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Dieser  Band  sammelt  zwei  Prosaarbeiten,  von  Fer-

nando  Pessoa,  dem  bedeutensten  Dichter  der  Moderne
in der portugiesischen Literatur.

Zunächst  muß  sich  ein  fassungsloser  Zuhörer  von

seinem  Freund,  einem  berühmten  Bankier  (und  über-
zeugten Anarchisten), über das Rätsel der Welt als Fik-
tion und über die machtvollste aller Fiktionen, das Geld
belehren  lassen.  Eine  verwirrende  Predigt,  die  in  der
selbstverständlichen  Folgerung  gipfelt:  Der  wahre
Anarchist  wird  Bankier,  der  wahre  Bankier  ist  konse-
quenter Anarchist.

›Ein  ganz  ausgefallenes  Abendessen‹  ist  ein  Nacht-

stück  in  Poe'scher  Manier. Es führt  in ein  fiktives  Ber-
lin,  wo  vor  dem  Auditorium  einer  gastronomischen
Gesellschaft ein unerhörtes Versprechen eingelöst wird.

Reinhold  Werners  Nachwort,  das  sich  mit  Leben  und

Werk  Fernando  Pessoas  beschäftigt,  ist  zugleich  eine
editorische  Erläuterung  über  zwei  ungewöhnliche  und
lange  selbst  Pessoa-Kennern  unbekannt  gebliebene
Prosatexte.

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FERNANDO PESSOA

Ein anarchistischer Bankier

Ein ganz ausgefallenes Abendessen

Übersetzt und mit einem

Nachwort versehen von Reinhold Werner

scanned by macska 

ö

2001

Verlag Klaus Wagenbach    Berlin

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4

 1986, 1988 Verlag Klaus Wagenbach    Ahornstr. 4    1000 Berlin 30

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INHALT

Ein anarchistischer Bankier

9

Ein ganz ausgefallenes Abendessen

49

Nachwort

77

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6

Pessoa im ›Abel Pereira da Fonseca‹

Am Rossio-Platz in Lissabon 1929

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7

Ein anarchistischer Bankier

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8

Fernando Pessoa,

Zeichnung von Pomar

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9

Wir 

hatten  das  Abendessen  beendet.  Mir  gegenüber  saß  mein

Freund,  der  Bankier,  ein  großer  Händler  und  namhafter  Schie-
ber;  er  rauchte  wie  einer,  der  nicht  denkt.  Die  Unterhaltung
war  allmählich  ins  Stocken  geraten  und  erstarb  schließlich
ganz.  Ich  versuchte  auf  gut  Glück,  sie  wieder  in  Gang  zu  brin-
gen und bediente mich dabei der erstbesten Idee, die mir  durch
den Kopf ging. Lächelnd wandte ich mich ihm zu:

»Richtig!  Mir  wurde  erzählt,  Sie  seien  früher  Anarchist  gewe-
sen.«

»Ich bin es nicht nur gewesen, ich bin es noch  immer.  In  die-

ser Hinsicht habe ich mich nicht geändert. Ich 

bin Anarchist.«

»Was Sie nicht  sagen! Sie und Anarchist?  Und  wieso  wären

Sie Anarchist?... Sie verstehen das Wort vielleicht anders...»

»Anders als  im  gewöhnlichen  Sinn?  Nein,  keineswegs.  Ich

gebrauche es im ganz gewöhnlichen Sinn.«

»Sie wollen also  sagen,  Sie  seien  Anarchist  im  selben  Sinne

wie diese Typen  von  den  Arbeiterorganisationen?  Es  gäbe  also
keinen  Unterschied  zwischen  Ihnen  und  diesen  Bombenlegern
und Gewerkschaftstypen?«

»Doch  doch,  es  gibt  einen  Unterschied...  Natürlich  gibt  es

einen Unterschied. Es ist aber nicht der, an den Sie denken. Sie
glauben  vielleicht,  ich  hätte  andere  Gesellschaftstheorien  als
sie?«

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»Ach so, ich verstehe! Sie sind Anarchist in der Theorie, aber

in der Praxis sind Sie...«

»Ich bin  in  der  Praxis ebensosehr Anarchist wie  in  der Theo-

rie. Und das sogar noch mehr, viel mehr als jene Typen, von
denen Sie sprachen. Mein Leben ist der Beweis dafür.«

»Wie bitte?«
»Mein Leben ist der Beweis dafür, jawohl, mein Lieber. Sie

haben  offenbar  diesen  Dingen  nie  besondere  Aufmerksamkeit
geschenkt.  Deshalb  glauben  Sie,  ich  würde  dummes  Zeug  re-
den oder mich über Sie lustig machen.«

»Jetzt  verstehe  ich  gar nichts mehr!  Es  sei denn...  es  sei

denn, Sie gehen davon aus, das Leben, das Sie führen, sei zerset-
zend und asozial; nun, wenn Sie Anarchismus so verstehen...«

»Ich habe Ihnen schon gesagt: nein! Ich  habe  Ihnen  schon

gesagt, daß ich dem Wort Anarchismus keinen anderen als den
gewöhnlichen Sinn unterlege.«

»Gut! ... Aber ich  verstehe  immer noch nicht... Wollen  Sie

mir  erzählen,  es  gäbe  keinen  Unterschied  zwischen  Ihren  wahr-
haft  anarchistischen  Ideen  und  Ihrer  Lebenspraxis?  -  ich
meine:  Ihrer  jetzigen Lebenspraxis? Wollen  Sie mir  denn  weis-
machen, Ihr Leben  stimme  in allen  Punkten mit  dem  der ge-
wöhnlichen Anarchisten überein?«

»Nein!  nein,  das  ist  es  nicht.  Was  ich  sagen  will,  ist,  daß

meine  Theorien  in  keiner  Weise  von  meiner  Lebenspraxis  ab-
weichen;  ganz  im  Gegenteil,  beide  stimmen  absolut  überein.
Daß  ich  nicht  das  Leben  der  Bombenleger  und  Gewerkschafts-
typen  führe,  stimmt.  Doch  deren  Leben  spielt  sich  jenseits
des  Anarchismus,  jenseits  ihrer  Ideale  ab.  Meines  nicht.  In
mir - jawohl, in mir,  dem Bankier,  dem  großen Händler  und
Schieber, wenn Sie es so hören wollen — in mir  vereinigen  sich
beide, Theorie  und  Praxis  des Anarchismus,  aufs  genaueste.  Sie
haben  mich  mit  diesen  Idioten  von  Bombenlegern,  mit  denen
von  der  Gewerkschaft  verglichen,  um  zu  beweisen,  ich  sei  an-
ders als sie. Das bin ich auch, nur ist der Unterschied folgender:
die da (jawohl, die da, nicht ich) sind nur  in  der  Theorie  Anar-
chisten, ich bin es in der Theorie und in der Praxis. Die da sind
Anarchisten  und  Dummköpfe,  ich  bin  Anarchist  und  gescheit.
Darum, mein Guter, bin ich  der wahre Anarchist. Die von  den
Gewerkschaften und  die Bombenleger  (ich  war  ja  auch  einer
von  ihnen  und  habe  sie  gerade  um des  wahren  Anarchismus

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willen  verlassen)  -  sie  stellen  ja  nur  den  Abfall  des  Anarchis-
mus  dar,  sie  sind  die  Drohnen  der  großen  anarchistischen
Lehre.«

»Nicht einmal der Teufel würde seinen Ohren trauen! Das ist

einfach umwerfend! Und wie bringen Sie Ihr Leben - ich meine
Ihr Leben als Bankier und Händler — und die Theorie des  Anar-
chismus auf einen Nenner? Wie  bringen  Sie beide  auf einen
Nenner,  wenn  Sie  sagen,  Sie  verstünden  unter  anarchistischer
Theorie dasselbe  wie  die  gewöhnlichen Anarchisten? Und  noch
dazu möchten Sie mir  weismachen,  Sie  unterschieden  sich  von
ihnen dadurch, daß Sie 

mehr Anarchist  sind als jene, - ist dem

nicht so?«

»In der Tat.«
»Jetzt verstehe ich überhaupt nichts mehr!«
»Liegt Ihnen denn daran, zu verstehen?«
»Unbedingt!«

Die Zigarre in seinem Mund war ausgegangen; er nahm sie und
zündete  sie  langsam  wieder  an,  betrachtete  das  Streichholz  bis
es  abgebrannt  war,  legte  es  behutsam  in  den  Aschenbecher,
dann hob er den Kopf, den er eine Zeitlang gesenkt hatte  und
sagte:

»Hören Sie! Ich komme aus  dem  Volk,  ich  stamme  aus  der  Ar-
beiterklasse der  Stadt. Wie  Sie  sich vorstellen  können,  ist mir
nichts  Förderliches  in  die Wiege  gelegt  worden,  weder  Rang
noch entsprechende Verhältnisse. Es ergab  sich  lediglich,  daß
ich einen von Natur aus  hellen  Verstand  besaß  und  einen  hin-
reichend starken Willen. Doch hatte ich damit zwei Gaben,  die
mir meine niedrige Herkunft nicht streitig machen konnte.

Ich  wurde  Arbeiter,  habe  gearbeitet  und  ein  bedrückendes

Leben geführt, wie die meisten Leute aus  jenem Milieu.  Nicht
daß  ich Hunger gelitten  hätte, doch  hätte  oft  nicht  viel  daran
gefehlt. Das hätte übrigens an allem, was daraus folgte und was
ich Ihnen jetzt erzählen werde,  nichts  geändert,  nichts  an  mei-
nem früheren und nichts an meinem jetzigen Leben.

Ich war alles  in  allem ein  ganz gewöhnlicher  Arbeiter:  ich

habe gearbeitet,  weil  ich  arbeiten  mußte,  aber  so  wenig  wie
eben möglich.  Ich  war  nämlich  gescheit.  Bei  jeder  Gelegenheit
las und  diskutierte  ich  alles Mögliche, und  weil  ich nicht  auf

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den Kopf  gefallen war,  machten  sich  in  mir  große  Unzufrieden-
heit  und große Entrüstung  breit über mein Los  und  über  die
gesellschaftlichen  Bedingungen,  die  es  so  haben  wollten.  Ich
habe  Ihnen  schon  gesagt,  es  hätte  schlimmer  kommen  können;
aber damals schien mir, als sei ich ein Mensch, dem  das Schick-
sal  alle  erdenklichen  Ungerechtigkeiten  angetan  hatte,  und  als
habe  es  sich  dazu  der  gesellschaftlichen  Konventionen  bedient.
Damals  war  ich  wohl  zwanzig  oder  höchstens  einundzwanzig
Jahre alt, und in jener Zeit wurde ich Anarchist.«

Er schwieg eine Weile, beugte sich noch mehr vor und fuhr fort.

»Ich  war  immer  schon  mehr  oder  weniger  aufgeweckt.  Ich
spürte  diese  Entrüstung  in  mir  und  wollte  sie  verstehen.  So
wurde  ich zu einem bewußten und überzeugten Anarchisten  -
zu  dem  bewußten  und  überzeugten  Anarchisten,  der  ich  heute
noch bin.«

»Und  Ihre  heutige  Theorie,  ist  das  dieselbe  wie  damals?«
»Dieselbe.  Die  anarchistische  Theorie,  die  wahre  Theorie,
das ist doch ein und  dasselbe.  Ich  habe an  ihr  festgehalten,  seit-
dem  ich  mich  zum  Anarchisten  gemacht  habe,  Sie  werden
gleich sehen... Wie  ich  Ihnen  schon  sagte, war  ich von Natur
aus helle  und wurde  so zu einem bewußten  Anarchisten.  Nur,
was heißt das, Anarchist  sein? Das heißt,  sich  gegen  die  Unge-
rechtigkeiten  auflehnen,  die  darin  bestehen,  daß  wir 

gesell-

schaftlich gesehen ungleich  zur Welt  kommen  -  das  ist  es,  was
einen  Anarchisten ausmacht.  Daraus  folgt,  wie  sich  zeigen  läßt,
die  Auflehnung  gegen  die  gesellschaftlichen  Konventionen,  die
diese  Ungleichheit  erst  ermöglichen.  Was  ich  Ihnen  jetzt  erklä-
ren  will,  ist der  psychologische  Weg:  wie  wird  einer  zum  Anar-
chisten?  Ich  komme  gleich  auf  die  Theorie  zurück.  Versuchen
Sie  jetzt  einmal,  die  Entrüstung  eines  gescheiten  Typen  unter
solchen  Umständen  nachzuvollziehen.  Wie  sieht  er  die  Welt?
Der  eine  wird  als  Millionär  geboren  und  ist  von  Geburt  an  ge-
feit gegen Mißgeschicke - und davon gibt es mehr als genug  -,
Mißgeschicke,  die  das  Geld  verhindert  oder  immerhin  ab-
schwächt;  ein  anderer  kommt  armselig  zur  Welt  und  ist  von
Kind an ein Mund zuviel in  einer  Familie,  die mehr  Münder
stopfen muß, als  sie  kann.  Der  eine  kommt  als  Graf  oder  Mar-
quis zur Welt und genießt die Hochachtung  der  Menschen,  egal

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was er tut; ein anderer, wie ich, muß klein beigeben, will er wie
ein  Mensch  behandelt  werden.  Manche  werden  so  geboren,
daß sie  studieren,  reisen  und  sich  bilden  können  -  sich  intelli-
genter machen können (sagen wir es ruhig so) als andere, die es
von Natur aus wären. So ist es und so wird es alles in allem
weiterhin sein...

Die  Ungerechtigkeiten der  Natur  -  sei's drum! Wir können

sie  nicht  abschaffen.  Aber  die  der  Gesellschaft  und  ihrer  Ver-
hältnisse - warum schaffen wir sie nicht ab? Ich  nehme es hin,
— und ich habe gar keine andere Wahl —, daß mir jemand über-
legen ist, weil ihm die Natur gewisse  Gaben  geschenkt  hat:  Ta-
lent, Kraft, Energie. Ich nehme nicht hin, daß er mir  aufgrund
solcher Eigenschaften  überlegen  sein  soll,  die  erst  später  hinzu-
gekommen sind und die er nicht hatte, als er den Bauch seiner
Mutter  verließ,  die  vielmehr  ein  glücklicher  Zufall  ihm  verlie-
hen  hat,  kaum  daß  er  draußen  war  -  Reichtum,  eine  gesell-
schaftliche  Stellung,  Erleichterungen  im  Leben  usw.  Und  aus
dieser Auflehnung, die ich Ihnen hier darzulegen versuche, ging
damals mein  Anarchismus  hervor  -  jener  Anarchismus  -  ich
sagte das schon — zu dem ich mich nach wie vor unverändert
bekenne.«

Wieder schwieg er eine Weile, als müsse er erst überlegen, wie
er fortfahren könnte. Er rauchte und blies den  Rauch langsam
an mir vorbei. Dann wandte er sich mir  wieder zu und  wollte
gerade fortfahren, als ich ihn unterbrach.

»Eine  Frage,  aus  purer  Neugier...  Warum  sind  Sie  eigentlich
Anarchist?  Sie  hätten ebensogut Sozialist werden  können  oder
auf  sonst  etwas  Fortschrittliches,  aber  weniger  Entlegenes  zu-
rückgreifen können. Das hätte sich doch auch mit  Ihrer  Aufleh-
nung vereinbaren lassen... Ich  schließe aus  dem,  was  Sie mir
gesagt haben,  daß Sie  Anarchismus  (und  ich  finde,  das  wäre
eine  gute  Definition)  als  Auflehnung  gegen  alle  gesellschaft-
lichen  Konventionen  und  Formeln  verstehen,  als  den  Wunsch
und das Bemühen, sie alle abzuschaffen...«

»Genau das.«

»Und warum haben  Sie  sich  für  diese  extreme  Lösung ent-

schieden  und  nicht  für  irgendeine  andere...  eine  irgendwo  da-
zwischen?...«

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»Das werde  ich  Ihnen  gleich  sagen.  Ich  habe über all  das

lange  nachgedacht.  Selbstverständlich  kam  ich  durch  die  Flug-
blätter, die ich las, mit all  diesen Theorien  in  Berührung.  Ich
entschied mich  für die anarchistische Theorie —  eine  extreme
Theorie, wie  Sie ganz  richtig bemerkt haben  -,  aus Gründen,
die ich Ihnen in ein paar Worten verraten will.«

Er starrte eine Zeitlang ins Leere. Dann wandte er sich wieder
mir zu.

Das  wahre  Übel,  das  Übel  schlechthin,  sind  die  gesellschaft-
lichen  Konventionen  und  Fiktionen,  die  sich  über  die  natür-
lichen  Gegebenheiten  legen  -  angefangen  von  der  Familie  bis
hin zum Geld,  von der  Religion bis  zum  Staat.  Man  wird  als
Mann oder als Frau geboren — ich will damit sagen, man wird
geboren,  um  als  Erwachsener  einmal  Mann  oder  Frau  zu  sein;
man wird aber nach  den  Gesetzen  der  Natur  nicht  geboren,  um
Ehemann  oder  um  reich  oder  arm  zu  sein,  ebensowenig  kommt
man  als  Katholik  oder  Protestant,  als  Portugiese  oder  Englän-
der  zur  Welt.  All  das  wird  man  nur  unter  dem  Einfluß  gesell-
schaftlicher  Fiktionen.  Warum  aber  sind  diese  gesellschaft-
lichen  Fiktionen  schlecht? 

Weil  es  sich  um  Fiktionen  handelt,

weil  sie  nicht  natürlich  sind. Der  Staat  taugt  ebensowenig  wie
das  Geld,  die  Religionen  ebensowenig  wie  eine  Familiengrün-
dung.  Gäbe  es  andere  Fiktionen  dieser  Art,  wären  sie  genauso
schlecht, 

weil  es  auch  nur  Fiktionen  wären, weil  sie  sich  auch

nur  über  die  natürlichen  Gegebenheiten  legen  würden  und  die-
sen  im Wege  wären.  Und  jedes  System  -  außer  dem  rein  anar-
chistischen,  das  ja  all  diese  Fiktionen  samt  und  sonders  ab-
schaffen will - 

ist  auch  nur  eine  Fiktion.  All  unser  Wünschen

und  all  unser  Bemühen,  unsere  ganze  Intelligenz  darauf  zu  ver-
wenden,  eine  gesellschaftliche  Fiktion  durch  eine  andere  zu  er-
setzen,  wäre  absurd,  wenn  nicht  ein  Verbrechen, 

weil  das  dar-

auf  hinausliefe,  Aufruhr  in  die  Gesellschaft  zu  tragen,  und  das
einzig und  allein  mit  dem  Ziel,  nichts  zu  verändern.  
Wenn  wir
schon  die  gesellschaftlichen  Fiktionen  ungerecht  finden,  weil

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sie  das Natürliche  im Menschen  niederhalten  und  unterdrük-
ken, warum dann unsere Kraft damit  verschwenden,  sie  durch
andere zu ersetzen, wo wir sie doch alle vernichten könnten?

Mir scheint, das ist  schlüssig. Doch  nehmen  wir  einmal an,

dem  wäre  nicht  so;  nehmen  wir  einmal  an,  man  hielte  dem
entgegen, das alles  sei ja ganz  richtig, aber das anarchistische
System sei in der Praxis nicht  zu  verwirklichen,  prüfen  wir  ru-
hig diese Seite des Problems.

Warum  wäre  das  anarchistische  System  nicht  zu  verwirk-

lichen?  Wir  Fortschrittler  gehen  alle  von  dem  Grundsatz  aus,
daß  das  gegenwärtige  System  ungerecht  ist,  darüber  hinaus
aber  meinen  wir,  daß  es  durch  ein  gerechteres  ersetzt  werden
muß,  damit  Gerechtigkeit  herrschen  kann.  Dächten  wir  an-
ders,  wären  wir  keine  Fortschrittler,  sondern  Bourgeois.  Woher
kommt  nun  das  Kriterium  für 

Gerechtigkeit?  Aus  dem,  was

natürlich  und  wahr ist,  im  Gegensatz  zu  den  gesellschaftlichen
Fiktionen  und  den  Lügen  der  Konvention.  Wenn  aber  etwas
natürlich ist,  dann ist es das ganz  und gar nicht  nur zur Hälfte,
zu einem Viertel oder zu einem Achtel.  Na  schön!  Dann  aber
eines  von  beiden:  entweder  läßt  sich  das,  was  natürlich  ist,
gesellschaftlich  verwirklichen  oder  es  läßt  sich  nicht  verwirk-
lichen;  anders  gesagt:  entweder  kann  eine  Gesellschaft  etwas
Natürliches  sein  oder  die  Gesellschaft  ist  im  wesentlichen  Fik-
tion,  dann  kann  sie  in  keiner  Weise  etwas  Natürliches  sein.
Wenn  eine  Gesellschaft  etwas  Natürliches  sein  kann,  dann
kann  es  auch  eine  anarchistische  oder  freie  Gesellschaft  geben,
muß  es  sie geben, weil  sie  eine ganz  und  gar  natürliche  Gesell-
schaft  wäre.  Kann  eine  Gesellschaft  aber  nicht  etwas  Natür-
liches  sein, sollte sie  (aus welchem  Grund  auch  immer)  Fiktion
sein müssen, dann  sollten  wir  sie als  das  kleinere  Übel  betrach-
ten  und  sie  innerhalb  dieser  unvermeidlichen  Fiktion  so  natür-
lich  wie möglich  gestalten,  damit  sie  auch  so  gerecht  wie  mög-
lich ist. Und welches ist denn die natürlichste  Fiktion?  Keine  ist
an sich natürlich, da sie ja  Fiktion  ist;  am  natürlichsten  wäre  in
diesem  Fall  noch  die,  welche  am  natürlichsten 

erscheint,  wel-

che  als  am  natürlichsten 

empfunden  wird.  Und  welche  er-

scheint  am  natürlichsten  oder  welche  empfinden  wir  als  am
natürlichsten?  Die,  an  welche  wir  gewöhnt  sind.  (Verstehen
Sie: etwas ist  natürlich,  wenn  es  aus  dem  Instinkt  kommt,  und
was zwar nicht aus dem Instinkt kommt, was  ihm aber alles in

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allem  ähnelt,  ist  die  Gewohnheit.  Rauchen  ist  weder  natürlich
noch  eine  Notwendigkeit  des  Instinkts,  doch  haben  wir  uns
erst einmal ans Rauchen gewöhnt, kommt  es  uns  natürlich  vor,
wird  es  wie eine  Notwendigkeit  des  Instinkts  empfunden.)  Und
welche  gesellschaftliche  Fiktion  ist  uns  zur  Gewohnheit  gewor-
den?  Nun,  das  jetzige  System,  das  bürgerliche  System.  Daraus
ergibt  sich,  logisch  betrachtet:  entweder  wir  halten  eine  natür-
liche  Gesellschaft  für  möglich,  dann  müßten  wir  den  Anarchis-
mus  vertreten,  oder  aber  wir  meinen,  sie  sei  nicht  möglich,
dann  müßten  wir  das  bürgerliche  Regime  verteidigen.  Eine  Hy-
pothese dazwischen gibt es nicht. Konnten Sie mir folgen?...

»Ja, das ist durchaus schlüssig.«

»Noch  nicht  ganz  schlüssig...  Noch  gilt  es  einen  anderen

Einwand  derselben  Art  auszuschalten...  Man  könnte  darin
übereinstimmen,  daß  das  anarchistische  System  zwar  verwirk-
licht  werden  kann,  man  könnte  aber  bezweifeln,  daß  es 

mit

einem  Mal  verwirklicht  wird  —  bezweifeln,  daß  es  einen  Über-
gang  von  der  bürgerlichen  zur  freien  Gesellschaft  gibt,  ohne
daß  sich  ein  oder  mehrere  Stadien  bzw.  Regimes  dazwischen-
schalten.  Wer  einen  solchen  Einwand  vorbringt,  hält  die  anar-
chistische  Gesellschaft  zwar  für  gut  und  machbar;  doch
schwant  ihm,  daß  es  ein  Übergangsstadium  geben  muß  zwi-
schen bürgerlicher und anarchistischer Gesellschaft.

Na schön. Nehmen wir einmal an,  daß dem  so  sei. Was  für

ein  Übergangsstadium  wäre  das?  Unser  Ziel  ist  die  anarchisti-
sche  oder  freie  Gesellschaft.  Folglich  kann  das  Übergangssta-
dium  nur  eines  sein,  das  die  Menschheit  auf  die  freie  Gesell-
schaft  vorbereitet.  Diese  Vorbereitung  ist  entweder  materieller
oder geistiger Art; das heißt, entweder handelt es  sich  um eine
Reihe  materieller  bzw.  gesellschaftlicher  Errungenschaften,
mit deren Hilfe  sich die Menschheit auf die  freie Gesellschaft
einzustellen  lernt,  oder  es  handelt  sich  um  bloße  Aufklärung,
die  immer  mehr  an  Boden  und  Einfluß  gewinnt  und  die  die
Menschheit 

geistig  dahin  bringt,  diese  freie  Gesellschaft  zu

wünschen und zu akzeptieren.

Nehmen  wir einmal  den  ersten  Fall  an,  die  allmähliche  mate-

rielle  Umstellung  der  Menschheit  auf  die  freie  Gesellschaft.
Das  wäre  unmöglich  -  mehr  als  unmöglich,  es  wäre  absurd.
Materiell  kann  man  sich  nur  auf  etwas 

schon  Existierendes

umstellen. Niemand  von  uns  kann  sich materiell auf  das  gesell-

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schaftliche  Milieu  des  2.3.  Jahrhunderts  umstellen,  auch  wenn
er  wüßte,  wie  es  beschaffen  wäre;  und  er  kann  sich  deshalb
nicht materiell darauf umstellen, weil das 13.  Jahrhundert  mit
seinem  gesellschaftlichen  Milieu 

materiell  noch  nicht  existiert.

Und so kommen wir zu dem Schluß, daß beim  Übergang von
der  bürgerlichen  zur  freien  Gesellschaft  von  Umstellung,
Wandlung  oder Wechsel  nur 

geistig die  Rede  sein  kann,  näm-

lich so, daß sich die Leute geistig allmählich auf die Idee einer
freien  Gesellschaft  einstellen...  Was  dagegen  die  materielle
Umstellung anbelangt, gäbe es noch die Hypothese...«

»Zum Kuckuck mit all Ihren Hypothesen!«

»Lieber  Mann!  Jemand  mit  einem  wachen  Verstand  muß

doch  erst  alle  denkbaren  Einwände  prüfen  und  widerlegen,  be-
vor  er  dann  behaupten kann,  er  sei  sich  seiner Lehre  sicher.
Überdies ist das alles die Antwort auf eine  Frage, die Sie mir
gestellt haben.«

»Schon gut.«
»Was  also  die  materielle  Umstellung  anbelangt,  gibt  es  je-

denfalls, wie ich schon sagte, noch eine andere Hypothese. Und
zwar die einer revolutionären Diktatur.«

»Wie? Einer revolutionären Diktatur?«

»Wie ich vorhin  schon  dargelegt  habe,  kann  es  keine mate-

rielle Umstellung auf etwas geben, das materiell noch gar nicht
existiert.  Wenn  aufgrund  einer  plötzlichen  Erschütterung  eine
gesellschaftliche  Revolution  stattfände,  würde  nicht  eine  freie
Gesellschaft  errichtet  (die  Menschheit  wäre  darauf  ja  noch
nicht  vorbereitet),  sondern  die  Diktatur  derer,  die  die  freie  Ge-
sellschaft  einführen  wollen.  Es  existierte  somit  schon 

materiell

etwas von der  freien Gesellschaft, wenn  auch  nur  im  Entwurf,
in der Anlage. Es gäbe folglich etwas Materielles, auf das  sich
die Menschheit einstellen  könnte.  Und  genau  das  ist  das  Argu-
ment,  das  jene  Schwachköpfe  vertreten  würden,  die  eine  »Dik-
tatur des Proletariats« vertreten, wenn  sie  nur  in  der  Lage  wä-
ren,  zu  argumentieren  oder  zu  denken.  Selbstverständlich
stammt das Argument nicht von ihnen: es  stammt von mir.  Ich
führe es als Einwand gegen mich selber an. Und, wie ich Ihnen
jetzt zeigen werde - es ist falsch.

Ein  revolutionäres  Regime,  welches  Ziel  es  auch  immer  an-

steuern mag, von welchen Ideen es sich auch immer leiten  läßt,
ist 

materiell gesehen, solange es existiert, nur eines — ein  revolu-

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18

tionäres  Regime.  Nun  bedeutet  revolutionäres  Regime  aber
Kriegsdiktatur  oder,  um  es  genauer  zu  bezeichnen,  ein  militäri-
sches  Gewaltregime,  weil  nämlich  der  Kriegszustand  über  die
Gesellschaft  verhängt  würde,  und  zwar  von  einem  Teil  ihrer
selbst  —  jenem  Teil,  der  mit  der  Revolution  die  Macht  über-
nommen  hat. Und  was  kommt  dabei  heraus?  Heraus  kommt
dabei, daß derjenige, der  sich  auf  ein  solches  Regime  einstellt,
das 

materiell  und  umstandslos  ein  militärisches  Gewaltregime

ist,  sich  auf  ein  militärisches  Gewaltregime  einstellt.  Die  Idee,
von  der  sich  die  Revolutionäre  hatten  leiten  lassen,  und  das
Ziel,  das  sie angesteuert hatten,  sind  jetzt  vollständig  aus  der
gesellschaftlichen 

Wirklichkeit  verschwunden,  die  vielmehr

ausschließlich  von  kriegerischem  Geschehen  in  Anspruch  ge-
nommen  wird.  So  entspringt  also  einer  revolutionären  Dikta-
tur — und das um so mehr, je länger diese Diktatur dauert — eine
kriegerische  Gesellschaft  von  der  Art  einer  Diktatur,  mit  ande-
ren  Worten,  eine  militärische  Gewaltherrschaft.  Wie  könnte
dem auch anders sein? Es ist ja nie anders gewesen.  Ich kenne
mich in der Geschichte  nicht besonders aus, doch das, was  ich
weiß, bestätigt das  alles  nur  und  hat  es  immer  wieder  bestätigt.
Was  ist  aus  den  politischen  Unruhen  Roms  hervorgegangen?
Das  römische  Imperium  und  seine  militärische  Gewaltherr-
schaft.  Was  ist  aus  der  Französischen  Revolution  hervorgegan-
gen?  Napoleon  und  seine  militärische  Gewaltherrschaft.  Und
Sie  werden  noch  sehen,  was  die  russische  Revolution  hervor-
bringen  wird...  Etwas,  das  die  Verwirklichung  der  freien  Ge-
sellschaft  um  Jahrzehnte  verzögern  wird.  Aber  was  darf  man
schon  von  einem  Volk  von  Analphabeten  und  Mystikern  er-
warten?...

»Doch  das  gehört  nicht  hierher... Haben  Sie  meinen  Argu-

menten folgen können?«

»Durchaus.«

»Dann  verstehen  Sie  auch,  warum  ich  zu  folgender  Schluß-

folgerung  gekommen  bin;  Ziel:  die  anarchistische  Gesell-
schaft,  die  freie  Gesellschaft.  Mittel: 

übergangsloser  Wechsel

von  der  bürgerlichen  zur  freien  Gesellschaft.  Dieser  Wechsel
könnte  vorbereitet  und  ermöglicht  werden  mit  Hilfe  einer
intensiven,  totalen,  allumfassenden  Aufklärungsarbeit;  sie
würde  die  Leute  empfänglich  machen  und  jeden  Widerstand
schwächen.  Selbstverständlich  verstehe  ich  unter  ›Aufklä-

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19

rungsarbeit‹  nicht  nur  das  geschriebene  oder  gesprochene
Wort: ich verstehe darunter jede direkte oder  indirekte  Aktion,
sofern sie dazu beiträgt,  die  Leute  für  die  freie  Gesellschaft
empfänglich  zu  machen  und  den  Widerstand  gegen  ihre  Her-
aufkunft  zu  schwächen.  Wenn  es  dann  quasi  keinen  Wider-
stand  mehr  gibt,  könnte  sich  die  gesellschaftliche  Revolution,
wenn  sie denn  stattfindet, rasch und  leicht vollziehen,  und  sie
hätte  keine  revolutionäre  Diktatur  nötig,  denn  gegen  wen
sollte sie sich  überhaupt richten? Wenn sich aber die Dinge so
nicht  ereignen  können, hieße das, daß  sich  der  Anarchismus
nicht  verwirklichen  läßt;  und  wenn  sich  der  Anarchismus
nicht  verwirklichen  läßt,  dann  ist,  wie  ich  schon  nachgewiesen
habe,  nur  die  bürgerliche  Gesellschaft  verteidigenswert  und
gerecht.

Sie sehen also, warum und wie ich zum Anarchisten wurde

und warum und wie ich  die  übrigen,  weniger  kühnen  Sozialleh-
ren als falsch und naturwidrig verworfen habe.

Das  war's!  ...Nehmen wir  jetzt meine Geschichte wieder

auf.«

Er  ließ  ein Streichholz aufflammen und zündete  sich  langsam
seine Zigarre an. Dann konzentrierte er sich, um nach  einer
kleinen Pause fortzufahren.

Es  gab  eine  Reihe  anderer  junger  Burschen,  die  meine  Ansich-
ten teilten. Bei den meisten handelte es sich um Arbeiter, doch
nicht bei allen; alle aber waren arm  und,  soweit  ich  mich  erin-
nere, nicht gerade  dumm.  Alle  wollten wir  uns  in  gewissem
Sinne  weiterbilden,  Dinge  kennenlernen  und  gleichzeitig  Auf-
klärungsarbeit machen, unsere  Ideen  unter  die  Leute  bringen.
Wir  wollten  für  uns  und  für  die  anderen  —  für  die  ganze
Menschheit - eine neue Gesellschaft, eine Gesellschaft frei von
all diesen Vorurteilen, die auf  künstliche Weise  die  Menschen
für  ungleich  erklären  und  ihnen  Minderwertigkeiten,  Gebre-
chen  und  Beschränktheiten  andichten,  mit  denen  die  Natur
nichts im Sinn hat. Was mich betrifft, so wurde ich durch die

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20

Lektüre  in  meinen  Ansichten  bestärkt.  Von  den  preiswerten  an-
archistischen  Veröffentlichungen  jener  Zeit,  es  gab  davon  da-
mals schon mehr als genug,  las  ich  fast alles.  Ich ging zu  den
Vorträgen  und  Versammlungen  derer,  die  damals  Aufklärungs-
arbeit  betrieben.  Jedes  Buch  und  jede  Rede  überzeugten  mich
nur  noch mehr  von  der  Richtigkeit und Wahrheit meiner  Ideen.
Und wovon ich damals überzeugt war- mein  lieber  Freund,  ich
sage das gerne noch einmal —,  davon bin  ich  noch heute  über-
zeugt;  der einzige  Unterschied  ist,  daß  ich  damals  von  Ideen
überzeugt war, heute aber bin ich von ihnen überzeugt  und  lebe
gleichzeitig danach.«

» Nun j a, das mag j a angehen, schön! Wahrscheinlich sind Sie

so zum Anarchisten geworden und  ich  gestehe  Ihnen zu,  daß
Sie Anarchist waren. Es sind  keine  weiteren Beweise vonnöten.
Ich würde nur gern wissen, wie daraus der Bankier entstanden
ist...,  wie  das  ohne Widerspruch vor  sich  gehen  konnte...  Ich
könnte mir zum Beispiel vorstellen, daß...«

»Sie können  sich gar nichts vorstellen.  Ich weiß schon,  was

Sie sagen wollen... Sie stützen sich auf die Argumente,  die  Sie
soeben  vernommen  haben  und  Sie  glauben,  ich  sei  der Mei-
nung, der  Anarchismus  ließe  sich  nicht  verwirklichen,  und  daß
deswegen,  wie  ich  eben  sagte,  einzig  die  bürgerliche  Gesell-
schaft verteidigenswert und gerecht sei — stimmt's...«

»Ja, so oder ähnlich dachte ich mir das...«
»Und wie sollte das möglich sein, wo ich Ihnen  doch  zu  Be-

ginn  unserer  Unterhaltung  gesagt  und  auch  wiederholt  habe,
daß  ich  Anarchist  bin,  daß  ich  nicht  nur  einer  war,  sondern
immer noch einer bin? Wenn ich aus dem Grund, den Sie in
Rechnung  stellen, Bankier und  Händler  geworden  wäre,  wäre
ich nicht Anarchist, sondern Bourgeois.«

»Ja, da  haben  Sie wohl Recht... Aber wie zum Teufel... ?

Also, schießen Sie los!...«

»Wie ich Ihnen schon sagte, bin ich (war ich immer) jemand

mit einem wachen Verstand und außerdem ein Mann  der Tat.
Dabei  handelt  es  sich  um  natürliche Eigenschaften;  sie  wurden
mir nicht erst in die Wiege gelegt (wenn ich jemals eine Wiege
hatte), höchstens habe ich sie da  reingelegt.  Als  Anarchist  fand
ich  es  unerträglich,  nur  passiv  Anarchist  zu  sein,  nur  immer
Reden  anzuhören  und  mit  den  Freunden  darüber  zu  diskutie-
ren. Nein: es mußte  etwas geschehen! Es mußte  gearbeitet wer-

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21

den  und  für  die  Sache  der  Unterdrückten  und  der Opfer  gesell-
schaftlicher  Konventionen  gekämpft  werden!  Ich  beschloß,  im
Rahmen des Möglichen, die Sache in die Hand zu nehmen. Ich
überlegte  mir,  wie  ich  der  anarchistischen  Sache  dienlich  sein
könnte. Ich ließ mir einen Aktionsplan durch den Kopf gehen.

Was will denn ein Anarchist? Freiheit  - Freiheit  für  sich und

die  anderen,  für  die ganze  Menschheit.  Er  möchte  sich  vom
Einfluß  und  dem  Druck  der  gesellschaftlichen  Fiktionen  be-
freien, er möchte  frei  sein,  wie damals, als er geboren wurde
und ins Leben trat, so frei, wie er es eigentlich immer sein sollte,
ginge es gerecht zu, und diese Freiheit will er für sich und die
anderen. Nur können vor der Natur nicht alle gleich  sein:  die
einen kommen groß, die anderen klein zur Welt; die einen sind
von  Geburt an  stark,  die  anderen  schwach;  manche  sind  intelli-
gent, andere  sind  es  weniger...  Doch von  diesem  Tatbestand
aus  könnten alle  gleich  sein,  nur  -  die  gesellschaftlichen  Fiktio-
nen  verhindern  es,  und  so  galt  es,  die  gesellschaftlichen  Fiktio-
nen zu vernichten.

Es  galt,  sie  zu  vernichten.  Doch  eines  entging  mir  dabei

durchaus  nicht:  es  galt,  sie  zu  vernichten, 

aber  zugunsten  der

Freiheit,  die  Errichtung  einer  freien  Gesellschaft  mußte  im
Auge  behalten  werden.  Denn  man  kann  gesellschaftliche  Fik-
tionen um der Freiheit willen vernichten, um  ihr  den Weg  zu
ebnen,  aber  auch,  um  neue  gesellschaftliche  Fiktionen  herauf-
zubeschwören,  die  schon  insofern  nichts  taugen  können,  als  es
sich  auch  wiederum  nur  um  Fiktionen  handelt.  Vorsicht  war
also geboten. Es galt, einen Aktionsplan zu entwerfen - ob mit
oder  ohne  Gewalt,  egal  (denn  angesichts  der  herrschenden  Un-
gerechtigkeiten  war  alles  erlaubt)  -,  einen  Plan,  der  dazu  bei-
tragen  würde,  die  gesellschaftlichen  Fiktionen  zu  vernichten,
ohne  deshalb  die  Schaffung  künftiger  Freiheit  zu  behindern;
also mußte  im  Rahmen  des  Möglichen  schon  etwas  von  der
zukünftigen Freiheit geschaffen werden.

Bei  dieser  Freiheit,  die  nicht  behindert  werden  durfte,  han-

delte es  sich  selbstverständlich  um  eine 

Freiheit  in  der  Zukunft

und,  in  der  Gegenwart,  um 

die  Freiheit  derer,  die  von  den  ge-

sellschaftlichen  Fiktionen  unterdrückt  wurden.  Es  versteht  sich
von selbst, daß wir nicht  darauf  achtzugeben  brauchten,  ob wir
vielleicht die  »Freiheit« der  Mächtigen,  der  Gutsituierten,  all
jener  behinderten,  die  die  gesellschaftlichen  Fiktionen  reprä-

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22

sentierten  und  von  ihnen  profitierten.  Ihre  Freiheit  ist  keine
Freiheit, es  ist  die  Freiheit  zu  tyrannisieren,  also  das  Gegenteil
von  Freiheit. Eben die, die  es im  Gegenteil  unter  allen  Umstän-
den zu verhindern  und zu  bekämpfen  galt.  Das  ist  doch  ein-
leuchtend - oder?«

»Durchaus einleuchtend... Fahren Sie fort...«

»Für  wen  will  ein  Anarchist  Freiheit?  Für  die  ganze  Mensch-

heit.  Und wie  erreicht  man  Freiheit  für  die  ganze  Menschheit?
Indem  man  alle  gesellschaftlichen  Fiktionen  völlig  vernichtet.
Und  wie  lassen  sich  die  gesellschaftlichen  Fiktionen  völlig  ver-
nichten?  Ich  habe  Ihnen  vorhin  schon  die  Erklärung  dafür ge-
geben, als ich  auf Ihre  Frage hin die anderen  fortschrittlichen
Systeme  erörterte  und  Ihnen  erklärte,  warum  und  wie  ich  zum
Anarchisten  wurde...  Erinnern  Sie  sich  noch  an  die  Schlußfol-
gerung?«

»Ich erinnere mich...«

»Eine  überwältigende  Revolution,  plötzlich  und  unerwartet,

Ergebnis:  die  Gesellschaft  geht  mit  einem  Sprung  vom  bürger-
lichen  Regime  in  eine  freie  Gesellschaft  über.  Diese  gesell-
schaftliche  Revolution,  von  langer  Hand  und  mittels  direkter
und  indirekter Aktionen intensiv  vorbereitet,  um  die  Leute  für
die  Heraufkunft  der  freien  Gesellschaft  empfänglich  zu  ma-
chen und  um  die Widerstände  der  Bourgeoisie  bis  hin  zur  Be-
wußtlosigkeit zu  schwächen... Ich brauche  Ihnen  nicht  all  die
Gründe  zu  wiederholen,  die,  auf  den  Anarchismus  bezogen,
unweigerlich zu dieser  Schlußfolgerung  führen.  Ich  habe  sie  Ih-
nen schon auseinandergesetzt, und Sie haben sie ja begriffen.«

»Eben.«
»Eine  solche  Revolution  könnte  günstigenfalls  eine  Welt-

revolution sein,  die gleichzeitig an allen Ecken der Welt - oder
zumindest  an  den  wichtigsten  Ecken  -  ausbrechen  würde;
oder,  falls nicht,  die  immerhin von einer Ecke  auf  die  andere
übergreifen  würde,  -  sie  wäre  auf  jeden  Fall  fulminant  und
fände überall, d. h. in jeder Nation statt.

Na schön! Aber welchen Beitrag könnte  ich  dazu  leisten?  Ich

allein  könnte  sie  nicht machen,  die  große  Weltrevolution,  ich
könnte nicht einmal  in meinem  eigenen Land  eine  ganze  Revo-
lution auslösen. Einzig  und allein  könnte  ich mit  all  meinen
Kräften  mithelfen,  diese  Revolution  vorzubereiten.  Ich  habe
Ihnen schon erklärt, wie: indem ich mit allen  verfügbaren  Mit-

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23

teln  die  gesellschaftlichen  Fiktionen  bekämpfe,  indem  ich
weder diesen Kampf bzw. die Aufklärungsarbeit  für  eine  freie
Gesellschaft  behindere,  noch  die  zukünftige  Freiheit  oder  die
jetzige  Freiheit  der  Unterdrückten  beeinträchtige,  indem  ich
jetzt  schon,  wenn  möglich,  etwas  von  dieser  zukünftigen  Frei-
heit schaffe.«

Er zog den Rauch ein, machte eine kurze  Pause und fuhr dann
fort.

Dabei, lieber Freund, konnte ich meinen ganzen Scharfsinn

ins Werk setzen. Für die Zukunft zu arbeiten,  ist  gut,  dachte
ich; für die Freiheit der anderen zu arbeiten, ist rechtens. Doch
wo bleibe ich bei all dem? Zähle ich nicht? Wäre ich ein Christ
gewesen, hätte ich mich  rüstig  für  die Zukunft  der  anderen  ein-
gesetzt, denn dann  hätte  ich  ja meine Belohnung  im Himmel
erhalten.  Nur, wäre  ich Christ  gewesen,  wäre  ich  nicht  auch
Anarchist  gewesen,  denn  derlei  Ungerechtigkeiten  hätten  in
diesem kurzen Leben kein Gewicht gehabt:  sie wären nur Teil
der irdischen Prüfungen  gewesen,  und  das  ewige  Leben  hätte
einen für sie entschädigt. Doch ich war ja nicht Christ und bin
nicht Christ; also fragte  ich mich:  für  wen  soll  ich mich  eigent-
lich  aufopfern?  Mehr  noch: 

warum  soll  ich  mich  überhaupt

aufopfern?

Mir  kamen  Momente  des  Zweifelns;  Sie  verstehen  wohl,

warum... Ich bin Materialist, dachte ich; ich habe nur dieses
eine Leben; warum also  soll  ich mich mit  Aufklärungsarbeit,
sozialen  Ungleichheiten  und  anderen  Geschichten  herumschla-
gen, wo ich mich  doch  an allem Möglichen  erfreuen, mich  zer-
streuen könnte, statt mich mit all dem zu  befassen? Warum  soll
einer,  der  nur  dieses  eine  Leben  hat,  der  nicht  an  das  ewige
Leben glaubt,  der  kein  anderes  Gesetz  als  das  der  Natur  aner-
kennt,  der  sich  dem  Staat  widersetzt,  weil  er  unnatürlich
ist,  und  der Ehe,  weil  sie  unnatürlich  ist,  dem  Geld,  weil  es
unnatürlich  ist,  all  den  gesellschaftlichen  Fiktionen,  weil  sie
unnatürlich  sind,  warum  zum  Kuckuck  soll  der  eigentlich  für
Selbstlosigkeit  eintreten  und  sich  für  andere,  für  die  ganze

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24

Menschheit  aufopfern,  wo  doch  Selbstlosigkeit  und  Aufopfe-
rung  auch  unnatürlich  sind?  Jawohl, dieselbe Logik,  die mir
vor Augen geführt hatte, daß der Mensch nicht  geboren  wird,
um zu heiraten oder um Portugiese, um reich oder arm zu sein,
dieselbe Logik sagte mir,  daß  er  ebensowenig geboren  wird,  um
solidarisch zu sein, daß er einzig und allein geboren wird, um er
selber zu sein, also das Gegenteil von selbstlos und solidarisch,
kurz: ein vollkommener Egoist.

Ich habe  diese Frage mit mir selber diskutiert. Denke daran,

sagte ich mir, daß  du mit  deinem  Eintritt  ins  Leben  zum  Men-
schengeschlecht  gehörst,  also die  Pflicht  hast, mit allen  anderen
Menschen  solidarisch  zu  sein.  Aber  ist  denn  die  Idee  der
»Pflicht«  natürlich?  Woher  kommt  überhaupt  diese  Idee?
Wenn  mich  diese  Pflichtidee  dazu  verpflichtet,  mein  Wohlerge-
hen,  meine  Annehmlichkeiten,  meinen  Selbsterhaltungstrieb
und andere  natürliche Triebe aufs  Spiel  zu  setzen,  unterscheidet
sich dann noch die Ausführung dieser Idee  von  der Ausführung
irgendeiner  gesellschaftlichen  Fiktion,  die  in  uns  genau  die-
selbe Wirkung hervorruft?

Diese  Idee  der  Pflicht,  der  Solidarität  mit  den  Menschen

könnte man nur  dann als eine natürliche betrachten, 

wenn sie

mit einer Entschädigung für das Ich  einherginge, weil  sie  dann
im  Prinzip  zwar  immer  noch  dem  natürlichen  Egoismus  wider-
sprechen würde,  ihm  letzten  Endes  aber  nicht  widerspräche,
weil  eine  Entschädigung  gewährt  wird.  Ein  Vergnügen  preiszu-
geben,  es  so  ohne  weiteres  preiszugeben,  das  wäre  nicht  natür-
lich;  ein  Vergnügen  jemand  anderem  zuliebe  preiszugeben,
liegt  schon im Rahmen des Natürlichen:  es  gilt  also,  von  zwei
natürlichen  Dingen,  die  man  nicht  gleichzeitig  haben  kann,
eines  zu  wählen,  und  zwar  das  bessere.  Und  welche  eigennüt-
zige  bzw.  natürliche  Entschädigung  wird  mir  gewährt,  wenn
ich mich der Sache der freien Gesellschaft und des zukünftigen
Glücks  der  Menschheit  verschreibe?  Einzig  das  Bewußtsein,
meine  Pflicht  getan zu  haben, mich  für einen  guten  Zweck  ein-
gesetzt  zu haben; und  das  hat  nichts  mit  eigennütziger  Entschä-
digung, nichts mit einem Vergnügen an  sich  zu  tun,  es  könnte
allenfalls ein Vergnügen sein, wenn es denn eines ist, das  einer
Fiktion  entspringt,  so  wie  es  ein  Vergnügen  sein  kann,  unend-
lich  reich zu  sein  oder  in  eine  gute  gesellschaftliche  Position
hineingeboren zu werden.

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25

Ja,  ich gestehe, mein Lieber, daß es Momente  des  Zweifelns

gab...  Ich  empfand  wie  einer,  der  seine  Überzeugungen  verra-
ten hat, ich fühlte mich wie ein Verräter... Doch damit habe ich
bald  aufgeräumt.  Ich  war  der  Meinung,  daß  ich  wußte,  was
Gerechtigkeit  bedeutet.  Ich  empfand  sie  wie  etwas  Natürliches.
Ich spürte, daß es eine Pflicht gab, die mehr galt, als sich mit
dem  eigenen  Schicksal  zu  beschäftigen.  Also  bohrte  ich  wei-
ter. «

»Mir  scheint  nicht,  daß  dieses  Vorhaben  von  großem  Scharf-

sinn  Ihrerseits  zeugte...  Sie  haben  die  Schwierigkeit  nicht
gelöst...  Sie  machten  aus  einem  ganz  sentimentalen  Antrieb
heraus weiter...«

»Zweifelsohne. Aber ich erzähle Ihnen hier, wie ich zum An-

archisten wurde, warum ich es blieb  und  immer noch  bin. Ich
setze  Ihnen  ehrlich  mein  Zögern  und  meine  Schwierigkeiten
auseinander und wie ich  sie  überwunden  habe.  Ich gestehe,  daß
ich  seinerzeit  die  logischen  Schwierigkeiten  gefühlsmäßig  über-
wunden  habe  und  nicht  mittels  Überlegung.  Doch  Sie  werden
sehen, daß ich später, als ich  zum  völligen  Verständnis  des  An-
archismus gelangt war,  diese  Schwierigkeit,  die  bis  dahin  ohne
logisch  befriedigende Antwort  geblieben war,  voll und  ganz  lö-
ste.

»Seltsam...«

»Vielleicht...  Aber  lassen  Sie  mich  in  meiner  Geschichte

fortfahren! Ich hatte diese  Schwierigkeit und  ich  habe  sie  gelöst
so gut ich konnte, wie ich Ihnen schon sagte. Doch bald darauf
tauchte  eine  andere  Schwierigkeit auf,  die immer noch  damit
zu tun hatte und die mich reichlich verwirrte.

Es mochte ja angehen — warum nicht? —, daß ich bereit war,

mich aufzuopfern,  und das,  ohne  persönlich  dafür belohnt  zu
werden,  d.h. ohne  eine  wirklich 

natürliche  Belohnung.  Aber

nehmen wir einmal an, die zukünftige Gesellschaft würde  sich
nicht  so  gestalten, wie ich es von  ihr erhoffte,  sie hätte nichts
von der freien Gesellschaft an sich, für die ich mich doch, zum
Teufel noch mal, aufopfern wollte. Mich ohne  jede  persönliche
Belohnung  aufzuopfern, mich  ohne  jeden  Eigengewinn  für  eine
Idee  einzusetzen,  mochte  ja  noch  angehen;  aber  mich  aufzuop-
fern ohne  die  geringste  Gewißheit,  daß  das,  wofür  ich  arbei-
tete, eines Tages auch existieren würde, 

daß also die  Idee, für

die ich mich einsetzte, an Boden gewinnen würde, - das ging zu

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weit... Ich sage Ihnen gleich,  daß ich auch  diese  Schwierigkeit
mit Hilfe des Gefühls überwunden habe,  so wie ich  schon die
anderen  überwunden  hatte;  doch  gebe  ich  Ihnen  auch  zu  be-
denken,  daß  ich  sie,  ebenso wie  die  andere,  automatisch mit
Hilfe der Logik  überwand — von  dem Moment  an,  wo der  An-
archismus  in  mir  zu  vollem  Bewußtsein  gelangte...  Sie  werden
noch sehen... Doch zu jener Zeit, von der die Rede war, half
ich mir mit ein paar leeren Phrasen aus  der  Patsche:  ›Ich  habe
meine  Pflicht  gegenüber  der  Zukunft  getan,  soll  die  Zukunft
nun die ihre mir gegenüber erfüllen‹... so oder ähnlich...

Ich  setzte  meine  Schlußfolgerung,  vielmehr  meine  Schlußfol-

gerungen  den Genossen  auseinander,  und  alle  stimmten mir  zu;
sie  stimmten  mir  darin  zu,  daß  es  darauf  ankam,  voranzu-
schreiten  und  sich  ganz  für  die  freie  Gesellschaft  einzusetzen.
Zwei  oder  drei  allerdings,  und  zwar  von  den  Intelligentesten,
blieben  schwankend, nicht etwa,  daß  sie  mir  nicht  zugestimmt
hätten, nur hatten sie die Sache noch nie so klar gesehen  und
auch nicht die Kniffligkeiten in diesen Dingen... Am Ende aber
waren alle mit mir einig... Wir würden alle für die große gesell-
schaftliche Revolution,  für eine  freie  Gesellschaft  arbeiten,  die
Zukunft würde  uns Recht geben - oder auch  nicht!  Wir  waren
eine  Gruppe  von  überzeugten  Leuten  und  fingen  mit  der  gro-
ßen Aufklärungsarbeit an — groß, na ja, im Rahmen des  uns
Möglichen.  Eine  geraume  Zeit  waren  wir  ungeachtet  aller
Schwierigkeiten  und  Zerwürfnisse  und  trotz  so  mancher  Ver-
folgung für das anarchistische Ideal tätig.«

An dieser Stelle machte der Bankier eine etwas längere Pause.
Die Zigarre, die wieder einmal  ausgegangen  war,  zündete er
nicht mehr an. Ein flüchtiges  Lächeln trat  plötzlich  auf  seinen
Mund, und er  sah aus  wie jemand, der  am entscheidenden
Punkt angelangt ist, richtete seinen Blick noch fester  auf  mich
und fuhr  dann  mit  klarer  Stimme  und  mit  mehr  Nachdruck
fort.

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Zu jenem Zeitpunkt  tauchte ein neues Problem  auf.  ›Zu  je-

nem Zeitpunkt‹ ist  so  eine  Redensart.  Ich  will  sagen,  daß  ich
nach  ein  paar  Monaten  Aufklärungsarbeit  allmählich  eine
neue  Verwicklung  wahrnahm,  und  zwar  die  bedenklichste  von
allen, eine, die ins Gewicht fiel.

Sie erinnern sich doch noch, nicht wahr?, wie  ich  dank  stren-

gen  Nachdenkens  die  Methode  anarchistischen  Handelns  fest-
gelegt  hatte... Eine Methode  bzw. Methoden, mit deren  Hilfe
die  gesellschaftlichen  Fiktionen  zerstört  werden  sollten,  ohne
daß  deswegen  die  Errichtung  einer  freien  Gesellschaft  beein-
trächtigt  würde,  ohne  daß  also  im  geringsten  das  bißchen  Frei-
heit  derer  beeinträchtigt  würde,  die  gegenwärtig  von  den  ge-
sellschaftlichen  Fiktionen  unterdrückt  werden;  eine  Methode,
die,  wenn  eben  möglich,  schon  etwas  von  der  zukünftigen  Frei-
heit vorwegnehmen würde...

Na  schön!  nachdem  dieses  Kriterium  nun  einmal  feststand,

verlor ich es nicht mehr aus den Augen... Nun, zu  der Zeit, als
wir  Aufklärung  betrieben,  ich  sprach  gerade  davon,  fiel  mir
etwas  auf.  In  der  Propagandagruppe  —  wir  waren  nicht  zahl-
reich, etwa vierzig, ich kann mich auch  irren  -  stellte  sich fol-
gendes heraus: 

es entstand eine Tyrannei.«

»Es entstand Tyrannei? - Tyrannei? Wie denn das?«

»Auf  folgende Weise...  ein  paar  befehligten  den  Rest  und

lenkten  ihn  nach ihrem Willen; ein paar beherrschten  den  Rest
und  verpflichteten  ihn,  sich  nach  ihnen  zu  richten;  ein  paar
schafften es mit List und Tücke,  sich den Rest  gefügig zu  ma-
chen.  Ich  will  nicht  behaupten,  daß  davon  wichtige  Angelegen-
heiten  berührt  waren. Es  gab  im  übrigen auch  gar  keine  wichti-
gen  Angelegenheiten.  Tatsache  aber  ist,  daß  stets  und  ständig
dieses  Phänomen  auftrat,  und  zwar  nicht  nur  in  Zusammen-
hang mit  der  Aufklärungsarbeit,  auch  außerhalb,  in  den  ganz
gewöhnlichen  Dingen  des  Lebens.  Die  einen  wurden  unmerk-
lich  zu  Anführern,  die  anderen  unmerklich  zu  Untertanen.  Die
einen  wurden  Anführer,  weil  sie  Machtworte,  andere,  weil  sie
Kniffe  anwendeten.  Das  zeigte  sich  in  den  läppischsten  Situa-
tionen. Zum Beispiel: zwei  Jungs  gehen  gemeinsam  durch  eine
Straße; am Ende der  Straße  angekommen,  soll  der  eine  rechts,
der  andere  links  weitergehen;  jeder  hat  gute  Gründe,  seine
Richtung  einzuschlagen.  Doch  der,  welcher  links  einbiegt,  sagt
zum  anderen:  »Komm  mit,  hier  lang!«,  und  der  andere  ant-

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wortet, und das stimmte ja auch: »Mensch, das kann  ich doch
nicht!  Ich  muß  doch  da  lang!«  —  aus  diesem  oder  jenem
Grunde...  Schließlich  aber  biegt  der  andere  gegen  seinen  Wil-
len und Vorteil mit  nach  links  ein...  Und  das  geschah  mal  auf-
grund  von  Überredungskünsten,  mal  auf  Drängen  hin,  ein  an-
deres Mal aus irgendeinem anderen Grund...  jedenfalls nie  aus
logischen  Gründen;  immer  lag  diesem  Sichdurchsetzen  und
Sichunterordnen  etwas  Spontanes,  irgend  etwas  Instinktives
zugrunde... Und so wie  in den  banalen Fällen ging es auch  in
allen anderen  Fällen  zu, von  den  nichtssagendsten bis  hin  zu
den wichtigsten... Begreifen Sie die Situation?«

»Durchaus. Aber was zum Teufel ist daran  so seltsam? Das

ist doch das Natürlichste von der Welt!... «

»Mag  sein! Wir  werden  sehen, warten  Sie  nur!  Halten  Sie

jetzt aber  einmal  fest, 

daß es sich  um das Gegenteil dessen han-

delt,  was  der Anarchismus lehrt. Machen Sie  sich  einmal  klar,
daß das alles in einer  kleinen  Gruppe  geschah,  einer  Gruppe
ohne Einfluß und Bedeutung, einer Gruppe, die  nicht mit der
Lösung  eines  schwerwiegenden  Problems  oder  mit  der  Ent-
scheidung  über  eine  bedeutende  Angelegenheit  betraut  war.
Und machen Sie sich klar, daß es sich um Leute handelte, die
sich  ausdrücklich  zusammengefunden  hatten,  um  im  Rahmen
des ihnen  Möglichen  für  die  anarchistische  Sache zu  arbeiten  -
das heißt,  um  so  gut  wie  möglich  die  gesellschaftlichen  Fiktio-
nen  zu  bekämpfen  und  so  gut  wie  möglich  die  zukünftige
Gesellschaft zu  schaffen.  Haben  Sie  sich  diese  zwei  Punkte  ge-
merkt?«

»Habe ich.«

»Ich bitte  Sie,  was  heißt  das  aber?  Eine  kleine  Gruppe  auf-

richtiger Leute (ich  stehe dafür ein,  daß  sie  aufrichtig  waren!),
die  sich  ausdrücklich  zusammengetan  und  vereint  hatte,  um
sich  für  die  Sache  der  Freiheit  einzusetzen,  konnte  nach  ein
paar  Monaten  nichts  anderes  an  Konkretem  und  Handfestem
vorweisen als — 

Tyrannei  in  den  eigenen  Reihen. Und machen

Sie  sich  einmal  klar,  um  was  für eine Tyrannei es  sich dabei
handelte... Es  handelte  sich  nicht  um  eine  Tyrannei,  die  das
Ergebnis  gesellschaftlicher  Fiktionen  gewesen  wäre;  man  hätte
so etwas, wenn es auch bedauerlich gewesen wäre,  bis  zu einem
bestimmten  Punkte  entschuldigen  können,  allerdings  weniger
bei uns, die wir ja diese Fiktionen  bekämpfen wollten,  als bei

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anderen;  doch  schließlich  lebten  wir  mitten  in  einer  Gesell-
schaft,  die  auf  diesen  Fiktionen  errichtet  war  und  es  konnte
nicht  ausschließlich  uns  angelastet  werden,  wenn  wir  ihren
Auswirkungen  nicht  gänzlich  zu  entgehen  vermochten.  Aber
das war  ja nicht  das Eigentliche. Die,  welche  die anderen  befeh-
ligten bzw.  sie nach  ihrem Willen lenkten,  taten das nicht mit
Hilfe  von  Geld  oder  kraft  ihres  Ranges  oder  irgendeiner  fikti-
ven Autorität, die sie  sich  angemaßt hätten, —  nein, es  geschah
aus  einem  Handeln  heraus,  das  mit  gesellschaftlichen  Fiktio-
nen  nichts  zu  tun  hatte.  Das  heißt:  gemessen  an  den  gesell-
schaftlichen Fiktionen  handelte es sich dabei um 

eine neue Art

Tyrannei.  Diese  Tyrannei  wurde  auf  Menschen  ausgeübt,  die
ihrerseits  ganz  wesentlich  von  den  gesellschaftlichen  Fiktionen
unterdrückt  wurden.  Obendrein  wurde  sie  in  den  eigenen  Rei-
hen ausgeübt, und zwar von  Menschen,  deren  erklärte  Absicht
es war, Tyrannei abzuschaffen und Freiheit zu schaffen.

Jetzt übertragen Sie einmal den Fall auf  eine viel größere,  viel

einflußreichere  Gruppe,  die  sich  mit  viel  wichtigeren  Fragen
und  mit  grundlegenderen  Entscheidungen  befaßt  hätte.  Neh-
men Sie einmal an, diese Gruppe richtete  ihre  ganze  Kraft  dar-
auf,  eine  freie  Gesellschaft  zu  schaffen,  wie  das  bei  unserer
Gruppe der Fall war. Und jetzt sagen Sie mir, ob Sie hinter die-
ser  erdrückenden  Anhäufung  einander  überschneidender  Ty-
ranneien  noch  etwas  von  einer  zukünftigen  Gesellschaft  sehen,
die  einer  freien  oder  menschenwürdigen  Gesellschaft  äh-
nelte ...«

»Ja, das ist sehr seltsam...«
»Seltsam,  nicht  wahr?  ...Und schauen  Sie,  es  gab  auch  äu-

ßerst  seltsame  Nebenerscheinungen...  zum  Beispiel:  die  Hel-
fertyrannei ...«

»Die was?«
»Die Helfertyrannei.  Es  gab welche  bei  uns,  die,  statt  die

anderen zu befehligen,  statt  sie  zu  beherrschen,  ihnen  im Ge-
gensatz halfen, wo sie nur  konnten. Das  sieht  doch  wie  ein  Ge-
gensatz aus, nicht wahr? Doch weit gefehlt! Es lief auf dasselbe
hinaus. Es war  dieselbe  neuartige Tyrannei  und dieselbe  Art
von Verstoß gegen anarchistische Prinzipien.«

»Also, das ist ja... und wieso?«
»Jemandem  helfen,  lieber  Freund,  heißt  jemanden  für  unfä-

hig erklären; wenn dieser Jemand  gar  nicht  unfähig  ist,  läuft

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das  darauf  hinaus,  ihn  entweder  unfähig  zu  machen  oder  vor-
auszusetzen,  er  sei unfähig;  im ersten Fall  handelt es  sich  um
Tyrannei, im zweiten um Verachtung.  In dem einen  wird die
Freiheit  des  anderen  beschnitten,  im  anderen  wird,  wenigstens
unbewußt,  davon  ausgegangen,  der  andere  sei  verachtenswert
und unwürdig oder zur Freiheit unfähig.

Kommen wir auf unsere Frage zurück... Sie  sehen also,  es

geht  hier  um  etwas  Schwerwiegendes.  Es  mochte  noch  ange-
hen,  daß  wir  uns  für  eine  zukünftige  Gesellschaft  einsetzten,
ohne  darauf  bauen  zu  können,  daß  diese  uns  auch  dankbar
aufnimmt, oder Gefahr  laufend,  daß  es  sie  nie  gäbe.  All  das
mochte noch angehen. Doch was wirklich zu weit ging, war die
Tatsache,  daß  wir  an  einer  zukünftigen  Freiheit  arbeiteten,
aber praktisch nichts  anderes  zu  Wege  brachten  als  Tyrannei,
als  eine  neuartige  Tyrannei,  eine  Tyrannei,  die  von  uns  Unter-
drückten  auf  uns  Unterdrückte  ausgeübt  wurde.  Das  ging ent-
schieden zu weit...

Mir gab das zu denken. Es mußte da einen Fehler, irgendeine

Verirrung  geben.  Unsere  Absichten  waren  in  Ordnung,  unsere
Lehren  überzeugend;  gab  es  in  unserem  Vorgehen  vielleicht
einen  Irrtum? Bestimmt!  Aber  wo  zum  Teufel  steckte  der  Feh-
ler?  Ich zerbrach mir den Kopf  und wurde  fast verrückt  dabei.
Eines  Tages  plötzlich,  wie  das  meistens  in  solchen  Fällen  ge-
schieht, fand ich die Lösung. Es war der hohe Tag meiner  anar-
chistischen Theorien: der Tag, an  dem  ich  sozusagen  die  Tech-
nik des Anarchismus entdeckte.«

Er  schaute  mich  eine  Weile  an,  ohne  mich  wirklich  anzu-
schauen. Dann fuhr er im selben Ton fort:

»Ich  dachte  also  nach...  Wir  hatten  es  mit  einer  neuartigen
Tyrannei  zu  tun, mit  einer Tyrannei,  die  nicht  das  Ergebnis  ge-
sellschaftlicher Fiktionen war. Aber woher kam sie dann ? Etwa
aus  natürlichen  Eigenschaften?  Wenn  ja,  dann  gute  Nacht,
freie Gesellschaft! Denn wenn  eine  Gesellschaft,  in  der  nur  die
natürlichen  Eigenschaften  der Menschen  am Werk  sind  —  jene
Eigenschaften,  mit  denen  sie  zur  Welt  kommen,  die  naturgege-
ben sind und gegen die  niemand ankommt—,  wenn eine  solche
Gesellschaft nichts als eine Anhäufung von Tyranneien ist,  wer
wird dann noch den kleinen Finger rühren und zu ihrer Herauf-
kunft  beitragen  wollen?  Tyrannei  auf  Tyrannei?  -  dann  soll

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31

gleich die bleiben, die  nun  schon einmal da  ist, an die wir uns
gewöhnt  haben und  die  wir  fatalerweise weniger  spüren,  als
wir eine neue  zu  spüren  bekämen,  trotz  des  Schrecklichen,  das
allen  Schikanen  der  Natur  anhaftet  —  gegen  sie  aufzubegehren
ist zwecklos, wie man ja auch gegen  den  unumgänglichen  Tod
keine  Revolution  anzetteln  kann  oder  wegen  einer  niederen
Abstammung, wo man doch eine  höhere  gewünscht  hätte.  Und
ich  hatte  Ihnen  ja  schon  auseinandergesetzt,  daß,  sollte  aus
irgendeinem  Grunde  eine  anarchistische  Gesellschaft  nicht  zu
verwirklichen  sein,  eben  die  bürgerliche  bestehen  bleiben  muß,
weil  sie  —  von  der  anarchistischen  Gesellschaft  abgesehen —  na-
türlicher ist als jede andere Gesellschaft.

Aber war denn die Tyrannei, die in unserer Mitte  entstanden

war,  wirklich  das  Ergebnis  natürlicher  Eigenschaften?  Was
sind denn  überhaupt  natürliche Eigenschaften? Es  ist  der  Grad
an  Intelligenz, an Vorstellungskraft,  an Willen, mit dem  einer
zur Welt  kommt  -  was  das  Geistige  anbelangt,  selbstredend,
denn  mit  den  natürlichen  physischen  Eigenschaften  ist  das
etwas anderes. Ein Typ  nun,  der  einen anderen  befehligt,  unab-
hängig  von  den  gesellschaftlichen  Fiktionen,  tut  das  zwangs-
läufig, weil er ihm in dieser oder jener natürlichen Eigenschaft
überlegen  ist. Er beherrscht  ihn,  weil  er  sich  seine  natürliche
Eigenschaft zunutze macht.  Bleibt  die Frage,  ob  ein  solcher  Ge-
brauch  der  natürlichen  Eigenschaften  rechtens,  d.  h. 

natürlich

ist.

Was  aber  wäre  nun  der  natürliche  Gebrauch  unserer  natür-

lichen  Eigenschaften?  Er  müßte  den  natürlichen  Bestrebungen
unserer  Persönlichkeit  dienen.  Jemanden  beherrschen,  wäre
das  ein  natürliches  Bestreben  unserer  Persönlichkeit?  Es
könnte  sein:  es  gibt  eine  Situation,  wo  dieser  Fall  eintreten
könnte: dann nämlich, wenn dieser  Jemand mein  Feind  ist.  Für
einen Anarchisten  ist  selbstverständlich  der  ein  Feind,  der  die
gesellschaftlichen  Fiktionen  und  deren  Tyrannei  vertritt,  und
sonst  niemand,  weil  alle  anderen  Menschen  sind  wie  er, näm-
lich  natürliche Genossen.  Sie  sehen  selbst,  daß  die  Art  von  Ty-
rannei,  die  in  unseren  Reihen entstanden  war,  anderer  Art  war;
sie  richtete  sich  gegen  unseresgleichen,  gegen  Genossen  von
Natur aus  und  obendrein  gegen  Menschen,  die  in  einem  dop-
pelten Sinn unsere  Genossen  waren,  insofern  sie  dasselbe  Ideal
teilten.  Daraus  ziehe  ich  den  Schluß:  wenn  unsere  Tyrannei

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32

nicht das Ergebnis von gesellschaftlichen  Fiktionen  war,  so  war
sie  ebensowenig  das  Ergebnis  natürlicher  Eigenschaften;  sie
war  das  Ergebnis  einer  verirrten  Anwendung,  einer  Pervertie-
rung der natürlichen Eigenschaften. Nur, wie  konnte  es  zu  die-
ser Pervertierung kommen?

Sie  mußte  von  einem  der  zwei  folgenden  Sachverhalte  her-

rühren:  entweder  daher,  daß  der  Mensch  von  Natur  aus
schlecht  ist,  dann  wären  auch  alle  natürlichen  Eigenschaften
von  Natur  aus  pervertiert,  oder  von  einer  Pervertierung,  die
das  Ergebnis  andauernden  Verweilens  der  Menschheit  in  einer
Welt  gesellschaftlicher  Fiktionen  ist,  Fiktionen,  die  alle  nur  zur
Tyrannei  führen  konnten  und  so  tendenziell  und  unwillkürlich
den  allernatürlichsten  Gebrauch  der  allernatürlichsten  Eigen-
schaften  tyrannisch  werden  ließen.  Und  welche  von  den  zwei
Hypothesen  kommt  der  Wahrheit  am  nächsten?  Unmöglich,
darauf  befriedigend,  d.  h.  streng  logisch  und  wissenschaftlich
zu  antworten.  Überlegungen  führen  bei  einem  solchen  Problem
nicht  sehr  weit,  weil  es  sich  um  ein  historisches,  ein  wissen-
schaftliches  Problem  handelt,  also  vom  Verständnis  bestimm-
ter 

Fakten  abhängt.  Die Wissenschaft  ihrerseits  hilft  uns  auch

nicht viel weiter, denn wie weit wir uns auch in  die  Geschichte
zurückbegeben,  wir  stoßen  immer  wieder  auf  Menschen,  die  in
irgendeinem  System  gesellschaftlicher  Tyrannei  leben  mußten,
folglich  stoßen  wir  immer  wieder  auf  Phasen,  die  uns  nicht  ge-
statten zu überprüfen, wie je ein Mensch  unter  reinen  und  ganz
und  gar  natürlichen  Bedingungen  gelebt  hat.  Wenn  wir  aber
nicht  die  Möglichkeit  haben,  etwas  mit  Gewißheit  zu  ermit-
teln,  sollten  wir  uns  an  die  größere  Wahrscheinlichkeit  halten.
Und  die  größere  Wahrscheinlichkeit  spricht  für  die  zweite  Hy-
pothese.  Es  ist  natürlicher,  davon  auszugehen,  daß  das  äußerst
lange  Verweilen  der  Menschheit  in  den  gesellschaftlichen,  Ty-
rannei  verursachenden  Fiktionen  bewirkt  hat,  daß  jeder
Mensch  schon  mit  pervertierten  natürlichen  Eigenschaften  zur
Welt kommt,  so  daß er  spontan  zum  Tyrannisieren  neigt,  auch
wenn er behauptet, kein  Tyrann  zu  sein  -,  als  vielmehr  davon
auszugehen,  natürliche  Eigenschaften  könnten  von  Natur  aus
pervertiert  sein,  was  in  gewisser  Hinsicht  einen  Widerspruch
darstellt.  Deshalb  sollte  sich  jemand,  der  denkt,  mit  fast  abso-
luter  Sicherheit  für  die  zweite  Hypothese  entscheiden;  ich  habe
es getan.

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33

Gehen wir doch davon aus, daß eines augenscheinlich  ist:  Im

gegenwärtigen  gesellschaftlichen  Zustand  ist  es  nicht  denkbar,
daß  Menschen  —  wie  wohlwollend  ihre  Absichten  auch  sein
mögen, wie sehr sie sich auch ganz allein dem Kampf gegen die
gesellschaftlichen  Fiktionen  und  für  die  Freiheit  hingeben  mö-
gen  -  sich  zusammenschließen,  ohne  daß  spontan  eine  Tyran-
nei  entsteht,  eine  neuartige  Tyrannei,  zusätzlich  zu  der  durch
die  gesellschaftlichen  Fiktionen  verursachten,  ohne  daß  in  der
Praxis  all  das  zerstört  würde,  was  in  der  Theorie  angestrebt
wird,  ohne  daß  unwillkürlich  die  eigenen  Bestrebungen,  die  es
zu  fördern gälte, maximal  behindert  würden.  Also  was  tun?...
Ganz  einfach...  Am  selben  Ziel  weiterarbeiten, 

aber  ge-

trennt.«

»Getrennt?«
»Natürlich, können Sie meinem Argument nicht folgen?«
»Doch, doch!«
»Finden Sie meine Schlußfolgerung denn  nicht  schlüssig?  Sie

ist doch unabweisbar!«

»Doch, doch! Nur sehe ich nicht, wie Sie...«

»Das werde ich gleich erklären... Ich sagte  Ihnen  schon: am

selben  Ziel  weiterarbeiten,  aber  getrennt.  Wenn  alle  dasselbe
anarchistische Ziel ansteuern, trägt  jeder auf  seine Weise mit
seinem  Bemühen  zur  Vernichtung  der  gesellschaftlichen  Fiktio-
nen  und  zur  Errichtung  einer  zukünftigen,  freien  Gesellschaft
bei; und getrennt laufen wir 

in keiner  Weise  Gefahr,  eine  wei-

tere Tyrannei zu schaffen, da  ja  niemand  über  den  anderen  ver-
fügt, folglich kann auch niemand  den  anderen  beherrschen  und
ihm die  Freiheit  beschränken,  kann  ihm  nicht  helfen  und  ihn
nicht besänftigen.

Mit  einer  solchermaßen  getrennten  Arbeit  am  selben  anar-

chistischen Ziel  sind zwei Vorteile gegeben — die Kräfte  sind
vereint,  eine  weitere  Tyrannei  wird  verhindert.  Wir  sind  weiter-
hin  vereint,  weil  wir  moralisch  miteinander  verbunden  sind
und in  der  gleichen Weise  am  selben  Ziel  arbeiten;  wir  sind
weiterhin Anarchisten, weil ein jeder von  uns  für eine  freie  Ge-
sellschaft kämpft; wir sind aber nicht mehr — willentlich oder
unwillentlich  - Verräter an der eigenen  Sache,  ja  wir  könnten
gar nicht mehr zu Verrätern werden, weil wir uns im Rahmen
der  vereinzelten  anarchistischen  Tätigkeit  außerhalb  des
schädlichen  Einflusses  der  gesellschaftlichen  Fiktionen  bewe-

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34

gen,  sozusagen  im  ererbten  Widerschein  der  naturgegebenen
Eigenschaften.

Selbstverständlich  kann  eine  solche  Taktik  nur  auf  eine Pe-

riode  angewandt  werden,  die  ich  als  die 

Periode  der  Vorberei-

tung  auf  die  gesellschaftliche  Revolution  bezeichnet  habe.  Ist
die  bürgerliche  Abwehr  erst  einmal  zerbrochen  und  die  ge-
samte Gesellschaft  in  einem Zustand,  in  dem  sie  die  anarchisti-
sche Lehre nur noch  hinnehmen kann, wenn also nur noch die
gesellschaftliche  Revolution  zu  machen  bleibt,  dann,  beim  letz-
ten Streich, kann man  nicht  mehr  getrennt  handeln.  Doch  dann
besteht ja auch  schon  virtuell  die  freie  Gesellschaft,  die  Dinge
sehen dann  schon anders aus. Die Taktik, auf die  ich  anspiele,
bezieht  sich  allein  auf  anarchistisches  Handeln  in  einer  bürger-
lichen Gesellschaft, mit der es meine Gruppe ja zu tun hatte.

Damit war  also  -  endlich!  -  die  wahre  anarchistische Me-

thode gefunden.  Gemeinsam  waren  wir  nichts  wert,  obendrein
tyrannisierten  wir  uns,  behinderten  uns  und  unsere  Theorien.
Getrennt  erreichten  wir  zwar  wenig,  doch  immerhin  behinder-
ten wir uns nicht  und  schufen auch keine  neue  Tyrannei;  und
was  wir  erreichten,  mochte  wenig  sein,  aber  es  war  erreicht
ohne Nachteil und Verlust. Und in dem Maß, wie wir getrennt
arbeiteten,  lernten  wir  auch,  in  uns  selbst  mehr  Vertrauen  zu
setzen, uns  nicht gegenseitig zu  behindern,  lernten,  freier  zu
werden und uns  selbst  sowie — dank unseres Beispiels — die
anderen auf die Zukunft vorzubereiten.

Ich war hocherfreut über die Entdeckung.  Sofort  lief ich zu

meinen Genossen, um sie ihnen zu erklären.  Das  war  eines  der
wenigen Male in meinem Leben, wo ich mich  wirklich  dumm
benommen habe. Stellen Sie sich vor, ich war so stolz auf meine
Entdeckung, daß ich annahm, sie würden mir zustimmen.«

»Natürlich stimmten sie nicht zu...«
»Sie  haben  widersprochen,  sie  haben  alle  widersprochen,

mein Lieber! Die einen mehr,  die  anderen weniger,  doch alle
protestierten!  ...Das  konnte  nicht  wahr  sein!  ...Das  durfte
nicht  wahr  sein!  ...Niemand  aber  konnte  sagen,  was  wahr
wäre  oder  wahr  sein  sollte.  Ich  argumentierte  und  argumen-
tierte,  und  als  Antwort  auf meine  Argumente  bekam  ich  nur
Phrasen zu hören, Mist, Dinge, wie  sie Minister  in  der Abge-
ordnetenkammer  vorbringen,  wenn  sie  nichts  zu  sagen  ha-
ben ... Da sah ich, von welchen Hornochsen und Feiglingen ich

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35

umgeben war! Sie zeigten ihr wahres  Gesicht. Dieses  Pack  war
zum  Sklavendasein  geboren.  Sie  wollten  auf  Kosten  anderer
Anarchisten  sein. Sie wollten Freiheit,  sofern andere sie  für  sie
besorgten,  sofern  sie  ihnen  verliehen  würde,  wie  ein  König
einen Titel verleiht! Fast alle sind so! Mächtige Lakaien!«

»Sie haben sich wohl geärgert?«

»Und ob  ich  mich  geärgert  habe!  Ich  wurde  wütend,  ich  re-

bellierte,  ich  stampfte mit den  Füßen  auf.  Fast  wäre  ich  mit
einigen  aneinandergeraten.  Schließlich  habe  ich  mich  von  ih-
nen getrennt. Ich zog mich zurück. Sie können  sich  gar  nicht
vorstellen, wie  sehr mich  diese  Hammelherde  anwiderte.  Fast
hätte  ich  dem  Anarchismus entsagt.  Ich  war  drauf  und  dran,
mich um all das nicht mehr zu kümmern. Nach ein paar Tagen
kam  ich wieder  zu mir.  Ich  ging  davon aus,  daß  das  anarchisti-
sche Ideal weit über diesem  Gezänk  stand. Wenn  sie keine  An-
archisten sein wollten, ich würde einer sein. Wenn sie nur auf
Anarchismus machten,  ich würde es  nicht  nur  beim  Spiel  belas-
sen.  Wenn  sie  nur  kämpfen  konnten,  indem  sie  aneinander-
klebten  und  die  Tyrannei  nachahmten,  die  sie  zu  bekämpfen
vorgaben,  sollten  diese  Esel  dabei  bleiben,  zu  etwas  anderem
taugten  sie  ja  nicht.  Ich  jedenfalls  würde  wegen  solch  einer
Nichtigkeit nicht zum Bourgeois.

Im  wahren  Anarchismus  muß  sich  jeder  mit  seinen  Kräften

für  die  Freiheit  einsetzen  und  die  gesellschaftlichen  Fiktionen
bekämpfen, das  stand  fest.  Ich  würde  mich  also  mit  meinen
Kräften  für  die  Freiheit  einsetzen  und  die  gesellschaftlichen
Fiktionen  bekämpfen. Auch  wenn  niemand  bereit  war, mir  auf
dem  wahren  anarchistischen  Pfad  zu  folgen.  Ich  würde  also
allein  gegen  die  gesellschaftlichen  Fiktionen  vorgehen,  mit  mei-
nen Mitteln, mit meinem  Glauben,  sogar  ohne  den  geistigen
Beistand  derer,  die  einmal  meine  Genossen  waren.  Ich  will
nicht behaupten, daß es sich dabei um eine edle Geste handelte,
nicht einmal um eine  heroische. Es  war  nur eine  natürliche  Ge-
ste. Wenn der Weg jeweils  getrennt  verfolgt  werden  mußte,  so
hatte ich niemanden nötig. Mir genügte  mein  Ideal.  Angesichts
dieser  Grundsätze  und  Umstände  beschloß  ich  also,  die  gesell-
schaftlichen Fiktionen allein zu bekämpfen.«

Er unterbrach für  kurze  Zeit  seinen  Redefluß,  der  sehr  lebhaft
geworden war; dann fuhr er mit ruhiger Stimme fort..

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36

Zwischen mir  und den  gesellschaftlichen Fiktionen,  so  dachte
ich,  herrscht  Kriegszustand.  Na  schön!  Was  kann  ich  gegen
diese  gesellschaftlichen  Fiktionen  ausrichten?  Ich  gehe  allein
vor, um nur  ja keine Tyrannei aufkommen zu lassen. Welchen
Beitrag  kann  ich  also  allein  zur  Vorbereitung  der  gesellschaft-
lichen Revolution leisten,  zur  Vorbereitung  der  Menschheit  auf
eine freie Gesellschaft? Ich muß mich  für eine  von  zwei  Metho-
den  entscheiden,  für eine  von  den  beiden,  die  es  gibt,  es  sei
denn,  ich  könnte  von  beiden  Gebrauch  machen.  Die  beiden
Methoden  sind  die  indirekte  Aktion,  d.  h.  Aufklärungsarbeit
und die wie auch immer beschaffene direkte Aktion.

Ich  dachte  zunächst  an  die  indirekte  Aktion,  also  an  Aufklä-

rungsarbeit.  Doch  welche  Aufklärungsarbeit  hätte  ich  ganz
allein leisten können,  sieht  man  einmal  von  der  Aufklärung  ab,
die  darin  besteht,  bei  der  erstbesten  Gelegenheit  mit  diesem
oder jenem aufs Geratewohl zu reden. Mir ging es aber darum
zu wissen, ob die indirekte Aktion der Weg wäre,  den  ich  einzu-
schlagen hätte, um als Anarchist wirkungsvoll zu sein, d. h. um
zu  spürbaren Ergebnissen zu gelangen. Ich  sah  aber  bald,  daß
er es nicht war. Ich bin kein Redner und  ich  bin  kein  Schriftstel-
ler. Na ja, ich würde sagen: wenn es sein muß, kann ich  in der
Öffentlichkeit  reden  und  kann  ich  auch  einen  Zeitungsartikel
schreiben.  Doch  wollte  ich  prüfen,  ob  mein  naturgegebener
Charakter  mir  nahelegte,  mich  eher  im  Rahmen  der  indirekten
Aktion auf das eine oder andere  oder  auch auf  beides  zu  spezia-
lisieren,  um  so  zu 

handfesten  Ergebnissen  im  Sinne  der  anar-

chistischen  Idee  zu  kommen,  statt  meine  Kräfte  in  einer  ande-
ren  Richtung  auszubilden.  Nun  bringt  aber  eine  Aktion  immer
mehr  ein  als  Aufklärungsarbeit,  außer  bei  Menschen,  deren
Charakter  sie  zu  Aufklärern  bestimmt  —  große  Redner,  fähig
die  Massen  zu  begeistern  und  mitzureißen,  oder  große  Schrift-
steller, die mit ihren Büchern zu faszinieren und zu  überzeugen
verstehen.  Ich  glaube  nicht,  daß  ich  besonders  eitel  bin,  und
wenn doch,  so weist jedenfalls  nichts  darauf hin,  daß  ich mir
etwas auf Eigenschaften einbilde, die  ich  nicht  habe.  Und,  wie
ich Ihnen schon sagte, nichts legt mir  nahe, mich als  Redner
oder Schriftsteller zu  betrachten.  Darum  ließ  ich  den Gedanken
an die  indirekte Aktion  fallen,  für mich  war  sie nicht  der  ge-
eignete Weg anarchistischen  Handelns.  So  kam  ich  auf  dem
Ausschlußweg  dazu,  die  direkte  Aktion  zu  wählen,  meine

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37

Kräfte  also  auf  das  praktische  Leben,  das  reale  Leben  zu ver-
wenden.  Nicht  Intelligenz  war  gefragt,  sondern  Aktion.  Na
schön! Dann sollte es so sein.

Es  galt  jetzt,  die  fundamentale  Methode  anarchistischen

Handelns, über die ich  Sie  schon  aufgeklärt  habe,  auf das  prak-
tische  Leben  anzuwenden,  also:  die  gesellschaftlichen  Fiktio-
nen  zu  bekämpfen,  ohne erneut  Tyrannei  zu  schaffen,  wenn
möglich  aber  auch  etwas  zu  schaffen,  das  die  zukünftige  Frei-
heit  vorausnahm. Wie zum Teufel war  so etwas  in  der  Praxis
möglich ?

Was  heißt  nun aber:  in  der  Praxis  kämpfen?  In  der  Praxis

kämpfen  bedeutet  Krieg, 

einen  Krieg  zumindest.  Und  wie  führt

man  Krieg  gegen  gesellschaftliche  Fiktionen?  Vor  allem  aber:
wie  wird  überhaupt  Krieg  geführt?  Wie  besiegt  man  den  Geg-
ner in einem Krieg? Auf eine der beiden Weisen: entweder tötet
man ihn, d.  h. man vernichtet ihn, oder  man  nimmt  ihn gefan-
gen, d.  h.  man  bezwingt  ihn  und  verdammt  ihn  zur  Tatenlosig-
keit.  Die  gesellschaftlichen  Fiktionen  zu 

vernichten,  war  ich

nicht  in  der  Lage; 

vernichten  könnte  die  gesellschaftlichen  Fik-

tionen  nur  eine  gesellschaftliche  Revolution.  Bis  dahin  konnten
sie  zwar  so  geschwächt  werden,  daß  sie  nur  noch  an  einem
seidenen Faden hingen; doch 

vernichtet würden sie erst  mit  der

Heraufkunft  der  freien  Gesellschaft  und  dem  praktischen  Fall
der  bürgerlichen  Gesellschaft.  Allerhöchstens  hätte  ich  unter
diesem  Gesichtspunkt  das  eine  oder  andere  Mitglied  jener
Klassen  vernichten  können,  aus  denen  die  Repräsentanten  der
bürgerlichen  Gesellschaft  stammen,  und  zwar  vernichten  im
physischen  Sinne  von töten.  Ich  überdachte  den  Fall  und  sah
ein, es war Blödsinn. Nehmen Sie einmal an, ich tötete  ein,  zwei
oder  ein  Dutzend  Vertreter  der  Tyrannei  gesellschaftlicher
Fiktionen...  Und  das  Ergebnis?  Gingen  die  gesellschaftlichen
Fiktionen  geschwächt  daraus  hervor?  Nein.  Gesellschaftliche
Fiktionen  haben  ja  nichts  mit  einer  politischen  Situation  ge-
mein,  die  von  einer  geringen  Anzahl  von  Menschen  oder
manchmal auch  nur  von  einer  einzigen  Person  abhängt.  Das
Schlechte  an  den  gesellschaftlichen  Fiktionen  sind  sie  selber  in
ihrer  Gesamtheit,  nicht  aber  Individuen,  die  sie  vertreten,  abge-
sehen  davon  daß  sie  sie  vertreten.  Außerdem erzeugt  ein  Atten-
tat  gesellschaftlicher  Natur  immer  eine  Reaktion.  Es  bleibt
nicht  nur  alles  beim  alten,  es  steht  hinterher  manchmal  noch

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38

schlechter.  Und  jetzt  stellen  Sie  sich  einmal  vor,  ich  würde
obendrein  beim  Attentat  erwischt,  was  denkbar  wäre,  ich
würde  erwischt  und  auf  die  eine  oder  andere  Weise  ausgeschal-
tet. Und stellen Sie sich  vor,  ich  hätte  ein  Dutzend  Kapitalisten
umgelegt.  Was  wäre  bei  all  dem  schließlich  herausgekommen?
Mit  der  Ausschaltung  meiner  Person,  auch  wenn  ich  nicht  tot,
sondern  lediglich  in  Gefangenschaft  oder  in  die  Verbannung
geraten  wäre,  verlöre  die  anarchistische  Sache  ein  kämp-
ferisches  Element;  die  zwölf  Kapitalisten  dagegen,  die  ich  zur
Strecke  gebracht  hätte,  wären  ihrerseits  nicht  zwölf  Elemente,
die  die  bürgerliche  Gesellschaft  verloren  hätte,  weil  die  Ele-
mente,  aus  denen  sich  eine  bürgerliche  Gesellschaft  zusammen-
setzt,  keine  kämpferischen  Elemente  sind,  sondern  rein  passive
Elemente; denn der  »Kampf«  geht  ja  nicht  von  den Mitgliedern
der  bürgerlichen  Gesellschaft  aus,  sondern  von  der  Gesamtheit
der  gesellschaftlichen  Fiktionen,  auf  denen  diese  Gesellschaft
beruht.  Nun  sind  aber  die  gesellschaftlichen  Fiktionen  keine
Leute,  auf  die  man  Schüsse  abgeben  könnte... Verstehen  Sie
mich? Ich  war  ja  kein  Soldat,  der  zwölf  Soldaten  des  gegneri-
schen  Heeres  umgebracht  hatte;  ich  wäre  ein  Soldat  gewesen,
der  zwölf  Zivilpersonen  der  Nation  des  anderen  Heeres  umge-
bracht  hätte.  Und  das  wäre  nichts  als  dummes  Abschlachten
gewesen,  weil  damit  kein  Kämpfer  beseitigt  worden  wäre...
Folglich  konnte  ich  nicht  daran  denken,  die  gesellschaftlichen
Fiktionen ganz oder zum Teil zu 

vernichten. So mußte ich  sie

also  bezwingen,  mußte  sie,  indem  ich  sie  bezwang,  besiegen
und zur Wirkungslosigkeit verdammen.«

Plötzlich richtete er den rechten Zeigefinger auf mich.

»Und genau das habe ich getan!«

Er zog seine Hand zurück und fuhr fort.

»Ich  wollte  wissen,  welches  die  größte,  die  gewichtigste  gesell-
schaftliche Fiktion wäre. An dieser wollte  ich mich mehr als  an
irgendeiner  anderen  versuchen,  wollte  sie  bezwingen  und  zur
Wirkungslosigkeit  verdammen.  Die  gewichtigste  Fiktion  in  un-
serer Zeit ist nun einmal das  Geld. Wie  aber  das  Geld  bezwin-
gen oder — genauer gesagt — wie die Macht bzw. die Tyrannei

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des Geldes  bezwingen?  Indem  ich mich von  seinem  Einfluß,
seiner Macht befreien  würde,  seinen  Einfluß  also  besiegen  und
es,  jedenfalls auf  meine  Person  bezogen,  zur  Wirkungslosigkeit
verdammen  würde.  Auf 

meine  Person  bezogen,  verstehen  Sie?

Weil 

ich es war, der  es  bekämpfte;  hätte  ich es zur  Wirkungslo-

sigkeit  in  Hinblick  auf  alle  anderen  verdammt,  hätte  ich  es
nicht  nur  bezwungen,  sondern  schon 

vernichtet,  denn  ich  hätte

dann ja mit der Fiktion Geld  überhaupt  Schluß  gemacht.  Nun
habe  ich  Ihnen  aber  schon  nachgewiesen,  daß  eine  gesellschaft-
liche  Fiktion  nur  durch  eine  gesellschaftliche  Revolution  »ver-
nichtet«  werden  könnte,  in  deren  Verlauf  diese  Fiktion  mitsamt
den  anderen  in  den  Sog  der  einstürzenden  bürgerlichen  Gesell-
schaft geraten würde.

Wie  sollte  ich  nun  die  Macht  des  Geldes  besiegen?  Die  ein-

fachste  Methode  wäre  gewesen,  mich  aus  seiner  Einflußsphäre,
das  heißt,  aus  der  Zivilisation  zurückzuziehen;  ich  hätte  aufs
Land  gehen  können,  Wurzeln  essen  und  Wasser  aus  den  Quel-
len  trinken,  nackt  herumlaufen,  wie  ein  Tier  leben  können.
Doch  selbst  wenn mir  das  keine  Schwierigkeiten  bereitet  hätte,
hätte  ich  damit  keine  gesellschaftliche  Fiktion  bekämpft;  ich
hätte  überhaupt  nicht  gekämpft,  ich  wäre  geflohen.  Natürlich:
wer sich vor einer Schlacht drückt, kann in  ihr  nicht geschlagen
werden.  Doch  moralisch  ist  er  geschlagen,  weil  er  nicht  ge-
kämpft  hat.  Ich  mußte  also  anders  vorgehen  -  was  ich
brauchte, war eine Kampf-  und  keine  Fluchtmethode.  Wie  das
Geld  bekämpfen  und  es  dabei  noch  bezwingen?  Wie  sich  sei-
nem Einfluß und seiner Tyrannei entziehen,  ohne  ihm  aus  dem
Weg zu gehen? Die einzige Methode war — 

es zu erwerben, es in

so  großer  Menge  zu  erwerben,  daß  sein  Einfluß  nicht  mehr
spürbar  werden  konnte; und  je  größer  die  erworbene  Menge
wäre,  desto  freier würde  ich von  seinem  Einfluß.  Als  mir  das
mit  der  ganzen Kraft  meiner  anarchistischen  Überzeugung  und
der Logik meines  Scharfsinns vor Augen  stand,  trat  ich,  lieber
Freund, in die jetzige Phase — in die Kommerz- und Bankphase
meines Anarchismus ein.«

Er schwieg einen Augenblick und suchte der Erregung Herr zu
werden, in die ihn die Begeisterung für seine Darlegungen hatte
zunehmend geraten lassen.  Dann  fuhr  er,  immer  noch  lebhaft,
in seiner Erzählung fort.

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40

»Erinnern Sie sich jetzt  bitte: ich hatte  Ihnen von den zwei  logi-
schen Schwierigkeiten erzählt, die  sich mir zu  Beginn  meiner
Karriere  als  bewußtem  Anarchisten  in  den  Weg  gestellt  hat-
ten... Und erinnern Sie sich auch, daß ich Ihnen sagte, ich hätte
sie  zu  jenem  Zeitpunkt  künstlich,  nämlich  mit  Hilfe  des  Ge-
fühls und nicht logisch gelöst! Sie selbst hatten ja ganz zu Recht
angemerkt, ich hätte sie nicht logisch gelöst...«

»Jawohl, ich erinnere mich.«
»Und erinnern Sie sich auch, daß ich Ihnen sagte, ich habe sie

später,  nachdem  ich  die  wahre  anarchistische  Methode  endlich
herausgefunden  hatte,  mit  einem  Schlag  gelöst,  und  zwar  lo-
gisch?«

»Ja.«

»Passen  Sie  auf,  das  geschah  so!  ...  Die  Schwierigkeiten  wa-
ren damals  folgende:  es  sei  nicht 

natürlich, für  etwas  zu arbei-

ten, was es auch sei, ohne dafür eine 

natürliche, d. h. eine eigen-

nützige Entschädigung zu erhalten;  und  es  ist 

natürlich, seine

Kräfte  für  irgendein  Ziel  zu  verausgaben,  ohne  als  Entschädi-
gung dafür zu wissen, 

daß dieses Ziel erreichbar ist. Soweit  die

beiden  Schwierigkeiten;  jetzt  schauen  Sie  einmal,  wie  ich  sie
mit  Hilfe  einer  anarchistischen  Arbeitsmethode  gelöst  habe,
auf die  mich  meine  Überlegungen  gebracht  hatten  und  die  ich
als  die  einzig  wahre  erkannt  habe...  Die  Methode  führt  zu
meiner  Bereicherung,  folglich  zu  einer 

eigennützigen  Entschä-

digung. Die Methode  zielt  darauf  ab,  Freiheit zu  erringen;  in
dem Maße nun, wie  ich  die Macht  des  Geldes  besiege, d.  h.
mich  von  ihm  befreie, 

erringe  ich  Freiheit.  Selbstverständlich

erringe  ich  diese  Freiheit  nur  für  mich;  doch  wie  ich  schon
nachgewiesen  habe,  kann  Freiheit  für  alle  nur  durch  Vernich-
tung  der  gesellschaftlichen  Fiktionen  erreicht  werden,  durch
eine gesellschaftliche  Revolution,  und  ich  allein  kann  keine  ge-
sellschaftliche  Revolution  machen. Lassen  Sie  es  mich  konkret
sagen: ich ziele auf Freiheit ab und erringe Freiheit; ich erringe
die Freiheit, die ich erringen kann, denn  ich  kann  ja  nicht  errin-
gen, was ich  nicht erringen  kann  ...Und schauen  Sie:  einmal
abgesehen  von  den  Überlegungen,  die  diese  anarchistische  Me-
thode als die einzig wahre festsetzen, Tatsache ist,  daß  sie  auto-
matisch die  logischen  Schwierigkeiten  löste,  die  sich  einem  an-
archistischen Vorgehen in  den  Weg  stellen  konnten,  und  das
beweist noch mehr, daß sie die richtige ist.

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41

Also  verfolgte  ich  diese  Methode.  Ich  machte  mich  daran,

die  Fiktion  Geld  zu  bezwingen,  indem  ich  mich  bereicherte.
Und  ich  schaffte  es. Es  brauchte  eine  gewisse  Zeit,  weil  der
Kampf  hart  war,  aber  ich  schaffte  es.  Ich  verschone  Sie  mit
einem  Bericht  über  mein  vergangenes  und  gegenwärtiges  Le-
ben  im  Handel  und  im  Bankgeschäft.  Er  könnte  zwar  interes-
sant sein,  ich denke da an  bestimmte Punkte, aber er  tut  nichts
zur  Sache.  Ich  habe  gearbeitet,  gekämpft,  Geld  gewonnen,
habe  noch  mehr  gearbeitet,  habe  noch  mehr  gekämpft,  noch
mehr  Geld gewonnen;  ich  gewann  schließlich  viel  Geld.  In  den
Methoden war  ich  nicht  wählerisch  —  ich  gestehe  ganz  offen,
mein Lieber, daß ich in den Methoden nicht wählerisch war, ich
habe  mich  aller  Mittel  bedient  -  wucherischen  Aufkaufs,  fi-
nanzieller  Tricks,  selbst  unlauterer  Konkurrenz.  Ja  und?  Ich
bekämpfte  schließlich  die  gesellschaftlichen,  unmoralischen
und  par  excellence  unnatürlichen  Fiktionen,  und  da  sollte  ich
auf  die  Methoden  achten?  Ich  arbeitete  für  Freiheit,  und  da
sollte  ich  auf  die  Waffen  achten,  mit  denen  ich  die  Tyrannei
bekämpfte?!  Der  dumme  Anarchist,  der  Bomben  wirft  und
Schüsse  abgibt,  weiß  genau,  daß  er  tötet,  und  weiß  ebensogut,
daß  seine  Lehre  die  Todesstrafe  ausschließt.  Etwas  Unmorali-
sches greift er mit einem Verbrechen an, weil er meint, daß  die
Vernichtung  des  Unmoralischen  ein  Verbrechen  wert  ist.  Eine
idiotische  Methode,  weil  die  Methode  selbst,  wie  ich  gezeigt
habe,  irrig ist  und  das  Gegenteil  von  dem  bewirkt, 

was  anarchi-

stisches  Vorgehen  bezweckt;  moralisch  gesehen,  mag  sie  intelli-
gent  sein.  Ich  hatte  eine  sichere  Methode  und  als  Anarchist
bediente  ich  mich  rechtmäßig  aller  Mittel,  um  mich  zu berei-
chern.  Heute  habe  ich  den  genau  umschriebenen  Traum  eines
praktischen  und  verständigen  Anarchisten  verwirklicht.  Ich
bin  frei.  Ich  mache,  natürlich  nur  im  Rahmen  des  Möglichen,
das, was  ich  will.  Meine  Devise  als  Anarchist  war  die  Freiheit;
gut, jetzt habe ich Freiheit,  die  Freiheit, die man vorderhand  in
unserer  unvollkommenen  Gesellschaft  haben  kann.  Ich  wollte
die  gesellschaftlichen  Fiktionen  bekämpfen  und  ich  habe  sie
bekämpft, mehr noch, ich habe sie besiegt.«

»Halt, halt! Warten  Sie!  Das  ist  alles  gut  und  schön,  aber

etwas  ist  Ihnen  entgangen.  Ausgangspunkt  für  Ihr  Vorgehen
war, wie Sie selbst gesagt haben, nicht nur Freiheit zu  schaffen,
sondern  auch 

Tyrannei  zu  vermeiden.  Nun  haben  Sie  aber

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42

Tyrannei  geschaffen. Sie als Wucherer,  als  Bankier,  als  skrupel-
loser Finanzmann — entschuldigen Sie, aber das sind Sie doch —,
Sie  haben  Tyrannei  geschaffen.  Sie  haben  genausoviel  Tyrannei
geschaffen  wie  irgendein  Vertreter  gesellschaftlicher  Fiktionen,
den Sie zu bekämpfen vorgaben.«

»Nein, nein, mein Guter,  da täuschen Sie  sich.  Ich habe  keine

Tyrannei  geschaffen.  Die  Tyrannei,  die  vielleicht  aus  meiner
kämpferischen  Aktion  gegen  die  gesellschaftlichen  Fiktionen
hervorgegangen  ist,  ist  nicht  von  mir  ausgegangen;  ich  habe  sie
also  nicht  geschaffen; 

sie  steckt  ja  in  den  gesellschaftlichen  Fik-

tionen selbst, und  ich  habe  ihnen  nichts  hinzugefügt.  Bei  jener
Tyrannei  handelt  es  sich  ja  um 

die  Tyrannei  der  gesellschaft-

lichen  Fiktionen  als  solchen; und  ich  konnte  doch  nicht  und
wollte  auch  nicht  die  gesellschaftlichen  Fiktionen 

vernichten.

Ich  wiederhole  zum  hundertsten  Male:  nur  eine  gesellschaft-
liche  Revolution  könnte  die  gesellschaftlichen  Fiktionen 

ver-

nichten;  vorher  aber  kann  eine  perfekte  anarchistische  Aktion
wie  die  meine  die  gesellschaftlichen  Fiktionen  höchstens 

be-

zwingen, und  bezwingen  auch nur  in  dem  Maße,  wie  ein  Anar-
chist diese  Methode  in  die  Praxis  umsetzt,  denn  diese Methode
erlaubt  nicht  die  Unterwerfung  der  Fiktionen  im  größeren
Rahmen.  Es  geht  nicht  darum,  keine  Tyrannei  zu  schaffen,  son-
dern  darum,  keine 

zusätzliche  Tyrannei  zu  schaffen,  da  wo  vor-

her  keine  war. Die  Anarchisten,  die  gemeinsam  arbeiten  und
sich  gegenseitig  beeinflussen,  schaffen,  wie  ich  Ihnen  schon  ge-
sagt  habe, 

unter  sich,  jenseits  und  außerhalb  der  gesellschaft-

lichen  Fiktionen,  Tyrannei; 

das  verstehe  ich  unter  zusätzlicher

Tyrannei;  und  so  etwas  habe  ich  nicht  geschaffen.  Ich  konnte
sie  gar  nicht  ins  Leben  rufen 

aufgrund  der  Ausgangsbedingun-

gen  meiner  Methode.  Nein,  mein  Lieber,  ich  habe  Freiheit  ge-
schaffen.  Ich  habe 

jemanden  befreit.  Mich  habe  ich  befreit.

Weil meine Methode, die  ja,  wie  ich  nachgewiesen  habe,  die
einzig  wahre  anarchistische  Methode  ist,  mir  nicht  gestattete,
auch  andere  zu  befreien.  Wen  ich  befreien  konnte,  habe  ich
befreit.«

»Schon  gut...  einverstanden...  Aber  schauen  Sie,  bei  sol-

chen Argumenten könnte man ja fast  zu  der  Ansicht  neigen,
überhaupt  kein  Vertreter  gesellschaftlicher  Fiktionen  übe  Ty-
rannei aus.«

»Stimmt  auch!  Die  Tyrannei  kommt  von  den  Fiktionen  und

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43

nicht von den Menschen, die sie verkörpern;  sie  sind  sozusagen
das  Werkzeug,  dessen  sich  die  Fiktionen  bedienen  um  zu  tyran-
nisieren, so wie ein Messer das Werkzeug sein kann, dessen sich
ein  Mörder  bedient.  Und  Sie  werden  doch  nicht  annehmen,
daß  man  die  Mörder  abschafft,  indem  man  die  Messer  ab-
schafft. Schauen  Sie...  Sie  können 

alle  Kapitalisten  der  Welt

vernichten,  doch 

vernichten  Sie  damit  das  Kapital?  Am  näch-

sten Tag  wird das  Kapital  in  den  Händen anderer  liegen  und
mittels 

ihrer weiterhin  seine  Tyrannei  ausüben.  Vernichten  Sie

nicht  die  Kapitalisten,  sondern  das  Kapital;  wieviel  Kapita-
listen bleiben dann noch übrig? ...Na?«

»Ja, da haben Sie recht.«

»Höchstens,  aber  auch  allerhöchstem  könnte  man  mir  vor-

werfen,  die  Tyrannei  der  gesellschaftlichen  Fiktionen  ein  klei-
nes bißchen — aber nur ein ganz kleines bißchen — vergrößert zu
haben.  Doch  das  Argument  ist  absurd,  weil,  wie  ich  Ihnen
schon  sagte, die Tyrannei, die  ich  nicht  erschaffen  durfte  und
die  ich  nicht  geschaffen  habe,  ganz  anders  aussieht.  Es  gibt
noch  einen  weiteren  schwachen  Punkt:  Sie  können  aus  dersel-
ben  Überlegung  heraus  einem  General,  der  für  sein  Land  eine
Schlacht  führt,  vorwerfen,  er  füge  seinem  Land  Schaden  zu,
weil er eine  gewisse Anzahl  von Männern 

aus  seinem  eigenen

Heer opfert, um zu siegen. Wer in den Krieg zieht, muß geben,
um zu nehmen. Siegen ist die Hauptsache, der Rest...«

»Schön und gut... Aber sehen  Sie mal,  da  ist  noch  etwas

anderes...  Der wahre  Anarchist  will  ja  Freiheit  nicht  nur  für
sich,  sondern  auch  für  die  anderen...  Mir  scheint,  er  will  Frei-
heit für die gesamte Menschheit...«

»Zweifelsohne. Doch ich habe Ihnen ja  schon  gesagt,  bei  der

Methode,  die  sich  für  mich  als  die  einzige  anarchistische Me-
thode  herausstellte,  muß  sich  jeder  selbst  befreien.  Ich  habe
mich befreit; ich habe meine Pflicht getan, für mich und für die
Freiheit.  Warum  also  tun  die  anderen,  meine  Genossen,  nicht
dasselbe? Ich hindere sie ja nicht daran. Das wäre allerdings ein
Verbrechen  gewesen,  wenn  ich  sie  daran gehindert  hätte.  Ich
habe sie nicht einmal in dem Sinne behindert, daß ich ihnen die
wahre  anarchistische  Methode  verheimlicht  hätte,  ich  habe  ih-
nen  die  Methode,  nachdem  ich  sie  herausgefunden  hatte,  klar
mitgeteilt. Dieselbe Methode aber  hinderte  mich,  mehr  zu  tun.
Was hätte  ich  denn  noch  tun  können?  Hätte  ich  sie  zwingen

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sollen, ihren Weg  zu  gehen?  Selbst  wenn  ich  es  gekonnt  hätte,
ich hätte es nicht getan, denn ich hätte  ihnen  ja  damit  die  Frei-
heit  genommen,  und  das  geht  gegen  meine  anarchistischen
Grundsätze. Härte ich  ihnen  helfen  sollen?  Auch  das  hätte  sich
aus  demselben  Grunde  verboten.  Ich  habe  nie  geholfen  und
helfe niemandem, denn das liefe darauf hinaus, die Freiheit des
anderen  zu  beschneiden,  und  auch  das  geht  gegen  meine
Grundsätze. Sie  tadeln an mir, daß  ich nicht mehr  als  nur  eine
Person  bin.  Wollen  Sie  mich  dafür  tadeln,  daß  ich  meiner
Pflicht  gegenüber  der  Freiheit  so  weit  wie  möglich  nachgekom-
men bin? Warum tadeln Sie nicht jene, die  die ihre nicht erfüllt
haben?«

»Nun  ja!  Natürlich  können  diese  Menschen  das,  was  Sie

getan  haben,  nicht  tun;  sie  sind  einfach  nicht  so  intelligent
wie Sie, weniger willensstark oder...«

»Ach,  mein  Freund:  das  sind  eben  die  natürlichen  Ungleich-

heiten,  aber  keine  gesellschaftlichen...  Gegen  sie  kann  der
Anarchismus  nicht  an.  Der  Grad  an  Intelligenz  oder  an  Wil-
lensstärke,  den  jemand  hat,  ist  etwas,  das  ihn  und  die  Natur
angeht,  die  gesellschaftlichen  Fiktionen  mischen  sich  da  nicht
ein.  Wie  ich  Ihnen  schon  sagte,  es  gibt  natürliche  Eigenschaf-
ten,  bei  denen  man  annehmen  darf,  daß  sie  aufgrund  des  lan-
gen  Verweilens  der  Menschheit  in  gesellschaftliche  Fiktionen
pervertiert  wurden;  doch  liegt  die  Perversion  nicht  im 

Ausmaß

einer  Eigenschaft  -  diese  ist  ausschließlich  naturgebunden  -,
sondern  in  der 

Anwendung  dieser  Eigenschaft.  Nun  haben

aber  Dummheit  oder  mangelnder  Wille  nichts  mit  der  Anwen-
dung  solcher  Eigenschaften  zu  tun,  sondern  lediglich  mit  ihrem
Ausmaß. Lassen Sie es  sich gesagt  sein: es handelt sich da  um
absolut  natürliche  Ungleichheiten,  und  gegen  die  kann  nie-
mand  an,  keine  gesellschaftliche  Veränderung  vermöchte  da
etwas zu tun, so wie Sie mich nicht größer, ich Sie nicht kleiner
machen kann...

Mag  sein... mag  sein, daß  bei  diesen  Typen  die  ererbte  Per-

vertierung der natürlichen Eigenschaften  so weit geht, daß  sie
bis zum Wesen des  Temperaments  vorstößt...  daß  also  ein  Typ
zum  Sklaven  geboren  wird,  ganz  natürlich  zum  Sklaven  gebo-
ren wird, also  nicht  die  geringste  Kraft  aufwenden  kann,  um
sich zu  befreien...  Dann aber...  was  haben  die  dann  aber mit
einer freien Gesellschaft, mit Freiheit überhaupt zu tun?

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...  Wenn  jemand  zum  Sklaven  geboren  wird,  so  wäre  die  Frei-
heit das Gegenteil seiner Anlage, sie wäre für ihn Tyrannei.«

Es gab eine kleine Pause. Plötzlich mußte ich lachen.

»Wirklich,  Sie  sind  Anarchist,  sagte  ich.  Jedenfalls  bringen  Sie
einen zum Lachen;  wenn man  Sie  so  hört  und  dann  mit  den
übrigen Anarchisten vergleicht...«

»Mein lieber Freund,  ich  sagte  Ihnen  ja  schon,  ich habe  es

Ihnen  nachgewiesen,  und  ich  wiederhole  noch  einmal...  Der
einzige Unterschied  ist der: die  da  sind  nur in der Theorie Anar-
chisten, ich bin es in der Theorie und in der Praxis; die da  sind
mystische  Anarchisten,  ich  bin  ein  wissenschaftlicher  Anar-
chist; die da sind Anarchisten, die sich  ducken,  ich  bin  ein  An-
archist, der  kämpft  und befreit... Mit einem Wort:  das  da  sind
Pseudoanarchisten, ich aber bin Anarchist.«

Daraufhin erhoben wir uns von der Tafel.

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46

Fernando Pessoa in der ›Baixa‹, dem Handelsviertel von Lissabon

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47

Ein ganz ausgefallenes Abendessen

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48

Fernando Pessoa,

Zeichnung von Pomar

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49

Sag mir, was du ißt, und ich sag dir, wer du bist

(Jemand)

I

Es  geschah  während  der  fünfzehnten  Jahressitzung  der  Ga-
stronomischen  Gesellschaft  von  Berlin:  Ihr  Präsident,  Herr
Prosit,  sprach  den  Mitgliedern  seine  berühmte  Einladung  aus.
Die  Sitzung  bestand  natürlich  aus  einem  Festessen.  Beim  Des-
sert  war  eine  große  Diskussion  über  Originalität  in  der  Kunst
des  Kochens  aufgekommen.  Die  Zeiten  standen  schlecht  für
alle Künste. Das Originelle war im Verfall begriffen.  Auch  in
der  Gastronomie  herrschten  Verfall  und  Schwäche.  Die  Er-
zeugnisse  jener  Küche,  die  man  als  »neu«  bezeichnete,  waren
lediglich  Abwandlungen  längst  bekannter  Gerichte.  Eine  an-
dere  Sauce,  eine  geringfügige  Abwandlung  beim  Würzen  oder
Anrichten - und schon war das neueste Gericht anders als alle
voraufgegangenen.  Aber  es  gab  nichts  wirklich  Neues.  Es  gab
lediglich  Neuerungen.  All  das  wurde  während  des  Festessens
einstimmig,  wenn  auch  in  mannigfaltigen  Tonfällen  und  mit
unterschiedlicher Lautstärke, bedauert.

Obwohl  viel Eifer  und  Überzeugung in  die  Diskussion  ein-

flossen,  blieb  einer  unter  uns  schweigsam,  gerade  der,  dessen
Schweigen besonders  auffiel, weil man  von  ihm  am  ehesten
eine Einmischung erwartet hätte.  Es  handelte  sich  natürlich  um
Herrn  Prosit,  den  Präsidenten  der  Gesellschaft  und  Vorsitzen-
den dieses  Treffens.  Herr  Prosit  war  der einzige,  der  auf die
Diskussion nicht achtete -  er  war eher gleichmütig als unauf-

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merksam.  Es  fehlte  die  Autorität  seiner  Stimme.  Ausgerechnet
er, Prosit, war nachdenklich; er,  Prosit,  war  schweigsam;  er,
Wilhelm  Prosit,  der  Präsident  der  Gastronomischen  Gesell-
schaft, blieb ernst.

Für die meisten war  ein  schweigsamer  Herr  Prosit  etwas  Sel-

tenes. Er ähnelte (der Vergleich sei mir gestattet) einem Sturm.
Schweigen  gehörte  nicht  zu  seinem  Wesen.  Gleichmut  war
nicht seine Natur. Und wie bei einem Sturm (um bei dem Ver-
gleich zu bleiben), so war es auch bei ihm; jedesmal, wenn er
sich in Schweigen hüllte, war es wie die Ruhe vor dem Sturm,
wie das Vorspiel zu einer Explosion, die alles  in  den  Schatten
stellte. Das war das Bild, das man sich von ihm machte.

Der  Präsident  war  ein  in  mancherlei  Hinsicht  bemerkens-

werter Mann. Er war ein fröhlicher und geselliger Mann, wenn
auch  von  abnormer  Munterkeit  und  lärmendem  Betragen,  das
wie  eine  beständige  Unnatürlichkeit  erschien.  Seine  Gesellig-
keit  hatte  etwas  Pathologisches;  sein  Witz  und  seine  Spaße
wirkten nicht gerade  gezwungen,  vielmehr  so,  als  entsprängen
sie  einer  Fähigkeit  des  Geistes,  die  nicht  unbedingt  eine  Fähig-
keit zum Witz ist. Sein Humor war wie auf falsche Weise echt,
und seine Ruhelosigkeit lebte er wie etwas Natürliches vor.

In Gesellschaft seiner Freunde - und er hatte viele - war er

beständig  zu  Frohsinn  aufgelegt,  immer  lustig,  immer  lachend.
Bemerkenswert  ist  dabei,  daß  auf  dem  gewöhnlichen  Gesicht
dieses  seltsamen  Menschen  keine  Spur  von  Frohsinn  oder
Freude zu sehen war. Wenn er zu  lachen aufhörte, wenn er zu
lächeln  begann,  war  es,  als  verfiele  er  aufgrund  des  Gegensat-
zes, den sein Gesicht verriet,  in  etwas  dem  Schmerz  Verwand-
tes.

Lag  das  an  einem  wesentlich  unglücklichen  Charakter,  an

Sorgen aus  dem  früheren Leben  oder  an  irgendeiner  anderen
Krankheit  des  Gemüts?  -  Ich,  der  ich  all  das  erzähle,  wäre
kaum  imstande,  eine  Vermutung  auszusprechen.  Davon  abge-
sehen,  wurde  dieser  Widerspruch  in  seinem  Charakter  oder
zumindest  in  dessen  Offenbarungen  nur  von  einem  aufmerk-
samen  Betrachter  wahrgenommen,  die  anderen  bemerkten  ihn
gar nicht, es gab auch keinen Grund dazu, j

So wie in einer  stürmischen Nacht, in der, wenn auch in  be-

stimmten  Abständen,  ein  Sturm  dem  anderen  folgt,  der,  wel-
cher sie erlebt hat, die ganze Nacht eine Sturmnacht nennt und

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die Pausen zwischen den Ausbrüchen vergißt, weil er die  Nacht
nach dem benennt, was  ihn  am  meisten  beeindruckt  hat  - ge-
nauso bezeichneten die Leute Prosit, wobei  sie einer  Neigung
der  Menschheit  gehorchten,  als  einen  fröhlichen  Menschen,
weil  bei  ihm  am  meisten  der  lärmende  Frohsinn,  die  laute
Freude auffielen. So wie bei dem Sturm die, welche  ihn erleben,
die große Stille davor  und danach vergessen, vergaßen wir bei
diesem  Mann  ganz einfach,  wenn  er  laut  auflachte,  sein  trauri-
ges  Schweigen,  seine  mürrische  Niedergedrücktheit  in  den  Pau-
sen seiner geselligen Natur.

Das Gesicht des  Präsidenten,  ich  sage  das  noch  einmal,  ver-

riet diesen Widerspruch, es trug ihn in sich. Sein  lachendes  Ge-
sicht wirkte unbeseelt. Sein  ständiges Lächeln erschien wie das
eigenartig  verzerrte  Grinsen  jener,  auf  deren  Gesicht  plötzlich
Sonnenschein  fällt;  doch  was 

hier  eine  natürliche  Muskelkon-

traktion  angesichts  starken  Lichteinfalls  ist,  war 

da  eine  dau-

ernde, höchst unnatürliche und höchst groteske Grimasse.

Im  allgemeinen  wurde  behauptet  (von  denen,  die  ihn  so

kannten),  er  habe  sich  auf  ein  fröhliches  Leben  verlegt,  um
einer  familienbedingten  Nervosität  oder,  bestenfalls,  einer  ge-
wissen  Morbidität  zu  entgehen,  und  es  habe  unter  seinen  Vor-
fahren, von zahlreichen mehr  als  zügellosen  Wüstlingen  ganz
zu  schweigen,  etliche  unverkennbare  Neurotiker  gegeben.  Er
selber  könnte  ein  Nervenleidender  gewesen  sein.  Doch  kann
ich darüber nichts Sicheres sagen.

Was dagegen  außer  Zweifel  steht  und  was  ich  als  wahr  be-

haupten kann, ist, daß Prosit in die Gesellschaft, von der die
Rede  ist,  durch einen jungen Offizier eingeführt wurde,  einen
Freund auch von mir und lustigen Burschen, der ihn irgendwo
aufgelesen  hatte,  nachdem  er  sich  an  einem  von Prosits  hand-
greiflichen Spaßen auf das schönste ergötzt hatte.

Die Gesellschaft, in welcher sich Prosit bewegte, war, um die

Wahrheit  zu  sagen,  eine  jener  zweifelhaften  Randgesellschaf-
ten,  die  nicht  selten  sind  und  die  eine  seltsame Zusammenset-
zung  aus  hohen  und  niedrigen  Elementen  aufweisen,  ganz  von
der Art einer chemischen Verbindung, weil  sie oft einen ihnen
eigenen Charakter haben, der sich  von  dem  ihrer  Elemente  un-
terscheidet. Hier handelte es  sich  um  eine  Gesellschaft,  deren
Künste — Kunstfertigkeiten müßte man sie eher nennen — darin
bestanden, zu essen, zu trinken und zu lieben. Er war  zweifels-

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ohne 

künstlerisch veranlagt,  und  er  war,  daran  besteht  noch

weniger  Zweifel,  grob.  Alle  diese  Eigenschaften  vereinten  sich
auf harmonische Weise in der Gesellschaft.

Der  Anführer  dieser  Vereinigung  von  gesellschaftlich  gese-

hen  wertlosen  und  menschlich  gesehen  nichtsnutzigen  Indivi-
duen war  Prosit, weil er von allen der  Gröbste war.  Ich  kann
nicht  ohne  weiteres  auf  die  einfache  und  doch  komplizierte
Psychologie  dieses  Tatbestands  eingehen.  Auch  ist  mir  nicht
bekannt,  warum  der  Anführer  dieser  Gesellschaft  ausgerech-
net  aus  deren  niedrigster  Sphäre  gewählt  worden  war.  In  der
gesamten  Literatur  ist  viel  Spitzfindigkeit  und  Einfühlungsver-
mögen  auf  Tatbestände  dieser  Art  verwendet  worden.  Augen-
scheinlich  sind  sie  pathologischer  Natur.  Poe  gab  den  komple-
xen  Gefühlen,  aus  denen  sie  sich  nähren,  den  allgemeinen
Namen 

Verderbtheit,  weil  er  glaubte,  sie  bildeten  ein  Ganzes.

Ich  möchte  meinen  Bericht  auf  den  vorliegenden  Fall  beschrän-
ken.  Um  es  in  etwas  herkömmlichen  Worten  auszudrücken:
Das  weibliche Element  der  Gesellschaft  kam  von  unten,  das
männliche  von  oben.  Pfeiler  dieser  chemischen  Verbindung
war  mein  Freund  Prosit.  Die  Gesellschaft  hatte  zwei  Mittel-
punkte,  zwei  Treffpunkte;  ein  bestimmtes  Restaurant  oder  das
angesehene Hotel X, je nachdem, ob es  sich bei  dem Festmahl
um  ein  stumpfsinniges  Gelage  oder  aber  eine  züchtige,  männ-
liche,  künstlerische  Sitzung  der  Gastronomischen  Gesellschaft
von Berlin  handelte. Was das  erstere  angeht,  so  verbietet  sich
jede  Andeutung;  nichts  wäre  geeignet,  um  den  Eindruck  des
zutiefst  Unanständigen  zu  zerstreuen.  Denn  Prosits  Grobheit
war  nicht  mehr  normal;  sein  Einfluß  erniedrigte  die  Ziele  noch
der  niedrigsten  Lüste  seiner  Freunde.  Um  die  Gastronomische
Gesellschaft  war  es  besser  bestellt;  sie  verkörperte  die  geistige
Seite der konkreten Bestrebungen jener Vereinigung.

Wie  gesagt,  Prosit  war  grob;  ja,  das  war  er.  Sein  Über-

schwang  war  grob,  sein  Humor  äußerte  sich  auf  grobe Weise.
Ich möchte all dem mit Sorgfalt  nachgehen. Ich möchte weder
Lobeshymnen  schreiben,  noch  möchte  ich  verleumden.  Ich
skizziere  so  unverfälscht  wie  möglich  einen  Charakter  und
folge  dabei, so gut es  mir  die  Bilder  meiner  Erinnerung erlau-
ben, den Spuren der Wahrheit.

Doch, Prosit war ohne jeden Zweifel grob. Selbst in  der  Ge-

sellschaft, wo er gelegentlich zu leben gezwungen war, und wo

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er  mit  gesellschaftlich  hochstehenden  Elementen  in  Berührung
kam, legte er nicht viel von  seiner angeborenen Roheit ab, der
er  sich  teilweise  bewußt  hingab.  Seine  Spaße  waren  nicht  im-
mer angenehm und harmlos;  sie waren  fast  immer grob, auch
wenn  sie  denen,  die  der  ›Pointe‹  solcher  Darbietungen  etwas
abgewinnen  konnten,  recht  lustig,  recht  witzig  und  fein  ausge-
dacht vorkamen.

Der  bessere  Aspekt  seiner  Gemeinheit  lag  in  ihrer  Leiden-

schaftlichkeit,  insofern  es  sich  bei  ihr um  Inbrunst  handelte.
Denn  der  Präsident  packte  alles,  was  er  unternahm,  mit  In-
brunst  an,  besonders  wenn  es  sich  um  kulinarische  Unterneh-
mungen und Liebesaffären handelte;  im  ersteren  Fall  war  er ein
Dichter  des  Geschmacks,  der  täglich  neue  Eingebungen  hatte;
im  letzteren  erreichte  die  Niedrigkeit  seines  Charakters  ihren
scheußlichen  Höhepunkt.  Dessen  ungeachtet,  konnte  an  seiner
Inbrunst  und  an  der  Leidenschaftlichkeit  seines  Frohsinns
nicht  gezweifelt  werden.  Mit  seiner  gewaltigen  Energie  steckte
er  die anderen  an,  entfachte  ihre Begeisterung,  erregte  ihre  Lei-
denschaft, ohne daß er  sich dessen  bewußt war. Dennoch  galt
seine Begeisterung ihm selbst, sie war für ihn da, sie war für ihn
ein  organisches  Bedürfnis  und  war  eigentlich  nicht  für  seine
Beziehungen  zur  Außenwelt  gedacht.  Allerdings  konnte  er
diese  Inbrunst  nicht  lange  aufrechterhalten;  doch  solange  sie
dauerte,  war  sie  als  Beispiel,  wenn  auch  unbewußt,  sehr  an-
steckend.

Es  muß  auch  noch  angemerkt  werden,  daß  der  Präsident

zwar ein  feuriger,  leidenschaftlicher  Mann  mit  einem  groben
und rohen Kern war, daß er aber nie  verdrießlich  war.  Niemals.
Niemand vermochte ihn in Wut zu versetzen. Außerdem  war  er
stets  bemüht,  angenehm  zu  sein  und  Streitigkeiten  zu  vermei-
den. Es hatte den Anschein, als wünsche er, sich mit allen gut zu
verstehen. Es war seltsam, ihm zuzusehen, wenn er  seinen Zorn
unterdrückte,  wenn  er  ihn  standhaft  bezwang,  was  ihm nie-
mand so  recht  zutraute,  am  wenigsten  jene,  die  ihn als  leiden-
schaftlich und feurig kannten, seine engsten Freunde.

Das war vor allem der Grund, nehme ich an, warum  Prosit

so beliebt war. Wir wußten, daß er grob,  brutal,  impulsiv  war,
aber auch, daß er sich nie brutal benahm, wenn er wütend oder
aggressiv  war,  daß er  in  seinem Zorn nie  impulsiv  war,  und
möglicherweise  war,  wenn  auch  unbewußt,  dieses  Wissen  das

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Fundament unseres Wohlwollens.  Außerdem  war  da  die  Tatsa-
che, daß er immer willens war, angenehm und lustig zu  sein.
Und was seine derbe Art angeht,  so  zählt das unter Männern
nicht  viel,  denn  ansonsten  war  der  Präsident  ein  prächtiger
Bursche.

Man wird also einsehen, daß Prosits Anziehungskraft  (um es

einmal so zu nennen) in folgendem lag: in  seinem  Eifer,  ange-
nehm zu sein,  in  der  besonderen  Faszination,  die  von  seiner
sprudelnden,  wenn  auch  groben  Laune  ausging,  und  nicht  zu-
letzt  vielleicht  in  der  unbewußten  Ahnung  eines  kleinen  Rät-
sels, das sein Charakter aufgab.

Genug! Meine Analyse  von  Prosits  Charakter,  so  ausführlich

sie auch in  Einzelheiten  sein  mag,  muß  dennoch  unzulänglich
bleiben, weil, wie ich vermute, Elemente  fehlen  oder  im unkla-
ren  belassen  sind,  die  sich  für  eine  abrundende  Synthese
geeignet hätten. Ich habe mich in Gefilde  jenseits meiner Fähig-
keiten  vorgewagt.  Ich  möchte  nicht,  daß  mein  Erkenntnisver-
mögen mit der Klarheit verwechselt wird, die ich mir wünsche.
Darum werde ich nichts mehr dazu sagen.

Nur,  dessen  ungeachtet,  etwas  bleibt  doch  nach  all  dem  Ge-

sagten  zurück,  und  zwar  das  äußere  Erscheinungsbild  von  Pro-
sits Charakter. Es bleibt dabei: Herr Prosit war aus jeder nur
denkbaren  Absicht  und  zu  jedem  nur  vorstellbaren  Zweck  ein
fröhlicher Mann, ein  wunderlicher  Geselle,  ein  Mann,  der  im
allgemeinen  lustig  war,  der  andere  mit  seinem  Frohsinn  beein-
druckte, ein  Mann,  der  sich  in  seiner  Gesellschaft  tadellos  auf-
führte und viele Freunde hatte. Sein Hang zum Groben, in dem
Maße wie er den Charakter der Menschen prägte, mit denen er
verkehrte,  das  heißt, wie er  seine Umwelt  schuf,  kam  durch
seine  übermäßige  Deutlichkeit  zum  Verschwinden  und  geriet
allmählich  in  den  Bereich  des  Unbewußten;  er  wurde  nicht
mehr  wahrgenommen,  war  schließlich  nicht  mehr  wahrnehm-
bar.

Das Abendessen neigte sich seinem Ende zu. Die Unterhaltung
hatte sich belebt, sowohl in Hinblick auf  die Anzahl der  Spre-
chenden als auch auf den Lärm der Stimmen, die miteinander
harmonierten,  Mißklänge  erzeugten,  sich  gegenseitig  durch-
drangen.  Prosit  hüllte  sich  immer  noch  in  Schweigen.  Der
Hauptredner, Kapitän Greiwe, hielt einen lyrischen Vortrag.  Er

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beharrte  auf  dem  unergiebigen  Mangel  an  Phantasie  (so
drückte  er  es  aus),  was  die  neuartigen  Gerichte  anging.  Dabei
redete  er  sich  in  Begeisterung.  Die  Kunst  der  Gastronomie,  be-
merkte er,  lebe  von  stets  neuen  Gerichten.  Seine  Auslegungen
waren  borniert  und  beschränkten  sich  auf  die  Kunst,  die  er
kannte.  Er  argumentierte  ganz  falsch,  indem  er  zu  verstehen
gab,  allein  das  Neue  sei  in  der  Gastronomie  von  hervorragen-
dem Wert. Vielleicht war es auch eine schlaue Art zu sagen, die
Gastronomie  sei  die  einzige  Wissenschaft,  die  einzige  Kunst.
»Eine  heilige  Kunst«,  rief  der  Kapitän,  »deren  Konservatismus
fortwährende Revolution ist.  Ich  könnte von  ihr  sagen«,  fuhr
er  fort, »was  Schopenhauer  von  der  Welt  gesagt  hat,  nämlich
daß sie sich bewahrt, indem sie sich zerstört.«

»Warum,  Prosit«,  fragte  ein  Mitglied  am  äußersten  Ende  des

Tisches,  welches  das  Schweigen  des  Präsidenten  bemerkt  hatte,
»warum  haben  Sie  noch  nicht  Ihre  Meinung  kundgetan,  Pro-
sit? Kommen Sie,  sagen Sie endlich was! Oder  sind  Sie  geistes-
abwesend? Sind Sie schwermütig? Sind Sie krank?«

Alle blickten auf  den  Präsidenten.  Der  Präsident  richtete  wie

üblich  ein  Lächeln  auf  sie,  sein  übliches,  boshaftes,  geheimnis-
volles,  beinahe  humorloses  Lächeln.  Doch  auch 

dieses  Lächeln

hatte  etwas  zu  bedeuten;  in  gewisser  Weise  nahm  es  die  be-
fremdlichen Worte des Präsidenten vorweg.

Der Präsident durchbrach die  Stille,  die  in  Erwartung  seiner

Antwort aufgekommen war.

»Ich habe einen Vorschlag zu machen, es geht  um eine  Einla-

dung«,  sagte  er.  »Habe  ich  Ihre  Aufmerksamkeit?  Darf  ich  re-
den?«

Es war, als ob  sich  bei diesen Worten noch  größere Stille aus-

gebreitet  hätte.  Alle  Augen  waren  auf  ihn  gerichtet,  Handlun-
gen  und  Gesten,  die  gerade  ausgeführt  wurden,  verharrten
augenblicklich;  Aufmerksamkeit  hatte  sich  der  Anwesenden
bemächtigt.

»Meine Herren«,  begann  Prosit,  »ich  beabsichtige,  Sie  zu

einem  Abendessen  einzuladen,  zu  einem  Abendessen,  möchte
ich behaupten, wie Sie es noch nicht erlebt haben. Mit dieser
Einladung  ist  eine  Herausforderung  verbunden.  Ich  werde
mich später noch dazu äußern.«

Er machte eine kleine Pause. Niemand  bewegte  sich,  außer

Prosit, der ein Glas Wein austrank.

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»Meine  Herren«,  wiederholte  er  in  einer  beredt  direkten

Weise,  »meine  Herausforderung  geht  alle  an,  sie  besteht  darin,
daß ich in zehn Tagen, von  heute ab  gerechnet, eine neue Art
Abendessen, 

ein  ganz  ausgefallenes  Abendessen,  geben  werde.

Betrachten Sie sich als eingeladen!«

Überall  erhob  sich  Erklärung  heischendes  Gemurmel,  tauch-

ten  Fragen  auf. Warum  diese Art der Einladung?  Wieso  die  un-
verständliche  Ausdrucks  weise?  Worin  bestand,  unumwunden
gesagt, die angekündigte Herausforderung?

»In meinem Haus am Platz«, sagte Prosit.
»Gut.«
»Sie  werden  doch  nicht  den Treffpunkt  unserer  Gesellschaft

in Ihr Haus verlegen wollen?«, erkundigte sich ein Mitglied.

»Nein, nur zu diesem Anlaß.«
»Und  handelt  es  sich  wirklich  um  etwas  so  Ausgefallenes,

Prosit?«, erkundigte sich hartnäckig ein neugieriges Mitglied.

»Um etwas sehr Ausgefallenes. Etwas ganz und gar Neues.«
»Bravo!«

»Die  Originalität  des  Abendessens«,  sagte  der  Präsident  wie

jemand,  der  einen  Hintergedanken  ausspricht,  »liegt  nicht  in
der Art  seines  Ausdrucks,  seiner Erscheinung,  sondern  in  seiner
Bedeutung, in seinem Inhalt. Ich  fordere  hier  jeden  heraus,  mir
zu  sagen  (und  ich  könnte bei  diesem  Anlaß  sagen  »jeden  über-
haupt, wo er auch sei«), wenn er das Essen beendet hat, was an
ihm ausgefallen  war.  Ich wage zu  behaupten,  daß  niemand  dar-
auf  kommen  wird.  Darin  liegt  meine  Herausforderung.  Sie
glauben  vielleicht,  es  ginge  mir  darum  zu  beweisen,  daß  nie-
mand  ein  ausgefalleneres  Abendessen  geben  könnte.  Aber
nein, dem ist nicht so; es ist, wie ich gesagt habe. Wie Sie sehen,
ist alles noch viel ausgefallener,  so ausgefallen,  daß  es  Ihre  Er-
wartungen übersteigt.«

»Dürften wir  den  Grund  Ihrer  Einladung  erfahren?«, fragte

ein Mitglied.

»Es  treibt mich dazu«,  erklärte  Prosit, wobei  sein  Gesicht

mit  dem  entschlossenen  Blick  einen  sarkastischen  Zug  an-
nahm,  »wegen einer Diskussion,  die  ich vor dem  Abendessen
hatte.  Einige  meiner  Freunde,  die  hier  anwesend  sind,  haben
vielleicht  den  Streit  mitangehört.  Sie  können  diejenigen  infor-
mieren,  die  Näheres  wissen  wollen.  Meine  Einladung  ist  hier-
mit ausgesprochen. Nehmen Sie sie an?«

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»Natürlich!  Natürlich!«,  tönte  es  von  allen  Seiten  des

Tisches.

Der  Präsident  nickte  und  lächelte;  irgendeine  geheime

Vision  nährte  seine  Belustigung,  und  er  verfiel  wieder  in
Schweigen.

Nachdem  Herr  Prosit  die  erstaunliche  Herausforderung  und

seine  Einladung  ausgesprochen  hatte,  drehten  sich  die  Gesprä-
che unter den  Mitgliedern  um  den  wahren  Beweggrund.  Einige
waren  der  Ansicht,  es  handele  sich  bloß  um  einen  weiteren
Scherz  des  Präsidenten;  andere  meinten,  Prosit  habe  den
Wunsch,  wieder  einmal  seine  kulinarischen  Fähigkeiten  unter
Beweis  zu  stellen,  was,  rational  betrachtet,  unbegründet  war,
da  (wie  es  hieß)  ihn  niemand  herausgefordert  hatte,  was  aber
der  Selbstgefälligkeit  eines  jeden  Künstlers  behagen  würde.
Wieder  andere  versicherten,  die  Einladung  sei  in  Wirklichkeit
wegen  gewisser  junger  Leute  aus  Frankfurt  ausgesprochen
worden,  die  mit  dem  Präsidenten  gastronomisch  wetteiferten.
Bald aber stellte  sich heraus, wie der Leser  dieser  Zeilen  sehen
wird, daß  der  Anlaß  für  die  Herausforderung  mit  letzteren  zu
tun hatte — ich spreche von dem unmittelbaren Anlaß,  denn da
der Präsident ein Mensch war, und ein sehr ausgefallener  dazu,
hatte  seine  Einladung,  psychologisch  gesehen,  mit  allen  drei
Absichten, die ihm unterstellt wurden, zu tun.

Der Grund,  warum man  nicht  sofort  glauben  wollte,  Prosits

wahrer Grund für die Einladung  sei der Streit (wie er ja  selber
gesagt  hatte),  war  folgender:  Die  Herausforderung  war  einfach
zu  ungenau,  zu  geheimnisvoll,  um  wie  nach  einer  Erwiderung
auf eine  Provokation  auszusehen,  um  als  bloße  Rache  zu  er-
scheinen. Schließlich aber mußte man daran glauben.

Die  Diskussion,  welche  der  Präsident  erwähnt  hatte,  hatte

sich  (sagten  die,  die  Bescheid  wußten)  zwischen  ihm und  fünf
jungen Männern  aus  der  Stadt  Frankfurt  abgespielt.  Es  hatte
weiter nichts Besonderes mit den jungen Männern auf sich, nur
daß sie  auch  Gastronomen  waren;  und  nur  dadurch, meine  ich,
verdienen  sie  unsere  Aufmerksamkeit.  Die  Diskussion  mit  ih-
nen  hatte  lange  gedauert.  Der  Streitpunkt  war, wie man  sich
noch  erinnern  konnte,  ein  Gericht,  das  einer  von  ihnen  erfun-
den hatte, oder ein Abendessen, das sie gegeben hatten und das
irgendeine  gastronomische  Leistung  des  Präsidenten  übertrof-
fen  haben  sollte.  Darüber  war  ein  Streit  ausgebrochen,  und  um

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diesen Mittelpunkt hatte  die  Spinne  des  Zanks  betriebsam  ihr
Netz gesponnen.

Die  Diskussion war  hitzig  verlaufen  auf  selten  der  jungen

Männer,  sanft und  moderat  auf  seilen  Prosits.  Wie  ich  schon
erwähnt habe, war es  seine Gewohnheit,  sich nie aus  der Ruhe
bringen zu lassen. Bei jener Gelegenheit  allerdings  war er fast  in
Zorn  geraten  wegen  der  heftigen  Erwiderungen  seiner  Wider-
sacher. Doch es war ihm gelungen, die Ruhe zu bewahren. Dies
alles  inzwischen  bekannt,  glaubte  man,  der  Präsident  beabsich-
tige,  den  jungen  Leuten  einen  gewaltigen  Streich  zu  spielen,
sich also  in  seiner  üblichen  Art  für den  stürmischen  Streit  zu
rächen.  Die  Erwartungen  wurden  diesbezüglich  in  die  Höhe
geschraubt;  man  munkelte  schon  über  einen  Riesenscherz,  Ge-
schichten  über  eine  Rache  von  frappierender  Originalität
machten  die  Runde.  Angesichts  des  Tatbestandes  als  solchem
und  angesichts  des  Mannes  nährten  sich  die  Gerüchte  von
selbst,  nichts  weiter  als  plumpe  Bauten  mit  der  Wahrheit  als
Fundament. Alle drangen  sie  früher  oder  später  an  Prosits  Ohr;
doch wenn er  sie  hörte,  schüttelte  er  nur  den  Kopf,  und wäh-
rend  er  so  tat,  als  übe  er  Gerechtigkeit  an  ihrer  Absicht,  be-
klagte  er  in  Wirklichkeit  die  Grobheit  ihrer  Form.  Niemand,
meinte  er,  hätte  richtig  geraten.  Es  wäre  auch  unmöglich,
meinte er, daß jemand richtig  mutmaßen  würde. Es  würde  eine
große  Überraschung  geben.  Mutmaßungen,  Ratespiele  und
Hypothesen wären lächerlich und zwecklos.

Aber  die  Gerüchte  kamen natürlich erst  später  auf.  Kehren

wir  zum  Abendessen  zurück,  in  dessen  Verlauf  die  Einladung
ausgesprochen  worden  war.  Es  war  eben  zu  Ende  gegangen.
Wir begaben uns gerade in den Rauchsalon, als wir  den  fünf
jungen  Männern  von  wirklich  raffiniertem  Äußeren  begegne-
ten; sie grüßten Prosit recht kühl.

»Meine  Freunde,  das  übrigens  sind  die  fünf  jungen  Herren

aus  Frankfurt«,  erklärte  Prosit,  indem  er  sich  uns  zuwandte,
»ich habe  sie einst  bei  einem  Wettstreit  in  gastronomischen  An-
gelegenheiten geschlagen...«

»Ach, wissen Sie, ich glaube kaum, daß davon die Rede sein

kann«, entgegnete lächelnd einer der jungen Männer.

»Nun gut, sei es, wie es sei oder wie es war. Tatsache, meine

Freunde,  ist,  daß  die  Herausforderung,  die  ich  heute  an  die
Gastronomische  Gesellschaft  gerichtet  habe«  -  mit  einer  aus-

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holenden Geste seiner Hand wies er auf uns — »von weit  größe-
rer  Bedeutung  und  weitaus  künstlerischerer  Art  ist.«  Diese  Er-
klärung galt den Fünfen. Sie hörten sie sich so unhöflich an, wie
sie konnten.

»Als  ich  gerade  eben  diese  Herausforderung  aussprach,

dachte ich an Sie, meine Herren!«

»Was Sie nicht sagen! Und was haben wir damit zu tun?«
»Das werden Sie  bald  sehen!  Das  Essen  findet  in  der  über-

nächsten Woche, am siebzehnten, statt.«

»Wir möchten das Datum gar nicht wissen. Wir brauchen es

nicht zu wissen.«

»Ja,  das  stimmt  eigentlich!«,  kicherte  der  Präsident.  »Das

brauchen  Sie  nicht.  Es  wird  auch  gar  nicht  nötig  sein.  Den-
noch«,  fügte  er  hinzu,  »werden  Sie  beim  Abendessen  dabei
sein.«

»Wie denn!«,  rief einer der jungen Männer aus, neben  ihm

grinste einer, ein anderer starrte vor sich hin.

Der Präsident grinste zurück.

»Sie werden einen höchst materiellen Beitrag liefern.«

Die  Mienen  der  fünf  jungen  Männer  spiegelten  ihre  Zweifel

und ihr geringes Interesse an der ganzen Angelegenheit.

Als  sie weitergingen,  sagte  der  Präsident:  »Also,  wenn  ich

etwas will, will ich es auch, und ich will, daß Sie beim Abend-
essen dabei sind, ich will, daß Sie zu seinem Wert beitragen.«

Er hatte das in einem so  offen  und  nachdrücklich höhnischen

Ton  gesagt,  daß  die  jungen  Männer  verärgert  die  Treppe  hinun-
tereilten.

Der letzte drehte sich noch einmal um.

»Im Geiste werden wir vielleicht da sein«,  sagte  er,  »und  an

Ihre Schlappe denken.«

»Nein, nein; Sie werden sehr wohl  da  sein.  Sie  werden  leib-

haftig  da  sein —  leibhaftig,  das  versichere  ich  Ihnen.  Keine
Sorge! Überlassen Sie nur alles mir!«

Eine  Viertelstunde  später,  nachdem  alles  erledigt  war,  ging

ich mit Prosit die Treppe hinunter.

»Glauben Sie wirklich,  Sie können  veranlassen,  daß  sie  dabei

sind, Prosit?«, fragte ich ihn, als er seinen Überrock anzog.

»Gewiß«,  sagte  er,  »dessen  bin  ich  sicher.«  Wir  traten  ge-

meinsam hinaus - ich und Prosit -  und  trennten  uns  vor  dem
Eingang des Hotels.

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II

Es  kam  der  Tag,  an  dem  Prosits  Einladung  in  Erfüllung  gehen
sollte.  Das Essen  fand um halb  sieben abends in  Prosits  Haus
statt.

Das Haus - von dem Prosit  gesagt  hatte, es  läge  am  Platz  -

war,  genau  genommen,  nicht 

sein  Haus,  sondern  das  eines  al-

ten  Freundes,  der  außerhalb  von  Berlin  lebte  und  Prosit  sein
Haus lieh,  wenn der  Präsident es wünschte. Es  stand immer zu
seiner  Verfügung.  Doch  benutzte  er  es  nur  selten.  Einige  der
frühesten  Festessen  der  Gastronomischen  Gesellschaft  hatten
dort  stattgefunden,  bis  alle  von  der  größeren  Bequemlichkeit
des  Hotels  -  Komfort,  Ausstattung,  Räumlichkeiten  -  über-
zeugt  waren.  Prosit  war  im  Hotel  kein  Unbekannter;  die  Ge-
richte  wurden  nach  seinen  Anweisungen  zubereitet.  Er  hatte
dort  seine  eigenen  Köche  oder  die  von  Mitgliedern  oder  auch
Köche,  die  aus  irgendwelchen  Restaurants  hinzugezogen  wur-
den,  und  verfügte  für  seinen  Erfindungsgeist  über  ebensoviel
Spielraum  wie  im  Hause;  abgesehen  davon,  konnten  seine  Vor-
haben  im  Hotel  rascher  und  besser  ausgeführt  werden;  sie  wur-
den ordentlicher und exakter verwirklicht.

Was aber das  Haus angeht, in dem Prosit wohnte, so  kannte

es  niemand,  und  niemand  wollte  es  kennenlernen.  Für  be-
stimmte  Festessen  wurde  das  Haus  benutzt,  von  dem  ich  er-
zählt  habe;  für  seine  Liebesaffären  hatte  er  eine  Zimmerflucht,
dann war er in einem Club - was sage ich, in zwei Clubs -, und
oft ließ er sich im Hotel blicken.

Prosits Haus  kannte  niemand,  wie  ich  schon  sagte;  daß  er

eines  besaß,  abgesehen  von  den  Orten,  an  denen  er  sich  auf-
hielt,  galt  als  allgemein  sicher.  Aber  wo  sich  dieses  Haus  be-
fand, davon hatte niemand eine  Ahnung.  Auch mit  wem  er  dort
lebte,  war  uns  nicht  bekannt.  Prosit  hatte  uns  nie  einen  Hin-
weis  gegeben,  wer  ihm  in  seiner  Abgeschiedenheit  Gesellschaft
leistete.  Ob es  überhaupt  solche Leute  gab, auch  darüber  hatte
er  nichts  verlauten  lassen.  Unsererseits  war  es  nichts  weiter  als
die  schlichte  und  einfache  Schlußfolgerung  aus  unseren  Überle-
gungen. Wir  hatten  nämlich  erfahren  —  von  wem,  weiß  ich
nicht  mehr  -,  daß  Prosit  in  den  Kolonien  gelebt  hatte  -  in
Afrika oder  Indien oder  sonstwo  — und  daß er dort viel  Geld

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61

gemacht hatte, von dem er jetzt lebte. Soviel war weiterhin  be-
kannt, den Rest herauszufinden war ohne Belang.

Ich  denke,  der Leser  kennt  jetzt  hinreichend  die  Lage  der

Dinge  und  kann  auf  weitere  Beobachtungen  meinerseits  ver-
zichten, sowohl was den Präsidenten  selbst als auch  sein Haus
betrifft. Ich gehe daher zum Schauplatz des Festmahls über.

Der  Raum,  in  welchem  man  die  Tafel  gedeckt  hatte,  war

breit und  lang,  wenn  auch  nicht  sehr  hoch.  An  den  Seiten be-
fanden  sich  keine  Fenster,  sondern  nur  Türen,  die  in  verschie-
dene Räume führten. An seinem äußersten Ende,  auf  der  Seite,
die  zur Straße hinging,  war ein hohes und großes Fenster  einge-
lassen, das so prächtig war, daß es selber die Luft einzuatmen
schien, die es hineinlassen konnte. Es  nahm gut und  gern den
Platz  von  drei  gewöhnlichen  Fenstern  ein,  und  die  Rahmenun-
terteilungen  machten  drei  Fenster  aus  ihm.  Obwohl  der  Raum
groß  war,  genügte  dieses eine  Fenster,  um  ausreichend  Licht
und Luft zu  verschaffen;  so war  keine  der  Ecken  der  natürlich-
sten Dinge der Natur beraubt.

Man hatte  für  das  Festessen  inmitten  des  Speisesaals  einen

langen Tisch aufgestellt, an dessen oberem Ende der  Präsident
mit dem Rücken zum Fenster saß. Ich, der ich als  ältestes  Mit-
glied  das  Protokoll  führte,  saß  zu  seiner  Rechten.  Weitere  De-
tails  sind  unwesentlich.  Anwesend  waren  zweiundfünfzig  Per-
sonen.

Der  Raum  wurde  von  drei  Kandelabern  erleuchtet,  die  über

dem Tisch  thronten.  Dank  einer  geschickten  Anordnung  ihrer
Verzierungen war das Licht in erster Linie auf  den Tisch  gerich-
tet, und der Raum zwischen ihm und den Wänden lag eher  im
Dunkeln. Von der Wirkung  her  ähnelte  das  der  Lichtverteilung
über  Billardtischen.  Was  dort  allerdings  erreicht  wird,  wurde
hier  nicht  erreicht,  nämlich mit  Hilfe  eines  Kunstgriffs  die  Ab-
sicht  eines  Gebrauchs  offenbar  werden  zu  lassen;  die  Beleuch-
tung im Speisesaal konnte höchstens  ein Gefühl des Befremdens
hervorrufen.  Hätte  es  auf  den  Seiten  noch  andere  Tische  gege-
ben,  hätte  man  die  Dunkelheit  zwischen  ihnen  als  etwas  Aufge-
zwungenes  empfunden. Dem  war  aber  nicht  so, es  gab  nur  die-
sen einen Tisch. Ich selbst bemerkte das erst  später,  wie man
noch  sehen  wird.  Obwohl  ich, wie  auch alle  anderen  Anwesen-
den,  beim  Eintreten  überall  nach  Befremdlichem  Ausschau  ge-
halten hatte, war mir das irgendwie nicht weiter aufgefallen.

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Wie  die  Tafel  gedeckt,  zurechtgemacht,  geschmückt  war,

erinnere  ich  einerseits  nicht  mehr,  andererseits  braucht  es  auch
gar nicht erinnert zu werden. Der  mögliche  Unterschied  zu  an-
deren,  ähnlichen Tafeln blieb  im  Rahmen des  Normalen  und
verdankte  sich  nicht  etwas  Ausgefallenem.  Eine  Beschreibung
wäre hier unfruchtbar und ohne Ende.

Die  ersten  Mitglieder  der  Gastronomischen  Gesellschaft

— zweiundfünfzig insgesamt, wie ich schon sagte — tauchten um
Viertel vor sechs auf. Drei oder vier erschienen erst eine Minute
vor Beginn des Abendessens, wie  ich erinnere. Einer  -  der  letz-
te — traf ein, als wir schon bei Tisch saßen. Wie unter Künstlern
üblich, wurde bei solchen Anlässen wie auch  bei  dieser Sitzung
auf  jedes  Zeremoniell  verzichtet.  Niemand  war  deswegen  über
den Zuspätgekommenen verärgert.

Wir  hatten  mit  einem  unterdrückten  Fieber  aus  Erwartung,

prüfender  Neugier  und  gesundem  Mißtrauen  Platz  genommen.
Es  sollte ja, wie  jeder erinnerte, 

ein ganz  ausgefallenes  Abend-

essen  werden,  und  jeder  war  aufgefordert  worden  herauszufin-
den,  worin  das  Ausgefallene  des  Abendessens  bestand.  Das
war  das  schwierige  Endziel.  War  es  etwas  Verstecktes  oder
etwas Auffälliges? Würde es in einem  der Gerichte,  in  einer
Sauce, in irgendeinem Arrangement zu finden sein? War es  nur
irgendein  triviales  Detail  des  Essens?  Oder  hatte  es  vielleicht
etwas  mit  der  allgemeinen  Beschaffenheit  des  Festmahls  zu
tun?

Jeder von  uns befand  sich in  diesem  Geisteszustand,  und  so

ist es nicht verwunderlich, daß alles nur Mögliche, alles wenig
Wahrscheinliche,  alles  durchaus  Unwahrscheinliche  und  Un-
mögliche  zu  Mißtrauen,  Selbstzweifel,  Verwirrung  führte.  War
das schon das Ausgefallene, der Scherz?

So begannen wir alle, wir,  die Gäste, kaum hatten wir  Platz

genommen,  eingehend  und  neugierig  die  Blumen  auf  dem
Tisch und das Dekor zu prüfen, ach, was sage ich, sogar das
Muster  auf  den  Tellern,  die  Anordnung  von  Messern  und Ga-
beln,  die  Gläser  und  die  Weinflaschen.  Manche  hatten  auch
schon  die  Stühle  untersucht.  Nicht  wenige  machten  mit  gleich-
gültiger  Miene  eine  Runde  um  den  Tisch  und  durchschritten
den Raum. Einer guckte  unter  den  Tisch.  Ein  anderer  tastete
rasch  und  sorgfältig  mit  seinen  Fingern  dessen  Unterseite  ab.
Ein Mitglied ließ seine Serviette fallen und bückte sich sehr tief,

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63

um sie wieder  aufzuheben,  was  er  mit  lachhafter  Anstrengung
besorgte, nur weil er wissen wollte, wie er  mir  später  gestand,
ob es nicht eine Falltür gäbe, die uns  zu einem  gegebenen Zeit-
punkt  des  Festmahls  verschlingen  würde,  uns  oder  nur  den
Tisch oder uns mitsamt dem Tisch.

Ich  erinnere  nicht  mehr  ganz  genau,  welche  Hypothesen

oder Mutmaßungen  ich  damals  anstellte.  Ich  erinnere  nur,  daß
sie  reichlich  lächerlich  waren, ganz  von  der  Art  wie  die  der
anderen  Gäste.  Phantastische  und  ausgefallene  Vorstellungen
lösten  sich  in  meinem  Kopf  dank  rein  mechanischer  Gedanken-
assoziationen  ab.  Dabei  war  jede  einzelne  gleichzeitig  vielsa-
gend  und  unbefriedigend.  Genaugenommen  steckte  in  jeder
etwas ganz Besonderes  (wie ja  immer  irgend  etwas  irgendwo
steckt). Nichts aber gab  sich deutlich, klar und fraglos  als  ein
Zeichen,  als  Schlüssel  zum  Problem,  als  das  verborgene  Wort
des Rätsels zu erkennen.

Der  Präsident  hatte  uns  alle  herausgefordert,  das  Ausgefal-

lene  an  diesem  Abendessen  herauszufinden.  Angesichts  dieser
Herausforderung und seiner Fähigkeit zu Spaßen,  für  die  Prosit
berühmt  war,  vermochte  niemand  zu  sagen,  wie  weit  das  Ver-
wirrspiel ging, ob es sich bei dem Ausgefallenen absichtlich um
etwas  lächerlich  Unbedeutendes  handelte  oder  um  etwas  vor-
dergründig  Verborgenes  oder  aber,  und  auch  das  war  denkbar,
ob es überhaupt  nichts Ausgefallenes gab. So stand es um  den
Geisteszustand aller Gäste —  und  ich  stelle  hier  keine  übertrie-
bene Behauptung auf  -,  als  sie  Platz  nahmen  zu 

einem  ganz

ausgefallenen Abendessen.

Die Aufmerksamkeit galt allem und jedem.
Als erstes fiel auf,  daß  fünf  schwarze  Diener  den  Dienst  ver-

sahen. Ihre Gesichter waren nicht gut zu erkennen, was  nicht
nur  an der  ungewöhnlichen Kostümierung lag,  in  der  sie  steck-
ten  (dazu  gehörte  auch  ein  eigentümlicher  Turban),  sondern
auch an der besonderen Lichtverteilung.

Die  fünf  Diener  waren  gut  auf  ihre  Aufgabe  vorbereitet,

nicht ausgezeichnet vielleicht, aber doch gut. Das zeigte sich in
vielem,  und  es  mußte  besonders  Leuten  unseres  Schlages  auf-
fallen,  die  wir,  aufgrund  unserer  Kunst,  täglich  wichtigen  Um-
gang mit Leuten wie ihnen hatten. Sie wirkten, als habe man sie
irgendwo  für  ein Abendessen  trainiert  und  als  sei  dieses  das
erste, bei  dem  sie  bedienten.  Das  war  jedenfalls  der  Eindruck,

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den  ihre  Art  zu  bedienen  auf  meinen  erfahrenen  Verstand
machte,  ich  achtete  aber  nicht  weiter  darauf  und  sah  darin
nichts  Ungewöhnliches.  Diener  konnte  man  schließlich  nicht
überall  auftreiben.  Vielleicht,  dachte  ich,  hat  Prosit  sie  aus
Übersee mitgebracht, wo er  gelebt  hatte.  Die Tatsache,  daß  ich
sie nicht kannte, hätte dem nicht widersprochen, da ja, wie ich
bereits  erwähnt  habe,  Prosits  eigentliches  Privatleben  wie  auch
seine  Wohnung,  uns  nicht  bekannt  waren,  vielmehr  von  ihm
geheimgehalten  wurden  aus  Gründen,  die  er  vermutlich  hatte
und  die  herauszufinden  oder  zu  würdigen  uns  nicht  anstand.
Meine  Meinung  über  die  fünf  dunklen  Diener  jedenfalls  war,
als ich sie zum erstenmal bemerkte, die eben geschilderte.

Das Abendessen hatte also  begonnen. Es  sollte  noch  für  wei-

tere  Verwirrungen  sorgen.  Die  Eigentümlichkeiten,  die  zu-
nächst  auffielen,  waren,  bei  klarem  Kopf  besehen,  so  bedeu-
tungslos,  daß  sich  eigentlich  jede  weitere  Deutung  erübrigte.
Das kam  in  den Bemerkungen angemessen  zum  Ausdruck,  die
einer der Gäste humorvoll gegen Ende des Essens machte.

»Das einzige,  was mein  wacher  und  scharfer  Verstand  hier

an  Ausgefallenem  entdecken  kann«,  sagte  ein  adeliges  Mitglied
anmaßend  pompös,  »ist  primo,  daß  unsere  Dienerschaft  dun-
kel ist und mehr oder weniger im Dunkeln bleibt, obwohl doch
eigentlich  wir  dort  tappen,  secundo,  daß  so  etwas,  wenn  es
überhaupt  etwas  bedeutet,  gar  nichts  bedeutet.  Ich  kann  nir-
gends den Braten riechen, außer den vor meiner Nase.«

Diese  leichtfertigen  Bemerkungen  trafen  auf  Zustimmung,

obwohl  ihr  Witz  mehr  als  kümmerlich  war.  Nur  hatte  jeder
dieselbe  Feststellung  gemacht.  Niemand  aber  glaubte  —  wenn
auch viele sich nicht festlegen wollten -, daß sich  Prosits Scherz
darauf  beschränkte.  So  schauten  alle  auf  den  Präsidenten,  um
zu  sehen,  ob  sein  lächelndes  Gesicht  irgendeine  Regung,  den
Anflug  einer  Regung  oder  überhaupt  irgend  etwas  verriet  -
doch  sein  Lächeln  blieb  wie  immer  ausdruckslos.  Möglicher-
weise geriet  es  etwas  breiter,  möglicherweise  zwinkerte  er,  als
der  Adelige  seine  Beobachtungen  vorgetragen  hatte,  möglich
auch,  daß  es  noch  verschlagener  wurde,  doch  nichts  ist  Unge-
wisser.

»Ich  freue  mich«,  sagte  Prosit  schließlich  zu  dem  Mitglied,

das  soeben  gesprochen  hatte,  »aus  Ihren  Worten  eine  unbe-
wußte  Anerkennung  meiner  Talente  heraushören  zu  dürfen,

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meines Talents etwas zu verbergen oder anders erscheinen  zu
lassen, als es ist. Denn ich sehe, der Schein hat Sie getrogen. Ich
sehe, daß Sie noch weit davon entfernt sind,  die  Wahrheit,  den
Scherz, entdeckt zu haben. Sie  sind  noch weit davon entfernt,
das  Ausgefallene an diesem  Abendessen  erraten zu haben.  Und
ich  darf  hinzufügen,  daß,  wenn  jemand  den  Braten  riechen
sollte, was ich nicht ganz ausschließen mag, das gewiß  nichts
mit dem Geruch  in  seiner  Nase zu  tun  hat.  Nichtsdestoweniger,
haben Sie vielen Dank für Ihr Lob!«

»Mein Lob?«
»Ihr Lob, weil Sie nichts erraten haben.  Insofern  Sie nichts

erraten  haben,  unterstreichen  Sie  mein  Talent.  Ich  danke
Ihnen!«

Gelächter setzte dieser Episode ein Ende.

Während  der  ganzen  Zeit  hatte  ich  nachgedacht  und  war

plötzlich  zu  einem  seltsamen  Schluß  gekommen.  Ich  hatte
nämlich  noch  einmal  die  Gründe  für  das  Abendessen  erwogen,
dabei  waren  mir  die  Worte  der  Einladung  wieder  eingefallen
und  das  Datum, an  dem es  stattfinden  sollte,  und  plötzlich  erin-
nerte  ich mich, daß das Abendessen von allen als ein  Ergebnis
der  Diskussion  betrachtet  worden  war,  die  der  Präsident  mit
den  fünf  Gastronomen  aus  Frankfurt  hatte.  Mir  fielen  wieder
Prosits  Äußerungen  von  damals  ein.  Er  hatte  zu  den  fünf  jun-
gen  Männern  gesagt,  sie  würden  beim  Abendessen  anwesend
sein,  sie  würden  »materiell«  dazu  beitragen.  Das  genau  waren
seine  Worte  gewesen.  Nun  befanden  sich  diese  fünf  Männer
aber nicht unter  den  Gästen...  In  diesem  Moment  fielen  sie mir
beim  Anblick  eines  der  schwarzen  Diener  wieder  ein  und  un-
mittelbar darauf  die  Tatsache,  daß  sie  fünf  waren,  eine  Entdek-
kung,  die mich  stutzig machte.  Ich  schaute  dahin,  wo  sie  sich
gerade  befanden;  ich  wollte  sehen,  ob  ihre  Gesichter  irgend
etwas  verrieten.  Doch  die  ohnehin  dunklen  Gesichter  waren  in
Dunkel  gehüllt.  Da  erst  erkannte  ich  die  außergewöhnliche
Kunstfertigkeit,  die  darin  bestand,  die  Beleuchtung  so  einzu-
richten, daß alles grelle Licht auf  den Tisch  fiel  und daß  der
Raum  um  ihn  herum,  besonders  nach  oben  hin,  wo  sich  die
Köpfe  der  aufwartenden  fünf  Diener  befanden,  in  relativer
Dunkelheit  blieb.  So  seltsam  und  verblüffend  war  diese  Tatsa-
che, daß  ich  keine Zweifel mehr  hatte.  Ich  war  felsenfest  davon
überzeugt,  daß  hier  und  jetzt  beim  Abendessen  aus  den  fünf

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jungen  Herren  aus  Frankfurt  fünf  schwarze  Diener  geworden
waren. Das völlig Unglaubliche  daran ließ mich  doch noch eine
Zeitlang  schwanken,  aber  meine  Schlußfolgerung  war  zu
schlüssig,  zu  augenfällig.  Es  konnte  sich  gar  nicht  anders  ver-
halten.

Mir  fiel  auch  gleich  wieder  ein,  daß  fünf  Minuten  zuvor,

während  desselben  Festessens,  auf  dem  die  schwarzen  Diener
natürlich  die  Aufmerksamkeit  auf  sich  gezogen  hatten,  eines
der  Mitglieder,  Herr  Kleist,  ein Anthropologe,  Prosit  nach  ihrer
Rasse  und  Herkunft  gefragt  hatte  (er  konnte  überhaupt  nichts
von  ihren  Gesichtern  sehen).  Die Verärgerung,  mit welcher  der
Präsident  reagierte,  war  zwar  nicht  sehr  deutlich,  ich  hatte  sie
aber  durchaus  bemerkt,  auch  wenn  meine  Aufmerksamkeit
noch  nicht  so geschärft war  wie  nach  meiner  Entdeckung,  ich
hatte  Prosits  Verlegenheit  wahrgenommen  und  mich  gewun-
dert.  Ich  hatte  auch  unbewußt  aufgenommen,  wie  kurz  darauf
einer der Diener Prosit ein Gericht reichte und wie  letzterer mit
leiser  Stimme  etwas  sagte;  die  fünf  »Schwarzen«  hielten  sich
daraufhin  noch  mehr  abseits  im  Dunkeln,  was  jemandem,  der
dieses  Täuschungsmanöver  aufmerksam  verfolgte,  als  Distan-
zierungsmaßnahme recht übertrieben vorkommen mußte.

Die  Furcht  des  Präsidenten  war  nur  allzu  verständlich.  Ein

Anthropologe  wie  Herr  Kleist,  jemand,  der  sich  in  den  Men-
schenrassen,  ihren  Typen,  ihren  Gesichtsmerkmalen  aus-
kannte,  hätte  den  Schwindel  zwangsläufig  sofort  durchschaut,
wenn er die Gesichter  zu  sehen  bekommen  hätte.  Deswegen  die
Unruhe Prosits  auf  die  Frage  hin,  deshalb  sein Befehl  an  die
Diener, sich noch mehr im Dunkeln zu halten. Wie er der  Frage
auswich,  habe  ich  vergessen;  ich  habe  allerdings  den  Verdacht,
daß er einfach erklärte, es  seien nicht  seine  Diener,  und  daß  er
beteuerte, er  kenne ihre Rasse nicht und  wisse  auch  gar  nicht,
wie  sie  nach  Europa  gelangt  seien.  Bei  seiner  Erwiderung  war
ihm  jedenfalls  höchst  unbehaglich  zumute,  wie  ich  beobachten
konnte;  er  fürchtete  offenbar nichts mehr,  als  daß Herr Kleist
plötzlich  den  Wunsch  äußern  könnte,  die  Schwarzen  in  Augen-
schein zu nehmen. Auch wenn er  nicht geleugnet  hätte,  daß  sie
zu  ihm  gehörten,  er  hätte  nicht  sagen  können:  »diese  Rasse«
oder »jene«, da er ja, wie er  selbst am besten wußte, in dieser
Hinsicht  nicht  Bescheid  wußte,  und  sich  womöglich  auf  einen
Typus  festgelegt  hätte,  dessen  sichtbarste  Hauptmerkmale,  wie

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zum Beispiel die Statur, in offenem Widerspruch  zu  denen  der
fünf  schwarzen  Bediensteten  standen.  Ich  erinnere  vage,  daß
Prosit  seine  Erwiderung  in  irgend  etwas  Handfestes  münden
ließ und die Aufmerksamkeit  auf  das  Abendessen  und  die  Ga-
stronomie lenkte - was nichts mit den Dienern zu tun hatte.

Es wurde  über  das  vollendete  Würzen  von  Speisen  geredet,

über  die  scheinbar  neue  Art,  sie zu  servieren (...) -  für mich
waren diese  Äußerungen  nichts  als  Bagatellen,  mit  denen  die
Aufmerksamkeit  abgelenkt  werden  sollte,  denn  sie  waren,  wie
ich  fand,  unwichtig  und  abgeschmackt,  ziemlich  erbärmlich
und  gewollt  unkonventionell.  Ich  darf  hinzufügen,  daß  nie-
mand  sie  besonders  ernst  nahm,  nachdem  er  sie  sich  angehört
hatte.

Der  Sachverhalt  selbst  war  allerdings  äußerst  seltsam,  un-

sagbar seltsam: Ein Grund mehr, sagte ich mir, daß es sich hier
um  Prosits  Scherz  handelte.  Doch  verblüffend,  ging  es  mir
durch  den  Kopf,  wie er  ausgeführt  werden  konnte.  Wie  nur?
Wie  hatte  man  fünf  junge  Männer,  die  dem  Präsidenten  feind-
lich  gesonnen  waren,  dazu  bringen  können,  dazu  abrichten,
verpflichten  können,  die  Rolle  von  Dienern  bei  einem  Abend-
essen zu übernehmen, also etwas zu tun,  was  jedem  Menschen
von  einer  gewissen  gesellschaftlichen  Stellung  an  zuwider  sein
mußte?  Der  Gedanke  daran  war  grotesk  und  erschreckend,  so
als  würde  ein  Frauenkörper  mit  Fischschwanz  plötzlich  Wirk-
lichkeit.  Man  hätte  meinen  können,  die  Welt  schreite  auf  ihren
Absätzen daher.

Das  schwarze  Aussehen  war  leicht  zu  erklären.  Natürlich

konnte  Prosit  die  fünf  jungen  Männer  den  Mitgliedern  der  Ge-
sellschaft  nicht  mit  ihren  wirklichen  Gesichtern  vorführen.  Es
war nur verständlich,  daß  er  von  den  vagen  Kenntnissen  profi-
tieren würde, die er sich in  den  Kolonien zugelegt hatte,  um
seinen  Scherz  mit  den  schwarzen  Männern  durchzuführen.  Die
quälende Frage  aber  blieb,  wie  er  das  bewerkstelligt  hatte,  und
das  konnte  nur  Prosit  selbst  verraten.  Ich  konnte  noch  verste-
hen  -  wenn auch nicht  sehr  gut  -,  daß  jemand  einen  Freund-
schaftsdienst  tut  und  bei  einem  Scherz  den  Diener  spielt,  um
einen Gefallen zu erweisen. Aber in diesem Fall!

Ja  länger  ich  nachdachte,  desto  außergewöhnlicher,  aber

auch wahrscheinlicher kam mir der  Fall vor; angesichts all  der
Beweise,  über  die  ich  verfügte,  und  angesichts  des  Charakters

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des  Präsidenten mußte  es  sich  hierbei  um  den  Scherz  Prosits
handeln.  Da  war  es  ein  Leichtes,  uns  herauszufordern,  das  Aus-
gefallene  an  diesem  Festmahl  ausfindig  zu  machen.  Nun  hatte
dieses  Ausgefallene,  wie  ich  herausgefunden  hatte,  eigentlich
nichts mit  dem Essen  selbst  zu  tun,  immerhin aber mit den  Die-
nern,  die ihrerseits durchaus  mit  dem  Essen  zu  tun  hatten.  Als
ich  an  diesem  Punkt  meiner  Überlegungen  angelangt  war,  wun-
derte  ich  mich,  warum  ich  nicht  schon  früher  darauf  gekom-
men war: Da das Festmahl (wie man jetzt  wußte)  wegen  der
fünf  jungen  Männer  stattfand,  als  Rache  sozusagen,  mußte  es
in  Zusammenhang  mit  ihnen  stehen,  und  dieser  Zusammen-
hang  konnte  nicht  unmittelbarer  hergestellt  werden,  als  wenn
sie die Diener wären.

All  diese  Argumente  und  Überlegungen,  die  ich  hier  in  meh-

reren  Abschnitten  dargelegt  habe,  gingen  mir  in  nur  wenigen
Minuten durch  den  Kopf.  Ich  war  von  etwas  überzeugt,  dann
verblüfft, dann  zufrieden. Der Fall  lag klar auf der  Hand,  und
diese  Klarheit  verscheuchte  in  mir  jeden  Gedanken  an  seine
außerordentliche  Beschaffenheit.  Ich  durchschaute  die  Angele-
genheit  in aller Deutlichkeit und Genauigkeit.  Ich  hatte  Prosits
Herausforderung angenommen und den Sieg davongetragen.

Das Abendessen war jetzt fast zu Ende, nur das Dessert stand

noch aus.

Ich  fand,  mein  Talent  verdiene  Anerkennung,  und  so  be-

schloß  ich,  Prosit meine Entdeckung  mitzuteilen.  Ich  ging  noch
einmal  alle  Einzelheiten  durch,  um  nur  ja  Unzulänglichkeiten
und  Fehler  zu  vermeiden,  zumal  sich  das  Merkwürdige  der
ganzen  Angelegenheit,  so  wie  ich  sie  begriff,  in  meine  Unbeirr-
barkeit  einschleichen  wollte.  Schließlich  wandte  ich  meinen
Kopf Prosit zu und sagte ihm leise:

»Prosit,  lieber  Freund,  ich  kenne  ein  Geheimnis.  Diese  fünf

schwarzen  Leute  und  die  fünf  jungen  Männer  aus  Frank-
furt ...«

»Ach  so! Sie  glauben  also,  zwischen  ihnen gäbe es einen Zu-

sammenhang.«  Er  sagte  das  halb  spöttisch,  halb  zweifelnd;  ich
bemerkte  aber,  daß  ihm  meine  Worte  unangenehm  waren,  und
daß ihn die  Exaktheit meiner  Schlußfolgerung, mit  der  er  wohl
nicht  gerechnet  hatte,  wütend  machte.  Ihm  war  unbehaglich
zumute, aufmerksam sah er mich  an.  »Die  Gewißheit«,  dachte
ich mir, »ist auf meiner Seite.«

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»Natürlich!«,  erwiderte  ich.  »Das 

sind  die  fünf.  Ich  habe

daran keinen Zweifel. Aber wie, um alles in der Welt, haben Sie
das nur geschafft?«

»Rohe  Gewalt, mein  Lieber.  Aber  sagen  Sie  den  anderen

nichts.«

»Natürlich nicht! Aber was heißt das, rohe Gewalt, Prosit?«
»Nun, das ist ein Geheimnis. Man kann es nicht erzählen. Es

ist geheim wie der Tod.«

»Aber wie fangen Sie es an,  daß die es nicht erzählen? Ich

muß  sagen,  ich  bin erstaunt. Warum  laufen  sie  nicht  davon,
warum sträuben sie sich nicht?«

Der  Präsident  wurde  von  einem  Lachkrampf  durchschüttelt.

»Das  steht  nicht  zu  befürchten«,  sagte  er  und  zwinkerte  bedeu-
tungsschwer.  »Sie  werden  nicht  weglaufen  —  die  nicht.  Ganz
unmöglich.«  Und  er  blickte  mich  gelassen,  verschlagen,  ge-
heimnisvoll an.

So  gelangten  wir  schließlich  —  nein,  nicht  am  Ende  des

Essens  -  am Endzweck  des Essens an, mit einer  weiteren Merk-
würdigkeit, die  offenbar  beabsichtigt  war —  Prosit  wollte einen
Trinkspruch  ausbringen.  Alle  waren  über  einen  Trinkspruch
gleich nach  dem  letzen Gang  und  noch  vor  dem  Dessert  er-
staunt.  Alle  wunderten  sich,  nur  ich  nicht,  der  ich  darin  nur
eine  weitere,  in  sich  belanglose  Überspanntheit  erblicken
wollte,  welche  die  Aufmerksamkeit  ablenken  sollte.  Jedenfalls
wurden  die  Gläser  gefüllt,  und  während  sie  gefüllt  wurden,  än-
derte  sich das Verhalten des  Präsidenten.  Er  rückte  sehr  erregt
auf  seinem  Stuhl  umher,  ungeduldig  wie  jemand,  der  sprechen
will,  der  ein  großes  Geheimnis  zu  enthüllen,  eine  wichtige  Mit-
teilung zu machen hat.

Dieses Betragen  wurde  sogleich  bemerkt.  »  Prosit  möchte  sei-

nen Scherz verraten - 

den Scherz. Das  ist ganz  Prosit! Heraus

damit, Prosit!«

Während  der  Augenblick  für  den  Trinkspruch  näherrückte,

schien es, als  würde  der  Präsident  verrückt  vor  Erregung; er
rutschte  auf  seinem  Stuhl  umher,  wand  sich,  grinste,  lächelte,
zog Grimassen, lächelte grundlos und endlos in sich hinein.

Alle Gläser waren gefüllt. Ein  jeder  war gespannt. Tiefe Stille

breitete sich  aus.  Ich  erinnere  noch,  daß ich  in  der  Spannung
des Augenblicks von der Straße her Fußtritte vernahm und  daß
ich mich über zwei Stimmen ärgerte - die eines Mannes und die

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einer Frau —, die  sich unten auf dem  Platz  unterhielten.  Ich ach-
tete dann nicht weiter auf  sie.  Prosit  stand auf, nein,  was  sage
ich, er  sprang auf,  so daß er  beinahe  den  Stuhl  umgeworfen
hätte.

»Meine  Herren«,  sagte  er,  »ich  werde  Ihnen  jetzt  mein  Ge-

heimnis,  meinen  Scherz,  meine  Herausforderung  verraten.  Das
ist sehr lustig; Sie wissen doch noch, daß ich zu den fünf jungen
Männern  aus  Frankfurt  sagte,  sie  würden  bei  diesem  Festmahl
anwesend  sein,  ja, sie  würden  auf  höchst  materielle  Weise  zu
ihm beitragen? Da liegt das Geheimnis, ich meine, darin.«

Der Präsident sprach hastig, und in seiner Eile, zur Pointe zu

kommen, redete er unzusammenhängend.

»Meine  Herren,  das  ist alles,  was  ich zu  sagen  habe.  Nun

aber  der  erste  Trinkspruch,  der erhabene Trinkspruch.  Er  gilt
meinen  fünf  Rivalen...  Da  niemand  die  Wahrheit  herausgefun-
den hat, nicht einmal Meyer (das bin ich), nicht einmal er.«

Der  Präsident  machte  eine  Pause;  danach  erhob  er  seine

Stimme  und  rief  laut: »Ich  trinke  auf  das  Andenken  der  fünf
jungen  Herren aus  Frankfurt,  die  leibhaftig  bei  diesem  Essen
anwesend  waren  und  höchst  materiell  zu  ihm  beigetragen  ha-
ben.«

Und verstört, rasend, vollends  verrückt  wies  er  aufgeregt  mit

einem Finger auf die  Fleischreste eines Gerichts,  das  man  auf
seinen Befehl hin auf dem Tisch hatte stehen lassen.

Kaum  waren  diese  Worte  ausgesprochen,  als  sich  auch  schon

mit  geisterhafter  Kälte  unbeschreibliches  Entsetzen  ausbrei-
tete.  Die  unvorstellbare  Offenbarung  hatte  alle  für  eine  Weile
niedergeschmettert.  Es  herrschte  eine  entsetzte  Stille,  als  habe
niemand  etwas  vernommen,  als  habe  niemand  verstanden.  Ein
Irrsinn,  der  alle  Phantasien  überstieg,  hatte  sich  schauerlich  in-
mitten  der  Wirklichkeit  niedergelassen.  Es  herrschte  eine  Stille,
die  Jahrhunderte  zu  dauern  schien,  aber  in  Wirklichkeit  nur
einen  Augenblick  währte,  eine  Stille,  wie  sie  noch  niemand  er-
träumt und erdacht hatte.  Ich  habe  keine  Vorstellung  mehr  von
dem Ausdruck, der auf dem Gesicht eines jeden  von uns,  auf
allen  Gesichtern  lag.  Ich  weiß  nur,  daß  keine  Vorstellungskraft
sich je hat solche Mienen ausmalen können.

Alles währte einen Augenblick - kurz, alternd, tief.
Mein eigenes Entsetzen, der Aufruhr in mir lassen  sich  nicht

ausdenken.  All  die  komischen  Äußerungen  und  Unterstellun-

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gen,  die  ich  ganz  natürlich  und  unschuldig  in  Hinblick  auf
meine  Hypothese  von  den  fünf  schwarzen  Dienern  vorgetragen
hatte,  lieferten  jetzt  ihre  tiefere,  höchst  grausige  Bedeutung.
Der  hämische  Unterton,  das  Vielsagende  in  Prosits  Stimme
- all das - ja, es erschien mir jetzt in seinem wahren Licht und
ließ  mich  schaudern;  ich  zitterte  vor  unaussprechlicher  Furcht.
Allein das Ausmaß meines Schreckens bewahrte mich vor einer
Ohnmacht.  Wie  alle  anderen,  so  lehnte  auch  ich  mich  eine
Weile,  allerdings  mit  noch  größerer  -  und  begründeter  -
Furcht,  auf  meinen  Stuhl  zurück,  Prosit  anstarrend,  mit  einem
Entsetzen, das sich nicht in Worte fassen läßt.

Das  währte  einen  Augenblick,  einen  Augenblick  und  nicht

länger. Dann  stürzten  sich  alle  Gäste  außer  einigen,  den  Schwä-
cheren,  die  ohnmächtig  geworden  waren,  wie  rasend  und
außer  sich vor gerechter  und  unbändiger  Wut  auf  den  Kanni-
balen,  den  Urheber  dieser  grausigen  Tat.  Für  einen  Außenste-
henden mußte das ein entsetzliches Schauspiel gewesen sein, all
die  wohlerzogenen,  gutgekleideten,  gepflegten  Quasikünstler
zu  sehen, wie  sie von einer mehr als  tierischen  Raserei  erfaßt
wurden.  Prosit  war  wahnsinnig,  doch  in  diesem  Augenblick
waren auch wir es. Er hatte keinerlei Chance gegen uns — keine.
In diesem Moment waren wir in der Tat verrückter als er. Bei
dieser Wut hätte ein einziger von uns genügt, um  den  Präsiden-
ten entsetzlich zu bestrafen.

Ich selbst war es, der dem Verbrecher als erster einen Schlag

versetzte. Mit einer  so fürchterlichen Wut, daß es mir vorkam,
als sei sie die eines anderen - und es scheint mir noch heute so,
denn die Erinnerung ist doch nur ein trübes Bild —, ergriff  ich
die Weinkaraffe, die in  meiner  Nähe  stand,  und  schleuderte  sie
in  einem  schrecklichen  Triumphgefühl  zornig  gegen  Prosits
Kopf. Sie traf ihn mitten  ins  Gesicht, auf  dem  sich Blut  und
Wein  vermischten.  Ich  bin ein  sanfter,  feinfühliger  Mensch,  der
Blut  verabscheut. Wenn  ich  heute  daran  zurückdenke,  begreife
ich nicht, wie es mir möglich war, eine Tat zu begehen, die mei-
nem eigentlichen  Ich  so  grausam  erscheinen  muß,  wenn  auch
gerecht;  es  war  eine  grausame,  eine  sehr  grausame  Tat,  vor  al-
lem  wegen  der Wut,  aus  der  sie  sich  nährte. Wie mächtig  müs-
sen  damals  meine  Raserei  und  meine  Tollheit  gewesen  sein!
Und die der anderen, wie ungeheuer mächtig!

»Aus dem Fenster mit ihm!«, schrie eine gräßliche Stimme.

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72

»Aus  dem  Fenster!«,  kreischte  ein  furchterregender  Chor.
Allein wie das  Fenster geöffnet wurde, ist bezeichnend  für  die
Roheit jenes Augenblicks:  es  wurde  einfach  zerschlagen.  Einer
mit einer  starken  Schulter  stellte  sich  davor  auf  und  zerschmet-
terte den Mittelteil (es war dreigeteilt), der auf den Platz fiel.

Mehr  als  ein  Dutzend  tierischer,  begieriger,  streitender

Hände  packte  Prosit,  dessen  Wahnsinn  von  unsäglicher  Furcht
durchdrungen  wurde.  Mit  einer  kraftvollen  Bewegung  wurde
er  gegen das  Fenster  geschleudert,  durch  das  er  nicht  hindurch-
fiel, er hielt sich krampfhaft an einem Rahmenteil fest.

Die  Hände  umklammerten  ihn  fester,  brutaler,  noch  roher.

Und  mit  herkulischer  Vereinigung  aller  Kräfte,  nach  stummer
Vereinbarung  und  in  einem  Zusammenspiel,  das  in  solchen  Au-
genblicken geradezu teuflisch ist, wurde Prosit erst in  die  Luft
und  dann  mit  unbeschreiblicher  Gewalt  nach  draußen  ge-
schleudert.  Mit  einem  dumpfen  Aufprall,  der  noch  beim  Stärk-
sten Ekel hervorgerufen hätte,  der aber unseren unruhigen  und
erwartungsvollen  Herzen  die  Ruhe  wiedergab,  schlug  der  Prä-
sident auf den Platz.

Danach wurde kein Wort, kein  Zeichen  ausgetauscht.  Ein

jeder schloß sich in das Entsetzen vor sich selber ein, alle  verlie-
ßen das Haus. Als wir erst draußen  waren,  verflogen Raserei
und Schrecken,  alles  wurde ein Traum,  wir erlebten  den  unaus-
sprechlichen  Schauder  wiedergewonnener  Nahrhaftigkeit.
Ausnahmslos allen wurde schlecht, und viele fielen früher oder
später  in  Ohnmacht.  Mich  verließen  die  Kräfte  gleich  am  Aus-
gang.

Prosits  fünf dunkle Diener  -  sie  waren  wirklich  dunkel,  es

handelte  sich  um  ehemalige  asiatische  Piraten,  um  Abkömm-
linge  eines  blutrünstigen,  abscheulichen  Stammes  -  hatten  alles
durchschaut  und  waren  während  der  Rauferei  geflohen,  dann
aber — mit einer Ausnahme — wieder eingefangen worden. Es
kam uns vor, als habe Prosit bei der Durchführung seines  unge-
heuerlichen  Scherzes  mit  geradezu  teuflischem  Geschick  nach
und nach in ihnen tierische Instinkte geweckt, die zivilisiert vor
sich  hingeschlummert  hatten  (...)  Ihnen  war  befohlen  worden,
sich so weit wie möglich vom Tisch entfernt  an dunklen  Plätzen
aufzuhalten,  wegen  Prosits  dummer  und  verbrecherischer
Angst vor Herrn Kleist, dem Anthropologen, der,  und das  war
alles, was Prosit  von  seiner Wissenschaft  wußte,  womöglich  in

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73

der Lage  gewesen wäre,  in  den  schwarzen  Gesichtern  die  üblen
Kennzeichen  des  Verbrecherischen  zu  entdecken.  Die  vier  wur-
den einer angemessenen und passenden Strafe zugeführt.

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74

Fernando Pessoa um 1914

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75

REI NOLD W ERNER

Die Gleichgültigkeit der Gegensätze

Über Fernando Pessoa

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76

Portrait Pessoas von Jose Almada Negreiros,

entstanden 1935, am Tag von Pessoas Begräbnis

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77

Fernando Pessoa sente as cousas

mas nao se mexe mesmo por dentro.

»Fernando Pessoa empfindet die Dinge,

aber nichts rührt sich, nicht einmal innerlich.«

(Alvaro de Campos ~ Fernando Pessoa)

Als  hätte  der  Name  eine  Botschaft  bedeutet:  »Pessoa«,  Per-
son,  Mensch  -,  als  hätte der Name  auf  ein  Programm  verpflich-
tet:  nichts  zu  sein  als  die  Abstraktion  Mensch,  ein  beliebtes
Exemplar  der  Gattung,  —  »uma  pessoa«,  irgendwer.  Fernando
Pessoa  hat  seinen  Zeitgenossen  ein  Leben  vorgeführt,  in  dem
man  vergeblich  nach  schillernden  Attributen,  nach  großarti-
gen,  spektakulären  Gesten  suchen  würde.  Das  Bild,  das  die
Nachwelt  von  ihm  jetzt  seit  mehr  als  fünfzig  Jahren  aufbe-
wahrt,  ist  die  Gestalt  eines  unscheinbaren,  bebrillten  Mannes,
der  in  stets  gleicher  Aufmachung  durch  die  Straßen  der  Lissa-
boner  Unterstadt  geht  oder  sich  in  einem  der  Cafés  oder  klei-
nen  Speiselokale  aufhält:  immer  derselbe,  mit  Hut,  Mantel,
Fliege  oder  Krawatte.  Pierre  Hourcade,  der  den  Dichter  noch
persönlich  in  Lissabon  kennenlernte  und  ihn  in  französischen
Zeitschriften vorgestellt  hat,  sagte  von  ihm:  »Wenn  ich  ihn  ver-
ließ, habe ich mich nie nach ihm umgedreht: ich hatte allzu sehr
Angst,  er  könnte  verblassen,  durchsichtig  werden  oder  sich  in
die abendliche Luft auflösen.«

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78

Rückblickend  zeichnen  sich  im Leben  Pessoas  zwei  Phasen  ab:
die  erste  umfaßt  die  Kindheit,  zunächst  in  Portugal,  dann  in
Südafrika,  die  definitive  Rückkehr  nach  Lissabon  (1905),  die
frühen  literarischen  Aktivitäten  und  ersten  Veröffentlichungen
bis hin zum  Jahr  1914.  In  jenem  Jahr präsentiert  Pessoa  den
von  ihm  angekündigten  Super-Camões  in  Gestalt  seiner  wich-
tigsten  Heteronyme:  Alberto  Caeiro,  Ricardo  Reis  und  Alvaro
de  Campos  (»Heteronyme«  nannte  Pessoa  seine  Pseudonyme,
doch unterschieden  sich  erstere  von  letzteren  dadurch,  daß  Pes-
soa ihnen ein eigenes Leben zusprach,  in das er  sich  selbst  gele-
gentlich  verirrte  als  sein  eigenes  Heteronym,  ansonsten  hob  er
sich von ihnen als »Orthonym« ab).

Fortan — die zweite Phase hat begonnen — ist dieser größte

portugiesische  Dichter  des  2.0.  Jahrhunderts  die  literarische
Wirkungsstätte,  in der  sich Caeiro, Reis,  de  Campos  und  auch
Bernardo  Soares,  jener  Hilfsbuchhalter,  der 

Das  Buch  der  Un-

ruhe geschrieben hat, einrichten;  jeder auf  seine Weise, mit  dem
ihm  eigenen  literarischen  Profil  und  jeweils  verschiedener
ästhetischer  Ausrichtung,  wenn  auch  untereinander  verbun-
den,  physisch  und  metaphysisch  in  der  Person  Fernando  Pes-
soas.

Doch in  dem  Maße  wie  sich  Pessoa  sozusagen  in  mehrere

Dichtergestalten  auseinanderfaltet,  schrumpft  die  äußere  Exi-
stenz zu  dem  nichtssagenden Wesen  zusammen, als  das  ihn  die
Nachwelt, sieht  sie  von  seinem Werk  ab,  in Erinnerung  behält,
und auf das Pessoa sich selber mit Absicht  reduzierte.  Pessoa —
»Person«  -  wurde  in  dem  Maße  zur  Allperson,  wie  die  eine
Person  in  einen  offenen  Plural  überging,  und  zwar  in  einen
höchst dramatischen Plural - »drama em  gente«  nannte  Pessoa
seine  Heteronymendichtung.  Sein  Kopf  wurde  das  Theater,  in
dem das Stück »drama em gente« bis  an  sein Lebensende mit
den  immer  identischen  Hauptfiguren  durchgespielt  wurde  -
wobei  »gente«  im  Portugiesischen  nicht  nur  Leute  meint,  son-
dern  auch  die  ganz  neutralen  Indefinitpronomen  »man«,  »je-
mand« ...

Man  kann  das  Phänomen  der  Heteronyme  sicherlich  kli-

nisch  untersuchen, wie es  einige Lebensdeuter  Pessoas  versucht
haben. Er selbst hatte sich nach dem  1. Weltkrieg brieflich an
die  französischen  Psychiater  Hector  und  Henri  Durville  ge-
wandt,  um  Auskünfte  über  eine  mögliche  Weiterentwicklung

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79

seines,  wie  er  es  nannte,  Personenmagnetismus  zu  erhalten.
Und noch im Jahre  seines Todes bekannte er in einem Brief an
den  Kritiker  Adolfo  Casais  Monteiro:  »Seit  meiner  Kindheit
gab es bei mir die Tendenz, um mich herum eine fiktive Welt zu
schaffen,  mich  mit  Freunden  und  Bekanntschaften  zu  umge-
ben,  die  nie  existiert  haben  (selbstverständlich  weiß  ich  nicht,
ob sie nie wirklich existiert haben oder ob ich es bin, der nicht
existiert.  In diesen  Dingen  wie  überhaupt  sollte  man  nicht  dog-
matisch sein). Seitdem ich mich als das kenne, was von mir  ich
genannt  wird,  erinnere  ich  mich,  geistig  die  Gestalt,  die  Bewe-
gungen,  den  Charakter  und  die  Lebensgeschichte  mehrerer  un-
wirklicher  Figuren  entworfen  zu  haben,  die  für  mich  so  sicht-
bar  und die mir  so  vertraut  waren  wie  jene  Dinge,  die  dem
angehören,  was  wir  vielleicht  verkehrterweise  als  das  wirkliche
Leben bezeichnen.«

Die  erste  Phase:  Fernando  António  Nogueira  Pessoa  wird  am
13.  Juni  1888  in  Lissabon  geboren.  Der  Vater  war  Staatsbeam-
ter  im  Justizministerium  und  in  seiner  Freizeit  Musikkritiker.
Die  Vorfahren  gehörten,  so  scheint  es,  zu  jenen  jüdischen  Por-
tugiesen,  die  zum  Christentum  konvertierten  und  dafür  von
der  Inquisition  verurteilt  wurden.  Der  Vater  stirbt,  als  Pessoa
gerade  fünf  Jahre  alt  ist.  Die  Mutter,  sie  stammt  von  den  Azo-
ren,  verheiratet  sich  zwei  Jahre  später  wieder,  und  die  Heirat
mit  dem  portugiesischen  Konsul  in  Durban,  in  der  damaligen
britischen  Kapprovinz,  leitet  die  ganz  entscheidende  englische
Phase  im Leben Pessoas ein:  Mutter  und  Sohn  verlassen  den
geschichts-  und  gedichtsträchtigen  Hafen  Lissabon,  den  der
Dichter  in  seinem  späteren  Leben  nur  noch  als  Standort  wahr-
nehmen wird,  von dem aus der Blick in  imaginäre  Fernen  und
Unfernen  schweift;  sie  verlassen  Portugal  und  verbringen  die
nächsten  neun  Jahre,  abgesehen  von  einem  längeren  Aufent-
halt  in  Lissabon  und  auf  den  Azoren  1901/1901,  in  Südafrika.
Fernando  Pessoa  wächst  zweisprachig  auf,  macht  also  eine  der
radikalsten  Gegensatzerfahrungen  des  Menschen.  Schon  in
den  ersten  Jahren  in  Lissabon  war  ein  Heteronym  entstanden,
der  »Chevalier  de  Pas«  (1894),  ein  Gegenüber,  mit  dem  der
kleine  Fernando  Briefe  austauschte.  In  Südafrika  entstehen
weitere Heteronyme  (Alexander  Search —  der  fern  von Durban
›Ein  ganz  ausgefallenes  Abendessen‹  schreiben  wird  -  Charles

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80

Robert Anon, H. M. F. Lecher), die später den großen Hetero-
nymen Platz machen. Viel ist aus  der  Zeit,  die  Pessoa  in  Süd-
afrika  verbracht  hat,  nicht  bekannt;  man  weiß  von  Schulbesu-
chen  (u.a.  die »Commercial  School of  Durban«),  man  weiß
von  seiner  Sprachbegabung  auch  im Englischen:  1903,  also  mit
fünfzehn  Jahren,  erhält  er  den  »Queen  Victoria  Memorial
Prize«,  der  für  ausgezeichneten  Stil  in  der  englischen  Sprache
vergeben  wird.  Über  die  ersten  Leseerfahrungen  urteilte  Pessoa
später:  »Die  erste  literarische  Nahrung  meiner  Kindheit  be-
stand  aus  zahlreichen  Romanen  mit  Geheimnissen  und
schrecklichen  Abenteuern.  Die  für  Jungen  bestimmten  Bücher,
in  denen  spannungsvolle  Abenteuer  erzählt  wurden,  interes-
sierten  mich  wenig.  Das  gesunde  und  natürliche  Leben  reizte
mich  nicht.  Ich  verspürte  keinen  Hang  zum  Wahrscheinlichen,
eher  zum  Unglaublichen,  zum  Unmöglichen;  nicht  einmal  zum
teilweise  Unmöglichen,  sondern  zum  von  Natur  aus  Unmög-
lichen. «

Der  konstitutive  Gegensatz:  englisch-portugiesisch,  der  -  als

ein  Gegensatz  unter  anderen  —  Pessoas  späteres  Leben  und
Schreiben  prägen  wird,  bedeutet  nicht  nur  die  Koexistenz
zweier  Sprachen  und  die  damit  verbundene  Spannung,  bedeu-
tet  nicht  nur  die  Koexistenz  zweier  Literaturtraditionen  und
deren  jeweilige  Einflußnahme  auf  Pessoas  Literatur.  Es  handelt
sich auch um zwei erlebte Welten,  deren  Harmonisierung  nicht
ohne  weiteres  gelingt:  die  viktorianische  Welt  des  britischen
Empire  und  ihr  Niederschlag  im  Dominion  der  südafrikani-
schen  Union, —  aus  dieser  Welt  prägt  sich  die  Lektüre  von
Shakespeare, Milton, Byron,  Shelley, Keats  und  E.  A.  Poe  ein
—  dessen  ›Rabe‹  er  unter  anderem übersetzt—aus  jener  Zeit  auch
sein ausgeprägter  Sinn  für  (schwarzen)  englischen  Humor.  Auf
der  anderen  Seite  die  entfernte  Nähe  Portugals  als  verblassende
lusitanische Metapher, die Pessoa wiederbeleben möchte.

Portugal  ist  um  die  Jahrhundertwende  das  Land  einer  von  in-
nen  und  außen  erschütterten  Monarchie  -,  die  Braganças  wer-
den  1910  hinweggefegt  zugunsten  einer  Republik,  die  sich
nicht  halten  kann  -  Land  einer  England  zugewandten  Bour-
geoisie  und  eines  erbärmlich  dahinlebenden  Landvolks  aus
Analphabeten  (Pessoas  Bemerkungen  im  »anarchistischen
Bankier« über Rußland wären auch für  sein  Land  gültig  gewe-

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81

sen) -,  Land  vergangener  Größe,  das  den einstigen Ruhm  in
Schwermut  und Wehmut,  in  der  »Saudade«  wie  eine  Kostbar-
keit aufriebt und  pflegt.  Diesem  Land  und  seinem  Geschick  ver-
schreibt sich der junge Pessoa nach  seiner Rückkehr  aus Afrika
im Jahre 1905.

In  einem  hinterlassenen  Fragment  äußert  sich  Pessoa  zum

Ende  der  portugiesischen Monarchie:  »Es  gibt  drei  Gründe  für
den  Zusammenbruch  der  portugiesischen  Monarchie:  1.  weil
sie  sich  nicht  nur  institutionell,  sondern  auch  spirituell  dem
Katholizismus  wesensgleich  gemacht  hat;  2.  weil  sie  es  nicht
geschafft  hat,  eine  portugiesische  Gestalt  anzunehmen,  denn
nachdem  sie  die  Tradition  der  alten  absolutistischen  Mon-
archie zertrümmert hatte...,  bemühte  sie  sich  nicht  einmal,  sie
durch  eine  portugiesische  Spielart  zu  ersetzen,  sondern  im-
portierte  über  Frankreich  die  äußere  Form  einer  englischen,
konstitutionellen  Monarchie;  3.  weil  sie  nie  nach  Ideologien
geschiedene  Parteien  gehabt  hat,  sondern  immer  nur  Gruppen
mit  unterschiedslosen  Ansichten,  weil  sie  folglich  wie  immer,
wenn  nicht  die  Intelligenz  herrscht,  bloß  aus  dem  Instinkt  her-
aus im Sinne einer Bierbankpolitik von Bonzen regiert hat.«

In einem Brief aus dem Jahre 1915 schreibt Pessoa an seinen

Freund  Cortes-Rodrigues:  »...  Die  patriotische  Idee,  die  immer
mehr  oder  weniger  in  meinen  Bestrebungen  vorhanden  war,
herrscht jetzt bei mir vor; und  ich denke nicht daran, Kunst zu
machen, ohne gleichzeitig daran zu  denken,  damit den  Namen
Portugals  in allem,  was  ich  verwirklichen  werde,  zu  erhöhen.
Das ist nur konsequent, wenn man die Kunst und  das  Leben
ernst nimmt.«

Dieser  Patriotismus  äußert  sich  bei  Pessoa  auf  vielfältige

Weise;  die kurioseste  ist  sicherlich ein Horoskop  für  sein  Land,
aus  dem  Berechnungen  für  die  Ankunft  des  Fünften  Reiches
(»O Quinto  Imperio«)  hervorgehen.  Dieses  mythische  Fünfte
Reich  ist  mit  der  Rückkehr  jenes  sagenhaften  portugiesischen
Königs  Dom  Sebastião  verbunden,  der  1578  in  Nordafrika  ge-
fallen  war,  ohne  daß  man  jemals  seinen  Leichnam  gefunden
hätte.  Pessoa  hat  sich  von  diesem  messianischen  Glauben  an
die Wiederkehr  des Königs  Sebastian  inspirieren lassen  und  der
Idee des Sebastianismus ein  ganzes  Buch  gewidmet  - 

Mensa-

gem  (»Botschaft«);  es  ist  das  einzige  zu  Lebzeiten  veröffent-
lichte Buch Pessoas mit Dichtungen in portugiesischer Sprache.

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82

In ihm feiert  er  die  Helden  der  portugiesischen  Vergangenheit
und beginnt  dabei  mit  —  Odysseus,  dem  mythischen  Gründer
Lissabons.

Im  Jahre seines Todes  -  1935  -  gesteht  Pessoa  dem  Mither-

ausgeber  der  Zeitschrift  »Presença«,  Adolfo  Casais  Monteiro,
in einem Brief: »Ich stimme mit Ihnen überein, daß mein Debüt
mit  einem  Buch  von  der  Art  ›Mensagem‹  nicht  sehr  glücklich
war.  Ich  bin,  das  stimmt,  ein  mystischer  Nationalist,  ein  ratio-
naler  Sebastianist.  Doch  außerdem  bin  ich  bis  hin  zum  Wider-
spruch vieles andere mehr. Und von diesem vielen anderen ist in
›Mensagem‹, weil es von eben dieser Art ist, nichts enthalten.«

Immerhin hat  dieses Debüt  erst  ein  Jahr  vor  seinem Tode,

1934,  stattgefunden.  »Ich  habe  meine  Veröffentlichungen  aus
dem einfachen Grunde mit diesem Buch  begonnen«,  heißt es  in
demselben Brief, »weil es, ich weiß nicht warum, das erste war,
das ich beenden und in eine Form bringen konnte. Da es fertig
war,  bat  man mich,  es  zu  veröffentlichen,  und  ich  habe  akzep-
tiert.« Es  wurde  schließlich  mit  dem  zweiten  Preis  im  Rahmen
eines  Wettbewerbs  ausgezeichnet,  den  das  staatliche  Sekreta-
riat  für  Propaganda  veranstaltet  hatte  —  unter  Salazar.  Pessoa
erhielt  1000 Escudos,  die einzige  Summe,  die er wohl  je  mit
seiner  literarischen  Arbeit  verdient  hat.  Über  Salazar  sind  fol-
gende Worte  von Pessoa  überliefert: »Man  hält  ihn für  einen
großen  Mann  von  scharfer  Intelligenz  und  mit  starkem Willen;
das  ist zwar nicht logisch, aber menschlich,  und  bei  den  Men-
schen zählt das, was menschlich ist.«

Wenn man dem hinzufügt,  daß  im  Jahre  192.8  ein  Pamphlet

von Pessoa mit dem Titel O 

Interregna — Defesa et Justificação

da Ditadura Militar  em  Portugal erscheint  (»Das Interregnum
—  Verteidigung  und  Rechtfertigung  der  Militärdiktatur  in  Por-
tugal«),  stellt  sich  die  Frage,  in  welchen  politischen  Bahnen
sich  Pessoas  patriotischer  Nationalismus  bewegt  hat.  Doch
empfiehlt  es  sich,  zunächst  andere  Daten  aus  dem  Leben  Pes-
soas bis hin zu jenem Stichtag preiszugeben, an dem die großen
und  verbleibenden  Heteronyme  eine  zwingende  Gestalt  ange-
nommen haben.

Nach  der  definitiven  Rückkehr  aus  Afrika  (1905)  bleibt  der
schreibende Pessoa der englischen Sprache erst einmal  treu. Ein
Projekt, das er nie verwirklicht, das er aber noch unter dem in

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83

Durban  entstandenen  Heteronym  Alexander  Search  ankün-
digt, ist ein Essay  über 

The  Portuguese  Regicide  and  the  Politi-

cal  Situation  in  Portugal.  In  derselben  Zeit  entstehen  ebenfalls
mit  ›Alexander  Search‹  gezeichnete  Erzählungen:  Das  in  die-
sem  Band enthaltene 

A  Very  Original  Dinner und  eine  weitere

an  Poe  orientierte  Erzählung 

The  Door.  Ein  Literaturstudium,

für das er sich 1906 eingeschrieben hat, bricht er nach  einem
Jahr  wieder  ab.  Mit  Hilfe  einer  Erbschaft  versucht  er,  eine
Druckerei auf die Beine zu  stellen: »Empresa  Ibis — Tipografica
e Editora‹; der Versuch mißlingt. Ab  1908 verdient er  sein Brot
— bis an  sein Lebensende — als  Außenhandelskorrespondent. In
jene  Zeit  fällt  die  Lektüre  eines  Buches,  das  ihn  zutiefst  beein-
druckt:  Max  Nordaus  »Entartung«.  »In  meiner  sogenannten
dritten  Jugend«,  schreibt  er  rückblickend  in  einem  Brief  aus
dem Jahre 1932, »die ich hierin Lissabon  verbracht  habe,  lebte
ich  umgeben  von  griechischen  und  deutschen  Philosophen  so-
wie  von  den  französischen  ›Decadents‹,  deren  Wirkung  auf
mich  jäh hinweggefegt  wurde... durch  die  Lektüre  von  Max
Nordaus  ›Entartung‹.«  Bei  den  erwähnten  deutschen  Philo-
sophen handelte es  sich  in  erster  Linie  um  Schopenhauer  und
Nietzsche.

War zuvor der Einfluß der  französischen  Symbolisten auf  ihn

beträchtlich,  so  änderte  sich  mit  der  Lektüre  Nordaus  sein  Ur-
teil ganz und gar. Pessoa hatte nach seiner  Rückkehr aus  Afrika
Baudelaire  und  die  französischen  Symbolisten  gelesen,  die
auch  die  portugiesische  Literatur  um  die  Jahrhundertwende
beeinflußt hatten, an der  sich  Pessoa  orientierte  (Gomes  Leal,
António Nobre, Camilo Pessanha).

Wenn  der  leicht  zu  beeindruckende  Pessoa  die  französischen

Symbolisten  nun  verurteilte,  so  erreichte  er  damit  in  erster  Li-
nie  den  Effekt,  seinen  eigenen  Stil,  seine  eigene  Sprache  freizu-
legen, und daran lag ihm sicherlich in jener Zeit, als  er  begann,
Gedichte  in  portugiesisch  zu  schreiben.  Kurioserweise  er-
scheint  eines  der  wesentlichen  Merkmale  seiner  Sprache,  näm-
lich  die Vorliebe  für  das  Paradoxe,  für  Oxymora,  für  unhalt-
bare Gegensätze und scheinbare Antithesen auch  und  gerade  in
ästhetischen Urteilen und Kommentaren. So findet sich z. B.  in
seinen  ästhetischen  Aufzeichnungen 

(Paginas  de  Estetica,  Teo-

ria e  Critica  Literarias) folgendes  Urteil  über  die  eben  erwähn-
ten  französischen  Symbolisten:  »Ich  frage  den  größten  Schwär-

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mer  für  französische  Symbolisten,  ob  Mallarme  ihn  ebenso  be-
rührt wie eine gewöhnliche  Melodie,  ob  die  Ausdruckslosig-
keit  eines  Verlaines  je  die  legitime  Ausdruckslosigkeit  eines  ein-
fachen Walzers erreicht hat. Sie hat es nicht, und wenn man mir
antwortet,  man  zöge  in  dieser  Hinsicht  Verlaine  und  Mallarme
der Musik vor, so  sagt man mir  damit, daß man Literatur  als
Musik der Musik  selber  vorzieht. Man  sagt  also  damit  etwas,
was  keinen  Sinn  hat,  abgesehen  davon,  daß  eine  solche  Mei-
nung beklagenswert ist.«

In  der Zeit  nach dem Umsturz  (1910)  kommt  Pessoa  in  den
Lissaboner  Cafés  —  wie  dem  »Martinho  da  Arcada«,  dem
»Brasileiro  do  Chiado«  -  mit  anderen  jungen  Literaten  in  Be-
rührung,  mit  denen  er  später  die  Zeitschrift  »Orpheu«  heraus-
geben  wird.  Doch vorher (um  1912.) wird  er  für  eine  andere
Zeitschrift -  »A  Águia«  -  Aufsätze  schreiben, die  das  Organ
einer  in  Porto  entstandenen  republikanischen  Bewegung  mit
dem  Namen  »Renascença  Portuguesa«  um  den  Dichter  Tei-
xeira  de  Pascoaes  ist,  dem  Begründer  des  »Saudosismo«  (abge-
leitet  von  »Saudade«). Wie  in  den  anderen  europäischen  Län-
dern jener Zeit löst auch in Portugal ein -ismus den anderen ab,
und Pessoa nimmt mit viel Eifer an den Debatten teil. In einem
seiner  in  »A  Águia«  abgedruckten  Essays  über  die  neue  portu-
giesische  Poesie  unter  psychologischem  Aspekt  kündigt  sich
der für Pessoa — auch  sprachlich — so charakteristische  Dualis-
mus  an:  Pessoa  spricht,  anläßlich  der  Poesie  des  »Saudo-
sismo«,  von  »pantheistischem  Transzendentalismus«,  welcher
der  »Vergeistigung  der  Materie«  und  der  »Materialisierung  des
Geistes« innewohne.

Im selben Aufsatz vollzieht Pessoa noch einmal die Schritte

einer  solchen  Bewegung,  die  keineswegs  eine  bloße  Synthese
ist.  Er  vermerkt,  daß  die  neue  poetische  Sprache  den  symboli-
schen »Subjektivismus« überwunden hat, ohne daß der in  der
Tendenz  vorhandene  »Objektivismus«  auch  schon  erreicht  sei;
die  Verwirklichung  eines  maximalen  Gleichgewichts  zwischen
Subjektivität  und  Objektivität,  so  Pessoa,  würde  das  Werk
eines »großen, bald zu erwartenden Dichters«  sein -, jenes  Su-
per-Camões, von dem schon die Rede war und als  der  sich  we-
nig  später Pessoa entpuppt. Neue  Heteronyme  sagen  sich  an,
besetzen schon einen Sprachraum. Als erster gibt  sich  Ricardo

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85

Mario de Sá-Carneiro,

Zeichnung von José Almada Negreiros

Reis zu erkennen.  Dann,  am  5.  März  1914,  schlägt  die  große
Stunde.  Die Befreiung  von  der  dualen  Fessel,  die  auf  ihm  lastet
-Natur/Geist,  Ich/Nicht-Ich,  englisch/portugiesisch,  Patriot/
Kosmopolit,  Mann/Frau,  etc.  —  hin  zu  einer  offenen  Pluralität
wird Wirklichkeit:

»..  .ich  wollte  eines  Tages  Sá-Carneiro  [einer  der  engsten  Dich-
terfreunde  Pessoas]  einen  Streich  spielen  -  einen  bukolischen
Dichter  von  der  komplizierten  Art  erfinden  und  ihn  auf  irgend-
eine  wirklichkeitsnahe  Weise  ihm  vorstellen,  ich  weiß  nicht
mehr  genau  wie...  An  dem  Tag,  als  ich  davon  wieder  Abstand
nahm  - es war der  5. März 1914  -,  näherte  ich  mich  einer  ho-
hen  Kommode,  nahm  ein  Blatt  Papier  und  begann  zu  schrei-
ben,  im  Stehen,  wie  immer,  wenn  es  mir  möglich  ist.  Und  so

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86

schrieb ich  mehr  als  dreißig  Gedichte  hintereinander,  in  einer
Ekstase, deren Natur ich nicht zu erklären vermag. Das war ein
Tag des Triumphes  in meinem Leben, wie  ich ihn  nie mehr wie-
der erleben  würde.  Es  begann  mit  einem  Titel,  ›O  Guardador
de  Rebanhos‹  [›Der  Hüter  der  Herden«].  Und  was  dann  folgte,
war die Erscheinung von jemandem in mir,  dem  ich  sofort  den
Namen Alberto Caeiro gab. Verzeihen  Sie mir  das Absurde  des
Satzes:  in  mir  war  mein  Meister  zum  Vorschein  gekommen.
Das war die unmittelbare Empfindung, die ich hatte...

Jetzt,  da  Alberto  Caeiro  zum  Vorschein  gekommen  war,  ver-

suchte  ich  gleich,  instinktiv  und  unterbewußt,  Schüler  für  ihn
zu  finden.  Ich  entriß  den  latent  vorhandenen  Ricardo  Reis  sei-
nem  falschen Heidentum  und  gab  ihm  einen  Namen,  der  zu
ihm paßte, denn in jenem Augenblick sah ich ihn schon vor mir.
Dann  plötzlich  tauchte  aus  einer  Ricardo  Reis  entgegengesetz-
ten Abzweigung jäh ein neues  Individuum auf. An der  Schreib-
maschine  entstand  in  einem  Wurf  ohne  Unterbrechung  oder
Verbesserung  die 

Ode  Triumfal von Alvaro  de  Campos  —  ent-

standen also die Ode mit diesem Titel und der Mann mit  dem
Namen, den er trägt.«

In dieser  Geburtsstunde,  möchte  man  sagen,  ist  Fernando  Pes-
soa zu  sich  selber  gekommen  -  und  zu  einer  Familie.  Fortan
stellt  sich  ein  frauenloses  Familienleben  ein,  eine  literarische
Mönchsgemeinschaft,  weitere  Mitglieder  werden  aufgenom-
men — Bernardo  Soares,  der  Hilfsbuchhalter,  z. B.,  der  den
Rang  eines  »Halbbruders«  von  Pessoa  einnimmt  (»Mein  Halb-
heteronym  Bernardo  Soares,  der  übrigens  in  vielen  Punkten  Al-
varo de Campos ähnelt, er erscheint immer, wenn ich müde bin
oder  vor  mich  hindämmere...«). Der  eine  nimmt  Anteil  am
Leben  des  anderen,  an  seinen  Dichtungen  und  ästhetischen
Auffassungen,  und  nichts  Bewegenderes  als  die  Trauer  Alvaro
de Campos über den  Tod  seines  Meisters  in  den 

Notizen  zum

Gedächtnis meines Meisters Caeiro:

»Jedenfalls gehörte es zu den Ängsten meines Lebens — zu  den
realen  Ängsten  unter  so  vielen  fiktiven  -,  Caeiro  könnte  ster-
ben  und  ich wäre  nicht bei  ihm. Das  ist dumm,  aber  mensch-
lich, das ist  nun mal  so.  ...Ich war  in England, Ricardo  Reis
seinerseits  war auch  nicht  in Lissabon, er war  nach  Brasilien

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87

zurückgekehrt.  Fernando  Pessoa  war  wohl  da,  doch  das  ist  ge-
nau  so, als  ob er  nicht  dagewesen  wäre.  Fernando  Pessoa  emp-
findet  zwar  die  Dinge,  aber  nichts  rührt  sich,  nicht  einmal
innerlich.«

Sein-Nichtsein,  Wirklichkeit-Fiktion:  Pessoa  hob  in  seiner
Dichtung  dieses  »Entweder-oder«  (aut-aut)  auf  in  ein  dem  gan-
zen All  sich  öffnendes  »mehr«  (et-et)  und  begab  sich  dennoch
immer wieder zurück in das irdische alltägliche Entweder-oder,
Ja-aber,  in  die  Beschränktheit  seiner  Existenz  als  Außenhan-
delskorrespondent in  Lissabon,  einer  Stadt,  die  sich  dem Meer
öffnet, die Pessoa aber  nach  jenem  sagenhaften  5.  März  1914
nicht mehr  verließ.  Er  richtete  sich  mit  den  Heteronymen  im
Kopf und auf dem Papier  in  friedlicher  Koexistenz  ein,  ließ  sie
allenfalls  untereinander  über  Fragen  der  Poesie  streiten;  mag
sein,  daß  er  sonst  wirklich  verrückt  geworden  wäre  (wie  seine
Großmutter),  und  davor  hatte  er  Angst,  eine  reale  und  nicht
fiktive Angst, die er an sich schon als Wahnsinn empfand.

Entsprechend  seiner  Vorliebe  für  stellare  Konstellationen

fertigte er für jedes seiner Heteronyme  Horoskope  an,  für  die  er
jeweils  ein  Geburtsdatum  und  einen  Geburtsort  (er)-finden
mußte.  Auf  diese Weise  kam  jedes  Heteronym  zu  seiner  Biogra-
phie, zu seiner »Existenz«.

So erblickte Alberto Caeiro am 16. April 1889 um 13.45 Uhr

das Licht der Welt, er starb 1915 in Lissabon, hielt sich aber zu
Lebzeiten nur auf  dem Land auf.  Caeiro  wurde  von  den  zwei
anderen  großen  Heteronymen  als  Meister  anerkannt.  Als
Dichter  der  Natur  verkörpert  er  den  »Objektivismus«,  in  dem
die  Empfindungen  so  beschrieben  werden  wie  sie  sind,  ohne
daß  die  Sprache  »einen  Gang  zwischen  den  Worten  und  den
Gedanken« benötigte.

Ricardo Reis ist ein Jahr  älter als  Pessoa.  Er  wird  von  Jesui-

ten  erzogen  und  erhält  eine  klassische  Ausbildung,  entspre-
chend vertritt er eine klassizistische,  u.  a. an Horaz  geschulte
Sprache. Von Beruf  ist  er  Arzt.  Mit  de Campos  diskutiert er
über  Rhythmus  und  Versmaß,  und  beide  ziehen  jeweils  unter-
schiedliche  Lehren  aus  der  vorbildlichen  Dichtung  ihres  Mei-
sters. Weil er Monarchist ist, begibt sich Reis 1919 ins Exil.

Alvaro  de  Campos,  der  jüngste  von  allen,  geboren  am

15.10.1890  in  Tavira  (Algarve),  erinnert  äußerlich  »vage  an

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88

den  Typen  eines  portugiesischen  Juden«;  er  läßt  sich  in  Glas-
gow  zum  Ingenieur  ausbilden,  unternimmt  eine  Reise  in  den
Orient  und  kehrt  dann  nach  London  zurück.  Pessoa  kenn-
zeichnete  Campos  als  »einen  Whitman,  der  einen  griechischen
Dichter in sich hat«, und über die von de Campos verfaßte 

Ode

Maritima  sagte  Pessoa,  es  habe  »kein  deutsches  Regiment  je-
mals  die  innere  Disziplin  besessen,  die  dieser  Komposition  zu-
grunde liegt«.

Alles in allem verkörpern die drei  jeweils  eine  zeitgenössische
Ausrichtung  der  portugiesischen  Literatur:  Caeiro  den  »Sensa-
tionismus«,  Reis  den  Klassizismus,  de  Campos  den  Futurismus
und  später—wie  Soares  auf  seine  Weise—einen  Existentialismus
avant la lettre. Pessoa und vor allem A. de Campos tauchen in
zahlreichen  Zeitschriften  in  den  zehner  und  zwanziger  Jahren
auf.  Von  der Zeitschrift  »Orpheu«,  die  viel  Aufsehen  erregte
und  Polemiken  auslöste,  erscheinen  nur  zwei  Nummern
(1915), die zweite wird von Pessoa  zusammen mit Mario  de  Sá-
Carneiro  herausgegeben.  Hervorgehoben  seien  hier  noch  die
einzige  Nummer  von  »Portugal  Futurista«  (1917)  mit  Gedich-
ten  von  Pessoa  und  dem heftigen 

Ultimatum von  de  Campos

(»...zieht vorbei  Nationen,  damit  ich  euch  verachten  kann!
...Dich, deutsche Kultur, du  verfaultes  Sparta  mit  deinem  Öl
aus  Christentum  und Essig  aus  Vernietzschung,  du  Bienenkorb
aus  Blech,  imperialoider  Erguß  aus  verklammerter  knechti-
scher  Gesinnung...«) und  schließlich  die  erste  Nummer  der
Zeitschrift  »Contemporanea«  (Mai  1922),  in  welcher  O 

Ban-

queiro anarquista (geschrieben im Januar 1922.) erscheint.

Pessoa hält  sich  zunehmend  aus  den  geschäftigen  und  lauten

Kunstdebatten  heraus,  schickt  Alvaro  de  Campos  vor,  so  für
»das  futuristische  Portugal«,  so  auch  um  befreundete  Schrift-
steller  (Raul  Leal,  António  Botto)  gegen  reaktionäre  Attacken
und  staatliche  Zensur  zu  verteidigen  (1923).  Hingegen  be-
schäftigt  sich Pessoa, der  nie einen Hehl aus  seinen  okkulten
Neigungen  gemacht  hat,  mit  Esoterik,  dem  Studium  der  Alchi-
mie,  der  Rosenkreuzer  und  des  Freimaurertums.  Ein  Obsku-
rant  ist  er  dennoch  nie  gewesen,  ein  Mythomane  vielleicht,
Mystiker vielleicht auch und Stoiker. Doch was heißt das alles
bei  einem,  der  dank  seiner  vielen  Facetten  für  kein  Dogma
tauglich ist und sich in keinem  Spiegel  erkennt, der  in einen

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89

Von Pessoa ausgestelltes Horoskop

für sein Heteronym Alberto Caeiro

dunklen  Humor  versinkt,  aus  dem  ihn seine  Heteronyme  em-
porziehen?

Seine kleinen Vorlieben, Geheimnisse  -  waren  es 

seine':  - es

waren  Nichtigkeiten,  hätte  Pessoa,  hätte  Alvaro  de  Campos
geantwortet.  In  einem  Gedicht,  das 

Autopsicografia  über-

schrieben ist, sagt Pessoa: »Der Dichter ist ein Vortäuscher. / Er
täuscht  so  vollendet  vor,  /  daß  er  schließlich  vortäuscht,
Schmerz / sei der Schmerz, den er wirklich spürt.«

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90

Ein  anarchistischer  Bankier zeugt  davon,  daß  Pessoa  auch  Fi-
guren  vortäuschen  konnte.  Aber  hinter  dem  unaufhörlich  de-
duzierenden  und  dozierenden  Bankier  verbirgt  sich  auch  Pes-
soa selbst, ein Teil von  ihm.  Das 

Spiel mit  den  Gesetzen  der

Logik lag  ihm  ohne  weiteres,  und  nur  insofern  er  mit 

diesen

Gesetzen spielte, hatte er etwas von einem Anarchisten an sich.

Der  radikale  Egoismus  des  Bankiers  entspricht  Pessoas  radi-

kalem  (pluralisierten)  Individualismus,  aus  dem  die  Forderung
nach  der  Unantastbarkeit  individueller  Freiheit  spricht  —  in
weltanschaulichen,  religiösen,  sexuellen,  ja  auch  in  nichtssa-
genden Angelegenheiten.  Nichts  war  ihm  wohl  verhaßter,  als
die  Selbstgefälligkeit  und  Selbstgerechtigkeit  von  Mehrheiten,
die  sich  mit  Individuen  anlegten  und  die  ihren  Konsens  so
wortgewaltig  wie  zahlenmäßig  ausspielten:  viele  gegen  einen.
In solchen Fällen  schritt er ein  - wie im Fall Leal/Botta  -,  ris-
kierte er wortgewaltig den Eklat.

Dummheit  bestand  für  ihn  darin,  die  Spannung  von  Gegen-

sätzen, von Anderssein nicht aushaken zu  können. Wie  hätte es
auch  anders  sein  können  bei  jemand,  der  Gegensätze,  Gegen-
setzungen  erzeugte  und  mit  ihnen,  den  Heteronymen,  lebte?
Der  Rest,  die  zeitpolitischen  Äußerungen,  war  mutterländi-
sches  Engagement,  durchaus  im  Bewußtsein  möglichen  Ver-
blendetseins  und  mit  der  Bereitschaft,  Licht  auch  woanders  zu
orten.

Radikaler  (aber  schauerlich  bestrafter)  Egoismus  auch  im

zweiten  Text  dieses  Bandes: 

Ein  ganz  ausgefallenes  Abend-

essen  in  Preußen  Anfang  des  Jahrhunderts,  betrachtet  von
Durban/Lissabon  aus,  von  Alexander  Search  alias  Fernando
Pessoa:  kein  Prosit  der  Gemütlichkeit,  vielmehr  Mord  und  Tot-
schlag  und  Anthropophagie.  Die  Umkehrung  aller  Werte,  die
Nietzsche  am  Ende  des  neunzehnten  Jahrhunderts  proklamiert
hatte —  hier  wird  sie  im  Kopf  des  einundzwanzigjährigen  Pes-
soa  nachvollzogen,  indem  sie  ganz  einfach  einer  Verkehrung
der  Verhältnisse  zugeführt  wird.  In  englischer  Sprache  entwirft
er als Alexander Search — eines seiner frühesten Heteronyme —
eine  Schauergeschichte,  deren  Schauplatz  Berlin  ist  -  ein  imagi-
näres Berlin, weil sich die deutschen Lande so gut den Visionen
schwarzer  Romantik  anpassen,  und  weil  manchem  Europäer
am  Ende  des  letzten  Jahrhunderts  Berlin  als  Destillat  alles
Deutschen vorkommen mochte.

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So  genügte  es  Pessoa,  diesem  Destillat  bestimmte  Essenzen

hinzuzufügen,  die  alle  dem  deutschen  oder  preußischen  Boden
entstammen,  um  seiner  Schauergeschichte  das  eine,  entsetz-
liche  Lokalkolorit  zu  verschaffen,  auf  das  jedes  Ent-Setzen,
jedes  Un-Heimliche  angewiesen  ist:  Schopenhauer  wird  als
Meister  zitiert,  Kleist  taucht  auf  als  namentlicher  Nachklang
zwischen  Berlin  und  Frankfurt  (Oder?)  und  der  Erzähler,
der  weitgehend  anonym  bleibt,  trägt  einen  der  anonymsten
deutschen Namen: Meyer—oder Meier oder Maier oder Mayer.

Und  ausgerechnet  in  dem  protestantisch-preußischen,  eis-

beinversessenen  Berlin  soll  sich  eine  »Gastronomische  Gesell-
schaft«  Anfang  dieses  Jahrhunderts  der 

Kunst  des  Kulinari-

schen  verschrieben  haben.  Daß  Pessoa  Kleist  als  Anthropologen
mit in die Geschichte hineingezogen  hat,  liegt  wahrscheinlich  an
der  —  unter  furchterregenden,  aufständischen  Schwarzen  auf
Haiti  spielenden  -  ›  Verlobung  in  Santo  Domingo‹,  und  der  Rest
könnte  ›Penthesilea‹  sein.  Hinter  Prosit  verbirgt  sich  jenes  Bild,
das  sich  Pessoa  von  Nietzsche  gemacht  haben  dürfte,  über  den
es  in einem Fragment  heißt:  »Sein  Temperament  war  das  eines
Asketen  und  eines  Wahnsinnigen.«  Nietzsches  Proklamation
der  Umkehrung  aller  Werte  nahm  er  literarisch  beim  Wort,
nicht nur  im  Hinblick  auf  den  »Übermenschen«  Prosit.  Pessoa
zeigt, daß der Mensch ist, was er ißt, und daß er seinesgleichen
frißt,  auch wenn  er  es  nicht  weiß  oder  nicht  wahrhaben  will.
Die Symbolik der Verkehrung schließt auch ein,  daß  der  weiße
Herr  nicht  weiß, was  er,  der  Kolonialherr,  verzehrt,  wo  doch
die  Kolonisierten  immerhin  wußten,  daß  sie  ihresgleichen  ver-
zehrten,  wenn  sie  es  denn  im  Rahmen  ganz  bestimmter  Ri-
tuale  überhaupt  taten;  daß der Weiße nicht  wissen wollte,  daß
er  mit  seinen  kolonialen  Unternehmungen  die  Schwarzen  bis
aufs Blut aussaugte, 

wie man  so  sagt,  wo  ihm  doch  seine  reli-

giösen  und  ethischen  Überzeugungen  dieses  Wissen  hätten
einbleuen müssen.
Der  Schein  trügt,  wenn  es  ums  Essen  geht;  das  stellt  auch
schon  der  Übermensch  »Herr  Prosit«  fest,  wenn  er  die  vergeb-
lichen  Versuche  der  Mitglieder  kommentiert,  Licht  ins  Dunkel
zu bringen, wie es  so  schön  heißt.  Eben  diese  abendländische
Metapher wird in ihrer Aussage verkehrt. Denn wenn am  Ende
der Geschichte  die  wahre  Substanz  des  Verspeisten  ans  Licht
kommt,  werden  aus  denen,  die  nach  ihm  gesucht  haben,  fin-

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92

stere Gesellen, die — umnachtet — einen Menschen opfern, eben
den Übermenschen »Herrn Prosit«.

Die Wissenschaft  ihrerseits,  um  Licht  ins  Dunkel  zu  bringen,

hat  im  neunzehnten  Jahrhundert,  als  Anthropologie  ausgewie-
sen,  damit  begonnen,  sich  Gedanken  über  das  Opfern  und
auch  das Verspeisen  von Menschen  zu machen. Es  scheint,  daß
die  Nebenbeiforscher,  die  Missionare,  sich  sentimentaler  mit
diesem  Phänomen  befaßt  haben  als  die  eigentlichen  Forscher,
die  nicht  umhinkonnten,  ihre  Furcht  vor  diesem  Phänomen  in
verurteilende  Phrasen  zu  kleiden,  wobei  ihnen  oft  der  wahre
Charakter  des  Kannibalismus  entgehen  mußte,  daß  es  sich
nämlich  nicht  um  nackten  Hunger  oder  wilde  Fleischeslust,
sondern  um  ein  symbolisches  Ritual  handelte,  in  welches  im-
mer  schon  das  fleischgewordene  Wort  involviert  war.  Die  vor-
liegende  Erzählung  ist  meines  Wissens  nie  im  Original,  auf
Englisch,  veröffentlicht  worden.  Es  hat  zwei  portugiesische
Ausgaben gegeben, die  letzte —  ohne  Jahresangabe —  ist  unter
dem Titel  ›Um jantar muito  original  in  der  Reihe 

Crime  imper-

feito erschienen. Es  gibt — wie Pessoa-Kenner  wissen —  vieles,
das  der  große  portugiesische  Dichter  lieber  vorzugsweise  in
englischer  Sprache  verfaßte,  so  auch  das  eindeutig  an  Poe
orientierte  ›A  very  original  dinner‹.  Der  amerikanische  Dichter
als  großes  Vorbild  Pessoas  in  jungen  Jahren  wird  auch  au s-
schlaggebend gewesen  sein  für  den  Impuls,  eine 

Groteske  auf

Englisch  zu  schreiben.  Poe  nannte  »grotesk«  ein Werk,  in  dem
»ein  burleskes  oder  satirisches  Moment  vorherrscht«  (K.  Schu-
mann u. H.  D. Müller  im  Vorwort zum ersten  Band  von  Das
gesamte  Werk  in  zehn  Bänden  S.  9,  M.  Pawlak  Verlagsgesell-
schaft,  Herrsching  1979).  Eine  solche 

Groteske  in  Poes  Werk

ist  die  Erzählung  ›Du  bist  der  Mann‹  (›Thou  are  the  Man‹),  das
einer Studie von  Maria  Leonor  Machado  de  Sousa  zufolge,  der
Übersetzerin  des  vorliegenden  Alexander-Search-Textes  ins
Portugiesische, Parallelen zu ›A very original dinner‹ aufweist.

Merkwürdige,  in  keinem  englischen  Wörterbuch  auffind-

bare,  dennoch  eindeutig  englische  Wortbildungen  wie  »invi-
tal«  anstelle  von  »invitation« markieren  hier  und  da  Pessoas
Text.  Südafrikanismen  und/oder  Lusitanismen  sind  nicht  aus-
zuschließen  bei  einem,  der  einen  Teil  seiner  Kindheit  und  Ju-
gend  in  Durban  und  englischsprachigen  Schulen  verbracht  hat
und  1903  —  sechs  Jahre  bevor  er,  einundzwanzigjährig,  seine
.

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93

Berliner  Schauergeschichte  schrieb  -  den  ›Queen  Victoria  Me-
morial  Prize‹  für  ausgezeichneten  Stil  in  der  englischen  Sprache
errungen  hat.  Das  Manuskript  von  Pessoas  Hand,  gezeichnet
»Alexander  Search  —June  1909«,  befindet  sich  in  der  Natio-
nalbibliothek  von  Lissabon.  Eine  oder  zwei  unlesbare  Stellen
sind  in  der  deutschen  Fassung  durch  Auslassungspunkte  ge-
kennzeichnet.

Am  19.November  1935  starb  Fernando  Pessoa  an  einer  Le-

berkolik. Vor seinem Tod kritzelte  er auf  ein  Blatt  Papier die
Worte:

»I  know  not  what  tomorrow  will  bring.«  Zu  seinen  Plänen

gehörte  unter  anderem  eine  erweiterte,  englische  Version  des
»anarchistischen  Bankiers«, an der  er arbeitete; wie er in  dem
erwähnten  Brief  an  Adolfo  Casais  Monteiro  schrieb,  rechnete
er  sich  damit  gute  Chancen  beim  europäischen  Lesepublikum
aus,  fügte  aber  dann  (schmunzelnd?)  hinzu:  »Verstehen  Sie  die-
sen Satz nicht so, als stünde ein Nobelpreis ins Haus!«

Den Neophyten,  den  Eingeweihten,  hatte  er,  der  sich  selbst

als  »Ein  Trugbild  seiner  selbst«  bezeichnete  (im 

Buch  der  Un-

ruhe),  in  dem  orthonymen  Gedicht  Iniciaciao  Unsterblichkeit
bescheinigt:  ».. .nao  ha  morte«  (es  gibt  keinen  Tod).  Natürlich
machte  er  sich  nichts  vor:  Im  selben  Gedicht  lautet  eine  Stro-
phe:

»Kommt eine Nacht, ist der Tod

Geht der Schatten hinüber, was war er?
Du, nur ein Umriß, dein eigenes Gleichnis,
Gehst in die Nacht, egal, sowieso.«

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94

»Eine verspielte Reihe mit kleinen Kostbarkeiten — wer

anspruchsvollen 

Leuten 

ein

anspruchsvolles

Buchmitbringsel überreichen will, der liegt hier richtig.«

ALFRED MARQUARDT IM SÜDDEUTSCHEN RUNDFUNK

CARLO EMILIO GADDA

Cupido im Hause Brocchi

Gigi, ansehnlicher und behüteter Sproß einer Mailänder Patrizierfamilie,

bekommt was er will, obwohl er zunächst gar nicht weiß, daß er es will:

die Liebe in Gestalt eines Dienstmädchens...

»Eine witzige, sprühende Kostbarkeit.«

Wolfram Schütte, Frankfurter Rundschau

ARBASINO, CALVINO, CERONETTI,

MALERBA, ECO, SANGUINETI, SCIASCIA, MANGANELLI

Unmögliche Interviews

Italienische Schriftsteller nehmen Personen unter die Lupe,

mit denen sie schon immer einmal reden wollten und verraten

so auch ihre eigenen Vorlieben und geheimen Obsessionen.

»Schmuckstücke voller Witz und Esprit.« Live

STEPHAN HERMLIN

Abendlicht

Hermlin, der große Schriftsteller der DDR, erinnert sich an die 3oer Jahre.

Ein glänzend geschriebenes Portrait deutscher Irrungen,

das uns unsere jüngste Geschichte in absurden, bitteren und

außergewöhnlichen Bildern erzählt.

»Die Reinheit dieser Prosa ist fast vergleichslos, seit Eich tot ist.«

Hans Mayer

ALEXANDER KLUGE

Fontane, Kleist und Anna Wilde

Zur Gr a mmatik der Zeit

»Diese in der bestechend schön ausgestatteten SALTO-Reihe
erscheinenden Texte bilden ein Kernstück von Kluges Werk.«

Neue Zürcher Zeitung

DJUNA BARNES  

Paris, Joyce, Paris

Die schönsten Texte von Djuna Barnes über Paris und James Joyce,

mit vielen Fotos aus dem aufregenden Paris der 20er Jahre.

SALTO

Rotes Leinen.

96 Seiten, zum Teil mit Abbildungen, DM 19.80

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95

Lesen Sie mal

Spanische Reise

Ein literarischer Führer durch das heutige Spanien

»Ein gelungener Reiseführer, unentbehrlicher

als der Baedeker.« Göttinger Woche

Quartheft 155. 192 Seiten, DM 19.80

JA VIER TOMEO   

Der Löwenjäger

Der neue Roman Tomeos: ein langes Telefonat

über die Unmöglichkeit der Liebe.

Quartheft 156. uz Seiten, DM 16.80 

(April 1 9 8 8 )

CARLO EMILIO GADDA   

List und Tücke

Die wichtigsten Erzählungen des -Vaters der modernen

italienischen Literatur‹ zum erstenmal auf deutsch.

Quartheft 134. 144 Seiten, DM 19.80 

(Mai 

J

BORIS VIAN   

Der Herzausreißer

Erwachsene Monster, fliegende Kinder, Männer, die von Schiffen,

Frauen, die von Mauern träumen, ein eiliger Psychiater -

der Roman eines respektlosen Klassikers.

Wagenbachs Taschenbücherei 158. i9z Seiten, DM 16.50

OLIVER LAWSOK DICK   

Das Leben: ein Versuch

John Aubrey und sein Jahrhundert

Ober das Leben eines gelehrten und sehr neugierigen

Exzentrikers im England des 17. Jahrhunderts.

Englische Broschur. 191 Seiten mit vielen

zeitgenössischen Abbildungen, DM 29.80

EDITH SITWELL    

Englische Exzentriker

Galerie höchst merkwürdiger und bemerkenswerter Damen und Herren

»Man sollte das Buch wie eine kostbare Torte behandeln - nur zu

besonderen Anlässen ein Stück.« TIP

Englische Broschur, 176 Seiten mit vielen

zeitgenössischen Abbildungen, DM 2.9.80

DJUNA BARNES   

New York

Geschichten und Bilder aus einer Metropole

»Die Geschichten sind meisterhaft erzählt, Djuna Barnes ist eine

phantastische Schriftstellerin. Das Buch ist schön ausgestattet - die Fotos

sind eine Lust.« Frankfurter Allgemeine Zeitung

Englische Broschur, 192 Seiten mit vielen Fotos, DM 29.80

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96

Ein anarchistischer Bankier

Ein ganz ausgefallenes Abendessen

erschien als sechster SALTO im April 1988

Der Umschlag verwendet das Bild

Fernando Pessoa Heteronimo von Costa Pinheiro

mit freundlicher Genehmigung des Centro de Arte Moderna

da Fondacao Calouste Gulbenkian, Lissabon

Gesamtherstellung durch Clausen &T Bosse in Leck

Gesetzt aus der Borgis Sabon Antiqua

Leinen von Hubert Herzog, Dornstadt

Printed in Germany. Alle Rechte vorbehalten

ISBN

3 80311106 6


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