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FRANCIS DURBRIDGE

 

 

Die Brille 

 

EAST OF ALGIERS

 

 

Kriminalroman 

 
 
 
 
 

 

 
 
 
 
 

Wilhelm Goldmann Verlag 

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Die Hauptpersonen 

 

Paul Temple 
 
Steve Temple 
 
David Foster 
Tony Wyse 
 
Simone Lalange 
 
Judy Wincott 
Sam Leyland 
Pierre Rostand 
Audry Bryce 
 
Horst Schultz 
 
Patrick O'Halloran 
 
Szoltan Gupte 

Schriftsteller 
 
seine Frau 
 

Angestellte einer Erdölgesellschaft 
 

Reisebekanntschaft der Temples 
 
 
Mitglieder verschiedener  
Gangsterbanden 
 
 
Nachtlokalbesitzer 
 
Fremdenführer 
 
Kunsthändler 

 

Der Roman spielt in Paris, Nizza, Algier und Tunis. 

 

1. Auflage Mai 1967 - 1.-15. Tsd. 

2. Auflage November 1968- 16.-25. Tsd. 

3. Auflage Januar 1974 - 26.-37. Tsd. 

4. Auflage Mai 1981 - 35.-43. Tsd. 

 

Made in Germany 1981 

© der Originalausgabe 1959 by Paul Temple 

© der deutschsprachigen Ausgabe 1967 by Wilhelm Goldmann Verlag, München 

Aus dem Englischen übertragen von Peter Th. Clemens 

Herausgegeben von Friedrich A. Hofschuster 

Umschlagentwurf: Atelier Adolf & Angelika Bachmann, München 

Umschlagfoto: Richard Canntown, Stuttgart 

Satz: Presse-Druck, Augsburg 

Druck: Mohndruck Graphische Betriebe GmbH, Gütersloh 

Krimi 2287 

Lektorat: Friedrich A. Hofschuster - Herstellung: Hany Heiß  

ISBN 3-442-02287-8

 

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»Pardon, Monsieur, ist dieser Stuhl besetzt?« 
»Leider ja.« 
Es geschah schon zum zehntenmal, daß ein ent-

täuschter Franzose sich abwandte, als ich meine 
rechte Hand besitzerisch auf den Stuhl legte, den ich 
für Steve, meine Frau, freihielt. Es war zur Aperitif-
stunde, und die Tische aller Cafés beiderseits der 
Champs-Elysees waren besetzt. Die neun Herren, die 
von mir gehindert worden waren, sich auf Steves Platz 
niederzulassen, hatten anderswo Stühle gefunden und 
beobachteten mich nicht ohne Argwohn. Aus ihren 
Mienen war zu schließen, daß sie zu glauben began-
nen, die von mir erwartete Person sei ein Gebilde 
meiner Phantasie. Steve selbst hatte mir versichert, bis 
um zwölf Uhr würde sie ihre Einkäufe mit Leichtig-
keit erledigt haben. Also hatten wir uns um zwölf im 
Café Fouquet verabredet. Aber inzwischen war es 
leider schon zwanzig Minuten vor eins. 

Glücklicherweise war das Wetter schön, und die 

Zeit verging recht angenehm. Der Arc de Triomphe 
stand lichtgrau gegen einen blauen Himmel, und die 
Sonne schien warm genug, um die meisten Gäste zu 
verlocken, lieber an den ins Freie gestellten Tischchen 
zu sitzen als im schattigen Inneren des Cafés. Was 
sich vor meinen Augen abspielte, glich einer unter-
haltsamen Show. Die hübschen Pariser Mädchen in 
ihrer Frühjahrsgarderobe waren sich der vielen 

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Männeraugen wohl bewußt, von denen sie beobachtet 
wurden, während sie mit selbstsicherer Eleganz auf 
dem breiten Gehsteig vorüberspazierten. Immer 
wieder stoppten da und dort Taxis an der Bordschwel-
le, um ihre Fahrgäste in eins der vielen Cafés zu 
entlassen. Auf der mittleren Fahrbahn der breiten 
Prachtstraße rasten Autos in sechs Reihen nebenein-
ander dahin. Jedesmal, wenn die Verkehrsampeln auf 
Rot wechselten, kreischten ihre Reifen bei den 
erbarmungslosen Bremsmanövern. Und eine halbe 
Minute später, beim Lichtwechsel auf Grün, heulten 
die Motoren beim Schnellstart auf, als sei jeder Fahrer 
bemüht, das kurze Wettrennen bis zur nächsten 
Straßenkreuzung zu gewinnen. 

Ich bestellte eben den zweiten Martini, als an der 

Bordschwelle vor mir ein Kleintaxi stoppte. Der 
Fahrer öffnete die Tür, und ein Paar schlanker nylon-
bestrumpfter Beine schwang sich auf den Gehsteig. 
Zwar erkannte ich diese Beine, aber ich war zunächst 
außerstande, mehr von ihrer Eigentümerin zu sehen, 
denn diese blieb noch hinter der Menge Päckchen und 
Kartons verborgen, die sie vor sich her durch die 
schmale Tür zu schwenken versuchte. Der Fahrer, der 
eilfertig ausgestiegen war, nahm sich der zwei größten 
Kartons an. Nun endlich wurde auch Steve im ganzen 
sichtbar. Sie lächelte mir zu und erklärte dem Fahrer, 
daß ich das Fahrgeld bezahlen würde. 

»Darling«, begrüßte sie mich, »nicht ein Sou ist mir 

übriggeblieben. Aber ich habe einige der wundervol-

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len Läden entdeckt! Wahrhaftig, nirgendwo sonst auf 
der Welt gibt es so etwas wie die Rue St. Honoré! Oh, 
Darling - das ist Judy Wincott. Sie wird mit uns einen 
Aperitif trinken.« 

Ich hatte undeutlich wahrgenommen, daß hinter 

Steve noch eine zweite weibliche Gestalt dem Taxi 
entstiegen war. Doch die Sache mit dem Fahrer und 
dem Bezahlen und den Paketen und der ganzen 
Wirkung von Steves Ankunft hatte meine Aufmerk-
samkeit von ihr abgelenkt. Nun wandte ich mich ihr 
zu, um sie zu begrüßen. Sie war ein knapp mittelgro-
ßes Mädchen, etwa Anfang Zwanzig. Man konnte sie 
als gutaussehend bezeichnen. Jedenfalls war sie ein 
moderner Typ, dem man auf Titelseitenfotos und 
ganzseitigen Werbeanzeigen häufig genug begegnet, 
aber sehr sympathisch fand ich sie nicht. Sie wirkte 
irgendwie aggressiv. Oder vielleicht intelligent und 
unerhört praktisch. Ich habe nichts gegen intelligente 
Frauen. Ich meine nur, daß sie es lieber nicht so sehr 
zeigen sollten. 

»Oh, Mr. Temple«, sagte sie, während ich sie und 

Steve durch das Gewirr der Tischchen und Stühlchen 
lotste und dabei die beiden größten Kartons über den 
Köpfen der anderen Gäste dahinbalancierte, »oh, Mr. 
Temple, ich hoffe, Sie nehmen mir nicht übel, daß ich 
die Gelegenheit nutze, Sie kennenzulernen. Ist es 
wirklich wahr, daß Ihre Romane auf tatsächlichen 
Vorkommnissen beruhen, mit denen Sie zu tun 
hatten?« 

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»Ja, es ist wirklich wahr«, erwiderte ich etwas ge-

quält. »Nehmen Sie Platz, Miss Wincott. Ich werde 
versuchen, noch ein Stühlchen zu bekommen.« 

Steve hatte sich schon hingesetzt und gruppierte 

ihre Einkäufe rings um ihre Füße. Miss Wincott ließ 
sich auf meinem Stühlchen nieder. Ich stellte die 
beiden Kartons ab und winkte dem Kellner, ein drittes 
Stühlchen an unseren Tisch zu bringen. 

Miss Wincott blickte zu mir empor, als erwarte sie 

irgendwelche umwerfenden Offenbarungen zu hören, 
und sagte: »Oh, es ist verblüffend, sich vorzustellen, 
daß solche Sachen wirklich passieren!« Ihre etwas 
schrille Stimme hatte einen leichten, aber unüberhör-
baren amerikanischen Akzent. 

»Was Sie in den Büchern lesen«, entgegnete ich, 

»ist nicht so außergewöhnlich. Mein Kummer ist, daß 
ich über die verblüffendsten Fälle nicht schreiben 
kann. Keiner würde mir glauben.« 

»Ach, tun Sie es doch einmal«, gurrte Judy Wincott 

mit betörendem Lächeln. »Ich würde Ihnen auf jeden 
Fall glauben!« 

Der Kellner kam mit einem eisernen Hocker, und 

dann saßen wir zu dritt recht beengt um den kleinen 
Tisch. 

»Miss Wincott war sehr hilfsbereit«, erklärte Steve, 

nachdem ich die Getränke bestellt hatte. »Es wäre mir 
niemals gelungen, die gewünschten Schuhe zu finden, 
wenn sie mich nicht zu Chisos Schuhbar geführt 
hätte.« 

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»Sie kennen Paris gut, Miss Wincott?« fragte ich. 
»Oh, längst nicht so gut, wie ich möchte. Aber ich 

kenne die wichtigsten Straßen. Ich war schon einige 
Male mit meinem Vater hier. Er kommt jedes Jahr 
nach Europa, um alte Bilder aufzuspüren und antike 
Möbel und andere Sachen dieser Art. Er ist Benjamin 
Wincott, der Antiquitätenhändler, wissen Sie. Er hat 
ein sehr bedeutendes Geschäft in New York. Viel-
leicht haben Sie davon schon gehört?« 

»Nein, ich fürchte, ich habe noch nicht davon ge-

hört.« 

»Es ist weithin bekannt«, versicherte Miss Wincott 

selbstzufrieden. »Natürlich muß Dad viel reisen. Es ist 
nicht gut, sich auf anderer Leute Urteil zu verlassen, 
wenn so viel Geld auf dem Spiel steht. Außerdem hat 
Dad einen geradezu verblüffenden Instinkt für wirk-
lich wertvolle Dinge. Es gibt nur wenige Länder auf 
dieser Erde, die er noch nicht besucht hat. Wir hatten 
eben einen kleinen Abstecher nach Tunis gemacht, 
um eine Sammlung seltener alter Bernstein-
schmuckstücke zu kaufen. Mrs. Temple erzählte mir, 
daß Sie beide beabsichtigen, in einem oder zwei 
Tagen selbst nach Tunis zu reisen.« 

Ich tauschte einen heimlichen Blick mit Steve und 

fand meinen Argwohn bestätigt, daß Miss Wincott 
uns mehr aus eigenem Entschluß mit ihrer Gegenwart 
beglückte; Steves Einladung war wohl nur eine 
unumgängliche Höflichkeit gewesen. 

»Ja«, gab ich zu. »Wir werden auch nach Tunis 

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reisen, nachdem wir uns Algier ein wenig angesehen 
haben.« 

»Um Stoff für einen Roman zu sammeln?« fragte 

Judy Wincott eifrig. 

»Das ist nicht der eigentliche Grund der Reise. 

Aber man kann ja nie wissen.« 

Der Kellner brachte die bestellten Gläser. Judy 

Wincott bekam einen Champagnercocktail. Ich mußte 
ein leichtes Gruseln unterdrücken, als ich die Hand 
sah, mit der sie ihr Glas ergriff. Ihre Fingernägel 
ragten mindestens anderthalb Zentimeter über die 
Fingerkuppen hinaus, ganz spitz gefeilt und blutrot 
lackiert. Sie nahm einen Schluck, dann lachte sie leise 
vor sich hin, als sei ihr eine amüsante Erinnerung 
gekommen. 

»Oh«, sagte sie, »ich erlebte weiß Gott eine ver-

drehte Zeit in Tunis! Hören Sie, ich überlege, ob Sie 
vielleicht einen jungen Mann treffen können, den ich 
während dieser paar Tage recht gut kennenlernte. Sein 
Name ist David Foster. Er arbeitet für die Trans-
Afrika-Öl-Company.« 

Sie blickte mich fragend an. Da ich kein Hellseher 

bin, konnte ich ihr nicht sagen, ob ich diesen Mr. 
Foster treffen würde oder nicht. Es interessierte mich 
auch nicht. Doch ich brannte darauf, Steve endlich zu 
fragen, was sie eigentlich in diesem Berg Pakete hatte. 

Ich zuckte die Achseln und murmelte: »Nun, Tunis 

ist eine ziemlich große Stadt, habe ich mir sagen 
lassen.« 

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»Das stimmt!« bestätigte Miss Wincott fröhlich. 

»Ach, wenn ich daran denke, wie David und ich sie an 
unserem letzten Abend förmlich auf den Kopf gestellt 
haben! Die verdrehtesten Sachen passierten...« 

Judy Wincott gehörte zweifellos zu der Sorte, die 

sich nicht aufhalten läßt. Da saßen wir nun an einem 
zauberhaften Frühlingstag in der kultiviertesten Stadt 
der Welt an deren berühmtester Straße und waren 
dazu verdammt, das einfältige Geplapper eines 
egoistischen Kindes anzuhören. Der lange Schluck, 
den ich von meinem Martini nahm, schmeckte bitter. 

»Ach, Sie werden es kaum glauben«, fuhr sie mun-

ter fort. »Aber als wir uns schließlich gegen Morgen 
vor meinem Hotel voneinander verabschieden woll-
ten, stellte David plötzlich fest, daß er seine Brille 
verloren hatte! Wirklich, er war so aufgedreht, daß er 
es erst vor der Hoteltür merkte! Nun, wir klapperten 
noch einmal alle Lokale ab, in denen wir gewesen 
waren, und suchten gründlich. Kein Erfolg. Auch am 
Nachmittag, als Dad und ich nach Paris abflogen, 
hatte der arme Dave seine Brille noch nicht wiederge-
funden. Und wissen Sie, wo sie dann auftauchte?« 

Judy Wincott starrte zuerst Steve erwartungsvoll 

an, dann mich. Natürlich wußte keiner von uns die 
Antwort. 

»Verraten Sie es uns«, schlug ich vor. 
»Na, das war zu komisch! Als der Zollbeamte auf 

dem Flughafen Orly meinen Koffer durchsuchte, fand 
er sie in meiner Abendtasche!« 

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Steve und ich lachten höflich, wenn auch etwas 

mühsam. Miss Wincott ließ ein herzliches Gelächter 
ertönen, hielt aber plötzlich inne. Sie hatte, wie es 
schien, eine Erleuchtung gehabt. 

»Wissen Sie, das nenne ich einen glücklichen Zu-

fall!« jauchzte sie. »Daß Sie nach Tunis wollen, 
meine ich! Könnten Sie nicht Davids Brille mitneh-
men, bitte? Ich hoffe, Sie verübeln mir diese Frage 
nicht?« 

»Natürlich könnten wir sie mitnehmen«, sagte ich. 

»Aber ich vermute, sie käme viel schneller nach 
Tunis, wenn Sie sie mit der Post schicken. Wir 
werden jedenfalls nicht vor Donnerstag dort sein.« 

»Nein, mit der Post schicken kann ich sie nicht. 

David hat mich in seinem Telegramm ausdrücklich 
darum gebeten; Die Brille könne beschädigt werden 
oder verlorengehen. Und Davy, dieses arme Lämm-
chen, ist völlig hilflos ohne sie.« 

Vermutlich war es die Vision eines hilflosen 

Lämmchens, die mein Herz erweichte. Außerdem 
bedachte mich Steve mit einem zustimmenden Blick. 
Ich willigte also ein. 

»Oh, fein!« flötete Miss Wincott und genoß den 

Rest ihres Champagnercocktails. »So bliebe nur noch 
die Frage, wann und wohin ich Ihnen die Brille 
überbringen soll. In welchem Hotel wohnen Sie?« 

»Wir wohnen dieses Mal nicht in einem Hotel«, 

entgegnete Steve. »Freunde von uns, die zur Zeit 
verreist sind, haben uns ihre Wohnung überlassen - 

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gleich dort um die Ecke in der Avenue Georges V. 
Wir werden heute abend zu Hause sein. Wollen Sie 
nicht um sieben Uhr kommen und einen Cocktail mit 
uns trinken? Es ist Nummer neunundachtzig.« 

»Ach nein.« Jetzt, da sie erreicht hatte, was sie 

wollte, spielte Miss Wincott die Scheue. »Bestimmt 
haben Sie schon genug von mir gesehen. Ich will 
lieber nur für einen winzigen Augenblick hinauf-
kommen, um die Brille abzugeben.« 

Erleichtert bemerkte ich, daß sie ihre Handschuhe 

vom Tisch nahm und weitere Anzeichen für einen 
alsbaldigen Aufbruch zu  erkennen gab. Um zu 
verhindern, daß sie ihren Vorsatz womöglich wieder 
ändere, stand ich auf und rückte mein Stühlchen unter 
den Tisch, damit sie ungehindert passieren könne. Ihre 
Abschiedsworte waren hastig, aber überschwenglich. 
Wir sahen ihr nach, wie sie sich durch die Fußgänger-
scharen auf dem Gehsteig schlängelte, ein Taxi 
herbeiwinkte, einstieg und im Davonfahren zu uns 
zurücksah. 

»Merkwürdig, was für Bekanntschaften du manch-

mal machst«, sagte ich zu Steve. 

»Nun, sie zu einem Aperitif einzuladen war das 

mindeste, was ich tun konnte. Ich war absolut verlo-
ren in den Galeries Lafayette, als sie sich wie ein 
rettender Engel zu mir gesellte. Sie opferte über eine 
Stunde, um mich zu den besten Läden zu führen. Als 
ich ihr meinen Namen sagte, war sie direkt rührend 
daran interessiert, dich kennenzulernen.« 

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»Ich kann nicht behaupten, daß an Miss Wincott 

etwas Rührendes ist. Ich würde sagen, daß alles, was 
sie tut, der Förderung ihrer eigenen Interessen dient.« 

»Aber bei ihrer Sorge, den armen David Foster 

wieder in den Besitz seiner Brille gelangen zu lassen, 
zeigte sie sehr nette Seiten.« 

»Das mag sein«, gab ich widerwillig zu. »Doch nun 

trink aus, Steve. Um ein Uhr sind wir mit den Chate-
lets verabredet, und vorher müssen wir noch alle deine 
Pakete hinauf in die Wohnung bringen.« 

 
Wir lunchten mit den Chatelets gut, aber ziemlich 

zeitraubend. Danach besichtigten wir die Gemälde-
ausstellung in der Orangerie und saßen dann noch ein 
gutes Weilchen in einem reizenden kleinen Café. So 
wurde es fast sieben Uhr, ehe wir zu der Wohnung in 
der Avenue Georges V. zurückkehrten. An Judy 
Wincott dachte ich überhaupt nicht mehr. Ich stand 
am Waschbecken im Badezimmer und ließ mir zur 
Erfrischung kaltes Wasser über den Kopf laufen, als 
die Türklingel ertönte. Leicht erschrocken trocknete 
und kämmte ich mir in aller Eile das Haar und ging, 
um die Tür aufzumachen. 

»Aaah«, sagte ich, als ich sah, wer da war. »Treten 

Sie ein, Miss Wincott. Wir wollten uns eben Cocktails 
mixen.« 

Judy Wincott war rot im Gesicht und rang nach 

Atem, als wäre sie alle vier Treppen heraufgerannt. 
Sie trug noch dieselbe Kleidung wie bei unserer 

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Begegnung im Café Fouquet und sah nicht so aus, als 
hätte sie inzwischen auch nur Zeit genug gehabt, ihr 
Make-up zu erneuern. 

»Oh, danke. Ich kann aber nicht bleiben«, entgeg-

nete sie atemlos. »Dad und ich gehen zum Dinner in 
die Botschaft, und ich habe mein Taxi unten warten 
lassen. Hier ist die Brille. Ein Zettel mit Davids 
Adresse liegt im Etui. Ich habe ihm telegrafiert, daß 
Sie am Donnerstag in Tunis eintreffen, und ihn 
gebeten, Sie bei dem Flugzeug aus Algier zu erwar-
ten.« 

Sie war schon wieder fort, als Steve durch die 

Schiebetür des Speisezimmers in die Diele kam, 
bekleidet mit einem zauberhaften Abendkleid, das sie 
am Vormittag erworben hatte. 

»Oh, ist sie schon wieder weg?« 
»Dinner mit Dad in der Botschaft und ein warten-

des Taxi«, erklärte ich und betrachtete das Brillenetui. 

Es war mit Leder überzogen und trug weder Namen 

noch Adresse eines Optikers. Als ich es öffnete, 
rutschte mir ein gefaltetes Blatt Papier entgegen, ein 
kleiner Briefbogen des Hotels Bedford in Paris mit 
drei flüssig geschriebenen kurzen Zeilen: 
David Foster 
c/o Trans-Afrika-Öl, Tunis 
von Judy 

Die Brille war ein wuchtiges Exemplar - ein sehr 

starkes und dickes Schildpattgestell mit breiten 
Bügeln und großen Gläsern. Ich setzte sie versuchs-

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weise auf und mir wurde sofort schwindlig. Die 
Linsen waren so extrem stark und scharf, daß vor 
meinen Augen alles verschwamm. Als ich sie schnell 
wieder absetzte, hörte ich Steve fröhlich lachen. 

»Oh, du solltest wirklich eine Brille tragen«, sagte 

sie etwas unlogisch. »Du siehst damit ungemein 
gelehrt aus.« 

»Dieser David Foster muß äußerst kurzsichtig sein. 

Kein Wunder, daß er um seine Brille jammert. Ohne 
sie dürfte er sich fast blind fühlen. 

 
Steve und ich flogen am nächsten Nachmittag nach 

Nizza. Natürlich hätten wir direkt nach Algier fliegen 
können, aber Steve neigt dazu, bei längeren Flügen in 
großer Höhe Kopfweh zu bekommen. Außerdem 
haben wir beide eine besondere Schwäche für die 
Côte d'Azur und sind dankbar für jeden Vorwand, 
dort einen oder zwei Tage verbringen zu können. 

Wir hatten uns in einem Hotel angemeldet, das wir 

schon kannten, nicht weit entfernt vom weltberühmten 
›Negresco‹ an der Promenade des Anglais gelegen. Es 
ist ein kleines, aber sehr luxuriöses Hotel mit übli-
cherweise makelloser Bedienung. An diesem Nach-
mittag jedoch waren zehn oder zwölf Gäste gleichzei-
tig eingetroffen, was den Empfangschef etwas durch-
einandergebracht zu haben schien. 

Einer der uniformierten Pagen beförderte uns und 

unser Gepäck im Lift zur ersten Etage hinauf, die in 
Wirklichkeit die zweite war, weil es hier ein besonde-

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res ›Hochparterre« gab. Noch ehe wir in den Korridor 
einbogen, an dem unser Zimmer lag, hörten wir das 
metallische Klappern eines Schlüssels, der nicht in 
das Schloß zu passen schien, an dem er probiert 
wurde. Als wir um die Ecke kamen, erblickten wir 
einen anderen Pagen, der neben einem sehr englisch 
aussehenden Gast stand und sich vergeblich bemühte, 
die Tür von Nummer 12 zu öffnen, dem Zimmer 
neben unserem. Einen Moment später erging es 
unserem Pagen an der Tür von Nummer 11 genauso - 
der Schlüssel, den ihm der Empfangschef mitgegeben 
hatte, paßte nicht ins Schloß. 

Plötzlich schob der englisch aussehende Gast sei-

nen Pagen zur Seite, zog den Schlüssel aus der Tür 
von Nummer 12, kam damit zu unserer Nummer 11, 
schob unseren Pagen zur Seite und tauschte die 
Schlüssel aus. Dann drehte er den Schlüssel, und siehe 
da, sogleich ließ unsere Tür sich öffnen. Der Gast 
warf mir einen etwas unsicheren Blick zu und sagte in 
entsetzlichem Französisch: »Pardong, Mushoor, vous 
avez mon clef.« 

»Nicht mein Fehler«, antwortete ich auf englisch. 

»Der Empfangschef scheint sich geirrt zu haben.« 

Der andere Gast stutzte und äußerte erleichtert: 

»Oh, Sie sind Engländer? Nun, dann ist es gut. Einen 
Moment lang dachte ich, jemand hätte sich einen 
dummen Scherz erlaubt. Und solche Art Sachen mag 
Sam Leyland nicht.« 

Aus Lancashire und stolz darauf, dachte ich. Seine 

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Stimme war tief und kräftig, und seine Kleidung paßte 
dazu. Er trug einen etwas zu auffallend karierten 
Anzug, zweifellos Maßarbeit, weil solche Bauchgrö-
ßen nicht fertig zu haben sind. Seine Schuhe waren 
fast gelb, aber sehr sauber geputzt und merkwürdig 
klein im Vergleich zu seiner Große und Breite. Er 
prunkte mit einer Seidenkrawatte, auf der das hand-
gemalte Bild einer Ballettänzerin zu sehen war, und 
mit einer leicht verwelkten Rose im Knopfloch. Sein 
Gesicht war rötlich und aufgedunsen, seine Schädel-
wölbung kahl und sein Nasenbein eingeknickt, 
vielleicht infolge Kollision mit einem Laternenpfahl 
oder einem Geschäftspartner. Ich hielt ihn für einen 
jener Firmendirektoren, die trotz unzureichender 
Begabung auf rätselhafte Weise genug Geld machen, 
um viel zu reisen und den Nimbus des Union Jack in 
die Spielkasinos des Kontinents zu tragen. 

»Ich glaube nicht, daß es absichtlich geschehen 

ist«, beruhigte ich ihn. »Ich kenne dieses Hotel und 
weiß, daß der Service hier sonst recht gut ist.« 

»Das sollte er auch«, erwiderte der Engländer. »Die 

Preise sind hoch genug. Und wenn es jemanden gibt, 
der etwas haben will für sein Geld, dann ist es Sam 
Leyland!« 

Da ich mir von einer Fortsetzung der Unterhaltung 

nichts versprach, nickte ich ihm zu und folgte Steve, 
die sich inzwischen in unser Zimmer zurückgezogen 
hatte. 

 

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Es war uns beschieden, Sam Leyland am selben 

Abend noch einmal zu begegnen. 

Wir kehrten nach einem besonders guten Essen 

gegen halb elf in unser Hotel zurück. Da der Lift 
irgendwen zur obersten Etage beförderte, entschieden 
wir, daß es uns nicht umbringen würde, die Treppe zu 
benutzen. Über die ärgerliche Stimme, die wir schon 
kurz nach Passieren des Hochparterres vernahmen, 
konnte es keinen Zweifel geben. Wir waren also nicht 
überrascht, als wir im ersten Stock um die Korridor-
ecke bogen und Sam Leyland sahen. Er stand an der 
offenen Tür seines Zimmers, die Fäuste in die Hüften 
gestemmt, und schimpfte aus Leibeskräften auf ein 
völlig verschüchtertes Zimmermädchen ein. Dabei 
bediente er sich einer Art Privatsprache, halb Englisch 
und halb Französisch, die das Mädchen begreiflicher-
weise nicht verstand. 

Als er uns kommen sah, zuckte er die Achseln und 

wandte sich verächtlich von dem Mädchen ab, das 
sofort davonhuschte, um am Ende des Korridors 
hinter einer Tür zu verschwinden. 

»Ich wußte ja, daß hier irgendeine Sauerei im Gan-

ge ist!« dröhnte Sam Leyland, als er uns wuchtig 
entgegenstapfte. »Und jemand wird dafür bezahlen 
müssen, so wahr ich Sam Leyland heiße!« 

»Was ist denn los? Hat man Ihren Schlüssel wieder 

vertauscht?« 

Seine Augen waren wie die eines wütenden Ebers, 

klein und glitzernd, aber ohne Verstand. Er machte 

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Armbewegungen, als wünsche er etwas zu erklären 
und könne die passenden Worte nicht finden. Schließ-
lich atmete er tief ein und aus und knurrte: »Kommen 
Sie und sehen Sie sich das mal an!« 

Er führte uns zur Tür seines Zimmers. Sie stand, 

wie gesagt, offen. Der Schlüssel steckte außen im 
Schloß. Die Aufmachung des Zimmers glich der des 
unsrigen - zart fliederfarbene Wände, dunkelblaue 
Vorhänge, schwarzgrauer Teppich von Wand zu 
Wand, moderne, hellgebeizte Möbel. Der einzige 
Unterschied bestand darin, daß Leylands Zimmer statt 
des Doppelbettes ein Einzelbett enthielt und sich in 
unbeschreiblicher Unordnung befand. 

»Alle Wetter, welch ein Durcheinander!« rief ich 

aus. »Nicht schwer zu raten, daß Sie einen uner-
wünschten Besucher hatten.« 

Leylands Antwort war ein gedämpftes Knurren. Ich 

konnte ihm den Zorn nachfühlen. Alle Schubladen 
waren geöffnet und auf den Fußboden entleert wor-
den. Das Bettzeug war vom Bett gerissen. Die Kanten 
der Matratze hatte man aufgeschlitzt, ebenso die 
Daunendecke und die Kissen, so daß überall lose 
Federn herumlagen. Leylands Koffer waren derart 
gründlich durchwühlt worden, daß ihr Stoffutter nur 
noch aus Fetzen bestand. Selbst sein elektrischer 
Rasierapparat war auseinandergebrochen und das 
dazu gehörende Lederetui zerschlitzt. Der Eindruck, 
den der Schauplatz dieser Barbarei machte, war 
bedrückend. 

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»Das ist ja grauenhaft«, seufzte Steve. »Es muß ein 

Dieb gewesen sein. Hatten Sie denn etwas Wertvolles 
hier, Mr. Leyland?« 

Zum erstenmal blitzte so etwas wie Belustigung im 

Gesicht des Engländers auf. Er klopfte auf die Wöl-
bung der linken Brustseite seines Jacketts und blinzel-
te Steve zu. 

»Meine Wertsachen stecken alle sicher hier drin-

nen. Sam Leyland läßt es nicht darauf ankommen. 
Das Wertvollste, was dieser Schurke erbeutet haben 
kann, würde ein Paar Manschettenknöpfe von Wool-
worth sein, Kaufpreis sechs Shilling fünfzig. Was 
mich so wütend macht, ist die Unordnung, die er 
angerichtet hat. Na, das Hotel wird mir ein anderes 
Zimmer geben müssen.« 

Plötzlich fühlte ich, wie Steves Finger sich in mei-

nen rechten Arm krallten. 

»Paul! Die Brillantbrosche, die du mir zum Ge-

burtstag geschenkt hast! Ich habe sie in der Schublade 
meines Ankleidetisches gelassen.« 

Durchaus davon überzeugt, daß ich unser Zimmer 

in ähnlich chaotischem Zustand vorfinden würde, 
fingerte ich nervös den Schlüssel ins Schloß, machte 
die Tür auf und tastete nach dem Lichtschalter. Steve 
seufzte erleichtert, als das Licht anging und sie sah, 
daß unser Zimmer noch genauso war, wie wir es 
verlassen hatten. Das Telefon fing an zu klingeln, aber 
sie ignorierte es, drängte sich an mir vorbei zu ihrem 
Ankleidetisch, griff in die Schublade, suchte ein 

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wenig darin herum und hielt selig lächelnd die glit-
zernde Brosche in die Höhe. 

»Gott sei Dank, daß er sie nicht gefunden hat!« 
»Steve!« mahnte ich. »Wie oft habe ich dir geraten, 

Wertgegenstände nicht im Hotelzimmern zu lassen?« 

»Ach, Darling, ich wollte es ja nicht. Hättest du mir 

nicht ständig gesagt, ich müßte mich beeilen, dann 
würde ich es bestimmt nicht vergessen haben.« 

Da es keine passende Antwort auf Bemerkungen 

dieser Art gibt, durchquerte ich das Zimmer, setzte 
mich auf die Kante des Bettes und nahm den Telefon-
hörer ans Ohr. 

»Hallo? Hier Temple.« 
»Monsieur Temple? Ich bedaure, Sie stören zu 

müssen, Monsieur. Aber hier ist ein Polizeiinspektor 
und wünscht unverzüglich mit Ihnen zu sprechen.« 

Es war die Stimme des Nachtportiers. 
»Ein Polizeiinspektor? Sagte er, weshalb?« Ich 

hegte die etwas überspannte Hoffnung, der Hoteldieb 
wäre bereits erwischt, was der Polizei von Nizza 
meine besondere Hochachtung eingetragen hätte. 

»Nein, Monsieur. Aber er sagte, es sei sehr, sehr 

dringend. Und er müsse Sie unverzüglich sehen.« 

Ich nahm mir die Zeit, eine Zigarette anzuzünden 

und Steve zu informieren, ehe ich die Treppe wieder 
hinabging. Als ich das Foyer erreichte, sah ich den 
Nachtportier einem Mann zunicken, der in einem der 
Sessel saß, nun aber sofort aufstand und mir entge-
genkam. 

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 22

Er war sehr klein, höchstens einsfünfundsechzig. 

Ein dunkler Typ, drahtig, bemerkenswert elegant in 
Aussehen und Kleidung, mit glatt zurückgebürstetem 
schwarzem Haar, makellos weißem Kragen, ebensol-
chen Manschetten und blinkend sauberen Schuhen. 
Sein Kopf wirkte im Verhältnis zu seiner Gestalt 
etwas zu groß; seine Augen blitzten außerordentlich 
lebhaft. Alles in allem genommen, hätte er für einen 
Musiker gelten können. 

»Mr. Temple?« fragte er, und ich merkte sofort, daß 

er gutes Englisch sprechen würde. 

»Ja.« 
Er zeigte mir seinen Ausweis und sagte dabei: »In-

spektor Mirabel von der Kriminalpolizei. Ich möchte 
mit Ihnen ein paar Worte unter vier Augen sprechen.« 

Er dirigierte mich in ein kleines Zimmer, das nor-

malerweise nur von solchen Hotelgästen benutzt 
wurde, die darauf bestanden, zum Frühstück herunter-
zukommen. Die Stühle waren alle hart und geradleh-
nig, und als wir einander gegenüber an einem unge-
deckten Tisch Platz nahmen, erschien mir die ganze 
Situation sehr offiziell und unfreundlich. Mirabels Art 
und Ton bekräftigten diesen Eindruck. Er klappte ein 
kleines Notizbuch auf und legte es vor sich auf den 
Tisch, sah aber nicht hinein. Seine Augen blieben 
ernst und aufmerksam auf mich gerichtet. 

»Mr. Temple, ist es richtig, daß Sie heute nachmit-

tag um zwei Uhr zwanzig mit dem Flugzeug aus Paris 
hier eingetroffen sind?« 

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 23

»Ja.« 
»Und in Paris wohnten Sie in der Avenue Georges 

V, Nummer neunundachtzig?« 

»Ja. Freunde von uns überließen uns ihre Wohnung 

für ein paar Tage.« 

»Wurden Sie dort von einer Miss Wincott be-

sucht?« 

»Ja«, antwortete ich, verwundert über diese uner-

wartete Frage. »Miss Wincott war allerdings kaum 
anderthalb Minuten in der Wohnung oder, richtiger 
gesagt, in deren Diele. Sie kam nur, um ein Päckchen 
abzugeben, und ging sofort wieder.« 

Im stillen sagte ich mir, daß meine instinktive Ab-

neigung gegen Judy Wincott berechtigt gewesen war; 
dieses Mädchen bedeutete Unannehmlichkeiten. 

»Wie gut kennen Sie Miss Wincott? Bitte sagen Sie 

mir, welcher Art Ihre Beziehungen zu ihr waren.« 

»Äußerst oberflächlich. Ich lernte Miss Wincott 

erst gestern kennen. Sie hatte sich meiner Frau mit 
Einkaufsratschlägen gefällig gezeigt. Daraufhin lud 
meine Frau sie ein, mit uns einen Aperitif zu trinken.« 

»Das war gestern abend?« 
»Nein, gestern gegen Mittag. Dabei wurde verein-

bart, daß sie abends um sieben zu uns in die Wohnung 
kommen würde.« 

»Und das tat sie? Erinnern Sie sich an die genaue 

Zeit?« 

»Ja. Meine Frau und ich kamen kurz vor sieben 

zurück. Und Miss Wincott erschien ungefähr fünf 

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 24

Minuten später.« 

Mirabel machte sich eine Notiz. Ich wurde immer 

neugieriger, wodurch Judy Wincott das Interesse der 
Polizei erweckt haben mochte, hielt es aber für besser, 
noch keine Fragen zu stellen. 

»Gab sie Ihnen irgendeine Adresse?« erkundigte 

sich Mirabel. 

»Sie erwähnte beiläufig, sie wohne im Hotel Bed-

ford zusammen mit ihrem Vater.« 

»Mit ihrem Vater?« Mirabel blickte überrascht auf. 
»Er ist Benjamin Wincott, ein bekannter Antiquitä-

tenhändler aus New York. Die Amerikanische Bot-
schaft wird Ihnen mehr über ihn sagen können als ich. 
Wie Miss Wincott erwähnte, waren sie und ihr Vater 
gestern abend dort eingeladen.« 

Mirabel blickte mich einen Moment lang an. Dabei 

umspielte ein kaum merkliches Lächeln seine Mund-
winkel. 

»Sie sprachen von einem Päckchen, Mr. Temple. 

Bitte sagen Sie mir, was es enthielt.« 

»Oh, es handelt sich nur um ein Etui mit einer Bril-

le. Miss Wincott bat mich, die Brille für einen Freund 
von ihr nach Tunis mitzunehmen.« 

Ich gab Mirabel einen kurzen Abriß der Geschichte, 

die Judy Wincott mir erzählt hatte. Als ich damit zu 
Ende war, sagte er: »Ich möchte diese Brille sehen. 
Würden Sie sie mir zeigen, bitte?« 

»Gewiß. Ich habe sie hier.« 
Ich zog das Etui aus meiner Brusttasche und reichte 

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 25

es Mirabel hinüber. Er nahm die Brille heraus und 
drehte sie langsam zwischen seinen schlanken Fingern 
hin und her. Dann betrachtete er die Notiz auf dem 
kleinen Briefbogen des Hotels Bedford, und ich sah, 
wie seine Augenbrauen sich zusammenschoben. 
Schließlich balancierte er das Etui in der linken Hand, 
als wünsche er das Gewicht abzuschätzen. 

»Ich möchte diese Gegenstände ins Polizeipräsidi-

um mitnehmen, um sie von Sachverständigen untersu-
chen zu lassen«, sagte er. »Hätten Sie etwas dage-
gen?« 

»Keineswegs. Aber werde ich sie zurückbekom-

men? Ich fühle mich irgendwie verpflichtet.« 

»Ich gebe Ihnen eine Quittung«, erklärte Mirabel 

steif. »Falls sich kein gegenteiliger Anlaß ergibt, 
werden Sie die Sachen morgen früh zurückerhalten.« 

»Ich danke Ihnen. Darf ich fragen - ist Miss Win-

cott irgendwie in Schwierigkeiten geraten?« 

Mirabel sah mich lange an, sein Ausdruck wirkte 

seltsam. 

»Schwierigkeiten?« wiederholte er. »Nun, ich 

glaube nicht, daß man sagen könnte, sie befände sich 
in Schwierigkeiten. Ihre Leiche wurde heute nachmit-
tag von der Portiersfrau in einer der Abfalltonnen 
hinter dem Haus gefunden, in dem Sie wohnten. Sie 
ist in den Rücken geschossen worden und war ver-
mutlich sofort tot. Nach den Feststellungen des 
Polizeiarztes entspricht die Todeszeit ungefähr der 
von Ihnen genannten Zeit, zu der Miss Wincott Sie 

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 26

verließ.« 

Ich sagte nichts. Ich wußte, daß Mirabel mich auf-

merksam beobachtete, während meine Gedanken 
zurückeilten zum Café Fouquet und unserer nicht 
ganz erfreulichen Zufallsbekanntschaft. Mörder 
wissen für gewöhnlich, was sie tun und warum sie es 
tun. Aber die Opfer, die sie sich erwählen, geben 
einem manchmal Rätsel auf. Ich hätte mir vorstellen 
können, daß Judy Wincott von einem verärgerten 
Anbeter geohrfeigt, daß sie gesellschaftlich geächtet 
oder vielleicht sogar wegen Trunkenheit von der 
Polizei festgenommen werden könnte. Daß jemand sie 
ermorden könnte, hatte ich mir nie träumen lassen. 

»Sie sind überrascht?« fragte Mirabel. 
»Natürlich! Miss Wincott verließ mich gestern 

abend, um ihren Vater zu treffen und mit ihm in der 
Amerikanischen Botschaft zu essen. Sollte es mir da 
normal erscheinen, daß ihre Leiche heute in einer 
Abfalltonne gefunden wird? Haben Sie eine Vermu-
tung, wer es getan haben könnte und warum?« 

Mirabel schüttelte den Kopf und sagte: »Der Täter 

hinterließ keine Spuren. Bis jetzt haben wir uns darauf 
beschränken müssen, herauszufinden, wen sie gestern 
besucht hat und warum.« 

»Sicher hat ihr Vater die Polizei verständigt, als sie 

gestern abend ausblieb. Aber ich bin verwundert, daß 
der Fahrer des wartenden Taxis nicht angefangen hat, 
nach seinem verschwundenen Fahrgast zu suchen.« 

Wieder umspielte ein kaum merkliches Lächeln 

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 27

Mirabels Mund. Offenbar war ich der Gegenstand 
seiner Belustigung. 

»Die Pariser Polizei«, sagte er, »hat über alle Aus-

länder recherchiert, die zur Zeit in Pariser Hotels 
wohnen. Einen Benjamin Wincott gibt es nicht unter 
ihnen. Auch die Amerikanische Botschaft weiß nichts 
über ihn.« 

»Wurde auch beim Hotel Bedford nachgefragt?« 
»Die Pariser Polizei hat bei allen Hotels nachge-

fragt. In keinem ist jemand namens Wincott regi-
striert.« 

 
Steve und ich sprachen noch lange, nachdem wir 

uns zu Bett gelegt hatten. Sie zeigte sich sehr betrof-
fen über die Vorstellung, daß Judy Wincott praktisch 
unmittelbar nach Verlassen unserer Wohnung ange-
griffen und getötet worden war. 

»Vielleicht wären wir doch irgendwie imstande 

gewesen, es zu verhindern, Paul. Es muß ein Raub-
überfall gewesen sein - meinst du nicht auch?« 

»Möglich. Andererseits glaube ich, daß ein Dieb 

eher einen Totschläger oder ein Messer benutzt 
hätte.« 

Steve erschauderte und flüsterte: »Ich bin froh, dich 

neben mir zu haben, Paul. Auf dem Kontinent scheint 
es eine Menge Verbrecher zu geben. Eben erst die 
Sache im Zimmer nebenan, und nun die Nachricht 
von diesem Mord...« 

Mitternacht war längst vorbei, als wir beschlossen, 

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 28

nun endlich zu schlafen, und das Licht ausknipsten. 

Ich glaubte, eben erst eingeschlafen zu sein, als ich 

spürte, daß Steve vorsichtig meine linke Schulter 
schüttelte. Ich machte die Augen auf, sah das Mond-
licht an der Wand gegenüber unseren Betten und 
mußte mir einen Moment lang überlegen, wo wir 
eigentlich waren. 

»Paul, hör doch!« Steves Worte waren ein alarmie-

rendes Flüstern. »Im Zimmer nebenan geht irgend 
etwas sehr Merkwürdiges vor!« 

Ich setzte mich im Bett auf und lauschte. Tatsäch-

lich ertönten dort drüben irgendwelche schleifenden 
und bumsenden Geräusche, als würde ein verhältnis-
mäßig schwerer Gegenstand teils gezogen, teils 
mühsam getragen und dann wieder abgesetzt. Außer-
dem glaubte ich jenseits der Wand heftiges Atmen 
und gelegentliches Keuchen zu hören. Schließlich 
ertönte ein besonders lautes Bumsen gegen die 
Trennwand, gefolgt von einigen leiseren Geräuschen 
und dem verstohlenen Zumachen einer Tür. 

»Es ist Sam Leylands Zimmer«, flüsterte Steve. 

»Ich dachte, er wollte sich ein anderes Zimmer geben 
lassen.« 

Wir saßen etwa eine Minute lang lauschend im 

Dunkeln. Die Geräusche hatten aufgehört, jenseits der 
Wand herrschte jetzt unheilvolle Stille. Auf einmal 
klickte es neben mir, und Steves Nachttischlampe 
erhellte unser Zimmer. Ich schwang die Füße aus dem 
Bett und langte nach meinem Hausmantel. 

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»Die Sache kommt mir faul vor. Ich will nachse-

hen, was dort passiert ist.« 

»Ich gehe mit«, sagte Steve entschlossen und war 

schon dabei, sich ihren Hausmantel anzuziehen. 

Wir rissen unsere Tür auf und sausten so schnell in 

den Korridor hinaus, daß wir mit einem jungen Mann 
zusammenstießen, der in diesem Moment an unserer 
Tür vorbeikam. Auch er trug einen Hausmantel und 
war anscheinend genau wie wir aus dem Schlaf 
geschreckt worden. 

»Tut mir leid«, sagte ich, erinnerte mich dann, daß 

wir in Frankreich waren, und fügte hastig hinzu: 
»Pardon.« 

»Schon gut«, erwiderte der junge Mann. »Ich bin 

auch Engländer. Ich habe ein Zimmer im Hochparter-
re und bin heraufgekommen, um zu sehen, was dieser 
Tumult zu bedeuten hat. Aber wenn es nur eine kleine 
Auseinandersetzung zwischen Ihnen beiden war -« 

Er sah aus wie eine Art Idol reiferer Frauen - groß, 

schlank, gut gewachsen, den blauseidenen Hausman-
tel eng um die schmale Taille gegürtet. Seine Stimme 
klang gebildet und angenehm; sein langsames und 
leises Sprechen schien einen ehemaligen Oxfortstu-
denten zu verraten. Seine Augen, vornehmlich auf 
Steve gerichtet, verpaßten offenbar nichts. 

»Das waren wir nicht«, entgegnete Steve schnell. 

»Ich bin davon aufgewacht, und mein Mann wollte 
eben nachsehen. Es kam aus diesem Zimmer.« 

Sie wies auf die Tür von Nummer 12. Der junge 

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Mann trat an die Tür und klopfte zögernd. 

Nachdem er ein zweites Mal geklopft hatte, ohne 

Antwort zu erhalten, schlug er wenig begeistert vor: 
»Vielleicht sollten wir einbrechen?« 

Aus einem Augenwinkel sah ich, daß Steve sich 

plötzlich bückte und etwas vom Boden aufnahm. 

»Versuchen Sie zuerst die Türklinke«, riet ich dem 

jungen Mann. 

Er drückte die Klinke herunter, und die Tür öffnete 

sich in den stockdunklen Raum. Die Korridorbeleuch-
tung hinter uns warf eine Lichtbahn auf den Boden, in 
der unser beider verlängerte Schatten sich ausnahmen 
wie groteske Ungeheuer. Jemand hatte die Fenster-
vorhänge dicht geschlossen; das indirekte Licht vom 
Korridor ließ den übrigen Raum nur noch dunkler 
erscheinen. Einen Moment lang standen wir da wie 
gebannt, dann tastete der junge Mann nach dem 
Schalter und knipste die Zimmerbeleuchtung an. 

Das Zimmer zeigte noch denselben chaotischen 

Zustand wie vorhin, aber Sam Leylands Besitztümer 
waren inzwischen hinausgebracht worden. Außer den 
geschlossenen Fenstervorhängen gab es noch einen 
Unterschied: Auch die Türen des großen Wand-
schrankes waren jetzt geschlossen. 

»Niemand hier«, sagte der junge Mann. »Aber 

welch ein Durcheinander! Ich denke, wir sollten die 
Hotelverwaltung informieren.« 

»Warten Sie einen Moment«, erwiderte ich. 
Ich dachte an das heftige Bumsen gegen die 

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 31

Trennwand, das uns aus den Betten gejagt hatte. Es 
mußte irgendwie mit dem Wandschrank zu tun gehabt 
haben. Ich ging zu dem Schrank, drehte den kleinen 
Schlüssel und öffnete die beiden breiten Türen. Hinter 
mir hörte ich Steve den Atem anhalten. Der junge 
Mann gab einen unterdrückten Ausruf von sich. - Die 
Leiche lag auf dem Boden des Schrankes, anschei-
nend schnell und achtlos hingeworfen. Es war die 
Leiche einer jungen, weiblichen Person, mit Klei-
dungsstücken, die ich wiedererkannte. Ihre Handge-
lenke waren zusammengebunden, in ihrem Mund 
steckte ein Knebel. Ich hob einen Moment lang ihr 
Gesicht. Ihr Körper war noch warm, aber hinter 
diesen entsetzt aufgerissenen, starren Augen konnte 
kein Leben mehr sein. Ich vermutete, daß man sie 
gewaltsam in dieses Zimmer geschleppt und dann mit 
einem aufgeschlitzten Bettkissen erstickt hatte. Kein 
rühmliches Verbrechen. 

»Sieh nicht her, Steve«, warnte ich und richtete 

mich auf, um ihr den Blick zu verwehren. Aber sie 
hatte bereits genug gesehen und wandte sich entsetzt 
ab. Ich schloß die Schranktüren und begegnete dem 
Blick des jungen Mannes, der zitternd und mit kalk-
weißem Gesicht dastand. 

»Sie sollten lieber hinuntergehen, um die Hotel-

verwaltung und die Polizei zu verständigen«, sagte ich 
zu ihm. »Ich werde hier warten.« 

Er schien glücklich, gehen zu dürfen, und ent-

schwand ohne ein Wort. Steve, die bessere Nerven 

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besitzt als die meisten Frauen, hatte sich schnell 
wieder gefaßt. 

»Paul«, flüsterte sie, »ich habe gesehen, wer es ist. 

Ich kann mich nicht irren bei diesem Haar und dieser 
Kleidung. Aber wie kann es sein, daß Judy Wincott, 
heute nachmittag in Paris tot aufgefunden, jetzt hier 
noch einmal ermordet worden ist?« 

Ich antwortete nicht. Eine Bewegung der Fenster-

vorhänge hatte meine Aufmerksamkeit erregt. Und ich 
war mir der Tatsache bewußt, daß wir knapp andert-
halb Minuten, nachdem der Mörder sein Werk vollen-
det hatte, in dieses Zimmer gekommen waren. 

Ich schob Steve zurück, eilte hinüber zu den Vor-

hängen und riß sie schnell zur Seite. 

Vor mir stand ein breiter Fensterflügel weit offen, 

und die schwache Seebrise, die die Vorhänge bewegt 
hatte, fächelte mein Gesicht. Das grünliche Licht einer 
Straßenlaterne ließ breite Mauersimse und giebelarti-
ge Vorsprünge über den Hochparterrefenstern erken-
nen. Unten auf der Straße, ein ganzes Stück entfernt, 
fegte ein Straßenkehrer mit seinem langen Besen 
Abfälle zusammen. Von irgendwo kam ein feiner 
Duft frisch gebackenen Brotes herübergeweht. 

Ich drehte mich zu Steve um. 
»Dies muß der Weg sein, auf dem er entkommen 

ist. Wir können ihn nur knapp verfehlt haben. Viel-
leicht hat er sogar noch draußen auf dem Sims gestan-
den und uns beobachtet, als wir die Schranktüren 
öffneten...« 

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 33

 
Viel Schlaf war uns in dieser Nacht nicht beschie-

den. Die Polizei schickte Inspektor Mirabel, dieses 
Mal mit einem halben Dutzend Mitarbeiter. Kein 
Wunder, daß die Morgendämmerung den Himmel 
erhellte, ehe unsere Vernehmungen abgeschlossen 
waren und wir die Erlaubnis erhielten, uns in unser 
Zimmer zurückzuziehen. 

Schon gegen zehn Uhr wurden wir durch das 

Summen des Haustelefons wieder geweckt. Ob wir im 
Zimmer frühstücken wollten? Ja, natürlich. 

Zehn Minuten später brachte man uns auf zwei 

Tabletts das Frühstück an die Betten. Kaum hatten wir 
es verzehrt, als das Telefon abermals ertönte. Mirabel 
war gekommen und verlangte mich zu sprechen. 

»Ich nehme jetzt sowieso mein Bad«, erklärte Ste-

ve. »Du kannst ihm also vorschlagen heraufzukom-
men.« 

»Ich bin noch nicht angezogen«, sagte ich ins Tele-

fon. »Würde es Ihnen etwas ausmachen, in unser 
Zimmer zu kommen? Falls Sie es lieber nicht möch-
ten, werde ich mich anziehen und in zehn Minuten 
unten sein.« 

Mirabel entschied sich fürs Heraufkommen, Kaum 

eine Minute später war er an der Tür. Er hatte Zeit 
gefunden, sich zu rasieren und ein frisches Hemd 
anzuziehen. Schmuck wie er war, wirkte er etwas fehl 
am Platz in unserem unaufgeräumten Schlafzimmer. 

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Ich rückte einen Sessel für ihn zurecht und bot ihm 
eine Zigarette an, die er aber ablehnte. Dennoch 
schien mir sein Verhalten freundlicher als bei unseren 
bisherigen Begegnungen. 

»Sind Sie irgendwie weitergekommen?« fragte ich 

höflich interessiert. 

»Ich habe Zeit gehabt, mich mit unseren Londoner 

Kollegen in Verbindung zu setzen und einige Aus-
künfte über Sie zu erhalten. Man sagte mir, daß Sie 
zwar die merkwürdige Begabung besitzen, irgendwie 
in jede nur denkbare Art Unheil verwickelt zu werden, 
bisher aber noch nie solches Unheil verursacht 
haben.« 

Ich mußte lachen, da ich mir vorstellte, wie mein 

Freund Vosper, Chefinspektor bei Scotland Yard, sich 
gewunden haben mochte, als er diese Formulierung 
von sich gab. 

»Also bin ich aus Ihrer Liste verdächtiger Personen 

gestrichen?« 

»Gewiß«, bestätigte Mirabel und lächelte. »Es dürf-

te Sie interessieren, zu hören, daß wir das Rätsel von 
der zweimal ermordeten Frau gelöst haben. Die in der 
Abfalltonne gefundene Tote war nicht Judy Wincott, 
sondern eine gewisse Diana Simmonds, ebenfalls 
Amerikanerin. Der anfängliche Irrtum ist entschuld-
bar, da in Diana Simmonds Handtasche als einziges 
Papier ein an Judy Wincott gerichteter Brief gefunden 
wurde. Außerdem waren beide Frauen einander recht 
ähnlich und auch fast gleich gekleidet, so daß die 

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brave Portiersfrau in der Toten sogleich Miss Judy 
Wincott zu erkennen glaubte, die am Abend zuvor 
nach Ihrer Wohnung gefragt hatte.« 

Aus Mirabels Miene war zu schließen, daß er wil-

lens sei, dieses Thema hiermit als erledigt zu betrach-
ten. Ich hatte erwartet, daß er noch viele weitere 
Fragen an mich richten und mir damit Gelegenheit 
geben würde, auch meinerseits einige Fragen zu 
stellen. Aber er beschränkte sich nunmehr darauf, aus 
seiner Brusttasche einen in Seidenpapier gewickelten 
Gegenstand zu ziehen. 

»Ich gebe Ihnen, wie versprochen, hiermit die Bril-

le zurück«, sagte er. »Allerdings ohne das Etui. 
Unsere Fachleute haben es nahezu in seine Grundbe-
standteile zerlegt.« 

»Konnten Sie irgend etwas finden?« 
Mirabel schüttelte den Kopf. »Nichts.« 
»Auch die Brille ist untersucht worden?« 
»Ja, natürlich. Nur ist nichts Ungewöhnliches an 

ihr. Eine teure Brille mit extrem starken Linsen, doch 
in unserem Sinne völlig uninteressant.« 

Er wickelte die Brille aus dem Seidenpapier und 

betrachtete sie noch einmal, ehe er sie mir überreichte. 
Dabei kommentierte er: »Echtes Schildpatt. Zu 
durchsichtig, um irgend etwas zu verbergen. Und die 
Linsen - nun, in ihnen kann auch nichts versteckt 
sein.« 

Ich nahm die Brille zögernd entgegen und murmel-

te: »Ich kann mir nicht helfen, ich bin skeptisch. Alles 

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Durcheinander scheint mit dem Moment begonnen zu 
haben, als diese Brille in meine Hände kam.« 

»Sie können beruhigt sein, Mr. Temple. Falls an 

dieser Brille etwas Abnormales wäre, hätten unsere 
Fachleute es entdeckt.« 

Mirabel stand auf, zupfte sein Jackett glatt und 

äußerte weltmännisch höflich: »Ich bedauere, daß Ihre 
Gattin und Sie auf so unerfreuliche Art gestört wur-
den, und bin Ihnen dankbar für die erwiesene Zusam-
menarbeit.« 

Er streckte mir seine rechte Hand hin. 
Ȇbermitteln Sie Ihrer Gattin meine Empfehlun-

gen. Ich hoffe, daß Sie eine gute Reise nach Tunis und 
dort angenehme Ferientage haben werden.« 

»Wir dürfen also weiterreisen?« fragte ich, noch 

verwundert, daß Mirabel uns so leicht ziehen ließ. 
»Sie wünschen nicht, daß wir bei der Leichenschau 
anwesend sind?« 

»Das wird nicht nötig sein«, versicherte Mirabel. 

»Sie dürfen Ihre Reise fortsetzen, damit Mr. David 
Foster recht bald seine Brille zurückbekommt - die er, 
wie ich annehme, geradezu schmerzlich vermissen 
muß.« 

Ich hatte mich zugleich mit Mirabel erhoben, wollte 

ihn aber noch immer nicht gehen lassen. 

»Gestatten Sie, Inspektor, daß ich Sie etwas frage?« 
Er zuckte unverbindlich die Achseln, wartete aber 

auf meine Frage. 

»Wissen Sie Genaueres über die Frau, die in der 

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Avenue Georges V. ermordet wurde?« 

»Wir haben einiges über sie in Erfahrung ge-

bracht«, erwiderte Mirabel bereitwillig. »Sie führte, je 
nach Bedarf, verschiedene Namen, nannte sich jedoch 
meistens Lydia Maresse. Sie war der Interpol als 
Mitglied internationaler Verbrecherbanden bekannt.« 

»Gibt es Anhaltspunkte für das Motiv ihrer Ermor-

dung?« 

»Keine.« 
Ich zögerte einen Moment lang, etwas verwirrt 

durch Mirabels unübersehbare Ironie. Dann sagte ich: 
»Inspektor, bestimmt ist Ihnen nicht entgangen, daß 
zwischen diesen beiden Morden irgendeine Verbin-
dung bestehen muß, zumal in Diana Simmonds' alias 
Lydia Maresses Handtasche ein an Judy Wincott 
gerichteter Brief gefunden wurde. Außerdem muß 
Ihnen aufgefallen sein, wie merkwürdig es ist, daß 
meine Frau und ich bei beiden Morden in nächster 
Nähe waren.« 

Mirabel hob die Augenbrauen und studierte seine 

tadellos manikürten Fingernägel, während er erwider-
te: »Keine dieser Tatsachen ist uns entgangen, Mr. 
Temple. Um so mehr sind wir befriedigt, daß Sie 
weder mit dem einen noch mit dem anderen Verbre-
chen zu tun hatten.« 

Er lächelte, reichte mir noch einmal die Hand und 

ging zur Tür. 

 
Steve und ich hatten nun einen halben Tag totzu-

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schlagen. Wir hatten wieder für einen Nachmittags-
flug gebucht, diesmal nach Algier. Steves größter 
Wunsch für unsere freien Stunden war, möglichst weit 
fort von dem verwünschten Hotel, möglichst viel 
reine, frische Luft zu schöpfen. Von früher her 
wußten wir, wo man kleine Segelboote mieten kann. 
Da Segeln ein Sport ist, dem wir beide huldigen, 
befanden wir uns gegen halb zwölf in einem hübschen 
kleinen Boot schon ziemlich weit draußen auf dem 
Meer. 

Für eine Stunde genossen wir die Illusion, nicht 

von neugierigen Augen beobachtet zu werden. Vom 
Meer aus gesehen ist Nizza besonders hübsch - die 
lange Strandpromenade, die weißen Häuser mit ihren 
lustig-bunten Sonnenmarkisen, dahinter die maleri-
schen Hügelketten. 

Eine Anzahl anderer Boote tummelte sich in der 

Bucht. Schnelle Motorboote zogen Wasserskiläufer 
hinter sich her. Segeljachten der unterschiedlichsten 
Größen, zum Teil mit farbigen Segeln, belebten das 
Bild. Das Wasser war nicht rauh, doch wehte genug 
Wind, um das Segeln zu einer Tätigkeit zu machen, 
die etwas Kraft und viel Aufmerksamkeit erforderte. 
Ab und zu dröhnten, ziemlich niedrig, Flugzeuge über 
uns hinweg, die vom Flughafen Nizza aufgestiegen 
waren oder dort landen wollten. 

Der Wind zerzauste Steves Haar, und ich freute 

mich zu sehen, daß etwas Farbe in ihre bleichen 
Wangen zurückkehrte. Wir hatten eben gewendet und 

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saßen auf der Reling, um den Winddruck auszubalan-
cieren, als sie auf eins der Motorboote zeigte, das, im 
Gegensatz zu den anderen, seit einiger Zeit immer in 
unserer Nähe manövriert hatte. 

»Der Insasse scheint sich für uns zu interessieren«, 

rief sie mir laut genug zu, um das Zischen des Gisch-
tes und die anderen Geräusche des Wassers zu über-
tönen. »Ich glaube, er beobachtet uns durch ein 
Fernglas.« 

Ich hielt sekundenlang Ausschau nach dem Motor-

boot, dann Lachte ich Steve zu. Sie ist eine sehr 
hübsche Frau, aber außerordentlich bescheiden, und 
bringt es einfach nicht über sich, das merkliche 
Interesse eines anderen Mannes in Beziehung zu ihrer 
eigenen Attraktivität zu setzen. In der blauen Hose 
und der scharlachroten Hemdbluse, die sie bei unserer 
Segelpartie trug, bildete sie wahrscheinlich das Ziel 
für mehr als ein Paar Augen. 

Eine plötzliche Bö drückte unser Boot so gefährlich 

auf die Seite, daß wir uns weit hinauslehnen mußten, 
um zu verhindern, daß das Segel ins Wasser geriet. Es 
war eine unerfreuliche Situation, und wir brauchten 
eine arbeitsreiche Minute, um das Boot wieder unter 
Kontrolle zu bekommen. Unser Segel verbarg das 
kreuzende Motorboot vor unseren Blicken, bis ich 
endgültig Kurs auf das Ufer genommen hatte. Die 
Geräusche von Wind und Wasser waren so laut, daß 
wir nichts von dem Motorgeräusch hörten. Als ich 
schließlich das kraftvolle Brummen vernahm, dachte 

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ich, es sei nur wieder eins der startenden Flugzeuge. 

Steves Ausruf lenkte meine Aufmerksamkeit nach 

Steuerbord: »Ändre den Kurs, Paul! Er kommt direkt 
auf uns zu!« 

Ich blickte auf und sah das Motorboot höchstens 

siebzig oder achtzig Meter entfernt. Seine Maschine 
schien mit voller Kraft zu laufen, denn sein Bug ragte 
schräg aus dem Wasser empor und warf hohe schäu-
mende Wellen auf. Sein Tempo, von vorn gesehen 
schlecht zu schätzen, mochte vielleicht fünfzig 
Kilometer betragen. Bei seinem jetzigen Kurs mußte 
es uns unweigerlich rammen. 

Es war aussichtslos, durch Schreien die Aufmerk-

samkeit des Mannes am Steuer zu erwecken. Er hätte 
uns nicht gehört. Und der Bug seines Bootes war so 
hoch erhoben, daß ich bezweifelte, ob er uns über-
haupt sehen könne. 

Ich warf die Ruderpinne herum und duckte mich, 

um die Spiere unseres Großsegels nicht an den Kopf 
zu bekommen. Unser Boot beschrieb eine Wendung 
von neunzig Grad, verlor sofort alle Fahrt und wiegte 
sich dümpelnd auf dem Wasser - eine hilflose, unbe-
wegliche Beute für das Motorboot, das auf uns zukam 
wie ein niederstoßender Falke. 

Als es auf etwa zwanzig Meter heran war, packte 

ich Steve bei der Hand und schrie: »Springen!« 

Hand in Hand sprangen wir ins Meer, so weit wir 

nur konnten. Beim Auftauchen hörten wir hinter uns 
das Krachen und Splittern von Holz. Das starke 

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Motorboot hatte unsere kleine Jolle buchstäblich in 
zwei Teile zerschnitten, die sofort abzusacken began-
nen. Im nächsten Moment traf uns die hohe schäu-
mende Bugwelle und drückte uns unter Wasser. Die 
ganze Zeit hielt ich Steves linke Hand fest in meiner 
rechten. 

Als wir unsere Köpfe wieder über Wasser brachten 

und Atem schöpften, klang das Brummen des Motor-
bootes schon ziemlich weit entfernt. Dann hob mich 
eine Welle, und ich sah das Boot mit hoher Ge-
schwindigkeit in Richtung Monte Carlo entschwin-
den. 

Das größte Wrackstück, das ich entdecken konnte, 

war der untere Teil des Mastes mit den beiden daran 
hängenden Rettungsringen. Ohne einander loszulas-
sen, paddelten wir darauf zu, bis wir es erreichten und 
uns an den Rettungsringen festhalten konnten. 

Sobald Steve wieder einigermaßen normal atmen 

konnte, fragte sie ironisch: »Nun, behauptest du 
immer noch, daß der Mann in dem Motorboot nur an 
meiner Figur interessiert war?« 

Ich hielt es für besser, die Antwort schuldig zu 

bleiben. 

Während wir an unserem Stück Mast im Spiel der 

Wellen auf und nieder wippten, schien mir die Küste 
unendlich weit entfernt. Keins der anderen Boote 
hatte den Unfall bemerkt, und von unserer Jolle war 
nicht genug übriggeblieben, um Aufmerksamkeit zu 
erregen. Glücklicherweise war die Wassertemperatur 

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durchaus erträglich. Ich dachte, daß wir es ohne 
weiteres bis gegen Abend aushalten könnten, und 
während dieser Stunden würde bestimmt irgendein 
Boot nahe genug herankommen, um uns zu bemerken. 

Indessen dauerte es kaum zwanzig Minuten, bis 

man uns fand. Ein ziemlich langsames, aber offenbar 
sicheres Fischerboot tuckerte direkt auf uns zu. Als es 
sich bis auf vierzig oder fünfzig Meter genähert hatte, 
fing ich allerdings an, mich zu fragen, ob wir darauf 
überhaupt Platz finden würden. Jedenfalls schien es, 
als befinde sich annähernd die halbe Bevölkerung von 
Nizza an Bord, um unsere Rettung mitzuerleben. 

So zahlreiche eifrige Helfer griffen zu, um uns aus 

dem Wasser zu ziehen, daß uns beinahe die Arme 
ausgerissen wurden. Einige besonders beflissene 
Retter waren auch gar zu gerne bereit gewesen, 
künstliche Beatmung an Steve zu versuchen. 

»Doucement, doucement! Faites place pour ma-

dame!« 

Mein Französisch klang ziemlich echt. Doch leider 

verrät sich fast jeder Engländer durch die etwas 
schleppende Art der Sprache. So wunderte es mich 
nicht, einen englischen Zuruf zu hören. Ich blickte 
umher und sah den jungen Mann, der letzte Nacht bei 
der Entdeckung von Judy Wincotts Leiche anwesend 
war. Sein Name war, wie ich nun wußte, Tony Wyse. 
Er schien bei Besatzung und Passagieren des Bootes 
als Leiter der Rettungsaktion zu gelten; jedenfalls 
wurde dank seiner Anweisungen etwas Platz für uns 

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gemacht, während hilfreiche Hände trockene Pullover 
und Decken um unsere nassen Körper schlangen. 

»Glücklicher Zufall, daß ich sah, wie es passierte«, 

erklärte uns Tony Wyse, als er sein Feuerzeug an die 
Zigaretten hielt, die wir von ihm angenommen hatten. 
»Ich segle selber recht gern und beobachtete Ihr Boot 
durch eins der Münzfernrohre auf der Promenade.« 

»Sie haben es also gesehen!« rief ich aus. »Das ist 

gut! Ich möchte den Eigentümer dieses Motorbootes 
erwischen! Das Segelboot ist ein völliger Verlust, und 
irgendwer wird dafür bezahlen müssen!« 

»Oh, darum brauchen Sie sich keine Sorgen zu 

machen«, beschwichtigte Wyse leichthin. »Alle diese 
Leihboote sind ausreichend versichert.« 

Seine Tageskleidung war ebenso individuell wie 

seine Nachtgewandung. Er prunkte mit einer rehbrau-
nen Flanellhose, dazu passenden Wildledersandalen, 
einem dieser farbenfrohen, diagonal gestreiften 
spanischen Hemden, die man über der Hose trägt, und 
einem seidenen Halstuch - letzteres natürlich mehr der 
Eleganz als der Wärme wegen. 

»Der Kerl tat es absichtlich!« äußerte Steve ziem-

lich wild. »Ich weiß, daß er uns vorher genau beo-
bachtet hat! Wären wir nicht ins Wasser gesprungen, 
hätte der Zusammenstoß uns getötet! Und ich sage dir, 
Paul, das alles kommt nur durch diese verwünschte -« 

»Bestimmt war es nur ein unglücklicher Zufall«, 

unterbrach ich sie schnell und wandte mich an Wyse: 
»Wie erschien es Ihnen?« 

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Wyse machte eine elegante Handbewegung und 

erwiderte: »Schwer zu sagen, ob er Ihr Boot gesehen 
hat oder nicht. Aber ich würde ernstlich kaum behaup-
ten wollen, daß er Ihr Boot absichtlich überrannt hat. 
Nein, das würde ich kaum wollen. Übrigens wissen 
Sie wohl auch gar nicht, wer es gewesen ist? Oder?« 
Er sprach im Ton eines guten Onkels, der ein er-
schrockenes Kind beruhigen möchte. 

»Warum aber -«, begann Steve. 
»Nein, natürlich nicht«, warf ich hastig ein und 

versuchte Steves Protest durch ein verstohlenes 
Zwinkern zu stoppen. »Es war ganz offensichtlich 
einer dieser unglücklichen Zufälle. Doch sind wir 
Ihnen deswegen nicht weniger dankbar, daß Sie uns 
so prompt zu Hilfe kamen. Welch eine gütige Fügung, 
daß Sie gerade durch ein Fernrohr schauten. Nun sieht 
es so aus, als können wir das Nachmittagsflugzeug 
nach Algier doch noch erreichen.« 

»Oh, Sie fliegen heute nachmittag nach Algier?« 

fragte Wyse, breit lächelnd und den Blick tröstend auf 
Steves Gesicht gerichtet. »Das ist aber wirklich nett! 
Ich selbst werde auch in dem Flugzeug nach Algier 
sein.« 

Wir erreichten das Flugzeug buchstäblich in letzter 

Minute. Es hatte ziemlich lange gedauert, mit dem 
Bootsverleiher ins reine zu kommen. Danach konnten 
wir unsere Sachen nur noch auf gut Glück in unsere 
Koffer werfen, unseren Lunch in Rekordzeit hinun-
terwürgen und mit einem Taxi zum Flugplatz jagen. 

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Die anderen Passagiere waren bereits in die große 
Air-France-Maschine geleitet worden. Eine Boden-
stewardeß brachte uns in einer Art Laufschritt auf das 
Rollfeld, fast so schnell, wie der Elektrokarren unsere 
Koffer dorthin fuhr. Unmittelbar nachdem wir die 
Maschine bestiegen hatten, wurde die Einstiegtreppe 
fortgeschoben und die Tür geschlossen. 

Unsere vorbestellten Plätze befanden sich etwa in 

der Mitte des langen Rumpfes - zwei einander gege-
nüberliegende Sitze am Fenster. Das Flugzeug war 
höchstens zu einem Drittel besetzt, aber ausgerechnet 
auf dem Platz neben dem von Steve hatte sich eine 
aparte weibliche Erscheinung niedergelassen, deren 
Alter ich zwischen zweiundzwanzig und siebenund-
zwanzig schätzte. Daß sie Französin war, schien vom 
ersten Moment an klar. Höflich lächelnd zog sie die 
Beine an, um uns passieren zu lassen. Da ich im 
Mittelgang wartete, bis Steve ihren Platz sicher 
erreicht hatte, konnte ich sehen, wie die beiden 
Frauen, beide lächelnd, beide liebenswürdig, wach-
sam abwägende Blicke tauschten. 

Der Kontrast zwischen ihnen war beträchtlich. 

Steve ist dunkelhaarig und begnügt sich meistens mit 
sparsamem Make-up. Die Französin hatte aschblondes 
Haar, schimmernd und so makellos frisiert, als wäre 
sie erst am Vormittag beim Coiffeur gewesen. Ihre 
Wimpern waren zu lang, um echt zu sein, ihre Finger-
nägel korallenrot lackiert und ihre Lippen mit einem 
dazu passenden Lippenstift getönt. Aber es gab nichts 

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Billiges oder Auffallendes an ihrer Erscheinung. Man 
mußte sie als eine von Natur aus sehr hübsche Person 
anerkennen, die große Sorgfalt und guten Geschmack 
für ihre Schönheit aufwendete. 

In Luftreisen allerdings schien sie unerfahren zu 

sein. Denn als das Signal zum Anlegen der Sicher-
heitsgurte aufleuchtete, hantierte sie so ratlos mit 
ihrem Gurt, daß er sich mit dem von Steve verhedder-
te. Steve half ihr beim Anschnallen. 

Die Französin zeigte ein reizendes Lächeln, suchte 

ihre Englischkenntnisse zusammen und flüsterte: »Oh, 
ich danken Sie sehr viel.« Dann lachte sie leise und 
ein bißchen verlegen. 

»Ach, nichts zu danken«, antwortete Steve freund-

lich. »Sie sind nicht an Luftreisen gewöhnt?« 

»Bitte?« 
»Ich meinte: Sie sind noch nicht oft im Flugzeug 

gereist?« 

Die Französin schüttelte den Kopf - behutsam, um 

die Frisur nicht zu gefährden - und erläuterte: »Oh, 
manchmal schon. Doch seit einige Jahr nicht mehr.« 

Das Flugzeug schwenkte auf Kurs zur Startbahn ein 

und begann schneller zu rollen. Eine ermutigend 
lächelnde Stewardeß ging den Mittelgang hinunter 
und ermahnte die Passagiere, ihre Zigaretten oder 
Zigarren oder Pfeifen auszumachen; gleichzeitig 
überzeugte sie sich, ob jeder seinen Sicherheitsgurt 
angelegt hatte. 

Die Französin beugte sich nach vorn und beobach-

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tete durch das Fenster, wie draußen der Erdboden 
immer schneller vorbeihuschte. Ich wußte, daß Steve 
sie ablenken wollte, indem sie eine kleine Unterhal-
tung begann. 

»Bleiben Sie in Algier, oder reisen Sie weiter?« 
»Ich will nach Tunis. Über Nacht muß ich natürlich 

in Algier bleiben, weil ich erst morgen weiterfliegen 
kann.« 

»Genauso machen wir es auch. Wir werden morgen 

also wieder Reisegefährten sein.« 

»Ja? Oh, wie hübsch. Ich sah Sie vergangene Nacht 

im Hotel, als die Polizei alle Hotelgäste vernahm.« 

»Ach, Sie haben auch dort gewohnt?« 
»Ja. Oh, wie sehr - äh - desagreable muß es für Sie 

gewesen sein, das arme Mädchen so zu finden.« 

»Gewiß«, bekannte Steve, »das war es - sehr unan-

genehm.« 

»Wie schrecklich, zu denken, daß Sie im nächsten 

Zimmer waren, als ein Mörder sein Verbrechen 
verübte.« 

Nun, da die Unterhaltung in Gang gekommen, ver-

besserte sich das Englisch unserer Nachbarin. Sie 
schien sehr interessiert an Einzelheiten über Judy 
Wincotts Ermordung und begann Steve mit Fragen 
zuzusetzen. 

»Denken Sie, daß es ein Versuch war, die Polizei 

glauben zu machen, Sie und Ihr Gatte hätten die Tat 
begangen?« 

Steve warf mir einen etwas verwirrten Blick zu, ehe 

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sie antwortete: »Lieber Himmel, nein, das denke ich 
nicht.« 

»Aber ist es nicht eine Tatsache, daß Sie, wäre der 

andere Monsieur nicht zugegen gewesen, hätten 
geraten können in eine sehr, sehr unerfreuliche 
Situation?« 

»Nun, wahrscheinlich wären wir -«, begann Steve. 
»Oh«, warf die Französin eifrig ein, »ich allerdings 

denke, daß sie ermordet wurde, ehe man sie in jenes 
Zimmer brachte.« 

»Aber warum«, fragte Steve verwundert, »warum 

machte dann der Mörder so viel Geräusch, als er die 
Leiche in den Wandschrank legte?« 

»Nun«, entgegnete die Französin versonnen, »viel-

leicht wollte er, daß sie tun sollten, genau was Sie 
taten - in das Zimmer gehen, wo die Leiche lag.« 

Das Flugzeug hatte die Startbahn erreicht. Das 

Dröhnen der Motoren schnitt jede weitere Unterhal-
tung ab. Die Stewardeß hatte sich auf ihrem Sitz am 
rückwärtigen Kabinenende angeschnallt. Das Flug-
zeug begann in schnell zunehmendem Tempo über die 
Startbahn zu rasen. Die Französin neigte ihren Kopf 
zurück gegen die Sitzlehne. Ich sah, wie sie zwei- 
oder dreimal schluckte, aber das war alles, was sie an 
Nervosität zu erkennen gab. 

Nach wenigen Augenblicken erhob sich das Flug-

zeug vom Boden. Das Rumpeln hörte auf, unsere 
Vorwärtsbewegung wurde seidenweich. Schon war 
das Meer unter uns. Es sank schnell zurück, als das 

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Flugzeug stieg und Kurs auf die nordafrikanische 
Küste nahm. Die Leuchttafeln mit dem Rauchverbot 
erloschen; von überallher ertönte das Klicken der 
Verschlüsse, als die Passagiere ihre Sicherheitsgurte 
lösten. 

Sobald sie von ihrem Gurt befreit war, öffnete die 

Französin ihre Handtasche, holte ein goldenes Ziga-
rettenetui heraus, bot uns Zigaretten an, steckte ihre 
eigene Zigarette in eine elegante Spitze, griff noch-
mals in die Handtasche und brachte ein Briefchen 
Zündhölzer zum Vorschein. Die Hülle des Briefchens 
war dunkelblau und trug die in Gold aufgedruckten 
Initialen S.L. 

Sie riß ein Hölzchen an und hielt es zunächst Steve 

hin und dann mir. Ich sah, wie meine Frau sehr 
neugierig auf das Zündbolzbriefchen guckte. Zuletzt 
zündete die Französin ihre eigene Zigarette an. 

»Ihnen gefallen meine Zündhölzchen?« fragte sie 

nach dem ersten Zug; sie hatte also Steves neugieri-
gen Blick auch bemerkt und lächelte. »Ich lasse sie 
mir eigens anfertigen. Ein billiges Vergnügen, es 
kostet nicht viel. Das sind meine Initialen. Simone 
Lalange. Sehr hübsch, nicht wahr?« 

Ich hielt Steves betont liebenswürdige Bejahung für 

etwas verkrampft und war enttäuscht, daß sie die 
Unterhaltung nicht fortsetzte. Ihr Ausdruck hatte sich 
verändert; sie sah mich so merkwürdig an, daß ich 
fürchtete, sie habe mit beginnender Luftkrankheit zu 
kämpfen. 

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Ich lehnte mich zu ihr hinüber und fragte besorgt: 

»Fühlst du dich ganz wohl, Steve?« 

»Ach, danke. Eigentlich ja. Aber ich glaube, ich 

könnte einen Brandy brauchen, um meinen Magen zu 
beruhigen. Wir haben unseren Lunch wirklich in 
Weltrekordzeit verschlungen.« 

»Im Heck dieser Maschine ist eine kleine Bar. Wol-

len wir hingehen und etwas trinken?« 

»Oh, gerne.« 
Bisher hatte noch niemand daran gedacht, die Bar 

aufzusuchen; wir hatten das kleine Abteil also für uns. 

»Paul«, flüsterte Steve mir zu, sobald der Steward 

unsere Getränke gebracht und sich wieder hinter 
seinen winzigen Tresen zurückgezogen hatte, »Paul, 
erinnerst du dich daran, wie wir letzte Nacht vor jener 
Zimmertür standen, kurz bevor wir die Leiche ent-
deckten?« 

»Ja, genau.« 
»Nun, ich bemerkte etwas auf dem Boden des Kor-

ridors und hob es auf. Es war ein leeres Zündholz-
briefchen.« 

»Ich sah, daß du dich bücktest, und wunderte mich, 

was dir hinuntergefallen sein könnte. Inzwischen hatte 
ich es völlig vergessen.« 

»Ich auch. Aber jetzt weiß ich es wieder genau. Das 

Briefchen hatte eine blaue Hülle mit den Initialen 
S.L.« 

Ich blickte instinktiv durch die offene Tür zu den 

Sitzen, die wir eben verlassen hatten. 

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»Du hast das Zündbolzbriefchen dieser Simone 

Lalange gesehen«, fuhr Steve fort. »Es stimmt haar-
genau mit dem überein, das ich gefunden habe.« 

»Warum hast du der Polizei nicht von deinem Fund 

erzählt? Er könnte sehr wichtig sein.« 

»Ach, ich hatte die ganze Sache völlig vergessen. 

Das gefundene Briefchen ist noch in der Tasche 
meines Hausmantels.« 

»Nun, vielleicht ist es auch nicht so sehr wichtig«, 

versuchte ich Steve zu beruhigen. »Man mag Made-
moiselle Lalange das Zimmer gezeigt haben, ehe es an 
Mr. Leyland vermietet wurde. Oder sie hat das 
Briefchen fortgeworfen, als sie zufällig den Korridor 
entlangging. Oder es war überhaupt nicht ihr Brief-
chen. Sam Leyland hat dieselben Initialen. Und 
Geschäfte, in denen man solche Spezialanfertigungen 
machen lassen kann, gibt es auch in England. Viel-
leicht stammte das gefundene Briefchen also von Sam 
Leyland.« 

»Vielleicht«, entgegnete Steve zweifelnd. »Aber 

hast du nicht gehört, was sie über den Mord sagte? Sie 
scheint mehr Theorien zu haben als sonst jemand.« 

»Nun, wenn du wirklich Argwohn gegen sie hegst, 

würde ich dir raten, etwas freundlicher zu ihr zu sein. 
Sie dürfte sich dann offener geben, als wenn du ihr die 
kalte Schulter zeigst.« 

»Habe ich ihr die kalte Schulter gezeigt?« 
»Ja. Du wurdest stumm wie eine Auster, als sie dir 

Feuer für deine Zigarette reichte. Ich kann mir nicht 

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vorstellen, daß sie in diese Sache verwickelt ist. Aber 
ich denke, du solltest sie ein bißchen hofieren. Auf 
jeden Fall wäre sie eine attraktive Bekanntschaft für 
die Familie.« 

Steves Blick hatte das Glitzern eines Dolches in 

sich. 

»Ich weiß ja, daß du alle meine Theorien für sehr 

belustigend hältst«, sagte sie nicht ohne Würde. »Aber 
ich bin überzeugt, daß eine höchst fragwürdige Sache 
im Gange ist und daß diese Sache mit der verwünsch-
ten Brille zu tun hat. Der Brille wegen wurden Judy 
Wincott und diese Diana Simmonds ermordet, der 
Brille wegen sollten wir beide heute vormittag auf den 
Grund des Meeres geschickt werden. Irgendwer ist 
entschlossen, zu verhindern, daß wir sie David Foster 
übergeben.« 

»Während du entschlossen bist, uns keinesfalls 

daran hindern zu lassen?« 

»Zum erstenmal richtig«, antwortete Steve kriege-

risch und zeigte den energischen Ausdruck, den sie 
immer zeigt, wenn sie etwas unbedingt will. 

Das Flugzeug hatte seine Flughöhe erreicht und zog 

nun waagerecht dahin. Ich stellte mein Glas auf unser 
niedriges Tischchen und blickte Steve vergnügt an. 

»Wenn diese Brille so unerhört wichtig ist, bin ich 

froh, daß du dich um sie kümmern willst. Ich hoffe 
doch, du hast sie noch?« 

»Natürlich. Sie ist hier in meiner Handtasche.« 
Sie machte die Handtasche auf, um es mir zu be-

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weisen. Eine Sekunde später wühlte sie fieberhaft in 
der Kollektion teils nützlicher, teils überflüssiger 
Dinge, die sie darin spazierenträgt. Dann zog sie die 
Hand heraus und klappte die Tasche zu. 

»Sie ist weg! Jemand muß sie aus meiner Tasche 

genommen haben, seit wir im Flugzeug sind. Sie war 
noch da, als wir unsere Flugscheine vorzeigten. Diese 
Französin -! Ich weiß, daß sie -« 

Steve wollte sich erheben, aber ich hielt sie zurück 

und klopfte mit der anderen Hand auf meine Brustta-
sche, in der die Brille sicher hinter dem Taschentuch 
verborgen war. 

»Ich hielt es für weise, dich von dieser Verantwor-

tung zu befreien. Hast du vergessen, daß dir seit 
Beginn unserer Ehe drei Handtaschen verlorengegan-
gen sind, die ich dir geschenkt hatte?« 

Sie betrachtete mich nun mit unverhohlener Abnei-

gung. 

»Bisweilen erweckst du den Eindruck, als seist du 

der Loyalität einer anständigen Frau nicht würdig«, 
erklärte sie in ihrem verächtlichsten Ton und verließ 
die Bar. 

 
Ich sollte nicht lange allein in der Bar bleiben. 

Entweder durch Zufall oder weil er Steve hatte 
hinausgehen sehen, erschien nach wenigen Augen-
blicken Tony Wyse. Er begrüßte mich herzlich und 
setzte sich, nachdem er einen Brandy mit Soda bestellt 
hatte, an mein Tischchen. Für die Reise trug er einen 

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eleganten dunkelgrauen Anzug, dunkelgraue Wildle-
derschuhe und, zu einem beigefarbenen Seidenhemd, 
eine dunkelgrau und schwarz gemusterte Krawatte. 
Nach den Ereignissen der letzten Nacht und der 
Rettungsaktion an diesem Vormittag schien er mich 
als eine Art lange vermißten Bruder zu betrachten. 

»Eins verwirrt mich, Temple. Als Sie letzte Nacht 

die Schranktüren öffneten und uns den gräßlichen 
Anblick des ermordeten Mädchens enthüllten, reagier-
te Ihre Frau auf eine Art, die mich sehr nachdenklich 
machte. Sie schien sofort zu wissen, wer die Ermorde-
te war.« Wyse spielte mit seinem Glas, beobachtete 
mich aber genau, als er hinzufügte: »War sie eine 
Freundin von Ihnen beiden?« 

»Das eigentlich nicht. Wir sind ihr zwar in Paris 

begegnet, aber nur ganz flüchtig.« 

»In Paris?« Diese Neuigkeit schien ihn zu überra-

schen. 

»Ja. Eine Zufallsbekanntschaft. Sie war meiner 

Frau mit Einkaufsratschlägen behilflich. Daraufhin 
luden wir sie zu einem Aperitif ein.« 

»Haben Sie das der Polizei gesagt?« 
»Natürlich. Glauben Sie, ich hätte versucht, etwas 

zu verschweigen?« 

»Nein, wahrhaftig nicht!« Wyse nahm einen 

Schluck aus seinem Glas und bemühte sich, seinen 
Charme, der vorübergehend etwas verblichen war, 
wieder strahlen zu lassen. »Ich bedauere, so neugierig 
gewirkt zu haben. Aber es ist doch begreiflich, daß 

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man viel über einen Mord nachdenkt, wenn man 
sozusagen über das Opfer stolperte, als es noch warm 
war.« 

»Ich fürchte, ich kann Ihnen dazu nichts Neues 

sagen.« 

Wyse schien den Wink zu verstehen und wechselte 

das Thema.« 

»Ist dies Ihre erste Reise nach Nordafrika?« 
»Ja.« 
»Vielleicht kann ich Ihnen irgendwie behilflich 

sein? Ich kenne Algier und Tunis ziemlich gut. Ich 
empfände es als Auszeichnung, wenn Sie mir erlau-
ben würden, Sie und Ihre Gattin zu einigen Sehens-
würdigkeiten zu führen.« 

Ich hatte das Gefühl, daß mir ein ganzer Tag von 

Wyses Allerweltsgeschwätz ziemlich auf die Nerven 
gehen würde, und entgegnete höflich lächelnd: »Oh, 
das ist außerordentlich nett von Ihnen. Aber wir 
hoffen in Algier und Tunis Freunde zu treffen. - 
Fliegen Sie geschäftlich dorthin?« 

»Ja. Ich arbeite für Freeman und Bailey - die Inge-

nieursfirma, wissen Sie. Wir haben viel mit der Trans-
Afrika-Öl-Company zu tun.« 

»Mit der Trans-Afrika-Öl? Vielleicht kennen Sie 

einen Bekannten von mir, der bei dieser Firma 
arbeitet? David Foster ist sein Name.« 

»David Foster?« Wyse wiederholte den Namen 

nachdenklich. »Nein, ich kann nicht sagen, daß ich 
ihn kenne. Wissen Sie, ich komme soviel herum, daß 

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ich von jeder Niederlassung nur ganz wenige kenne.« 

»Sind Sie Ingenieur?« 
»Kein ausgebildeter Ingenieur, obwohl ich natür-

lich gewisse Kenntnisse habe. Ich bin in der Abtei-
lung, die sich mit der Herstellung neuer und der 
Pflege bestehender Beziehungen befaßt. Praktisch 
also immer unterwegs, könnte man sagen.« 

Er lächelte herzerwärmend, aber ich spürte, daß er, 

so gerne er fragte, selbst nicht gerne auf Fragen 
antwortete. Kurz darauf entschuldigte er sich, bezahlte 
sein Getränk und entschwand. 

Die Bar wurde allmählich voller, und ich fand, daß 

ich meinen Platz für jemand anders frei machen sollte. 
Ich schickte mich eben an aufzustehen, als mich der 
sanfte Druck einer Hand auf meine rechte Schulter 
stoppte. 

Leicht verwundert blickte ich auf die Hand hinab. 

Sie war fett und weiß, mit Grübchen an den Finger-
knöcheln. Hinter der schneeweißen Seidenmanschette 
war der schwarze Stoffärmel eines sehr teuren Anzugs 
zu sehen. Mein Blick wanderte weiter, bis er die 
gesamte Erscheinung des Mannes erfaßt hatte, der nun 
neben mir Platz nahm. 

Ich konnte ihn auf Anhieb nicht leiden. Das schwe-

re süßliche Parfüm, das er benutzte, legte die Vermu-
tung nahe, daß sein eigener Körpergeruch stark und 
unangenehm sei. Seine Augen waren klein und 
verschlagen, seine dicken Lippen lasterhaft. Er hatte 
eine Stirnglatze, aber sein öliges Nackenhaar ringelte 

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sich über den Kragen hinab. 

»Einen Moment, bitte. Sie sind Mr. Temple, nicht 

wahr?« 

Er sprach mir unangenehm dicht ins Gesicht und 

mit wispernden Tönen. 

»Der bin ich. Aber ich glaube nicht, daß ich das 

Vergnügen habe, Sie zu kennen.« 

»Wahrscheinlich nicht«, bestätigte der feiste Mann. 

»Mein Name ist Constantin, Blanys Constantin. Und 
Sie sind also Mr. Paul Temple?« 

Ich hielt es für überflüssig, darauf zu antworten. 

Der Steward kam, um Constantin nach seinen Wün-
schen zu fragen, aber jener winkte ihn ungeduldig 
fort. 

»Sie waren letzte Nacht in Nizza, Mr. Temple, und 

wohnten in dem Hotel, in dem Judy Wincott umge-
bracht wurde?« 

»Ja. Die Zeitungen haben eine gute Geschichte 

daraus gemacht.« 

»Keine ganz vollständige Geschichte, Mr. Temple. 

Nirgendwo war zu lesen, daß Sie Miss Wincott bereits 
in Paris getroffen hatten.« 

»Wahrscheinlich wurde dies nicht als mitteilens-

wert erachtet.« 

»Andere Leute mögen es trotzdem als sehr interes-

sant erachten - meinen Sie das nicht auch, Mr. Tem-
ple? Insbesondere solche Leute, die den Grund für 
Miss Wincotts Besuch in Ihrer Wohnung in der 
Avenue Georges V. kennen.« 

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Der Mann war noch näher gerückt und wisperte mir 

jetzt fast direkt ins Ohr. Da ich in einer Ecke saß, 
konnte ich nicht ausweichen, falls ich nicht Gewalt 
anwenden wollte. 

Er fuhr fort: »Sie sagten der Polizei nicht, daß Miss 

Wincott Ihnen ein sehr wertvolles Dokument anver-
traute. Das haben Sie verschwiegen - nicht wahr, Mr. 
Temple?« 

Ich fühlte Ärger in mir aufwallen, gab es aber nicht 

zu erkennen, sondern erwiderte ruhig: »Ich habe der 
Polizei nichts dergleichen gesagt, weil es absolut 
unwahr gewesen wäre.« 

»Ei, ei«, hauchte er mir ins Ohr, »Sie und ich wis-

sen das besser.« 

»Wenn Sie die Wahrheit hören wollen, bitte. Miss 

Wincott bat mich lediglich, einem Mr. David Foster, 
der in Tunis lebt, eine Brille zu überbringen. Miss 
Wincott hatte zufällig erfahren, daß meine Frau und 
ich nach Tunis wollen.« 

Constantin blinzelte mehrmals sehr hastig und 

schien irgendwie außer Fassung geraten. Doch dann 
ging er gleich wieder zum Angriff über. 

»Man hat Sie zum Narren gehalten, Mr. Temple. Es 

gibt keinen David Foster. Und diese Brille wird Ihnen 
nur Schwierigkeiten bringen.« 

»Mr. Constantin, ich denke, Sie sind es, der sich 

hier zum Narren macht. Es ist eine ganz normale 
Brille, ohne jedes Geheimnis. Das hat die Polizei 
festgestellt. Erwiesen ist auch, daß sie mit dem Mord 

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an Miss Wincott nicht in Verbindung gebracht werden 
kann.« 

»Nichtsdestoweniger« - Constantin spähte unruhig 

umher, um sich zu vergewissern, daß niemand lausch-
te -, »nichtsdestoweniger werde ich Ihnen eintausend 
Pfund geben, wenn Sie mir diese Brille überlassen.« 

Ich begann zu lachen und schüttelte den Kopf, aber 

Constantin rückte mir so auf den Leib, daß er mich 
mit seinem Wanst regelrecht in die Ecke drückte. 

»Fünftausend Pfund!« zischte er mir ins Ohr. Und 

dann, fast ohne Pause: »Zehntausend! Ich kann soviel 
zahlen, glauben Sie mir! Sie erhalten Ihr Geld, wenn 
wir in Algier ankommen!« 

»Mr. Constantin, Sie verschwenden Ihre Zeit«, 

sagte ich grob und stieß ihn beiseite, so daß ich 
endlich aufstehen konnte. 

»Nein«, rief er mir halblaut nach, als ich die Bar 

verließ, »Sie sind es, der seine Zeit verschwendet. Ich 
sage Ihnen, Sie werden Ihren David Foster niemals 
finden!« 

 
 
 
 
 
 
 
 
 

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Als ich zu unseren Sitzen zurückkehrte, fand ich, 

daß Steve der Französin ihren Fensterplatz geopfert 
hatte. Aber Mademoiselle Lalange war, vermutlich 
ermüdet vom Anblick des eintönig ruhigen Meeres, in 
Schlaf gesunken. Ich winkte Steve, auf meinen Platz 
hinüberzuwechseln, und setzte mich auf den leeren 
Sitz daneben. Außer uns dreien war niemand weiter in 
der unmittelbaren Nähe. 

»Du hattest recht«, raunte ich Steve zu. »Diese 

Brille hat irgendeine eigentümliche Bedeutung. Ich 
kann mir nicht vorstellen, wieso. Aber es gibt Leute, 
die viel Geld dafür bezahlen wollen. Und wo es um 
viel Geld geht, sind häufig genug auch Mordmotive 
vorhanden.« 

Ich erzählte ihr von meiner Begegnung mit Con-

stantin und dem märchenhaften Angebot, das dieser 
Mann mir gemacht hatte. Steve nickte, ohne den Blick 
von der schlafenden Französin zu wenden. Sie schien 
meinen Bericht nur als eine Bestätigung dessen zu 
empfinden, was sie längst gewußt hatte. 

»Der Anlaß für die Ermordung dieser beiden Mäd-

chen steckt in deiner Brusttasche«, antwortete sie 
milde. »Übrigens habe ich auch etwas Interessantes 
entdeckt. Ich hatte« - sie wies auf die schlafende 
Französin - »eine nette Unterhaltung mit ihr. Sie hat 
mir praktisch ihre ganze Lebensgeschichte erzählt. 
Ahnst du, was sich herausstellte? Sie reist nach Tunis, 

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weil sie Freunde bei der Trans-Afrika-Öl hat. Ein 
merkwürdiger Zufall, nicht wahr?« 

»Kennt sie David Foster?« 
»Ich fragte sie. Aber sie sagte nein, sie kenne bis 

jetzt nur die Namen von drei oder vier Leuten in der 
Firma.« 

Wir beide betrachteten das schlafende Mädchen 

und stellten uns im stillen wahrscheinlich dieselbe 
Frage: Was hatte Simone Lalange in der vorigen 
Nacht - falls das leere Zündholzbriefchen von ihr 
stammte - bei der Tür von Nummer 12 zu tun gehabt? 

Der Rest des Fluges verlief ereignislos. Weder 

Constantin noch Wyse kamen wieder in unsere Nähe. 
Simone Lalange allerdings wachte nach einem 
Weilchen auf und erwies sich dann als recht unterhalt-
same Reisegefährtin. Sie widmete ihre Aufmerksam-
keit hauptsächlich mir und entwickelte dabei beachtli-
chen Charme. Mit stillem Vergnügen nahm ich die 
kleinen Doppelsinnigkeiten zur Kenntnis, die sich 
nach und nach in Steves anscheinend harmlose 
Bemerkungen schlichen. Am Ende war ich aber doch 
irgendwie erleichert, als die afrikanische Küste in 
Sicht kam und unser Flugzeug bald darauf zur Lan-
dung ansetzte. 

 
Die Air France hatte für die meisten Fluggäste 

Zimmer im Hotel Aletti gebucht, dem modernsten 
Hotel von Algier, mit wunderbarem Blick auf den 
Hafen. In dem Bus, der uns zum Hotel brachte, fuhren 

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auch Simone Lalange und Tony Wyse. Constantin 
war mir gleich nach der Landung aus den Augen 
geraten. Entweder hatte er beim Flughafen Freunde 
getroffen oder ein privates Beförderungsmittel 
vorgezogen. 

Der Empfangschef im Hotel ließ uns die üblichen 

Anmeldeformulare ausfüllen. Als er meins entgegen-
nahm, hob er die Augenbrauen und sagte: »Mr. 
Temple? Wir hatten einen Telefonanruf für Sie. Vor 
einer halben Stunde fragte ein Herr, ob Sie bereits 
eingetroffen wären.« 

»Seltsam«, raunte ich Steve zu. »Ich kenne nie-

manden in Algier und habe doch auch niemanden 
benachrichtigt, daß wir kommen.« Ich wandte mich an 
den Empfangschef: »Nannte er einen Namen?« 

»Non, Monsieur. Er sagte, er würde Sie später wie-

der anrufen.« 

 
Unser Zimmer erwies sich als ein Prachtraum mit 

sehr schönem Ausblick auf den Hafen. Aber zuerst 
mußten wir uns um unsere Kleidung kümmern, die 
wir in Nizza so hastig und lieblos in die Koffer 
geworfen hatten. Während wir dabei waren, sie in den 
großen Schrank zu hängen, sagte Steve: »Ach, Paul, 
ich wünschte, du würdest diese Brille an einem 
sicheren Ort deponieren.« 

»Traust du mir nicht zu, daß ich sie gut genug ver-

wahren kann?« 

»Das ist es nicht. Wenn dieser Mann Constantin sie 

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so dringend haben will, daß er zehntausend Pfund 
dafür geboten hat, könnte er leicht versuchen, sie dir 
gewaltsam abnehmen zu lassen. Du selbst sagtest, 
daß, wenn es um viel Geld geht, häufig genug auch 
Mordmotive vorhanden sind. Warum bittest du nicht 
die Hotelverwaltung, die Brille in ihren Safe zu 
schließen?« 

Ich war mit meinen Toilette- und Rasierutensilien 

auf dem Weg in das kleine Badezimmer. 

»Du kannst doch nicht im Ernst von mir erwarten«, 

entgegnete ich, »daß ich die Hotelverwaltung bitte, 
eine ganz gewöhnliche Brille in ihren Safe zu schlie-
ßen. Man würde mich für übergeschnappt halten. 
Außerdem könnte es bloß Aufmerksamkeit erregen.« 

»Es kann keine ganz gewöhnliche Brille sein«, 

widersprach Steve. »Sie muß einen sehr hohen Wert 
haben - für diesen David Foster und für andere.« 

»Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, 

wieso. Die französische Polizei ist sehr gewissenhaft, 
und du darfst überzeugt sein, daß sie diese Brille 
peinlich genau untersucht hat.« 

Aus dem Bad wieder in das Zimmer zurückkeh-

rend, holte ich die Brille aus meiner Brusttasche und 
legte sie auf den Schreibtisch beim Fenster. Steve 
stand neben mir; wir beide sahen auf die Brille hinab. 
Es war schwer, sich etwas Harmloseres vorzustellen. 
Sie erinnerte mich irgendwie an den gütigsten Schul-
lehrer, den ich in meiner Kindheit gehabt hatte; ich 
mußte an süßlichen Pfeifentabaksrauch denken, an die 

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Lederrücken alter Lehrbücher und an das vertraute 
Rasseln des alten Rasenmähers auf der Kricketwiese 
vor unseren Klassenfenstern. Aber seitdem diese 
Brille in meine Hände gekommen war, hatten brutale 
Morde zwei Menschenleben ausgelöscht, hatte ein 
gemeiner Versuch stattgefunden, Steve und mich zu 
ertränken, hatte ein völlig Fremder mir zehntausend 
Pfund angeboten, wenn ich ihm die Brille überließe. 

»Ich begreife deine Haltung nicht, Paul.« Steves 

Ton verriet, daß sie meine Nachdenklichkeit mißdeu-
tete. »Du willst es einfach nicht ernst nehmen.« 

Ich legte ihr einen Arm um die Schultern. 
»Ich nehme es ernst, Steve. Ich glaube durchaus, 

daß an dieser Brille ein finsteres, wahrscheinlich 
tödliches Geheimnis hängt. Aber ich habe einem jetzt 
toten Mädchen mein Wort gegeben, sie ihrem Eigen-
tümer abzuliefern. Das will ich so schnell wie möglich 
hinter mich bringen. Und dann, Steve, werden wir 
unsere Ferien unbeschwert genießen.« 

Steve beantwortete mein Lächeln nicht. Ihr Blick 

war düster, als sie sagte: »Angenommen, Constantin 
hat recht, und du wirst David Foster nicht finden? 
Vielleicht existiert überhaupt kein David Foster?« 

»Wenn sich das herausstellt, werde ich die Brille 

wieder nach Frankreich mitnehmen und der dortigen 
Polizei übergeben. Dennoch denke ich, daß David 
Foster existiert - auch wenn er vielleicht unter einem 
anderen Namen bekannt ist. Es wäre durchaus mög-
lich, daß wir ihn schon getroffen haben.« 

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»Du meinst, er könnte Tony Wyse sein? Warum 

hatte er dich dann nicht einfach gebeten, ihm sein 
Eigentum auszuhändigen? Aber ich glaube nicht an 
diese Theorie. Ich bezweifle, daß Mr. Wyses Sehkraft 
so geschwächt ist.« 

Es war kennzeichnend für meine Gefühle, daß ich, 

als plötzlich das Telefon schnarrte, die Brille schnell 
in meine Brusttasche steckte und hinter dem Taschen-
tuch verbarg. Erst dann nahm ich den Hörer ab. 

»Hallo?« 
»Ist dort Mr. Temple?« 
»Ja. Wer spricht dort?« 
»David Foster. Ich erfuhr, daß Sie meine Brille 

haben, und hielt es für richtig, Sie anzurufen, um zu 
vereinbaren, wie ich sie von Ihnen erhalten kann.« 

»Oh, Mr. Foster?« Ich wiederholte den Namen, um 

Steve einen Wink zu geben. Sie stellte sich neben 
mich und drückte ein Ohr an die Außenseite des 
Hörers. »Ich habe nicht erwartet, von Ihnen zu hören, 
ehe wir nach Tunis kämen.« 

»Ach ja, freilich. Wissen Sie, ich bin geschäftlich 

für ein paar Tage nach Algier gekommen. Judy 
telegrafierte mir, daß Sie über Algier nach Tunis 
reisen würden. Ich dachte, ich könnte Ihnen weitere 
Mühen ersparen, wenn ich mir die Brille gleich hier 
von Ihnen geben ließe.« 

»Gewiß. Ich nehme ja an, Sie kommen ohne die 

Brille schwer zurecht.« 

»Oh -?« Die Stimme klang unsicher. »Bitte, wie 

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meinen Sie das?« 

»Nun, ich denke, daß es für Sie, als einen so kurz-

sichtigen Menschen, schwierig ist, zu lesen - und 
ähnliches.« 

»Ach so, ja. Natürlich.« Der Anrufer lachte nervös. 

»Ja, ich - äh - ich stolpere fortwährend über alles 
mögliche, und so weiter. Eine schreckliche Plage. 
Nicht zuletzt, weil ich fast mit Sicherheit immer in 
den falschen Omnibus steige. Ha, ha, ha. Treffe ich 
Sie im Hotel an, wenn ich jetzt direkt hinkomme?« 

»Ja. Wie lange würden Sie brauchen?« 
»Nicht lange. Ich bin in der Villa Negra -«, die 

Stimme verstummte plötzlich. Ich legte eine Hand 
über die Sprechöffnung und sah zu Steve. 

»Wir scheinen getrennt worden zu sein.« 
Steve sagte: »Mir scheint es eher, als habe er genau 

dasselbe getan wie du - die Hand über die Sprechöff-
nung gelegt. Aber was -« 

Ich winkte Steve zu schweigen, denn die Stimme 

im Telefon meldete sich wieder: »Sind Sie noch da?« 

»Ja.« 
»Ich werde in etwa zwanzig Minuten im Hotel sein. 

Würden Sie in der Eingangshalle auf mich warten?« 

»Ja. Fragen Sie am Empfang nach mir.« 
»Gut. Übrigens - wie geht es Judy?« 
»Judy Wincott? Ich fürchte, da habe ich schlechte 

Nachrichten für Sie. Aber darüber nachher, wenn wir 
uns treffen.« 

»Schlechte Nachrichten?« 

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»Leider ja. Bis nachher also, Mr. Foster.« 
Es war zweiundzwanzig Minuten nach sieben, als 

ich auflegte. Kurz vor halb acht erschienen Steve und 
ich in der Halle und baten den Mann am Empfang, 
dem erwarteten Besucher zu zeigen, wo wir säßen. 

Um halb neun fragte ich zum drittenmal am Emp-

fang nach, aber niemand hatte sich nach uns erkun-
digt, niemand hatte telefoniert. 

»Noch immer nichts«, sagte ich zu Steve, als ich 

wieder zu ihr kam. »Ich fürchte, unser Vogel wird 
nicht erscheinen.« 

»Ich hatte den Eindruck, als sei euer Telefonge-

spräch etwas merkwürdig gewesen. Kann es dein 
Freund Constantin gewesen sein?« 

»Nein. Constantins Stimme hätte ich unter allen 

Umständen erkannt. Vielleicht hat David Foster 
wieder den falschen Bus genommen.« 

»Es gibt wohl keine Möglichkeit, den Anruf zu-

rückzuverfolgen?« 

»Er erwähnte die Villa Negra. Aber das schien ihm 

versehentlich herausgeschlüpft zu sein. Vielleicht 
kann man uns am Empfang helfen.« 

Die drei Männer an der Rezeption waren anfangs 

merkwürdig zurückhaltend und skeptisch. Erst als ich 
ihnen sagte, dann müsse ich mich eben an die Polizei 
wenden, änderte sich ihr Verhalten. Adreßbücher und 
Stadtpläne wurden aus verschiedenen Schubladen 
geholt. Nach wenigen Minuten zeigte einer der 
Hotelangestellten auf einen Stadtplan und begann zu 

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erklären. 

Die Villa Negra war ein ziemlich großes Haus an 

einer kleinen Bucht westlich der Stadt, ungefähr 
fünfzehn Autominuten vom Hotel entfernt. 

»Können Sie uns ein Taxi besorgen?« fragte ich. 
»Das wird nicht nötig sein, Monsieur. Drei, vier 

Taxis warten ständig vor dem Hotel.« Ein Page wurde 
herbeigewinkt. »Führe Monsieur zu einem Taxi.« 

»Aber unser Dinner?« fragte Steve, als ich ihr mit-

teilte, wohin wir fahren wollten. »Ich muß gestehen, 
daß ich schon seit einer halben Stunde ziemlich 
Hunger habe.« 

»Leider werden wir damit noch ein wenig warten 

müssen. Zuerst die Villa Negra. Ich denke, wir 
werden mit besserem Appetit essen, wenn wir Mr. 
Foster gefunden und ihm seine Brille zurückgegeben 
haben.« 

 
Der Taxifahrer kannte den betreffenden Vorort von 

Algier nicht gut genug, um uns auf kürzestem Wege 
zur Villa Negra zu bringen. Er mußte einigemal 
fragen und stoppte schließlich unterhalb eines weißen, 
etwas vernachlässigt aussehenden Gebäudes, das auf 
einem Hügel abseits der Straße stand. 

Das Gittertor, das er gefunden hatte, war zu schmal 

für ein Auto, und der Weg dahinter schien eher eine 
Art Pfad zu sein. 

»Na ja«, murmelte der Fahrer und rückte sich seine 

Mütze ins Genick. »Vielleicht ist dies bloß der 

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Hintereingang.« 

»Genügt uns«, sagte ich zu ihm und stieg aus. 

»Wieviel schulde ich Ihnen?« 

Der erste Teil des Weges ließ sich leicht an. Die 

Steigung war mäßig, und wir schritten munter aus, 
obwohl der Pfad von Gras überwuchert war und die 
Dornen der Brombeerbüsche links und rechts unsere 
Kleidung bedrohten. Natürlich war es längst dunkel 
geworden, aber das starke Licht hinter den hohen 
Parterrefenstern der Villa erhellte indirekt auch den 
Weg. 

Die Villa mußte ehedem ein vornehmes Wohnhaus 

gewesen sein. Sie hatte einen gewiß großartigen 
Ausblick auf das Meer und besaß eine offenbar 
ringsherum führende Terrasse. Der Pfad wurde steiler 
und endete schließlich in engen Kehren. 

Als wir uns dem Ende des Pfades zu nähern schie-

nen, flüsterte Steve: »Ich möchte nur hoffen, daß der 
echte David Foster wirklich hier wohnt.« 

Gleich darauf machten wir halt, da plötzlich aus 

einem Zimmer des Hauses wütendes Schimpfen 
ertönte, so laut, daß es trotz der geschlossenen Glastü-
ren unangenehm deutlich zu hören war. Auf einmal 
kam, die Arme zum Schutz über den Kopf erhoben, 
die Gestalt eines Mannes durch das Glas einer Fen-
stertür gesprungen. Fast gleichzeitig mit dem Klirren 
des Glases ertönte ein Schuß und sofort noch einer. 
Der Mann stieß einen Schmerzensschrei aus. 

Wir sahen ihn geduckt über die Terrasse der kurzen 

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steinernen Treppe entgegen wanken, die zu dem Pfad 
hinabführte, auf dem wir standen. Am Kopf der 
Treppe blieb er eine Sekunde lang stehen, um Atem 
ringend, vor Schmerz gekrümmt. Dann stolperte und 
taumelte er die Stufen hinab. Da er nun im Schatten 
war, sahen wir ihn nicht mehr, konnten aber sein 
Keuchen und Stöhnen hören, als er näher kam. 

Oben beim Haus war eine der Türen geöffnet wor-

den, und zwei Männer hatten sich vorsichtig ins Freie 
gewagt. Durch die Dunkelheit getäuscht, begannen sie 
suchend die verkehrte Seite der Terrasse entlangzu-
laufen. 

Der fliehende Mann war ganz dicht vor uns, ehe er 

uns bemerkte. Er kam so gekrümmt daher, daß ihm 
unsere Gegenwart erst bewußt wurde, als er unsere 
Füße sah. Er blieb erschrocken stehen und richtete 
sich mit großer Schwierigkeit halb auf. Seine Ellbo-
gen, Unterarme und Hände waren von dem zersplitter-
ten Glas verletzt und bluteten. Auch über das Gesicht 
rann ihm Blut. Aber das Schlimmste war der Schuß, 
den er in den Rücken bekommen hatte. 

Er taumelte schrecklich, als er zu erkennen ver-

suchte, ob wir Freunde oder Feinde seien. Ich griff 
nach einem seiner Arme, um ihn zu stützen. Meines 
Erachtens konnte er nur überleben, wenn er sich sofort 
niederlegen und möglichst reglos auf das Eintreffen 
eines Arztes warten würde. 

»Keine Angst haben«, sagte ich beruhigend. 
»Wer sind Sie?« keuchte er argwöhnisch. »Was tun 

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Sie hier?« 

Seine Stimme kam mir bekannt vor. Ich fragte: 

»Sind Sie der Mann, der mich vorhin im Hotel Aletti 
angerufen hat? Ist Ihr Name David Foster?« 

Er wischte sich über die Stirn, damit ihm das Blut 

nicht in die Augen liefe. Wenn ich ihn nicht festgehal-
ten hätte, wäre er gefallen. Seine Kräfte schwanden 
schnell. 

»Sie sind Temple«, ächzte er. Um ihn nicht loszu-

lassen, mußte ich mich niederbeugen, denn jetzt sank 
er vor Schwäche auf die Knie. »Ach, ich wünschte, 
ich hätte zu Ihnen kommen können, aber -« 

Seine Stimme versagte, und sein Gesicht verzerrte 

sich vor Schmerz. 

Steve, die das Haus und die Terrasse beobachtet 

hatte, flüsterte warnend: »Vorsicht, Paul! Ich glaube, 
sie kommen jetzt hierher!« 

»Sind Sie David Foster?« raunte ich dem Verwun-

deten dringlich zu. 

»Nein. Aber ich habe Sie angerufen. Er wollte es 

so.« 

»Wer?« 
Von der Terrasse ertönten eilige Schritte und ein 

Ruf. Der Verwundete klammerte sich angstvoll an mir 
fest, als die Schatten zweier Gestalten am oberen 
Ende der Treppe erschienen und stehenblieben, als 
hielten sie Ausschau. Die eine Gestalt war sehr groß 
und schlank, die andere kurz, breit und affenähnlich. 

»O Gott!« flüsterte der Verwundete heiser. »Lassen 

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Sie diese Bestien nicht wieder über mich kommen!« 

Ich sah voll Entsetzen die Blutpfütze, die sich seit-

lich von ihm am Boden bildete. Er verlor beängsti-
gend viel Blut aus der Wunde, von der ich nur wußte, 
daß sie irgendwo in seinem Rücken war. 

»Nur ruhig«, versuchte ich ihn zu ermutigen. »Wir 

werden Sie beschützen.« 

»Paul!« flüsterte Steve mir zu. »Die beiden sind zur 

anderen Seite des Hauses hinübergelaufen. Aber ich 
bin sicher, daß sie zurückkommen werden.« 

Der Verwundete hörte Steves Worte und machte 

eine furchtbare Anstrengung, wenigstens seinen 
Oberkörper aufzurichten. 

»Temple, was auch geschehen mag« - seine Stim-

me war kaum noch zu hören -, »was auch geschehen 
mag, geben Sie ihnen die Brille nicht!« 

Es war sein letzter Willensakt. Er kippte vornüber, 

ein totes Gewicht in meinen Händen. Ich ließ ihn 
behutsam zu Boden gleiten und drehte ihn auf den 
Rücken. Von der Terrasse her hörte ich Schritte an der 
anderen Seite des Hauses entlanglaufen. Ich nahm die 
Brille aus meiner Brusttasche und reichte sie Steve. 

»Hier, nimm das. Und geh zurück zu dem Gittertor, 

durch das wir hereingekommen sind. Warte dort auf 
mich  -  zwischen irgendwelchen Sträuchern versteckt, 
falls du das für besser hältst. Sollte ich binnen einer 
halben Stunde nicht gekommen sein, benachrichtige 
auf schnellstem Wege die Polizei von dem, was hier 
geschehen ist.« 

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»Paul«, begann sie, »ich verlasse dich nicht -« 
»Du gehst«, knurrte ich. »Begreifst du denn nicht, 

daß du im Moment die einzige Sicherheit bist, die ich 
habe?« Ich legte ihr eine Hand auf den Arm und fügte 
freundlicher hinzu: »Bitte tu, was ich dir sage.« 

»Gott schütze dich«, flüsterte sie, als sie die Brille 

nahm. »Ich glaube, ich höre die beiden zurückkom-
men.« Eine Sekunde später - war sie hinter der 
nächsten Biegung des Pfades verschwunden. 

Ich kniete mich zu dem verwundeten Mann. Viel-

leicht war er noch zu retten, wenn es mir gelang, 
einen weiteren Blutverlust zu verhindern. Er trug 
keine Jacke, nur ein dünnes Hemd und eine leichte 
Hose. Seine Füße waren nackt. Ohne auf die Schritte 
zu achten, die die Treppe herunterkamen, drehte ich 
ihn auf die Vorderseite. Er ließ es willenlos geschehen 
und gab keinen Laut von sich. 

Sein Rücken war von den Schultern abwärts mit 

Blut besudelt. Vermutlich war er schwer geprügelt 
worden, ehe man auf ihn geschossen hatte. Ich riß sein 
Hemd entzwei und sah die Einschußöffnung, aus der 
das Blut pulste. Als ich mein zusammengelegtes 
Taschentuch daraufdrückte, traf mich der Lichtkegel 
einer starken Taschenlampe. Die näher kommenden 
Schritte machten halt. Einen Moment lang herrschte 
bedrohliche Stille. 

»Wer sind Sie? Was machen Sie da?« 
Die Stimme war hart und befehlsgewohnt; ihr 

Französisch klang akzentfrei. 

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»Dieser Mann braucht schnellstens ärztliche Hilfe«, 

erwiderte ich auf englisch. »Haben Sie ein Telefon im 
Haus?« 

»Zum Teufel, ich fragte, wer Sie sind!« Jetzt sprach 

er englisch, mit einer Spur von amerikanischem 
Akzent. »Was tun Sie auf meinem Grundstück? Falls 
dieser Kerl ein Freund von Ihnen ist -« Der Lichtkegel 
wurde auf den Verwundeten gerichtet, der mir er-
schreckend still vorkam. Ich fühlte nach seinem Puls. 
Da rührte sich nichts mehr. 

»Er ist niemandes Freund mehr. Er ist tot.« 
Ich stand auf und versuchte mir die Hände an mei-

nem Taschentuch abzuwischen. Der kleinere der 
beiden Männer trat in den Lichtkegel. Er war ein 
breitschultriger, aber buckliger Araber mit unnatürlich 
langen Armen und riesigen Händen. Ohne die gering-
ste Anstrengung drehte er den Toten wieder auf den 
Rücken und starrte ihm in die Augen. 

»C'est vrai«, murmelte er dem Mann mit der Ta-

schenlampe zu. »Il est mort.« 

Ohne es zu sehen, hatte ich gespürt, daß dieselbe 

Waffe, aus der der Mann am Boden den tödlichen 
Schuß erhalten hatte, auf mich gerichtet war, seit der 
Lichtkegel der Lampe mich beleuchtete. Ich wußte, 
daß ich ein durchaus unerwünschter Zeuge des 
Vorfalls war und daß es für den Mann mit der Waffe 
die einfachste Lösung dargestellt hätte, mich zu 
erschießen und dann im Meer verschwinden zu lassen, 
sicher mit ein paar Steinen beschwert. Ich fand, daß es 

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an der Zeit wäre, mich vorzustellen. 

»Mein Name ist Temple«, begann ich. »Ich kam 

hierher, weil mir diese Adresse von einem Mr. David 
Foster genannt wurde.« 

»Sie sind Temple?« Der Lichtkegel wurde wieder 

auf mein Gesicht gerichtet. »Ich bin Colonel Rostand, 
der Eigentümer dieses Hauses. Ich bedauere, daß 
Ihnen ein so unfreundliches Willkommen zuteil 
wurde. Dieser Mann brach in mein Haus ein. Aber 
glücklicherweise ertappten wir ihn auf frischer Tat. Er 
riß sich los und versuchte zu entfliehen. Ich schickte 
einen Schuß hinter ihm her - um ihn zu erschrecken 
und zu vertreiben, versteht sich. Ich hatte gewiß nicht 
die Absicht, ihn zu verletzen.« 

»Zwei Schüsse«, berichtigte ich. »Und ich bin 

überrascht zu hören, daß er sich losriß. Nach seiner 
oberen Rückenpartie zu urteilen, ist er schwer geprü-
gelt worden.« 

»Nun«, erwiderte Rostand, »ich fürchte, mein Hel-

fer hier ist gelegentlich ein wenig impulsiv.« 

Der Bucklige beobachtete mich auf seltsam hungri-

ge Art; die riesigen Hände baumelten ihm dabei in 
Wadenhöhe herum. Seine Stirn war so widernatürlich 
flach, und seine Oberkieferzähne ragten so tierisch 
über seine Unterlippe hinaus, daß ich unwillkürlich an 
einen Orang-Utan denken mußte. 

Rostand schwenkte den Lichtkegel seiner Stablam-

pe von mir fort und wandte sich dem Haus zu. 

»Natürlich muß ich die Polizei anrufen und ihr 

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melden, daß ich einen Mann erschossen habe«, sagte 
er. »Sie kommen bitte mit mir ins Haus, Mr. Temple. 
Ich werde Sie dort mit Mr. Foster bekannt machen.« 

»Er ist also da?« 
»Ja, natürlich. Er wartet auf Sie, um seine Brille in 

Empfang zu nehmen.« 

Als ich mich in Bewegung setzte, um Rostand zu 

folgen, wartete der Araber, bis ich an ihm vorüber 
war, und trottete dann hinter mir drein. Wie ein gut 
abgerichteter Schäferhund, der auch die wortlosen 
Wünsche seines Herrn spürt, hatte er begriffen, daß 
mir nicht erlaubt werden durfte zu entkommen. 

Wir betraten das Haus durch die beschädigte Glas-

tür, deren beide Flügel jetzt weit offenstanden. Der 
erste Raum war ein großer Salon mit so altmodischer 
Einrichtung, daß er an ›die gute Stube um die Zeit der 
Jahrhundertwende‹ in einem provinziellen Heimatmu-
seum erinnerte. Rostand führte mich weiter in einen 
kleineren Raum, dessen Wände hinter Regalen voll 
verstaubter Bücher versteckt waren. 

»Wenn Sie mich für eine Minute entschuldigen 

möchten, werde ich jetzt mit der Polizei telefonieren. 
Sandro sorgt inzwischen für Ihr Wohlergehen.« 

Er nickte dem Buckligen bedeutsam zu, ging wie-

der hinaus und machte die Tür hinter sich zu. 

Sandros Sorge für mein Wohlergehen beschränkte 

sich darauf, daß er mit dem Rücken zur Tür Aufstel-
lung nahm, seine unglaublich langen Affenarme 
baumeln ließ und mich anstarrte. Um seinen wenig 

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sympathischen Blick zu vermeiden, wandte ich mich 
dem nächsten Bücherregal zu und nahm auf gut Glück 
einen Band heraus. Es war Pierre de Marivaux' 
Komödie ›Die unaufrichtigen Geständnisse‹. 

Ich hatte nicht ganz die Hälfte der ersten Szene 

gelesen, als Rostand zurückkehrte, jetzt ganz Joviali-
tät und pensionierter Armeeoffizier. Er war lang und 
hager, mit sehr aufrechter Haltung, braunem 
Schnauzbart und kleiner unmoderner Nickelbrille. 
Seine Hände befanden sich ständig in Bewegung. 

»Die Polizei kommt«, versicherte er mir mit biede-

rem Lächeln. »Der Beamte, mit dem ich sprach, 
konnte den Mann nach meiner Beschreibung als einen 
gesuchten Einbrecher erkennen. Foster habe ich 
gesagt, daß Sie hier sind. Er wird in einer Minute 
unten sein.« 

Er wandte sich an den Araber und sagte ihm barsch 

in Französisch, daß er jetzt gehen könne. 

Ohne ein Wort ging Sandro hinaus. Er hatte die Tür 

hinter sich bereits halb zugemacht, als er sie schnell 
wieder aufmachte, um einen anderen Mann eintreten 
zu lassen. 

»Ah, Foster«, sagte Rostand liebenswürdig zu dem 

Ankömmling, »hier ist Ihr sehnlich erwarteter Freund 
Mr. Temple.« 

Der andere Mann blieb wie angewurzelt in der 

offenen Tür stehen, ohne seine bereits zur Begrüßung 
ausgestreckte rechte Hand sinken zu lassen, und 
glotzte mich an. Ich starrte ebenfalls. 

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»Das also ist David Foster?« fragte ich Rostand. 
»Habe ich es nicht eben gesagt?« fragte Rostand 

ungeduldig zurück, offenbar verwirrt durch unser 
beider Verhalten. 

»Nun, Mr. Foster«, äußerte ich höflich, »ich finde 

ja, Sie hätten sich schon in Nizza vorstellen können. 
Aber vielleicht hatten Sie dort noch keinen Bedarf an 
Ihrer Brille. Mir jedenfalls schien es, als sei an Ihrer 
Sehkraft nichts auszusetzen.« 

Der Mann, der sich in Nizza fortwährend als Sam 

Leyland bezeichnet hatte, zuckte betreten die Achseln 
und murmelte Rostand vorwurfsvoll zu: »Colonel, Sie 
hätten mich aber auch warnen können.« 

»Warnen? Wovor?« 
»Daß dies derselbe Bursche ist, dem ich schon in 

Nizza begegnet bin.« 

Rostand machte einen letzten Versuch, den An-

schein zu wahren, indem er würdevoll zu mir sagte: 
»Ich weiß nicht, wie er sich in Nizza nannte, Mr. 
Temple, und warum er es für nötig hielt, sich nicht 
unter seinem richtigen Namen vorzustellen. Aber ich 
gebe Ihnen mein Offiziersehrenwort, daß er David 
Foster ist. Wenn Sie ihm nun freundlicherweise seine 
Brille übergeben würden, könnte ich Sandro befehlen, 
Sie sogleich in Ihr Hotel zurückzufahren, damit Sie 
nicht erst in die langwierigen Formalitäten mit der 
Polizei verwickelt werden.« 

Sam Leyland starrte mich so eindringlich an, als 

wolle er mich beschwören, zu tun, wie Rostand gesagt 

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hatte, um dann zu meinem eigenen Wohl schleunigst 
aus diesem Haus zu verschwinden. Aber ich schüttelte 
den Kopf. 

»Tut mir leid, Colonel Rostand. Ich kann Ihrem 

Vorschlag nicht folgen. Erstens glaube ich nicht, daß 
dieser Mann David Foster ist. Zweitens glaube ich 
nicht, daß der Mann, den Sie erschossen haben, ein 
gesuchter Einbrecher war. Ich glaube vielmehr, daß er 
es war, der mich zwanzig Minuten nach sieben im 
Hotel Aletti anrief und sich als David Foster ausgab. 
Er versprach, ins Hotel zu kommen. Aber er kam 
nicht. Warum nicht? Hatte Sandros Impulsivität ihn 
ungeeignet gemacht, vor anderen Leuten zu erschei-
nen?« 

Wie durch Zauberei hatte Rostand plötzlich eine 

Pistole in der Hand. Die joviale Pose des pensionier-
ten Armeeoffiziers war von ihm abgefallen. 

»Schön, Temple«, knurrte er, »Sie haben es selbst 

gewollt.« 

Er pfiff wie nach einem Hund. Daraufhin kam San-

dro hereingestürmt, sah, daß Rostand mich mit der 
Pistole in Schach hielt, und handelte unverzüglich. 
Wegen der auf mich gerichteten Waffe und in Erinne-
rung an die jammervolle Gestalt draußen auf dem 
Pfad verspürte ich keine Lust, Widerstand zu leisten. 
Viel hätte ich in Sandros Griff sowieso nicht tun 
können. Mit übermenschlicher Kraft zog er mir die 
Arme hinter den Rücken und hielt meine beiden 
Handgelenke mit einer seiner Riesenpranken so fest, 

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als steckten sie in einer stählernen Fessel. Seinen 
anderen Arm warf er mir von hinten um den Hals und 
drückte meinen Kopf zurück - so gewaltsam, daß er 
mir fast die Luft abschnitt. Es konnte keinen Zweifel 
geben, daß Sandro ungemein impulsiv war. 

»Los, Leyland!« kommandierte Rostand. »Durch-

suchen!« 

Leyland kam herbei - nicht allzu begeistert, wie es 

schien - und griff sorgfältig in alle meine Taschen. 
Als er damit fertig war, wandte er sich unglücklich an 
Rostand: »Er hat sie nicht bei sich.« 

»Diese Mühe hätten Sie -«, begann ich, aber Sandro 

verstärkte den Druck auf meinen Kehlkopf, und der 
Satz endete in einem Gurgeln. 

»Laß ihn sprechen!« fuhr Rostand den Araber auf 

französisch an. Sandros Griff wurde sogleich lockerer. 

Ich holte Luft und erklärte: »Ich wollte Ihnen nur 

sagen, Sie hätten Sam diese Mühe ersparen können. 
Ich habe die Brille nicht bei mir.« 

Rostand nickte ganz vernünftig und erwiderte: 

»Das war zu erwarten. Aber wir haben Sie, und das ist 
beinah genausogut. Ich weiß, daß Sandro enttäuscht 
sein wird, wenn Sie mir jetzt sagen, wo die Brille zu 
finden ist. Ich habe ihm heute abend nämlich schon 
einmal den Spaß verdorben, einem Mann das Genick 
zu brechen. Aber es könnte uns viel Umstände 
ersparen -« 

»Sie glauben doch wohl nicht«, warf ich ein, »daß 

ich hierher gekommen bin, ohne irgendwelche 

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Sicherheitsmaßnahmen zu treffen? Wenn ich binnen 
einer halben Stunde nicht wieder in meinem Hotel 
bin, erfährt die Polizei schnellstens und sehr genau, 
wo ich bin.« 

Wieder nickte Rostand, als erkenne er den geglück-

ten Schlag seines Golfpartners an, und sagte recht 
verbindlich: »Vielleicht bluffen Sie, vielleicht auch 
nicht. Ich glaube, großzügig sein zu dürfen. Mögli-
cherweise gelangen wir doch noch zu einem geschäft-
lichen Arrangement.« 

»Aber zuerst sagen Sie Ihrem Araber, daß er mich 

loslassen soll.« 

Rostand gab den entsprechenden Befehl auf franzö-

sisch und fügte hinzu, Sandro wisse ja, was er jetzt zu 
tun habe. 

Sandros Hände gaben meinen Hals und meine 

Handgelenke frei. Ich fühlte mich weit weniger 
unglücklich, als ich Sandro hinausgehen und die Tür 
hinter sich zumachen hörte. 

»Also, Mr. Temple. Ich weiß nicht, welches Inter-

esse Sie an dieser Sache haben oder weshalb Sie sich 
hartnäckig weigern sollten, Fosters Brille herauszuge-
ben. Aber jeder Mann hat seinen Preis. Ich werde 
Ihnen fünftausend Pfund in britischen Banknoten 
zahlen, sobald Sie mir die Brille übergeben.« 

»Ihr Angebot imponiert mir nicht«, erwiderte ich. 

»Mr. Constantin war großzügiger. Er offerierte 
zehntausend Pfund.« 

Zum erstenmal schien Rostand die Fassung zu ver-

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lieren. 

»Constantin?« Sein Blick irrte von mir zu Leyland 

und kehrte einen Moment später zu mir zurück. Die 
Hand mit der Pistole spannte sich. »Haben Sie die 
Brille etwa an Constantin verkauft?« 

Hätte ich ja gesagt, dann wäre es mit mir vorbei 

gewesen. Rostand hätte kein Interesse mehr gehabt, 
mich am Leben zu lassen. Im Gegenteil. Andererseits 
wollte ich mich weder seinen Drohungen beugen noch 
seinen Vorschlag annehmen. Ich schätzte, daß kaum 
mehr als zehn oder zwölf Minuten vergangen waren, 
seit Steve und ich uns getrennt hatten. Wenn Steve 
meine Instruktionen befolgte, würde es - vorausge-
setzt, sie fände in der Nähe ein Telefon - noch minde-
stens dreißig bis vierzig Minuten dauern, ehe die 
Polizei hier sein könnte. Ich bezweifelte, daß ich 
imstande sein würde, das Spiel so lange hinauszuzie-
hen, aber einen Versuch war es wert. 

»Colonel, Sie sagten, daß jeder Mann seinen Preis 

hat. Nun gut. Aber meiner ist ziemlich hoch. Ich muß 
bekennen, daß ich Constantins Angebot zugestimmt 
habe. Sollten Sie jedoch mehr anlegen wollen, sagen 
wir zwölftausendfünfhundert, dann -« 

»Also haben Sie die Brille noch«, unterbrach Ros-

tand schnell. 

»Nicht buchstäblich«, schränkte ich ein. »Sie ist im 

Moment unterwegs. Aber ich denke, ich kann sie 
zurückhalten lassen, ehe sie zu Constantin kommt.« 

»Sie lügen!« zischte Rostand. »Ich bin nicht der 

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Narr, für den Sie mich halten! Sie haben kein Angebot 
von Constantin! Und das einzige Angebot, das Sie 
von mir noch bekommen, ist eine Kugel in Ihr Ge-
därm! Sagen Sie mir jetzt schnell die Wahrheit, oder 
Sie kriegen dieselbe Behandlung wie Thompson! Sie 
haben selbst gesehen, wie er verreckte! Ihnen bleiben 
fünf Sekunden, bis ich den Abzug drücke! Eins -« 

Ich zweifelte nicht daran, daß Rostand seine Dro-

hung wahrmachen würde. Der Ausdruck seiner Augen 
verriet genug. 

»Zwei.« 
Leyland hatte sich in eine Ecke zurückgezogen und 

wartete bedrückt. Wahrscheinlich hatte er die Sache 
mit Thompson miterlebt und fühlte sich elend bei der 
Aussicht, noch einen Mann sterben zu sehen. 

»Drei.« 
Das Nächstliegende wäre jetzt gewesen, eine Lüge 

zu erzählen. Aber dazu war ich angesichts dieser 
Bedrohung außerstande. Es heißt, daß ein Mann auf 
dem Totenbett nur die Wahrheit sagt. Das kann ich 
nach meinen Erfahrungen in der Villa Negra bestäti-
gen. Die Versuchung war groß, Rostand von Steve zu 
erzählen, die kaum zweihundert Schritte weit entfernt 
hinter irgendeinem Strauch hockte, mit der Brille in 
ihrer Handtasche. Ich preßte meine Lippen zusammen 
und hoffte inständig, daß Rostands Nerven nicht 
durchhalten würden. 

»Vier.« 
Im selben Augenblick, als dieses Wort ertönte, 

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begann im Zimmer nebenan das Telefon zu läuten. 
Vielleicht war es nur eine Fehlverbindung. Aber das 
Läuten genügte, um Rostand zu stoppen. Ich habe 
schon oft bewundert, wie stark die Macht eines 
läutenden Telefons ist. 

»Sieh nach, wer es ist!« fauchte Rostand. 
Leyland trampelte eilfertig hinaus, offenbar froh, 

der Szene einstweilen zu entrinnen. Die Tür klappte 
hinter ihm zu, schnappte aber nicht ein. Immerhin war 
seine Stimme jetzt nur als Gemurmel zu hören. 
Rostand hielt die Pistole nach wie vor auf mich 
gerichtet, verringerte aber seine Entfernung zu mir, da 
er sich in einer Art Halbkreis der Tür näherte, um 
besser zu erlauschen, was Leyland sprach. Schließlich 
waren nur noch etwa zwei Meter zwischen uns. 

Das Telefongespräch dauerte nicht lange. Dann 

hörte ich Leyland schnell über den knarrenden alten 
Parkettboden herbeikommen. Als er die Tür mit 
einem Ruck aufmachte, mußte Rostand etwas auswei-
chen. Dadurch verringerte sich die Entfernung zwi-
schen uns noch ein bißchen. 

»Es war Constantin!« berichtete Leyland erregt. 

»Temple muß die Wahrheit gesagt haben. Constantin 
hat die Brille und läßt bestellen, daß er bereit ist, 
Kaufangebote zu hören, aber -« 

Diese unerwartete Neuigkeit verführte Rostand zu 

einem Fehler. Seine rechte Hand mit der Pistole 
schwankte, als er überrascht zu Leyland sah. Ich 
fühlte, daß es meine einzige Chance war und daß ich 

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sie nützen mußte. 

Ich sprang und riß dabei wie ein Fußballer den 

rechten Fuß in die Höhe. Der Stoß traf Rostands 
rechte Hand und schickte die Pistole in hohem Bogen 
durch die Luft. Beim Aufsprung mußte ich mich 
ducken, um mein Gleichgewicht zu wahren. Als ich 
mich aufrichtete, sah ich Rostands Faust zum Schlag 
erhoben. Ich kam ihm zuvor, indem ich meinen 
rechten Ellenbogen mit aller Kraft unter sein Kinn 
stieß. Ich hörte seine Kinnbacken knacken und seine 
Zähne knirschen. Sein Kopf ruckte nach hinten. 

Im Augenblick hatte ich keine weitere Zeit für ihn. 

Leyland kam auf mich zu, und nun wußte ich auf 
einmal, woher er seine eingeknickte Nase hatte. Er 
bewegte sich wie ein alter Schwergewichtsboxer, der 
aus einer Ecke herbeistapft, um dem Gegner den K. o. 
zu verpassen. 

Ich erwischte Leyland mit einem Schlag unter der 

Gürtellinie, für den englische Boxsportfans mich 
Stück um Stück auseinandergenommen hätten. 

Als Leyland zu Boden ging wie ein Zweizentner-

mehlsack, riskierte ich einen Blick auf Rostand. Er 
hielt sich mit beiden Händen sein Kinn, fing aber eben 
an, zu der Pistole zu stolpern, die vor einem der 
Bücherregale lag. Ich war schneller da und beförderte 
das Ding mit einem Tritt außer Reichweite und 
Rostand für einige Zeit ins Reich der Träume. 

Leyland stöhnte noch und zeigte ein schmerzver-

zerrtes Gesicht. Ich fühlte kein Bedauern. Meine 

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Hauptsorge war, daß Sandro den Tumult gehört haben 
könnte und zurückkäme. Ich hatte Eile, und die 
Erinnerung an Thompson verhärtete mein Herz. 

Leyland kam mühsam auf die Beine. Als ich mich 

näherte, versuchte er nach mir zu schlagen. Ich wich 
aus und benutzte seinen eigenen Schwung, um seinen 
Schlagarm mit einem Fesselgriff abzufangen. Er jaulte 
und begann auf den Zehenspitzen zu tanzen. 

»Sie werden jetzt ein bißchen erzählen müssen«, 

sagte ich zu ihm. »Und ich rate Ihnen, meine Fragen 
schnell zu beantworten.« 

Um ihn aufzumuntern, verstärkte ich den Druck 

meines Griffes ein wenig. Er wollte schier in die Luft 
gehen. 

Ich fragte: »Warum ist Rostand so scharf auf die 

Brille? Wieviel ist sie ihm wert?« 

»Weiß nicht, warum er sie will«, ächzte Leyland. 

»Das hat er mir nie erzählt. Er sagte nur, ein Freund 
von ihm hätte eine Spezialbrille verloren und würde 
dem, der sie wiederbringt, viertausend Pfund bezah-
len.« 

»Und Sie wollten sich dieses Geld verdienen. Er-

schien Ihnen die Sache nicht irgendwie faul?« 

»Klar. Aber Rostand gab mir einen Vorschuß von 

tausend Pfund. Was sollte ich da viel fragen? Sir, 
drücken Sie nicht so stark auf meinen Arm! Ich 
erzähle Ihnen doch die Wahrheit!« 

»Kann ich das wissen?« erwiderte ich, verminderte 

aber den Druck ein wenig. 

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»Ich ahnte nicht, daß es sich zu solcher scheußli-

chen Sache entwickeln würde«, fuhr Leyland hastig 
fort. »Mord und alles das. Ich hatte nichts zu schaffen 
mit dem, was heute abend hier passierte. Das kann ich 
beschwören!« 

»Vielleicht. Trotzdem bleiben Sie ein Mittäter. - 

Was haben Sie in Nizza gemacht?« 

Leyland wollte nicht heraus mit der Sprache, und 

ich mußte den Druck wieder etwas verstärken. 

»Auuuu, ich erzähl's ja schon! Rostand sagte mir, 

daß eine gewisse Judy Wincott dann und wann in 
einem gewissen Hotel wäre und daß sie höchstwahr-
scheinlich die Brille hätte. Ich sollte nur herausfinden, 
wo ihr Zimmer lag -« 

»Sie wußten also, daß Judy Wincott nach Nizza 

kommen würde?« 

»Ja, durch Rostand. Aber gesehen habe ich sie nie. 

Das schwöre ich! Als ich hörte, daß sie ermordet 
worden war, wurde mir so mulmig, daß ich am 
liebsten abgesprungen wäre. Aber von den tausend 
Pfund Vorschuß fehlte schon zuviel.« 

Ich fand, daß ich Leyland glauben könnte. Er war 

ein Gauner, gewiß. Doch erinnerte ich mich an den 
beschwörenden Blick, den er mir zugeworfen hatte, 
als Rostand mir eine Gelegenheit anbot, frei aus dem 
Haus zu gehen. 

»Sam«, sagte ich, »Sie haben sich da wirklich eine 

scharfe Suppe eingebrockt und werden sie auslöffeln 
müssen. Aber was ist nun mit David Foster? Kennen 

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Sie ihn? Haben Sie ihn je gesehen?« 

Leyland schüttelte den Kopf. 
»Rostand sprach öfter von ihm, doch zu sehen 

kriegte ich ihn nie. Dachte mir schon, vielleicht wäre 
es bloß ein Deckname.« 

»Das ist möglich. Alles in allem wissen Sie also 

nicht viel?« 

»Nein. Und doch zuviel für mein Seelenheil«, klag-

te Leyland jämmerlich. »Ich wünschte, ich hätte 
diesen Rostand nie gesehen!« 

»Wie lange kennen Sie ihn?« 
»Knapp einen Monat. Lernte ihn in Tunis durch 

einen - äh - einen Geschäftsfreund kennen.« 

Ich hätte noch viel zu fragen gehabt. Aber Rostand 

begann sich zu bewegen, und ich fürchtete ständig, 
daß Sandro zurückkommen könnte. 

»Eine letzte Frage. Sagte Constantin, von wo aus er 

telefonierte?« 

»Nein. Er sagte nur, Rostand könnte ihn im Nacht-

club ›El Passaro‹ treffen, wenn er Lust hätte, über 
Geschäfte zu sprechen.« 

»Kennen Sie diesen Nachtclub?« 
»Nein. Ich habe nur davon gehört.« 
Rostand ächzte und spuckte. Ich bugsierte Leyland, 

der keinen Widerstand versuchte, in eine Art Abstell-
raum am Ende des Bibliothekszimmers und schloß die 
Tür hinter ihm zu. 

Die Pistole stieß ich außer Sicht unter ein schweres 

Bücherregal. Dann schlüpfte ich aus der Bibliothek in 

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den großen Salon. Alle Lichter waren noch einge-
schaltet, aber von Sandro zeigte sich nichts. Ich trat 
durch die offene Glastür hinaus in die merklich kühler 
gewordene Nachtluft. 

Als ich die Stelle erreichte, an der ich mich von 

Steve getrennt hatte, blieb ich einen Moment lang 
stehen. Ich sah die dunkle, feuchte Stelle, wo Thomp-
son gelegen hatte, aber seine Leiche war verschwun-
den. Das konnte nur Sandros Werk gewesen sein. Und 
da Sandro nicht ins Haus zurückgekehrt war, mußte er 
den Weg zum Gittertor eingeschlagen haben, in 
dessen Nähe Steve wartete. 

So schnell ich konnte, eilte ich zu dem Tor. Zu 

sehen war dort niemand. 

»Steve!« rief ich leise. Dann etwas lauter nochmals: 

»Steve!« 

Ein Schatten bewegte sich zwischen den Büschen 

und kam herbei. 

»Paul! Gott sei Dank, daß du da bist. Ich fürchtete 

schon, meine Uhr ginge nicht mehr richtig. Es kann 
doch nicht erst zweiundzwanzig Minuten her sein, daß 
wir uns trennten? Was ist geschehen?« 

»Das erzähle ich dir später. Hast du die Brille 

noch?« 

Steve nickte und berührte ihre Handtasche. 
»Besser, du gibst sie mir wieder«, sagte ich. »Diese 

Brille ist Dynamit für jeden, der sie bei sich hat.« 

Sie gab mir die Brille, und ich steckte das ver-

wünschte Ding wieder in meine Brusttasche. 

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»Ist jemand hier vorbeigekommen, während du 

gewartet hast?« 

»Ja.« Steve schüttelte sich bei der Erinnerung. »Ein 

furchtbar buckliger Araber. Er trug etwas über der 
Schulter. Ich glaube, es war eine Leiche.« 

»Es war die Leiche des Mannes, der durch die 

Glastür sprang. Wohin ist der Araber gegangen?« 

Steve deutete zu einem Gittertor auf der anderen 

Seite der schmalen Straße - einem genauen Gegen-
stück zu dem Tor, neben dem wir standen. Offenbar 
lag hinter dem anderen Tor ein Privatweg zum Strand. 

»Und er ist noch nicht zurückgekommen? Ich frage 

mich, was er dort unten zu tun hat. Wenn es ihm 
gelingt, die Leiche verschwinden zu lassen, wird 
meine Aussage, daß hier ein Mord verübt wurde, 
gegen das Wort von drei Schurken stehen. Hättest du 
etwas dagegen, hier noch ein wenig zu warten?« 

»Allein? Ja, sehr viel!« Steves Antwort klang äu-

ßerst entschieden. »Ich hätte beinah vor Schreck 
aufgeschrien, als du so schnell und lautlos auftauch-
test und anfingst, hinter die Büsche zu gucken. Wenn 
du dort drüben hineingehst, komme ich mit.« 

»Gut«, stimmte ich nach kurzem Überlegen zu. 

»Aber du bleibst hinter mir und machst kein Ge-
räusch.« 

Das Tor quietschte zum Gotterbarmen, als ich es 

öffnete. Ich winkte Steve, es offenstehen zu lassen. 
Vom Strand her konnten wir schon das gleichmäßige 
Plätschern kleiner Wellen hören. Aber irgendwo in 

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der Nähe mußte ein Tümpel sein, in dem Frösche 
quakten. Das Quaken verstummte plötzlich, als wir 
vorüberschlichen. Die jähe Stille war unwirklich. 

Hinter einer scharfen Biegung des abfallenden Pfa-

des kam der Strand in Sicht. Es war eine halbmond-
förmige Miniaturbucht mit ziemlich schrägem Ufer. 
Die steinerne Mole am entfernten Ende hatte zwei 
Aufgaben: Ihr ins Wasser hinausgebauter längerer 
Teil war als Schutz für Boote gedacht, während der an 
Land gelegene kürzere Teil das Fundament eines 
kleinen Holzhauses darstellte. Zur Zeit war kein Boot 
da, und die Fenster des Hauses lagen im Dunkeln. 
Nirgendwo bewegte sich etwas. 

Nahe der Stelle, wo die Mole sich ins Wasser hi-

nausschob, entdeckte ich am Strand ein dunkles 
klumpiges Gebilde, dessen Formen mir etwas merk-
würdig erschienen. Ich bat Steve zu warten und ging 
vorsichtig näher. Schließlich erkannte ich, daß mein 
erster Eindruck stimmte. Das Gebilde war ein auf dem 
Sand liegender Mann. 

Er bewegte sich nicht. Aber er lebte. Seine eigen-

tümlich röchelnden Schnarchtöne verrieten, daß er 
bewußtlos geschlagen worden war. Und der Buckel 
offenbarte seine Identität. 

Trotz der Dunkelheit sah ich die schwere Beule an 

seiner rechten Schläfe und hatte den Eindruck, daß er 
noch eine gute Weile bewußtlos bleiben würde. 

Ich ließ ihn, wo er lag, winkte Steve herbei und 

näherte mich mit ihr dem Holzhaus. Die Fensterläden 

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waren zu, und die Tür war verschlossen. Im Licht 
meiner Taschenlampe untersuchte ich das Schloß. Ich 
holte einen Streifen Zelluloid aus meiner Brieftasche 
und hatte das Schloß nach einer halben Minute offen. 

Der Lichtstrahl meiner Taschenlampe reichte knapp 

bis zur Mitte des ziemlich großen Wohnzimmers, in 
das die Tür sich direkt öffnete. Die Zimmerbeleuch-
tung wagte ich nicht anzuknipsen, denn irgendwo 
mochte jemand lauern, der nicht zu erkennen brauch-
te, wer wir waren. Ich ging vorsichtig bis zur Mitte 
des Zimmers und leuchtete überall herum, aber zu 
entdecken war hier niemand. Eine Tür am entfernten 
Ende des Zimmers stand offen; sie führte in ein 
kleines Zimmer, das - nach den beiden einfachen 
Betten zu urteilen - als Schlafraum diente. 

Zum Zubettgehen war es eigentlich noch etwas zu 

früh. Doch das erste, was ich beim Betreten des 
Raumes erspähte, war eine Gestalt in dem Bett an der 
gegenüberliegenden Wand. Mein Instinkt riet mir, 
umzukehren und zu verschwinden, ehe die Gestalt 
erwachen und mich bemerken würde. Aber meine 
Neugier trieb mich näher und führte schließlich sogar 
dazu, daß ich die Bettdecke zurückschlug. 

Zuerst dachte ich, ich hätte Thompson gefunden. 
Doch der Mann, der mir den Rücken zuwandte, war 

vollständig bekleidet, auch sein Jackett hatte er noch 
an. Außerdem war er entschieden beleibter als 
Thompson. Ich drehte ihn auf den Rücken, und der 
Lichtstrahl meiner Taschenlampe traf den Handgriff 

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des Messers, das ihm dicht unter dem Herzen zwi-
schen den Rippen steckte. Dies mußte das Werk eines 
berufsmäßigen Killers sein. Ich richtete den Licht-
strahl auf das Gesicht des Mannes. 

»Constantin!« 
Ich war so verblüfft, daß ich den Namen laut aus-

sprach. Nach der Körpertemperatur zu urteilen und 
unter Berücksichtigung der Tatsache, daß die Bett-
decke eine gewisse Menge Wärme bewahrt haben 
mußte, war der Mann schon einige Zeit tot. 

Wer aber hatte dann bei Rostand angerufen und ein 

Zusammentreffen im Nachtclub ›El Passaro‹ verein-
bart? Wer hatte Constantin getötet und Sandro be-
wußtlos geschlagen? Und was war aus Thompsons 
Leiche geworden? 

Steve, die bei der Haustür gewartet hatte, um den 

Strand zu beobachten, kam jetzt zur Schlafzimmertür. 

»Hast du gerufen, Paul? Übrigens glaube ich, daß 

der Araber bald aufwachen wird. Ich habe eben 
gesehen, daß er sich etwas bewegte.« 

Ich hatte die Taschenlampe ausgeknipst, um Steve 

den Anblick der Leiche zu ersparen, und flüsterte: 
»Steve, ich denke, wir sollten die erwiesene Gast-
freundschaft nicht überfordern. Laß uns von hier 
fortgehen, solange wir es noch können.« 

 
Wir mußten ein gutes Stück laufen, ehe wir eine 

Hauptstraße erreichten - ich fand also genügend Zeit, 
Steve von allem zu erzählen, was geschehen war, seit 

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wir uns getrennt hatten. 

»Wenn Constantins Telefonanruf dir das Leben 

gerettet hat«, sagte Steve, »dann tut es mir leid, daß 
dieser Mann getötet wurde - egal, was für ein Lump er 
gewesen sein mag.« 

»Aber er kann gar nicht angerufen haben«, entgeg-

nete ich. »Zu dieser Zeit, als der Anruf kam, muß er 
schon ein ganzes Weilchen tot gewesen sein.« 

»Demnach hat sein Mörder bei Rostand angerufen. 

Und wer er auch sei - er wird in diesem Nachtclub 
warten.« 

»Was uns beide natürlich veranlaßt, dem Nachtclub 

einen Besuch abzustatten.« 

»Ich frage mich nur«, wandte Steve ein, »wie der 

Kerl diese Verabredung vorschlagen kann, da er die 
Brille gar nicht hat. Sie steckt doch in deiner Brustta-
sche.« 

»Bestimmt hat er eine ähnliche Brille und beabsich-

tigt, Rostand zu begaunern. Rein äußerlich ist es ja 
eine Brille wie viele andere auch.« Ich nahm Steve 
beim Arm und begann mit ihr zu rennen. »Komm! Da 
ist ein Bus, der zum Hafen fährt. Wir können ihn noch 
erwischen.« 
 
 
 
 
 
 

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Es war fast elf, als wir wieder im Hotel Aletti ein-

trafen. Gegessen hatten wir noch nicht. Mein Magen 
knurrte bisweilen, und Steve mußte vor Hunger 
fortwährend gähnen. 

Ungeachtet der etwas hektisch gewordenen Situati-

on bestand sie darauf, sich umzuziehen und ihr Make-
up zu erneuern, ehe sie vor die Augen der anderen 
Gäste im ›El Passaro‹ träte. Ich schlug ihr vor, schon 
zu unserem Zimmer hinaufzufahren, während ich 
selbst noch mit dem Mann am Empfang reden wollte. 
Glücklicherweise war es derselbe Hotelangestellte, 
mit dem ich vorhin schon gesprochen hatte. 

Er beantwortete meine Frage, ehe ich sie äußern 

konnte. 

»Hat Monsieur Constantin Sie gefunden, Monsi-

eur?« 

Ich starrte ihn verblüfft an. »War er hier?« 
»Ja, Monsieur. Er behauptete, es sei für ihn sehr 

wichtig, Sie zu finden. Ich sagte ihm, Sie seien zur 
Villa Negra gefahren.« 

»War das bald nach unserem Aufbruch?« 
»Ja, Monsieur. Kaum zwei Minuten später. Ich 

hoffe, er hat Sie gefunden.« 

»Nun, sagen wir - ich habe ihn gefunden. Auf jeden 

Fall besten Dank.« 

»Gern geschehen, Monsieur.« 
Im Lift überlegte ich. Constantin war uns also zur 

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Villa Negra gefolgt und hatte seinerseits auch wieder 
einen Verfolger gehabt - den Mann, der ihm das 
Messer zwischen die Rippen stieß und ihn dann in 
dem kleinen Haus versteckte. Dank der Ortsunkun-
digkeit unseres Taxifahrers, seiner mehrmaligen 
Fragerei nach dem Weg und der dadurch entstandenen 
Verzögerung mußte Constantin mit seinem ›Schatten‹ 
ein Weilchen früher als wir bei der Villa Negra 
eingetroffen und wahrscheinlich gleich durch das 
verkehrte Gittertor dirigiert worden sein. Sicher war 
er schon tot gewesen, als wir unser Taxi verließen. 
Daß irgendwo in der schmalen Straße ein anderes 
Auto gestanden hätte, konnte ich mich nicht erin-
nern... 

»Vierte Etage, Monsieur.« 
Der kleine Liftboy lächelte und trat zur Seite, um 

mich hinauszudienern. 

Steve war bereits im Hausmantel;, aus dem Bade-

zimmer kam das Rauschen des einlaufenden Bade-
wassers. Sie nahm ihr Abendkleid mit und machte 
hinter sich die Tür zu, damit ich ungestört mit der 
Polizei telefonieren könnte. 

Der Kriminalinspektor vom Dienst, den ich erreich-

te, war ein gewisser Flambeau. Als ich mich vorstell-
te, ergab sich, daß er meinen Namen kannte. Wie es 
schien, hatte er irgendwann eine Begegnung mit Sir 
Graham Forbes von Scotland Yard gehabt; erstaunli-
cherweise war er sogar darauf verfallen, ein Buch von 
mir zu lesen - um sein Englisch zu vervollkommnen, 

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wie er liebenswürdig erklärte. 

Ich gab ihm eine kurze Zusammenfassung der Si-

tuation und verhieß ihm, daß seine Männer, wenn sie 
sehr schnell wären, eine oder vielleicht zwei Leichen 
bei der Villa Negra finden würden. 

»Außerdem dürfte es sich lohnen, ein Motorboot 

mit Suchscheinwerfer zu der kleinen Bucht unterhalb 
der Villa Negra zu schicken. Ich habe die Ahnung, 
daß dort in der Nähe ein treibendes Boot zu finden ist. 
Daß Ihre Leute viel von Rostand oder Leyland sehen 
werden, bezweifle ich. Aber warnen Sie sie vor einem 
buckligen Araber. Er ist gefährlich.« 

»Wir werden unser Bestes tun«, versicherte Flam-

beau. »Der Mann, der sich Ihnen gegenüber Rostand 
nannte, ist mir nicht unbekannt. Wir beobachten ihn, 
seit er die Villa Negra gemietet hat. Er ist als interna-
tionaler Gauner bekannt. Aber wir wußten nicht, 
womit er sich zur Zeit beschäftigt. - Werden Sie 
nachher noch zum Polizeipräsidium kommen, bitte?« 

»Ich denke, es könnte zweckmäßiger sein, wenn 

wir uns im ›El Passaro‹ träfen. Wäre es Ihnen mög-
lich, dorthin zu kommen?« 

»Eine ausgezeichnete Idee, Mr. Temple. Zumal es 

meine Behörde sein wird, die etwaige Unkosten 
bezahlen muß. Dieser Nachtclub ist mit Abstand das 
teuerste Lokal in Algier.« 

Dieses Mal gab unser Fahrtziel dem Taxichauffeur 

keinen Anlaß zum Zweifeln. 

»›El Passaro‹?« wiederholte er und schaltete seine 

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Taxameteruhr ein. »Sehr wohl, Monsieur.« 

»Sie kennen es?« 
»Selbstverständlich, Monsieur. Oben am le Bardo.« 
Wir setzten uns in den Fond, und das Taxi schnurr-

te los. Schon nach wenigen Minuten jagten wir die 
Straße hinauf, die die Hügel außerhalb von Algier 
erklimmt. Die Lichter des Hafens sanken rechts von 
uns zurück. Die Häuserzeilen machten luxuriösen 
Villen in umgitterten Gärten Platz. 

Ich lehnte mich nach vorn, um mit dem Fahrer zu 

sprechen. 

»Das ›El Passaro‹ ist ein gutes Lokal, hörte ich?« 
»Ja, und das exklusivste in Algier«, sagte der Fah-

rer. »Dieser Bursche Schultz hat wirklich etwas 
daraus gemacht. Eins muß man den Deutschen lassen. 
Wenn sie etwas tun, dann gründlich.« 

»Schultz - ist das der Eigentümer?« 
»Ja. Man erzählt sich, er wurde während des Krie-

ges in der Wüste gefangengenommen, entfloh schon 
auf dem Transport und lebte dann jahrelang bei den 
Arabern. Jetzt hat er vier solcher Lokale - hier, in 
Oran, in Constantine und in Tunis. Muß eine Menge 
Geld damit machen. Das ›El Passaro‹ wurde erst vor 
sechs Monaten eröffnet. Die Leute sagen, hinsichtlich 
der Aufmachung hätte es nicht seinesgleichen.« 

»Ich hoffe, man kann dort auch essen«, ließ Steve 

sich sehnsuchtsvoll vernehmen. 

 
Das ›El Passaro‹ residierte in einem Haus, das frü-

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her der Wohnsitz eines reichen arabischen Kaufmanns 
gewesen war. Das Gebäude war von prächtig gehalte-
nen Gärten umgeben, die Schultz mit Flutlichtanlagen 
versehen hatte. Die Reihen modernster amerikani-
scher, deutscher, französischer und italienischer Autos 
beiderseits der Zufahrt gaben Zeugnis von dem 
Wohlstand der Gäste. Sobald unser Taxi vor dem 
strahlend erleuchteten Eingang hielt, wurde die Tür 
von einem dunkelhäutigen Jungen geöffnet. Er trug 
einen weißen Seidenturban und über seinen Pluderho-
sen einen dreiviertellangen himmelblauen Seidenman-
tel. 

Schon im Garderobenraum fühlten wir uns von 

einer Art Haremsfluidum angehaucht. Die Gardero-
bieren trugen Gesichtsschleier und Pluderhosen und 
hatten nackte Bäuche - Gott sei Dank erfreulich 
schlanke. Ich wurde meinen Hut an einen Prachtkerl 
in traditioneller Tuareggewandung los. Schultz hatte 
wirklich Ernst gemacht mit seiner Arabische-Nächte-
Atmosphäre. 

Dicke Orientteppiche bedeckten die Stufen, die 

hinab zu dem saalartigen Raum führten, aus dem die 
träumerischen Klänge eines Tangoorchesters ertönten. 
Im übrigen war dieser Raum beinah so dunkel wie ein 
Kino während der Vorstellung. Rot verhüllte elektri-
sche Leuchtkörper, ein paar Brennölflämmchen in 
zierlichen Messinglampen, da und dort die bläuliche 
Flamme der Wärmeschüssel eines servierenden 
Kellners - das waren die Lichtquellen, die uns viele, 

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viele dichtbesetzte Tische und die wogende Masse 
tanzender Paare auf der Tanzfläche mehr ahnen ließen 
als zeigten. Die Gäste sprachen sehr gedämpft. Zu 
sagen, die Stimmung wäre intim, hätte als phantasie-
lose Untertreibung gelten müssen. 

Der Empfangschef, der am oberen Ende der kurzen 

Treppe stand, trug den für seinesgleichen traditionel-
len Frack mit weißer Schleife. Er begrüßte mich mit 
höflichem Lächeln, schüttelte aber bedauernd den 
Kopf, als ich nach einem Tisch für zwei Personen 
fragte. 

»Es tut mir aufrichtig leid, Monsieur. Alle Tische 

sind vergeben. Ich kann Ihnen nicht helfen.« 

»Hat Monsieur Constantin einen Tisch reservieren 

lassen? Er würde nichts dagegen haben, wenn wir 
seinen Tisch mit ihm teilten.« 

»Monsieur Constantin? Sind Sie ein Freund von 

ihm?« Der Empfangschef betrachtete mich genauer, 
um sich darüber klarzuwerden, ob er mich schon 
früher gesehen habe. »Bitte, warten Sie einen Mo-
ment, Monsieur.« 

Er eilte von dannen, im Zickzack zwischen den 

Tischen hindurch, offensichtlich auf einen Mann 
zusteuernd, der neben der Tanzfläche stand und den 
tanzenden Paaren zuschaute. Sie wechselten ein paar 
Worte, sahen herüber und setzten sich zu mir in 
Bewegung. Nach der Art, wie der Empfangschef 
devot hinterdrein ging, schätzte ich, daß der andere 
Mann Schultz sein müsse. 

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Er war ein großer, blonder Mann, der sich wie ein 

Athlet bewegte. Seine Augen strahlten blau. Seine 
Haut war sonnengebräunt und glatt, doch schien es 
mir, als sei er ein gut Teil älter, als er wirkte. Seine 
Kleidung war von nobler Eleganz. Ich fand, daß ihn - 
mindestens auf den ersten Blick - ein Nimbus von 
Vertrauenswürdigkeit und Charakterstärke umgab. 

»Sie fragten nach einem Monsieur Constantin, Sir? 

Ich fürchte, daß niemand dieses Namens einen Tisch 
bestellt hat. Ich würde Ihnen gerne helfen. Doch wie 
Sie sehen, sind wir voll besetzt.« 

Sein Englisch war bemerkenswert gut und doch 

nicht ganz frei von der kleinen Härte, die manchen 
Deutschen verrät, wenn er unsere Sprache spricht. 

»Hm, vielleicht gibt es eine Bar, an der wir etwas 

trinken könnten? Ich habe vereinbart, hier einen 
Freund zu treffen.« 

Anstatt zu antworten, wandte Schultz sich halb zur 

Seite und vollführte eine elegante Verbeugung. Der 
Empfangschef tat es ihm nach. Steve war aus dem 
Garderobenraum gekommen. Ich mußte mir jetzt 
eingestehen, daß die Zeit, die sie mit dem Wechseln 
ihrer Kleidung verbracht hatte, nicht verschwendet 
war. Mit ihren langen Ohrringen, der an ihrem Dekol-
lete blitzenden Brillantbrosche und dem raschelnden, 
engtaillierten Abendkleid sah sie zugleich jugendlich 
und vornehm aus. 

»Madame«, sagte Schultz mit leicht veränderter 

Stimme, »ich bedauere, daß ich Sie einen Moment 

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lang warten lassen muß, bis wir einen Tisch finden 
können.« 

Steve lächelte ihm verzeihend zu und sah, während 

er davonging, über meine Schulter. Ihr Blick wurde 
von einem Mann aufgefangen, der an einem nicht 
allzu weit entfernten Tisch saß und uns nun zuwinkte. 

»Das ist doch Tony Wyse«, sagte sie zu mir. »Ich 

glaube, er bittet uns an seinen Tisch.« 

Es war Tony Wyse. Wir nahmen an seinem Tisch 

Platz; der vierte Stuhl blieb leer. 

»Welch ein glücklicher Zufall!« Wyse strahlte uns 

freudig an. 

»Aber natürlich - jeder kommt ins ›El Passaro‹. 

Wirklich jeder! Ich habe schon in Paris davon gehört. 
- Kellner, noch eine Flasche Champagner.« 

»Es war nett von Ihnen, uns zu erlösen«, sagte Ste-

ve. »Ich hoffe nur, wir stören Ihre Gesellschaft nicht.« 

»Oh, keineswegs«, antwortete Wyse und sah auf 

seine Uhr. »Ich begann bereits einen Anflug von 
Einsamkeit zu verspüren. Mein Gast scheint nicht zu 
kommen.« 

Das Tanzorchester beendete seine Nummer mit 

einem langen Akkord, und die Tanzpaare fingen 
zögernd an, die Tanzfläche zu verlassen. Dann ratterte 
der Trommler einen Wirbel, ein Scheinwerfer flamm-
te auf, und in die Mitte des Parketts trat Schultz. 

»Mesdames, Messieurs, Mesdemoiselles - ich stelle 

Ihnen Yatasha vor, ungekrönte Königin der Oase 
Ouhir.« 

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Männlicher Applaus ertönte, allerdings nicht allzu 

leidenschaftlich. Am rückwärtigen Ende des Raumes 
erkletterten einige Herren reiferen Alters, vermutlich 
französische Geschäftsreisende, ihre Stühle, um 
besseren Ausblick zu haben. Während ein verborge-
nes Viermannorchester arabische Melodien zu spielen 
begann, kam ein dunkelhäutiges Mädchen auf die 
Tanzfläche gewirbelt, mit verschleiertem Gesicht und 
einer an Taille und Fußknöcheln befestigten Pluder-
hose aus dünnem, fast durchsichtigem Stoff. Zehn 
Minuten lang wirbelte sie herum, drehte und wand 
sich und ließ dabei Hüften und Schultern mit unglaub-
licher Geschwindigkeit vibrieren. Es war eine seltsa-
me Mischung von Barbarei und Kunst, irgendwie 
erregend. Als sie schließlich wie erschöpft zu Boden 
sank, übrigens sehr graziös, fielen drei der reiferen 
Herren im Hintergrund von ihren Stühlen, weil sie 
sich gar zu waghalsig nach vorn geneigt hatten, um 
alles ganz genau zu sehen. 

Als der Applaus verebbte, bemerkte ich, daß ein 

Kellner den leeren Stuhl an unserem Tisch zurück-
rückte. Ein Mädchen in weißem Abendkleid, mit 
einem hauchdünnen Schal um die Schultern, kam 
zwischen den benachbarten Tischen hindurch auf uns 
zu. Ich sah, daß Wyse aufstand, und tat mechanisch 
dasselbe. Das Mädchen hob den Kopf; ihr aschblon-
des Haar schimmerte im Lichtreflex des Scheinwer-
fers. Sie streckte Wyse ihre rechte Hand entgegen. 
Wyse verbeugte sich und Hauchte einen Kuß darauf. 

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»Simone«, sagte er, »ich denke, Sie kennen Mr. 

und Mrs. Temple bereits.« 

Simone Lalange schien leicht enttäuscht darüber, 

daß sie Wyse nicht für sich allein haben würde. 
Nachdem wir uns alle gesetzt hatten, herrschte einen 
Moment lang ein etwas betretenes Schweigen. Um es 
zu überbrücken, äußerte Steve ganz harmlos: »Ich 
wußte nicht, daß Sie beide so gut miteinander bekannt 
sind.« 

»Oh, es ist zwar eine neue Freundschaft«, erklärte 

Wyse fast pedantisch, »aber eine sehr schnell reifen-
de. Mademoiselle Lalange und ich haben viele 
gemeinsame Interessen entdeckt.« 

Sie lächelten sich an, und damit schien die Konver-

sation wieder ins Stocken kommen zu wollen. Ich 
dachte daran, Steve um einen Tanz zu bitten, damit 
die beiden ungestört Händchen halten könnten. Aber 
auf einmal raunte mir eine Stimme ins Ohr: »Sind Sie 
Mr. Temple, Sir?« 

Es war Schultz. Ich bejahte. 
»Monsieur Flambeau ist hier und möchte Sie spre-

chen«, sagte Schultz diskret. 

Ich entschuldigte mich bei den anderen und folgte 

Schultz durch den Saal und über eine kurze Treppe 
hinauf zu einer Art Empore, an der hinter schweren 
Vorhängen einige kleine Nischen für vertrauliche 
Unterredungen lagen. In einer von ihnen wartete 
Flambeau auf mich. 

Ehe Schultz uns verließ, fragte ich ihn, ob er mir 

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einen Gefallen tun würde. 

»Jederzeit zu Ihren Diensten, Sir.« 
»Können Sie versuchen festzustellen, ob jemand 

namens Constantin hier diniert?« 

»Ich werde tun, was ich kann, Sir.« 
Schultz verbeugte sich mit leicht ironischer Dienst-

beflissenheit und entschwand. Ich wandte mich 
Flambeau zu, um ihm die Hand zu schütteln. 

»Ich bedauere, daß Sie ein Weilchen auf mich war-

ten mußten, Mr. Temple. Aber ich hielt es für richtig, 
selbst zur Villa Negra mitzufahren.« 

Flambeau gefiel mir vom ersten Moment an. Er war 

noch verhältnismäßig jung und sehr intelligent. 
Seinem Typ nach hätte er eher Stabsoffizier als 
Kriminalbeamter sein können. Groß, schlank, unauf-
fällig elegant gekleidet, schien er die Welt mit leicht 
belustigter Duldsamkeit zu betrachten. 

Ich fragte: »Hatten Sie etwas Glück?« 
»So-so. Ihr Vorschlag mit dem Boot war gut. Die 

Besatzung fand ein treibendes Kanu mit der Leiche 
eines dürftig bekleideten Mannes darin. Zweifellos 
handelt es sich um Ihren Thompson, aber seine wahre 
Identität müssen wir noch feststellen.« 

»Und was ist mit dem anderen Ermordeten? Dem, 

der völlig bekleidet in dem Bett lag?« 

»Gefunden haben wir ihn, ja. Da er uns nicht be-

kannt ist, habe ich seine Beschreibung an die Interpol 
in Paris durchgeben lassen. Vielleicht erfahren wir 
von dort einiges über ihn.« 

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»Einen seiner Namen kann ich Ihnen sagen. Im 

Flugzeug nannte er sich Constantin - wenigstens mir 
gegenüber.« 

»Er war im Flugzeug mit Ihnen?« fragte Flambeau 

schnell. »Sahen Sie ihn auch schon in Nizza? Wohnte 
er im selben Hotel?« 

»Ah, Monsieur Flambeau, ich sehe, Sie haben mei-

ne Anmeldung im Hotel Aletti studiert. Oder sollte 
Ihnen Inspektor Mirabel einige Vorausinformationen 
übermittelt haben?« 

Flambeau errötete kaum merklich, und ich fand ihn 

noch sympathischer, weil ich sah, daß er noch verle-
gen werden konnte. 

»Wir stehen ohnehin in ständiger Verbindung mit-

einander«, erwiderte er ruhig und nicht ohne Würde. 
»Um auf die Villa Negra zurückzukommen: Rostand 
und seine zwei Komplicen haben wir nicht erwischt. 
Sie sind aus der Villa verschwunden, ohne etwas 
Persönliches zu hinterlassen.« 

»Das überrascht mich nicht. Ich hatte den Eindruck, 

daß sie dort nur kampieren. Es war interessant, vorhin 
zu hören, daß Sie bereits ein Auge auf Rostand 
hatten.« 

»Ja, wir haben ihn beobachtet, seit er vor einigen 

Wochen hier auftauchte und die Villa mietete. Er war 
früher in alle möglichen Sachen verwickelt und ist 
mehrfach vorbestraft, unter anderem auch als Heirats-
schwindler. Hier hatte er sich bisher nichts zuschulden 
kommen lassen - das heißt, soviel uns bekannt wurde. 

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Jetzt haben wir den ersten unmittelbaren Beweis für 
seine kriminellen Unternehmungen. - Würden Sie nun 
bitte so freundlich sein, mir zu erzählen, warum Sie 
zur Villa Negra gingen? Und wie ist die ganze Ge-
schichte über die Brille?« Ich gab Flambeau eine 
umfassende Schilderung aller bisherigen Ereignisse. 
Als ich auf meinen Besuch in der Villa Negra zu 
sprechen kam, bat er um eine genaue Beschreibung 
der Personen, die ich dort getroffen hatte, und steno-
grafierte dann eifrig mit. 

 
»Besten Dank«, sagte er schließlich. »Ihre Angaben 

werden uns eine gute Hilfe sein. Ich glaube nicht, daß 
wir Mühe haben sollten, Rostand und seine Kompli-
cen zu verhaften -« 

Er hielt plötzlich inne und machte eine warnende 

Handbewegung. Schultz war die Treppe wieder 
heraufgekommen und näherte sich unserer Nische. 

»Sir«, sagte er beim Eintreten, »ich bedauere, Sie 

enttäuschen zu müssen. Soweit es sich feststellen ließ, 
ist niemand namens Constantin in unserem Lokal 
anwesend.« 

»Nun, auf jeden Fall vielen Dank.« 
»Oh, nichts zu danken, Sir.« 
Schultz wollte wieder gehen, aber Flambeau hielt 

ihn zurück: »Einen Moment bitte, Monsieur Schultz. 
Wie ich hörte, sind Sie mit Colonel Rostand be-
kannt?« 

Ich blickte überrascht zu Schultz hinauf; Flambeau 

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hatte mir hiervon nichts gesagt. Schultz lächelte noch, 
aber seine Augen wirkten wachsam. 

»Colonel Rostand? Ja, er hat mich bei einer oder 

zwei Gelegenheiten in die Villa Negra eingeladen. Ich 
bin diesen Einladungen gefolgt, denn er ist ein sehr 
guter Kunde meines Hauses.« 

»Wann haben Sie ihn zuletzt gesehen?« 
Schultz überlegte einen Moment lang und antworte-

te: »Vor einer Woche, ungefähr.« 

»Heute abend nicht?« 
»Nein.« 
»Sie haben heute abend auch keine Nachricht von 

ihm erhalten?« 

»Entschuldigen Sie, Inspektor. Darf ich den Grund 

für alle diese Fragen über Colonel Rostand erfahren?« 

»Er wird von der Polizei gesucht«, sagte Flambeau 

kurz. »Und ich weise Sie darauf hin, daß Sie, falls er 
kommt oder Sie ihn anderswo sehen, unverzüglich die 
Polizei benachrichtigen müssen.« 

»Aber selbstverständlich.« Schultz wirkte schok-

kiert und überrascht von der Neuigkeit. »Welches 
Verbrechens wird der Colonel beschuldigt?« 

»Mord«, erwiderte Flambeau. 
Jetzt sah Schultz ihn eher belustigt als überrascht 

an. 

»Aber, Inspektor Flambeau! Das kann ich von Co-

lonel Rostand einfach nicht glauben!« 

»Glauben Sie es oder glauben Sie es nicht«, gab 

Flambeau zurück. »Auf jeden Fall denken Sie bitte 

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daran, daß jeder, der uns Informationen vorenthält, als 
Komplice gilt.« 

Er nickte, um Schultz zu zeigen, daß das Gespräch 

beendet sei. Schultz machte eine kleine Verbeugung, 
nun wieder mit seinem leicht ironischen Lächeln, und 
ging hinaus. 

»Ich bin sehr gespannt, diese Brille zu sehen«, sag-

te Flambeau, als wir wieder allein waren. »Haben Sie 
sie bei sich?« 

Wieder einmal zog ich die Brille heraus und über-

reichte sie. 

»Nichts Bemerkenswertes daran«, äußerte Flam-

beau, als er sie mir nach gründlicher Betrachtung 
zurückgab. »Ich kann mir nicht vorstellen, daß 
zwischen der Brille und diesen Verbrechen irgendein 
Zusammenhang besteht.« 

»Vielleicht nicht. Und doch werde ich sehr glück-

lich sein, wenn ich sie aus der Hand geben kann. Wir 
fliegen morgen nach Tunis weiter. Und ich möchte 
Ihnen versichern: Das erste, was ich dort tue, wird 
sein, den richtigen Mr. David Foster zu finden.« 

Als ich an unseren Tisch zurückkehrte, fand ich 

Simone Lalange allein dort sitzen. Tony Wyse, als 
Gentleman, hatte beschlossen, daß er auch Steve auf 
das Tanzparkett führen müsse. Ich entdeckte die 
beiden nahe dem Orchester, beim Tanzen fröhlich 
lachend über irgendeinen Scherz, den vermutlich 
Wyse gemacht hatte, und offenbar sehr einig mitein-
ander. 

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Das mindeste, was ich tun konnte, war nun, Simone 

Lalange um einen Tanz zu bitten. Sie schenkte mir ihr 
verwirrendes Lächeln und erklärte sich begeistert 
einverstanden. 

Sicher wäre mir beim Tanzen wohler gewesen, 

hätte ich nicht das Gefühl gehabt, daß Steves Blicke 
mich etwas zu häufig streiften. Denn Simone Lalan-
ges Art zu tanzen war kein konventioneller Kontakt 
von Hand zu Hand. Sie schmiegte sich eng an mich, 
und als ihr Haar einmal zufällig mein Kinn streifte, 
atmete ich einen zarten Parfümduft, der an Lotustei-
che und Tannennadelrauch erinnerte. Jeder Versuch, 
eine höfliche Tanzunterhaltung zu führen, erübrigte 
sich. Das hier war eine intime, geheime Sensation, die 
mehr und tieferes Einverständnis als banales Wortge-
plänkel voraussetzte. 

Bei einer Gelegenheit beugte Simone ihren Ober-

körper plötzlich zurück und schien nach meiner 
Brusttasche zu spähen. 

Als die Musik endete, löste sie sich mit merklichem 

Zögern von mir. Dann begannen wir, hintereinander 
gehend, im Zickzackkurs zwischen den Tischen 
hindurch zu unserem Tisch zurückzukehren. Kurz 
bevor wir ihn erreichten, rempelten zwei Kellner, aus 
verschiedenen Richtungen kommend, schwer zusam-
men. Einer von ihnen hob seine rechte Faust, schlug 
zu und schickte den anderen unter erheblichem 
Geklirr und Getöse zu Boden. Eine Frau schrie auf. 
Simone fuhr herum und klammerte sich an mir fest. 

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In diesem Moment erlosch die elektrische Beleuch-

tung. Die paar flackernden Öllämpchen gaben so 
wenig Licht, daß fast völlige Finsternis herrschte. Ich 
fühlte rings um mich ein heftiges Gedränge, aber 
nichts mehr von Simone Lalange. Dann traf irgend 
etwas Schweres meine Brust und warf mich um. 
Instinktiv griff ich nach meiner Brusttasche. 

Die Brille war schon weg! 
Fieberhaft suchte ich auf Händen und Knien am 

Boden herum, handelte mir aber nur schmerzende 
Tritte auf die Finger ein. Verschiedene Frauen fingen 
an zu schreien. Mehrfaches Krachen und Klirren 
verriet, daß einige Tische umgeworfen worden waren. 
Den ganzen Lärm übertönte eine kräftige Männer-
stimme, die alle bat, Ruhe zu bewahren. 

Dann flammte die elektrische Beleuchtung wieder 

auf, jetzt verstärkt durch einen riesigen Kronleuchter 
in der Mitte der Saaldecke. 

Schultz war auf das Orchesterpodium gesprungen. 
»Kein Grund zur Aufregung!« rief er. »Es war nur 

eine durchgebrannte Sicherung!« 

Er gab den Musikern ein Zeichen, und der Dirigent 

hob seinen Taktstock für die nächste Melodie. Die 
Gäste begannen, zum Teil etwas geniert, ihre Plätze 
wieder einzunehmen; Kellner lasen die Trümmer des 
zu Boden gefallenen Geschirrs auf. Meine Suche nach 
der Brille war sinnlos; sie konnte mir nicht einfach 
aus der Tasche gefallen sein. 

Steve, Tony Wyse und Simone Lalange versam-

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melten sich, über den Zwischenfall lachend und 
scherzend, um unseren Tisch. Steve erkannte an 
meiner Miene, daß irgend etwas danebengegangen 
war, und kam schnell an meine Seite. 

»Was ist geschehen, Paul?« 
»Die Brille ist weg! Jemand muß sie mir aus der 

Tasche gezogen haben, als das Licht ausging!« 

»Bist du sicher, daß du sie nicht mehr hast?« 
»Natürlich!« Ich schlug demonstrativ auf die leere 

Brusttasche. »Vielleicht ist Flambeau noch da. Dann 
könnten wir die Ausgänge sperren lassen.« 

»Was ist denn?« fragte Wyse. »Haben Sie etwas 

verloren?« 

»Ja«, antwortete Steve. »Mein Mann vermißt eine 

Brille.« 

Auf der anderen Seite des Tisches steckte Simone 

Lalange ihr Spiegelchen wieder in die Handtasche, 
nachdem sie ihre Frisur und ihr Make-up kontrolliert 
hatte. 

»Wir könnten den Dirigenten um eine Durchsage 

bitten«, tröstete Wyse. »Sicher wird jemand die Brille 
finden. Vermissen Sie sonst nichts? Das plötzliche 
Ausgehen des Lichts kann ein Trick von Taschendie-
ben gewesen sein.« 

»Oh, meine Handtasche!« stöhnte Steve. »Be-

stimmt habe ich sie an meinem Platz auf dem Tisch 
liegengelassen, und jetzt ist sie nicht mehr da!« 

Wyse zog Steves Stuhl zurück, um sich unter den 

Tisch zu bücken. Aber das brauchte er gar nicht. 

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»Hier ist sie ja«, sagte er erfreut und hob die kleine 
schwarze Handtasche vom Sitz des Stuhles. »Aber 
schauen Sie lieber nach, ob irgend etwas daraus 
fehlt.« 

Steve nahm die Tasche dankbar lächelnd entgegen, 

öffnete sie, sah hinein und hob merkwürdig langsam 
den Blick. Ihr Ausdruck war sehr verwirrt, als sie die 
Brille aus der Tasche zog und mir überreichte. 

»Echt Frau!« lachte Wyse. »Sie muß dieses Ding 

die ganze Zeit über in ihrer Handtasche gehabt 
haben!« 

 
»Nun, Paul, noch fünf Minuten, und wir sind da! 

Hoffentlich erwartet uns der richtige David Foster am 
Flughafen!« 

Ich sah zu Steve, die mir gegenüber auf ihrem Platz 

am Flugzeugfenster saß, kühl und nobel in einem 
eleganten weißen Complet, und bewunderte wieder 
einmal ihre Fähigkeit, nach einer abenteuerlichen 
Nacht so frisch und hübsch auszusehen. 

Unser Flugzeug schwebte über den luxuriösen Vor-

ort Sidi bou Said dem Flughafen El Aouina entgegen, 
der einige Meilen außerhalb von Tunis liegt. Viele der 
Passagiere waren schon auf dem Flug von Nizza nach 
Algier unsere Reisegefährten gewesen; von denen, die 
jetzt fehlten, war mir nur Constantin in deutlicher 
Erinnerung. Wyse und Simone Lalange saßen weiter 
vorn in der langen Kabine nebeneinander. 

Seit dem Zwischenfall im ›El Passaro‹ hatte ich 

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Mademoiselle Lalange mit wesentlich intensiverem 
Interesse beobachtet. Für sie wäre es beim Erlöschen 
der Lichter leichter als für jemand anders gewesen, 
mir die kostbare Brille wegzunehmen. Aber wenn sie 
es getan hatte - weshalb sollte sie dann das eben 
gestohlene Objekt gleich wieder in Steves Handtasche 
manipuliert haben? Natürlich hatten wir beide, Steve 
und ich, an die Möglichkeit einer Vertauschung 
gedacht. Ich war aber so vorsichtig gewesen, auf der 
Innenseite einer der Linsen einen klaren Daumenab-
druck anzubringen, und hatte nach der Rückkehr in 
unser Hotel einwandfrei festgestellt, daß der Abdruck 
noch vorhanden und daß es auch wirklich mein 
eigener Abdruck war. Bei einer flüchtigen Betrach-
tung wäre er selbst in hellem Licht kaum zu entdecken 
gewesen, und die Möglichkeit einer Fälschung schied 
begreiflicherweise völlig aus. 

Die tunesische Paß- und Zollkontrolle wurde un-

gemein bürokratisch gehandhabt. Tony Wyse brachte 
es fertig, durch sein Reden und Auftreten die Beamten 
gegen sich einzunehmen. Daraufhin untersuchten sie 
jeden einzelnen Gegenstand in seinem Gepäck mit 
äußerster Sorgfalt und bestanden sogar darauf, daß er 
seine Taschen leerte. Als wir schließlich aus den 
Kontrollräumen kamen, ging ich zu den Benachrichti-
gungstafeln für eintreffende Reisende. Leider war dort 
keine Botschaft für uns. Auch schien niemand aus der 
Stadt gekommen zu sein, um uns in Empfang zu 
nehmen. 

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Ich sah, wie Tony Wyse sich etwas betrübt von 

Simone Lalange verabschiedete. Sie wünschte ein 
Taxi für sich allein, ohne Begleitung durch Mister 
Wyse. Er half ihr beim Einsteigen, machte die Tür 
hinter ihr zu und sah dem davonrollenden Taxi ein 
paar Sekunden lang nach. Dann winkte er ein Taxi für 
sich selbst herbei. 

Steve und ich warteten eine Viertelstunde, um Da-

vid Foster, falls er da war, jede Chance zu geben, uns 
zu treffen. Dadurch verpaßten wir den kostenlosen 
Flughafenbus zur Stadt und mußten schließlich 
ebenfalls ein Taxi nehmen. 

Wir hatten eine kleine Suite im Hotel Concorde auf 

der Avenue Jules Favre bestellt. An der Rezeption ließ 
ich mir ein Telefonbuch geben, um die Trans-Afrika-
Öl-Company herauszusuchen. 

»Da haben wir sie ja«, sagte ich zu Steve und wies 

auf die Eintragung. »Bitte, schreib die Telefonnum-
mer für mich auf.« 

In Tunis dauert die allgemeine Mittagsruhe bis vier 

Uhr. Also mußte ich mich in Geduld fassen. Es wäre 
reine Zeitverschwendung gewesen, irgendein Büro 
vorher anzurufen. 

Fünf Minuten nach vier machte ich meinen Anruf. 

Die unpersönliche Stimme einer Vermittlerin meldete 
sich: »Trans-Afrika-Öl-Company.« 

»Ich möchte Mr. Foster sprechen, bitte. Mr. David 

Foster.« 

»Ich verbinde.« 

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Ich hörte mehrfaches Klicken, dann ein Rufzeichen, 

schließlich eine schläfrige Männerstimme: »Forster.« 

»Mein Name ist Temple«, sagte ich. »Ich nehme 

an, Sie haben von Judy Wincott eine Nachricht über 
mich erhalten. Ich möchte nun eine Verabredung tref -« 

»Judy - wer?« 
Die Stimme am anderen Ende der Leitung klang 

sehr ärgerlich. Es schien, als sei ihr Eigentümer eben 
aus süßem Büroschlummer aufgeschreckt und könne 
durchaus nicht leiden, was er da hörte. 

»Judy Wincott. Ich traf sie zufällig in Paris. Sie bat 

mich, Ihnen Ihre Brille zu überbringen.« 

»Hören Sie«, fauchte die Stimme. »Soll das ein 

Spaß sein? Ich habe nie von einer Judy Wincott 
gehört. Und die einzige Brille, die ich habe, sitzt mir 
fest auf der Nase.« 

»Aber Sie sind David Foster?« 
»Ich bin Daniel Forster, mit einem ›r‹ hinter dem 

›o‹. Und wenn Sie nun so freundlich sein würden, aus 
der Leitung zu gehen -« 

»Einen Moment«, sagte ich schnell, ehe er auflegen 

konnte. »Die Sache ist ziemlich wichtig. Gibt es in 
Ihrer Firma einen Mann namens David Foster?« 

»Nein«, erwiderte Mr. Forster nachdrücklich. 

»Wenn wir so einen hätten, wüßte ich es. Ich bin der 
Personalchef.« 

 
 
 

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»Na«, sagte ich, als ich den Hörer auflegte, »das 

war's also.« 

»Kein David Foster?« 
»Kein David Foster. Der einzige, den ich erreichen 

konnte, war ein Mr. Daniel Forster.« 

»Aber das ist beinah derselbe Name, Paul. Kann 

Judy Wincott sich nicht geirrt haben?« 

»Judy Wincott vielleicht. Aber nicht Daniel Forster. 

Eine Judy Wincott kennt er nicht, und die einzige 
Brille, die er hat, sitzt ihm fest auf der Nase. Ich bin 
sicher, er hat mit dieser Sache nichts zu tun.« 

»Kann es sein, daß man irgendwie mit seinem Na-

men operiert, ohne daß er davon weiß?« 

»Das kommt mir unwahrscheinlich vor. Ich nehme 

an, der ähnliche Name ist reiner Zufall - soweit man 
es Zufall nennen kann, daß eine so große Firma wie 
die Trans-Afrika-Öl einen Angestellten mit einem so 
verwechselbar ähnlichen Namen wie David Foster 
hat.« 

»Wer und wo ist dann der richtige David Foster?« 
»Ich vermute, den gibt es gar nicht.« 
»Du meinst, die ganze Geschichte war erfunden?« 
»Vielleicht. Möglich wäre allerdings auch, daß 

David Foster inzwischen tot ist. Anscheinend ist hier 
ein sorgfältig ausgeklügelter krummer Plan irgendwie 
geplatzt. Und wir sind die zwei Dummen, die das 
Baby in Verwahrung genommen haben.« 

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»Unter ›Baby‹ verstehst du die Brille? Was wirst du 

nun damit machen? Einem nicht existierenden Eigen-
tümer kannst du sie ja kaum zurückgeben.« 

Ich nahm ein Paar in Algier gekaufte Bastschuhe 

aus dem Schuhschränkchen und setzte mich auf das 
Sofa, um sie gegen die ledernen Halbschuhe auszu-
tauschen, die ich an den Füßen hatte. 

»Ich denke, am korrektesten wäre es, sie als herren-

losen Gegenstand bei der Polizei abzugeben. Aber das 
ginge mir irgendwie gegen den Strich. Überleg nur, 
wie viele seltsame Leute in unser Leben getreten sind, 
seit wir die Brille haben. Sam Leyland, Tony Wyse, 
Constantin, Colonel Rostand, nicht zu vergessen der 
einzigartige Sandro -« 

»Und Simone Lalange«, erinnerte mich Steve mit 

dunklem Blick. »Tu nicht, als hättest du sie verges-
sen.« 

»Hab' ich auch nicht. Du ließest mir bloß keine 

Zeit, zu ihr zu kommen.« 

»Was ich auch nie erlauben würde, solange ich 

etwas dagegen tun kann«, warnte Steve. Wir lachten 
beide. 

Ich stand auf und bewegte versuchsweise die Ze-

hen. Meine Füße fühlten sich wohl in den neuen 
leichten und bequemen Schuhen. 

»Weißt du, Steve«, sagte ich, »mir ist manchmal, 

als würden wir von einem unsichtbaren Reisezirkus 
begleitet und als hätte das ganze Zirkuspersonal, so 
eifrig es auch vorgibt, anderweitig beschäftigt zu sein, 

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in Wirklichkeit nur eine einzige Sache im Sinn - diese 
Brille. Nein, ich werde das Prachtstück behalten. 
Mich interessiert, wer der nächste Bewerber um 
unsere Freundschaft sein mag.« 

Ich stellte mich vor den großen Spiegel, um meine 

neuen Schuhe zu bewundern. Steve kam herbei und 
beguckte über meine Schulter hinweg unser gemein-
sames Spiegelbild. 

»Ich denke, du mußt sehr vorsichtig sein, Paul. 

Diese Leute sind entschlossen, sich gegenseitig 
umzubringen. Wenn du zuviel riskierst, kommen sie 
auf den Gedanken, auch dich umzubringen. Ich 
wünschte, Darling, du würdest wenigstens darauf 
verzichten, die Brille mit dir herumzutragen.« 

Ich drehte mich um und sah ihr in die Augen. 
»Ich glaube, für eine Weile wird sich nichts ereig-

nen, Steve. In Algier hat man einen plumpen Versuch 
gemacht, mich zu überzeugen, daß ich die Brille 
herzugeben hatte. Bestimmt wird ein neuer und 
besserer Versuch hier in Tunis gemacht werden. Doch 
das braucht Zeit, weil es vorbereitet werden muß. Und 
ich verspreche dir, daß ich morgen früh, sobald die 
Banken öffnen, die Brille bei der hiesigen Filiale von 
Lloyds Bank deponieren werde.« 

Ich beklopfte zärtlich meine Brusttasche. Trotz 

meines leichten Anzugs zeichnete sich äußerlich 
nichts von der Brille ab. Ich hatte ein zurechtgeschnit-
tenes Stück Pappe so in die Tasche gesteckt, daß es 
die Brille zugleich verbarg und schützte. 

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 120

»Nun«, sagte ich, »wenn du fertig bist, Steve -« 
»Wenn ich fertig bin?« echote sie. »Ich warte seit 

fünf Minuten. Wer ist es denn, der seine neuen 
Schuhe im Spiegel bewundert?« 

Ich schob sie lachend in den Korridor hinaus und 

schloß die Zimmertür hinter uns ab. 

»Wohin gehen wir?« fragte sie. 
»Da wir eigentlich hierhergekommen sind, um 

etwas von Tunis zu sehen, wollen wir mit einem 
kleinen Bummel durch die umliegenden Straßen 
beginnen.« 

Unsere Avenue Jules Favre, die während der Sie-

stazeit recht still gewesen war, hatte jetzt schon 
wieder lebhaften Betrieb. Wir überquerten den 
Fahrdamm vor dem Hotel, um auf der Mittelprome-
nade unter dem Schatten von zwei Reihen stattlicher 
Bäume dahinzuspazieren. Eine bunte Schar von 
Straßenhändlern wollte Stadtpläne, Postkarten, 
Reiseandenken, Füllfederhalter, frische Austern, 
gesponnenen Zucker und noch vielerlei anderes an 
uns verhökern. Wir hielten an einem Zeitungsstand, 
um einige Abendzeitungen zu kaufen, beobachteten 
interessiert, wie drei glutäugige Araberjungen einen 
Laternenmast erkletterten, um ihr papierenes Modell-
flugzeug zu bergen, das in einem Baum hängenge-
blieben war, riskierten Gesundheit und das Leben bei 
einer nochmaligen Überquerung der Fahrbahn und 
begannen einen Schaufensterbummel durch die 
Avenue de Rome. 

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 121

Beim Weitergehen nach der dritten oder vierten 

Schaufensterbesichtigung raunte ich Steve zu: »Wir 
werden beobachtet.« 

Sie hütete sich, sich neugierig umzudrehen. Da wir 

Arm in Arm gingen, merkte ich aber, daß ihre Haltung 
sich unwillkürlich versteifte. 

»Schon?« 
»Vielleicht ist er ein gewöhnlicher Taschendieb, 

wie sie immer in der Nähe großer Hotels auf Gele-
genheiten lauern. Wir wollen ihm die Chance geben, 
näher heranzukommen.« 

»Wie sieht er aus?« 
»Könnte ein Landsmann sein. Oder wenigstens ein 

Ire. Etwa einsfünfundsechzig groß, um die Fünfzig, 
bartlos, grauer Fischgrätmusteranzug, der ihm zwei 
Nummern zu weit sein dürfte, mattgrüner Filzhut.« 

Wir machten bei der nächsten Ecke eine Wendung 

nach rechts, die uns um den Block herum zurück zum 
Hotel bringen mußte, und blieben auf unserem Weg 
auch weiterhin bei jedem Schaufenster stehen, das uns 
interessierte. Unser Verfolger war weit davon ent-
fernt, ein Meister seines Fachs zu sein; jedesmal, 
wenn wir stehenblieben, geriet er in Verlegenheit, wo 
er ein Versteck finden oder wie er sich ganz unauffäl-
lig verhalten konnte. 

Unser Hotel hatte eine Bar mit separatem Eingang 

von der Straße. Wir machten davor halt, als seien wir 
noch unentschlossen, ob wir hineingehen sollten; aus 
einem Augenwinkel sah ich, wie unser Verfolger uns 

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 122

beobachtete. Als wir eintraten, hegte ich keinen 
Zweifel, daß er nun wußte, wo er uns finden könnte, 
falls er dies wollte. 

Die Bar war noch ziemlich leer. Eine kleine Musik-

anlage ließ dezente Melodien ertönen. Der arabische 
Barmann, bekleidet mit makellos weißer Nylonjacke, 
mixte Cocktails für zwei südfranzösische Geschäfts-
leute, die fast so orientalisch aussahen wie echte 
Araber. Wir erkletterten Hocker an der Bar und 
bestellten Martinis. 

Der Barmann hatte sie noch nicht serviert, als ich 

durch den Spiegel über der Bar unseren kleinen 
Verfolger hereinkommen sah. 

Er machte keine Umstände, sondern kam stracks 

zur Bar marschiert, erklomm den Hocker neben mir 
und nickte dem Barmann zu. 

»'n soir, Achmed. Un Scotch avec Seltz, s'il vous 

plait.« 

Nachdem er sein Sprüchlein in gräßlichem Franzö-

sisch aufgesagt hatte, drehte er sein etwas ungewa-
schen wirkendes Gesicht zu mir, lächelte wohlwollend 
und fügte auf englisch hinzu: »Aber ein Wetterchen 
haben wir heut - direkt zum Verlieben, eh?« 

Seine Stimme klang etwas gequetscht, und sein 

Atem hatte ein unleugbares Whiskyaroma. Dem 
Akzent nach war er wirklich ein Ire. 

»Angenehm mild für die Jahreszeit«, pflichtete ich 

höflich bei; ich hatte gelesen, daß der frühe April in 
Tunis schon tropisch heiße Tage bringen könnte. 

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 123

»Zur Erholung hier, die Herrschaften?« 
»Ja. Wir suchten eine Gegend, in der es noch nicht 

von Touristen wimmelt.« 

Er nickte mehrmals, was eine Anerkennung der 

Weisheit meiner Absicht zu bedeuten schien. Sein 
weiß und blau gestreiftes Hemd war nicht allzu 
sauber; die rot-gold-grün karierte Krawatte sollte 
wohl, obschon selbst etwas fleckig, die Aufmerksam-
keit davon ablenken. Er behielt seinen Hut auf, keck 
zur Seite geschoben, die Krempe vorn herunterge-
klappt, um wenigstens eines seiner geröteten Trinker-
augen zu beschatten. Er hatte sich an diesem Morgen 
nicht rasiert und offenbar seit Jahren nicht gewagt, 
seine Zähne von einem Zahnarzt anschauen zu lassen 
- jedenfalls waren sie bräunlich von Nikotin und 
wiesen einige Lücken auf. Was mir Kopfzerbrechen 
machte, war sein Anzug; ich konnte mir nicht vorstel-
len, daß jemand einen um zwei Nummern zu großen 
Anzug wählen würde, und kam im stillen zu dem 
Schluß, die Hitze von Tunis habe diesen Mann 
allmählich schrumpfen lassen. 

»Ja, da haben Sie sich das richtige Reiseziel ausge-

sucht! Wundervolle Stadt, dieses Tunis! Aber Sie 
werden genau überlegen müssen, wo Sie hingehen. 
Bei Dunkelheit durch die Eingeborenenviertel wan-
dern würde ich Ihnen dringend abraten. Schon man-
chen, der etwas von den ›Arabischen Nächten‹ sehen 
wollte, fand man am nächsten Morgen -« 

Er hielt inne, stieß ein fauchendes Geräusch aus 

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 124

und zog sich einen gestreckten Finger über die Kehle. 

»Sie leben hier?« fragte ich. 
»O'Halloran ist mein Name«, erklärte er unvermit-

telt und bot mir seine nikotinfleckige Rechte. »Die 
Lady ist gewiß Ihre Gattin?« 

Da ich bejahte, ließ er sich vom Stuhl gleiten, ha-

stete an mir vorbei und begann Steve die Hand zu 
schütteln. Steve sah von der Höhe ihres Barhockers 
etwas verdutzt auf ihn hinab. 

»Ist sie nicht eine bildschöne Frau?« rief er voll 

Begeisterung. Steve versuchte, ihre Hand wegzuzie-
hen, aber der kleine Ire wollte durchaus nicht loslas-
sen. Ich paßte scharf auf, ob er vielleicht Anstalten 
machen würde, ihr einen Ring oder die Armbanduhr 
abzuziehen oder in ihrer Handtasche zu angeln. 
»Sagen Sie mir bloß nicht, da wäre kein irisches Feuer 
in Ihren Augen, Madam!« jubelte er und staunte über 
Steves energisches Kopfschütteln. »Nein, da sei 
keins? Ah, Madam, das kann ich einfach nicht glau-
ben. - Danke sehr, Achmed. Merci. Nein, nicht soviel 
Sodawasser. - Entschuldigen Sie, Sir, wenn ich einen 
langen Arm mache, ha, ha, ha. Also auf Ihre Gesund-
heit und erfreuliche Ferientage in Tunis. - Aaah, das 
tut gut! Möchten Sie eine amerikanische Zigarette?« 

Er schmatzte und holte ein verdrücktes Päckchen 

Camel-Zigaretten aus der Hosentasche. Steve und ich 
lehnten dankend ab. O'Halloran befeuchtete sich die 
Lippen, steckte eine Zigarette dazwischen, rollte sie 
hin und her, bis sie feucht genug war, und setzte sie 

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 125

mit einem Zündholz in Brand, das er sehr routiniert an 
seinem Hosenboden anriß. Er blies das Flämmchen 
aus, ohne die Zigarette aus dem Mund zu nehmen, 
und inhalierte mindestens dreißig Sekunden lang. 
Dann begann er wieder zu sprechen, aber der Rauch 
kam erst gegen Ende der folgenden Passage zum 
Vorschein. 

»Ist es nicht seltsam, wie der Zufall spielt? Hier 

sitzen Sie vor Ihren Drinks und fragen sich, wie um 
alles auf der Welt Sie Ihren Weg durch diese fremde 
Stadt finden sollen. Und wer kommt da herein? 
Ausgerechnet ich - in ganz Tunis der beste Mann, der 
Ihnen helfen kann! Ja! Ist das nicht seltsam?« 

»Sie wollen damit sagen«, erkundigte sich Steve 

mit einer Stimme, die vor unterdrücktem Lachen nicht 
ganz sicher war, »Sie wollen damit sagen, daß Sie ein 
Fremdenführer sind, Mr. O'Halloran?« 

»Ein Fremdenführer, Gnädigste? Sagen wir lieber: 

der Fremdenführer! Ich kenne Tunis wie den Rücken 
meiner Hand!« O'Halloran sah dramatisch einen 
Moment lang auf den Rücken seiner Rechten, dann 
steckte er sie schnell in seine Jackettasche. »Hier, 
werfen Sie einen Blick darauf!« 

Er zückte eine abgewetzte Brieftasche, prall gefüllt 

mit Geschäftskarten, Zeitungsausschnitten, Briefen 
und sogar einigen Geldscheinen. Vorsichtig angelte er 
darin nach einem ausgeschnittenen Zeitungsfoto, das 
viele, viele Jahre alt sein mußte; es war vergilbt und 
begann sich am Knick aufzulösen. Ich wußte, daß 

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 126

O'Hallorans Augen auf mich gerichtet waren, als ich 
es betrachtete. Es zeigte eine Gruppe wohlhabender 
Amerikaner neben einem Charterflugzeug. Mitten 
unter ihnen war, wie ein Maskottäffchen, Mr. O'Hal-
loran zu sehen, damals noch im Lenz seines Lebens. 

»Der Bund amerikanischer Bierbrauer! Die Gent-

lemen erwählten mich zu ihrem offiziellen Fremden-
führer für die ganzen drei Tage ihrer Anwesenheit in 
Tunis!« 

»Eine wertvolle Urkunde, Mr. O'Halloran. - Schau, 

Darling, das ist Mr. O'Halloran mit dem Bund ameri-
kanischer Bierbrauer.« 

»Oh, und diese Ähnlichkeit!« äußerte Steve 

Schicksals ergeben, während sie das Foto betrachtete. 

»Ich bin glücklich, daß es Ihnen gefällt. Und 

nun...« 

Mit gleicher Vorsicht zückte O'Halloran eine Ge-

schäftskarte und überreichte sie Steve, die sie dann an 
mich weitergab: 

 
Haus künstlerischer Raritäten 
Szoltan Gupte, Kunsthändler 
227, Avenue Mirabar 
Tunis 
Amerikanische und englische Besucher willkom-

men Tel. 18 75 92 

 
Darunter stand in zittrigen Buchstaben geschrieben: 

Patrick O'Halloran, Spezialvertreter. 

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 127

»Es ist einen Besuch wohl wert«, versicherte uns 

der kleine Ire mit plötzlichem Ernst. »Bestimmt 
werden Sie es lohnend finden. Ich selbst kann Sie 
dorthin führen. Wann würde Ihnen eine Besichtigung 
recht sein?« 

»Nun, Mr. O'Halloran, unsere Pläne liegen noch 

nicht fest. Zunächst möchten wir uns ein wenig auf 
eigene Faust umsehen. Später wollen wir dann gerne 
auf Ihre Dienste zurückkommen. Wie können wir Sie 
erreichen?« 

»Rufen Sie einfach diese Nummer an. Und erinnern 

Sie sich - ob Tag oder Nacht, Patrick O'Halloran steht 
zu Ihren Diensten. ›Haus künstlerischer Raritäten‹ - 
vergessen Sie es nicht! Ich an Ihrer Stelle würde mit 
der Besichtigung nicht zu lange zögern. Und wenn Sie 
mich nun bitte entschuldigen würden? Ich werde von 
Touristen erwartet, denen ich die Kasbah zeigen soll.« 

O'Halloran schwenkte seinen Hut, wodurch ein 

Schopf überraschend jugendlicher Locken enthüllt 
wurde, beglückte uns mit seinem wohlwollenden 
Lächeln und entschwand wie ein eiliges Kaninchen. 
Er hatte sich nicht damit aufgehalten, seinen Drink zu 
bezahlen. 

Sobald er fort war, platzten wir los vor Lachen. 
»Hätte ich ihn nicht mit eigenen Augen gesehen, 

würde ich nicht glauben, daß es so etwas gibt«, sagte 
Steve. »Er ist ja eine Type wie vom Possentheater!« 
Sie steckte O'Hallorans Karte in die Handtasche. »Das 
darf ich nicht verlieren. Hast du bemerkt, Paul, wie 

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 128

sehr ihm an unserem Besuch in diesem ›Haus künstle-
rischer Raritäten‹ gelegen ist? Meinst du nicht, daß 
irgend etwas dahintersteckt?« 

»Durchaus möglich. Wir werden O'Halloran ein 

bißchen schmoren lassen. Wir wollen warten, bis er 
sich von selbst wieder zeigt. Ich vermute, das wird 
schon bald sein.« 

Die Bar begann sich allmählich zu füllen; sie schien 

ein beliebter Treffpunkt zu sein. Die meisten Gäste 
nahmen an kleinen Tischen Platz, während Steve und 
ich noch immer weithin sichtbar an der Theke saßen. 
O'Halloran war nicht ganz das gewesen, was ich 
erwartet hatte. Aber ich glaubte zu fühlen, daß jemand 
anwesend war, der auf eine Gelegenheit wartete, mit 
mir zu sprechen. 

»Steve«, schlug ich vor, »möchtest du nicht hinauf-

gehen und anfangen, dich umzuziehen? Ich bleibe 
noch ein wenig hier sitzen. Vielleicht erscheint 
jemand, den wir kennen.« 

Sie warf mir einen etwas merkwürdigen Blick zu, 

befolgte aber den Wink und ließ sich von ihrem 
Barhocker gleiten. 

»In einem Viertelstündchen komme ich auch hin-

auf. - Achmed, bitte noch einen Martini.« 

Ich hatte recht mit dem Gefühl, daß ein bestimmter 

junger Mann die Gelegenheit ergreifen würde, mit mir 
zu sprechen. Sobald Steve durch die Tür zum Hotel-
foyer entschwunden war, kam er von seinem Tisch-
chen herbei und stellte sich vor. Er war geschäftlich in 

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 129

London gewesen, zu einer Zeit, als ich mit Sir Gra-
ham Forbes von Scotland Yard an einem Mordfall 
arbeitete, der Schlagzeilen machte; er hatte damals in 
den Zeitungen Fotos von mir gesehen und mich nun 
wiedererkannt. Da er sich als ein sehr gebildeter und 
liebenswürdiger junger Franzose erwies, waren wir 
bald in eine lebhafte Erörterung der Möglichkeiten 
vertieft, die internationale Verbrecher von Witz und 
Format aus der Verwendung moderner Verkehrsmit-
tel, eigener Funkanlagen und anderer technischer 
Neuerungen zu ziehen vermögen. 

Wir hatten etwa sieben oder acht Minuten lang 

recht angeregt gesprochen, als ich durch die Tür zum 
Hotelfoyer eine Frau sehr eilig in die Bar kommen 
sah. Sie war ziemlich groß und das, was man ansehn-
lich nennt. Ihre Kleidung war betont seriös, aber gut 
geschneidert und von jener Art Eleganz, die häufig bei 
ernsthaft arbeitenden und verantwortungsbewußten 
Chefsekretärinnen führender Männer des Bankwesens 
oder der Industrie zu finden ist. Ich schätzte sie auf 
etwa dreißig. 

Sie schaute nervös umher, bis ihr Blick mein 

Tweedjackett traf, das mich als mutmaßlichen Eng-
länder charakterisierte. Dann kam sie, einen besorgten 
Ausdruck auf dem Gesicht, rasch auf mich zu. 

»Entschuldigen Sie, Sir. Sind Sie zufällig Mr. 

Temple?« 

Ihr Akzent klang amerikanisch. 
»Ja, mein Name ist Temple.« 

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»Gott sei Dank, daß ich Sie gefunden habe, Mr. 

Temple. Verzeihen Sie, daß ich mich so aufdränge...« 

Sie sah zu meinem Gesprächspartner, der wohler-

zogen von seinem Barhocker geglitten war und nun 
dastand - bereit, sich vorzustellen. 

»Ist irgend etwas nicht in Ordnung?« fragte ich. 
»Es handelt sich um Ihre Frau. Ich fürchte, sie hatte 

einen häßlichen Schock. Aber jetzt geht es ihr wieder 
gut - seien Sie unbesorgt. Ich habe ihr ein leichtes 
Beruhigungsmittel gegeben. Ich hätte sie nicht 
verlassen, aber sie bestand darauf, daß ich in die Bar 
gehen und Sie benachrichtigen sollte -« 

»Entschuldigen Sie mich bitte«, sagte ich über die 

Schulter zu dem jungen Franzosen, der mich entgei-
stert ansah, und eilte mit der Frau ins Foyer. 

»Zum Hotelpersonal gehören Sie doch nicht?« 

fragte ich sie, während wir auf den Lift warteten. 

»Nein. Ich bewohne das Zimmer neben Ihrer Suite, 

Mr. Temple. Ich wollte eben anfangen, mich für den 
Abend umzuziehen, als ich Ihre Frau schreien hörte -« 

»Schreien?« 
Der Lift war endlich ins Parterre zurückgekehrt. 

Wir stiegen ein. Sobald die Tür sich geschlossen 
hatte, drückte ich auf den Knopf für die dritte Etage, 
und die Liftkabine begann ihre ruckelnde Aufwärts-
fahrt. 

»Natürlich eilte ich sofort hinüber. Ihre Frau lag auf 

dem Bett und wehrte sich gegen einen Mann, der ihr 
ein Kissen über das Gesicht drückte -« 

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 131

»Um Himmels willen! Weiter!« 
»Nun, das ist eigentlich schon alles. Sobald er mich 

bemerkte, jagte er zur Balkontür und verschwand 
nach draußen. Ich habe nicht versucht, ihm zu folgen. 
Ich war zu besorgt um Ihre Frau. Sie rang um Atem -« 

»Und dann haben Sie sie allein in diesem Zimmer 

gelassen?« unterbrach ich sie ärgerlich. 

Die Amerikanerin sah mich vorwurfsvoll an. 
»Natürlich habe ich mich überzeugt, daß niemand 

mehr auf dem Balkon war, Mr. Temple. Dann habe 
ich die Balkontür verriegelt und die Zimmertür hinter 
mir abgeschlossen. Hier ist der Schlüssel.« 

»Ich bitte um Entschuldigung. Sie werden verste-

hen, daß ich ziemlich entsetzt war, als Sie sagten -« 

»Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen, Mr. 

Temple.« Eine Hand legte sich begütigend auf meinen 
linken Unterarm; durch den Ärmelstoff fühlte ich den 
leichten Druck verläßlicher Finger. »Sie hatte einen 
entsetzlichen Schock. - Übrigens, mein Name ist 
Bryce. Miss Audry Bryce.« 

Die Liftkabine stoppte, die Tür rollte zur Seite. Wir 

stiegen aus und eilten, Miss Bryce mit dem Schlüssel 
voran, zur Tür der Suite. Miss Bryce schloß auf und 
trat zurück, um mich zuerst hineingehen zu lassen. 

Steve lag auf dem Bett, hob aber den Kopf, als sie 

mich sah. 

Sie hatte ein gerötetes Gesicht und zitterte noch. 

Miss Bryce blieb taktvoll im Hintergrund, während 
ich mich überzeugte, daß Steve glücklicherweise 

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 132

weiter nichts passiert war. Nach einer halben Minute 
hüstelte Miss Bryce, um an ihr Vorhandensein zu 
erinnern, und sagte: »Ich glaube, ich werde jetzt 
gehen. Den Zimmerschlüssel habe ich auf der Innen-
seite ins Schloß gesteckt.« 

»O bitte, gehen Sie noch nicht«, entgegnete Steve. 

»Paul, Miss Bryce war sehr gut zu mir. Ich weiß nicht, 
was hätte geschehen können, wenn sie nicht so schnell 
zu Hilfe gekommen wäre. Aber ich fürchte, im ersten 
Moment bin ich dann beinah hysterisch geworden.« 

»Miss Bryce, wir sind Ihnen aufrichtig dankbar«, 

beteuerte ich. »Möchten Sie nicht mit uns zu Abend 
essen? Es würde uns beide sehr freuen.« 

»So nett es von Ihnen gemeint ist, Mr. Temple - 

leider bin ich für den Abend schon verabredet. Aber 
vielleicht finden wir an einem der nächsten Tage 
Gelegenheit, uns mal zu treffen.« 

»Das hoffe ich sehr. Und nochmals Dank, Miss 

Bryce.« 

Sobald sich die Tür hinter ihr geschlossen hatte, 

setzte Steve sich auf und schwang die Beine vom 
Bett. 

»Paul, ahnst du, wer der Mann war?« 
»Nein. Wie könnte ich das?« 
»Sam Leyland!« 
»Sam Leyland? Erzähl mir genau, was geschah.« 
Ich setzte mich auf den Bettrand und zog Steves 

Kopf an meine Brust. 

»Also, ich kam herauf, schloß die Tür auf, trat ein 

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 133

und machte die Tür wieder zu - ganz mechanisch und 
ohne mir dabei etwas zu denken, du kennst das ja. 
Plötzlich sprang hinter den Betten ein Mann hoch, 
stürzte sich auf mich und preßte mir eine Hand über 
den Mund. Ich biß kräftig hinein, und er ließ mich los. 
Da schrie ich um Hilfe und sah, daß es Sam Leyland 
war. Er packte mich gleich wieder und stieß mich auf 
das Bett. Oh, Paul, und als er mir das Kissen übers 
Gesicht drückte, mußte ich an Judy Wincott den-
ken...« 

»Ich wünschte, ich hätte Sam in der Villa Negra 

etwas nachhaltiger außer Betrieb gesetzt! Hast du eine 
Idee, was er hier tat? Durchwühlt sieht das Zimmer 
nicht aus.« 

»Vielleicht habe ich ihn überrascht, ehe er anfangen 

konnte. Oder er hatte wirklich vor, mich zu erstik-
ken.« 

Ich stand auf, öffnete die Balkontür und trat hinaus. 

Unser Balkon war natürlich leer. Aber es handelte 
sich um einen sogenannten Etagenbalkon, der, nur 
durch niedere Trennwände unterteilt, um das ganze 
Hotel lief. 

»Nein, Steve«, sagte ich, als ich in das Zimmer 

zurückkehrte, »ich glaube nicht, daß er dir etwas 
antun wollte. Das Kissen sollte wohl nur verhindern, 
daß du weiter um Hilfe riefest.« 

»Du meinst also, er war wegen der Brille hier? 

Bilden diese Leute sich ein, wir ließen die Brille 
einfach in einem Hotelzimmer herumliegen - nach 

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allem, was geschehen ist?« 

»Wahrscheinlich halten Sie uns für dümmer, als wir 

sind. Aber sag, mein Schatz, wie fühlst du dich? 
Möchtest du einen Brandy oder irgend etwas anderes 
dieser Art?« 

Steve schüttelte den Kopf. 
»Ach, danke, ich fühle mich ganz wohl.« 
»Was hieltest du davon, wenn wir uns das Dinner 

hier oben servieren ließen?« 

»Nein, das würde mir nicht gefallen. Ich möchte so 

schnell wie möglich hier hinaus und viel gute, frische 
Abendluft atmen.« 

»Das dürfte ein seltener Artikel in Tunis sein. Aber 

ich glaube, ich weiß das nächstbeste Ding.« 

Als Steve sich umgezogen hatte, fuhren wir hinun-

ter, verließen das Hotel und gingen zum nächsten 
Halteplatz für Pferdedroschken. Ein arabischer 
Kutscher, der aussah, als sei er einhundertundelf Jahre 
alt, kletterte von seinem Kutschbock, um uns mit 
orientalischer Höflichkeit in das ledergepolsterte 
offene Fahrgastabteil seiner Kalesche zu helfen. 

»Monsieur, Sie wollen Kasbah besuchen? Altstadt 

von Tunis?« 

»Fahren Sie, wohin Sie wollen«, sagte ich. »Aber 

Ihr Pferd muß Kraft genug behalten, um uns heute 
noch hierher zurückzubringen.« 

Die Peitsche knallte über dem Kopf des Pferdes, 

und wir zuckelten los. Der Abend senkte sich hernie-
der, und eine angenehme Brise umfächelte unsere 

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 135

Wangen. 

In der nächsten Stunde versuchten wir, eingelullt 

vom rhythmischen Klipp-Klapp der Hufe, alles zu 
vergessen, was mit Mord und Gewalttat zusammen-
hing, und uns als ganz normale Touristen zu fühlen. 
Unser Kutscher schien mit uns seine gewohnte 
Routinerundfahrt zu machen, und ich war froh, daß in 
den Straßen, durch die wir kamen, niemand Notiz von 
uns zu nehmen schien. Der Himmel verwandelte sich 
in tiefdunkles Blau, und im Osten blinkten schon die 
ersten Sterne. Wir fuhren über heitere Boulevards mit 
dichtbesetzten Caféhaustischchen auf den Gehsteigen. 
Dann und wann wies unser Kutscher mit der Peitsche 
auf die Fragmente einer Mauer oder eines Torbogens, 
um uns moderne Reisende daran zu erinnern, daß die 
alten Römer auch schon hiergewesen waren. 

Schließlich kamen wir in die engen Gassen des 

Araberviertels. Sogleich begann eine Schar schreien-
der Araberjungen hinter der Droschke herzulaufen. 
Der Kutscher vertrieb sie mit der Peitsche. Die dicht 
beieinanderstehenden Häuser ragten dunkel zu beiden 
Seiten auf. Nur wenige Europäer waren in diesen 
Gassen zu sehen. Auf den Vortreppen und neben 
dunklen Eingängen hockten Araber in ihren wallen-
den Gewändern. Frauen mit Gesichtsschleiern, die nur 
die Augen sehen ließen, drückten sich gegen die 
Häuserwände, um uns vorbeizulassen. Im Vorbeifah-
ren warfen wir flüchtige Blicke in überfüllte und 
wenig einladende Arabercafés, hin und wieder hörten 

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 136

wir Bruchstücke eigentümlich monotoner Gesänge. 
Einmal gerieten wir unversehens in die Nähe einer 
heftigen Straßenschlägerei. Unser Kutscher trieb das 
Pferd mit der Peitsche an und brachte uns sicher aus 
dem Getümmel. Die ganze Zeit, während wir durch 
das Araberviertel fuhren, hatte ich die Empfindung, 
daß ständig Hunderte von Augen auf uns gerichtet 
waren, teils gleichgültig, teils feindselig, teils berech-
nend. Aus der Art, wie Steve sich an mich schmiegte, 
erkannte ich, daß sie es auch empfand. 

Es war eine Erleichterung, als wir in eine breite 

Straße einbogen und in den modernen Teil der Stadt 
zurückkehrten. 

Ich bezahlte den Kutscher an derselben Stelle, von 

der wir gestartet waren. In Erinnerung an die Schläge-
rei gab ich ihm ein gutes Trinkgeld, was ihn veranlaß-
te, den Segen Allahs auf unsere Häupter herabzufle-
hen. 

»Was macht dein Appetit, Darling?« fragte ich 

Steve, als wir uns dem Hotel näherten. 

»Oh, ich glaube, ich bin jetzt ziemlich hungrig, 

obwohl mir etwas seltsam im Magen wurde, als wir 
die Messerstecherei sahen.« 

»Dann schlage ich vor, daß wir direkt in den Spei-

sesaal gehen. Oder möchtest du vielleicht zuerst noch 
einmal hinauf?« 

»Nein. Ich bin bereit für den Speisesaal - falls es dir 

nichts ausmacht, neben einer Frau mit ungepuderter 
Nase zu sitzen.« 

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 137

Ich fragte einen Pagen nach dem Weg zum Speise-

saal, aber ein herbeieilender Mann in Cut und gestreif-
ter Hose hielt uns auf. 

»Mr. Temple!« Seine Stimme war dringlich und 

derart auf Flüstertöne gestimmt, als übermittle er eine 
ganz geheime Botschaft. »Kommissar Renouk wartet 
auf Sie! Ich wußte nicht, wo Sie zu finden wären. Er 
ist sehr ungeduldig geworden. Wenn es Ihnen nichts 
ausmacht, Mr. Temple - er wartet in meinem Büro.« 

»Kommissar Renouk? Von der Polizei?« 
»Sogar vom Polizeipräsidium.« 
»Will er nur mich sprechen oder auch meine Frau?« 
»Nur Sie, Mr. Temple.« 
»Sie sind der Hoteldirektor?« 
»Für die Nachtschicht, ja.« 
»Sie sprechen ein ausgezeichnetes Englisch.« 
Der kleine Mann versuchte gleichzeitig geschmei-

chelt und bescheiden auszusehen. 

»Mr. Temple sind zu gütig.« 
»Ich übergebe meine Frau Ihrer persönlichen Für-

sorge während der Zeit, in der ich mit dem Kommis-
sar spreche.« 

Der Direktor legte sich eine Hand auf den Magen, 

die andere auf den Rücken und verbeugte sich tief. 

»Entzückt, Madam. - Und nun, Mr. Temple, diesen 

Weg, wenn ich bitten darf. Der Kommissar ist bereits 
sehr ungeduldig.« 

Der Mann, den ich im Büro des Direktors vorfand, 

hatte es vermocht, den kleinen Raum mit einer 

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Atmosphäre aus Argwohn und Drohung zu erfüllen. 
Sein Gesicht war bleich, seine Augenbrauen sehr 
schwarz und buschig, sein Mund dünn und an einer 
Seite nach unten gezogen. 

»Nehmen Sie Platz, bitte«, sagte er schroff. »Ihr 

Name ist Paul Temple?« 

»Ja.« 
»Ihre Nationalität?« 
»Britisch.« 
»Ich bitte um Ihren Paß.« 
Ich reichte ihm meinen Paß. Er blätterte sorgfältig 

einige Minuten lang darin herum, ehe er ihn mir 
zurückgab. 

»Der Zweck Ihres hiesigen Aufenthaltes?« 
»Erholung, Vergnügen. Alles, was man Tourismus 

nennt.« 

»So. Sie sind nicht hierhergekommen, um einen 

gewissen Patrick O'Halloran zu treffen?« 

»Keineswegs. Ich ahnte nicht -« 
»Aber Sie hatten heute abend um sechs Uhr eine 

Verabredung mit ihm? In der Bar dieses Hotels?« 

»Das war keine Verabredung. Er ist uns dorthin 

gefolgt.« 

»Wie lange kennen Sie diesen Patrick O'Halloran?« 
Ich sah auf meine Uhr und sagte: »Etwas über zwei 

Stunden. Vor heute abend habe ich ihn nie gesehen.« 

»Sie behaupten, er sei kein Freund von Ihnen? Im-

merhin wurden Sie in sehr angeregter Unterhaltung 
mit ihm beobachtet.« 

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 139

»Oh, Sie haben mit Achmed gesprochen! Warum 

alle diese Fragen, Kommissar? Hat O'Halloran 
jemandes Geldbörse gestohlen?« 

»Ich bitte, nicht zu ulken, Mr. Temple. Dies ist eine 

sehr ernste Angelegenheit. Wenn Sie nicht die Wahr-
heit sagen und mir Ihre volle Unterstützung zusichern 
wollen -« 

»Monsieur le Commissaire«, unterbrach ich, 

»selbstverständlich bin ich dazu bereit, wenn Sie mir 
erklären würden, welchen Zweck dieses Verhör 
verfolgt? Was hat O'Halloran getan?« 

Renouk richtete seine dunklen Augen scharf auf 

mich, um meine Reaktion zu beobachten. 

»Heute abend um halb sieben wurde im Arabervier-

tel ein männlicher Leichnam gefunden. Wir haben ihn 
als Patrick O'Halloran identifiziert. Wir glauben, Sie 
waren der letzte, der ihn lebendig gesehen hat.« 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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 140

 
Das Dinner schmeckte uns nicht recht an diesem 

Abend. Wir hatten in unserer Umgebung, weiß Gott, 
schon manchen plötzlichen und gewaltsamen Todes-
fall erlebt. Aber das Schicksal des kleinen Mr. O'Hal-
loran rührte uns ganz eigenartig an. Wir fühlten echtes 
Bedauern bei dem Gedanken, daß diese nasale Whis-
kystimme nun für immer verstummt war. 

»Ich hatte ja gleich das Gefühl, er hinge irgendwie 

mit der Brille zusammen«, erinnerte Steve. 

»Nun, weißt du, mein Schatz, die Tatsache, daß ein 

Mann im Araberviertel von Tunis getötet wird, 
bedeutet noch nicht, daß er mit dieser Sache zu tun 
hatte.« 

»Es ist zuviel, um ein bloßer Zufall zu sein. Da ist 

ein Mann, den du für einen Taschendieb hältst. Er 
forciert ein kurzes Gespräch mit uns, und eine Stunde 
später findet man ihn tot.« 

»Ja, da hast du recht, Steve. Das ist merkwürdig.« 
»Weißt du noch, wie dringend er uns einen Besuch 

in diesem ›Haus künstlerischer Raritäten‹ empfahl?« 

Steve holte die Geschäftskarte, die O'Halloran uns 

übergeben hatte, aus ihrer Handtasche und studierte 
sie. Dabei bemerkte ich auf der Rückseite der Karte 
eine Zeichnung. 

»Schau dir einmal die andere Seite an, Steve.« 
Sie drehte die Karte um, sah mich an und reichte 

sie mir schweigend hinüber. Die Zeichnung auf der 

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Rückseite, recht linkisch ausgeführt, stellte eine Brille 
mit dicker Hornfassung dar. 

»Da haben wir den Zusammenhang. Vielleicht hat 

O'Halloran nicht mal gewußt, was es damit auf sich 
hat. Aber zweifellos gehört dieser Szoltan Gupte zu 
der verbreiteten Gilde leidenschaftlicher Brillenlieb-
haber. Ich frage mich, ob wir ihn schon unter einem 
anderen Namen kennen?« 

Wir aßen unseren Geflügelsalat schweigend. Als 

der Kellner kam und uns zum Auswählen der Haupt-
gerichte die lange Speisekarte präsentieren wollte, 
schüttelten wir beide den Kopf. 

»Für mich nur noch Kaffee, Paul. Aber laß dich 

dadurch nicht abhalten -« 

»Ich nehme auch nur Kaffee. Aber wir wollen ihn 

draußen auf der Terrasse trinken. Dort ist es luftiger.« 

»Sehr wohl, Monsieur. Sehr wohl, Madame.« 
Während der Kellner mit seiner Serviette den Tisch 

abwedelte, gingen wir hinaus auf die Terrasse, die den 
kleinen Garten des Hotels überblickte - eine hübsche 
Anlage mit steinernen Bodenplatten und hölzernen 
Tischen und Stühlen und modernen Hollywoodschau-
keln. Jetzt, in der Dunkelheit, blinkten viele kleine 
bunte Lichter von den Ästen der Bäume. Neben einer 
marmornen Tanzfläche spielte eine Dreimannkapelle 
schwüle Melodien, aber niemand tanzte. 

Während wir nach einem geeigneten Tisch Aus-

schau hielten, hörten wir eine Stimme hinter uns: 
»Hallo, Mr. Temple, Mrs. Temple!« 

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 142

Miss Audry Bryces Abendverabredung schien nicht 

lange gedauert zu haben. Wenn alle ihre Verabredun-
gen so kurz verliefen, brauchte man sich nicht zu 
wundern, daß sie noch Miss war. Sie saß auf einer 
bunten Hollywoodschaukel, die langen, wohlgeform-
ten Beine über einander geschlagen. 

»Wollen Sie nicht bei mir Platz nehmen?« rief sie 

aus. 

»O danke, sehr gerne«, antwortete Steve. 
Wir gingen zu dem Tisch. Die nächste Minute war 

erfüllt von Begrüßungsworten und dem Zurechtrücken 
einer zweiten Hollywoodschaukel für Steve. Ich 
begnügte mich mit einem Stuhl. Audry Bryce hatte 
ihren Kaffee bereits getrunken. So bestellte ich, als 
unsere Kaffees kamen, Likör für uns alle drei. 

»Sie fühlen sich jetzt wieder besser, nicht wahr, 

Mrs. Temple?« 

»O danke, viel besser. Wir unternahmen eine hüb-

sche Droschkenfahrt durch die interessantesten Teile 
von Tunis.« 

»Ach, diese alten Pferdedroschken! Putzige Dinger, 

finden Sie nicht? Mir gefällt Tunis ja außergewöhn-
lich gut. Ich wollte ursprünglich nur eine Woche 
bleiben und bin nun schon fast einen ganzen Monat 
da. Diese faszinierende Mischung, wissen Sie, der 
Osten mit dem Westen, und alle diese hübschen 
kleinen Läden im Araberviertel. Bestimmt haben Sie 
schon gehört, daß Tunis berühmt ist für seine Par-
füms? Es soll geheime Herstellungsrezepte geben, die 

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 143

nur in einer Familie bleiben und vom Vater auf den 
Sohn übergehen. Außerdem macht man hier reizende 
Sachen aus Leder.« 

»So etwas beabsichtigen wir zu kaufen«, warf ich 

ein. »Uns wurde ein Geschäft in der Avenue Mirabar 
empfohlen. Kennen Sie es vielleicht? ›Haus künstleri-
scher Raritäten‹ nennt es sich.« 

Audry Bryce zog die Augenbrauen zusammen und 

machte eine wegwerfende Handbewegung. 

»Nein, ich kenne es nicht«, sagte sie verächtlich. 

»Aber ich würde Ihnen nicht raten hinzugehen. Mir 
gefällt dieser kleine aufdringliche Ire nicht, der dafür 
Reklame macht. Sicher hat er auch mit Ihnen gespro-
chen. Er belästigt ja alle neueintreffenden Gäste, 
dieser O'Harrigan oder wie er heißt.«  

»O'Halloran.« 
»Richtig, O'Halloran.« Miss Bryce wandte sich an 

Steve: »Beachten Sie seine Empfehlungen nicht, Mrs. 
Temple. Er ist nur ein kleiner Anreißer, dem an Ihrem 
Geld liegt. Außerdem trinkt er zuviel. Als er mich zu 
beschwatzen versuchte, roch er schon um neun Uhr 
morgens nach Whisky. Ich weiß ja nicht, wie Sie dazu 
stehen, aber ich finde das einfach indiskutabel, und -« 

»Er ist heute abend ermordet worden«, warf ich ein. 

»Vorhin war ein Kriminalbeamter hier, um Einzelhei-
ten über unser Gespräch mit O'Halloran in der Bar zu 
führen. Ich bin überrascht, daß er nicht auch Sie 
gefragt hat.« 

Miss Bryces Redestrom war wie abgeschnitten. 

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Sekundenlang zeigte sie ein erschrockenes, nicht eben 
intelligentes Gesicht. Dann stammelte sie: »Ermordet? 
Aber das - das ist doch unmöglich!« 

»Wieso unmöglich? Tunis ist eine recht gewalttäti-

ge Stadt. Wir wissen das gut genug - nicht wahr, 
Steve?« 

Steve lächelte matt. Ich beobachtete, wie Audry 

Bryce um Fassung rang. 

»Ich meine, ich kann mir nicht vorstellen, warum 

jemand diesen unbedeutenden kleinen Mann ermordet 
haben sollte. Doch wohl kaum, um ihn zu berauben?« 

»Das würde ich auch nicht annehmen. Es sei denn, 

O'Halloran war ein Dieb, der etwas Wertvolles 
gestohlen und damit die Habgier eines anderen 
Gauners erweckt hatte.« 

Miss Bryce schien über diese Vorstellung entsetzt. 

Sie griff nach ihrem Glas Benediktine und nahm einen 
hastigen Schluck daraus. 

»Das ist ja schrecklich! Welch ein Abend! Zuerst 

der brutale Überfall auf Mrs. Temple und dann der 
Mord an diesem armen kleinen Mann! Ich bin sicher, 
daß ich heute nacht kein Auge schließen kann!« 

Während sie sprach, hatte sie angefangen, ihre 

Habseligkeiten zusammenzuraffen - ein Abendtäsch-
chen, eine Chiffonstola, einen amerikanischen Roman 
mit auffallendem Einband. 

»Nun müssen Sie mich bitte entschuldigen. Ich 

habe einer Freundin versprochen, sie bis um zehn Uhr 
anzurufen.« 

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Ich stand auf, während sie sich verabschiedete, 

dann setzte ich mich zu Steve auf die Hollywood-
schaukel und zündete mir eine der kleinen Zigarren 
an, die ich auf unserem Nachmittagsspaziergang 
gekauft hatte. Steve blickte dem emporsteigenden 
Rauchwölkchen nach. 

»Paul, du warst etwas hart mit Miss Bryce. Ich 

fürchte, du hast sie verscheucht.« 

»Miss Bryce ist so leicht zu durchschauen wie eine 

Flasche Selterswasser. Wenn sie eine harmlose 
amerikanische Touristin sein will, dann sind wir beide 
Don Quichotte und Sancho Pansa.« 

»Was hat sie, deiner Meinung nach, im Sinn?« 
»Wie Sherlock Holmes zu sagen pflegte: ›Ich habe 

eine Vermutung.‹ Wir werden es schon herausfinden. 
- Möchtest du tanzen? Jetzt sind einige Paare auf der 
Tanzfläche.« 

»Nein. Laß uns still hier sitzen bleiben.« Sie schob 

ihren linken Arm unter meinen rechten. »Genieße 
deine Zigarre. Ich sehe gerne den Rauchkringeln zu.« 

 
Auf unserem Weg zum Lift fragte ich an der Re-

zeption nach dem Direktor. Beim Verlassen seines 
Büros zupfte er sich eine Serviette vom Kragen und 
ließ sie, leicht verlegen, in seiner Hosentasche ver-
schwinden; leider hatten wir ihn beim Abendessen 
gestört. 

»Ich wollte Sie nur eins fragen. Wie lange wohnt 

Miss Bryce schon hier?« 

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»Die amerikanische Lady? Zwei Wochen, Mr. 

Temple. Sie ist eine gute Bekannte von Ihnen, nicht 
wahr?« 

Ich bejahte dies etwas vage, aber der Direktor 

strahlte trotzdem. 

»Gefällt Ihnen Ihre Suite, Mr. Temple?« 
»Ja, sie ist sehr hübsch.« 
»Miss Bryce sagte, Sie legen Wert auf gute Aus-

sicht, und diese würde Sie entzücken. Es war etwas 
schwierig, Ihnen die Suite neben der von Miss Bryce 
zu geben. Aber Miss Bryce ist stets sehr großzügig 
zum Personal, und daher haben wir -« 

»Sie legte Ihnen nahe, uns diese Suite zu geben?« 
»Aber gewiß Mr. Tempel. Und wir versuchen im-

mer, den Wünschen unserer Gäste zu entsprechen.« 

»Das ist nett von Ihnen. Vielen Dank. Und gute 

Nacht.« 

»Gute Nacht, Mr. Temple, gute Nacht, Mrs. Tem-

ple. Angenehme Ruhe.« 

Während wir auf den Lift warteten, raunte ich Steve 

zu: »Er liebt sehr viel Knoblauch in seinem Essen.« 

Sie nickte lächelnd. 
Im Lift fragte ich sie: »Ist dir aufgefallen, daß wir 

seit unserer Ankunft in Tunis nichts von Tony Wyse 
oder Simone Lalange gesehen haben?« 

»Sehnst du dich nach der aschblonden Simone?« 
»Nicht unbedingt. Ich überlege nur, ob ihre und 

Tony Wyses Pflichten mit der Landung des Flugzeu-
ges in El Aouina endeten und von Patrick O'Halloran 

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und Audry Bryce übernommen wurden?« 

 
Die Wände des Hotels hatten so viel Sonnenwärme 

aufgesogen, daß dank der geschlossenen Balkontür 
die Luft in unserem Schlafzimmer unangenehm 
drückend war. Wegen der Mücken, Fliegen und 
Nachtschmetterlinge konnten wir aber die Balkontür 
nicht öffnen, solange wir Licht im Zimmer hatten. 
Und nachher, als wir in unseren Betten lagen, wollten 
wir sie auch nicht offenstehen haben, weil ja der 
Balkon um das ganze Hotel lief und es keineswegs 
sicher war, daß niemand auf diesem Weg bei uns 
einzudringen gedachte. Obwohl wir uns nur mit den 
Laken zudeckten, konnten wir nicht richtig einschla-
fen. Wir fielen wohl dann und wann in einen kurzen 
Schlummer, wachten aber immer wieder auf und 
hatten den Eindruck, als schleiche die Zeit unerträg-
lich langsam dahin. 

Gegen drei Uhr hörte ich Steve aus dem Bett auf-

stehen und die Balkontür öffnen, um etwas frische 
Luft zu haben. Eine Minute später war sie wieder da 
und schüttelte mich an der Schulter. 

»Wach auf, Paul«, flüsterte sie. »Nebenan, in Au-

dry Bryces Zimmer, geht irgend etwas vor.« 

Ich brauchte nicht erst wach zu werden, richtig 

geschlafen hatte ich sowieso nicht. »Was denn? 
Hoffentlich doch kein neuer Erstickungsversuch?« 

»Nein, Stimmen. Bei ihr ist ein Mann.« 
»Oh, Steve«, seufzte ich und ließ mich wieder nie-

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dersinken. 

»Nein, Paul. Sei ernst. Komm und höre.« 
»Gut. Aber du darfst nicht mit hinaus. Höchstens 

bis zur Balkontür.« 

Steve fügte sich etwas zögernd und blieb in der 

Dunkelheit des Zimmers nahe der Tür, während ich 
vorsichtig auf den mondbeglänzten Balkon hinaus-
ging. Ein Fenster des Nachbarzimmers stand offen; 
ich sah das Licht durch eine dichte Mückengardine 
schimmern und konnte das Gemurmel einer Männer-
stimme und einer Frauenstimme hören, aber nicht 
verstehen, was gesagt wurde. Nach dem Tonfall 
glaubte ich zu erkennen, daß sie englisch sprachen. 

Nach einigen Minuten hörte das Gemurmel auf. Ich 

wollte es schon wagen, über die Trennwand hinweg 
auf den anderen Balkon zu klettern, als ich den 
Schatten einer Frau auf die Mückengardine des 
offenen Fensters fallen sah. 

Gleich danach ertönte, gedämpft und doch gut zu 

verstehen, Audry Bryces Stimme ganz in der Nähe 
des Fensters. 

»Jedenfalls hättest du mich wissen lassen können, 

daß er getötet wurde. Angenommen, ich hätte mich 
verraten? Dann wäre all die gute Arbeit umsonst 
gewesen, die Sam und ich am Spätnachmittag gelei-
stet haben.« 

Der Schatten bekam plötzlich andere Konturen; 

wahrscheinlich war der Mann zu Audry Bryce getre-
ten und hatte ihr die Hände auf die Schulter gelegt. 

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»Wie hätte ich es dich wissen lassen können, Che-

rie, wenn ich es selbst nicht wußte? Und ich bin 
sicher, daß du dich nicht verraten hast. Dafür bist du 
viel zu klug. Aber komm jetzt fort vom Fenster. Wir 
wollen doch unsere Nachbarn nicht stören.« 

Die Schatten verschwanden von der Gardine. Im 

selben Moment schwang ich mich lautlos über die 
Trennwand. Die beiden waren jetzt weiter hinten im 
Zimmer. Unter dem offenen Fenster hockend, konnte 
ich das meiste verstehen, was sie sprachen. 

Ich hörte den Mann sagen: »...hab' ohnehin nicht 

erwartet, daß sie dumm genug wären, die Brille im 
Schlafzimmer zu lassen. Weißt du, wer von den 
beiden sie bei sich hat?« 

»Er. Seine Brusttasche hat eine leichte Wölbung, 

die nicht vom Taschentuch herrühren kann. Und er 
selbst trägt keine Brille.« 

»Hm. Dachte mir, daß er es wäre. Wenn er bloß 

nicht auf so verflixt gutem Fuß mit der Polizei stünde. 
Aber warte nur, unsere Zeit kommt. Wir werden einen 
Weg finden. Allerdings darf es nicht mehr lange 
dauern.« 

»Die Temples müssen ja argwöhnisch sein. Dieser 

Narr Leyland! Wie kann er bloß den Schlüssel im 
Schloß überhört haben? Du mußt ihn feuern, Pierre. 
Er ist ein schrecklicher Patzer.« 

»Er hat seinen Nutzen«, antwortete Pierre. »Er mag 

dumm sein, aber er ist zuverlässig. Er hat nicht 
Verstand genug, um mich zu hintergehen, und das 

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honoriere ich ihm.« 

»Solange ich keine Jobs mehr mit ihm zusammen 

erledigen muß -« 

»Brauchst du auch nicht. Dein Job ist, freundlich 

mit den Temples zu sein.« 

»Oh, im Freundlichsein bin ich gut! Du solltest das 

wissen, Pierre!« Audry Bryces Stimme hatte einen 
merkwürdig sinnlichen Klang bekommen. »Du mußt 
doch nicht gleich wieder fort - nein, Liebling? Wir 
haben so wenig Gelegenheit, allein zu sein.« 

»Nein, ich muß nicht gleich wieder fort«, entgegne-

te Pierre etwas heiser. Ich hörte Seide rascheln und 
ein leises Ächzen der Sprungfeder. Da eine sachliche, 
interessierende Konversation nun kaum noch zu 
erwarten war, kehrte ich auf unseren Balkon zurück. 

Steve empfing mich mit der gespannten Frage: 

»Konntest du etwas hören? Hast du die Stimmen 
erkannt?« 

»Audry Bryce natürlich, obwohl sie ganz und gar 

nicht mehr wie die einer korrekten amerikanischen 
Touristin klang. Und die andere Stimme werde ich bis 
an mein Lebensende nicht vergessen. Sie gehört 
Rostand!« 

»Rostand? Oh, er ist also in Tunis! Konntest du 

verstehen, was sie sprachen?« 

Ich machte unsere Balkontür vorsichtshalber zu, 

ehe ich die erlauschte Unterhaltung wiederholte, und 
schloß mit den Worten: »Dank Audry Bryces liebe-
voller Mühe um unsere Unterbringung haben wir also 

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recht nützliche Informationen erhalten.« 

»Welche meinst du im besonderen?« 
»Daß mehr als eine Bande an der Brille interessiert 

ist. Rostand und seine Leute wußten nichts von 
O'Halloran oder wenigstens nicht, worauf er aus war. 
Das hatte ich bereits vermutet. Es enthält die einzige 
Erklärung für alle die Morde.« 

»Ja, ich verstehe. Wenn einer der Jagdhunde der 

Beute zu nahe kommt, beißen die anderen ihn tot.« 

»Genau.« 
»Und was wird, wenn nur noch ein Jagdhund übrig 

ist?« 

»Bis dahin wird noch einige Zeit vergehen. An 

diesem Rennen sind sehr viele Jagdhunde beteiligt.« 

»Und alles wegen einer gewöhnlichen Brille. Das 

macht die Sache so phantastisch. Ich wünschte, Paul, 
du fändest bald heraus, warum.« 

Sie blickte mich so gespannt an, als sei ich ein Au-

tomat, in den sie eine kleine Münze geworfen hätte, 
um dafür ein Kartellen zu erhalten, das ihre Zukunft 
voraussagte. Ich lachte leise. 

»Für gewöhnlich ist es umgekehrt, Steve. Da bittest 

du mich, den Fall aufzugeben und das Durcheinander 
zu meiden.« 

»Ich weiß. Aber dieses Mal bin ich so neugierig, 

daß ich es kaum ertragen kann. Außerdem habe ich 
endlich einmal nicht das Gefühl, es könnte dir etwas 
Ernstliches passieren.« 

 

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Nach dieser unruhigen Nacht schliefen wir ziemlich 

lange. Ich bestellte telefonisch das Frühstück in unser 
Zimmer. Ehe es heraufgebracht wurde, blieb mir Zeit 
genug zum Duschen und Rasieren. Steve frühstückte 
schrecklich verschlafen im Bett und gähnte dabei so 
häufig und hingebungsvoll, als würde sie am liebsten 
bis mittags liegenbleiben. Ich entschloß mich daher, 
allein zur Bank zu gehen, wickelte die Brille in einige 
Bogen Seidenpapier und tat das Päckchen in einen 
Briefumschlag, den ich dann in die Tasche steckte. 
Nachdem ich die Jalousie vor der Balkontür herunter-
gelassen und verriegelt hatte, bat ich Steve, für einen 
Moment aus dem Bett zu kommen und hinter mir die 
Zimmertür abzuschließen. 

»Und mache für niemanden auf«, schärfte ich ihr 

ein. »Ich bleibe nicht lange fort - eine halbe Stunde 
vielleicht.« 

Wie sich herausstellte, sollte es bedeutend länger 

dauern, bis ich mein Vorhaben ausgeführt hatte. Auf 
dem Weg zur Filiale von Lloyds Bank lockte mich das 
Schaufenster eines Optikers an. Da ich mich verge-
wissert hatte, daß ich nicht verfolgt oder beobachtet 
wurde, betrat ich, ohne zu zögern, das Geschäft. 

Ein langer ausgemergelter Mann mit spärlichem 

weißem Haar hockte hinter einer Glaswand an einem 
Arbeitstisch, eine Optikerlupe ins linke Auge ge-
klemmt, und untersuchte etwas. 

Bei meinem Erscheinen stand er mühsam auf und 

kam mit winzigen Schritten hinter seinen Ladentisch. 

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»Ich möchte ein Brillenetui kaufen«, sagte ich. 
»Sehschärfeuntersuchung?« krächzte er und ver-

drehte seltsam die Augen. Da er sich gleichzeitig die 
rechte Hand hinters Ohr hielt, begriff ich, daß er sehr 
schwerhörig war. 

Aus irgendeinem unerfindlichen Grund antwortete 

ich sehr laut: »Ja, bitte.« 

Er blickte etwas glücklicher drein und begab sich 

zu einer Kabine mit den bekannten Buchstabentafeln 
und sonstigen Utensilien für eine Sehschärfeprüfung. 

»Diesen Weg, bitte, Sir.« 
Er knipste die Beleuchtung in der Kabine an und 

zog einen dunklen Vorhang herunter, der uns von der 
Außenwelt abschloß. Ich mußte die Reihen verschie-
dener Buchstaben von den Tafeln ablesen und zum 
Schluß auf den leuchtendroten Punkt und die zwei 
parallelen Linien gucken, die sich so schrecklich 
gerne vereinen möchten. 

»Ja«, erklärte er ernst, als die Prozedur vorüber 

war, »Sie hätten es sehr nötig, eine Brille zu tragen.« 

»Ich habe befürchtet, daß Sie dies sagen würden«, 

antwortete ich traurig, obwohl glücklicherweise an 
meiner Sehschärfe nichts auszusetzen ist. 

»Es wird einige Tage dauern, sie anzufertigen. 

Können Sie, nun, sagen wir, am Dienstag wieder-
kommen?« 

»Ich fürchte, nein. Ich bin nur auf der Durchreise 

hier, aber mir war in Paris sehr empfohlen worden, 
Sie zu konsultieren. Stellen Sie mir bitte das Brillen-

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rezept aus.« 

Er brauchte eine Minute, um es zu begreifen, war 

dann aber sehr geschmeichelt über die Empfehlung 
aus Paris und schrieb einige Zahlen auf einen Notiz-
zettel mit Firmenaufdruck. Als er mir den Zettel 
überreichte, lächelte er sogar. 

»Wieviel schulde ich Ihnen?« 
»Zwei tunesische Dinar.« 
»Sehr wohlfeil für diesen Preis«, lobte ich und 

meinte es auch. »Ich werde Sie ebenfalls weiteremp-
fehlen.« 

Nun war er so glücklich, daß er zur Tür mitkam 

und mich hinausdienerte. 

 
Beim Betreten der Filiale von Lloyds Bank war 

mir, als sei das ganze Tunis eine Illusion, die in dem 
Moment versank, als ich dieses Portal durchschritt. 
Die Filiale hatte eine undefinierbar englische Atmo-
sphäre und erinnerte mich sehr stark an die Londoner 
Filiale von Lloyds, bei der ich Kunde bin. Der rundli-
che, lächelnde Mann im korrekten grauen Cut, der 
mich durch sein Schalterfenster begrüßte, gab mir ein 
Gefühl vollkommener Geborgenheit, und als ich ihm 
erklärte, ich sei in London ein Kunde von Lloyds, war 
er ohne weiteres bereit, mein Päckchen in die Stahl-
kammer zu nehmen. 

Mir war beträchtlich leichter zumute, als ich wieder 

auf die Straße hinaustrat. Die schwache Wölbung 
meiner Brusttasche, von der ich nun befreit war, hatte 

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für mich nach und nach die Bedeutung einer Zeit-
bombe bekommen, die jeden Moment explodieren 
konnte. 

Ich ließ mich von einem Taxi zum Hotel fahren. Ich 

hatte Steve gesagt, daß ich in einer halben Stunde 
wieder da wäre, aber mittlerweile war fast eine Stunde 
vergangen. Im Hotelfoyer hielt ich die Augen offen, 
entdeckte jedoch weder Audry Bryce noch irgendei-
nen Mann, der die geringste Ähnlichkeit mit Rostand 
gehabt hätte. 

Als ich an die Tür unserer Suite klopfte, blieb alles 

still. Ich versuchte die Türklinke, und die Tür ging 
auf. 

»Steve!« 
Keine Antwort aus dem Badezimmer. Dann be-

merkte ich ein Blatt Papier auf dem Tisch. 

›Mochte nicht länger warten. Gehe mir tunesische 

Lederpantoffel kaufen. Treffe dich um elf auf der 
Hotelterrasse.‹ 

»Nicht ganz richtig«, murmelte ich und sah auf die 

Uhr. Drei Minuten vor elf. 

Ich verließ das Zimmer und ließ den Schlüssel an 

der Innenseite der Tür stecken. Falls jemand unsere 
Sachen zu durchsuchen wünschte, würde es für alle 
Betroffenen angenehmer sein, wenn das Türschloß 
nicht erst aufgebrochen werden mußte. 

Im Vorbeigehen klopfte ich an Audry Bryces Tür. 

Niemand antwortete. Da ich eben im Lift die Gesell-
schaft einer unverschleierten, vielleicht fünfzehnjähri-

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gen Araberin genossen hatte, die entwickelter war als 
manche Engländerin von Anfang Zwanzig und mich 
unangenehm herausfordernd anstarrte, benutzte ich 
dieses Mal lieber die Treppe zum Hotelfoyer. 

»Haben Sie meine Frau hereinkommen sehen?« 

fragte ich den Mann am Empfang. 

»Nein, Mr. Temple. Mrs. Temple ist noch nicht 

zurück.« 

»Sie sahen sie also fortgehen?« 
»Ja, Mr. Temple. Vor etwa zwanzig Minuten.« 
»War sie allein?« 
»Ja, Mr. Temple.« 
Unmittelbar neben mir wurde eine schwere Akten-

mappe recht nachdrücklich auf den Empfangstisch 
gestellt, und eine Männerstimme sagte in steifem 
Französisch: »Ich glaube, Sie haben eine Anmeldung 
für mich. Der Name ist Schultz.« 

Ich schaute zur Seite und erblickte das blonde 

Haupt und die athletischen Schultern des Nachtclub-
besitzers aus Algier. 

»Hallo«, sagte ich auf englisch, »Sie scheinen he-

rumzukommen.« 

»Pardon, Monsieur?« 
»Vielleicht erinnern Sie sich nicht an mich. Ich traf 

Sie neulich abends in Ihrem Club in Algier.« 

»Entschuldigen Sie«, erwiderte Schultz, jetzt auf 

englisch. »Ich habe so viele Gäste, ich kann mich 
unmöglich an jeden erinnern.« 

»Sicher erinnern Sie sich an den Polizeiinspektor, 

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der Interesse für Ihren Freund, den Colonel Rostand, 
bekundete.«  

»Ich glaube, Sie wünschten jemanden zu finden - 

einen Mr. Constantin. Hatten Sie Erfolg?« 

»Nein. Leider fand ich ihn damals nicht und habe 

ihn seither nicht mehr gesehen. Ein Jammer, da ich 
gehofft hatte, wir könnten sehr einträgliche Geschäfte 
miteinander machen.« 

Schultz nickte flüchtig und murmelte, das Gesicht 

schon halb dem Empfangschef zugewandt: »Ent-
schuldigen Sie mich, bitte. Es war sehr nett, Sie 
wiederzusehen.« 

»Sie haben auch hier einen Club, nicht wahr?« 

fragte ich beharrlich. »Ich möchte meine Frau dorthin 
führen. Wie heißt Ihr Club?« 

»›Le Trou du Diable‹ - ›Die Teufelshöhle‹, Sir. Er 

ist draußen in Sidi bou Said.« 

»Vielleicht sehe ich Sie dann dort.« 
Schultz zuckte unverbindlich die Achseln und 

nahm keine weitere Notiz von mir. 

Die Hotelterrasse erfreute sich um diese Tageszeit 

nur weniger Besucher, obwohl sie schattig und 
verhältnismäßig kühl war. Steve hatte sich noch nicht 
eingestellt. Ich wählte einen Tisch, von dem ich zu der 
Tür sehen konnte, durch die sie kommen würde. 
Nachdem ich einen schwarzen Kaffee und ein Glas 
Eiswasser bestellt hatte, zündete ich mir die zweite 
Zigarette des Tages an. 

Ich drückte den Rest der Zigarette in den Aschen-

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becher, als ein Erstrahlen lebhafter Farben meinen 
Blick auf die Tür zum Hotelfoyer lenkte. Dort stand 
Simone Lalange in der Haltung einer Ballerina und 
schaute umher. Sie trug eine purpurrote Bluse und 
einen weiten weißen Rock. Ihre Arme und Schultern 
waren bronzefarben. Sie sah mich, winkte flüchtig 
und kam mit graziöser Eleganz zu meinem Tisch. Ihre 
Taille war sehr schlank; ihr Rock bewegte sich 
anmutig im Rhythmus ihrer Schritte. 

Ich stand auf, um sie zu begrüßen, aber sie ließ sich 

uneingeladen in ein Sesselchen neben dem meinen 
sinken. 

»Welche Freude, Ihnen wieder zu begegnen!« rief 

sie aus, anscheinend völlig aufrichtig. »Mrs. Temple 
ist nicht hier?« 

»Ich warte eben auf sie. Sie ist einkaufen gegangen. 

Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten? Kaffee oder 
einen Aperitif?« 

Sie spitzte nachdenklich die Lippen. 
»Vielleicht einen Fruchtsaft. Orange, wenn man das 

hier hat.« 

Ich winkte dem Kellner und bestellte. Simone La-

lange lehnte lächelnd ab, als ich ihr eine Zigarette 
anbot, und nahm das goldene Etui aus ihrer Handta-
sche. 

»Ich bevorzuge meine eigenen.« 
Ich sah zu, wie sie eine ihrer Zigaretten in der ele-

ganten Spitze befestigte und die Spitze zwischen die 
Lippen nahm. Feuer reichte ich ihr nicht. Ich wollte 

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 159

die Initialen auf ihrem Zündholzbriefchen sehen. Sie 
warf das Briefchen nach dem Anzünden achtlos auf 
den Tisch, wo es mit den Initialen S.L. nach oben 
liegenblieb. Als ich aufblickte, fand ich ihre Augen 
ironisch auf mich gerichtet. Sie war in der Tat eine 
sehr attraktive Frau und sich dessen durchaus bewußt. 

»Gefällt es Ihnen in Tunis, Mr. Temple?« 
»Abgesehen von zwei kleineren Pannen recht gut, 

danke sehr. Ich bin überrascht, Tony Wyse nicht bei 
Ihnen zu sehen.« 

»Oh, er?« Simone zuckte ein wenig die Schultern. 

»Er ist ein ganz netter Junge, aber er kann einem 
zuviel werden. Ich ließ ihn lieblos abblitzen, wie man 
so sagt.« 

»Er erbot sich, uns Tunis zu zeigen, doch haben wir 

ihn noch gar nicht gesehen. Wissen Sie, wo er 
wohnt?« 

»Er sagte, er würde im Hotel Mimosa wohnen. Ich 

nehme an, er hat geschäftlich viel zu tun. Das dürfte 
der Grund sein, weshalb er sich noch nicht sehen 
ließ.« 

»Ich denke, wir werden ohne ihn auskommen«, 

entgegnete ich leichthin. »Wir haben uns die Dienste 
eines Fremdenführers gesichert - eines Mr. Patrick 
O'Halloran.« 

Simone Lalange lehnte sich zurück, da ihr der 

Kellner den Orangensaft servierte. Sie hatte nicht das 
geringste Interesse an meiner Mitteilung gezeigt. 
Nicht einmal ihre langen künstlichen Augenwimpern 

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 160

waren in Bewegung geraten. 

Ich sagte: »Ich sah Mr. Schultz, als er hier im Hotel 

eintraf. Sind Sie ihm zufällig begegnet, als Sie 
kamen?« 

Der Trinkhalm des eisbeschlagenen Glases war 

bereits zwischen ihren Lippen. Sie blickte mich aus 
unschuldigen Augen an. 

»Mr. Schultz? Wer ist das? Sollte ich ihn kennen?« 
»Der Eigentümer des ›El Passaro‹. Haben Sie unse-

ren Tanz dort vergessen?« 

Das war eine Bemerkung, die Steve mir gewiß 

mehr als einmal vorgehalten hätte. Simone warf mir 
einen Seitenblick zu. Sie war sehr verführerisch, als 
sie so lässig dasaß und mit sanft gespitzten Lippen 
durch ihren Strohhalm trank. 

Dann neigte sie sich nach vorn, um das halbgeleerte 

Glas auf den Tisch zu setzen, und antwortete: »Ich 
habe das nicht vergessen. Ich frage mich, ob wir nicht 
eines Tages wieder miteinander tanzen können. Es 
war so kurz - finden Sie das nicht auch?« 

»Simone«, sagte ich und hoffte, daß meine Stimme 

nicht zu eindringlich klang. »Als damals die Lichter 
ausgingen - haben Sie da die Brille aus meiner 
Brusttasche gezogen und dann in die Handtasche 
meiner Frau gesteckt?« 

Simones klingendes Lachen ließ alle Gäste in unse-

re Richtung schauen. 

»Das trauen Sie mir zu? Weshalb sollte ich etwas 

so Albernes getan haben?« 

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»Das weiß ich nicht. Ich hatte gehofft, vielleicht 

würden Sie es mir sagen.« 

»Oh, glauben Sie, ich versuche Unklarheiten zwi-

schen einem Mann und seiner Frau zu stiften?« 

»Nein, das glaube ich nicht.« 
»Mr. Temple, warum sehen Sie fortwährend auf 

Ihre Uhr? Langweile ich Sie so sehr?« 

»Entschuldigen Sie bitte. Es ist nur, weil meine 

Frau angekündigt hat, sie würde um elf Uhr hier sein, 
und jetzt ist es schon Viertel vor zwölf.« 

»Nun, eine Frau vergißt manchmal die Zeit, wenn 

sie Einkäufe macht. Ich will versuchen, Sie sehr gut 
zu unterhalten, bis Ihre Frau kommt.« 

Das tat sie während der nächsten Viertelstunde 

wirklich. Es ist äußerst amüsant, sich von einer so 
reizvollen und obendrein intelligenten Frau, die in 
diesen Künsten erfahren ist, mit neckendem Geplau-
der die Zeit vertreiben zu lassen. Trotz meiner Unruhe 
über Steves Ausbleiben mußte ich Simones Voll-
kommenheit bewundern. Schließlich schenkte sie mir 
ein etwas schiefes Lächeln und rüstete sich zum 
Gehen. 

»Unsere Unterhaltung hat mir Freude gemacht. Ich 

denke, Mrs. Temple ist eine glückliche Frau.« 

»Warum meinen Sie das?« 
»Weil sie einen so unerschütterlich getreuen Mann 

hat.« 

Ich versuchte in meinem Abschiedslächeln anzu-

deuten, daß ich wünschte, manches hätte anders sein 

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 162

können. Es war fünf nach zwölf, als Simone im Hotel 
verschwand. Meine Unruhe wuchs. Steve konnte sich 
dreißig oder sogar fünfundvierzig Minuten verspäten, 
aber niemals über eine Stunde. 

Ich wußte plötzlich, wohin sie gegangen sein mochte. 

Nachdem ich am Empfang die Nachricht hinterlassen 
hatte, sie möge in unserer Suite auf mich warten, falls 
sie käme, solange ich fort sei, eilte ich hinaus auf die 
Straße und nahm mir ein eben freigewordenes Taxi. 

»Fahren Sie mich zum ›Haus künstlerischer Raritä-

ten‹, Avenue Mirabar, Nummer zwei-zwei-sieben.« 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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 163

 
Die Avenue Mirabar erwies sich als locker bebaute, 

lange Straße, am Rand des Araberviertels. Das ›Haus 
künstlerischer Raritäten‹ stand an einer Ecke, von wo 
eine schmale, lärmerfüllte Gasse sich in das Gewirr 
winziger Straßen verlor, das wir am vorigen Abend 
bei unserer Droschkenfahrt mit neugierigen, aber 
nicht allzu entzückten Blicken gestreift hatten. Es war 
eine mit der Patina des Exotischen überhauchte 
Altwarenhandlung, vollgestopft mit Krimskrams von 
überallher zwischen Timbuktu und Stratford upon 
Avon. Ich ließ das Taxi warten, während ich zu der 
Glastür ging und hineinspähte, im stillen hoffend, ich 
würde Steve sehen, eifrig mit einem eingeborenen 
Handelsmann feilschend, um einen Preisnachlaß von 
zwanzig Prozent für irgendeinen ziemlich zwecklosen 
Gegenstand zu erkämpfen. Aber das Geschäft war leer 
von Kunden und Verkaufspersonal. Entmutigt machte 
ich die Tür auf. Über mir ertönte ein kleines Glocken-
spiel. Fast unmittelbar danach teilte sich ein Perlen-
vorhang im Hintergrund des Ladens, und ein Mann 
erschien, von dem ich instinktiv wußte, daß er Szoltan 
Gupte wäre, was sich übrigens schnell als richtig 
erwies. 

Er wirkte wie ein anthropologisches Kuriosum. Auf 

den ersten Blick hielt ich ihn für einen Ägypter, dann 
für einen Inder, schließlich für einen Perser. Tatsäch-
lich war er, wie ich später erfuhr, halb Türke, halb 

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Armenier. Im übrigen sprach er fließend ein Dutzend 
Sprachen. Englisch war eine davon. Er warf mir einen 
unangenehm verschlagenen Blick zu und erkannte 
sofort meine Nationalität. 

»Guten Morgen, Sir. Wünschen Sie irgend etwas 

Spezielles zu sehen?« 

»Eigentlich bin ich hierhergekommen, um meine 

Frau zu finden. War heute vormittag eine Engländerin 
hier? Ich weiß leider nicht, was sie angehabt haben 
könnte, aber sie ist dunkelhaarig und dürfte sich für 
tunesische Lederpantoffeln interessiert haben...« 

Szoltan Gupte schüttelte, bereits während ich 

sprach, mehrmals entschieden den Kopf. 

»Leider hat mir heute vormittag noch keine engli-

sche Lady die Ehre gegeben, Sir. Möchten Sie sich ein 
wenig umschauen, während Sie warten?« 

In Guptes Art lag irgend etwas Reserviertes, als 

wisse er, daß dies nur ein Eröffnungsgeplänkel wäre. 

Ich beschloß direkt zur Sache zu kommen, holte die 

Karte heraus, die O'Halloran uns gegeben hatte, und 
überreichte sie Gupte, wobei ich die Rückseite wie 
aus Versehen nach oben drehte. 

»Ein Mann, der sich als Ihr Spezialvertreter be-

zeichnete, empfahl uns den Besuch Ihres Geschäfts. 
Sein Name steht auf der Karte.« 

Szoltan Gupte zeigte keine Überraschung. Er besah 

sich nur die Zeichnung auf der Rückseite der Karte 
und steckte die Karte ein. 

»Ihr Name ist Temple?« 

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»Ja.« 
Er nickte, spitzte die Lippen und studierte eine 

halbe Sekunde lang mein Gesicht. Dann drehte er sich 
um und machte eine einladende Handbewegung. 

»Kommen Sie hier entlang, bitte. Ein Freund von 

Ihnen ist da.« 

Er ging mir voraus hinter den Ladentisch und hielt 

den Perlenvorhang für mich offen. Ich habe grund-
sätzlich etwas dagegen, an einem fremden Mann 
vorbei einen unbekannten Durchgang zu passieren, 
denn dies ist eine der einfachsten Methoden, einen 
Schlag auf den Hinterkopf zu beziehen. Aber Steves 
Sicherheit galt mir mehr als meine eigene. Ich 
schlüpfte durch den Perlenvorhang und kam in einen 
engen Korridor. Dumpfe Luft schlug mir entgegen. 

»Die Tür geradeaus.« 
Ich ging zur Tür und öffnete sie. Sie führte in ein 

mit fabelhaftem orientalischem Luxus ausgestattetes 
Zimmer. Die Wände waren mit schwerer, kostbarer 
Seide bespannt. Den Boden bedeckten prachtvolle 
persische und ägyptische Teppiche. Wunderbar 
gemusterte, edle Kelims und farbenfrohe Kissen 
schmückten die Diwane. Die Möbel aus feinem Holz 
waren von fast viktorianischem Pomp. Räucherkerzen 
erfüllten die Luft mit schwerem süßlichem Geruch. 

Der Mann, der mir aus einem Sessel im Hinter-

grund des Zimmers entgegenblickte, paßte nicht in 
dieses Milieu, aber seine Lebensgeister schienen in 
keiner Weise gedämpft. 

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»Ah, da sind Sie nun endlich! Ich hätte Sie beinah 

als Niete abgeschrieben.« 

Es dauerte einige Sekunden, bis ich meine Stimme 

wiederfand. Hinter mir hörte ich Szoltan Gupte leise 
lachen, als er behutsam die Zimmertür schloß. 

»O'Halloran! Ich hielt Sie für tot. Die Polizei sagte 

mir, Sie wären ermordet worden. Anfänglich glaubte 
ich sogar, man hielt mich für den Mörder.« 

O'Halloran knallte die flachen Hände auf seine 

Oberschenkel und krümmte sich vor Lachen. 

»Bring dem Gentleman ein Glas, Freund!« sagte er 

zu Gupte, nachdem er wieder zu Atem gekommen 
war. »Das muß begossen werden!« 

Gupte öffnete die Tür eines Wandschranks, der 

etliche Reihen verschiedenartiger Flaschen enthielt, 
und holte ein Glas heraus. Die Whiskyflasche und ein 
Sodasiphon standen bereits auf einem Tischchen in 
O'Hallorans Reichweite. Übrigens trug der kleine Ire 
jetzt einen recht gut passenden Anzug, wie ich 
verwundert feststellte. 

O'Halloran, der meinen erstaunten Blick bemerkte, 

sagte amüsiert: »Sie finden, daß ich erheblich besser 
gekleidet bin als gestern - nicht wahr, Mr. Temple? 
Na, wenn Sie je den Wunsch haben, zu verschwinden, 
könnte ich Ihnen hier in Tunis nur empfehlen, sich 
›ermorden‹ zu lassen. Dazu besorgen Sie sich einfach 
eine Leiche von ungefähr der richtigen Größe, Gestalt, 
Haut- und Haarfarbe, versehen sie mit Ihrer Kleidung 
und Ihrer Brieftasche, und den Rest erledigt, der 

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Himmel segne sie, die löbliche Polizei.« 

»Sagen Sie, wieviel«, unterbrach Szoltan Guptes 

ruhige Stimme. 

»Nur wenig Whisky und die doppelte Menge So-

dawasser«, entgegnete ich und wandte mich wieder an 
O'Halloran. 

»Ich nehme an, es ist nicht schwer, im Arabervier-

tel eine Leiche zu bekommen - nach dem zu urteilen, 
was ich gestern abend dort sah.« 

»Zwei für einen Penny«, bestätigte O'Halloran 

glücklich. »Und wenn Sie dann ins Leben zurückzu-
kehren wünschen, brauchen Sie nur zur Polizei zu 
gehen und zu sagen, Sie seien beraubt worden.« 

Mich interessierte sehr, was O'Halloran zu diesem 

komplizierten Manöver veranlaßt hatte, doch zuerst 
mußte ich ihn etwas anderes fragen. 

»O'Halloran, wissen Sie etwas über den gegenwär-

tigen Aufenthalt meiner Frau? Ich habe guten Grund 
zu der Annahme, daß sie beabsichtigte, heute vormit-
tag hierherzukommen.« 

»Wie könnte ich etwas darüber wissen, da ich die-

ses Zimmer seit gestern abend nicht verlassen habe? 
War sie in deinem Geschäft, Freund Szoltan?« 

»Ich habe Mr. Temple bereits gesagt, daß seine 

Frau nicht hier war.« 

»Vielleicht kommt sie noch«, meinte O'Halloran 

und verließ das Thema. »Warum setzen Sie sich nicht, 
Mr. Temple? Ich denke, Sie haben Anspruch auf eine 
Erklärung von mir.« 

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Szoltan Gupte schob einen Sessel für mich zurecht. 

Ich setzte mich, lehnte aber eine Zigarette ab, die er 
mir anbot. 

O'Halloran sagte: »Ich wollte Sie gerne hierher-

kommen lassen, Mr. Temple, weil Sie etwas haben, 
was ich von Ihnen erhalten möchte, ohne daß jemand 
anders davon erfährt.« 

»Und was wäre das?« 
»Ich denke, Sie wissen es bereits. Es ist die Brille, 

die einem gewissen Mr. David Foster gehört.« 

»Ach so.« 
O'Halloran war völlig offen. 
»Haben Sie sie bei sich, Mr. Temple?« 
»Ich muß Sie enttäuschen, Mr. O'Halloran.« 
»Aber sie befindet sich noch in Ihrem Besitz?« 
»Ich weiß, wo sie ist, und daß niemand außer mir 

sie bekommen kann. Warum sind Sie daran interes-
siert?« 

»Weil ich sie so gerne ihrem rechtmäßigen Eigen-

tümer übergeben möchte.« 

O'Halloran blickte mich sehnsüchtig an und drehte 

dabei sein Whiskyglas zwischen den Handflächen. 
Szoltan Gupte hatte sich in die Nähe der Tür zurück-
gezogen. 

»Warum bemüht sich dieser Mr. David Foster nicht 

selbst zu mir, um seine Brille abzuholen?« 

»Ach, ach, ach!« jammerte O'Halloran. »Das ist ja 

das Kreuz bei der Sache! Sie wundern sich natürlich, 
warum Sie Foster nie gesehen haben, warum er Sie 

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 169

nicht beim Flughafen erwartet hat - nicht wahr?« 

»Ja, darüber wundere ich mich.« 
»Nun, die Erklärung ist einfach. Ich darf mich rüh-

men, David Fosters vertrautester Freund zu sein, und 
kann Ihnen alles darüber sagen. Die betrübliche 
Tatsache ist, daß er von der Polizei gesucht wird.« 

O'Halloran machte diese Offenbarung mit beinah 

ehrfurchtsvoller Stimme, um sie besonders glaubwür-
dig klingen zu lassen. 

Anscheinend gelang es mir nicht, eine gewisse 

Skepsis aus meinem Blick zu verbannen. Jedenfalls 
fügte O'Halloran schnell und in wahrhaft beschwö-
renden Tönen hinzu: »Ja, von der Polizei wird der 
arme David gesucht! Und dazu wegen einer Sache, 
mit der er überhaupt nichts zu tun hatte! Sie können 
ermessen, was das bedeutet, Mr. Temple! Insbesonde-
re für einen Mann, der so rührig und vielbeschäftigt 
ist wie er und jetzt untätig in einem Zimmer versteckt 
sitzen muß, denn sobald er auch nur die Nase zur Tür 
hinaussteckt, würde die Polizei ihn fassen! Er könnte 
sich die Zeit mit Lesen vertreiben, werden Sie sagen, 
könnte sein Wissen erweitern. Aber wie soll er lesen, 
wenn er seine Brille nicht hat? Möchten Sie mir das 
verraten? Ohne die Brille ist er blind wie ein Maul-
wurf, der arme Dave! Ein jammervoller Anblick, das 
kann ich Ihnen sagen!« 

Patrick O'Halloran war von seiner Deklamation 

weit ergriffener als ich. In seinen Augen schimmerten 
echte Tränen. Ich leerte mein Glas und stand auf. 

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»Sie müssen sich etwas Besseres einfallen lassen, 

Mr. O'Halloran. Ich glaube Ihnen kein Wort.« 

Wenn Blicke töten könnten, wäre ich jetzt unter 

dem Blick des kleinen Iren leblos zu Boden gesunken. 

»Bah!« fauchte er. »Manche Leute haben keinen 

Anstand im Leibe!« 

Szoltan Gupte kam langsam und geräuschlos her-

bei. Er hatte die ganze Zeit lächelnd zugehört. 

»Pat liebt seine kleinen Scherze, Mr. Temple. Ich 

denke, im Grunde genommen verstehen wir einander 
recht gut. Sie sagen, Sie hätten die Brille nicht bei 
sich?« 

»Wie könnte ich sie mit mir herumtragen, wenn sie 

zehntausend Pfund wert ist?« 

O'Halloran sprang auf und ließ dabei sein leeres 

Whiskyglas zu Boden fallen. 

»Zehntausend Pfund? Wie kommen Sie denn dar-

auf?« 

»Dieses Angebot hat mir ein Monsieur Constantin 

gemacht.« 

O'Halloran und Gupte wechselten einen Blick. 
»Sie kennen ihn also?« fragte ich. 
»Ich hörte von ihm«, gab Gupte vorsichtig zu. 
»Hörten Sie auch, daß er ermordet wurde? Ich mei-

ne, richtig ermordet - nicht so, wie unser Freund 
Halloran. Ich habe seine Leiche gesehen.« 

»Davon weiß ich nichts.« Die einzige Veränderung 

an Szoltan Gupte war, daß er etwas schneller zu 
atmen begann und daß Schweißtröpfchen auf seiner 

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 171

Stirn erschienen. »Wann ist das geschehen?« 

»Vorgestern abend, in Algier.« 
»Weiß die Polizei, wer es getan hat?« 
»Ja. Es war ein Mann, bekannt als Colonel Ros-

tand, unterstützt von einem Komplicen namens Sam 
Leyland.« 

»Rostand, sagten Sie? Wie war der andere Name?« 
»Sam Leyland, ein englischer Name. Kennen Sie 

ihn nicht?« 

»Nein.« Gupte schüttelte den Kopf. »Diesen Colo-

nel Rostand auch nicht. Ist er ein Franzose?« 

»Vielleicht Franzose, vielleicht Amerikaner. Er 

spricht beide Sprachen.« 

Gupte wandte sich an O'Halloran: »Sagen dir diese 

Namen etwas, Pat?« 

O'Halloran schüttelte den Kopf. Er grollte mir 

noch. Szoltan Gupte schien nachzudenken. Ich war 
sicher, daß er mir gleich einen Vorschlag machen 
würde, und wartete. 

Da sagte er auch schon: »Wenn wir Ihnen den rich-

tigen David Foster vorstellen würden, Mr. Temple, 
nehme ich an, daß Sie bereit wären, ihm die Brille zu 
übergeben. Wie hoch ist Ihr Preis hierfür?« 

»Warum sollte ich einen Preis haben? Sofern er 

seine Identität beweisen kann, bekommt er seine 
Brille, und es kostet ihn keinen Penny.« 

»Je eher wir dies arrangieren können, um so besser 

also!« Gupte rieb sich die Hände und starrte suggestiv 
zu O'Halloran. 

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In diesem Moment erklang aus dem Laden das 

Glockenspiel über der Eingangstür. Gupte entschul-
digte sich und ging hinaus. 

»Wie wär's mit heute abend, Mr. Temple?« fragte 

O'Halloran. »Hätten Sie Zeit?« 

»Etwas früher wäre mir lieber.« 
»Das ist unmöglich, fürchte ich. Wir müssen bis zur 

Dunkelheit warten. Oder kurz davor.« 

»Also etwa sieben Uhr. Wo soll ich Sie treffen?« 
O'Halloran überlegte. »Kennen Sie Khérédine?« 
»Die schmale Landzunge vor der inneren Bucht 

von Tunis?« 

»Ja. Wo die Docks und die Anlegestellen der Schif-

fe sind. Dort hat ein Mann namens Durant einen 
Bootsplatz. Sein Haus liegt neben dem Hotel du Port. 
Ich werde Sie heute abend um sieben Uhr dort erwar-
ten, verläßlich.« 

Szoltan Gupte kam wieder herein. 
»Es ist Ihr Taxifahrer, Mr. Temple. Er weiß nicht, 

ob er noch warten soll.« 

»Sagen Sie ihm bitte, ich käme gleich. - Ist nun 

alles klar, O'Halloran? Keine Verschwindetricks 
mehr?« 

»Bei allem, was mir heilig ist! Oh, und Mr. Temple -« 
Ich blieb an der Tür stehen und blickte zurück. 
O'Halloran grinste mir verschwörerisch zu und 

murmelte: »Sie verraten aber der Polizei nichts davon, 
daß ich nicht ermordet worden bin - ja? Wir mögen 
uns gegenseitig nicht, ich und die Polizei. Ich habe 

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meinen kleinen Spaß daran, wenn sie sich ein wenig 
zum Narren macht.« 

»Keine Sorge, O'Halloran. Soweit es mich betrifft, 

sind Sie ein totes Kaninchen.« 

Als ich durch den Korridor ging, hörte ich hinter 

mir sein beglücktes Gekicher. 

 
Es war Viertel vor zwei, als ich unser Hotel wieder 

betrat. Vier Stunden waren vergangen, seit ich Steve 
zuletzt gesehen hatte. 

Der Mann am Empfang zeigte einen etwas ironi-

schen Ausdruck, als er mein sorgenvolles Gesicht 
bemerkte. Offenbar hielt er mich für einen Gatten, der 
seine Frau bei einem Nebenbuhler wähnt. 

»Ist Mrs. Temple zurückgekommen?« 
»Nein, Mr. Temple.« 
»Sind Sie dessen sicher?« 
»Ja, Mr. Temple. Durch das Foyer ist Mrs. Temple 

jedenfalls nicht gekommen. Ich habe den Portier und 
die Pagen beauftragt, Mrs. Temple zur Rezeption zu 
bitten.« 

»War auch sonst keine Nachricht?« 
»Doch, Mr. Temple. Kommissar Renouk telefonier-

te. Sie möchten sich bitte mit ihm in Verbindung 
setzen, sobald Sie zurückkämen.« 

»Aber keine Nachricht von Mrs. Temple?« 
»Leider nichts von Mrs. Temple. Gar nichts.« 
»Vielleicht ist sie in unserer Suite«, sagte ich und 

wollte mich abwenden. 

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»Ihr Schlüssel, Mr. Temple«, mahnte der Emp-

fangsportier. 

»Den habe ich doch in der Tür gelassen.« 
»Das Zimmermädchen brachte ihn herunter, nach-

dem es Ihre Suite aufgeräumt hatte, Mr. Temple.« 

Er gab mir den Schlüssel. Obwohl dies bestätigte, 

daß Steve nicht zurückgekommen war, fuhr ich zu 
unserer Suite hinauf. Die Betten waren gemacht, die 
Teppiche abgekehrt, alles war untadelig aufgeräumt, 
nicht einmal der Zettel mit Steves Nachricht hatte 
Gnade vor den Augen des pflichtbewußten Zimmer-
mädchens gefunden. Im übrigen hegte ich kaum 
Zweifel, daß die Nachricht echt gewesen war; nie-
mand hier im Hotel hätte Steves vertraute Handschrift 
so vollendet fälschen können. Sie hatte also das Hotel 
aus eigenem Entschluß verlassen; was immer ihr 
zugestoßen sein mochte, es mußte außerhalb des 
Hotels geschehen sein. 

Die Suite war schrecklich leer ohne Steve. Hätte ich 

bloß darauf verzichtet, allein zu Lloyds Bank zu 
gehen... 

Ich stoppte diesen Gedankengang abrupt. Dadurch, 

daß ich anfing, mich selbst zu tadeln, war nichts 
ungeschehen zu machen. Mehr denn je galt es jetzt, 
klar zu denken. Appetit hatte ich begreiflicherweise 
nicht, aber in psychischer wie in physischer Hinsicht 
mochten mir schwere Belastungen bevorstehen, denen 
ich lieber nicht mit leerem Magen begegnen sollte. Ich 
fuhr also hinab ins Foyer, ging in den um diese Stunde 

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kaum noch besetzten Speisesaal und bestellte mir ein 
Omelett mit Ragoutfüllung. 

Während ich auf das Essen wartete, versuchte ich 

meine Gedanken zu ordnen. Natürlich war es möglich, 
daß Steve einen Unfall gehabt hatte oder plötzlich 
erkrankt war. Aber das konnte ich nicht recht glauben; 
sie trug ihren Paß bei sich, und gegebenenfalls wäre 
es der Polizei oder einem Krankenhaus mittlerweile 
bestimmt gelungen, das Hotel zu benachrichtigen. Die 
offensichtliche Erklärung war, daß man sie irgendwo 
als Geisel festhielt, um mich zur Herausgabe der 
Brille zu bewegen. Aber warum hatte ich dann noch 
keine Drohbotschaft erhalten? Ich mußte plötzlich 
daran denken, daß ich zu Steve gesagt hatte, ich 
würde O'Halloran schmoren lassen. Jetzt saß ich 
selbst wie auf glühenden Kohlen. 

Wer mochte Steves Entführung organisiert haben? 

Ich glaubte ziemlich sicher zu sein, daß Szoltan Gupte 
und O'Halloran nichts davon wußten. Dennoch 
blieben genug andere Möglichkeiten. Rostand, 
Leyland und Audry Bryce bildeten eine sehr verdäch-
tige Dreiergruppe. Leyland hatte bereits einen Über-
fall auf Steve verübt, und zu welchen Gewalttätigkei-
ten Rostand fähig war, wußte ich sehr gut. Aber diese 
Gruppe hätte sicher Audry Bryce als Lockvogel 
benutzt, und dieser gegenüber wäre Steve zweifellos 
äußerst argwöhnisch gewesen. 

Dann waren da Simone Lalange und Tony Wyse. 

Letzterer hatte sich hier außer Sicht gehalten, und ich 

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argwöhnte fast von Anfang an, daß er nichts Gutes im 
Schilde führte. Simone war vorhin bestimmt aus 
wohlberechneten Gründen auf der Hotelterrasse 
erschienen. Zu dieser Zeit mußte Steve sich längst in 
den Händen der Entführer befunden haben. Warum 
aber hatte Simone Lalange nicht die Gelegenheit 
benutzt, um den Handel zu eröffnen? 

Schließlich war da noch Schultz, dessen Ankunft 

im Hotel zeitlich mit Steves Verschwinden zusam-
menfiel. Vermutlich brachten ihn seine Geschäfte 
regelmäßig nach Tunis, aber warum stieg er hier in 
einem Hotel ab, wenn er im Vorort Sidi bou Said 
einen eigenen Club hatte? Sicher bedeutete dies, daß 
er mit zu Rostands Gruppe gehörte und im Hotel 
Concorde Wohnung genommen hatte, um eine 
Begegnung mit dem angeblichen Colonel zu tarnen - 
wahrscheinlich in Audry Bryces Zimmer. 

Wer immer Steve entführt haben mochte - der Um-

riß der Sache war klar. Ich hatte die Brille, die andere 
Seite hatte das Teuerste, das ich auf Erden besaß. 
Früher oder später würden die anderen mir den 
Vorschlag zuspielen, daß wir ein Tauschgeschäft 
machen könnten. Das war der Gedanke, den ich in den 
kommenden Stunden allem anderen voranstellen 
mußte. Solange ich die Brille hatte, würde Steve kein 
Haar gekrümmt werden. Und da der Weg zu Steve 
über eine Lösung des Rätsels führte, mußte ich 
fortfahren, jedem Hinweis zu folgen, der sich bieten 
mochte. 

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Ich unterdrückte die Versuchung, auf die Straße zu 

rennen, um Taxifahrer und Ladenbesitzer nach Steve 
zu fragen; das hätte mich doch nur in eine Sackgasse 
geführt. 

Mein Omelett schlang ich achtlos hinunter. Das 

Glas Wein, das der Kellner mir eingeschenkt hatte, 
blieb unberührt; statt dessen leerte ich ein kleines Glas 
Eiswasser. Ich war der letzte Gast, der den Speisesaal 
verließ. 

Da ich in unserem Etagenkorridor niemanden sah, 

klopfte ich laut an Audry Bryces Tür. Noch immer 
keine Antwort. In unserer Suite verschloß ich hinter 
mir die Tür und trat hinaus auf den Balkon. Ein 
zufällig emporblickender Straßenpassant hätte beo-
bachten können, wie ich mich über die Trennwand 
schwang und die Nachbarsuite betrat. Sie war kleiner 
als unsere, enthielt nur ein Einzelbett und erwies sich 
als ebenfalls makellos aufgeräumt. Ich verriegelte die 
Tür von innen und durchforschte systematisch Audry 
Bryces Besitztümer. Sie war offenbar gut geschult - 
nirgendwo ließ sich auch nur das kleinste Stück 
Papier finden. Als einzig Bemerkenswertes stellte ich 
fest, daß die meisten ihrer Kleidungsstücke in einem 
Pariser Modesalon geschneidert und daß die freien 
Stellen der eingenähten Herstelleretiketts mit dem 
handgeschriebenen Namen ›Mme. Audry Leather‹ 
versehen waren. 

Ich entriegelte die Tür wieder, ehe ich auf dem 

Weg, den ich gekommen war, in unsere Suite zurück-

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kehrte. Dort setzte ich mich auf mein Bett, griff zum 
Telefon und bat die Vermittlerin um eine Verbindung 
mit Kommissar Renouks Büro im Polizeipräsidium. 

Als ein Sergeant sich meldete, nannte ich meinen 

Namen und verlangte Renouk zu sprechen. 

»Monsieur le Commissaire ist zur Zeit nicht hier, 

Mr. Temple. Er hat sich zum Essen begeben.« 

Da meine Uhr Viertel vor drei zeigte, wollte ich 

mich über diese ausgedehnte Mittagspause wundern, 
doch fiel mir die geheiligte tunesische Siesta ein, und 
ich fragte: »Wann erwarten Sie ihn zurück?« 

»Gegen vier Uhr, Mr. Temple. Vielleicht -« 
»Hinterläßt er nicht für etwaige dringende Angele-

genheiten eine Telefonnummer?« 

»Doch, Mr. Temple, aber -« 
»Dann rufen Sie ihn sofort an, und sagen Sie ihm, 

daß ich ihn um drei Uhr in seinem Büro sprechen 
möchte. Haben Sie mich verstanden?« 

»Das - das kann ich nicht tun, Mr. Temple«, begann 

der Sergeant zu stammeln. »Es ist nämlich -« 

»Tun Sie, wie ich gesagt habe«, unterbrach ich und 

legte energisch auf. 

 
Als ich Punkt drei Uhr in einem Taxi beim Haupt-

eingang des Polizeipräsidiums vorfuhr, stand dort eine 
lange, makellos polierte schwarze Citroen-Limousine 
mit einem Fahrer am Steuer. 

In der Eingangshalle empfing mich ein uniformier-

ter Polizist mit der Frage: »Sind Sie Mr. Temple?« 

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»Ja. Und ich wünsche Kommissar Renouk zu spre-

chen.« 

»Monsieur le Commissaire hat sein Auto geschickt. 

Steigen Sie ein, und der Fahrer wird Sie zu ihm 
bringen, Mr. Temple.« 

»Das ist sehr entgegenkommend. Ich danke Ihnen.« 
Der Polizei-Citroen brachte mich mit beängstigen-

der Geschwindigkeit zu einer gartenumgebenen Villa 
in einem nordöstlichen Vorort von Tunis. Ein arabi-
scher Diener in weißem Gewand öffnete mir die Tür. 

»Monsieur le Commissaire erwartet Sie«, erklärte 

er und geleitete mich zu einem jenseits der Vordiele 
gelegenen Zimmer. 

Da alle Fensterblenden geschlossen waren, fühlte 

ich mich beim Eintreten blind wie ein Kinobesucher, 
der erst nach Beginn des Films in den Saal kommt. 
Außerdem glaubte ich durch dicke Wolken Zigarren-
rauch zu schwimmen. Nach und nach gewöhnten sich 
meine Augen an das Dämmerlicht, und da mir von 
irgendwoher ein »Ah, Mr. Temple!« entgegenklang, 
entdeckte ich auch Renouk. 

Er nahm seine Siesta ernst. In einen leichten Haus-

mantel gehüllt, das Hemd am Hals geöffnet und ohne 
Krawatte, ruhte er auf einem Diwan. Auf dem Tisch-
chen daneben bemerkte ich ein kleines Likörglas. Er 
stand nicht auf, winkte mich aber in einen Sessel. 

»Nehmen Sie Platz, Mr. Temple, nehmen Sie Platz. 

Wie ich sehe, hat man Ihnen bestellt, daß ich Sie im 
Hotel zu erreichen versuchte. Möchten Sie einen sehr 

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 180

guten Magenlikör? Nein? Dann vielleicht eine aroma-
tische kleine Verdauungszigarre? - Ja, bitte, rauchen 
Sie eine Zigarette, wenn Sie das lieber mögen.« 

Irgend etwas mußte geschehen sein, denn Renouk 

war mir jetzt viel besser gewogen. Ich sollte bald 
erfahren, warum. 

»Seit wir uns zuletzt sahen, erhielt ich einige Nach-

richten von meinen Kollegen in Algier, Nizza und Paris. 
Auch habe ich mit der Interpol in Paris gesprochen.« 

»Sie wissen nun also alles über die seltsame Sache, 

in die meine Frau und ich unwissentlich verwickelt 
wurden?« 

»Nun, es wäre übertrieben zu sagen, ich wüßte alles 

darüber. Aber ich weiß genug, um Ihnen verraten zu 
können, daß es sich um einen sehr ernsten Fall 
handelt. Wirklich sehr ernst. Hohe Werte stehen auf 
dem Spiel, und Sie und Ihre Frau sind in großer 
Gefahr.« 

»Das brauchen Sie mir nicht zu sagen. Meine Frau 

verließ unser Hotel zwischen zehn und elf heute 
vormittag und ist bisher nicht zurückgekehrt. Meines 
Erachtens hat man sie gekidnappt.« 

Renouk zuckte immerhin so erschrocken zusam-

men, daß die lange Asche seiner Zigarre zu Boden 
fiel. Seine schwarzen Augenbrauen hoben sich um 
Daumenbreite. 

»Gekidnappt? Haben Sie irgendwelche Drohungen 

erhalten?« 

»Bis jetzt nicht. Ich wollte Sie bitten zu veranlas-

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sen, daß in den Krankenhäusern nachgefragt wird. Ich 
meine, für den Fall, daß -« 

»Selbstverständlich«, unterbrach Renouk. »Obwohl 

ich mir keinen Erfolg davon verspreche. Ich habe 
erwartet, daß so etwas geschehen würde.« Er stand 
auf, zog seinen Hausmantel zurecht und fuhr fort: 
»Den erwähnten Nachrichten entnahm ich, daß sich in 
Ihrem Besitz eine Brille befindet, mit der es eine 
besondere Bewandtnis zu haben scheint.« 

»Tatsache ist, daß wir nichts als Unannehmlichkei-

ten hatten, seitdem uns diese Brille übergeben wurde. 
Aber Ihre Kollegen in Nizza und in Algier schienen 
überzeugt, daß an der Brille nichts Besonderes wäre.« 

»Diese Ansicht ist revidiert worden. Die Brille soll 

nochmals untersucht werden. Daher möchte ich Sie 
bitten, sie mir zu übergeben.« 

»Leider habe ich sie nicht bei mir«, sagte ich zum 

zweitenmal an diesem Tag. 

»Dann werden sie wohl so freundlich sein, sie zu 

holen. Mein Fahrer bringt Sie zu Ihrem Hotel.« 

»Die Brille ist nicht im Hotel«, begann ich und hielt 

inne. Renouk erschien mir plötzlich als zumindest 
indirekte Gefahrenquelle. Wenn ich die Brille fortgä-
be, würde mir nichts bleiben, was ich für Steves 
Sicherheit und Leben in die Waagschale werfen 
konnte. Die Brille war jetzt für mich das wichtigste 
Ding auf der Welt. 

Ich fügte in bedauerndem Ton hinzu: »Sie ist mir 

heute vormittag gestohlen worden.« 

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»Gestohlen!« wiederholte Renouk entsetzt. »Wie 

konnten Sie das zulassen?« 

»Nun, die Polizei hat mir mehrmals versichert, daß 

die Brille nichts mit den Morden zu tun hätte, und das 
habe ich natürlich geglaubt. Ich vermute, ein gewöhn-
licher Taschendieb hat sie mir entwendet, als ich 
heute durch eine sehr belebte Straße ging.« 

Renouk murmelte einen arabischen Fluch, sah mich 

bitterböse an und knirschte: »Das ist eine sehr ernste 
Entwicklung, Mr. Temple. Sagen Sie mir ganz 
bestimmt die Wahrheit?« 

»Wie könnte ich Sie belügen, Monsieur le Com-

missaire? Ich brauche doch Ihre Hilfe, um meine Frau 
wiederzufinden.« 

»Das stimmt«, pflichtete Renouk bei. »Wir fahren 

sofort zum Polizeipräsidium. Entschuldigen Sie mich 
für zwei Minuten, bis ich meine Uniform angezogen 
habe.« 

 
Im Polizeipräsidium beauftragte Renouk einen 

Beamten, sofort Nachfrage bei allen Krankenhäusern 
und Polizeistationen zu halten. Ich hatte Gelegenheit, 
ihn in voller Aktion zu bewundern. Er gab eine 
Unmenge Befehle und brüllte seinen Untergebenen 
mit großer Lautstärke Anweisungen zu, aber mir 
schien es nicht so, als ob er den Fall fest im Griff 
habe. Ich war froh, ihm auf der Fahrt nicht zuviel 
erzählt zu haben. Diese Situation mußte mit Glacé-
handschuhen angefaßt werden. 

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Die Nachfragen bei den Krankenhäusern und Poli-

zeistationen brachten kein Ergebnis. 

»Aber machen Sie sich keine Sorgen, Mr. Temple. 

Wenn Sie mir eine Beschreibung Ihrer Gattin geben 
wollen, sorge ich dafür, daß jeder uniformierte 
Polizist und jeder Kriminalbeamte in Tunis Ausschau 
nach ihr hält. Wer weiß, ob die Beschreibung nicht 
eine Erinnerung bei einigen unserer Leute wachruft. 
Noch besser wäre es natürlich, wenn Sie eine Fotografie 
hätten.« 

Glücklicherweise hatte ich in meiner Brieftasche 

einen sehr guten, aus geringer Entfernung aufgenom-
menen Schnappschuß von Steve. Ich gab ihn Renouk, 
der ihn interessiert betrachtete und dann zu mir sah. 

»Ich kann Ihre Besorgnis verstehen, Mr. Temple. 

Sie haben eine sehr reizvolle Frau.« 

Ich wollte nicht gerne länger als unbedingt nötig 

aus dem Hotel fort sein. Renouk war so nett, mich in 
seinem eigenen Auto hinfahren zu lassen. Er mahnte 
mich nochmals, unbesorgt zu sein, und ich selbst 
wußte auch, daß ich nur dann von Nutzen für Steve 
sein würde, wenn ich einen klaren Kopf behielt. 

Am Empfang war jetzt ein anderer Hotelangestell-

ter, aber er gab mir dieselbe Antwort. Keine Nach-
richt. Ich verspürte plötzliche Lust, eine der großen 
Ziervasen des Hotelfoyers gegen den nächsten Mar-
morpfeiler zu schmettern. Dies war ein Nervenkrieg. 
Steves Entführer wollten mich in Ungewißheit lassen, 
bis ich dicht vor dem Überschnappen stand. Da sie 

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mich wahrscheinlich beobachten ließen, würde ich nur 
in ihre Hände spielen, wenn ich mir anmerken ließ, 
daß meine Nerven versagten. 

»- das heißt, abgesehen von dem Telegramm aus 

Paris für Sie, Mr. Temple.« 

Erst als ich meinen Namen hörte, begriff ich, daß 

der Hotelangestellte noch zu mir sprach, und streckte 
eine Hand nach dem Telegrammkuvert aus, das er mir 
über den Empfangstisch reichte. In unerträglicher 
Spannung riß ich das Kuvert auf. Dies konnte es sein - 
aber warum aus Paris? Immerhin sah ich mit einiger 
Befriedigung, daß meine Hände ganz ruhig waren, als 
ich das Telegramm entfaltete. Es war um zwei Uhr 
nachmittags in Paris aufgegeben worden. 

›Eintreffe Tunis heute spätabends. Versuche Sie im 

Hotel zu erreichen. Forbes‹ 

Ich starrte verblüfft auf den Text. Was brachte mei-

nen alten Freund von Scotland Yard in diesem 
kritischen Moment nach Tunis? Er war schon vor 
Wochen aus London verschwunden, und wir, Steve 
und ich, hatten an die offizielle Version geglaubt, daß 
er überarbeitet sei und auf ärztliches Geheiß einige 
Zeit ausspannen müsse. Aber wenn es so war, wes-
halb kam er dann so Hals über Kopf nach Tunis? Und 
woher, um alles in der Welt, wußte er, daß wir im 
Hotel Concorde wohnten? Nun, ich würde die Ant-
wort noch an diesem Abend erfahren. Und das 
Telegramm bedeutete auf alle Fälle, daß ich in dieser 
feindseligen und geheimnisvollen Stadt einen starken 

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Verbündeten haben würde. 

»Hoffentlich keine schlechte Neuigkeit?« 
Audry Bryce. Glücklicherweise hatte ich das Tele-

grammformular inzwischen schon wieder so weit 
zusammengefaltet, daß sie keine Gelegenheit hatte, 
über meine Schulter hinweg den Inhalt zu lesen. Ich 
wandte mich um und begrüßte sie mit einem Lächeln, 
das so frei und offen war wie ihr eigenes. 

»O danke, nein. Nur eine Nachricht von einem 

meiner alten Freunde von Scotland Yard.« 

Sie nahm dies, wie ein cleverer Boxer einen Schlag 

nimmt, den er hat kommen sehen. 

»Mrs. Temple ist nicht hier?« 
Mir klang diese Frage so, als kenne Audry Bryce 

die Antwort ohnehin. 

»Nein, sie macht Einkäufe. Sie wissen ja, wie Frau-

en dabei die Zeit vergessen können. Würden Sie 
meine Einladung zum Tee annehmen? Ich hätte gerne 
Gesellschaft.« 

»Oh, sehr nett von Ihnen, Mr. Temple. Ja, ich neh-

me gerne an.« 

Sie war wieder völlig in ihre Rolle als harmlose 

amerikanische Touristin zurückgekehrt. Heiter 
plaudernd wie vertraute alte Bekannte, schlenderten 
wir auf die Terrasse hinaus. Als der Tee kam, fragte 
ich, ob sie ›Hausmütterchen‹ spielen würde, und wir 
kicherten gemeinsam über den alten Scherz. 

»Übrigens«, erkundigte ich mich, »wie geht es 

Pierre? Ich bin überrascht, daß er nicht bei Ihnen ist.« 

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Der Deckel der Teekanne fiel mit erheblichem 

Krach auf meine Tasse und warf sie um, woraufhin 
sich ein Teestrom über den Tisch ergoß. Ein Kellner 
eilte herbei und opferte seine schneeweiße Serviette, 
um Audry Bryces Rock abzutupfen. Das gab ihr 
einige Sekunden Zeit, damit sie ihre Fassung zurück-
gewinnen konnte. 

»Wer ist Pierre?« fragte sie mich, als die Ordnung 

auf unserem Tisch wiederhergestellt war. »Ich erinnere 
mich nicht, jemanden dieses Namens zu kennen.« 

»Mein Irrtum. Vielleicht verwechselte ich ihn mit 

jemandem gleichen Namens - oder umgekehrt.« 

»Was meinen Sie nun damit wieder?« 
»Derselbe Mann mit einem anderen Namen«, sagte 

ich und lächelte sie strahlend an. 

»Das widerspricht sich selbst«, entgegnete sie, aber 

nicht eben überzeugend. 

Ich nahm einen Schluck Tee. Er war wenig aroma-

tisch und ziemlich lau, doch das machte mir nichts. 
Ich fing an zu verstehen, warum Katzen es so faszi-
nierend finden, mit Mäusen zu spielen. 

»Wir haben Ihren Tip über feine Ledersachen be-

folgt, Miss Bryce.« 

»Oh, gut. Konnten Sie finden, was Sie haben wollten?« 
»Ich denke, ja. Ich glaube, es ist Ihre Spezialität.« 
Ihre Hand, mit der sie die Tasse an die Lippen heben 

wollte, machte in halber Höhe halt. 

»Meine Spezialität? Wieso?« 
»Alles, was mit Leder - in unserer Sprache ›leather‹ - 

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zu tun hat.« 

Sie war jetzt voller Sorge und in der Defensive. 

Dieses Mal verschüttete sie ihren Tee nicht, aber die 
Tasse wurde sehr hastig und mit viel zuviel Geräusch 
wieder auf die Untertasse gesetzt, und das dann 
folgende Anzünden einer Zigarette schien ungewöhn-
liche Umstände zu machen. 

»Der erwähnte Pierre«, sagte ich leichthin. »Natür-

lich begreife ich nun, daß Sie ihn nicht kennen. Aber 
es ist eine interessante Geschichte. Er ist in Dinge 
verstrickt, die wir beide als ziemlich düstere Angele-
genheiten bezeichnen würden, und die Polizei beo-
bachtet ihn seit geraumer Zeit. Wie die meisten seiner 
Art ist er gar zu selbstsicher und überheblich. Er 
scheint nicht wahrhaben zu wollen, daß er sich schon 
manche Blöße gegeben hat. Vor allem hat er den 
bösen Fehler gemacht, Morde zu begehen, und wie 
man weiß, ist es heutzutage sehr schwierig, damit 
davonzukommen. Durch die Einrichtung der Interpol 
ist die polizeiliche Zusammenarbeit zwischen den 
verschiedenen Ländern jetzt verblüffend gut.« 

Ich sah meine Tischgenossin an. Die selbstsichere 

Maske war gefallen, ihr Gesicht zeigte eine erschreckende 
Blässe. Ihr Blick war starr auf den Tisch gerichtet. Die 
Hand mit der Zigarette zitterte. Sie begann mir ein 
bißchen leid zu tun - bis ich wieder an Steve dachte. 

»Ja«, fuhr ich fort, »die Polizei ist bereit, Pierre zu 

verhaften, wann immer sie es wünscht. Sie will nur 
noch herausfinden, wer alles zu seinen Komplicen 

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gehört. Mancher von diesen dürfte bisher nicht 
bedacht haben, daß Pierre wegen mehrfachen Mordes 
vor Gericht kommen wird, aber sie alle müssen darauf 
gefaßt sein, der Beihilfe zu diesen Morden angeklagt 
zu werden. Übrigens, benutzt man hier in Tunesien 
noch die Guillotine? Oder hat die neue Verwaltung 
eine andere Methode eingeführt?« 

Die Frau, die sich Audry Bryce nannte, warf ihre 

Zigarette zu Boden, trat darauf und sagte mit heiserer, 
veränderter Stimme: »Ich glaube, ich habe nun alles 
hingenommen, was ich hinnehmen konnte.« 

Dann stand sie auf und ging in das Hotel. 
Ich blieb zunächst noch sitzen und rauchte. Nach 

einigen Minuten kam ein Page auf die Terrasse 
hinaus, schaute eifrig umher und rief dabei: »Telefon-
anruf für Mr. Temple!« 

Als er bemerkte, daß ich eine Hand hob, kam er 

eilends zu meinem Tisch und wiederholte: »Sie 
werden am Telefon verlangt, Mr. Temple.« 

»Ich komme sofort. Warte einen Moment.« 
Ich riß eine Seite aus meinem Notizbuch und 

schrieb darauf: »Vielleicht wären Sie froh, auf Seiten 
der Polizei einen Freund zu haben. Können wir uns 
darüber unterhalten?« 

Ich faltete das Blatt zusammen, verklebte es mit 

einer Briefmarke, drückte es, gemeinsam mit einem 
kleinen tunesischen Geldschein, in die Hand des 
Pagen und sagte: »Bring den Zettel der Dame in der 
Suite drei-sieben-eins, aber laß niemanden sehen, daß 

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du ihn ihr gibst. Falls sie nicht allein ist, erfinde 
irgendeine Entschuldigung und warte bis später.« 

Der Page, so jung er war, zwinkerte mir zweideutig 

zu, steckte das Geld und den Zettel ein und sauste los. 

Der Telefonanruf war von Tony Wyse. 
»Lange nicht gesehen«, sagte er, nachdem er seinen 

Namen genannt hatte. »Tut mir leid, daß ich Sie noch 
nicht aufsuchen konnte. Aber ich war geschäftlich 
sehr stark in Anspruch genommen. Haben Sie die 
Sehenswürdigkeiten von Tunis schon genossen?« 

»Oh, wir hatten bisher eine recht ereignisreiche Zeit.« 
»Das freut mich. Wissen Sie, ich überlege mir, ob 

ich nicht Sie und Mrs. Temple für heute abend zum 
Dinner bitten dürfte?« 

»Sehr liebenswürdig von Ihnen, Mr. Wyse. Ich 

fürchte nur, meiner Frau ist etwas zugestoßen. Sie 
verließ das Hotel heute vormittag gegen elf Uhr und 
ist bis jetzt nicht zurückgekehrt.« 

»Was?« Am anderen Ende der Leitung entstand 

beklommenes Schweigen. Nach einer Sekunde hörte 
ich Wyse stöhnen: »Guter Gott!« Meine Mitteilung 
schien ihn getroffen zu haben wie ein Donnerschlag. 
Jedenfalls verging fast eine halbe Minute, bis ich ihn 
nervös fragen hörte: »Was haben Sie unternommen? 
Haben Sie die Polizei in Kenntnis gesetzt?« 

»Ja. Ich habe es der Polizei gesagt. Man hat alle 

Krankenhäuser abgeklappert. Kein Erfolg.« 

»Das ist ja schrecklich. Hören Sie, Mr. Temple, ich 

möchte Sie sehen. Sind Sie dort, wenn ich unverzüg-

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lich in Ihr Hotel komme?« 

Ich sah auf meine Uhr. Allmählich wurde es Zeit 

für mich, an den Aufbruch zu meiner Verabredung 
mit O'Halloran zu denken. 

»Nein. Ich muß sehr bald fortgehen. Ich habe eine 

unaufschiebbare Verabredung.« 

»Nun, wollen wir nicht auf jeden Fall heute abend 

zusammen essen, selbst wenn Sie allein sind?« 

»Ja, wenn ich irgend kann. Wo können wir uns 

treffen?« 

»Im Hotel Tunesia. Es liegt in Sidi bou Said. Mit 

einem Taxi sind Sie in einer Viertelstunde dort. 
Wollen wir sagen um acht Uhr?« 

»Ich werde mein Bestes tun.« 
»Fein. Bis dann, also.« 
Ich rauchte mehr Zigaretten als sonst. Beim Verlas-

sen der Telefonzelle zündete ich mir wieder eine an 
und blieb dann stehen, um die Leute zu beobachten, 
die im Hotelfoyer saßen oder standen oder es durch-
querten. Dabei überlegte ich, ob ich irgend etwas 
versäumt hatte zu tun, was nach Lage der Dinge hätte 
getan werden müssen. Nochmals beim Empfang zu 
fragen, ob eine Nachricht für mich gekommen sei, 
wäre witzlos gewesen, denn die Hotelbediensteten 
hatten längst bemerkt, daß ich auf der anderen Seite 
des Foyers neben den Telefonzellen stand. Über sechs 
Stunden war es jetzt her, daß ich Steve zuletzt gese-
hen hatte - und noch immer keine Nachricht. War 
irgend etwas ganz schlecht gegangen? Hatte sie bei 

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irgendeiner Gelegenheit handgreiflichen Widerstand 
geleistet? War sie dabei getötet worden? 

Plötzlich überfiel mich ein neuer Gedanke. Hatte 

man sie nicht entführt, um mich zu erpressen, sondern 
um durch sie herauszufinden, wieviel wir wußten? 
Hatten gewisse Leute den größten Teil dieser mehr als 
sechs Stunden mit dem Versuch verbracht, durch 
Quälereien und Folterungen von ihr Dinge zu erfah-
ren, die sie gar nicht wußte? 

Einen Moment lang sah ich rote Nebel vor meinen 

Augen und ballte die Fäuste. Dann fand ich mich doch 
wieder dabei, zum Empfangstisch zu gehen, wie einen 
Süchtigen, der unbedingt wieder ein kleines Quantum 
seines unentbehrlich gewordenen Rauschgiftes haben 
will. Vielleicht war während der letzten Minuten eine 
Nachricht gekommen. 

Der Page, dem ich den Zettel für Audry Bryce ge-

geben hatte, huschte herbei und berührte meinen 
Ellbogen, als ich mich erfolglos wieder vom Emp-
fangstisch abwandte. 

»Ich erwischte sie gerade noch, als sie in ein Taxi 

steigen wollte«, raunte er. »Niemand hat mich gese-
hen. Ich soll Ihnen das hier geben.« 

Es war mein eigener Notizzettel. Unter meine Zei-

len war gekritzelt: ›Um Mitternacht in Ihrer Suite. Ich 
werde kommen.‹ 

Der Page wartete hoffnungsvoll. Ich gab ihm einen 

kleinen Geldschein und sagte: »Hol mir ein Taxi.« 

 

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Khérédine, auf einer Landzunge vor der inneren 

Bucht von Tunis gelegen, erwies sich als ein kurioses 
Gemisch aus Badestrand, luxuriösem Wohnviertel 
und Schiffahrtsanlagen nebst allem Drum und Dran. 
Mein Fahrer wußte, wo das Hotel du Port zu finden 
war, und brachte mich ohne Umwege in eine ziemlich 
düstere Straße mit Häusern auf der einen Seite und 
dem düsteren Wasser auf der anderen. Hier waren 
Werften und Reparaturanlagen für kleinere Schiffe 
und viele Bootsliegeplätze. Das Hotel du Port, ein 
wenig einladendes älteres Haus, beherbergte in 
seinem Erdgeschoß eine Kneipe, in der ich Werftar-
beiter an der Bar und um einige Billardtische ver-
sammelt sah. Durch die offene Tür drang Akkorde-
onmusik ins Freie. 

Als mein Taxi davongefahren war, fühlte ich mich 

unangenehm allein in einem sehr fremden Teil dieser 
Welt. Die Sonne war untergegangen, rasch gefolgt 
von intensiver Dunkelheit. Der Mond ließ sich noch 
nicht blicken. Nach Süden zu war der Himmel durch 
die Lichter der Stadt Tunis erhellt. Daneben funkelten 
Sterne. Kleine Wellen plätscherten gegen die im 
Wasser liegenden Boote und die Pfeiler der zahlrei-
chen Stege. 

Ich hatte versäumt, O'Halloran zu fragen, auf wel-

cher Seite des Hotels Durants Haus stände, doch wäre 
diese Information ohnehin unnötig gewesen, da das 

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Hotel an einer Straßenecke lag. Das Nachbarhaus 
diente ganz offensichtlich teils Wohn-, teils geschäft-
lichen Zwecken. Durants Firmenaufschrift war auf die 
Erdgeschoßfenster gemalt. Da das Haus nach der 
Straße zu nur einen Eingang besaß, ging ich die paar 
Stufen der Vortreppe hinauf und läutete die Türklin-
gel, wobei ich mich neugierig fragte, ob ich endlich 
dieses Mal dem geheimnisumwitterten David Foster 
begegnen sollte - und, falls nicht, wen der pfiffige 
O'Halloran gedungen haben mochte, einen glaubwür-
digen David Foster zu spielen. 

Mein Klingeln wurde von einer schlampigen älte-

ren Frau schimpfend beantwortet, die eine Schürze 
um den Leib gebunden und ihre Ärmel bis an die 
Ellbogen aufgerollt hatte. Ihre Hände waren so naß 
von Seifenlauge, daß sie sich einige Haarsträhnen mit 
dem linken Unterarm aus dem Gesicht streichen 
mußte. 

»Das Büro ist geschlossen, Monsieur.« 
»Ich habe mit einem Mr. O'Halloran verabredet, ihn 

um sieben Uhr hier zu treffen. Ist er schon da?« 

»Wie war der Name?« 
»O'Halloran«, wiederholte ich und merkte, daß die 

französischen Ohren dieser Frau es eher für einen 
arabischen als einen irischen Namen zu halten schie-
nen. 

Sie schüttelte den Kopf und sagte: »Niemand mit 

solchem Namen ist hier.« 

»Aber es ist das Haus von Monsieur Durant?« 

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»Ja, es ist Monsieur Durants Haus.« 
»Würden Sie ihm bitte sagen, daß ich hier bin? 

Mein Name ist Temple. Ich nehme an, er erwartet 
mich.« 

»Tem - pel. Ja, aber er ist vor einem Weilchen fort-

gegangen. Ist es dringend?« 

»Sehr dringend sogar.« 
»Ich will versuchen, ihn zu finden«, entgegnete sie 

mit resignierendem Achselzucken. »Sie können hier 
warten.« 

Sie trocknete sich die Hände an einer Ecke ihrer 

Schürze, öffnete die Tür eines der Erdgeschoßräume, 
knipste das Licht an, machte hinter mir die Tür wieder 
zu und ging. Ich konnte hören, wie sie die Haustür 
schloß und die Stufen der Vortreppe hinablief. 

Durants Büro war ein Durcheinander von Papier-

stapeln, Aktendeckeln und Lichtpausen. Auf den 
Aktenschränken, den Regalen und stellenweise auch 
auf dem Fußboden lag dicker Staub. Alle vorhande-
nen Aschenbecher waren übervoll. Die starke nackte 
Glühbirne, die von der Mitte der Decke herabhing, 
warf ein erbarmungsloses Licht auf diese Gefilde fast 
vollendeter Unordnung. Da ich mir sagte, daß ich 
infolge der gardinenlosen Fenster für jedermann auf 
der Straße deutlich sichtbar sein müsse, solange ich 
stand, setzte ich mich lieber hin. Dann zündete ich mir 
eine meiner eigenen Zigaretten an und hoffte, sie 
würde den unangenehmen Duft kalten Gauloise-
Rauches ein wenig mildern. 

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Nach zehn Minuten wuchs in mir die Überzeugung, 

daß ich zum Narren gehalten wurde und O'Halloran 
niemals die Absicht gehabt hatte, hier zu erscheinen. 
Sinnlos vertrödelte ich die Zeit in diesem schäbigen 
Büro, während in eben dieser Minute irgendeine 
Nachricht über Steve im Hotel Concorde eintreffen 
mochte. Ich war doch in Szoltan Guptes Raritäten-
kramladen ziemlich sicher gewesen, daß weder Gupte 
noch O'Halloran etwas über Steves Verbleib wußten. 
Weshalb also saß ich hier herum? 

Als ich mich erheben wollte, um fortzugehen, hörte 

ich Schritte über die Straße näher kommen und 
erkannte die Stimme der Frau mit der Schürze. In 
ihrer Begleitung war ein Mann. Die beiden redeten 
sehr lebhaft miteinander. 

Überfließend von Entschuldigungen kam Durant in 

das Büro gehastet. Er sei zum Hafenbüro gerufen 
worden, erklärte er, und habe nicht auf die Zeit 
geachtet. Er war einer jener Franzosen, auf die das 
Klima Nordafrikas und die dortigen Lebensgewohn-
heiten schlechte Auswirkungen haben. Er war feist 
und schlaff geworden und hatte ein unnatürlich rotes 
Gesicht. Vermutlich trank er zuviel. Er sah wie ein 
Mann von Anfang Sechzig aus, war aber tatsächlich, 
wie ich später erfuhr, erst Ende Vierzig. 

»Sie haben mich erwartet?« 
»Ja, ich erhielt Nachricht von Monsieur Szoltan 

Gupte. Ich hoffe, Sie erwähnen meine Verspätung 
nicht, Mr. Temple. Jemand wie Monsieur Gupte soll 

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nicht denken, ich täte nicht mein Bestes. Wenn Sie 
nun bitte mit mir zum Bootssteg kommen wollen, 
rudere ich Sie hinaus zu der Jacht.« 

»Die Jacht? Befinden sich O'Halloran und Szoltan 

Gupte dort?« 

Durant nötigte mich förmlich aus dem Haus. Er 

schien sehr beflissen, wenigstens etwas von dem 
Zeitverlust wieder aufzuholen. 

»Ich weiß nicht, ob Monsieur Szoltan Gupte dort 

ist, Mr. Temple. Ich stelle keine Fragen. Ich tue nur, 
was er mir sagt.« 

»Wie lange wird es dauern, zu der Jacht zu ru-

dern?« 

»Nicht lange, Mr. Temple. Vielleicht fünf Minu-

ten.« 

Da ich nun einmal hier war, wollte ich diese Sache 

auch zu Ende bringen. Ich sagte: »Machen Sie so 
schnell Sie können. Ich habe nicht viel Zeit.« 

Ich fand es recht seltsam, daß dieser Franzose sich 

gegenüber einem Altwarenhändler aus dem Araber-
viertel so unterwürfig zeigte. Er lotste mich in sol-
chem Tempo durch ein Gewirr von Schuppen und 
Holzstapeln, daß ich keine Gelegenheit fand, ihm 
Fragen zu stellen. Schließlich kamen wir auf einen 
schmalen Steg, an dem einige Ruderboote vertäut 
lagen. Durant wählte eins der kleineren davon aus und 
half mir beim Einsteigen. 

»Für gewöhnlich mache ich selbst so etwas ja 

nicht«, erklärte er, als er zu rudern begann. »Aber 

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meine Leute sind alle schon fort, und da es für Monsi-
eur Gupte ist -« 

»Ist er ein sehr bedeutender Mann?« warf ich ein. 
»Monsieur Szoltan Gupte? Wissen Sie nicht, daß er 

einer der reichsten Männer von Tunis ist? Es heißt, er 
hat mehrere Millionen.« 

»Betreibt er noch andere Geschäfte als seinen Anti-

quitätenladen?« 

»Darüber weiß ich nichts, Mr. Temple. Ich stelle 

keine Fragen. Er bezahlt mich gut, und das genügt 
mir.« 

Wir schienen schon auf dem richtigen Kurs zu sein. 

Jedenfalls konnte ich in einiger Entfernung die 
Umrisse einer offenbar verankerten großen Motor-
jacht wahrnehmen. 

»Kennen Sie einen Mr. David Foster?« 
»Das ist ein englischer Name, nicht wahr? Nein, ich 

kenne keinen Mr. Foster.« 

»Haben Sie heute abend schon jemanden zur Jacht 

hinübergerudert?« 

»Nein, Mr. Temple. Es ist zu früh. Für gewöhnlich 

kommen die Herren erst gegen zehn, elf Uhr. 
Manchmal auch erst um Mitternacht.« 

»Aber Sie kennen Mr. O'Halloran, einen Freund 

von Szoltan Gupte? Ein kleiner Ire mit Zahnlücken.« 

»Freilich kannte ich ihn, Mr. Temple. Erst vor vier 

Tagen habe ich ihn zur Jacht hinübergerudert. Sehr 
traurige Sache. Sie haben es ja in der Zeitung gelesen, 
nicht wahr? Diese Morde in Tunis nehmen überhand.« 

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 198

Nach kaum fünf Minuten waren wir dicht bei der 

Jacht. Sie hatte keine Lichter gesetzt; nichts ließ 
erkennen, daß jemand an Bord wäre. Durant rief 
hinüber, um unser Kommen anzukündigen. Niemand 
antwortete. 

»Ich denke, wir sind zu früh daran«, sagte er. 

»Noch ist niemand da. Besser, wir kehren um.« 

»Da hängt ein Fallreep aus. Rudern Sie heran, und 

ich werde einen Blick an Bord tun.« 

»Oh, ich gehe nie an Bord«, versicherte Durant 

hastig. 

»Sollen Sie auch nicht. Aber da wir nun einmal hier 

sind, möchte ich mich überzeugen, ob Szoltan Gupte 
auf mich wartet. Halten Sie das nicht für richtig?« 

Durant zuckte zweifelnd die Achseln, manövrierte 

aber, wenn auch mit dem Ausdruck eines Mannes, der 
keine Verantwortung für das trägt, was zu tun er 
genötigt wird, sein Boot an das Fallreep der Jacht und 
half mir sogar beim Hinübersteigen. 

Es war ein ziemlich großes Motorboot, ungefähr 

fünfzehn Meter lang. Obwohl für das offene Meer 
gebaut, war es durch entsprechende Veränderungen zu 
einem luxuriösen Hausboot umgestaltet worden. Fast 
die ganze Deckslänge war mit Kajütaufbauten verse-
hen, die nur Platz für einen schmalen Rundgang 
ließen. 

Ich fand eine unverschlossene Kajüte. Mit Hilfe 

meiner kleinen Taschenlampe entdeckte ich die 
Lichtschalter und knipste sie alle an. Der größte Teil 

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 199

der Deckskajüte wurde von einer Art Clubraum 
eingenommen. Am entfernten Ende war eine Bar; an 
den Wänden standen Sofas, vor jedem der Sofas ein 
niedriger Tisch und an jedem der Tische zwei oder 
drei Polstersessel. Dazwischen blieb noch Platz für 
eine kleine Tanzfläche. Die Beleuchtung war ge-
dämpft. Einige Sekunden, nachdem ich sie angeknipst 
hatte, begann ein Plattenspieler einen Tango zu 
spielen. 

Eine eigene Treppe verband diesen Raum mit dem 

Unterdeck. Ich knipste auch hier das Licht an, ging 
die Treppe hinab und gelangte in einen Korridor mit 
Kabinen an den Seiten. Ich inspizierte die Kabinen 
eine nach der anderen. Jede von ihnen enthielt eine 
bequeme Schlafcouch, ein flaches, eingebautes 
Kleiderspind, einen Ankleidetisch mit Spiegel und ein 
Waschbecken mit fließendem Wasser. Nur die Kabine 
am rückwärtigen Ende des Korridors zeigte Spuren 
von ständiger Benutzung. Sie war doppelt so groß wie 
die anderen und als Wohn-Schlafzimmer eingerichtet. 
Einige charakteristische Dinge ließen erkennen, daß 
sie von einem Mann benutzt wurde, der daran ge-
wöhnt war, weiblichen Besuch zu empfangen. 

Zigarettenrauch hing noch ziemlich frisch in der 

Luft. Und ein schwacher Parfümduft ließ mich an 
jemanden denken, dem ich erst vor kurzem begegnet 
war. 

Ein gradlehniger Stuhl stand in der Mitte des Rau-

mes. Auf dem Teppich ringsum lagen einige Zigaret-

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 200

tenstummel. Eine der kleinen Armlehnen des Stuhles 
war abgebrochen. Auf dem Tisch lag ein Stück 
kräftiger Schnur, das an den Enden zusammengekno-
tet, aber eine Handbreit davon entfernt mit einem 
Messer durchschnitten worden war. Der Hausmantel 
eines Mannes lag unordentlich hingeworfen auf der 
Schlafcouch. Die dazugehörende seidene Kordel fand 
ich in einiger Entfernung auf dem Boden. Ich bückte 
mich danach, rollte sie auf und steckte sie mir in die 
Hosentasche. 

Hinweise auf die Identität des Kabinenbenutzers 

waren bei meiner begreiflicherweise flüchtigen Suche 
nicht zu entdecken. Aber zwischen den Platten eines 
kleinen Klapptisches fand ich einen genauen Stadt-
plan von Tunis. Darauf hatte jemand einen roten Kreis 
um unser Hotel Concorde gemalt; von diesem Kreis 
ausgehende rote Linien zeigten die beiden Wege, die 
Steve und ich bei unserem Schaufensterbummel und 
bei unserer Droschkenfahrt genommen hatten. Mein 
Weg zu dem Optiker und zur Filiale von Lloyds Bank 
war jedoch ebensowenig eingezeichnet wie der Kurs 
meiner Taxe zum ›Haus künstlerischer Raritäten‹. 
Dafür war aber dieses Haus selbst von einem roten 
Kreis umgeben, ebenso eine Straßenecke an der 
Avenue de Rome und verschiedene andere Punkte, die 
mir nichts besagten. 

Ich faltete den Plan und steckte ihn zu mir. 
Die brutale Szene, die vor kurzem in dieser Kabine 

abgerollt war, hatte ihren fatalen Eindruck so klar in 

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 201

der Atmosphäre hinterlassen, wie ein Bild sich auf 
einem Filmnegativ abzeichnet. Ich hatte das Gefühl, 
als beginne die Zeit knapp zu werden. Hinter mir die 
Lichter ausknipsend, kehrte ich an Deck und in 
Durants Boot zurück. 

Durant schien froh, von der Jacht fortzukommen, 

und ruderte aus Leibeskräften los. 

»Wie spät war es, als Sie von Szoltan Gupte Ihre 

Anweisungen bekamen?« fragte ich ihn. 

»Gegen zwei Uhr heute nachmittag.« 
»Halten Sie es nicht für merkwürdig, daß er diese 

Anweisungen gab, aber selbst nicht zur Stelle war?« 

»Weiß nicht«, antwortete Durant etwas atemlos 

vom hastigen Rudern. »Weiß nur, daß er mir sagte, 
ich hätte heute abend um sieben einen Mr. Temple zur 
Jacht zu rudern.« 

Eins der Ruder stieß an einen im Wasser treibenden 

Gegenstand, und Durant geriet aus dem Takt. Er 
schwenkte das betreffende Ruder hoch, um von dem 
Gegenstand wegzukommen. Da das Boot im eigenen 
Schwung vorwärtsglitt, wollte er gleich weiterrudern. 

»Warten Sie einen Moment«, sagte ich. »Konnten 

Sie sehen, was da im Wasser war?« 

»Nein.« 
»Ich glaube, es war eine Leiche. Eine Frauenlei-

che.« 

Die Zeit schien dahinzuschleichen, während Durant 

sein Boot wendete. Ich hatte nur einen flüchtigen 
Blick auf das treibende Etwas erhascht, bezweifelte 

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 202

aber nicht, daß es ein menschlicher Körper gewesen 
war. 

»Dort schwimmt es!« rief Durant und manövrierte 

das Boot auf die Stelle zu. 

Eine dunkle Masse, etwa wie eine kleine Welle, die 

einige ineinander verflochtene Seetangpflanzen mit 
sich führt, erhob sich ganz wenig über die Oberfläche 
des Wassers und sank wieder zurück. Ich lehnte mich 
weit über die Bootswand und glaubte einen Kopf mit 
hinterdreintreibendem langem Haar zu erkennen. 

»Vorsicht, oder wir werden kentern!« rief Durant. 

»Sitzen Sie lieber still, bis wir näher heran sind.« 

Wahrscheinlich hatte er schon manchmal treibende 

Wasserleichen gefunden und ahnte nicht, worum es 
ging. Er brachte sein Boot sehr geschickt näher heran, 
zog plötzlich die Ruder ein und langte über Bord. 

»Hab' sie gepackt. Wer weiß, wie lange die schon 

schwimmt. Sie haben eine Taschenlampe, nicht 
wahr?« 

Durant gab sich große Mühe, den Kopf der Leiche 

über Wasser zu heben. Mir wurde verwünscht flau im 
Magen, als das Licht der Taschenlampe aufflammte. 

Das Boot legte sich stark nach einer Seite. Dann 

keuchte Durant: »Kann es nicht schaffen!« 

Er ließ los, und die Leiche sank zurück ins Wasser. 

Für den Bruchteil einer Sekunde geriet ihr Gesicht in 
den Lichtstrahl meiner Taschenlampe. Ich erkannte 
die verzerrten Züge von Audry Bryce. 

 

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 203

Der Abstecher nach Khérédine war weniger zeit-

raubend verlaufen, als ich geschätzt hatte. Zehn 
Minuten nach acht betrat ich wieder das Hotel Con-
corde. Obwohl es unvermeidlich war, daß ich mich 
bei meiner Verabredung mit Tony Wyse sehr verspä-
ten würde, mußte ich im Hotel Nachfrage halten, ehe 
ich irgend etwas anderes unternahm - das verstand 
sich von selbst. 

Während Durant mich zu seinem Landungssteg 

zurückruderte, hatte ich mich von meinem Schock 
über die Leiche im Wasser erholt und ihn nicht 
merken lassen, daß ich die Tote kannte. Er hatte es 
übernommen, die Polizei zu benachrichtigen, und mir 
versprochen, nichts von meiner Anwesenheit zu 
erwähnen. Ich war dann von Khérédine mit einem 
Vorortzug in die Stadt gefahren, was nicht länger 
dauerte als eine Taxifahrt. 

»Mrs. Temple ist noch nicht wiedergekommen«, 

sagte mir der Mann am Empfang, noch ehe ich meine 
Frage stellen konnte. »Sie ist wirklich schon sehr 
lange fort, Mr. Temple. Haben Sie daran gedacht, die 
Polizei zu verständigen?« 

»Ja, das ist längst geschehen. Die Polizei tut alles, 

was sie kann. Hören Sie, ich bin zum Essen im Hotel 
Tunesia in Sidi bou Said verabredet. Versprechen Sie 
mir, mich dort anzurufen, sobald eine Nachricht 
kommt?« 

»Ja, das werde ich gerne tun, Mr. Temple.« 
Dieser Hotelbedienstete war wesentlich teilnahms-

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 204

voller als sein Kollege und zeigte in Ausdruck und 
Verhalten echte Besorgnis. 

Ich hatte bemerkt, daß eine Telefonistin in dem 

Büro hinter dem Anmeldetisch ein Gespräch ange-
nommen und dabei mehrfach zu mir hingesehen hatte. 
Jetzt kam sie nach vorn gelaufen und meldete: »Je-
mand im Polizeipräsidium möchte mit Mr. Temple 
sprechen.« 

»Legen Sie das Gespräch auf Kabine eins«, sagte 

der Empfangschef. »Bitte, Mr. Temple, nehmen Sie 
die erste Kabine von links.« 

Auf dem kurzen Weg zum Telefon beseelten mich 

wilde Hoffnungen und quälende Befürchtungen. Noch 
ehe die Kabinentür hinter mir richtig zu war, hatte ich 
den Hörer am Ohr und meldete mich: »Hier Paul 
Temple.« 

»Mr. Temple, Sie werden aus dem Polizeipräsidium 

verlangt. Einen Moment, bitte.« 

Ich wartete ungeduldig, die Finger meiner freien 

Hand trommelten nervös gegen die Kabinenwand. 

»Hallo, Temple. Sind Sie da?« 
Ein Irrtum über diese Stimme, die schon unzähli-

gemal zu mir gesprochen hatte, war unmöglich. 

»Sir Graham Forbes! Gott sei Dank, daß Sie ge-

kommen sind.« 

»Vor einer kleinen halben Stunde. Ich bin im Poli-

zeipräsidium bei Renouk. Temple, es tat mir sehr leid, 
die Nachricht über Steve zu hören.« 

»Recht unerfreulich, nicht wahr?« 

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 205

»Ja. Aber die hiesige Polizei tut, was sie kann. Es 

ist nur eine Frage der Zeit, bis sie Steve finden wird.« 

»Ich hoffe, Sie haben recht, Sir Graham. Aber ich 

muß gestehen, daß ich furchtbare Sorgen habe. Ist es 
möglich, daß Sie gleich herkommen?« 

»Leider nicht. Ich muß hier einige dringende Ange-

legenheiten erledigen. Aber etwas später am Abend 
möchte ich Sie sehen. Werden Sie da sein, wenn ich 
gegen elf Uhr komme?« 

»Ja, ich werde hier sein. Und übrigens, Sir Graham -« 
»Ja?« 
»Was führt Sie ausgerechnet jetzt nach Tunis?« 
Ich hörte ihn leise lachen. Dann äußerte er: »Wol-

len wir einfach sagen, ich bin wegen einer ganz 
besonderen Brille hier?« 

Ehe ich noch etwas fragen konnte, legte er auf. 
Es war bezeichnend für meine Sinneswandlung, 

daß ich kein Verlangen spürte, den auf der Jacht 
gefundenen Stadtplan sogleich an Renouk zu übermit-
teln. Ich bat an der Rezeption um ein etwas größeres 
Kuvert, tat den Stadtplan hinein, klebte das Kuvert zu 
und bat den freundlichen Hotelbediensteten, es in 
seiner Geldschublade so aufzubewahren, daß ich es 
jederzeit zurückbekommen könnte. 

Dann verließ ich das Hotel und nahm draußen ein 

Taxi nach Sidi bou Said. 

Während mich das Taxi in schneller Fahrt nord-

wärts brachte, überlegte ich, daß Tony Wyse sozusa-
gen der letzte Pfeil in meinem Köcher wäre. Aus 

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 206

irgendeinem obskuren Grund hatten Szoltan Gupte 
und O'Halloran sich gescheut, das mit mir vereinbarte 
Zusammentreffen einzuhalten. Ich hatte das Gefühl, 
daß ich, wenn ich jetzt hinkäme, das ›Haus künstleri-
scher Raritäten‹ verschlossen und mit heruntergelas-
senen Rolläden vorfinden würde. Vielleicht hatte 
Renouk gefolgert, daß Steves Verschwinden eine 
Folge seines Zusammentreffens mit uns wäre; viel-
leicht hatte die dann einsetzende Aktivität der Polizei 
das Paar Gupte und O'Halloran bewogen, einstweilen 
innezuhalten. Ich wünschte, ich hätte aus meinem 
Gespräch mit Audry Bryce schnellere Folgerungen 
gezogen. Ihre Ankündigung, um Mitternacht zu mir 
ins Hotelzimmer zu kommen, mochte ein Köder für 
eine Falle gewesen sein. Aber ich nahm eher an, daß 
ich sie wirklich in Schrecken versetzt und daß sie sich 
impulsiv entschlossen hatte, meinen Rat zu befolgen 
und auf die richtige Seite hinüberzuwechseln. Jemand 
hatte gespürt, daß sie zusammenklappen würde, und 
hatte dafür gesorgt, daß sie nichts mehr ausplaudern 
konnte. 

Das Hotel Tunesia lag auf einem Hochplateau, das 

ziemlich weit ins Meer hinausragte. Gleich hinter den 
Gebäuden senkte sich der Grund steil zum schmalen 
Strand hinab. Von der vorgebauten Terrasse konnten 
die Gäste einen herrlichen Ausblick bis nach Karthago 
auf der einen Seite und bis nach Tunis auf der anderen 
Seite genießen. 

Ein eleganter Flur führte am Speisesaaleingang 

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 207

vorbei zu der von sanftem Flutlicht erhellten Terrasse, 
auf der ich eine Anzahl Gäste mit ihren Aperitifs 
sitzen sah. Mitten in diesem Flur sprach ein blonder, 
breitschultriger Mann mit dem äußerst ehrerbietigen 
Oberkellner. 

»Haben Sie einen Zweipersonentisch für mich?« 

hörte ich ihn fragen. »Ich werde heute abend mit 
einem amerikanischen Freund speisen. Wissen Sie 
zufällig, ob ein Mr. Vandenberg bereits eingetroffen 
ist?« 

»Aber ja, Monsieur!« Der Oberkellner gestikulierte 

mit seiner Speisekarte zur Terrasse. »Mr. Vandenberg 
ist bereits eingetroffen. Er erwartet Sie auf der Terras-
se.« 

»Gut. Ich werde zu ihm gehen, sobald ich dem 

Weinkellner meine Bestellung gegeben habe.« 

Ich wartete, bis Schultz durch den Eingang zum 

Speisesaal entschwunden war. Er hatte nichts von 
meiner Anwesenheit im Flur bemerkt. 

»Mr. Anthony Wyse ist gewiß schon da?« fragte 

ich den Oberkellner. 

»Habe ich die Ehre mit Mr. Temple?« 
»Ja.« 
»Mr. Wyse trug mir auf, Ihnen zu sagen, daß er in 

der Terrassenbar ist, Mr. Temple. Am linken Ende der 
Terrasse, Sir.« 

Im Augenblick, als ich auf die Terrasse hinaustrat, 

beschloß ich, später einmal mit Steve wieder nach 
Tunis zu kommen, eigens, um einige Zeit im Hotel 

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Tunesia zu wohnen und die Abende auf dieser Terras-
se zu verbringen. Es war eine fast vollendete Anlage. 
Die Terrasse schien in samtene Dunkelheit gehüllt, 
eine kleine Oase von liebenswürdigstem Luxus der 
kultivierten französischen Art. Bezaubernd. Aber 
momentan konnte ich mich dieser Schönheit nicht 
widmen; ich war zu sehr von der grimmigen Wirk-
lichkeit in Anspruch genommen. 

Auf meinem Weg über die Terrasse bemerkte ich 

einen Mann, der allein an einem Tischchen saß. Seine 
Augen, die auf die Tür gerichtet waren, als ich 
hinauskam, hatten sich eigentümlich schnell abge-
wendet. Ich sah seine auffallend tief angesetzten 
Ohren und seinen nicht weniger auffallend betonten 
Hinterkopf. Seine Maskierung war gut, doch diese 
beiden charakteristischen Einzelheiten verrieten ihn. 
Er hatte jetzt ziemlich langes, strähniges graues Haar 
und die blasse Gesichtsfarbe eines amerikanischen 
Geschäftsmannes, der an Magengeschwüren leidet. 
Auf der Nase saß ihm eine Brille mit moderner 
schmaler Fassung. Ein hellgrauer, breitrandiger Hut 
lag, wo Herrenhüte in Amerika unfeinerweise oftmals 
liegen, nämlich auf dem Tisch. Sein Anzug war ganz 
offensichtlich amerikanischer Herkunft. 

Ich blieb stehen und legte eine Hand auf die Lehne 

seines Sesselchens. 

»Guten Abend, Colonel Rostand. Wie nett, Sie 

wiederzusehen!« 

Der alte Gentleman drehte mir sein trauriges, sor-

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genzerfurchtes Gesicht zu und beäugte mich mit 
milder Mißbilligung. Das machte er wirklich sehr gut. 

»Ich fürchte, Sie irren sich, junger Mann. Mein 

Name ist Vandenberg, Henry O. Vandenberg.« 

Der Akzent war amerikanisch, und der Tonfall dem 

von Audry Bryces ungesehenem nächtlichem Besu-
cher recht ähnlich. Mich amüsierte, daß er bei gewis-
sen Buchstaben noch immer ein wenig lispelte; ein 
kräftiger Biß auf die eigene Zunge, hervorgerufen von 
einem Ellbogenstoß unter das Kinn, verheilt eben 
doch nicht so schnell. 

»Tut mir leid, Sir«, entschuldigte ich mich. »Es war 

ein dummer Irrtum, sicher nur dadurch entstanden, 
daß ich etwas habe, was ich diesem Colonel Rostand 
sehr gerne zurückgeben möchte.« 

»Oh?« 
Hinter den Brillengläsern leuchtete einiges Interes-

se auf. 

»Ja, ich bin sicher, daß er sehr bekümmert sein 

wird, wenn er merkt, daß er es vergessen hat.« 

»Freilich, das wäre schlimm. Was haben Sie denn 

gefunden?« 

Rostand hatte seine Neugier nicht zügeln können. 

Ich griff in die Tasche und brachte die zusammenge-
rollte seidene Hausmantelkordel zum Vorschein. 

»Mit dieser Kordel wurde heute abend auf einer vor 

Khérédine liegenden Jacht eine Frau namens Audry 
Bryce erdrosselt und nachher ins Meer geworfen.« 

Vielleicht hätte ich nichts sagen und ihm die Kordel 

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nur zeigen sollen. Er schien ein wenig in sich zusam-
menzusinken, als ich die Kordel herausholte, aber 
meine kurze Erläuterung gab ihm Zeit, sich zu sam-
meln. Er schob sein Sesselchen zurück und stand auf. 

»Junger Mann«, sagte er verstimmt, »ich weiß 

nicht, wer Sie sind. Aber wenn Sie diese Art von 
Scherzen lieben, haben Sie sich diesmal den verkehr-
ten Mann ausgesucht.« 

Er wandte mir den Rücken und strebte dem Aus-

gang zu. Obwohl er sich etwas gebeugt hielt, konnte 
er seine beträchtliche Lange nicht verbergen. 

Ich stand noch mit der Kordel in der Hand und sah 

ihn durch die Tür zum Flur entschwinden, als Schultz 
aus der Tür kam, die vom Speisesaal direkt auf die 
Terrasse führte. Er bemerkte mich sofort, kniff die 
Augen zusammen und lächelte. 

»Guten Abend, Mr. Temple.« Er sprach auch jetzt 

wieder mit leicht ironischem Unterton. »Sie sind ohne 
Ihre charmante Frau?« 

»Nur heute abend«, entgegnete ich kurz. »Es über-

rascht mich, daß Sie nicht im ›Trou du Diable‹ sind.« 

»Ich bin hier zum Dinner eingeladen, Mr. Temple. 

So etwas kommt manchmal auch bei uns Clubbesit-
zern vor, wissen Sie.« 

»Von dem reichen Amerikaner Mr. Vandenberg?« 
»So ist es. Woher wissen Sie das?« 
»Sollten wir ihn nicht bei seinem richtigen Namen 

nennen? Colonel Rostand?« 

Schultz zeigte einen übertrieben bestürzten Aus-

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druck und spreizte beschwörend die Hände. 

»Immer dieses Gerede von Colonel Rostand, Mr. 

Temple! Ich glaube, Sie haben so etwas wie einen 
kleinen Rostand-Komplex. Ich versichere Ihnen, Mr. 
Vandenberg ist hier sehr gut bekannt.« 

»Das freut mich für Sie, Mr. Schultz. Colonel Ros-

tand wird nämlich auch hier von der Polizei gesucht.« 

»Übrigens, da wir von der Polizei sprechen« - 

Schultz offerierte mir aus seinem goldenen Etui eine 
Zigarette und zündete sich, nachdem ich abgelehnt 
hatte, selbst eine an -, »ja, da wir gerade von der 
Polizei sprechen. Inspektor Flambeau erzählte mir 
eine höchst merkwürdige Geschichte: daß Sie gebeten 
worden sind, einem gewissen David Foster eine Brille 
zu überbringen, und daß Monsieur Constantin Ihnen 
zehntausend Pfund für diese Brille geboten hat. Ist das 
wahr?«  

»Ja, das ist wahr.« 
»Haben Sie denn eine Idee«, fragte Schultz kopf-

schüttelnd, »warum eine Brille einen so unangemes-
sen hohen Wert besitzen und das Interesse so vieler 
Leute erwecken kann?« 

»Ja, ich habe eine Idee. Und da so viele Leute in-

teressiert sind, Mr. Schultz, frage ich mich, ob Sie 
vielleicht auch dazu gehören?« 

Schultz schüttelte abermals den Kopf und lächelte 

still belustigt. 

»Warum sollte ich interessiert sein, Mr. Temple? 

Über meine Sehkraft ist nicht zu klagen. Aber wenn 

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Sie mich jetzt entschuldigen möchten - ich möchte 
meinen Gastgeber finden.« 

Nachdem Schultz im Speisesaal verschwunden war, 

setzte ich meinen Weg zur Bar fort, wo ich Wyse 
damit beschäftigt fand, so trübselig in die Bläschen 
seines Champagnercocktails zu starren, als habe er 
aller Hoffnung entsagt, mich hier noch erscheinen zu 
sehen. Seine Miene erhellte sich, als er mich erblickte, 
aber es schien ihn zu beunruhigen, daß ich allein war. 

»Noch keine Nachricht von Ihrer Frau? Oh, das ist 

schrecklich, schrecklich.« 

Er war so ehrlich bekümmert, daß es mir das Herz 

erwärmte. »Wie kann jemand wünschen, Mrs. Temple 
etwas anzutun?« In diesem Moment entschloß ich 
mich, es darauf ankommen zu lassen und Tony Wyse 
ins Vertrauen zu ziehen. Mit der Art Schattenboxen, 
wie ich es bei Rostand und Schultz versucht hatte, 
kam ich nirgendwohin. 

»Suchen wir uns einen Tisch, wo wir sprechen 

können«, schlug ich vor. »Ich werde Ihnen alles 
erzählen.« 

»Ich habe einen Tisch im Speisesaal bestellt. Wir 

können sofort hineingehen, wenn es Ihnen recht ist.« 

Ich hatte eigentlich keinen Appetit, aber Wyse nö-

tigte mich, ein ausgewählt gutes Dinner zu verzehren, 
was sich am Ende als recht nützlich erwies, denn ich 
sollte noch jede einzelne Kalorie brauchen, ehe jene 
lange Nacht vorüber war. 

Während wir aßen, erzählte ich ihm fast die ganze 

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Geschichte: Wie wir Judy Wincott in Paris getroffen 
hatten; mein Versprechen, die Brille zu überbringen; 
die Serie von Morden, die sich an unsere Fersen 
geheftet hatte - in Paris, Nizza, Algier und hier in 
Tunis. Er hörte sehr aufmerksam zu, unterbrach mich 
nur selten mit einer kurzen Frage und erschien mir 
jetzt weit weniger als der oberflächliche Playboy wie 
bisher. 

»Eine ganz ungewöhnliche Geschichte«, sagte er, 

als ich geendet hatte. »Sie scheinen tatsächlich in eine 
sogenannte dicke Sache hineingeraten zu sein. Aber 
wie, um alles auf der Welt, kann eine Brille genug 
Wert haben, um fünf Morde zu rechtfertigen?« 

»Ich wäre ziemlich erleichtert, wenn ich Ihnen das 

verraten könnte.« 

»Es scheint sich hier um mehrere Banden zu han-

deln. Ich meine, Rostand und Schultz müssen Hand in 
Hand mit Leyland und der nun erdrosselten Audry 
Bryce gearbeitet haben. Constantin könnte ein Einzel-
gänger gewesen sein - falls er nicht mit Szoltan Gupte 
und O'Halloran zusammenhing. Das Wichtigste für 
Sie ist, zu wissen, welche Gruppe Steve gekidnappt 
hat - oh, Entschuldigung, ich meine Mrs. Temple.« 

»Sie haben eine Person ausgelassen.« 
»Ach, wen denn?« 
»Simone Lalange. Sie hat eine Art, ab und zu auf-

zutauchen, die nicht rein zufällig sein kann. Wo 
würden Sie sie einordnen?« 

»Simone?« Wyse blickte sehr jungenhaft und be-

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kümmert drein. »Sie glauben doch nicht ernstlich, daß 
Simone in alles das verwickelt ist?« 

»Ich vergaß, Ihnen zu erzählen, daß Steve, unmit-

telbar bevor wir Judy Wincott ermordet in dem 
Wandschrank fanden, vor der Zimmertür ein leeres 
Zündholzbriefchen mit den aufgedruckten Initialen S. 
L. vom Korridorboden aufgelesen hat. Genau solche 
Zündholzbriefchen führt Simone Lalange bei sich.« 

»Ach, das hat nichts zu bedeuten«, rief Wyse er-

leichtert aus. »Sie selbst erzählte mir, daß sie dieses 
Zimmer abgelehnt hat, weil es keinen Baderaum 
besitzt. Wahrscheinlich hat sie das leere Briefchen 
verloren oder achtlos fortgeworfen, als man ihr das 
Zimmer zeigte.« 

»Dennoch«, beharrte ich, »dürfte an Mademoiselle 

Lalange mehr sein, als man auf den ersten Blick 
sieht.« 

»Mr. Temple«, widersprach Wyse, »ich glaube, 

hier sind Sie auf dem Holzweg.« Er drückte seine 
Zigarette etwas zu schwungvoll in den Aschenbecher. 
»Ich wünschte, ich könnte Ihnen helfen. Gibt es nichts 
mehr, was Sie mir noch nicht erzählt haben? Furcht-
bar schade, daß Sie diese Brille nicht bei sich haben. 
Ich würde viel darum geben, wenn ich sie sehen 
könnte.« 

»Würden Sie das? Was halten Sie von einem Lunch 

mit meiner Frau und mir, morgen im Hotel Concorde? 
Dann werde ich sie Ihnen zeigen. Wir könnten auch 
Simone Lalange einladen.« 

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»Eine gute Idee«, begann Wyse begeistert. Dann 

zögerte er. »Aber Sie sagten, mit Ihrer Frau. Ange-
nommen, Mrs. Temple...« 

»Angenommen, ich habe sie bis dahin nicht gefun-

den? In diesem Fall würde ich Ihnen die Brille nicht 
zeigen können. Wenn die Entführer bis morgen früh 
keinen Vorschlag gemacht haben, werde ich die Brille 
in hunderttausend winzige Stückchen zerschlagen. 
Und wenn es Ihnen nichts ausmacht, möchte ich jetzt 
zurück ins Hotel.« 

»Ich habe ein Auto draußen«, sagte Wyse und 

winkte dem Kellner. »Ich fahre Sie in die Stadt.« 

 
Wahrscheinlich hätte ich Wyses Auto unter all den 

Wagen auf dem Hotelparkplatz auch dann herausge-
funden, wenn ich allein auf die Suche gegangen wäre. 
Es war ein kleiner englischer MG-Zweisitzer von 
erschreckend grellgrüner Farbe. 

Wyse entfernte mit geschickten Fingern die Lein-

wandplane, die die beiden engen Sitze schützte. 

»Etwas frische Luft wird Sie doch nicht stören? Ich 

kann natürlich auch das Verdeck hochklappen, wenn 
Sie es möchten.« 

»Mir ist frische Luft schon recht«, entgegnete ich 

und zwängte meine Beine nicht ganz mühelos in den 
dafür vorgesehenen schmalen Raum. 

Kiesbröckchen wurden in hohem Bogen durch die 

Luft gewirbelt, als wir im Schnellstart vom Parkplatz 
hinaus auf die Straße jagten, und die Reifen der 

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Hinterräder jaulten, sobald wir auf der Betonfahrbahn 
waren. Wyse malträtierte sein Auto rücksichtslos; bei 
jedem Gangschalten war die Beschleunigung so 
rapide, daß ich mich heftig gegen die Lehne meines 
Sitzes gedrückt fühlte. Das Motorengeräusch und das 
Sausen des Fahrtwindes machten eine Unterhaltung 
unmöglich. Ich langte mit einer Hand nach dem etwas 
beruhigend wirkenden Haltegriff neben der Armatu-
rentafel und versuchte, die Schönheit der vorüberra-
senden Landschaft im Scheinwerferlicht zu erkennen, 
soweit sich das machen ließ. 

Wir jagten die Hügelstraße von Sidi bou Said in 

wahrem Höllentempo hinab. Die weißen Luxusvillen 
reicher arabischer Kaufleute blieben hinter uns zurück 
wie Spukgebilde. 

Wyse schien außerordentlich beflissen, mir die 

Kurvensicherheit seines kleinen Autos zu zeigen. Er 
steuerte jede Kurve an, ohne das Tempo zu mindern, 
schnitt sie verwegen wie ein Rennfahrer und geriet 
dann häufig genug für ein Weilchen auf die Gegen-
fahrbahn. Wäre uns in einer dieser Kurven ein anderer 
Wagen begegnet, dann hätte es unvermeidlich zwei 
Autowracks sowie Tote und Schwerverletzte gegeben. 
Ich packte den Haltegriff fester und versuchte, mich in 
orientalischem Fatalismus zu üben. Das gelang nicht 
sehr gut, aber glücklicherweise begegnete uns an den 
kritischen Stellen kein anderer Wagen. 

Wieder einmal drehte Wyse bravourös das Lenkrad, 

wieder einmal hatte ich das Gefühl, mein linker 

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Ellbogen werde sogleich die Seitenwand des Autos 
durchbrechen. Da begann das Wagenheck nach außen 
zu schleudern. Wyse riß das Lenkrad entgegengesetzt 
herum, um das Schleudern aufzufangen. Aber seine 
Maßnahme blieb ohne Einfluß auf das Verhalten des 
Autos. Ich sah ihn wie verrückt am Lenkrad arbeiten, 
das plötzlich keinen Widerstand mehr zu haben 
schien. Das Auto wirbelte wild und wurde dabei durch 
seinen eigenen Schwung gegen den flachen Straßen-
graben und die dahinter aufsteigende Böschung 
getragen. Mit dem Heck voraus überwand es den 
Straßengraben und prallte gegen die grasbewachsene 
Böschung. Der Aufprall war so stark, daß wir fast aus 
den Sitzen geworfen wurden. Da die Vorderräder 
noch auf der Straße waren, als das Heck jenseits des 
Grabens einen halben Meter tiefer gegen die Bö-
schung geriet, hob der Schwung das Vorderteil des 
Autos, so daß ich plötzlich die Motorhaube fast 
senkrecht über mir in die Luft ragen sah und mich 
instinktiv in meinem Sitz zusammenduckte. Einen 
Moment lang stand das Auto auf seinem Heck, dann 
kippte es langsam um, wobei es sich halb um seine 
Längsachse drehte, und blieb mit den Rädern nach 
oben liegen. 

Der Graben bewahrte uns davor, unter dem Auto 

zerquetscht zu werden, denn es lag nun mit der 
Motorhaube auf der Straße und mit dem Heck auf der 
jenseitigen Grabenböschung, so daß wir uns unter den 
flachen Türen hindurch ins Freie zwängen konnten. 

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Während ich dies noch tat, hörte ich Benzin aus dem 
leckgewordenen Tank tropfen und hatte das unange-
nehme Gefühl, daß das Autowrack jeden Moment 
explodieren könnte. Als ich mich draußen aufrichtete, 
sah ich Wyse auf der anderen Seite dasselbe tun. 

»Puh! Das war nahe daran!« rief er aus und starrte 

zurück zu den korkenzieherartig gewundenen Reifen-
spuren auf der Straße. »Ich bin nicht zu schnell 
gefahren, wissen Sie«, fügte er hinzu. »Ich hätte das 
Schleudern leicht auffangen können, aber das Lenkrad 
ging plötzlich leer!« 

Die Tatsache, daß er sich selbst und mich um ein 

Haar zu Tode gefahren hätte, schien ihm weniger 
wichtig als der Nachweis, nicht für das Unglück 
verantwortlich zu sein. Ich nehme an, der Mitfahrer, 
der nichts tun kann, als hilflos zuzusehen, hat bei 
solchen Gelegenheiten immer die schlechteste Zeit. 

Ich ging weit genug von dem verunglückten Auto 

fort, um mir in Sicherheit eine Zigarette anzünden zu 
können. Wyse war noch einmal halb unter das Auto 
gekrochen und hatte eine Taschenlampe aus dem 
Handschuhfach geholt. Ich sah ihn damit die Vorder-
achse des Wagens untersuchen. Nach einigen Minuten 
kam er zu mir, sehr nachdenklich dreinblickend, und 
sagte: »Jemand scheint uns nicht ganz freundlich 
gesonnen zu sein. Das war ein Stück wohlüberlegter 
Sabotage.« 

»Wie meinen Sie das?« 
»Der Lenkschenkel war aus seiner Lagerung gelöst 

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und wurde nur von einem Stück Draht gehalten, das 
bei etwas stärkerem Druck reißen mußte.« 

Wir hatten das Glück, von einem leer aus Sidi bou 

Said zurückkehrenden Taxi nach Tunis gebracht zu 
werden. Wyse setzte mich beim Hotel Concorde ab, 
ehe er sich zu einer Werkstatt fahren ließ, die für das 
Abschleppen seines Autos sorgen sollte. 

»Vergessen Sie nicht«, rief er mir durch das Fenster 

des startenden Taxis zu, »wir sind für morgen zum 
Lunch verabredet! Sie haben Ihr Versprechen doch 
nicht vergessen?« 

»Ich halte meine Versprechen immer«, rief ich ihm 

nach. 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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Sir Graham Forbes hatte noch keine fünf Minuten 

gewartet, als ich ihn im Schreibzimmer des Hotels 
fand, seine Brille auf der Nase und einen maschinen-
geschriebenen Bericht auf den Knien. 

»Entschuldigen Sie, daß ich Sie warten ließ, Sir 

Graham. Ich hatte auf dem Heimweg einen kleinen 
Unfall.« 

»Ich freue mich, Sie zu sehen, Temple.« Sir Gra-

ham kam mir mit ausgestreckter rechter Hand entge-
gen. 

Einen Moment lang waren wir beide betreten. Wir 

hatten uns schon an vielen gewohnten und ungewohn-
ten Orten getroffen, aber fast immer war noch eine 
andere Person dabeigewesen, deren Fehlen uns jetzt 
schmerzlich bewußt wurde - Steve. 

»Ich bin froh, daß Sie gekommen sind«, sagte ich. 

»Ich habe einen guten Freund jetzt sehr nötig.« 

»Ich verstehe. Wo können wir ungestört sprechen?« 
»Unsere Suite wäre am besten geeignet, denke ich.« 
Das Hotelfoyer war fast verlassen, als wir zum Lift 

gingen. Als äußerst respektables Hotel kam das 
›Concorde« jeden Abend zeitig zur Ruhe. 

»Übrigens versprach ich dem Empfangschef, Ihnen 

eine Nachricht zu übermitteln«, sagte Sir Graham im 
Lift zu mir. »Seit zehn Uhr hat jede Viertelstunde ein 
Mann angerufen und nach Ihnen gefragt. Ein gewisser 
Leyland.«  

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»Leyland? Was will er?« 
»Das hat er anscheinend nicht verraten. Fragte wohl 

nur immer, ob Mr. Temple noch nicht zurück wäre.« 

»Weiß man, von wo er telefonierte?« 
»Das glaube ich nicht. Der Mann wollte nicht viel 

sagen.« 

»Nun, wenn er wieder anruft, kommt das Gespräch 

ja in meine Suite.« 

Als wir den Etagenkorridor entlanggingen, sah ich, 

daß die Tür zu Audry Bryces Suite offenstand und das 
Zimmermädchen das Bett neu bezog. Ich blieb an der 
Tür stehen und fragte das Zimmermädchen, wann die 
Suite freigeworden wäre. 

»Kurz nach der Abendessenszeit, Monsieur. Ma-

dame Bryce bleibt bei Freunden. Der Chauffeur kam, 
um ihr Gepäck zu holen.« 

»Sehr gründlich«, murmelte ich, als ich mich wie-

der zu Forbes gesellte und meinen Schlüssel ins 
Türschloß schob. 

»Was denn?« 
»Das erkläre ich Ihnen später, Sir Graham.« 
Ich schloß die Tür hinter uns und verriegelte sie. 

Dann zog ich die Jalousie der Balkontür hoch, um 
etwas frische Abendluft einzulassen. Forbes nahm in 
einem der Sessel Platz, während ich zum Telefon 
ging, um den Empfang anzurufen. 

»Falls jetzt Gespräche für mich kommen, lassen Sie 

sie bitte in meine Suite durchstellen. Erinnern Sie sich 
an das Briefkuvert, das ich Ihnen zur Aufbewahrung 

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gab? Würden Sie es mir bitte von einem Pagen 
heraufbringen lassen?« 

Ich wandte mich wieder Sir Graham zu, der seinen 

Tabaksbeutel herausgeholt hatte und mit dem Stopfen 
einer Pfeife beschäftigt war. 

»Nun, Sir Graham, wie lautet die Lösung dieses 

Rätsels? Ist es nicht wahr, daß Ihr Arzt Ihnen voll-
kommene Ruhe verordnet hatte?« 

»Ich fürchte, das war ein Märchen, Temple. Ich 

wollte nicht viel über das sprechen, was ich tat. Die 
Wahrheit ist, daß ich in Zusammenarbeit mit der 
Interpol während der letzten Zeit in Paris gewesen 
bin.« 

»Sie sagten mir am Telefon, Sie seien wegen einer 

Brille hierhergekommen. Würde es Ihnen etwas 
ausmachen, dies ein wenig näher zu erläutern?« 

Forbes paffte ein paar Sekunden lang an seiner 

Pfeife; das Zündholzflämmchen über dem Pfeifenkopf 
tanzte auf und nieder. 

»Ich wollte mir eigentlich einiges von Ihnen erläu-

tern lassen, Temple. Habe ich recht, wenn ich sage, 
daß Ihnen in Paris eine Brille übergeben wurde, durch 
die Sie in eine Reihe von Unannehmlichkeiten 
gerieten?« 

»Unannehmlichkeiten? Das verdient einen Preis für 

Untertreibung, Sir Graham. Etliche Leute wurden 
ermordet, zum Teil fast direkt vor unseren Nasen, 
man versuchte, Steve und mich mit einem Motorboot 
zu überrennen, ich bin mit Erschießen bedroht worden 

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 223

und entging heute abend bei einem Autounglück wie 
durch ein Wunder dem Tod, während meine Frau seit 
heute vormittag verschwunden ist. Und das nennen 
Sie Unannehmlichkeiten?« Forbes hatte inzwischen 
aus seiner Pfeife so gewaltige Rauchwolken emporge-
schickt, daß die Zimmerdecke über ihm nur noch 
undeutlich zu sehen war. »Würden Sie so nett sein, 
mir zu verraten«, fuhr ich fort, »was Sie über alles 
dies schon wissen?« 

»Die Interpol ist eine großartige Organisation«, 

erklärte er. »Wir haben Ihre Abenteuer verfolgt, seit 
Sie in Nizza von Monsieur Mirabel befragt wurden. 
Ein kluger Mann, dieser Mirabel, sehr -« 

Er unterbrach sich, da an der Tür geklopft wurde. 

Ich ging hin, machte sie auf und gab dem Pagen, der 
mir das Kuvert mit dem Stadtplan überreichte, ein 
Trinkgeld. Sir Graham hob wißbegierig die Augen-
brauen, aber als er sah, daß ich darauf wartete, mehr 
zu hören, räusperte er sich und fuhr fort: »Ihre un-
glücklichen Erlebnisse hängen, wie sich ergab, mit 
einem Fall zusammen, an dem ich bei der Interpol 
mitarbeite. Sie haben natürlich von den Melrose-
Juwelen gehört?« 

»Wer hätte das nicht? Eine der wertvollsten priva-

ten Sammlungen. Sie wurde Ende vorigen Jahres aus 
dem Schloß des Herzogs von Melrose gestohlen. Die 
Neuigkeit machte damals Sensation. Hatten nicht die 
Räuber einen Tunnel von einem nahen Bauernhaus 
unter der Schloßmauer hindurch direkt bis zu der im 

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Keller gelegenen Familienschatzkammer getrieben?« 

»Ja. Ein sehr waghalsiges und raffiniert geplantes 

Unternehmen. Der Raub wurde erst vier Tage später 
entdeckt. Der Wert der Beute lag nahe bei einer 
halben Million Pfund.« 

»Und das ist der Fall, an dem Sie zusammen mit 

der Interpol arbeiten?« 

»Ja. Die Tat wurde von einer Bande ausgeführt, 

aber der leitende Kopf war ein Mann namens 
Leather.« 

»Leather?« 
»Adrian Leather. Ein internationaler Verbrecher. 

Sie kennen den Namen?« 

»Ja, ich kenne ihn. Entschuldigen Sie bitte, daß ich 

Sie unterbrach.« 

»Nun, sie schafften die Beute aus Großbritannien 

fort, und wir wissen noch nicht, wie. Aber wir wissen, 
daß sie damit bis nach Tunesien kamen, ehe ihnen die 
Verfolger  zu  nahe rückten. Leather versteckte die 
Juwelen und machte sorgfältige Aufzeichnungen über 
das Versteck. Die Mitglieder der Bande waren über-
eingekommen, die Beute aufzuteilen und zu warten, 
bis ein wenig Gras über die Sache gewachsen wäre, 
ehe sie anfangen würden, die einzelnen Stücke zu 
verkaufen. Aber was nützen die schönsten Absichten, 
wenn etwas dazwischenkommt? Vor drei Monaten 
wurde Leather auf einer Pariser Straße von einem 
Auto überfahren und erlitt schwere innere Verletzun-
gen, denen er drei Tage später in einem Pariser 

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Krankenhaus erlag. Während dieser Zeit wich eine 
ihm offenbar sehr zugetane Frau nicht von seinem 
Bett -« 

»Mrs. Audry Leather«, warf ich ein. 
»Nein«, entgegnete Forbes. »Das stimmt nicht. Es 

war ein Mädchen namens Diana Simmonds.« 

»Diana Simmonds! Das ist ja das Mädchen, das 

ermordet in der Abfalltonne des Pariser Hauses 
gefunden wurde, in dem wir wohnten!« 

»Richtig. Und nun das Interessanteste -« 
Forbes hielt inne, weil das Telefon klingelte. Ich 

ging hin und nahm den Hörer auf. 

»Temple.« 
»Hier spricht der Empfangschef, Mr. Temple. Ein 

Mr. Leyland ist hier und möchte Sie sprechen.« 

»Was? Er ist hier im Hotel?« 
»Ja, Mr. Temple.« 
»Sagen Sie ihm bitte, er möchte heraufkommen.« 
»Sehr wohl, Mr. Temple.« 
Während der knappen Minute, die Leyland unge-

fähr brauchen mochte, um mit dem Lift in die dritte 
Etage zu kommen, informierte ich Sir Graham in 
kurzen Zügen, wie dieser Mann in die Sache paßte. 
Ich wollte eben die Zimmertür aufschließen, als ich 
von draußen das vertraute Geräusch der sich öffnen-
den Lifttüren vernahm. Fast unmittelbar danach 
erkannten wir beide, Sir Graham und ich, einen Ton, 
den niemand vergißt, der ihn einmal gehört hat - das 
trockene Husten einer Pistole mit Schalldämpfer. Es 

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dauerte vielleicht eine Sekunde, bis wir den Zusam-
menhang begriffen, und weitere zwei oder drei 
Sekunden, bis ich die Tür aufgeschlossen und geöff-
net hatte. 

Nahe dem Lift lag Sam Leyland gekrümmt am 

Boden, mit einer Hand nach seinem Rücken tastend. 
Die Lifttüren schlossen sich mit leisem Fauchen; ich 
konnte nicht mehr sehen, wer in der Kabine war. 

»Telefonieren Sie zum Foyer«, rief ich zu Sir Gra-

ham zurück. »Wer mit dem Lift hinabkommt, muß 
festgehalten werden!« 

Ich eilte zu Sam Leyland, ließ mich neben ihm auf 

ein Knie nieder und sah zu meinem Erstaunen, daß er 
versuchen wollte aufzustehen. 

»Vorsichtig!« mahnte ich ihn. »Keine unnötige 

Bewegung!« 

»Kümmern Sie sich nicht um mich«, keuchte er. 

»Schnappen Sie diesen Bastard.« 

Ich eilte zurück zum Zimmer und prallte in der Tür 

mit Sir Graham zusammen. 

»Hab' beim Empfang Bescheid gesagt«, berichtete 

er. »Sie werden jeden festhalten, der aus dem Lift 
kommt.« 

Über seine Schulter hinweg sah ich den Telefonhö-

rer noch neben dem Apparat auf dem Tisch liegen. 

»Helfen Sie mir, ihn hereinzuholen und auf mein 

Bett zu legen.« 

Gemeinsam trugen wir Leyland in das Zimmer und 

legten ihn auf mein Bett. Während Forbes ans Telefon 

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zurückkehrte, streifte ich Leyland die Jacke ab und riß 
ihm das Hemd am Rücken auf. Der Einschuß befand 
sich unmittelbar unterhalb seiner linken Rippenpartie. 
Die Kugel hatte wahrscheinlich seine linke Niere 
getroffen. 

»Die Schweine müssen es besser machen, wenn sie 

Sam Leyland stoppen wollen«, knurrte mein Patient. 
»Der Feigling hat mich in den Rücken geschossen!« 

»Sahen Sie, wer es war?« 
»Nein. Aber bestimmt einer von Rostands Schur-

ken. Oh, ich möchte mal drei Minuten allein mit 
Rostand im Boxring stehen. Au, verdammt -« 

Er hatte versucht, sich herumzudrehen, es aber 

schnell wieder unterbrochen. Sir Graham legte den 
Telefonhörer auf. 

»Der Lift ist nicht bis zum Parterre hinabgefahren«, 

sagte er. »Unser Mann muß in der zweiten oder in der 
ersten Etage ausgestiegen und über die Feuertreppe 
oder durch den Hinterausgang entkommen sein. Das 
Hotel telefoniert nach einem Rettungswagen und mit 
der Polizei. Wie geht's dem Patienten?« 

»Nicht so schlecht«, keuchte Leyland. »Bin viel-

leicht auf die Bretter gegangen, aber noch nicht k. o. 
Komische Sache, wissen Sie - es schmerzt gar nicht 
sehr. Ein bißchen so, als habe mir ein ziemlich matter 
Gaul einen Hufschlag in den Rücken versetzt. Aber 
merkwürdig kalt ist mir.« 

»Das kommt von dem Schock. Wenn er abklingt, 

werden Sie die Kugel spüren.« 

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»Mr. Temple -« 
»Ja?« 
»Ich kam hierher, um Ihnen was zu sagen. Das paßt 

denen nicht, aber deswegen sag' ich's verdammt doch. 
Wenn Sie Ihre Frau wiedersehen wollen, geben Sie 
Rostand die Brille.« 

»Haben Sie Steve gesehen? Wissen Sie, wo sie 

ist?« 

In meiner Erregung packte ich ihn fester beim Arm, 

als ich es beabsichtigte. 

Er machte einen lahmen Versuch, meine Hand 

abzuschütteln, und sagte, als ich wieder losließ: »Nee, 
mein Freund, ich weiß nicht, wo sie sie jetzt versteckt 
halten. Aber ich weiß, daß sie lebt und daß man ihr 
kein Haar gekrümmt hat. Was mehr ist, als sich von 
der armen Audry Bruce sagen läßt. Diese Sache hat 
mich abspringen lassen. Mord liegt nicht auf meiner 
geschäftlichen Linie.« 

»Welches ist Ihre geschäftliche Linie, Leyland?« 
»Na, wissen Sie, ich hab ja schon allerlei gemacht. 

Aber dieses Angebot von Rostand war das beste, das 
ich jemals hatte. Eine Brille klemmen - viertausend 
Pfund!« 

»Wissen Sie, warum Rostand die Brille unbedingt 

haben will?« 

»Nee, mein Freund. Ich bin nicht dafür, zu viele 

Fragen zu stellen. Sagen Sie mal, würde es mir 
schaden, wenn ich eine Zigarette rauche?« 

Mit meiner Hilfe drehte er sich vorsichtig auf den 

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Rücken. Ich zündete eine Zigarette für ihn an und 
steckte sie ihm zwischen die Lippen. 

»Hat Ihnen Ihre Motorbootfahrt in der Bucht von 

Nizza Spaß gemacht?« fragte ich in beiläufigem Ton. 
»Das kam dicht an Mord heran, nicht wahr?« 

»Rostand hatte diese Idee, nicht ich«, antwortete 

Leyland kleinlaut. »Er dachte, Sie hätten die Brille an 
die Polizei abgeliefert und sollten dafür einen Denk-
zettel bekommen.« 

»Demnach war Rostand auch in Nizza? Erzählen 

Sie mir, Sam - was geschah wirklich in der Villa 
Negra? Warum wurde Thompson zusammengeschla-
gen und erschossen?« 

Leyland zog heftig an seiner Zigarette. Ich sah, daß 

die Wunde ihn zu schmerzen begann. Sein Gesicht 
nahm eine häßliche graue Farbe an, und seine Stimme 
kam immer stockender. Ich hoffte, der Rettungswagen 
würde bald eintreffen. 

»Will nicht direkt sagen, daß er verdient hatte, was 

er kriegte. Aber er war zu geldgierig. Einhundert 
Pfund, um sich als David Foster auszugeben! Nach-
dem er Sie im Hotel Aletti angerufen hatte, wollte er 
den Preis steigern. Rostand sah es anders.« 

Forbes hatte vom Balkon auf die Straße hinabgese-

hen. Aus der Art, wie er jetzt ins Zimmer zurückkehr-
te, erkannte ich, daß der Rettungswagen eingetroffen 
war. 

»Noch etwas, Sam. Habe ich recht mit der Vermu-

tung, daß Rostand und Schultz zusammenarbeiten?« 

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»Jetzt ja. Vor dem Abend, an dem Sie in der Villa 

Negra waren, kannten sie sich zwar, arbeiteten aber 
nicht zusammen, sondern waren, wie man im Ge-
schäftsleben sagt, eher Konkurrenten. Dann taten sie 
sich zusammen.« 

»Sahen Sie je etwas von Constantin oder O'Hallo-

ran oder einem gewissen Szoltan Gupte?« 

Sam Leyland runzelte die Stirn und versuchte sich 

zu erinnern. Plötzlich ächzte er mit schmerzverzerr-
tem Gesicht: »Bei Gott, mir ist, als habe ich ein 
glühendes Messer im Rücken! - Nein, ich sah nie 
einen von ihnen. Nach der Art, wie Rostand über sie 
sprach, gehören sie zu einer anderen Bande.« 

Vom Etagenkorridor erklangen Stimmen und auch 

einiges Geklapper, als würde ein sperriger Gegenstand 
aus dem Lift geholt. Sam Leyland legte mir eine Hand 
auf den Arm. 

»Werden Sie bei der Polizei ein gutes Wort für Sam 

Leyland einlegen? Ich habe getan, was ich konnte, um 
Ihnen zu helfen.« 

Im nächsten Moment stürmte Renouk mit seinem 

Gefolge herein. Die Männer vom Rettungswagen 
transportierten Leyland ziemlich bald von dannen. 
Aber Renouk konnten wir erst loswerden, nachdem 
wir ausführlich unsere Wahrnehmungen bei dem 
Überfall auf Leyland berichtet hatten. Von den 
Informationen, die Leyland mir gegeben hatte, teilte 
ich ihm das mit, was ihm nützlich sein konnte. 

Mit einer gewissen Erleichterung sahen Sir Graham 

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Forbes und ich schließlich die Tür hinter dem letzten 
Polizeibeamten zugehen. 

»Die Dinge beginnen in Bewegung zu kommen«, 

sagte Forbes. »Ich denke, Renouk wird bald sein Netz 
auswerfen.« 

»Doch unserem Hauptanliegen sind wir noch nicht 

näher gekommen, Sir Graham.« 

»Steve? Nein, da haben Sie recht. Aber die Gegen-

seite muß bald einen Schachzug tun, das ist unver-
meidlich. Und welcher Zug das auch sein mag - 
unsere Pläne stehen fest. Was Sie zu entscheiden 
haben, Temple, ist die Frage, ob Sie diesen Leuten die 
Brille gegen eine sichere Rückkehr Ihrer Frau überlas-
sen wollen.« 

»Das zu tun, bin ich nicht in der Lage, Sir Graham. 

Nicht vor zehn Uhr morgen vormittag. Die Brille liegt 
bei der hiesigen Filiale von Lloyds Bank in der 
Stahlkammer.« 

Sir Graham Forbes erlaubte sich die seltene Ge-

fühlsäußerung, einen leisen Pfiff ertönen zu lassen. 

»Das gibt den Dingen ein ganz anderes Aussehen. 

Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?« 

»Das ist eine lange Geschichte«, warnte ich ihn. 
»Trotzdem möchte ich sie hören.« 
Ich gab also eine vollständige Schilderung alles 

dessen, was sich seit meiner ersten Begegnung mit 
Judy Wincott im Café Fouquet in Paris zugetragen 
hatte. Sir Graham hörte aufmerksam zu, ohne ein 
einziges Mal zu unterbrechen, und machte sich 

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gelegentlich Notizen. Als ich geendet hatte, ging er 
mit mir die Liste der notierten Fragen durch, um die 
Einzelheiten zu klären, über die er im Zweifel war. 

Schließlich sagte er: »Nun ist alles klar, denke ich. 

Und ich stimme mit Ihrer Vermutung überein, wel-
ches unter den gegebenen Umständen Rostands 
nächster Schachzug sein wird. Nun, ich habe meine 
eigenen Ideen, Temple. Aber in Anbetracht der 
Tatsache, daß Steve das Pfand ist, denke ich, es liegt 
an Ihnen, vorzuschlagen, was getan werden soll.« 

»Gut«, erwiderte ich und breitete den Stadtplan von 

Tunis aus, den ich an Bord der Jacht gefunden hatte. 
»Hören Sie, was ich vorschlage. Meine Ansicht ist, 
daß die roten Kreise auf dem Stadtplan die verschie-
denen Gebäude bezeichnen, an denen die Bande 
interessiert ist. Zum Beispiel sind dieses Hotel und 
das ›Haus künstlerischer Raritäten‹ rot umkreist. Die 
Kreuze zeigen an, wo gewisse Dinge passieren sollten 
oder passierten. Ich glaube, das Kreuz in der Avenue 
de Rome markiert zum Beispiel die Stelle, an der 
Steve entführt wurde.« 

»Ich schließe mich Ihrer Meinung an. Wäre es nicht 

ratsam, die Polizei zu bitten, sich unverzüglich mit 
allen diesen Gebäuden zu befassen?« 

»Mit Steve in einem dieser Gebäude?« 
Forbes gab durch eine Kopfbewegung zu verstehen, 

daß er meinen Einwand anerkannte. 

»Nein«, fuhr ich fort. »Mein dringlichstes Verlan-

gen ist, dorthin zu gehen, wo Steve sich befindet, und 

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bei ihr zu sein, wenn der Ballon hochgeht. - Was 
würden Sie tun, Sir Graham, wenn Sie an Rostands 
Stelle wären?« 

Er räusperte sich zweimal und rieb sein Kinn. Dann 

befühlte er die linke Seitentasche seines Jacketts, und 
ich wußte, daß ich gleich wieder sein ganzes Zeremo-
niell mit der Pfeife erleben würde. 

»Nun«, sagte er nach kurzem Überlegen, »da ich - 

an Rostands Stelle - Ihnen im Hotel Tunesia begegnet 
bin und weiß, daß die Polizei binnen kurzem ganz 
Tunis auf den Kopf stellen dürfte, würde ich befinden, 
daß unverzüglich etwas zu geschehen hat. Da ich Ihre 
Nerven hinreichend strapaziert habe, würde ich 
wissen, daß Sie sehr zappelig sind. Ich würde bis in 
die frühen Morgenstunden warten, wenn die Moral 
eines Mannes am tiefsten steht, und Sie dann unter 
Druck setzen.« 

»Und wie würden Sie das tun? Telefonisch?« 
»Ja. Aber ich würde wissen, daß jeder an Sie ge-

langende Anruf von der Polizei zurückverfolgt 
werden kann. Ich würde Sie also aus einer abgelege-
nen Telefonzelle anrufen und Ihnen sagen, daß, wenn 
Sie Ihre Frau lebendig wiedersehen wollen, Sie sich 
lieber schleunigst mit der Brille an einem von mir 
benannten Punkt einzufinden hätten.« 

»Das ist es, was ich auch denke. Und wenn dieser 

Anruf kommt, werde ich zweifellos sehr schnell 
handeln müssen. Ihnen wird es überlassen bleiben, 
den Gegenangriff zu organisieren. Wenn Sie den 

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Anruf zurückverfolgt haben, können Sie auf dem 
Stadtplan die Lage der Telefonzelle feststellen und 
entscheiden, bei welchem der markierten Häuser Sie 
Ihr Glück versuchen wollen. Aber ich verlasse mich 
darauf, daß Sie Renouk von der Veranstaltung eines 
Artillerieduells abhalten werden -« 

»Sie gehen ein großes Risiko ein«, unterbrach For-

bes nachdenklich. »Noch etwas. Dürfte unser Freund 
Rostand nicht ziemlich rauh werden, wenn er findet, 
daß Sie mit leeren Händen gekommen sind?« 

Ich antwortete nicht, sondern sah Sir Graham fra-

gend an. 

»Was gucken Sie so?« 
»Sir Graham -« 
»Ja?« 
»Wäre es Ihnen sehr unangenehm, sich für einige 

Zeit von Ihrer Brille zu trennen?« 

Er schaute mich noch sehr verwundert an, als das 

Telefon klingelte. Wir beide sahen schnell zu dem 
Apparat. Dann ging ich hin, um das Gespräch anzu-
nehmen. Ich hatte im Lauf des Tages so viele Anrufe 
bekommen, daß ich mir einzureden versuchte, dieser 
hier sei nicht der entscheidende. Aber als ich den 
Hörer aufnahm, war er wie ein lebendiges Etwas in 
meiner Hand. 

»Temple.« 
»Hören Sie, Temple. Sie wollen Ihre Frau wieder-

sehen - lebendig?« 

»Ja.« 

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»Dann hören Sie aufmerksam zu, und befolgen Sie 

meine Instruktionen schnell und genau.« Die Stimme 
klang gedämpft und so tief, als spreche der Anrufer 
durch ein Taschentuch und mit absichtlich veränderter 
Tonlage. »Sie werden die ganze Zeit beobachtet. Falls 
Sie versuchen, uns zu täuschen oder irgendwie 
Kontakt mit der Polizei aufzunehmen, wird Ihre Frau 
im Sterben liegen, wenn Sie zu ihr kommen. Haben 
Sie mich verstanden?« 

»Ja. Weiter.« 
»Haben Sie die Brille bei sich?« 
»Ja.« 
»Ich hoffe, Sie sagen die Wahrheit. Innerhalb zehn 

Sekunden nach Ende dieses Gesprächs werden Sie Ihr 
Hotelzimmer und innerhalb weiterer dreißig Sekunden 
das Hotel selbst verlassen. Gegenüber dem Hotel auf 
der anderen Straßenseite wartet ein Taxi. Da steigen 
Sie ein. Verstanden?« 

»Ja.« 
»Demnach haben Sie vierzig Sekunden von jetzt 

an.« 

Es klickte in der Leitung, und die Verbindung war 

beendet. Ich beobachtete den Sekundenzeiger meiner 
Uhr. 

»Die Stimme habe ich nicht erkannt«, sagte ich 

schnell zu Sir Graham. »Ich muß mich sehr beeilen. 
Leihen Sie mir bitte Ihre Brille?« 

Etwas traurig dreinblickend, gab Forbes sie mir. 

Mit ihrem starken Rahmen und den breiten Seitenste-

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gen sah sie der anderen Brille verblüffend ähnlich. Ich 
steckte sie hinter das Taschentuch in meiner äußeren 
Brusttasche. 

»Alles übrige liegt bei Ihnen«, sagte ich zu Sir 

Graham. »Viel Glück.« 

»Viel Glück für Sie, Temple«, erwiderte er, seine 

linke Hand auf meiner Schulter. 

Zwölf Sekunden nach Ende des Anrufes eilte ich in 

den Etagenkorridor hinaus. Dies bedeutete, daß ich 
auf meinem Weg zum Hotelausgang zwei Sekunden 
aufzuholen hatte. Daß mein unbekannter Anrufer 
meinte, was er gesagt hatte, war nicht zu bezweifeln. 
Rostand war gründlich genug, um die kürzestmögli-
che Zeit erprobt zu haben, in der man von der dritten 
Etage zum Hotelausgang gelangen konnte. 

Da der Lift im Erdgeschoß stand, mußte ich die 

Treppe benutzen. Ich sprang immer vier Stufen auf 
einmal hinab. 

Ich hatte noch acht Sekunden Zeit, als ich das Erd-

geschoß erreichte. Das Foyer war jetzt verlassen, aber 
da das ›Concorde‹ einen Vierundzwanzig-Stunden-
Service bot, weilte ein Hotelbediensteter hinter dem 
Empfangstisch. Er staunte nicht schlecht, als er mich 
durch das Foyer spurten sah. Vor der gläsernen 
Drehtür mußte ich mein Tempo mäßigen. Da hörte ich 
ihn rufen: »Mr. Temple! Oh, Mr. Temple!« Ich ließ es 
unbeachtet. 

Einen Moment lang blieb ich unter dem Baldachin 

stehen, der vom Hotelausgang bis zur Bordschwelle 

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reichte. Ich hatte genau vierzig Sekunden gebraucht. 
Die Straße war keineswegs völlig verlassen; in den 
Cafés brannte noch Licht, und auf den Gehsteigen 
tummelten sich verhältnismäßig viele Leute. Tunis 
war um diese nächtliche Stunde längst nicht so tot wie 
zum Beispiel London. An dem Taxiplatz unfern des 
Hotels warteten vier oder fünf Taxis. Und auf der 
anderen Straßenseite sah ich das angekündigte Taxi 
stehen. Das Gesicht des Fahrers war mir zugewendet. 
Als ich mich seinem Taxi näherte, griff er mit einer 
Hand nach hinten und öffnete die rückwärtige Tür. 

Kein Wort wurde gewechselt, als ich einstieg und 

die Tür hinter mir schloß. Der Motor des Taxis lief 
bereits. Der Fahrer brauchte nur noch in den ersten 
Gang zu schalten und abzufahren. Es überraschte 
mich, daß ich sehen durfte, wohin die Fahrt ging. 

Das Taxi brachte mich in nördlicher Richtung 

durch ein Gewirr kleiner Straßen, deren letzte in einen 
breiten Boulevard mit Mittelpromenade mündete. 
Nachdem wir diesen Boulevard, auf dem gar kein 
Verkehr mehr herrschte, ein Stück entlanggefahren 
waren, lenkte der Fahrer das Taxi an die Bordschwelle 
und stoppte. 

»Hier steigen Sie aus«, sagte er zu mir. »Gehen Sie 

in der Fahrtrichtung weiter. Halten Sie sich nahe der 
Bordschwelle. Sie dürfen weder stehenbleiben noch 
mit jemandem sprechen.« 

»Wieviel schulde ich Ihnen?« fragte ich beim Aus-

steigen. Er ging auf diesen Scherz nicht ein, sondern 

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knurrte ein Schimpfwort und fuhr los, um in der 
nächsten Querstraße zu verschwinden. 

Ich begann den anscheinend endlosen Boulevard 

entlangzugehen. Als ich ungefähr zehn Minuten 
gegangen war, bemerkte ich, daß ein Baum, den ich 
passieren wollte, von den Lichtern eines hinter mir 
näher kommenden Autos getroffen wurde. Dann sah 
ich auch, wie mein eigener Schatten immer dunkler 
wurde. Schließlich überholte mich, dicht neben der 
Bordschwelle und ziemlich langsam fahrend, ein 
großer amerikanischer Straßenkreuzer und stoppte ein 
paar Schritte vor mir. Die Tür zu den Fondsitzen ging 
auf, und eine Stimme sagte: »Steigen Sie ein.« 

Da der Straßenkreuzer ziemlich niedrig war, mußte 

ich zum Einsteigen Kopf und Schultern beugen und 
bekam im nächsten Moment einen weiten, rauhen 
Sack darübergestülpt. Zwei kräftige Hände zogen 
mich vorwärts und abwärts, zwei andere kräftige 
Hände drückten mich auf den Wagenboden. Ich hörte 
die Tür zufallen. 

»Versuchen Sie keinen Widerstand«, warnte eine 

gefährlich klingende Stimme. -»Bleiben Sie da, wo 
Sie jetzt sind.« 

Ich machte es mir so bequem wie möglich, befolgte 

die erhaltenen Anweisungen und spürte, wie der 
Wagen immer schneller fuhr. Es war gut, daß ich 
nicht versucht hatte, mich von Polizisten verfolgen zu 
lassen. Durch Rostands geschickte Entführungsme-
thoden wäre jeder Verfolger entdeckt worden. Meiner 

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Schätzung nach waren seit dem Anruf etwa zwanzig 
Minuten vergangen. Ich fragte mich, wieviel Glück 
Forbes mit der Feststellung haben mochte, woher der 
Anruf gekommen war. 

Mit dem Sack über dem Kopf fiel es mir schwer, zu 

schätzen, wie lange die Fahrt dauerte. Nach den vielen 
Kurven, die wir eine Zeitlang fuhren, war zu vermu-
ten, daß der Fahrer alles tat, um sich gegen etwaige 
Verfolgung zu schützen. Dann gab es einen so langen 
Abschnitt schneller Geradeausfahrt, daß ich fürchtete, 
wir wären auf irgendeiner Landstraße schon längst 
über die Grenzen des Stadtbezirkes von Tunis und 
damit des Stadtplanes hinaus, den ich Sir Graham 
Forbes gegeben hatte. 

Schließlich verminderte der Wagen sein Tempo 

und rollte über eine gewundene Straße mit Kopfstein-
pflaster. Nachdem er noch ein paar scharfe Wendun-
gen gemacht hatte, stoppte er. Ich hörte jemanden 
aussteigen, ein paar Schritte gehen und gegen ein 
hölzernes Tor klopfen, das gleich darauf entriegelt 
und geöffnet wurde. Der Wagen fuhr noch einmal 
zwanzig oder fünfundzwanzig Meter, dann kam er zu 
einem endgültigen Halt. Meine zwei Bewacher auf 
den Fondsitzen öffneten die Tür, und ich wurde 
buchstäblich hinausgereicht. Widerstand zu versuchen 
hätte keinen Sinn gehabt, denn die beiden neuen 
Händepaare waren nicht weniger kräftig als die, die 
mich in den Wagen gezerrt und zu Boden gedrückt 
hatten. Noch mit dem Sack über dem Kopf, wurde 

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ich, an beiden Armen gehalten, über eine kurze 
Treppe und durch einen Korridor in ein Zimmer 
geführt. 

Dort zog man mir den Sack vom Kopf. 
»Setzen Sie sich, Mr. Temple.« 
Die Stimme war gefährlich höflich; ich erkannte sie 

sofort als Rostands Stimme. Sehen konnte ich im 
ersten Moment so gut wie nichts, da meine Augen 
sich erst wieder an die Helligkeit gewöhnen mußten. 
Dann erkannte ich, daß ich in einem kleinen, halb als 
bequemes Büro, halb als Wohnraum eingerichteten 
Zimmer war. Hinter dem Schreibtisch saß Schultz. 
Diesmal war keine falsche Freundlichkeit in seinem 
Gesicht. Im Gegenteil, sein Ausdruck zeigte unver-
hohlene Feindseligkeit. Rostand befand sich an einem 
vorhanglosen Fenster, das direkt auf das Meer hinaus-
zusehen schien. Er saß in einer Haltung auf dem 
Fensterbrett, die mich vermuten ließ, daß er angetrun-
ken war. Er wirkte hochgemut und sehr zuversicht-
lich. 

Der dritte Mann, der in diesem Zimmer wartete, 

war so klein und unbedeutend, daß ich ihn zuerst gar 
nicht bemerkte. Er hockte auf einem Stuhl in einer 
Ecke wie ein verschrumpelter alter Mäuserich und 
beobachtete die Szene aus großen, sorgenvollen 
Augen. 

»Ich hoffe, Sie verlebten einen angenehmen Tag, 

Mr. Temple, und waren nicht allzu besorgt um Ihre 
Frau?« 

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»Ja, ich verlebte einen sehr interessanten Tag«, 

erwiderte ich. Wenn Rostand in der Stimmung war zu 
hänseln, dann sollte es mir recht sein. »Mr. Szoltan 
Gupte und Mr. O'Halloran erwiesen sich als äußerst 
gastfreundlich.« 

»O'Halloran?« rief Rostand aus. »Aber er ist doch 

gestern abend ermordet worden!« 

»Dann sollten Sie tatsächlich mal seinem Geist 

begegnen. Der ist so lebendig, daß selbst Mr. Szoltan 
Gupte darauf hereinfiel. Sogar Whisky konnte er 
trinken, dieser Geist, und Zigaretten rauchen.« 

Rostand sah schnell zu Schultz und dann wieder zu 

mir. »Temple, Sie lügen! Die Polizei sucht O'Hallo-
rans Mörder.« 

»Tut mir leid, daß Sie mir nicht glauben. Ich könnte 

Ihnen sonst einige andere nützliche Sachen erzählen.« 

»Welche denn?« 
»Zum Beispiel, daß Sie einen großen Fehler ge-

macht haben, indem Sie Audry Bryce umbrachten. 
Das hat den guten Sam Leyland veranlaßt, zum 
Zeugen der Anklage zu werden.« 

Schultz schob seinen Stuhl zurück und stand auf. 
»Hören Sie mit diesem albernen Geschwätz auf, 

Pierre.« 

Er sah zu mir. Seine blauen Augen wirkten un-

barmherzig. 

»Ich hoffe, Sie waren nicht so töricht, irgendwelche 

Tricks  zu  versuchen. Haben Sie die Brille mitge-
bracht?« 

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»Ja.« 
»Dann geben Sie sie her.« 
»Nicht, ehe ich meine Frau sehe.« 
Schultz lachte höhnisch. 
»Sie armer Narr. Begreifen Sie nicht, daß Sie in 

unserer Gewalt sind? Wenn Sie die Brille bei sich 
haben, können wir sie Ihnen einfach wegnehmen.« 

Da die zwei Gorillas, die mich hereingeführt hatten, 

dicht hinter mir standen, leuchtete mir das ohne 
weiteres ein. Ich zog die Brille aus meiner Brusttasche 
und gab sie Schultz. 

Schultz und Rostand, der eigens deswegen zu 

Schultz hinüberging, betrachteten sie sorgfältig. 

»Ich hoffe zu Ihrem Heil, daß dies die richtige Bril-

le ist«, sagte Schultz zu mir. Dann wandte er sich an 
den kleinen Mann, der ängstlich auf seinem Stuhl in 
der Ecke hockte. »Kommen Sie, Armand, Sie können 
jetzt an die Arbeit gehen.« 

Armand bückte sich, um den schwarzen hölzernen 

Kasten aufzuheben, der zwischen seinen Füßen stand. 
Schultz nickte meinen Bewachern zu. 

»Gut. Ihr könnt ihn zu seiner Frau führen.« 
Wieder wurde ich bei den Armen gepackt, durch 

dieselbe Tür geschoben und zum entfernten Ende 
desselben Korridors geführt, durch den ich hereinge-
kommen war. Ich hatte den Eindruck, daß dieser 
ziemlich lange Korridor in seinem rückwärtigen Teil 
schon durch eine Art Souterrain führte; das Haus, in 
dem ich mich befand, stand offenbar an einen Hügel 

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gelehnt. 

Am Ende des Korridors war eine Tür, die sich auf 

eine abwärtsführende Treppe öffnete. Diese brachte 
uns vor eine schwere Plankentür mit altertümlich 
massivem Schloß. Einer meiner Bewacher drehte den 
Schlüssel und öffnete die Tür; der zweite beförderte 
mich mit einem kräftigen Stoß in den Rücken hin-
durch. Ich hörte, wie hinter mir die Tür mit erhebli-
chem Krach wieder zugemacht und der Schlüssel 
herumgedreht wurde. Der Raum war so finster, daß 
ich nicht wagte weiterzugehen, ehe meine Augen sich 
an die Dunkelheit gewöhnt hatten. 

Dann hörte ich eine vertraute Stimme. 
»Paul! Haben sie dir etwas getan?« 
Ich machte zwei Schritte vorwärts und begann zu 

fallen, als ich unverhofft zwei weitere Stufen hinab-
stolperte. Glücklicherweise war Steve mir entgegen-
gelaufen und fing mich auf. 

Wir hielten uns ein paar Sekunden lang fest um-

armt. 

Dann sagte ich: »Nein, mir ist nichts geschehen. 

Aber viel wichtiger - haben sie dir etwas getan?« 

»Nein, nichts - abgesehen davon, daß sie mich 

zwangen, mit einem stinkenden alten Sack über dem 
Kopf auf dem Fußboden eines Autos zu liegen. Mein 
Hauptproblem war die Langeweile. Ich sitze seit 
ungefähr Mittag hier, ohne das geringste zu tun.« 

»Wo haben sie dich aufgegriffen? Irgendwo in der 

Avenue de Rome, nicht wahr?« 

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»Ja. Ich fiel auf einen sehr alten Trick herein. Ein 

Auto stoppte neben mir, der darin sitzende Mann 
sprang heraus und sagte, du hättest einen Unfall 
gehabt, und ich solle schnellstens in das Hotel zu-
rückkommen.« 

»Oh, Steve, ich dachte, dafür wärst du viel zu er-

fahren?« 

»Das dachte ich auch«, bestätigte sie leise lachend. 

»Aber als es wirklich passierte... Paul, was tust du 
hier? Haben sie dich auch entführt?« 

Meine Augen begannen sich an die Finsternis zu 

gewöhnen. 

Hoch oben in einer der Wände war ein schmales 

Fenster, durch das einige Sterne glitzerten. Die zwei 
Gorillas schienen das Licht über der Treppe draußen 
nicht ausgeknipst zu haben; jedenfalls schimmerte 
durch einen Spalt unter der Tür Helligkeit herein. 

»Nein, eigentlich bin ich einer Einladung gefolgt.« 
»Du willst sagen, du bist freiwillig in diese Schlan-

gengrube hereinspaziert? Natürlich bin ich froh, daß 
du jetzt bei mir bist, Paul. Aber du hast dir doch nicht 
die Brille von ihnen abnehmen lassen? Ich glaube, die 
Brille ist das einzige, was sie davon abhält, uns zu 
töten.« 

»Die Brille ist an einem sicheren Ort, von wo sie 

sie nie bekommen werden. Ich habe Schultz eine 
andere Brille gegeben. Es ist nur eine Frage der Zeit, 
wann sie herausfinden, daß ich sie gefoppt habe. 
Danach dürften wir einiges sehr Unangenehmes 

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 245

erleben, Steve.« 

Steve legte ihren Kopf an meine Brust und flüster-

te: »Ich werde alles leichter ertragen, da du jetzt bei 
mir bist.« 

»Ahnst du, in was für einem Verlies wir uns hier 

befinden? Gibt es in diesem Raum keine Beleuch-
tung?« 

»Doch, eine oder zwei Glühlampen an der Decke. 

Aber der Schalter ist draußen neben der Tür. Verrät 
dir nicht der Geruch, was für ein Raum dies sein 
könnte?« 

Ich schnüffelte in die Dunkelheit. In der Luft hing 

ein Geruch, der irgendwie an eine Weinkneipe 
erinnerte. Trotz der Finsternis glaubte ich die Umrisse 
zweier großer Weinfässer zu erkennen. Ich ging hin, 
um mich zu überzeugen. An der Wand neben den 
Weinfässern waren Metallregale mit Reihen über 
Reihen liegenden Weinflaschen. 

»Es ist ein Keller«, sagte Steve. »Trotzdem kann 

man durch die Fenster die Sterne sehen.« 

»Ich nehme an, das Haus über uns ist auf einem 

Hügel errichtet. Der Hügel dürfte direkt ins Meer 
abfallen. In dem Zimmer, wo ich mit Schultz und 
Rostand sprach, konnte ich deutlich das Plätschern der 
Wellen hören.« 

»Hier kann man es auch hören«, bestätigte Steve. 

»Das Fenster dort drüben wird uns zur Flucht nicht 
nützen. Es ist von außen mit einem starken Gitter 
gesichert. Aber unter ihm steht eine Bank, falls du 

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dich hinsetzen möchtest.« 

Wir gingen Hand in Hand zu der Bank und setzten 

uns. 

»Schade, daß wir nicht ein paar Gläser haben«, 

sagte ich. »Dann könnten wir wenigstens unser 
Wiedersehen feiern - soweit hier von ›Sehen‹ zu 
sprechen ist.« 

»Irgendwo ist hier ein Glas. Ich sah es, als noch 

Tageslicht war. Ich denke, ich kann es finden.« 

Steve begann auf Regalen herumzutasten, die ich 

kaum wahrzunehmen vermochte. Ich verwünschte es, 
daß ich meine Taschenlampe nicht mehr hatte. 
Vorhin, sobald ich in das Auto gezerrt worden war 
und mit dem Sack über dem Kopf am Boden hockte, 
hatten die offenbar sehr erfahrenen Hände der Entfüh-
rer meine Taschen abgetastet und herausgenommen, 
was des Herausnehmens wert war - ein kleiner 
beruflicher Nebenerwerb, wie es schien. Außer der 
Taschenlampe hatten auch meine Brieftasche, mein 
goldenes Zigarettenetui und mein ebenfalls goldenes 
Feuerzeug den Besitzer gewechselt. 

»Hier habe ich das Glas«, sagte Steve. »Es ist ein 

ziemlich großes.« 

»Fein. Wir werden es gemeinsam benutzen. Weißt 

du zufällig, wo sie den Champagner verwahren?« 

»Nein. Ich fürchte, dafür habe ich mich nicht inter-

essiert, solange ich hier allein war. Aber irgendwo 
muß Champagner sein.« 

»Himmel, Steve, jetzt fällt mir etwas ein! Warum 

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habe ich nicht früher daran gedacht? Wir müssen 
unter dem ›Trou du Diable‹ sein, dem Lokal von 
Schultz in Sidi bou Said! Es wäre in der richtigen 
Entfernung, und das Plätschern der Meereswellen paßt 
dazu.« 

Ich hatte mittlerweile den Weg zu den Flaschenre-

galen gefunden und begann, die Flaschen abzutasten. 

Ich äußerte mit gespielter Heiterkeit: »Da haben wir 

sie! Endlich mal wieder Glück!« 

Ich löste den Pfropfendraht von der gefundenen 

Flasche Champagner und öffnete sie. Es konnte uns 
nicht schaden, wenn unsere Gemüter ein wenig 
ermuntert wurden. Ich wünschte, ich hätte daran 
gedacht, Sir Graham Forbes von dem ›Trou du 
Diable‹ zu erzählen. Die Chance, daß er uns auf gut 
Glück hier finden würde, war äußerst gering. 

Ich sah auf dem Leuchtzifferblatt meiner Arm-

banduhr, daß es eben zwei war, etwa fünfzig Minuten 
nach dem Eintreffen des Telefonanrufs. Ich nahm jetzt 
als sicher an, daß der Anruf aus der nächsten Nach-
barschaft des Hotels Concorde gekommen war und 
daß Sir Graham, hierdurch irregeführt, zur Zeit 
vielleicht schon die zweite oder dritte vergebliche 
Razzia gegen längst verlassene Schlupflöcher der 
Banditen unternahm. 

»Ich habe seit heute früh eine Menge herausgefun-

den«, sagte ich zu Steve. »Tatsächlich war es ein 
äußerst ereignisreicher Tag.« 

Ich erzählte ihr von den vielen Dingen, die mich 

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 248

seit dem Vormittag beschäftigt gehalten hatten. Sie 
lebte merklich auf, als sie von Sir Graham Forbes' 
Eintreffen in Tunis erfuhr, und lauschte aufmerksam, 
als ich von dem Raub der Melrose-Juwelen berichtete. 

»Natürlich habe ich davon gelesen«, sagte sie. »Hat 

Sir Graham dir erklärt, welche Bedeutung die Brille 
bei dieser Sache hat?« 

»Ich fürchte, das war die eine Lücke in der sonst 

sehr vollständigen Schilderung, die er mir gab. 
Glücklicherweise konnte ich sie für ihn ausfüllen.« 

»Paul! Du meinst, du hast die Antwort längst ge-

wußt? Wie unfair von dir, sie mir zu verschweigen!« 

»Ich habe sie nicht längst gewußt, aber ich begann 

sie zu ahnen, als wir beide letzte Nacht über die Sache 
sprachen. Ich habe mir die Richtigkeit meiner Ahnung 
heute, oder richtiger gesagt gestern vormittag, bestäti-
gen lassen, als ich so unklug war, ohne dich aus dem 
Hotel fortzugehen.« 

Ich kehrte zur Bank zurück und fuhr fort: »Als die 

Bande beschloß, die Beute zu verstecken, war es 
Adrian Leather, ihr Chef und geistiger Führer, der 
diese schwierige Aufgabe verwirklichte. Er brachte 
den Schatz zu irgendeiner Stelle in der Wüste und 
vergrub ihn. Dann machte er eine genaue trigonome-
trische Berechnung des Ortes und verwandelte die 
erhaltenen Zahlen sehr sinnvoll in ein Brillenrezept, 
das bekanntlich ebenfalls aus Zahlen besteht. Nach-
dem die Brille mit den entsprechenden Gläsern 
angefertigt war, konnte er alle sonstigen Unterlagen 

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über das Versteck der Juwelen vernichten.« 

»Eine großartige Idee!« flüsterte Steve erregt. »Es 

scheint ausgeschlossen, daß ein Uneingeweihter 
dieses Geheimnis enträtseln könnte. Wie, um alles auf 
der Welt, bist du bloß darauf gekommen?« 

»Durch ein bißchen Glück, genaugenommen. Ich 

hatte den Schimmer einer Ahnung. Und dann geriet 
ich bei dem Versuch, ein neues Etui für die Brille zu 
kaufen, zufällig an einen ziemlich schwerhörigen 
alten Optiker. Als er mir statt des Etuis den Rat gab, 
meine Augen untersuchen zu lassen und mir anschlie-
ßend ein Brillenrezept überreichte, kam mir plötzlich 
Klarheit.« 

»Ich finde, wegen seiner Genialität hätte er eigent-

lich verdient, mit der Sache davonzukommen - dieser 
Adrian Leather, meine ich.« 

»Leather war ein bemerkenswerter Mann. Er hielt 

durch seine Überlegenheit die Bande zusammen. 
Nach seinem Tod wollte jeder von ihnen jedem 
anderen an die Kehle. Jeder dachte nur noch an sich.« 

»Wie viele waren sie denn? Rostand, Schultz, Ley-

land?« 

»Nein, Leyland gehörte nicht zu der ursprünglichen 

Bande. Er kannte nur Rostand und weiß nichts von 
dessen Beziehungen zu den anderen. Die Führungs-
schicht der Bande bestand aus Leather, Rostand, 
Schultz, Szoltan Gupte - er war der Hehler, der die 
Juwelen verkaufen konnte - und einer fünften Per-
son.« 

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»Einer Person, die wir noch nicht getroffen ha-

ben?« 

»Tatsächlich haben wir sie schon getroffen, aber 

ich glaube kaum, daß du darauf kämst, wer sie zur 
Zeit ist.« 

»Weiß ich ihren Namen?« 
»Gut genug - David Foster.« 
»Ah! Demnach existiert David Foster also doch?« 
»Auf eine Art, ja.« 
Es konnte nicht mehr lange dauern, bis der alte 

Mann oben im Büro das Ergebnis seiner Untersu-
chung offenbaren würde. Vermutlich würden Rostand 
und Schultz dann recht bald erkennen, daß die Zahlen 
des Rezeptes für Sir Grahams Brillengläser keinen 
geographischen Sinn ergaben. 

»Wie geriet Judy Wincott in diese Sache?« fragte 

Steve. 

»Du kennst die alte Weisheit: ›Cherchez la femme.‹ 

In diesem Fall sollte es heißen: ›Cherchez les 
femmes.‹ Tatsächlich liefern die Frauen sozusagen 
den Schlüssel zu der Sache. Und  

Ich hielt inne. Auf der Treppe draußen erklangen 

Schritte, ein Schatten fiel über den Streifen Helligkeit 
unter der Tür. 

»Kopf hoch, Steve«, sagte ich. »Jetzt geht's los.« 
Der Schlüssel knarrte im Schloß, und die Tür wur-

de aufgestoßen. Die beiden Gorillas, die mich hier-
hergebracht hatten, kamen herein. Auf der Treppe 
stand Schultz. 

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»Nach oben mit ihnen!« kommandierte er. »Beeilt 

euch!« 

»Los, los, Mann«, knurrte mich der größere der 

Gorillas an. »Ein fauler Trick, und die Frau kriegt's in 
den Magen.« 

Mit dem unsympathischen Druck einer Pistolen-

mündung gegen mein Rückgrat stieg ich langsam die 
Treppe hinauf. Schultz war in das Büro zurückge-
kehrt. Er und Rostand standen hinter dem Schreib-
tisch, als wir ins Zimmer geschubst wurden. Ihre 
Gesichter zeigten, daß die Wahrheit herausgekommen 
war. Forbes' Brille lag auf der weißen Löschpapierun-
terlage des Schreibtisches. Der ängstliche alte Mäu-
semann war verschwunden. Rostands Miene zeigte 
denselben entnervenden Ausdruck wie an dem Abend 
in der Villa Negra. Schultz war vor Wut fahlbleich 
geworden. 

»Haltet seine Arme!« zischte Rostand den Bewa-

chern zu und stürmte mir entgegen. Wehrlos mußte 
ich seine Faustschläge hinnehmen. Obwohl ich bei 
jedem Schlag meinen Kopf in den Nacken warf, 
spürte ich bald, daß mir Blut übers Gesicht lief und 
schmeckte es auch im Mund. Als er sah, daß seine 
eigenen Handknöchel zu bluten begonnen hatten, 
hörte er plötzlich auf, mich zu schlagen. 

»Ist auch genug, Pierre«, hörte ich Schultz sagen. 

»Wir haben keine Zeit mehr für Spiele.« 

Er hatte Steve gepackt und ihr den rechten Arm auf 

den Rücken gedreht, als sie mir zu Hilfe kommen und 

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sich auf Rostand stürzen wollte. Er hielt sie mühelos 
mit einer Hand. Sie gab keinen Laut von sich, war 
aber ganz bleich geworden. 

»Mr. Temple«, sagte Schultz mit gefährlicher Höf-

lichkeit. »Wir haben eine Menge Zeit verschwendet. 
Ich bitte Sie, uns die Wahrheit nicht länger vorzuent-
halten. Wo diese Brille ist, erfahren wir schließlich 
doch.« 

Er drückte Steves freie Hand mit dem Handrücken 

nach unten flach auf den Schreibtisch. 

»Pierre«, fragte er, »deine Pistole hast du doch bei 

dir?« 

Rostand zog eine Beretta hervor und blickte, auf 

sein Stichwort wartend, begierig zu Schultz. 

»Mr. Temple«, wandte sich Schultz wieder an 

mich, »Sie wissen wohl, daß Schüsse durch die Hand 
zu den schmerzhaftesten Verletzungen gehören? Ich 
zähle jetzt bis fünf, und dann drückt Pierre den 
Abzug. Eins - zwei -« 

Natürlich wußte ich, daß Schüsse durch die Hand 

besonders schmerzhaft sind. Ich spürte, wie mir am 
ganzen Leibe der Schweiß ausbrach. Die Pranken, die 
mich hielten, hatten ihre Griffe verstärkt. 

»- drei - vier -« 
»Halt, ich will reden«, sagte ich. »Die Brille ist in 

der Stahlkammer von Lloyds Bank in Tunis.« 

»Wie können wir wissen, daß Sie die Wahrheit 

sagen?« 

»Die Depotquittung ist in meiner Brieftasche. Aber 

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einer Ihrer Gorillas hat mir die Brieftasche fortge-
nommen.« 

Rostands Pistole war aus geringer Entfernung noch 

auf Steves Hand gerichtet. Schultz zeigte keine 
Überraschung, daß mir die Brieftasche gestohlen 
worden war. Er blickte nur auf und fixierte meine 
beiden Bewacher. Einer von ihnen überreichte ihm 
daraufhin unverzüglich und mit fast demütiger 
Bewegung die Brieftasche. Schultz hatte Steves auf 
den Schreibtisch gedrückte Hand losgelassen, um die 
Brieftasche entgegenzunehmen und zu durchforschen. 
Das Geld war weg, aber die kleine Depotquittung von 
Lloyds Bank steckte noch im Fahrkartenfach. 

»Laßt ihn los«, kommandierte Schultz, »aber bleibt 

dicht hinter ihm.« Für mich fügte er hinzu: »Gehen 
Sie an den Schreibtisch, und schreiben Sie auf die 
Quittung: ›Bitte händigen Sie dem Überbringer den 
auf dieser Quittung bezeichneten Gegenstand aus.‹ 
Dann setzen Sie Ihre Unterschrift darunter.« 

Ich tat, wie er gesagt hatte. Ich zweifelte kaum 

daran, daß ich Steves und mein eigenes Todesurteil 
ausschrieb, aber ich hätte es niemals über mich 
gebracht, mit anzusehen, wie Steve durch die Hand 
geschossen wurde. Ich schob die Quittung zu Schultz 
hinüber. Er und Rostand studierten sie. 

»Wird das funktionieren?« fragte Schultz seinen 

Partner. 

»Sicher«, bestätigte Rostand. »Man kennt mich bei 

Lloyds. Es wird keine Schwierigkeiten geben. Aller-

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dings müssen wir bis zehn Uhr vormittags warten, das 
ist alles.« 

»Inzwischen können wir auf die Jacht gehen. Ich 

finde, wir sind sowieso schon lange genug hier. Je 
früher wir aufbrechen, um so besser.« 

Sie sprachen miteinander, als ob Steve und ich 

nicht mehr existierten. 

Rostand sagte: »Vergewissere dich, daß du hier 

nichts Wichtiges zurückläßt.« 

»Das habe ich schon getan«, erwiderte Schultz, 

wobei er nochmals schnell ringsum schaute. Seit er 
Steve losgelassen hatte, wurden wir beide durch die 
Gorillas bewacht, deren Pistolen ständig auf unsere 
Magenpartien gerichtet blieben. 

»Gehen wir also«, schlug Rostand vor. 
An der Tür blieb Schultz stehen und drehte sich zu 

mir um. 

»Es war mir eine Freude, Ihnen persönlich zu be-

gegnen, Mr. Temple. Habe ich Ihnen gesagt, daß ich 
einige Ihrer Bücher kenne? Sie alle haben ein Happy-
End. Ich bedauere sehr, daß ich Ihnen so etwas bei der 
gegenwärtigen Sache kaum versprechen kann.« 

Sein Ton wurde ganz anders, als er sich auf franzö-

sisch an die beiden Bewacher wandte. 

»Ich lasse euch hier, damit ihr über sie verfügt. Ihr 

wißt, was ihr zu tun habt.« 

Die Gorillas nickten; hinter Schultz und Rostand 

fiel die Tür zu. 

»Ich denke, er meint, wir sollen Sie ins Meer 

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schmeißen«, brummte der größere der Bewacher 
seinem Gefährten zu, als draußen die Schritte ver-
klangen. »Na, eigentlich können die beiden auf ihren 
eigenen Füßen zur Luke laufen, statt daß wir sie 
tragen müßten.« Er wandte sich an mich. »Kommen 
Sie, Mann. Wenn ihr hübsch folgsam seid, können wir 
es nett und schnell für euch machen.« 

Ich wußte, daß Steve mich ansah, aber ich wagte 

nicht, ihrem Blick zu begegnen. Ich schämte mich zu 
sehr über mich selbst, weil ich einfach nicht wagte, 
wider jede bessere Einsicht irgendeinen Versuch zu 
unserer Befreiung zu machen. Mir fiel nichts ein, was 
ich noch hätte tun können. Halb unbewußt hörte ich 
das Zufallen der Haustür und dachte daran, daß 
Schultz und Rostand nun in das Auto steigen würden. 

Dann, plötzlich, kam ein neues Geräusch - das 

scharfe Bellen eines Revolvers, gefolgt von dem 
kurzen, bösartigen Feuerstoß einer Maschinenpistole. 
Unsere Bewacher wandten ihre Nasen der Tür zu wie 
Vorstehhunde. 

An meinem eigenen Bewacher vorbei sprang ich 

den Mann an, der Steve bewachte. Als ich mit ihm zu 
Boden stürzte, dröhnte in nächster Nähe ein Schuß. 
Verzweiflung und Wut gaben mir übermenschliche 
Stärke. Ich riß den Kopf meines Gegners am Haar 
zurück und schlug ihn hart auf den Boden. Sein 
Körper wurde schlaff. 

Emporspringend sah ich Steve mit beiden Händen 

die Hand mit der Pistole des anderen Bewachers in die 

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Höhe drängen. Er war seltsamerweise auf ein Knie 
gesunken und leistete ihr nur matten Widerstand. 
Gemeinsam entwanden wir ihm die Pistole. Unmittel-
bar danach kippte er völlig um und griff nach seinem 
rechten Fuß. Aus dem aufgerissenen Schuh floß Blut. 
»Was ist geschehen?« 

»Er schoß sich vor Schreck selbst in den Fuß, als 

du an ihm vorübersaustest.« 

Draußen im Korridor erklang eine Anzahl Schüsse, 

gefolgt von dem Geräusch rennender Füße. Ich hörte 
Schultz' näherkommende Stimme schreien. »Ali! 
Toto! Die Fenster auf! Wir müssen die Klippe hinab!« 

Draußen dröhnten zwei weitere Schüsse, ein Mann 

schrie vor Schmerz. Schultz stieß die Tür auf und kam 
herein, den verwundeten Rostand mit sich schleppend. 
In furchtbarer Hast schloß und verriegelte er die Tür, 
während Rostand zu Boden sank. Als Schultz sich 
umdrehte, blickte er in die Mündungen der beiden 
Pistolen, die ich, in jeder Hand eine, auf ihn gerichtet 
hielt. 

»Lassen Sie Ihre Pistole fallen«, sagte ich und feu-

erte einen Schuß in den hölzernen Türrahmen neben 
seinem rechten Ohr, nur um ihm zu zeigen, daß ich 
auch mit der linken Hand zielsicher schießen konnte. 
Er ließ seine Pistole fallen. 

»Jetzt schließen und riegeln Sie die Tür wieder 

auf.« 

Schultz tat, wie ihm geheißen. Aus einem Augen-

winkel sah ich, wie Steve sich bückte und seine 

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 257

Pistole aufhob. 

»Nun kommen Sie und stellen sich mit dem Gesicht 

zur Wand unter das hübsche Bild von Venedig.« 

Mit der Würde eines Mannes, der weiß, wie man 

auch vor einem überlegenen Gegner seine Haltung 
bewahrt, baute sich Schultz mit halb erhobenen 
Händen und dem Gesicht zur Wand unter dem recht 
beziehungsreichen Bild der weltberühmten Seufzer-
brücke auf. Rostand, dessen rechte Schulter böse von 
einem Schuß getroffen war, lag bewußtlos am Boden, 
wo ihm die beiden Gorillas Gesellschaft leisteten, der 
eine ebenfalls bewußtlos, der andere ausschließlich 
mit seinem verletzten Fuß beschäftigt. 

So fanden Sir Graham Forbes und Kommissar Re-

nouk uns versammelt, als sie die Tür aufstießen. 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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10 

 
»Ich weiß noch immer nicht, wie Sie darauf kamen, 

daß wir im ›Trou du Diable‹ waren, Sir Graham. Sie 
müssen sehr schnell und scharfsinnig überlegt haben.« 

Wir drei - Steve, Sir Graham und ich - saßen in 

unserer Hotelsuite, jeder vor einer Tasse heißer 
Schokolade. Es war nach vier Uhr morgens geworden, 
ehe wir ins ›Concorde‹ zurückkehrten. Wir hatten 
gesehen, wie Schultz von einigen nicht allzu freundli-
chen Polizisten gefesselt und fortgebracht wurde, wie 
man den noch immer bewußtlosen Rostand auf eine 
Bahre packte und zum Rettungswagen hinaustrug; er 
starb übrigens vor Erreichen des Hospitals. Ali und 
Toto, die beiden gedungenen Bewacher, befanden 
sich im Gefängnislazarett, der eine wegen des durch-
schossenen Fußes, der andere mit einer schweren 
Gehirnerschütterung. 

»Ich kann nicht viel Ruhm dafür beanspruchen, Sie 

gefunden zu haben, Temple. Tatsache ist, daß ich 
völlig ratlos war. Die Zurückverfolgung jenes Tele-
fonanrufs ergab, daß er aus einer der Kabinen im 
Foyer dieses Hotels gekommen war. Ich stand prak-
tisch noch immer am Punkt Null.« 

Steve und ich lauschten Sir Graham mit dem woh-

ligen Interesse von Kindern, die sicher sein dürfen, 
daß die Geschichte gut enden wird. 

»Was taten Sie dann?« fragte Steve gespannt. 
»Nun, ich selbst hatte nichts mehr, worauf ich mich 

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stützen konnte, und, wissen Sie, ich wollte doch so 
gerne meine Brille wiederhaben.« Forbes lachte 
gemütlich. »Es lag also nahe, daß ich Renouk ver-
ständigte und dann sofort zu ihm ins Polizeipräsidium 
fuhr. Wir kamen schnell überein, daß wir nur die 
Wahl hätten, sämtliche auf dem Stadtplan markierten 
Häuser auszuheben, und wollten gerade die entspre-
chenden Befehle erteilen, als ein anonymer Telefon-
anruf kam.« 

»Ein anonymer Telefonanruf?« 
Steve und ich lachten. Wir hatten es wie aus einem 

Munde wiederholt. 

»Ja. Ein Unbekannter erkundigte sich bei Renouk, 

ob nicht die Polizei am Verbleib von Mr. und Mrs. 
Temple interessiert wäre, nannte dann prompt das 
›Trou du Diable‹ in Sidi bou Said, vergewisserte sich, 
daß Renouk richtig verstanden hatte, und legte auf. 
Den Rest kennen Sie.« 

»Sprach er Englisch?« 
»Ja«, nickte Forbes. »Aber trotz Renouks Hinweis 

auf eine Belohnung beantwortete er die Frage nach 
seinem Namen nicht.« 

»Ich denke, damit kann ich Ihnen aufwarten, Sir 

Graham.« 

»Wirklich, Temple? Wie heißt er denn?« 
»David Foster. Genau wie Sie bangte er um seine 

Brille.« 

»Paul, ich finde, du machst es schrecklich geheim-

nisvoll«, protestierte Steve. »Dieser Fall ist doch jetzt 

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 260

vorüber. Kannst du denn nicht sagen, wer David 
Foster ist?« 

»Oh, weißt du, der Fall ist noch nicht vorüber. Erst 

zwei von den führenden Leuten der Bande sind 
ausgeschaltet. Drei befinden sich noch auf freiem Fuß. 
Sie sind nicht weniger als Schultz und Rostand darauf 
versessen, die Brille an sich zu bringen. Und vergiß 
nicht den ungeklärten Mord an einer Bekannten von 
uns, der nach Sühne heischt.« 

»Du meinst Judy Wincott? Paul, wie paßt sie in 

diese Sache?« 

Ich sagte: »Ich glaube, ich habe dir vorhin erklärt, 

daß das Motto dieses Falles ›Cherchez les femmes‹ 
heißen sollte und daß die beteiligten Frauen sozusagen 
den Schlüssel zu der ganzen Sache liefern. Bitte, 
berichtigen Sie mich, Sir Graham, falls ich mich irre.« 

Forbes nickte schläfrig; er war offenbar sehr zufrie-

den damit, daß ich das Erzählen besorgte. 

»Noch ehe Adrian Leather starb«, fuhr ich fort, 

»hatte seine Frau ihn um Rostands willen verlassen - 
was ihr jedoch nichts half, als Rostand sie nicht mehr 
brauchen konnte. Adrian Leathers neue Gefährtin war 
eine von zwei etwas fragwürdigen jungen Damen, die 
sorglos und voll Wonne in einem Kreis von Gentle-
menverbrechern lebten, denen sie hingebungsvoll und 
ihren Mitteln gemäß bei der Durchführung zwielichti-
ger Pläne halfen. Sie hieß Diana Simmonds, und ihre 
Freundin hieß Judy Wincott. Als Leather im Sterben 
lag, vertraute er Diana Simmonds sein Geheimnis an 

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und übergab ihr die Brille. Zuerst wollte Diana nicht 
recht glauben, daß die Brille wirklich solchen großen 
Wert besäße. Doch durch verschiedene beunruhigende 
Geschehnisse erkannte sie, daß es Leute gab, die vor 
nichts zurückschrecken würden, um die Brille zu 
bekommen. Sie wurde schließlich ängstlich und 
vertraute sich ihrer Freundin Judy Wincott an.« 

»Das alles geschah in Paris um die Zeit, als wir dort 

waren?« 

»Ja. Teils zu dieser Zeit, teils etwas früher. - Nun 

aber war Judy, was Diana nicht wußte, die heimliche 
Geliebte des zweitmächtigsten Mannes der Bande - 
eines gewissen Edmund Webb. Dieser Webb arg-
wöhnte sofort nach Leathers Tod, daß Leather die 
Brille seiner neuen Freundin Diana Simmonds 
gegeben hätte. Da er die Brille unbedingt haben, aber 
selbst im dunkeln bleiben wollte, versprach er Judy 
Wincott fünftausend Pfund, wenn sie Diana Sim-
monds die Brille abschwätzen oder wegnehmen und 
nach Tunis schicken würde, wo er die Sendung unter 
dem Namen David Foster entgegenzunehmen gedach-
te.« 

»Demnach wäre es seine Idee gewesen, uns als 

Lieferboten zu benutzen?« 

»Vielleicht. Andererseits war Judy Wincott ein sehr 

gewitztes Mädchen. Vielleicht kam sie selbst auf den 
genialen Einfall.« 

Steve hielt es nicht mehr in ihrem Sessel aus. Sie 

stand auf und setzte sich zu mir auf das Sofa, wobei 

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sie eifrig fragte: »Was geschah an dem Abend, als 
Judy Wincott uns die Brille überbrachte?« 

Ich wandte mich an Forbes: »Das müßten Sie bes-

ser wissen als ich, Sir Graham. Können Sie es uns 
erzählen?« 

»Nun, es handelt sich größtenteils um Vermutun-

gen. Wir glauben, daß die Simmonds der Wincott 
heimlich zu Ihrer Wohnung folgte. Während sie unten 
wartete, wurde sie von jemandem überrascht und 
getötet, der sie im Besitz der Brille wähnte.« 

»Und Judy Wincott selbst? Wie kam sie nach Niz-

za? Weshalb wurde sie ermordet?« 

»Das ist noch ungeklärt«, erwiderte Forbes. »Mira-

bel arbeitet daran und dürfte das Rätsel bald lösen. 
Eine Zeitlang standen Sie selbst im Verdacht, Judy 
Wincott ermordet zu haben, Temple. Wußten Sie 
das?« 

»Ich merkte es wohl, und es war ein sehr unbehag-

liches Gefühl. Übrigens nehme ich jetzt an, daß jene 
liebenswürdige Charakterisierung nicht von Chefin-
spektor Vosper, sondern von Ihnen selbst stammte, Sir 
Graham - daß ich zwar die merkwürdige Begabung 
besäße, irgendwie in jede nur denkbare Art Unheil 
verwickelt zu werden, bisher aber noch nie solches 
Unheil verursacht hätte?« 

Forbes lachte leise und stand auf. 
»Ja, ich glaube, irgend so etwas habe ich zu Mira-

bel gesagt. Aber wissen Sie - mir scheint, es wird bald 
Tag. Und ich meine, Sie beide könnten etwas Schlaf 

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 263

brauchen.« 

»Das meine ich auch.« 
Steve und ich begleiteten Forbes zur Tür. 
»Sir Graham«, begann ich verlegen. »Es ist eine 

ziemlich unbeholfene Art, dies zu sagen, aber - Danke 
für alles, was Sie für uns getan haben.« 

»Danken Sie nicht mir«, entgegnete Forbes heiter. 

»Danken Sie dem anonymen Anrufer. Und nun - gute 
Nacht, Temple. Gute Nacht, Steve.« 

Als die Tür sich schloß, stand Steve auf den Zehen 

wie eine Ballettänzerin und streckte beide Arme in die 
Höhe. 

»Ich habe noch gar keine Lust, zu Bett zu gehen«, 

verkündete sie. »Ich würde lieber tanzen oder irgend 
so etwas.« 

»Das kommt vom Champagner. Er ist dir zu Kopf 

gestiegen. Aber ich fürchte, wir müssen jetzt ans 
Schlafengehen denken. Weißt du - wir haben eine 
Verabredung zum Lunch.« 

»Oh, davon hast du mir noch gar nichts gesagt! Mit 

wem?« 

»Mit Tony Wyse und Simone Lalange.« 
»Fein! Das wird nett! Sie sind die beiden einzigen 

unserer Reisebekanntschaften, die uns nicht wegen 
dieser verwünschten Brille behelligt haben.« 

»Ja, so sieht es aus. Und wie Sir Graham bemerkte 

- wir sollten Mr. Wyse sehr dankbar sein.« 

»Oh, sagte Sir Graham das? Es muß mir entgangen 

sein. Warum verdient Wyse unseren Dank so sehr?« 

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»Weil er der anonyme Anrufer war.« 
 
Unsere kleine Lunchgesellschaft wurde sehr unter-

haltend. Wyse war in ausgezeichneter Stimmung und 
beglückwünschte Steve mehr als einmal, dieser 
schrecklichen Gefahr entronnen zu sein. Sie war 
erfahren genug, um den anonymen Anruf nicht zu 
erwähnen. Wir drei saßen bei Cocktails in der Bar, bis 
Simone Lalange erschien. Wie die meisten attraktiven 
Frauen verließ sie sich darauf, daß ihr die Verspätung 
verziehen werden würde, und so war es auch. Wyse 
bestand auf noch einer Runde Drinks. Er war offenbar 
bis über beide Ohren verliebt in die reizvolle Franzö-
sin und ließ es geschehen, daß sie ihn in charmant 
überlegener Art förmlich zum Narren machte. 

»Allmählich sollten wir doch in den Speisesaal 

gehen«, sagte ich nach einiger Zeit. »Oder wir riskie-
ren, daß alle guten Dinge aufgegessen sind.« 

Als wir die ersten drei Gänge verzehrt hatten, war 

der Speisesaal fast leer. Während der Kellner sich 
entfernte, um unsere Desserts zu holen, erinnerte mich 
Wyse an mein Versprechen, ihm die berühmte Brille 
zu zeigen. 

»Ach ja. Das hätte ich fast vergessen.« 
Einmal mehr zog ich die Brille aus meiner Brustta-

sche. Simone Lalange saß links von mir; ihre sehr 
elegante große Handtasche hielt sie merkwürdiger-
weise auf dem Schoß. Ihr gab ich die Brille zuerst. 

»Sie werden es kaum glauben, Mademoiselle La-

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lange, aber für diese Brille sind mir zehntausend 
Pfund geboten worden.« 

»Zehntausend Pfund?« rief sie aus. »Oh, Mr. Tem-

ple, ich glaube, Sie treiben Spaß mit mir!« 

»Nein, es ist wirklich wahr.« 
»Dann muß es eine magische Brille sein, und wenn 

man hindurchschaut, ist alles schön und wunderbar. 
Darf ich versuchen, wie Tony Wyse dann aussieht?« 

Sie setzte die Brille auf und blickte mit gespielter 

Ernsthaftigkeit zu Wyse, der ihr gegenübersaß. Nach 
wenigen Sekunden verdrehte sie die Augen und tat, 
als erschaudere sie. 

»Oh, es ist, als ob man unter Wasser taucht! Und 

Tony Wyses Anblick wird dadurch nicht vorteilhafter. 
Tut mir leid, Mr. Temple, aber ich glaube nicht, daß 
ich Ihnen zehntausend Pfund dafür bieten kann.« 

Wyse lachte, und Simone gab die Brille zu Steve 

hinüber. 

»Wollen Sie sie ausprobieren, Mrs. Temple?« 
Sie blinzelte mir anscheinend verworfen zu und 

machte dies so echt, daß Wyse vor Eifersucht zu 
erbleichen begann. 

»Wenn ich Paul ansehe, pflege ich ohnehin immer 

eine rosarote Brille aufzuhaben«, lachte Steve. 
»Möchten Sie einen Versuch machen, Mr. Wyse?« 

Sie hielt Wyse die Brille hin. Er lächelte sehnsüch-

tig zu Simone hinüber, als er nach der Brille griff, und 
achtete nicht sehr darauf, was er tat. Kein Wunder, 
daß ihm die Brille aus den Fingern rutschte und zu 

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Boden fiel. 

»Oh, wie ungeschickt von mir!« rief er, bückte sich 

und verschwand für einen Moment hinter dem Tisch. 

»Nichts passiert«, verkündete er, als er mit der 

Brille wieder auftauchte. »Gottlob hat sie keinen 
Schaden genommen.« Er betrachtete sie genau, 
schaute probeweise hindurch und erklärte dann: 
»Leider muß ich gestehen, daß ich etwas enttäuscht 
bin. Ich persönlich würde Ihnen raten, mit fünf Pfund 
zufrieden zu sein, Mr. Temple, falls Sie noch ein 
Angebot erhalten.« 

Lächelnd nahm ich die Brille zurück und steckte sie 

wieder in meine Brusttasche. 

Wyse hatte während des Essens recht munter ge-

trunken; als der Kaffee vor uns stand, wirkte er 
ziemlich aufgedreht. 

»Nehmen Sie Zucker, Mr. Wyse?« fragte ihn Steve. 
»Ja, bitte. Und ich wäre entzückt, wenn Sie aufhö-

ren könnten, mich mit Mr. Wyse anzureden.« 

»Oh, wie soll ich Sie sonst anreden?« 
»Vielleicht«, schlug ich vor, »versuchst du es mal 

mit David Foster?« 

Wyse ließ seine Hände sehr rasch auf die Tischkan-

te sinken und wurde ganz still. Fast eine halbe Minute 
verging, ehe er mich fragte: »Was, um alles auf der 
Welt, meinen Sie damit?« 

Ohne auf die Frage einzugehen, erkundigte ich 

mich: »Oder würden Sie es vorziehen, als Mr. Webb 
angesprochen zu werden?« 

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Wyse bewegte sich nicht, aber seine Gesichtszüge 

nahmen eine merkwürdige Härte an. Er sah plötzlich 
ganz anders aus als der freundliche junge Mann, den 
wir bisher kannten. 

»Habe ich recht, Mr. Temple, wenn ich vermute, 

daß dies eine Art Scherz sein soll?« 

»Nein. Es ist so wenig ein Scherz, wie zum Bei-

spiel Ihre Idee, die Brille durch uns von Paris nach 
Tunis bringen zu lassen. Oder hat Judy Wincott es 
Ihnen vorgeschlagen? Eine kluge Vorsichtsmaßnah-
me! Die tunesischen Zollbeamten schienen auf Sie 
gewartet zu haben, wie ich bemerkte. Sie überprüften 
Sie sehr gründlich, nicht wahr? Vielleicht hatten sie 
bereits eine Beschreibung von Edmund Webb.« 

»Mr. Temple, ich weiß nicht, wovon Sie sprechen.« 
Wyse hatte die Gewalt über seine Gesichtszüge 

zurückerlangt und stellte die gewohnte unbekümmert-
liebenswürdige Miene zur Schau. Vergessen hatte er 
allerdings seine Hände, die sich auf dem weißen 
Tischtuch in rascher Folge abwechselnd streckten und 
zu Fäusten ballten. Simone Lalanges Augen waren 
vor Verblüffung weit geöffnet; sie starrte bald diesen, 
bald jenen von uns völlig fassungslos an und machte 
auch dies sehr echt. 

»Ich denke, Sie wissen recht gut, wovon ich spre-

che. Wirkliche Vorwürfe gegen Sie hätte ich nicht, 
abgesehen von einer Sache. Steve und ich sind Ihnen 
dankbar für den Anruf bei Renouk heute nacht, 
obwohl wir natürlich wissen, daß Sie in erster Linie 

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von der Sorge getrieben waren, die Brille nicht in die 
Hände von Rostand oder Schultz fallen zu lassen. 
Ernstlich ist wohl kaum zu bestreiten, daß ein Mann 
wie Constantin zu sterben verdiente und für irgendei-
ne seiner zahlreichen Schurkereien früher oder später 
sowieso einen gewaltsamen Tod gefunden hätte. Und 
daß Sie den Unmenschen Sandro nicht noch viel 
härter schlugen, kann ich nur bedauern.« 

Wyse ignorierte mich und wandte sich höflich an 

Steve: »Verliert sich Ihr Gatte häufiger in solche 
Phantastereien?« 

»Was ich Ihnen aber nicht vergeben kann«, fuhr ich 

fort, »ist der Mord an Judy Wincott, Ihrer Geliebten. 
Warum haben Sie das getan, Webb? Entdeckte Judy 
den wahren Wert der Brille?« 

Jetzt stand Wyse mit solcher Vehemenz auf, daß 

die Beine seines Stuhles über das Parkett scharrten. 

»Ich habe unseren gemeinsamen Lunch bis jetzt als 

sehr nett empfunden«, bemerkte er würdevoll. »Aber 
ich denke, der Spaß beginnt nun einseitig zu werden. 
Wenn Sie mich bitte entschuldigen wollen -« 

»Einen Moment noch! Sie sagten, Sie wären ent-

täuscht von der Brille. Aber ich habe gesehen, daß Sie 
die Gelegenheit nutzten, die Brille unter dem Tisch 
gegen eine andere auszutauschen. Sie werden eine 
noch größere Enttäuschung erleben, wenn Sie heim-
kommen. Sie haben eine ganz gewöhnliche Brille 
erwischt. Die richtige Brille befindet sich in der Obhut 
von Kommissar Renouk und -« 

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Wyses Gesicht verzerrte sich. 
»Seien Sie verdammt, Temple!« schrie er und riß 

mit beiden Händen an der Tischkante. 

Der Tisch mit all seinen Gläsern und Tassen kippte 

klirrend und krachend um. Einen Sekundenbruchteil 
vorher hatte Simone Lalange fast melodisch aufge-
schrien und war sehr gewandt zur Seite gesprungen. 
Über den umgefallenen Tisch hinweg starrte Wyse zu 
Steve und mir. Er hatte eine Pistole aus der Tasche 
gezogen. 

»Wenn jemals einer es herausgefordert hat«, fauch-

te er, »dann Sie, Temple!« 

Ich sah, wie sich sein Zeigefinger um den Abzug 

krümmte. Im selben Moment machte das Dröhnen 
eines schweren Revolvers unsere Ohren taub. Die 
Pistole hüpfte aus Wyses Hand und fiel drei Meter 
weiter zu Boden. 

»Keine Bewegung!« sagte Simone Lalange scharf. 
Völlig verdutzt richtete Wyse seinen Blick auf sie. 

Sie stand jetzt in sicherer Entfernung von ihm nahe 
der Wand, die Füße einen halben Schritt weit ausein-
ander fest auf den Boden gesetzt. Ihre zarte rechte 
Hand, ruhig wie die Hand einer bronzenen Denkmals-
figur, hielt einen respekteinflößenden Revolver, aus 
dessen Mündung ein Rauchwölkchen in die Höhe 
stieg. Es war ein äußerst widerspruchsvoller Anblick - 
diese elegante, hübsche junge Frau mit lackierten 
Fingernägeln, langen künstlichen Wimpern, dezentem 
Make-up, untadeliger Frisur, und die tödliche Waffe, 

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die sie mit so selbstverständlicher Sicherheit im 
Anschlag hielt. 

»Was -? Wer -? Wieso -?« 
Wyse konnte nur noch stammeln. Er schüttelte den 

Kopf wie ein Mann, der zu träumen glaubt. 

Ich sagte zu ihm: »Sie haben die Ehre mit Made-

moiselle Carriere von der französischen Kriminalpoli-
zei, die Ihnen seit Nizza auf der Spur ist. Nehmen Sie 
es nicht zu tragisch. Auch mich hat Mademoiselle 
Carriere lange genug gefoppt.« 

Wyse zog die nutzlose Brille aus der Tasche und 

warf sie in mattem Schwung zwischen die Scherben 
des Lunchgeschirrs. 

»Oh«, stöhnte er. »Seit dem Zwischenfall im ›El 

Passaro‹ hätte ich es wissen können. Nicht wahr, 
Mademoiselle, Sie haben diese bemerkenswerte 
Taschenspielerei vollbracht? Die Brille aus Temples 
Brusttasche in die Handtasche seiner Frau zu manipu-
lieren, meine ich?« 

Mademoiselle Carriere lächelte betörend und ent-

gegnete ganz unschuldig: »Ich glaube, ich erinnere 
mich an etwas dieser Art.« 

»Jetzt ist der Punkt erreicht, an dem ich aufgebe«, 

äußerte Wyse erschüttert. »Ich habe begriffen...« 

 
Drei Tage später saßen Steve und ich in einem 

Flugzeug nach Mailand, wo wir in eine Kursmaschine 
nach London umsteigen wollten. Uns gegenüber saß 
ein Gentleman fortgeschrittenen Alters, in Aussehen 

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und Haltung der vollendete Typ eines pensionierten 
britischen Armeeoffiziers. Er hatte uns während des 
ganzen Fluges sorgfältig, wenn auch unaufdringlich 
gemustert und ganz gewiß aufmerksam zugehört, als 
wir davon sprachen, was wir nach unserer Ankunft in 
London tun würden. 

Als das Flugzeug vor der Landung in Mailand all-

mählich an Höhe verlor, beugte er sich über das 
Klapptischchen und sagte höflich zu Steve: »Ich 
hoffe, Sie entschuldigen, daß ich mir die Freiheit 
nehme, Sie anzusprechen, aber ich konnte beim besten 
Willen nicht überhören, was Sie und Ihr Gatte sagten. 
Sie fliegen direkt nach London weiter, nicht wahr?« 

»Ja, das tun wir.« 
Der alte Gentleman griff in seine Reisetasche und 

holte ein flaches viereckiges Päckchen heraus. 

»Darf ich Sie bitten, mir einen kleinen Gefallen zu 

tun? Ich habe unvorhergesehen einige Tage in Mai-
land zu verbringen und bin sehr besorgt darum, daß 
meine kleine Enkelin dieses Päckchen zum Geburts-
tag erhält. Der Geburtstag ist schon morgen. Und ich 
glaube nicht, daß es die Post noch schafft.« 

Steve sah zu mir, aber ich hob den Blick nicht von 

dem Buch, in das ich anscheinend vertieft war. Dann 
hörte ich sie mit fester Stimme sagen: »Oh, ich glaube 
nicht, daß ich es tun kann. Mein Mann und ich 
nehmen es peinlich genau mit den Zollvorschriften.« 

»Aber es ist nur ein Kinderbuch!« rief der alte Herr. 

»Ich werde es auswickeln und Ihnen zeigen.« 

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Er band die Schnur auf, entfernte das Papier und 

hielt ein Buch zu Steve hinüber. 

»Sehen Sie selbst - ›Alice im Wunderland‹. Nie-

mand könnte behaupten, es wäre Schmuggelware.« 

»Ich bedauere sehr«, antwortete Steve entschieden. 

»Ich kann es nicht tun. Wir kennen ein Ehepaar, das 
in ernste Schwierigkeiten geriet, weil es auch so ein 
kleines Päckchen gefälligkeitshalber durch den Zoll 
brachte.« 

Das Naserümpfen des alten Herrn zeigte deutlich, 

was er von uns dachte. 

»Nun«, murmelte er, als er das Buch wieder ein-

wickelte, »manche der jüngeren Leute dieser Epoche 
scheinen nicht bereit, einen Finger zu rühren, um 
anderen zu helfen. Zu meiner Zeit war das anders, 
ganz anders...« 


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