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Alexander Calhoun 

Duell im Blizzard 

Apache Cochise 

Band Nr. 11 

Version 1.0 

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Prolog 

Als die weißen Amerikaner Mitte des 19. Jahrhunderts den 
Südwesten der USA zu besiedeln begannen, stießen sie auf ein 
indianisches Volk, das bereits die Spanier und Mexikaner hatte 
teuer dafür bezahlen lassen, daß sie unbefugt in ihre 
Jagdgründe eingedrungen waren.
 

Die etwa ein Dutzend umfassenden Apachen-Gruppen und 

Großsippen, am gefürchtetsten die Chiricahua-Apachen, 
widersetzten sich der Niederwerfung durch die Weißen mit 
allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln.
 

Sie überfielen zunächst Postkutschen, Frachtwagenzüge, 

Armeepatrouillen, Farmen, abseits gelegene Ranches und 
kehrten anschließend wieder zu ihren Stützpunkten in den 
Bergen zurück, den sogenannten »Apacherias«, die bei den 
Weißen der damaligen Zeit als uneinnehmbar galten.
 

Der Widerstand flammte zum blutigsten und grausamsten 

Grenzkrieg der Indianergeschichte auf, als Cochise von 
Mangas Colorados die Führung der Stämme übernahm.
 

Cochises Weitblick ließ ihn letztlich erkennen, daß der 

Untergang der roten Rasse eine von den Weißen beschlossene 
Sache war, die Anspruch erhoben auf alles Land zwischen den 
Dragoon Mountains im Südosten, dem Mogollon-Rim im 
Westen und der Gran Desierto im Süden.
 

Cochises Chiricahuas, die Kerntruppe seiner Streitmacht, 

blieb im Angesicht der unaufhaltsamen Flut weißer Siedler, 
Goldgräber und Desperados nur noch eine Devise: Raube, 
ohne erwischt zu werden, töte, ohne getötet zu werden. Ein 
Kampf ohne Erbarmen entflammte in den Canyons, Tälern und 
Wüsten. Ein Kampf, dessen Schilderung in dieser Serie nicht 
die ganze Brutalität wiedergeben kann, wie sie uns die 
Geschichte überliefert hat.
 

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1871 gelang es Cochise, die meisten Stämme der Apachen zu 

einer einzigen Widerstandsfront gegen die Eindringlinge aus 
Nord und Süd, Weiße und Mexikaner, zu vereinen. Die 
blutigsten Massaker auf beiden Seiten waren die Folge.
 

Auf ihren flinken Ponys überfielen die Krieger in kleinen 

Gruppen Wagenzüge und Posthaltereien im Norden, um am 
nächsten Tag schon Farmer und Goldgräber im Süden oder 
eine Patrouille der Army im Westen anzugreifen.
 

Militär und Siedler waren macht- und hilflos und ohne eine 

Möglichkeit gezielten Widerstandes den ständigen 
Apachenangriffen ausgesetzt.
 

Wenn 1870 General Sherman nach Washington schrieb: 

»Wir führten einen Krieg gegen Mexiko, um Arizona zu 
bekommen, wir sollten jetzt einen Krieg führen, um dieses Land 
wieder loszuwerden«, so kennzeichnen diese Worte die 
verzweifelte Hilflosigkeit des Militärs.
 

Diese nach authentischen Überlieferungen verfaßte Serie soll 

dem größten aller indianischen Führer ein Denkmal setzen: 
Cochise.
 

Dem Wirken dieses Mannes und seinem Weitblick für 

politische Veränderungen ist es zu verdanken, daß diese Story 
mit ihrer ganzen Dramatik wahrheitsnah niedergeschrieben 
werden kann.
 

Unsere Autoren fühlen sich verpflichtet, neben der 

Herausstellung der abenteuerlichen Charaktere, die in jener 
Zeit Geschichte machten, auch der historischen Wahrheit die 
Ehre zu geben.
 

Nichts soll verschwiegen, nichts hinzugefügt oder entstellt 

werden. 

Ihr Martin Kelter Verlag 

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*** 

Cochise war zwei Stunden vor der Dämmerung immer noch 
wach. Der Wind wehte jaulend durch die Felsen und über das 
Plateau. Er seufzte unten im Canyon wie die Seelen unzähliger 
Gemarterter. Weit entfernt heulte ein Kojote. 

Die meisten Lagerfeuer waren erloschen. Vereinzelt glühten 

einige noch wie dämonische Augen in der Finsternis. Victorio, 
der Mimbrenjo-Häuptling, warf seine Decken ab und stand auf. 
Er fror, als er an den Rand des Plateaus trat und über die 
karstige Gebirgslandschaft blickte, die grau und 
verschwommen im Licht des Morgens lag. 

Zwei Chiricahuas hielten in der Nähe Wache. Sie wußten, 

daß Victorio angekündigt hatte, die Station ganz allein mit 
seinen Kriegern anzugreifen. Die großsprecherische Art hatte 
Nana und Chato nicht so recht gefallen. 

Loco dagegen und Chihuahua, ein Krieger der Chiricahuas, 

waren gegen Victorios Absicht gewesen. Loco deswegen, weil 
er das Unsinnige des Vorhabens verurteilte, und Chihuahua, 
weil er den Verlust von Beute und Skalps befürchtete. 

Victorio starrte in den Canyon und schätzte die Stellungen 

der Soldaten ein. Sehen konnte er nichts bei den Häusern. Alles 
lag im Dunkel. 

Cochise, der Victorio noch um einen halben Kopf überragte, 

kam an seine Seite. 

»Bruder, du gehst mit deinen Mimbrenjo-Kriegern einen 

schweren Weg.« 

Victorios Hand wedelte verächtlich. 
»Ich überrenne sie beim ersten Ansturm, Koh Cheez. Die 

gesamte Beute wird den Mimbrenjos zufallen, und die 
Chiricahuas gehen leer aus.« 

»How!« sagte Cochise. 

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»Zwei Stunden bis zum ersten Frühlicht«, fuhr Victorio fort. 

Nana und Chato kamen ebenfalls heran und starrten hinunter 
auf den Paß. 

»In zwei Stunden wird es kein einziges Bleichgesicht mehr 

hier oben geben. Das Land der Chiricahuas wird frei sein.« 

»Du denkst an das, was du mir versprachst, Victorio? Der 

weiße Häuptling und Thomas Jeffords werden verschont.« 

Cochises Stimme klang sehr eindringlich, fordernd. Victorio 

triefte förmlich vor Widerwillen und Abneigung. Er erinnerte 
sich an sein gegebenes Wort und nickte. 

»Ihnen wird kein Haar gekrümmt, Koh Cheez.« 
»Und den drei Weißen, die von Süden kommen und zur 

Station reiten, auch nicht?« 

»Ich habe es versprochen, how!« 
»How«, besiegelte Cochise den Bund. Er wußte, daß es dem 

Mimbrenjo schwerfiel, ein solches Versprechen zu halten. 

Unbeweglich standen die beiden Häuptlinge auf dem Plateau 

hoch oben über dem Paß. Hinter ihnen bewegten sich graue, 
verschlafene Gestalten und fachten die Feuer wieder an. Das 
Lager erwachte. 

»Der neue Tag bricht an.« 
Cochise sagte es leise, wie zu sich selbst. Victorio und Nana 

verstanden ihn jedoch. Ihre scharfen Ohren vernahmen selbst 
den kleinsten Laut. 

»Was wird er bringen?« fragte Chato. 
Alle Unterhäuptlinge und Sippenanführer hatten sich 

inzwischen eingefunden und hinter Cochise versammelt. 
Chihuahua und Ulzana trugen Militärjacken, die sie gefallenen 
Soldaten abgenommen hatten. Sie deckten mit ihren Leibern 
Cochises Rücken. 

Hier wurde deutlich, daß nicht immer Friede und Eintracht 

zwischen den Stämmen herrschte. Oft hatten sie sich 
gegenseitig bekriegt. Es war vielen Kriegern zur Gewohnheit 
geworden, sich auch gegen Apachen anderer Gruppen oder 

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Stämme abzusichern. 

Cochises hochragende Gestalt stand unbeweglich. Er blickte 

zum Himmel. Ein seltsames grünes Licht ging von diesem 
Sonnenaufgang aus. Cochise war wie fasziniert davon. Und 
ganz plötzlich sagte er: »Ich sehe den Himmel und viele 
Soldaten. Wie ein Heuschreckenschwarm stürzen sie aus 
diesem gräßlichen Licht in unser Lager, die Köpfe voran, die 
langen Messer in den Fäusten. Und sie führen etwas mit, das 
ein breites Maul hat und Feuer speit. Nicht nur Feuer, auch 
Stahl.« 

Victorio drehte sich halb zu Cochise herum und sah ihn 

ebenso erstaunt wie verwirrt an. Hatte Cochise eine Vision? 
Selbst die Chiricahuas im Hintergrund zogen ängstlich die 
Köpfe ein. 

Zu viele Dinge waren schon von Medizinmännern und den 

Alten vorausgesagt worden, und das Übel war, daß diese 
Traumbilder auch eingetroffen waren. So nimmt es einen nicht 
wunder, daß die Indianer felsenfest an die Wirklichkeit von 
Visionen glaubten und sich danach verhielten. 

Das Licht im Osten wurde greller, grüner, an den Rändern 

gelb und rosa. Ein märchenhafter Sonnenaufgang. Für 
Naturschönheiten hatte Cochise keinen Sinn, nicht in diesem 
Augenblick, wo es um Gedeih oder Verderb der Apachen ging. 

Das giftige Grün des Himmels veränderte sich zunehmend. 

In seiner Mitte erschien ein violetter Punkt. 

Die seltsame Farbenzusammenstellung ließ die 

abergläubischen Apachen zurückschrecken. Der Punkt zerfloß, 
löste sich in unzählige Einzelpunkte auf. 

Waren das die Heuschrecken, die Cochise gesehen hatte, 

bevor sie sichtbar wurden? Auch die Umgebung veränderte 
sich. Die Berge schoben sich näher heran und schienen greifbar 
zu werden. Doch alles war nur ein Trugschluß, eine optische 
Täuschung. 

Chihuahua stöhnte, wich seitlich aus, als Alchesay zur 

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Gruppe trat und einen langen, prüfenden Blick auf das seltsame 
kalte Licht warf. Als wäre mit dem Erscheinen des Häuptlings 
der Bann gebrochen, verschwand das grüne Licht schlagartig. 
Die Sonne schob sich über den Rand der Berge. 

Cochise drehte sich um. Die Krieger waren dabei, sich zu 

bemalen. Gelb und zinnoberrote Farbe schmierten sie sich mit 
der Spitze des Zeigefingers quer in die Gesichter und zogen 
einen diagonal verlaufenden schwarzen Strich durch die 
Bemalung. 

Pferde waren nicht zu sehen. Victorio griff zu Fuß an, gemäß 

der uralten Tradition der Apachen. Mit Messer und Kriegsbeil, 
Steinschleuder und Bogen wollte er sie bekämpfen und 
besiegen. 

Um Cochises Mundwinkel zuckte es kaum merklich. 
Als es immer heller wurde, sah man auch die armselige 

Vegetation hier oben auf der winzigen Mesa: Agaven, Kakteen, 
Disteln, und stachelige Manzanitas. Ein bißchen Sagebrush 
wuchs ebenfalls, und der Duft, den die Blüten ausströmten, war 
herb und lieblich zugleich. 

Weiter hinten und in der Tiefe eines Seitencanyons wuchsen 

Chollas und Mescal, an den Hängen Wacholder, verkrüppelte 
Pinien und ein paar Korkeichen. 

Cochises Blick wanderte weiter. Es hatte den Anschein, als 

hätte er dieses, sein ureigenstes Land noch nie gesehen. Kein 
Muskel regte sich in seinem wie aus Ton gebranntem Gesicht, 
nur seine Augen blieben in Bewegung. 

Geronimo wechselte seinen Platz am Feuer und trat zu dem 

Jefe. 

»Du hast Sorgen, Koh Cheez?« 
»Goghlayeh, ich habe große Sorgen.« 
»Die Heuschrecken kommen näher?« 
Cochise nickte. 
»Sie kommen und zerreiben die Apachen. Victorio ist loco, 

total loco. Er wird den Untergang unseres Volkes 

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beschleunigen.« 

Geronimo sah in Cochises Blickrichtung. Ein anderes Tal, 

das im rechten Winkel auf die kleine Schlucht dort unten links 
stieß. Dort gab es Douglasfichten, Pechtannen und noch mehr 
Pinien. 

Als sich Cochise wieder umwandte, war Victorio 

verschwunden. Er sah ihn zwischen den Feuern hergehen, mit 
beschwörenden Gesten. 

Mit einem Schlag wurde es vollends hell. Ein gellender 

Schrei brauste durch das Lager. Apachen sprangen auf die 
Füße, schwangen Waffen und Rasseln, und das Gebrüll, das sie 
ausstießen, wurde zu einem Inferno unheimlicher Laute. 

»Zastee! Tötet!« schrie Victorio. 
200 Stimmen fielen ein. 
»Zastee!« 

Captain Thomas Roberts erwachte kurz vor der 
Morgendämmerung. Die Trommeln, die während der ganzen 
Nacht nicht verstummt waren, wummerten immer noch. 

Apachentrommeln… 
Zermürbungstaktik, dachte Roberts. Thomas Jeffords trat auf 

ihn zu. Er hatte in der ganzen Nacht kein Auge zugemacht. Ihm 
ging es um die Existenz der Butterfield-Station, die schon 
einmal der Wildheit von Apachen zum Opfer gefallen war. 

Er drehte sich eine Zigarette und hielt dem Offizier dann den 

Tabak hin. 

»Wie war die Nacht, Captain?« 
Roberts starrte auf den dunklen Canyon und zuckte mit den 

Achseln. 

»Still wie ein Grab, bis auf das Trommeln.« 
Jeffords lächelte gequält. »Hübscher Vergleich.« 
Roberts war mit Drehen fertig und zündete sich die Zigarette 

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an. 

»Etliche meiner Leute benehmen sich recht sonderbar.« 
»Was ist los mit ihnen?« 
»Ich glaube, sie drehen durch. Einige beten, andere stammeln 

wirres Zeug. Es können Psalme sein, die sie daherbrabbeln. 
Wenn's an die Haut geht, werden sogar Hartgesottene fromm.« 

»Es ist die Nervenbelastung, Captain. Die Apachen sind 

Meister in der psychologischen Kriegführung. Ja, ja, das habe 
ich fast erwartet. Ich sehe mich ein wenig um.« 

Thomas Jeffords verließ den Captain und wandte sich der 

Paßstraße zu. Hier draußen war das dumpfe Trommeln noch 
lauter zu vernehmen. Er blieb stehen und starrte die Sterne an. 
Sie verblaßten – ein Zeichen, daß der neue Tag nicht mehr 
lange auf sich warten ließ. 

Was mochte er bringen? Leben oder Tod. Eine weitere 

Alternative hatten sie nicht. Diesmal konnte Cochise auch ihn 
nicht schonen. Es war zuviel geschehen, als daß ihre 
Freundschaft hätte noch Bestand haben können. 

Achselzuckend kehrte Jeffords um und begab sich ins Haus. 

Er hatte seine Männer angewiesen, nur zu schießen, wenn sie 
von Indianern angegriffen wurden. 

Captain Roberts beobachtete den Canyon. Von seiner 

Position aus konnte er das ganze Gebiet beim Paß beherrschen. 
Er warf einen Blick über die Schulter zurück. Die Front der 
Verteidiger erstreckte sich zwischen Stall und Hauptgebäude. 

Die Soldaten hatten Schanzen gebaut. Thomas Jeffords hatte 

ihnen Holz dafür zur Verfügung gestellt, sich aber nicht an den 
Arbeiten beteiligt. Die in den Boden gerammten drei Fuß 
hohen Pfähle waren mit Steinen, Grassoden und Erde 
ausgefüllt worden. Hinter der verhältnismäßig kugelsicheren 
Deckung knieten oder lagen die Soldaten mit angeschlagenen 
Gewehren. 

Ein Teil von ihnen schlief. Nur die Geschützbedienungen 

konnten sich in dieser Nacht keine Ruhe leisten. Sie hockten 

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hinter ihren Haubitzen, schwatzten und rauchten. 

Roberts ging die Front ab und hatte für jeden Soldaten ein 

gutes Wort. Peer Lanning ließ den Kopf hängen. Seine Finger 
drehten die Perlen eines Rosenkranzes. Er betete stumm. 
Roland Nettleton stand aufrecht, stemmte die geballten Hände 
auf das Schanzwerk und starrte aus brennenden Augen in den 
Canyon. Hurt Chester betete laut. 

»Herr, du bist mein Hirte, mir wird es an nichts mangeln…« 
Ein Stück weiter lag ein anderer Soldat auf den Knien, hielt 

die gefalteten Hände zum Himmel hochgestreckt und rief laut 
in die Finsternis: »Vergib mir meine Sünden, o Herr! Wenn ich 
in dieser Nacht sterben muß, nimm mich gnädig in dein Reich 
auf.« 

Roberts ließ sie gewähren. Müde ging er weiter. Die 

Bedienung des ersten Geschützes richtete sich auf, als sie ihn 
kommen sah. 

»Morgen, Jungs! Nur nicht verzagen, wir schaffen es. Wenn 

sie angreifen, dann kommen sie in breitgezogenen Wellen. 
Haltet die Rohre tief und laßt die Kartätschen vor ihnen 
detonieren. Alles klar?« 

»Jawohl, Captain, alles klar.« 
Es klang nicht begeistert, eher gedrückt. Roberts verstand die 

jungen Leute. Freiwillige. Sie hatten sich den Krieg ganz 
anders vorgestellt. Nun sollten sie die rauhe Seite einer 
Auseinandersetzung kennenlernen, von der sie keine 
Vorstellung hatten. 

»Flach schießen«, sagte Roberts noch einmal. »Ganz flach. 

Verstanden?« 

»Well, Sir, flach. Wir werden sie mit Feuer und Eisen 

begrüßen, wenn sie kommen, Sir.« 

»Recht so. Immer drauf, was die Rohre halten.« 
Er ging weiter. Die stammelnden Gebete, die Flüche und das 

Fäusteschütteln rissen nicht ab. Niedergeschlagenheit und stille 
Auflehnung waren die beharrlichen Begleiter der stark 

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dezimierten Truppe. 

Plötzlich roch Roberts etwas. 
Schnaps? Er schüttelte den Kopf. Schnaps gab es hier oben 

nicht. Bereits vor Wochen hatte er ein striktes Alkoholverbot 
ausgesprochen. 

Und doch… Er stieß auf die Schanzenwache. Zwei Soldaten, 

die sich lautstark und mit schwerer Zunge unterhielten. Ward 
Hesters fuhr herum, blickte in das strenge Gesicht des 
Offiziers. 

»Sie haben kein Recht, sich an uns heranzuschleichen«, 

knurrte er. 

Roberts sah die Flasche. Groß, bauchig und halbvoll stand 

sie zwischen den Uniformierten. 

Roberts beschrieb in der Dunkelheit mit der Hand einen 

Halbkreis. 

»Sie stehen so nahe an der Schanze, daß es einem Chiricahua 

gelingen könnte, Ihnen ein Messer in den Rücken zu jagen, 
bevor sie ihn überhaupt riechen. Dazu sind Sie noch zu 
betrunken, Hesters.« Roberts musterte den anderen. Der 
Gefreite Hanish konnte kaum noch auf seinen Füßen stehen. 
Volltrunken trat er mit erhobenen Fäusten auf den Captain zu. 

Roberts lächelte. »Tun Sie nichts, Hanish, was Sie später 

bereuen könnten.« 

Der Soldat ließ die Arme sinken. Er stützte sich auf sein 

Gewehr, das neben ihm an der Schanzverkleidung gelehnt 
hatte, und lallte mit bleischwerer Zunge: »Zum Teufel damit, 
Captain, wir gehen doch allesamt vor die Hunde. Warum sollen 
wir es uns mit einem gehörigen Schuß Alkohol nicht leichter 
machen?« 

Roberts bückte sich, nahm die Flasche und schleuderte sie im 

hohen Bogen ins Vorfeld hinaus. Klirrend zerbarst sie. Hanish 
fuhr hoch. 

»Du Hund!« keifte er. »Mußt du uns auch noch das letzte 

Vergnügen nehmen, bevor wir allesamt in die Hölle fahren?« 

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Gelassen drehte sich der Captain um. »Wache!« rief er. Ein 

Unteroffizier mit zwei Mann tauchten auf. Roberts deutete auf 
die beiden Betrunkenen. 

»Nehmen Sie sie fest, Corporal Sutter! Ins Haus damit. Mr. 

Jeffords wird Ihnen einen Raum zur Verfügung stellen. Der 
Posten wird sofort abgelöst.« 

»Yes, Sir. Ich melde es Lieutenant Hegemann.« 
Roberts nickte und ging am Schutzwall entlang bis zur 

nächsten Haubitze. Die Geschützbedienung rauchte und 
unterhielt sich leise. Jeweils zwei beobachteten den Canyon. 
Wenn ihnen die Augen brannten oder die Müdigkeit sie zu 
übermannen drohte, wechselten sie sich ab. 

Als sie den Kommandeur der behelfsmäßigen Festung sahen, 

standen sie stramm. Der Richtkanonier machte Meldung. 

Roberts nickte. 
»Schießt flach, wenn sie kommen, Jungs. Und laßt die 

Kartätschen vor ihnen krepieren. Wir selbst können sie sicher 
nicht aufhalten, aber unsere Kanonen. Alles hängt von euch ab, 
Männer. Gute Nacht!« Er lachte. »Man kann schon guten 
Morgen sagen, nicht wahr? Bald ist es soweit.« 

Er drehte sich um und verschwand in der Dunkelheit. 

Morgan Rosswell kniff die Lider zusammen, als er zum 
Canyon starrte. Er konnte keine Apachen entdecken, aber er 
wußte genau wie seine beiden Leute hinter ihm, daß sie dort 
draußen waren. Vielleicht besetzen sie die Nebencanyons 
weiter unten, vielleicht jagen sie über ihnen auf der Mesa. 

Lieutenant Hegemann hatte die betrunkenen Posten 

festnehmen und in Ketten legen lassen. Statt ihrer hatte er mit 
zwei Soldaten diesen Platz übernommen. Rosswell war 
Corporal, einer von vielen in der Armee. Als Freiwilliger war 
er mit Leib und Seele Soldat. Aber was sich dort draußen in der 

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Dunkelheit herumtrieb, entsprach nicht seinem Geschmack von 
der Armee. 

Er hatte sich das anders vorgestellt. Gutes Essen, Trinken. 

Gelegentlich mal einen Schuß aus dem Gewehr abfeuern, um 
sich danach den bitteren Pulvergeschmack mit Whisky 
wegzuspülen. 

Aber Indianer? Dazu Apachen, Chiricahuas und die 

blutdürstigen Tontos, von denen man auch in Kalifornien 
gehört hatte, die dort draußen wie Katzen herumschlichen, 
unsichtbar, unhörbar, und die lautlos töteten. Nein. 

Im Osten wurde es grau. Über den Canyonrand flackerte ein 

geisterhaftes Licht, das den neuen Tag ankündete. 

»Jetzt heißt es aufpassen, George, Busby«, sagte Rosswell, 

ließ die brennende Zigarette fallen und trat sie aus. 

»Geht's los, Corporal?« 
»Ich schätze, ja. Augen auf, Mund zu und Hände ganz ruhig 

am Gewehr.« 

Die Soldaten lachten. »Wußte gar nicht, daß du auch Witze 

machen kannst«, sagte Busby. »Wohl die Angst, was? Hosen 
schon voll, Corporal, oder nur halb?« 

»Schnauze! Paß lieber auf und halte keine Predigten.« 
Ein Stück weiter saß ein Soldat mit dem Rücken am 

Schanzkleid, Beine ausgestreckt auf der Erde. Die Bibel lag 
geöffnet auf seinem Schoß. Es war zu dunkel, um zu lesen, 
doch er kannte den Text auswendig und war überzeugt, von 
Gott aus dieser Lage befreit zu werden. 

Graues Dämmerlicht füllte die Schluchten. Etwas bewegte 

sich unten an der Paßstraße. George sah das katzengewandte 
Gleiten zuerst. Er sagte es Morgan Rosswell. Zu dritt starrten 
sie hin. 

Der Corporal zuckte zusammen, wollte sich aber erst 

vergewissern, bevor er Alarm schlug. Das Schweigen wurde 
plötzlich durch den scharfen Knall eines Gewehrschusses 
durchbrochen. Das Echo hallte von den Steilwänden zurück. 

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»Angriff!« schrien Roberts und Hegemann aus dem 

Hintergrund. »Alle Mann auf die Posten!« 

Stiefel wühlten den knirschenden Sand auf. Die Soldaten 

nahmen hinter der Brüstung Deckung und suchten nach Zielen. 
Sprungbereit standen die Geschützbedienungen hinter ihren 
Kanonen. 

Hegemann schnallte seinen Revolvergurt um. »Karabiner 

überprüfen!« befahl er. »Corporal Rosswell!« 

»Yes, Sir.« 
»Hastings!« 
»Hier!« 
»Reynolds!« 
»Yes, Sir, am Drücker!« 
»Hayes!« 
Keine Antwort. Hegemann ließ den Blick über die deutlich 

erkennbaren Gestalten streifen. »Hayes!« rief er aufgebracht. 

Wieder keine Antwort. Der Lieutenant schob den Feldhut aus 

der Stirn. 

»Rosswell, wo ist der Corporal Hayes?« 
»Keine Ahnung, Sir.« 
»Hat ihn jemand gesehen?« fragte Hegemann. 
Wieder erhielt er keine Antwort. 
Thomas Roberts kam heran. »Ist der Hundesohn vielleicht 

desertiert? Weit kommt er bestimmt nicht. So ein Narr.« 

»Niemand könnte es ihm verdenken, bei diesen lauernden 

Halsabschneidern«, sagte ein Mann in der Nähe. 

»Maul halten!« schnarrte Hegemann und… 
Alle Diskussionen über eine mögliche Desertation rissen 

unter einem gewaltigen Donnerschlag ab. Das erste Geschütz 
hatte gefeuert. 100 Yards weiter krepierte die Granate auf der 
Paßstraße und streute Eisensplitter nach allen Seiten. Sofort 
rief Roberts: »Feuer einstellen! Es wird nur auf meinen 
ausdrücklichen Befehl geschossen!« 

Weiter unten in der noch immer dräuenden Dunkelheit, 

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kreischte es so schrill wie von tausend gequälten Katzen. Das 
in den Ohren schmerzende Geschrei brach schlagartig ab. 

»Volltreffer!« sagte Corporal Reynolds stolz. »Los, ihr 

Strauchdiebe, nachladen!« In das Maul der Haubitze wurden 
von flinken Händen Kartusche und Granate gestopft. 

»Sie kommen!« brüllte jemand weiter hinten an der 

Abwehrfront. »Aufgepaßt, sie kommen!« 

Thomas drängte an die Barrikade. Die grauen Gestalten 

hüpften, krochen und sprangen heran. 

»Schießt auf alles, was keine Uniform trägt!« befahl der 

Captain. Hegemann, der neben ihm stand, sah ihn verwundert 
an. 

»Sir, erwarten Sie in dieser Richtung Soldaten?« 
»Einen«, antwortete Roberts grob, »Hayes. Es könnte doch 

sein, daß er etwas auf eigene Faust unternommen hat. Oder er 
ist rausgegangen, um sich die Hosen zu wenden. Achten Sie 
darauf, Hegemann. Ich will nicht, daß aus Versehen einer 
unserer eigenen Leute erwischt wird.« 

Die Mimbrenjos kamen näher. Ein vernichtender Hagel aus 

Gewehr und Revolverkugeln schlug ihnen entgegen. Sämtliche 
Kanoniere an den Kanonen starrten auf Captain Roberts 
herüber. 

»Seht ihr den Kerl mit den langen Haaren?« schrie eine helle 

Stimme. »Das ist bestimmt Cochise.« 

»Er ist es nicht«, sagte Thomas Jeffords, der bei den ersten 

Schüssen aus dem Haus gekommen war und hinter Roberts 
stand. »Wenn Sie nichts dagegen haben, Gentlemen, werden 
Sie in den Genuß kommen, höchstpersönlich von Victorio 
skalpiert zu werden.« 

Der Captain wirbelte auf den Absätzen herum. 
»Woher wissen Sie das, Mr. Jeffords? Der Kerl da vorn kann 

doch recht gut Cochise sein, oder nicht?« 

»Nein«, erwiderte Jeffords bestimmt. »Ich kenne Cochise. 

Und ich kenne auch diesen Indianer. Es ist der Mimbrenjo-

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Häuptling Victorio. Er wird nach seiner gewohnten 
Kampfesweise angreifen, heimlich und schleichend, das 
Messer zwischen den Zähnen, die Streitaxt oder die Schleuder 
in den Händen.« 

»Lieber Himmel, Mr. Jeffords, sind Sie Hellseher?« 
»Sie meinen, Sie wissen nicht, woran ich das erkenne?« 
»So ist es.« 
»Sehen Sie die Krieger ganz vorn?« 
»Well. Und?« 
»Erkennen Sie den Unterschied?« 
»Ich weiß nicht, was Sie meinen?« 
»Apachen, die in den Nahkampf gehen, flechten ihr langes 

Haar zu Zöpfen. Verstehen Sie jetzt?« 

Thomas Roberts nickte. »Danke für den Hinweis, Mr. 

Jeffords.« 

»Keine Ursache.« 
Sie blickten auf die minütlich heller werdende Paßstraße. 

Man konnte bereits weiter als 200 Yards sehen. Über die 
gesamte Paßbreite verteilt, stürmten zwei Reihen 
furchterregend bemalter Krieger heran. Sie verschwanden, als 
hätte sie der Erdboden verschluckt, sprangen wieder auf und 
liefen gebückt weiter. 

»Achtung!« schrie Roberts. »Auf Kommando Salvenfeuer…! 

Feuer!« 

Es krachte und peitschte. 
»Laden!« befahl Lieutenant Hegemann und rannte über den 

Platz zwischen den Bauwerken. »Los, Jungs, laden!« 

Die Salve hatte keine große Wirkung gezeigt. Die erwartete 

Panik unter den Rothäuten war ausgeblieben. Die meisten 
Schüsse hatten kein Ziel gefunden, weil sich die Indianer 
einfach hingeworfen hatten, als sie den Befehl gehört hatten. 

Wie eine graue bewegliche Wand stürmten die Mimbrenjos 

heran. Ihr Kriegsgeschrei schien das Blut der Weißen zu Eis 
erstarren zu lassen. Allen voran Victorio mit seinen 

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Unterhäuptlingen Chato und Loco. Nana war zurückgeblieben. 
Er war für einen solchen Sturmangriff nicht mehr jung und 
beweglich genug, und er legte keinen Wert mehr auf Skalps. 

»Erstes Geschütz feuerbereit!« rief Captain Roberts. 
»Geschütz gerichtet und bereit zum Feuern, Sir.« 
»Feuer!« 
Der Abschuß machte die Soldaten vorübergehend taub. Als 

sich der Pulverrauch verzog, sahen sie die verheerende 
Wirkung der Schrapnellgranate. Mehr als zwanzig Apachen 
wälzten sich auf dem Boden. 

Das sporadische Einzelfeuer der Kavalleristen und 

Infanteristen streckte manche der Rothäute nieder, die im 
Schutz von Gesteinsbrocken und Büschen herankrochen. 

Unbekümmert stürmte die Spitzengruppe vor. Victorio war 

nur noch 20 Yards von dem Vorbau entfernt. Hinter ihm 
rannten die beiden anderen, schwangen ihre Waffen und 
brüllten, als wollten sie die Weißen mit ihrem Kriegsgeschrei 
lähmen. 

»Zweites Geschütz feuerbereit!« 
»Gerichtet, Sir.« 
»Feuer!« 
Der Richtkanonier hatte den Lauf fast nach unten gestellt und 

ein Ziel anvisiert, das gefährlich nahe der Barrikade lag, hinter 
der die Soldaten die Köpfe einzogen. 

Die Explosion der Kartätsche riß etliche Apachen von den 

Beinen. Aber das spontane Triumphgeschrei erstickte in den 
Soldatenkehlen, als sie drei Indianer vor sich auftauchen sahen, 
deren Ziel das zweite Geschütz war. 

Lieutenant Hegemann griff sich drei oder vier Leute und lief 

zur Unterstützung der Geschützbesatzung hinüber. Mit einem 
Riesensprung flog Victorio über die Schutzwand. Chato und 
Loco folgten und schwangen ihre Kampfbeile. Der erste Soldat 
beim Geschütz, der sie abwehren wollte, mußte dafür mit 
seinem Leben bezahlen. 

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Ehe sich die drei Indianer über die restliche Bedienung 

hermnachen konnten, war Hegemann mit seiner Gruppe heran. 

»Schlagt sie nieder!« fauchte er. »Ich will sie lebend!« 
Chato warf sich ihm entgegen. Ein Kampf von Mann zu 

Mann trieb den Offizier immer weiter zurück. Hegemann 
ahnte, daß ihm der Mimbrenjo im Nahkampf weit überlegen 
war, und griff zur Waffe. 

Der Gefreite Jack Eving, drehte sein Gewehr herum, hob den 

Kolben hoch und schlug damit auf Victorio ein, der mit Loco 
die Geschützbedienung attackierte. Victorio brach zusammen 
und rührte sich gar nicht mehr. 

Im Hintergrund der Szene donnerte das zweite Geschütz, 

schossen die Soldaten in unregelmäßigen Abständen. Chato sah 
die Mimbrenjos reihenweise fallen. Das war Hegemanns 
Rettung. Der Unterhäuptling rief Loco ein paar Worte zu, ließ 
von Hegemann ab und sprang über die Wehrmauer zurück. 

»Feuer einstellen!« befahl Roberts und lief zu Victorio. 

Hegemann kniete gerade bei dem Häuptling am Boden und 
untersuchte ihn. Er sah auf, als Roberts herankam. 

»Muß einen Schädel aus Eisen haben«, sagte er. »Er kommt 

bald wieder zu sich. Wir fesseln ihn besser, Captain, sonst geht 
er uns noch durch die Lappen wie die anderen beiden.« 

»Wer schlug ihn zu Boden?« fragte Roberts und drehte sich 

im Kreis. 

Jack Eving trat vor. »Ich, Sir.« 
Roberts ging auf ihn zu, klopfte ihm begeistert auf die 

Schulter. 

»Das bringt Ihnen das Verdienstkreuz ein, Eving, und eine 

Beförderung.« 

»Danke, Sir.« 
Zwei Soldaten verschnürten Victorio kunstgerecht. Jeffords 

kam herüber und starrte düster auf den Mimbrenjo, der die 
ersten Lebenszeichen von sich gab. 

»Wo sollen wir mit ihm hin?« wandte sich einer der 

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Blauröcke an Hegemann. 

»Laßt ihn erst mal liegen. Er wird sich nicht gleich 'nen 

Schnupfen holen.« 

Er und Captain Roberts gingen zusammen bis zur Schanze. 

Kein Apache war mehr zu sehen, weder ein lebender noch ein 
Toter. Auf dem Paß war es taghell und warm geworden. 
Zufällig warf Roberts einen Blick auf die Höhe. 

»Großer Gott!« rief er aus. »Sehen Sie nur dort oben, 

Hegemann!« 

Der Lieutenant folgte der Aufforderung. Als er die Gestalt 

erkannte, lief ein kaltes Rieseln über seinen Rücken. 

»Cochise!« 
»Ja, Cochise. Wenn er mit seinen Chiricahuas über uns 

kommt, haben wir nichts mehr zu bestellen.« 

»Wir schlugen ihn schon einmal, Sir.« 
»Im Paß, sicher, außerhalb seiner gewohnten Kampfesweise. 

Ein solcher Fehler wird Cochise nicht wieder passieren. So 
tölpelhaft Victorio in die Schlünde unserer Kanonen rannte, so 
gerissen wird Cochise seinen Angriff vorbereiten. Machen wir 
uns nichts vor, wir sind in einer schlechten Position.« 

Cochise beobachtete den Angriff von der erhöhten Plattform 
aus. In seiner Konzentration bemerkte der Jefe nicht, wie sich 
ihm von hinten Naiche, Ulzana und Chihuahua näherten. 

Die Gruppe stellte sich hinter Cochise auf, wagte ihn aber 

nicht zu stören. Sie alle sahen die verheerende Wirkung der 
Haubitzen und erkannten, daß Victorio viel zuviel versprochen 
hatte. 

Die ersten Krieger strömten rückwärts, um aus dem 

Gefahrenbereich der Kanonen zu kommen. Victorio und die 
beiden Unterführer der Mimbrenjos stürmten wie schnaubende 
Bisonbullen weiter. Victorios heldenhafter Einsatz endete mit 

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seiner Gefangennahme. Die beiden anderen Apachen konnten 
fliehen. 

Es wurde still dort unten im Paß. Kein langes 

Triumphgeschrei der Weißen, keine weiteren Schüsse. Sie 
sparten Munition und verhielten sich disziplinierter als 
Apachenkrieger. Cochise nahm jede Phase des Geschehens in 
sich auf. Grimm durchflutete ihn. Nicht etwa Grimm auf die 
Langmesser, sondern auf Victorio. 

Das sinnlose Anrennen hatte die Mimbrenjos über 100 

Krieger gekostet, ein unersetzbarer Verlust für die 
Apachenstreitmacht. Cochise drehte sich um. Er sah verstörte 
Gesichter in seiner Umgebung, geballte Hände, mühsam 
zurückgehaltenen Zorn und sagte nichts. 

Es gab nichts zu sagen. Der Blutzoll war für die Apachen zu 

hoch gewesen. Sie würden lange Zeit brauchen, um ihrem 
Kriegerstamm neue Leute zuzuführen. 

Cochise setzte sich mit hängendem Kopf an das noch immer 

brennende Feuer. Niemand störte ihn. Zweimal hatten die 
Apachen trotz gewaltiger Übermacht den Kampf gegen das 
kleine Häuflein Soldaten verloren, und das stimmte sie 
nachdenklich, machte sie mürrisch und unberechenbar. 

Verwundete und gesunde Mimbrenjos gingen zum Plateau 

zurück. Sie schleppten Tote und Schwerverletzte. Irgendwo 
wummerte eine Baumtrommel. Die dumpfen Töne hallten laut 
durch die Gebirgswelt, ließen die Weißen beim Paß 
aufhorchen. 

Nana kam herangeschlürft. Er konnte sich aufgrund seines 

vorgerückten Alters erlauben, den Jefe in seiner Meditation zu 
stören. Er blieb stehen, breitete die Arme aus und blickte auf 
die gegenüberliegenden Bergspitzen. 

»Der Große Geist hat sein Angesicht vor den Apachen 

verborgen und seine segenden Hände den Bleichgesichtern 
zugewandt.« 

Cochise sah auf. Er erkannte den ganzen Jammer in der 

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gebeugt stehenden Gestalt des alten Kriegers und 
Sippenführers. 

»In vielen Jacales wird es Heulen und Wehklagen geben. 

Unsere Squaws werden ihre Köpfe mit der reinigenden Asche 
des Feuer bestreuen und im Winter von Wurzeln und Pflanzen 
leben müssen. Kein Fleisch wird in ihren Töpfen sein und die 
Kinder nähren.« 

Nana war noch nicht zur Sache gekommen. Mit dem Pathos 

seiner Rasse fuhr er langatmig und von vielen Gesten begleitet 
fort: »Victorio, unser Anführer, sorgte stets für übervolle 
Fleischtöpfe. Victorio ist von den Bleichgesichtern 
gefangengenommen worden und erleidet Qualen unter ihren 
Martern. Wie lange soll der Anführer der Mimbrenjos noch…« 

Cochise sprang so schnell auf, daß er den alten Krieger aus 

dem Konzept brachte. 

»Nana, mäßige dich! Victorio wird nicht gemartert. Die 

Bleichgesichter strafen ihre Gefangenen nicht mit Marter, 
sondern mit Tod.« 

»Wie kann ich mich mäßigen, wenn das Maß übervoll ist?« 
»Du bist alt genug, um es gelernt zu haben.« 
»Ich bin noch nicht alt genug, um mit anzusehen, wie mein 

Volk hungern muß, weil…« 

Wieder wurde er unterbrochen. Cochises Entschluß stand 

längst fest, doch er wollte sich die eigene Entscheidung nicht 
aus der Hand nehmen lassen und erst darüber sprechen, wenn 
seine Pläne ausgereift waren. 

»Schweig und gehe! Victorio wird befreit werden. Geh 

jetzt!« 

Eskaminzin und Alchesay standen mit einigen Kriegern in 

der Nähe. Sie warfen erstaunte Blicke auf den Jefe. Manchmal 
verstanden sie ihn nicht mehr. In der Regel dann, wenn er 
dabei war, ganz bestimmte Entscheidungen zu treffen. 

Nana schlich mit gesenktem Kopf davon. Cochise hatte ihn 

zurechtgewiesen, das kränkte ihn. Schließlich war er kein 

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einfacher Krieger, der auf einen Fingerzeig des Häuptlings 
gehorchte. 

Alchesay wandte sich an Cochise: »Du willst Victorio 

befreien lassen?« 

»Ich selbst werde ihn befreien. Nur Naiche wird mich 

begleiten. Naiche ist mein Sohn und ein großer Krieger. Warte, 
bis es Nacht wird.« 

»Apachen kämpfen nicht während der Dunkelheit.« 
»Ich will und werde nicht kämpfen, Alchesay. Nur Victorio 

befreie ich, danach ziehe ich mich mit Na-Cheez zurück.« 

»Hast du keine Angst, daß die Bleichgesichter hier 

heraufkommen?« 

Cochise schüttelte den Kopf. 
»Nein, Alchesay. Sie sind wie Hunde, die ihre Wunden 

lecken. Kein weißer Mann wird sich hier oben sehen lassen.« 

Naiche hatte die Worte seines Vaters gehört und kam zum 

Feuer, setzte sich mit untergeschlagenen Beinen und starrte in 
die Glut. Cochise saß ihm wie in Trance gegenüber. Seine 
Gedanken waren weit fort. 

»Naiche, du willst mich sprechen?« 
»Ich wollte dir sagen, Koh Cheez, daß ich mit meiner ganzen 

Kraft helfen werde, Victorio zu befreien. Heute abend?« 

»Zwei Stunden nach Dunkelwerden. Um diese Zeit sind sie 

vollgegessen und faul. Die Posten schwatzen miteinander und 
sind unaufmerksam. Halte dich um diese Zeit bereit, Na-
Cheez.« 

Wie schon so oft bewunderte der Sohn den Vater, der 

Krieger den Anführer, der Paladin den König. Langsam stand 
Naiche auf. 

»Old Vic«, wie ihn die Weißen nannten, lag 
zusammengeschnürt unter dem offenen Dach der Schmiede 

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und starrte wütend auf den Vorplatz. Soldaten biwakierten 
zwischen den Gebäuden, lachten und scherzten, beachteten ihn 
kaum. Es ging auf Mittag zu. An einem Feuer wurde in einem 
großen Kessel eine Mahlzeit gekocht. Der Duft von Fleisch 
ließ ihn spüren, daß er seit vielen Stunden nichts gegessen 
hatte. 

Keiner der weißen Häuptlinge war erschienen, um ihn zu 

demütigen. Auch das Bleichgesicht, das die Station befehligte, 
hatte er noch nicht zu Gesicht bekommen. 

Ein grimmiges Lächeln umspielte Victorios Mund. Damals 

hatte er mit mehr Erfolg die Station angegriffen und sie 
teilweise vernichtet. Diesmal aber war es ihm trotz seiner 
Großsprecherei nicht gelungen, und das wurmte ihn. 

Cochise und seinen Chiricahuas hatte er imponieren, ihnen 

beweisen wollen, daß ein Chiricahua längst nicht das 
vollbrachte, was ein Mimbrenjo konnte. 

Die Weißen hatten den Angriff abgeschlagen, ihn gefangen 

und seine Krieger in die Flucht getrieben. 

Langsam dämmerte die Wahrheit über seine Niederlage in 

ihm. Die Geschütze waren es gewesen, die ihnen diese böse 
Überraschung beschert hatten. Seine Krieger waren trotz ihres 
Heldenmuts im Eisenhagel der Feuerschlünde verblutet. 

Mit dieser Erkenntnis kam ihm eine zweite. Waren die 

Kanonen dann nicht in der Paßstraße schuld an Cochises 
Niederlage gewesen? Hatte er dem Jefe Unrecht getan? 

Knirschende Schritte vertrieben seine Gedankengänge. Er 

blickte den drei Bleichgesichtern entgegen. Thomas Jeffords, 
Captain Roberts und Lieutenant Hegemann blieben vor ihm 
stehen. Victorio musterte sie aufmerksam. Er sah keinen 
Triumph in ihren Augen, und sie weideten sich auch nicht an 
seiner Hilflosigkeit. 

»He, Old Vic!« sagte Jeffords leutselig. »Pech gehabt, was?« 
Victorio gab keine Antwort. Er betrachtete das Gesicht des 

Häuptlings der Pferdesoldaten. Roberts lächelte. 

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»Ist der tapfere Häuptling der Mimbrenjos vor Angst stumm 

geworden?« bohrte Jeffords vorsichtig weiter. 

Victorio spuckte aus. 
»Kein Weißer flößt einem Mimbrenjo Angst ein, 

Bleichgesicht. Was willst du?« 

»Mit dir reden, was denn sonst. Du und deine Krieger seid 

geschlagen worden. Die Mimbrenjos sind geflohen, ihr 
Häuptling ist Gefangener der Armee. Was glaubst du, was mit 
dir geschieht?« 

Der Häuptling spuckte wieder verächtlich aus. 
»Martert mich, ihr werdet keinen Laut der Klage hören. Tötet 

mich, ich werde euch verlachen. Was also, Bleichgesicht, willst 
du von mir?« 

»Wir werden dich nicht martern und auch nicht töten, Old 

Vic. Ich will mit dir Frieden schließen und einen Vertrag 
machen.« 

»Ein sprechendes Papier?« 
Jeffords nickte. »Ein sprechendes Papier, wie ihr Indianer 

sagt. Wenn du auf das eingehst, was ich will, bist du frei und 
kannst gehen, wohin du willst.« 

»Sage mir, was du willst. Victorio hört zu.« 
»Friede, Häuptling. Die Garantie, daß keine Überfälle auf 

meine Station und Kutschen mehr erfolgen. Für diese Zusage, 
die mit der Friedenspfeife besiegelt werden soll, wirst du frei 
und kannst zu deinen Kriegern zurückkehren.« 

»Und wenn ich dir diese Zusage nicht gebe?« 
Jeffords machte eine gleichgültig wirkende Handbewegung. 

Er war aber alles andere als gleichgültig. 

»Dann überlasse ich dich den Pferdesoldaten, Old Vic. Sie 

bringen dich nach San Carlos, dort wirst du vor ein Gericht 
gestellt und verurteilt.« 

»Wie verurteilt? Zu was verurteilt?« 
Thomas Jeffords machte eine ernste Miene. 
»Man wird dich am Hals aufhängen und strampeln lassen, bis 

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du tot bist. Weißt du, wie das ist, wenn ein rauher Hanfstrick 
dir die Luft abschnürt und du ganz langsam an Luftmangel 
zugrunde gehst? Victorio, dieses Schicksal möchte ich einem 
tapferen Häuptling der Mimbrenjos ersparen.« 

Victorios glühende Kohlenaugen musterten den weißen 

Mann, der ihm mit dem Blick gedroht hatte. Wütend zischelte 
er: »Ihr habt mich gefangen, meine Krieger getötet oder in die 
Flucht geschlagen. Es gelang mir nicht, euch zu vertreiben oder 
wie Ungeziefer zu vernichten. Ich habe so hart gekämpft, wie 
ich es vermochte. Meine Krieger fielen rings um mich und 
starben. Es war mein Schicksal, von euch gefangen zu werden. 
Es war eine trübe Sonne, die am Morgen aufging und heute 
abend in einer dunklen Wolke versinken wird. Es war die letzte 
Sonne, die auf Victorio niederschien. Sein Herz ist tot, und 
seine Seele ist ihm vorausgeeilt in die Ewigen Jagdgründe. 
Tötet mich, Bleichgesicht. Tötet nicht nur meine Seele, 
sondern auch meinen Körper. Ich habe nichts getan, für das 
sich ein Apache schämen müßte. Du, Bleichgesicht, kennst 
unseren Grund zu kämpfen. Die Weißen sollen sich schämen, 
nicht wir. Die Weißen verachten die Indianer und vertreiben sie 
von ihren Jagdgründen. Sie nennen uns Heiden, Bastarde, 
Ratten und Ungeziefer. Weißt du, wer die Ratten und das 
Ungeziefer sind?« 

Thomas Jeffords ließ beschämt den Kopf sinken, dann sagte 

er: »Ich bin Cochises Freund. Warum verfolgst du mich mit 
deinem Haß?« 

»Schrei Haß in den Wind, weißer Mann. Und wenn er dir 

antwortet, weißt du, warum ich dich aus diesem Land 
vertreiben will. Wir haben uns nichts mehr zu sagen. Gib den 
Langmessern den Befehl, mich zu hängen.« 

»Cochise ist mein Freund«, wiederholte Jeffords, beeindruckt 

von der Standfestigkeit des Mimbrenjos. 

Der spuckte den Weißen an. 
»Du warst dabei, als ein anderer weißer Häuptling Cochises 

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Bruder und Neffen aufhängen ließ. Sei verdammt, 
Bleichgesicht! Cochise haßt dich genauso, wie ich dich hasse.« 

Thomas Jeffords drehte sich um. 
»Gehen wir«, sagte er. »Sein Haß gegen alles Weiße macht 

ihn blind und unvernünftig. Kommen Sie, Captain, ich sage 
Ihnen, was wir tun werden.« 

Sie gingen ins Haus zurück und setzten sich in den 

Speiseraum, wo die Passagiere sonst abgefertigt wurden. 
Thomas ließ heißen Kaffee und Tassen kommen und bediente 
die Offiziere aus Kalifornien. 

»Was schlagen Sie vor, was mit ihm geschehen soll, Mr. 

Jeffords? Ich bin gern bereit, ihn bis Fort Bowie 
mitzunehmen.« 

Jeffords trank aus dem Blechbecher. 
»Nein, das geht nicht«, sagte er. »Die Armee wird ihn 

verurteilen, hängen oder in die Sümpfe nach Florida schicken. 
Was meinen Sie, Gentlemen, was das für böses Blut in diesem 
Land geben würde? Nicht ein einziger Apache ließe sich mehr 
in der Reservation halten.« 

»Sie können ihn aber nicht ewig gebunden dort draußen 

liegen lassen.« 

»Das ist nicht meine Absicht, Captain. Sehen Sie, ich muß 

mit den Indianern zusammen leben. Nicht nur das, ich bin für 
die Fahrgäste der Gesellschaft und für den reibungslosen 
Ablauf der Linie verantwortlich. Wenn ich ihm ein Haar 
krümme, wäre ich hier oben am Paß keine Minute lang meines 
Lebens sicher.« 

»Nun gut, das sehe ich ein. Aber…« 
Jeffords unterbrach ihn. 
»Ich lasse ihn heute nacht laufen.« 
Hegemann sah den Postmeister ungläubig an. 
»Eine merkwürdige Diplomatie, Sir. Meinen Sie nicht 

auch?« 

»Aber zweckmäßig und geeignet, Indianer und Weiße zu 

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versöhnen.« 

Roberts fragte zweifelnd: »Sie glauben daran, Mr. Jeffords?« 
»Ganz fest.« 
Plötzlich wurde es vor dem Haus laut. Jubelnde Stimmen 

waren zu vernehmen. 

»Was hat das zu bedeuten?« fragte Hegemann ahnungsvoll. 
Jeffords zuckte mit den Achseln. 
»Gehen wir nachsehen, Gentlemen. Etwas Schlimmes ist es 

jedenfalls nicht.« 

Sie verließen das Haus und blieben auf dem Treppenpodest 

stehen. Durch den Paß ritten drei Männer. Einer von ihnen 
hatte einen Stern auf der Brust, war verwundet und mußte von 
den anderen im Sattel gestützt werden. Seine Begleiter kannte 
Jeffords. Insgeheim atmete er auf, denn er hatte sich um 
Osborne und Tinatra wahrlich genug Sorgen gemacht. 

Burt Kelly, der Posthelfer, und Norbert Walker kamen über 

den Vorplatz. Jeffords gab Anweisung, ein Krankenlager für 
den verwundeten Gesetzesmann herzurichten. 

Umjubelt von den Soldaten ritten die drei auf das 

Stationsgelände und hielten vor dem Haupthaus ihre Pferde an. 

Die Sonne war längst untergegangen. Ein kühler Wind pfiff 
durch den Sattel. Victorio hatte Essen und Trinken verweigert 
und die beiden Stationshelfer verspottet. Er hatte sich 
vorgenommen, lieber zu verhungern, als von den 
Bleichgesichtern Almosen anzunehmen. 

Über den schmalen Ziegenpfad vom Plateau herunter in den 

Seitencanyon bewegten sich zwei gleitende Gestalten, die mit 
traumwandlerischer Sicherheit in der absoluten Dunkelheit 
ihren Weg fanden. 

Naiche folgte Cochise. Vom Pfad aus hielten sie auf die 

Paßstraße zu. Nichts rührte sich. Das Schweigen hing wie eine 

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Glocke über dem Canyon. 

Der Häuptling hielt an einer Stelle an, wo ein Felsvorsprung 

dunkle Schatten auf die Paßstraße warf. Sand und Geröll 
glitzerten. Ein paar Büsche warfen Schlagschatten. 

Cochise und Naiche beobachteten das Umfeld, die 

Canyonsohle. Sie sah so leer aus wie ein Mondkrater. Etwas 
drängte den Jefe, umzukehren. Victorio war nicht gerade einer 
seiner Anhänger, aber er war Apache. Und nur das zählte für 
einen anderen Apachen. 

Cochise huschte über den Pfad und nutzte jede noch so 

kleine Deckung aus. Oberhalb einer Gruppe von Silberdisteln 
blieb er stehen. Er lockerte das Messer in der Scheide, gab 
Naiche ein Zeichen und schlich den Hang hinunter. Wie ein 
Panther auf der Jagd. 

Cochises Nerven waren aufs äußerste angespannt. Er nahm 

den scharfen Geruch der Disteln wahr, den etwas süßlicheren 
der Kakteenblüten, die noch immer die Tageswärme 
ausstrahlten. Er rührte sich nicht. Nur seine Augen bewegten 
sich, als er die trostlose Landschaft vor sich beobachtete. 

Seine Nasenflügel vibrierten, als er die Luft prüfend einsog. 

Etwas verwirrte ihn und machte ihn vorsichtig. Die Soldaten 
waren keine 100 Yards von ihm entfernt und unterhielten zwei 
kleine Wachfeuer. In seinem Rücken, vernahm er die kaum 
wahrnehmbaren Geräusche des ihm folgenden Naiche. 

Er war stolz auf seinen Sohn, nachdem er seinen ältesten 

Sohn Taza bei einem Coup in Sonora verloren hatte. Naiche 
entwickelte sich ganz nach dem Geschmack eines 
Apachenkriegers. 

Alle seine Söhne – Taza, Naiche und Nachise – waren von 

seiner ersten Frau Sho-shu-li, die eine der Töchter des großen 
Mimbrenjo-Häuptlings Mangas Coloradas war. Sho-shu-li war 
tot. Seine zweite Frau, Nahlekadaya, war noch jung und 
stammte von den Nedni-Apachen in Sonora ab. Yuh war ihr 
Vater, und Yuh war der Häuptling der Nednis. 

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An all das dachte Cochise, während Naiche an ihm 

vorbeiglitt und die Spitze übernahm. Cochise kannte die 
stumme Sprache der Apachen auf dem Kriegspfad so gut wie 
jeder andere Chiricahua. Naiche orientierte sich nach vorn. 
Cochise dagegen sollte den Flankenschutz übernehmen. 

Ihm war es recht. Junge Büffel müssen sich die Hörner 

abstoßen, ehe sie erwachsen werden. Naiche tat es, und er 
machte seine Sache nicht einmal schlecht, wie der Jefe mit 
Befriedigung feststellte. 

Wie Schlangen glitten sie durch den Schutz der Schatten an 

der Felswand. Naiche blieb klugerweise links von der Straße. 
Das gab ihm Gelegenheit, von hinten auf das Grundstück der 
Station zu gelangen. Auch das registrierte Cochise mit 
Befriedigung. 

An den Wachfeuern patrouillierten Soldaten. Sie waren blind 

und taub wie alle Weißen während der Nacht. Und wenn sie 
plötzlich überfallen wurden und starben, wußten sie nicht 
einmal, wer sie getötet hatte. 

Die beiden Apachen duckten sich noch tiefer auf den Boden 

und nutzten jede noch so kleine Deckung aus. Sie gelangten 
hinter den Stall. Dort verschnauften sie zunächst. Cochise 
orientierte sich. Vom Plateau aus hatte er gesehen, wie die 
Offiziere und Jeffords Victorio in der Schmiede besucht hatten. 

Vom nächsten Wachfeuer ertönte lautes Lachen. Einer der 

Soldaten hatte wohl einen Witz erzählt. Mochten sie lachen, 
um so leichter gelangten die beiden Krieger in die Schmiede. 

Kaum zehn Yards trennten sie noch von dem offenen 

Gebäude. Sie konnten Victorio nicht sehen, weil es zu 
gefährlich war, die Köpfe zu heben. 

Cochise tat es zwischen zwei Atemzügen doch. Jemand hatte 

dort vorn gewütet. Brandspuren und gewaltsame Zerstörungen 
waren an jedem Haus zu erkennen. Thomas Jeffords hatte die 
bei Victorios Angriff angerichteten Schäden zum Teil 
reparieren lassen, aber es war nur notdürftig geschehen. 

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Der Häuptling setzte sich wieder in Bewegung. Ein Messer 

und ungefähr zehn Yards standen zwischen ihm und der Hölle, 
wenn einer der Posten herüberkam, um nach dem Gefangenen 
zu sehen. Er hatte sein Ziel erreicht und keine andere Wahl, 
Victorio zu befreien, wenn er das verlorene Vertrauen bei 
seinen Chiricahuas wieder zurückgewinnen wollte. 

Nur noch fünf Yards. Bevor Cochise und Naiche, der sich 

hinter ihm hielt, Victorio sehen konnten, rochen sie ihn. Er lag 
zwischen Amboß und Esse. Man hatte ihn gefesselt und einen 
Knebel in den Mund geschoben. 

Für Sekunden verspürte Cochise so etwas wie 

Schadenfreude. Er kroch zwischen allerlei Unrat hindurch und 
tippte Victorio auf die Schulter. Der Mimbrenjo zuckte 
zusammen und wandte den Kopf. 

Seine Augen wurden starr, als er Cochise ins Gesicht blickte 

und Naiche sah. Er nickte. Glanz trat in seine Augen. Cochise 
entfernte zunächst den Knebel. Als er anfing, die Knoten des 
Lassos aufzuknüpfen, mit dem sie den Mimbrenjo gebunden 
hatten, regte sich etwas beim Haupthaus. 

Die Tür ging auf. Ein breiter Lichtstreifen beleuchtete die 

Treppe, auf der ein Mann erschien. Sein rötlicher Bart 
kontrastierte mit dem braunen Gesicht. Thomas Jeffords kam 
die Treppe herunter und näherte sich der Schmiede. Cochises 
Finger wurden schneller. Die ersten Knoten und Schlingen der 
Fessel fielen. 

Victorio war frei, als Jeffords noch 20 Yards entfernt war. Er 

kroch hinter die Esse und richtete sich dort halb auf. Jeffords 
erschien im angeleuchteten Rechteck zwischen Dach, Erde und 
den Pfosten. 

Verwundert blieb er stehen, als er Victorio nicht mehr an 

seinem Platz fand. Er bückte sich, nahm das Seil auf und drehte 
es in den Händen. Langsam und furchtlos drehte er sich um 
und blickte auf die gewaltige Esse mit dem Rauchabzug. Sie 
war das einzige Versteck, hinter dem sich ein ausgewachsener 

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Mensch verbergen konnte. 

Jeffords zog keinen Revolver. Er erhob seine Stimme nicht 

und brüllte einen Warnschrei in die Nacht. Cochise, der ihn 
beobachtete, bewunderte ihn in diesem Augenblick. Statt die 
Posten zu alarmieren, flüsterte Thomas: »Old Vic, ich kam, um 
dir die Freiheit zu geben. Du kannst gehen. Es wird dir nicht 
das geringste geschehen.« 

Jeffords hörte den Nachtwind, der durch die Büsche strich. 

Und das Lachen der Soldaten bei den Feuern. Knistern. Ein 
leises Knacken. 

»Victorio, ich sagte, du bist frei. Es ist nicht nötig, daß du 

mir eine der Rundstangen über den Schädel schlägst« 

Das Knistern wurde zu einem leisen Schürfen. Mokassins 

glitten über den gestampften Lehmboden. Eine Gestalt tauchte 
auf und schob sich zwischen Jeffords und den Amboß. 

»Niemand wird dich schlagen, Hellauge.« 
Thomas glaubte seinen Ohren nicht trauen zu können. 
»Cochise?« 
Der Häuptling kam auf ihn zu. Er überragte Jeffords um 

Haupteslänge. 

»Ich bin es«, sagte der Jefe gedämpft. 
Naiche erhob sich aus seiner kauernden Stellung, kam heran 

und blieb hinter seinem Vater stehen. Nur Victorio ließ sich 
nicht blicken. Scheinbar traute er dem Friedensangebot des 
Weißen nicht. Mußte er nicht die Rache der Stationsbewohner 
fürchten, die er angegriffen und deren mühsam errichtete 
Bauten er zerstört hatte? Es war ein paar Monate her, aber 
Victorio wußte, daß die Bleichgesichter ein gutes Gedächtnis 
hatten. 

Cochise deutete auf den jungen Krieger. 
»Mein Sohn Naiche, Hellauge. Du kennst ihn, und er kennt 

dich.« 

»Ich bin dein guter Freund, Naiche. Sei herzlich willkommen 

auf der Station.« 

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Naiche verneigte sich genauso hoheitsvoll wie sein Vater. 
»Du willst Victorio die Freiheit geben?« 
»Er ist bereits frei, ich brauche sie ihm nicht mehr zu geben.« 
Keine Frage nach der Anwesenheit des Chiricahua-

Häuptlings und seines Sohnes. Jeffords war der geborene 
Taktiker, der sich nichts anmerken ließ, weder Erstaunen noch 
Neugier. 

»Der weiße Häuptling ist damit einverstanden?« 
»Du meinst Captain Roberts? Ja, der Vorschlag ging von ihm 

aus. Er ist nicht blutrünstig und ein Freund der Apachen.« 

»Er schützte mein Leben, ich weiß es.« 
»Wo ist Old Vic? Ich sehe ihn nirgends.« 
Cochise drehte sich um. Er sagte etwas in seiner kehligen 

Sprache in die Dunkelheit, aber nichts rührte sich. Ein wenig 
erstaunt ging er hinter die Esse. 

»Victorio zog es vor, sein Schicksal selbst in die Hand zu 

nehmen.« 

»Traut er dem Wort eines Weißen so wenig, Jefe?« 
Cochise gab keine Antwort. Beim Haus ging die Tür wieder 

auf. Roberts kam ins Freie, um die Wachtposten zu inspizieren. 
Ein Schatten glitt in seiner Nähe aus einem Gestrüpp. Etwas 
Geschmeidiges sprang hoch und stürzte sich auf den Offizier. 

Captain Roberts wurde von dem Anprall zu Boden gerissen 

und stieß einen unterdrückten Warnschrei aus. Indianer wie 
Weiße unter dem Dach der Schmiede sahen hinüber. Mit einem 
grunzenden Laut setzte sich Cochise in Bewegung. 

In langen Sätzen lief er über den gerodeten Platz zwischen 

Haupthaus und Schmiede. Er stürzte sich auf die miteinander 
Ringenden. Für den nächsten Augenblick sahen Jeffords und 
Naiche nur wirbelnde Körper, zuckende Gliedmaßen, 
Mokassins und Stiefel. 

Eine in Blau gekleidete Gestalt wurde aus dem Knäuel 

herauskatapultiert und zur Seite geschleudert. Mühsam und 
keuchend erhob sich Captain Roberts. Dessen Rolle hatte 

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Cochise eingenommen. Victorio wehrte sich verzweifelt, hatte 
aber gegen die gewaltigen Kräfte des Chiricahua keine Chance. 

Cochise richtete sich auf, zerrte den angeschlagenen Victorio 

mit auf die Füße. Die Blicke der Indianer kreuzten sich wie 
Klingen. 

»Der Hund, der seinen Herrn beißt, der ihm Futter reicht, soll 

erschlagen werden.« 

Victorio fuhr auf. Seine Augen funkelten vor Haß. 
»Kein Mimbrenjo hat einen Herrn. Seit wann sind 

Bleichgesichter Herren der Indianer?« 

»Sie sind es nicht. Sie werden es auch niemals sein. Aber 

Dankbarkeit kann man auch einem Weißen zollen, zumal man 
sich in seiner Gefangenschaft befindet.« 

»Wofür Dankbarkeit?« 
»Er ließ dich frei, Victorio.« 
Der spuckte Cochise verächtlich vor die Füße. 
»Ich hätte mich selbst befreit und verzichte auf einen 

Gnadenerweis durch ein Bleichgesicht. Rühr mich nie wieder 
an, Koh Cheez.« 

Er sprach es und war verschwunden. Cochise wandte sich 

Roberts zu, der an der Hauswand lehnte und seinen gewürgten 
Hals hielt. 

»Wir sind quitt, Hellhäutiger. Cochise zieht im 

Morgengrauen mit seinen Kriegern ab.« 

Er hob grüßend die Hand und ging in Richtung Schmiede. 

Thomas Jeffords trat ihm entgegen. 

»Cochise, ich danke dir für deine Hilfe. Ohne dich wäre 

Captain Roberts vermutlich verloren gewesen.« 

»Das war ich ihm schuldig. Cochise vergißt nie eine gute 

Tat.« 

Die alten Freunde sahen sich lange an. Sie versuchten in den 

Augen des jeweils anderen verborgene Gedanken zu lesen. 
Beide waren ohne Falsch. Sie gehörten verschiedenen Rassen 
an, aber es gab überall und zu jeder Zeit aufrechte Männer, 

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denen ein gegebenes Wort noch etwas galt. 

Cochise und Jeffords waren Freunde, trotz allem, was 

passiert war, und sie wußten es. Naiche räusperte sich und trat 
an die Seite seines Vaters. 

»Unsere Aufgabe ist erfüllt. Laß uns gehen.« 
Der Häuptling nickte und wandte sich an Jeffords: »Werden 

uns die Soldaten zurückhalten, Hellauge, oder…?« 

Thomas unterbrach ihn hastig. »Der Jefe aller 

Apachenstämme kam als freier Mann hierher, er geht auch als 
freier Mann. Im Haus seines Freundes Hellauge ist er stets 
willkommen. How!« 

Cochise neigte dankend sein Haupt. Es war eine 

majestätische Bewegung. 

»Mein Wickiup ist auch dein Zuhause, Hellauge. Dein Weg 

in meine Apacheria ist geschützt und für dich so sicher wie die 
große Wüste im Süden. How!« 

Burt Kelly und Norbert Walker kamen von den Ställen. Sie 
stanken auch nach Stall. Das Haus lag düster und grau im 
Bodennebel. Im Osten wogte es grün über dem Gebirge. Ein 
seltsames Himmelslicht tauchte die Berge in einen 
faszinierenden Glanz glasgrüner Magie. 

Kelly blieb stehen und blickte nach Osten. Das Licht 

wechselte in Schwefelgelb über. Drei Tage lang war das Licht 
im ganzen Land beobachtet worden, und seit drei Tagen hielt 
es die Menschen in Angst und Schrecken. 

War es ein Naturschauspiel oder indianische Zauberei? 

Niemand wußte es, weil es in diesem südlichen Land noch 
nicht gesehen worden war. Auch Jeffords hatte keine Ahnung, 
was es zu bedeuten hatte. 

»He, Chief! Sieht miserabel aus, was?« 
Kelly deutete nach Osten und machte ein betretenes Gesicht. 

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»Irgend etwas kommt, Chief. Wenn's keine Rothäute sind, 

die uns den Garaus machen, dann ein Naturereignis oder 
indianischer Hokuspokus.« 

Thomas blieb stehen und lachte schallend. 
»Burt, rede keinen Unsinn. Doch nicht schon so früh am 

Morgen. Was für ein indianischer Zauber soll das sein, Junge?« 

»Die roten Brüder kennen Dinge zwischen Himmel und 

Erde, die wir nicht wissen. Das ist so ein verdammter Zauber 
von ihnen.« 

Jeffords und Walker grinsten. Sie konnten nicht sagen, ob 

Kelly nur scherzte oder tatsächlich okkultische Neigungen 
besaß. Von dieser Seite kannten sie den Freund und Mitarbeiter 
der Butterfield-Line nicht. 

»Ich frage mich, ob das Erscheinen der Apachen einen 

Knacks bei dir ausgelöst hat, Burt. Beruhige dich wieder. 
Cochise ist schon lange weg, und morgen verlassen uns die 
Soldaten. Dann wird wieder Ruhe einkehren in unsere einsame 
Klause.« 

Thomas klopfte Burt freundschaftlich auf die Schulter und 

ging davon. Es war bald Herbst. Wenn die Tage auch noch 
sonnenerfüllt und heiß waren, die Nächte wurden zu 
bitterkalten Vorahnungen auf den Winter. 

Auf den Höhen ringsum war kein Indianer mehr zu sehen. 

Cochise hatte Wort gehalten und war am Morgen nach der 
ereignisreichen Nacht mit seinen Kriegern abgezogen. 

Captain Roberts kam vom nächsten Biwakfeuer und bot 

Jeffords die Hand. Hegemann, der gerade heißen Kaffee 
empfing, winkte leutselig. 

»Herrlicher Morgen, was, Mr. Jeffords? Sind wir sie 

endgültig los, oder greifen sie uns unterwegs noch einmal an?« 

Thomas wußte, wen der Offizier meinte. 
»Sie greifen nicht mehr an. Cochise bricht nie sein gegebenes 

Wort.« 

»Kommen Sie doch her, Jeffords, und trinken Sie einen 

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starken Kaffee auf Kosten der Army.« 

Lachend ging Thomas zum Feuer, gefolgt von Captain 

Roberts, der im Scherz sagte: »Gehen Sie nicht so leichtfertig 
mit dem Armeevermögen um, Hegemann. General Carleton 
reißt uns sonst den Kopf ab.« 

Jeffords nahm den Kaffee entgegen und blies in die heiße 

Brühe. 

»Sie sind sicher, daß sich keine Apachen mehr in der Nähe 

aufhalten?« 

»Ja, Lieutenant. Meine Streckenreiter kämmten das ganze 

Gebirgsmassiv durch und sahen weder Spuren noch eine 
einzige Rothaut. Wenn die beiden Jungs etwas in die Hand 
nehmen, tun sie das gründlich. Die Truppe kann sich fest auf 
diese Angaben verlassen.« 

»Danke«, sagte Hegemann und warf Roberts einen fragenden 

Blick zu. Der Captain schüttelte den Kopf. »Noch eine Tasse 
Kaffee, Mr. Jeffords?« 

Thomas wurde vom Knarren der Tür hinter sich abgelenkt. 

Er richtete sein Augenmerk auf die Treppe. U.S.-Marshal 
Marley kam herunter. Seine linke Schulter war dick bandagiert. 
Den Arm trug er in einer Schlinge. »Hallo!« grüßte Jeffords. 

»Guten Morgen!« erwiderte der knorrige Marshal. 
»Wie geht's, Blechstern?« 
»Danke, Mr. Jeffords. An Ihnen ist ein guter Samariter 

verlorengegangen.« Marley warf einen prüfenden Blick auf die 
Höhe. »Endgültig verschwunden oder noch in der Nähe?« 

Thomas wies mit einer Kopfbewegung nach Nordosten. 
»Weit weg. In ihren uneinnehmbaren Bergfestungen lecken 

sie ihre Wunden und brüsten sich mit ihren Heldentaten. Für 
eine Weile haben wir vor ihnen Ruhe.« 

»Ich hörte von einem Ihrer Leute, daß Sie eine Kutsche 

erwarten?« 

»Ja, von Duncan nach Tombstone. Die Route führt über den 

Paß. Wollen Sie uns schon wieder verlassen?« 

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»Es wird Zeit, Mr. Jeffords.« 
»Trotz schwerer Verwundung auf der Menschenjagd?« 
»Menschenjagd? Was soll das heißen? Bin ich ein 

Skalpjäger? Mann, das sind hartgesottene Outlaws, die an den 
Galgen gehören.« 

Jeffords war einen Moment verwirrt, Roberts lachte 

schallend. Er wehrte ab. 

»War doch nicht wörtlich gemeint, Marshal. Um Himmels 

willen, wir alle wissen, welche Arbeit Sie sich in diesem 
menschenfeindlichen Land aufgehalst haben. Wenn Sie mich 
fragen… Um die Outlaws zu finden, brauchen Sie nicht weit zu 
reiten. Gelichter zieht sich in Notzeiten in die Städte zurück. 
Dort ist es unter der Masse der Bürger anonym und schwer 
aufzuspüren. Tubac oder Tombstone käme sicherlich…« 

Marley winkte mit der gesunden Hand ab. 
»Vergessen Sie's, Mr. Jeffords, und halten Sie mich bitte 

nicht für undankbar, wenn ich Sie unterbrach. Das weiß ich 
natürlich alles. Leider kann ich Ihre freundliche 
Gastfreundschaft nicht länger in Anspruch nehmen. Die Fährte 
ist noch heiß, ich muß ihr folgen.« 

»Wie Sie wollen, Marshal. Wenn Sie Unterstützung 

brauchen, ist sie Ihnen durch die Butterfield Overland 
gewährt.« 

Sie standen sich gegenüber – ein Mann mit einem Stern auf 

der Brust, mit hellen Augen und einem Texasschnurrbart. Auf 
dem Kopf einen verschwitzten Bibi, die langen Beine in derben 
Hosen und Stiefeln. 

Auf der anderen Seite ein breitschultriger und blauäugiger 

Typ in derber Kleidung, mit einem freundlichen Lächeln auf 
den Lippen und einem rötlichen Bartansatz. 

Sie nahmen beide Einblick in fremde Seelen, lange und 

ausdauernd, und sie verstanden sich. Marley gab Jeffords die 
Hand. In dem Händedruck lag alles, was sich wahre Männer zu 
sagen hatten. Marley drehte sich um und ging ins Haus zurück. 

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»Ist er beleidigt?« wollte Hegemann wissen. 
Jeffords schüttelte den Kopf. Er musterte den blonden 

Offizier und fügte höflichkeitshalber hinzu: »Keineswegs, 
Lieutenant. Er wollte die Fronten klären, und das ist ihm 
bestens gelungen.« 

»Wir ziehen morgen weiter, Mr. Jeffords«, sagte Captain 

Thomas Roberts. »Ich kann Ihnen gar nicht deutlich genug 
ausdrücken, wie dankbar wir sind, daß Sie unserer 
zusammengeschrumpften Truppe Unterschlupf gewährten.« 

»Davon kann keine Rede sein«, Jeffords winkte ab, »weder 

von Dankbarkeit noch von der Gewährung des Unterschlupfes. 
Als Weiße sind wir zur gegenseitigen Hilfeleistung 
verpflichtet. So, morgen wollen Sie schon weiterziehen? Tut 
mir leid. Ihre Jungs könnten bestimmt noch ein paar Ruhetage 
brauchen« 

»Die Pflicht, Sir. Sie verstehen?« 
Die Männer lachten und gingen auseinander. 

Die Concord kam mit einer Stunde Verspätung die Paßstraße 
herauf. Thomas Jeffords trat aus dem Haus und ging ihr 
entgegen. Burt Kelly und Norbert Walker, die die  Stellen der 
getöteten Stationsbediensteten Culver und Wallace 
eingenommen hatten, kamen von den Ställen herüber und 
standen abwartend hinter Jeffords. 

Der Kutscher lenkte das schwere Gefährt vor das Gebäude, 

zog die Bremsen an und schwang sich mit dem bewaffneten 
Begleitmann vom Bock. 

»Hallo, Custer! Gute Fahrt gehabt?« rief Jeffords und öffnete 

den Schlag. 

»Mierda!« fluchte der Bärtige und spuckte aus. »Gute Fahrt? 

Höllenfahrt auf einem höllischen Trail. Bald hab' ich die 
Schnauze gestrichen voll.« 

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Die Fahrgäste, zwei würdige Herren in Schwarz und eine 

Matrone unbestimmbaren Alters watschelten zum Haus und 
verschwanden hinter der Tür. Thomas hatte Zeit, sich um die 
Sorgen des Fahrers zu kümmern. Der Begleitmann stand neben 
Custer und musterte die Umgebung mit unsicheren Blicken. 

»Reden Sie, Custer. Was ist passiert?« 
»Südlich von Fort Bowie wurden wir von Apachen 

angegriffen. Wir können Gott danken, daß es nur eine kleine 
Gruppe von fünf Kriegern war und Bill O'Neyill so gut 
schießt.« Custer deutete mit dem Daumen auf den 
Begleitmann. 

Jeffords machte ein ernstes Gesicht. Geriet der Krieg mit den 

Indianern wieder außer Kontrolle? Nahm Cochise wie im Jahr 
zuvor wieder den Guerillakampf auf? Kleine, heimliche 
Überfälle, Brandschatzung, grausame Morde an Farmern, 
Goldsuchern und Trappern? Sollten wieder ganze Dörfer und 
Städte in Arizona und Sonora dem Erdboden gleichgemacht 
werden? 

»Sonst noch Neuigkeiten? Zeitungen?« 
Custer nickte, zwirbelte den Walroßschnurrbart und stelzte 

steifbeinig zum Bock. Er reichte ein verschnürtes Paket über 
die Schulter und sprang vom Vorderrad. 

»Gehen Sie hinein, machen Sie sich frisch und essen Sie erst 

mal vernünftig. In einer halben Stunde müssen Sie weiter«, 
sagte Jeffords und löste den Bindfaden von dem Zeitungspaket. 
Captain Roberts kam über den Platz gestiefelt. 

»Schlechte Nachrichten, wie? Ist Ihrem Gesicht abzulesen.« 
»Apachen griffen die Kutsche an. Ich kann noch nicht sagen, 

ob es schlechte Nachrichten werden. Kommen Sie, Captain, ich 
habe einen Berg Zeitungen bekommen, die ich kurz 
überfliegen will.« 

Sie gingen in Jeffords' Büro. Hier waren sie ungestört. Der 

Postmeister suchte die beiden jüngsten Ausgaben heraus, die 
anderen legte er zusammen. 

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»Ich lasse mir immer den ›Daily Epitaph‹ kommen«, sagte 

Jeffords. »Die anderen Provinzblätter sind uninteressant.« 
Thomas blätterte eine Seite um, las, hob den Kopf und schob 
Roberts die Zeitung über den Tisch. 

»Lesen Sie, Captain – hier.« Er deutete mit dem Finger auf 

einen bestimmten Artikel. »Zwei Männer überfielen die Bank 
in Bisbee. Ein toter Clerk und einen angeschossenen Kunden. 
Das Blatt schreibt, sie wären nach Fort Huachuca geflüchtet. 
Das wird unseren Deputy-Marshal bestimmt interessieren.« 

Roberts las den kurzen Artikel, gab die Zeitung zurück und 

schürzte die Lippen. 

»Sie meinen…« 
Jeffords nickte. »Die Nachricht wird ihn schnell auf die 

Beine bringen. Was meinen Sie, Captain?« 

»Schon möglich.« 
»Sorgen, Captain?« 
»Nicht wegen dieser Gauner, aber der Angriff auf die 

Kutsche gibt mir zu denken. Mein Ziel ist zunächst Fort Bowie. 
Ich mache mir Sorgen um meine Leute, Mr. Jeffords. Einem 
zweiten massierten Angriff der Apachen haben wir nichts mehr 
entgegenzusetzen.« 

Thomas sagte: »Ich glaube nicht, daß Sie noch einmal 

angegriffen werden. Cochise wird sich auf keine offene 
Feldschlacht mehr einlassen. Dazu mußte er viel zuviel Federn 
lassen. Die Apachen, die die Concord belästigten, sind 
Reservationsindianer, die hin und wieder mal ausbrechen und 
auf alles schießen, was sich bewegt.« 

Es klopfte. Drew Marley kam herein. 
»Störe ich, Gentlemen?« 
»Durchaus nicht, Marshal. Kommen Sie, machen Sie es sich 

bequem.« 

Marley nahm an der anderen Seite des Tisches Platz. Jeffords 

schob ihm die Zeitung hinüber und sagte: »Bitte, Marshal, 
lesen Sie das. Ich denke, es handelt sich in diesem Artikel um 

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Ihre Freunde. So im Vorbeireiten nahmen sie eine Bank hoch 
und hinterließen einen Toten und einen Schwerverletzten.« 

Marley überflog den Text, hob den Kopf und runzelte die 

Brauen. 

»Sie haben unzweifelhaft recht, Mr. Jeffords. Morgen früh 

reite ich. Diesmal entgehen sie mir nicht wieder, das 
verspreche ich.« 

Jeffords nickte ohne Kommentar, stand auf, ging zum 

Wandschrank und nahm eine Flasche und Gläser heraus. Als er 
eingeschenkt hatte, hob er sein Glas und prostete den beiden 
Männern zu. Sie tranken. 

Jeffords sah Roberts und Marley an. 
»Also dann, auf eine gute Reise für Sie beide und vollen 

Erfolg. Sie entschuldigen mich für einen Augenblick. Die 
Passagiere sind zur Kutsche gegangen, und ich möchte sie 
verabschieden.« 

Er verließ das Office, war aber bald darauf wieder zurück. 

Der Nachmittag verging mit Gesprächen und einem Schluck 
Feuerwasser dann und wann. Vor dem Dunkelwerden kam 
auch noch Lieutenant Hegemann dazu. Die fröhliche Runde 
endete gegen Mitternacht. 

Jeffords ging mit seinen Gästen hinaus und blieb im 

Sternenlicht stehen. Eine Weile sah er zu den leuchtenden 
Pünktchen hinauf und schnüffelte dann schließlich wie ein 
Jagdhund. 

»Riechen Sie was, Captain?« 
»Was meinen Sie?« 
»Frost.« 
»Unsinn! Doch nicht in dieser Jahreszeit.« 
»Wir werden Schnee und Kälte bekommen, so wahr ich 

Thomas Jeffords heiße. Die Jahreszeit spielt dabei keine Rolle. 
Ich will nicht sagen, daß es schon Winter wird. Um Himmels 
willen, nein. Möglicherweise kriegen wir einen Blizzard, der 
das Land ein paar Tage lang mit Schnee und Kälte bedeckt. 

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Seien Sie sicher, etwas bereitet sich in den Bergen dort drüben 
vor. Die seltsamen Sonnenaufgänge in den letzten Tagen gaben 
mir schon zu denken. Das ist nicht normal. Solche Lichter 
kennt man nur im Norden unseres Landes. Roberts betrachtete 
den Himmel und sah keinerlei Anzeichen für einen 
Wetterumschwung. »Ein Orkan würde mir wenig schmecken, 
Mr. Jeffords. Trotzdem vielen Dank für die Warnung. Wann, 
meinen Sie, wird der Blizzard kommen?« 

»Kann man nicht mit Sicherheit sagen, Captain.« 
Hegemann schaltete sich ein. »Sollen wir nicht besser noch 

ein paar Tage abwarten, Sir? Hier oben sind wir sicher. In der 
Ebene dagegen werden wir schwer zu kämpfen haben.« 

Roberts zögerte mit der Antwort. Nach einer Weile sagte er: 

»Hm, es ist unsere Pflicht, zuerst an unsere Leute zu denken. 
Wir bleiben hier, bis das Unwetter sich ausgetobt hat. Sind Sie 
damit einverstanden, Mr. Jeffords?« 

Thomas lächelte. »Und ob ich einverstanden bin. Bessere 

Gesellschaft kann ich mir gar nicht in dieser Einsamkeit 
wünschen.« 

Jeffords und Marley trennten sich von den Offizieren und 

gingen gemeinsam zum Haus. 

»Sie haben etwas auf dem Herzen, mein Freund? Was ist 

es?« fragte Thomas. »Ich merke die ganze Zeit, daß Ihnen 
etwas auf der Seele liegt. Raus damit!« 

Marley verzog sein verwittertes Gesicht. 
»Das merkten Sie? Alle Wetter, das ist erstaunlich. Ich hätte 

da gern was mit Ihnen besprochen. Haben Sie ein paar Minuten 
Zeit für mich?« 

»Für Sie immer. Mann, kotzen Sie's aus!« 
Sie standen unter der Sturmlampe, die Burt Kelly über der 

Tür aufgehängt hatte, um den Soldaten die Orientierung zu 
erleichtern. Marley deutete auf seine bandagierte Schulter und 
sagte gedrückt: »Ich schaff's nicht allein, Jeffords. Es ist – 
verdammt noch mal – eine Achillesferse. Mit einem solchen 

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Handikap wird es mir nicht möglich sein, die Strolche zu 
verhaften. Ich bin noch nicht richtig an sie herangekommen 
und schon tot, weil sie meine Schwäche erkennen.« 

»Das sehe ich ein«, entgegnete Jeffords. »Kann ich Ihnen 

irgendwie helfen, Marshal?« 

»Bei der Verhaftung sicher nicht. Das wird diesmal nicht 

leicht sein, denn sie wissen, daß sie am Galgen landen. Sie 
haben ein paar ausgezeichnete Jungs in Ihrer Mannschaft. Ich 
hätte sie mir gern von ihnen ausgeliehen, Mr. Jeffords. Sie 
werden vereidigt und erhalten zwei Dollar Lohn pro Tag und 
freie Verpflegung.« 

»Wie bitte?« fragte Thomas erstaunt. 
»Ich rede von Osborne und Tinatra. Ich habe sie 

kennengelernt und schätze die beiden jungen Männer. Sie 
werden mir mit Freuden behilflich sein.« 

»Die beiden reiten die Strecke ab und kommen 

voraussichtlich erst morgen gegen Mittag. Nun gut, wenn ich 
Ihnen helfen kann, verzichte ich gern auf den Schutz, den die 
Station durch sie hat. Fragen müssen Sie die beiden aber 
selbst.« 

»Danke«, sagte Marley und seufzte erleichtert. »Sie sollen es 

nicht umsonst tun. Ich bin berechtigt, für die Verhinderung von 
Verbrechen und Verhaftung von steckbrieflich gesuchten 
Banditen außer dem Tagesbonus eine gewisse Prämie 
auszuzahlen. Die sollen sie außerdem noch erhalten.« 

Jeffords lachte. »Nicht meine Sache«, sagte er. »Machen Sie 

das nur mit Larry und Buck aus. Wie kommen Sie gerade auf 
die beiden?« 

»Sie schießen schnell und sicher und sind charakterlich 

einwandfrei.« 

»Wie lange werden Sie unterwegs sein?« 
»Drei Tage, denke ich. Für Proviant sorge ich schon.« 
Jeffords nickte. »Okay.« 

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Der Santa Cruz war stellenweise so trocken, daß Geröll und 
kleine Sandbänke aus dem Wasser ragten. Am östlichen 
Himmel verriet gelber Lichtschein den baldigen Aufgang des 
Mondes. Conan Pearce warf einen Blick über die Schulter. Er 
konnte die verschwommenen Umrisse der zerklüfteten 
Bergkette hinter sich sehen. 

Den ganzen Nachmittag war er das Gefühl nicht 

losgeworden, verfolgt oder beobachtet zu werden. Sein Pferd 
schnaubte und spielte mit den Ohren. Sergeant Pearce hob die 
behandschuhte Linke und ließ die Kolonne hinter sich 
anhalten. Corporal Bill Hastings kam nach vorn und zügelte 
sein nervöses Pferd neben Pearce. 

»Was ist los, Conny? Warum läßt du anhalten?« 
Pearce zuckte mit den Achseln und starrte auf das seichte 

Wasser des Flusses, als hätte die erwartete Gefahr von dort 
kommen müssen. 

»Da draußen treibt sich etwas in der Nacht herum. Verdammt 

sei der Tag, an dem ich mich entschloß, in die Armee zu 
gehen.« 

»Was erwartest du? Indianerangriff?« 
»Möglich, ich weiß es nicht. Wir müssen wachsam sein. 

Gateway ist unser bester Kundschafter. Er soll absitzen und das 
Flußbett durchqueren. Siehst du die Büsche am anderen Ufer? 
Die müssen gründlich durchsucht werden. Klar? Joe soll von 
Nord nach Süd gehen und keinen Strauch auslassen.« 

Corporal Bill Hastings winkte Gateway. Der Gefreite kam 

heran und folgte mit Blicken dem ausgestreckten Arm des 
Corporals. 

»Es bewegt sich was dort drüben, Joe«, erklarte Hastings 

ihm. »Chief Conan meint, daß sich am anderen Ufer zwei 
Büffel verlaufen haben. Sieh mal nach, was dran ist.« 

»Büffel«, echote Joe Gateway gedehnt. »Du meinst Apachen, 

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Corporal?« 

»Ich bewundere dich, Joe. Du bist ein Genie. Sei vorsichtig, 

Junge. Und wenn's dir unter dem Skalp juckt, kehrst du um, 
verstanden?« 

Joe steckte sich grinsend den kleinen Finger ins rechte Ohr 

und begann zu schütteln. 

»Mann, Bill, du machst mir die roten Halunken aber 

besonders schmackhaft. Okay, wenn ich auf welche stoße, lade 
ich sie zu einem Drink ein.« 

»Aber nicht hier bei uns«, sagte Conan Pearce grinsend. 

»Unsere Damen könnten sich vor ihnen fürchten und die Flucht 
ergreifen.« 

Joe Gateway schwang sich aus dem Sattel, schob das Gewehr 

in den Scabbard und verschwand so lautlos wie ein Apache. 

»Wird Zeit, daß dem Jungen mal ein Orden verliehen wird«, 

sagte Corporal Hastings. »Immer willig und einsatzbereit. 
Mach dich dafür mal 'n bißchen stark, Conan.« 

»Das verspreche ich dir. Gib acht, er ist fast drüben.« 
Der Halbzug hinter Pearce war abgestiegen. Die Soldaten 

waren unruhig und hielten ihre Pferde fest am Zügel. Nervös 
verfolgten sie Gateways Weg über den fast ausgetrockneten 
Santa Cruz. 

Soldat Joe Gateway blieb vor dem anderen Ufer stehen und 

starrte die Randbüsche wie feindliche Ungeheuer an. Joe 
entdeckte eine Lücke in dem Strauchwerk, drehte sich um und 
winkte beruhigend. Fast alle hoben die Hände und schwenkten 
sie über dem Kopf. Joes Stiefel machten ein Geräusch auf dem 
Geröll, als bewegte sich eine Armee durch das Flußbett. Mit 
einem Sprung stand er auf dem erhöhten Flußufer. Die Blätter 
der Manzanitas und des Speerdorns glänzten mit ihrer 
Oberseite fast schwarz, ihre Unterseiten aber strahlten ein 
seltsames fluoriszierendes Licht ab, das Joe als Orientierung 
diente. 

Er drang in die Büsche ein. Alles um ihn herum war 

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unheimlich still. Ein dicker Kloß schien dem wagemutigen 
Soldaten plötzlich im Hals zu stecken. Er schluckte, ging 
weiter, blieb ab und zu stehen, lauschte und sog prüfend die 
Luft ein. Modergeruch des faulenden Humusbodens drang ihm 
in die Nase. 

Der Soldat aus Fort Buchanan gelangte auf eine Lichtung. 

An ihrem Rand blieb er spähend stehen, sah nichts und setzte 
sich wieder in Bewegung. Jenseits des Freiplatzes drang er in 
den Grüngürtel ein. Hinter Joe schnellten die dornigen Zweige 
zusammen. 

Eine Art Wildwechsel kreuzte seinen Weg. Als Joe Gateway 

aufblickte, sah er eine Gestalt vor sich. Unbeweglich stand sie 
vor ihm und starrte ihn an. 

Zu Tode erschrocken wich Joe einen Schritt zurück. Er kam 

nicht auf den Gedanken, seinen Revolver zu ziehen. Es hätte 
ihm auch nichts mehr genutzt. Der große Indianer glitt so 
lautlos auf ihn zu, als schwebte er. 

Kurz vor Gateway blieb er stehen. Gebieterisch streckte er 

die Hand nach dem Weißen aus. Links und rechts neben Joe 
raschelte es in den Büschen, ehe ihm bewußt wurde, daß er den 
Apachen in die Falle gegangen war. 

Cochise sagte nur ein einziges Wort: »Zastee!« 
Etwas Dunkles wand sich aus den Büschen. Eine Klinge 

drang von hinten in Joes Körper. Im Fallen erstickte Joes 
Warn- und Angstschrei. 

Eine Gruppe Apachen tummelte sich auf dem schmalen 

Wildpfad. Im Nu war der Tote entkleidet. Nackt ließen sie ihn 
liegen. Cochise gab mit gutturaler Stimme Befehle. Er handelte 
nach einem Plan und trieb die Krieger an. 

Ein Chiricahua streifte sich die blaue Uniform über und 

preßte den Feldhut auf die langen Haare. Sein dunkles Gesicht 
hatte er mit Kalk hell gefärbt. Cochise musterte den Mann. Von 
weitem konnte man ihn für ein Bleichgesicht halten. Er nickte 
dem Krieger zu, der sich umdrehte und dem Wildwechsel in 

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Flußrichtung folgte. 

Hinter den Randbüschen verharrte der Krieger. Mehr als 20 

Apachen lauerten in der Nähe. Die Rothaut in Uniform trat vor 
die Sträucher, winkte zur anderen Seite hinüber und 
verschwand wieder in dem Dickicht. Die Indianer 
beobachteten, wie sich die Soldaten unterhielten, wie sie 
gestikulierten und zögerten. 

Einer legte die Hände trichterförmig an den Mund und 

brüllte: »He, Joe, ist die Luft rein?« 

Cochise sagte dem verkleideten Krieger, was der Weiße 

gerufen hatte. Die Rothaut trat noch einmal vor und ruderte 
wild mit den Armen. Dann winkte er wieder und deutete auf 
das bewachsene Ufer. 

Sergeant Conan Pearce ließ sich tatsächlich täuschen. Er sah 

Hastings an und sagte: »Mann, was redest du für'n dummes 
Zeug? Das ist Joe, der uns das Zeichen gibt. Los, reiten wir.« 

Er trieb sein Pferd in den Fluß. Der Halbzug, bestehend aus 

zwölf Mann, folgte. Von Joe Gateway war im Augenblick 
nichts mehr zu sehen. Hätte Pearce auf seinen Instinkt vertraut 
und nicht auf eine Ungewisse Optik in der Sternennacht, wäre 
das Massaker am Santa Cruz wahrscheinlich nicht erfolgt. Er 
aber hörte nicht auf seine innere Stimme und führte die 
Patrouille aus Fort Buchanan in den Tod. 

Corporal Hastings und die Soldaten Clymer und Geer 

drangen zuerst in die Büsche. Ihre Pferde schnaubten aufgeregt 
und unwillig. Bill Hastings wollte ein Tier parieren, gewarnt 
durch sein seltsames Gebahren, aber Conan Pearce drängte von 
hinten nach und schob den Corporal förmlich in das Dickicht. 

Von Gateway war nichts zu sehen. Pearce legte die Hände an 

den Mund und rief Joes Namen. Keine Antwort. Nur das leise 
Klirren der Gebißstangen und das unruhige Stampfen der 
Pferde durchdrang die Nacht. 

Pearce trieb seinen Wallach auf einem kaum sichtbaren Pfad 

tiefer in das Dickicht und wollte sich dann irgendwo außerhalb 

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der Vegetation nach Süden wenden. Tubac war das Ziel der 
Patrouille. Und wenn sie die kleine Ansiedlung erreicht hatten, 
konnten sie wieder umkehren und nach Nordosten reiten. 

Der Sergeant näherte sich der Lichtung, die schon Gateway 

zum Verhängnis geworden war, kreuzte den Wildwechsel, 
folgte ihm so lange, bis sein Pferd zitternd und ängstlich 
schnaubend steilte und ihn fast abwarf. 

Das deutliche Alarmzeichen übersah Pearce nicht. Aber es 

war zu spät. Als er zum Revolver griff, sah er eine grau und 
weiß gekleidete Gestalt wie ein Schemen auf dem Weg 
auftauchen. Der Indianer trug ein weißes Stirntuch, Kittelhemd 
aus grauem Kaliko, Tuchhosen und kniehohe Mokassins. 

Pearce wußte, wer ihm eine Falle gestellt hatte: Cochise. 
Er stand vor ihm, richtete den Arm auf den Weißen und rief: 

»Zastee! Tötet!« 

In dieser Nacht schien alles zur Lautlosigkeit erstarrt zu sein. 

Geräuschlos wie Katzen brachen Apachen aus den Büschen. 
Mit pantherähnlichen Sprüngen glitten sie hinter die Soldaten, 
töteten sie und skalpierten sie. 

Nach einer halben Minute war alles vorbei. Niemand aus der 

Patrouille lebte mehr. Cochise befahl, die Pferde der Weißen 
wegzuführen und die Toten zu entkleiden. 

Als der Mond hinter der Wolkenbank hervorlugte, wurde das 

schauerliche Bild indianischen Strafvollzugs deutlicher 
sichtbar. 

Von Cochises Chiricahuas war weit und breit nichts mehr zu 

entdecken. Der zweite Guerillakrieg des Häuptlings hatte mit 
einer Bluttat begonnen, die schlagartig wieder Furcht und 
Grauen in die Herzen der Weißen einziehen ließ. 

Der Chief aller Apachenstämme war zu seiner anerzogenen 

und naturgegebenen Kampfesweise zurückgekehrt und 
bekämpfte die Weißen von nun an nicht mehr in offener 
Feldschlacht. 

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Die Sonne war in einer Farbenpracht untergegangen, wie man 
sie selbst im äußersten Südwesten von Arizona nur selten zu 
Gesicht bekam. Tiefe Schatten lagen über den Minen von 
Tombstone und den engen Canyons. Die Hitze hing noch 
immer zwischen den Wänden. 

Die drei Pferde trotteten hinter dem Felsvorsprung hervor 

und verschwanden in der gewundenen Schlucht, die aus dem 
Minengebiet führte. Fledermäuse verließen ihre Verstecke und 
flatterten durch die heraufziehende Dunkelheit, verfolgt von 
grell pfeifenden Nachtfalken, die sie erbarmungslos jagten. 

Kaninchen krochen aus ihren Bauten und suchten ihre 

Wasserlöcher auf. Kleine Füchse und andere Raubtiere strichen 
lauernd und witternd auf der Suche nach Nagetieren umher. 

Das nächtliche Karussell des Fressens und Gefressenwerdens 

hatte begonnen. Das große Töten unter den Sternen begann. 
Die Schwächeren wurden von den Stärkeren überrascht, die 
später dann selbst zur Beute von noch Stärkeren wurden. Die 
Nacht in der Wüste war die Zeit der Jäger und legte zu keiner 
Stunde eine Pause ein. 

Marshal Drew Marley wischte sich den Schweiß von der 

Stirn. Larry Osborne schob den Priem in die andere Backe und 
spuckte einen langen Tabakstrahl auf einen Nacht-Gecko, 
dessen lange, klebrige Zunge nach Insekten angelte. 

»Ich hatte gehofft, die beiden Hundesöhne in Tombstone 

anzutreffen«, sagte Marley, dessen linke Schulter noch dick 
verbunden war. »Fehlanzeige. Wenigstens etwas habe ich 
erreicht, und das ist für mich schon ein Erfolg.« 

Buck Tinatra grinste breit. Er warf seinem Busenfreund 

Larry einen verschmitzten Blick zu und fragte scheinheilig: 
»Was, lieber Blechstern, ist dir so Freudiges begegnet? Eine 
Jungfrau im Schlafrock oder die Friedenstaube mit einem 
Palmzweig im Schnabel?« 

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»Weder noch, Witzbold. Larry, nimm dir deinen 

Busenfreund mehr zur Brust. Es gehört sich nicht, wie er mit 
einem Vorgesetzten spricht.« 

»Ach, du dickes Ei! Jetzt ist er schon unser Vorgesetzter. 

Und das bei zwei Dollar pro Tag und einer mageren Prämie im 
Erfolgsfalle.« Larry schniefte laut und strich gespielt liebevoll 
über sein Abzeichen, das auf seiner Weste prangte. 

»Buck, schmeißen wir ihm die rostigen Orden vor die Füße 

und verduften, bevor er sich zum lieben Gott erhebt und uns 
gar nichts mehr zahlt.« 

Buck Tinatra lachte lauthals. »Seien wir gnädig mit ihm, dem 

Stolzen, Eingebildeten, und behalten wir die Sterne noch einige 
Tage. Wurden sie uns doch von einem Unwürdigen verliehen.« 

»Nur auf Zeit«, wehrte Marley kichernd ab. »Glaubt ja nicht, 

daß ich euch einen Sündenlohn zahle, nur damit ihr mit 'nem 
Blechstern in den Städten angeben könnt. Die Dinger nehme 
ich euch wieder ab, sobald wir die beiden Kerle gefaßt haben.« 

»Dachte ich's mir doch«, seufzte Tinatra. »Gesetz und seine 

Vertreter sind so geizig wie unsere Regierung. Ich hab's mir 
anders überlegt, Larry. Komm, wir verduften. Ich bin's sowieso 
leid, mir den lieben langen Tag die beiden Dollar vorwerfen zu 
lassen, die er uns zahlen will. Der verdammte Jammerlappen 
legt sich vor Geiz noch krumm.« 

»Der Himmel pfeift euch Halunken was.« Marley lachte. 

»Jetzt reiten wir erst einmal durch die Hölle. Was glaubt ihr, 
wohin es geht? Zu einem Tanzplatz für liebestolle Cowboys? 
Irrtum!« 

Marley deutete auf die dunklen Dragoons, die wie eine Wand 

vor ihnen aus der Finsternis stiegen. 

»Wenn wir diesen Gebirgsstock hinter uns haben, wißt ihr, 

was die Hölle ist. Ihr werdet wunde Hintern vom Reiten haben, 
die Zunge wird euch meilenweit aus dem Hals hängen, und 
wenn ihr nur ein bißchen Glück habt, werdet ihr wie 
Stachelschweine in Fort Huachuca einziehen.« 

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»Wie Stachelschweine? Warum denn das?« 
Drew Marley lachte scheppernd. 
»Wieso? Mann, hast du 'ne Ahnung. Die Apachen werden 

uns so voller Pfeile spicken, daß wir wie Stacheltiere aussehen 
werden. Sie werden uns…« 

»Nichts«, unterbrach Buck Tinatra ihn grinsend, »gar nichts 

werden sie. Und weißt du warum? Weil sie uns nicht zu 
Gesicht bekommen werden.« 

»Da wirst du dich aber wundern, mein Junge«, sagte der 

Marshal. »Die haben uns längst entdeckt. Cochise hat seine 
Späher überall, und gerade die Dragoons hält er fest im Griff. 
Ein Weißer, der in die Chiricahuas oder in die Dragoons 
eindringt, ist so gut wie tot, wenn er nur seinen Fuß auf 
Apachengebiet setzt.« 

»Unsere Abzeichen…« 
»… nützen uns keinen Deut, wenn er sie nicht respektiert«, 

unterbrach Andrew Marley ihn. 

»Dir hat's doch auch geholfen.« 
»Ja, mir.« Mehr sagte der Marshal nicht. 
Mit dem Fortschreiten der Nacht war es kühler geworden. 

Kalte Winde fegten von den schneebedeckten Berggipfeln und 
ließen die Reiter frösteln. 

»Wann machen wir Lager?« fragte Buck Tinatra. 
»Kein Camp.« Marley schüttelte den Kopf. »Wenn wir eine 

kurze Frühstückspause einlegen, reicht das. Wir sind dann 
gegen Mittag in Huachuca.« 

»Denkst du altes Streitroß auch an unsere Pferde?« schaltete 

sich Larry Osborne trocken ein. 

»Wir reiten im Schritt oder im Trab. Das halten sie einen Tag 

und eine Nacht durch.« 

Von nun an ging der Ritt ohne Gespräche weiter. Die 

Gegend wurde von Minute zu Minute wilder, zerklüfteter. Kein 
Laut war zu hören. 

Die Nacht verlief ereignislos. Gegen Morgen zeigten die 

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Pferde doch Ermüdungserscheinungen. Marley beschloß, eine 
Pause einzulegen, um sie zu füttern und zu tränken. Als erstes 
Frühlicht in die Täler drang, stießen sie auf einen Talkessel, der 
zum Lagern geeignet war. Der Marshal stieg ab und führte sein 
Pferd zu einem verfilzten Gebüsch. Er leinte es an, sattelte ab 
und gab dem Braunen erst einmal zu saufen. Dann hing er ihm 
den Futtersack vor. 

»Feuer?« fragte Larry. »Ein kleines Feuerchen, großer Boß? 

Eine Tasse Kaffee würde unsere Lebensgeister wecken.« 

»Kein Feuer«, antwortete der Gesetzeshüter. »Ihr seid wohl 

lebensmüde, wie? Rauch riechen Apachen auf eine Meile. 
Wollt ihr unbedingt, daß unsere Skalps in der Mittagssonne vor 
irgendeinem Jacale trocknen?« 

»Ich denke, Cochise ist dein Freund? Er wird uns schon 

nichts tun.« 

»Er vielleicht nicht«, erwiderte Marley grob, »aber seine 

Krieger. Die kümmern sich einen Dreck darum, was der 
Häuptling will oder nicht will. Laßt's sein, ich warne euch, 
Jungs.« 

Nach zwei Stunden Pause drängte Drew Marley schon 

wieder zum Aufbruch. Ausgeruht griffen die Pferde wacker 
aus. Die Schlucht stieg an und endete auf der Mesa. Eine ganz 
zerklüftete und ineinander verschachtelte Bergwildnis tat sich 
nun vor ihnen auf. 

Gegen Mittag hatten sie die Mesa unter sengender Sonne 

überquert und standen vor einem gewundenen Canyon, der sich 
wie ein Wurm in die Gebirgswelt hineinfraß. Sosehr die drei 
Weißen auch suchten, es gab keinen Abstieg in die Tiefe. 

»Nach Südwesten«, sagte Marley und deutete in die 

Richtung. 

Er und Buck Tinatra ritten an, doch Larry hielt sein Pferd 

zurück und neigte lauschend den Kopf. Von irgendwoher 
drangen Geräusche zu ihnen herauf. Zuerst war es nur ein 
lautes Knirschen, das in Rollen und Mahlen überging. Dann 

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vernahmen sie alle die heiseren Rufe, Peitschenknallen, 
Schüsse und schließlich das schrille Kriegsgeschrei der 
Apachen. 

Eine sechsspännige Kutsche fegte um eine Kurve. Das 

Gespann wurde durch gezielte Peitschenhiebe des Fahrers 
erbarmungslos getrieben. Der Begleitmann auf dem Bock war 
tot. Er hing über der Armstütze, zwei Pfeile in seinem Rücken. 

Aus dem Kasten fielen in sporadischen Abständen laute 

Revolverschüsse, die kaum Schaden unter den verfolgenden 
Apachen anrichteten. Mehr als zehn schreiende Krieger folgten 
auf ihren flinken Ponys dem Gefährt. 

»Jesus? Können wir den armen Teufeln nicht helfen?« 
Marley schüttelte den Kopf. »Nicht von hier oben aus. Seht 

doch selbst.« Er stieß die Worte aufgeregt hervor. Die Concord 
hatte das Ende der Geraden erreicht, rollte langsamer, um in 
der Kurve nicht umzustürzen. 

Die ersten indianischen Reiter nutzten den toten Winkel des 

feuernden Revolvers aus, um die Kutsche zu überholen und 
aufzuspringen. Zwei andere Krieger hielten die Leitpferde an. 

Von da an waren es nur Sekunden, bis die Tragödie vorüber 

war. 

Die Todesschreie im Canyon waren lange verhallt, als 

Marley mit seinen beiden Freunden einen Abstieg fand, den 
auch steifbeinige Pferde benutzen konnten. 

Als sie die Stätte des Dramas erreichten, gab es für sie nichts 

mehr zu tun. 

Der Fahrer hing tot und skalpiert auf dem Bock. Den 

bewaffneten Begleitmann hatten sie ebenfalls skalpiert, obwohl 
er lange vorher gestorben war. Von den vier Insassen lebte 
niemand mehr. Den beiden Frauen hatte man das Kopfhaar 
gelassen, aber ihre männlichen Begleiter hatten das gleiche 
Schicksal wie Kutscher und Beifahrer erlitten. 

Das Fahrzeug brannte. Marley, Buck und Larry löschten die 

Flammen mit Sand. Die Apachen hatten die Pferde 

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mitgenommen. Ebenso alles andere, was ihnen von Wert 
erschien. 

Am frühen Nachmittag war alles getan. Buck und Larry hatten 
in einer Sandmulde ein Grab geschaufelt und die Toten auf 
eine Decke gebettet. Marley sprach ein Gebet. Danach wurde 
das Grab mit Steinen und breiten Felsstücken zugedeckt. Über 
den Hügel schaufelte man Sand. 

Der Marshal hatte bei den Grabarbeiten ständig die Gegend 

beobachtet. Er wirkte nervös und zeigte es auch ganz deutlich. 

Larry fragte ihn: »Was ist los, Blechstern? Hast du Schiß? 

Die kommen bestimmt nicht wieder.« 

»Rede nicht solch ein dummes Zeug, Armleuchter. Ich und 

Schiß? Sieh doch mal zu der Stelle hoch, wo wir vor ein paar 
Stunden noch standen.« 

Larry und Buck hoben gleichzeitig die Köpfe. Sie richteten 

sich auf und standen starr wie Ölgötzen. 

»Ich werde verrückt!« keuchte Larry. »Das ist doch… Ist das 

nicht Cochise?« 

»Er ist es«, bestätigte Marley, nahm die Schaufel, die er im 

Wagenkasten der Kutsche gefunden hatte, und warf sie weit 
von sich. 

»Er beobachtet uns«, sagte Buck ahnungsvoll. »Mann, Drew, 

mir juckt's unter der Kopfhaut, als wenn da tausend Ameisen 
rumkrabbelten.« 

»Habe ich euch nicht gesagt, daß ihr die Hölle kennen 

werdet, wenn wir die Dragoons hinter uns haben?« 

»Du hast uns nicht gesagt, daß wir von Cochise persönlich 

beobachtet werden.« 

Der Marshal grinste und zwirbelte seinen Texasschnurrbart. 
»Laß ihn nicht merken, daß du die Hosen voll hast, Junge. Er 

kommt sonst runter und nimmt dich persönlich vor. Los, auf 

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die Gäule! Wir machen uns aus dem Staub und suchen eine 
Gegend auf, wo die Luft nicht so eisenhaltig ist.« 

Sie warfen einen letzten Blick nach oben. Der Häuptling 

stand reglos auf einem erhöhten Punkt und starrte zu ihnen 
herunter. Mit keinem Zeichen ließ er erkennen, daß er Marley 
kannte. Fast übergangslos war die imposante Gestalt plötzlich 
verschwunden, von einem Augenblick zum anderen. 

Marley und die beiden Freunde schwangen sich auf ihre 

Pferde. Mit einem letzten Blick auf die Stätte des Grauens 
folgten sie dem Weg durch den Canyon. 

»Ich glaube, Drew, der Apache hat das Kriegsbeil gegen den 

weißen Mann wieder ausgegraben«, sagte Larry Osborne 
gedrückt. »Was geschieht jetzt und in Zukunft?« 

»Krieg nach seiner Art.« 
»Was verstehst du unter seiner Art?« 
»Heimlich, unsichtbar aus Deckungen heraus, leise und 

schleichend wie Raubkatzen.« 

»Guerillakrieg?« 
Marley nickte. »Der Canyon öffnet sich, Jungs. Noch vor 

Dunkelwerden sind wir in Fort Huachuca.« 

Der Mond färbte die Fronten der flachen Adobehäuser hell, die 
Straße fast schwarz. Scharf umrissen hoben sich die Fenster- 
und Türöffnungen von den Wandflächen ab. Gehsteige gab es 
in der alten spanischen Stadt nicht, die während der Besiedlung 
des Nordens Festung und stehende Garnison gewesen war. 

Marshal Drew Marley stand mit dem Rücken gegen eine 

Hauswand gelehnt und starrte den wie Quecksilber glänzenden 
Himmel an, durch den der fast volle Mond wie ein 
eingedrücktes Lampion segelte. 

Aber in dieser Nacht sah er noch etwas anderes auf der 

Anhöhe im Süden des breiten Tales, in dem Huachuca lag: ein 

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Licht mit rötlichem Widerschein, der in der Dunkelheit zu 
pulsieren schien wie ein Dämonenauge, das sich öffnete und 
schloß. 

Der Nachtwind trieb einen ungewohnten Geruch in die 

Town. Nicht den von Mesquite, Wacholder und Pinien, 
sondern von Rauch und schmorendem Fleisch. 

Was dort weit im Süden brannte, wußte jeder in der Town. 

Die Menschen kauerten hinter verschlossenen Türen auf den 
Knien und flehten zu ihren Heiligen, den bitteren Kelch eines 
Apachenangriffs vorübergehen zu lassen. 

Die Stille in der kleinen Ansiedlung wirkte unheimlich und 

drückte die große Angst vor einem Überfall aus. Man hatte von 
Städten und Dörfern in Sonora gehört, die binnen weniger 
Stunden dem Erdboden gleichgemacht worden waren. 

Huachuca bestand überwiegend aus »zahmen« Indianern und 

Mexikanern, denen das Herz schon bei dem Wort Apachen in 
die Hosen rutschte. 

Die Beklemmung, die jeder spürte, ergriff auch Marley. 
Der Gestank von verkohltem Fleisch und schwelbrändigem 

Holz zog wie eine Vorankündigung des bleichgesichtigen 
Todes durch die Straßen Huachucas. Er drang durch Fenster 
und Türen, lähmte die Menschen und erfüllte sie mit Entsetzen. 

Nur aus der Cantina »La Tunas« klangen verhaltene Akkorde 

einer Gitarre. 

Marshal Drew Marley stieß sich von der Wand ab und ging 

wieder in die Kneipe zurück. Die war bis auf den Wirt, Larry 
Osborne und Buck Tinatra sowie die beiden mexikanischen 
Musikanten und der Tänzerin leer. 

Larry und Buck hockten in der hintersten Ecke, der eine 

Pulque vor sich, der andere Baconora. Marley hatte sich ein 
Bier bestellt, bevor er rausgegangen war. 

Er setzte sich, warf einen flüchtigen Blick auf das Podium. 

Der Gitarrist, der auch Geige und Trompete bediente, war 
kleinwüchsig. Der andere mit der Handtrommel zwischen den 

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Knien war unzweifelhaft ein Indio, die Tänzerin seine Tochter. 

Hinter dem Tresen bewegte sich der Wirt, ein fetter 

Mexikaner mit Schweinsaugen und Pomadenhaar. Er ließ die 
Sternträger nicht aus den Augen. 

Huachuca war als Schmugglernest und Zufluchtsstätte für 

Outlaws aus dem Grenzgebiet bekannt, und man war 
mißtrauisch und äußerst vorsichtig, wenn ein Mann des 
Gesetzes unerwartet auftauchte. 

Als Marley mit dem Finger winkte, schlurfte Sancho 

Principales auf seinen Strohsandalen wachsam näher. 

»Setz dich, Greaser!« 
Der Mexikaner nahm sich einen Stuhl zwischen die Beine. 

Seine Knopfaugen musterten die harten Züge der drei 
Americanos. Er hatte Angst. Man sah es ihm an. Angst 
deswegen, weil er nicht wußte, was die Beamten bei ihm 
suchten. 

Marley deutete nach Süden. 
»Was ist in dieser Richtung, Spic?« 
»Was meinen Sie, Senor? Land oder bestimmte 

Ansiedlungen?« 

»Beides.« 
»Der Huachuca Canyon öffnet sich zur Grenze hin zu einem 

breiten Tal. Größere Städte gibt es nicht, es sei denn, Sie 
meinen Naco an der Grenze. Aber das wurde von den Apachen 
zerstört. Im Tal liegen ein paar Haziendas. Die größte und 
nächste ist die von Petrus Juan de Goma. Seine Vaqueros 
kommen an den Wochenenden in meine Cantina.« 

»Dann lebst du sicher nicht schlecht«, sagte Marley und 

grinste. 

Buck warf ihm einen belustigten Blick zu und zeichnete mit 

der Fingerspitze Figuren in die Schnapslache unter seinem 
Glas. 

»Wieviel Einwohner hat Huachuca?« 
»Zweihundert, Senor. Gute Christen, die regelmäßig in die 

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Kirche gehen und an Sonntagen eine Messe für ihre 
Verstorbenen lesen lassen.« 

»Und die vom Schmuggel leben und Banditen Unterschlupf 

gewähren.« 

Der Mexikaner zuckte zusammen und wand sich wie ein Aal. 
Also doch. 
Die Gesetzesmänner waren gekommen, den Bewohnern der 

Ansiedlung näher auf die Finger zu sehen. 

»Die Menschen müssen leben«, rechtfertigte er seine 

Landsleute. »Wir haben Kinder und alte Menschen hier, die 
nicht mehr arbeiten können, Senor. Von Banditos, die hier ein 
Versteck suchen, weiß ich nichts, und das bißchen Schmuggel 
tut doch keinem weh.« 

»Das kümmert mich auch nicht«, sagte Marley lächelnd, 

während die beiden anderen Sternträger sich ruhig verhielten 
und den Wirt beobachteten. »Mich interessiert, wo du die 
beiden Mörder und Bankräuber versteckt hältst, die vor einigen 
Tagen nach Huachuca kamen.« 

Die Knopfaugen schlossen sich unter krampfhaft zuckenden 

Lidern. 

»Ich weiß nichts von Banditos, Senor. Sie können mein Haus 

durchsuchen und werden nirgendwo einen fremden Gringo 
finden.« 

»Und einen bekannten Gringo?« 
»Nein, Senor, auch keinen bekannten. Ich schwöre bei allen 

Heiligen Mexikos, keine Banditos zu beherbergen.« 

»Laß mal die Heiligen aus dem Spiel, Greaser«, sagte Marley 

spöttisch. »Die haben Besseres zu tun, als dir zu helfen. Wo 
sind die beiden Kerle?« 

»In diesem Haus sind sie nicht.« 
Marley zwinkerte Buck und Larry mit dem rechten Auge zu. 
»Seht euch mal ein bißchen um, Jungs. Aber vorsichtig. Das 

Örtchen ist im Freien.« 

Tinatra und Osborn erhoben sich sporenklirrend und 

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verließen den Schankraum durch die Hintertür. Das Haus war 
nicht groß, hatte höchstens zwei Zimmer neben der Küche. 

Buck kam wieder herein, zuckte mit den Achseln. Als er sich 

setzte, legte er vor Marley eine leere Zündholzschachtel auf 
den Tisch. Larry, der zur Toilette und zu einem Schuppen 
gegangen war, kam schließlich auch und schüttelte den Kopf. 

Andrew Marley nahm die Schachtel in die Hand. Der 

Aufkleber zeigte einen Cowboy auf einem bockenden Pferd 
und die Aufschrift »CLAPP & MURRAY MATCHES – 
KANSAS CITY«. 

»Wo hast du das gefunden?« 
»Unter dem Bett im Hinterzimmer, Drew.« 
Marley schob dem Mexikaner das Ding über den Tisch. 
»Wie kommt es hierher? Streichhölzer dieser Art benutzen 

die Gringos aus dem Mittelwesten.« 

Der Mann wurde bleich wie ein Leinentuch. Dicke 

Schweißtropfen perlten von seinem feisten Gesicht. Seine 
Wurstfinger verschlangen sich ineinander und zitterten. 

Marley stieß ihm den Ellbogen zwischen die Rippen und 

fragte jovial: »Na, Fatty, wo sind sie? Raus mit der Sprache! 
Ich verspreche dir, daß ich unser Gespräch sofort vergessen 
werde.« 

»Keine Verhaftung, keine Anzeige, Senor?« 
»Keine. Nun?« 
»Sie waren hier. Ein bösartig blickender Mann mit einem 

rotbraunen Bart und ein anderer, der seinen Colt sehr tief trug. 
Ein Gringo-Pistolero, der das Reden dem anderen überließ.« 

»Übernachteten sie bei dir?« 
Der Mexikaner warf Buck Tinatra einen ängstlichen Blick zu 

und nickte. 

»Aber nur eine Nacht, Senor. Am nächsten Morgen ritten sie 

wieder davon, und ich dankte anschließend den Heiligen, daß 
sie es taten.« 

»Wohin ritten sie?« 

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»Der Bärtige sprach von Tombstone, aber ich glaube es 

nicht.« 

»Warum nicht?« 
»Weil sie von dort kamen. Christina belauschte sie. Sie 

sprachen von Tubac und einer Bank, die sie berauben wollen.« 

»Wer ist Christina?« 
Der Mexikaner deutete mit dem Daumen auf die Sängerin, 

die ihre Kastagnetten in den Fingern hielt, als wären sie 
eingerostet. Auch die Musiker starrten zu dem Tisch herüber 
und vergaßen ihre Instrumente. 

»Tubac also«, murmelte Marley nachdenklich. »Tubac, 

hm…« 

Larry fragte: »Ist was mit Tubac? Ein kleines Drecknest wie 

jedes andere im Südwesten.« 

Marley nickte, massierte sein hageres Kinn, nickte dem 

Mexikaner zu und murmelte: »Du kannst gehen, Greaser. Ich 
halte mein Wort und sperre dich nicht ein, weil du 
langgesuchte Verbrecher beherbergt hast. Bring mir noch ein 
Bier und gib deinen Musikanten einen Baconora auf meine 
Rechnung.« 

»Gracias, Senor. Auch Christina?« 
»Wenn sie mag…« 
»Bleiben wir die Nacht über hier?« wandte sich Larry an 

Marley. 

»Nein, wir kampieren draußen. Bis Tubac am Santa Cruz ist 

es noch ein gutes Stück. In einem Tag werden wir es nicht 
schaffen, bleibt uns nur die Nacht, wenn wir nicht wieder die 
Spur verlieren wollen.« 

»Hast du Angst, die Nacht hier zu verbringen?« 
»Das ist es nicht, Larry. Nein, es ist was ganz anderes. Weiße 

in einem Krieg oder in einem Zweikampf zu bekämpfen ist 
eine andere Sache als gegen Apachen anzutreten. Ich habe 
gehört, wie sie ihre Gefangenen behandeln. Mir wird übel, 
wenn ich nur daran denke. Ich bin kein Feigling, das wißt ihr 

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beide, aber…« 

»Aber?« unterbrach Buck Tinatra und sah den Marshal 

interessiert an. 

»Ihr habt sie noch nicht von ihrer blutigsten Seite 

kennengelernt«, fuhr Marley fort. »Ich zwar auch nicht, doch 
ich habe im Mittelwesten Zeitungen gelesen. Und was die über 
die Chiricahuas berichteten, war mehr als haarsträubend. Ich 
kann als Soldat einen Sturmangriff gegen feindliches 
Artilleriefeuer anführen, kann einen Gegner im Nahkampf 
ausschalten, im Duell einen Mann erschießen, aber deswegen 
bleibe ich doch ein Weißer. Aber dies hier zermürbt mich. 
Immer auf dem Sprung, einem lautlosen Pfeil, einem 
geschleuderten Stein oder einem geworfenen Messer 
auszuweichen – das macht mich schlapp und weich. Das ewige 
Warten, das Schweigen. Das Sterben von Menschen, die ihnen 
hilflos ausgeliefert waren. Es ist fast so, als stünde der Tod 
hinter jedem Strauch und griffe mit seiner Knochenhand zu, 
um den nächsten von uns an der Schulter zu berühren. Du 
könntest der nächste sein, Buck, oder ich, Larry oder sonstwer. 
Trinkt aus, wir reiten aus der Stadt. Draußen haben wir mehr 
Sicherheit und können ausweichen, wenn sie im Morgengrauen 
angreifen.« 

Der Mexikaner brachte das bestellte Bier. Drew Marley warf 

einen Dollar auf den Tisch, trank gierig das Glas aus, als hätte 
er tagelang keine Flüssigkeit zu sich genommen, stand abrupt 
auf und ging hinaus. 

Die beiden Sternträger Larry und Buck folgten ihm. Ein 

sichtbares Aufatmen ging durch die vier zurückbleibenden 
Menschen. 

Tubac hatte einen Sheriff. Als Teil des Cochise-Gebietes 
vertrat er die Belange des Sheriffs aus Tombstone. Als die drei 

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Sternträger in die Town ritten, lehnte Hot Clymer am Hitchrail 
vor der »Tubac First National Bank« und bohrte mit einem 
abgebrochenen Zahnstocher in seinen hohlen Zähnen. 

Er wurde erst munter, als er die Abzeichen von U.S.-

Beamten erkannte. Er löste sich von dem Halfterbalken und 
ging den Reitern entgegen. 

»Hallo, Sheriff! Heißer Tag heute, wie? Gibt's Neuigkeiten?« 
Clymer tippte sich an den Hut. 
»Hallo, Marshal! Neuigkeiten? Kommt darauf an, was Sie 

hören wollen. Steigen Sie doch ab und kommen in mein Büro.« 

»Zuerst die Pferde, Sheriff. Wo ist der Mietstall?« 
»Hinter dem Store, drei Häuser weiter. Gehört sozusagen 

dazu. Well, ich erwarte Sie.« 

Marley und seine Freunde brachten die ermüdeten Pferde in 

den Stall, rieben sie ab und versorgten sie mit Wasser und 
Körnerfutter. Breitbeinig schlurften sie durch den Staub der 
Main Street und suchten das Office. 

Sie fanden es in einem niedrigen Adobebau. Das Holzschild 

über der Tür war verblichen, die Scheiben waren blind vom 
Staub und die Vorhänge so gelb wie die Zähne eines 
Kettenrauchers. 

Als sie eintraten, erhob sich Hot Clymer von seinem 

wackligen Stuhl hinter dem total eingestaubten Schreibtisch. 
Marley sah sich um. Steckbriefe zierten die Wände. Neben 
dem Schreibtisch stand ein Gewehrständer mit drei Flinten. 
Am Huthaken hing ein Revolvergurt mit einem schweren 45er. 
Der Aktenschrank war leer – bis auf drei Whiskyflaschen. 
Clymer schien eine Vorliebe für starke Getränke zu haben. 

»Was führt Sie in dieses armselige Kaff, Gentlemen?« fragte 

Clymer und bot den drei Besuchern Stühle an. 

»Ich bin Drew Marley, U.S.-Marshal. Meine Deputys Larry 

Osborne und Buck Tinatra. Sie sind Hot Clymer, nicht wahr?« 

»Ja. Sie kennen mich?« 
»Nicht persönlich, Sheriff. Ist doch klar, daß ich nur von 

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Ihnen gehört habe. Ich suche nach zwei Outlaws, die sich Gus 
Gilkenny und Claude Atkins nennen.« 

Clymer dachte nach, schüttelte den Kopf, hielt damit inne 

und nickte schließlich. 

»Die Bankräuber von Bisbee, stimmt's? Die Burschen sind 

mir nicht unbekannt. Aber die Steckbriefe vom Bezirksgericht 
in Tombstone sind noch nicht da. Was ist mit denen?« 

»Sie sind in Tubac.« 
Clymer fuhr auf. 
»Ausgeschlossen! In den letzten zwei Wochen kam kein 

Fremder in die Stadt – außer Ihnen, selbstverständlich.« 

»Die sind aber hier, oder sie halten sich irgendwo in der 

Nähe auf. Wie sieht die Umgebung aus, Sheriff?« 

»Bis nach Nogales hinunter menschenleer und trocken. 

Ödland.« 

»Keine Farmen oder Ranches?« 
»Zwei oder drei, die uns hier mit Fleisch und Gemüse 

beliefern. Ich kann Ihnen wahrscheinlich da nicht weiterhelfen, 
Marshal.« 

Marley ließ sich nicht beirren. Er bohrte weiter: »Gibt es in 

der Umgebung von Tubac Bergwerke, Minen oder 
Schürfstellen, die von Diggern betrieben werden?« 

Bevor Clymer antworten konnte, krachten auf der Straße 

Schüsse. Laute Männerstimmen. Harte Stiefel trommelten auf 
dem festgetretenen Boden. Erneut peitschte es. Dröhnender 
Hufschlag entfernte sich. 

Drew Marley schlug sich vor die Stirn. Ahnungsvoll stand er 

auf. 

»Wenn das mal nicht…« 
Die Tür zum Office wurde aufgestoßen. Ein am Kopf 

blutender Mann kam hereingewankt, hielt sich am 
Aktenschrank fest und stammelte schreckensbleich: »Die Bank 
wurde überfallen, Sheriff! Herrgott, die Bank…« 

Er brach zusammen und wurde ohnmächtig. Marley und 

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seine beiden Freunde rannten hinaus. 

Vor der Bank ein großer Menschenauflauf. Alles schrie 

durcheinander, jeder wollte jedem Erklärungen geben. Der 
Marshal griff sich einen vorbeirennenden Mann und fragte 
hastig: »Haben Sie die Kerle gesehen, Bruder? Wie sahen sie 
aus? Wie viele waren es?« 

Der Mann wollte sich losreißen, sah aber den Stern auf 

Marleys Brust und beruhigte sich. 

»Es waren zwei, Sir. Der eine hatte einen roten Bart, der 

andere sah aus wie ein Gentleman aus dem Osten. Lassen Sie 
mich jetzt los.« 

Er hastete weiter, als wäre die Hölle mit all ihren Teufeln 

hinter ihm her. Sheriff Hot Clymer kam angestaubt und mußte 
die Notbremse ziehen, um nicht die Gruppe um Marley zu 
überrennen. 

»Etwas herausgefunden, Marshal?« 
»Ja, zwei Mann. Es sind die Strolche, die ich suche.« 
»Ich stelle ein Aufgebot zusammen, Marshal, und das…« 
Andrew Marley wehrte ab. 
»Bis dahin ist die Fährte schon wieder kalt. Außerdem halte 

ich nichts von einer Posse, die mehr an Spuren zertrampelt als 
sie Erfolg verspricht. Los, Jungs, wir folgen ihnen!« 

Aus dem Bankhaus stürmte ein völlig aufgelöster dicker Typ. 

Sein Haar war zerrauft, die Krawatte offen, und sein rechtes 
Auge prangte in den Farben eines Sonnenaufgangs. 

»Ich bin bestohlen worden!« jammerte er. »Zwanzigtausend 

Dollar! Mein Gott, das bedeutet meinen Ruin! Ich zahle 
demjenigen eine Prämie von Zweitausend, der mein Geld 
zurückbringt.« 

Marley stieß dem Sheriff sanft mit dem Ellbogen an. 
»Der Bankier?« fragte er. 
»Ja, Marshal. Wenn Sie frische Pferde brauchen, gebe ich 

Ihnen welche. Gute, ausgeruhte Tiere, absolut gebirgsfest und 
zuverlässig. Wollen Sie?« 

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»Okay, beeilen Sie sich, Sheriff. Wir bringen Ihnen die 

Pferde gelegentlich zurück.« 

Eine Viertelstunde danach ritten die drei Sternträger am 

Santa Cruz entlang nach Süden. Kaum hatten sie die Häuser 
von Tubac hinter sich gelassen, hielt Marley an und sprang aus 
dem Sattel. Aufmerksam suchte er den Boden ab. 

Larry und Buck blickten inzwischen über den Fluß. Larry 

sagte ziemlich trübsinnig: »Mann, Bruderherz, bei diesem 
vielen Wasser ist es ein Wunder, daß den Menschen in Tubac 
noch keine Flossen gewachsen sind.« 

Buck Tinatra verstand den Freund. Ein Witz bleibt immer ein 

Witz, auch wenn er auf maßlose Übertreibung basiert. Der 
Santa Cruz war nämlich so trocken wie die Kehle eines 
Säufers, der auf Enthaltsamkeit gesetzt worden war. 

»Wolltest du schwimmen, Larry? Tu's nur, du hast Zeit. 

Unser Marshal sucht inzwischen nach der Fährte, und das 
dauert bei ihm 'ne Weile.« 

»Trottel der Nation. Worin soll ich denn baden?« 
Marley unterbrach die Frotzelei der beiden. 
»Kommt doch mal von euren Kleppern runter und helft mir 

suchen. Wir müssen einen großen Kreis schlagen, Jungs. Larry 
links und Buck rechts herum.« 

»Hört, hört, sein großes Hühnerauge weint!« 
Sie stiegen ab und halfen dem Marshal bei der Suche nach 

der Spur. Larry fand sie weiter entfernt. Die zwei Banditen 
waren am Fluß entlanggeritten und dann nach Osten 
abgebogen. Nach ungefähr 400 Yards hatten sie wieder die 
Richtung geändert und waren nach Norden geritten. 

Auf diesem Weg mußten sie wieder an der Town 

vorbeikommen, deren Bank sie beraubt hatten. 

»Unverschämtheit!« brummte Marley, beschattete die Augen 

mit der Hand und starrte in nördliche Richtung. 

Wohin wollten die Kerle? Im Norden lag weiter nichts als 

das Green Valley, eine von Canyons und Arroyos zerrissene 

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Landschaft. Um zu entkommen, mußten sie Wasser haben, und 
gerade das gab es dort oben nicht. 

Gut, kurz hinter dem Green Valley lag Sahuarita, ein Nest, 

das ausschließlich von Mexikanern und »zahmen« Indios 
bewohnt wurde. Hier konnten sie Unterschlupf finden und 
abwarten, bis Gras über die Geschichte gewachsen war. 

Aber der Ritt über das Gebirge war weit mehr als nur eine 

Strapaze. An der ganzen Grenze wurde erzählt, daß das Land 
zwischen dem Santa Cruz und dem Sienega bis weit hinauf zu 
den Wildhorse Mountains von Apachen durchstreift wurde. 

Nicht nur Chiricahuas trieben sich hier herum, sondern auch 

Tontos, Netdahe, Pinal-Apachen und Mimbrenjos. Marley 
überlegte weiter. Nach Westen konnten sie nicht ausweichen. 
Auf der anderen Seite des Santa Cruz erstreckten sich 30 
Meilen weit die Sierrita Mountains, steinig und trocken wie der 
Mond. 

Marley stieg auf sein Pferd. Wie ein Feldherr vor der 

Schlacht gab er das Richtungszeichen an. 

Vor Sonnenuntergang stießen die drei Männer des Gesetzes auf 
eine Patrouille von über 20 Mann. Sie wurde von einem älteren 
Lieutenant angeführt, dem man die Trunksucht vom Gesicht 
ablesen konnte. 

Beide Trupps hielten an. Marley stellte sich und seine beiden 

Gefährten vor und erfuhr, daß der Offizier Koschewsky hieß, 
15 Dienstjahre auf dem Buckel hatte und das Saufen von 
seinen Eltern, die aus Polen gekommen waren, gelernt hatte. 

Nach dem üblichen Woher und Wohin erfuhr Marley, daß 

Häuptling Cochise tatsächlich überall zugeschlagen hatte, am 
frühen Morgen in Sonora eine mexikanische Stadt dem 
Erdboden gleichmachte und abends im oberen San-Pedro-Tal 
einen Farmer oder eine Militärpatrouille überfiel. Seine 

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Chiricahuas waren überall, und sie gaben weder Pardon noch 
verlangten sie welchen. 

»Gestern überfielen diese roten Bestien Naco, töteten über 

dreißig Mexikaner und griffen wenige Stunden später einen 
Warenzug an. Der wollte nach Tubac, kam aber nicht mal bis 
fünf Meilen hinter die Grenze.« 

»Das hört sich nicht gut an, Lieutenant«, sagte Marley 

zurückhaltend. 

Daß er und seine Freunde tags zuvor noch ganz in der Nähe 

der Überfälle gewesen waren, verschwieg er. 

»Unsere Armeeleitung und die Zivilverwaltung in Sonora 

sind ratlos. General Howard rauft sich die Haare und muß sich 
von Sherman Grobheiten sagen lassen. Es ist offensichtlich, 
daß die Armee mit der roten Plage nicht mehr fertig wird.« 

Der Marshal ließ den geschwätzigen Offizier weiterreden. Er 

unterbrach ihn nicht mal mit einer Handbewegung. 

»Arizona hat mit Sonora ein Abkommen getroffen, um der 

Apachenplage Herr zu werden. U.S.-Truppen dürfen bei der 
Verfolgung von Chiricahuas die mexikanische Grenze 
überschreiten und weit ins Land vordringen. Ist das nicht ein 
gewaltiger Fortschritt, Marshal?« 

»Ein ganz gewaltiger«, antwortete Drew Marley 

nachdenklich. »Sagen Sie, Lieutenant, sind Ihnen unterwegs 
zwei Reiter begegnet? Ich meine, haben Sie welche gesehen, 
die nach Norden reiten?« 

Lieutenant Koschewsky schüttelte den Kopf. 
»Verfolgen Sie die beiden?« 
»Es sind Bankräuber und Mörder, und sie haben keine 

Stunde Vorsprung. Bis hierher verfolgte ich ihre Spuren.« 

»Und jetzt haben Sie die Fährte verloren?« 
»Nein. Ich stieß auf Sie. Ich möchte nur wissen, ob Sie die 

Kerle sahen.« 

»Nein, Marshal, an uns ist niemand vorbeigekommen. Es 

kann sein, daß sie sich versteckten, als sie uns bemerkten. 

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Aber…« 

»Danke«, sagte Marley und tippte an den Hut. »Wir müssen 

weiter. Das Kriegsglück sei Ihnen hold, Lieutenant. Adios!« 

Marley ritt mit seinen Deputys an der Kolonne Blauhemden 

vorbei, die die Pause dazu benutzt hatten, sich Zigaretten zu 
drehen oder Pfeifen anzuzünden. Neugierige Blicke streiften 
die Sternträger. 

Eine Weile später stießen sie wieder auf die Fährte. Marley 

stieg aus dem Sattel und betrachtete sie. Als er aufblickte, lag 
ein grimmiger Glanz in seinen Augen. 

»Sie sind der Truppe ausgewichen und wieder auf den Weg 

gestoßen. Die Spur ist kaum eine Stunde alt. Ihnen nach, 
Jungs!« 

Larry klopfte sich auf den Bauch. 
»Leer wie die Hosentasche eines Tramps. Wie wär's mit 

einem gemütlichen Lagerplatz, einem warmen Essen und 
einem Eimer voll heißem Kaffee, Sternschlepper?« 

»Während wir essen, gehen sie uns durch die Lappen.« 
»Kein Gedanke daran, Mann des rostigen Ordens. Niemand 

geht uns durch die Lappen. Was hilft's, wenn ich vor Schwäche 
aus dem Sattel falle?« 

»Allmächtiger Manitu! Hast du das gehört, Bucky? Dein 

Spezi will die schöne Welt schon wieder verlassen, kaum erst 
angekommen. Später, Freßsack. Jetzt reiten wir erst mal 
weiter.« 

Die Gegend wurde felsiger und öder. Anspruchslose Disteln, 

Mesquite und Agaven wuchsen an Stellen, wo der Wind Sand 
zusammengetragen hatte. Die Sonne stand eine Handbreit über 
dem Gebirgszug im Westen und blinzelte trübe aus einem 
Lichthof. 

»Was haltet ihr davon?« fragte Marley und wies auf das 

Himmelsgestirn. 

»Ziemlich ungewöhnlich«, erwiderte Larry Osborne. »Ist mir 

auch schon aufgefallen. Verdammt will ich sein, wenn das 

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nichts zu bedeuten hat.« 

»Was könnte es bedeuten?« 
»Orkan, Blizzard, Schnee, was weiß ich.« 
»Es ist spürbar kälter geworden.« Buck betrachtete den 

Himmel. »Das grüne Licht will mir nicht aus dem Kopf. Bei 
jedem Sonnenaufgang, und das den dritten Tag.« 

Larry Osborne sagte: »Suchen wir uns besser eine Höhle 

oder einen geschützten Unterschlupf.« 

Marley sog prüfend die Luft ein. Er zuckte mit den Achseln 

und schüttelte dann den Kopf. 

»Weshalb eigentlich? Mann, wir haben Spätsommer. Um 

diese Jahreszeit bläst im Südwesten kein rauher Wind, weder 
im Himmel noch in der Hölle.« 

Aber auch er machte ein besorgtes Gesicht. Ständig drehte er 

den Kopf oder sah sich um. Es gab keinen Schutz in der kargen 
Landschaft. Kalt und abweisend wirkten Grate und Zinnen auf 
die Reiter. 

Die fahle Sonne zog sich weiter in einen Vorhang aus 

Wasserdampf zurück und ließ Grün nachfließen. Es strahlte 
etwas Unheimliches aus, das selbst hartgesottene Männer wie 
Marley und die beiden Freunde das Fürchten lehrte. 

»Wenn wir nicht an Tempo zulegen, geraten wir in einen 

furchtbaren Schlamassel«, sagte Buck mit einem Seitenblick 
auf die Sonne. 

»Wozu beeilen?« sagte Larry. »Schutz finden wir nirgendwo. 

Es ist also gleich, wo uns das Unwetter überrascht.« 

Es war Spätnachmittag. 
Um diese Zeit schien sonst die Sonne heiß wie ein Backofen. 

Es dunkelte bereits. 

Der Weg führte aufwärts. Die Pferde prusteten und 

schnaubten. Es war, als wäre die Luft dünner geworden. 

Larry Osborne warf einen Blick auf Buck Tinatra. Der 

Freund hatte dunkle Ringe unter den Augen. Sein Gesicht war 
schweißgenäßt und angespannt. 

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Die Situation der kleinen Gruppe verschlechterte sich von 

Minute zu Minute. Drew Marley kauerte vornübergebeugt im 
Sattel und fühlte, wie der Schweiß über sein Gesicht lief und 
seine Haut zu jucken begann. Es wurde immer dunkler. Das 
Geräusch der Pferdehufe entsprach dem trägen Rhythmus 
seiner Gedanken, die sich um die beiden Verbrecher vor ihnen 
drehten. 

Larry hielt manchmal den Atem an und betete zu Gott in 

seiner stummen, aber eindringlichen Sprache, daß der Weg 
bald ein Ende haben möge, auch daß das Unwetter ausbliebe. 
Aber das Unwetter kam. 

Auffrischender Wind trieb Sand, trockenes Unkraut und 

Tumbleweeds in den Hohlweg. Die Pferde wurden unruhig. Es 
war wieder still geworden, unheimlich still. Kein Lufthauch 
bewegte die dünnen Gräser und Unkrautstengel. Der Marshal 
warf einen verzweifelten Blick zum Himmel. Von der Sonne 
war nichts mehr zu sehen. Auch das Grünlicht war weg, wie 
von einem nassen Lappen vom Himmel gefegt. 

Wo die Sonne stehen mußte, kreiste ein Loch in der 

schwarzen Wand. Es drehte sich schneller, immer schneller, 
mit einer wahnwitzigen Geschwindigkeit und wurde von einer 
unsichtbaren Kraft vorwärtsgetrieben. 

Larry und Buck blickten verzweifelt in die Runde. Es gab 

keinen Unterschlupf. Der Hohlweg, durch den sie ritten, schien 
kein Ende zu nehmen. Wie ein dünner Schlauch schnitt er sich 
in die Berge hinein und führte ständig aufwärts. 

Das Unwetter setzte mit einem ohrenbetäubenden Schlag ein. 

Man hatte den Eindruck, als wäre damit der Weltuntergang 
angekündigt worden. Kaum war das Dröhnen verebbt, 
kündigten sich die ersten Zeichen des Unwetters an. Ein 
gigantischer Windstoß fegte über die Reiter hinweg. Die 
Wände des Hohlwegs hielten das meiste von ihnen ab, aber sie 
bekamen auch so noch genug zu spüren. 

Die Tagesschwüle verwandelte sich in eisige Kälte, die von 

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den Bergen herunterfegte und Menschen und Tieren das Mark 
in den Knochen zu gefrieren drohte. 

»Gleich geht's los«, sagte Marley keuchend. 
»Was, zum Teufel, geht los?« 
»Ich hab's in Montana erlebt«, antwortete Andrew Marley 

auf Larrys Frage. »Das ist ein ausgewachsener Blizzard, 
Jungs.« 

»Was losgeht, will ich wissen.« 
»Schneesturm, Eishagel, Orkan.« 
Der Sturm orgelte über ihnen und peitschte sie mit Sand und 

pflanzlichem Unrat. Die Reiter zogen die Köpfe ein und die 
Hüte fester. 

Emsig klapperten die Eisen der Hufe auf der Steigung. Es 

ging immer höher hinauf. Neben ihnen, auf dem rechten Hang, 
bogen sich Korkeichen, Pinien und Wacholder im Orkan. Der 
Sturm wurde so heftig, daß das Atmen zur Qual wurde. 

Und dann tat sich das reinste Inferno auf. 
Faustgroße vereiste Brocken fielen vom Himmel, schlugen 

Beulen und Wunden, rissen lange Schrammen in die 
unterkühlte Haut. Pferde und Reiter stöhnten unter dem 
höllischen Stakkato des Himmels, der alle seine Schleusen 
öffnete, Eis und Schnee wie das Strafgericht Gottes auf die 
Erde schleuderte. 

»Allmächtiger!« 
»Weiter!« 
Die Worte wurden ihnen von den Lippen gerissen. Grelle 

Blitze zuckten durch die Finsternis, zerfaserten sich wie 
Seilenden, fuhren krachend in Gipfel und Bäume und 
zerschlugen wie der Hammer Luzifers alles, was sich von der 
Erde abhob. 

Nebeneinander kämpften sich die Männer in dem breiter 

werdenden Hohlweg zur Mesa hinauf. Schnee knirschte unter 
den Tieren, und Schnee verklebte ihnen die Augen und Ohren. 
Der Temperatursturz machte allen jedoch am meisten zu 

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schaffen. Die Zähne der Männer klapperten, ihre Hände 
zitterten, und ihre Füße schienen wie abgestorben. 

Der Orkan holte Atem und ließ eine Pause eintreten. 
Sie waren fast oben auf der Mesa, aber alles, was sie sahen, 

war eine sterile weiße Fläche, aus der sich Klippen und Grate 
wie weiße Nasen verkappter Riesen abhoben. 

Der Marshal zügelte überrascht sein Pferd. Wie gesagt, der 

Orkan holte nur Atem. Durch die dünne Schneewand, die den 
Hohlweg von dem Plateau wie mit einem Vorhang trennte, sah 
er etwas Bewegliches. Eine farblose Masse stand wie ein 
mächtiger Klumpen in der düsteren Landschaft. 

»Großer Gott! Hat sich heute alles gegen uns verschworen?« 
»Ruhe!« befahl Marley. »Keine Panik, Jungs, das sind 

Apachen.« 

»Greifen sie uns an?« 
»Ich bin kein Hellseher. Aber wenn ich nicht irre, ist Cochise 

bei ihnen. Und was der nach den vielen Massakern an Weißen 
und Mexikanern tun wird, wissen die Götter.« 

Tatsächlich war Häuptling Cochise bei dem Pulk grimmig 

dreinblickender Wasserspeiergesichter. Wie aus Ton modelliert 
standen sie in der Schneenacht und starrten auf die Weißen. 
Ein einzelner Mann trat zur Seite. Groß und mächtig in der 
Statur, gab er mit Handzeichen Befehle. 

Wie ein Spuk verschwanden die Chiricahuas, und der 

Schnee, der wieder in großen Flocken einsetzte, verhüllte sie. 

»Mann, Mann. Noch nie in meinem Leben habe ich so 

gezittert.« 

Das sagte Larry. Es klang wie eine Befreiung von einem 

Alpdruck, wie das Amen nach einem langen Gebet. 

»Sie sind weg«, murmelte der Marshal. Er rieb sich die 

Augen, als hätte er noch nicht glauben können, daß sie wirklich 
allein in der verschneiten Wildnis waren. 

Sosehr er aber rieb und die Nässe des tauenden Schnees aus 

seinem Gesicht entfernte, das Bild blieb. 

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Kein Apache stand mehr auf der Anhöhe vor ihm. 

»Sind sie noch hinter uns?« fragte Gus Kilkenny. 

»Bestimmt«, erwiderte Atkins kühl. »Der Sternträger gibt nie 

auf.« 

»Wir müssen nach einem Unterschlupf suchen, Claude. 

Wenn der Orkan schlimmer wird, sind wir hier draußen 
erledigt.« 

»Das Risiko zu erfrieren oder erschossen zu werden, bleibt 

uns immer, Gus. Wenn sie uns in einer Höhle oder einem 
ähnlichen Versteck aufstöbern, können wir uns nicht mal 
wehren.« 

»Also weiter?« 
Atkins nickte. Vor sich auf dem Pferd hatte er die prallen 

Satteltaschen mit dem geraubten Geld liegen. Er hielt sie so 
fest, als hätte seine Seligkeit von dem Besitz des Geldes 
abgehangen. 

Kilkenny sah es. 
»Wirst du ehrlich mit mir teilen, Claude?« 
»Wie es vereinbart war: ehrlich und wahrhaftig.« 
»Ich glaube dir nicht.« 
Atkins zuckte mit den Achseln. »Dann laß es bleiben. Ich 

sagte ehrlich, wie es vereinbart wurde. Glaubst du, ich betrüge 
dich?« 

Er lenkte sein Pferd zu einer Nische im Fels, deren 

Überdachung wenigstens für kurze Zeit Schutz von oben bot. 
Er schwang sich aus dem Sattel. Sein Pferd führte er zu der 
abschließenden Felswand und füllte ihm den Futtersack. 

Hinter ihm knirschte das Geröll. Er fuhr herum, als eine 

mächtige Faust gegen sein Kinn prallte. Atkins fiel zurück und 
schlug mit dem Schädel gegen einen Stein. Fast wäre er noch 
von seinem eigenen Pferd getreten worden, das vor Angst 

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auskeilte. 

Als er sich aufrichten wollte, drückte ihn Kilkenny mit dem 

schweren Stiefel am Brustkorb nieder. Claude stöhnte, rollte 
zur Seite und richtete sich auf die Knie, als der Bandit wieder 
angriff. Kilkennys Fäuste, hart wie Granit, schlugen wie 
Hämmer zu. Er wurde wieder gegen die Wand getrieben. Sein 
Kopf prallte davon ab. Er hob die Fäuste und versuchte eine 
schwache Abwehr. 

»Du Hundesohn«, zischelte Gus Kilkenny, »höllischer 

Bastard! Du willst mich um meinen Anteil betrügen. Das 
prügele ich dir aus deinem verdammten Hohlkopf.« 

Atkins überlegte, ob er ziehen und schießen sollte. Er tat es 

nicht. Die Verfolger konnten schon nahe heran sein und sofort 
vermuten, daß bei den Flüchtenden etwas nicht stimmte. 

Kilkenny tänzelte vor ihm wie ein Boxer herum und fintete 

mit den Fäusten. Wieder schlug er eine Dublette nach Atkins. 
Der fing sie mit dem linken Arm ab. Kilkenny wurde durch den 
eigenen Schwung nach vorn gerissen, wobei sein rechtes Auge 
mit der Rechten von Atkins Bekanntschaft machte. Ein 
Schwinger fegte unter seine Gürtellinie und ließ ihn 
schwanken. Er stolperte mit rudernden Armen nach hinten, und 
Atkins setzte sofort nach. 

Ein gewaltiger Uppercut traf den kräftigen Outlaw am Kinn. 

Der Bandit sank nach vorn – in einen wuchtigen 
Aufwärtshaken. Er seufzte, verdrehte die Augen und ging 
vollends zu Boden. 

Atkins wich etwas zurück. 
»Du elender Narr«, fauchte er, »was fällt dir eigentlich ein?« 
Kilkennys Hand zuckte zum Revolver. Atkins war schneller. 

Er trat dem Banditen die Waffe aus der Hand, packte ihn und 
schlug ihm zweimal ins Gesicht. Dann zog er den Colt und 
drückte den Lauf gegen Kilkennys Bauch. 

»Du Schwein«, flüsterte er. »Es wäre mir ein Vergnügen, 

dich abzuknallen. Warum hast du mich angefallen?« 

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»Du willst mich betrügen.« 
»Du erhältst genau die Hälfte von der Beute, wie es zwischen 

uns abgemacht war.« 

»Lügner! Ich beobachtete, wie du die Satteltaschen 

krampfhaft festhieltest. Du willst den Zaster alles für dich.« 

»Den Teufel will ich.« 
Atkins trat zur Seite, den Colt im Hüftanschlag. Der bullige 

Kerl hatte ihn angeschlagen, und Claude merkte, wie seine 
Knie weich wurden. 

»Warum hast du das getan? Weißt du Idiot nicht, daß wir 

aufeinander angewiesen sind?« 

Kilkenny starrte ihn aus blutunterlaufenen Augen an. 

Bitterkeit umspielte seinen zerschlagenen Mund. 

»Das war der richtige Augenblick für dich, mich im Stich zu 

lassen und mit dem Geld zu verschwinden. Du hast es so 
geplant.« 

Atkins schüttelte den Kopf. War Kilkenny nicht mehr ganz 

richtig in seinem Oberstübchen? Er hatte nichts derartiges 
geplant. Nur die Flucht hatte er im Auge gehabt. Die Flucht 
nach Norden. Er konnte sich denken, daß eine Posse hinter 
ihnen her war. Außerdem folgten noch drei Sternträger ihrer 
Fährte. 

Kilkenny richtete sich mühsam auf, lehnte sich mit dem 

Rücken gegen den kalten Fels. 

»Tut mir leid«, murmelte er unter Schmerzen. »Da habe ich 

sicher was mißverstanden. Glaubst du, daß wir von hier 
wegkommen?« 

»Natürlich, du Dummkopf. Wenn wir uns aber weiter 

gegenseitig die Zähne einschlagen, bleiben wir auf der Strecke. 
Sie können nicht weit hinter uns sein. Das Ausweichmanöver 
beim Erscheinen der Soldaten hat uns zuviel Zeit gekostet, die 
sich nur schwer aufholen läßt. – Steh auf!« 

Kilkenny erhob sich unter Ächzen und Stöhnen. Ein 

Gedanke zuckte Atkins durch den Kopf. Besser noch: eine 

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innere Stimme: Paß in Zukunft etwas besser auf, was hinter dir 
ist, Claude. 

»Du willst doch bei diesem Unwetter nicht weiterreiten, 

Claude?« 

»Meinst du, der Marshal läßt sich von einem Blizzard 

abhalten, uns zu verfolgen? Trottel! Du machst es dir 
verdammt leicht, Mensch, und träumst am hellichten Tag. 
Junge, Junge, dein Gehirn ist nicht größer als das von einem 
Spatz. Und nur nicht zuviel anstrengen. Wenn du nur auf 
deinem fetten Hintern sitzen kannst…« 

»Immer auf mich«, unterbrach Kilkenny ihn sauer. Er sah 

aus, als hätte ihn ein Pferd getreten. »Warum ständig deine 
Nörgelei, Claude?« 

»Weil du ein dämlicher Hund bist, der sich nur auf seine 

starken Beißwerkzeuge verläßt, dabei aber vergißt, daß andere 
Hunde ebenfalls zupacken können. Wir reiten weiter.« 

»Ist das ein Befehl?« 
»Ich habe in unserer Partnerschaft nichts zu befehlen«, 

erwiderte der Revolvermann kalt. »Ich jedenfalls möchte noch 
eine ganze Weile leben. Und das kann ich nicht, wenn sie uns 
schnappen. Na los, schwing dich auf deinen Zossen.« 

Sie zogen sich in die Sättel und ritten in die schnee- und 

sturmtosende Nacht, die wenigstens ihre Gesichtsblessuren 
kühlte. 

Marshal Drew Marley stieß mit seinen Deputys auf die vom 
Weg abweichende Spur. Er hielt an, studierte die Hufabdrücke, 
die sich im Schnee deutlich abzeichneten. Lange starrte er zur 
Mulde in der Felswand hinüber. Sie lag wie eine aufgestellte 
Muschel vor seinen Augen und ebenso offen. 

Marley glitt trotz des Sturmes vom Pferderücken und ging zu 

Fuß ein Stück weiter. Nach wenigen Yards stieß er auf die 

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zurückführende Fährte, die sich nach Norden entfernte. 

Kühne Gedanken gingen dem Marshal durch den Kopf. 

Logische Gedanken, die sich in erster Linie auf das geraubte 
Geld bezogen. 

Waren die Banditen der Last überdrüssig geworden? 
Hatten sie das Geld dort drüben im Schutz der Wand 

verscharrt? 

Andrew reichte Larry die Zügel seines Pferdes und gab durch 

Gesten zu verstehen, daß er zu Fuß unter die überdachte 
Felswand gehen wollte. Aufmerksam blickte er sich um. Es 
gab außer Steinen und den Spuren nichts zu sehen. Sie hatten 
sich höchstens einige Minuten hier aufgehalten und waren 
weitergeritten. Daß sie sich bedroht und geprügelt hatten, 
konnte er auf dem harten Fels nicht erkennen. 

Er ging zurück, bestieg steifbeinig sein Pferd und trieb es an. 
Als hätte er damit ein Signal gegeben, setzte der Blizzard 

wieder mit voller Wucht ein und warf Unmassen von Schnee 
auf die drei Männer. Der Sturm heulte und orgelte wie die 
Seelen unzähliger Gemarterter. Dazu zuckten Blitze vom 
Himmel, als sollte die Welt in einer einzigen Nacht zerstört 
werden. 

Andrew Marley wischte die sich sinnlos im Kreis drehenden 

Gedanken beiseite. Sein Kopf dröhnte und machte es ihm 
schwer, logisch zu denken. Er starrte in die weiße Turbulenz 
und fragte sich, warum es die Banditen nicht an dem relativ 
sicheren Ort gehalten hatte. 

Dann blickte er rechts hoch und glaubte seinen Augen nicht 

trauen zu können. 

Was sich dort aus der weißen Wand treibenden Schnees 

langsam abhob, war ein Mensch mit einem Stirnband und 
langen Haaren. Der Krieger wirkte durch die Verzerrung 
überdimensional und fast so groß wie ein Riese. 

»Cochise«, murmelte der Marshal. »Schon wieder Cochise. 

Mein Gott, was will er nur von uns?« 

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Hinter ihm verwehte ein Zuruf Larrys im Sturm. Marley hob 

die linke Hand und gab das Verstanden-Zeichen. 

Der Häuptling stemmte sich dort oben auf der 

Felsenplattform gegen den Orkan und blickte nach Norden. 
Marley sah deutlich, wie er etwas über die Schulter rief. 

Krieger tauchten wie aus dem Nichts auf. Viele Krieger. Sie 

waren plötzlich da, als hätte sie der harte Fels einfach so 
ausgespuckt. Die Gruppe von 30 oder mehr Chiricahuas nahm 
Cochise trotz der erbarmungslosen Kälte in die Mitte, und alle 
starrten nach Norden. 

Was ist dort? fragte sich Marley. Er zügelte sein Pferd, 

bedeckte die Augen gegen die harten Schneekristalle mit der 
Hand und beobachtete die Apachen. Sie befanden sich kaum 60 
Fuß über ihm. Wahrscheinlich war da eine Plattform, ein 
Plateau aus Fels, das ihnen und ihren Pferden Raum bot. Aber 
weshalb standen sie dort und setzten sich der Kälte und dem 
Schneesturm aus? 

Inzwischen war es eisig geworden. Die drei Weißen hatten 

ihre Mackinaws aus der Deckenrolle gezogen und 
übergestreift. Wie die Indianer auf dem Plateau die Kälte 
ertrugen, war dem Marshal ein Rätsel. Sie trugen lediglich ihre 
dünne Wüstenkleidung und dazu sehr hochschäftige 
Mokassins, die bis an die Knie reichten. 

Die Chiricahuas starrten noch immer in nördliche Richtung 

und machten keine Anstalten, sich vor dem Schneesturm zu 
schützen oder den erhöhten Punkt zu verlassen. 

Buck Tinatra kam an Marleys Seite. Er beugte sich im Sattel 

zur Seite und brachte seinen Mund nahe an Marleys Ohr. 

»Haben die es auf uns abgesehen, Drew?« 
»Glaube ich nicht. Cochise hat uns längst entdeckt. Er würde 

sich nicht zeigen, wenn er etwas gegen uns unternehmen 
wollte.« 

»Ich glaube, daß nun alle unsere kleinen Probleme aus der 

Welt geschafft werden. Mann, Drew, es wird mir ein 

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Vergnügen sein, die Apachen-Squaws zu beobachten, die sich 
mit Feuer und Messer über die Banditen hermachen.« 

Larry, der seinen Kopf rübergeneigt und mitgehört hatte, 

erbleichte. Er biß sich auf die Unterlippe und wandte das 
Gesicht wieder dem Orkan zu. Ein saurer Geschmack stieg in 
seiner Kehle hoch. 

Marley überdachte noch einmal die Chancen, die sie hatten, die 
Banditen zu fangen. Sie hatten gut gestanden, bis die 
Chiricahuas aufgekreuzt waren. Was Cochise beabsichtigte, 
war nicht klar. Sein Verhalten war rätselhaft. 

Hatte der Jefe es sich anders überlegt? 
Wollte er auch die Männer des Gesetzes aus seinem Land 

haben? 

Ein dicker Eisenring schien Marleys Brust zu peinigen. Er 

zog die Schultern in den dicken Mackinaw und richtete sein 
Gesicht im aufkommenden Trotz dem Orkan entgegen. Harte 
Schneekristalle marterten seine Haut, doch es störte ihn nicht. 

Immer war es die Einbildung, die ihm und anderen Weißen 

so große Schwierigkeiten bereitete. Das Ereignis selbst war 
weniger furchterregend als der Gedanke daran. Und Cochise 
hatte diesen schwachen Punkt bei den Weißen entdeckt. 
Marley war es klar, daß der legendäre Häuptling jede nur 
gegebene Chance ausnutzte, um sein Land von dem »weißen 
Ungeziefer« zu befreien. 

»Sie sind weg!« brüllte Larry. 
Sie waren tatsächlich verschwunden. Marley sah nicht einen 

einzigen Indianer dort oben und trieb sein Pferd wieder an. Je 
höher sie kamen, desto stärker wurde der Orkan. 

Und dann ritt der U.S.-Marshal, auf ein weites, 

geröllbedecktes Feld, das sich voraus in der grauen 
Dämmerung der Nacht ins Uferlose verlor. Vor seinen Augen 

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erstreckte sich die Fährte wie mit einer Schnur gezogen. 

Marley warf einen flüchtigen Blick nach rechts. Keine 

Rothaut war zu sehen. Sie waren verschwunden, als hätten sie 
sich in Luft aufgelöst. Zuerst glaubte er an eine Halluzination. 
Schließlich gelangte er zu der Überzeugung, daß er nicht mal 
einen Hufabdruck von ihnen finden würde, wenn er danach 
suchte. 

Apachen verstanden es meisterhaft, sich unsichtbar zu 

machen und alle Spuren zu verwischen. Selbst bei einer 
fußhohen Schneedecke. 

Marley parierte erneut sein Pferd. Buck und Larry schlossen 

auf. Hier oben auf der Mesa tobte der Sturm mit 
unverminderter Gewalt. Die Sicht betrug kaum zehn Yards. 

»Wir müssen weiter!« brüllte Drew. »Weiter! Wenn der 

Schnee die Spuren bedeckt, ist für uns die Jagd zu Ende.« 

»Dann werden wir gejagt, Andrew«, schrie Larry zurück. 

»Bei Gott, Drew, wenn sie mich je verwunden und lebend 
erwischen sollten, hebe bitte eine Kugel für mich auf. Vergiß 
es nicht.« 

Marley nickte, deutete auf ein hervorragendes Felsmassiv, 

das nur eine dünne Schneebedeckung aufwies. Der Orkan war 
so stark hier oben, daß er die Eiskristalle wieder mit sich 
fortriß. Am Fuße der Formation sah er eine schwache 
Bewegung, die gleich darauf wieder vom Schneetreiben 
verdeckt wurde. 

»Wir haben sie!« stieß der Marshal begeistert hervor. 
Der Orkan wurde schwächer und lichtete seinen Vorhang aus 

weißen Kristallen. Für wenige Sekunden herrschte Stille. 
Bevor der Blizzard wieder einsetzte, hatten die drei Sternträger 
genug gesehen. 

100 Yards hinter den Felsen standen über zwei Dutzend 

Apachen in einem weiten Halbkreis. Unterhalb des wie eine 
Kerze in den Himmel ragenden Gesteins lagen zwei tote 
Pferde. Pfeile spickten die Kadaver. Dahinter lehnten zwei 

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Männer mit Gewehren in den Armbeugen an der glatten Wand. 

Die Entscheidung war gefallen. 
»Absteigen!« schrie Marley in den wütend aufheulenden 

Sturm. 

Larry packte seinen Arm, riß den Marshal zu sich herum. 

Sein Gesicht wirkte bleich und verzerrt. 

»Die rechnen damit, daß wir uns möglichst gegenseitig 

umbringen, um dann über diejenigen herzufallen, die das Duell 
überlebten.« 

Drew schüttelte den Kopf. Die gnadenlose Kälte biß ihm in 

die Haut und machte seine Finger klamm. 

»Glaube ich nicht, Larry. Cochise hat sie für uns gestellt. 

Sieh doch, die Rothäute denken nicht daran einzugreifen. 
Wenn die Sache hier erledigt ist, verschwinden sie, ohne uns zu 
belästigen.« 

»Dein Wort in Gottes Ohr, Drew.« 
»Cochise weiß, daß der Erfolg einer Verbrecherjagd bei 

einem solchen Unwetter zweifelhaft ist. Er griff ein, um uns zu 
helfen. Los, Jungs, wärmt eure Hände! Jetzt wird's ernst.« 

50 Meilen östlich von jener Stelle, wo der Tod grinsend seine 
Sense schärfte und mit dem Teufel um die Seelen der 
Duellanten pokerte, stampften vermummte Posten durch das 
Zeltlager, wo General Oliver O. Howard residierte. 

Das große Lager duckte sich unter dem Sturm wie Hunde, 

die die Peitsche ihres Herrn erwarteten. Nur in Howards Zelt 
war noch Licht. Der schwache Schein der Kerosinlaterne drang 
durch die schneebedeckten Wände wie eine Wintersonne durch 
eine Wolkenbank. 

Stimmen drangen aus dem Zelt – mürrische, verhaltene, 

grobe und befehlende. Hin und wieder blieb der Posten auf 
seinem Rundgang stehen, um zu lauschen. Es interessierte ihn 

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nicht, was der General mit seinen Offizieren zu besprechen 
hatte, er lauschte nur aus Gewohnheit und um die Zeit 
totzuschlagen. Lange hielt er es im Stehen sowieso nicht aus. 
Wenn die Kälte in seinen Beinen hochkroch und sein Körper 
steif zu werden drohte, mußte er sich wieder in Bewegung 
setzen, um das Blut schneller durch die Adern zu pumpen. 

»Lieutenant George Bascom hat mit einem unüberlegten 

Streich alles zunichte gemacht, worum ich monatelang kämpfe, 
Gentlemen.« 

Howards Stimme klang gereizt. Er war es auch. Die 

Meldungen über die zahlreichen Massaker an Weißen und 
Mexikanern nahmen überhand und Formen an, die das 
Blutvergießen des ersten Guerillakrieges weit in den Schatten 
stellten. 

Die grollende Stimme fuhr fort: »General Sherman will 

wissen, wie wir die Lage an der Apachenfront wieder in den 
Griff kriegen. Kennen Sie, meine Herren, eine Antwort 
darauf?« 

»Nein, Sir«, sagte Colonel White, während er seine 

Stiefelspitzen anvisierte. 

Walmann dagegen warf seinen markanten Schädel brüsk in 

den Nacken und erwiderte ziemlich scharf: »Sir, von uns aus 
war alles getan worden, was in unserer Macht stand. Mit 
Verlaub… General Sherman soll sich an Brevet General West 
und Colonel Brigham von Fort Buchanan wenden. Die beiden 
sind für alles verantwortlich, was sich zur Zeit im Südwesten 
abspielt.« 

»Warum ausgerechnet Colonel Brigham? Ich halte ihn für 

einen ausgezeichneten Offizier.« 

»Er ist verantwortlich für diesen Lieutenant Bascom und den 

Weißenhasser Ward. Es mußte ersichtlich gewesen sein, daß 
Ward log.« 

Howard ließ seinen gesunden Arm unwillig auf den Tisch 

sinken. 

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»Gentlemen, Vorhaltungen bringen uns keinen Schritt weiter. 

Die Armee beging Fehler, ohne Zweifel. An uns liegt es jetzt, 
diese Fehler nicht fortzusetzen. Ich erwarte Ihre Vorschläge.« 

Howard sah White an. Der schüttelte den Kopf. Howard ließ 

seinen Blick kreisen. Walmann schüttelte ebenfalls den Kopf 
und preßte die Lippen zusammen. Nur John Haggerty, 
Chiefscout der Siebenten, wich diesem Blick nicht aus. In 
seinen hellen Augen lag mehr als Trotz, schon fast Widerwillen 
und Verachtung. 

»Sie fragen mich, Sir?« 
»Haggerty, ich frage Sie«, war die kurze Antwort des 

Kommandierenden Generals. Howard hob kaum die Stimme, 
wenn er es mit dem Scout zu tun hatte. Er wußte warum. 

John Haggertys Verhältnis zu Cochise war schon immer 

unklar gewesen und neuerdings durch Millers Eskapade bei der 
Apacheria sehr gestört. 

Wenn Cochise den Scout auch ehrenhalber »Falke« nannte, 

so tat er dies nur im Kreis seiner Familie und nie vor seinen 
Kriegern. Unbestreitbar war der Apachen-Häuptling ein 
ausgezeichneter Diplomat und Heerführer. Eine verlorene 
Schlacht bedeutete nichts. Auch weiße Generäle hatten 
Schlachten verloren, ohne daß die Öffentlichkeit groß 
Aufhebens davon gemacht hätte. 

»Ich kann Ihnen nicht helfen, General. Wenn ich mich bei 

Cochise blicken lasse, bin ich meinen Skalp schneller los, als 
ich bis drei zählen kann. Tut mir leid, in die Chiricahuaberge 
gehe ich nicht.« 

Howard machte eine bedrückte Miene, was recht gut zu dem 

Schweigen paßte, das sich im Zelt ausbreitete. Nur die Schritte 
der Wachtposten im knirschenden Schnee und das Atmen und 
Bullern des Kerosinofens in der Zeltecke waren zu hören. 

Oliver Howards blaue Augen waren mit einem bittenden 

Ausdruck auf Haggerty gerichtet. John ließ den Kopf hängen. 
Er dachte an zwei Dinge, die ihn seit Wochen beschäftigten. 

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Curt Millers Tod am Marterpfahl wollte ihm nicht aus dem 

Sinn gehen. Für was hatte sich Curt bereit erklärt, sein Leben 
sinnlos zu opfern. Denn daß das Unternehmen glücken könnte, 
konnte und durfte der erfahrene Scout nicht annehmen. 

Aber da war noch etwas, was seine Gedanken fesselten: 

Cochises Schwester Tla-ina. Das Gesicht dieses schönen 
Apachenmädchens ging John nicht aus dem Kopf. Sie kannten 
sich noch nicht lange und hatten auch nur einige Worte 
miteinander gewechselt. Zu wenig, um mehr als eine Episode 
daraus herzuleiten. 

Trotzdem mußte John Haggerty ständig an dieses 

wunderbare Mädchen denken. Im Wachen und im Schlafen 
erschien sie ihm, lockte mit Fingerzeichen und mit der 
stummen Augensprache. Ihm war klar, daß er sie wiedersehen 
mußte, selbst wenn es ihm bei einem solchen Treffen ans 
Leben ging. 

Howards ruhige Stimme riß John Haggerty aus einer 

Traumwelt, die nur wenig der abgehärteten Art dieses Mannes 
entsprachen. John hob den Kopf und sah Howard an. Die 
Offiziere neben ihm verhielten sich ruhig. 

»In die Chiricahuas werden Sie nicht gehen, Mr. Haggerty? 

Ich denke, das erübrigt sich auch. Cochise hat seine 
Bergfestung in die Dragoons verlegt und sich mit dieser 
Absetzbewegung zunächst den Rücken gegen 
Überraschungsangriffe freigehalten.« 

»Wer will ihn angreifen?« 
»Wir, die Armee.« 
»Ist das Ihre Absicht, General?« 
»Nein. Aber das weiß er nicht. Er muß vermuten, daß wir 

eine Strafexpedition in die Berge schicken. Immerhin hat er's in 
den letzten Wochen zu toll getrieben. Ich würde mich nicht 
wundern, wenn er kurz über lang in die Sierra Madre in Sonora 
ausweicht und dort erst einmal abwartet, bis Gras über seine 
Taten wächst.« 

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»Sie glauben also, daß ich so naiv bin, in die unwegsamen 

Dragoons vorzustoßen, General? Großer Irrtum. Ich wüßte 
nicht einmal, wo ich ihn zu suchen hätte.« 

Howard bekam Oberwasser. Er war sich klar, daß Haggerty 

in Lebensgefahr schwebte, wenn er in dem riesigen Gebirge 
herumirrte und Cochises neue Bergfestung suchte. Aber der 
Ton des Scouts hatte plötzlich nicht mehr so abweisend 
geklungen, und diese Stimmungsänderung mußte er 
schnellstens ausnutzen. Er griff in die Tasche seines 
Uniformrocks und zog ein zusammengefaltetes Papier heraus. 

»Von Fort Bowie und von Fort Buchanan trafen 

gleichlautende Meldungen ein, Haggerty. Hier, lesen Sie.« 

Er schob das Blatt dem Scout über den Feldtisch und 

beobachtete ihn, während John die Nachricht las. 

Haggerty berührte seinen Hals. Die Angst stand deutlich in 

seinem Gesicht. Er legte das Papier auf den Tisch und starrte 
die beiden Colonels an. White und Walmann senkten die 
Blicke. 

»Wir blasen aus dem letzten Loch, Chiefscout«, sagte 

Howard beschwörend. »Wenn es uns nicht gelingt, Cochise zur 
Räson zu bringen, ist es aus mit dem stolzen Apachenvolk.« 

»Wollen Sie etwas Bestimmtes damit sagen, General?« 
Howard nickte. 
»Sherman und Sheridan tragen sich mit der Absicht, mich 

durch General Crook ablösen zu lassen. Das sagt Ihnen doch 
genug, oder nicht? Crook wird meine humane Linie nicht 
weiterverfolgen. Er braucht Erfolge, wenn er im Südwesten 
den Befehl übernimmt. Sie verstehen?« 

Haggerty blinzelte müde und ein wenig gereizt in das 

flackernde Kerzenlicht. 

Draußen tobte der Blizzard. John hatte tiefe Ringe unter den 

Augen, und die Wildlederkleidung hing schlaff um seinen 
Körper. 

»Wohin werden Sie in einem solchen Fall versetzt, 

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General?« 

»Das Oberkommando will mich ins Sioux-Gebiet nach 

Dakota schicken. Auch dort ist ein neuer indianischer Messias 
auferstanden und schickt sich an, die Weißen aus seinem Land 
zu vertreiben.« 

»Das wäre schlimm, Sir, sehr schlimm für die Chiricahuas«, 

sagte John schleppend. »Ich glaube, das hat Cochise auch nicht 
verdient. Die Weißen machen ihn nur so schlecht, und er ist 
durchaus nicht der reißende Wolf, für den sie ihn immer 
hinstellen.« 

Der General breitete die flachen Hände aus. Eine hilflose 

Geste, ja, aber eine, die die Lage der Armee in diesem 
Landesteil kennzeichnete. 

»Sie, Haggerty, könnten die Situation vielleicht retten. Ich 

verlange nicht von Ihnen, daß Sie allein oder mit einer 
Handvoll indianischer Scouts in die Dragoons reiten. Nein, 
nein, dazu ist mir Ihr Leben viel zu wertvoll. Ich denke 
vielmehr an einen Mann, der mit dem Jefe noch enger 
befreundet ist als Sie.« 

John winkte ab. »Sie reden von Thomas Jeffords, nicht 

wahr?« 

»Richtig. Cochise und er sind so etwas wie Blutsbrüder, 

oder?« 

Haggerty lachte bitter. »Das war einmal, Sir. Nach den 

Vorfällen beim Paß, als Bascom, dieser Grünschnabel, 
Cochises männliche Sippe hängen ließ, und der verlorenen 
Schlacht gegen die California Volunteers dürfte dem Häuptling 
nicht mehr viel an der Freundschaft der Weißen gelegen sein.« 

»Es muß einen Weg geben, Haggerty. Ich schilderte Ihnen 

die Situation, die nie so ernst wie in diesem Augenblick war. 
Der Schneesturm wird morgen oder übermorgen vorbei sein. 
Für Schnee ist die Jahreszeit noch nicht weit genug 
fortgeschritten. Reiten Sie hinauf zum Paß und sprechen Sie 
mit Mr. Jeffords. Ich bitte Sie um diese Gefälligkeit, Mr. 

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Haggerty.« 

»Eine Gefälligkeit, die mein Leben kosten kann, Sir.« 
Johns Stimme klang düster und ablehnend. 
»Ich bin keine Spielernatur, General. Aber möglicherweise 

ist das Risiko immer noch besser, als hier zu sitzen und auf 
etwas zu warten, was nie eintreffen wird.« 

»Darf ich Ihre Worte als Zustimmung auffassen, John 

Haggerty?« 

Der Scout strich sich über sein gewelltes braunes Haar und 

antwortete: »Bleibt mir ein anderer Weg, General? Ich glaube 
nicht. Was die Armee versiebte, muß ein kleiner Scout wieder 
in die Reihe bringen. Wenn sich der Blizzard gelegt hat, reite 
ich zum Paß.« 

White und Walmann standen auf und drückten Haggerty fest 

die Hand. 

Sturm und bittere Kälte hatten zugenommen, schnitten Weißen 
wie Roten ins Fleisch und unterkühlten ihr pulsierendes Blut. 
Larry Osborne hatte die Pferde nach hinten gebracht und an 
dorniges Gestrüpp gebunden. Ihnen durfte nichts passieren. 
Ohne Pferde waren sie dem Unwetter und dem rauhen Land 
hilflos ausgeliefert. 

Zu dritt stemmten sie sich gegen den Orkan und schützten 

mit den Händen ihre Augen gegen die peitschenden Flocken. 
Marley ging in der Mitte. Ein entschlossener Zug lag auf 
seinem stoppelbärtigen Gesicht. Larry schien bleich unter der 
gebräunten Haut zu sein. Ob vor Kälte oder aus Angst vor den 
Apachen, wer wußte es schon. Buck Tinatra schienen weder 
Kälte noch Indianer zu interessieren. Er stampfte wie ein Bulle 
durch den hohen Schnee und hatte nur Augen für die Gegner. 

Aber die Erkenntnisse, daß der sichere Tod in Form von 

heißem Blei oder geschwungenen Skalpmessern auf sie 

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wartete, lähmte sie alle drei. Marley warf einen langen Blick zu 
den Chiricahuas hinüber. Die Indianer standen mit starren 
Mienen im Halbkreis und schienen nicht zu frieren. 

Cochise war vor die Front getreten. Neben ihm stand Naiche. 

Der Häuptling sah nicht zu ihnen herüber. Er blickte auf einen 
Ring vereister Büsche, die am Fuß der aufragenden Felswand 
wucherten. 

Marley konnte sich nicht auf die Dinge konzentrieren, die 

den Häuptling interessierten. Die Kälte drang ihm bis auf die 
Haut. Er brachte es einfach nicht fertig, seine Gedanken zu 
konzentrieren. 

Höchstens noch 20 Yards trennten die Sternträger von den 

Outlaws. 20 Yards, von denen jeder den Tod bringen konnte. 
Inzwischen waren es nur noch 18 Yards. Die kurze Distanz bis 
zum sicheren Verderben, wenn es ihnen nicht gelang, schneller 
als die beiden Desperados zu sein. 

15 Yards… 
Cochise schien Marshal Marley zu fixieren. Was ging im 

Gehirn des Häuptlings vor? Bewunderte er die Weißen, die in 
diesem Land das Gesetz vertraten und sich für das Gute 
einsetzten? Andrew wußte das nicht. 

In diesen Situationen blieb nicht einmal die Zeit, darüber 

nachzudenken, weil er sich nur auf das eine konzentrieren 
mußte, auf das, was ihm bevorstand. 

Das Duell im Blizzard nahm seinen Anfang. Wie mochte es 

enden? 

Gab es nicht doch noch eine Möglichkeit, die Schießerei zu 

verhindern? Marley blieb stehen, hielt mit ausgetreckten 
Armen Larry und Buck zurück. Er legte die Hände 
trichterförmig an den Mund und rief: »Ergebt euch, Atkins! 
Wenn ihr noch einen Funken Verstand im Kopf habt, dann laßt 
die Gewehre fallen und kommt uns entgegen. Ich sichere 
beiden eine faire Gerichtsverhandlung zu.« 

»Und wenn wir das nicht tun?« 

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»Dann werden wir es hier und jetzt miteinander 

ausschießen.« 

»Ein für allemal, Blechstern.« 
»Atkins, überlegt es euch! Ich gebe euch noch zehn 

Sekunden Zeit, dann kommen wir und holen euch!« 

Kilkenny schrie: »Geh zum Teufel, Blechstern! Lebend 

kriegst du mich nicht.« 

»Dann eben tot. Das Gesetz hat euch gestellt, und das Gesetz 

wird euch richten, weil es in diesem Augenblick das Recht 
vertritt.« 

»Was willst du damit sagen?« 
»Daß Recht und Gesetz eins sind, auch wenn keine Jury euch 

aburteilt.« 

»Ach, fahr zur Hölle, Bastard!« 
Marley setzte sich wieder in Bewegung. Er spürte die Kälte 

über seine Beine in den Körper kriechen. Der Gefahr, 
unbeweglich zu werden, durfte er sich nicht aussetzen, wenn er 
in diesem Duell überhaupt eine Chance haben wollte. Der 
Revolverschwinger war schnell, und er verstand auch zu 
treffen, selbst bei einem solchen Höllenwetter. 

Kilkenny dagegen war nur ein brutaler Mörder, der selbst 

noch einem verwundeten Hund in den Rücken schoß, weil er 
Angst vor dessen Zähne hatte. 

»Atkins, nimm deine Chance wahr und tritt wenigstens zur 

Seite!« rief der Marshal. Der Sturm riß ihm die Worte förmlich 
von den Lippen. 

Atkins trat nicht zur Seite. Mit zusammengepreßten Lippen 

schüttelte er den Kopf. Kilkenny verlor die Beherrschung und 
schlug das Gewehr an. Atkins folgte diesem Beispiel und nahm 
Druckpunkt. 

Das war das Signal für die Sternträger. 
Drei Hände zuckten blitzschnell nach unten. Drei Fäuste 

kamen beinahe gleichzeitig mit den schweren Revolvern 
wieder hoch. Drei Läufe richteten sich auf die Desperados. 

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Fünf Schüsse fielen gleichzeitig. 

Das war alles. 
Das Duell war zu Ende, ehe es richtig begonnen hatte. Atkins 

war von Larrys Kugel gegen den Felsen geschleudert worden. 
Das Gewehr fiel in den Schnee. Der Revolvermann versuchte 
instinktiv den Revolver zu ziehen, um mit dieser Waffe eine 
Wendung herbeizuführen. Doch der Tod war schneller. Der 
Outlaw starb im Stehen. 

Gus Kilkenny wurde von zwei Kugeln getroffen. Er knickte 

ein, wollte das Gewehr noch einmal hochreißen, um 
wenigstens einen der Gegner mit auf die lange Reise zu 
nehmen. Doch es blieb bei der Absicht. Er eilte auf 
unsichtbaren Füßen dem Teufel in die Hölle entgegen. 

»Aufpassen!« warnte Marley schrill. 
Buck und Larry wirbelten herum, die Revolver im 

Hüftanschlag. Außer den Schneeflocken sahen sie nichts. 

»Die Apachen!« schrie Drew Marley mit größter 

Anstrengung, doch der Orkan schluckte jeden Laut. Buck und 
Larry erkannten die Gefahr am wilden Gestikulieren des 
Marshals. 

Sosehr sie auch ihre Augen anstrengten, sie sahen keine 

Apachen. Die Stelle, wo sie lauernd und abwartend gestanden 
hatten, war leer. 

»Sie – sie sind tatsächlich verschwunden«, stammelte Larry. 

»Du hattest recht, Drew, du hattest wirklich recht. Cochise hat 
ihnen nur den Weg verstellt, damit sie das Gesetz erreichen 
konnte.« 

Gemeinsam gingen sie zu den Toten. Atkins lag auf dem 

Rücken. Seine gebrochenen Augen starrten in den wirbelnden 
Flockentanz. Kilkenny war vornüber gefallen und lag auf dem 
Gesicht. Buck drehte ihn herum. Noch im Tode klammerte er 
sich an den Gewehrschaft, als wollte er die Waffe mit ins 
Jenseits nehmen. 

Marley sah ein Stück entfernt die Satteltasche mit dem 

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geraubten Geld im Schnee. Er ging hin, nahm sie auf und 
reinigte sie. Als er sie öffnete, sah er die gebündelten Noten. Er 
schloß sie wieder und stampfte zu seinem Braunen. 

Mit drei Pferden am Zügel kam er zurück. Larry und Buck 

blickten ihm entgegen. Buck deutete auf die Toten. 

»Bringen wir's hinter uns, Andrew?« 
»Wie?« 
»Was meinst du?« 
»Der Boden ist hart gefroren.« 
»Machen wir ein Steingrab wie die Hokokams«, sagte Larry 

und wölbte die Hände, um es deutlich zu machen. 

Wegen des Sturmes standen sie eng an den Felsen 

geschmiegt, trampelten mit den Füßen, um den Blutkreislauf 
intakt zu halten, und schlugen die Hände um den Körper. 

»Was weißt du von den Hokokams, Larry?« 
»Eine ganze Menge, Drew. Man findet ihre Spuren überall in 

Arizona und Neu Mexiko. Die Apachen nennen sie 
ehrfurchtsvoll die Uralten. Machen wir's wie sie und bauen den 
Lumpen ein Steingrab. Verdient haben sie es nicht, das weiß 
ich, aber wir sind Christen und wollen als solche handeln.« 

Marley nickte. 
»Einverstanden«, sagte er. »Steine gibt's ja genug hier.« 
Gegen Mitternacht flaute der Orkan ab. Das Orgeln und 

Jaulen hörte auf und fing erst am frühen Morgen wieder an. 

Marley und seine Freunde hatten die halbe Nacht gearbeitet 

und die beiden Toten bestattet. Die andere Hälfte hatten sie 
damit verbracht, ein kleines Feuer hundertmal anzuzünden und 
zuzusehen, wie es der Sturm hundertmal wieder ausblies. 

Es war eine mörderische Nacht, die ihnen die letzte Kraft 

raubte. Am Morgen – es war keineswegs heller geworden – 
gelang es ihnen, hinter aufgeschichteten Steinen ein Feuer 
anzuzünden, um sich wenigstens eine heiße Tasse Kaffee 
aufzubrühen. 

Es gelang. 

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Eine Stunde später schwangen sie sich in die Sättel, nachdem 

sie ihre Pferde tüchtig gefüttert hatten. Der Hohlweg nahm sie 
wieder auf und schützte sie vor dem größten Schneetreiben. 

Ohne Aufenthalt ritten sie nach Süden. Am Santa Cruz 

stießen sie auf eine Militärpatrouille, die nach Fort Buchanan 
zurückritt. Ein Captain führte sie an und war trotz des wieder 
zunehmenden Orkans bereit, zu einem kurzen Gespräch 
anzuhalten. 

Als sie sich nach einer Viertelstunde trennten, war Marley 

auch nicht schlauer als vorher. Er blickte den davonreitenden 
Soldaten nach und ritt wieder an, als er sie aus den Augen 
verlor. 

Je weiter sie nach Süden kamen, desto mehr ließ der Orkan 

nach. Der Schneefall aber setzte nicht aus. Große Flocken 
trieben im Orkan waagerecht gegen die Reiter. Es war ein 
Wunder, daß sie die Orientierung nicht verloren. 

Noch vor der Abenddämmerung gelangten sie in die Nähe 

der Stadt. Marley erkannte es an dem großen Arroyo, dessen 
Kiesbett in den Santa Cruz mündete. Als er die ersten Häuser 
vor sich sah, parierte er sein müdes Pferd. 

»Ihr beide seid jetzt reiche Männer«, sagte er und klopfte auf 

die Satteltasche. 

Larry hielt neben ihm, Buck dahinter. Larry entgegnete: »Es 

ist nicht unser Geld, Blechstern. Reite weiter.« 

»Zehn Prozent davon gehören euch.« 
»Zehn Prozent? Richtig, das war die Belohnung, die der 

Bankier aussetzte. Dann aber zehn Prozent durch drei.« 

Der Marshal zwirbelte seinen eisverkrusteten 

Texasschnurrbart und lächelte. 

»Ich bin Beamter und darf keine Belohnung annehmen. Aber 

ihr, Jungs, habt es euch ehrlich verdient.« 

»Okay, überlassen wir's dem edlen Spender«, murmelte Buck 

von hinten. »Reiten wir, Freund. Ich brauche was Heißes in 
meinen Magen, damit ich das Knurren nicht mehr hören muß.« 

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Larry drehte sich im Sattel um. Die Spannung, die ihn 

während der Verfolgung im Indianerland im Griff gehabt hatte, 
war gewichen. Der Schalk saß in seinen Augen. 

»Immer nur fressen, fressen und wieder fressen. Das liegt 

wohl an diesen zwei Köpfen, Buck? Zwei Köpfe, zwei Mäuler, 
leider aber nicht zwei Gehirne.« 

»Armleuchter! Wer hat zwei Köpfe?« 
»Du.« 
Buck tippte sich an die Stirn. 
»Dich hat's wohl erwischt, he? Armer Kerl. Marshal, was 

fangen wir mit dem kleinen Spinner an?« 

Marley zuckte mit den Achseln und wartete auf Larrys 

Pointe. Daß etwas kommen mußte, war ihm klar. Es kam. 

»Wetten, daß du zwei Köpfe hast, Buck? Wette um etwas, 

und ich werde dir anschließend beweisen, daß du der Spinner 
bist und nicht ich.« 

Buck tippte wieder an seine Stirn, ging jedoch auf den Spaß 

ein. 

»Okay, ich verwette meinen Anteil an der Belohnung und 

stelle hiermit fest, daß ich nur einen Kopf habe, dazu einen 
hübschen.« 

Marley grinste still in sich hinein. Er war gespannt, wie sich 

Larry aus der Affäre zog. 

»Blechstern, hast du gehört? Einen hübschen, hat er gesagt. 

Einen hübschen Holzkopf – klar. So, jetzt werde ich dir 
beweisen, daß ich recht habe und danach deinen Anteil an dem 
Zaster kassieren. Kopf und Kehlkopf, Junge – sind das keine 
zwei Köpfe?« 

»Hahahaha!« machte Buck bärbeißig. 
Er trat vom Sattel aus nach Larry, der sein Pferd schnell aus 

der Reichweite des Beines brachte. 

»Kommt, Jungs, treibt euren Blödsinn im warmen Saloon. 

Mir kriecht langsam der Frost ins Gebein.« 

Marley trieb seinen Braunen an und sah wenig später die 

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ersten Häuser aus dem Schneetreiben auftauchen. 

John Haggerty ging noch während der froststarren Nacht in 
seine Unterkunft zurück. Der Auftrag gefiel ihm nicht. Wenn 
Cochise sein Hauptquartier in den Dragoons aufgeschlagen 
hatte, war es nicht leicht, das Versteck auf Anhieb zu finden. 

Auch konnte John beim besten Willen nicht sagen, ob sich 

Thomas Jeffords bereit erklärte, ihm zu den Chiricahuas zu 
folgen. Jeffords' Verhältnis zu Cochise war seit Bascoms 
Hängepartie beim Paß sicherlich nicht mehr so gut, daß er dem 
Häuptling ohne Vorankündigung oder dessen Einwilligung 
gegenübertreten konnte. 

Wie auch immer, Haggerty fühlte sich nicht wohl in seiner 

Haut. Zu viele Dinge waren in der letzten Zeit geschehen, die 
alles außer Kontrolle brachten und das Verhältnis zwischen 
Weiß und Rot trübten. 

Cochises Niederlage beim Paß mußten ihm erneut 

klagemacht haben, wie gefährlich die Weißen waren, und daß 
sein Volk zum Untergang verurteilt war, ohne daß er oder die 
Tapferkeit seiner Krieger diese Entwicklung aufhalten konnten. 

Cochise mußte wieder seine alte Taktik anwenden und einen 

Guerillakrieg führen. Aus dem Hinterhalt zu kämpfen lag den 
Apachen mehr, als sich in offener Feldschlacht zu stellen. Sie 
waren Wüsten- und Gebirgsbewohner und keine 
Prärieindianer, die hoch zu Roß, die Streitaxt in der Faust, 
gegen die Front der Widersacher anrannten. 

John spürte die grausame Kälte, die ins Fleisch schnitt, den 

Winddruck und den peitschenden Schnee, der auf seiner 
Gesichtshaut prickelte. Und er hörte den gefrorenen Harsch 
unter seinen Stiefeln knirschen. 

Aber seine Gedanken waren weit fort. Vor seinem geistigen 

Auge sah er ein schmales Gesicht, das sich braun und glatt über 

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den Wangenknochen spannte. Und er sah zwei volle, weiche, 
nachgiebige Lippen. Er sah Tla-ina, Cochises Schwester, vor 
sich. 

Als John seine Unterkunft betrat, schlug ihm eisige Kälte 

schmerzhaft entgegen. Er ging zum Kerosinofen und zündete 
ihn an. Bald darauf strahlte die dünne Blechwand Wärme und 
Geborgenheit aus. Er bewohnte sein Zelt allein und genoß die 
Stille, die nur vom Heulen des Orkans unterbrochen wurde. 

Müde und nachdenklich warf er sich auf sein Feldbett, ohne 

die Stiefel auszuziehen. Zwei gute Gründe hatten ihn bewogen, 
das Himmelfahrtskommando anzunehmen. Nicht die Weißen 
und General Howard taten ihm leid. Nein, bewahre. Cochise 
und dessen Kriegern galt sein Mitgefühl. 

Die Weißen hatten diesen großen indianischen Heerführer, 

dessen Name zu Lebzeiten bereits Legende war, gejagt, 
verraten und gedemütigt. Und als er, dieses Lebens 
überdrüssig, zurückschlug, wurde er als Wilder, als Barbar und 
kaltblütiger Killer hingestellt. 

John kannte die Geschichte der Chiricahuas. Er hatte sie vom 

ersten Tag an miterlebt und zu steuern versucht. Er und Curt 
Miller, der Scout, der einer Dummheit wegen sein Leben hatte 
lassen müssen. 

Miller war am Marterpfahl gestorben. Er, Haggerty, lebte 

und war nicht bereit, einer zweiten Dummheit wegen ebenfalls 
sein Leben einzubüßen. Cochise war nicht gut auf Weiße zu 
sprechen, nachdem man fast seine ganze Sippe umgebracht 
hatte. 

John starrte auf die niedrige Zeltdecke und überlegte sich, 

wann der Stoff unter der Schneelast zerreißen mochte. Die 
Stunden vergingen qualvoll langsam. Seine Gedanken 
erschöpften sich. Hatte es Sinn, ein Programm für sein 
Vorgehen aufzustellen? 

Er stand auf, ging zu einem flachen Schrank. John Haggerty 

trank selten, aber in dieser sturmdurchtosten Nacht brauchte er 

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einen Drink. Er füllte sich das Glas halbvoll mit Red-Eye, 
einem gewöhnlichen Soldatenwhisky. Mit einem einzigen 
Schluck schüttete er den scharfen Alkohol hinunter. 

Mit dem Glas in der Hand ging er zum Zelteingang, löste die 

Verschlußspangen und öffnete die Klappe. Der Himmel war 
heller geworden. Ein neuer Tag brach an. Was brachte dieser 
Tag? 

Die Front an der Indianergrenze war erstarrt. Von den nahen 

Forts Buchanan und Bowie zogen Patrouillen durch die Lande. 
Aber Chiricahuas waren nie dort, wo Patrouillen ritten. 
Chiricahuas kämpften vom Gebirge aus, und dorthin ritten die 
Langmesser nicht. 

John zuckte unwillkürlich zusammen. Der Hornist blies zum 

Wecken. Hell schmetterte das Trompetensignal durch den 
aufglimmenden Morgen und wurde vom Orkan zerrissen. 

Der Scout ging zum Küchenzelt, empfing seine 

Morgenration an Kaffee, Brot und Fleisch, Fett und Jam, und 
kehrte zufrieden in sein Zelt zurück. Als er gefrühstückt hatte, 
verließ er seine Unterkunft und arbeitete sich stampfend zu den 
Stallzelten im hinteren Teil des Lagers. 

Der Corporal der Stallwache kannte ihn gut und sattelte 

immer die besten Pferde für den Chiefscout. 

»Heute ausreiten, Chief? Bei diesem Sauwetter?« 
»Wenn der Sturm nachläßt, Wilson. Ist der Braune mit der 

Blesse und der tiefen Brust frei?« 

»Für Sie immer. Sie sagen mir rechtzeitig Bescheid, wenn 

Sie ausreiten wollen. Wohin soll's denn gehen?« 

»Zum Paß. Ich muß mit Thomas Jeffords ein paar Worte 

unter vier Augen reden.« 

»Ach? Sie sind befreundet, stimmt's?« 
»Nun ja«, sagte Haggerty und grinste. »Jeffords ist schon ein 

prima Kerl, wenn auch manchmal etwas eigenwillig. Also 
dann, so long, Pferdebändiger!« 

Sie lachten beide, Wilson laut und herzlich. John Haggerty 

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ging wieder und stemmte seinen Körper gegen den Sturm. Von 
Norden sah er eine vierspännige Kutsche in das Lager rollen. 
Sie kam bis zum Zentrum und hielt vor dem Besprechungszelt 
der Offiziere. 

John blieb stehen und bedeckte seine Augen gegen den 

prickelnden Schnee mit der Hand. Der Kutscher stieg ab, 
öffnete den Verschlag und ließ einen Offizier aussteigen. 

Brevet General West. 
»Zur Hölle mit dem Bastard!« murmelte Haggerty wütend. 
Seit Millers Tod war John nicht mehr gut auf West zu 

sprechen. Der Scout wußte, daß West vom Oberkommando 
kam und einen ganzen Sack voll Weisheiten mitbrachte, die 
nichts taugten. Die Lehren aus West Point waren an der 
Indianerfront im Südwesten so sinnlos wie der ganze  Krieg 
gegen die Apachen. 

Übernächtigt und müde suchte Haggerty sein Zelt auf und 

legte sich auf das Feldbett. 

Drei Sternträger staksten durch den hohen Schnee auf der 
Main-Street. Die Adobe- und Feldsteinhäuser lagen klein und 
geduckt unter den weißen Massen. Vor der Bank standen zwei 
Männer und unterhielten sich trotz des kalten Wetters. 

Als sie die drei Gesetzesvertreter sahen, wichen sie zurück 

und lösten die Gruppe schnell auf. Marley betrat zuerst die 
Bank. Er knallte die Satteltasche auf den Abfertigungstresen 
und winkte den Clerk heran. 

»U.S.-Marshal Andrew Marley, Sohn der großen 

Geldscheine. Stell man 'ne Quittung über zweitausend Flöhe 
aus. Dalli, Mann! Ich möchte nicht in diesem gottverlassenen 
Kaff versauern.« 

Der magere Clerk starrte ihn an, als hätte Marley ihm etwas 

über die Beschaffenheit des Mondes erklärt. 

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»Zweitausend? Wofür, Marshal? Bei Gott, wir haben keine 

fünfhundert Dollar mehr in unserem Geldschrank, wie soll ich 
da zweitausend lockermachen?« 

»Mach auf und zahl, Mensch!« 
Er öffnete die Schatulle der Satteltasche und stülpte sie um. 

Geldpäckchen rutschten heraus und häuften sich auf dem 
Tisch. Der Clerk bekam Augen wie ein Karpfen auf dem 
Trockenen, stieß einen Schrei aus und rannte davon. Kurz 
darauf kam er mit einem Befrackten zurück, der die Schöße 
seines Prince-Albert-Rocks wie einen Kometenschweif hinter 
sich herwehen ließ. 

Beide standen andächtig vor dem Geld und falteten die 

Hände wie im Gebet. Marley fragte angewidert: »Kann ich 
endlich die Quittung über Zweitausend unterschreiben?« 

»Ich bin Martin Bellmann«, erklärte der Befrackte und 

reichte Marley die Hand. 

Der Marshal brummte: »Freut mich. Noch mehr freut es 

mich aber, wenn Sie die zweitausend Mäuse auf den Tisch 
blättern und…« 

»O ja, Sir. Selbstverständlich. Ich bot eine Belohnung für die 

Wiederbeschaffung der geraubten Summe. Die Banditen sind 
also tot?« 

Marley rieb mit Daumen und Zeigefinger. »Wird's bald?« 
Bellmann hob abwehren die Hände. »Zuerst müssen wir das 

Geld zählen, Sir. Das ist bei uns Prinzip. Schließlich sind wir 
ein Bankunternehmen und kein Warenhaus.« 

»Wie lange dauert das?« 
»Eine Stunde – oder mehr, Sir.« 
Marley registrierte das Zögern und den Widerwillen in dem 

Bankier, von dem zurückgebrachten Geld eine Belohnung 
abzweigen zu müssen. Wütend sagte er: »Verdammt und 
zugenäht, so lange warte ich nicht. Ich habe Hunger. Kommt, 
Jungs, lassen wir den Gentlemen sich am Zaster ergötzen, wir 
schlagen uns inzwischen die Bäuche voll.« 

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Er warf einen mitleidigen Blick auf die beringten, gierig 

zitternden Hände, die im Geld wühlten und die 
Banknotenbündel zu stapeln begann. Der Marshal sagte 
grimmig: »Mr. Bellmann, wir kommen in einer Stunde wieder? 
Es gibt kein Kneifen und Verzögern. Kapiert? Zweitausend auf 
den Tisch, dann erst sind Sie uns los.« 

Der Bankier sah ihn lauernd an. 
»Dürfen Gesetzesbeamte Prämien annehmen, Marshal?« 
»Gesetzesbeamte nicht, aber meine beiden jungen Helfer 

hier. Sie sind mitgeritten, weil ich verwundet bin, und sie 
halfen, Ihr Geld wieder zurückzuholen. Bye, bye!« 

Er stampfte wütend hinaus. Der Geiz des Bankiers erstickte 

ihn förmlich. Auf der Straße zerrte der Orkan wütend an seiner 
Kleidung und machte ihn noch wütender. In der Mitte der Main 
Street blieb er stehen, deutete auf eine Cantina und zog fragend 
die Brauen in die Höhe. Als Buck und Larry nickten, stampfte 
er durch den Schnee und stieß die Schwingtür auf. 

»Essen!« befahl er dem hereineilenden Wirt. »Viel Essen 

und heiß wie die Hölle. Dazu einen Eimer voll Kaffee für 
jeden! Dalli, Behüter voller Flaschen!« 

»Si, Senor, si.« 
Der mexikanische Wirt und eine alte Indianerin mit Zöpfen, 

die fast zum Boden reichten, schleppten heran, was Küche und 
Keller für verwöhnte Gringos hergaben. 

Dazu gab es schwarzen Kaffee, der noch einen Schuß heißer 

als das Höllenfeuer war, Baconora und Pulque. Besonders dem 
Baconora sprachen die Freunde fleißig zu, und so blieb es nicht 
aus, daß sie nach einer Stunde einen tüchtigen Rausch hatten. 
Marley stand auf, zahlte und schwankte zur Tür. 

Der Orkan hatte nachgelassen. Es schneite zwar noch, aber 

nicht mehr so stark. Feiner, körniger Schnee bedeckte die Main 
Street und rutschte hier und da unter Donnergetöse von den 
schrägen Dächern auf die Straße. 

Drew Marley steuerte die Bank an. Als er die Tür aufstieß, 

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kam ihm der Clerk strahlend entgegen. 

»Liegt alles bereit, Sir, abgezählt und gebündelt. Die 

Quittung unterschreiben Sie bitte.« 

Er schob dem Marshal ein ausgefülltes Papier hin und hielt 

einen Federhalter und Tinte bereit. 

»Sachte, sachte, Junge«, sagte Marley und drückte die Hand 

mit dem Federkiel zur Seite. Trunken wandte er sich um und 
winkte Larry und Buck. 

»Na los, trabt an, heut ist Zahltag!« 
Arm in Arm, sich gegenseitig stützend und schiebend, 

torkelten die beiden Streckenreiter an die Barriere. 

Der Marshal schob ihnen die Banknotenbündel zu. »Zählen«, 

sagte er trocken und mit schwerer Zunge. »Die beiden 
Geldhaie trauten uns nicht, wir nicht ihnen. Zählt schnell, 
damit wir herauskommen.« 

»Aber Gentlemen, das ist doch nicht nötig«, sagte der Clerk 

entrüstet. »Ich versichere Ihnen, das Geld stimmt bis auf den 
letzten Schein.« 

»Still, Junge, ganz still!« zischelte Marley. »Wenn ein 

Scheinchen fehlt, schieße ich dir zuerst beide Ohren ab, dann 
die Nase, schließlich noch…« 

»Was noch?« lallte Larry, dem der Schalk schon wieder im 

Nacken zu sitzen schien. 

Torkelnd drehte sich Marley um. »Was noch…? Well, was 

können wir ihm denn noch alles abschießen, Blutsbruder? 
Das…« 

»Nein, das nicht«, wehrte Larry grinsend ab. »Das braucht er 

noch. Hmm, braucht er's wirklich? He, Junge, brauchst du es 
noch? Sag die Wahrheit, Kleiner. Ich werde dann unserem 
Meisterschützen sagen, daß er es genau trifft.« 

»Jesus Christus!« stammelte der Mann schreckensbleich. 

»Ich weiß wirklich nicht, wovon die Gentlemen sprechen.« 

Larry stieß Marley die Fingerspitze gegen die Brust. 
»Hast du gehört, Drew, er weiß nicht, wovon wir sprechen.« 

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Während sie sich unterhielten, torkelten sie hin und her und 

hatten Mühe, sich halbwegs gerade auf den Beinen zu halten. 
Buck zählte und zählte, verzählte sich und begann wieder von 
vorn. Fluchend schob er schließlich die Banknotenbündel zu 
Larry. 

»Mach du's, Kleiner. Ich glaub, ich hab'n Schluck zuviel – 

hick – zuviel – getrunken.« 

Larry stieß Marley den Ellenbogen in die Seite, kroch am 

Tresen entlang, nahm die Banknoten und stopfte sie in die 
Satteltasche. 

»Hast du das gesehen, Drew? Buck ist besoffen, genau wie 

du.« 

»Nur du bist nüchtern, eh?« 
»Ich bin der einzige Nüchterne in dieser Runde, klar? Buck 

kann nicht mal mehr das Geld zählen…« 

»Du zählst es doch auch nicht«, unterbrach der Marshal ihn. 

»Großer Gott, hat uns der verdammte Spitzbube was in den 
Schnaps getan?« 

»Was sagst du, zählen?« Larry drehte sich mühsam zu 

Marley um. »Mensch, habe ich 'ne Meise unter meinem Pony? 
Auf ein paar Flöhe kommt's doch nicht an. Wir gehen jetzt 
zusammen in die Cantina und lassen die Puppen tanzen.« 

Das Schneetreiben ließ nach. Der Sturm hatte sich ausgetobt. 
Ein Reiter trabte durch den Schneematsch und nahm Richtung 
auf den Apachen-Paß. Corporal Wilson hatte John Haggerty 
das beste Pferd aus der Remuda gegeben. Der Fuchs trabte 
ausgeruht in den hellen Tag und schnaubte höchstens mal 
unwillig, wenn er in eine Pfütze trat und das Wasser bis zu 
seinem Maul spritzte. 

Ein Gewirr von Schluchten tauchte vor John auf, der im 

Reiten seinen dicken Mackinaw auszog und hinter seinem Sitz 

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unter die Deckenrolle schob. Es wurde wieder warm, und der 
viele Schnee, der gefallen war, taute in der stechenden Sonne. 

Diesen Teil der Chiricahua Mountains kannte er nicht so gut 

wie den südlicheren. Er war von Dos Cabezas aus in das 
gleichnamige Vorgebirge der Chiricahuas eingedrungen und 
sah Fort Bowie im Osten auf einer steinigen Anhöhe liegen. 

Er lächelte. Bestimmt beobachteten sie ihn durch ihre Gläser 

und fragten sich, was ein einzelner Weißer in dieser trostlosen 
Bergwelt zu suchen hatte. Einmal glaubte er sogar die 
Trompete zu hören, die zu irgend etwas blies. John tätschelte 
dem Pferd den Hals und sprach ein paar Worte mit ihm. Es 
spielte mit den Ohren. 

John Haggerty ritt dem Mittag entgegen. Am Nachmittag 

war er schon tief in der Stille der Bergwelt und hielt bei einer 
Quelle an. Rechtzeitig genug fiel ihm ein, daß auch Apachen 
Quellen aufsuchten. 

John führte sein Pferd wieder zurück und steuerte einen 

schmalen Seitencanyon an, vor dessen Eingang etwas 
Manzanita und Mesquite wuchs. John trieb den Fuchs durch 
das Dickicht, drang ein Stück in den Canyon vor, schwang sich 
aus dem Sattel, beschwerte die Zügel mit einem Felsstück und 
huschte davon. 

An der Quelle war alles ruhig. John schlich ein Stück weiter, 

suchte dabei den Boden ab. Außer Hasen- und Vogelspuren 
gab es jedoch nichts an Abdrücken zu sehen. 

Trotzdem… 
Wie so oft in den letzten Monaten verspürte er ein seltsames 

Druckgefühl in der Magengegend. Hinter einem 
Wacholderbusch blieb er sichernd liegen. John hörte etwas, 
war sich aber nicht klar darüber, was es sein mochte. Es klang 
wie beschlagene Hufe auf hartem Grund – wie Glockenläuten. 

Der Scout rührte sich nicht. Sein Ziel war der Apachen-Paß, 

die Station der Butterfield Overland, Thomas Jeffords. Das 
Wacholderkraut strömte einen würzigen Duft aus. Das Läuten 

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wurde lauter, deutlicher. Eine Karawane bog weit hinten in den 
Canyon ein und nahm Richtung auf die Paßstraße. 

Haggerty zählte sechs Mulis und vier Treiber. Sie waren 

ausschließlich Mexikaner mit breiten Wagenrad-Sombreros, 
kurzen Jacken und engen, geschlitzten Hosen. 

»Burro!« schrien sie. »Burro! Burro!« 
Sie zogen in kaum 100 Yards Entfernung an Haggertys 

Versteck vorbei. Er blickte der kleinen Karawane lange nach. 
Sie verschwand hinter dem langen Steinhang im Südwesten. 

Das warme Gefühl wurde der Scout nicht los. Und dann sah 

er das nahende Unheil. Lautlos bewegten sich die Chiricahuas 
den Canyon hinunter, sichernd wie große Raubtiere auf der 
Jagd. Sie hielten kurz an, bevor sie in das Buschwerk 
eindrangen, das unterhalb des Hanges wuchs. 

John wußte, daß die Tropa verloren war. Er konnte nichts für 

die armen Teufel tun, die blind in ihr Unglück tappten. Er sah 
jede Phase des Massakers, das sich dort drüben an der 
Schrägwand anbahnte. Ein struppiger Schädel schob sich hinter 
einem Gebüsch hervor. Ein Colt entlud sich krachend. Die 
Kugel schleuderte den Apachen in das Dickicht zurück. 

Haggerty preßte die Lippen zusammen. Das sinnlose Morden 

ekelte ihn an. Er wollte seinen Revolver ziehen, unterließ es 
aber, weil er sich die Gunst der Chiricahuas nicht verscherzen 
durfte. Seine Mission stand im Vordergrund, ein Vorhaben, das 
Hunderten von Weißen und Mexikanern das Leben retten 
konnte. 

Der Schuß des Tropaführers war Signal für den Kampf. 

Schüsse fielen in schneller Reihenfolge, begleitet von den 
vielfachem Echo in der Bergwelt. Pfeile zischten. Die Indianer 
schrien: »Zastee! Tötet! Zastee!« 

Tapferkeit und Mut halfen den mexikanischen Pistoleros 

nichts. Der erste sank vom Pferd, von einem Pfeil tödlich 
getroffen. Die restlichen drei verschanzten sich hinter toten 
Mulis und deren Packen und eröffneten blindwütig das Feuer 

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auf die Apachen. 

John warf einen Blick zur Anhöhe hinauf – und zuckte 

zurück. Zwei graugekleidete Gestalten in hohen Mokassins und 
Kittelhemden leiteten den Angriff und dirigierten ihre braune 
Truppe so geschickt, wie es ein weißer Heerführer nicht besser 
hätte machen können. 

John sah noch einmal hin. Den Indianer neben Cochise hielt 

er zuerst für Victorio. Doch schließlich erkannte er, daß es sich 
um Chihuahua handeln mußte, einem der blutdürstigsten 
Chiricahuas vom Stamm der Natdahe. 

Wie gesagt, die Tapferkeit und der Todesmut halfen den 

Mexikanern nicht viel. Unter wütendem Geheul setzten die 
Rothäute zum Angriff an. Wie große Raubkatzen huschten sie 
von Deckung zu Deckung. 

Ein Messer zischte durch die Luft und traf einen Mexikaner. 

Sein Finger krümmte sich um den Abzugbügel. Eine Kugel traf 
seine Stirn, und er ging für immer zu Boden. 

Wenige Minuten später war alles vorbei. Die Mexikaner 

wurden skalpiert, die lebenden Mulis mit den Lasten 
fortgetrieben, die Toten den Geiern und Bussarden überlassen. 

Haggerty sah wieder nach oben. Mit Erschrecken stellte er 

fest, daß Cochise ihn entdeckt hatte. Ihre Blicke kreuzten sich. 
Eine drohende Kälte lag in dem des berühmten Häuptlings. 

Wenn Cochise seine Hunde auf ihn losließ, war er verloren. 

Übergangslos verschwand der Jefe auf der Anhöhe. Chihuahua 
stand noch eine Weile und beobachtete das Gelände zu seinen 
Füßen. Aber plötzlich war auch er wie vom Erdboden 
verschluckt. 

John Haggerty blieb eine lange Weile in seiner spärlichen 

Deckung liegen und rührte sich nicht. Erneuter Hufschlag ließ 
ihn ohne ersichtlichen Grund zusammenzucken. 

Sie kamen, um auch ihn zur Hölle zu schicken. Aber dann 

vernahm er das Traben beschlagener Hufe und seufzte 
erleichtert. Blauröcke kamen durch den Canyon. Sie hielten 

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ihre Gewehre schußbereit in den Händen und sicherten 
wachsam nach allen Seiten. 

John zählte zwölf Dragoner unter Führung eines 

milchbärtigen Offiziers, stand auf hinter seiner Deckung und 
stieß einen gellenden Pfiff aus. Gut geschult drehten sich die 
Soldaten zu ihm herum. John starrte in elf Gewehrmündungen 
und in einen Revolverlauf. 

»Kommen Sie her, Mann!« 
Haggerty folgte dem Befehl. Die Patrouille war 

wahrscheinlich aus Fort Bowie und kannte ihn nicht. Er mußte 
vorsichtig sein, daß er nicht aus Versehen erschossen wurde. 

Vor der Front der jungen Soldaten blieb John stehen. Der 

Lieutenant war wirklich noch ein Milchbart und Greenhorn. 
Aber er hatte einen älteren Corporal bei sich, der mindestens 
seine zehn Dienstjahre an der Indianerfront auf dem Buckel 
hatte. 

»Ha, Mann, wer sind Sie? Haben Sie geschossen?« 
Haggerty grinste. »So viel Schüsse auf einmal? Lieutenant, 

ich gab nicht einen einzigen Schuß ab.« 

»Aber wir hörten doch…« 
»Ja, ja«, unterbrach der Scout ihn. »Alles hat seine 

Richtigkeit. Reiten Sie nur ein Stück weiter, dann sehen Sie die 
Bescherung.« 

»Wer sind Sie, und wie kommen Sie allein in diese Einöde?« 
»Ich bin John Haggerty, Chiefscout der Siebenten und auf 

dem Weg zum Apachen-Paß.« 

»Oh, Haggerty! Tut mir leid, Sir. Sie stehen im Rang eines 

Captains, nicht wahr, wie Al Sieber?« 

»Al ist Major, Lieutenant, und ich bin es ebenfalls. Aber 

darüber wollen wir jetzt nicht reden. Haben Sie Spaten bei 
sich?« 

Der junge Offizier schüttelte den Kopf. 
»Um ein paar tote Mexikaner zu begraben. Sie wurden von 

Chiricahuas ausgelöscht. Wir werden ihnen ein Steingrab 

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machen. Einverstanden, Lieutenant?« 

»Selbstverständlich, Sir. Wie Sie befehlen.« 
»Nein, ich befehle nicht, das steht mir nicht zu. Ich bitte Sie 

um diesen kleinen Liebesdienst.« 

Der Offizier stieg vom Pferd und stellte sich vor: »Hank 

Button, Sir. In Fort Bowie stationiert.« 

Haggerty dankte mit einem Lächeln. Er sah, wie einige 

Soldaten grinsten. Anscheinend stand der Offizier nicht sehr 
hoch im Kurs bei ihnen. 

»Wenn Sie einen Augenblick auf mich warten, Lieutenant… 

Ich will nur mein Pferd holen.« 

John ging los. Nach ein paar Minuten kam er mit seinem 

Fuchswallach am Zügel zurück. Die Soldaten waren 
abgestiegen und vertraten sich die Beine. 

»Reiten wir oder gehen wir zu Fuß? Es sind nur ein paar 

hundert Yards.« 

»Wie Sie wünschen, Sir. Wir können auch zu Fuß gehen. 

Nach einem Tagesritt schmerzen sowieso alle Knochen.« 

»Und mein wundgescheuerter Hintern«, bemerkte ein Soldat. 

Lieutenant Button warf ihm einen strafenden Blick zu, verkniff 
sich aber eine Antwort. 

Als die jungen Dragoner die skalpierten Mexikaner sahen, 

schlugen sich einige in die Büsche und erbrachen sich. John 
zog sein Gewehr aus dem Scabbard. 

»Ich sehe mich um«, sagte er. 
Lauernd strich er durch das Strauchwerk. Es raschelte um 

ihn, aber kein Indianer war zu entdecken. Er ging weit in den 
Canyon hinein. Aber auch dort waren keine Chiricahuas. 

John kehrte zu den Soldaten zurück, die Steine 

zusammentrugen. 

»Haltet die Augen offen«, warnte er im Vorbeigehen den 

Corporal. Der Mann richtete sich überrascht auf und zwirbelte 
seinen irischen Schnurrbart. Überrascht war er deshalb, weil 
ein Major ihn ansprach. 

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Als das Grab geschlossen war, nahmen die Männer ihre 

Feldhüte ab. 

Der Offizier sprach ein kurzes Gebet, und schloß mit den 

Worten: »Der Himmel wird es den Wilden verzeihen, daß sie 
die Menschen skalpieren. O Herr, nimm sie bitte gütig bei dir 
auf.« 

Das Grab wurde geschlossen. Lieutenant Hank Button 

wandte sich an Haggerty: »Sie haben keine Angst, allein ins 
Apachenland vorzudringen, Sir?« 

»Sie haben doch auch keine, oder?« 
»Doch, ich habe Angst. Und meine Männer ebenfalls. Wir 

vertrauen darauf, daß die Rothäute eine so starke Militäreinheit 
nicht angreifen, Sir.« 

»Sie setzen Ihr Vertrauen auf eine vage Hoffnung, Mann. 

Sind Sie von allen guten Geistern verlassen? Was sind ihre 
zwölf Mann gegen die wilden Krieger Cochises? Der macht 
Sie fertig, bevor Sie überhaupt merken, daß Chiricahuas in der 
Nähe sind.« 

»Sind die wirklich so schlimm?« 
»Viel schlimmer. Apachen sehen Sie nur, wenn sie gesehen 

werden wollen. Und dann ist es zu spät für Sie.« 

»Großer Gott! Was kann ich tun, Sir? Wie muß ich mich 

denen gegenüber verhalten?« 

»Schicken Sie stets einen Reiter voraus, und sichern Sie Ihre 

Flanken. Kein Allheilmittel, versteht sich, aber ein bißchen 
hilft's doch. Tut mir leid, Lieutenant, ich muß weiter. Adios 
und guten Ritt.« 

John Haggerty schwang sich in den Sattel, schob das Gewehr 

wieder in den Scabbard und ritt an. Vor ihm lagen die Berge im 
blauen Dunst des tauenden Schnees. Er sah jeden Zacken, 
jeden Grat in der klaren Luft, und er sah die tief in den Felsen 
eingeschnittenen Canyons. 

Fichten, Korkeichen und Wacholder neben Mesquite und 

Manzanitas bedeckten die Hänge, und in diesem Augenblick, 

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als er dieses wilde Land weit voraus sah, überkam John 
Haggerty ein kaltes Grauen vor seiner eigenen Verwegenheit. 

Am liebsten wäre er umgekehrt, aber die Pflicht und seine 

Aufgabe trieben ihn weiter. Gegen Abend sah er auf einer 
Mesa einen dunklen Punkt. Er zog sein Glas und erkannte 
einen Reiter, der dem Norden zustrebte. Als er sein Glas 
schärfer einstellte, erkannte John den Stern auf der Brust des 
Einsamen. 

Auch Marshal Andrew Marley ritt neuen Aufgaben entgegen. 

ENDE