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Fernsehspione, seltsame Drahtgewebe 

und Suggestiv-Tonbänder. 

 

Manuel Delgado ist ein Genie, das man nicht mit ge-
wöhnlichen Maßstäben messen darf. 

 

Murray Douglas will herausbekommen, weshalb 
Manuel Delgado bestimmte Schauspieler von allen 
möglichen Bühnen zusammengesucht hat. Warum 
hat er sie an einem abgelegenen Ort eingesperrt? 
Warum fördert er ihre Schwächen und Laster? Wes-
halb werden sie von schweigsamen Dienern bewacht 
und bevormundet? Wer ist dieser Manuel Delgado – 
und was hat er vor? 

 

Die Schauspieler ahnen nicht, daß das geplante Thea-
terstück im Grunde genommen ganz unwichtig ist. Es 
dient Delgado nur als Tarnung, und die Mitwirken-
den sind wie Marionetten in seiner Hand. 

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JOHN BRUNNER 

 
 
 

SPION AUS 

DER ZUKUNFT 

 
 
 

Utopischer Roman 

 
 
 

Deutsche Erstveröffentlichung 

 
 
 
 
 

 

 

WILHELM HEYNE VERLAG 

MÜNCHEN 

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HEYNE-BUCH Nr. 3137 

im Wilhelm Heyne Verlag, München 

 
 
 

Titel der englischen Originalausgabe 

 

THE PRODUCTIONS OF TIME 

 

Deutsche Übersetzung von Wulf H. Bergner 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Copyright © 1967 by Brunner Fact & Fiction Ltd. 

Printed in Germany 1969 

Umschlag: Atelier Heinrichs & Bachmann, München 

Gesamtherstellung: 

Verlagsdruckerei Freisinger Tagblatt, 

Dr. Franz Paul Datterer oHG., Freising 

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Eben weil die bloße Vorstellung ihn bereits nervös 
machte, rief Murray Douglas im Restaurant Prosceni-
um an und ließ sich einen Tisch reservieren, bevor er 
seinen Wagen auslöste. Murray kannte die Stimme 
des Mannes nicht, der seine Bestellung aufnahm, und 
der andere wiederholte völlig geschäftsmäßig, als be-
deute ihm der Name nichts: 

»Mister Murray Douglas ... einen Tisch für eine 

Person ... ein Uhr. Sehr wohl, Sir.« 

Es war lange her, viel zu lange. Inzwischen war ei-

ne Ewigkeit verstrichen. 

Seine Hand zitterte, als er den Hörer auflegte. Er 

holte tief Luft, um seine Selbstbeherrschung zurück-
zugewinnen, und atmete langsam aus. Dann tastete 
er zum zwanzigstenmal nach seiner Brieftasche, als 
wolle er sich vergewissern, daß das Geld inzwischen 
nicht verschwunden war. Schließlich zog er seinen 
Mantel an, nahm die Reisetasche auf, sah sich noch 
einmal in seinem Appartement um und ging auf die 
Straße hinunter, um ein Taxi zu finden. 

Immerhin hatte die Werkstatt sich nicht verändert. 

Tom Hickie saß wie früher in seinem engen Glaska-
sten vor ganzen Stapeln ölverschmierter Kunden-
dienstblätter und dem ständig klingelnden Telefon. 

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Von draußen her drangen Musik und Arbeitslärm in 
das winzige Büro. Murray Douglas ging an reparier-
ten Fahrzeugen vorbei, stolperte über einen Preßluft-
schlauch und erreichte den Glaskasten ohne weitere 
Zwischenfälle. 

Hickie sah von seiner Arbeit auf, als die Tür geöff-

net wurde. Einen Augenblick lang runzelte er fra-
gend die Stirn. Dann fing er sich wieder. 

»Oh, Mister Douglas! Sie waren schon so lange 

nicht mehr hier, daß ich Sie fast nicht wiedererkannt 
hätte.« 

»Haben Sie meinen Brief bekommen?« fragte Mur-

ray scharf. Er dachte nicht gern an die lange Zeit oder 
an Leute, die ihn nicht wiedererkannten. Der Spiegel 
hatte ihm bereits zuviel erzählt. Als er zuletzt hier in 
der Werkstatt gewesen war, hatte er bereits viel von 
seinem jugendlichen Aussehen verloren, dem er ei-
nen großen Teil seines Erfolgs verdankte; damals wa-
ren seine Augen schon wäßrig geworden, und die 
Tränensäcke waren immer geschwollen gewesen. 

Aber nun war er wirklich verfallen. Die Haut am 

Unterkiefer war erschlafft. Auf seiner Stirn zeichne-
ten sich tiefe Falten ab. Und er trug stets einen Hut, 
weil sein Haar sich bereits lichtete und überall grau 
wurde. Trotz seiner zweiunddreißig Jahre sah Mur-
ray Douglas wie ein Mann von Fünfzig aus und fühl-
te sich wie ein Greis. 

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»Selbstverständlich, Sir. Wir haben Ihren Brief be-

kommen, und Ihr Wagen ist gleich fertig. Wir haben 
uns gut um ihn gekümmert, darauf können Sie sich 
verlassen.« Hickie legte seine Papiere fort; in seinen 
Augen erschien ein neugieriger Ausdruck. »Ich habe 
gehört, daß Sie krank gewesen sind, Sir. Das hat mir 
wirklich leid getan. Hoffentlich haben Sie sich wieder 
gut erholt.« 

Murray hatte diese Erklärung, die sein Agent ver-

breitet hatte, plötzlich satt. »Unsinn!« widersprach er. 
»Ich bin nicht krank gewesen – ich war in einem Sa-
natorium, um mich behandeln zu lassen, bevor ich 
mich zu Tode trinke.« 

Hickie öffnete den Mund, als wolle er etwas sagen. 

Dann schwieg er doch und sah auf seine Papiere her-
ab. 

»Tut mir leid, Mister Douglas. Ich wollte nicht 

neugierig ein.« 

»Schon gut.« Murray nahm sein Zigarettenetui aus 

der Tasche; hier achtete niemand auf die großen 
Schilder Rauchen verboten, die überall an den Wänden 
hingen. »Zigarette?« 

»Nein, vielen Dank, Sir. Ich will mir gerade das 

Rauchen abgewöhnen.« Hickie versuchte zu lachen, 
aber dann wurde ein Krächzen daraus. »Ah! Dort 
kommt Bill, um zu sagen, daß Ihr Wagen fertig ist.« 
Er ging an Murray vorbei zur Tür. 

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Bill, ein großer Westinder in braunen Overalls, rief 

ihm zu: »Der Daimler ist fertig, Mister Hickie. Ich ha-
be das Arbeitsblatt eben abgegeben, damit die Rech-
nung geschrieben wird.« 

»Gut!« sagte Hickie. »Wir wollen Sie nicht allzu 

lange aufhalten, Mister Douglas.« 

»Ist der Wagen in Ordnung?« wollte Murray wis-

sen. 

»Der Daimler, Boß?« Bill wandte sich an ihn. »Nun 

wir hatten einiges daran zu arbeiten. Entschuldigen 
Sie, daß ich das sage, aber Sie schenken Ihren Wagen 
nichts, Sir.« 

»Das war früher«, murmelte Murray. »Früher habe 

ich mir selbst auch nichts geschenkt.« 

»Ja, Boß?« Bill warf ihm einen fragenden Blick zu. 

»Das habe ich nicht verstanden.« 

»Macht nichts.« Murray nahm seine Brieftasche 

heraus. »Was bin ich Ihnen für die Aufbewahrung 
schuldig, Tom?« 

 

Als Murray endlich wieder hinter dem Steuer saß 
und den wunderbar gleichmäßigen Ton des Achtzy-
linders unter der abfallenden Motorhaube hörte, ver-
gaß er sogar, daß Hickie ihn nicht gleich wiederer-
kannt hatte. Murray fuhr langsam durch das West 
End zur St. Martin's Lane und dem Proscenium. 

Aber auch dort hatte sich einiges verändert. Mur-

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ray stieß auf bisher unbekannte Einbahnstraßen, und 
an den Straßenrändern standen plötzlich überall 
Parkuhren. Nachdem er viel Benzin und eine gute 
halbe Stunde damit vergeudet hatte, in überfüllten 
Seitenstraßen nach einem Parkplatz zu suchen, be-
fand er sich wieder in der Stimmung, in der er sich in 
den letzten Monaten meistens befunden hatte. Was 
wollte er überhaupt im Proscenium? Das Ganze war 
nur eine theatralische Geste. Ein Ruf: »Murray ist 
wieder da!« Um welche Antwort zu bekommen? Viel-
leicht einige hochgezogene Augenbrauen und ein 
spöttisches: »Na, und?« 

Verdammt noch mal, ich muß es trotzdem durchstehen. 

Ich habe schon zu oft nachgegeben. Ich bin zu lange allen 
Schwierigkeiten aus dem Weg gegangen. 

Er fand schließlich einen Parkplatz und machte 

sich mit mürrischem Gesicht auf den Weg zum Re-
staurant. 

Emile, der Oberkellner, erkannte ihn wieder, aber 

selbst sein professionelles Lächeln konnte den 
Schock, den er angesichts dieser Veränderung inner-
halb eines Jahres empfand, nicht ganz verdecken. 
Und er hatte noch einen weiteren Grund, sich unbe-
haglich zu fühlen. 

»Es tut mir wirklich sehr leid, Mister Douglas«, 

sagte er eben, »aber Sie hatten einen Tisch für ein Uhr 
bestellt, nicht wahr? Als Sie um halb zwei noch nicht 

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gekommen waren, mußte ich ...« Er machte eine viel-
sagende Handbewegung, die seine Erklärung been-
dete. 

Hätte er mich früher so behandelt, hätte ich Krach ge-

schlagen. Aber das hätte er früher gar nicht gewagt. Nun 
bildet er sich ein, ich sei fertig ... 

Murray zwang sich dazu, trotzdem zu lächeln. »Ich 

habe eine halbe Stunde auf der Suche nach einem 
Parkplatz vergeudet«, sagte er. »Tut mir leid, wenn 
Sie dadurch Schwierigkeiten gehabt haben, Emile. Ist 
irgendwo ein anderer Platz für mich frei?« 

»Ah ... Wir haben nur noch einen freien Tisch, Mi-

ster Douglas.« Emile deutete nach rückwärts. »Fran-
çois wird sich Ihrer annehmen. François, führen Sie 
Mister Douglas bitte an den Tisch. Ja, Mister Crom-
bie, ich komme sofort zu Ihnen!« 

Fragende Blicke (›Ich kenne ihn bestimmt und 

weiß, wer er ist, aber ...!‹) folgten ihm durch das Re-
staurant. Er kannte keinen der Gäste, die zu ihm auf-
sahen; selbstverständlich waren hier einige Leute 
anwesend, die er kannte, aber er war froh, daß alle 
seine ehemaligen Freunde anderweitig so beschäftigt 
waren, daß sie nicht auf ihn achteten. Der Tisch, zu 
dem er geführt wurde, war zum Glück halb hinter ei-
ner mit Efeu begrünten Trennwand verborgen. Am 
Nebentisch, der in einer kleinen Nische stand, saßen 
zwei Männer, deren Stimmen er sofort erkannte: Pat 

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Burnett, Kolumnist und Theaterkritiker der Gazette
und Ralph Heston-Wood von der Theaterzeitschrift 
Acting

Die beiden hatten ihn nicht hereinkommen gese-

hen. Sie diskutierten eben eine Probe, die sie miter-
lebt hatten. Murray hörte interessiert zu und versuch-
te sich in die Vergangenheit zurückzuversetzen. 

Du lieber Gott, was er alles versäumt hatte! Warum 

war er so verrückt gewesen, hier allein aufzutauchen, 
anstatt seinen Agenten anzurufen. Roger wäre gern 
bereit gewesen, ihn ... 

Nein, wahrscheinlich nicht, und es hat keinen Zweck, 

wenn ich mich selbst betrüge. Er hat bestimmt allmählich 
genug von mir; ich habe ihn endlos angepumpt, habe mich 
bei ihm beschwert und bin ihm auf die Nerven gefallen. 

Seitdem er das Sanatorium verlassen hatte, seitdem 

er gewartet und gehofft hatte, wo es keine Hoffnung 
gab, hatte Murray Douglas einen gewissen Murray 
Douglas wesentlich besser kennengelernt. 

Und Murray Douglas ist mir nicht übermäßig sympa-

thisch. 

Er studierte die Speisekarte mit der Begeisterung 

eines eben entlassenen Sträflings (und die gräßlichen 
Schnellimbisse waren eine Art Gefängnis gewesen) 
und entschied sich für Forelle blau. 

»Welchen Wein darf ich dazu bringen, Sir?« fragte 

der Ober. 

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»Keinen«, antwortete Murray kurz. »Ich trinke Ap-

felsaft.« 

Er zündete sich eine Zigarette an und lehnte sich 

zurück. 

Die beiden Kritiker am Nebentisch hatten jetzt das 

Thema gewechselt. Murray hörte zunächst kaum zu, 
aber als ihm auffiel, worüber sie sprachen, war er 
plötzlich ganz Ohr. 

»Was halten Sie von diesem Delgado, Ralph – Sie 

wissen doch, dieser Argentinier, den Blizzard aufge-
gabelt hat?« 

»Oh, der Mann ist nicht übel, das steht fest«, ant-

wortete Heston-Wood. »Haben Sie nicht gesehen, 
was er in Paris mit Jean-Paul Garrigue auf die Beine 
gestellt hat? Trois Fois à la Fois war der Titel, soviel ich 
mich erinnere.« 

»Nein, ich habe es nicht gesehen, aber allen Berich-

ten nach hätte es mir auch nicht gefallen«, grunzte 
Burnett. 

Heston-Wood lachte. »Ja, ich weiß noch, was Sie 

über The Connection geschrieben haben, Pat.« 

»Hören Sie, Ralph, was soll eigentlich dieser ganze 

Unsinn?« erkundigte Burnett sich. »Ein Theaterstück 
ist ein Theaterstück und hat einen Autor, der es ge-
schrieben hat. Aber soviel ich gehört habe, handelt es 
sich hier nicht um ein Theaterstück. Da gibt es einen 
gerissenen Südamerikaner, der angeblich sehr avant-

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gardistisch ist; er hat es fertiggebracht, Blizzard und 
einige Geldgeber auf seine Seite zu bringen, und holt 
nun von überall her Taugenichtse, ehemalige Größen 
und abgehalfterte Schauspieler aus irgendwelchen 
Winkeln zusammen, weil kein vernünftiger Mensch 
sich mit seinem Unsinn abgeben würde.« 

Murray spürte, daß ihm der Schweiß auf der Stirn 

ausbrach. 

»Pat, manchmal übertreiben Sie wirklich mit Ihrer 

Theater-für-die-Massen-Pose. Sie haben Delgados 
Arbeit noch nie selbst gesehen, aber Sie verdammen 
sie trotzdem.« Heston-Wood trank einen Schluck 
Wein. »Das Stück mit Garrigue in der Hauptrolle war 
für mich das größte Theatererlebnis seit Godot.« 

»Es war trotzdem kein Erfolg«, stellte Burnett fest. 
»Richtig. Nun, schließlich hat Garrigue Selbstmord 

begangen.« 

»Ja, aber warum war damit alles zu Ende? Warum 

ist nicht ein Ersatzmann für ihn eingesprungen?« 

»Weil das Stück auf einer bestimmten Besetzung 

aufgebaut war. Ein Ersatzmann hätte alles ruiniert. 
Diese Idee hat etwas für sich, Pat. Das wollen Sie nur 
nicht einsehen.« 

»Doch, doch, ich weiß. Vor einigen Jahren war Sa-

royan hier, erinnern Sie sich noch? Er hat etwas ähn-
liches im Werkraumtheater versucht. Aber was ist 
dabei herausgekommen? Unsinn!« Burnett schenkte 

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sich ein Glas Wein ein. »Man stellt die Schauspieler 
auf die Bühne, wirft ihnen einige Vorschläge hin, 
entwickelt daraus in Gemeinschaftsarbeit den Dialog 
und bezeichnet das Ergebnis als Bühnenstück. Aber 
wie soll ein Meisterwerk daraus werden, wenn sich 
lauter zweitklassige Leute zusammentun? Das kann 
ich nicht glauben, Ralph. Der beste Mann ist noch 
Murray Douglas, und Sie wissen so gut wie ich, daß 
es keinen Produzenten in London gibt, der diesen al-
ten Ginsäufer auch nur ansehen würde. Und er hatte 
ohnehin nie viel Talent – nur ein hübsches Gesicht.« 

Murray stand ruckartig auf. Er machte sich gar 

nicht erst die Mühe, den Tisch zurückzuschieben; die 
Beine scharrten über den Teppichboden. Einige 
Besteckteile fielen hinunter. Murray war kreidebleich, 
als er an den Nebentisch trat. 

Heston-Wood ließ seine Gabel fallen, die gegen den 

Teller klirrte. Das war zunächst das letzte Geräusch. 
Im ganzen Restaurant herrschte einige Sekunden lang 
tiefe Stille. 

Burnett sah zu Murray auf, als habe er ein Ge-

spenst vor sich. Er war ein großer, kräftig gebauter 
Mann mit rotem Gesicht. Seine Lieblingsmasche, die 
vom Herausgeber der Gazette gefördert wurde, war 
›Theater für die Massen‹, und er ließ über seine Ko-
lumne eine Fotografie setzen, die ihn mit einer Meer-
schaumpfeife im Mund zeigte. 

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»Stehen Sie auf!« fuhr Murray ihn an. 
»He ... Seien Sie doch vernünftig, Murray!« 
Murray packte Burnett an der Krawatte. In seinem 

Zorn entwickelte er ungeahnte Kräfte. Er riß Burnett 
hoch, so daß der Stuhl des anderen krachend umfiel. 
Dann versetzte er Burnett einen gutgezielten Kinnha-
ken. 

Der

 

Kolumnist

 

stolperte

 

rückwärts,

 

stieß

 

gegen

 

ei-

nen

 

Tisch

 

und

 

griff

 

mit

 

einer

 

Hand

 

in

 

eine

 

Schale

 

Ka-

ramellpudding,

 

als

 

er

 

sich

 

aufstützen

 

wollte.

 

Murray

 

holte

 

tief

 

Luft,

 

ohne

 

auf

 

das

 

Stimmengewirr

 

zu

 

achten. 

»Das hätte Ihnen schon vor Jahren gebührt, Bur-

nett. Haben Sie verstanden, Sie armseliger Kerl? Sie 
sind kein Kritiker und werden nie einer sein. Sie sind 
ein bösartiger Schwätzer ohne Takt und ohne Manie-
ren. Als ich noch ganz oben war, hätte ich Ihnen oft 
gern die Zähne ausgeschlagen, aber ich habe es nicht 
gewagt, weil Ihre schmutzige Kolumne Ihnen Macht 
gibt. Jetzt bin ich ganz unten, und Sie können mir 
nicht mehr schaden. Aber Sie versuchen es trotzdem, 
was? Sie haben mich einen alten Ginsäufer genannt, 
nicht wahr? Schön, jetzt haben Sie Gelegenheit, es mir 
ins Gesicht zu sagen!« 

Burnett richtete sich schweratmend auf. Er ent-

schuldigte sich murmelnd bei dem Gast, dessen Ka-
ramellpudding ihm unter die Finger gekommen war. 

»Mister Douglas! Bon Dieu, was haben Sie getan?« 

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Emile kam aufgeregt aus dem Hintergrund herange-
stürzt. 

»Schon gut, Emile, ich gehe bereits. Hätte ich ge-

wußt, daß ich hier mit Burnett unter einem Dach sein 
würde, wäre ich ohnehin nicht gekommen. Sein An-
blick verdirbt mir den Appetit.« Nun benützte Mur-
ray absichtlich die Resonanz seiner ausgebildeten 
Stimme, mit der er früher die Albert Hall ohne Mi-
krophon gefüllt hatte. Er wußte, daß alle Gäste jedes 
einzelne Wort verstanden. »Hier, nehmen Sie das als 
Schadenersatz.« Er drückte Emile fünf Pfund in die 
Hand und suchte gleichzeitig in der Hosentasche 
nach Kleingeld. »Das hier ist für Sie, Burnett.« 

Er warf dem großen Mann einen Penny zu. Die 

Münze fiel vor ihm auf den Teppich. Murray drehte 
sich um und ging langsam zum Ausgang; diesmal 
wußte er, daß alle Gäste ihn beobachteten. Diesmal 
fragte niemand, wer das sein könnte. 

Der beste Abgang seit langem, überlegte er sich erbit-

tert. 

»Murray!« 
Er blieb stehen und sah sich um. An einem Tisch in 

der Nähe der Tür sah er Fleet Dickinson, der sich 
ganz oben befand und wohl nie absinken würde. 
Fleet lächelte strahlend. 

»Murray, ich bin wirklich verdammt froh, daß Sie 

wieder unter die Lebenden zurückgekehrt sind. Gra-

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tuliere, das war ein prächtiger Kinnhaken, den Sie 
Burnett verpaßt haben. Was tun Sie im Augenblick? 
Ich habe gar nichts mehr von Ihnen gehört, seitdem ... 
nun, Sie wissen schon.« Er machte eine verlegene 
Handbewegung. 

»Seitdem ich eine Entziehungskur machen mußte«, 

stellte Murray fest. »Ich habe mich ausgeruht. Mei-
stens vor anderer Leute Türen. Ich habe mich auch 
um eine Audienz bei Ihnen bemüht, aber Sie waren 
nicht zu sprechen.« 

Fleet ließ sich nicht anmerken, daß ihm unbehag-

lich zumute war. »Nun, Murray, Sie wissen selbst, 
wie es in solchen Fällen ist ...« 

»Das weiß ich nur zu gut. Lassen Sie sich nicht wei-

ter von Ihrem Essen abhalten.« 

»Augenblick noch ... äh ... Murray!« 
Murray blieb stehen und sah sich um. 
»Hören Sie, wenn Sie wirklich Schwierigkeiten ha-

ben ...« 

»Jetzt nicht mehr, danke. Blizzard hat mich für sei-

ne Ansammlung von Taugenichtsen und Schmieren-
komödianten angeheuert, die Delgados neues Stück 
auf die Bühne bringen sollen. Bis dahin bin ich ver-
sorgt. Wir sehen uns bei der Premiere wieder.« 

 

Dieser Seitenhieb zum Abschied war ausgesprochen kin-
disch
, warf Murray sich vor, als er auf die Straße hi-

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naustrat. Das Dumme an der ganzen Sache war na-
türlich, daß er wie Burnett an Delgados Projekt zwei-
felte. Hätte sein Agent etwas anderes aufgetrieben – 
irgend etwas anderes –, hätte er sich nie darauf einge-
lassen, obwohl er hier eine phantastisch hohe Gage 
erhielt. 

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Murray fuhr nach Norden durch London auf die M1 
zu und dachte dabei noch immer an die Ereignisse 
der letzten halben Stunde zurück. Er hielt einmal an, 
um das Verdeck zurückzuklappen – frische Luft 
würde ihm helfen, Burnett zu vergessen – und ein 
Sandwich zu kaufen, das die gute Forelle blau erset-
zen mußte, die er im Restaurant Proscenium zurück-
gelassen hatte. 

Bisher war er vorsichtig gefahren; schließlich hatte 

er seit seinem Zusammenbruch nicht mehr am Steuer 
eines schnellen Wagens gesessen. Als er jedoch die 
Autobahn erreichte, fuhr er absichtlich immer schnel-
ler, schaltete erst bei hundertsiebzig in den vierten 
Gang und beschleunigte weiter, bis das Tachometer 
zweihundert Stundenkilometer anzeigte. 

Murray war Manuel Delgado dankbar, wenn auch 

nur dafür, daß er ihm genug Geld vorgestreckt hatte, 
damit er den Wagen wieder auslösen konnte. 

Er hatte den Daimler nicht verkauft, weil der Wa-

gen im Lauf der Zeit ein wichtiges Symbol für ihn 
geworden war. Das Nummernschild trug die Kombi-
nation 1 MQD – Murray Quest Douglas –, und die 
Leute erkannten den weißen Daimler SP 250 auf offe-
ner Straße. »Das ist Murray Douglas in seinem Wa-

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gen!« hieß es dann. »Ich habe ihn erst letzte Woche 
im Fernsehen gesehen.« 

Einmal hatte ihn sogar ein Taxifahrer um sein Au-

togramm gebeten, als sie beide nebeneinander vor ei-
ner blockierten Kreuzung standen. 

Vielleicht war er unerklärlich hartnäckig gewesen. 

Er hätte noch immer sieben- oder achthundert Pfund 
dafür bekommen, obwohl der Wagen damals nicht in 
bestem Zustand war. Er hätte anständig essen kön-
nen, anstatt aus Büchsen zu leben; er hätte nicht die 
billigsten Zigaretten zu rauchen brauchen, und er 
hätte nicht in ungebügelten Anzügen zu nutzlosen 
Interviews zu kommen brauchen. Roger Grady hatte 
ihm oft genug vorgeworfen, es sei idiotisch, den Wa-
gen in der Garage stehen zu lassen, wo jede Woche 
Geld kostete; Roger hatte nochmals davon angefan-
gen, als er Murray die unglaubliche Mitteilung mach-
te, daß Sam Blizzard Schauspieler für Delgados neues 
Stück suchte und Murray Douglas engagieren wollte. 

Murray

 

dachte

 

an

 

dieses

 

Gespräch

 

mit

 

Roger

 

zurück. 

 
Murray hatte selbstverständlich schon von Delgado 

gehört. Der Autor stammte aus Argentinien. Er hatte 
schon früher einen Film gedreht, als der einzige süd-
amerikanische Name, der einigermaßen bekannt war, 
Leopoldo Torre-Nilsson hieß. Murray hatte den Film 
nicht selbst gesehen – er war nur auf irgendeinem ob-

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skuren Festival gezeigt worden –, aber er kannte eini-
ge Leute, die ihn gesehen hatten und als phantastisch 
bezeichneten. Eine Comédie noire, die das Ende aller 
Comédies noires bedeutete. 

Delgados Ruf bei seiner Ankunft in Europa war auf 

diesem Film begründet, und vergangenes Jahr hatte 
Jean-Paul Garrigue, einer der besten jungen Schau-
spieler in Paris, die Hauptrolle des Experimentier-
stücks übernommen, von dem Burnett und Heston-
Wood gesprochen hatten. Murray hatte auch dieses 
Stück nicht gesehen; er war damals bereits im Sanato-
rium gewesen. Aber er hatte die Kritiken gelesen; die 
Kritiker waren teilweise begeistert gewesen. 

Dann hatte Garrigue Selbstmord begangen. Dieser 

kurzlebigen Sensation war monatelanges Schweigen 
gefolgt. Man hätte glauben können, Garrigues De-
pression sei ansteckend, denn Delgado schien nicht 
mehr imstande zu sein, andere zu begeistern. 

Und dann kam Roger mit der Nachricht. 
»Ob ich annehme?« wiederholte Murray und 

schüttelte verblüfft den Kopf. »Blizzard will mich en-
gagieren, und ich könnte da noch zögern? Bist du 
verrückt geworden, Roger?« 

»Ich kenne einige Leute, die nicht annehmen wür-

den«, sagte Roger nach einer kurzen Pause. 

»Warum? Du lieber Gott, Delgado ist doch letztes 

Jahr von der Kritik in den Himmel gehoben worden!« 

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»Ganz recht.« Roger starrte seine Zigarre an. »Du 

bist seitdem natürlich nicht mehr ganz auf dem lau-
fenden. Du hörst kaum noch Gerüchte, verstehst du? 
Ich behaupte nicht, daß die Sache keine große Chance 
wäre, oder daß du sie nicht verdient hättest, seitdem 
du dich so zusammengerissen hast. Aber ich muß dir 
auch sagen, daß es einige Leute gibt, die keine Rolle 
in Delgados Stück übernehmen würden, selbst wenn 
sie dafür tausend Pfund täglich bekämen.« 

»Warum nicht?« 
»Weil Garrigue Selbstmord begangen hat. Weil Léa 

Martinez in einer Nervenheilanstalt sitzt. Weil Clau-
dette Myrin ihre kleine Tochter ermorden wollte.« 
Roger sprach völlig ernsthaft, und sein Gesichtsaus-
druck hatte sich verändert. 

»Das mit den Mädchen habe ich nicht gewußt«, gab 

Murray zu. »Sie haben in Paris mitgespielt, nicht 
wahr? Aber hör zu, Roger, das heißt doch nur, daß 
ein paar Abergläubische sich einbilden, Delgado habe 
diesen Leuten Unglück gebracht.« 

»Mehr oder weniger.« 
»Hast du schon einmal erlebt, daß ich abergläu-

bisch bin, Roger?« 

»Nein.« Der Agent seufzte. »Aber ich mußte dich 

trotzdem warnen. Ich habe erst gestern mit jemand 
über diese Sache gesprochen, der sofort ablehnte, be-
vor ich überhaupt ein Angebot machen konnte. Bliz-

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zard hat einige verrückte Vorstellungen davon, wel-
che Leute er haben oder nicht haben will ...« 

»Gehöre ich auch dazu, Roger?« warf Murray ein. 
»Nein. Wirklich nicht, Murray. Bildest du dir ein, 

ich sei dumm genug, jemandem vierhundert Pfund 
zu leihen, wenn ich annehmen müßte, der Betreffen-
de habe keine Aussichten mehr in seinem Beruf? 
Nein, ich bin davon überzeugt, daß du es wieder 
schaffen wirst – vielleicht sogar besser als zuvor, weil 
du dich jetzt nicht mehr auf dein gutes Aussehen ver-
lassen kannst.« Roger wußte, daß er mit Murray offen 
sprechen konnte. »Aber du bist bisher das einzige 
Mitglied des Ensembles, das mir vertrauenerweckend 
erscheint. Ich bin allerdings nicht dafür verantwort-
lich, und Blizzard hat einen harten Kopf. Außerdem 
hast du auf jeden Fall die Chance, die Kritiker zu be-
eindrucken, selbst wenn das dämliche Stück schon 
nach drei oder vier Tagen abgesetzt werden müßte.« 

»Du bist nur froh, daß ich dich auf diese Weise ei-

nige Wochen lang nicht mehr belästigen kann«, stellte 
Murray vorwurfsvoll fest. 

»Du wirst allmählich verdammt lästig, Murray, 

und du schuldest mir einen Haufen Geld. Dabei ver-
dankst du es nur meinem Langmut, daß ich dich 
nicht schon längst vor die Tür gesetzt habe. Du 
kämpfst nicht gern, mein Junge, und du läßt es dir 
auch anmerken!« 

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»Schon gut, schon gut«, lenkte Murray ab. »Erzähl 

mir lieber mehr von dieser Sache. Die Gage spielt 
keine Rolle. Im Augenblick würde ich auch eine 
Komparsenrolle übernehmen.« 

»Du hast zum Glück etwas mehr zu erwarten. Da-

bei ist Geld zu verdienen, alter Junge! Blizzard hat ei-
nen bankrotten Klub namens Fieldfare House bei 
Bedford übernommen und will dort das Ensemble 
unterbringen, bis das Stück in London aufgeführt 
wird. Wahrscheinlich soll es Amaranth im Margrave-
Theater ablösen; Amaranth zieht schon lange nicht 
mehr recht. Vielleicht habt ihr Gelegenheit, eine Wo-
che vor der Londoner Aufführung in der Provinz zu 
proben, aber wahrscheinlich kommt ihr gleich in vier 
Wochen ins Margrave-Theater.« 

»Hast du vier Wochen gesagt?« 
»Nein, Blizzard hat davon gesprochen. Du kannst 

selbst mit ihm darüber diskutieren, alter Junge. Dazu 
hast du genügend Zeit – er erwartet dich am Freitag 
in seinem Klub.« 

 

Am Freitag fuhr Murray eine Stunde früher als er-
wartet, weil er das Mittagessen hatte ausfallen lassen, 
an dem verblichenen Hinweisschild vorbei, das in 
Richtung Fieldfare House zeigte. 

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Die kiesbestreute Auffahrt zweigte von einer schma-
len Nebenstraße ab und führte durch einen weitläufi-
gen Park. Murray vermutete, daß der Klub auch we-
gen dieses Grundstücks Bankrott gemacht haben 
mußte, das ungewöhnlich großzügig angelegt und 
bepflanzt war. Hinter dem Hauptgebäude sah er den 
erhöhten Rand eines Schwimmbeckens. 

Das große Haus aus grauem Stein und roten Zie-

geln war bis zur Dachrinne mit Efeu bewachsen. Es 
wirkte unbewohnt; die Fenster waren schmutzig, und 
im Parterre waren die Fensterläden einiger Zimmer 
geschlossen. Links neben dem Eingang wartete ein 
geräumiger Parkplatz auf die Fahrzeuge der Besu-
cher. 

Murray stellte den Wagen dort ab, schaltete die 

Zündung aus und erschrak fast, als es um ihn herum 
totenstill blieb. Er mußte die Befürchtung unterdrük-
ken, dies sei alles nur ein alkoholisierter Wunsch-
traum. Hatte Blizzard nie nach ihm gefragt? War er 
vergebens zu diesem menschenleeren Haus gefah-
ren? 

Er zog den Zündschlüssel ab und stieg langsam 

aus. Dann knallte er die Wagentür zu und öffnete den 
Kofferraum. Er griff nach seiner Reisetasche. 

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»Sie sind bestimmt Mister Murray Douglas.« 
Die leise Stimme kam völlig unerwartet. Murray 

ließ den Kofferraumdeckel krachend zufallen. Rechts 
neben ihm stand ein Mann unbestimmbaren Alters; 
er trug einen schwarzen Anzug und eine schwarze 
Krawatte. Murray hatte nicht einmal den Kies unter 
seinen Füßen knirschen gehört. 

»Ja, das bin ich«, antwortete Murray unsicher. »Sie 

scheinen mich erwartet zu haben.« 

»Ganz recht, Sir. Ich heiße Valentine und bin hier 

Butler. Darf ich Ihre Tasche nehmen und Ihnen Ihr 
Zimmer zeigen?« 

Murray schüttelte verblüfft den Kopf. Er starrte Va-

lentine an, betrachtete das blasse, faltenlose Gesicht 
mit den dunklen Augen und stellte fest, daß der 
Mann ihn an einen Beerdigungsunternehmer erinner-
te. 

»Ihre Tasche, Sir?« 
»Oh ... bitte sehr. Ist Mister Blizzard schon ange-

kommen?« 

»Nein, Sir. Sie sind der erste. Ich erwarte Mister 

Blizzard gegen sechs Uhr, und Mister Delgado beglei-
tet ihn vermutlich. Die übrigen Mitglieder des En-
sembles dürften im Laufe des Nachmittags eintreffen. 
Folgen Sie mir bitte, Sir.« 

Valentine wandte sich ab. Obwohl er jetzt die Rei-

setasche trug, knirschte der Kies unter seinen Füßen 

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nicht. Murray hatte das Gefühl, neben einem Ge-
spenst zu gehen, das ihn in die riesige Eingangshalle 
des Hauptgebäudes führte, über der sich eine Glas-
kuppel wölbte. Hier und entlang der Treppe zum er-
sten Stock waren überall Dekorationsstücke aus der 
Zeit des Klubs übriggeblieben: Stiche von Jagdsze-
nen, Waldhörner, Geweihe, alte Waffen und ein Ti-
gerfell vor dem gewaltigen Kamin. 

Der Butler führte Murray in den ersten Stock hin-

auf, wo ein langer Korridor nach rechts abzweigte. 
Murray vermutete, daß er sich hier in einem neuen 
Seitenflügel des Hauses befand, den er von der Ein-
fahrt aus nicht gesehen hatte. 

»Ihr Zimmer, Sir«, stellte Valentine fest und steckte 

einen Schlüssel in die letzte Tür. »Nummer Vier-
zehn.« 

Murray fiel auf, daß die vorletzte Tür die Nummer 

Dreizehn trug, und er fragte sich, ob dieser Raum 
leerstehen würde. Oder sollte dort jemand unterge-
bracht werden, der von sich behauptete, er sei durch-
aus nicht abergläubisch? Dann folgte er dem Butler in 
sein Zimmer und vergaß diese Frage wieder. Statt 
dessen stieß er einen leisen Pfiff aus. 

Der quadratische Raum war mit Ahorn getäfelt. 

Neben dem niedrigen Bett standen zwei moderne 
Tischchen; auf einem hatte das Telefon seinen Platz 
gefunden, auf dem andern stand eine große Vase voll 

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Blumen. An der Wand über dem Bett hing die Re-
produktion eines Gemäldes von Picasso. Das breite 
Fenster war von flaschengrünen Vorhängen einge-
rahmt und gab den Blick auf den Rasen hinter dem 
Haus frei. Auf einem weißen Gestell am Fenster stand 
ein Fernsehgerät; in bequemer Reichweite des Schau-
kelstuhls lagen einige Nummern von Acting und an-
dere Magazine in einem Zeitungsständer. 

Murray nickte beeindruckt und ging ans Fenster. 

Als er sich umdrehte, sah er, daß Valentine seine Ta-
sche auspacken wollte. 

»Nein, lassen Sie das, Valentine«, forderte Murray 

ihn auf. »Hier.« Er suchte nach Trinkgeld, aber Valen-
tine hob abwehrend die Hand. 

»Das ist nicht notwendig, Sir Mister Blizzard zahlt 

mir ein sehr großzügiges Gehalt.« 

»Aha.« Murray zuckte mit den Schultern und 

steckte das Kleingeld wieder ein. »Hören Sie, gibt es 
hier schon eine Art Stundenplan?« Er begann die Ta-
sche auszupacken. 

»Soviel ich weiß, hängt alles von Mister Delgado 

und den Fortschritten ab, die das Stück macht, Sir. 
Heute abend wird um halb acht gegessen; anschlie-
ßend will Mister Delgado die Anwesenden selbst 
kennenlernen und ihnen Gelegenheit zu Fragen und 
Vorschlägen geben.« 

»Ausgezeichnet. Waren Sie übrigens schon früher 

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hier im Klub beschäftigt?« Murray legte Socken und 
Hemden in die dafür vorgesehenen Schubladen der 
Kommode, nahm seinen zweiten Anzug und ging 
damit an den Einbaukleiderschrank. 

»Nein, Sir. Mister Blizzard hat mich angestellt. Ich 

bin hier ebenso fremd wie Sie.« 

»Der alte Blizzard zieht die Sache gleich richtig auf, 

was?« Murray öffnete die Tür des Kleiderschranks, 
blieb wie gelähmt stehen und achtete kaum auf Va-
lentines Antwort. 

»Das kann ich nicht beurteilen, Sir. Dazu bin ich zu 

wenig mit dem Theaterleben vertraut. Ist etwas nicht 
in Ordnung, Sir?« 

Murray gab sich einen Ruck. »Ja«, bestätigte er 

grimmig. »Das hier.« Er öffnete die Tür ganz, nahm 
eine Flasche White Horse aus dem untersten Fach 
und drückte sie Valentine in die Hand. 

»Und das! Und das! Und das!« Murray holte weite-

re Flaschen aus dem Schrank – Booth's Dry Gin, Le-
mon Hart Rum und Cognac Hennessy. Er sah auch 
Gläser, eine Flasche Sodawasser und Flaschen mit Zi-
tronen- und Orangenkonzentrat – aber das alles war 
ungefährlich. Murray schwitzte, als er sich wieder 
Valentine zuwandte, der mit den Flaschen in den 
Armen und einem höflich fragenden Ausdruck auf 
dem Gesicht vor ihm stand. 

»Schaffen Sie das Zeug fort«, wies Murray ihn an. 

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»Hat Blizzard Ihnen gesagt, Sie sollten es mir brin-
gen?« 

»Ganz recht, Sir. Mister Blizzard hat mich beauf-

tragt, für Erfrischungen in den Zimmern der Gäste zu 
sorgen.« 

»Schön, lassen wir das. Bringen Sie das Zeug weg. 

Erfrischungen! Hm ... Sie können mir ein paar Dosen 
Obstsaft bringen.« 

»Sehr wohl, Sir.« Valentine ließ sich nicht anmer-

ken, ob er wußte, weshalb Murray so erregt war. »Ist 
das vorläufig alles?« 

»Ja.« Murray kehrte ihm den Rücken zu. 
 

Es würde nicht leicht sein. Aber das hatte er von An-
fang an gewußt. Im Sanatorium war er gewarnt wor-
den, daß es unter Umständen einige Jahre dauern 
konnte, bevor er ein Glas Bier riskieren durfte. Mur-
ray war sich darüber im klaren, daß er keinen Trop-
fen Alkohol trinken durfte, bevor er nicht fünf Jahre 
lang beruflich erfolgreich gewesen war; sonst würde 
er wieder in die Gosse hinabsinken und dort bleiben. 

Murray Douglas hielt nicht sonderlich viel von 

Murray Douglas. Aber in der Gosse würde er nur 
noch Haß für ihn empfinden. 

Er hatte noch einige Beruhigungspillen übrig, die 

er im Sanatorium bekommen hatte. Er nahm die klei-
ne Schachtel aus der Reisetasche, ging ans Waschbek-

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ken und schluckte eine Pille mit etwas Wasser. Einige 
Minuten später fühlte er sich bereits besser. 

Sein Gepäck konnte bis später warten. Im Augen-

blick wollte er sich in dem ehemaligen Klub orientie-
ren, in dem er gelandet war. Valentine hatte den 
Zimmerschlüssel außen in der Tür stecken lassen. Er 
schloß die Tür ab und begann seine Entdeckungsrei-
se. 

Das Innere des großen Hauses hielt ihn nicht lange 

auf. Von der Eingangshalle aus führte eine Tür in den 
geräumigen Speisesaal; andere Türen führten in den 
Aufenthaltsraum mit der Bar, in eine Bibliothek und 
zu den Wirtschaftsräumen. Murray hob sich die eine 
Tür, die seiner Meinung nach in den neuen Seitenflü-
gel führte, bis zuletzt auf. Dahinter lag jedoch kein 
Korridor, sondern ein vollständig eingerichtetes klei-
nes Theater mit etwa sechzig Plätzen, zwei Kinopro-
jektoren und einer überraschend weiträumigen Büh-
ne. 

Murray pfiff anerkennend. Blizzard hatte diesen 

Klub absichtlich ausgewählt! Es war bestimmt nicht 
leicht gewesen, etwas Passendes zu finden. Plötzlich 
kam ihm die Idee, ein Stück innerhalb von vier Wo-
chen auf die Beine zu stellen, nicht mehr so unwahr-
scheinlich vor. Autor, Ensemble, Produzent – und 
vermutlich auch Bühnenbildner, Beleuchter und so 
weiter – unter einem Dach, wo es ein Miniaturtheater 

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für Proben gab. Das konnte wesentlich produktiver 
als die gewohnte Arbeitsweise sein, bei der sich die 
Schauspieler nach den Proben wieder verliefen. 

Nach einem letzten Blick auf die leeren Sitzreihen 

verließ Murray das Theater. In der großen Halle 
glaubte er Valentine zu sehen, mußte aber feststellen, 
daß es sich um einen Diener gehandelt hatte; der 
Mann sah Valentine allerdings ähnlich, war nur et-
was größer und trug ebenfalls einen schwarzen An-
zug. Die Eingangstür stand offen. Murray schloß das 
Verdeck seines Wagens, weil es nach Regen aussah, 
und ging dann ums Haus, um den Park zu besichti-
gen. 

Hinter dem Hauptgebäude lag ein großes 

Schwimmbecken, das jetzt allerdings kein Wasser 
enthielt. Weite Rasenflächen und ein Tennisplatz 
schlossen sich an. Den Abschluß bildete in dieser 
Richtung ein Tannenwäldchen, das Murray bereits 
von seinem Zimmer aus gesehen hatte. Er folgte ei-
nem Fußpfad zwischen den Bäumen und hatte das 
Haus bereits aus den Augen verloren, als er auf den 
Zaun stieß. 

Dieser Zaun war fast zweieinhalb Meter hoch, be-

stand aus schwerem Maschendraht und wurde oben 
durch einen dreifachen Stacheldraht wirkungsvoll 
abgeschlossen. Murray wußte nicht, ob der Klub oder 
der Grundstücksnachbar ihn errichtet hatte. 

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Murray wandte sich ab. In entgegengesetzter Rich-

tung hatte er genügend freie Fläche vor sich, und was 
außerhalb des Zauns geschah, brauchte ihn nicht zu 
interessieren. Gleichzeitig überlegte er sich, daß es ei-
gentlich schade war, hier nur zu arbeiten. Hier hätte 
er sich nach seiner Entziehungskur wunderbar erho-
len können – wenn er das Geld dazu gehabt hätte. 

Er näherte sich bereits wieder dem Haus, als er ei-

nen Wagen vorfahren hörte. Er ging schneller, denn 
er war neugierig, wen Blizzard sonst noch für dieses 
Unternehmen eingefangen hatte, das in so unerwartet 
luxuriösem Rahmen stattfand. 

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Als Murray den Butler anwies, die Flaschen aus sei-
nem Zimmer zu entfernen, war ihm eingefallen, es 
könnte schwierig sein, einen Drink abzulehnen, wenn 
sich alle zum Abendessen versammelten. Als die 
zehn oder zwölf Mitglieder des Ensembles sich um 
halb neun nach dem Essen im Aufenthaltsraum an 
der Bar versammelten, wo die von Valentine erwähn-
te Diskussion stattfinden sollte, fühlte Murray sich 
versucht, seine Sorgen in Alkohol zu ertränken. 

Irgendwie brachte er es trotzdem fertig, nicht zu 

Valentine und den beiden Dienern hinüberzusehen – 
alle drei gleich gekleidet und gleich schweigsam –, 
die jetzt auf Wunsch Drinks servierten. Die Bar in der 
Ecke war vor dem Abendessen geöffnet worden, und 
die vorhandenen Alkoholvorräte hatten seitdem 
sichtlich abgenommen. Die Luft wurde stickig, weil 
alle rauchten; irgend jemand hatte einige Schallplat-
ten gefunden und legte sie nacheinander auf den 
Plattenspieler in der Ecke. Die Anwesenden lachten 
und sprachen überlaut, so daß die Versammlung eher 
an eine Party als an eine grundsätzliche Besprechung 
erinnerte. 

Nur Murray hockte allein in einem großen Lehn-

sessel, hielt ein Glas Zitronensaft mit beiden Händen 

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umklammert und runzelte die Stirn, während er zu-
hörte und beobachtete. 

Die Unterhaltung drehte sich meistens um die bei 

Schauspielern so beliebten Themen – Klatsch, Eigen-
lob und die Unfähigkeit aller Kritiker. Bisher hatte 
noch niemand Murrays Zusammenstoß mit Pat Bur-
nett erwähnt, und Murray war froh darüber. Viel-
leicht war es Heston-Wood gelungen, seinen Kolle-
gen zu beruhigen. Natürlich würden die Leute früher 
oder später davon erfahren, aber wenigstens hatten 
die Abendzeitungen noch nichts darüber gebracht. 

Gelegentlich erhitzten sich die Gemüter, wenn ein 

allgemein interessierendes Thema angeschnitten 
wurde: die Aussichten dieses Unternehmens und der 
Wert der Improvisation als Grundlage eines Bühnen-
stücks. Murray hatte in den letzten Tagen viel dar-
über nachgedacht und rechnete mit einer ernsthaften 
Diskussion. Aber er hatte nicht den Mut, sie zu be-
ginnen. Er wußte jetzt, wen Blizzard außer ihm enga-
giert hatte, und er wollte möglichst wenig mit diesen 
Leuten zu tun haben. 

Blizzard und Delgado waren nicht zum Abendes-

sen erschienen. Valentine hatte den Schauspielern er-
klärt, die beiden hätten noch einige Probleme zu be-
sprechen und zögen es deshalb vor, allein zu essen. 
Murray glaubte nicht recht daran. Er hatte eher den 
Eindruck, dieser Delgado wolle sich mit der Aura des 

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Geheimnisvollen umgeben. Bisher hatte ihn noch 
niemand zu Gesicht bekommen. 

Allerdings schien das niemand zu stören. Alle wa-

ren mit dem guten Essen und den kostenlosen Drinks 
mehr als zufrieden. 

Murray sah sich um. Die lautere der beiden kleinen 

Gruppen bestand aus fünf Leuten; mit vier von ihnen 
hatte er bereits zusammengearbeitet. Dort saß Ida 
Marr, rothaarig, noch immer schlank, aber nicht mehr 
die Jüngste, was an den Krähenfüßen und den Falten 
am Hals zu sehen war; sie posierte bewußt – aber sie 
führte sich stets so auf, als stehe sie auf der Bühne. 
Neben ihr saß Gerry Hoarding; er wirkte sogar jünger 
als vierundzwanzig, wenn man das hagere Gesicht 
unter dem wirren Blondschopf sah. Hoarding sollte 
ihr Bühnenbildner sein; er hatte ohne Zweifel Talent, 
aber ... 

Rechts neben Ida saß Adrian Gardner, der in den 

letzten Jahren etwas Fett angesetzt hatte. Murray hat-
te in Skeleton mit ihm auf der Bühne gestanden und 
kannte ihn als gut durchschnittlich begabten Schau-
spieler. Aber auch er ... 

Er hatte Constant Baines vor fast zehn Jahren in ei-

nem Repertoiretheater kennengelernt. Constant saß 
neben Adrian und beteiligte sich nur selten an der 
Unterhaltung. Er war immer auf der gleichen Stufe 
stehengeblieben als Murray das West End erreicht 

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hatte; keiner von ihnen hatte sich über dieses Zu-
sammentreffen gefreut, und sie hatten sich eisig be-
grüßt. 

Und noch jemand. Ida machte eine Bemerkung, die 

Murray nicht verstand, die anderen lachten, und das 
Mädchen, das zu Idas Füßen auf einem Kissen saß, 
hob den Kopf Ida wurde auf die Bewegung aufmerk-
sam und strich dem Mädchen rasch übers Haar. 

Wahrscheinlich ihre letzte Eroberung. Gräßlich. 

Murray runzelte die Stirn. Er hatte das Mädchen noch 
nie gesehen und vermutete, daß es von irgendeinem 
Provinztheater kam; beim Abendessen hatte er ge-
hört, daß es Heather hieß. Es war bestimmt nicht älter 
als zwanzig. Seine langen Haare waren rabenschwarz 
und umrahmten ein interessant geschnittenes Ge-
sicht. Auch die Figur in dem knappen roten Kleid 
war sehenswert. 

Wirklich eine Schande! 
Murray zuckte mit den Schultern. In diesem Au-

genblick verstummte die Unterhaltung; er hob den 
Kopf und stellte fest, daß Blizzard in Begleitung eines 
Mannes hereingekommen war, der nur der berühmte 
Manuel Delgado sein konnte. 

Blizzard – dick, im dunkelblauen Zweireiher, mit 

einer gewaltigen Zigarre in der Hand – stapfte durch 
den Raum und grüßte nach rechts und links. »Ida, 
meine Liebe, ich bin entzückt! Hallo, Murray! Freut 

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mich, daß Sie sich uns angeschlossen haben! Und die 
kleine Heather – wie geht's bisher, Süße?« 

Aber niemand achtete wirklich auf ihn. Alle starr-

ten nur Delgado an. 

Das Gesicht des Autors trug einen merkwürdigen 

Ausdruck. Wie das einer Schlange? Ja, entschied 
Murray nach kurzem Zögern. Man hatte den Ein-
druck, die Augen seien lidlos. Delgado war mittel-
groß und schlank; er hatte das dunkle Haar und die 
gebräunte Haut eines Südamerikaners; er war ele-
gant, aber nicht auffällig gekleidet und hielt sich sehr 
gut. Man hätte ihn eher für einen Schauspieler halten 
können, als ... nun, zum Beispiel Constant Baines, der 
eher wie ein erfolgloser Buchhalter wirkte. 

Murray erwiderte den Blick dieser schwarzen Au-

gen und hatte das Gefühl, abgeschätzt und gewogen 
zu werden. Dann wandte Delgado sich ab, und Mur-
ray stellte fest, daß dieser Vorgang sich bei jedem von 
ihnen wiederholte. 

»Alle mal herhören!« Blizzard hatte hinter einem 

Tisch an der Längsseite des Raums Platz genommen, 
so daß er die Schauspieler vor sich hatte. »Manuel?« 

Delgado nickte und ging um den Tisch herum. 

Murray fiel auf, wie geschmeidig er sich bewegte; er 
sah zu Adrian Gardner hinüber. Tatsächlich! Ade 
beobachtete diesen graziösen Gang. Murray hätte am 
liebsten zum erstenmal seit seiner Ankunft gelacht, 

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aber er unterdrückte diesen Impuls, weil Blizzard 
jetzt wieder das Wort ergriff. 

»Na, ich schätze, daß Sie alle diese ganze Sache für 

ziemlich verrückt halten, was?« 

Das Mädchen Heather kicherte nervös, und Adrian 

machte irgendeine unverständliche Bemerkung. 

»Das habe ich mir gedacht.« Blizzard lächelte jetzt 

nicht mehr. »Schön, ab sofort gibt es keinen Grund 
mehr dafür! Dieses Haus ist kein vornehmer Klub, 
sondern nur zufällig der ideale Rahmen für unser 
Unternehmen. Wie viele von Ihnen haben das Theater 
im Seitenflügel gesehen?« 

Blizzard machte eine erwartungsvolle Pause. »Was, 

nur Murray hat es sich angesehen?« fragte er dann 
enttäuscht. »Du lieber Gott! Seht es euch gefälligst 
nach der Diskussion an, ja? Es wird euch gefallen. 
Schön, kommen wir also zur Sache. 

Ihr wißt alle, was wir hier erreichen wollen. Wir 

haben uns etwas vorgenommen, das wirklich nicht 
leicht ist, aber Manuel hat es bereits zwei- oder drei-
mal mit solchem Erfolg vorexerziert, daß die Kritiker 
noch immer nicht zur Ruhe gekommen sind. Viele 
Leute wären froh, wenn sie nur einmal solchen Erfolg 
hätten, bevor sie sterben.« 

»Jean-Paul Garrigue?« murmelte Constant im rich-

tigen Augenblick. Die anderen drehten sich nach ihm 
um. 

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»Constant,

 

das

 

war

 

nicht

 

witzig«,

 

stellte

 

Adrian

 

fest. 

»Es war auch nicht witzig gemeint«, antwortete 

Constant. 

Wie reagierten die anderen? Murray sah sich um 

und glaubte ein leichtes Lächeln auf Delgados schma-
len Lippen erkannt zu haben, das sofort wieder ver-
schwand. Er war plötzlich neugierig auf Delgados 
Ausführungen. 

»Tut mir leid, Manuel«, flüsterte Blizzard dem Au-

tor zu. Delgado nickte geistesabwesend, zündete sich 
eine Zigarette an und beugte sich leicht vor. 

»Soll ich mir deswegen Gewissensbisse machen?« 

fragte er. Er sprach gutes Englisch mit spanischem 
Akzent und amerikanisch gefärbter Aussprache. »Sie 
sind sich hoffentlich darüber im klaren, daß Jean-Paul 
das Stück nicht zu diesem ... diesem Erfolg hätte füh-
ren können, wenn er nicht dem Selbstmord nahe ge-
wesen wäre.« 

Sein Gesicht verschwamm in einer Rauchwolke. Er 

legte den Kopf schief und erinnerte Murray dadurch 
noch mehr an ein Reptil. »Sie alle kennen mich bisher 
noch nicht. Ich habe natürlich einen gewissen Ruf, 
und einige von Ihnen haben vielleicht meinen Film 
gesehen. Aber keiner von Ihnen hat Trois Fois gese-
hen, sonst wäre er jetzt nicht hier. Ich habe kein Inter-
esse daran, mich zu wiederholen. Ich bin nur an et-
was anderem interessiert. Hören Sie zu, dann erzähle 

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ich es Ihnen, und wenn ich das sage, befehle ich Ih-
nen zuzuhören, weil Sie damit leben werden.« 

Murray beugte sich in seinem Sessel nach vorn. Er 

hatte im Lauf seiner Karriere als Schauspieler genü-
gend Gelegenheit gehabt, mit begabten Schriftstellern 
und Regisseuren zusammenzukommen; er konnte 
sich an etwa ein halbes Dutzend arroganter Genies 
erinnern. Dieser Mann gehörte unzweifelhaft dazu. 

Delgado machte eine kurze Pause, bevor er weiter-

sprach. »Wir hören immer und überall die gleichen 
Feststellungen, und wir wissen, daß sie wahr sind. Sie 
werden in gelehrten Abhandlungen, in langen Bü-
chern, in Predigten und in philosophischen Semina-
ren getroffen. Wir befinden uns in einer Periode des 
Verfalls. Nicht Dekadenz, sondern Verfall. Hier ist 
eine Beschreibung eines Mannes dieser Zeit, die so 
großen Wert auf die persönliche Freiheit des einzel-
nen Menschen legt. 

Dieser Mann gleicht einer Marionette und ist inner-

lich verdorben. Kennen Sie ihn? Er hat kein bestimm-
tes Ziel. Er gilt allgemein als Individualist, aber inner-
lich schämt er sich seiner Wünsche, die ihm doch ei-
gentlich nur vergessen helfen, daß er ständig Ent-
scheidungen treffen muß, denen er im Grunde ge-
nommen nicht gewachsen ist. Er klammert sich an ir-
gend etwas; er imitiert seine Nachbarn, um sich nicht 
selbst entscheiden zu müssen; er hat Kinder, in denen 

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er einen Schatten seiner selbst über die Zeit hinweg-
retten will, und er bringt es fertig, auch ihre Jugend 
zu verderben. Schließlich wird er zum Trinker und 
tröstet sich mit Alkohol.« Hier sah Delgado zu Mur-
ray hinüber, und Murray fühlte sich wie ein kleiner 
Junge, der in der Schule unartig gewesen ist. 

»Er widert mich an, und er widert Sie an. Jeder 

kennt ihn, aber niemand versteht ihn, so daß seinet-
wegen nichts unternommen wird. Das interessiert 
mich, und für die nächsten vier Wochen – und solan-
ge das Stück später in London oder sonstwo aufge-
führt wird – werden Sie sich dafür interessieren müs-
sen. Ist das klar?« 

Delgado drückte seine Zigarette aus, lehnte sich in 

den Sessel zurück und sah von einem zum anderen, 
als habe er eine Herausforderung vorgetragen und 
erwarte nun eine Antwort darauf. 

Die anderen schwiegen. Schließlich ergriff Ida das 

Wort. 

»Bedeutet das, Mister Delgado, daß das Ergebnis 

unserer ... unserer kollektiven Anstrengungen ein ge-
sellschaftskritisches Stück sein soll?« 

»Nein, ich habe nicht die Absicht, den Anstoß zu 

einer Reform zu geben.« Delgado sprach absichtlich 
gelassen. »Ich bin ein Künstler, kein Arzt. Meine Spe-
zialität sind Krebs und Wundbrand in einem Stadi-
um, in dem es keine Hoffnung mehr geben kann.« 

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Er schob einen Sessel zurück und erhob sich. 
»Wir treffen uns morgen früh um halb zehn zu ei-

ner vorläufigen Diskussion des Gesamtthemas. Gute 
Nacht.« 

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Als Delgado den Raum verlassen hatte, spürte Mur-
ray vor allem das Bedürfnis nach frischer Luft. Er hat-
te mit Blizzard über die Flaschen sprechen wollen, 
die er in seinem Zimmer gefunden hatte, aber das 
war vorläufig nicht weiter wichtig. Während die an-
deren dort weitermachten, wo sie durch Delgados 
Auftritt unterbrochen worden waren, ging Murray 
nach draußen. Er setzte sich auf die niedrige Steinba-
lustrade am Eingang, zündete sich eine Zigarette an 
und betrachtete nachdenklich die dunklen Büsche 
entlang der Auffahrt. 

Er schrak auf, als er eine Stimme hinter sich hörte. 
»Mister Douglas? Sie sind doch Murray Douglas, 

nicht wahr?« 

Murray drehte sich halb um und sah Heather in 

der Tür stehen. 

»Oh, hallo. Hat Ida Sie einen Augenblick von der 

Leine gelassen?« Er hatte nicht boshaft sein wollen, 
aber in seiner trübseligen Stimmung fiel ihm nichts 
anderes ein. 

»Wie bitte? Ich weiß nicht ...?« 
»Macht nichts. Ja, ich bin Murray Douglas.« Er 

warf seine Zigarette fort. »Warum?« 

»Ich dachte, Sie müßten es sein, aber ich wollte 

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niemand fragen.« Heather kicherte nervös. »Ich kann 
mich einfach nicht daran gewöhnen. Ich habe das Ge-
fühl, ich müßte wie früher von einem zum anderen 
gehen und um Autogramme bitten.« 

»Hier, setzen Sie sich«, forderte Murray sie auf und 

rückte zur Seite. »Zigarette?« 

»Nein, danke, Mister Douglas. Ich habe heute 

abend schon zuviel geraucht.« Sie kam näher und 
setzte sich neben ihn. »Was halten Sie von der ganzen 
Sache, Mister Douglas?« fragte sie nach einer kurzen 
Pause. »Ich habe noch nie etwas Ähnliches gehört – 
und Sie?« 

»Nennen Sie mich nicht immer Mister«, sagte Mur-

ray. »Ich sehe wahrscheinlich alt genug aus, um Ihr 
Vater zu sein, aber ich bin es nicht.« 

Sie holte erschrocken Luft. »Das tut mir wirklich 

leid!« 

Murray zögerte und lachte dann. »Schon gut. Wie 

heißen Sie überhaupt? Bisher weiß ich nur Ihren Vor-
namen.« 

»Heather Carson.« 
Unbekannt. »Und wie sind Sie hier gelandet, Hea-

ther?« 

»Nun, das weiß ich selbst nicht recht.« Wieder ein 

nervöses Kichern. »Ich war zwei Jahre lang auf der 
Gourlay-Schule und bin seitdem in Southampton en-
gagiert gewesen. Anscheinend ist Mister Blizzard auf 

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mich aufmerksam geworden; er war vor einigen Mo-
naten bei uns, und dann ... nun, dann bin ich eingela-
den worden.« 

Murray war verblüfft; er hätte nie erwartet, daß ein 

Mädchen wie Heather ausgerechnet die Gourlay-
Schule absolvieren würde, die als besonders streng 
galt. Nun, das spielte keine Rolle. Offenbar hatte er 
sich auch geirrt, als er eine Verbindung mit Ida an-
nahm, denn sonst hätte das Mädchen bestimmt da-
von gesprochen. 

Heather wiederholte ihre ursprüngliche Frage. 

»Was halten Sie von der ganzen Sache ... äh ... Mur-
ray?« 

»Wollen Sie es wirklich wissen?« Er zündete sich 

eine Zigarette an. »Schön, ich erzähle Ihnen gern, was 
mir bisher aufgefallen ist. Delgado weiß, was er tut. 
Sam Blizzard weiß es nicht. Ich habe in London ge-
hört, wie Burnett von der Gazette behauptet hat, Sam 
habe sein Ensemble aus Taugenichtsen und abgehalf-
terten Schauspielern zusammengestellt. Wenn man 
von Ihnen absieht, hat er mit dieser Meinung ver-
dammt recht. Ich habe noch nie eine derartige Ver-
sammlung von zweitklassigen Leuten gesehen.« 

Heather schwieg betroffen. Dann sagte sie leise: 

»Aber das verstehe ich nicht. Sie sind doch auch hier. 
Ich meine, Sie waren doch sechs oder sieben Jahre 
lang ein Star.« 

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Murray stand auf. »Das war einmal«, stellte er fest. 

»Überlegen Sie doch selbst, wen wir hier haben. Ich 
bin der Mann, der Hauptrollen im West End spielte, 
bevor er zu trinken begann und innerhalb weniger 
Monate bei Agenten betteln gehen mußte. Ida Marr 
ist ... äh, lassen wir das. Wenn Sie es noch nicht wis-
sen, werden Sie es bald genug merken. Adrian Gard-
ner ist ein ähnlicher Fall. Erinnern Sie sich nicht an 
den Skandal, als Ade in Oxford einen Vierzehnjähri-
gen von der Straße aufgelesen hatte? Damals wäre er 
fast hinter Gittern gelandet. Das Privatleben anderer 
Leute ist mir piepegal, solange es wirklich privat 
bleibt, aber Ade fällt immer wieder öffentlich auf. 
Dann ist Gerry Hoarding an der Reihe. Gerry war ein 
Wunderkind wie ich, nicht wahr? Vor einigen Jahren 
behaupteten die Leute noch, seine Bühnenbilder seien 
der Beginn einer neuen Epoche der Theatergeschich-
te. Warum ist er Ihrer Meinung nach hier, anstatt in 
einem Appartement in Mayfair zu sitzen und sich die 
besten Aufträge auszusuchen?« 

»Warum?« fragte Heather. Ihre angenehme Stimme 

zitterte leicht. 

Murray holte tief Luft. »Lassen wir das. Ich will 

kein Pharisäer sein.« 

»Nein, Sie dürfen jetzt nicht aufhören. Sonst kann 

ich nicht beurteilen, ob Sie nur verbittert sind oder ...« 

Er zuckte mit den Schultern. »Gut, meinetwegen. 

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Der arme Kerl ist rauschgiftsüchtig. Ohne Schnee 
kann er nicht arbeiten. Hat er seine Tagesration weg, 
ist er so unzuverlässig, daß niemand ihn haben will. 
Mir ist es damals ähnlich gegangen, als ich getrunken 
habe. Zufrieden?« 

Murray wartete noch einen Augenblick, aber Hea-

ther antwortete nicht. Er hatte das Gefühl, dem ar-
men Kind die Spielsachen zerbrochen zu haben, nick-
te ihm kurz zu und verschwand im Haus. In der Bar 
ging es lauter als vorher zu. Er ging in sein Zimmer 
und nahm eine kalte Dusche, als könne er seine Be-
fürchtungen damit von sich abwaschen. 

Auch die Dusche half nichts. Murray nahm noch 

eine Beruhigungspille und überlegte sich dabei, daß 
er seinen kleinen Vorrat auf diese Weise rasch auf-
brauchen würde. 

Bevor er ins Bett ging, fiel ihm ein, daß er noch 

nicht nachgesehen hatte, ob Valentine seine Anwei-
sung befolgt hatte. Er öffnete die Schranktür und sah 
ein Dutzend Konservendosen mit verschiedenen 
Fruchtsäften auf dem untersten Regal stehen. Die Fla-
schen waren verschwunden. Ausgezeichnet. Er lösch-
te das Licht und streckte sich unter der leichten Decke 
aus. 

 

Morgens schrak er auf, als das Telefon auf dem 
Tischchen neben ihm leise summte. Als er verschlafen 

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nach dem Hörer griff, teilte Valentine ihm mit unper-
sönlicher Stimme mit, das Frühstück werde zwischen 
acht und neun Uhr serviert. Murray bedankte sich 
und stand auf, bevor er wieder einschlafen konnte. 

Er hatte am vergangenen Abend nicht alles ausge-

packt, und sein Rasierzeug lag noch in der Reiseta-
sche. Murray rasierte sich und öffnete dann den Spie-
gelschrank über dem Waschbecken, um dort sein Ra-
sierzeug unterzubringen. Im Schrank standen ein 
Zahnputzglas – und eine halbe Flasche Whisky. 

Murray starrte die Flasche lange verblüfft an. Dann 

griff er wütend danach, schlug den Hals am Wasch-
becken ab und ließ den Whisky auslaufen. Der Ge-
ruch betäubte ihn. Er legte die Flasche ins Becken und 
ging ans Telefon. Der Apparat hatte keine Wähl-
scheibe. Murray hob ab und wartete. 

Valentine meldete sich. »Ja, Mister Douglas? Was 

kann ich für Sie tun?« 

»Warum hat im Spiegelschrank über dem Wasch-

becken eine Flasche Whisky gestanden?« 

»Eine Flasche Whisky, Sir? Das überrascht mich 

sehr.« 

»Tatsächlich?« Murray holte tief Luft. »Gut, ich 

warne Sie. Wenn ich noch einmal Alkohol in meinem 
Zimmer finde, flöße ich ihn Ihnen mit Gewalt ein, 
verstanden? Schicken Sie jetzt jemand herauf, der hier 
sauber macht!« 

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»Ich kümmere mich nach dem Frühstück selbst 

darum, Mister Douglas«, versicherte Valentine ihm. 
»Darf ich Sie daran erinnern, daß es bereits fünfund-
zwanzig nach acht ist, Sir?« 

»Ach, scheren Sie sich zum Teufel!« Murray knallte 

den Hörer auf die Gabel. Er ballte die Fäuste und sah 
sich im Zimmer um. Hier gab es überall genügend 
Verstecke für Whiskyflaschen. Er erinnerte sich noch 
gut daran, wo er früher Flaschen vor Freunden und 
Ärzten versteckt hatte. 

Murray durchsuchte den Raum gründlich, ohne 

etwas zu finden. Er atmete erleichtert auf und griff in 
seine Reisetasche, um einen Pullover herauszuneh-
men, der ganz unten lag. Dann richtete er sich er-
schrocken auf. Unter dem Pullover war eine weitere 
Flasche Scotch versteckt. 

Er hielt sie in der Hand und fragte sich im ersten 

Augenblick, ob er vielleicht selbst ... Nein, das war 
ausgeschlossen! Murray drehte sich um und warf die 
Flasche an die Wand über dem Waschbecken. Glas-
splitter flogen nach allen Seiten, und die bernstein-
farbene Flüssigkeit floß ins Becken. 

Murray zog den Pullover an und ging zur Tür. Er 

hatte mit Blizzard zu reden. 

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Aber Blizzard war nicht im Speisesaal. An einem En-
de des langen Tisches saßen zwei junge Männer ne-
beneinander, die Murray nur flüchtig kannte. Alle 
anderen schienen bereits gefrühstückt zu haben – bis 
auf Heather, die in der Nähe der Tür saß. Das Gedeck 
neben ihr war noch unbenützt. Murray nahm dort 
Platz, und einer der Diener brachte ihm ein Glas 
Orangensaft. 

»Guten Morgen«, sagte Murray. »War Blizzard 

schon hier?« 

»Oh ... guten Morgen, Murray.« Sie war geistesab-

wesend und merkte erst jetzt, wer neben ihr saß. »Ich 
wollte ... äh ... diesen Platz eigentlich für Ida aufhe-
ben. Sie hat mich darum gebeten.« 

Das sieht ihr ähnlich. »Dann soll sie rechtzeitig 

kommen«, entschied Murray. »Haben Sie Blizzard 
gesehen?« 

»Nun ... Ja, er hat bereits gefrühstückt und ist vor 

einigen Minuten hinausgegangen.« Heather zögerte. 
»Ist etwas nicht in Ordnung?« 

»Ja, aber es hat nichts mit Ihnen zu tun.« Murray 

leerte das Glas Orangensaft auf einen Zug und hatte 
kurz das Gefühl, Whisky getrunken zu haben. »Ver-
dammt noch mal«, murmelte er vor sich hin. 

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»Ah, guten Morgen, Murray!« sagte Ida zuckersüß 

hinter ihm. »Ist das der Platz, den Sie mir aufheben 
wollten, meine liebe Heather?« 

»Tut mir leid, Ida, aber ich konnte ihn nicht länger 

...« 

»Macht nichts, gegenüber ist noch einer frei.« Ida 

ging darauf zu. Sie trug heute morgen einen schwar-
zen Rollkragenpullover und schwarze Samthosen. Sie 
sah müde aus. »Ich hätte eben früher kommen sol-
len.« Sie wandte sich an den Diener, der ihren Oran-
gensaft brachte. »Danke. Bringen Sie mir nur noch 
trockenen Toast und viel Kaffee. Was ist mit Ihnen 
los, Murray? Haben Sie einen Kater?« 

Murray löffelte schweigend seine Cornflakes. 
»Nicht witzig?« fragte Ida lächelnd. »Keine Angst, 

Murray, das gibt sich bis mittags.« 

»Unsinn«, sagte Murray. »Sie wissen genau, daß 

ich nichts mehr trinke.« 

»Richtig, das habe ich gestern abend gehört. Des-

halb ist mir der Whiskygeruch in Ihrem Zimmer auf-
gefallen, als ich eben daran vorbeigekommen bin. Ei-
ner der Diener hat irgend etwas aufgeräumt und da-
bei die Tür offengelassen.« 

Ida lächelte strahlend. Murray nahm undeutlich 

wahr, daß Heather ihm einen erschrockenen Blick 
zuwarf. Er hatte plötzlich keinen Appetit mehr. 

»Dieses Haus ist kein Klub«, stellte er fest und 

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schob seinen Stuhl zurück, »sondern ein Irrenhaus. 
Wenn wir vier Wochen so weitermachen, wird es je-
denfalls eines. Lassen Sie sich nicht weiter bei Ihrer 
neuen Liebesaffäre stören, Ida.« Er wandte sich ruck-
artig ab. 

Das hat sie wegen ihrer unverschämten Unterstellungen 

verdient, überlegte er sich. Aber ich wollte, Heather 
hätte es nicht gehört. 

Um halb zehn hatten sich alle Mitglieder des En-

sembles in dem kleinen Theater versammelt – nur 
Delgado und Blizzard fehlten auch diesmal. Lester 
Harkham, der etwa vierzigjährige Beleuchter, der seit 
langem mit Blizzard zusammenarbeitete, kam als 
letzter und teilte der Versammlung mit, der Autor 
und der Produzent würden in einigen Minuten er-
scheinen; dann ließ er sich in den Sessel neben Gerry 
Hoarding fallen. 

Murray sah sich um. Links neben dem Aufgang 

zur Bühne stand ein Konzertflügel, und Jess Aumen 
saß auf dem Klavierhocker. Er bewegte die Hände 
über den Tasten, ohne sie jedoch anzuschlagen. Er 
wirkte affektiert, aber Murray wußte, daß er ein guter 
Komponist war. 

Lester, Jess, Blizzard und Gerry – eine hervorra-

gende Mannschaft, mit der sich ein gutes Stück auf 
die Beine stellen ließ. Aber warum hatte Blizzard 
nicht bessere Schauspieler engagiert? Murray kannte 

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die meisten von der Bühne her – nur die beiden jun-
gen Männer nicht, die er beim Frühstück gesehen hat-
te – Rett Latham und Al Wilkinson –, und ein Mäd-
chen namens Cherry Bell, von dem er nichts wußte. 
Das Mädchen saß in der ersten Reihe zwischen Rett 
und Al. 

Die Leute warteten gespannt. Das merkte man, 

auch ohne ihre Unterhaltung zu verfolgen. 

Dann erschienen Delgado und Blizzard im Hinter-

grund der Bühne. Sie trugen jeder einen Stuhl, auf 
dem sie an der Rampe Platz nahmen. Der Autor zün-
dete sich als erster eine Zigarette an. 

»Okay, fangen wir also an«, sagte Blizzard und 

nickte seinen Zuhörern zu. »Vor allem ...« 

»Vor allem eine Frage, Sam!« Murray war aufge-

sprungen. »Ich wollte sie Ihnen privat stellen, aber Sie 
sind leider nie erreichbar und immer beschäftigt. 
Warum haben Sie Valentine angewiesen, überall in 
meinem Zimmer Schnapsflaschen zu verteilen?« 

Delgado warf ihm einen interessierten Blick zu, als 

sei ihm etwas eingefallen. 

»Sind Sie übergeschnappt, Murray?« erkundigte 

Blizzard sich erstaunt. »Ich weiß genau, daß Sie nicht 
mehr trinken, und ich werde mich hüten, Sie dazu zu 
verleiten. Ich habe Valentine angewiesen, in jedem 
Zimmer Erfrischungen bereitzustellen, und dabei 
vergessen, ihn auf diesen Ausnahmefall aufmerksam 

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zu machen. Tut mir leid, das soll nicht wieder vor-
kommen.« 

»Ich meine etwas anderes, Sam.« Murray beugte 

sich vor. »Ich meine nicht die offen aufgestellten Fla-
schen, sondern die Flasche im Schrank über dem 
Waschbecken und die andere, die in meiner Reiseta-
sche versteckt war.« 

»Davon weiß ich nichts, Murray«, versicherte ihm 

Blizzard. »Halten Sie lieber den Mund, bevor ich Ih-
nen erzähle, auf welche Weise die Flasche meiner 
Meinung nach in Ihre Reisetasche gekommen ist.« 

Murray sah sich um. Die anderen beobachteten ihn. 

Ida Marr lächelte leicht, aber die anderen warfen ihm 
mürrische oder besorgte Blicke zu. Er zögerte unent-
schlossen. 

»Nein, halten Sie nicht den Mund, Douglas!« for-

derte Delgado ihn auf. Der Autor beugte sich nach 
vorn. »Jetzt wird es erst interessant. Sie haben ein 
Thema vorgeschlagen Sie behaupten, jemand wolle 
Sie zum Trinken verführen, obwohl Sie nicht mehr 
trinken dürfen, nicht wahr?« 

»Ich habe nichts dergleichen behauptet«, antworte-

te Murray und setzte sich. 

»Schön, überlegen wir also weiter.« Delgado achte-

te nicht auf Murrays Widerspruch. »Cherry, kommen 
Sie hierher.« 

Das Mädchen, von dem Murray nichts wußte, er-

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hob sich und nahm auf der Rampe in Delgados Nähe 
Platz. Es öffnete seine Handtasche, holte einen Steno-
block heraus und setzte sich eine Hornbrille auf. 

Oh Murray hatte Cherry für ein Mitglied des En-

sembles gehalten. Aber sie brauchten natürlich je-
mand, der die Einfälle notierte und später das Manu-
skript schrieb. Das schien ihre Aufgabe zu sein. 

»Denken Sie an Formen der Verfolgung«, schlug 

Delgado vor. »Zum Beispiel in der Werbung. Kaufen 
Sie dieses oder jenes Gerät – wer es nicht besitzt, ist 
rückständig oder einfach dumm.« 

»Man kann auch Leute dazu bringen, einwandfrei 

funktionierende Geräte durch neue zu ersetzen«, 
warf Constant ein. »Das ist auch eine Art Verfolgung, 
nicht wahr?« 

»Richtig. Mehr?« 
 

Das Stück wuchs. Es wuchs geradezu unglaublich. 
Gegen Mittag waren sie bereits so gefesselt, daß sie 
nur widerstrebend die Bühne verließen, als im Spei-
sesaal serviert wurde. Nachmittags stand bereits eine 
halbe Szene fest, und Jess Aumen improvisierte mo-
derne Musik dazu. Auch Gerry Hoarding improvi-
sierte auf seine Weise; er hatte offenbar von irgend-
woher seine Tagesration bekommen, die seine Phan-
tasie unglaublich beflügelte. Jetzt entwarf er mit 
Kreidestrichen auf dem Boden ein geniales Bühnen-

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bild, das den Schauspielern alle Entfaltungsmöglich-
keiten ließ. 

Um fünf Uhr beendete Delgado plötzlich die Probe, 

wies Cherry an, ihre Notizen ins reine zu schreiben, 
und verschwand mit Blizzard durch den rückwärti-
gen Bühnenausgang. Die Spannung nahm langsam 
ab, ohne schlagartig zu verschwinden; die Mitglieder 
des Ensembles zogen sich in den Aufenthaltsraum 
zurück und diskutierten dort noch lange weiter. 

Murray hatte schon lange nicht mehr erlebt, daß 

derartige Begeisterung sich in so kurzer Zeit entfa-
chen ließ. Das war offenbar Delgados Verdienst, des-
sen blitzschnell arbeitender Verstand sie alle ständig 
gelenkt und verbessert hatte. Nicht einmal Ida hatte 
es gewagt, ihm zu widersprechen. 

Aber wie lange würde die Begeisterung anhalten? 

Murray konnte sich vorstellen, wie übermüdet sie alle 
nächste Woche um die gleiche Zeit sein würden. Aber 
vielleicht gönnte Delgado ihnen dann einige Tage Er-
holung, während er das Manuskript überarbeitete. 
Die Sache wirkte allmählich wahrscheinlicher. 

An

 

diesem

 

Abend

 

blieb

 

Murray

 

im

 

Aufenthalts-

raum,

 

bis

 

auch

 

einige

 

andere

 

zu

 

Bett

 

gingen.

 

Dann

 

nick-

te

 

er

 

den

 

Zurückbleibenden

 

zu

 

und

 

trat

 

in

 

die

 

Halle

 

hinaus.

 

In

 

diesem

 

Augenblick

 

wurde

 

er

 

angesprochen. 

»Murray, haben Sie einen Moment Zeit für mich?« 

fragte Gerry Hoarding. 

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»Ja, natürlich.« 
»Vielleicht lieber oben?« Gerry wies auf die Treppe 

zum ersten Stock. »Ich ... äh ... ich weiß nicht recht, 
wie ich mich ausdrücken soll, aber ich muß es sagen. 
Sie kennen doch meine Schwierigkeiten, nicht wahr?« 

»Ja, ich weiß. Warum?« 
Der junge Bühnenbildner zuckte hilflos mit den 

Schultern. »Nun, ich ... ich habe mehr als genug von 
dem Zeug in meinem Zimmer. Ich weiß nicht, wo 
Sam es aufgetrieben hat, aber ich habe es in meinem 
Zimmer gefunden – wie Sie den Schnaps. Aber ich 
habe mich nicht darüber beschwert. Ich habe bereits 
einmal eine Entziehungskur mitgemacht, die ich fast 
nicht überlebt hätte; außerdem wäre ich dann beruf-
lich fertig gewesen, deshalb komme ich von dem 
Zeug nicht mehr los.« 

Sie erreichten den Treppenabsatz und bogen nach 

rechts in den Korridor ein. 

»Das ist mein Zimmer – Nummer Zehn«, sagte 

Gerry, während er nach dem Schlüssel suchte. »Es 
liegt ziemlich genau über dem Mittelpunkt des Thea-
ters. Eigentlich seltsam, nicht wahr? Ein so gut einge-
richtetes Theater! Nein, kommen Sie herein, Murray, 
ich bin noch nicht fertig.« 

Er ließ Murray den Vortritt. Sein Zimmer war ähn-

lich wie Murrays eingerichtet. 

»Hören Sie, ich weiß, daß Sie mehr Mut und Wil-

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lenskraft als ich haben«, fuhr Gerry fort, nachdem er 
die Tür geschlossen hatte. »Im Gegensatz dazu bringe 
ich kaum den Mut auf, Ihnen meine Bitte vorzutra-
gen. Aber ich muß, verstehen Sie? Hier!« 

Er wandte sich ab und öffnete die oberste Schubla-

de der Kommode am Fenster. Murray sah ein großes 
Glas, das bis zum Rand mit weißem Pulver gefüllt 
war. 

»Ich habe noch nie soviel auf einmal gesehen«, sag-

te Gerry leise. »Der Himmel weiß, was es gekostet 
hat! Stellen Sie sich vor, das Zeug ist chemisch reines 
Heroin. Und wenn ich ... nun, falls irgend etwas ... oh, 
verdammt noch mal! Heben Sie es für mich auf, Mur-
ray? Im Augenblick besitze ich noch genügend 
Selbstbeherrschung, um Sie darum zu bitten, aber 
vielleicht bringe ich nie wieder den Mut dazu auf. 
Heute hat alles gut geklappt – vielleicht zu gut. Aber 
wenn es einen Rückschlag gibt, habe ich nicht mehr 
die Geduld, meine Portion zu nehmen und die Wir-
kung abzuwarten. Das weiß ich aus Erfahrung. Dann 
nehme ich eine zweite Portion und mache sie viel-
leicht zu groß, weil ich zuviel von dem Zeug habe. 
Und das wäre Selbstmord. Ganz bestimmt! Hier!« 

Er drückte Murray das Glas in die Hand, als fürch-

te er, im nächsten Augenblick wankelmütig zu wer-
den. »Bewahren Sie das Zeug für mich auf? Erzählen 
Sie mir nicht, wo Sie es verstecken. Schließen Sie es 

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am besten irgendwo ein. Geben Sie mir nie mehr als 
drei Grane auf einmal, verstanden? Lassen Sie mich 
um Gottes willen nie mehr nehmen, auch wenn ich 
weinend zu Ihnen komme und Sie anflehe, mir mehr 
zu geben!« 

Murray nickte, wog das Glas in der Hand und ging 

schweigend zur Tür. Als er die Klinke herabdrückte, 
fügte Gerry noch hinzu: 

»Murray, ich ... ich bin Ihnen sehr dankbar dafür. 

Ich weiß natürlich, daß ich kein Recht habe, Sie um 
diesen Gefallen zu bitten. Aber Sie wenden sich doch 
an mich, wenn ich etwas für Sie tun kann, nicht 
wahr?« 

»Klar«, sagte Murray und ging hinaus. 

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Murray schaltete das Licht in seinem Zimmer ein, 
schloß die Tür hinter sich und schüttelte trübselig den 
Kopf. 

Du lieber Gott, hat es je eine traurigere Versammlung 

von abgehalfterten Größen als diesen Haufen hier gegeben? 

Aber dieser erste Tag unter Delgados Einfluß hatte 

sich zumindest auf Gerry Hoarding günstig ausge-
wirkt. Murray hätte nie gedacht, daß der Bühnen-
bildner jemals den Mut aufbringen würde, sich frei-
willig von seinem kostbaren Stoff zu trennen. 

Wo sollte er ihn jetzt verstecken? Eine Schublade 

kam offenbar nicht in Frage. Draußen auf dem Fen-
sterbrett? Murray sah hinaus und stellte fest, daß das 
Fensterbrett viel zu schmal dafür war. Gut, dann 
eben im Fernsehgerät. Das war eines der besten Ver-
stecke gewesen, als er noch seine Flaschen zu ver-
stecken hatte. 

Der Apparat war allerdings ziemlich schmal wie al-

le modernen Geräte. Als Murray ihn umdrehte und 
durch die Luftschlitze der Rückwand sah, mußte er 
feststellen, daß es kaum möglich war, das Glas dort 
zu verstecken, ohne daß es irgendwelche Drähte be-
rührte. Außerdem war die Rückwand mit Spezial-
schrauben befestigt, die er nicht einfach mit dem Ta-

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schenmesser lösen konnte. Er biß sich auf die Unter-
lippe und drehte den Apparat wieder um. 

Murray dachte an seine Reisetasche, aber dann fiel 

ihm ein, daß er den Schlüssel dazu irgendwo verloren 
haben mußte; er hing jedenfalls nicht mehr an seinem 
Schlüsselring. Nun, das war eben nicht zu ändern. 
Gerrys Zeug mußte vorläufig unter die Matratze, bis 
ihm ein besseres Versteck dafür einfiel. 

Er zog das Bettuch ab. Dabei stieß er mit dem Fuß 

an den niedrigen rechteckigen Sockel, auf dem die 
Matratze lag. Der Sockel schien hohl zu sein, aber 
Murray achtete zunächst nicht darauf. Unter dem 
Bettuch lag die Matratze. Murray betrachtete sie er-
staunt und runzelte die Stirn, als er das eigenartige 
Gewebe aus hauchzarten Metalldrähten sah, das fast 
die gesamte Oberfläche bedeckte. 

Merkwürdig. Ich habe noch nie eine so verrückte Ma-

tratze gesehen. 

Aber er griff nach dem Kopfende und hob die 

schwere Matratze an dieser Seite hoch. Dann merkte 
er, weshalb der Sockel vorhin hohl geklungen hatte. 

In die Auflagefläche war eine bewegliche Klappe 

eingelassen. 

»Was, zum ...« 
Murray mußte sich anstrengen, um die ganze Ma-

tratze hochzuheben und auf der anderen Seite des 
Betts zu Boden gleiten zu lassen. Dabei schien irgend 

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etwas zu reißen, und er wurde auf ein Glitzern auf-
merksam gemacht. Als er vorsichtig danach tastete, 
stellte er fest, daß ein hauchdünner Draht von der 
Matratze zu der Klappe geführt hatte. Diese Verbin-
dung war gerissen, als er die Matratze bewegt hatte. 

Er streckte die Hand aus und öffnete langsam die 

Klappe. 

Darunter sah er ein Tonbandgerät stehen. Auf den 

ersten Blick wirkte es ganz normal. Es war nicht ein-
geschaltet. Die beiden Spulen mußten für einige 
Stunden Spieldauer genügen – etwa ein Drittel des 
Tonbands war auf die rechte Spule aufgewickelt. 
Murray stellte fest, daß dieses Tonbandgerät sich 
doch von anderen unterschied: es wies keine Schalter 
und Knöpfe auf und war offenbar nicht von außen zu 
steuern. 

Murray studierte es einige Zeit lang und zuckte 

dann mit den Schultern. Er verstand nichts von Ton-
bandgeräten; er wußte nur, wie man sie ein- oder 
ausschaltete. Aber er hätte gern gewußt, was dieses 
verdammte Ding unter seinem Bett zu suchen hatte. 
Gehörte es ebenfalls zur Ausstattung des ehemaligen 
Klubs? Leise Musik, damit die Mitglieder besser ein-
schliefen? Aber wo war dann der Lautsprecher – und 
wo ließ das Gerät sich ausschalten, wenn man keine 
Musik wollte? 

Er richtete sich auf und runzelte die Stirn. Er würde 

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nicht schlafen können, bevor er einige peinliche Fra-
gen gestellt hatte. Aber dann fiel ihm Gerrys Glas ein. 
Verdammt! Er mußte es noch verstecken, bevor er 
das Zimmer verließ. Warum nicht hinter dem Vor-
hang? Ganz oben, dicht unter der Stange? Murray 
zog einen Stuhl heran, tastete nach einem herunter-
hängenden Band und verknotete es um das Glas. 
Dann bewegte er die Vorhänge mehrmals, um ganz 
sicherzugehen, daß von außen nichts zu merken war. 
Schließlich nickte er zufrieden und ging in den Korri-
dor hinaus. 

Im gleichen Augenblick kam Gerry Hoarding von 

der Toilette in sein Zimmer zurück. Er nickte Murray 
zu und wollte rasch verschwinden. 

»Augenblick, Gerry!« sagte Murray. »Darf ich 

schnell etwas nachsehen?« 

»Ja, natürlich. Was?« Gerry warf ihm einen er-

staunten Blick zu. 

»Darf ich mir Ihr Bett ansehen? Ich möchte wissen, 

ob meines ein spezieller Fall ist oder ob alle ähnlich 
ausgerüstet sind?« 

»Womit ausgerüstet?« erkundigte Gerry sich ver-

wundert. Er sah wortlos zu, als Murray das Bettuch 
abriß, auf die Metalldrahtstickerei der Matratze deu-
tete und ihm schließlich das Tonbandgerät unter der 
Klappe zeigte. Diesmal schien etwas weniger Ton-
band abgespielt zu sein. 

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»Du lieber Gott«, meinte Gerry verständnislos. 

»Was soll denn das?« 

»Keine Ahnung«, gab Murray zu, »aber ich wüßte 

es gern, das dürfen Sie mir glauben.« 

»Ich nehme an, daß Sie das entdeckt haben, als Sie 

mein ... mein Zeug verstecken wollten.« Gerry lächel-
te schwach. »Na, dort brauche ich jedenfalls nicht 
mehr zu suchen.« 

»Richtig.« Murray tastete nach dem hauchdünnen 

Metalldraht zwischen Matratze und Sockel, den er 
diesmal intakt gelassen hatte. Der Draht führte zu 
dem Tonbandgerät. 

»Glauben Sie, daß die Klubmitglieder früher damit 

in den Schlaf gewiegt worden sind?« meinte Gerry 
zweifelnd. »Der ganze Klub ist ziemlich luxuriös, und 
ich finde die Idee gar nicht so abwegig.« 

»Daran habe ich auch schon gedacht.« Murray 

nickte. »Ich sehe allerdings keinen Lautsprecher.« 

»Er müßte eigentlich irgendwo hier oben ange-

bracht sein«, stellte Gerry fest und untersuchte inter-
essiert das feine Drahtgewebe. 

Murray stieß einen leisen Schrei aus. Gerry drehte 

sich nach ihm um. »Was ist los?« wollte er wissen. 

»Was haben Sie eben getan?« fragte Murray seiner-

seits. 

»Ich habe nur die Drähte angefaßt«, erklärte Gerry 

ihm. »Hier ...« 

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»Das genügt«, unterbrach Murray ihn. »Dort muß 

ein Schalter angebracht sein, der auf Druck reagiert. 
Da, sehen Sie – das Tonband läuft!« 

Gerry drückte noch immer auf die gleiche Stelle 

und verdrehte den Hals, um besser sehen zu können. 
Das Tonband lief tatsächlich ab. 

»Schön, wo bleibt also die Musik?« fragte Murray. 
»Eigenartig«, stimmte Gerry zu. »Aber vielleicht ist 

die Aufnahme versehentlich gelöscht worden?« 

»Kann sein«, murmelte Murray zweifelnd. Dann 

nickte er langsam. »Gut, diese Möglichkeit müssen 
wir auch berücksichtigen. Wissen Sie, in welchem 
Zimmer Lester Harkham schläft? Ich nehme an, daß 
er als einziger etwas von diesen Dingen versteht.« 

»Nein,

 

ich

 

weiß

 

nicht,

 

wo

 

er

 

schläft.«

 

Gerry

 

fuhr

 

sich

 

nervös

 

mit

 

der

 

Zungenspitze

 

über

 

die

 

Lippen.

 

»Hören

 

Sie,

 

Murray,

 

ist

 

die

 

ganze

 

Aufregung

 

nicht

 

etwas

 

ver-

fehlt?

 

Was

 

macht

 

es

 

schon

 

aus,

 

ob

 

hier

 

Musik

 

spielt

 

oder nicht? Warum sehen Sie nicht bei Ihrem nach?« 

»Weil ich die Verbindung zwischen Matratze und 

Tonbandgerät versehentlich zerrissen habe«, erklärte 
Murray ihm. Er legte eine Hand auf die Matratze. 
»Ein ziemlich leichter Druck genügt bereits, haben Sie 
das gemerkt? Wahrscheinlich beginnt das Gerät zu 
laufen, wenn man den Kopf aufs Kissen legt.« 

Draußen im Korridor waren Schritte zu hören; eine 

Tür wurde geöffnet und geschlossen. 

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»Da ist jemand«, stellte Murray fest. »Kommen Sie, 

Gerry.« 

Der Bühnenbildner zuckte mit den Schultern und 

folgte ihm. 

Im Korridor war jedoch nicht mehr festzustellen, 

welche Tür eben geöffnet worden war. Murray seufz-
te. Er horchte an den Türen Nummer Elf und Zwölf 
und schüttelte jeweils den Kopf. 

»In Nummer Dreizehn schläft niemand«, stellte 

Gerry fest. »Ich habe Valentine danach gefragt.« 

»Und Vierzehn ist mein Zimmer. Dann muß es auf 

der anderen Seite gewesen sein. Versuchen wir es mit 
Neun.« Murray ging zurück. Er glaubte leise Stim-
men in Nummer Neun zu hören, bevor er klopfte. 

»Wer ist da?« 
Heather! Wie interessant! Murray schloß eine kleine 

Wette mit sich selbst ab. Gleichzeitig sagte er laut: 
»Hier ist Murray. Gerry Hoarding steht neben mir. 
Können wir einen Augenblick hereinkommen? Die 
Sache ist ziemlich wichtig.« 

Ein aufgeregtes Flüstern, das Murray nicht 

verstand; dann hörte er: »Gut, kommen Sie herein. 
Die Tür ist offen.« 

Er drückte die Klinke herab. Heather saß im Bett. 

Ihr Gesicht wirkte ohne Make-up noch jugendlicher. 
Sie trug eine Bettjacke aus Satin über ihrem schwar-
zen Nachthemd. Im Sessel neben ihrem Bett saß Ida 

background image

in schwarzem Rollkragenpullover und schwarzer 
Samthose; sie rauchte und hielt ein Whiskyglas in der 
linken Hand. Murray hatte seine Wette mit sich selbst 
gewonnen. 

»Ha!« sagte Ida, als Gerry die Tür hinter sich 

schloß. »Wie kommen wir zu dieser Ehre, Freunde?« 

»Tun Sie mir einen Gefallen, Heather?« bat Murray. 

»Hören Sie Musik, wenn Sie sich auf Ihr Kopfkissen 
legen? Hören Sie irgend etwas, wenn Sie fest auf das 
Kissen drücken?« 

»Was soll der ...?« begann Heather. Dann kicherte 

sie, horchte umständlich an der Matratze und richtete 
sich wieder auf, wobei sie den Kopf schüttelte. 

»Schön,

 

was

 

hat

 

das

 

zu

 

bedeuten?«

 

fragte

 

Ida

 

scharf. 

»Nur Geduld«, wehrte Murray ab. »Stehen Sie bitte 

auf, Heather, dann zeige ich Ihnen, warum ich ge-
fragt habe.« 

Heather sah unsicher zu Ida hinüber und warf Ger-

ry einen fragenden Blick zu. 

»Im Sockel unter der Matratze ist irgendein Appa-

rat versteckt«, erklärte Gerry ihr. »Murray sucht eine 
Erklärung dafür und kann nicht schlafen, bevor er sie 
gefunden hat.« 

»Was für ein Apparat?« erkundigte Heather sich 

verwirrt. »Oh ... meinetwegen. Ida, seien Sie doch so 
nett und geben Sie mir meinen Morgenrock, ja? Er 
hängt über der Sessellehne.« 

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Sie erhob sich so umständlich, als stehe ihr Bett auf 

der Bühne und sie habe die Theaterzensur zu be-
fürchten. Murray zeigte ihr, was er meinte – das Me-
tallgewebe, den Verbindungsdraht und das Ton-
bandgerät im Bettsockel. 

Selbst Ida war verblüfft. »Das haben Sie also mit 

der Musik im Kopfkissen gemeint«, gab sie zu. »Aber 
vorläufig passiert gar nichts, oder? Die Spulen drehen 
sich nur, wenn man auf die Matratze drückt.« Sie 
drückte selbst darauf. 

Murray fiel ein, daß jedes Tonbandgerät lautlos 

lief, solange es aufnahm. Diese Möglichkeit schien al-
lerdings hier auszuscheiden. Er wußte nicht, weshalb 
ihm bei dem Gedanken daran ein kalter Schauer über 
den Rücken lief. 

»Weiß jemand, wo ich Sam Blizzard erreichen 

kann?« fragte er laut. »Gerry hat ganz recht – ich 
kann erst schlafen, wenn ich eine Erklärung dafür ge-
funden habe.« 

Ida lachte. »Sie sind ein verrückter Kerl, Murray. 

Wenn das Tonbandgerät unter meinem Bett nicht lau-
ter ist, schlafe ich bestimmt ausgezeichnet.« Sie 
drückte ihre Zigarette aus und leerte das Glas. »Aber 
wenn Sie Sam wirklich in seiner Löwenhöhle aufsu-
chen wollen, finden Sie ihn vermutlich in dem Raum 
rechts neben dem Speisesaal, wo er gemeinsam mit 
Delgado Pläne schmiedet. Der Raum ist eine Art Bü-

background image

ro, soviel ich gesehen habe. Ich gehe jetzt ins Bett. Gu-
te Nacht, Heather.« 

Sie lächelte allen zu und rauschte hinaus. Einige 

Sekunden später breitete Gerry hilflos die Hände aus 
und folgte ihr. 

»Murray, ich wollte, Sie hätten mir nichts von die-

sem Ding erzählt«, sagte Heather mit einem Blick auf 
das Tonbandgerät. »Es ist mir unheimlich, weil es 
keinen Zweck zu haben scheint. Oder hat es einen?« 

»Das weiß ich nicht, Kleine«, antwortete Murray 

grimmig. »Aber ich suche jetzt Sam, um ihn danach 
zu fragen, und wenn ich etwas erfahre, komme ich 
noch mal zurück. Einverstanden?« 

background image

 
 

Murray klopfte nicht erst an die Tür des Raums, den 
Ida ihm beschrieben hatte, sondern drückte gleich die 
Klinke herab. Die Tür war abgeschlossen. Dahinter 
hörte er eine elektrische Schreibmaschine klappern 
und leise Stimmen, die sofort verstummten, als er die 
Klinke bewegte. 

»Augenblick!« rief Blizzard. Murray trat von der 

Tür zurück. Der Produzent erschien auf der Schwelle. 

»Oh, Sie sind's, Murray. Was wollen Sie?« 
»Unterhalten wir uns hier, oder darf ich herein-

kommen?« 

Blizzard zögerte, zuckte dann mit den Schultern 

und trat zurück. Murray folgte ihm in den Raum, der 
früher als Sekretariat des Klubs gedient haben mußte. 
Cherry Bell saß an einem Schreibmaschinentisch; ihre 
Finger flogen über die Tastatur einer IBM. Delgado 
hatte einige Blätter auf dem Schoß liegen. Er sah in-
teressiert auf, als Murray hereinkam. 

»Nun?« fragte Blizzard. »Ist die Sache wichtig, 

Murray? Wir haben noch viel zu arbeiten und lieben 
keine Störungen.« 

»Es handelt sich um die Tonbandgeräte, die unter 

unseren Betten versteckt sind«, antwortete Murray 
laut. Er beobachtete dabei Delgado und stellte zufrie-

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den fest, daß ein besorgter Ausdruck über dieses völ-
lig beherrschte Gesicht huschte. 

»Was soll das schon wieder?« erkundigte Blizzard 

sich. »Haben Sie nichts anderes mehr im Kopf, Mur-
ray? Wenn das wieder eine Sache wie heute morgen 
ist, verliere ich bestimmt bald die Geduld mit Ihnen!« 

»Fragen Sie Delgado danach«, forderte Murray ihn 

auf. »Er weiß, was ich meine. Nicht wahr, Delgado?« 

»Ja, natürlich.« Delgado legte die Blätter fort. »Die-

se Tonbandgeräte sind Bestandteil meiner neuartigen 
Arbeitsweise, die noch weitgehend unbekannt ist.« 

Murray hatte das Gefühl, daß der andere diese Er-

klärung improvisierte – aber er konnte seinen Ver-
dacht nicht beweisen. 

»Weiter«, forderte er Delgado auf. 
»Kennen Sie die Bedeutung des Wortes Hypnopä-

die?« 

Murray antwortete nicht gleich. Er sah zu Blizzard 

hinüber und stellte fest, daß dieser ebenfalls ver-
ständnislos zuhörte. 

Sehr interessant. »Sie meinen das Verfahren, mit 

dessen Hilfe man angeblich im Schlaf lernen kann? 
Ich habe bisher nur gehört, daß es nicht funktioniert.« 

»Glauben Sie, was Sie wollen.« Delgado machte ei-

ne wegwerfende Handbewegung. »Für mich genügt 
es jedenfalls. Ich benütze es immer. Ich bin nicht mit 
Schauspielern zufrieden, die nach den Proben völli-

background image

ges Desinteresse zeigen, und die Hypnopädie gibt 
mir die Möglichkeit, sie in meinem Sinn zu beeinflus-
sen. Das ist alles.« 

»Manuel, mir ist nicht ganz klar, was Sie damit sa-

gen wollen«, warf Blizzard ein. 

»Wirklich nicht?« fragte Murray. »Gut, hören Sie 

zu. Bisher habe ich unter meinem, unter Gerry Hoar-
dings und unter Heathers Bett am Kopfende ein Ton-
bandgerät gefunden. Ein leichter Druck auf die Ma-
tratze genügt, um die Geräte einzuschalten; sobald 
man sich im Bett ausstreckt, beginnt das Band zu lau-
fen. Delgado behauptet, dadurch solle unsere Rollen-
beherrschung im Schlaf gefördert werden – durch 
ständige Wiederholung. Welche Rolle wollen Sie üb-
rigens Gerry Hoarding eintrichtern, Delgado? Er ist 
Bühnenbildner, kein Schauspieler.« 

»Bauschen Sie die Sache nicht unnötig auf, Mur-

ray?« erkundigte Delgado sich. »Ich habe die Ton-
bandgeräte nicht erst einbauen lassen, wissen Sie. Sie 
sollten den Klubmitgliedern beruhigende Musik vor-
spielen und sind deshalb unter allen Betten instal-
liert.« 

»Wirklich? Das ist aus zwei Gründen unwahr-

scheinlich. Erstens fehlen die Lautsprecher und zwei-
tens sind die Tonbänder offenbar leer.« 

»Du liebe Güte!« Delgado machte eine ungeduldi-

ge Handbewegung. »Murray, diese Tonbandgeräte 

background image

sind lange nicht mehr in Betrieb gewesen. Ich habe sie 
wieder anschließen lassen, um sie zu überprüfen – 
das ist aber nur möglich, wenn man ein Tonband auf-
spult, was ich getan habe. Selbstverständlich sind die 
Bänder noch leer! Die Lautsprecher, die Sie vergeb-
lich gesucht haben, befinden sich im Innern der Ma-
tratzen. Außerdem werden Sie ohnehin nichts zu hö-
ren bekommen, selbst wenn Lernbänder aufgelegt 
werden, weil mein Verfahren auf das Unterbewußt-
sein einwirkt, ohne daß der Betreffende diese Beein-
flussung wahrnimmt. Hoffentlich gelingt es Ihnen, 
Sam, unseren Freund davon zu überzeugen, daß 
meine etwas ungewöhnlichen Methoden kein Grund 
sind, Krach zu schlagen.« 

Blizzard nahm eine Zigarre aus der Tasche und biß 

mechanisch das Ende ab. »Warum haben Sie mir bis-
her nichts davon erzählt, Manuel? Die Idee klingt in-
teressant, aber ...« 

»Sie werden bald merken, wie gut das Verfahren 

funktioniert«, unterbrach Delgado ihn. »Ich habe nur 
nichts davon erwähnt, weil die Tonbandgeräte zufäl-
lig bereits vorhanden waren. Wäre das nicht der Fall 
gewesen, hätten Sie mir ein Dutzend beschaffen müs-
sen, und wir hätten darüber gesprochen. Ist die Sache 
wirklich soviel Aufregung wert?« 

»Nein, wahrscheinlich nicht«, gab Blizzard zu. 

»Aber falls Sie noch andere Überraschungen vorha-

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ben, Manuel, wäre es vielleicht besser, die Leute zu 
informieren.« 

»Bestimmt nicht.« Delgado schüttelte den Kopf. 

»Ich bedaure nur, daß Murray zufällig über diese Sa-
che gestolpert ist. Hoffentlich wird die Aufnahmebe-
reitschaft des Unterbewußtseins dadurch nicht beein-
trächtigt. Aber das stellt sich noch heraus. Vielleicht 
sieht Murray später ein, daß die Hypnopädie doch 
nützlich sein kann.« 

Cherry hatte eben das letzte Blatt aus der Maschine 

genommen. Das Klappern verstummte plötzlich, und 
der Raum war sehr still. 

»Fertig, Mister Blizzard«, stellte sie fest. 
»Oh, wunderbar.« Blizzard gab sich einen Ruck. 

»Geben Sie Mister Delgado die letzte Seite, dann 
können Sie ins Bett gehen. War das alles, Murray?« 

»Nein, keineswegs. Aber ich muß wohl vorläufig 

damit zufrieden sein.« 

 

Murray wollte sein Versprechen halten und klopfte 
deshalb an Heathers Tür, um dem Mädchen zu erzäh-
len, was Delgado gesagt hatte. Er bekam jedoch keine 
Antwort; offenbar schlief Heather bereits. Er ging in 
sein Zimmer, betrachtete nochmals das Drahtgewebe 
auf der Matratze, wickelte sich ein Taschentuch um 
die Hand und zog den Draht heraus. Als er fertig 
war, hatte er zwanzig Meter Draht vor sich liegen. 

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Sonst nichts. Er sah keinen Anschluß. Die Matratze 

enthielt keinen Lautsprecher. Delgado hatte gelogen. 

Welchen Zweck konnte ein Tonbandgerät ohne 

Lautsprecher haben? Was konnte es aufnehmen, da 
es offenbar nichts abspielen konnte? Und wie? Er hat-
te auch kein Mikrophon gefunden. Nur den langen 
Draht. 

Bildete der Draht selbst vielleicht eine Art Mikro-

phon oder Lautsprecher? Das war die einzige Mög-
lichkeit, die ihm einfiel. Aber er verstand nicht genug 
von Elektronik, um beurteilen zu können, ob ein ein-
facher Draht Schallwellen erzeugen oder aufnehmen 
konnte ... 

Der Teufel sollte alles holen. Murray drehte die 

Matratze um, breitete das Bettuch darüber aus und 
kroch unter die Decke. Er blieb noch lange wach lie-
gen und fragte sich, worauf er sich hier eingelassen 
hatte. Aber dann schlief er doch ein. 

 

Am nächsten Tag hatte er nicht gleich Gelegenheit, 
Lester Harkham nach den Tonbandgeräten zu fragen, 
denn die drei anderen, die davon wußten, schienen 
sich deswegen keine Sorgen zu machen, sondern 
wollten nur an die Arbeit zurück. Heather erkundigte 
sich, was er erfahren habe, schien jedoch nicht sehr 
interessiert zu sein; ihr genügte offenbar, daß Delga-
do sich überhaupt zu einer Erklärung bereitgefunden 

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hatte, und sie zog es vor, nicht über die Möglichkeit 
nachzudenken, daß er nur die halbe Wahrheit gesagt 
haben könnte. 

Gegen Abend war Murray fast der gleichen Auf-

fassung. Unter Delgados geschickter Anleitung ent-
wickelte sich allmählich eine bestimmte Form aus 
zahlreichen widersprüchlichen Ideen. Nein, daran 
gab es keinen Zweifel – der Mann war gut. 

Und trotzdem ... 
Delgado beendete die Probe auch diesmal wieder 

pünktlich um fünf Uhr mit einigen kurzen Worten 
und verschwand dann mit Blizzard durch den Büh-
nenausgang. Die Spannung ließ allmählich nach, und 
die Schauspieler starrten sich gegenseitig an, als sei 
ihnen erst jetzt klar, daß sie sich nicht in ihrer künstli-
chen Welt, sondern auf der Bühne eines kleinen Thea-
ters befanden. Dann atmeten sie erschöpft auf und 
verschwanden nach draußen, um sich an der Bar bei 
einigen Drinks zu erholen. 

Jess

 

Aumen

 

blieb

 

am

 

Flügel

 

sitzen

 

und

 

versuchte

 

zum

 

zehntenmal

 

eine

 

eigenartige

 

Tonfolge,

 

die

 

ihm

 

nicht

 

recht

 

gelingen

 

wollte.

 

Gerry

 

Hoarding

 

ging

 

mit

 

einem

 

Blatt

 

Papier

 

und

 

einem

 

Bandmaß

 

über

 

die

 

Büh-

ne,

 

um

 

die

 

geplante

 

Dekoration

 

auszumessen

 

Lester

 

Harkham,

 

der

 

für

 

die

 

erstaunlich

 

gute

 

Beleuchtungs-

anlage

 

verantwortlich

 

war,

 

stand

 

im

 

Mittelgang

 

und

 

sah

 

mit

 

nachdenklich

 

gerunzelter

 

Stirn

 

zur

 

Bühne auf. 

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Murray gab sich einen Ruck und trat auf ihn zu. 
»Haben

 

Sie

 

einen

 

Augenblick

 

Zeit

 

für

 

mich,

 

Lester?« 

»Hmmm?« Lester schien aus weiter Ferne zurück-

zukommen. »Oh, natürlich, Murray. Was gibt's?« 

»Nun ...« Murray hatte plötzlich das Gefühl, es sei 

lächerlich, wieder von Delgado und seinen Tonband-
geräten anzufangen. Deshalb wechselte er rasch das 
Thema. »Hören Sie, Lester, die Sache muß unter uns 
bleiben, verstanden? Gerry hat mich gebeten, ein Glas 
Heroin für ihn aufzubewahren, weil er fürchtet, er 
könnte eine Überdosis nehmen, wenn er deprimiert 
ist. Das beste Versteck dafür wäre natürlich im Fern-
sehapparat – dort findet er das Zeug nie. Aber die 
Rückwand des Geräts in meinem Zimmer läßt sich 
nicht einfach abschrauben, und ich möchte sie nicht 
beschädigen. Könnten Sie mir dabei helfen?« 

Lester starrte ihn verständnislos an. »Menschens-

kind, das ist die verrückteste Bitte, die ich je gehört 
habe!« rief er dann aus. 

»Das glaube ich«, stimmte Murray zu. »Ich bin nur 

auf Sie gekommen, weil Sie bestimmt der einzige von 
uns sind, der etwas von Elektronik versteht.« 

»Richtig, mit Fernsehgeräten kenne ich mich aus. 

Ich komme gleich mit. Ich muß nur noch etwas mit 
Gerry besprechen.« 

»Aber kein Wort davon, Lester! Er darf nicht erfah-

ren, wo ...« 

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»Schon gut, schon gut! Ich bin schließlich kein Trot-

tel. Warten Sie hier auf mich, Murray. He, Gerry, ich 
muß Sie sprechen!« Lester ging nach vorn zur Bühne. 

Bisher hatte alles geklappt, überlegte Murray sich. 

Jetzt konnte er das Gespräch unauffällig auf die Ton-
bandgeräte bringen. Und er war gespannt, wie Lester 
auf Delgados Ausflüchte reagieren würde. 

background image

 
 

»Ah, richtig. Wieder einmal die komplizierten Ver-
schlüsse, die Amateure gleich abschrecken sollen.« 
Lester beugte sich über den Fernsehapparat, suchte in 
seiner Jackentasche nach einem Mehrzweckschrau-
benzieher und machte sich an die Arbeit. »Was halten 
Sie bisher von der Sache, Murray? Delgado ist ein be-
gabter Mann, was?« 

»Er hat Talent«, gab Murray zu. »Ich wüßte aller-

dings gern mehr über ihn.« 

»Das haben wir alle gemeinsam! Ich möchte zum 

Beispiel gern wissen, wo er bisher gesteckt hat.« Le-
ster löste den ersten Verschluß und nahm den näch-
sten in Angriff. »Wissen Sie, als Sam Blizzard mir zu-
erst von diesem Plan erzählt hat, habe ich ihn gefragt, 
ob er übergeschnappt sei. Wie kann man soviel Geld 
für eine so unsichere Sache ausgeben? Bevor das 
Stück nach London kommt, hat es ihn bestimmt fünf-
tausend Pfund gekostet. Aber allmählich komme ich 
zu der Überzeugung, daß er vielleicht doch nicht so 
unrecht hat. Vor allem die Idee mit diesem Theater 
hier war ausgezeichnet. Normalerweise würde ich in 
der letzten Reihe sitzen und an den Nägeln kauen; 
aber hier kann ich mir bereits überlegen, wie ... He, 
verdammt noch mal!« 

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Er zog die Hand zurück und ließ den Schrauben-

zieher fallen. Murray sprang auf. 

»Was ist passiert?« 
»Der

 

verdammte

 

Kasten

 

steht

 

unter

 

Strom.

 

Ich

 

habe

 

einen

 

Schlag

 

abbekommen.«

 

Lester

 

beugte

 

sich

 

über

 

das

 

Gerät

 

und

 

rüttelte

 

an

 

einem

 

Knopf.

 

»Hier

 

steht

 

Aus«,

 

murmelte

 

er.

 

»Der

 

verflixte

 

Schalter

 

muß

 

defekt

 

sein.

 

Aber

 

ich

 

sehe

 

trotzdem

 

nicht

 

ein,

 

weshalb

 

dann

 

...« 

Er sprach weiter mit technischen Fachausdrücken 

über Kriechströme und Kondensatoren, die sich nicht 
richtig entluden. Murray hörte zu, ohne etwas davon 
zu verstehen. 

»Soll ich den Stecker aus der Steckdose ziehen?« 

fragte er nur. 

»Ja, natürlich. Das hätte ich gleich selbst tun müs-

sen.« Lester legte eine Hand auf den Apparat und 
roch dann prüfend an den Luftschlitzen. »Komisch. 
Der Kasten ist kalt, obwohl er unter diesen Umstän-
den doch wenigstens warm riechen müßte.« 

Murray untersuchte das dicke Kabel, das vom Ge-

rät aus zum Boden führte. Es verschwand unter dem 
Teppichboden; er ließ sich auf die Knie nieder und 
hob den Teppich etwas hoch. 

»Eigenartig«, murmelte er vor sich hin. »Lester, 

diese Leitung führt nicht zu einer Steckdose. Sie ver-
schwindet einfach unter der Abschlußleiste. Hier, se-
hen Sie das?« 

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»Was?« Lester kam heran und stützte sich mit einer 

Hand auf Murrays Schulter. »Hmm, das ist wirklich 
ungewöhnlich.« Das dicke schwarze Kabel lief tat-
sächlich geradewegs auf die Wand zu, erreichte die 
Abschlußleiste und verschwand dort in einem Schlitz. 

»Das ist neu«, stellte Murray fest. »Sehen Sie, hier 

ist erst vor kurzem ein Stück aus der Leiste herausge-
sägt worden.« Er bewegte das Kabel, um Lester zu 
zeigen, was er damit meinte. 

»Das muß ein Rediffusionssystem sein«, sagte Le-

ster ohne große Begeisterung. »Aber normalerweise 
gehört dazu ein externer Wählschalter. Am besten 
sehe ich mir den Apparat nochmals an – aber diesmal 
ohne einen Schlag.« 

Murray drehte sich um und blieb mit dem Rücken 

zur Wand auf dem Boden sitzen. Er brauchte nicht 
lange zu warten, bis Lester die Rückwand abgenom-
men hatte und einen Blick ins Innere des Geräts wer-
fen konnte. Lester pfiff leise vor sich hin. 

»Noch etwas Außergewöhnliches?« fragte Murray, 

der nichts anderes erwartet hatte. 

»Wirklich sehr außergewöhnlich«, bestätigte Le-

ster. »Der Kasten enthält viel mehr als ein normaler 
Fernsehapparat. Murray, haben Sie das von Anfang 
an gewußt?« fügte er hinzu. »Haben Sie mich nur mit 
Gerrys Stoff hierher gelockt, damit ich einen Blick in 
diesen Apparat werfen würde?« 

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»Wie kommen Sie darauf?« erkundigte Murray 

sich ehrlich verblüfft. 

»Ida hat beim Mittagessen erzählt, daß Sie eigenar-

tige Drahte in Ihrer Matratze gefunden haben sollen.« 

»Ah, richtig.« Murray verbarg seine Erleichterung 

nicht. 

»Ich bin froh, daß Sie das schon von anderer Seite 

erfahren haben.« 

Er berichtete rasch, was am vergangenen Abend 

passiert war. Lester hörte aufmerksam zu und unter-
suchte dabei weiter das Innere des Fernsehgeräts. 

»Und er behauptete, diese Apparate sollten euch 

helfen, im Schlaf zu lernen?« erkundigte sich Lester, 
als Murrays Bericht zu Ende war. »Hören Sie, das ist 
alles blanker Unsinn. Diese Methode wird gelegent-
lich erwähnt – Huxley hatte sie in Brave New World
erinnern Sie sich? Aber soviel ich weiß, ist sie niemals 
mit Erfolg angewandt worden. Falls Delgado sich 
einbildet, sie sei für seine Zwecke brauchbar, kann 
die Sache jedenfalls nicht schaden, nehme ich an.« 

»Aber was soll das alles ohne Lautsprecher? Ich 

habe den ganzen Draht aus meiner Matratze gezogen 
– aber er war weder mit einem Lautsprecher noch mit 
einem Mikrophon verbunden.« 

»Nun, es gibt einige Versuchseinrichtungen ...«, 

begann Lester. Dann schüttelte er den Kopf. »Nein, 
das ist lächerlich. Die Dinger kosten über fünfhundert 

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Pfund pro Stück, und niemand würde auf den Ge-
danken kommen, sie hier in den Zimmern zu vertei-
len. Kann ich mir die Sache ansehen?« 

»Nur noch die traurigen Überreste«, sagte Murray 

und stand auf. »Wahrscheinlich sind die gleichen 
Drähte an Ihrer Matratze angebracht, wenn Delgado 
die Wahrheit gesagt hat. Aber alles andere ...« 

Er sprach nicht weiter. Er hatte das Bettuch zu-

rückgeschlagen. Das Drahtgewebe war wieder intakt. 

»Delgado scheint die Sache ziemlich ernst zu neh-

men«, stellte er fest. »Er hat den Draht ersetzen las-
sen.« Murray ließ sich nicht anmerken, wie erregt er 
war. »Okay, was halten Sie davon?« 

Lester sagte zunächst gar nichts. Dann hob er die 

Matratze hoch, verfolgte den hauchdünnen Draht bis 
zu der Klappe und ließ sich zeigen, wann das Ton-
bandgerät zu laufen begann. Schließlich legte er die 
Matratze an ihren Platz zurück. 

»Eines steht jedenfalls fest«, sagte er dabei. »Die 

Drähte auf der Matratze können unmöglich als Laut-
sprecher oder Mikrophon dienen.« 

»Welchen Zweck haben sie sonst?« 
»Das weiß ich nicht.« Lester biß sich auf die Unter-

lippe. »Das ist nicht mein Fachgebiet, wissen Sie. 
Aber wenn ich etwas vermuten sollte ...« 

»Ja?« warf Murray ein. 
»Ich könnte mir vorstellen, daß es sich dabei um 

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eine hochempfindliche Antenne handelt. Sehen Sie 
hier.« Lester benützte Daumen und Zeigefinger als 
Stechzirkel und maß einzelne Abschnitte des Draht-
geflechts ab. »Das Muster besteht aus Einzelteilen, die 
in einem harmonischen Verhältnis zueinander stehen, 
nicht wahr? Diese langen Stücke erinnern an einen 
Dipol – wie bei Fernsehantennen.« Er schüttelte den 
Kopf. »Aber das erklärt noch lange nicht, weshalb das 
Zeug hier ist.« 

»Besteht eine Verbindung zwischen dem Drahtge-

flecht und dem Kasten dort drüben?« Murray deutete 
auf den Fernsehapparat. 

»Kann ich nicht sagen. Ich müßte mich stunden-

lang damit beschäftigen, aber solange das Ding unter 
Spannung steht, habe ich keine rechte Lust dazu.« 

»Können Sie sich überhaupt nicht vorstellen, was 

nachträglich eingebaut worden ist?« 

»Nein«, antwortete Lester. Er fuhr sich mit dem 

Handrücken über die Stirn. »Jedenfalls ist dort nicht 
Platz genug für Gerrys Zeug. Am besten schraube ich 
die Rückwand jetzt wieder an und lasse den Kasten 
stehen.« 

»Wollen Sie Delgado danach fragen?« 
»Ich

 

will

 

ihn

 

unbedingt

 

nach

 

seiner

 

Hypnopädie

 

fra-

gen.

 

Interessiert

 

es

 

Sie,

 

was

 

ich

 

wirklich

 

davon

 

halte?« 

»Natürlich. Mich interessiert jede Meinung. Die Sa-

che beunruhigt mich nämlich.« 

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»Okay.« Lester steckte die Hände in die Hosenta-

schen. »Meiner Meinung nach wird sich früher oder 
später herausstellen, daß Delgado in seinem Fort-
schrittsglauben hereingelegt worden ist. Heutzutage 
fallen viele Leute, die eine Diode nicht von einem 
Pferdeschwanz unterscheiden können, auf gerissene 
Kerle herein, die neue Erfindungen auf dem Gebiet 
der Bioelektronik gemacht haben wollen. Meistens 
genügen schon ein paar hochtrabende Worte über die 
Einstellung auf kosmische Wellenlängen, um die Leu-
te dazu zu bringen, einen kleinen schwarzen Kasten 
für hundert Pfund zu kaufen – und der gerissene Kerl 
verschwindet lachend. Ich nehme an, daß Sie richtig 
vermutet haben: Delgado benützt die Hypnopädie 
nur als halbwegs plausible Ausrede, um blanken Un-
sinn zu verdecken. Wie Mrs. Smith, die ihr Bett auf 
den magnetischen Nordpol ausrichtet, wissen Sie?« 

»Ist das Ihr Ernst?« Murray zögerte noch, obwohl 

er zugeben mußte, daß Lester recht zu haben schien. 

»Ich würde sogar darauf wetten.« Lester zeigte auf 

das Drahtgewebe. »Das Muster ist nicht einmal so 
sinnlos, wie es auf den ersten Blick wirkt. Bestünde es 
aus Kupferrohren, könnte man es sogar als Fernseh-
antenne benützen. Aber im Grunde genommen ist es 
doch zwecklos; es ist gerade unsinnig genug, um zu 
meiner Theorie zu passen.« 

»Gilt das auch für das Zeug im Fernsehgerät?« 

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»Höchstwahrscheinlich.« Lester trat an den Appa-

rat und setzte die Rückwand vorsichtig ein. »Ich 
glaube nicht, daß es sich lohnt, sich deswegen Sorgen 
zu machen. Meinetwegen kann Delgado ans Tisch-
rücken glauben, wenn es ihm Spaß macht. Wichtig ist 
doch nur, daß er Talent hat und gut arbeitet, was?« 

»Ja, aber ...« 
Lester zog die letzten Schrauben an, richtete sich 

auf und klopfte Murray auf die Schulter. 

»Lassen Sie doch den Unsinn!« mahnte er. »An Ih-

rer Stelle wäre ich froh, noch mal eine Chance be-
kommen zu haben, anstatt mir wegen Delgados Ver-
rücktheiten Gedanken zu machen.« 

Murray rang sich ein Lächeln ab. »Das wäre be-

stimmt vernünftiger, was? Sie haben wirklich recht. 
Lieber das hier als eine Suppenküche der Heilsar-
mee.« 

 

Als Lester gegangen war, zündete Murray sich eine 
Zigarette an und betrachtete nachdenklich das Mu-
ster auf der Matratze. 

Das klingt alles ganz plausibel. Aber ich habe trotzdem 

das Gefühl, daß es sich nicht so einfach erklären läßt. Hin-
ter der Sache steckt bestimmt irgend etwas anderes. 

Er faßte plötzlich einen Entschluß, der dem Ver-

such glich, ein Hornissennest mit einem Stock in Auf-
ruhr zu bringen. Er wurde allmählich ungeduldig. 

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Diese Probleme hinderten ihn daran, auf der Bühne 
wirklich sein Bestes zu geben. 

Murray hob die Matratze hoch, bis der dünne 

Draht riß. Dann zog er den ganzen Draht aus der Ma-
tratze und ließ ihn im Aschenbecher liegen. Nun war 
das Fernsehgerät an der Reihe. Als er davorstand, fiel 
ihm ein, daß er das Kabel lieber nicht mit bloßen 
Händen anfassen durfte, wenn es tatsächlich unter 
Spannung stand, wie Lester behauptet hatte. Statt 
dessen hob er das ganze Gerät hoch – es war viel 
schwerer als erwartet – und trug es durchs Zimmer. 

Als das Kabel straff gespannt war, holte er tief Luft, 

machte einen großen Schritt und erwartete dabei, daß 
das Kabel entweder reißen oder aus der Wand geris-
sen würde. Aber nichts dergleichen geschah. Weitere 
zwei oder zweieinhalb Meter Kabel kamen unter der 
Fußbodenleiste hervor, und Murray hörte ein Klirren 
und einen gewaltigen Krach im Zimmer Dreizehn. 

Murray zog die Augenbrauen hoch und lächelte 

leicht. Dann stellte er den Fernsehapparat sorgfältig 
auf das Tischchen zurück, versteckte das lange Kabel 
unter dem Teppich und ging an die Tür. Er öffnete sie 
einen winzigen Spalt breit und beobachtete den Kor-
ridor. Seine Geduld wurde wenig später belohnt: er 
sah den sonst so steifen Valentine den Korridor ent-
langrennen. 

Wer hätte das gedacht? 

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Die Tür von Nummer Dreizehn öffnete und schloß 

sich. Murray schloß seine eigene Tür und horchte an 
der Wand zum Nebenzimmer. Er hörte jedoch nur 
ein leises Klirren und Klimpern, als sei Valentine da-
mit beschäftigt, die Trümmer einzusammeln. 

Das genügte vorläufig. Nun blieb nur noch Delga-

dos Reaktion abzuwarten. Er verließ sein Zimmer 
und ging pfeifend nach unten. 

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10 

 
 

Die Reaktion kam, aber obwohl Delgado den Anstoß 
dazu gegeben haben mochte, wurde sie von Blizzard 
vorgetragen, und Murray mußte bis eine Stunde nach 
dem Abendessen darauf warten. 

Draußen regnete es. Murray hörte Regentropfen an 

die Scheiben klatschen, während er sich mit Adrian 
Gardner unterhielt. Dann fiel ihm plötzlich etwas auf. 
Nur Blizzard und Delgado waren nicht anwesend; al-
le übrigen Mitglieder des Ensembles waren hier ver-
sammelt, als entwickle die Gruppe allmählich eine 
Agoraphobie. Bisher hatte noch niemand vorgeschla-
gen, die hiesigen Pubs zu besuchen oder auch nur ei-
nen Spaziergang im Park zu machen. Draußen regne-
te es, aber die anderen benahmen sich, als wüte ein 
arktischer Schneesturm. 

Am besten mache ich morgen nach dem Abendessen eine 

kleine Spazierfahrt. Ich will mich hier nicht isolieren lassen 
... 

»Murray, ich habe etwas mit Ihnen zu besprechen. 

Entschuldigen Sie uns, Ade – es handelt sich um eine 
wichtige Sache.« 

Murray schrak aus seinen Gedanken auf. Blizzard 

war erschienen und hatte ihm gegenüber Platz ge-
nommen. Adrian zuckte mit den Schultern und stand 

background image

auf, um sich einen anderen Gesprächspartner zu su-
chen. 

»Ja,

 

Sam

 

 

was

 

kann

 

ich

 

für

 

Sie

 

tun?«

 

fragte

 

Murray. 

»Sie können aufhören, sich so verdammt lästig zu 

benehmen, wenn Sie es unbedingt wissen wollen«, 
antwortete Blizzard. Er nahm eine Zigarre aus der 
Tasche, biß das Ende ab und griff nach einem Tisch-
feuerzeug. 

Murray wartete, bis Blizzards Zigarre brannte. 

Dann sagte er: »Sam, war das ironisch gemeint, oder 
wollten Sie mich ärgern? In welcher Beziehung be-
nehme ich mich lästig?« 

»Was haben Sie mit dem Fernsehgerät in Ihrem 

Zimmer angestellt?« 

»Ich wollte es lieber auf der anderen Seite des Betts 

stehen haben«, log Murray. »Ist das etwa verboten?« 

Blizzard warf ihm einen prüfenden Blick zu, aber 

Murrays professionelle Maske war undurchdringlich. 
Der große Mann seufzte schließlich. 

»Schön, lassen Sie das in Zukunft«, wies er Murray 

an. »Valentine hat Ihretwegen fast einen hysterischen 
Anfall bekommen. Die Fernsehgeräte im ersten Stock 
sind alle mit einem Rediffusionssystem verbunden. 
Sie haben offenbar am Kabel Ihres Apparats gezogen 
und dadurch einige Geräte umgerissen. Der Schaden 
beträgt über fünfzig Pfund.« Er fuhr sich mit einem 
Taschentuch über die Stirn. »Hören Sie, Murray, ich 

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brauche Ihnen wahrscheinlich nicht zu erzählen, daß 
mir für dieses Unternehmen mehr Geld zur Verfü-
gung steht, als ich je für eine Produktion habe ausge-
ben können. Aber auch diese Mittel sind nicht uner-
schöpflich, wissen Sie.« 

»Aha, jetzt ist es also ein Rediffusionssystem«, 

murmelte Murray, ohne auf Blizzard zu achten. »Wie 
eigenartig! Lester war der Überzeugung, das sei aus-
geschlossen.« Er betrachtete Blizzard mit einem un-
schuldigen Lächeln. 

»Lester! Daran sind Sie auch schuld! Murray, was 

wollen Sie eigentlich? Fühlen Sie sich etwa in Ihrem 
Stolz verletzt? Los, reden Sie endlich, verdammt noch 
mal! Wenn es Ihnen hier nicht gefällt, läßt sich be-
stimmt arrangieren, daß Sie schon morgen ...« 

»Augenblick«, unterbrach Murray ihn. »Was soll 

ich Lester angetan haben?« 

»Er ist vor dem Abendessen bei mir gewesen, um 

mich ernsthaft vor Delgado zu warnen.« Blizzard sah 
sich um, als habe er Angst, die anderen könnten zu-
hören. »Lester hält Delgado für leicht verrückt, weil 
Sie ihm von den Tonbandgeräten in den Betten er-
zählt haben. Murray, tun Sie mir bitte den Gefallen, 
in Zukunft Ihren Mund zu halten.« 

Murray beugte sich vor. »Sam, wollen Sie den Klub 

wie ein Konzentrationslager führen? Wollen Sie uns 
verbieten, neugierig zu sein? Du lieber Gott, ist Ihnen 

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nicht klar, welche Leute Sie hier haben? Wollen Sie 
eine Massenhysterie hervorrufen?« 

»Genau das will ich nicht – und genau das erzeugt 

Ihr Gerede unweigerlich. Hören Sie zu, Murray. Wir 
kennen uns seit Jahren – wir haben schon oft zusam-
mengearbeitet –, so daß Sie mich nur absichtlich miß-
verstehen könnten. Ich bin auch nicht damit zufrie-
den, daß hier ein Dutzend erregbarer Leute unter ei-
nem Dach versammelt und unerbittlich gedrillt wer-
den. Ich habe noch nie etwas Ähnliches gehört oder 
miterlebt. Aber das ist eben Delgados Methode, und 
wenn er darauf besteht, will ich es auch. Welchen 
Eindruck haben Sie bisher von Delgado, Murray?« 

»Das kann ich noch nicht sagen.« 
»Ich habe jetzt seit vier oder fünf Monaten mit ihm 

und seinem Kapitalgeber zu tun.« Blizzard streifte die 
Asche von seiner Zigarre. »Ich weiß, was ich von 
Delgado halte. Der Mann ist ein Genie. Ich finde ihn 
unsympathisch, aber ich habe auch einen Heidenre-
spekt vor ihm. Glauben Sie, daß ich das leichtfertig 
von einem Menschen behaupten würde, Murray?« 

»Nein.« 
»Gut, dann verstehen wir uns. Er ist phänomenal 

begabt. Er arbeitet mit Unterstützung eines argentini-
schen Multimillionärs, der anscheinend beweisen 
will, wie kulturell hochstehend seine Heimat ist, in-
dem er ihre Kultur den Europaern nahebringt. Ich 

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muß alle diese Neurotiker unter Kontrolle halten ... 
Tut mir leid, Murray, das ist mir nur so herausge-
rutscht.« 

»Wir sind alle neurotisch«, stellte Murray humorlos 

fest. 

»Richtig.

 

Sie

 

müssen

 

vor

 

allem

 

begreifen,

 

daß

 

ich

 

keine

 

Ablenkung

 

dulden

 

kann.

 

Dieser

 

Unsinn

 

kostet

 

nur

 

Zeit.

 

Wenn

 

Delgado

 

von

 

seiner

 

Hypnopädie

 

über-

zeugt

 

ist,

 

soll

 

er

 

es

 

meinetwegen

 

damit

 

versuchen.

 

Warum

 

regen

 

Sie

 

sich

 

deswegen

 

auf?

 

Falls

 

die

 

Sache

 

funktioniert,

 

ist

 

es

 

gut;

 

funktioniert

 

sie

 

dagegen

 

nicht,

 

kann

 

es

 

Ihnen

 

auch

 

gleichgültig

 

sein.

 

Ich

 

will

 

niemand

 

verbieten,

 

nach

 

Herzenslust

 

neugierig

 

zu

 

sein.

 

Ich

 

ver-

suche nur, unser Stück zu Ende zu bringen.« 

Murray zögerte kurz. »Sie hätten anders anfangen 

sollen, Sam«, meinte er dann. »Ich mache mir keine Il-
lusionen, was mich betrifft. Sie dürfen mich nicht für 
undankbar halten; ich bin froh, daß ich diese Chance 
bekommen habe. Aber angesichts des Films, den Del-
gado gedreht hat, und seines Theaterstücks in Paris 
hätten Sie doch Fleet Dickinson engagieren können ... 
oder etwa nicht?« 

Dieser Nachsatz war nicht geplant. Aber Murray 

erinnerte sich jetzt an ein Gespräch mit Roger Grady. 
Der Agent hatte ihm von einem Schauspieler erzählt, 
der abgelehnt hatte, bevor Roger ihm ein Angebot 
machen konnte. 

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Zum Glück war Blizzard ahnungslos. »Es handelt 

sich nicht nur darum, Murray. Delgado erwartet, daß 
seine Anweisungen genau befolgt werden; das ist Ih-
nen bestimmt schon aufgefallen. Meistens stört das 
nicht, solange man sich von seiner Begeisterung an-
stecken läßt. Aber ich habe schon mit Fleet Dickinson 
zusammengearbeitet und weiß deshalb, daß er es 
gewöhnt ist, den Boß zu spielen.« Blizzard schüttelte 
verblüfft den Kopf. »Was ist plötzlich in mich gefah-
ren? Bisher habe ich noch mit keinem anderen Mit-
glied des Ensembles über diese Dinge gesprochen.« 

»Er ist in Sie gefahren«, stellte Murray fest. »Das 

macht mir Sorgen, Sam. Wir brauchen natürlich 
Selbstvertrauen, wenn wir mit unserem Stück das 
West End erobern wollen. Aber ich sehe schon kom-
men, daß wir uns alle daran berauschen und gar 
nicht merken, wie schlecht es ist. Sie müssen unbe-
dingt objektiv bleiben, Sam.« 

»Ich gebe mir schon Mühe.« Blizzard nickte lang-

sam. »Aber bevor ich kein fertiges Manuskript in 
Händen habe, bin ich hier eher Hausvater als Regis-
seur, nicht wahr?« 

Murray runzelte die Stirn. »Richtig ... Wissen Sie, 

Sam, ich habe eigentlich erwartet, daß wir von einer 
bestimmten Idee ausgehen und nur die Dialoge im-
provisieren würden, aber statt dessen haben wir gar 
nichts ...« 

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»Doch, jetzt haben wir etwas!« widersprach Bliz-

zard. »Das können Sie nicht bestreiten. Dabei arbeiten 
wir erst seit zwei Tagen.« 

»Ja,

 

natürlich«,

 

stimmte

 

Murray

 

zu,

 

ohne

 

überzeugt 

zu sein. 

»Zuerst habe ich mir deswegen auch Sorgen ge-

macht«, gab Blizzard nach einer Pause zu, »aber an-
scheinend funktioniert die Sache doch ziemlich gut. 
Deswegen habe ich mich übrigens auch nicht um 
Fleet bemüht. Fleet sucht sich seine Rollen sorgfältig 
aus. Selbst Delgados Ruf hätte ihn nicht dazu ge-
bracht, eine Rolle unbesehen zu akzeptieren.« 

Murray nickte langsam. 
»Hören Sie, Sam, ich muß Sie etwas fragen. Ich 

schleppe diese Frage ständig mit mir herum, aber 
jetzt muß sie endlich doch heraus. Sie haben mehr-
mals Delgados persönliche Arbeitsweise erwähnt. 
Nun, gehört es etwa dazu, uns hier einzusperren, bis 
wir fast in die Luft gehen, um dann unser Gekreisch 
auf die Bühne bringen zu können?« 

Blizzard antwortete nicht gleich. Als er dann 

sprach, wich er der Frage aus. 

»Wie kommen Sie darauf, Murray?« 
»Aus zwei Gründen, Sam. Delgado hat zu Anfang 

betont, er lege größten Wert darauf, daß seine Schau-
spieler sich mit ihren Rollen identifizieren. Und ich 
verstehe nicht, warum Sie sich diese Schauspieler zu-

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sammengesucht haben. Ich und Alkohol. Gerry und 
Koks. Ade und hübsche kleine Jungen. Constant, der 
eine Chance sieht, doch noch ins West End zu kom-
men – seine erste und letzte Chance. Lauter Leute, die 
es sich nicht leisten können, Ihnen den Krempel vor 
die Füße zu werfen, weil dies ihre letzte Gelegenheit 
ist, Karriere zu machen.« 

»Sie können jederzeit mit Ihrem Wagen fortfahren, 

wohin Sie wollen«, versicherte Blizzard ihm ge-
kränkt. »Glauben Sie mir jetzt, daß hier niemand ein-
gesperrt wird?« 

Murray nickte und stand auf. »Genau das habe ich 

vor«, stellte er fest. »Inzwischen regnet es nicht mehr. 
Etwas frische Luft tut mir bestimmt gut.« 

 

Er war bereits draußen in der Halle, als ihm auffiel, 
daß Blizzard seine Frage eigentlich nicht beantwortet 
hatte. Er überlegte noch, ob er zurückgehen und eine 
Antwort verlangen sollte, als Valentine aus dem Spei-
sesaal auftauchte. 

»Sie wollen ausgehen, Mister Douglas?« erkundig-

te er sich höflich. 

»Was geht Sie das an?« fragte Murray. 
»Mister Blizzard hat mich angewiesen, das Haupt-

tor um elf Uhr zu schließen, Sir. Wenn Sie wünschen, 
kann ich natürlich veranlassen, daß es für Ihren Wa-
gen länger geöffnet bleibt.« 

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»Nein, danke, das ist nicht notwendig.« Murray 

schüttelte den Kopf. »Ich bleibe hier.« 

»Sehr wohl, Sir.« Valentine verbeugte sich leicht 

und ging davon. 

»Valentine!« rief Murray ihm nach. 
»Ja, Mister Douglas?« 
»Tun Sie mir einen Gefallen? Sagen Sie nicht im-

mer: ›Mister Blizzard hat mich angewiesen.‹ Ich weiß 
so gut wie Sie, daß Delgado hier die Befehle erteilt.« 

»Ich ... ich weiß nicht, was Sie meinen, Sir.« Valen-

tines Überraschung war gut gespielt, aber nicht ganz 
echt. 

»Dann wird es langsam Zeit, daß Sie es herausbe-

kommen, nicht wahr?« Murray wandte sich ab und 
stieg die Treppe hinauf. Als er sich noch einmal um-
sah, war Valentine verschwunden. 

In seinem Zimmer fand wieder das allabendliche 

Ritual statt: Murray trennte zwanzig Meter Draht aus 
seiner Matratze und ließ sie als Knäuel im Aschenbe-
cher zurück, bevor er zu Bett ging. 

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11 

 
 

»Okay, wir machen jetzt eine kurze Pause und sehen 
uns um ... äh ... zehn vor zwei wieder.« 

»Pause, sagt er«, flüsterte Ida laut. »Dabei brauche 

ich demnächst eine Erholungskur. Puh!« 

Murray holte tief Luft und atmete langsam aus. Er 

notierte sich den Tag in seinem geistigen Kalender. 
Donnerstag:  Sam Blizzard ordnet zum erstenmal eine 
Pause an; bisher hat Delgado ihm diese Entscheidung ab-
genommen. Vielleicht wird doch etwas aus unserem Stück. 
Wir haben die Rollen verteilt und kommen gut voran. Ger-
ry macht bereits Entwürfe für das Bühnenbild ...
 

Er hörte plötzlich auf, sich die Pluspunkte aufzu-

zählen. Er hatte eine schemenhafte Gestalt in der letz-
ten Reihe gesehen. 

Heather. Großer Gott – sie hat noch keine Rolle. Sie ist 

heute vormittag nicht einmal auf der Bühne gewesen. 

Adrian

 

Gardner

 

und

 

Rett

 

Latham

 

gingen

 

vor

 

ihm

 

her

 

zur

 

Tür;

 

die

 

beiden

 

waren

 

so

 

in

 

eine

 

Diskussion

 

über

 

einen

 

strittigen

 

Punkt

 

vertieft,

 

daß

 

sie

 

nur

 

kurz

 

zu

 

Heather hinübernickten. Murray blieb vor ihr stehen. 

»Hallo«, sagte er. »Wo haben Sie gesteckt?« 
Sie lächelte gezwungen, hob den rechten Arm und 

zeigte ihm einen Farbfleck an ihrem Pullover. »Oh, 
ich habe Gerry geholfen.« 

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Das war nur die halbe Wahrheit. Heather hatte ge-

weint, das merkte man an ihren rotgeränderten Au-
gen. Murray fiel auf, daß bisher noch niemand den 
Versuch gemacht hatte, das Mädchen an den Diskus-
sionen und Proben zu beteiligen – nicht einmal Ida, 
die Heather damit hätte imponieren können. 

»Warum?« fragte er. 
»Nun ... Sie wissen schon!« Heather lächelte ver-

zerrt. »Ich bin im Augenblick ziemlich überflüssig.« 

»Aber Sie sind doch als Mitglied des Ensembles 

engagiert, oder? Sie müssen sich bemerkbar machen, 
anstatt im Hintergrund zu bleiben. Wenn Gerry Hilfe 
braucht, soll er sich melden.« 

»Tut mir leid, ich wollte nicht ...« Sie sah ihn er-

schrocken an. 

»Du

 

lieber

 

Gott«,

 

murmelte

 

Murray,

 

»ich

 

wollte

 

Ih-

nen

 

keine

 

Vorwürfe

 

machen.

 

Das

 

war

 

nur

 

als

 

guter

 

Rat

 

gedacht. Kommen Sie, wir gehen zum Mittagessen.« 

»Danke, ich habe keinen Hunger. Ich gehe lieber 

etwas spazieren.« 

»Keine schlechte Idee«, stimmte Murray zu. »Wis-

sen Sie was, wir schlagen zwei Fliegen mit einer 
Klappe und essen irgendwo im nächsten Pub. Wir 
haben eine Dreiviertelstunde Zeit. Die Atmosphäre 
hier bedrückt mich allmählich.« 

Heathers Miene hellte sich auf. »Oh, das wäre 

schön! Aber ich will Ihnen nicht lästig fallen!« 

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Murray nahm lachend ihren Arm. Am Ausgang 

holte Ida sie ein. 

»Aha!« sagte sie. »Ich störe doch nicht etwa? 

Kommen Sie zum Mittagessen, Heather?« 

»Nein ...« Das Mädchen sah verlegen zu Boden. 

»Murray hat vorgeschlagen, wir sollten zum Essen in 
den nächsten Pub fahren.« 

»Vermutlich

 

in

 

seinem

 

Zweisitzer.«

 

Ida

 

warf

 

den

 

Kopf

 

zurück.

 

»Nehmen

 

Sie

 

sich

 

vor

 

ihm

 

in

 

acht,

 

meine

 

Liebe. Wissen Sie nicht, wie Murrays Frauen enden?« 

Murray ballte die Fäuste. »Wenn du ein Mann 

wärst, würde ich dich jetzt verprügeln, Ida«, sagte er 
laut. »Aber dazu reicht es eben doch nicht, was?« 

Ida antwortete nicht. Sie erkannte offenbar, daß sie 

den Bogen überspannt hatte. Anstatt noch etwas zu 
sagen, drängte sie sich wortlos an Murray vorbei und 
verschwand. 

Als Murray die Autoschlüssel aus seinem Zimmer 

geholt hatte und wieder nach unten kam, sah Heather 
ihm nachdenklich entgegen. 

»Murray, darf ich Sie etwas fragen?« 
Er wußte, wie diese Frage lauten würde, aber er 

nickte, während er Heather die Tür aufhielt. 

»Was hat Ida mit ihrer Bemerkung gemeint?« 
»Ida ist ein bösartiges Weibsbild«, knurrte er. »Sie 

brauchen nicht alles für bare Münze zu nehmen, was 
sie sagt.« 

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»Aber ...« Heather biß sich auf die Unterlippe. 

»Murray, ich will nicht neugierig sein. Aber ich habe 
gemerkt, daß Idas Bemerkung Sie getroffen hat, und 
ich möchte Sie nicht verletzen, ohne es zu wollen. 
Wissen Sie, was ich meine?« 

Er antwortete nicht gleich, sondern hielt ihr die Au-

totür auf. Heather erwiderte seinen Blick. Murray 
setzte sich ans Steuer, steckte den Zündschlüssel ins 
Schloß und starrte das Armaturenbrett an. Schließlich 
zuckte er mit den Schultern. 

»Die Sache ist schon lange kein Geheimnis mehr. 

Ganz London weiß davon.« Er holte tief Luft. »Meine 
Frau hat den Verstand verloren. Sie ist eines Abends 
davongelaufen, während ich auf der Bühne stand. 
Zwei Wochen später hat die Polizei sie in einem Bor-
dell in Poplar entdeckt. Zum Glück hatte sie wenig-
stens einen falschen Namen angegeben. Nun ist sie in 
einer Nervenheilanstalt untergebracht, die sie nie 
wieder verlassen wird. Zufrieden?« 

»Oh!« Heather starrte ihn an. »Das habe ich nicht 

gewußt, Murray! Haben Sie deshalb ...?« 

»Nein,

 

ich

 

habe

 

zu

 

trinken

 

begonnen,

 

um

 

mein

 

Ge-

wissen

 

zu

 

beruhigen.«

 

Murray

 

ließ

 

den

 

Motor

 

an.

 

»Ich

 

hätte

 

meine

 

Frau

 

rechtzeitig

 

zum

 

Psychiater

 

schicken

 

müssen;

 

vielleicht

 

wäre

 

sie

 

dann

 

jetzt

 

gesund.«

 

Er

 

fuhr

 

an. »Wechseln wir jetzt das Thema, einverstanden?« 

 

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Um fünf Uhr nachmittags war Murray ihr sogar 
dankbar dafür, daß sie diese Angelegenheit zur Spra-
che gebracht hatte. Die alte Bitterkeit, die wieder in 
ihm aufgestiegen war, half ihm jetzt, seine Rolle zu 
gestalten. Gerry Hoarding hatte in der Mittagspause 
vier Leinwände, Tische und Stühle hereingeschleppt 
und damit ein Bühnenbild mit zwei Ebenen skizziert. 
Er war über und über mit Farbe beschmiert, aber 
trotzdem bester Laune; seine gute Stimmung ver-
blüffte Murray, denn Gerry hatte sich seit Montag-
abend kein Heroin mehr geben lassen. 

Murray wußte, daß er und die anderen gut gespielt 

hatten, als die letzte Probe der ersten Szene vorüber 
war. Er erwartete sogar ein Lob von Delgado, denn 
sie hatten sich alle im Gegensatz zu früher erheblich 
gesteigert. Aber als Blizzard sich nach Delgado um-
drehte und ihm einen fragenden Blick zuwarf, rea-
gierte der Autor auf unerwartete Weise. 

»So, jetzt können wir mit diesem Unsinn aufhö-

ren!« Was? Alle starrten Delgado verständnislos an. 
Blizzard fand als erster die Sprache wieder; er hatte 
sich allerdings auch nicht mit einer Rolle identifizie-
ren müssen. 

»Manuel, was soll plötzlich dieser ...?« 
Delgado wirkte äußerlich gelassen, aber seine 

Stimme zeigte, wie erregt er war. 

»Wir können aufhören, habe ich gesagt. Dieser Un-

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sinn hängt mir zum Hals heraus. Sie wissen jetzt un-
gefähr, was ich will, und wir fangen morgen mit dem 
eigentlichen Stück an.« 

»Augenblick!« Blizzard war aufgestanden. Die an-

deren schwiegen noch, weil sie merkten, daß Blizzard 
ausdrücken würde, was sie alle dachten. »Manuel, Sie 
können doch nicht einfach die Arbeit einer ganzen 
Woche wegwerfen, wenn alles tadellos klappt!« 

»Glauben Sie?« Delgado machte eine verächtliche 

Handbewegung. »Es lohnt sich wirklich nicht, dieses 
Zeug aufzuheben. Murray Douglas, den Sie so eifrig 
angepriesen haben, ruiniert uns alles – er ist kein 
Schauspieler, sondern ein billiger Schmierenkomödi-
ant.« 

»He, das ist eine verdammte Lüge!« Erstaunlicher-

weise kam Ida Murray zur Hilfe. Sie drängte sich 
nach vorn und blieb vor Delgado stehen. »Jeder weiß, 
daß ich nicht gerade in Murray verliebt bin, aber er 
hat hier bisher ausgezeichnet gespielt, das müssen Sie 
selbst gemerkt haben. Was soll also der Unsinn? Wol-
len Sie uns absichtlich gegeneinander aufbringen?« 

»Sie sind rührend loyal«, versicherte Delgado ihr 

eisig. »Sobald Sie sich morgen davon erholt haben, 
können wir vielleicht mit der ernsthaften Arbeit be-
ginnen. Aber jetzt ... Cherry, bitte das Manuskript.« 

Das Mädchen gab ihm den dicken Schnellhefter, 

der den Entwurf des Bühnenstücks enthielt. 

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»So!« sagte Delgado und stand auf. »Damit Sie se-

hen, daß ich es ernst meine.« 

Er hielt den Schnellhefter, der über hundert Blätter 

faßte, in beiden Händen, zerriß ihn ohne sichtliche 
Anstrengung, legte die Hälften zusammen und zerriß 
sie ebenfalls. Die anderen staunten über die unerwar-
teten Körperkräfte, die er dabei entwickelte. 

»Die Probe ist beendet. Sie können gehen«, fügte 

Delgado hinzu und verließ die Bühne in Richtung 
Ausgang. 

Blizzard eilte hinter ihm her. Murray sah sich um. 

»Hat jemand eine Zigarette für mich?« fragte er dann. 

»Glauben Sie, daß es sein Ernst war?« erkundigte 

Adrian sich nervös und bot ihm seine Packung an. 

»Natürlich ist das sein Ernst«, knurrte Murray. 

»Und niemand von uns kann es sich leisten, ihm vor 
die Füße zu Spucken und abzureisen.« Er zündete 
sich die Zigarette an und nahm einen tiefen Zug. 

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12 

 
 

Die anderen schwiegen betroffen. Murray sah sich 
verständnislos um. Auf allen Gesichtern stand der 
gleiche ungläubige Ausdruck. 

»Delgado vor die Füße spucken und abreisen?« 

wiederholte Constant Baines schließlich. »Hören Sie, 
Murray, nur weil er Ihnen Vorwürfe gemacht hat, 
brauchen Sie nicht gleich überzuschnappen.« 

Murray schüttelte verwirrt den Kopf. »Augenblick! 

Was soll das? Nur weil dieser Idiot Delgado ...« 

»Hacken

 

Sie

 

nicht

 

immer

 

auf

 

ihm

 

herum«,

 

unter-

brach

 

Constant

 

ihn.

 

»Ich

 

habe

 

alles

 

gehört.

 

Trotzdem

 

bleibt

 

die

 

Tatsache,

 

daß

 

wir

 

von

 

vorn

 

anfangen

 

müs-

sen,

 

weil

 

ihm

 

Ihre

 

Arbeit

 

nicht

 

gefallen

 

hat.

 

Stimmt's?« 

Jess Aumen knallte den Flügel zu, an dem er bisher 

gesessen hatte; er sprang auf und ging zum Ausgang. 
Lester Harkham erschien auf der Bühne und folgte 
ihm mit hängenden Schultern. 

»Vielleicht überlegt er sich die Sache noch?« schlug 

Adrian hoffnungsvoll vor. »Wir sind doch ganz gut 
vorangekommen. Wahrscheinlich will er uns nur 
schockieren.« 

»Unsinn, Ade«, murmelte Ida. »Der Kerl ist ver-

rückt, darüber brauchen wir uns gar keine Illusionen 
zu machen.« 

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»Ich möchte nur wissen, weshalb Sie auf Murrays 

Seite stehen«, sagte Constant. »Sie haben ihn tapfer 
verteidigt, aber Delgado kann seine Leistung besser 
beurteilen, weil er Sie von dort aus gesehen hat.« Er 
deutete auf die Sitze. 

»Ich ... mir hat die Szene sehr gut gefallen«, meinte 

Heather unsicher von der dritten Reihe aus. »Ich weiß 
nicht, was Delgado daran auszusetzen hat.« 

»Mischen Sie sich nicht ein, Heather!« forderte 

Constant Sie auf. »Sie haben bisher noch nichts beige-
tragen, deshalb müssen Sie auch den Mund halten, 
verstanden?« 

»Constant hat recht«, behauptete Rett Latham. 

»Delgado bleibt bestimmt bei seinem Entschluß, und 
wir haben eine ganze Woche vergeudet, weil Mur-
rays Darstellung ihm nicht paßt.« 

Die anderen äußerten sich nicht dazu; sie beobach-

teten jetzt Gerry Hoarding, der auf der Bühne er-
schien, ein Messer aus der Tasche holte und die Ent-
würfe zerschnitt, die er vor wenigen Stunden so stolz 
aufgebaut hatte. Dann sprang er wortlos von der 
Bühne und lief zum Ausgang. 

»Na, wenigstens einer, der die Sache ernst nimmt«, 

behauptete Al Wilkinson. »Rett, wir verschwinden 
jetzt am besten.« 

»Gute Idee.« 
Die Bühne leerte sich rasch. Nur Ida blieb noch zu-

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rück, als wolle sie Murray aufmuntern; dann zuckte 
sie jedoch mit den Schultern und ging ebenfalls. Sie 
nahm Heather mit. Murray war allein. 

Er hatte vorhergesagt, daß der Klub sich in ein Ir-

renhaus verwandeln würde. Gab es eine bessere Me-
thode, um dieses Ziel zu erreichen? Dieser Abend 
würde schrecklich werden, aber morgen stand ihnen 
noch mehr bevor, wenn Delgado tatsächlich Wort 
hielt und von vorn anfing. 

Murray

 

ging

 

an

 

der

 

Reihe

 

vorbei,

 

in

 

der

 

Heather

 

ge-

sessen

 

hatte.

 

Dort

 

fiel

 

ihm

 

etwas

 

Weißes

 

auf.

 

Ein

 

Ta-

schentuch,

 

das

 

unter

 

den

 

Sitz

 

gefallen

 

war.

 

Er

 

hob

 

es

 

auf.

 

Es

 

war

 

tränennaß.

 

Die

 

arme

 

Kleine.

 

Warum

 

hatte

 

Blizzard

 

sie

 

engagiert,

 

wenn

 

er

 

ihr

 

keine

 

Rolle

 

geben

 

wollte?

 

Man

 

hätte

 

fast

 

glauben

 

können,

 

Heather

 

sei

 

für

 

Ida

 

bestimmt

 

 

wie

 

das

 

Heroin

 

in

 

Gerrys

 

Zimmer,

 

das

 

für den Bühnenbildner bereitgelegen hatte ... 

In diesem Augenblick hörte er, daß über ihm eine 

Tür ins Schloß fiel, und dieses Geräusch alarmierte 
ihn sofort. 

Gerry hatte ihm erzählt, sein Zimmer liege mitten 

über dem Theater. Das war eben Gerrys Tür gewesen. 

»Großer Gott!« sagte Murray und lief erschrocken 

zum Ausgang. 

 

Der junge Bühnenbildner antwortete nicht, als Mur-
ray kurze Zeit später an seine Tür klopfte. Die Tür 

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war abgeschlossen. Murray eilte in sein eigenes 
Zimmer, sah hinter den Vorhang und atmete erleich-
tert auf, als er das Glas dort sah. Es war noch immer 
bis zum Rand gefüllt. Murray versteckte es wieder 
und wandte sich langsam ab. 

Das ungute Gefühl wurde stärker. Er ging in den 

Korridor, legte das Ohr an Gerrys Tür und hielt den 
Atem an. 

Ein Klirren, Metall auf Metall oder Glas auf Metall. 

Ein Zündholz wurde angerissen. Murray erschrak, als 
er sich vorstellte, was hinter der Tür geschah. 

»Gerry!« rief er laut. »Gerry, lassen Sie das! Hören 

Sie auf!« 

Er bekam keine Antwort, aber das Klirren war 

wieder zu hören. Murray trommelte mit beiden Fäu-
sten gegen die Tür. 

»He, was soll das, Murray?« fragte Constant hinter 

ihm. Er war aus Nummer Elf gekommen. 

»Helfen Sie mir, die Tür aufzubrechen!« verlangte 

Murray. 

»Sind Sie verrückt?« Constant zog die Augenbrau-

en hoch. 

»Helfen Sie mir, Sie Idiot! Gerry ist dabei, sich He-

roin einzuspritzen, und er hat mir gesagt, daß er eine 
Überdosis nehmen könnte, wenn er deprimiert ist. 
Wollen Sie zusehen, wie er stirbt?« 

Constant wurde blaß. Er stellte sich wortlos neben 

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Murray auf. »Okay, mit der Schulter«, wies Murray 
ihn an. »Auf drei ... eins, zwei, drei!« 

Sie warfen sich gleichzeitig gegen die Tür; das 

Schloß gab nach und wurde aus dem Türstock geris-
sen. Gerry wandte sich langsam vom Tisch ab, auf 
dem er seine Ausrüstung liegen hatte – eine Email-
schale, in der eine Injektionsspritze lag, ein Glas mit 
weißem Pulver wie das andere, das er Murray zur 
Aufbewahrung übergeben hatte, und einen kleinen 
Spiritusbrenner. Er hielt einen Teelöffel mit verboge-
nem Stiel in der rechten Hand; sein linker Hemdsär-
mel war hochgekrempelt, und Murray sah, daß Gerry 
sich den Arm mit einer Krawatte abgebunden hatte. 

Dann

 

griff

 

Murray

 

nach

 

dem

 

Teelöffel,

 

verschüttete

 

die

 

wenigen

 

Tropfen

 

Flüssigkeit,

 

die

 

er

 

enthielt,

 

und

 

drängte

 

den

 

hysterischen

 

Mann

 

auf

 

sein

 

Bett

 

zurück.

 

Gerry

 

wehrte

 

sich

 

verzweifelt,

 

aber

 

die

 

beiden

 

Männer

 

waren

 

stärker;

 

er

 

gab

 

schließlich

 

nach

 

und

 

blieb

 

liegen. 

»Das sollte also die zweite Spritze werden«, stellte 

Murray fest. Er deutete auf den blutenden Einstich an 
Gerrys Arm. 

»Der Teufel soll euch beide holen«, zischte Gerry. 

»Verschwindet! Los, verschwindet schon!« 

»Noch nicht.« Murray wandte sich ab und griff 

nach dem Glas. »Constant, durchsuchen Sie alles. 
Vielleicht hat er irgendwo noch mehr von diesem 
Zeug versteckt.« 

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»Genügt das nicht?« fragte Constant mit einem 

Blick auf das Glas. »Menschenskind, so viel Koks ha-
be ich noch nie gesehen.« 

»Er hat mir ein gleichgroßes Glas zur Aufbewah-

rung übergeben. Wo es zwei gibt, gibt es vielleicht ein 
Dutzend. Los, suchen Sie endlich!« 

»Verschwindet«, forderte Gerry sie auf. Er lag er-

schöpft auf dem Rücken und schwitzte heftig. 

Constant drehte sich um und begann den Raum zu 

durchsuchen. Murray sah in jedem Versteck nach, 
das ihm einfiel. Sie fanden beide nichts. Gerry war 
unterdessen eingeschlafen; die erste Spritze wirkte 
jetzt, und er würde etwa eine Stunde ruhig schlafen. 

»Okay«, meinte Murray, »jetzt kann ihm nichts 

mehr passieren. Aber wir nehmen sein Zeug mit, falls 
er sich nur schlafend stellt.« Er hob den Teelöffel vom 
Boden auf, legte ihn in die Schale neben die Injekti-
onsspritze und blies den Spiritusbrenner aus. 

Constant nickte und folgte ihm schweigend in den 

Korridor hinaus. Er schien nach Worten zu suchen. 
Dann räusperte er sich. 

»Ah ... Murray, ich muß mich noch bei Ihnen ent-

schuldigen. Ich weiß wirklich nicht, weshalb Delgado 
es auf Sie abgesehen hatte. Ich hätte den Mund halten 
sollen.« 

»Schon gut«, wehrte Murray ab. 
Constant schluckte trocken. Er starrte das Glas in 

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Murrays Hand an. »Sie haben Gerry das Leben geret-
tet, nicht wahr?« 

»Vielleicht«, antwortete Murray. »Höchstwahr-

scheinlich. Das Zeug ist chemisch rein, und Gerry 
weiß selbst, wie gefährlich es in diesem Zustand ist.« 

»Aber wo hat er es her?« wollte Constant wissen. 

»Soviel hat er sich nie leisten können! Ich verstehe 
selbst nichts davon«, fügte er rasch hinzu, »aber man 
hört schließlich, was andere Leute dafür bezahlen.« 

Murray wollte schon antworten, als ihm etwas in 

Constants Zimmer auffiel. Neben dem Bett lag ein 
Buch auf dem Nachttisch. 

»Darf ich?« fragte er und betrat das Zimmer, ohne 

die Antwort abzuwarten. Er setzte Gerrys Ausrü-
stung ab und nahm das Buch zur Hand. Der Titel lau-
tete: 

»Justine oder Das Unglück der Tugendsamen von Mar-

quis de Sade, neu ins Englische übertragen von Algernon 
Charles Swinburne. Mit hundert Illustrationen verschie-
dener Künstler. Privatdruck, London 1892.« 

Constant wurde rot und machte eine vage Hand-

bewegung. »Es gehört nicht mir – ich habe es hier ge-
funden. Ich wußte gar nicht, daß es existiert. Manche 
Zeichnungen erinnern an Beardsley.« 

Murray blätterte das Buch durch, legte es fort und 

warf einen Blick auf die übrigen Titel, die das Regal 
füllten. Er sah Juliette, Die 120 Tage von Sodom, Millers 

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Rosige Kreuzigung, eine hübsche Fanny Hill und ein 
gutes Dutzend anderer Bücher der gleichen Art. 

»Ich ... äh ...« Constant schluckte trocken. »Ich leihe 

Ihnen gern ein paar, wenn Sie wollen.« 

»Nein, danke.« Murray richtete sich auf. »Ich habe 

genug mit meinen eigenen Schwächen zu kämpfen, 
ohne mir die anderer Leute zu eigen zu machen.« 

»Seien Sie nicht so hochnäsig, Murray!« 
»Tut mir leid.« Murray griff wieder nach der Schale 

und dem Glas. »Sie wollten wissen, woher Gerry das 
Heroin hat – er hat es in seinem Zimmer gefunden, 
wie Sie Ihre Bücher hier gefunden haben. Wie ich ge-
nügend Alkohol entdeckt habe, um einen Heiligen in 
Versuchung zu führen. Wissen Sie, was ich glaube, 
Constant? Delgado hat kein Gehirn, sondern einen 
Gully im Kopf.« 

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13 

 
 

Murray versteckte auch das zweite Glas Heroin und 
die Emailschale mit der Injektionsspritze hinter dem 
Vorhang in seinem Zimmer. Er hatte noch kein besse-
res Versteck gefunden. Dann trat er zurück, ließ die 
Hände herabsinken und schüttelte deprimiert den 
Kopf, als ihm einfiel, daß schon morgen einer der 
Diener ein neues Glas und eine neue Spritze in Ger-
rys Zimmer zurücklassen konnte. 

Er zündete sich eine Zigarette an und ging im 

Zimmer auf und ab. Das mußte bereits geschehen 
sein. Alle anderen Möglichkeiten schieden aus. Gerry 
hätte sich diese Mengen Heroin nie leisten können. 
Das Zeug wurde kostenlos geliefert. 

Murray war davon überzeugt, daß das alles Delga-

dos Idee gewesen war. Seine ›Arbeitsweise‹ – woraus 
bestand sie eigentlich? Wollte er die Schauspieler 
zum Wahnsinn treiben? Murray überlegte sich erst-
mals, ob er versuchen sollte, mit Schauspielern Ver-
bindung aufzunehmen, die in Trois Fois à la Fois mit-
gespielt hatten. 

Und trotzdem ... einige Mitglieder des Ensembles 

hatten allzu willig reagiert, als Delgado mit der Peit-
sche knallte. Murray dachte an Constant; er hatte sich 
später bei ihm entschuldigt – aber erst nachdem er 

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Gerry in Lebensgefahr gesehen hatte. Selbst Adrian, 
der doch viel Bühnenerfahrung besaß, hatte nicht 
protestiert. Nur Ida war dazu bereit gewesen – und 
Heather, aber ihre Meinung war unwichtig. 

Murray drückte seine Zigarette wütend aus und 

ging an sein Bett. Er hatte das Drahtgewebe jeden 
Abend automatisch entfernt, um es am nächsten Tag 
wieder an Ort und Stelle zu finden. Auch heute ent-
deckte er es auf seiner Matratze, aber diesmal gab er 
sich nicht damit zufrieden, den Draht abzureißen. 
Statt dessen öffnete er die Klappe, nahm die Spulen 
vom Tonbandgerät und warf sie nacheinander aus 
dem Fenster. 

Dann atmete er erleichtert auf. Diese Geste war 

ziemlich kindisch, aber sie beruhigte ihn. Er zündete 
sich eine neue Zigarette an und überlegte. 

Wenn er nicht vor morgen früh herausbrachte, was 

Delgado eigentlich beabsichtigte, war der Teufel los. 
Die Ressentiments der anderen würden sich dann mit 
aller Gewalt über ihm entladen. Wahrscheinlich war 
ihre weitere Arbeit dadurch ernsthaft gefährdet. Aber 
Murray hatte den Verdacht, daß Delgado sich nicht 
sonderlich viel daraus machen würde. 

Was wollte er also überhaupt? Murray spielte mit 

dem Gedanken, daß Delgado gar keinen Wert darauf 
legte, das geplante Stück zu Ende zu bringen. Viel-
leicht hatte er Ähnlichkeit mit den Gestalten in Con-

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stants Büchern und fand sein Vergnügen daran, an-
dere zu quälen? Da sein argentinischer Geldgeber 
ihm offenbar fast unbegrenzte Mittel zur Verfügung 
stellte, kam es ihm bestimmt nicht darauf an, Tau-
sende von Pfund zu vergeuden. 

Nein, diese Idee war zu absurd. Delgado hatte ei-

nen Film gedreht, der die Anerkennung aller Kritiker 
gefunden hatte. Das in Paris aufgeführte Theater-
stück mit Garrigue in der Hauptrolle war ein großer 
Erfolg gewesen ... 

An dieser Stelle fiel Murray wieder ein, was Roger 

Grady gesagt hatte: »Weil Garrigue Selbstmord be-
gangen hat. Weil Léa Martinez in eine Nervenheilan-
stalt gebracht werden mußte. Weil Claudette Myrin 
ihre kleine Tochter zu ermorden versuchte.« 

Würde Roger nächstes oder übernächstes Jahr zu 

einem anderen sagen: »Weil Murray Douglas wieder 
zu trinken begonnen hat. Weil Gerry Hoarding eine 
Überdosis Heroin genommen hat. Weil ...?« 

Nein. 
Murray fühlte, daß ihm der Schweiß ausbrach. Sei-

ne Hände zitterten. Er konzentrierte sich wieder auf 
unmittelbare Probleme. Irgend etwas war an der gan-
zen Sache faul. Es gab keinen vernünftigen Grund, 
weshalb Delgado plötzlich mit ihren bisherigen Lei-
stungen unzufrieden sein sollte; er hatte sich offenbar 
nur über Murray geärgert und wollte sich auf diese 

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Weise an ihm rächen. Aber Murray hatte ihm erst 
einmal Anlaß dazu gegeben, als er nach den Ton-
bandgeräten fragte. 

Murray wollte diese Angelegenheit weiter untersu-

chen. Er hatte keine Ahnung, was davon zu erwarten 
war, aber er mußte schließlich irgend etwas tun und 
sah keine andere Möglichkeit. 

Wo sollte er also beginnen? Er zündete sich eine 

Zigarette an und betrachtete nachdenklich die Wand 
hinter dem Fernsehgerät, die sein Zimmer von 
Nummer Dreizehn trennte. Das Kabel war jetzt gesi-
chert – er hatte bereits daran gezogen –, so daß er 
keinen Schaden mehr damit anrichten konnte. Und 
die Tür war immer abgeschlossen. Davon hatte er 
sich ebenfalls überzeugt. 

Aber dann fiel ihm etwas ein ... 
Murray ging ans Fenster, öffnete es und sah hin-

aus. Ja, er hatte offenbar recht. Wenn Gerrys Zimmer 
mitten über dem Theater lag, mußte Zimmer Drei-
zehn sich genau über der Bühne befinden. Er überleg-
te, ob er von hier aus zum Fenster des Nebenzimmers 
gelangen könnte, mußte diese Absicht jedoch wieder 
aufgeben, weil er keine Übung als Fassadenkletterer 
hatte. Außerdem war das Fenster bestimmt fest ver-
schlossen. 

Er ging nach unten. 
 

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Murray betrat die Bühne, nachdem er das Licht im 
Zuschauerraum eingeschaltet hatte. Er sah nach oben, 
ohne recht zu wissen, wonach er eigentlich suchte. 
Der Raum über der Bühne war dunkel, und Murray 
mußte sich anstrengen, um überhaupt etwas zu er-
kennen. Aber dann fiel ihm etwas auf. 

Über der Bühne schien eine Art Metallgitter zu 

hängen. 

Er sah sich um. Im Hintergrund standen der Tisch 

und die Stühle, die Gerry hereingeschleppt hatte. 
Wenn er einen Stuhl auf den Tisch stellte, mußte er 
das Gitter mit ausgestreckten Händen erreichen kön-
nen. 

Murray kletterte auf den Tisch. Nun befand sich 

das Metallgitter dicht über ihm. Er berührte es nicht, 
sondern holte sein Feuerzeug aus der Tasche und be-
leuchtete damit die Kupferstäbe des Gitters, dessen 
Muster ihn an das Drahtgeflecht auf seiner Matratze 
erinnerte. Dieses Gitter schien sich über den gesam-
ten Bühnenraum zu erstrecken, soviel im Halbdunkel 
zu erkennen war ... 

»Was finden Sie so interessant, Murray?« 
Murray fuhr zusammen, wäre fast von seinem 

Stuhl gefallen und hielt sich im letzten Augenblick 
am Gitter fest. Unter ihm stand Delgado an der Ram-
pe. Sein blasses Gesicht trug einen wütenden Aus-
druck, aber die Stimme klang beherrscht. 

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Murray holte tief Luft. Dann antwortete er: »Wenn 

Sie es nicht wissen, Delgado, weiß es hier bestimmt 
niemand!« 

Delgado trat einen halben Schritt zurück, als habe 

ihn ein Schlag getroffen. »Kommen Sie sofort herun-
ter, Murray!« befahl er scharf. »Sie haben schon ge-
nügend Schaden mit Ihrer verdammten Neugier an-
gerichtet!« 

Murray zog die Augenbrauen hoch. Er fühlte sich 

sicher, weil er gesehen hatte, wie Delgado er-
schrocken war. »Okay, wir schließen einen Kompro-
miß«, schlug er vor. »Sie erzählen mir, welchen 
Zweck diese Anlage hat, und ich schnüffle nicht wei-
ter herum. Aber diesmal möchte ich die Wahrheit hö-
ren.« 

Delgado antwortete nicht gleich; er kam auf die 

Bühne und legte eine Hand auf den Tisch, auf dem 
Murrays Stuhl stand. »Kommen Sie jetzt herunter 
oder muß ich Sie herunterholen? Glauben Sie ja nicht, 
daß ich das nicht könnte!« 

Murray erinnerte sich daran, daß Delgado ohne 

sichtliche Anstrengung Hunderte von Blättern mit ei-
nem Ruck zerrissen hatte; wenn er dazu imstande 
war, konnte er auch den Tisch umstürzen. Murray 
blieb keine andere Wahl: er mußte sich ergeben. 

Delgado trat zurück und beobachtete Murray, der 

jetzt vom Tisch sprang. 

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»Ich habe die Sache mit Ihnen allmählich satt, Mur-

ray«, stellte er fest. »Sie bemühen sich anscheinend, 
möglichst unangenehm aufzufallen, anstatt anzuer-
kennen, daß Sie hier bequem untergebracht sind, 
hervorragend bezahlt werden und noch dazu Gele-
genheit haben, an einem völlig neuartigen Projekt 
mitzuarbeiten, das ...« 

»Haben Sie diese Rede selbst aufgesetzt?« unter-

brach Murray ihn. »Oder war das auch eine Kollek-
tivimprovisation?« 

Delgado zuckte leicht zusammen, und Murray lä-

chelte zufrieden, als er sah, welche unbeabsichtigte 
Wirkung seine Frage gehabt hatte. 

»Was hatten Sie hier vor, Murray?« wollte Delgado 

wissen. »Warum zerstören Sie Sachen, die nicht Ihnen 
gehören? Warum machen Sie mir absichtlich Schwie-
rigkeiten?« 

»Weil Sie ein ungeschickter Lügner und ein noch 

schlechterer Schauspieler sind, Delgado«, antwortete 
Murray. »Ich glaube nicht, daß Ihnen wirklich etwas 
an unserem Stück liegt. Sie haben Sam Blizzard of-
fenbar davon überzeugt, daß Sie ein Genie sind, und 
Sie sind bestimmt talentiert genug, um selbst ein gu-
tes Stück zu schreiben. Aber Sie können sich darauf 
verlassen, daß Sie mich weder mit Drohungen noch 
durch Bestechung dazu bringen, daß ich mich Ihren 
Anordnungen bedingungslos unterwerfe, ohne neu-

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gierige Fragen zu stellen! Sie können Gerry sein He-
roin und Constant seine schmutzigen Bücher geben – 
vielleicht bilden diese beiden sich ein, Sie täten ihnen 
einen Gefallen, und sind Ihnen dafür dankbar. Aber 
ich lasse mich nicht von Ihnen hereinlegen! Solange 
Sie Ihre Tricks mit mir versuchen, ohne mir die 
Wahrheit zu sagen, muß ich selbst sehen, wie ich ihr 
auf die Spur komme. Ist das klar?« 

Delgado hatte aufmerksam zugehört. Dabei war 

sein Selbstbewußtsein offenbar wieder gestiegen, 
denn er lachte kurz, und Murray lief ein kalter 
Schauer über den Rücken. 

»Sie sind sich Ihrer Sache nicht sehr sicher, was?« 

fragte er lächelnd. »Sie müssen so laut reden, um sich 
selbst Mut zu machen. Sie haben einfach Angst, daß 
hier etwas vorgehen könnte, das Sie nicht verstehen. 
Sie haben das Gefühl, irgendeinen wichtigen Hinweis 
versäumt zu haben und dieser Gedanke erschreckt 
Sie. Deshalb zerstören Sie etwas. Sie können es sich 
nicht leisten, einfach nach London zurückzufahren, 
aber indem Sie etwas zerstören, beweisen Sie sich 
selbst, daß Sie eigentlich doch stark sind. Und Sie 
versuchen mir die Schuld in die Schuhe zu schieben, 
weil Sie sich Ihr Versagen nicht eingestehen wollen.« 

»Immer die gleichen Methoden«, stellte Murray 

verächtlich fest. »Sie weichen meinen Fragen aus, Sie 
beleidigen mich und hoffen, daß ich mich von einem 

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Temperamentsausbruch ablenken lasse. Aber darauf 
falle ich nicht mehr herein. Sie haben irgend etwas 
vor und benützen das Theaterstück nur als Vorwand. 
Solange Sie diese Tatsache leugnen, werde ich sie zu 
beweisen versuchen.« 

»Sie sind hartnäckig«, sagte Delgado, »aber ich 

weiß, was ich tue, und Sie wissen es nicht. Ich brau-
che mich nicht zu fragen, wer von uns beiden in die-
sem Wettstreit unterliegen wird. Gut, wie Sie wollen. 
Sie werden einiges auszustehen haben, wenn Ihre 
Kollegen merken, daß Sie absichtlich ihre Arbeit be-
hindern. Ich kann es mir jedoch leisten, Sie und alle 
anderen fortzuschicken.« 

Er lächelte kurz. »Und Sie können sich nichts lei-

sten. Ich bin Ihre letzte Hoffnung, Murray.« 

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14 

 
 

Mein ... mein Kopf? O Gott, mein Kopf! 

Murray befreite sich mühsam aus den Klauen eines 

Alptraums. Er hatte wütende Kopfschmerzen, die 
seinen Schädel zu sprengen drohten. Ihm war fast 
schlecht, und sein Hals tat weh, als er zu schlucken 
versuchte. Die ganze Mundhöhle fühlte sich pelzig 
an. 

Murray kombinierte diese Wahrnehmungen zu ei-

ner bestimmten Vorstellung und schrak auf. Ein Blick 
zeigte ihm, daß es noch früh sein mußte; durchs Fen-
ster drang graues Tageslicht in sein Zimmer. Er lag in 
einem zerwühlten Bett. Es roch nach kaltem Zigaret-
tenrauch, und Murray weigerte sich zunächst, den 
anderen Geruch zu erkennen, der fast noch stärker 
war. 

Er drehte sich um; nun ließ es sich nicht länger 

leugnen. 

Auf dem Nachttisch stand nicht nur ein übervoller 

Aschenbecher. Daneben lag ein umgefallenes Glas, 
das längst auf dem Fußboden zersplittert wäre, wenn 
es nicht von einer Zigarettenpackung aufgehalten 
worden wäre. Der Inhalt des Glases war aufs Bett 
und den Boden getropft. Murray brauchte nicht erst 
an der Flüssigkeit zu riechen, um zu wissen, daß es 

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Gin war; er sah die leere Flasche vor seinem Bett lie-
gen. 

Aber das ist nicht wahr. Gott, laß es nicht wahr sein! 
Murray richtete sich auf und sah eine zweite Fla-

sche unter dem Waschbecken stehen. Er setzte die 
Füße auf den Bettvorleger und schlug beide Hände 
vors Gesicht. 

Gestern abend ... was war gestern abend gesche-

hen? Er konnte sich nicht daran erinnern. Er stand 
auf, ging ans Waschbecken und hielt den Kopf unter 
das kalte Wasser. Als er etwas davon getrunken hat-
te, konnte er wieder klarer denken. 

»So«, sagte er laut, »ich glaube es nicht.« 
Das Ganze erinnerte ihn zu sehr an eine Bühnen-

dekoration. Gerry Hoarding hätte diesen Auftrag 
übernehmen können: Vermitteln Sie den Eindruck, 
der Bewohner dieses Raums sei ein Alkoholiker. Alles 
war geradezu bühnenwirksam aufgebaut. 

Hatte

 

Delgado

 

ihn

 

diesen

 

bösen

 

Streich

 

spielen

 

las-

sen?

 

Murray

 

war

 

davon

 

überzeugt,

 

auch

 

am

 

vergange-

nen

 

Abend

 

keinen

 

Tropfen

 

Alkohol

 

angerührt

 

zu

 

ha-

ben.

 

Er

 

klammerte

 

sich

 

an

 

diese

 

Überzeugung,

 

obwohl

 

sein

 

Gedächtnis

 

ihn

 

im

 

Stich

 

ließ.

 

Nichts

 

hätte

 

ihn

 

wie-

der

 

dazu

 

bringen

 

können

 

 

weder

 

Delgados

 

Vorwürfe

 

noch die Ressentiments seiner Kollegen. Nichts. 

Murray wußte jetzt, daß irgend jemand aus irgend-

einem Grund versucht hatte, diesen falschen Ein-

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druck in ihm zu erwecken. Eigenartigerweise war un-
terdessen nichts mehr von den Kopfschmerzen und 
der Übelkeit zu spüren, unter denen er zuvor gelitten 
hatte. Eine Illusion? Lächerlich, aber ... 

Er atmete erleichtert auf, als er merkte, daß selbst 

der schlechte Geschmack im Mund verschwunden 
war. Damit schied eine Möglichkeit aus, die er ge-
fürchtet hatte – daß jemand ihm den Alkohol intrave-
nös beigebracht haben könnte. 

Ein Traum? Nein, er konnte alles geträumt haben, 

nur die Ginflaschen und das Glas nicht. Dann fiel ihm 
etwas anderes ein; er hob seine Matratze hoch und 
stellte verblüfft fest, daß die Tonbandspulen, die er 
am Vorabend aus dem Fenster geworfen hatte, wie-
der an ihrem Platz waren. Auch das Drahtgewebe 
war intakt, und die Verbindung zwischen Matratze 
und Tonbandgerät bestand wieder. 

Murray sah auf seine Uhr. Noch nicht sieben. Er 

überlegte angestrengt. Ein Arzt, der eine Blutuntersu-
chung vornehmen konnte. Ja, das war die einzige Lö-
sung. Und wenn er dann sicher wußte, daß sein Kör-
per keinen Alkohol enthielt, konnte er ... 

Murray zog sich in fliegender Eile an und verließ 

sein Zimmer. Im gleichen Augenblick kam Valentine 
aus Zimmer Dreizehn; er schloß die Tür jedoch so 
rasch, daß Murray keine Gelegenheit hatte, einen 
Blick in das geheimnisvolle Zimmer zu werfen. 

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»Guten Morgen, Mister Douglas«, sagte Valentine. 
Murray murmelte einen Fluch und hastete weiter. 
»Mister Douglas!« rief Valentine ihm nach. »Woll-

ten Sie ausgehen?« 

»Was kümmert Sie das?« fragte Murray. 
»Ich möchte Ihnen nur mitteilen, daß das Tor um 

diese Zeit noch geschlossen ist, Sir.« 

Murray blieb stehen und drehte sich um. Er starrte 

Valentine an. »Dann öffnen Sie es gefälligst!« verlang-
te er. 

»Ich habe meine Anweisungen von Mister Bliz-

zard, Sir. Das Tor soll bis acht Uhr geschlossen blei-
ben. Und jetzt ist es noch nicht einmal sieben, nicht 
wahr?« 

»Sind wir hier im Gefängnis?« 
Valentine zuckte mit den Schultern. »Mister Bliz-

zard besteht darauf, Sir. Ich habe nicht nach seinen 
Gründen gefragt.« 

»Schön, das wird sich gleich herausstellen. In wel-

chem Zimmer schläft er?« 

»Ich glaube nicht, daß er gestört werden möchte, 

Sir. Er steht meistens erst spät auf ...« 

Murray holte tief Luft. »Blizzard!« brüllte er. »Bliz-

zard, wo stecken Sie?« Er hämmerte mit beiden Fäu-
sten an die nächste Tür. »Blizzard! Kommen Sie her-
aus!« 

»Scheren Sie sich zum Teufel!« antwortete Rett 

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Lathams Stimme Murray ging von einer Tür zur an-
deren und rief weiter nach Blizzard. Einer der Diener 
erschien und wollte wie Valentine protestieren. 

»Bleiben Sie mir vom Hals«, forderte Murray ihn 

auf, »sonst werfe ich Sie die Treppe hinunter, ver-
standen? Blizzard!« 

Eine der Türen wurde geöffnet. Sam Blizzard er-

schien im Schlafanzug auf der Schwelle. Er rieb sich 
verschlafen die Augen und gähnte. 

»Murray! Was soll das Geschrei?« 
»Sind wir hier im Gefängnis?« fragte Murray laut. 

»Sind Valentine und seine schwarzen Krähen unsere 
Gefängniswärter? Dieser Halunke versucht mir zu 
erzählen, er dürfe mir das Haupttor nicht aufschlie-
ßen!« 

»Was hat das mit mir zu tun?« erkundigte Blizzard 

sich aufgebracht. »Warum schreien Sie dann nach 
mir?« 

»Haben Sie Valentine also nicht befohlen, das Tor 

erst um acht Uhr zu öffnen?« Murray ballte die Fäu-
ste. 

»Großer Gott, natürlich nicht! Meinetwegen kann 

es immer offen sein. Was wollen Sie überhaupt jetzt 
schon außerhalb?« 

Murray ignorierte Blizzards Frage. Er wandte sich 

an Valentine. »Was haben Sie dazu zu sagen?« er-
kundigte er sich. 

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Valentine zuckte nicht einmal mit der Wimper. 

»Tut mir leid, Mister Blizzard«, sagte er. »Ich hätte 
nicht gedacht, daß Mister Douglas Sie wecken würde. 
Da er sich so eigenartig benahm, hielt ich es für bes-
ser, ihn auf diese Weise davon abzuhalten, das Haus 
zu verlassen. Er fährt einen schnellen Wagen, und in 
dieser nervösen Verfassung ...« 

Die nächste Tür in Richtung Treppe wurde geöff-

net, und Delgado erschien in einem dunkelroten 
Schlafrock. Seine Haare waren gekämmt, und er 
wirkte keineswegs verschlafen. 

Valentine sprach nicht weiter. 
»Was soll die ganze Aufregung?« erkundigte Del-

gado sich gelassen. 

»Oh ... guten Morgen, Manuel.« Blizzard rieb sich 

das Kinn. »Ich bin noch nicht schlau daraus gewor-
den. Murray will fort, und Valentine hat ihm vorge-
schwindelt, er dürfe das Tor erst um acht Uhr öffnen. 
Angeblich soll ich den entsprechenden Befehl erteilt 
haben – aber ich weiß nichts davon.« 

Enttäuschung? Angst? Besorgnis? Irgend etwas 

zeigte sich flüchtig auf dem blassen Gesicht. Aber die 
Stimme blieb unverändert ruhig. 

»Valentine hat sich offenbar geirrt. Ich habe vorge-

schlagen, das Tor nachts zu schließen. Das Haus ent-
hält genügend Dinge, die Einbrecher anlocken könn-
ten – zum Beispiel die Alkoholvorräte der Bar.« 

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»Tut mir leid, Mister Delgado.« Valentine sah 

schuldbewußt zu Boden. »Ich hatte vergessen, daß 
Sie mir diese Anweisung gegeben haben.« 

»Schön, dann befehlen Sie ihm jetzt, daß er mich 

hinauslassen soll!« warf Murray ein. 

Delgado

 

warf

 

ihm

 

einen

 

prüfenden

 

Blick

 

zu.

 

»Sie

 

scheinen

 

erregt

 

zu

 

sein,

 

Murray«,

 

stellte

 

er

 

fest.

 

»Was

 

treibt

 

Sie

 

zu

 

dieser

 

unchristlichen

 

Zeit

 

aus

 

dem

 

Haus?« 

»Ich will ... Sam, merken Sie sich das, weil es später 

bestimmt wichtig ist ... ich will zu einem Arzt. Sie 
kennen den Grund dafür, Delgado.« 

»Ich kann mir keinen vorstellen«, murmelte Delga-

do, aber diesmal war sein Unbehagen noch deutlicher 
wahrnehmbar. 

»Verdammt noch mal, Murray!« Blizzard trat einen 

Schritt vor. »Warum haben Sie nicht gleich gesagt, 
daß Sie krank sind? Wir haben mit einem Arzt ver-
einbart, daß er sich notfalls um uns kümmert. Er kann 
in einer halben Stunde hier sein.« 

»Ein Arzt, den Delgado vorgeschlagen hat?« fragte 

Murray und schüttelte den Kopf. »Nein, vielen Dank. 
Ich fahre jetzt weg und suche mir irgendwo einen 
Arzt. Und ich bin keineswegs krank, Sam. Delgado 
kann Ihnen erzählen, weshalb ich einen Arzt brauche. 
Wird das Tor geöffnet oder nicht?« 

»Sam, ich finde, daß Murray in diesem Zustand 

nicht ...«, begann Delgado leise. 

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»Auch recht!« Murray drehte sich wütend um. 

»Dann fahre ich eben mit dem Auto dagegen! Mein 
Daimler hält einiges aus ...« 

»Valentine!« knurrte Blizzard. »Machen Sie ihm 

das verdammte Tor auf. Ich will nichts mehr von die-
sem Unsinn hören. Wer hinaus will, darf jederzeit 
hinaus, verstanden? Und das ist mein Ernst, Manuel. 
Sie machen uns die Arbeit schon schwer genug, los, 
beeilen Sie sich, Valentine! Bleiben Sie nicht länger als 
unbedingt nötig fort, Murray. Wir haben keinen 
leichten Tag vor uns.« 

Er sah noch einmal zu Delgado hinüber und ver-

schwand in seinem Zimmer. 

Delgado runzelte die Stirn. Murray rechnete schon 

damit, daß der andere ihn aufzuhalten versuchen 
würde. Aber Delgado zuckte nur mit den Schultern 
und wandte sich ab. 

Murray ging hinter Valentine her die Treppe hin-

unter. 

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15 

 
 

Valentine blieb wie eine Statue am offenen Tor stehen 
und sah Murray nach, der nach rechts abbog und 
rasch davonfuhr. Murray mußte einige Meilen weit 
fahren, bevor er das nächste Dorf erreichte, das nur 
aus etwa zwanzig Häusern, einer Kirche, dem Pub 
und zwei Läden bestand. Im Vorgarten eines der 
Häuser arbeitete eine Frau. Murray trat auf die Brem-
se. 

»Entschuldigen Sie, aber können Sie mir sagen, ob 

es hier einen Arzt gibt?« rief er. 

»Ein Arzt!« wiederholte die Frau. »Ja, natürlich! 

Vier Häuser weiter auf der rechten Straßenseite.« 

Murray bedankte sich und fuhr wieder an. Inzwi-

schen hatte es zu nieseln begonnen, und das Nieseln 
hatte sich in einen Landregen verwandelt, bevor er 
das angegebene Haus erreichte. Murray achtete nicht 
darauf, sondern sprang aus dem Wagen und lief zur 
Haustür. 

Eine blasse ältere Frau öffnete auf sein Klingeln. 
»Ich muß den Doktor sprechen«, sagte Murray. »Es 

ist sehr dringend.« 

Die Frau runzelte die Stirn. »Oh! Doktor Cromarty 

frühstückt noch. Die Sprechstunde beginnt erst um 
...« 

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»Das ist mir gleich! Ich muß ihn sofort sprechen«, 

drängte Murray. 

»Handelt es sich um einen Unfall?« 
»Nein. Bitte! Ich kann es Ihnen nicht erklären. Ich 

brauche nur einen Arzt. Und ich bezahle jedes Hono-
rar.« 

»Oh ... nun, kommen Sie lieber herein, Mister ... 

Mister ...?« 

»Douglas.« 
Die Haushälterin starrte ihn an. »Sind Sie etwa 

Murray Douglas?« 

»Richtig«, bestätigte er. 
»Kommen Sie herein, Mister Douglas! Das Warte-

zimmer ist dort drüben. Ich sage Doktor Cromarty 
gleich, daß Sie warten.« 

Sie

 

eilte

 

davon.

 

Murray

 

ging

 

nicht

 

ins

 

Wartezimmer,

 

sondern

 

blieb

 

im

 

Flur

 

stehen.

 

Er

 

überlegte,

 

welchen

 

plausiblen

 

Grund

 

er

 

dem

 

Arzt

 

angeben

 

sollte,

 

aber

 

be-

vor

 

er

 

zu

 

einem

 

Schluß

 

gekommen

 

war,

 

erschien

 

be-

reits

 

ein

 

grauhaariger

 

Mann

 

vor

 

ihm,

 

der

 

sich

 

rasch

 

seine Brille aufsetzte, um ihn prüfend zu betrachten. 

»Mister Douglas!« sagte der Arzt. »Ah, ganz recht, 

jetzt erkenne ich Sie. Ich dachte schon, meine Haus-
hälterin habe nicht richtig gesehen. Hmm! Kommen 
Sie mit in die Praxis und erzählen Sie mir, was ich für 
Sie tun kann.« 

Murray folgte ihm. Dr. Cromarty nahm Platz und 

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bot ihm mit einer Handbewegung einen Stuhl an. 
»Nun, worum handelt es sich?« fragte er. 

»Doktor Cromarty, können Sie feststellen, ob mein 

Blut Alkohol enthält?« begann Murray vorsichtig. 

»Hmm, Sie sind zufällig an die richtige Adresse 

gekommen – obwohl das natürlich um diese Tages-
zeit ein etwas seltsamer Wunsch ist.« Cromarty warf 
ihm einen forschenden Blick zu. »Ich nehme derartige 
Untersuchungen meistens im Auftrag der Polizei vor, 
wenn Verdacht auf Trunkenheit am Steuer besteht.« 
Sein Gesichtsausdruck veränderte sich. »Sie haben 
doch nicht etwa einen Unfall gehabt, Mister Douglas? 
Dann müßte ich ...« 

»Nein, nein, keineswegs«, beteuerte Murray. »Die 

Sache ist einfach zu erklären, aber ich will es versu-
chen. Ich probe mit dem Ensemble eines neuen Thea-
terstücks im Fieldfare House ...« 

»Ah! Wirklich schade, daß der Klub schließen muß-

te. Entschuldigen Sie! Weiter, bitte.« Dr. Cromarty 
lehnte sich zurück. 

Murray zögerte kurz. Eine halbe Lüge war hier be-

stimmt besser als eine ganze. »Dieser Job bedeutet 
mir viel, weil ich einige Zeit arbeitslos war«, fuhr er 
dann fort. »Ich war in einer Trinkerheilanstalt.« 

Cromarty zog die Augenbrauen hoch. 
»Falls der Verdacht aufkommt, ich hätte wieder zu 

trinken begonnen, verliere ich meine Rolle. Nun gibt 

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es in unserem Ensemble jemand, der sie mir ohnehin 
nicht gönnt, und er hat mir einen bösen Streich ge-
spielt. Ich bin heute morgen mit einer Ginflasche im 
Bett aufgewacht, und in meinem Zimmer stinkt es 
nach Fusel. Deshalb muß ich irgendwie beweisen, 
daß ich trotzdem nicht getrunken habe.« 

Cromarty schwieg nachdenklich. »Haben Sie das 

wirklich nicht?« fragte er dann. 

»Nein!« antwortete Murray leidenschaftlich. 
»Hmmm.« Cromarty schüttelte zweifelnd den 

Kopf. »Wir können es ja versuchen, Mister Douglas. 
Aber Sie wissen natürlich, daß der Alkoholgehalt des 
Bluts seinen höchsten Stand etwa eine Stunde nach 
dem letzten Drink erreicht, und daß der Körper man-
cher Menschen den Alkohol verhältnismäßig schnell 
abbaut. Ein negativer Befund um diese Tageszeit 
braucht nicht allzuviel zu bedeuten.« 

»Ich bin seitdem noch nicht auf der Toilette gewe-

sen«, sagte Murray. 

Cromarty schüttelte nochmals den Kopf und erhob 

sich. »Nun, ich nehme die Untersuchung vor, Mister 
Douglas – aber ich kann nichts versprechen.« 

 

»Negativ, Mister Douglas.« 

Murray hatte das Gefühl, unendlich lange gewartet 

zu haben. Als der Arzt aus seinem Labor zurückkam 
und ihm das Untersuchungsergebnis mitteilte, schrak 

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er so zusammen, daß ihm die Zigarette aus der Hand 
fiel. Er bückte sich und hob sie wieder auf. 

»Gott sei Dank«, flüsterte er. 
»Das Ergebnis ist natürlich nicht hundertprozen-

tig«, fügte Dr. Cromarty hinzu und nahm an seinem 
Schreibtisch Platz. »Ich nehme an, daß Sie ein Attest 
für den Produzenten haben wollen?« 

»Ja, bitte.« 
»Gut.« Dr. Cromarty schraubte seinen Füllfederhal-

ter auf. »Ich schreibe am besten, daß Sie um halb acht 
zu mir gekommen sind, daß ich auf Ihren Wunsch ei-
ne Alkoholuntersuchung vorgenommen habe, und 
daß das Untersuchungsergebnis negativ war.« 

Er schrieb rasch, steckte das Attest in einen Um-

schlag und gab es Murray, der es in seine Brieftasche 
legte. 

»Was bin ich ...?« begann er, aber Dr. Cromarty hob 

abwehrend die Hand. 

»Ich habe immer Mitleid mit Menschen in Ihrer 

Lage, Mister Douglas. Einer meiner besten Freunde 
war Alkoholiker, und er hat sich nicht wie Sie davon 
freimachen können. Die Untersuchung war kosten-
los.« 

Murray bedankte sich und eilte hinaus. 
 

Die anderen saßen noch beim Frühstück, als er zu-
rückkam. Murray stellte fest, daß im Speisesaal eine 

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gespannte Atmosphäre herrschte. Blizzard und Del-
gado saßen oben am Tisch und stritten sich halblaut; 
Ida und Heather, die ihnen am nächsten saßen, 
schwiegen und horchten offenbar angestrengt; Adri-
an Gardner, Rett Latham und Al Wilkinson saßen mit 
mürrischen Gesichtern am anderen Ende. Als Murray 
den Speisesaal betrat, drehten sich alle nach ihm um – 
selbst Delgado. 

Er hielt Dr. Cromartys Attest in der Hand und legte 

es vor Sam Blizzard auf den Tisch. 

»Okay«, sagte er laut, »das ist mein Beweis.« 
Blizzard las das Attest. Murray sah inzwischen zu 

Delgado hinüber. Der Autor lächelte spöttisch, und 
Murrays Selbstvertrauen verflog. Er wußte plötzlich, 
was geschehen sein mußte. 

»Das ist alles gut und schön«, stellte Blizzard fest, 

»aber haben Sie deswegen den Krach geschlagen, 
Murray?« 

Murray sah zu Valentine hinüber, der unbeweglich 

am Büfett stand. Dann holte er tief Luft und sagte 
langsam: »Heute morgen habe ich eine leere Ginfla-
sche, ein umgefallenes Glas und eine volle Flasche in 
meinem Zimmer gefunden. Das war ein gemeiner 
Trick, und ich möchte wissen, wer dafür verantwort-
lich ist.« 

Blizzard runzelte die Stirn. »Aha!« rief er aus. »Sie 

wußten nicht, ob es sich wirklich um einen Trick 

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handelte, und haben sich deshalb untersuchen las-
sen?« Er deutete auf das Attest. »Ich bin ganz Ihrer 
Meinung – das war ein gemeiner Trick.« 

Aber Murray beobachtete ihn nicht. Er behielt Del-

gado im Auge. Trotzdem merkte er nicht, daß der 
Autor dem Butler ein Zeichen gab. Vielleicht hatten 
die beiden sich irgendwie anders verabredet. Jeden-
falls trat Valentine vor und sagte: 

»Entschuldigen Sie, Mister Blizzard, aber ich glau-

be eher, daß Mister Douglas einen sehr lebhaften Alp-
traum gehabt hat. Ich habe sein Zimmer selbst aufge-
räumt und nichts Derartiges gefunden.« 

Delgado gestattete sich ein leichtes Lächeln, das of-

fenbar nur für Murray bestimmt war. Bevor Murray 
jedoch widersprechen konnte, erklang eine andere 
Stimme hinter ihm. 

»Das ist eine verdammte Lüge!« 
Die Anwesenden drehten sich um. Gerry Hoarding 

war unbemerkt hereingekommen. 

»Ich habe alles gehört«, stellte Gerry fest, »und ich 

weiß, daß Valentine lügt. Ich bin heute morgen in 
Murrays Zimmer gewesen, um mich bei ihm zu ... 
nun, das ist jetzt unwichtig. Ich wollte jedenfalls zu 
ihm, habe aber keine Antwort auf mein Klopfen be-
kommen, obwohl im Zimmer etwas zu hören war. 
Deshalb habe ich den Korridor von meinem Zimmer 
aus beobachtet und Valentine mit einigen Ginfla-

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schen unter dem Arm aus der Tür kommen sehen. 
Das weiß ich ganz bestimmt!« 

Murray atmete erleichtert auf. 
»Valentine?« fragte Blizzard scharf. 
Der Butler war sehr blaß geworden. »Ich muß mich 

entschuldigen, Sir. Ich bin mir darüber im klaren, daß 
Mister Douglas unter einer unglücklichen Veranla-
gung leidet – das hat er mir am Tag seiner Ankunft 
selbst erzählt. Ich kann nur sagen, daß ich besonders 
diskret sein wollte.« 

»Sam, ich glaube, daß wir uns privat unterhalten 

müssen«, meinte Delgado und schob seinen Stuhl zu-
rück. 

»Bleiben Sie sitzen!« brüllte Murray ihn an. »Wir 

diskutieren hier in aller Öffentlichkeit. Sam, hören Sie 
zu? Ich behaupte, daß Delgado die Flaschen in mei-
nem Zimmer verteilt hat – entweder selbst oder mit 
Valentines Hilfe. Als ich zu einem Arzt gefahren bin, 
wollte er zurückweichen und hat trotzdem gehofft, 
ich würde mich zum Narren machen und den Ein-
druck erwecken, ich litte an Säuferwahn. Das wäre 
ihm auch geglückt, wenn Gerry mich nicht hätte be-
suchen wollen. Habe ich recht?« 

Murray

 

glaubte

 

zunächst,

 

Blizzard

 

werde

 

sich

 

von

 

seinen

 

Argumenten

 

überzeugen

 

lassen.

 

Aber

 

der

 

Pro-

duzent

 

war

 

so

 

von

 

Delgados

 

Persönlichkeit

 

hypnoti-

siert,

 

daß

 

er

 

bei

 

seiner

 

ursprünglichen

 

Meinung

 

blieb. 

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»Douglas ist überdreht«, behauptete Delgado. 

»Dieser ungerechtfertigte Angriff überrascht mich 
keineswegs. Offenbar kann er mich nicht mehr aus-
stehen, seitdem ich gestern vorgeschlagen habe, einen 
neuen Anfang mit dem Stück zu machen. Vielleicht 
hat er Angst vor der Arbeit.« 

»Von Ihnen lasse ich mich nicht beleidigen!« knurr-

te Murray. »Jedenfalls steht fest, daß jemand den Gin 
in mein Zimmer geschmuggelt hat. Das Zeug ist nicht 
von selbst dort aufgetaucht.« 

»Nein, natürlich nicht. Aber ich nehme an, daß Sie 

uns diese kleine Komödie vorspielen, um Sam zu be-
eindrucken.« 

Diesmal widersprach selbst Blizzard. »Nein, Ma-

nuel, das kann ich nicht glauben. Aber ich will hier 
keine Hexenjagd veranstalten.« Er stand auf. »Kom-
men Sie, wir müssen unter vier Augen darüber spre-
chen. Murray, Sie bleiben hier und trinken eine Tasse 
Kaffee, um sich zu beruhigen.« 

»Aber ...« 
»Tun Sie, was ich sage. Ich verstehe Ihre Erregung, 

aber im Augenblick werde ich aus Ihren Behauptun-
gen nicht recht schlau. Keine Angst, ich komme der 
Sache noch auf den Grund, darauf können Sie sich 
verlassen!« 

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16 

 
 

»Das ist alles Unsinn, glaube ich.« Rett Latham mach-
te eine wegwerfende Handbewegung. »Meiner Über-
zeugung nach hat Murray sich gestern abend in sei-
nem Zimmer die Nase begossen. Und heute morgen 
hatte er plötzlich Gewissensbisse.« 

»Trottel!« sagte Ida scharf. »Kapieren Sie wirklich 

nicht, daß er deshalb zu einem Arzt gefahren ist? Sam 
Blizzard hat ein Attest in der Tasche, in dem bestätigt 
wird, daß Murray nichts getrunken haben kann.« 

»Aber was nützt die Untersuchung nach so langer 

Zeit?« warf Al Wilkinson ein. »Manche bauen den 
Alkohol schneller ab, und ein alter Säufer ist wahr-
scheinlich schneller als die meisten anderen.« 

»Ich glaube Murray«, stellte Heather fest. »Delgado 

versucht zu beweisen, daß Murray die Sache selbst 
inszeniert hat. Aber warum sollte er das tun?« 

»Diese Streiterei geht mir auf die Nerven«, behaup-

tete Constant mürrisch. »Warum sollte Delgado sich 
die Mühe machen, Murray diesen Streich zu spielen? 
Das ist eine viel bessere Frage.« 

»Und ich kann sie beantworten«, erklärte Murray 

ihm. 

»Okay, ich höre.« Constant verschränkte die Arme. 
»Gut, fangen wir an.« Murray holte tief Luft. »Sie 

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haben gestern selbst zugegeben, daß Sie nicht wirk-
lich glauben, Delgado habe die Probe meinetwegen 
abgebrochen, nicht wahr?« Als Constant zögernd 
nickte, fuhr Murray fort: »Er hat eine persönliche 
Aversion gegen mich, weil ich über die Apparate in 
unserem Zimmer gestolpert bin, deren Zweck er 
nicht erklären kann oder will. Ich habe zum Beispiel 
immer wieder die Drähte aus der Matratze gerissen, 
aber ...« Er machte eine Pause, weil er glaubte, Hea-
ther wolle etwas sagen, aber Adrian Gardner ergriff 
diese Gelegenheit, um auszurufen: 

»Doch nicht schon wieder die verdammten Ton-

bandgeräte! Das wird allmählich langweilig, Mur-
ray.« 

»Richtig«, stimmte Jess Aumen zu. Er hatte bisher 

am Flügel gesessen und ›stumm‹ geübt; nun stand er 
auf und näherte sich der Gruppe. 

»Es handelt sich nicht nur um die Tonbänder«, 

stellte Murray fest. »Auch die Fernsehapparate sind 
umgebaut worden, und in Zimmer Dreizehn stehen 
irgendwelche geheimnisvollen Geräte. Lester, wußten 
Sie, daß hier über der Bühne ein Netz aus Gitterstä-
ben angebracht ist? Sie können sich selbst davon 
überzeugen. Und die Bühne liegt unter Zimmer Drei-
zehn.« 

Der Beleuchter schüttelte den Kopf. »Sie haben ge-

hört, was ich davon halte, Murray. Lauter pseudo-

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wissenschaftliches Zeug. Die ganze Aufregung lohnt 
sich wirklich nicht.« 

»Delgado ist anderer Meinung«, erklärte Murray 

ihm. »Er ist gestern hier aufgetaucht, als ich mir das 
Gitter angesehen habe, und er hat ...« 

»Er hat Ihnen einige Grobheiten gesagt, auf die Sie 

jetzt auf diese Weise reagieren?« unterbrach Rett 
Latham ihn. »Murray, das ist alles nur Geschwätz. Sie 
haben bisher nichts bewiesen, und ich habe die Sache 
allmählich satt.« 

»Hört! Hört!« stimmte Ade zu und sah demonstra-

tiv auf seine Uhr. »Sam und Delgado sollten aufhö-
ren, Murrays Märchen zu diskutieren, damit wir end-
lich weitermachen können.« 

»Halt den Mund, Ade!« forderte Gerry Hoarding 

ihn auf. »Wie kommen Sie dazu, Murrays Erzählung 
als Märchen zu bezeichnen? Glauben Sie denn, daß 
ihm das Spaß gemacht hat?« 

»Warum Sie auf seiner Seite stehen, ist wohl klar, 

was?« Adrian lächelte spöttisch. 

»Womit hat Delgado Sie gekauft, Ade?« fragte Ger-

ry leise. Er ballte dabei die Fäuste, als wolle er sich 
auf den anderen stürzen. »Mit vielen hübschen Kna-
ben?« 

»Verdammt noch mal, haltet endlich die Klappe!« 

warf Jess Aumen wütend ein. »Wenn ihr so weiter-
macht, sind wir bald alle irrenhausreif!« 

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Murray sah ein, daß Jess recht hatte; er zuckte mit 

den Schultern, ging nach hinten und ließ sich in der 
vorletzten Reihe auf einen Platz fallen. Wenig später 
tauchte Gerry neben ihm auf. 

»Menschenskind, wie haben Sie es nur fertigge-

bracht, Ade nicht den Schädel einzuschlagen?« fragte 
der junge Bühnenbildner. 

»Das weiß ich auch nicht«, gab Murray zu. »Ich 

weiß es wirklich nicht. Vielleicht will ich Delgado nur 
nicht den Gefallen tun, mit den anderen Streit anzu-
fangen.« 

»Hmmm.« Gerry zündete sich eine Zigarette an. 

»Warum tut Delgado das alles? Um sein Stück reali-
stischer zu machen? Das ist doch verrückt!« 

»Wahrscheinlich ist er verrückt«, murmelte Mur-

ray. »Aber das sind wir alle, weil wir uns mit ihm ab-
geben.« 

Dann öffnete sich die Tür hinter ihnen. Delgado 

und Sam Blizzard marschierten auf die Bühne zu. Der 
Autor wirkte etwas angegriffen. 

»Sam hat wider Erwarten einen guten Kampf gelie-

fert«, flüsterte Murray Gerry zu. »Sehen Sie sich Del-
gado an!« 

Gerry nickte. »Glauben Sie, daß er ihn dazu ge-

bracht hat, einen Rückzieher zu machen?« 

»Nein, das bezweifle ich sehr«, antwortete Murray. 
 

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Aber Blizzard hatte es tatsächlich geschafft. 

Er brauchte sich nicht bemerkbar zu machen, als er 

auf die Bühne kletterte. Einige Sekunden lang 
herrschte tiefes Schweigen, während Delgado zu sei-
nem Stuhl im Hintergrund der Bühne ging. 

»Ich habe lange mit Manuel gesprochen«, begann 

Blizzard. »Sie wissen alle, was Murray heute morgen 
passiert ist – ja? Nun, ich kann nicht feststellen, wer 
ihm diesen gemeinen Streich gespielt hat, aber da es 
vermutlich einer der Anwesenden war, möchte ich 
eindringlich vor einer Wiederholung warnen. Sollte 
es dazu kommen, fliegt der Urheber auf der Stelle, 
und ich sorge dafür, daß seine Mitgliedschaft im 
Schauspielerverband ebenfalls endet. Dann bekommt 
er hierzulande nie wieder eine Rolle. Ist das klar?« 

Er sah sich um, nickte zufrieden und wandte sich 

an Murray. »Genügt Ihnen das, Murray?« 

»Das braucht den Urheber nicht zu kümmern«, 

stellte Murray fest. »Er ist kein Mitglied des Schau-
spielerverbands.« 

»Halten Sie doch endlich den Mund!« flüsterte 

Constant ihm zu. 

»Murray, ich weiß, was Sie damit meinen«, erwi-

derte Blizzard, »aber es wäre vielleicht besser, wenn 
ich vorgäbe, nichts gehört zu haben.« 

»Hört, hört!« sagte Rett Latham. 
»Gut, machen wir weiter. Ich habe mit Manuel 

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auch über den bisher erarbeiteten Text gesprochen. 
Manuel?« 

Der Autor erhob sich zögernd. Offenbar hatte er 

sich Blizzard fügen müssen und war nur widerwillig 
bereit, seine Niederlage einzugestehen. »Ich gebe zu, 
daß in dem existierenden Manuskript viel Arbeit 
steckt, und selbst wenn einer von Ihnen weniger ge-
leistet hat, muß deshalb nicht alles schlecht sein. Des-
halb habe ich mit Sam vereinbart, daß wir auf dieser 
Grundlage weiterarbeiten, wenn Sie sich alle mehr 
Mühe als bisher geben. Aber Ihre Leistungen dürfen 
nicht nur gut, sie müssen verdammt gut sein. Klar?« 

Die Zuhörer atmeten erleichtert auf. 
»Warum

 

haben

 

Sie

 

das

 

nicht

 

gleich

 

gestern

 

gesagt?«

 

wollte

 

Gerry

 

wissen.

 

Er

 

deutete

 

auf

 

seine

 

zerstörten

 

Entwürfe.

 

»Alles

 

vergeudet,

 

nur

 

weil

 

Sie

 

einen

 

Wutan-

fall bekommen haben – Gott, das macht mich krank!« 

»Das tut mir leid, Mister Hoarding«, sagte Delgado 

nach einer Pause. 

Murray starrte ihn an. Diese Entschuldigung paßte 

nicht zu Delgado, der es sonst stets irgendwie fertig-
brachte andere als schuldig hinzustellen. Das bedeu-
tete ... 

»Gut, wir machen weiter!« rief Blizzard. »Auf die 

Plätze! Ade, ich möchte, daß Sie und Murray die bei-
den Stellen wiederholen, die mir gestern nicht gefal-
len haben. Murray, hören Sie mich?« 

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Murray schrak aus seinen Überlegungen auf. Er 

brachte den Gedankengang jedoch zu Ende, während 
er zur Bühne ging. 

Das bedeutet, daß Delgado nichts mehr an unserem 

Stück liegt. Er gibt hier nach, um seine eigentlichen Ab-
sichten zu tarnen. 

Welche Absichten? 

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17 

 
 

»Je länger man darüber nachdenkt«, erzählte Murray 
der Luft, »desto klarer wird einem, daß hier einiges 
faul ist. Aber ...« 

Er sprach nicht weiter. Er wußte, daß er sich allein 

im Zimmer befand, und wenn er Selbstgespräche zu 
führen begann, würde seine Lage sich noch ver-
schlimmern. Er zündete sich eine Zigarette an. Der 
Rauch trieb zum Fernsehapparat hinüber, der mit 
dem Bildschirm zur Wand stand. 

Vielleicht war es unsinnig, aber Murray hatte das 

Fernsehgerät umgedreht. Seitdem Lester festgestellt 
hatte, daß der Apparat ständig unter Strom stand, 
bildete Murray sich ein, die Mattscheibe sei eine Art 
Auge, das ihn beobachtete. 

Werde ich verrückt? Bin ich schon verrückt? 
Murray zwang sich dazu, diese Frage ernsthaft zu 

untersuchen und kam zu dem gleichen Ergebnis wie 
zuvor: irgend jemand war hier nicht ganz normal, 
und dieser Jemand schien Delgado zu sein. Murray 
lief es bei dem Gedanken an diesen Mann kalt über 
den Rücken – aber er hatte trotzdem nicht die Ab-
sicht, alles im Stich zu lassen, um nicht mehr mit ihm 
zusammenkommen zu müssen. 

Jetzt versuchte er seine Gedanken zu ordnen; er er-

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innerte sich daran, wie alles begonnen hatte. Zuerst 
war er nur mißtrauisch gewesen, weil ihm diese Idee 
absurd erschienen war, das Ensemble unter einem 
Dach zu versammeln, um ein Theaterstück ausbrüten 
zu lassen. Andererseits hatte Delgado einen guten 
Ruf als erfolgreicher Bühnenautor; Sam Blizzard war 
der Meinung, dieser Plan lasse sich verwirklichen, 
und Murray Douglas brauchte jeden Job, den sein 
Agent ihm damals verschaffen konnte. 

Dieses Argument traf noch immer zu. Das vorheri-

ge ebenfalls. Murray sah jetzt auch ein, daß er Sam 
Blizzard unterschätzt hatte; der Produzent ließ sich 
nicht leicht etwas vormachen, und er wußte genau, 
welcher Unterschied zwischen Wutanfällen und ech-
ten Krisen bestand. Die heutige Probe, in der sie die 
zweite Szene erarbeitet hatten, bewies zur Genüge, 
daß Blizzard Wert auf ein gutes Stück legte. 

Murray vermutete allerdings, daß Delgado keinen 

Wert darauf legte; er konnte diesen Verdacht aller-
dings nicht beweisen. 

Warum litt nur er unter diesem krankhaften Miß-

trauen? Alle anderen schienen Delgado zu akzeptie-
ren, wie er war. Lester Harkham war beispielsweise 
bereit, die elektronischen Geräte als pseudowissen-
schaftliche Spielerei abzutun, ohne sich darüber Ge-
danken zu machen. Blizzard schien Delgado nur für 
einen besonders temperamentvollen Autor zu halten, 

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dem man mit Nachsicht begegnen müsse. Gerry Ho-
arding hatte sich vorläufig Murrays Auffassung an-
geschlossen, aber daran war vor allem die Erleichte-
rung über den verhinderten Selbstmord schuld; Ger-
ry sah in Murray seinen Lebensretter, dem er sich zu 
Dank verpflichtet fühlte. Auch diese Freundlichkeit 
konnte jederzeit wieder ins Gegenteil umschlagen. 
Constant war am vergangenen Abend fast zugänglich 
gewesen, um dann heute zu seiner charakteristischen 
Intoleranz zurückzukehren. 

Nein, Murrays Verdacht beruhte auf keinem ein-

deutigen Beweis. Es handelte sich bestenfalls um eine 
Aufzählung von Anomalien. 

An

 

erster

 

Stelle

 

war

 

das

 

seltsame

 

Benehmen

 

der

 

Gruppe

 

zu

 

nennen.

 

Murray

 

hatte

 

vorhin

 

an

 

das

 

Fern-

sehgerät

 

gedacht;

 

dabei

 

war

 

ihm

 

eingefallen,

 

daß

 

er

 

den

 

Apparat

 

seit

 

seiner

 

Ankunft

 

noch

 

kein

 

einzigesmal

 

ein-

geschaltet

 

hatte

 

 

nicht

 

einmal,

 

um

 

Nachrichten

 

zu

 

empfangen.

 

Er

 

hatte

 

einen

 

Grund

 

dafür:

 

die

 

geheim-

nisvollen

 

Veränderungen

 

im

 

Innern

 

des

 

Geräts

 

er-

schreckten

 

ihn.

 

Aber

 

das

 

erklärte

 

noch

 

lange

 

nicht,

 

weshalb

 

keiner

 

der

 

anderen

 

bisher

 

von

 

einem

 

Fernseh-

programm

 

gesprochen

 

hatte,

 

das

 

er

 

hier

 

gesehen

 

hatte. 

Und es gab in diesem Haus keine Zeitungen. Soviel 

Murray wußte, hatte noch niemand eine Zeitung ver-
langt. Niemand las etwas beim Frühstück. Warum ei-
gentlich nicht? 

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Telefongespräche. Vielleicht war das Ensemble ab-

sichtlich so zusammengestellt worden, daß die Mit-
glieder keine häuslichen Bindungen hatten. Nun, das 
war halbwegs verständlich; es gehörte zu Delgados 
Plan, die Schauspieler unter dem gleichen Dach zu 
versammeln. Es hätte nur gestört, wenn einige von 
ihnen abends nach Hause gefahren oder morgens aus 
irgendwelchen Gründen zu spät zu den Proben ge-
kommen wären. 

Im Grunde genommen hatte es vielleicht wirklich 

nichts zu bedeuten, daß alle Anwesenden unverheira-
tet oder geschieden waren oder von ihrer Frau ge-
trennt lebten, wie es bei Murray der Fall war. Aber 
das hieß noch lange nicht, daß deshalb alle persönli-
chen Bindungen zu anderen Menschen aufgehoben 
waren. Weshalb hatte Murray dann noch nie gehört, 
daß hier jemand ans Telefon gerufen worden war? 
Auch in seinem Fall – warum hatte Roger Grady 
nicht angerufen, um sich zu erkundigen, wie die Din-
ge standen? Murray hatte im Augenblick keine engen 
Freunde, weil er es seit seiner Entlassung aus dem 
Sanatorium vermieden hatte, unter die Leute zu ge-
hen. Aber war das ein Grund dafür, daß auch die an-
deren keine Telefongespräche mit Freunden führten? 

Keine Briefe. In der Halle neben Blizzards Büro war 

ein Schwarzes Brett angebracht. Murray konnte sich 
nicht erinnern, jemals gesehen zu haben, daß jemand 

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dort stehenblieb, um seine Post abzuholen. Er hatte es 
selbst nie getan – er hatte im Vorbeigehen einen 
flüchtigen Blick auf das Schwarze Brett geworfen, 
aber da er keine Post erwartete, war ihm die Bedeu-
tung dieser Tatsache erst jetzt klar geworden. 

Draußen auf dem Parkplatz standen fünf Autos – 

neben seinem Daimler auch Sams Bentley, Idas feuer-
rote Corvette, Lesters Rover und ein Ford, der seiner 
Meinung nach Jess Aumen gehörte. Die anderen hat-
ten entweder keine Autos oder hatten sie zu Hause 
gelassen, weil sie annahmen, daß sie hier nicht viel 
Gelegenheit zu Autofahrten haben würden. Trotz-
dem waren fünf Wagen mehr als genug! Aber bisher 
war niemand auf den Gedanken gekommen, eine 
Fahrt nach London vorzuschlagen, um dort ins Thea-
ter, auf eine Party oder zum Essen zu gehen. Die Mit-
glieder des Ensembles hatten es sich widerspruchslos 
angewöhnt, regelmäßig zu den Mahlzeiten zu kom-
men, abends im Aufenthaltsraum zu sitzen und sich 
ganz allgemein so ruhig und zurückhaltend zu be-
nehmen, als seien sie bereits ältliche Leute, die ihren 
Lebensabend in einem vornehmen Altenheim ver-
brachten. 

Murray schlug mit der flachen Hand auf die Lehne 

seines Sessels und sprang auf. Nein, das war gerade-
zu lächerlich! Wer hatte es fertiggebracht, ein Dut-
zend temperamentvoller Theaterleute zu zähmen 

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und ihnen diesen geruhsamen Tagesablauf als erstre-
benswert hinzustellen? 

Oh, es stimmte natürlich, daß Valentine und die 

anderen unheimlichen Diener ständig um das leibli-
che Wohl der Gäste besorgt waren, was eine ent-
spannte Atmosphäre förderte, weil es keine kleinen 
Probleme zu bewältigen gab. Niemand brauchte sich 
um das Waschen seiner Wäsche zu kümmern, nie-
mand brauchte das Haus zu verlassen, um beispiels-
weise Zigaretten zu holen. Für alles wurde wie in ei-
nem erstklassigen Hotel gesorgt. Das Essen war her-
vorragend, die Zimmer waren gemütlich, die Bedie-
nung ließ nichts zu wünschen übrig. Und trotzdem 
war irgend etwas faul an der ganzen Sache. 

Murray ging zwischen Bett und Tür auf und ab. 

Endlich! Nun hatte er seine schlimmste Befürchtung 
analysiert, die allerdings am unbestimmbarsten war. 
Er hatte so lange dazu gebraucht, weil sie eben so va-
ge war. Nun konnte er seine Liste beliebig verlän-
gern. Morgen war Samstag, und nach der heutigen 
Probe hatte niemand davon gesprochen, daß sie 
übers Wochenende wie bisher weiterarbeiten wür-
den. 

Auch etwas anderes war entschieden merkwürdig. 

Murray erinnerte sich an seinen Streifzug durch den 
Park und die nähere Umgebung des Hauses. Er hatte 
am Schwimmbecken einen Schuppen mit allen mögli-

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chen Sportgeräten entdeckt. Eigentlich wäre zu er-
warten gewesen, daß junge Männer wie Al und Rett 
sich dafür interessieren würden. Das Wetter war an 
manchen Tagen kühl und regnerisch gewesen, aber 
trotzdem nicht so schlecht, daß sie alle ständig im 
Haus hätten hocken müssen. Hinter dem Hauptge-
bäude lagen Tennisplätze, nicht wahr? Das 
Schwimmbecken hätte sich leicht füllen lassen. Drau-
ßen herrschte vielleicht kein ideales Badewetter, aber 
schließlich war es auch nicht Winter. 

Niemand verließ das Haus zu Spaziergängen So-

viel Murray wußte, war außer ihm und Heather kei-
ner der Anwesenden seit dein ersten Tag außerhalb 
des Grundstücks gewesen. 

Warum? 
Bei dem Gedanken an Heather fiel Murray noch 

etwas anderes ein – sie, Cherry Bell, die kaum zählte, 
weil sie jeden Abend für Delgado schreiben mußte, 
und Ida waren die einzigen Frauen in diesem Haus. 
Allerdings wußte jeder, was mit Ida los war. Aber 
Heather war wirklich sehr hübsch. Murray hatte sei-
ne eigenen Gründe, sich nicht um sie zu bemühen; 
Ade hatte ebenfalls welche, und Gerry war wie alle 
Rauschgiftsüchtigen kaum an Mädchen interessiert. 
Trotzdem blieben Rett, Al, Jess Aumen und Lester 
Harkham übrig – Lester war fast doppelt so alt wie 
Heather, aber er besaß einen gewissen Ruf als Lady-

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killer. Auch Sam Blizzard kam in Frage; schließlich 
hatte er schon drei – oder waren es vier? – Ehen hin-
ter sich. Ganz zu schweigen von Constant, der hinter 
jedem hübschen Mädchen hergewesen war, als Mur-
ray und er noch zum gleichen Ensemble gehört hat-
ten. 

Also kein Mangel an passenden Männern. Wegen 

ihres auffälligen Desinteresses war Murray jedoch zu 
der Überzeugung gekommen, Heather sei als Köder 
für Ida vorgesehen, wie Gerry sein Heroin bekom-
men hatte. Constant war mit seinen pornographi-
schen Büchern glücklich, und andere hatten vielleicht 
Dinge bekommen, von denen Murray nichts wußte. 

Murray erinnerte sich daran, was Gerry am glei-

chen Morgen Ade vorgeworfen hatte. »Womit hat 
Delgado Sie gekauft, Ade?« hatte der junge Bühnen-
bildner gefragt. »Mit vielen hübschen Knaben?« 

Murray schüttelte deprimiert den Kopf. Alle diese 

Szenen hätten geradewegs aus einem Theaterstück 
von Delgado stammen können. Auf der Bühne fand 
man sie vielleicht sogar wirkungsvoll; in Wirklichkeit 
war es schrecklich, sie erleben zu müssen und dabei 
zu wissen, daß man nicht automatisch in eine andere 
Welt zurückkehren konnte, sobald der Vorhang gefal-
len war – in eine andere Welt, in der es Freundschaf-
ten und gemeinsame Interessen gab. 

Er blieb abrupt stehen und starrte das Telefon auf 

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dem Nachttisch an. Es hatte seit seiner Ankunft nur 
einmal geklingelt, als Valentine ihn an die Zeit erin-
nert hatte. 

Wer war dieser Valentine überhaupt? Seine Versu-

che, den Eindruck zu erwecken, Blizzard habe ihn 
angestellt, waren in Murrays Augen längst fehlge-
schlagen. Der Mann stand in enger Verbindung mit 
Delgado; vielleicht schon seit Jahren. War Blizzard 
sich darüber im klaren – oder bildete der Produzent 
sich noch immer ein, er habe Valentine selbst ent-
deckt und als Butler angestellt? Und wie war es über-
haupt dazu gekommen? Auf Delgados Empfehlung 
hin? Das wäre zu plump gewesen ... 

Murray ballte die Fäuste. Er spürte, daß sein Herz 

wie rasend schlug. Aber er durfte sich von dieser Sa-
che nicht unterkriegen lassen, sonst landete er noch 
im Irrenhaus. Er war entschlossen, seine Befürchtun-
gen entweder zu widerlegen oder zu bestätigen, als er 
jetzt ans Telefon ging und den Hörer abnahm. 

Eine Stimme meldete sich. Diesmal war nicht Va-

lentine, sondern einer der Diener am Apparat. 

»Ja, Mister Douglas?« 
»Ich möchte ein Gespräch nach London anmel-

den.« Murray zog eine Schublade auf und nahm sein 
Notizbuch heraus. Er schlug Roger Gradys Privat-
nummer nach. 

Als er sie durchgegeben hatte, antwortete der Die-

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ner: »Sehr wohl, Sir. Ich verbinde Sie, sobald der 
Teilnehmer sich meldet.« 

Hoffentlich, dachte Murray und legte wortlos auf. 
Seine Zigarette war unbeachtet im Aschenbecher 

verglimmt. Er zündete sich eine neue an und merkte 
dabei, daß seine Hände zitterten. 

Wenn keine Verbindung zustande kommt? Am besten 

schreibe ich dann einen Brief – nein, zwei Briefe. Ich muß 
irgendwo Briefmarken haben. Einen soll Valentine aufge-
ben, den anderen stecke ich selbst in den nächsten Briefka-
sten; Roger soll mich dann anrufen und mir sagen, ob er 
beide Briefe bekommen hat ... 

Eine

 

verrückte

 

Situation!

 

Einen

 

Augenblick

 

lang

 

zweifelte

 

Murray

 

an

 

seiner

 

Zurechnungsfähigkeit;

 

er

 

hatte

 

sich

 

im

 

Sanatorium

 

ähnlich

 

gefühlt,

 

als

 

er

 

unter

 

dem

 

Alkoholentzug

 

litt

 

und

 

phantastische

 

Pläne

 

schmiedete,

 

wie

 

er

 

eine

 

Flasche

 

in

 

sein

 

Zimmer

 

schmuggeln

 

könnte.

 

Aber

 

darüber

 

war

 

er

 

zum

 

Glück

 

hinweg.

 

Irgendwie

 

war

 

es

 

ihm

 

gelungen,

 

ein

 

neues

 

Gleichgewicht

 

zu

 

finden.

 

Nun

 

fürchtete

 

er

 

die

 

Auswir-

kungen

 

eines

 

einzigen

 

Drinks

 

zu

 

sehr,

 

um

 

dem

 

gele-

gentlichen Wunsch nachzugeben, der ihn jetzt wieder 
quälte. Aber solange er die Folgen bedachte, war er 
vor dieser Versuchung sicher. 

Und seitdem Delgado ihm diesen gemeinen Streich 

gespielt hatte, war Murrays Angst vor den Folgen 
deutlich gestiegen. 

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Das Telefon klingelte. Er nahm den Hörer ab. 
»Roger?« 
»Tut mir leid, Mister Douglas, unter der angegebe-

nen Nummer meldet sich niemand.« 

Lügner – Murray sah auf seine Armbanduhr. Vier-

tel vor elf. Nein, es war durchaus möglich, daß Roger 
um diese Zeit nicht zu Hause war. Murray wußte, 
daß er unwiderlegbare Beweise brauchte, bevor er 
annehmen durfte, daß er absichtlich behindert wur-
de. 

»Schon gut, vielen Dank«, sagte er ausdruckslos 

und legte auf. 

Was nun? Sollte er den Brief schreiben? Ein Brief 

würde natürlich erst am Montag ankommen. Nein, 
besser war ein zweiter Versuch per Telefon. Roger 
war kein Frühaufsteher. Wenn Murray ihn in etwa 
einer Stunde anrief, brauchte er ... 

Jemand klopfte an die Tür. Murray starrte sie an, 

und seine Stimme klang ungewohnt heiser, als er 
fragte: 

»Ja, wer ist da?« 

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18 

 
 

Die Tür wurde geöffnet. Heather stand auf der 
Schwelle. Sie trug Hosen und eine weiße Nylonbluse. 
Sie sah unglaublich jung aus, weil sie auf alles Make-
up verzichtet hatte. 

»Murray?« sagte sie unsicher. »Störe ich?« 
»Nein, um Gottes willen. Kommen Sie herein!« Er 

hoffte nur, daß seine Erleichterung sich nicht allzu 
deutlich in seiner Stimme bemerkbar machte. 

Sie schloß die Tür hinter sich und sah zu Murray 

auf. »Ich ... äh ... ich wollte Sie um Rat fragen«, erklär-
te sie ihm. »Ich habe Vertrauen zu Ihnen, und ich 
muß mit irgend jemand darüber sprechen.« 

Opa, dachte Murray enttäuscht. Ich bin erst zwei-

unddreißig, aber jetzt kommen die Mädchen schon, um 
sich bei mir gute Ratschläge zu holen.
 

Er ließ sich jedoch nichts anmerken, als er Heather 

einen Sessel anbot und seine Zigarette ausdrückte. 

Sie nahm Platz, zog ein Knie hoch, faltete die Hän-

de darum und sprach mit gekünstelter Ungezwun-
genheit, als wolle Sie es vermeiden, gleich über ihr 
eigentliches Problem zu sprechen. 

»Nun, heute ist es besser gegangen, was? Ich kann 

mir vorstellen, daß Sie darüber erleichtert sind.« 

»Im Gegensatz zu Ihnen.« Murray klappte sein Zi-

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garettenetui auf, bot Heather eine Zigarette an und 
suchte nach seinem Feuerzeug. Als sie sich vorbeug-
te, um ihre Zigarette anzuzünden, schien ihr erst klar 
zu werden, was Murray eben gesagt hatte. Sie richtete 
sich auf. 

»Was meinen Sie damit?« fragte sie und warf ihm 

einen nervösen Blick zu. 

»Nicht viel. Es ist schließlich nur menschlich, daß 

Sie gehofft haben, Sie würden bei einem neuen An-
fang eine Chance bekommen, anstatt immer in der 
letzten Reihe sitzen oder Gerry helfen zu müssen.« 

»Das klingt schrecklich, wie Sie es sagen«, meinte 

Heather nach einer Pause. »Tut mir leid, wenn Sie 
diesen Eindruck von mir haben.« 

»War das nicht schon ein Teil des Problems, das Sie 

mit mir besprechen wollten?« erkundigte Murray 
sich. 

»Oh! Ja, Sie haben eigentlich recht.« Heather sah 

ihm nicht ins Gesicht; statt dessen betrachtete sie den 
umgedrehten Fernsehapparat, als hätte sie am lieb-
sten gefragt, warum die Mattscheibe zur Wand zeig-
te. »Ich weiß einfach nicht, was ich tun soll, Murray. 
Ich bin hier ein fünftes Rad am Wagen. Zuerst war 
das nicht weiter wichtig. Ich dachte ... nun, das Ganze 
war ein ausgesprochener Glücksfall für mich, auch 
wenn ich keine Rolle bekomme und nicht in London 
auftreten darf. Immerhin ist die Gage hier doppelt so 

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hoch wie in Southampton, und ich lerne allein da-
durch, daß ich Delgado, Sam Blizzard und Sie bei der 
Arbeit beobachte. Aber mein anfänglicher Optimis-
mus hat nicht lange vorgehalten. Die ganze Sache 
kommt mir so ... so geplant vor.« 

Murray starrte sie an. »Was soll das heißen? Wie 

kommen Sie darauf?« 

»Das weiß ich selbst nicht recht.« Sie zuckte hilflos 

mit den Schultern. »Mir ist nur aufgefallen, daß Sam 
sich nicht um mich kümmert. Ich meine, er hat mich 
doch engagiert, er bezahlt mich doch nicht aus Men-
schenfreundlichkeit, aber bisher hat er kaum etwas 
zu mir gesagt und nicht einmal geschimpft, wenn ich 
mich verdrückt habe. Und Sie sind der einzige, der 
sich irgendwie dazu geäußert hat. Sonst scheint es 
niemand aufgefallen zu sein. Ida hat allerdings ...« 

Sie sprach nicht weiter. Bevor Murray etwas sagen 

konnte, verzog sie das Gesicht und drückte ihre Ziga-
rette aus. 

»Ich rauche in letzter Zeit zuviel«, stellte sie fest. 

»Mein Hals ist schon ganz rauh. Kann ich ein Glas 
Wasser haben?« 

»Natürlich.« Murray stand auf. Als er zum Wasch-

becken ging, fiel ihm etwas ein, und er öffnete den 
Kleiderschrank. Die Dosen mit Fruchtsaft standen 
noch dort. Er nahm eine davon und zeigte sie Hea-
ther. 

background image

»Möchten Sie lieber etwas Saft? Ich trinke ihn doch 

nicht.« 

Sie nickte, als sei ihr gleichgültig, was er ihr gab. 

Murray stieß mit seinem Taschenmesser zwei Löcher 
ins Blech. 

»Sie wollten vorhin noch etwas sagen«, stellte er 

fest, während er ein Glas einschenkte und ihr gab. 

»Danke.«

 

Heather

 

trank

 

durstig

 

und

 

leerte

 

das

 

Glas

 

Orangensaft

 

auf

 

einen

 

Zug,

 

bevor

 

sie

 

sich

 

in

 

den

 

Sessel

 

zurücklehnte.

 

»Richtig,

 

ich

 

wollte

 

etwas

 

sagen.

 

Nun

 

...

 

ich

 

dachte,

 

Sie

 

könnten

 

mir

 

am

 

ehesten

 

helfen,

 

weil

 

Sie

 

bisher

 

so

 

nett

 

zu

 

mir

 

gewesen

 

sind

 

und

 

weil

 

Sie

 

mehr

 

...

 

Oh,

 

das

 

klingt

 

lächerlich,

 

aber

 

ich

 

kann

 

es

 

einfach

 

nicht

 

anders

 

ausdrücken!

 

Sie

 

besitzen

 

mehr

 

Initiative

 

als

 

alle

 

anderen.

 

Ich

 

meine,

 

die

 

anderen

 

außer

 

Ihnen

 

wirken

 

so

 

passiv,

 

so

 

unbeteiligt.

 

Das

 

hätte

 

ich

 

nie

 

erwartet.

 

Wis-

sen

 

Sie,

 

was

 

ich

 

meine?

 

Sie

 

arbeiten

 

den

 

ganzen

 

Tag,

 

schwatzen

 

abends

 

ein

 

bißchen

 

miteinander

 

und

 

gehen

 

dann

 

brav

 

ins

 

Bett.

 

Das

 

ist

 

bereits

 

alles.

 

Ich

 

habe

 

das

 

Ge-

fühl,

 

daß

 

ich

 

noch

 

niemand

 

richtig

 

kennengelernt

 

habe.

 

Ich

 

habe

 

das

 

Gefühl,

 

daß

 

sich

 

niemand

 

wirklich

 

für

 

die

 

gemeinsame

 

Arbeit

 

interessiert

 

 

nur

 

Sie

 

haben

 

wirk-

lich

 

Interesse

 

an

 

allem.

 

Sie

 

sind

 

überall

 

gewesen,

 

Sie

 

haben

 

die

 

Tonbandgeräte

 

in

 

den

 

Betten

 

gefunden,

 

Sie

 

stellen

 

unbequeme

 

Fragen

 

...

 

Verstehen

 

Sie,

 

was

 

ich

 

sa-

gen

 

will?«

 

Heather

 

sprach

 

nicht

 

weiter,

 

aber

 

ihr

 

fra-

gender Blick verriet, daß sie Angst hatte. 

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»Ich verstehe es nur allzu gut«, versicherte Murray 

ihr grimmig. »Weiter, bitte.« 

Sie stellte das leere Glas ab. »Wissen Sie was? Seit-

dem Sie mir das unheimliche Zeug unter meinem 
Bett gezeigt haben, mache ich mir ununterbrochen 
Sorgen. Den anderen scheint es völlig gleichgültig zu 
sein. Sie geben sich gelangweilt, wenn Sie davon an-
fangen, nicht wahr? Aber ich schneide jeden Abend 
den dünnen Draht durch, der von der Matratze zum 
Tonbandgerät führt – mit meiner Nagelschere.« Hea-
ther lachte. »Ist das nicht verrückt? Aber ich will 
nicht, daß das Gerät die ganze Nacht lang unter mei-
nem Kopfkissen läuft. Was haben Sie?« 

»Ich denke nur nach.« Murray runzelte die Stirn 

und starrte die Wand vor sich an, ohne sie wirklich 
zu sehen. Heathers Worte betrafen etwas, das sein 
Unterbewußtsein bereits als wichtig erkannt hatte. 
»Ich tue sogar noch mehr. Ich ziehe den Draht aus 
meiner Matratze und werfe ihn weg. Er wird immer 
wieder ersetzt, aber das muß ziemlich lästig sein. 
Deshalb tue ich es überhaupt, nehme ich an. Delgado 
soll die Geduld verlieren und mir sagen, wozu das 
Zeug dient.« 

»Sie glauben also, daß er gelogen hat, als er be-

hauptet hat, die Geräte seien Mittel zur ...« Sie suchte 
nach dem richtigen Wort. 

»Hypnopädie? Natürlich hat er gelogen. Das war 

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sogar Lesters Meinung, als ich ihm das Zeug gezeigt 
habe. Aber er will es nicht ernst nehmen, sondern ist 
nach wie vor der Meinung, Delgado sei auf irgend-
welchen pseudowissenschaftlichen Unsinn hereinge-
fallen.« 

Heather fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. 

»Kann ich noch ein Glas Orangensaft haben? Ich bin 
noch immer durstig.« 

»Natürlich.« Murray erhob sich bereitwillig, öffnete 

eine zweite Dose und ließ sie neben ihr stehen. 

»Hat der umgedrehte Fernsehapparat auch irgend 

etwas mit Delgado zu tun?« erkundigte Heather sich. 

»Gut geraten«, stellte Murray trocken fest. »Lester 

hat entdeckt, daß der Apparat einige zusätzliche Teile 
enthält. Er ist ständig eingeschaltet und läßt sich nicht 
abstellen. Ich habe das lächerliche Gefühl, auf diese 
Weise beobachtet zu werden. Deshalb ...« Er verzog 
das Gesicht und zuckte mit den Schultern. 

»Ja. Ich weiß, was Sie meinen.« Heather warf ihm 

einen ernsten Blick zu. »Aber warum? Was soll das 
alles? Warum kümmern die anderen sich nicht dar-
um?« 

»Keine Ahnung«, gab Murray zu. »Ich weiß nur, 

daß Delgado sich vor allem um diese Dinge Sorgen 
macht, anstatt sich wirklich um unsere Arbeit zu 
kümmern.« Er machte eine Pause. »Was wollten Sie 
mich übrigens fragen? Hängt es damit zusammen?« 

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»Nein.« Heather leerte ihr Glas und griff nach der 

zweiten Dose. »Oh – trinke ich Ihren ganzen Vorrat 
aus?« 

»Trinken Sie nur. Ich habe noch keine Dose geöff-

net, und irgend jemand muß das Zeug schließlich 
trinken.« 

»Danke. Der Saft schmeckt wirklich gut.« Sie füllte 

ihr Glas. »Wollen Sie einen Schluck versuchen?« 

Er schüttelte den Kopf. »Weiter, bitte«, forderte er 

sie auf. »Ich bin schon froh, daß jemand sich die glei-
chen Sorgen macht.« 

»Nun, nicht genau die gleichen«, korrigierte sie 

ihn. Sie war blaß geworden, als sie von ihren Befürch-
tungen gesprochen hatte; jetzt bekam sie allmählich 
wieder Farbe. »Ich versuche mich zu entscheiden, ob 
ich nicht lieber aufgeben und nach Southampton zu-
rückfahren soll. Ich bin mit der Illusion hierher ge-
kommen, viel lernen zu können und vielleicht sogar 
eine für mich geschriebene Rolle spielen zu dürfen. 
Stellen Sie sich nur vor, welche Chance das für mich 
war – eine Rolle in einem Stück von Delgado! Haben 
Sie gemerkt, wie optimistisch ich bei meiner Ankunft 
war?« 

»Ich erinnere mich noch daran, daß ich versucht 

habe, Ihren Optimismus zu dämpfen«, gab Murray 
zu. 

»Das war nur gut! Ich hätte Ihnen dafür dankbar 

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sein müssen.« Sie trank wieder einen Schluck Saft. 
»Hätten Sie mich nicht gewarnt, daß ich mir Illusio-
nen mache, hätte es mich härter getroffen, als ich spä-
ter zu dem gleichen Schluß gekommen bin.« 

Murray warf ihr einen forschenden Blick zu. Sie 

sprach jetzt rascher als zuvor, Schien weniger nervös 
zu sein und war dafür fast ein wenig rührselig. Er 
konnte sich keinen Grund dafür vorstellen und sagte 
deshalb vorsichtig: 

»Sie wollten mich nicht nur fragen, ob Sie gehen 

oder bleiben sollten? Wäre das tatsächlich das einzige 
Problem, würden Sie vermutlich ohnehin bleiben. Al-
lein das Erlebnis, die Entstehung eines Bühnenstücks 
verfolgen zu können, ist einiges wert, nicht wahr?« 

Heather nickte langsam. Sie stellte ihr Glas ab und 

zündete sich selbst eine Zigarette an. Dabei schien ihr 
etwas einzufallen; sie legte den Kopf schief, als denke 
sie darüber nach, aber dann gab sie den Versuch wie-
der auf. 

Sie

 

kicherte

 

unerwarteterweise.

 

»Oh,

 

du

 

liebe

 

Güte!«

 

sagte

 

sie.

 

»Eigentlich

 

ist

 

die

 

Sache

 

gar

 

nicht

 

lustig,

 

und

 

ich

 

habe

 

sie

 

vorhin

 

auch

 

sehr

 

ernst

 

genommen

 

 

aber

 

sie

 

ist

 

trotzdem

 

irgendwie

 

komisch!«

 

Sie

 

mußte

 

auf-

stoßen und schlug sich erschrocken auf den Mund. 

»Was war das?« fragte sie. »Der Saft muß viel Koh-

lensäure enthalten, nehme ich an. Ich hätte nie ... oh, 
das ist nicht weiter wichtig.« 

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Schon verstanden. Murray seufzte und wunderte 

sich nicht mehr. Die Erklärung für Heathers eigenar-
tiges Benehmen hätte ihm früher einfallen müssen. 
Sie hatte sich offenbar etwas Mut angetrunken, bevor 
sie mit ihrem Problem zu ihm gekommen war. Nun 
wirkten sich die Drinks aus. 

»Heather, ich kann wirklich nicht erraten, was Sie 

mit mir besprechen wollten«, sagte er geduldig. 

Sie warf ihm einen überraschten Blick zu. »Habe 

ich Ihnen das noch nicht erzählt? Tut mir leid. Ida be-
hauptet, sie liebe mich, und ich soll mit ihr ins Bett 
gehen.« 

»Haben Sie etwas anderes von ihr erwartet?« fragte 

Murray ausdruckslos. Er wußte, daß Ida rasch unge-
duldig wurde; in dieser Beziehung reagierte sie ty-
pisch männlich. Und er hatte erwartet, daß Heather 
die Anzeichen richtig deuten würde; sie war jung, 
aber sie war schließlich keine Klosterschülerin. 

Das zeigte schon ihre nächste Bemerkung. Sie ki-

cherte nochmals. »Murray, man kann sie einfach 
nicht ernstnehmen, nicht wahr? Ich meine, sie ist kei-
ne schlechte Schauspielerin, aber wenn es darauf an-
kommt, etwas zu sagen, das sie wirklich meint, kann 
sie es einfach nicht. Man hat immer den Eindruck, sie 
stehe auf der Bühne ... Oh!« 

Ihre Stimme hatte sich völlig verändert. Sie legte 

die Zigarette in den Aschenbecher, ohne darauf zu 

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achten, daß sie wieder herausfiel und über den Tisch 
rollte. Heather starrte angestrengt geradeaus. 

»Murray, mir ist entsetzlich schwindlig. Ich werde 

ohnmächtig, glaube ich«, sagte sie. »Ich bin anschei-
nend betrunken. Aber wie kann ich betrunken sein? 
Ich habe heute abend nur ein Glas ... o Gott!« 

Sie versuchte aufzustehen. Unterdessen war alle 

Farbe aus ihrem Gesicht gewichen. 

»Murray, Sie haben doch nicht ... Nein, bestimmt 

nicht!« Sie streckte die Arme aus, als versuche sie sich 
aus dem Sessel zu ziehen. »Oh, mir ist so schlecht.« 

Murray sprang auf, stützte Heather und führte sie 

zum Waschbecken. Er ließ das kalte Wasser laufen, 
und Heather trank etwas davon. Murray kehrte an 
den Tisch zurück, griff nach der Dose mit Saft und 
roch daran. Dann schüttete er sich etwas Fruchtsaft in 
die Handfläche und probierte ihn vorsichtig. Der 
Fruchtgeschmack überdeckte fast alles, aber Murray 
konnte sich vorstellen, womit der Saft versetzt wor-
den war. Vielleicht mit Wodka – aber wahrscheinlich 
eher mit reinem Alkohol. 

Heather würde davon höchstens Kopfschmerzen 

und einen Kater bekommen. Aber wenn Murray eine 
dieser Dosen für sich geöffnet hätte, ohne zu ahnen, 
was sie enthielten, hätte er gleich Zyankali trinken 
können. 

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19 

 
 

Einen Augenblick lang konnte Murray nur an zu-
künftige Möglichkeiten denken. Wenn Delgado es 
wirklich darauf abgesehen hatte, ihn zu ... nun, das 
Wort traf eigentlich zu ... vergiften, würde er sich 
vielleicht nicht mit diesem Versuch begnügen. Was 
war also noch von ihm zu erwarten? Die Dosen im 
Kleiderschrank wirkten so harmlos wie die beiden, 
die er für Heather geöffnet hatte; Murray untersuchte 
sie gründlich, ohne etwas Verdächtiges daran zu fin-
den. 

Was sollte er tun? Sollte er Blizzard eine der Dosen 

zeigen? Würde Blizzard diesen Beweis akzeptieren? 
Nicht jede Dose brauchte Alkohol zu enthalten; viel-
leicht hatte er zufällig die einzigen genommen, weil 
sie in der ersten Reihe standen und sich ihm gerade-
zu angeboten hatten. 

Wie sollte es weitergehen? War der Zitronensaft, 

den Valentine ihm zum Abendessen brachte, eben-
falls mit Alkohol versetzt? Kam demnächst Wodka 
aus den Wasserhähnen? Murray wußte es nicht und 
fühlte sich deshalb wie in Draculas Schloß, wo jeder 
Schatten bedrohlich wirkte. 

Und er mußte sich mit Schatten zufriedengeben. 

Schon der Versuch, einen ehemaligen Alkoholiker 

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mit Alkohol zu vergiften, hatte etwas großartig Ab-
surdes an sich. Murray hatte diesen Gedanken auf 
Blizzards Gesicht gesehen, als er ihm Dr. Cromartys 
Attest zeigte. Es hatte vermutlich wenig Zweck, noch 
länger hier zu bleiben und mit den anderen zu disku-
tieren. Murray würde fliehen müssen, und der Teufel 
konnte seinetwegen alles holen. 

Heather wandte sich schwankend vom Waschbek-

ken ab. Sie hatte sich übergeben müssen. Murray 
wollte sie stützen, als sie zum Bett taumelte. 

»Lassen Sie mich in Ruhe«, verlangte sie. »O Gott, 

lassen Sie mich in Ruhe. Das ist mein Ernst.« 

»Heather, ich habe nichts in Ihr Glas getan«, versi-

cherte Murray ihr. »Das Zeug war eigentlich für mich 
bestimmt, nicht für Sie.« 

Sie gab keine Antwort. Wahrscheinlich hatte sie gar 

nicht zugehört. Murray konnte sich vorstellen, wie 
der reine Alkohol wirkte, den sie getrunken haben 
mußte. 

Heather ließ sich aufs Bett fallen und legte den 

Kopf auf die Arme. Ein Fuß berührte noch den Bo-
den. Sie atmete unregelmäßig und begann leise zu 
schluchzen. 

Murray ballte die Fäuste. Es war zwecklos, einfach 

nur davonzulaufen. Sein eigenes Problem beschäftig-
te ihn so sehr, daß er das Offenbare übersehen hatte. 
Delgado würde sich nicht damit zufriedengeben, ihn 

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ins Verderben zu reißen; er hatte es auf sie alle abge-
sehen. Heather war das beste Beispiel dafür. 

Er mußte nachdenken. Er mußte planen. Irgendwie 

mußte er fliehen, Heather zur Flucht verhelfen und 
Delgado daran hindern, seine Anstrengungen fortzu-
setzen ... 

Klick! 
Paris. Garrigues Selbstmord. Er hatte Roger Grady 

anrufen wollen. 

Murray hob mit zitternder Hand den Hörer ab und 

gab nochmals die Nummer in London an. Während 
er auf das Gespräch wartete, ging er zur Tür, sah 
mißtrauisch auf den Gang hinaus und schloß die Tür 
ab. Draußen war niemand in Sicht. 

Er ließ sich wieder am Telefon nieder und dachte 

über etwas nach, das Heather erwähnt hatte. Sie hatte 
ihm erzählt, daß sie ebenfalls jeden Abend die Ver-
bindung zwischen Matratze und Tonbandgerät un-
terbrach ... 

Murray sprang plötzlich auf. Er schob Heather zur 

Seite. Sie protestierte nicht dagegen. Er hob die Ma-
tratze hoch und sah seinen Verdacht bestätigt: das 
Drahtgewebe war ersetzt worden, obwohl er es am 
Abend zuvor entfernt hatte. Murray wußte nicht, ob 
es ein Mittel zur Beeinflussung des Schlafenden war, 
aber diese Erklärung erschien ihm logischer als jede 
andere. 

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Eine Art elektrisches Feld? Lester hat das Muster mit 

einer Antenne verglichen ... 

Das Telefon klingelte. Murray hob ab und konnte 

kaum sprechen, als er Rogers vertraute Stimme hörte. 

»Roger, Gott sei Dank! Murray hier!« 
»Oh, du!« Murray konnte sich die Handbewegung 

vorstellen, die diesen Ausruf begleitete. »Was willst 
du um diese Zeit noch? Ist dir eigentlich klar, was du 
angestellt hast? Seitdem du Burnett in aller Öffent-
lichkeit überfallen hast, führt er einen privaten Haß-
feldzug gegen Delgados Stück und jeden, der auch 
nur irgend etwas damit zu tun ...« 

»Halt den Mund, Roger, ich muß dir etwas erzäh-

len. Wenn die Sache wie bisher weitergeht, gibt es 
wahrscheinlich kein Stück von Delgado.« 

»Den Eindruck habe ich auch«, knurrte Roger. »Ich 

weiß nicht, was Burnett alles versucht hat, aber er 
scheint einiges erreicht zu haben. Unter Umständen 
bekommt ihr das Margrave-Theater doch nicht.« 

»Der Teufel soll das Theater holen! Hörst du jetzt 

endlich zu? Roger, dieser Delgado ist verrückt. Ich 
übertreibe nicht. Delgado gehört in eine Nervenheil-
anstalt. In der vergangenen Woche haben wir mehr 
Katastrophen erlebt als andere Ensembles in einem 
Jahr. Delgado hat das erste Manuskript in einem 
Wutanfall zerrissen und mußte von Sam beruhigt 
werden ...« 

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»Dann ist doch alles in Ordnung, was?« 
»Laß mich endlich ausreden, Roger!« verlangte 

Murray aufgebracht. »Gerry Hoarding hätte fast 
Selbstmord begangen, weil Delgado ihm Heroin in 
unbegrenzten Mengen zur Verfügung stellt. Hier sind 
überall geheimnisvolle elektronische Geräte instal-
liert, die Lester Harkhams Meinung nach keinen ver-
nünftigen Zweck haben. Aber ich bin anderer Über-
zeugung, weil ...« 

Er sprach nicht weiter, denn in dieser Sekunde fiel 

ihm ein, was Heather vorhin angedeutet hatte. Hea-
ther und er waren die einzigen Menschen in diesem 
Haus, die peinliche Fragen stellten. Heather und er 
hatten es sich angewöhnt, die Verbindung zwischen 
Matratze und Tonbandgerät allabendlich zu unter-
brechen. 

Zufall? 
»Hallo, hallo!« sagte Roger irritiert. Murray kehrte 

in die Gegenwart zurück. 

»Ja ... nun, das ist noch nicht alles, Roger. Zum En-

semble gehört ein Mädchen, für das keine Rolle vor-
gesehen ist – es soll sich nur von Ida verführen las-
sen. Es ist als Köder ausgelegt wie Gerrys Heroin 
oder Constant Baines' Bibliothek schmutziger Bücher. 
Und in meinem Fall versucht jemand – dafür kommt 
nur Delgado in Frage –, mich zur Flasche zurückzu-
bringen. Selbstverständlich nicht offen, sondern zum 

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Beispiel durch Konservendosen mit Fruchtsaft, der 
mit Alkohol versetzt ist.« 

»Murray, stimmt das wirklich!« 
»willst du herkommen und es dir beweisen lassen? 

Ich wäre schon erleichtert, wenn endlich jemand kä-
me. Manchmal zweifle ich selbst an meinem gesun-
den Verstand.« 

»Hmm ...« 
»Roger, du weißt irgend etwas, verdammt noch 

mal! Los, heraus mit der Sprache! Es ist schon spät 
genug!« Murray wartete gespannt, bis Roger sich ent-
schieden hatte. 

»Ja, du hast vielleicht recht. Ich meine, bisher habe 

ich es nicht recht geglaubt ... habe ich dir erzählt, 
warum Léa Martinez nach der Pariser Aufführung 
von Trois Fois im Irrenhaus gelandet ist?« 

»Nein. Du hast einige Andeutungen gemacht, aber 

ich habe nicht darauf geachtet, weil ich den Job 
brauchte. Weiter!« 

»Léa Martinez hat behauptet, Delgado habe sie ver-

folgt und zum Wahnsinn getrieben«, erklärte Roger 
ihm. »Hör zu, Murray, du weißt doch, warum ich dir 
das nicht erzählt habe?« 

»Ja«, antwortete Murray nur. 
»Gut, wir verstehen uns.« Roger zögerte unent-

schlossen. »Aber was soll ich aus deinem Bericht ma-
chen, Murray? Wie kommt es, daß Sam Blizzard und 

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Ida und Adrian es dort aushalten? Warum sind die 
anderen mit Delgado zufrieden? Richtet sich etwa al-
les nur gegen dich?« 

»Nein, aber ...« Murray biß sich auf die Unterlippe. 

Wie sollte er Roger seinen Verdacht erklären? »Roger, 
ich kann jetzt nicht davon sprechen. Ich werde zu 
fliehen versuchen, aber falls mir das nicht gelingt ...« 

»Was?« 
»Das ist mein Ernst. Das Grundstück ist von einem 

hohen Stacheldrahtzaun umgeben – und das Tor 
wird abends um elf geschlossen. Vielleicht muß ich 
den Wagen zurücklassen und zu Fuß fliehen.« 

»Murray, das Ganze klingt immer unwahrscheinli-

cher!« 

»Hör zu, Roger.« Murray mußte sich beherrschen, 

um das Telefon nicht an die Wand zu werfen. »So-
bald ich hier herauskomme, suche ich einen gewissen 
Doktor Cromarty in Bakesford auf, verstanden?« 

»Ja.« 
»Roger, ich gebe nicht voreilig auf. Aber ich glaube, 

daß die Pariser Tragödie sich wiederholt, und ich 
möchte kein Jean-Paul Garrigue sein.« 

»Man könnte glauben, Delgado sei ein zweiter 

Marquis de Sade«, wandte Roger ein. »Gut, ich glau-
be dir, daß du nicht voreilig aufgibst. Aber dir ist 
doch klar, daß du dann für Sam erledigt bist?« 

»Was er denkt, kann mir gleichgültig sein, solange 

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er nicht merkt, daß sein Ensemble auf diese Weise im 
Gefängnis, im Irrenhaus oder auf dem Friedhof lan-
den muß. Komm um Gottes willen hierher, Roger, 
wenn ich morgen nicht auftauche und nicht bei Dok-
tor Cromarty erreichbar bin!« 

»Gut.« Roger schien einen Entschluß gefaßt zu ha-

ben. »Aber wenn das Stück nach deinem Ausschei-
den ein Erfolg wird, ohne daß jemand sich umbringt 
oder im Irrenhaus landet, sind wir geschiedene Leute, 
Murray. Dann verliere ich wirklich die Geduld mit 
dir.« 

»Das riskiere ich«, antwortete Murray nachdrück-

lich und legte auf. 

Nun wußte er, was er zu tun hatte. Er ließ sich in 

dem Sessel nieder und zündete sich eine Zigarette an 
Heather schlief jetzt friedlich. Sie würde sich bald 
wieder erholen. 

Sie hatte bereits davon gesprochen, daß sie dieses 

Haus verlassen wollte. Folglich ... 

Murray überlegte sich, daß er den nächsten Mor-

gen abwarten mußte. Er konnte Valentine jetzt nicht 
dazu bringen, ihm das Tor zu öffnen, und er konnte 
keine Bewußtlose zu seinem Wagen tragen. Aber 
morgen früh würde er Heather dazu überreden, ihn 
zu begleiten. Und er würde möglichst viel Beweisma-
terial mitnehmen. 

Zum Beispiel das Drahtgeflecht. Murray sprang 

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auf, griff nach seinem Taschenmesser, schnitt den Teil 
des Matratzenbezugs ab, auf dem die Drähte ange-
bracht waren, und rollte ihn zusammen. Er steckte 
ihn in die Tasche und sah sich suchend um. 

Eine Tonbandspule? Warum nicht? Murray hob die 

Matratze mit einer Hand hoch, nahm die beiden Spu-
len vom Tonbandgerät und verstaute sie in seiner 
Reisetasche. Nur schade, daß der Fernsehapparat zu 
groß und schwer war; auf diese Weise hatte Murray 
nicht viel vorzuzeigen. Aber die Saftdosen! Nachdem 
er sie eingepackt hatte, fiel ihm auf, daß er auch Hea-
thers Tonband mitnehmen könnte. 

Er mußte allerdings abwarten, bis er in ihr Zimmer 

schleichen konnte. Vorläufig war es noch zu früh. Ida 
würde Heather vielleicht besuchen wollen und Krach 
schlagen, wenn sie dort Murray fand. Nein, er mußte 
noch mindestens eine Stunde lang warten. 

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20 

 
 

Gegen ein Uhr, als Murray seit fast einer Stunde nur 
noch Heathers gleichmäßige Atemzüge gehört hatte, 
konnte er sich nicht länger beherrschen. Er drückte 
die letzte von vielen Zigaretten aus, ging vorsichtig 
zur Tür und wollte die Tonbandspulen aus Heathers 
Zimmer holen. 

Er öffnete die Tür einen Spalt weit, ohne etwas zu 

hören. In der vergangenen Stunde hatte er deutlich 
verfolgen können, wie die anderen nacheinander zu 
Bett gingen. Er hatte auch Idas leise Frage an Hea-
thers Tür gehört; Ida war anscheinend daran ge-
wöhnt, stillschweigend abgewiesen zu werden, denn 
sie war sofort wieder in ihr eigenes Zimmer gegan-
gen. 

Murray hatte in Heathers Taschen nach einem 

Schlüssel gesucht, ohne ihn zu finden. Jetzt trat er lei-
se in den Korridor hinaus und schloß die Tür lautlos 
hinter sich ab. In diesem Augenblick hörte er die 
Stimmen aus Zimmer Dreizehn, das erstmals seit sei-
ner Ankunft offen war. Er holte tief Luft, schloß sein 
Zimmer wieder auf, um sich den Rückzugsweg of-
fenzuhalten, und näherte sich vorsichtig der Tür des 
Nebenraums. 

Die Stimmen gehörten Delgado und Valentine. 

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Murray hatte nichts anderes erwartet. Eigenartiger 
war nur, daß diesmal Valentine im Befehlston sprach, 
während Delgados Stimme fast unterwürfig klang. 

»Das Mädchen ist nicht in seinem Zimmer«, stellte 

Valentine fest. »Wo steckt es?« 

»Ich ... ich weiß nicht.« Delgado war offenbar ner-

vös. »Vielleicht draußen im Park?« 

»Unsinn! Ich weiß, wer das Haus verläßt oder 

betritt. Nein, es muß irgendwo hier sein.« 

»Kommt kein doppeltes Signal aus Idas Zimmer?« 
»Heather ist nicht dort. Das verdanken wir diesem 

Douglas! Sie hätte schon vor vier Nächten auf unsere 
Beeinflussung reagieren müssen, aber ihr Tonband ist 
nie gelaufen.« 

»Wir müssen etwas wegen Douglas unternehmen«, 

stellte Delgado fest. »Äh ... kann sie nicht in seinem 
Zimmer sein?« 

»Woher soll ich das wissen?« knurrte Valentine. 

»Der Kerl ist zu mißtrauisch. Was hilft uns der Detek-
tor im Fernsehgerät, wenn er es zur Wand dreht? Ich 
sehe schon den ganzen Abend nur die Wand seines 
Zimmers.« 

»Aber er weiß nichts«, murmelte Delgado. »Er hat 

nur einen Verdacht. Wir könnten ihn zum Schweigen 
bringen ...« 

»Zu spät«, warf Valentine ein. »Er hat heute abend 

mit seinem Agenten in London telefoniert; er will fort 

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und hat Garrigue erwähnt. Der andere hat ihm ge-
glaubt und von Léa Martinez erzählt. Erinnerst du 
dich noch an Léa?« Seine Stimme war schärfer ge-
worden. 

»Aber niemand hat ihr ein Wort geglaubt!« wider-

sprach Delgado. »Jetzt sitzt sie in einer dieser primiti-
ven Nervenheilanstalten und ist vielleicht wirklich 
übergeschnappt.« Er versuchte zu lachen, aber der 
Versuch mißlang. 

»Zu spät. Er will fort. Du und deine indirekten Me-

thoden!« 

»Aber er ist noch hier, nicht wahr? Wir können di-

rektere Methoden verwenden. Es ist nicht zu spät.« 
Delgado widersprach aufgeregt. 

»Doch! Er hat seinem Freund mitgeteilt, er wolle 

gehen, und dieser Mann soll Nachforschungen anstel-
len, wenn er morgen nicht in London ankommt.« 

»Das läßt sich umgehen!« versicherte Delgado eif-

rig. »Wir können ein Band für ihn herstellen, das ihm 
suggeriert, weshalb er doch lieber bleiben will. Das 
macht auf seinen Freund bestimmt um so mehr Ein-
druck.« 

»Meinetwegen soll er verschwinden«, entschied 

Valentine gelassen. »Er führt sich schlimmer als Léa 
auf.« 

»Aber das ist ausgeschlossen!« jammerte Delgado. 

»Was wird dann aus dem Stück? Er spielt eine 

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Hauptrolle, und wenn er geht, haben die anderen 
vielleicht auch keine Lust mehr. Dann sind wir rui-
niert!« 

»Das Stück geht mich nichts an«, stellte Valentine 

ungerührt fest. »Im Augenblick mache ich mir wegen 
Heather Sorgen. Sie ist gutes Material, und ich möch-
te sie nicht verlieren.« 

»Douglas auch!« Delgado wurde noch aufgeregter. 

»Wir haben das erste Band ausgewertet, und du hast 
selbst zugegeben, daß er für unsere Zwecke sehr gut 
geeignet wäre!« 

»Aber das Band ist nur einmal gelaufen, nicht 

wahr?« antwortete Valentine scharf. »Ich will jetzt 
wissen, wo das Mädchen steckt. Wir suchen jetzt in 
den Räumen ohne Detektor nach Heather; wenn sie 
dort nicht zu finden ist, müssen wir bei Douglas 
nachsehen. Und dann können einige Leute sich auf 
ein Donnerwetter gefaßt machen, Delgado! Das war 
nicht das vereinbarte Erlebnis, was?« 

Murray durfte nicht länger zuhören. Die beiden 

Männer konnten jeden Augenblick im Korridor er-
scheinen. Er eilte lautlos in sein Zimmer zurück, 
schloß die Tür hinter sich und holte tief Luft. Dann 
näherte er sich dem Bett und zupfte Heather am Är-
mel. 

»Heather!« flüsterte er ihr ins Ohr. »Wach auf! Los, 

wach endlich auf!« 

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Sie bewegte sich nur etwas und stöhnte dabei leise. 

Murray ging ans Waschbecken und kam mit einem 
nassen Handtuch zurück, das er ihr auf die Stirn leg-
te. 

»Wach auf! Delgado sucht nach dir – du mußt dich 

verstecken!« 

»Was?« Sie öffnete langsam die Augen. »Laß mich 

in Ruhe, ja? Ich will schlafen.« 

»Du mußt dich verstecken! Delgado ist hinter dir 

her!« 

»Was?« Heather war plötzlich hellwach; sie richtete 

sich auf und starrte Murray an. »O Gott!« flüsterte sie 
dann. »Jetzt erinnere ich mich wieder! Murray, du 
verdammter ...« Sie sprach nicht weiter, als ihr auffiel, 
daß sie völlig bekleidet war. 

»Hör zu!« flüsterte Murray eindringlich. »Ich habe 

dir nichts ins Glas getan, verstanden? Der Fruchtsaft 
war für mich bestimmt. Das war Delgados Idee.« 
Oder Valentines – aber dafür hatten sie jetzt keine 
Zeit. »Er sucht nach dir, und du mußt dich verstek-
ken.« 

Heather warf ihm einen verständnislosen Blick zu. 

Murray konnte sich vorstellen, welche Fragen ihr auf 
der Zunge lagen, deshalb sprach er rasch weiter. 

»Ich kann dir nicht alles auf einmal erklären«, stell-

te er fest. »Aber ich verschwinde morgen früh, und 
wenn du schlau bist, kommst du mit. Sonst findest du 

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dich in Idas Bett wieder, ohne etwas dagegen tun zu 
können.« 

»Ida? Nein, ausgeschlossen! Ich wollte dich nicht 

fragen, ob ich mich mit ihr einlassen soll oder nicht. 
Ich wollte nur wissen, wie ich sie mir vom Hals schaf-
fen kann.« 

»Du könntest dich nicht dagegen wehren«, versi-

cherte Murray ihr. »Aber das hat alles Zeit bis später! 
Du mußt dich verstecken.« Er sah sich nach einem 
geeigneten Platz um und deutete auf den Kleider-
schrank. »Hinein mit dir!« 

Heather schrak zusammen. »Murray, ich ... ich 

kann nicht«, sagte sie leise. »Ich leide an Klaustro-
phobie. Ich müßte schreien!« 

»Aber ...« 
»Unmöglich! Ich könnte mich nicht beherrschen«, 

beteuerte sie. 

»Ausgerechnet ...«, murmelte er und ließ enttäuscht 

die Hände sinken. 

»Was ist daran so schlimm, Murray?« fragte sie. 

»Du kannst die Tür abschließen, nicht wahr?« 

»Ich bezweifle sehr, daß sie sich von einem einfa-

chen Türschloß aufhalten lassen«, antwortete Murray 
niedergeschlagen. »Nun, dann müssen wir ihnen 
eben entgegentreten. Das wird eine verdammt unan-
genehme Sache! Es sei denn, wir ...« 

Er sprach nicht weiter. Ihm war eingefallen, daß 

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Valentine davon gesprochen hatte, dies sei nicht das 
vereinbarte Erlebnis gewesen. Er verstand nicht recht, 
was damit gemeint war – aber offenbar hatte Delgado 
es als Drohung aufgefaßt. 

»Es sei denn?« fragte Heather nach einer kurzen 

Pause. 

»Es sei denn, wir können sie täuschen!« Murray 

schaltete das Licht aus. »Keine Widerrede, um Gottes 
willen. Zieh dich aus und laß die Kleidungsstücke 
dort drüben auf dem Sessel liegen, wo sie von der 
Tür aus gut zu sehen sind.« Er machte in fieberhafter 
Eile das Bett, während er sprach. 

»Murray ...«, sagte Heather mit schwacher Stimme. 
»Du brauchst keine Angst zu haben!« flüsterte 

Murray eindringlich. »Ich habe vorhin gehört, daß 
Delgado dich in Idas Bett, aber in keinem anderen se-
hen will. Das klingt verrückt – aber die ganze Sache 
ist nicht normal. Auf diese Weise hat er wenigstens 
Grund zur Sorge. Bitte!« 

Heather nickte wortlos, zog sich rasch aus und 

warf ihre Kleidungsstücke über den Sessel. Dann 
streckte sie sich unter der Bettdecke aus. Murray ließ 
Schuhe, Hose und Pullover am Bettende zurück und 
legte Hemd und Krawatte auf den Sessel neben Hea-
thers Sachen. Er kletterte von der anderen Seite her 
ins Bett. Heather rückte etwas nach links, um ihm 
Platz zu machen. 

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»Bleib liegen«, flüsterte er ihr zu. »Stell dich schla-

fend, wenn sie an die Tür kommen. Horch! Das sind 
sie schon!« 

Draußen waren leise Schritte zu hören. Murray 

drehte sich auf die Seite und hoffte nur, daß es ihm 
gelingen würde, sich überzeugend schlafend zu stel-
len. 

Die Schritte kamen näher. Heather drängte sich 

plötzlich an Murray; er spürte ihre Haut warm und 
weich an seinem Rücken. Nun wirkten sie tatsächlich 
wie ein Liebespaar, während sie darauf warteten, daß 
die Tür geöffnet wurde. 

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21 

 
 

Murray hatte den Schlüssel im Schloß gelassen, um 
zu verhindern, daß sie mit einem einfachen Nach-
schlüssel geöffnet wurde. Aber die Eindringlinge wa-
ren offenbar nicht auf dergleichen primitive Metho-
den angewiesen. Murray öffnete die Augen vorsich-
tig einen Spalt breit, als er hörte, daß die Tür geöffnet 
wurde; im Zimmer war es jedoch völlig dunkel, und 
im Korridor brannte ebenfalls kein Licht mehr. Valen-
tine

 

und

 

Delgado

 

kamen

 

fast

 

lautlos

 

näher

 

und

 

holten

 

erschrocken

 

Luft,

 

als

 

sie

 

erkannten,

 

wer

 

im

 

Bett

 

lag. 

Nicht das vereinbarte Erlebnis. 
Murray hatte keine Ahnung, was darunter zu ver-

stehen war, aber er überlegte sich, daß er den beiden 
zu einem weiteren Erlebnis verhelfen konnte, mit 
dem sie nicht rechneten. Er hörte, daß sie auf die an-
dere Seite des Betts gegangen waren. Als er nun aus 
dem Bett glitt, war er der Tür näher als die beiden 
Männer; er erreichte sie, während Valentine und Del-
gado noch wie gelähmt waren, schloß sie und schalte-
te fast gleichzeitig das Licht ein. 

Heather drehte sich im Bett um und schien aus tie-

fem Schlaf zu erwachen. Ihre gespielte Überraschung 
machte echtem Erstaunen Platz, als sie erkannte, was 
Murray bereits gesehen hatte. 

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Delgado

 

und

 

Valentine

 

waren

 

maskiert.

 

Das

 

war

 

der

 

erste

 

Eindruck;

 

sie

 

trugen

 

schwarze

 

Brillen

 

mit

 

riesigen

 

Gläsern,

 

und

 

ein

 

weiteres

 

Objektiv

 

mitten

 

auf

 

ihrer

 

Stirn

 

wirkte

 

wie

 

ein

 

drittes

 

Auge.

 

Murray

 

hatte

 

noch

 

nie

 

eine

 

derartige

 

Brille

 

gesehen,

 

aber

 

er

 

konnte

 

sich

 

ihren

 

Verwendungszweck

 

vorstellen:

 

Die

 

beiden

 

Männer

 

trugen

 

sehr

 

kompakte

 

Nachtsehgeräte,

 

und

 

das

 

›dritte

 

Auge‹ war der dazugehörige Infrarotscheinwerfer. 

Valentine hielt in der linken Hand einen Gegen-

stand, der schwerer zu identifizieren war. Murray er-
kannte nur einen länglichen Kasten von etwa fünf-
zehn Zentimeter Seitenlänge und fünf Zentimeter 
Breite. An der Vorderseite war ein offenes Gitter an-
gebracht Valentine steckte den Kasten sofort in die 
Tasche, bevor Murray ihn näher betrachten konnte. 

»Okay«, sagte Murray nach einer Pause, »was ha-

ben Sie in meinem Zimmer zu suchen?« 

Delgados Selbstbeherrschung war verflogen; er er-

innerte kaum noch an den arroganten Autor, den 
Murray gekannt hatte. Im Gegensatz dazu machte 
Valentine keinen Versuch, eine Ausrede oder Ent-
schuldigung zu finden. 

»Delgado!« fuhr er seinen Begleiter an. »Du hast 

ihn beobachtet. Was wird er vermutlich tun?« 

»Äh ...« Delgado nahm seine Brille ab. »Wahr-

scheinlich ... äh ... ruft er die anderen, damit sie uns 
hier sehen, nehme ich an.« 

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»Wie viele Unbeeinflußbare sind noch übrig?« 
»Aufhören!« unterbrach Murray sie. »Heather, 

Delgado hat einen guten Vorschlag gemacht. Hier!« 
Er warf ihr seinen Bademantel zu. »Du mußt Sam 
Blizzard aufwecken und herholen. Weißt du, in wel-
chem Zimmer er schläft?« 

»Ja«, flüsterte Heather, zog sich den Bademantel an 

und verließ barfuß das Zimmer. 

Valentine ließ sich nicht anmerken, ob Blizzard tat-

sächlich zu den ›Unbeeinflußbaren‹ gehörte, aber 
Murray vertraute darauf. Die beiden Männer schie-
nen sich mit ihrem Schicksal abgefunden zu haben, 
und das störte ihn. 

»Was soll das Schweigen?« fragte er spöttisch. 

»Überlegen Sie sich eine gute Story?« 

Valentine sah zu Delgado hinüber. Offenbar wollte 

er ihn auffordern, in der Öffentlichkeit wieder die be-
herrschende Rolle zu spielen. Delgado war jedoch zu 
aufgeregt, um diesen Wink zu verstehen. 

»Das gefällt Ihnen nicht, was?« fuhr Murray fort. 

»Dieses Erlebnis war wohl nicht vereinbart?« 

Selbst Valentine erschrak sichtlich; Delgado wurde 

leichenblaß. »Was haben Sie eben gesagt?« stieß er 
hervor. 

»Ruhig!« fuhr Valentine ihn an. 
»Aha! Langsam machen Sie sich auch Sorgen, nicht 

wahr?« Murray lächelte zufrieden. »Dachten Sie et-

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wa, ich sei ein zweiter Jean-Paul Garrigue? Aber Sie 
haben sich getäuscht! Und ich bin nicht so hilflos wie 
Léa Martinez.« 

Delgado sah zu Valentine hinüber. »Wir müssen 

ihn zum Schweigen bringen!« rief er aus. »Er darf 
nicht länger ...« 

»Halt den Mund!« knurrte Valentine. »Auf diese 

Weise erfährt er erst alles. Vorläufig kann er noch 
nichts wissen.« 

»Nein?« fragte Murray. »Und warum habe ich die 

Tonbänder unbrauchbar gemacht und den Fernseh-
apparat zur Wand gedreht?« 

Delgado zuckte zusammen. 
»Immer mit der Ruhe«, mahnte Valentine. »Er 

blufft nur. Er will uns hereinlegen; wir sollen glau-
ben, er wisse alles.« 

Murray hätte beinahe zustimmend gelächelt. Er 

beherrschte sich rechtzeitig und fragte sich dann, 
warum Heather nicht endlich mit Sam Blizzard zu-
rückkam. 

»Sie haben einen entscheidenden Fehler gemacht«, 

sagte er zu den beiden Männern, um die Wartezeit 
etwas zu verkürzen, »Sie wissen nichts über mich. Sie 
sind so an Ihre Detektoren und Tonbänder und ande-
re Geräte gewöhnt, daß Sie vergessen haben, was sich 
mit gesundem Menschenverstand erreichen läßt. 
Delgado hat Sam Blizzard getäuscht, aber ich habe 

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mich nie von ihm täuschen lassen. Mir ist schon bald 
klar geworden, daß ihm nichts an dem Stück liegt; er 
legte es nur darauf an, andere zu korrumpieren.« 

»Aber wer mit jungen Mädchen ins Bett geht, kor-

rumpiert sie nicht, was?« meinte Valentine sarka-
stisch. 

»Das war nur eine Falle für Sie und Delgado«, er-

klärte Murray ihm. »Und Sie sind sofort darauf he-
reingefallen, wie ich sehe.« 

Hinter ihm wurde an die Tür geklopft. Die Span-

nung ließ nach. 

»Jetzt haben Sie Gelegenheit, alles zu erklären«, 

stellte Murray fest und öffnete die Tür. »Herein zu 
mir, Heather!« 

Sie kam herein. Aber nicht freiwillig. Murray hatte 

so sicher damit gerechnet, daß Blizzard sie begleiten 
würde, daß er im ersten Augenblick nicht erkannte, 
was wirklich geschehen war. Dann erschrak er so 
sehr, daß seine Aufmerksamkeit für einige Sekunden 
erlahmte, und Valentine nützte diese Gelegenheit. 
Murray wußte nicht, womit der andere zugeschlagen 
hatte – vermutlich mit dem Kasten, den er vorhin so 
rasch versteckt hatte. 

Bevor Murray zu Boden ging, sah er noch, daß ei-

ner der schwarzgekleideten Diener, dessen Namen er 
nie erfahren hatte, Heathers Arme hinter ihrem Rük-
ken festhielt, während seine andere Hand vor ihrem 

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Mund lag. Dann kam ihm der Boden entgegen; er 
war nur kurze Zeit bewußtlos, aber als er wieder 
aufwachte, war er zu keiner Bewegung fähig. 

»Ich wollte Blizzards Tonband auswechseln«, be-

richtete der ›Diener‹ eben, »als das Mädchen an die 
Tür kam. Ich habe Blizzards Stimme imitiert und es 
hereingelassen. Da es bereits vor der Tür gesagt hatte, 
was es wollte, habe ich es lieber mitgebracht.« 

»Ausgezeichnet, Walter«, lobte Valentine ihn. »Das 

erspart uns viel Mühe.« 

»Aber was sollen wir jetzt tun?« Delgado hatte sei-

nen Schock offenbar noch nicht überwunden. »Valen-
tine, du hast mir selbst erzählt, daß Douglas seinem 
Freund versprochen hat, morgen früh abzureisen!« 

»Ich weiß«, wehrte Valentine ungeduldig ab, »und 

ich bin jetzt der Meinung, daß wir ihn nicht einfach 
laufenlassen können. Wir müssen herausbekommen, 
woher er seine Informationen bezogen hat. War sonst 
alles in Ordnung, Walter?« 

»Ja, soviel ich weiß. Blizzard war doch der einzige, 

der ein neues Band bekommen sollte?« 

»Richtig, aber das ist nicht mehr so dringend. Wir 

haben in seinem Fall irgend etwas übersehen; das hat 
jedoch Zeit bis später. Manuel!« 

»Ja?« fragte Delgado zögernd. 
»Du machst dich sofort an die Arbeit und stellst ein 

Konzenband für das Mädchen her. Am Anfang muß 

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ein Löscher stehen, damit es endlich aufhört, das Tri-
plem zu seinem Tonbandgerät zu zerschneiden. Wal-
ter, du gibst ihm ein Schlafmittel. Bis morgen früh 
muß der Impuls verankert sein.« 

»Ist das nicht gefährlich?« warf Walter ein. »Das 

kann seine ganze Persönlichkeit durcheinanderbrin-
gen.« 

»Der Impuls braucht nicht lange vorzuhalten. Au-

ßerdem haben wir größere Sorgen. Ich komme zu dir, 
Manuel, sobald ich meinen Rundgang gemacht habe, 
und helfe dir, ein Band für Douglas herzustellen. Wir 
müssen eine plausible Erklärung für sein Hierbleiben 
erfinden. Los, an die Arbeit!« 

Die Tür wurde geöffnet und schloß sich wieder. 

Murray versuchte seine Gedanken zu ordnen. Wörter 
wie ›Konzenband‹ oder ›Triplem‹ bedeuteten ihm 
nichts; er ahnte nur, daß diese Männer imstande wa-
ren, das menschliche Gehirn fast beliebig zu beein-
flussen. 

»Was ist eigentlich passiert?« fragte Walter, als die 

Tür sich hinter Delgado geschlossen hatte. 

Valentine schilderte die Ereignisse der letzten 

Stunde. Dann fügte er hinzu: »Irgend jemand muß 
unvorsichtig gewesen sein, das habe ich Manuel auch 
schon gesagt. Douglas blufft keineswegs nur; er hat 
einiges herausbekommen. Wir haben viel Arbeit vor 
uns, wenn wir alle seine Erinnerungen löschen wol-

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len, die sonst zufällig wieder an die Oberfläche 
kommen könnten ... Nun, wir müssen es aber tun, 
wenn wir dieses Projekt nicht ganz aufgeben wollen. 
Hilf mir, ihn aufs Bett zu legen. Wahrscheinlich hat er 
das Triplem wieder von der Matratze gerissen, aber 
das macht nichts – ich habe die Konditionierer bei 
mir, und er funktioniert vielleicht noch, obwohl ich 
ihn Douglas auf den Kopf geschlagen habe.« 

Murray sammelte seine Kräfte, streckte die Hand 

aus und tastete nach dem ersten Ding, das in Reich-
weite war. Als die beiden Männer sich bückten, um 
ihn aufs Bett zu heben, riß er mit aller Kraft daran 
und spürte, daß irgend etwas nachgab. 

»Verdammt, ich dachte, er sei bewußtlos«, sagte 

Valentine gelassen. »Der alte Säufer ist überraschend 
zäh, was?« 

Sein Fuß traf Murrays Hand, und Murray ließ das 

Kabel des Fernsehgeräts los, an dem er gezogen hatte. 
Vielleicht hatte er damit wieder etwas beschädigt. Er 
konnte nicht darauf hoffen, aber wenn er Valentines 
Bemerkungen richtig deutete, war dies vielleicht die 
letzte Gelegenheit gewesen, etwas aus dem freien 
Willen zu tun. 

»Augenblick«, hörte er Walter sagen, »heute fehlt 

sogar das Tonband.« 

»Wahrscheinlich hat er es wieder aus dem Fenster 

geworfen«, seufzte Valentine. »Am besten holst du 

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gleich eine neue Spule von Manuel. Ich brauche eine 
ziemlich lange Aufzeichnung von Douglas, bevor ich 
anfangen kann, seine Erinnerungen zu löschen.« 

»Wird gemacht.« Walter ging zur Tür. 
Murray versuchte seine Kräfte zu sammeln. Wenn 

er aufspringen konnte, während Valentine allein im 
Zimmer war ... 

»Ist etwas nicht in Ordnung?« fragte Valentine 

scharf. 

»Ja«, antwortete Walter laut. »Ich rieche etwas. 

Rauch!« 

»Ein Feuer?« erkundigte Valentine sich ängstlich. 

»Sieh in Nummer Dreizehn nach!« 

Eine Tür wurde geöffnet, dann rief Walter er-

schrocken: »Das reinste Inferno! Douglas muß einen 
Kurzschluß verursacht haben! Ich habe Manuel ge-
sagt, er ...« 

»Laß das jetzt! Weck Victor auf! Beeil dich – diese 

alten Häuser brennen wie Zündholzschachteln ab!« 

»Aber was ...?« 
»Die anderen sollen selbst sehen, wie sie zurecht-

kommen! Ich habe jedenfalls keine Lust, im Haus zu 
bleiben und lebendig gebraten zu werden! Aus dem 
Weg, verdammt noch mal!« 

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22 

 
 

Jetzt roch auch Murray, daß irgendwo Gummi ver-
schmorte. Dieser Geruch brachte ihn auf die Beine. 
Der Raum drehte sich vor seinen Augen; er mußte 
sich am Bett festhalten. Dann sah er Heather in dem 
Sessel am Fenster kauern. Der halbe Ärmel ihres Ba-
demantels fehlte; sie war damit geknebelt worden. 
Ihre Arme waren mit Murrays Krawatte gefesselt, um 
die Knöchel war sein Gürtel geschlungen. Heather 
stampfte mit den Füßen auf, als wolle sie ihn auf sich 
aufmerksam machen, weil er nicht gleich zu ihr kam. 
Aber Murray suchte noch nach seinem Taschenmes-
ser. Als er es endlich gefunden hatte, zerschnitt er 
damit ihre Fesseln und half ihr auf die Beine. 

»Weck sofort die anderen auf!« befahl er ihr heiser. 

»Zieh dich nicht erst um. Schnell!« 

Heather nickte, schlüpfte nur rasch in ihre Schuhe 

und eilte hinaus. 

Murray stolperte ans Waschbecken und drehte das 

kalte Wasser auf. Er ließ es sich über den Kopf laufen, 
aber die Kopfschmerzen blieben. Er sprach mit sei-
nem Spiegelbild, das er nur undeutlich erkannte. 

»Ich muß irgendeinen Beweis mitnehmen. Zumin-

dest das Tonband. Oder den Kasten, den Valentine 
zurückgelassen hat ... He!« 

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Er hatte sich unbeabsichtigt gegen die Wand über 

dem Waschbecken gestützt, und sein langsam funk-
tionierendes Gehirn hatte so lange gebraucht, um auf 
die Empfindung zu reagieren, die seine Nerven über-
trugen. 

Die Wand war heiß! Und dahinter lag Zimmer 

Dreizehn – mit Delgado! 

Murray dachte an nichts anderes mehr. Er lief in 

den Korridor hinaus. Heather kam ihm schluchzend 
entgegen. 

»Ich kann niemand aufwecken, Murray! Alle liegen 

wie tot in ihren Betten!« 

»Noch mal! Gib dir Mühe! Wenn sie nicht aufwa-

chen, werfen wir sie aus den Fenstern. Hier haben sie 
nicht die geringste Chance!« 

Er deutete auf die Tür zu Zimmer Dreizehn, unter 

der bereits dichter Rauch hervorquoll. 

»Delgado ist noch immer dort drin. Valentine ist 

mit den beiden anderen verschwunden, und wir ho-
len sie vielleicht nie ein – aber wenn wir Delgado 
festhalten können, haben wir immerhin einen Mann, 
der unsere Fragen beantworten kann!« 

Heather eilte davon, und Murray öffnete die Tür 

des Zimmers. 

Walter hatte recht gehabt, als er von einem Inferno 

sprach. Der Kurzschluß des Kabels hatte einen Licht-
bogen erzeugt. Es stank nach Ozon, und in Fenster-

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nähe rief irgend etwas noch immer einen Funkenre-
gen hervor. Gleichzeitig schlugen an mehreren Stel-
len Flammen empor. Als Murray die Tür öffnete, ex-
plodierte etwas; er duckte sich instinktiv und spürte 
heiße Glassplitter auf der bloßen Haut. Er war nur 
mit Unterhemd und Unterhose bekleidet, und die 
Hitze schlug ihm entgegen, als stehe er vor einem 
Hochofen. 

Er hatte keine Zeit, die elektronischen Geräte zu 

untersuchen, die der Raum enthielt, sondern stürzte 
auf Manuel Delgado zu, der an seinem Arbeitsplatz 
zusammengesunken war. Irgend etwas bohrte sich in 
seine Ferse und ließ ihn zusammenzucken – wahr-
scheinlich ein glühendheißer Glassplitter. Aber Mur-
ray achtete weder darauf noch auf die Hitze und den 
Rauch, sondern griff nach Delgado und brachte es ir-
gendwie fertig, ihn sich über die Schulter zu legen. 
Als er zur Tür schwankte, kam es erneut zu einer hef-
tigen Explosion. Murray erinnerte sich daran, daß es 
besser war, die Tür zu schließen, weil sonst dem Feu-
er mehr Sauerstoff zugeführt wurde. Er zog sie hinter 
sich zu. 

»Murray!« 
Heather kam aus einem anderen Zimmer – Idas, 

wenn er sich recht erinnerte – und stolperte auf ihn 
zu. 

»Murray, ich kann niemand wecken! Ich habe geru-

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fen und sie geohrfeigt und ... und ... o Gott, Murray, 
ich kann nicht!« 

»Geh in die Halle hinunter«, befahl Murray ihr und 

wankte selbst zur Treppe. »Das Telefon steht in Bliz-
zards Büro. Ruf die Feuerwehr, Krankenwagen, einen 
Arzt und die Polizei an. Alle sollen sofort kommen. 
Der Seitenflügel steht wahrscheinlich nicht mehr lan-
ge, aber vielleicht ist das Hauptgebäude zu retten.« 

Er erreichte die Treppe und bückte sich, um seine 

Last zu Boden gleiten zu lassen. Delgado rutschte wie 
eine Puppe über die Stufen hinab und blieb auf dem 
ersten Treppenabsatz liegen. 

Auch

 

das

 

würde

 

er

 

überleben,

 

entschied

 

Murray

 

zy-

nisch,

 

falls

 

er

 

noch

 

gelebt

 

hatte,

 

als

 

er

 

aus

 

Zimmer

 

Drei-

zehn

 

herausgeholt

 

worden

 

war.

 

Seine

 

Haare

 

waren

 

versengt,

 

und

 

er

 

schien

 

mehrere

 

Brandwunden

 

an

 

Ar-

men

 

und

 

Beinen

 

zu

 

haben.

 

Aber

 

ein

 

guter

 

Arzt

 

würde

 

nicht

 

lange

 

brauchen,

 

um

 

ihn

 

wieder

 

zurechtzuflicken. 

»Los, geh schon ans Telefon!« befahl er nochmals 

und blieb nicht stehen, um festzustellen, ob Heather 
seinen Befehl ausführte. Statt dessen rannte er in den 
Korridor zurück. 

 

Nun begann eine Schreckenszeit, an die er sich nach-
träglich nie mehr ganz deutlich erinnern konnte. 
Murray glaubte einen Alptraum zu erleben, in dem er 
ständig Schmerzen hatte und eine Höllenvision vor 

background image

sich sah. Alles begann in Zimmer Zwölf, wo Adrian 
Gardner wie eine Wachsfigur in seinem Bett lag, als 
sei er einer der Untoten aus Dracula. Kein Wunder, 
daß Valentine und Delgado unvorsichtig geworden 
waren und sich nicht mehr darum gekümmert hatten, 
ob die Tür des Zimmers Dreizehn offenstand, wäh-
rend sie über ihre Geheimnisse sprachen. Da sie wuß-
ten, daß die meisten Bewohner des Hauses in diesem 
todähnlichen Schlaf lagen, waren sie verständlicher-
weise etwas leichtsinnig geworden. 

Murray betrat Adrians Raum mit der Absicht, den 

Draht von der Matratze zu reißen und ihn mit den 
Tonbandspulen aus dem Fenster zu werfen, um spä-
ter zusätzliche Beweise zu haben. Aber er gab dieses 
Vorhaben sofort auf, als er einen Fuß über die 
Schwelle gesetzt hatte. Zwischen den Bodenbrettern 
rauchte es bereits, und der beißende Qualm nahm 
Murray den Atem. Hinter der Wand zu Zimmer 
Dreizehn knackte und prasselte es laut. 

Murray riß die Decke vom Bett und schob und 

zerrte, bis Adrian einigermaßen im Gleichgewicht 
über seiner Schulter hing. In Zimmer Dreizehn kam 
es zu einem neuen Kurzschluß. Das Fernsehgerät in 
Ades Zimmer begann zu rauchen; dann schlugen die 
ersten Flammen an der Stelle empor, wo das schwar-
ze Kabel hinter der Fußbodenleiste verschwand. 

Murray schleppte Adrian zur Tür. Hinter ihm be-

background image

gann der Teppich zu qualmen. Das Zimmer füllte 
sich mit dichtem Rauch. Murray sah zu Zimmer 
Dreizehn hinüber; die Farbe an der Tür warf bereits 
Blasen vor Hitze. 

Er hatte eben Adrian die Treppe hinabrutschen las-

sen, als der Boden unter seinen Füßen heftig 
schwankte. Irgend etwas krachte und zersplitterte, 
und Murray stellte sich vor, wie die schweren Geräte 
im Zimmer Dreizehn durch den Fußboden gebrochen 
waren. Und darunter lag die Bühne mit den brennba-
ren Vorhängen! Sobald das Feuer sich dort ausbreite-
te, war der erste Stock nur noch durch eine dünne 
Decke von einem wirklichen Inferno getrennt. Mur-
ray versuchte die nächste Tür zu öffnen – Constants, 
der in Nummer Elf schlief. 

Der Kerl hatte seine Tür abgeschlossen. 
Murray drehte sich um und hielt nach einem 

Werkzeug Ausschau, mit dem er die Tür aufbrechen 
konnte; er wußte, daß er nicht mehr Kraft genug be-
saß, um das Schloß mit roher Gewalt zu sprengen. Er 
sah einen geschnitzten Stuhl aus Eichenholz zwischen 
zwei Türen stehen. Mit Hilfe dieses Stuhls gelang es 
ihm, die Tür aufzubrechen. Zum Glück handelte es 
sich um eine Tür moderner Bauart, so daß er nur 
zwei Sperrholzschichten zu zertrümmern hatte. 

Bis er Gerry aus Zimmer Zehn zur Treppe ge-

schleppt hatte, war kein Zweifel mehr daran möglich, 

background image

daß nun auch das Theater in Flammen stand. Der 
Fußboden unter seinen bloßen Füßen war heiß; über-
all quollen dichte Rauchschwaden aus den Zimmern. 
Die Tür zu Nummer Dreizehn war bereits vor einiger 
Zeit ein Raub der Flammen geworden, und Murray 
hörte überall Fensterscheiben bersten. Der Boden 
schwankte nochmals und blieb schräg. Oder war das 
nur eine Illusion? Murray bildete sich ein, in jeder 
Richtung eine Steigung überwinden zu müssen. 

»Danke«, murmelte er und merkte erst dann, daß 

tatsächlich jemand in seiner Nähe war. Heather half 
ihm, Ida zur Treppe zu tragen. Auch Ida war leichen-
blaß; ihre Blässe trat noch deutlicher hervor, weil sie 
ein schwarzes Nylonnachthemd trug. 

Murray und Heather brachten es irgendwie fertig, 

den vom Feuer am meisten bedrohten Seitenflügel zu 
räumen. Die Treppe erinnerte jetzt an eine moderne 
Theaterkulisse; sie war mit Bewußtlosen übersät ... 

»Jetzt noch Sam!« flüsterte Murray heiser. Er spürte 

eine Hand auf seinem Arm. Ja, noch einer, aber nicht 
über dem brennenden Theater, sondern ganz vorn an der 
Treppe, wo weniger Gefahr bestand.
 

»Schon gut, schon gut ...« Aber das war nicht Hea-

ther! Murray kniff seine tränenden Augen zusammen 
und erkannte eine Gestalt in dunkler Kleidung mit 
blitzenden Knöpfen. Jemand mit einem Helm auf 
dem Kopf. 

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»Ich habe sie gebeten, alle Feuerwehren der nähe-

ren Umgebung zu alarmieren – und möglichst viele 
Ärzte und ...« 

Das war Heather. Murray sah sich langsam um. 

Die Gestalten auf der Treppe lagen noch immer un-
beweglich in gleicher Haltung wie zuvor. Aber unten 
in der Halle erschienen jetzt Männer mit Wasser-
schläuchen, und irgend jemand brüllte Befehle. Mur-
ray hatte nur noch eine Frage: Sind alle in Sicherheit? 

Er hörte wieder Heathers Stimme. »Er hat sie her-

ausgeholt. Murray hat sie herausgeholt. Ja, das sind 
alle!« 

Feuerwehrmänner. Wasserschläuche. Fenster werden 

von draußen eingeschlagen, anstatt durch die Hitze zu zer-
splittern. Hoffnung Hilfe. 

Murray vergaß alles, was hinter ihm lag. Er wollte 

sich am Treppengeländer festhalten, aber seine Finger 
glitten ab, und er hatte nichts unter den Füßen, wo er 
eine Stufe erwartet hatte. Dann hielt ihn jemand fest, 
bevor er fiel. Er sah ein besorgtes Gesicht unter einem 
dunklen Helm vor sich. 

Murray wurde bewußtlos. 

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23 

 
 

Murray Douglas kam nur langsam wieder zu sich 
und mußte eine bewußte Anstrengung machen, um 
seine Gedanken allmählich wieder unter Kontrolle zu 
bringen. Nachdem er das Bewußtsein zurückgewon-
nen hatte, war er mit seiner gegenwärtigen Lage zu-
frieden; er spürte eine rauhe Decke über sich, hatte 
ein zusammengerolltes Kleidungsstück als Kissen un-
ter dem Kopf und hörte den an- und abschwellenden 
Lärm, den Männerstimmen, aufheulende Motoren, 
Pumpen und prasselnde Flammen erzeugten. 

Dann sagte jemand besorgt neben ihm: »Hier ist er, 

Doktor. Er ... er ist einfach bewußtlos geworden.« 

Heathers Stimme. 
Eine

 

andere

 

Stimme,

 

eine

 

Männerstimme

 

mit

 

schot-

tischem

 

Akzent,

 

die

 

Murray

 

bekannt

 

vorkam,

 

antwor-

tete:

 

»Das

 

überrascht

 

mich

 

keineswegs,

 

junge

 

Frau!

 

Ich

 

habe

 

ihn

 

neulich

 

gesehen

 

und

 

war

 

entsetzt,

 

wirklich

 

entsetzt,

 

wieviel

 

älter

 

er

 

aussieht,

 

als

 

er

 

eigentlich

 

ist.« 

Dr. Cromarty. Der Name tauchte langsam aus 

Murrays Gedächtnis auf, und er zwang sich, die Au-
gen zu öffnen. Der Arzt stand tatsächlich vor ihm; er 
mußte sich in aller Eile angezogen haben, denn unter 
seinem Pullover war der gestreifte Kragen seines 
Schlafanzugs sichtbar. 

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»Wie geht es den anderen?« wollte Murray wissen. 

»Haben wir sie alle rechtzeitig herausgeholt?« 

Cromarty setzte sich seine Brille auf. Er warf Hea-

ther einen fragenden Blick zu und machte dann eine 
beruhigende Handbewegung. »Ja, Mister Douglas, 
den anderen geht es gut. Bleiben Sie jetzt ruhig lie-
gen, damit ich ...« 

»Ich meine nicht, ob sie Brandwunden davongetra-

gen haben!« unterbrach Murray ihn. Er richtete sich 
mühsam auf den Ellbogen auf. »Ich will wissen, wie 
es ihnen geht!« 

Cromarty

 

schüttelte

 

mißbilligend

 

den

 

Kopf

 

und

 

ver-

suchte

 

ihn

 

auf

 

die

 

Decke

 

zu

 

drücken.

 

Aber

 

Murray

 

schob

 

seine

 

Hand

 

ungeduldig

 

fort.

 

»Um

 

Himmels

 

wil-

len!«

 

rief

 

er

 

aus.

 

»Mir

 

fehlt

 

nichts.

 

Ich

 

bin

 

nur

 

von

 

der

 

Hitze und dem Rauch ohnmächtig geworden. Ich ...« 

»Deine Füße, Murray«, warf Heather ein. Er mach-

te eine Pause, weil er nicht sofort begriff, was sie 
meinte; dann sah er, daß sie recht hatte. Seine Fuß-
sohlen waren sehr empfindlich, aber das hatte Zeit 
bis später, denn vorläufig waren die Schmerzen noch 
erträglich. Viel wichtiger waren die Untoten, Delga-
dos ahnungslose Opfer, die er wie Leichen aus ihren 
Zimmern geschleppt und zur Treppe gebracht hatte. 

»Lassen Sie mich doch!« knurrte Murray und be-

freite sich mit einem Ruck aus Dr. Cromartys Griff. Er 
richtete sich auf. »Ich muß endlich wissen, was ...« 

background image

Er sprach nicht weiter, sondern sah sich um. Im 

Gras vor dem Hauptgebäude lagen säuberlich neben-
einander aufgereiht dunkle Gestalten. Zwei Feuer-
wehrwagen und andere Fahrzeuge beleuchteten die-
se Szene mit ihren Scheinwerfern. Uniformierte Män-
ner waren überall zu sehen. 

»Vorsicht an der zweiten Pumpe!« rief eine aufge-

regte Stimme. Fast im gleichen Augenblick stürzte 
hinter dem Haus etwas krachend in sich zusammen. 
Murray sah einen Funkenregen, der die Unterseite 
der gewaltigen Rauchwolke beleuchtete, die sich trä-
ge über den Himmel wälzte. 

Jetzt ist dort bestimmt nichts mehr zu finden, wo das 

Feuer gewütet hat ... 

Murray schloß kurz die Augen und bewahrte müh-

sam seine Selbstbeherrschung. Als der Einsturz ihn 
erschreckte, hatte er eine Frage stellen wollen. Jetzt 
erinnerte er sich wieder daran und drehte sich nach 
Dr. Cromarty um. »Krankenwagen«, sagte er. »War-
um sind keine Krankenwagen hier?« 

»Auf der Fernstraße hat es einen Unfall gegeben«, 

murmelte der Arzt. Ȇber zwanzig Verletzte und et-
liche Tote bei einem Busunglück. Aber die Wagen 
kommen so schnell wie möglich.« 

»Oh ...«, murmelte Murray enttäuscht und er-

schrocken. »Nun, haben Sie sich die Leute wenigstens 
schon angesehen?« 

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Cromarty fuhr sich mit dem Handrücken über die 

Stirn. »Ich bin erst seit einigen Minuten hier, wissen 
Sie. Die Feuerwehrmänner sind natürlich in Erster 
Hilfe ausgebildet und haben festgestellt, daß nie-
mand ernstliche Verbrennungen davongetragen hat. 
Diese junge Dame hat darauf bestanden, daß ich zu 
Ihnen ...« 

»Delgado?« fragte Murray laut. 
»Er scheint einen Schlag bekommen zu haben«, er-

klärte Heather, »aber er ist nicht schwer verletzt.« 

Murray nickte erleichtert und kam zu seiner ur-

sprünglichen Frage zurück. »Was fehlt diesen Leuten, 
Doktor? Sie schlafen nicht. Sie wirken leblos. Sie ... 
verdammt noch mal, überzeugen Sie sich doch 
selbst!« 

Er ging vier oder fünf Schritte weit auf den näch-

sten ›Untoten‹ zu und stellte beim letzten Schritt fest, 
daß die Brandwunden an seinen Füßen wesentlich 
schlimmer als erwartet sein mußten. Er schwankte 
und konnte sich kaum noch auf den Beinen halten. 
Zum Glück war Heather an seiner Seite geblieben 
und konnte ihn stützen. Cromarty folgte ihnen, öffne-
te seine schwarze Arzttasche und griff hinein. 

»Hier, junge Frau!« knurrte er und gab Heather ei-

ne Tube Salbe und zwei Mullbinden. »Bringen Sie 
diesen Idioten dazu, daß er sich ins Gras setzt, wäh-
rend Sie seine Füße verbinden, bevor Schmutz in sei-

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ne Brandwunden kommt. Ich versorge ihn später 
richtig, aber auf diese Weise hat er weniger Schmer-
zen.« 

Heather nickte schweigend, half Murray, der sich 

stöhnend niederließ, und holte die Decke, um sie ihm 
umzulegen. Murray achtete kaum darauf; er verfolgte 
Cromarty mit den Augen. Der Arzt ging von einer 
dunklen Gestalt zur anderen, blieb bei jeder kurz ste-
hen und kehrte langsam zurück. 

»Ich weiß nicht, was ich davon halten soll«, stellte 

er fest, »aber Sie haben gar nicht so unrecht gehabt, 
sie schlafen nicht und wirken trotzdem leblos. Diese 
armen Leute befinden sich in hypnotischer Trance.« 

»Wissen Sie das bestimmt?« erkundigte Murray 

sich. 

»Ganz bestimmt.« Cromarty räusperte sich verle-

gen. »Meine Praxis ist nicht sehr zeitraubend, und ich 
beschäftige mich in meiner Freizeit gern mit hypnoti-
schen Experimenten. Ich habe sogar schon werdende 
Mütter hypnotisiert – natürlich nur mit ihrem Einver-
ständnis –, und die Geburt war in jedem Fall 
schmerzlos.« 

»Ich dachte ...«, begann Heather und biß sich auf 

die Unterlippe. 

»Ja?« 
»Nun ... könnten sie nicht mit irgendeinem Mittel 

betäubt worden sein?« 

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»Möglich«, gab Dr. Cromarty zu. »Aber ich gehe 

jede Wette darauf ein, daß diese Leute hypnotisiert 
worden sind.« 

»Können Sie sie nicht aufwecken?« erkundigte 

Murray sich. 

Der Arzt schüttelte den Kopf. »Wenn der Hypnoti-

seur seine Sache verstanden hat, sind sie nicht an-
sprechbar.« 

»Bleiben sie etwa immer so?« fragte Heather er-

schrocken. 

»O nein!« versicherte Cromarty ihr. »Diese Trance 

geht allmählich in normalen Schlaf über, aus dem sie 
normal erwachen. Aber ...« 

»Ja?« sagte Murray. 
»Aber sie reagieren vielleicht auf posthypnotische 

Befehle«, fügte der Arzt langsam hinzu. »Und wenn 
wir nichts dagegen unternehmen, müssen die armen 
Leute sie auch gegen ihren Willen ausführen, sobald 
sie wieder wach sind.« 

Murray hatte oft genug erlebt, wie sich Versuchs-

personen benahmen, die auf der Bühne hypnotisiert 
worden waren. Er wußte, was Cromarty sagen wollte; 
wenn die hypnotischen Befehle nicht gelöscht wur-
den, bestand die Gefahr, daß die Betroffenen sich wie 
Geisteskranke aufführten. 

Bevor der Arzt weitersprechen konnte, hielt ein 

Streifenwagen hinter ihnen. Der Fahrer stieg aus und 

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hielt einem Mann in Zivil die Tür auf. Dieser Mann 
wechselte einige Worte mit den anwesenden Polizei-
beamten, erkannte dann Cromarty und kam auf ihn 
zu. 

»Morgen, Doktor!« sagte er. »Tut mir leid, daß ich 

so spät komme, aber heute nacht ist einiges los.« 

»Wann kommen die Krankenwagen?« wollte Cro-

marty wissen. 

»Wir haben dreizehn gebraucht, um die Verletzten 

von der Straße wegzubringen. Haben Sie schon da-
von gehört? Aber die Wagen laden nur aus und 
kommen so schnell wie möglich hierher. Was geht ei-
gentlich hier vor?« 

»Das wollte ich eben Mister Douglas fragen«, stell-

te Cromarty fest. »Mister Douglas – Chefinspektor 
Wadeward.« 

»Murray Douglas, der bekannte Schauspieler«, 

murmelte Wadeward nickend. »Ich habe schon ge-
hört, daß Sie hier mit einem Ensemble proben. Nun?« 

Murray fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. 

Heather hatte ihre Arbeit beendet und seine Füße 
verbunden. Jetzt hockte sie neben ihm im Gras, als sei 
sie zu erschöpft, um aus eigener Kraft aufzustehen. 

»Die ganze Sache ist so kompliziert, daß ich gar 

nicht weiß, wo ich anfangen soll.« Murray zögerte 
und versuchte seine Gedanken in eine logische Ord-
nung zu bringen. 

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»Sie könnten damit anfangen, daß Sie uns erklären, 

weshalb diese Leute alle hypnotisiert sind«, schlug 
Cromarty vor. 

»Haben Sie hypnotisiert gesagt?« Wadeward dreh-

te sich um und warf den bewegungslosen Gestalten 
im Gras einen ungläubigen Blick zu. »Ich ... nein, er-
zählen Sie mir erst mehr, bevor ich Fragen stelle!« 

»Sie wissen also bereits, weshalb wir hier zusam-

mengekommen sind?« fragte Murray. 

»Um ein neues Theaterstück zu erarbeiten«, ant-

wortete der Chefinspektor prompt. »Das hat in der 
hiesigen Zeitung gestanden. Es war offenbar eine 
wichtige Sache.« 

»Diese angeblich so wichtige Sache diente aller-

dings nur zur Tarnung«, erklärte Murray seinen Zu-
hörern. »Ich weiß noch jetzt nicht recht, was eigent-
lich beabsichtigt war, aber ich glaube, wir sollten alle 
völlig hysterisch gemacht werden. Und dann ...« 

Triplem. 
Konzenband. 
Das vereinbarte Erlebnis. 
Zwecklos. Spätestens hier wurde alles so undeut-

lich und verschwommen, als sehe er die Ereignisse 
durch die große Rauchwolke, die hinter dem Haus 
aufstieg. 

»Ich ... ich fange am besten ganz von vorn an«, 

murmelte er. 

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Dr. Cromarty und Chefinspektor Wadeward hör-

ten mit wachsendem Erstaunen von Trois Fois à la 
Fois
, von Jean-Paul Garrigues Selbstmord, von Léa 
Martinez, die in eine Nervenheilanstalt eingeliefert 
werden mußte, und von Claudette Myrin, die ver-
sucht hatte, ihre kleine Tochter zu ermorden. Wade-
ward konnte plötzlich nicht länger schweigen. 

»Aber hat denn niemand etwas gegen diesen Ver-

rückten unternommen?« wollte er wissen. »Man kann 
doch nicht einfach zusehen, wie Unschuldige im Na-
men der Kunst verfolgt und ruiniert werden! Ob Ge-
nie oder nicht – das ist ungeheuerlich und hätte 
längst unterbunden werden müssen!« 

»Delgado ist so gerissen, daß man seine Behand-

lungsweise aus eigener Anschauung kennen muß, 
um sie für möglich zu halten«, stellte Murray fest. 
»Ich weiß selbst nicht, weshalb wir ihm nicht zum 
Opfer gefallen sind. Wahrscheinlich haben wir ein-
fach Glück gehabt.« 

»Nein, nicht nur das«, widersprach Heather ener-

gisch. »Du warst einfach zu zäh für ihn, Murray.« 

»Schmeichelhaft, aber leider nicht wahr«, erwiderte 

Murray seufzend. »Nun, schon am ersten Abend ...« 

Murray erzählte von den Tonbandgeräten unter ih-

ren Betten, von den seltsamen Metallstäben über der 
Bühne, von umgebauten Fernsehgeräten und von den 
seltsamen Apparaten in Zimmer Dreizehn. Er er-

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wähnte Delgados Empfindlichkeit, wenn diese Dinge 
zur Sprache gebracht wurden. Er sprach davon, daß 
selbst Lester Harkham plötzlich alles Interesse an den 
geheimnisvollen Apparaten verloren hatte. Er berich-
tete, daß die Fruchtsaftdosen in seinem Zimmer au-
ßer Saft auch Alkohol enthalten hatten, um ihn wie-
der zum Trinker zu machen. Er wiederholte das Ge-
spräch zwischen Valentine und Delgado, fügte hinzu, 
was er später gehört hatte, als Valentine und Walter 
ihn für bewußtlos hielten, und ... und ... 

Wadeward

 

schüttelte

 

schließlich

 

den

 

Kopf

 

und

 

gab

 

zu:

 

»Ich

 

weiß

 

einfach

 

nicht,

 

was

 

ich

 

daraus

 

machen

 

soll.

 

Werden

 

Sie

 

daraus

 

schlau,

 

Doktor?

 

Ich

 

kann

 

diesen

 

›Butler‹

 

und

 

seine

 

beiden

 

Mitverschwörer

 

höchstens

 

wegen

 

Rauschgifthandels

 

suchen

 

lassen.

 

Vielleicht

 

können

 

wir

 

ihnen

 

noch

 

Kuppelei

 

vorwerfen,

 

aber

 

das

 

ist schon alles. Oh, tut mir leid, junge Dame!« 

»Ich glaube«, flüsterte Heather, ohne ihn anzuse-

hen, »daß sie mich auch gegen meinen Willen dazu 
gebracht hätten, alles zu tun, was sie wollten.« 

»Aber die ganze Sache ist unglaublich!« protestier-

te Cromarty. »Sehen Sie sich nur das deutlichste Bei-
spiel an. Mister Douglas ist davon überzeugt, ein 
Drahtgeflecht auf der Matratze habe die hypnotische 
Trance dieser Leute hervorgerufen. Aber ich beschäf-
tige mich seit Jahren mit diesem Gebiet, und mir er-
scheint diese Vorstellung absurd!« 

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Murray ließ enttäuscht die Schultern sinken. Er hat-

te widersprechen wollen, aber nun sparte er sich lie-
ber die Mühe. Die Beweise, die er hatte in Sicherheit 
bringen wollen, waren inzwischen ein Raub der 
Flammen geworden. Was würden einige Kleinigkei-
ten helfen, die vielleicht später gefunden wurden? 
Pseudowissenschaftlicher Kram, der besser zu Lesters 
Theorie als zu Murrays phantastischen Vorwürfen 
paßte. 

Er legte den Kopf auf die Arme. Cromarty unter-

suchte ihn besorgt. Murray achtete kaum noch dar-
auf, was um ihn herum geschah; deshalb hätte er 
Heathers Vorschlag fast überhört. 

»Warum fragen wir nicht einfach Delgado, anstatt 

selbst Theorien aufzustellen?« meinte sie eben. »Er 
muß inzwischen wieder zu Bewußtsein gekommen 
sein. Valentine und die anderen sind entkommen, 
aber Delgado liegt dort drüben.« 

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24 

 
 

Murray richtete sich abrupt wieder auf. Daran hätte 
er selbst denken müssen! Er hatte sogar daran ge-
dacht, den ›Autor‹ zu verhören, aber dann war die 
Rettung der übrigen Mitglieder des Ensembles wich-
tiger gewesen. Er wartete ungeduldig, bis Dr. Cro-
marty Delgado untersucht und bestätigt hatte, daß 
der Mann nur leicht verletzt war. Delgados Brand-
wunden waren bereits versorgt worden, und er war 
wieder bei Bewußtsein, als Cromarty ihn erreichte. 
Nun zitterte er vor Angst und schluckte dabei hörbar; 
er sah erschrocken von einem zum anderen. 

Als Cromarty zustimmend nickte, ließ Wadeward 

sich neben ihm auf die Knie nieder, gab sich zu er-
kennen und verlangte, Delgado solle zu Murrays Be-
hauptungen Stellung nehmen. 

Aber der Mann vor ihm stöhnte nur erschrocken 

und drückte die Lippen zusammen. 

»Los, reden Sie endlich!« brüllte Murray ihn an. 

»Reden Sie, verdammt noch mal!« 

Er war so wütend, daß er dem Liegenden einen 

Fußtritt versetzt hätte, wenn seine Füße nicht so emp-
findlich gewesen wären. Cromarty war abgelenkt 
worden und hatte nicht gesehen, daß Murray auf sei-
nen Verbänden ging, sonst hätte er es ihm verboten. 

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»Es hat keinen Zweck, noch länger den Mund zu 

halten«, stellte Heather fest. »Das hilft Ihnen nicht 
weiter. Die anderen haben Sie Ihrem Schicksal über-
lassen. Sie hätten hier sterben können. Ist Ihnen das 
klar?« 

Delgado zeigte erstmals Interesse. Die Angst ver-

schwand aus seinen Augen, als er Heather prüfend 
ansah. 

»Die anderen haben Sie in Zimmer Dreizehn zu-

rückgelassen, und Sie wären dort verbrannt«, erklärte 
Heather ihm. »Valentine und ... Victor und Walter! 
Wir wissen nicht, wohin sie verschwunden sind, aber 
sie wollten jedenfalls nicht bleiben und lebendig be-
graben werden. Sie sind fortgelaufen und haben Sie 
im Stich gelassen, und wenn Murray nicht gekom-
men wäre, um Sie zu retten, wären Sie lebendig ver-
brannt. Begreifen Sie das nicht? Ihre verdammten 
Freunde haben Sie zurückgelassen, aber Murray hat 
Ihr wertloses Leben gerettet!« 

Heather schluchzte fast, als sie das letzte Wort her-

vorstieß. Delgado war von diesem Gefühlsausbruch 
sichtlich beeindruckt; seine Angst machte jetzt blan-
kem Haß Platz. 

»Ist das wahr?« flüsterte er und fuhr fort, ohne auf 

eine Antwort zu warten. »Ja ... ja, ich erinnere mich 
wieder! Ich wollte das Tonband zusammenstellen, 
das Valentine brauchte, aber dann gab es plötzlich ei-

background image

nen Funken ... irgendwo ein Kurzschluß ... ich be-
rührte das Mischpult und wurde bewußtlos ...« 

Er richtete sich ruckartig auf und sah sich um. 

Dann starrte er Murray an. 

»Sie ... Sie haben mich dort herausgeholt?« krächzte 

er. 

Murray nickte langsam. 
»Aber ich dachte ...« Delgado machte wieder eine 

Pause, und als er weitersprach, klang seine Stimme 
erschreckend haßerfüllt. 

»Diese herzlosen, erbärmlichen, verdammten Sadi-

sten! Sie haben mich einfach zurückgelassen! Und ich 
sollte hier verbrennen!« Delgado schüttelte wütend 
die geballte Faust. »Aber dafür bezahlen sie noch! Sie 
sollen nur versuchen, sich irgendwie herauszureden, 
wenn die Temporegs sie eines Tages erwischen. Das 
sollen sie nur! Ich lasse sie bis zum Kinn in Atommüll 
vergraben. Ich lasse ihr Gedächtnis löschen, bis sie 
nur noch als leere Hüllen ohne Verstand existieren. 
Ich lasse sie mit falschen Redukes in Substate ver-
wandeln. Ich ...« 

Substate? Redukes? Konzenband? Triplem? Murray 

beugte sich nach vorn und sprach eindringlich. 

»Sparen Sie sich Ihre Worte. Die anderen können 

Sie ohnehin nicht mehr hören. Was ist ein Triplem, 
Delgado?« 

Der Autor schloß die Augen, lehnte sich auf die 

background image

Ellbogen zurück und schien sich resigniert mit sei-
nem Schicksal abzufinden. 

»Triplem? Das ist ein mikrominiaturisiertes Mehr-

fachkabel – der feine Draht, den Sie immer von Ihrer 
Matratze gerissen haben. Sie konnten es nicht erken-
nen. Es wird erst 1989 entwickelt, wenn ich mich 
recht erinnere.« 

 

Einen langen Augenblick herrschte völliges Schwei-
gen. Murray wollte zunächst seinen Ohren nicht 
trauen – schließlich machten die Feuerwehrmänner 
soviel Lärm, daß man ... 

Dann merkte er jedoch, daß alles wunderbar zu-

sammenpaßte. Er hatte richtig gehört, und das Puzz-
lespiel fügte sich vor seinen Augen zu einem logi-
schen Bild zusammen. Das Ende war noch nicht ab-
zusehen, aber Murray wußte jetzt, daß er richtig ver-
mutet hatte. 

»Und ... Temporegs?« fragte er langsam. »So haben 

Sie sie genannt, nicht wahr?« 

»Temporale Regulatoren«, murmelte Delgado. »Ei-

ne Art Polizei. Und wenn sie Valentine erwischen, 
hoffe ich nur, daß sie ...« 

»Substate?« fragte Murray scharf. 
»Unverbesserliche Verbrecher, deren Persönlich-

keit ausgelöscht worden ist, weil sie nicht auf Psycho-
therapie reagierten.« 

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»Redukes?« 
»Umerziehungsbänder, mit deren Hilfe die krimi-

nelle Persönlichkeit durch eine gesellschaftlich an-
nehmbare ersetzt wird.« 

»Konzenband?« Murray sah sich nach den übrigen 

Zuhörern um; Cromarty und Wadeward hörten sicht-
lich verblüfft zu, aber Heather verfolgte jedes Wort 
mit leuchtenden Augen. 

»Ein illegal hergestelltes Band, das die Orientie-

rung einer bestimmten Persönlichkeit in eine andere 
Richtung ablenken soll.« Delgado brachte seine Ant-
worten in dem mechanischen Tonfall eines Kindes 
vor, das ein Gedicht auswendig gelernt, aber nicht 
verstanden hat. 

»Konditionierer?« Das war der Kasten, mit dem 

Valentine ihn bewußtlos geschlagen hatte. 

»Ein Gerät zur zeitweiligen absoluten Beeinflus-

sung anderer.« 

»Erzeugt dieser ... dieser Konditionierer einen Zu-

stand, der an eine hypnotische Trance erinnert?« 

»Es ist eine hypnotische Trance.« 
Richtig. Murray holte tief Luft. »Manuel Delgado, 

wann sind Sie geboren?« 

»Augenblick«, sagte Wadeward und trat einen 

Schritt nach vorn, »ich verstehe nicht, was Sie damit 
...« 

»Ruhe!« verlangte Murray und wiederholte seine 

background image

Frage. Dann folgte eine längere Pause. Schließlich 
fuhr Delgado sich mit der Zungenspitze über die 
Lippen. 

»Da ich Ihnen schon soviel erzählt habe – und ich 

hoffe sehr, daß es genügt, um Valentine zu sterilisie-
ren und seine Haare ausfallen zu lassen und seine 
Haut ...« 

»Delgado!« 
»Oh ... Ich bin im Jahr zweihundertachtzehn des 

Weltkalenders geboren. Nach Ihrer primitiven Rech-
nung wäre das etwa ... äh ... zweitausendvierhundert-
fünfzig.« 

Murray nickte langsam. »Jetzt weiß ich auch, was 

Sie hier getan haben«, stellte er ruhig fest. »Sie haben 
illegal Erlebnisse gesammelt, um sie in die Zukunft 
zu schmuggeln.« 

Delgado zuckte sichtlich zusammen. »Hören Sie, 

ich kann nicht ... ich darf nicht ...« 

»Doch, Sie können und müssen sogar«, stellte Mur-

ray fest. »Ich lasse nicht zu, daß Sie durch eine Ma-
sche Ihrer ... temporalen Regulationen schlüpfen. Sie 
werden das Loch so sehr vergrößern, daß man mit ei-
nem unserer primitiven Kraftfahrzeuge hindurchfah-
ren könnte. Haben Sie mich verstanden?« 

»Aber ich kann nicht!« beteuerte Delgado. »Ich darf 

nicht! Ich ...« 

Murray beugte sich über ihn, sprach so eindring-

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lich wie nur möglich und wußte, daß dies die wich-
tigste Vorstellung seines Lebens war, in der es um 
viel mehr als um das Lob der Kritiker und Dutzende 
von erfolgreichen Aufführungen ging. »Delgado!« 
sagte er laut. »Wenn Sie uns nicht die ganze Wahrheit 
sagen, nehme ich Sie auf den Rücken und trage Sie 
wieder ins Haus und lasse Sie dort zurück, wo ich Sie 
gefunden habe. Sie können sich darauf verlassen, daß 
selbst alle Ihre futuristischen Geräte mich nicht davon 
abhalten werden!« 

Er griff nach Delgados Hemd, raffte es auf der 

Brust zusammen und schüttelte kräftig. Aus dem 
Augenwinkel heraus beobachtete er, daß Wadeward 
den Mund öffnete, als wolle er einen Einwand vor-
bringen; Heather streckte die Hand aus, um ihn zu-
rückzuhalten, und Dr. Cromarty starrte die beiden 
Männer fasziniert an, obwohl er offensichtlich nicht 
mehr verstand, was sich hier ereignete. 

»Aber Sie haben anscheinend noch immer nicht 

begriffen!« antwortete Delgado verzweifelt. »Wenn 
ich Ihnen mehr erzähle, riskiere ich damit, daß ich be-
straft werde, daß alle möglichen Vergeltungsmaß-
nahmen gegen mich ergriffen werden ...« 

»Werden

 

vielleicht

 

sogar

 

Ihre

 

Erinnerungen

 

ge-

löscht?«

 

erkundigte

 

Murray

 

sich

 

verächtlich.

 

»Um

 

so

 

besser,

 

Delgado!

 

Eine

 

gründliche

 

Säuberung

 

könnte

 

Ih-

rem

 

schmutzigen

 

Verstand

 

bestimmt

 

nicht

 

schaden!

 

background image

Aber

 

die

 

anderen

 

sind

 

nicht

 

hier,

 

was?

 

Und

 

ich

 

bin

 

hier!

 

Nun,

 

was

 

darf's

 

sein

 

 

wollen

 

Sie

 

reden

 

oder

 

lieber

 

ins

 

Haus zurückgeschleppt werden, um dort zu braten?« 

»Aber wenn ich rede ...« Delgado murmelte etwas 

Unverständliches vor sich hin. Dann gab er sich einen 
Ruck. 

»Was bleibt mir schließlich übrig? Ich habe keine 

Hoffnung mehr, nicht wahr? Ich sitze hier fest – der 
Teufel soll diesen Valentine holen! – und muß bei 
diesen primitiven Idioten bleiben. Wenn ich den 
Mund halte, sperren sie mich wahrscheinlich in eines 
dieser schrecklichen Irrenhäuser – wie das Mädchen 
in Paris. Das könnte ich nicht ertragen, und dies ist 
wenigstens ein rascher Ausweg ...« 

»Ein rascher Ausweg?« wiederholte Murray und 

sah zu Cromarty hinüber. »Doc, sehen Sie lieber nach, 
ob er keine Selbstmordpille im Mund hat!« 

Dr. Cromarty trat auf ihn zu, aber Delgado winkte 

mit einer Handbewegung ab, aus der arrogante Über-
legenheit sprach. 

»Gift? Meinen Sie das? Oh, ich weiche nicht so weit 

von der Norm ab. Eine Veranlagung zum Selbstmord 
wäre schon in meiner Jugend korrigiert worden. Ich 
bin kein potentieller Selbstmörder. Ich bin nur ein si-
cherer Todeskandidat.« 

Er sah wieder zu Murray auf und lächelte dabei 

aus unerfindlichen Gründen. 

background image

»Scharfrichter«,

 

sagte

 

er

 

leise.

 

»Nun,

 

fragen

 

Sie

 

mei-

netwegen.

 

Aber

 

ich

 

kann

 

nicht

 

versprechen,

 

daß

 

ich al-

le Fragen beantworte.« 

»Alle, sonst schleppe ich Sie wie versprochen ins 

Haus zurück«, drohte Murray ihm. »Seitdem Sie mir 
das alles angetan haben ...« 

»Sie wollen nur Ihre Rache«, warf Delgado ihm 

vor. »Keine Angst, Sie bekommen bald, was Sie woll-
ten, und ich hoffe nur, daß Sie später noch ruhig 
schlafen können, wenn alles vorbei ist. Ihr Primitiven 
müßt starke Magennerven haben, um euer normales 
Leben auszuhalten, aber wenn das zuviel für euch ist, 
habt ihr nicht die gleichen Möglichkeiten, die ich bis-
her bei jeder Rückkehr aus der Vergangenheit gehabt 
habe. Sie können schreckliche Erinnerungen nicht 
einfach löschen, Douglas – Sie müssen sie aushalten, 
nicht wahr?« 

»Halten Sie den Mund und reden Sie nur, wenn Sie 

gefragt werden«, fuhr Murray ihn an. Sein Gedächt-
nis enthielt zu viele schreckliche Erinnerungen, mit 
denen er leben mußte, weil er sie nicht vergessen 
konnte. 

»Mister Douglas«, warf Cromarty nervös ein, »ich 

muß etwas wissen, bevor Sie weiterfragen. Wie steht 
es mit den anderen dort drüben? Da ihr Zustand so ... 
so ungewöhnlich ...« 

»Machen Sie sich ihretwegen keine Sorgen«, ant-

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wortete Delgado mit einer wegwerfenden Handbe-
wegung. »Bringen Sie sie in eine Ihrer ›Nervenheilan-
stalten‹ und lassen Sie sie dort aufwachen. Wir haben 
bisher nur ihre natürlichen Tendenzen verstärkt. Die 
Leute erholen sich in einigen Wochen oder Monaten 
wieder davon.« Er warf Murray einen haßerfüllten 
Blick zu. »Das verdanken wir alles nur Ihnen!« 

Cromarty zögerte noch und zuckte dann mit den 

Schultern; er sah zum Tor, als könne er dadurch das 
Eintreffen der Krankenwagen beschleunigen. 

Delgado hatte wieder den alten Faden aufgenom-

men. »Hier könnte ich es ohnehin nicht aushalten – 
was ist also schon dabei? Bei uns ist es schon schlimm 
genug, weil es Leute gibt, die dergleichen Dinge pri-
vat genießen wollen, aber hier werden sie als ›Kunst‹ 
glorifiziert und ...« 

»Was?« fragte Murray, ohne eine Antwort zu be-

kommen. Er wartete einige Sekunden lang und fuhr 
dann eindringlich fort: »Delgado! Was sind Sie wirk-
lich?« 

»Ein ... Augenblick, der richtige Ausdruck fällt mir 

gleich ein ... ein Prügelknabe, ein Sündenbock.« Er 
war jetzt sehr blaß, und seine blutlosen Lippen be-
wegten sich kaum noch. »Ich hätte nie gedacht, daß 
hier jemand die Wahrheit vermuten würde. Wir hät-
ten Sie nicht nehmen dürfen – ich habe Valentine vor 
Ihnen gewarnt, aber er wollte nicht auf mich hören.« 

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»Bleiben Sie bei der Sache«, forderte Murray ihn 

auf. 

»Ja, richtig ...« Er wurde sichtlich schwächer; seine 

Stimme war ein heiseres Flüstern geworden. »Sie 
wissen, daß wir imstande sind, in die Vergangenheit 
zu reisen; aber dieses Unternehmen ist gefährlich, 
unhygienisch und illegal. Und wir haben Methoden 
entwickelt, mit denen sich der Verstand und die Per-
sönlichkeit eines Menschen manipulieren lassen. 
Manche Leute halten das für einen großen Fortschritt, 
andere sind der Meinung, dieses Verfahren sei zu ge-
fährlich, weil die begabtesten Menschen oft charak-
terlich labil sind. Ich weiß nur, daß mir die Idee nie 
gefallen hat, mein Verstand könnte offiziell beeinflußt 
werden, um dann einer Norm zu entsprechen.« 

Delgado machte erschöpft eine Pause; auf seiner 

Stirn erschienen große Schweißtropfen. »Man kann 
natürlich nicht alle zehn Milliarden Menschen der 
Erde auf diese Weise umerziehen; das kommt nur für 
Verbrecher und Abweichler in Frage, die sich freiwil-
lig dieser Behandlung unterziehen. Deshalb bleiben 
natürlich genügend Leute übrig, die sich öffentlich 
normal und privat anomal benehmen. Und die Gerä-
te, die Sie gesehen haben, sind allgemein erhältlich; 
sie werden zu Unterhaltungszwecken benützt, und ... 
nun, wenn Sie sich beispielsweise von Ihrer Freundin 
trennen, können Sie noch ein Band mit gemeinsamen 

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Erlebnissen herstellen, damit beide ein Andenken ha-
ben. 

Aber

 

manche

 

Leute

 

legen

 

eben

 

Wert

 

auf

 

Erlebnisse,

 

die

 

in

 

unserer

 

Zeit

 

nicht

 

mehr

 

zugänglich

 

sind.

 

Und

 

Valentine

 

versuchte

 

diese

 

Lücke

 

zu

 

füllen,

 

indem

 

er

 

Primitive

 

in

 

der

 

Vergangenheit

 

für

 

sich

 

agieren

 

ließ.

 

Er

 

versuchte

 

es

 

mit

 

verschiedenen

 

Jahrhunderten,

 

nach-

dem

 

er

 

sich

 

auf

 

illegale

 

Weise

 

Zugang

 

zu

 

einer

 

Zeitma-

schine

 

verschafft

 

hatte,

 

aber

 

alle

 

Versuche

 

schlugen

 

fehl – die Bänder waren nicht zu gebrauchen ...« 

Delgado fuhr sich mit der Zungenspitze über die 

Lippen. Er stöhnte leise, winkte jedoch ab, als Hea-
ther sich ihm nähern wollte. 

»Dann habe ich meine große Idee gehabt«, fuhr er 

leise fort. »Ich habe Valentine vorgeschlagen, es mit 
Schauspielern zu versuchen. Schauspieler sind labil 
und leicht zu beeinflussen ... Und es hat geklappt. Er 
hat dreimal ein Vermögen damit verdient, dieser 
Schweinehund! Alles mit meiner Idee, und er läuft 
fort und läßt mich hier zurück, ohne sich darum zu 
kümmern, ob ich verbrenne! Schweinehund!« 

Diesmal war das Stöhnen lauter und von einer 

schmerzverzerrten Grimasse begleitet. Heather fuhr 
zusammen. Murray zögerte, weil er nicht wußte, ob 
er Delgado in diesem geschwächten Zustand weitere 
Fragen stellen durfte. Dann trat Dr. Cromarty plötz-
lich vor und sagte laut: 

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»Der Mann ist krank!« 
Er bückte sich und schlug die Wolldecke zur Seite, 

in die Delgado eingewickelt gewesen war. Nun sahen 
sie alle, wie Delgado dafür bestraft worden war, weil 
er die Wahrheit gesagt hatte, obwohl er hätte schwei-
gen müssen. Und sie sahen, weshalb er zuvor be-
hauptet hatte, sie würden starke Magennerven brau-
chen. 

Durch irgendeine teuflische Konditionierung, 

durch irgendeine psychomatische Technik der Zu-
kunft, die sich keiner von ihnen erklären konnte, war 
sein Körper verfault, während Delgado Sprach. Unter 
der Decke hatte sein Körper sich von den Zehen bis 
zum Hals in eine widerliche schleimige Masse ver-
wandelt. 

In der Ferne heulten die Sirenen der Krankenwa-

gen wie Höllengelächter. 

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25 

 
 

Heathers Hand umklammerte Murrays Arm so fest, 
daß der Griff schmerzte, und sie rang nach Atem, als 
müsse sie sich mit letzter Kraft beherrschen, um sich 
nicht zu übergeben. Wadeward starrte wie betäubt zu 
Boden, und selbst Cromarty, der in seiner Arztpraxis 
schon einiges gesehen haben mußte, schien sich 
überwinden zu müssen, bevor er nach der Decke griff 
und sie über Delgado breitete. 

Dann kamen die Krankenwagen an, und Cromarty 

und Wadeward ließen sich gern ablenken. Murray 
hatte weniger Glück. Er stand noch immer an der 
gleichen Stelle, spürte Heathers Gewicht an seinem 
Arm und konzentrierte sich darauf, nicht zusammen-
zusacken. Als er die Augen nach unendlich langer 
Zeit wieder öffnete, sah er Cromarty vor sich, der 
eben Delgados Überreste fortschaffen ließ. 

»Mister Douglas, Sie zittern vor Kälte – und das ist 

kein Wunder!« rief Wadeward aus, der inzwischen 
wieder herausgekommen war. »Mann, Sie sind prak-
tisch nackt! Los, bringen Sie ihm einen Mantel, Ro-
berts!« 

Nicht so laut, das tut mir in den Ohren weh. Aber 

Murray konnte nicht sprechen. 

»Doktor, ist noch Platz in einem der Wagen?« 

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»Die verdammten Kerle haben uns nur drei ge-

schickt!« Cromarty fuhr sich mit allen zehn Fingern 
durchs Haar. »Aber ich nehme Mister Douglas mit zu 
mir nach Hause. Bei mir ist ein Bett frei, und ich muß 
seine Verbrennungen ohnehin noch versorgen.« Er 
sah zu Heather hinüber. »Und was wird aus Ihnen, 
junge Frau? Am besten kommen Sie gleich mit uns. 
Mein Wagen steht vorn am Tor.« 

Murray

 

ließ

 

sich

 

von

 

einem

 

Polizisten,

 

den

 

Wade-

ward

 

herangerufen

 

hatte,

 

einen

 

warmen

 

Mantel

 

geben.

 

Er

 

konnte

 

nicht

 

mehr

 

allein

 

gehen

 

und

 

mußte

 

sich

 

auf

 

den

 

Weg

 

zu

 

Cromartys

 

Wagen

 

stützen

 

lassen.

 

Dann

 

sank

 

er

 

erleichtert

 

auf

 

dem

 

Rücksitz

 

zusammen.

 

Hea-

ther saß neben ihn und hielt seine Hand. 

Als sie abfuhren, sah Murray, daß die Feuerwehr-

männer sich darauf konzentrierten, das Hauptgebäu-
de zu retten. Der Seitenflügel würde wahrscheinlich 
noch einige Stunden lang brennen, aber das Feuer 
konnte nicht mehr übergreifen. 

Hoffentlich sind sie gut versichert, sonst kann Sam Bliz-

zard den Konkurs anmelden ... 

Murray fiel etwas anderes ein, und er beugte sich 

vor, um zu sagen: »Doktor Cromarty, wahrscheinlich 
bekommen Sie morgen Besuch von meinem Agenten 
Roger Grady. Ich habe ihm gestern am Telefon er-
zählt, ich würde zu fliehen versuchen und dann zu 
Ihnen kommen.« 

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Erst gestern abend? Großer Gott, wie kurz kann eine 

Ewigkeit sein? 

»Sie

 

wollten

 

fliehen?«

 

wiederholte

 

der

 

Arzt

 

erstaunt.

 

»Menschenskind,

 

wer

 

Ihnen

 

zuhört,

 

muß

 

glauben,

 

Sie

 

hätten in einem Konzentrationslager gesessen!« 

»Es war nicht viel besser«, stellte Heather fest. 

»Haben Sie nicht gehört, was Murray Ihnen erklärt 
hat?« 

»Ich kann es kaum glauben«, gab Dr. Cromarty zu. 

»Das betrifft Sie nicht persönlich, Mister Douglas, 
aber Sie sind nervös überreizt und ...« Er sprach nicht 
weiter. »Nein, nein! Ich glaube jetzt jedes Wort, seit-
dem ich diese unerklärliche Auflösung gesehen habe. 
Sie erinnert an eine Geschichte von Poe, nicht wahr?« 

»Monsieur Valdemar«, warf Heather ein. Murray 

spürte, daß ihre Hand zitterte. »Er war hypnotisiert 
worden, nicht wahr? Doktor, besteht etwa die Gefahr, 
daß die anderen alle ...?« 

»Delgado hat selbst gesagt, daß sie auf natürliche 

Weise erwachen und sich innerhalb weniger Wochen 
oder Monate erholen werden«, antwortete Murray 
und legte ihr beruhigend einen Arm um die Schul-
tern. 

»Aber ich habe auch gehört, daß er behauptet hat, 

er sei irgendwann im nächsten Jahrtausend geboren.« 
Heather schüttelte den Kopf. »Er war verrückt, fin-
dest du nicht auch?« 

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»Nein, er muß die Wahrheit gesagt haben«, erklärte 

Murray ihr, »denn sonst gäbe es keine vernünftige 
Erklärung für unsere Erlebnisse – und für seine Auf-
lösung.« 

»O Gott, das war einfach schrecklich!« rief Heather 

aus. 

»Ich kann mir vorstellen, was für ein Schock das 

für Sie war, junge Frau«, stellte Dr. Cromarty fest. 
»Seien Sie unbesorgt, ich gebe Ihnen nachher etwas, 
damit Sie schlafen können. Wir sind bald bei mir zu 
Hause.« Er wandte sich an Murray. 

»Mister Douglas, Sie scheinen sich eine Erklärung 

für alles zurechtgelegt zu haben – wer war er also?« 

Murray

 

seufzte

 

leise.

 

Morgen

 

früh

 

würde

 

ihm

 

diese

 

Nacht

 

wie

 

ein

 

Alptraum

 

vorkommen.

 

In

 

Zukunft

 

wür-

de

 

er

 

seine

 

Erinnerungen

 

nicht

 

mehr

 

beweisen

 

können,

 

weil alle Beweise verbrannt und verglüht waren. 

»Ich kann Ihnen nur sagen, was ich selbst vermute, 

seitdem ich Delgados Antwort gehört habe«, begann 
er. »Irgendwann in der Zukunft – im fünfundzwan-
zigsten Jahrhundert – hat die Wissenschaft solche 
Fortschritte gemacht, daß es möglich ist, Zeitreisen zu 
unternehmen und die menschliche Persönlichkeit zu 
verändern. Dazu wird eine Triplem-Antenne benützt, 
die auf unseren Matratzen angebracht war. Um die il-
legalen Wünsche einiger Perverser zu erfüllen, hat 
Valentine es übernommen, zahlungskräftigen Kun-

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den Bänder mit primitiven Erlebnissen zu liefern. 
Diese Kunden müssen gut gezahlt haben, denn Va-
lentine hat offenbar ein Vermögen damit verdient, 
nachdem Delgado ihn auf die Idee gebracht hatte, für 
seine Zwecke Schauspieler zu verwenden, die leicht 
beeinflußbar waren. 

Um ihre begrenzten Möglichkeiten besser auszu-

nützen, haben sie labile Menschen absichtlich dazu 
gebracht, sich gegenseitig auf die Nerven zu fallen. 
Auf diese Weise waren die Gefühlsreaktionen, die sie 
auf Band nehmen konnten, erheblich intensiver und 
klarer. Hätte ich nicht rechtzeitig etwas dagegen un-
ternommen, wäre ich als hoffnungsloser Alkoholiker 
in ihrer Sammlung von ›Erlebnissen‹ aufgetaucht ...« 

»Und ich als Lesbierin«, stellte Heather fest. »Das 

erschreckt mich noch nachträglich, Murray! Der Im-
puls war mehrmals auf meinem Band, das haben Va-
lentine und Delgado selbst zugegeben, und wenn du 
mich nicht gewarnt hättest, wäre ich nie auf die Idee 
gekommen, den Draht jeden Abend durchzuschnei-
den. Dann hätte ich mich von Ida verführen lassen, 
und später hätte irgend jemand, der noch nicht ein-
mal geboren ist, sich dieses ... dieses Erlebnis ...« 

»Nur keine Übertreibung!« warf Dr. Cromarty ein 

und versuchte beruhigend zu lächeln, was ihm je-
doch mißlang. »Der Versuch hätte schließlich fehl-
schlagen können, junge Frau!« 

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»Aber er wäre gelungen«, versicherte sie ihm. »Sie 

als Arzt wissen selbst am besten, daß etwas davon in 
jedem Menschen steckt. Es liegt unter der Oberfläche 
und wartet nur auf eine Gelegenheit, um ...« 

Zunehmende Hysterie, stellte Murray fest. Er frag-

te sich, ob ein paar Ohrfeigen helfen würden, falls 
Heather noch erregter wurde. Aber in diesem Au-
genblick bremste Dr. Cromarty bereits, und vor ihnen 
tauchte sein Haus aus der Dunkelheit auf. An einem 
Fenster im ersten Stock bewegte sich der Vorhang. 
Die Lampe über der Haustür wurde eingeschaltet, 
dann erschien Cromartys Haushälterin auf der 
Schwelle. 

Sie schlug besorgt die Hände über dem Kopf zu-

sammen, als sie Heathers Zustand sah, und führte sie 
fort, um ihr das Bad und ihr Bett zu zeigen. Dr. Cro-
marty brachte Murray einen warmen Schlafrock, be-
vor er sich daran machte, die Verbrennungen an bei-
den Füßen zu behandeln. Er arbeitete schweigend 
und stellte die entscheidende Frage erst, als die 
Brandwunden versorgt waren. 

»Mister Douglas, glauben Sie wirklich, was dieser 

Delgado gesagt hat?« 

»Fragen Sie mich morgen danach«, bat Murray 

müde. 

»Ja, natürlich.« Cromarty machte eine entschuldi-

gende Handbewegung. »Tut mir leid, ich hätte Sie 

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längst ins Bett schicken sollen. Meine Haushälterin 
hat das für Sie vorgesehene Bett wahrscheinlich der 
jungen Dame gegeben, aber wir finden bestimmt et-
was anderes für Sie ... Mrs. Garbett!« 

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26 

 
 

Ein schrilles Klingeln. Murray schrak auf, dachte an 
das Telefon auf seinem Nachttisch und bildete sich 
ein, Valentine rufe an, um ihm zu sagen, das Früh-
stück werde zwischen acht und neun Uhr serviert. Er 
richtete sich auf, bevor ihm klar wurde, daß das alles 
vorbei war. 

Murray blieb auf der Bettkante ... nein, auf dem 

Rand der großen Couch in Dr. Cromartys Wohnzim-
mer sitzen. Draußen schien die Sonne. Er sah auf sei-
ne Uhr und stellte fest, daß sie um zwanzig nach eins 
stehengeblieben war. Dann hielt er sie sich ans Ohr 
und merkte, daß sie noch tickte. 

Sie geht noch. Folglich ... 
Jemand klopfte an die Tür. Mrs. Garbett erschien 

lächelnd. »Er ist aufgewacht, Doktor«, rief sie über 
die Schulter. Dann sagte sie zu Murray: »Guten Mor-
gen, Mister Douglas – oder vielmehr guten Nachmit-
tag. Doktor Cromarty wollte Sie vor allem ausschla-
fen lassen.« 

»Ich ... oh, dann ist es also zwanzig nach eins.« 

Murray rieb sich die Augen. »Tut mir leid, wenn ich 
Ihnen Umstände gemacht habe.« 

»Umstände? Gott segne Sie, Sir, nach allen Ihren 

Erlebnissen gestern abend ... Es steht in der Zeitung, 

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und ich habe den Artikel zweimal gelesen. Sie haben 
alles verdient, was wir für Sie tun können. Draußen 
wartet Besuch für Sie, sonst hätte ich Sie noch nicht 
gestört.« 

Besuch? Dann bin ich also von der Türklingel aufge-

wacht. 

Murray lächelte zufrieden, als er zu diesem logi-

schen Schluß gelangt war. Bevor er fragen konnte, 
was bereits in den Zeitungen gestanden habe, trat 
Mrs. Garbett zur Seite und ließ den Besucher eintre-
ten. Roger Grady eilte besorgt auf Murray zu. 

»Großer Gott, Murray, bin ich froh, dich gesund 

wiederzusehen! Als ich beim Frühstück die letzten 
Nachrichten gehört habe, bin ich sofort aufgebrochen. 
Kannst du mir je verzeihen, daß ich unser Telefonge-
spräch von gestern abend nicht gleich ernst genom-
men habe?« 

»Augenblick«, sagte Murray langsam. »Welche 

Nachrichten hast du gehört?« 

»Daß Fieldfare House abgebrannt ist, und daß du 

die Leute gerettet hast!« Jetzt machte Roger ein er-
stauntes Gesicht. 

»Aber wie ist das in die Zeitungen gekommen? Es 

war doch so spät, daß ...« 

»Nicht zu spät für die Londoner Ausgaben, die 

mindestens bis hierher geliefert werden. Jemand hät-
te dir sagen können ... oh, du hast natürlich den gan-

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zen Morgen verschlafen. Nachdem ich die Meldung 
im Radio gehört und mit Sam gesprochen hatte ...« 

»Was hast du?« Murray hob abwehrend die Hand. 

»Du bist zu schnell für mich. Mein Gott – Sam! Was 
tun Sie hier? Sie gehören doch eigentlich ins Kran-
kenhaus!« 

»Mir fehlt aber nichts«, stellte Blizzard fest. Er hatte 

schweigend an der Tür gewartet, bis Murray auf ihn 
aufmerksam wurde. »Nachdem ich gehört hatte, was 
letzte Nacht passiert war, habe ich alle gewarnt, daß 
sich jeder ein blaues Auge holen würde, der mich 
daran zu hindern versuchte, selbst zu Ihnen zu 
kommen und Ihnen zu danken.« 

»Sam hat mich angerufen, um herauszubekommen, 

wohin du verschwunden sein könntest«, erklärte Ro-
ger Murray. »Im Krankenhaus wußte niemand etwas 
von dir – das war vielleicht noch dein Glück, weil du 
auf diese Weise von Reportern verschont geblieben 
bist. Ja, Mrs. Garbett?« 

»Hier steht alles, Sir«, sagte Mrs. Garbett und zeig-

te ihm die Morgenzeitung. »›Schauspieler als Lebens-
retter. Heute nacht gegen zwei Uhr brach im Fieldfare 
House, Bakesford, wo ein Ensemble unter Delgado 
ein neues Stück einstudierte, ein Großfeuer aus. Nur 
Murray Douglas, der bekannte Schauspieler, war um 
diese Zeit wach; er schlug Alarm und brachte die üb-
rigen Mitglieder des Ensembles, die bereits Rauch-

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vergiftungen erlitten hatten, nacheinander in Sicher-
heit. Drei Feuerwehren aus der näheren Umgebung 
bekämpften den Brand.‹« 

»Hat schon jemand behauptet, das sei nur ein von 

Delgado inszenierter Gag?« erkundigte Murray sich 
nach einer Pause. 

»Ja«, antwortete Roger verlegen. »Du weißt be-

stimmt selbst, wer es war.« 

»Tut der Kinnhaken noch weh?« 
»Offenbar.« 
»Aber ich sorge dafür, daß er seine Lügen nicht 

weiter verbreiten kann!« warf Blizzard erregt ein. 
»Ich besuche heute nachmittag den Herausgeber der 
Gazette, und wenn Burnett sich morgen nicht öffent-
lich in seiner Kolumne entschuldigt, sorge ich dafür, 
daß er in jedem Londoner Theater Hausverbot be-
kommt. Darauf kann er Gift nehmen!« 

Der Produzent wandte sich an Murray und sprach 

leiser. »Ich bin Ihnen nicht nur Dank schuldig, Mur-
ray – ich muß mich auch bei Ihnen in aller Form ent-
schuldigen. Vorläufig weiß ich noch nicht, was Del-
gado eigentlich vorhatte, aber jedenfalls steht fest, 
daß nicht alles mit rechten Dingen zugegangen ist. 
Wir sollen alle sanft und selig geschlafen haben, wäh-
rend das Haus in Flammen stand? Unmöglich! Das 
kann ich nicht glauben. Ich bin weder im Kranken-
wagen noch beim Ausladen aufgewacht. Wir haben 

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alle wie tot geschlafen. Und ohne Sie wären wir tot 
gewesen. Ich habe mich von Delgado täuschen lassen, 
daran ist nichts zu ändern!« 

»Der Mann war ein Genie. Seine Bänder haben ihm 

dazu verholfen.« 

»Was?« fragte Blizzard verständnislos. 
»Lassen wir das«, wehrte Murray ab. »Ich möchte 

jetzt vor allem frühstücken und irgendwo halbwegs 
passende Kleidungsstücke auftreiben ...« 

»Ich hole dir einen Anzug.« Roger stand auf. »Ich 

habe alles mitgebracht, kann aber nicht garantieren, 
daß die Schuhe passen.« 

Er verschwand, aber Blizzard ließ sich nicht von 

seinem Thema abbringen. »Murray, Sie dürfen mich 
jetzt nicht im Stich lassen. Wir haben viel Arbeit und 
Geld in dieses Theaterstück gesteckt, und ich will es 
auch ohne Delgado zu Ende bringen. Mit seiner 
Hypnopädie und seinen verdammten Geräten kann 
er mir gestohlen bleiben.« 

»Seien Sie lieber froh, daß alles so glimpflich abge-

gangen ist«, riet Murray ihm. »Noch einige Wochen 
dieser Art, dann hätten Sie ein Stück gehabt, im Ver-
gleich zu dem Marat/Sade ein harmloses Kindermär-
chen wäre.« 

»Aber ich bringe das Stück in London heraus«, ver-

sicherte Blizzard ihm. »Wir haben natürlich das Thea-
ter verloren, aber dafür muß die Versicherung auf-

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kommen, und wir beide können das Stück und die 
Dialoge rekonstruieren. Vielleicht führen wir es zu-
erst in der Provinz auf, bis wir bestimmt wissen, daß 
in London nichts schiefgehen kann.« 

»Ist das Ihr Ernst?« fragte Murray. 
»Soll ich etwa das gute Geld zum Fenster hinaus-

werfen?« rief Blizzard laut. 

»Denken Sie dann auch an Heather? Sie wissen 

doch, warum Delgado sie im Ensemble haben wollte, 
nicht wahr?« 

»Das ist mir heute morgen klar geworden«, gab 

Blizzard zu. »Sie sollte ... äh ... nur Ida amüsieren.« 

»Richtig.« Murray nickte nachdrücklich. »Nun, in 

der neuen Produktion bekommt sie eine Rolle, selbst 
wenn ich eine für sie schreiben müßte.« 

»Darum wollte ich Sie bereits bitten«, sagte Bliz-

zard. »Schließlich verdanken wir Ihnen fast die Hälfte 
aller Einfälle, und ...« 

Aber Murray hörte nicht mehr zu. Er hatte Dr. 

Cromartys Schlafrock angezogen, ging in die Diele 
hinaus und achtete nicht auf Roger, der mit einem 
Anzug über dem Arm hereinkam. »Mrs. Garbett! 
Mrs. Garbett! Wo haben Sie Heather untergebracht?« 

»Im Zimmer rechts oben an der Treppe, Mister 

Douglas«, antwortete die Haushälterin. »Ich weiß 
nicht, ob sie schon wach ist, aber ich wollte ihr eben 
eine Tasse Tee bringen und ...« 

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Sie erschien mit einem Tablett, auf dem zwei Tas-

sen standen. Murray nahm es ihr grinsend ab und 
humpelte die Treppe hinauf. Seine Füße schmerzten, 
aber diese Schmerzen gehörten noch zur Vergangen-
heit, und er war in die Zukunft unterwegs. 

Würde sie ihnen allen tatsächlich bringen, was 

Delgado angedeutet hatte? Nun, das spielte jetzt kei-
ne Rolle. Murray war dem Schicksal dafür dankbar, 
daß es ihm eine neue Chance gegeben hatte. Er mußte 
sich erst an diese Idee gewöhnen, aber die Vorstel-
lung gefiel ihn. Er klopfte an die Tür, die Mrs. Garbett 
ihm bezeichnet hatte, betrat das Zimmer und schloß 
die Tür hinter sich. 

 


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