
lebensbedrohend war wie die kaisertreuen Soldaten am 
Paßweg, denn von der Grotte aus führte ein Felstunnel in die 
breite Schlucht hinunter, die Don Rodriges noch vor wenigen 
Minuten als letzte Konsequenz eingeplant hatte, wenn die 
erdrückende Mehrheit der Soldaten die Klostermauern 
erstürmte. 

»Maldito«, schrie er wütend, »nimm dir zwanzig Schützen 

von den Palisaden und greif das Gesindel an, ehe sie sich der 
schnellen Gewehre und des Dynamits bedienen.« Zum 
erstenmal in vielen abenteuerlichen Jahren, in denen Don 
Rodriges für die Revolution Mexikos kämpfte, fühlte er sich in 

background image

 49

äußerster Bedrängnis. »Kämpft den Weg frei, denn, gegen die 
napoleanischen Günstlinge werden wir uns nicht mehr lange 
halten können.« 

Don Rodriges erkannte am zerfallenen Tor eine Gruppe 

Bunthosen; die erbittert ihre Bajonette gegen die Verteidiger 
richteten. In wildem Schlagwechsel stießen ihre blanken 
Waffen in Richtung der Rebellen, die sich ihnen mit Revolvern 
und Macheten todesmutig entgegenwarfen. Es war ein letztes 
Aufbäumen gegen den drohenden Untergang. 

An den Ruinen vorbei eilte Forney mit seinen Kämpfern, 

verschwand zwischen den Mauern. Vom Turm her hämmerte 
verstärktes Gewehrfeuer. Camerons Scharfschützen feuerten 
wie die Teufel. 

»Viva Revolutione, viva Mexiko.« Fanatisch schreiend 

stürzten nun von allen Seiten Rebellen in die Einbruchstelle am 
Tor, drängten mit tödlicher Entschlossenheit die Bunthosen bis 
zur nächsten Paßbiegung zurück. 

Rodriges erwachte aus seinen Gedanken. Peitschende 

Schläge ließen die Erde erbeben. Der morsche Glockenturm 
erzitterte unter der Wucht der Explosionen und bröckelte zum 
Teil auseinander. Steine und Geröll polterten herab und 
versanken in einer hochzuckenden Staubwolke, aus der Forney 
und ein Dutzend seiner Kämpfer aus vielen Wunden blutend 
hervorstürzten. 

Don Rodriges trat aus der Deckung hervor, mit erhobenen 

Händen stellte er sich den Flüchtenden entgegen und 
überschüttete sie mit fürchterlichen Flüchen. Zugleich 
stolperten jene Kämpfer, die den Durchbruch am Tor vereitelt 
hatten, den Paßweg hoch. 

Nur noch vereinzelte Schüsse fielen, und es schien fast, als 

hätten die Soldaten sich zurückgezogen. Doch Rodriges als 
erfahrener Mann wußte, daß Capitano Laffitieur die 
Kampfpause nutzte, um seine Abteilungen neu zu formieren. 
Sie ließen ihnen nur einen Atemzug. 

background image

 50

Er deutete mit einer herrischen Armbewegung nach Westen, 

in die neutrale Zone des Klosters, wo sie ihre Pferde in einem 
Heckencorral untergebracht hatten und schrie wütend: »Alles 
zu den Pferden, Companeros. Wir werden das Kloster aufgeben 
und unseren Feinden überlassen. Wir müssen den Durchbruch 
in der Höhle erzwingen. Wenn es sein muß unter starken 
Verlusten. Wir brauchen die Waffen und das Dynamit und den 
Weg, der durch den Fels in die Freiheit führt. Wer zögert und 
zurückbleibt, fällt den Soldaten in die Hände. Und die machen 
wenig Federlesen mit Rebellen, denn wer ihren Bajonetten 
entgeht, wird unter ihren Gewehrsalven einen unrühmlichen 
Tod finden.« 

Alfonso Forneys Miene verfinsterte sich. Er dachte an die 

Verwundeten, deren hilflose Schreie die eintretende Stille 
füllten. Zum erstenmal, seitdem er sich für die Revolution 
entschieden hatte, spürte er, wie teuer und blutig die Freiheit 
seines Volkes erkauft wurde. 

»Mandre Sansissima, sei ihren Seelen gnädig«, flüsterte 

Alfonso, während er sein Kreuz an die Stirn schlug. Mit großen 
Schritten folgte er der verängstigten Meute, die plötzlich um 
ihr Leben bangte. 

John Haggerty und Cochise lagen im einfallenden Sonnenlicht 
hinter der natürlichen Brustwehr der Höhle. Den ersten Sturm 
der Rebellen hatten sie mit Dynamit aufgefangen, doch John 
wußte, sie würden bald wiederkommen. Stärker und mächtiger, 
von den angreifenden Soldaten im Paß zur Flucht gezwungen. 

Naiche war vor einigen Minuten von einem Spähergang 

zurückgekehrt und hatte von einem Tunnel berichtet, der tief in 
den Berg hineinführte und sicher in irgendeiner Seitenschlucht 
der Berge enden würde. 

Viktorio und Tehueco hatten längst die Waffen unter ihren 

background image

 51

Kriegern aufgeteilt und warteten auf Cochises Zeichen zum 
Aufbruch. An den Wänden brannten Ölfackeln, die das Bild 
gespenstig verzerrten. 

Hin und wieder fuhr ein Geschoßhagel durch die weite 

Öffnung in die Grotte, ohne daß er Schäden anrichtete. 

Viktorio kroch heran. In seinen schwarzen Augen glänzte 

Genugtuung. Er schwang eines der noch öligen 
Repetiergewehre und sagte im kriegerischen Ton: »Wir sind 
stark genug, um die Gelbgesichter ins finstere Reich ihrer 
Ahnen zu schicken.« 

Cochise maß ihn mit spöttischem Blick. Sie hatten die Höhle 

ohne Verluste besetzt, alles erreicht, was sie erreichen wollten. 

»Du vergißt die Bunthosen, Viktorio. Wir wollen uns nicht in 

einen Krieg mit ihnen einlassen. Bereitet den Abmarsch vor 
und versucht, unsere Pferde zu erreichen.« 

Viktorio nickte. Er fühlte sich auf der Höhe des Ruhms, denn 

die Beute verhieß Glück, Reichtum und Stärke. Von nun an 
brauchten sie nicht mehr vor ihren Feinden zu fliehen, sondern 
konnten sie gezielt bekämpfen. 

»Wie wird es weitergehen?« fragte John Haggerty, als der 

Mimbrenjowolf in die Schatten der Felsen zurückkroch. »Du 
weißt, daß die schnellen Gewehre für die U.S. Army bestimmt 
sind. General Howard vertraut deinem Wort vom Frieden.« 

Draußen wurde es lebendig. Ferner Hufschlag von Pferden 

kam auf. 

Cochise lächelte undurchdringlich. »Mein Wort hat keinen 

Einfluß auf den Mimbrenjo, Falke. Du wirst dich mit Viktorio 
auseinandersetzen müssen.« 

John nahm eine der bereitliegenden Dynamitpatronen und 

steckte ein brennendes Zigarillo zwischen die Lippen. »Du 
meinst, ich werde mit ihm kämpfen müssen?« 

»Bis zum bitteren Ende.« Der Häuptling nickte ernst. . 
John Haggerty schwieg. Er wußte, was Cochises Worte 

bedeuteten. Und das stimmte ihn zornig. Seit Jahren stand er 

background image

 52

als Vermittler der Militärregierung und den Apachen zwischen 
zwei Fronten. Er war der Freund der Chiricahuas, die ihm den 
ehrenvollen Namen Falke gaben, was eine hohe Auszeichnung 
bedeutete. Er war ein Freund der Yaquis, der Aravaipas, und 
auch anderer Stämme. Nur Viktorio war die schillernde 
Ausnahme. Einen Augenblick lang dachte John an den 
erbarmungslosen Schlagwechsel, den er am Waitewater mit 
dem Mimbrenjowolf ausgefochten, und der fast zu seinem 
Tode geführt hatte. 

Viktorio war eine Geißel. Wild und grausam. Neben seinen 

natürlichen Feinden, den Mexikanern, war jeder fremde 
Eindringling ins Reich der Apachen eine tödliche Bedrohung 
ihres Lebensraumes, die man gnadenlos niederkämpfen mußte. 

»Er wird nie erkennen, daß ich seine Freundschaft suche, 

Cochise. Sein Haß macht ihn blind, daß er seinen ganzen 
Stamm ins Verderben führt.« John blinzelte zum engen Tunnel 
hinüber, durch den die Apachen mit der Beute verschwunden 
waren. Nur das Licht der Fackeln warf groteske Schatten an die 
Felswand. 

Naiche lag plötzlich an ihrer Seite. »Sie kommen«, flüsterte 

der junge Apachenprinz und deutete in den klaren Tag hinein, 
aus dem der Hufschlag angreifender Rebellen kam. »Wie lange 
werden wir sie aufhalten können?« 

»Bis die Waffen in Sicherheit sind«, erwiderte John und sog 

verbissen an dem Zigarillo. Aus den Schatten der Felswände 
und den Ruinentrümmern der Kapelle stob die wilde Horde 
heulend heran. 

John richtet seinen Oberkörper hoch, entzündete die Lunte 

und schleuderte das Dynamit mit weitem Schwung auf den 
freien Platz. Ein flammender Blitz schlug in den Himmel, das 
Echo der Explosion prallte gegen die Steilwände. Eine zweite 
Detonation folgte. Einige Pferde brachen zusammen. Doch die 
Meute war nicht mehr aufzuhalten. Die Angst vor den 
maximilianischen Truppen war stärker als das detonierende 

background image

 53

Dynamit. 

»Wir ziehen uns zum Tunneleingang zurück und versperren 

den Zugang«, rief Haggerty. Fluchend sprang er auf die Beine 
und schleuderte sein todbringendes Dynamit dem 
andrängenden Feind entgegen. »Jetzt!« 

Wie fliehende Schatten durchquerten sie die weite Höhle, 

deren Ausmaße sie nie kennenlernen sollten, drangen in den 
schmalen Tunnelgang ein und feuerten ihre Karabiner ab. 

Die kühnsten Reiter der Rebellen, die den Eingang der Höhle 

erreichten, stürzten im Abwehrfeuer von ihren Pferden und 
schafften für kurze Zeit Verwirrung. 

John hielt die letzte Dynamitstange in den Fäusten, 

entzündete sie mit kühler sachlicher Bewegung und schleuderte 
sie mitten in den Felsendom. 

Der Schlag erinnerte an das dumpfe Dröhnen einer riesigen 

Glocke. Die Druckwelle erfaßte die Verteidiger und 
schleuderte sie tiefer in den Tunnelgang hinein. 

Halbbetäubt kamen sie auf die Beine. Aus der unsichtbaren 

Höhe der Grotte stürzte mit ohrenbetäubenden Schlägen die 
halbe Felsdecke herab. Einem Geschoßhagel gleich prasselten 
scharfkantige Gesteinsbrocken nieder und schufen eine 
natürliche Barriere zwischen dem Falken und den Rebellen. 

»Weiter«, rief John Haggerty, während er bereits tastend 

durch die herrschende Dunkelheit glitt. Die Luft war schwer 
vom einfallenden Staub der Explosionswolke. Und noch immer 
stürzten Gesteinsbrocken nieder und begünstigten ihre Flucht. 

Aber schon bald folgte ihnen Don Rodriges dröhnende 

Stimme, und heftiges Gewehrfeuer erinnerte daran, daß die 
Rebellen von den nachdrängenden Truppen beschossen 
wurden, die hier eine Chance sahen. 

John spürte in der Finsternis Cochises Nähe. 
»Wir können sie nur aufhalten, indem wir den Tunnel zum 

Einsturz bringen«, sagte der Häuptling. 

John schüttelte bestimmt den Kopf. »Es hat genug Tote 

background image

 54

gegeben, Jefe. Die Truppen werden Don Rodriges eine Weile 
beschäftigen. Inzwischen sind wir irgendwo in den Bergen 
untergetaucht.« 

»Mexikaner«, hörte er Cochise verächtlich sprechen, »tote 

Gelbgesichter zählen nicht, Falke. Sie stehen auf der untersten 
Stufe der Cojoten.« 

»Und dennoch sind sie Menschen«, erwiderte John verärgert 

und tastete durch die schwarze Finsternis. 

Eine Stunde wohl waren sie unterwegs, als in der Ferne ein 

heller Lichtfunke auftauchte, der ihre Schritte beflügelte. Noch 
immer folgte ihnen das dumpfdröhnende Echo eines 
unerbittlichen Kampfes. Aber John Haggerty ahnte, daß der 
schlaue Fuchs Rodriges einen Weg aus dieser tödlichen Falle 
finden würde. 

Der Lichtschein wurde stärker und zeichnete sich am groben 

Fels ab. 

Schweigend hasteten die Männer vorwärts, durchquerten 

einen weiten Felsdom mit offenem Dach und betraten 
schließlich einen engen Talkessel, der nach Süden verlief. In 
diese Richtung führten auch die Spuren der Apachen. 

Während sie dahineilten, dachte Haggerty grimmig, der 

Mimbrenjowolf hat es eilig, die Pferde zu erreichen. Der 
Teufel will seine Beute entführen. 

Der Himmel zeigte sein kaltes blaues Licht. Die ersten 

funkelnden Sterne am Zenit kündigten die nahende Nacht an. 
Naiche, von jugendlicher Kraft beflügelt, war ihnen weit 
vorausgeeilt und längst ihren Blicken entschwunden, als John 
und der Jefe den schmalen Felseinschnitt erreichten, der, wie 
sie vermuteten, auf die breite Schluchtsohle stoßen würde, 
dorthin, wo sie am Morgen ihre Pferde zurückgelassen hatten. 

Seite an Seite liefen sie in gemäßigtem Tempo. John spürte 

des öfteren Cochises heimlichen Blick, und er sagte deshalb 
grimmig: »Du weißt, was ich befürchte, Jefe.« 

Der Häuptling nickte, denn er kannte die Sorgen des Falken. 

background image

 55

»Wenn Viktorio sich einen Teil der Waffen aneignet, werden 

Pferdesoldaten aus Tucson sein Dorf zerstören und die 
Bewohner in die elendste Ecke der San Carlos Reservation 
führen. Die Mimbrenjos haben dieses Leid schon einmal 
erleben müssen, und dabei viele ihrer Brüder an Krankheit und 
Seuche verloren. Du solltest ihn daran erinnern, Cochise.« 

Sie erreichten die Breitschlucht und schwenkten nach 

Westen. Aus der Ferne klang Hufschlag auf, der sich ihnen 
näherte. Vorsichtig geworden, warfen sie sich unter eine 
Felsplatte und warteten. Nach einigen Minuten sprengte eine 
Reitergruppe um die Wegbiegung. 

Mimbrenjos. 
Allen voran, sein Pferd mit den Schenkeln führend, ritt 

Viktorio, über dessen Schulter drei Karabiner hingen. Einen 
vierten hielt er in der Faust. 

John schob entschlossen seine Winchester an die Schulter, 

um Viktorios Sturmlauf zu bremsen. Da spürte er Cochises 
nervige Faust auf der Schulter. 

»Das ist nicht die Art, wie der Falke seine Probleme löst«, 

sagte der Häuptling zwingend. »Nur ein Feigling schießt aus 
dem Hinterhalt eine Kugel auf seinen Gegner. Den Falken aber 
nennen alle Chiricahuas einen mutigen Mann.« 

John senkte den Lauf. Wie Schatten flohen die Mimbrenjos 

an ihnen vorbei. Nur der aufwirbelnde Staub blieb zurück und 
der ferne Hufschlag, der aber bald seine Kraft verlor. 

Er kroch aus dem Versteck. Zum erstenmal war er wütend, 

daß er sich von Cochises Worten verleiten ließ. Da hörte er 
Cochises Stimme, und als er den Kopf wandte, sah er sein 
weises Lächeln. »Wir kämpfen, um zu leben, Falke. Das ist 
Apachenart zu leben. Du magst Viktorio nicht begreifen, aber 
ich kann seine Gedanken verstehen. Die Gewehre geben ihm 
die Kraft, die er braucht, wenn er seinen Feinden begegnet. Er 
ist ein wilder Wolf.« 

»Ein Krieger, der bald wie der Yaquiwolf mordbrennend 

background image

 56

durch das weite Land zieht«, erwiderte John grimmig. 

»Du kannst es verhindern.« Noch immer lächelte der 

Häuptling. 

»Und wie?« 
»Indem du in sein Dorf ziehst, Falke, und ihn zum Kampf 

forderst.« 

»Ich allein gegen eine ganze Sippe?« John schüttelte heftig 

den Kopf. Er war gewiß kein Feigling. Aber auch nicht gerade 
lebensmüde. 

Cochises Lächeln wurde traurig. »Du bewegst dich seit 

Jahren in den Dörfern der Apachen, ohne ihren Stolz erkannt 
zu haben. Viktorio würde sein Gesicht als Jefe verlieren, wenn 
er sich die Hilfe seines Stammes erbäte. Nein, Falke. Nicht die 
Sippe, nur ihn hast du zu fürchten, denn Viktorio ist ein starker 
Kämpfer. Du hast ihn einmal erlebt.« 

Der Morgen erwachte. 

Wild Bill Hickoks wilde Mannschaft strebte durch die Wüste 

dem mächtigen Gebirgszug der Alamo Hueco Mountains 
entgegen. Sie waren auf die Trümmer der im Sand 
versinkenden Murphys gestoßen und den traurigen Resten 
einer Militärpatrouille begegnet. Spuren, die Hickok die 
Richtung wiesen. 

Das Land, das zu den Osthängen der Berge führte, war 

trocken und heiß und wechselte zwischen staubigen 
Geröllfeldern, Sanddünen und mäßiger Wüstenvegetation. Ein 
einsames, wildes Land, nicht vergleichbar mit den blühenden 
Bergtälern am Rio Grande, oder den endlosen grünen 
Weideflächen zwischen dem Grande und dem Pecos River. 

Alison und Marwik waren vor Sonnenaufgang aufgebrochen, 

um das Land voraus zu erkunden. McDiem und Lorne ritten in 
Sichtweite an den Flanken. Hickok wollte sicher sein, nicht 

background image

 57

blind in einen Hinterhalt laufen, denn irgendwann in diesen 
Tagen erwartete Hickok die Begegnung mit den Rebellen. 

Gegen Mittag tauchten Alison und Marwik zwischen den 

Hügeln auf. Sie trieben ihre Gäule mit hohem Tempo durch die 
flache Senke, und schon von weitem signalisierte Alison 
Zeichen, die Hickok veranlaßten, nach Norden zu den 
Organosfeldern zu schwenken, wo sie sich schließlich trafen. 

Hickok betrachtete finster die abgetriebenen Gäule, denen 

der Schaum vor den Nüstern stand. 

»Verdammt, ihr verkommenen Bastarde«, fluchte er los, 

noch ehe Alison den Mund öffnen konnte, »wenn eure Gäule 
zusammenbrechen, tragt ihr den Sattel auf der Schulter, oder 
ich lasse euch zurück.« 

Alison keuchte wie ein altersschwacher Maulesel. Er 

schwenkte den Arm nach Westen und setzte mehrmals zum 
Sprechen an. 

»Apachen«, krächzte er schließlich, »eine ganze Horde 

Apachen. Verdammt, sie sind bewaffnet wie eine Armee 
Yankees.« 

Hickoks Blick schweifte in die angegebene Richtung. Er sah 

über dem Kakteenfeld eine Staubwolke aufsteigen, die Alisons 
Worte bestätigte. Er dachte an die Yaquis, denen er am Rio 
Casa Grande begegnet war, die sich sicher mit den Gewehren 
der maximilianischen Kanoniere ausgerüstet hatten. Das war 
für ihn kein Grund zur Beunruhigung. Dennoch wollte er 
vorsichtig sein. 

Er stieg vom Gaul, griff nach dem Schlagmesser am 

Sattelhorn, winkte Newer. »Komm mit«, sagte er, »ihr anderen 
haltet euch zurück. Aber vergeßt nicht, daß ihr Schießhölzer an 
den Hüften tragt. Diese Wilden sind unberechenbar. Wir haben 
es auf der Hazienda am Rio Casa Grande erlebt.« 

Hickok schwang die Machete und bahnte sich einen Weg 

durch das Kakteenfeld. Er erreichte einen Hügel, von wo aus er 
das Land weit überblicken konnte. 

background image

 58

Er brauchte kein Fernrohr, um die Reiter zu erkennen, die 

kaum hundert Yards entfernt, ihre Gäule nordwärts trieben, als 
säße der Teufel in ihrem Nacken. 

»Sie werden verfolgt«, sagte er beruhigt, »vielleicht ist dieser 

Haggerty hinter ihnen her, oder ein Trupp der Rebellen. Diese 
Bastarde kämen mir gerade recht.« 

Newer nickte. »Sie sind tatsächlich schwer bewaffnet. 

Moderne Repetiergewehre, wie wir sie mitführen.« 

»Die der Armeescout wahrscheinlich sucht.« Hickok lachte 

grimmig. »Ich wette, sie stammen aus den leeren Kisten, die 
wir bei den verlassenen Murphys gefunden haben.« 

»Dann kann dieser Oberbandit nicht mehr fern sein«, grunzte 

Newer, »vielleicht sollten wir hier in sicherer Deckung auf sie 
warten. Es wäre eine Gelegenheit, mit ihnen abzurechnen, 
Hickok. Wir sind doch hier, um ein paar Freunde zu rächen, die 
Don Rodriges für die Revolution geopfert hat.« 

Hickok nickte. »Du hast recht. Halt die offene Westflanke im 

Auge. In zwei Stunden schicke ich dir die Ablösung.« 

Hickok kletterte vom Hügel und besprach sich mit der 

Mannschaft. 

Sie fanden eine Lücke zwischen Organos, wo sie notdürftig 

ihre Pferde unterbringen konnten. Nach zwei Stunden ging 
Caiman zum Hügel, um Newer abzulösen. Nach wenigen 
Minuten kehrte er schreckensbleich zurück. 

»Newer ist tot, Hickok. Zwischen seinen Schultern steckt 

eine Apachenlanze. Verdammt, irgend etwas kraucht dort 
durch den Busch.« 

Wild Bill nahm die Nachricht scheinbar ohne Regung hin. Er 

erwiderte nur: »Die Bastarde haben uns getäuscht. Sie sind 
nicht nach Norden gezogen, sondern zurückgekehrt. Newer 
konnten sie erwischen. An uns beißen sie sich die Zähne aus. 
Los, Jungs, macht eure Schießeisen klar, wir werden ihnen 
einen netten Empfang bereiten.« 

In seine Worte schlugen peitschende Gewehrabschüsse. Sam 

background image

 59

Hoston brach vornüber in die Knie. Als er sich streckte, sahen 
sie den Einschuß in der Stirn. 

»Wir ziehen tiefer ins Gesträuch«, fluchte Hickok, »im 

filzigen Unterholz sind unsere Colts ihren Gewehren 
überlegen. Sie wollen unsere Pferde. Darauf müssen wir unsere 
Aufmerksamkeit richten.« 

Eine weitere Geschoßgarbe durchfurchte das 

Stachelgestrüpp. Aber Hickok und seine Freunde hatten sich 
längst zu Boden geworfen und krochen wieselflink durch den 
heißen Sand zu den natürlichen Bodenmulden im Busch, die 
ihnen leidlichen Schutz vor den schnellen Gewehren der 
Angreifer boten. Von hier aus hatten sie auch die Pferde im 
Auge, die unruhig über die enge Lichtung trabten. Nur das 
scharfgratige Stachelgesträuch verhinderte einen Ausbruch. 

»Wie wird es weitergehen?« Marwik kroch an Hickoks Seite. 

In seinen Augen standen Wut und Enttäuschung zugleich. 
Vielleicht auch ein wenig Angst um sein Leben. 

Wild Bill Hickoks Lächeln wirkte eiskalt, als er antwortete: 

»Im Augenblick haben wir nichts zu befürchten. Sie verpulvern 
sinnlos ihr Blei und bringen so die Freude über ihre Beute zum 
Ausdruck. Irgendwann werden sie erkennen, daß wir so nicht 
zu schlagen sind. Sie werden in den Busch eindringen und sich 
unsere Gäule holen wollen. Darauf wollen wir warten.« 

»Es sind über zwanzig rote Bastarde«, gab Marwik zu 

bedenken. 

Hickok lachte zornig. »Zwanzig Wilde, Marwik, gegen elf 

geübte Waffengänger. »Was hast du zu befürchten?« 

»Die Nacht«, erwiderte der andere trocken, und dachte wohl 

an Newer und Hoston, die es überstanden und keine Sorgen 
mehr um ihr Leben hatten. 

Sie lagerten in einer flachen Mulde, die von dichten 

background image

 60

Heckenbüschen und Wüstengewächs umschlossen war, und 
nutzten die Pause, um das schweißige Fell ihrer Pferde mit 
rauhen Grasbüscheln trocken zu reiben. 

Seit vierundzwanzig Stunden folgten sie nun schon Viktorios 

Fährte, die aus dem breiten Bergtal mitten in die Wüste führte, 
ohne daß sie nur den Schatten eines Mimbrenjos entdecken 
konnten. 

John blickte zu Tehueco hinüber, der sich abseits der 

Chiricahuas hielt und ihnen nur folgte, weil er hoffte, im 
Grenzland auf die Yaquiwölfe zu stoßen. Die erbeuteten 
Waffen, die seine Krieger stolz mitführten, machten John 
Sorgen, weil auch Tehueco nach alten Gesetzen der Stämme 
die Karabiner als Kriegsbeute betrachtete. Ihretwegen hatte es 
in den letzten Stunden harte Auseinandersetzungen gegeben, 
und selbst Johns Drohungen, daß Pferdesoldaten in ihre Dörfer 
eindringen und die Gewehre, wenn es sein mußte, mit 
Waffengewalt zurückholen würden, machten auf Tehueco 
wenig Eindruck. 

»Der Kazike hat sich verändert«, sagte John wütend über die 

neuerliche bedrohliche Entwicklung. »Die Waffen bringen 
Tehueco keinen Frieden, nur Ärger mit der U.S. Army, Jefe. 
Du solltest es ihm begreiflich machen, bevor es zu spät ist.« 

Cochise schwieg. Er hatte nicht die Macht und auch nicht das 

Recht, sich in Tehuecos Entscheidungen einzumischen. Er 
nahm die Zügel seines Pferdes und führte es in den Schatten 
der Sträucher. 

John Haggerty folgte ihm verbissen. 
»Er war unser Freund und hat uns als solcher großzügig in 

seinem Dorf bewirtet, Jefe. War es nur eine Geste, weil wir 
ihm versprochen hatten, die Yaquiwölfe aufzuspüren?« 

Cochise winkte zwei seiner Krieger heran, deren Pferde noch 

einigermaßen frisch aussahen und schickte sie als Späher los. 

Als er sich nun John zuwandte, lag ein undurchdringliches 

Lächeln in seinem Gesicht. »Tehueco ist nicht unser Feind. 

background image

 61

Was ihn verändert hat ist der Rausch der Macht, die er in den 
schnellen Gewehren sieht. Wenn er erkennt, welche Folgen 
sein Tun hat, wird dieses Gefühl schnell vergehen. Laß die Zeit 
für dich sprechen, Falke. Wir sind noch lange nicht am Ziel.« 

»Du solltest mit ihm sprechen, Chief«, drängte Haggerty 

starrsinnig. 

Doch Cochise schüttelte gelassen den Kopf. »Er wird zu mir 

kommen und einen Rat suchen, und ich werde ihm erklären, 
daß vierzig Gewehre nicht die Squaws und Kinder in seinem 
Dorf ersetzen können. Vielleicht ist er klug und denkt über 
meine Worte nach.« 

»Und wenn er es nicht tut?« 
Cochise zuckte die Achseln. »Dann steht die Antwort in den 

Sternen, und wir werden sie bald erfahren.« Er trat zu einem 
Feigenkaktus und pflückte dessen reife Früchte. 

»Iß, Falke, sie werden deinen Hunger und Durst stillen. Wir 

reiten bald weiter.« 

Während Cochise sprach, deutete er zu Tehueco hinüber, 

dessen Krieger bereits bei den Pferden standen. Der Jefe 
lächelte. »Der Yaqui Kazike ist unruhig. Er fürchtet, daß 
mexikanische Rebellen oder die Langsäbel ihm seine kostbare 
Beute abjagen. Es wird ihm sicher nicht leichtfallen, sich von 
den schnellen Gewehren zu lösen. Ich kann ihn verstehen, 
Falke.« 

Cochise schwang sich aufs Pferd und erfaßte die Zügel. Als 

John im Sattel saß, schwenkten Tehuecos Yaquikrieger aus 
dem filzigen Gebüsch ins Flachland. 

Die Unruhe trieb Tehueco vorwärts und sicher wäre er längst 

über die Grenze nach Arizona gezogen, würde sich nicht der 
Rote Wolf im Grenzland herumtreiben. 

Johns Gedanken beschäftigten sich mit Don Rodriges, dem 

die kaiserliche Kavallerie in den Bergen ein heftiges Gefecht 
geliefert hatte. Vielleicht waren er und seine Banditen längst 
tot. Vielleicht konnte der listige Fuchs auch entkommen. 

background image

 62

Dann werden wir uns bald begegnen, dachte John Haggerty 

grimmig. Er wußte, daß Naiche mit zwei Kriegern im Schlepp 
ritt und den zurückliegenden Weg unter Kontrolle hielt. Von 
dort aus war keine Überraschung zu erwarten. 

Am Nachmittag kehrte einer der Späher zurück. 
»Pinda-lick-o-yi«, rief Degadito, während er nach Osten 

deutete, »Weißaugen kämpfen mit Mimbrenjos. Viktorio hat 
sie in einer Senke gestellt und wird sie töten.« 

Cochise und John Haggerty wechselten einen Blick. 
»Viktorio bringt Unglück über die Stämme der Apachen«, 

sagte John zornig, »es ist nur der Anfang eines blutigen 
Krieges.« 

Cochise nickte, während er sein Pferd zu Tehueco trieb. Er 

spürte den tiefen Sinn der Worte. 

Tehueco stand inmitten seiner Krieger und blickte ihm 

lauernd entgegen. 

»Du hast gehört, was der Späher berichtet, Kazike«, sagte der 

Häuptling, »Viktorio bricht den Frieden mit dem weißen Mann 
und folgt der blutigen Spur, die Natie auslegt. Wirst du mit uns 
gegen die Mimbrenjos kämpfen?« 

Tehueco warf den Kopf in den Nakken. »Mein Feind ist 

nicht der Mimbrenjowolf, sondern Natie. Um ihn zu strafen, 
sind wir weit von unseren Dörfern fortgezogen. Mit den 
schnellen Gewehren werden wir bald unser Ziel erreichen.« 

»Und dann, Kazike?« fragte Cochise lauernd. »Wirst du dem 

Falken die Gewehre zurückgeben, wenn du am Ende der Spur 
stehst?« 

Tehueco preßte den glitzernden Stahl der Waffe an die Brust. 

»Ich werde dich befragen und bei den Göttern Rat erbitten. Sie 
sollen entscheiden, was die Zukunft bringt.« 

Sie schwiegen und lauschten. Der heiße Wind wehte aus der 

Wüste das schwache Echo von Gewehrsalven. 

Cochise richtete sich im Sattel auf und gab seinen Kriegern 

ein Zeichen. Stumm ritt er an Tehueco vorbei. Seine Gedanken 

background image

 63

waren von Sorgen erfüllt, denn nach vielen Monden 
Freundschaft unter den Apachenstämmen, die sie an 
Kampfkraft und Stärke wachsen ließen, drohte ihre Allianz nun 
auseinanderzubrechen. 

John ritt an Cochises Seite. »Der Kazike geht seine eigenen 

Wege, Jefe.« 

Cochise nickte. »Wir werden auf seine Hilfe verzichten 

müssen. Die Allianz der Stämme zerbricht an der Macht der 
schnellen Gewehre. Sie bringen Unglück.« 

Cochise beschleunigte das Tempo seines Pferdes, denn das 

stärker werdende Echo der Schüsse zeigte, daß sie dem 
Kampfplatz näher kamen. 

John warf einen Blick über die Schulter. Eine Meile entfernt 

folgten ihnen Tehueco und seine Yaquis. 

Lorne tippte Hickok an die Schulter. »Sie stecken im Busch«, 
flüsterte der Revolvermann. »Ich wette, sie werden uns frontal 
angreifen.« 

Hickok schob warnend die Revolvermündung an die Lippen, 

als er nickte. Er spürte ihre Nähe, ohne daß er sie sehen konnte. 
Der Wind fächerte im dürren Gesträuch und schluckte jedes 
fremde Geräusch. Drei Angriffe der roten Bastarde hatten sie 
abgeschlagen und nun suchten sie wohl die Entscheidung. 

Sam Hoston lag in der schmalen Buschschneise. Die Arme 

weit von sich gestreckt, so, wie er gestorben war. 

Die Pferde schnauften, scharrten unruhig mit den Hufen. Sie 

witterten die Gefahr. 

Hickok deutete in eine Richtung und machte Morgan und 

auch Caiman ein Zeichen. Mit gespannten Revolvern, tief an 
den Boden gepreßt, krochen sie zur Lichtung. 

Morgan atmete gepreßt. Seine Nerven waren aufs Äußerste 

gespannt. Er war ein Gunfighter, der den Kampf Mann gegen 

background image

 64

Mann, Auge um Auge, bevorzugte. Hier aber schlich lautlos 
der Tod heran. 

Schüsse fielen in schneller Reihenfolge. Hell und peitschend 

zerrissen sie die Stille des Tages. Die Pferde stiegen steil auf 
die Hinterhand und rannten dann gegen das dornige Gatter an. 

Hickok sah eine flüchtige Bewegung. Ohne zu zielen drückte 

er den Stecher durch. Eine halbnackte Gestalt taumelte durch 
den Filz. In den Fäusten hielt sie eine feuerspeiende 
Winchester. Staub und Sand spritzten um Hickoks Deckung, 
der nun noch einmal abdrückte. 

Die Rothaut schien ins Unendliche zu wachsen, ehe sie sich 

um die Achse drehte und neben dem toten Hoston in den Sand 
fiel. 

Flüchtende Geräusche füllten das Gesträuch. Danach wurde 

es still. 

Tomey, Lorne und Caiman krochen mit rauchenden 

Revolverläufen heran. 

»Zwei haben wir erwischt«, rief Caiman grimmig. 
»Dort liegt ein dritter Apache. Hickok hat ihn erschossen«, 

erwiderte Morgan. »Ich hoffe, sie haben die Schnauze voll.« 

Als Antwort klang brechender Hufschlag in den sinkenden 

Tag. Wildes Geheul brach aus und ein Hagel Geschosse 
durchfurchte das Gebüsch. 

»Sie sind zäh und verbissen und geben den Kampf nicht 

verloren«, sagte Wild Bill. Eine verirrte Kugel durchschlug die 
Krempe seines Plainshutes und prallte klirrend auf Lornes 
texanische Radsporen. »Wir sollten das Versteckspiel aufgeben 
und uns ihnen im Kampf stellen.« 

»Sie warten nur darauf, daß wir aus dem Busch brechen. Sie 

sind uns noch immer weit überlegen«, fluchte Caiman und 
steckte schnuppernd die Nase in den Wind. »Verdammt, ich 
rieche Rauch.« 

Die anderen rochen nun auch den beißenden Qualm. 
Hickok deutete stumm nach Osten, wo knisternd eine 

background image

 65

Feuersäule in die Dämmerung wuchs. Er schob entschlossen 
den Revolver ins Halfer zurück. »Sie nehmen uns die 
Entscheidung ab, Jungs«, sagte er, und sein Blick streifte jeden 
einzelnen seiner Kämpfer, so, als wolle er von ihnen Abschied 
nehmen. Er war kein Pessimist, aber er wußte, die nächsten 
Minuten würde manch einer von ihnen nicht überstehen. »Zu 
den Pferden.« 

Rücksichtslos drängte er durch den Busch, erfaßte die Zügel 

seines Braunen und führte ihn zu dem schmalen Pfad, den sein 
Schlagmesser am Mittag gebrochen hatte. 

Als er und seine Männer sich in den Sattel schwangen und 

die Colts in die Fäuste nahmen, spürten sie die sengende Hitze 
im Rücken, die mit mörderischer Schnelligkeit heranwehte. Es 
war allerhöchste Zeit. 

»Mit Gott«, schrie Hickok. 
»Oder mit dem Teufel«, brüllte Caiman, und es schien ihm 

eine Erlösung zu sein, aus dem engen, filzigen Buschwerk 
herauszukommen. Er ritt dicht hinter Wild Bill Hickok, führte 
mit den Schenkeln seinen Pinto und hatte die gespannten 
Kracher in den Fäusten. Peitschend schlug das 
Dornengesträuch gegen seine Beine. 

Nach kurzem Ritt bremste Hickok seinen Braunen und 

suchte den Gegner. 

»Was bedeutet das?« fragte er verblüfft, als er die 

halbnackten roten Teufel entdeckte, die tief über ihren 
Pferdehälsen liegend nordwärts ins unübersichtliche Gelände 
flohen. 

»Eine Finte«, sagte Caiman. Er deutete nach Westen, wo eine 

Staubwolke heranwehte. »Dort kommt noch eine Horde roter 
Bastarde, und wenn mich meine Sinne nicht täuschen, reitet in 
ihrem Schatten eine weitere Streitmacht roter Krieger. Weiß 
Gott, wir wollen unsere Haut so teuer wie möglich verkaufen.« 

Torney, Marwik und die anderen drängten heran. 
Der Busch war ein flammendes, hochwirbelndes Fanal, 

background image

 66

dessen Hitze unerträglich wurde. 

»Wir fliehen ostwärts in die offene Ebene«, rief Torney mit 

erhitztem Gesicht. »Irgendwo werden wir eine sichere 
Deckung im Fels finden, um den Bestien eine Weile 
widerstehen zu können.« 

Bill Hickok trieb wortlos seinen Gaul aus der Gluthitze. 

Dann hielt er an und griff in die Satteltasche. Durch sein 
Fernrohr beobachtete er die heransprengende Meute, die keine 
fünfhundert Yards mehr entfernt war. 

»Worauf wartest du noch?« fragte Torney und deutete mit 

boshaftem Grinsen auf Hickoks wallende Haarpracht. »Willst 
du deinen Skalp loswerden? Wir denken da anders.« 

»Halt's Maul«, erwiderte Hickok trocken. Sein prächtiger 

Schnauzbart war in Bewegung. »Ich will zu Fuß zum Rio 
Grande zurücklaufen, wenn nicht an ihrer Spitze ein Weißer 
reitet.« 

»Ein Apachero?« 
»Der Armeescout aus Arizona.« Hickok setzte das Glas ab. 

»Ich weiß nicht, ob sie für uns Hilfe bedeuten. Steckt eure 
Eisen ins Futter und haltet die Hände in der Nähe des Gurtes. 
Ich werde ihnen entgegenreiten.« Hickok lockerte die Zügel 
und kitzelte den Braunen mit den Sporen. 

»Er ist lebensmüde«, sagte Torney. 
»Er ist verdammt mutig«, erwiderte Alison an seiner Seite. 
»Vielleicht ändert sich unsere Lage und du kannst deine drei 

Haare auf dem Kopf behalten, Torney.« 

Aus dem Verband drüben lösten sich zwei Reiter, die Hickok 

in forscher Gangart entgegenstrebten, während die übrigen 
Reiter im weiten Kordon auseinandersprengten. 

Hickok und die beiden Reiter trafen sich auf halbem Weg, 

und Alison sah, das Hickok kurz mit ihnen sprach, dann seinen 
Plainshut vom Kopf riß und ihnen Zeichen gab, daß sie 
aufschließen sollten. 

»Wenn das eine Falle ist, werden wir den Sonnenuntergang 

background image

 67

nicht mehr erleben«, Torney sah die zweite Rothautgruppe 
über die Hügel schwenken. Eine Kriegsmacht, die er auf 
zwanzig Krieger schätzte. 

Alison setzte grinsend seinen Gaul in Bewegung. »Hickok 

trägt noch immer seinen Pelz auf dem Schädel. Ich sehe wieder 
Zukunft vor Augen.« 

Vorsichtig, mit der nötigen Wachsamkeit, näherten sie sich 

dem Dreigespann. 

Hickok sah ihre feindliche Haltung und rief schon von 

weitem: »Laßt die Kanonen stecken, Jungs, es sind unsere 
Freunde aus dem Tal der Gesetzlosen.« 

Alison, nun nahe genug heran, sah das undurchdringliche 

Gesicht des Apachenhäuptlings und dachte, Cochise wird 
niemals Hickoks Freund werden. Er hat ihm die Behandlung an 
der Hickory niemals verziehen. 

Dennoch floh sein Mißtrauen, als Haggerty von Viktorio 

sprach, der nach Norden geflüchtet war. 

»Es ist meine Aufgabe, Hickok, den Mimbrenjo zu stellen, 

ehe er weit größeren Schaden mit den Karabinern anstellt, als 
es hier der Fall war. Es wird nicht leicht sein, und ich würde es 
begrüßen, wenn Sie uns eine Weile begleiteten.« Hickok 
deutete zu den Yaquis, die inzwischen nähergeritten waren, 
sich bei den Chiricahuas aufhielten. »Wer sind sie? Freunde 
oder Feinde? Sie tragen moderne Winchestergewehre wie die 
Apachen deines Freundes. Sie gehören nicht in ihre Hände, 
ohne daß sie Schaden anrichten. Wir haben es gerade an der 
eigenen Haut gespürt.« 

»Tehueco ist ein weiteres Problem«, John lächelte sauer. »Er 

betrachtet die Karabiner als Beute. Wie Viktorio es tut. Ich 
konnte ihn bisher nicht überzeugen, daß sie der amerikanischen 
Armee gehören. Tehueco ist auf der Jagd nach Abtrünnigen 
seines Stammes. Ich hoffe, er wird vernünftiger sein, als der 
Mimbrenjowolf, dem ich seine Beute abjagen werde. Tehueco 
hofft, Natie und seine Wölfe bei den Rebellen anzutreffen. 

background image

 68

Aber Natie hat sich vorher abgesetzt. Was führt euch vom 
fernen Texas ins Herz Mexikos, Hickok?« 

Hickoks Augen blitzten. »Im Tal der Gesetzlosen habe ich 

meine halbe Mannschaft verloren, Haggerty. Ich bin auf der 
Suche nach Don Rodriges, um ihm meine Rechnung zu 
präsentieren. Ihr seid ihnen begegnet?« 

John Haggerty lächelte grimmig. »Wenn Don Rodriges den 

Zusammenstoß mit den maximilianischen Truppen überstanden 
hat, wird er bald auf unserer Fährte reiten, um sich die 
Gewehre zurückzuholen. Sie sehen, Hickok, in unserer Nähe 
haben Sie die meisten Aussichten, dem Mann zu begegnen.« 

Hickok grinste. »Sie haben eine seltene Art zu überzeugen, 

Haggerty. Sie brauchen doch nur ein paar treffsichere Revolver 
für die Begegnung mit dem Mimbrenjohäuptling. Deshalb Ihre 
Einladung.« 

»Ich hoffe, es wird nicht nötig sein«, wich John aus. 
Tehueco trabte näher. Mißtrauisch musterte er die fremden 

Weißaugen. Besonders Hickok galt sein Blick, so daß dieser 
sich veranlaßt sah, Haggerty zu warnen. 

»Ihrem Yaquifürsten gefällt mein Haarschopf, Haggerty. Ich 

möchte ihm nicht raten, sich mit dummen Gedanken zu 
beschäftigen. Wir sind vor Tagen am Rio Casa Grande schon 
einmal einer Yaquihorde begegnet. Sie haben sich eine blutige 
Nase geholt.« 

Tehueco trieb sein Pferd an Cochises Seite. Seine Augen 

blitzten bei Hickoks letzten Worten. 

»Das Weißgesicht spricht von einer Begegnung mit 

Yaquikriegern?« 

»Mit Yaquibastarden«, berichtigte Wild Bill Hickok 

grinsend. »Sie sind nach Norden geflohen.« 

Tehueco schwieg. Er dachte, vom großen Fluß führt der Weg 

durch die Berge zum Canyon der Winde. Ein wilder Landstrich 
mit tausend Verstecken. Geeignet, um spurlos unterzutauchen. 

»Wie lange liegt deine Begegnung zurück, Weißauge?« 

background image

 69

»Vier Tage.« 
Wieder schwieg Tehueco. Aber in seinem Blick lag ein 

solches Leuchten, das Hickok erschreckte. Als Tehueco sein 
Pony wandte und zu seinen Kriegern zurücktrabte, fragte 
Hickok: »Was hat er plötzlich?« 

John lächelte. »Sie haben ihm einen großen Dienst erwiesen, 

Hickok, denn Ihre Worte führen ihn auf die Fährte seines 
Todfeindes. Er wird uns verlassen.« 

»Und die Waffen? Sie sind für die Armee bestimmt. Nun 

gehen sie verloren.« 

John Haggerty schüttelte den Kopf. »Ich kenne sein Dorf, 

und er wird von Viktorios Schicksal erfahren. Werden Sie uns 
begleiten, Hickok?« 

Wild Bill blickte hinter dem Reiter her über die flachen 

Bergkuppen. 

»Kommt Don Rodriges aus dieser Richtung?« 
»So wird es sein, wenn der alte Fuchs die letzte Schlacht 

überlebt hat.« 

»Dann bin ich Ihr Mann.« 
John wandte sich an Cochise, der bisher schweigend der 

Unterhaltung gefolgt war und sprach auf ihn ein. Cochise 
nickte mehrmals, ehe er zu seinen Kriegern zurückritt. 

John deutete nach Norden. »Wir wollen die Fährte der 

Flüchtigen suchen, Hickok. Kommen Sie.« 

Während sie ins wellige Land ritten, sprengten drei 

Chiricahuaspäher voraus und verschwanden zwischen den 
Tälern. 

Tehueco schwenkte ostwärts, hoffend, sein Ziel bald zu 

erreichen. 

»Compadres«, klang es stimmgewaltig aus den Felsen, »seid 
vernünftig und macht keine Dummheiten. Ich möchte euch in 

background image

 70

die Augen schauen, wenn ihr unser schönes Mexiko und diese 
verfluchte Welt verlaßt.« 

John Haggerty lag reglos unter seiner Santillodecke und 

blickte zu Hickok hinüber, der keine vier Schritte entfernt im 
Schatten stachliger Manzanitas kauerte. 

»Don Rodriges?« fragte Hickok halblaut, und gab seinen 

Freunden ein Zeichen, daß sie sich durch die Worte des 
mexikanischen Rebellen nicht provozieren lassen sollten. 

John Haggerty nickte. Dieser verdammte gelbhäutige Bastard 

hatte das zähe Leben einer Katze. Er hatte nicht nur den 
Angriff der maximilianischen Truppen überlebt, ihm war es 
auch gelungen, ihn ++ Haggerty ++ zu überraschen. Und das 
zu einem rechten Zeitpunkt, denn Cochise ritt mit seinen 
Kriegern tief im Canyon, um die verwischte Spur Viktorios 
aufzustöbern. 

John Haggerty wußte nun auch, wer am Tode Degaditos und 

Cuchillo Negro, den beiden Chiricahuaspähern Schuld trug, die 
sie gestern skalpiert an der Finaja, der versteckten Wasserstelle 
in den Bergen, gefunden hatten. 

Nicht Viktorio, wie John ursprünglich annahm, hatte die 

Kundschafter getötet. Es waren die mexikanischen Rebellen 
gewesen, die dort oben mit geladenen Karabinern in 
Lauerstellung lagen und nur auf Don Rodriges Befehl zum 
Feuern warteten. 

Hickok spürte die Unruhe unter seinen Männern, die sich 

nahe ihrem Ziel fühlten und sicher an ihre toten Freunde im Tal 
der Gesetzlosen dachten. 

»Wir wollen vernünftig bleiben, Jungs«, rief er der 

Mannschaft zu, »und eine bessere Gelegenheit abwarten. Wir 
wissen nicht einmal, mit wie vielen Gegnern wir es zu tun 
haben. Es können zwanzig sein oder auch hundert.« Hickok 
war eiskalt. Die gefährliche Lage, in der sie sich plötzlich 
befanden, machte keinen Eindruck auf ihn. Ja, es überraschte 
ihn nicht einmal, dem Rebellen zu begegnen, denn seinetwegen 

background image

 71

hatten sie ja Texas verlassen und waren nach Mexiko gezogen. 

»Meine Freunde«, bellte Don Rodriges' dunkler Baß aus dem 

Fels, »werft eure Gewehre in die Nähe des Feuers, damit ich 
eure Friedensbereitschaft erkenne.« 

John Haggerty lachte. Er wußte, daß er Zeit gewinnen mußte. 

Vielleicht war Cochise in der Nähe und würde in Rodriges' 
Rücken auftauchen. »Welche Vorteile bieten Sie, General, 
wenn wir uns freiwillig von unseren Waffen trennen?« rief 
John spottend. »Sie werden uns töten wie Degadito und 
Cuchillo Negro, und sie starben keinen schönen Tod.« 

»Amigo Haggerty«, antwortete Rodriges aus sicherer 

Deckung, »wenn sie die beiden Stupidos an der Finaja meinen, 
so kann ich nur sagen, wir waren Narren. Und sie starben wie 
Narren. Sie aber, Amigo, halte ich für einen klugen Mann, der 
sich nicht gewaltsam mit meiner Armee einläßt. Dafür werden 
wir Ihnen und Ihren Männern einen schnellen Tod durch die 
Kugel schenken.« 

John blinzelte zu Hickok hinüber. Hickok nickte verstehend. 

»General«, schrie Hickok schallend in den Berg, »ich hoffe, 
Sie wissen, wer mit Ihnen spricht.« 

»Sicher weiß ich das, Senor Hickok«, sagte der Rebell, »wir 

folgen Ihrer Spur seit Tagen.« 

»Dann wissen Sie auch, daß meine Männer kämpfen können. 

Sie haben es einmal erlebt.« 

Hickok versuchte, den Mexikaner zu provozieren, um ihn 

vielleicht zu einer Dummheit reizen zu können. »Sie sprechen 
von Ihrer Armee, Companero. Ich wette, es ist nur ein 
zitterndes Häuflein Halunken, das die kaisertreuen Soldaten 
von euch Banditen übriggelassen hat. Ihr großes Maul, 
General, scheint hier das Starke zu sein. Wir Texaner fürchten 
uns nicht.« 

Don Rodriges' zornige Flüche schallten von den Bergwänden 

wider. Aber dann lachte er. »Wir sind noch dreißig Pistoleros, 
Senor Hickok, und ihr nur zehn kümmerliche Gringos. Wie 

background image

 72

groß ist da eure Chance? Wir liegen in sicherer Deckung und 
ihr dort unten wie auf einem großen Präsentierteller.« Noch 
während er lachte, dröhnten im Berg die Büchsen der 
Belagerer. Stein und Staub spritzte auf. Caimans versteckter 
Aufschrei zeigte, daß ihn eine Rebellenkugel erwischt hatte. 

McDiem kroch heran, Caimans bester Freund. Er riß dem 

Verletzten das blutbeschmierte Hemd vom Körper und sah das 
große Loch in der Schulter des Freundes. 

Noch immer feuerten die Rebellen aus sicherer Deckung ihre 

Gewehre ab und bestrichen Stein und Strauch. 

»Hickok«, schrie McDiem in den tobenden Lärm, »Caiman 

verblutet mir unter den Händen.« 

Aber Wild Bill konnte nicht helfen, er lag im Beschuß vieler 

Gewehre und schaufelte sich mit den Händen tiefer in die Erde. 

Caiman war bei vollem Bewußtsein. Er hörte den Höllenlärm 

und sah die Staubfontänen der Einschläge. Er lächelte müde, 
weil er spürte, daß mit dem Schmerz im Körper auch sein 
Leben dahinfloh. Caiman gab sich keiner Illusion hin. 

»Es ist bald vorbei«, keuchte er schwer atmend, »ich spür's.« 
»Du bist verrückt«, fluchte McDiem und blickte wütend die 

Felswände hoch, in denen blaßblaue Ringe standen, die den 
Standort der Schützen verrieten. »Du wirst hundert Jahre alt 
und diese verdammte Geschichte hier deinen Enkelkindern 
erzählen.« 

Er riß seine Bandera vom Hals. McDiem hielt Caimans 

geschwächten Körper im Schoß und preßte das Tuch auf den 
stark blutenden Einschuß. 

Das Gewehrfeuer setzte aus. Dafür war wieder Don 

Rodriges' hohnvolle Stimme zu hören. »Amigos, glaubt ihr 
immer noch, daß ich bluffe?« 

»Der Teufel soll dich holen, Greaser«, schrie McDiem 

zurück. Er sah, daß Caiman hilflos in seinen Armen 
dahinsiechte. »Kriech aus deinem Versteck, Bandit, und 
beweise, daß du mit dem Revolver ebensogut bist wie mit 

background image

 73

deinem Maul.« 

Caiman röchelte schwach. Er war längst der Gegenwart 

entrückt und begriff nicht mehr, was um ihn geschah. Sein 
Atem wurde flacher und blieb plötzlich stehen. 

McDiem sah, daß sein Freund tot war. Vorsichtig schob er 

ihn beiseite und griff zum Revolver. Er war wütend wie ein 
gejagter Wolf. Er würde es dem Greaser zeigen. Mit einem 
Ruck fuhr McDiem hoch und wollte vorwärtsstürmen, als 
Marwik sich auf ihn stürzte und niederriß. 

»Verdammt, du Hornochse«, fauchte Marwik, »willst du dir 

von ihnen ein Ding verpassen lassen? Wir sollten versuchen, in 
ihre Flanke zu kommen und sie aus ihren Löchern zu treiben. 
Haggerty hat ein paar Kisten Dynamit bei sich, das für die 
Armee bestimmt ist. Es wird auch uns von Nutzen sein.« 

McDiem lag reglos auf dem Rücken. Nur sein Atem hetzte. 

Er erlebte noch einmal die wenigen Augenblicke, in denen der 
beste Freund in seinen Armen gestorben war. Er war wütend 
wie noch nie in seinem Leben. 

»Worauf warten wir noch?« keuchte er und sein Blick 

huschte zu den Sträuchern hin, wo sie den Sprengstoff gelagert 
hatten. 

Marwik richtete sich vorsichtig auf und signalisierte Hickok 

ihre Absicht. Noch während Wild Bill kopfnickend seine 
Zustimmung gab, spürten sie die fürchterliche Explosion, die, 
Sträucher und Bäume hinwegfegend, über sie wegfuhr. Der 
Fels bebte. Eine schwarze Pulverwolke verdunkelte den 
Himmel. Noch während das Echo der fürchterlichen 
Detonation von den Felswänden widerhallte, sahen sie 
verschwommene Schatten, die aus den Felsschründen 
herauskrochen, behend in die Tiefe stiegen, und von Deckung 
zu Deckung huschend das Lager angriffen. 

Hickok und seine Männer rotteten sich zusammen und 

erwiderten das heftige Gewehrfeuer, das ihnen entgegenschlug, 
ohne daß ein sichtbarer Erfolg zu verzeichnen war. 

background image

 74

Don Rodriges' kräftige Stimme überschallte den Lärm. Wie 

in einer Gefechtsübung griffen die Männer in zwei Wellen an. 
Die eine Gruppe unablässig das Ziel mit einem Kugelhagel 
eindeckend, die zweite Gruppe suchte den Raumgewinn, 
feuerte nun ihre Karabiner ab, um den Vorstoß der ersten 
Gruppe zu decken. 

»Sie überrennen uns«, fluchte Tornes, »wir sollten uns tiefer 

in die Schlucht zurückziehen, ehe ihre Macheten uns die 
Schädel spalten.« In fieberhafter Eile steckte er die Patronen in 
den Schaft seiner Winchester. 

»Keine Panik«, brüllte Hickok in den Gefechtslärm. Trotz 

der umherschwirrenden Geschosse suchte er Don Rodriges, der 
flink wie ein Derwisch zwischen verstreuten Felsen 
herumsprang und seine Truppe anfeuerte. »Wir müssen den 
General erwischen.« 

Er schoß. Deutlich sah er, wie der Mexikaner 

zusammenzuckte und seine Hand zur Schulter fuhr. Doch sein 
wildes Geschrei blieb. 

Die ersten Schatten tauchten vor der flachen Felsbrüstung 

auf, die den Verteidigern als Deckung diente. Wirbelnd 
schwangen sie ihre Macheten. 

Hickok, Alison und Marwik ließen ihre Gewehre fallen und 

griffen nach den Revolvern. Torney schlug einem Mexikaner, 
der ihn mit gewaltigem Sprung anging, die heiße 
Gewehrmündung an den Kopf. Hickok und Alison feuerten 
von den Hüften ihre Colts ab und fegten drei Burschen von der 
Brüstung. 

John Haggerty war in arger Bedrängnis. Er kämpfte 

verbissen gegen die Machetenschläge eines Mexikaners, der 
plötzlich aus den Büschen gestürmt war und ihn anging. Ein 
Kampf auf Leben und Tod entbrannte, und sie alle spürten, der 
Sturmlauf der Rebellen war nicht mehr aufzuhalten. Von allen 
Seiten stürmten die Rebellen die Barrikade. 

Hickok versuchte vergeblich, Haggerty zu helfen. Er hielt 

background image

 75

entschlossen den Colt in der Faust. Doch der Mexikaner war 
ein fliehender Schatten, ständig in Bewegung, und wenn 
Hickok glaubte, einen sicheren Schuß anbringen zu können, 
war es Haggerty, der im Weg stand. 

Mitten in dem Gefechtslärm glaubte Hickok helle 

Trompetenstöße zu hören. Von der Südseite der Schlucht 
sprengten Reiter heran. Sie standen steil im Sattel und 
schwangen ihre Säbel. 

Ein neuer Gegner? 
»Vorsicht, Haggerty«, schrie Hickok, als der Mexikaner, eine 

Finte schlagend, zurückwich und sofort wieder angriff. Seine 
Machete hing zwischen nervigen Fäusten steil über Johns 
Kopf. Aber John war auf der Hut. Durch einen Seitensprung 
entging er dem fürchterlichen Hieb. Kam blitzschnell hoch. 
Seine Rechte zuckte dem Rebellen entgegen, und das 
Jagdmesser bohrte sich in seine Brust. 

John fiel schwer atmend neben Hickok hinter die Deckung. 

»Wer sind sie?« schrie Hickok, als die fremden Reiter ihre 
Pferde zwischen die zurückweichenden Rebellen trieben. 

»Bunthosen«, rief John aufatmend, »kaisertreue Soldaten, die 

seit dem Rio Casa Grande hinter dem Rebellengesindel her 
sind. Verdammt, ich mag diese napoleonischen Günstlinge 
nicht, aber im Augenblick sind sie mir willkommen wie die 
besten Freunde« 

Ein grauenhaftes Gemetzel entbrannte. Don Rodriges' 

Truppe geriet in Panik, floh aufgelöst nach Süden, gefolgt von 
den Soldaten, deren Langsäbel ganz fürchterliche Ernte hielten. 

Hickok preßte die Lippen aufeinander. Er erlebte das 

gräßliche Sterben und suchte Don Rodriges, mit dem ihn eine 
offene Rechnung verband. Irgendwie war der General beim 
Auftauchen der fremden Streitmacht spurlos verschwunden. 
Aber Hickok hatte sich seinen letzten Standort gemerkt. In 
fieberhafter Eile lud er den Colt. 

Ein Reiteroffizier tauchte vor der Brustwehr auf. Er blickte 

background image

 76

auf das kleine Häuflein Männer und salutierte schweigend mit 
dem blutigen Säbel, ehe er vorwärtsstob und in der 
hochwirbelnden Staubwolke verschwand. 

Wild Bill Hickok sprang auf die Brüstung. 
»Wo wollen sie hin?« schrie Haggerty, erschreckt von 

Hickoks Impulsivität. 

Hickok wandte kurz den Kopf, und John sah die harten 

Augen des Mannes. »Ich hole mir den Oberbanditen. Er wird 
einiges bezahlen müssen.« 

Hickok sprang von der Deckung und ging sein Ziel an. Der 

Gefechtslärm verlagerte sich nordwärts der Schlucht. Aber die 
Schüsse und das Geschrei wurden immer kläglicher, ehe es 
ganz verstummte. Der Staub lichtete sich und die Verteidiger 
sahen zahlose Leichen, die den Schluchtboden bedeckten. 
Dazwischen in Panik hin und her galoppierende Pferde. 

John Haggerty sprang auf die Brustwehr. Er suchte diesen 

verrückten langhaarigen Revolverhelden, der spurlos im 
Gelände untergetaucht war, und dann entdeckte er ihn 
halbhoch im Fels. Weit oberhalb von ihm erkannte John den 
flüchtenden Don Rodriges, der ständig in die Tiefe feuernd, die 
Pferderemuda auf dem Kamm zu erreichen versuchte. 

»Er ist verrückt«, schimpfte der Armeescout, bewunderte 

dennoch den Mut des Recken. 

»Er tut, was wir alle tun würden«, sagte an seiner Seite 

Torney. Eine blutige Strieme zierte seine Stirn. »Hickok befreit 
die Welt von einer gefährlichen Bestie.« 

Von Süden her führten Soldaten ihre Pferde heran. Ihre 

bunten Hosen schillerten blutrot im einfallenden Sonnenlicht 
wie die Klingen ihrer Säbel. Ihr Anführer, Capitano Laffitieur, 
drängte lächelnd sein Pferd näher. 

»Sie hatten Glück, Senores, daß wir in der Nähe waren, als 

die Rebellen Sie überfielen«, sagte er gelassen, während er aus 
dem Sattel stieg. Er schien keine Ahnung zu haben, daß sich 
ihre Wege schon einmal in den Felsschluchten am verfallenen 

background image

 77

Franziskanerkloster gekreuzt hatten. »Wir sind seit Tagen 
hinter ihnen her.« Sein Blick streifte die pulvergeschwärzten 
Gesichter der Männer, die zum Teil leichte Verletzungen 
trugen. »Sie sind Americanos. Was führt Sie über die Grenze 
Mexikos, Monsieur?« wandte er sich schließlich an John 
Haggerty. 

John wußte, daß er den wahren Grund ihres Hierseins 

verbergen mußte. Er deutete lässig zu den plündernden 
Soldaten in der Schlucht. »Wir folgten der Fährte einer 
blutrünstigen Indianerhorde, die in dieser Gegend die Grenze 
gewechselt hat. Apachen.« 

Capitano Laffitieur, ein emigrierter Franzose im Dienst 

Maximilians, lächelte. »Sie sind Skalpjäger, Monsieur«, 
kommentierte er und nickte zufrieden. »Es läuft zuviel von 
diesem Gesindel durch unser Land. Man muß ihre Dörfer 
ausrotten, ihre Festungen niederbrennen, so wie wir es mit 
mexikanischen Rebellen tun. Erst im Frieden werden unsere 
Länder stark und mächtig. Und es werden keine Diskrepanzen 
zwischen ihrer und unserer Regierung aufkommen.« 

»Sie sagen es, Capitano«, erwiderte John lächelnd, obwohl 

ihn die Einstellung des Offiziers anwiderte. »Ein Volk blüht 
nur auf im Frieden.« 

Zwischen den Bunthosen entstand Streit. Sie stritten sich um 

die Beute der Toten wie Leichenfledderer. Laffitieur schien es 
nicht zu stören. Er sah nur Johns unmutigen Blick und sagte: 
»Beutegut ist ein Teil ihres Soldes, Monsieur. Je größer die 
Beute, um so mutiger sind unsere Soldaten.« 

Er winkte einen Soldaten heran, der sich nicht an dem 

Gefleddere beteiligte, sondern ständig sein Pferd zwischen den 
Niedergemetzelten hin und her trieb, als suche er etwas 
Bestimmtes. 

»Haben Sie Rodriges gefunden, Sergeant?« fragte Laffiteur, 

als der Reiter näher kam. 

Der Sergeant schüttelte den Kopf. 

background image

 78

»Dann sucht weiter. Ich will seinen Kopf, Sergeant. Er ist 

meiner Karriere mehr wert als dieser Sieg.« Und noch immer 
lächelnd wandte er sich an John. »Wir suchen Don Rodriges, 
den die Renegaten den General nennen. Ein gefährlicher Mann 
und Günstling des Rebellenführers Juárez. Wir waren ihm vor 
Tagen schon einmal nahe, aber der Teufel konnte uns 
entwischen.« Laffitieur erzählte seine Geschichte, die John 
längst kannte, weil er die Auseinandersetzungen hautnah erlebt 
hatte. Dabei erwähnte er, den Spuren unbeschlagener Pferde in 
den Ausläufern der Alamo Hueco Mountains begegnet zu sein, 
die ins Grenzland führten. 

John Haggertys Blick wanderte nervös zwischen dem 

Bergkamm, hinter dem Hickok verschwunden, und der 
Nordsohle der Schlucht, aus der Cochise zu erwarten war, hin 
und her, und er hoffte, daß die maximilianischen Soldaten ihr 
Handwerk bald beenden würden. 

Capitano Laffitieur, der diese Nervosität Johns bemerkte, 

fragte verwundert: »Erwarten Sie Freunde oder Feinde, 
Monsieur, Sie wirken so unruhig?« 

John deutete verlegen lächelnd auf die Soldaten. »Es ist die 

Unruhe, die Ihre Leute verbreiten. Sie benehmen sich wie 
Barbaren.« 

Capitano Laffitieur runzelte erstaunt die Brauen. »Die Toten 

merken es nicht. Meine Soldaten aber zeigen damit, wie tief ihr 
Haß auf die Rebellen ist. Wir haben Krieg und sie tun nichts 
anderes als das, was Sie vorhaben, Monsieur. In einer Stunde 
wird alles vergessen sein und der Rest ist Beute der Berglöwen 
und Schakale.« 

John Haggerty wechselte die Farbe, aber er schwieg. 
Laffitieur ritt zu seinem verwilderten Haufen und erteilte 

Befehle. Zu diesem Zeitpunkt tauchte Hickok droben auf dem 
Kamm auf. Er schwenkte ein blutiges Haarbündel in der Faust 
und kroch die Wasserrinne herunter zur Schluchtsohle. 

Als er nähertrat, warf er seinen Freunden den dunklen 

background image

 79

Haarschopf Don Rodriges' vor die Füße. »Ich glaube, damit ist 
unsere Aufgabe erfüllt, Jungs. Der Tod des Mexikaners bringt 
Hunt, Bass, Dickens, Claymont und die anderen nicht ins 
Leben zurück, aber es wird für uns alle eine Genugtuung sein 
zu wissen, daß der Mörder unserer Freunde vor seinem Richter 
steht.« 

Capitano Laffitieur, der neugierig sein Pferd nähertrieb, stieg 

lächelnd aus dem Sattel. Er faßte Wild Bill Hickok ins Auge 
und sagte erregt: »Sie bringen mir eine kostbare Beute, 
Americano. Ich glaube in dem Haarschopf Don Rodriges Skalp 
zu erkennen. Ich wäre bereit, Ihnen tausend Pesos dafür zu 
zahlen.« 

Hickoks harte Augen berührten den Sprecher. Er zögerte 

keinen Moment mit der Antwort. »Er ist Ihnen geschenkt, 
Capitano, den Rest von Don Rodriges finden Sie droben 
zwischen den Klippen. Beides bedeutet uns nichts. Brechen wir 
auf, Haggerty?« 

John zuckte mit den Achseln. »Wenn Capitano Laffitieur 

keine Einwände hat, reiten wir nordwärts durch die Schlucht.« 

Der Offizier lächelte höflich und dachte an Hickoks 

Angebot. »Sie sind unsere Freunde. Sie können reiten, wohin 
sich Ihre Nasen richten, Freunde.« 

Laffitieur trabte davon. 
»Sie haben es eilig, Hickok«, sagte John nachdenklich. Er 

deutete zu den Toten. »Stört Sie ihr Anblick?« 

Hickok schüttelte den Kopf. Dabei lachte er verächtlich auf. 

»Ich war Scout bei der Unionsarmee und bin an solche Szenen 
gewöhnt. Aber droben in den Felshängen lauert Cochise. Wer 
weiß, welche Gedanken er sich macht, wenn er uns inmitten 
der Bunthosen sieht.« 

John schreckte auf. »Suchen wir unsere Pferde«, bestimmte 

er, »es ist genug gemordet worden.« 

Als sie kurze Zeit später an Laffitieur vorbei nordwärts durch 

die Schlucht ritten, hörten sie dessen Stimme. »Ich wünsche 

background image

 80

euch viel Glück, Americanos. Und fette Beute.« Angewidert 
verzog John Haggerty das Gesicht. »Er ist ein Teufel in 
Menschengestalt.« 

Hickok zuckte verächtlich die Achseln. »Er ist Soldat. 

Verroht und verrottet durch die grausamen Sitten eines 
Bürgerkrieges. Ohne ihn würden wir dort als Fraß der Wölfe 
und Geier liegen.« 

Dämmerlicht kroch von den Steilwänden in die Schlucht und 

verwischte die Konturen. Irgendwann, nach einigen Meilen, 
tauchten lautlos die Chiricahuas an ihrer Seite auf. 

Cochise deutete nach Norden, als er ernst sagte: »Viktorio 

zieht über die Grenze. Er ist uns wenigstens einen Tag voraus.« 

John spürte, daß der Häuptling in ernster Sorge war, denn 

Viktorios Eskalation konnte sich auf die übrigen 
Apachenstämme auswirken. 

Unwillkürlich forcierte er das Tempo. 

Seit Tagen durchstreiften der Chiefscout der 3. Kavallerie und 
sein Späher die weiten Täler und Schluchten im Süden, ohne 
eine fremde Spur zu finden. Aber am heutigen Morgen 
entdeckten sie in den Vorcaps der Alamos Mountains 
hochsteigenden Rauch, und ihnen war, als hörten sie heftiges 
Gewehrfeuer. 

Sie folgten der Rauchfahne und überschritten nach vier 

Stunden Reitweg den Hügelkamm. Inmitten eines kleinen 
Talkessels entdeckten sie das niedergebrannte Gehöft, dessen 
Rauchwolken sie angelockt hatten. 

Sieber nahm sein Fernglas aus der Satteltasche und 

beobachtete das Terrain. Als er nichts Verdächtiges entdecken 
konnte, gab er seinem Pferd die Sporen und sprengte den Hang 
hinunter. 

Noch schwelte das Feuer zwischen verbranntem Gebälk. Wie 

background image

 81

drohende Kaskaden wuchteten geborstene 
Adobemauerwerkreste in den Himmel. 

»Mein Gott«, sagte Al Sieber erschüttert, als er die beiden 

Toten entdeckte, die nackt und skalpiert über dem Querpfosten 
des breiten Tores hingen. »Diese Bestien.« 

Nino ritt schweigend an den Toten vorbei und sprang vor den 

schwelenden Trümmern vom Pferd. Über dem Brunnenrand 
hing ein alter Mann. Ebenfalls nackt, ebenfalls tot. Auf dem 
Weg zur Hütte erkannte Nino eine Frau, die noch im Tode 
schützend ihre Arme um einen Knaben geschlungen hatte. 

Al Sieber führte sein Pferd näher. Sein Gesicht war bleich 

und von Unruhe erfüllt. »Apachen?« fragte er heiser. 

Der Späher nickte. »Yaquis«, sagte er und reichte dem 

anderen einen kurzen gefederten Kriegspfeil. Sie kämpften mit 
schnellen Gewehren, Chief.« Dabei deutete er auf die Toten am 
Tor. »Gewehre, wie wir sie suchen.« 

Al Sieber blickte sich um. Zwischen den verkohlten Resten 

eines Schuppens erkannte er verbrannte Rinderleiber. Der 
kleine Garten vor dem Haus war von Pferdehufen 
niedergetrampelt, die Gatter niedergerissen. Hier hatten 
Barbaren gehaust. 

Ninos Blick ging wachsam durch den Talkessel. Sein Gesicht 

bewegte sich nicht, als er einen einzelnen Reiter auf dem 
südlichen Hügelkamm entdeckte. Er nahm die Zügel seines 
Pferdes und deutete zu den Mauerresten. »Wir müssen uns 
verstecken«, sagte er ruhig. 

»Vor wem, Nino?« 
Der Hunkpapa deutete zum nahen Hügel, wo ein zweiter und 

dritter Reiter auftauchten. »Apachen.« 

»Sie kehren zurück«, fluchte Sieber, trieb sein Pferd ins 

Trümmerfeld und griff nach dem Karabiner. »Ich hoffe, sie 
haben uns noch nicht entdeckt.« 

Nino lächelte ironisch. »Apachen haben die Augen eines 

Adlers. Sie entdecken ihre Feinde auf eine Meile Wegstrecke. 

background image

 82

Die dort oben sind keine zweihundert Yards entfernt. « Nino 
hielt seine einschüssige Springfield in den Fäusten. Sein 
Gesicht war unbeweglich. Nichts verriet seine Gedanken. »Ich 
hoffe, wir haben es nur mit drei Gegnern zu tun. Vielleicht ihre 
Späher, die zurückgekehrt sind.« 

Sieber schob den Karabiner auf den heißen Stein der Ruine 

und legte den Colt auf einen Absatz. 

Als er einen Blick zum Hügel warf, waren es bereits ein 

Dutzend Reiter, die droben in breiter Angriffsformation 
auseinanderstrebten. Ihre halbnackten Körper glänzten in der 
Sonne. Trotz der Entfernung erkannte Al Sieber, daß sie 
moderne Karabiner trugen. 

»Wir sollten fliehen, statt zu kämpfen«, fluchte er los. 
»Zu spät«, der Hunkpapa deutete über die Trümmer nach 

Osten. Ein zweiter, kleinerer Apachenhaufen schnitt den 
Fluchtweg nach Norden ab. »Sie kreisen uns ein. 
Apachentaktik.« 

Al Sieber hielt das Glas vor die Augen und suchte ihren 

Anführer. Er entdeckte den trutzigen Burschen mit dem 
muschelbestickten Stirnband am linken Flügel. 

»Tehueco«, rief er verblüfft, weil er wußte, daß der Yaqui 

Kazike als gemäßigter Häuptling galt. »Was sucht Tehueco so 
weit im Osten?« 

»Gewehre«, der Hunkpapa grinste. Man sah ihm die Angst 

nicht an, die ihn beherrschte. Er wirkte kaltblütig und gelassen. 

»Gewehre, um Ranchos zu überfallen und Menschen zu 

ermorden. Wie hier. Ich werde den Häuptling töten.« Nino zog 
seinen Einschüsser an die Schulter und visierte den Kazike an. 

Sein Schuß fuhr ins Leere, denn Tehueco saß noch immer 

auf dem Rücken seines Gaules. Er gab mit den Händen 
Zeichen, worauf seine Krieger hinter die Hügel ritten. 

Kaltblütig erneuerte Nino die verschossene Patrone. »Warum 

schießt du nicht, Chief?« fragte der Hunkpapa mit einem 
erstaunten Seitenblick. »Du hast ein schnelles Gewehr wie 

background image

 83

sie.« 

Al Sieber schüttelte unwillig den Kopf. Er sah, daß Tehueco 

sein Schweißband von der Stirn zog und am Karabinerlauf 
befestigte. »Sie greifen uns nicht an, Nino. Der Häuptling will 
verhandeln.« 

»Über die Art unseres Todes?« Nino ließ das Schloß 

einschnappen und schob das Gewehr abermals in die Schulter. 

»Warte«, bestimmte Sieber. 
Tehueco hielt den Karabiner weit über dem Kopf und lenkte 

sein Pony mit den Schenkeln den Hang hinunter. 

»Worauf, Chief?« fragte Nino. »Bis wir aussehen wie die 

dort draußen?« Seine Kopfbewegung deutete zu den Toten. 

»Das ist ein Befehl«, knurrte Al Sieber verärgert. Er erhob 

sich und trat vorsichtig aus der sicheren Deckung. Tehueco war 
nun keine fünfzig Yards mehr entfernt. Er behielt Sieber im 
Auge, obwohl dieser wußte, daß Tehueco die Grausamkeit der 
Szene aufnahm, die sich seinem Auge bot. 

»Bleib stehen, Häuptling«, rief der Chiefscout warnend. Er 

hielt seine Winchester schußbereit in der Armbeuge, bereit zu 
feuern, wenn Tehueco eine falsche Bewegung machen sollte. 
Der Kazike erreichte das Tor. Sein Blick streifte die 
massakrierten Toten, ehe er Al Sieber berührte, dessen Waffe 
ihn anvisierte. 

»Du bist der neue Armeescout aus Tucson«, rief der 

Häuptling, »ich erkenne dich, weil du mit dem Falken mein 
Dorf besucht hast. Nimm deine Waffe runter, ich komme nicht 
als dein Feind.« 

Al Sieber blieb mißtrauisch, denn plötzlich tauchten auf den 

Hügelkämmen Yaquikrieger auf. Noch immer bedrohte sein 
Karabiner den Häuptling. Er deutete auf den verbrannten Hof. 
»Und das hier, Kazike? Hast du eine Erklärung für dein 
Verbrechen an diesen unschuldigen Menschen?« 

Tehueco war nun auf zehn Yards heran. Er betrachtete die 

Toten beim Brunnen. Die Frau, das Kind. Nichts bewegte seine 

background image

 84

glatten Züge. 

»Es ist nicht mein Verbrechen, sondem das Verbrechen des 

Roten Wolfes«, rief der Kazike zornig, »wir sind auf der Jagd 
nach ihm.« 

»Und das Gewehr, das du trägst, Tehueco? Die Menschen 

hier wurden mit solchen Gewehren getötet. Bist du zu feige, 
deine Tat einzugestehen?« 

Ein funkelnder Blick traf Sieber. »Niemand kann ungestraft 

Tehueco der Feigheit bezichtigen, Weißauge. Yaquis tragen 
diese schnellen Gewehre, Mimbrenjos und Chiricahuas.« 

»Sie wurden der Armee geraubt, Tehueco. Du weißt, daß der 

Einarm in Tucson dich dafür bestrafen wird.« 

»Der Falke drohte damit. Für uns sind sie Kriegsbeute, die 

wir bei den Mexikanern genommen haben.« 

»Der Falke?« fragte Sieber hellhörig. »Wo bist du ihm 

begegnet?« 

Tehueco schwenkte sein Gewehr nach Süden. »Zuletzt 

jenseits des Canyons der Singenden Winde. Er ist auf der Jagd 
nach dem Mimbrenjo-Jefe, der das gleiche Recht wie ich auf 
die Gewehre beansprucht. Wenn du dich beeilst, wirst du an 
der Grenze zu ihm stoßen. Anju«, sagte der Häuptling mit 
einem letzten Blick auf das grausame Bild, dann schwenkte er 
sein Pony und trabte durch das offene Tor. 

Auf dem Hügel rief er durch Zeichen seine Krieger 

zusammen und schwenkte nordwärts, wo die Spur des Roten 
Wolfes in die Berge führte. 

»Uff«, sagte Al Sieber aufatmend, als die Yaquis ihren 

Blicken entschwunden waren, und wischte sich den Schweiß 
von der Stirn. »Die Begegnung mit Tehueco hätte für uns 
schlimme Folgen haben können.« 

Der Hunkpapa trat aus dem Schatten der Mauerruine. Er 

hatte das Gespräch der beiden gehört. 

»Traust du den Worten des Yaqui-Cojoten, Chief?« fragte er 

zornig. »Er ist ein Apache, verschlagen und hinterhältig. 

background image

 85

Vielleicht locken uns seine Worte in einen Hinterhalt.« 

»Hätte Tehueco das nötig gehabt?« fragte Al Sieber 

spöttisch. »Er hielt alle Trümpfe in der Hand, um uns beide zu 
den Göttern zu schicken. Er ist dennoch weitergezogen. Ist das 
kein Beweis seiner Ehrlichkeit? Wir wollen die Toten begraben 
und ein Wort für ihr Seelenheil sprechen, Nino. Nimm die 
Klappspaten von den Satteltaschen.« 

Während er sich abwandte und zu seinem Pferd trat, sagte er 

zuversichtlich: »Wenn es deine Götter wollen, Nino, werden 
wir bald John Haggerty begegnen und die ganze Wahrheit 
hören.« 

»Viktorio ist ein Fuchs, ein schlauer Fuchs«, sagte Cochise, 
nachdem sie seit zwei Tagen den Wechselspuren der 
Mimbrenjos gefolgt waren. »Er kennt alle Tugenden eines 
listigen Apachen, ohne daß er sich Mühe macht, seine Spur zu 
verbergen.« 

»Er spielt mit uns«, erwiderte Haggerty finster. 
Der Häuptling lächelte. »Viktorio zeigt, wie wenig er uns 

fürchtet, Falke.« 

Sie ritten dem Gros der Krieger weit voraus, um die Fährte 

zu sichern, die nun durch ein weites Tal nördlich zu den 
Bergen führte. An der Ostflanke bewegten sich Hickok und 
seine Freunde. 

Am Nachmittag stießen sie auf einen ausgebrannten Chuck, 

in dessen Nähe ein Toter lag. Nackt, ausgeplündert, skalpiert. 
Die vielen Patronenhülsen, die in der Nähe des Toten lagen, 
zeigten, daß der Mann bis zum letzten Atemzug gekämpft 
hatte. Neben seinem Kopf steckte eine Kriegslanze der 
Mimbrenjos. 

Cochise, der den Toten eine Weile betrachtet hatte, riß die 

Lanze aus der Erde und ging zu Haggerty hinüber, der die 

background image

 86

verbrannten Reste des Planwagens untersuchte. 

»Viktorios Zeichen«, sagte der Häuptling und reckte die 

gefiederte Lanze»Wer ist der Tote?« 

John richtete sich zögernd auf. »Ein ziehender Pedlar. Ein 

Händler, der mit den Eingeborenen und weißen Siedlern 
Geschäfte macht. Sicher ein friedlicher Mann, der auch in den 
Dörfern der Apachen zu Hause war.« 

Cochises Augen blitzten zornig. »Viktorio tötet aus der Lust 

am Töten«, rief er finster. 

»Oder es ist eine Herausforderung.« John bestieg seinen 

Gaul. Sein Blick führte nordwärts, wo die grauen Schatten der 
Red Cedar Mountains in den Himmel ragten. 

Irgendwo am Fuß der Berge ritten der Mimbrenjoteufel und 

seine Krieger neuen Untaten entgegen. 

»Wir müssen ihn stellen, bevor er ein neues Massaker 

anrichtet, Cochise.« 

Der Jefe nickte und ließ die Zügel locker. John hatte Mühe, 

ihm zu folgen. 

In der Dämmerung tauchte in einer Senke ein Settlement auf. 

John und Cochise beobachteten die Siedlung aus der Ferne. Sie 
sahen brennende Hütten und Menschen, die zwischen den 
Trümmern herumliefen. 

Ihre Blicke trafen sich, wie die Gedanken wohl die gleichen 

waren. 

»Viktorios Werk«, sagte der Häuptling ruhig. 
John nickte. »Es ist besser, wenn ich mit meinen weißen 

Brüdern hinunterreite, Freund. Du und deine Krieger könnten 
den Dorfbewohnern Anlaß zu kriegerischen Handlungen 
bieten.« John gab Hickok durch Handzeichen zu verstehen, daß 
er ihn brauchte. 

»Wir warten im dichten Gebüsch bei den Hügeln«, erwiderte 

Cochise und schwenkte sein Pferd. 

Hickoks wilde Mannschaft trabte näher. Sie erfaßten das 

Bild, das sich ihnen bot. 

background image

 87

Wild Bill schnaufte. »Dieser Mimbrenjo ist ein Vandale. Wir 

sollten ihn an den höchsten Ast einer Pechtanne hängen. Eher 
gibt er keine Ruhe.« 

Haggerty lächelte. »Noch haben wir ihn nicht, Hickok. Sehen 

wir, was dort unten los ist.« 

In geschlossener Formation ritten sie den flachen Hügel 

hinunter, dem brennenden Settlement entgegen, dessen Bürger 
sich nun zusammenrotteten und feindlich ihre schußbereiten 
Mauser-Kentuckys und andere Gewehre in den Fäusten haltend 
den Reitern entgegenblickten. Als sie ihre eigenen Artgenossen 
erkannten, löste sich ihre agressive Haltung und sie kamen den 
Fremden entgegen. 

John erfuhr, daß die Siedlung am Morgen überraschend von 

Rothäuten angegriffen worden war, die ihre Hütten plünderten 
und in Brand steckten. In der darauffolgenden 
Auseinandersetzung hatte es Tote und Verwundete gegeben. So 
überraschend, wie das rote Gesindel in ihr Dorf eingebrochen 
war, war es auch wieder verschwunden. 

John hatte genug erfahren. Er gab seiner Eskorte ein Zeichen, 

und sie zogen zwischen die Hügel, wo Cochise und seine 
Krieger im dichten Mescalgesträuch lagerten. 

»Viktorio ist boshaft wie eine Klapperschlange, Chief. Er 

lädt so viel Schuld auf sein Gewissen, daß er sich vor dem 
Tribunal verantworten muß.« 

»Bevor dies geschieht, werden meine Leute ihn in tausend 

Stücke reißen«, fluchte Wild Bill Hickok, dem das Drama im 
Dorf noch vor Augen stand. 

Cochise streifte den Recken mit verächtlichem Blick. Was 

wußte das Langhaar von Schuld und Sühne? Vom Leid des 
roten Mannes, der in der San Carlos Reservation dahinsiechte? 
Ohne Rechte, ohne Freiheit, ohne Zukunft, Sklaven weißer 
Eroberer, die ihre Jagdgründe stahlen. Nicht, daß er Viktorios 
agressive Haltung billigte, dafür mußte er sich selbst 
verantworten. Ihn störten einfach die falschen Worte des 

background image

 88

Langhaares, dessen grausame Angriffswut er im Lager der 
Gesetzlosen erlebt hatte. 

Er deutete zum dichten Buschwerk hinüber, wo seine Krieger 

verborgen lagerten. »Wir wollen die Nacht abwarten und 
morgen weiterziehen.« 

Sie wagten kein Feuer zu entzünden, um nicht die 

Aufmerksamkeit des Dorfes auf sich zu lenken. Cochise teilte 
die Wachen für die Nacht ein und bestimmte zusätzlich zwei 
Wächter, die bei den Pferden blieben. 

Er selbst war seltsam stumm und zog sich tief in den Busch 

zurück, um mit seinen Gedanken allein zu sein. 

Mit den ersten Morgenschatten waren sie auf den Beinen. 

Während Hickoks Mannschaft die Pferde sattelte und die 
Krieger ihre Pintos aus dem deckenden Gesträuch führten, 
stand plötzlich Cochise an Haggertys Seite. 

»Falke!« 
»Jefe?« John wandte den Kopf und sah Cochises 

ernstblickende Augen. Er wußte, daß der Häuptling in der 
Nacht mit seinen Göttern gesprochen hatte. 

»Wir brauchen Viktorios Fährte nicht zu suchen. Ich weiß 

nun, daß er über die Grenze in die Dragoon zurückreitet. Er ist 
mit Ruhm und Beute beladen und möchte sein Glück allen 
Brüdern seines Stammes zeigen. Glanz und Eitelkeit führen ihn 
in seine Apacheria.« 

»Das wäre ein gefährliches Spiel, Jefe«, erwiderte Haggerty. 

»Viktorio weiß, daß wir ihm folgen und er ahnt auch, daß 
Pferdesoldaten ihn suchen werden. Er hat sein Spiel zu weit 
getrieben.« 

Der Häuptling lächelte. »Die Dragoon Mountains haben 

tausend wildzerklüftete Schluchten. Jede Schlucht wird ihm 
eine Festung sein. Eine Armee Soldaten würde sein Dorf dort 
oben nicht aufspüren können.« 

»Dann wollen wir verhindern, daß er sein jetziges Dorf 

auflöst, Chief. Schon um des Friedens willen, den du mit dem 

background image

 89

großen Häuptling in Tucson geschlossen hast.« 

Haggerty bestieg sein Pferd. 
Schweigend folgte Cochise. 

Stumm trieben die beiden Reiter ihre Pferde zwischen die 
Felsen. Al Sieber stieg aus dem Sattel, reichte seinem Begleiter 
die Zügel und kletterte die Steinmoräne hoch. 

Draußen in der Ebene bewegte sich eine Staubwolke direkt 

auf sie zu. Noch waren die Reiter zu weit entfernt, daß Sieber 
sie durch das Glas erkennen konnte. Deshalb beschränkte er 
sich aufs Warten. 

Nach etwa zehn Minuten wurde das Bild klarer. Sieber 

erkannte Reiter in groben bunten Hemden, die in festen Sätteln 
saßen und Rothäute, die auf ihren bunten Santillodecken ritten. 
Das bunte Gemisch umfaßte über dreißig Reiter. 

Sieber richtete sein Glas auf die drei Reiter, die der Truppe 

vorausritten. Er brauchte eine Weile, um seiner Freude 
Ausdruck zu verleihen. Doch dann richtete er sich auf und 
schrie: »Nino, es ist John Haggerty, mein Vorgänger. 
Hippeeeh, ich wußte, daß wir ihn finden würden.« Eilig kroch 
er in die Tiefe und sprang in den Sattel. Im vollen Galopp 
preschte er aus der Steinbarriere hervor und jagte den Reitern 
entgegen. 

Im selben Augenblick löste sich der Verband, strebte in 

breiter Front auseinander und schwenkte nach Norden und 
Süden zu einer Zangenbewegung, die den Reiter 
einzuschließen drohte. 

John Haggerty stand steil in den Lederbügeln. Er glaubte nun 

die beiden Reiter zu erkennen, die im Galopp heranritten. 
Durch einen Schuß rief er das Rudel in den Verband zurück. 

Dicht vor John bremste der Scout den schnellen Lauf seines 

Pferdes, ließ es auf der Hinterhand tanzen und brachte es dann 

background image

 90

zum Stand. 

»John Haggerty«, rief Sieber erfreut. »Gottlob, daß ich Sie 

gefunden habe.« Er drängte seinen Gaul näher und reichte John 
die Hand. 

»Was führt Sie in diese Gegend, Al?« fragte John überrascht. 

»Hat Howard keine Aufgaben mehr für Sie?« 

Sieber lachte bitter. »Und ob. Die ganze Armee ist in 

Aufruhr, weil eine Fuhre moderner Karabiner überfällig ist.« 
Sein Lachen erlosch und er wurde ernst. Er deutete auf die 
Chiricahuas, die jeder mit einem oder mehreren 
Winchestergewehren bestückt einer waffenstarrenden Armada 
glichen. 

»Ich nehme an, sie tragen die Karabiner, auf die General 

Einarm sehnsüchtig wartet. Verdammt«, stieß er im selben 
Augenblick aus, »spielt denn alles verrück? Die Apachen sind 
moderner ausgerüstet als die 3. Kavallerie. Ihre Karabiner 
passen besser in die Fäuste disziplinierter Soldaten. John, 
erklären Sie mir, was das alles bedeutet. Ich bin Tehueco 
begegnet. Er ist gerüstet, als plane er einen Feldzug gegen die 
Siedler. Wir sind auf eine Ranch gestoßen, die rote Banditen 
mit modernen Gewehren niedergemacht haben. Sie selbst jagen 
Viktorio. Ich nehme an, er ist bestückt wie die Chiricahuas und 
Yaquis. Wie kommen die Kerle an die Karabiner? Und wie, 
zum Teufel, reiten Sie mitten unter ihnen, als wäre dies etwas 
Alltägliches?« Sein Blick streifte Hickoks Mannschaft. 
»Gehört das Gesindel auch zu euch?« fragte er. »Sie sehen aus 
wie Satteltramps.« 

Hickok zeigte seinen Unmut, indem er zum Revolver griff. 
John lenkte beruhigend ein. »Nehmen Sie es ihm nicht übel, 

Hickok. Sieber ist erregt und sicher schon eine Weile 
unterwegs.« 

»Genügt das, daß diese Wurst uns beleidigt?« grollte Wild 

Bill. Seine Faust umschloß noch immer den Coltknauf. 

»Er ist mein Nachfolger in der Armee. General Howards 

background image

 91

Chiefscout. Entschuldigen Sie sich, Al. Hickok ist nicht so 
bärbeißig, wie er sich gibt. Aber er läßt sich ungern 
beleidigen.« 

Al Sieber zwang sich ein Lächeln ins Gesicht. 

»Entschuldigen Sie, Hickok. Okay.« 

»Für diesmal ja«, erwiderte Wild Bill und löste die Hand 

vom Knauf. »Beim nächsten Mal sollten Sie vorsichtiger mit 
Ihren Äußerungen sein. Nicht jeder ist das, was er nach außen 
darstellt. Sie sehen auch nicht wie ein Chiefscout aus. Eher wie 
ein Hanswurst.« 

»Nun ist es gut«, Haggerty lachte, »jetzt seid ihr beide quitt«, 

und zu Sieber gewandt fuhr er fort: »Die Karabiner haben 
einen abenteuerlichen Weg hinter sich. Ich werde es Ihnen 
später erklären, Al. Cochises Wort bindet ihn, die 
Winchestergewehre Howard auszuliefern. Tehueco benutzt die 
Karabiner, um Ausgestoßene seines Stammes zu jagen. Wenn 
sein Mut gekühlt ist, wird er hoffentlich vernünftig werden. 
Nur Viktorio macht mir Sorgen. Er ist ein ungestümer junger 
Mann und Weißenhasser, der die Grenzen des Zumutbaren 
überschritten hat. Er wird die Karabiner als Beute behalten, um 
weiteren Schaden anzurichten. Um ihn zu bändigen, brauchen 
wir massivere Geschütze. Liegt Ihre Schwadron in der Nähe, 
Al?« 

Al Sieber grinste breit. »Die finden Sie weit von hier entfernt 

im Hauptquartier. Nino und ich sind nur Kundschafter auf der 
Suche nach einem verschwundenen Waffentransport.« 

John Haggerty überwand seine Enttäuschung schnell. »Den 

haben Sie zum Teil gefunden, Al. Ihre nächste Aufgabe wird 
sein, den General von den Vorgängen zu unterrichten. Er soll 
eine Schwadron in Bewegung setzen, die alle Ausgänge aus 
Viktorios Schlupfwinkel blockiert. Wir werden Viktorio zur 
Vernunft bringen müssen. Wenn es nötig sein sollte, mit den 
Haubitzen der Armee. Wenn Sie uns nun verlassen, Al, reiten 
Sie wie der Teufel. Es steht sehr viel auf dem Spiel, denn wenn 

background image

 92

Viktorio mit seiner Sippe ins Hochgebirge fliehen kann, 
werden neue Unruhen aufkommen.« 

»Wir werden rechtzeitig zur Stelle sein, John«, versicherte 

Sieber grimmig. »In spätestens drei Tagen wird General 
Howard nicht nur eine Schwadron, sondern ein Regiment in 
Bewegung setzen.« 

»Dann reiten Sie, Al, wir sehen uns bald wieder.« John 

verabschiedete sich von dem Scout, der sein Pferd herumriß, 
Nino ein Zeichen gab und davon sprengte, als säße wirklich der 
Gehörnte auf seinen Fersen. 

Die plötzliche Begegnung mit Al Sieber nährte John 

Haggertys Zuversicht, und er glaubte nun an ein gutes Ende, 
denn Viktorio, so wild und verbissen er als Kämpfer auch war, 
würde seine Leidenschaft einbüßen, wenn er vor den 
Feldhaubitzen der 3. Kavallerie stand. 

Am Nachmittag kreuzten sie eine Fährte. Cochise und sein 

Sohn Naiche, die die Spuren nach dem Alter prüften, trabten 
näher. »Zwei Reitertrupps auf unbeschlagenen Mustangs«, 
sagte Cochise. »Die Spuren der zweiten Gruppe sind einen 
halben Tag älter als die zweite Fährte, die keine Stunde alt sein 
mag.« 

John überlegte kurz. Wenn der Häuptling recht hatte, konnte 

die Spur nur zu zwei Männern gehören. 

»Natie und Tehueco.« 
Cochise nickte. »Der Yaqui Kazike sitzt dem Roten Wolf 

dicht auf den Fersen. Naties Leben liegt im Schoße der Götter. 
Sie werden bald entscheiden, ob das Gute oder Böse siegen 
wird.« 

Der Jäger war plötzlich der Gejagte. 

Zweimal in diesen Tagen war Tehueco den roten Wölfen so 

nahe, daß ihre Karabiner sie erreichen konnten. Sie entzogen 

background image

 93

sich ihm durch schnelle Flucht ins felsige Land. Auf diesem 
Weg verblutete En-akai, Naties bester Krieger, auf dem 
Rücken seines Mustangs, ohne daß der Rote Wolf sein Leben 
erhalten konnte. 

In den folgenden Tagen spürte Natie, daß der Yaqui Kazike 

ihn zu einem bestimmten Ziel nach Westen trieb und jeden 
Ausbruch an den Flanken mit einem wohlgezielten Schuß aus 
dem Hinterhalt verhinderte. 

Einmal begegneten sie einer Frachtkolonne, die auf der 

weglosen Straße zwischen dem Antilopenpaß und Tombstone 
die breiten Schluchten der Swissholm durchquerten, ohne daß 
er einen Weg sah, die fette Beute anzugreifen. Ein zweites Mal 
gelang es ihnen in letzter Sekunde, einer kampfstarken U.S. 
Schwadron auszuweichen. 

Sie flohen nun durch die breiten Täler, die Natie als junger 

Jäger durchstreift hatte, als er noch zu den Yaquis zählte und 
ein freier Mann war. Die Umgebung wurde vertraut. Er kannte 
jeden Strauch und jeden Baum, der in der offenen Prärie 
wuchs. Jedes Wasserloch und jeden Schlupfwinkel zwischen 
den Hügeln. Aber Natie wußte, daß auch Tehueco mit diesem 
Teil des Landes in gleich enger Verbindung wie er stand, und 
er keine Chance hatte, sich auf längere Zeit zu verbergen. 

Seit Tagen ernährten sie sich von wilden Erbsen, 

Wolfsmilchknospen und der Frucht eßbarer Disteln, und als sie 
den Oberlauf des Whitewaiter erreichten, war seine Bande auf 
sechs Mann zusammengeschmolzen. Der Rest war auf der 
Strecke geblieben, von Tehuecos Jagdkommando getötet oder 
gefangengenommen. Was wohl beides das gleiche war. 

Der Yaqui Kazike kannte keine Gnade, und Natie wußte, er 

würde sie hetzen, bis ihr Blut das Land tränkte, und die 
Schande von den Stämmen der Yaquis getilgt war. 

»Tehuecos Zorn ist mächtig«, sagte An-ana, einer der 

wenigen verbliebenen Getreuen des Roten Wolfes, als sie am 
Ufer des Whitewaiters entlangritten, »er will unseren Tod. Wir 

background image

 94

hätten die Farm der Weißaugen nicht überfallen dürfen, 
sondern wieder einen Weg zu dem mexikanischen General 
finden müssen. In seinem Schutz lebten wir geborgen.« 

Natie warf ihm einen verächtlichen Blick zu. »Unseren Tod 

hat Tehueco vor zwei Monden bestimmt, als er Cochise und 
den Falken auf die Fährte der roten Wölfe setzte. Der 
gelbgesichtige Schwarzbart, der sich General nannte, reitet 
wohl längst auf dem geflügelten Höllenpferd, hinein in das 
Reich seiner Ahnen. Du vergißt die schnellen Gewehre, mit 
denen er seine Krieger ausgerüstet hat. Unser Fehler war, daß 
wir an den Mexikano unsere Freiheit verschenkten, anstatt der 
Morgensonne zu folgen und durch das Gebirge über den 
großen Fluß zu reiten. Ja, das war ein großer Fehler.« 

An-ana nickte. Sein Blick streifte mißtrauisch die sanften 

Hügel, die zu den hochsteigenden Felsen führten, so, als ahne 
er von dort eine Gefahr. 

»Megias, Manitus Bote, scheint Tehueco zu führen, denn alle 

unsere Bestrebungen, unsere Fährte zu verwischen, scheitern 
an der Weisheit der Götter.« Drohend schwang An-ana seine 
Winchester, »selbst die Kugeln unserer schnellen Gewehre 
finden kein Ziel in den Körpern unserer Feinde. Sie unterliegen 
dem Zauber Megias, der unser Auge trübt und die Kugeln 
lenkt. Ich spüre minio, den Zorn des Flußgeistes und höre 
mistais schreckliche Stimme, die uns in den Abgrund lockt. 
Seit Tehuecos Fluch haben die Götter die roten Wölfe 
verlassen.« 

»Schweig«, erwiderte Natie zornig, denn er spürte die 

Unruhe, die An-anas Worte in seinen Kriegern hinterließen. 
»Die Tage des Schreckens werden an uns vorüberziehen. Wenn 
Tehuecos Stimme mich zum Zweikampf ruft, werde ich ihr 
folgen, und ihr werdet erkennen, daß kein Gott sein Leben 
schützt.«. 

Sie ritten schweigend am Flußufer entlang. Der Tag war 

brütend heiß. Kein Windhauch rüttelte an den mächtigen 

background image

 95

Trauerweiden, die vom Wasser des Whitewaiter gespeist 
wurden. 

Aber An-anas Gedanken waren in Bewegung. Der Rote Wolf 

hatte ihnen Reichtum und Ruhm versprochen, als sie sich ihm 
anschlossen. Es waren leere Worte, deren Glanz er erlegen war. 
Sie waren ärmer und hoffnungsloser als je zuvor. Außer ein 
paar Gewehren hatten sie weder Beute noch Ruhm gesammelt, 
um vor dem Großen Rat der Stämme Gnade zu finden. 

Sie waren Ausgestoßene, Verfehmte, Freiwild für jeden 

Apachen. Selbst die Heimat war ihnen verschlossen. Sie waren 
Yaquikrieger ohne Hoffnung und Zukunft und Naties Weg war 
ein Weg in die Irre. 

Seine Hand streifte das zottige schweißnasse Fell seines 

Mustangs, der, von der Hatz erschöpft, nur mühselig 
vorwärtskam. Noch einen Tag würde der Pinto ihn tragen und 
stumm zusammenbrechen und sterben, wie Eno-win, wie An-
canare oder die anderen, die Naties großspurigen Worten 
geglaubt hatten, und nun in Frieden mit den Göttern lebten. 

»Wir sollten unseren Pferden eine kurze Rast können, 

Natie«, sagte An-ana, als sie an eine flache Furt kamen, »sonst 
erleben sie den morgigen Tag nicht mehr.« 

Der Rote Wolf wandte sich im Sattel um. Auf seiner Haut 

glänzte der Schweiß wie auf dem Fell seines Pferdes. Sein 
Blick streifte die Hügel auf beiden Seiten des Flusses, ehe er 
antwortete: »Es ist besser, die Pferde sterben morgen, als wir 
heute. Tehueco gönnt uns keine Rast. Er will unseren Tod.« 

An-anas dunkle Augen folgten Naties Bewegung, glitten 

über die grasbewachsenen Flußhügel, ohne daß er etwas 
Verdächtiges erspähen konnte. 

»Er ist in unserer Nähe?« fragte An-ana tonlos. 
Der Rote Wolf nickte. »Ich spüre es. Wir wollen 

weiterziehen.« 

»Wohin führst du uns, Roter Wolf?« 
Natie spürte ihre mißtrauischen Blicke. »Wir folgen dem 

background image

 96

Fluß. Irgendwann werden wir ein Dorf der Weißaugen 
berühren. Wir werden ihre Pferde nehmen oder ihre Kanus und 
dann dem weiten Weg folgen, den Bleichgesichter ziehen, 
wenn sie die Jagdgründe der Apachen durchqueren, um das 
reiche Land am Ende der Sonne zu finden. Dort kann uns 
Tehuecos Rache nicht mehr treffen.« 

An-ana schwieg. Er lauschte Ini-mans Ruf der erregt zu den 

Hügeln deutete, wo unvermutet ein halbes Dutzend Reiter über 
den Kamm trabten. Als An-ana den Kopf hob, zogen helle 
Schatten über sein Gesicht. 

»Tehueco«, rief er heiser und spürte den Geist der Furcht, der 

unsichtbar unter seine Haut schlüpfte. 

Viktorio war mit seinen Kriegern ins Bergdorf zurückgekehrt. 
Lautstark, nach Apachenart ihre Karabiner abfeuernd, 
verkündete er fette Beute. 

Die Dorfbewohner, Greise, Squaws alte Weiber und 

Jünglinge, die noch der Prüfung als kommende Krieger 
unterlagen, umdrängten die Reiter und bestaunten die 
modernen, in der Sonne glitzernden Gewehre, die so schnell 
und so oft feuern konnten, ohne daß man sie laden mußte. 
Immer wieder wanderten sie von Hand zu Hand, als seien die 
Winchestergewehre ein Taime, ein Glückssymbol, ein 
Geschenk der Götter. 

Die jungen Burschen führten die Pferde der Krieger zur 

Quelle, die Krieger selbst suchten ihre Squaws im Gedränge 
und verschwanden dann in den Zelten. 

Viktorios Weg führte zu dem hohen Steilzelt, oberhalb des 

Dorfes, in dem der Schamane lebte. Er berichtete Wontan, dem 
alten, allwissenden Medizinmann, von seinem Jagdglück und 
sagte schließlich mit leuchtenden Augen: »Die schnellen 
Gewehre bringen den Mimbrenjos Glück und Wohlstand, 

background image

 97

Wontan. Unsere Feinde werden uns fürchten, und unsere 
Dörfer meiden, weil wir durch sie stark und mächtig sind. So 
mächtig, daß wir die Langmesser nicht zu fürchten brauchen, 
und uns in ihren Städten nehmen können, was wir zum Leben 
brauchen.« 

Wontan sah die Begeisterung in Viktorios leuchtenden 

Augen. Seine Hand wies das Gewehr zurück, das Viktorio ihm 
zur Begutachtung reichte. Zögernd, mit der Klugheit des alten 
Mannes, antwortete der Schamane: »Die Gewehre geben dir 
Macht und Stärke, nicht aber dem Dorf den Frieden. Es sind 
Gewehre der Langmesser. Sie werden kommen und unsere 
Dörfer zerstören. Sie werden Frauen, Kinder und Krieger töten, 
neue Not und neues Elend bringen.« 

Viktorio schüttelte heftig den Kopf. »Sie waren Jagdbeute 

der Gelbgesichter.« 

»Aber sie gehören dem einarmigen General aus Tucson, der 

sich als Freund der Apachen zeigt. Du solltest darüber 
nachdenken«, sagte der Alte eindringlich. 

Viktorio blickte verächtlich in das faltige Gesicht des 

Schamanen. Er wollte ihn nicht beleidigen, spie dennoch seine 
Verachtung in den Sand, um zu zeigen, was er von dem Rat 
hielt. 

»Die Gewehre sind Beute der Apachen. So besagen es die 

Gesetze, die vor dir und vor deinen Vätern vom Rat der Weisen 
geschaffen wurden. Nichts hat sich bis heute daran geändert, 
nur daß der Apache feige wird und sich die Schwäche 
aufdrängen läßt, die den weißen Eindringlingen anhaftet, wie 
die Krankheiten und Seuchen, die mit ihnen in unser Land 
kamen.« 

Der Schamane bewegte sein faltiges Gesicht. Sein Blick 

streifte das Dorf, das, eingebettet in der natürlichen 
Felsbarrikade der Berge, ein sicherer Unterschlupf war. Es 
würde bald nicht mehr bestehen. 

Er dachte an Mangas Coloradas, den großen klugen Jefe der 

background image

 98

Mimbrenjos, ehe er antwortete: »Deine Gedanken bringen 
Unheil über die Stämme der Mimbrenjos und säen Zwietracht 
im eigenen Blut. Die Weißaugen sind nicht mehr zu besiegen. 
Sie werden unser Land beherrschen, weil ihre Brut 
unerschöpflich ist wie ein quirlender Bach. Wir dagegen sind 
ein zerstrittenes Volk, ohne Frieden, das nur an Kampf denkt 
und vergißt, junges Blut zu zeugen, das einmal die Alten 
ersetzen könnte.« 

Viktorio war aufgesprungen. In seinem Blut brannte die 

Leidenschaft. »Mein Schamane spricht wie eine Squaw, der 
das Alter die Kraft und den Mut genommen hat. Weißaugen 
wie Langmesser sind die Todfeinde aller Apachen. Sie zu 
bekämpfen ist der höchste Ruhm eines Volkes.« 

»Cochise sucht den klügeren Weg, die schweren Zeiten zu 

überleben. Er hofft, daß die Freundschaft mit dem weißen 
Mann uns Apachen die Freiheit und einen Teil unserer 
Jagdgründe wiedergibt.« 

»So dachte auch Mangas Coloradas«, rief Viktorio zornig, 

»bis ihn die langen Messer der Soldaten töteten.« Noch einmal 
spie Viktorio aus und wandte sich erregt ab. 

Als er den Hügel hinunterschritt, hörte er erregte Rufe, und 

noch von weitem sah er die beiden Reiter, die furchtlos aus 
dem Canyon heraus die Apacheria der Mimbrenjos betraten. 

Cochise und der Falke, dachte Viktorio wütend, und seine 

Fäuste umspannten die Winchester, als wolle er sie in der 
Erregung zerbrechen. 

Ein grausamer Zug trat in sein Gesicht. Seine dunklen Augen 

loderten mit der Wildheit der Gedanken, die ihn beherrschten. 
Stolz warf er den Kopf in den Nacken und schritt den 
Eindringlingen entgegen. 

»Sie werden in einem Dorf ein Boot stehlen und das schnelle 

background image

 99

Wasser des Whitewaiters zur Flucht benutzen.« Tehueco 
blickte mit einem Anflug von Trauer auf den toten Mustang im 
Ufergebüsch, der buchstäblich vor Erschöpfung umgefallen 
sein mußte, ehe ihn sein Reiter zurückgelassen hatte. So wie 
die anderen Tiere, auf die sie am Morgen gestoßen waren. 

»Und wenn er sich Pferde nimmt?« fragte einer seiner 

Krieger zweifelnd. Tehueco warf ihm einen verächtlichen 
Blick zu. »Er kann es sich nicht erlauben, ein Dorf offen 
anzugreifen, denn der Rote Wolf weiß, wie nahe wir auf seiner 
Fährte sind. Das zeigt, wie grausam sie ihre Mustangs zu Tode 
hetzten. Anju, es ist genug gesprochen worden. Reiten wir.« 

Noch am Morgen streiften sie ein Dorf, und Acana, der als 

Späher vorausritt, berichtete, daß Weißaugen das Ufer 
absuchten. Was sie suchten, wußte er nicht. Aber Tehueco 
wußte es und bestimmte, das einsame Settlement am 
Whitewaiter zu meiden und im weiten Bogen zu umgehen. 

Von nun an trieben sie ihre Gäule zu schnellerer Gangart an. 

Sie folgten dem in vielen Windungen dahinziehenden Fluß. 
Hoffend, bald auf die Flüchtigen zu stoßen. 

Der Wind wehte heiß aus der Sierra Madres. Die Sonne 

brannte erbarmungslos nieder. Aber Tehueco spürte die Hitze 
nicht. Seine Gedanken beschäftigten sich mit Natie, dem 
Abtrünnigen seines Stammes, dem er nach einer langen 
hoffnungslosen Jagd greifbar nahe war. Der Tag seines Todes 
war bestimmt, und noch ehe Holos hinter den Bergen versank, 
würde Naties Sterben beginnen. 

Gegen Mittag gaben Acona und Covo von einem Hügel aus 

Zeichen. Sie deuteten südwärts zum hohen Buschgürtel aus 
Weißdorn, Rotdorn und Zapotesträuchern, hinter denen 
hochgewachsene Trauerweiden das Ufer des Creeks zierten. 

Sie hatten die Flüchtigen entdeckt. 
Tehueco hielt seine Krieger zurück und sprengte in die 

angegebene Richtung. In einer flachen Senke ließ er das Pferd 
stehen und eilte mit kraftvollen Schritten durch das hohe 

background image

 100

Grammagras. Er verschwand im Busch, arbeitete sich lautlos 
zum Ufer vor. 

Natie und seine Wölfe standen im knöcheltiefen Wasser und 

bemühten sich, den Einbaum über die flachen Klippen zu 
schieben. Tehueco erkannte an ihren Anstrengungen, daß 
Angst ihre Herzen beflügelte. Er zählte sechs Krieger. Die 
Überreste von Naties stolzer Streitmacht. Er hätte nun Natie 
und seine Begleiter mit dem schnellen Gewehr töten können. 
Aber die Götter hatten ihnen eine andere Todesart bestimmt. 

Eine Weile beobachtete er ihr Treiben. Dann zog er sich 

lautlos durch die Büsche zurück und eilte zu seinem Pferd. 
Seine Reiter waren inzwischen aufgerückt. Tehueco deutete 
stumm nach Westen und setzte seinen Mustang in Bewegung. 

Sie ritten über flache Hügel und Täler und erreichten am 

Nachmittag die ausgebrannte Stätte einer Ansiedlung. Im Grün 
der Flußau standen einige breite Grabhügel, unter denen die 
Bewohner des Dorfes lagen. Aus Viktorios Erzählungen wußte 
er von dem großen Sterben der Gemeinde, das der Mimbrenjo-
Jefe vor einem Jahr mit einem blutigen Angriff eingeleitet 
hatte. 

»Wir werden den Roten Wolf am Fluß erwarten«, bestimmte 

er, trieb seinen Mustang an den Ruinen der niedergebrannten 
Siedlung vorbei zu dem nahen Hügel. Hier stieg er vom 
Rücken seines Pferdes, verbeugte sich in die vier 
Himmelsrichtungen und dankte in einem stummen Gebet den 
Göttern des Windes, der fliehenden Wolken, der Erde und der 
Sonne, daß sie ihn sicher in die Nähe seines Feindes geleitet 
hatten. 

Als er zum Fluß zurückkehrte, lauerten im Schutze der 

grünen Baumkleider seine Krieger, und der Kazike bestimmte, 
daß seine Krieger das Boot auf sein Zeichen hin angreifen 
sollten. 

Nach einiger Zeit tauchte der Einbaum hinter der Kehre auf. 

Geführt von kräftigen Fäusten, trieb das Kanu an. Natie stand 

background image

 101

am Bug, musterte mißtrauisch den dichten Busch und hielt die 
Winchester schußbereit in den Fäusten, bereit, jederzeit zu 
feuern, wenn er etwas Verdächtiges bemerkte. Sie waren nun 
nahe genug heran. 

Tehueco stieß den abgehackten Ruf des Bus aus. 
Das Angriffszeichen. 
Aus der Uferböschung brachen seine Krieger, liefen durch 

das knöcheltiefe Wasser zu dem Feind, und feuerten in den 
Rumpf des Bootes. Ihr Geschrei war fürchterlich und übertönte 
die beiden Schüsse, die Natie abfeuern konnte, ehe die Yaquis 
sie erreichten und das Boot zum Kentern brachten. Die roten 
Wölfe stürzten ins Wasser, hart bedrängt von gnadenlosen 
Gegnern, die ihre Karabiner wie Keulen niederschwangen und 
die Gegenwehr der Verdammten erstickten. 

Nur Natie gelang die Flucht. Er hetzte mit kraftvollen 

Schritten durch das flache Wasser und versuchte das 
schützende Dickicht zu erreichen. Doch da schoß wie ein 
Schatten Tehueco heran. Das Wasser peitschte unter den Hufen 
seines Mustangs, und als er den Fliehenden erreichte, ritt er ihn 
einfach über den Haufen. 

Natie verlor seinen Karabiner. Als er sich hochrappelte, griff 

er nach dem Jagdmesser, um es dem Angreifer 
entgegenzuschleudern. 

Tehueco jedoch war schneller. Im vollen Lauf seines Pferdes 

beugte er sich zur Seite und schlug Natie mit dem 
Gewehrkolben nieder. Stumm fiel Natie vornüber. Das Wasser 
nahm ihn auf und versuchte den Bewußtlosen 
fortzuschwemmen. Tehueco folgte ihm zerrte seinen Todfeind 
an Land und sprang vom Pferd. 

Natie bewegte sich, als der Häuptling sich über ihn beugte. 

Er hatte die Augen geöffnet, und seine Muskeln waren zum 
Sprung gespannt. Kalt und ohne sichtbare Regung schob der 
Kazike Natie die Gewehrmündung ins Gesicht. 

»Die Spur deines blutigen Weges ist hier zu Ende, Roter 

background image

 102

Wolf. Schmach und Schande, die du über die Sippen der 
Yaquis verbreitet hast, werden bald ihre Sühne finden. Wende 
dich unseren Göttern zu, die du erzürnt hast, und bitte sie, dir 
die nötige Kraft zu schenken, damit du als Mann stirbst und 
nicht wie ein feiger Cojote.« 

Natie wollte sich aufrichten, da tauchte plötzlich ein Rudel 

Krieger an Tehuecos Seite auf. Sie, die in seiner Jugend mit 
ihm als Freunde die Prärie durchstreift hatten, blickten kalt und 
verächtlich auf ihn nieder. Und Natie spürte, daß es für ihn bei 
den Stämmen der Yaquis keine Freunde mehr gab. 

»Bindet ihn«, bestimmte der Yaqui Kazike. »Wir bringen ihn 

in unser Dorf. Dort, wo das Leben des Roten Wolfes begonnen 
hat, soll es auch zu Ende gehen. Anju, es sind genug Worte 
gesprochen.« 

Tehueco ergriff die Zügel seines Pferdes und durchstrich den 

Buschgürtel. 

Nahe den Grabhügeln vor dem toten Dorf verharrte er 

abwartend, und seine Gedanken vereinten sich mit den Göttern, 
die ihn auf der langen Fährte begleitet hatten. 

John spürte die Feindschaft, die ihnen entgegenschlug. Die 
Alten standen schweigend bei ihren Zelten, die Jugend benahm 
sich rüpelhaft, bis Cochise sie mit herrischer Armbewegung 
fortscheuchte. 

Dafür tauchte Viktorio auf und an seiner Seite drängten sich 

die mutigsten seiner Krieger. Ihre Hände hielten schußbereit 
die Gewehre, und sie warteten auf ein Zeichen ihres Chiefs. 

Stumm und schweigend musterte John Haggerty den 

Mimbrenjowolf, der ihn herausfordernd anblickte, und es 
schien ihm, als sei er stärker und beweglicher als bei ihren 
letzten Auseinandersetzung am Whitewaiter. Dennoch blieb 
John kühl gegenüber der drohenden Haltung des Dorfes, denn 

background image

 103

er wußte, droben zwischen den Felsen, die das Dorf als 
Steinwall umschlossen, lagen Cochises Chiricahuas und 
Hickoks wilde Mannschaft, bereit einzugreifen, wenn ihnen 
Gefahr drohte. Dennoch schien dieser Akt für John die letzte 
Instanz zu sein, die er einschlagen mußte, um Viktorio zur 
Vernunft zu bringen. 

»Du weißt, weshalb ich komme«, sagte John hart. 
Viktorio lächelte grausam, als er die Winchester hob. 

»Ihretwegen.« 

John nickte. »Welche Entscheidung hast du getroffen, 

Viktorio?« 

»Die den Gesetzen der Apachen entsprechen. Beute gehört 

dem, der sie erbeutet hat.« Viktorio wandte sich an Cochise, 
der schweigend zuhörte. »Oder bist du anderer Ansicht, 
Häuptling?« 

Cochise schwieg, aber er sah die Gefahr, die heraufwuchs, 

als Viktorio lautstark sagte: »Zwischen dem Häuptling der 
Chiricahuas und dem Häuptling der Mimbrenjos soll keine 
Feindschaft bestehen. Cochise mag in Frieden ziehen. Den 
Falken aber werde ich bestrafen.« Es klang wie eine 
Herausforderung. John hob stolz den Kopf, als er antwortete: 
»Viktorio ist nur stark im Rudel seiner Wölfe. Er brüllt wie der 
Berglöwe und hat das Herz eines feigen Cojoten. Er weiß, daß 
bald Soldaten kommen werden, um sein Dorf zu bestrafen. Er 
denkt nur an sich selbst, nicht an sein Volk, sonst würde er den 
Weg des Friedens suchen, den ich ihm biete.« 

John Haggerty wußte, was er sagte. Er mußte den Apachen 

herausfordern und zum Kampf zwingen, ehe Soldaten das Dorf 
erreichten. Er kannte auch den Preis. 

»Du bist kühn mit deinen Worten, Falke. Ein Wink von mir 

und meine Krieger würden dich töten«, rief der 
Mimbrenjofürst. 

John nickte ironisch. »Das würde zu dir passen, Viktorio, 

weil dir das Herz fehlt, mit dem Falken zu kämpfen. Dein Mut 

background image

 104

besteht nur aus Worten.« 

Viktorio fuhr hoch. Er spürte die Blicke seiner Krieger auf 

sich gerichtet, die seine Antwort auf die beleidigenden Worte 
des Falken erwarteten, denn niemand konnte ungestraft einen 
Apachen Feigling nennen. Viktorio wußte es ebenso wie 
Haggerty, der den Zorn des Häuptlings herausforderte. Er 
mußte ihn zum Kampf zwingen, selbst auf die Gefahr hin, sein 
Leben zu verlieren, denn Viktorio war niemals bereit, freiwillig 
seine Beute herzugeben. 

»Du zweifelst an meinem Mut?« zischte der Mimbrenjo. Mit 

einer herrischen Bewegung scheuchte er seine Krieger zurück. 

John lächelte verächtlich. »Nicht nur an deinem Mut, 

sondern auch an deinem Starrsinn, mit dem du deine Stämme 
ins Elend führst.« 

Viktorios Augen funkelten. »Der Falke greift nach der Beute 

der Mimbrenjos«, stieß er hervor. 

»Die Beute, die Eigentum der amerikanischen Regierung 

ist«, konterte John. 

Der Jefe zögerte mit der Entscheidung. Er haßte die 

Langmesser wie die weißen Siedler, die die Apachen aus ihren 
Lebensräumen drängten. Er haßte den Falken, der ein Freund 
Cochises war. Mit den schnellen Gewehren konnte er sie alle 
erfolgreich bekämpfen. Sie waren der Garant für fette 
Beutezüge. 

»Du willst um die Gewehre kämpfen?« 
»Dazu bin ich hier«, erwiderte John ernst. 
»Du und ich? Bis zur letzten Entscheidung?« 
John nickte. »Dem Sieger sollen die Gewehre gehören.« 
Viktorio grinste verschlagen. »Und warum versteckst du 

deine Krieger auf den Hängen meiner Festung?« Dabei deutete 
er zu den Felswänden hoch, und John spürte, daß Viktorio 
Hickoks Mannschaft längst entdeckt hatte. 

»Sie sind die Träger, die die Gewehre nach Tucson bringen. 

Die Entscheidung liegt zwischen uns beiden allein. Niemand 

background image

 105

wird in den Kampf eingreifen.« 

Viktorios Blick suchte Cochise, der der Entscheidung 

schweigend gegenüberstand. »Kann ich seinen Worten trauen, 
Cochise? Du bist der Freund des Falken und der Freund der 
Mimbrenjos. Spricht er mit gespaltener Zunge?« 

Cochise schüttelte ernst den Kopf. »Der Falke hat noch nie 

sein Wort gebrochen.« 

Viktorio nickte. »Darf ich die Waffen für den Kampf 

wählen?« 

Cochise blickte zu John hinüber. Er spürte eine grenzenlose 

Leere in seinem Herzen, als Haggerty antwortete: »Ich habe 
dich herausgefordert, du bestimmst die Art des Kampfes.« 

»Dem Sieger gehören die schnellen Gewehre?« 
»So soll es sein.« 
»Gut«, erwiderte Viktorio, und ein grausames Lächeln war 

um seine Lippen. »Wir kämpfen nach Apachenart. Mit Keule, 
Schild und Lanze. So lange, bis dein oder mein Blut diese Erde 
tränkt. Ruf deine Krieger. Sie sollen deinen Tod aus nächster 
Nähe erleben.« Viktorio wandte sich ab und ging zum großen 
Häuptlingszelt. 

Während John zur Höhe signalisierte und Hickok, seine 

Mannschaft und die Chiricahuas rief, sagte Cochise an seiner 
Seite: »Viktorio wird dich töten. Er hat die Wahl der Waffen 
gewählt, deren er mächtig ist. Du hast keine Chance, den 
Kampf zu überleben. Warum tust du das?« 

»Um den Frieden der Stämme zu sichern, Cochise. Die 

Gewehre in den Händen der Mimbrenjos sind eine tödliche 
Bedrohung der weißen und roten Brüder. Es darf kein weiteres 
Morden geben. Wähl mir die Waffen seiner Art, Jefe.« 

Cochise schwieg lange. Er blickte den Falken mit traurigen 

Augen an, so, als nehme er Abschied von einem guten Freund. 

Als er sich zögernd abwandte, tauchte Viktorio vor dem Zelt 

wieder auf. Umringt von seinen Kriegern, wählte er Lanze, 
Schild, Keule und ein Kriegspferd. »Mein Herz ist bei dir, 

background image

 106

Falke, und meine Gedanken bei den Göttern. Ich hoffe, sie 
werden das Unheil abwenden.« 

Durch die offene Schlucht sprengte Hickoks wilde 

Mannschaft, gefolgt vom Kriegsvolk der Chiricahuas. Hickok 
drängte an Johns Seite. Er sah Viktorios kriegsmäßiges 
Aussehen und schüttelte den Kopf. »Weshalb setzen Sie sich 
der Gefahr aus, getötet zu werden, John? Es wäre uns ein 
leichtes, das ganze Dorf zu vernichten.« 

»Es ist genug Blut geflossen«, erwiderte John mit ernster 

Miene. Er sah, daß Cochise mit den Waffen den Hügel 
herunterschritt. »Dem Sieger gehört die Beute. So habe ich es 
bestimmt. Sie werden sich daran halten, Hickok. Ihr Wort 
drauf.« 

Hickok schwieg. Er hatte Viktorio im Auge, der seinen 

Mustang bestieg und ihn tänzelnd in Bewegung brachte. 

John reichte ihm Gewehr und den Coltgürtel. Er trabte 

Cochise entgegen und nahm die fremden Waffen entgegen. 

»Du hast sein Leben schon einmal geschont, Falke«, sagte 

Cochise unruhig, »er hat es vergessen. Kämpf, und wenn es dir 
gelingt, ihn zu töten, dann töte ihn.« 

John schob schweigend den schweren Büffelfellschild über 

die Elle, ergriff die Nußbaumkeule, die er in den Leibbund 
steckte und nahm die Ulmenholzlanze, deren schlanke Spitze 
scharf wie der Dorn des Manzanitas geschliffen war. 

Sein Blick streifte die Bewohner des Bergdorfes, die den 

Kampfplatz flankierten, ehe er zu Viktorio wanderte, der seine 
Lanze senkte und mit wildem Schrei dem Mustang die 
Mokassins in die Flanke stieß. 

John ließ die Zügel fahren, dirigiert seinen Gaul mit den 

Schenkeln, und schob den Lanzenschaft fest unter den Arm. 
Sein Gesicht wurde hart wie gehauener Granit, als er dem 
Gegner entgegenritt. 

Viktorios Lanze krachte dröhnend gegen den 

Büffelfellschild, fuhr über den wulstigen Rand hinweg Johns 

background image

 107

ungedecktem Gesicht entgegen. Der Aufprall war hart und 
brutal und warf John seitlich aus dem Sattel, Viktorio stob an 
ihm vorbei. 

Noch während John sicheren Halt in den Bügeln suchte, zog 

der Mimbrenjo seinen Mustang herum und ging ihn erneut an. 
Sein triumphierendes Geschrei drang John in die Ohren und 
der heftige Aufprall seiner Lanze hob John förmlich aus dem 
Sattel. 

Krachend schlug er auf den harten Fels. Halb betäubt 

lauschte er dem triumphalen Aufschrei Viktorios, und der 
trommelnde Hufschlag seines Pferdes erinnerte den 
Armeescout daran, daß ihn Viktorio schon wieder anrannte. 
Unbewußt hob er den schweren Schild über den Kopf, auf den 
nun Viktorios Keule niederfuhr. Der Schid dröhnte von der 
Heftigkeit des geführten Schlages wie der dumpfe Klang einer 
Trommel. Sterne tanzten vor Johns Augen, mühsam stemmte er 
sich auf die Beine. Seine Lanze war beim Sturz zerbrochen und 
lag außer Reichweite auf dem Fels. Sein Pferd floh nervös den 
Hang hinauf. 

Wieder riß ihn Viktorios Keule nieder. Wuchtig und 

erbarmungslos war der Schlag. 

Viktorio umritt seinen Gegner. Lauernd, auf eine Blöße 

seines Feindes wartend, um ihm den Todesstoß zu versetzen. 
Er hatte den Schild gesenkt und den Wurfarm mit der Lanze 
gehoben. Wie von einer Sehne geschnellt durchzuckte die 
Waffe die Luft, durchschlug federnd John Haggertys Schild 
und streifte seine Schulter. 

Dieser Schmerz brachte John Haggerty in die Gegenwart 

zurück. Er sah, daß Viktorio zu seiner Schlagwaffe griff und 
ihn ungestüm anrannte. Unbewußt ließ John den ihn in der 
Bewegung hindernden Schild fahren, schnellte auf die Beine. 

Während er dem Wirbelschlag Viktorios durch eine 

blitzschnelle Körperwendung auswich, sprang er den 
Mimbrenjo an. 

background image

 108

Der Aufprall war so heftig, daß Viktorio über die Kruppe des 

Mustangs rutschte. Er prallte auf den Fels und kam federnd wie 
eine Katze hoch. John war heran. Seine Keule krachte gegen 
Viktorios Schild. Einmal, zweimal, von solcher Wucht geführt, 
daß das Fell des schweren Schildes wie trockenes Pergament 
zerplatzte. 

Für einen Augenblick schien Viktorio von der Kampfkraft 

seines Gegners überrascht, dann schleuderte er den nutzlosen 
Schild vom Arm und drang sofort auf Haggerty ein. Ihre 
Keulen prallten dumpf aufeinander, ihr freier Arm umschlang 
den Leib des Gegners, und mit dumpfem Keuchen kamen sie 
zu Fall. 

Eng umschlungen, jeder seinen Vorteil suchend, rollten sie 

über den Fels. Der Kampf um Leben und Tod hatte seinen 
Höhepunkt erreicht. 

Cochise sah es mit stummem Gleichmut. 
Hickok aber faszinierte diese Auseinandersetzung. 

»Verdammt«, sagte er mit trockener Kehle, »sie zerfleischen 
sich wie zwei Berglöwen, die um ein Weibchen kämpfen. Wir 
sollten eingreifen.« 

Dick Power hielt Hickok mit harter Faust zurück. »Er hat 

sein Wort verpfändet. Uns sind die Hände gebunden.« 

Die Kämpfenden standen wieder auf den Beinen. Blut rann 

von ihren Körpern. Ihre Bewegungen verloren an Dynamik, 
aber sie schlugen unverwandt aufeinander ein. Nur das Glück 
schien hier zu entscheiden, denn in Kraft und Wille waren sie 
einander ebenbürtig. Nun, nach einem Fehlschlag Viktorios, 
dessen Keule John Kopf treffen sollte, rammte Haggerty ihm 
den Keulenstumpf in den Magen. Die Wucht des Aufprall ließ 
Viktorio taumeln. John stieß sofort mit der Breitseite der Waffe 
noch einmal nach. 

Der Mimbrenjo-Jefe fiel zu Boden. 
Cochise atmete tief. Er spürte, daß der Falke Viktorio nur 

besiegen, nicht aber töten wollte. Der Falke war ein Narr, der 

background image

 109

Viktorios Leben ein zweites Mal schonte, obwohl er wissen 
mußte, daß der Gegner sein Todfeind war. 

»Schlag ihm den Schädel ein«, schrie Hickok 

überschäumend, »der Bastard hat es nicht anders verdient.« 

Verschwommen hörte John Hickoks Ruf. Er sah Viktorios 

haßverzerrtes Gesicht, riß die Keule hoch, um den Feind zu 
zerschmettern. Doch mitten in der Bewegung bremste er den 
tödlichen Schlag, so daß der Aufprall gedämpft war und 
Viktorio nur für lange Zeit außer Gefecht setzte. 

Viktorios Körper erschlaffte, seine Glieder streckten sich. 

Alle Kraft entfloh. 

Aber auch John war körperlich angeschlagen und erschöpft. 

Sein Brustkorb hob und senkte sich, als er taumelnd auf die 
Beine kam. Sein Atem pfiff wie der Atemzug eines kranken 
Gaules. Schwerfällig näherte er sich Cochise. 

»Sprich mit dem Schamanen«, röchelte er unter Atemnot, »er 

soll dafür sorgen, das Viktorios Wort erfüllt wird. Wir müssen 
aus der Burg heraus, ehe der Jefe erwacht.« 

Cochise blickte ihm finster entgegen. »Sein Leben war 

zweimal in deiner Hand, Falke. Warum tötetest du ihn nicht?« 

»Ich suche die Freundschaft der Mimbrenjos, nicht ihren 

Haß«, ächzte John. Sein Brustkorb schmerzte unter der 
Atemnot. Blut floß über sein Gesicht. Seine Knie wurden 
weich. 

Hickok und Power sprangen heran, um John Haggerty 

aufzufangen. Aus weiter Feme, wie durch einen Schleier, sah 
er Cochise, der dem Schamanen entgegenschritt, dann wurde es 
dunkel vor seinen Augen. 

Zwei Tage waren seit dem Kampf vergangen. Nur ein paar 
Wunden erinnerten Haggerty an die tödliche 
Auseinandersetzung. Ansonsten war er voll auf den Beinen. 

background image

 110

Am Banjo Canyon stießen sie auf eine verstärkte Abteilung 

Kavallerie, die, von Sieber alarmiert, auf dem Weg zu 
Viktorios Dorf war. 

»Mein Gott«, sagte Colonel Walman, als er Haggertys 

lädierten Körper sah. »Sie müssen den Krallen eines Grisslys 
begegnet sein.« 

John lächelte. »Es war kein Grissly, nur ein Mimbrenjowolf, 

Sir. Wir beide haben es überstanden. Doch wo kommen Sie so 
schnell her?« 

»General Howard machte sich Sorgen um eine 

verschwundene Waffenfuhre«, sagte der Colonel. Dabei 
deutete er auf Hickok und die Chiricahuas, die wie reitende 
Arsenale wirkten, »ich glaube, das hat sich nun überlebt.« 

»Fast«, erwiderte John und deutete lächelnd nach Süden zu 

den fernen Swisshelm Mountains, die wie Schatten am 
Horizont standen. »Wir sind auf dem Weg zu den Yaquis. Ich 
hoffe, dort den Rest der Gewehre zu finden.« 

Colonel Walman überlegte nur einen Augenblick. »Na gut«, 

sagte er, »es wird sicherer sein, wenn wir zusammen reiten.« 

Von nun an zogen sie gemeinsam nach Süden. Zwei Tage 

und zwei Nächte waren sie unterwegs, als sie sich Tehuecos 
Apacheria näherten. 

Dessen Späher hatten ihre Ankunft bereits gemeldet, denn als 

sie durch die breite Schlucht in den Talkessel ritten, saß 
Tehueco, flankiert von Acana und Covo, am großen Feuer. 
Unweit von ihnen, akkurat im Viererständer aufgebaut, wie 
Tehueco es im Camp des einarmigen Generals aus Tucson 
gesehen hatte, standen zweiunddreißig Winchester-Karabiner. 

Mit einem Blick auf Colonel Walmans Schwadron sagte er 

lächelnd zu John Haggerty, der vom Pferd sprang und ans 
Lager trat: »Wir beide haben unser Ziel erreicht, Falke. Ich 
habe lange über Cochises Worte nachgedacht und weiß nun, 
daß Frauen und Kinder meines Dorfes wichtiger sind als die 
blitzenden Rohre der schnellen Gewehre. Du brauchtest nicht 

background image

 111

in Begleitung der Langmesser zu kommen. Ich bin dein 
Freund.« 

John verbeugte sich vor dem Häuptling, wie es bei den 

Indianern Sitte war. »Die Soldaten aus Tucson kommen wie 
ich als deine Freunde, Häuptling Tehueco, denn der einarmige 
Häuptling in Tucson weiß, daß du, wie mein Bruder Cochise, 
den Frieden suchst.« 

Geschickte Worte, die John Haggerty wählte, um die 

Anwesenheit des Militärs zu legitimieren. 

Tehueco nahm es wohlwollend auf und gewährte den 

Soldaten Gastfreundschaft bis zum nächsten Tag. 

Als John am folgenden Tag mit seinen Begleitern aufbrach, 

ritt Hickok an seiner Seite. Er deutete zu den Hügeln im 
Westen, auf denen ein paar Pfähle aufragten, an deren Stämme 
nackte Körper in der Sonne hingen. 

»Das sind doch der Rote Wolf und seine Leute. Warum 

lassen Sie es zu, daß Tehueco sie zu Tode schmort, Haggerty? 
Ich denke, Sie sind ein zivilisierter Mensch?« 

John Haggerty lächelte müde. »Wir haben die Gastlichkeit 

der Yaquis erlebt, Hickok, und ihre Freundschaft gewonnen. 
Die Yaquis haben eigene Gesetze, nach denen sie leben. 
Übrigens ist das sehr wenig, was ihnen an Freiheit verblieben 
ist. Das Urteil ihrer Götter ist für uns tabu. Die roten Wölfe 
haben ihre Strafe für die Verbrechen bekommen, die sie 
begingen. Langsam, unter schrecklichen Qualen, so wie 
Apachen ihre Feinde bestrafen.« 

Der harte Mann hob fröstelnd die Schultern. »Weiß Gott, 

Haggerty, Texas ist ein rauhes Land, aber Arizona ist die 
Hölle. Wir werden bald auseinandergehen.« 

Wild Bill Hickok schwenkte sein Pferd und trabte zu seinen 

Leuten. 

Schade, dachte John Haggerty, während er zur Seite 

Cochises aufschloß, Hickok und seine Männer sind harte 
Kämpfer, so, wie sie unser junges Territorium braucht, um den 

background image

 112

Frieden zu erhalten. Vielleicht werden wir uns noch einmal 
begegnen. 

ENDE