background image
background image

Charmed 26 

Zauberhafte Schwestern 

Hexen in Hollywood 

Roman von Marc Hillefeld 

background image

Klappentext: 

San Francisco stöhnt unter der gewaltigsten Hitzewelle seit 

Menschengedenken. Auch bei Phoebe Halliwell geht es heiß her – in 

jeder Beziehung. Als sie mitten in der Stadt gegen eine lebende Mumie 

kämpft, stellt sie fest, dass sie plötzlich auf den Set eines Horrorfilms 

geraten ist. Schon bald darauf fängt sie mit ihrer Schwester Paige 

beim Film an: als Beraterin für okkulte Fragen. Ein Traum wird wahr 

– und dann ist da auch noch Andy, der junge, gut aussehende 

Regisseur, auf den ganz besonders Paige ein Auge geworfen hat … 

Zur gleichen Zeit hält eine geheimnisvolle Mordserie die Stadt in 

Atem. Offensichtlich steckt ein verrückter Serienkiller hinter den 

bizarren Taten. Aber dann kommt den drei Zauberhaften ein 

schrecklicher Verdacht: Könnten die Dreharbeiten von Sream X-

Treme etwas mit der Mordserie zu tun haben? Piper, Phoebe und 

Paige nehmen die Spur auf – und entdecken zu ihrem Entsetzen, dass 

die Wirklichkeit unheimlicher sein kann als der furchtbarste 

Horrorfilm … 

Dieses eBook ist nicht zum Verkauf 

bestimmt. 

background image

Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der 

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind 

im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar. 

Das Buch »Charmed – Zauberhafte Schwestern. Hexen in 

Hollywood« von Marc Hillefeld entstand nach einer Idee von Torsten 

Dewi und auf der Basis der gleichnamigen Fernsehserie von Spelling

Television, ausgestrahlt bei ProSieben. 

© des ProSieben-Titel-Logos mit freundlicher Genehmigung der 

ProSieben Television GmbH

® & © 2003 Spelling Television Inc. All Rights Reserved. 

1. Auflage 2003 

© der deutschsprachigen Ausgabe: 

Egmont vgs Verlagsgesellschaft mbH 

Alle Rechte vorbehalten. 

Lektorat: Ilke Vehling 

Produktion: Wolfgang Arntz 

Umschlaggestaltung: Sens, Köln 

Titelfoto: © Spelling Television Inc. 2003 

Satz: Kalle Giese, Overath 

Druck: Clausen & Bosse, Leck 

Printed in Germany

ISBN 5-8025-5214-7 

Besuchen Sie unsere Homepage im WWW: 

www.vgs.de

background image

Prolog 

P

HOEBE HALLIWELL WISCHTE SICH eine Haarsträhne aus 

der Stirn und nahm noch einen Schluck aus der Wasserflasche. 
Obwohl die Sonne schon bald hinter den Wolkenkratzern versinken 
würde, war die Luft immer noch stickig und heiß. »Der kälteste 
Winter, den ich je erlebt habe, war der Sommer in San Francisco«, 
hatte Mark Twain einst gesagt. Aber der hatte wohl noch nichts vom 
Treibhauseffekt geahnt, dachte Phoebe. Es stimmte schon, 
normalerweise wehte immer ein kühler Seewind durch die Stadt, aber 
von dieser erfrischenden Brise war im Augenblick nichts zu spüren. 
Seit Tagen schon schien sich die Luft über der Stadt nicht mehr zu 
bewegen, und die andauernde Hitze machte allen zu schaffen. 

Die sonst eher gelassenen Bürger von San Francisco litten sehr 

unter diesen Temperaturen. Die Kriminalitätsrate, so hatte Phoebe 
gehört, war wie immer bei einer Hitzewelle gestiegen und die 
allgemeine Stimmung war gereizt. Das hatte sie auch heute in der 
Redaktion zu spüren bekommen. Nicht nur die Interviewpartner, auch 
ihre Kollegen waren den ganzen Tag schlecht gelaunt gewesen, und 
dass die Klimaanlage des Redaktionsgebäudes unter dem Ansturm der 
Hitze zusammengebrochen war, hatte auch nicht gerade zu einer 
Verbesserung beigetragen. Der Arbeitstag in einem Büro, das sich von 
Stunde zu Stunde immer mehr aufheizte, forderte seinen Tribut. 

Phoebe war fix und fertig. Um sich etwas zu entspannen und 

vielleicht eine kühle Abendbrise genießen zu können, hatte sie sich 
entschlossen, heute einmal zu Fuß nach Hause zu gehen. Das alte 
Halliwell-Haus lag zwar einen ordentlichen Fußmarsch von ihrem 
Arbeitsplatz entfernt, aber etwas frische Luft würde ihr gut tun. 

Zumindest hatte Phoebe das gedacht. Nun bereute sie ihren 

Entschluss gleich doppelt: Die Luft war schwül und alles andere als 
frisch. Und die Route, die sie sich ausgesucht hatte, führte sie immer 
weiter fort von den glitzernden Wolkenkratzern in die Altstadt San 
Franciscos. Eigentlich eine malerische Gegend, die noch viel vom 
Flair der alten Küstenstadt bewahrt hatte. Doch es gab auch einen 
Grund, warum die meisten Stadtführer ihren Lesern rieten, diesen Teil 
der Stadt bei Dunkelheit besser zu meiden. 

background image

Die romantischen, zum Teil Jahrhunderte alten Fassaden der 

Häuser ringsum ließen einen leicht vergessen, dass man sich hier in 
den Außenbezirken einer amerikanischen Großstadt befand. Und das 
war immer ein gefährliches Pflaster, egal an welcher Küste des 
Kontinents man sich aufhielt. 

Während die Sonne immer tiefer sank, blickte Phoebe sich um. 

Dies war zwar nicht Los Angeles, aber die Gegend wurde ihr 
zunehmend unheimlicher. Aus einem der heruntergekommenen 
Häuser dröhnte harte Hip-Hop-Musik herüber, und von irgendwo 
drangen zwei Stimmen zu ihr, die einem sich streitenden Ehepaar 
gehörten. Die stickige Hitze schürte die Aggressionen, machte reizbar 
und gewalttätig. 

Nun beruhige dich mal, ermahnte sich Phoebe. Immerhin war sie 

eine der drei Zauberhaften und hatte als solche schon gegen Dämonen 
gekämpft, die jenseits der Vorstellungskraft anderer Menschen lagen. 
Neben ihren Hexenkräften verfügte sie außerdem über eine 
jahrelange, intensive Ausbildung in allen Kampfsportarten – 
wenigstens dafür hatte Cole, ihr ehemaliger, dämonischer Liebhaber 
gesorgt. 

Trotzdem fühlte Phoebe sich nicht wohl in ihrer Haut. Ihre Kräfte 

gegen Dämonen einzusetzen, war einfach. Dabei konnte sie alles 
geben, ohne Rücksicht auf Verluste was die Gegner betraf. Gegen 
Menschen zu kämpfen, war etwas ganz anderes. Als Zauberhafte war 
es ihre Aufgabe, Menschen zu schützen, also durfte sie, wenn 
möglich, auch keine verletzten. In einem direkten Kampf war sie 
deshalb immer ein wenig im Nachteil, weil sie ihre Kräfte 
zurückhalten musste, um ihren Gegner nicht ernsthaft zu gefährden. 

Phoebe erschrak, als eine dunkle Gestalt aus einem Hauseingang 

trat. 

»Haben Sie sich verlaufen, Miss?« 

Ein hagerer, aber sehnig-muskulöser Typ in einem 

durchgeschwitzten Feinripp-Unterhemd trat ins Licht der 
Abendsonne. Er blickte Phoebe grinsend an. Seine Frage klang dabei 
alles andere als hilfsbereit, eher wie eine Herausforderung. Im 
Mundwinkel des Mannes glomm eine Zigarettenkippe, in einer Hand 
hielt er eine Flasche Bier. 

background image

Alkohol und Hitze – das war keine besonders gute Mischung, 

dachte Phoebe. Ihr fiel auf, wie deplatziert sie in dieser Umgebung 
wirken musste. Im Gegensatz zu vielen Kolleginnen aus der 
Redaktion war sie zwar nicht aufgebrezelt, aber für diese 
heruntergekommene Gegend war sie eindeutig overdressed. Ihr 
einfaches Kostüm mit dem aufgestickten Blumenmuster musste für 
die Einwohner dieses Viertels wie eine Provokation wirken. 

»Ich komme schon zurecht, vielen Dank!«, rief Phoebe dem Mann 

zu. Sie versuchte, so viel Selbstvertrauen wie möglich in ihre Stimme 
zu legen und blickte den Mann dabei direkt in die Augen. 

Die Zigarette im Mundwinkel des Fremden hob sich in die Luft, als 

er ein breites Grinsen aufsetzte. »Sie sollten auf sich aufpassen, Miss. 
Das hier ist eine gefährliche Gegend.« 

Eine berechtigte Warnung, ausgesprochen mit dem Tonfall einer 

Drohung. 

Phoebe nickte nur flüchtig mit dem Kopf, als der Mann im 

Unterhemd wieder im Schatten des Hauseinganges verschwand. Es 
war wirklich keine besonders gute Idee gewesen, diese Gegend zu Fuß 
durchqueren zu wollen. 

Die junge Hexe wischte sich ein paar Schweißtropfen von der 

Stirn. Es war nicht mehr allein die Hitze, die sie zum Schwitzen 
brachte. 

Die Gegend wurde immer finsterer und im wahrsten Sinne des 

Wortes dunkler. Die Sonne war mittlerweile noch tiefer gesunken, und 
die aus Holz gebauten Häuser warfen lange Schatten, in deren Schutz 
sich alles Mögliche verbergen konnte. Ein paar Mülltonnen, die 
offenbar seit Tagen nicht mehr geleert worden waren, verbreiteten 
einen süßlichen Gestank. Und da, zwischen einem Haufen achtlos auf 
den Bürgersteig geworfener Müllsäcke, wühlte tatsächlich eine fette 
Ratte nach ihrem Abendessen. 

Das reicht jetzt, dachte Phoebe und griff nach ihrem Handy. Auch 

wenn es ihrem schmalen Geldbeutel bestimmt nicht gut tat, würde sie 
sich jetzt ein Taxi rufen. Zum Glück war die Nummer der 
Taxizentrale eingespeichert. Sie hatte gerade das elektronische 
Telefonbuch ihres Handys aktiviert, als sie den Schrei hörte. 

background image

Innerhalb einer Sekunde war die Sorge um ihre eigene Sicherheit 

vergessen. Phoebe blickte sich um. Irgendwo hier in der Nähe war ein 
Mensch in Gefahr – der Tonlage zufolge eine Frau. Über Phoebes 
Kopf wurde ein Fenster zugeschlagen. Die Anwohner dieser Gegend 
ahnten offenbar, dass dies nur Ärger bedeutete und beschlossen 
deshalb, sich rauszuhalten. Ein Verhalten, das nicht nur für diese 
Umgebung typisch war. Obwohl sie sich darüber ärgerte, verdrängte 
Phoebe diese Gedanken. Irgendwo hier in der Nähe schrie eine Frau in 
Todesangst. Sie musste helfen. 

Wenn sie sich nicht getäuscht hatte, war der Schrei aus einer 

schmalen, dunklen Gasse gekommen, die links von ihr abzweigte. 

Ausgerechnet. 

In dieser düsteren Gegend konnte sie bestimmt nicht mit 

hilfreichen Passanten rechnen. Aber das durfte sie nicht abhalten. 
Phoebe stürmte los und setzte zu einem beeindruckenden Sprung über 
eine umgestürzte Mülltonne an. Ein paar Ratten, die sich bei ihrem 
Abendessen gestört fühlten, protestierten quietschend, aber Phoebe 
war schon verschwunden. 

Die junge Hexe blieb kurz stehen, um sich zu orientieren. Der 

Gestank von Tage altem Müll war auf der Hauptstraße schon 
unangenehm gewesen, hier war er beinahe unerträglich. Phoebe 
wusste nicht, ob sie auf der richtigen Spur war. Doch eine Sekunde 
später bestand kein Zweifel mehr daran. Ein neuer Schrei, diesmal in 
höchster Todesangst, hallte durch die Gasse. Phoebe stürmte vorwärts. 

Innerlich bereitete sie sich darauf vor, hinter der nächsten Biegung 

auf eine Straßengang zu stoßen, die eine Passantin bedrängte. 
Bestenfalls auf ein paar Betrunkene, die immerhin leichte Gegner sein 
würden. 

Doch als die junge Hexe um die Kurve rannte, verschlug es ihr den 

Atem. 

Es war einfach zu bizarr. 

Etwa zehn Meter vor ihr lag eine junge, blonde Frau auf dem 

schmutzigen Asphalt. Offensichtlich war sie bei der Flucht gestürzt 
und hatte sich dabei verletzt, denn sie hatte das linke Bein angezogen 
und hielt sich den Fußknöchel. Noch hatte die Frau Phoebe nicht 

background image

bemerkt. Ihr Gesicht war vor Schmerz und Angst verzerrt, und sie 
blickte auf ihren Angreifer. 

Mit schwankenden, aber zielstrebigen Schritten näherte sich die 

Gestalt ihrem Opfer. Von ihren Armen, die nach vorne gestreckt 
waren, hingen schmutzige Stofffetzen herab. Auch der Rest des 
Körpers war von Kopf bis Fuß mit Bandagen bedeckt. Dort, wo 
normalerweise die Augen hätten sein sollen, klafften nur zwei dunkle 
Löcher, von denen ein rötliches Schimmern ausging. So unfassbares 
war – die hilflose Frau wurde von einer ägyptischen Mumie bedrängt. 

Aber der Angreifer war gerade mal dreißig Zentimeter groß! 

Phoebe traute ihren Augen nicht. Obwohl die Frau am Boden einen 

weiteren Schrei in höchster Todesangst ausstieß, blieb sie 
unwillkürlich stehen. Ihr Verstand brauchte einfach ein paar 
Sekunden, um dieses absurde Bild zu verarbeiten. Phoebe hatte schon 
viel gesehen und gegen die ungewöhnlichsten Kreaturen gekämpft – 
aber ein ägyptischer Mumien-Zombie in Puppengröße mitten in San 
Francisco? 

»Immer, wenn du glaubst, du hättest schon alles gesehen …«, 

murmelte sie kopfschüttelnd. Dann hatte sie ihre Überraschung 
überwunden. Egal, wie ungewöhnlich die Gefahr auch sein mochte – 
sie war real. Und die Mini-Mumie hatte ihr hilfloses Opfer fast 
erreicht. 

»Hey, dich haben sie wohl zu eng gewickelt!«, rief Phoebe der 

Mumie zu. »Lass die Frau in Ruhe!« 

Die Mumie reagierte gar nicht und wankte weiter auf ihr Opfer zu. 

Nur die Frau am Boden blickte erstaunt auf. Ihrem Gesichtsausdruck 
nach war sie über Phoebes Auftauchen irritierter als über ihren 
eigentlichen Angreifer. 

Seltsam, dachte Phoebe noch, aber zum Nachdenken blieb jetzt 

keine Zeit mehr. Die junge Hexe machte einen Satz über das am 
Boden liegende Opfer und setzte noch im Sprung zu einem Power-
Kick an. Bei diesem winzigen Gegner würde es wahrscheinlich gar 
nicht nötig sein, ihre Hexenkräfte einzusetzen. Ein einfacher Karate-
Tritt sollte genügen. Umso besser, das ersparte ihr nachher 
umständliche Erklärungen. 

background image

Wie ein Racheengel sauste Phoebe durch die Luft. Der Absatz 

ihres vorgestreckten rechten Fußes traf die Mini-Mumie mit voller 
Wucht am Brustkorb. Es gab ein seltsam metallisches Geräusch, als 
der eingewickelte Zombie in hohem Bogen durch die Luft 
geschleudert wurde und mit lautem Scheppern gegen eine Mülltonne 
prallte. Dann schlug er auf dem Asphalt auf und blieb bewegungslos 
liegen. 

Der ist bedient, dachte Phoebe und wendete sich dem Opfer zu. 

Die junge Frau lag immer noch am Boden und blickte Phoebe an. 
Aber der erstaunte Blick in ihren Augen war einem bösen Funkeln 
gewichen. 

»Das darf doch wohl nicht wahr sein!«, rief eine Stimme aus dem 

Schatten. »CUT! CUT! Die Szene ist im Eimer!« 

Phoebe schluckte. Was zum Teufel wurde hier gespielt? 

background image

»

N

ICHT MAL EIN KLEINES BISSCHEN?« 

»Nein!« 

»Einen winzigen Zauber?« 

»Keine Chance!« 

»Eine ganz kurze Mini-Beschwörung? Bitte!« 

»Nein, Paige, vergiss es! Es ist gegen die Regeln, die Magie aus 

dem Buch der Schatten zum eigenen Vorteil zu nutzen. Basta!« 

Paige verdrehte die Augen. Seit einer halben Stunde quengelte sie 

nun schon herum, aber Piper blieb unerbittlich. Dabei war die Hitze 
im alten Halliwell-Haus nicht mehr auszuhalten. Die beiden 
Schwestern hatten bereits sämtliche Fenster aufgerissen, selbst die 
Haustür stand sperrangelweit offen. Trotzdem wehte nicht einmal die 
Andeutung eines erfrischenden Lufthauches durch das Haus. Paige 
würde bei dieser Hitze heute Nacht kein Auge schließen können, so 
viel war klar. 

»Piper, was kann denn daran so schlimm sein?« Paige startete 

einen letzten Versuch. »Ich bin sicher, im Buch der Schatten gibt es 
irgendeinen Spruch, der … ich weiß nicht, die Windgeister beschwört 
und ein bisschen auf Trab bringt. Ich gehe ein bei der Hitze!« 

Piper Halliwell schüttelte noch einmal den Kopf und öffnete die 

Kühlschranktür. »Wenn du eine Erfrischung willst, nimm dir eine 
Limonade. Wie alle anderen Menschen auch.« 

»Alle anderen Menschen haben aber auch eine Klimaanlage«, 

jammerte Paige und nahm trotzdem dankbar die Cola-Dose entgegen, 
die Piper ihr hinhielt. Anstatt sie zu öffnen, drückte sie sich die Dose 
an die Stirn und genoss die kühlende Wirkung – wenn diese auch nur 
Sekunden anhielt. 

Piper konnte ihre Schwester ja verstehen. So schön es auch war, in 

einem alten Familienanwesen zu leben – im Sommer glich es einem 
Treibhaus. Als es im vorletzten Jahrhundert erbaut wurde, hatten die 
Menschen von einer Klimaanlage bestimmt noch nichts gehört. 
Natürlich wäre es leicht gewesen, im Buch der Schatten nach einem 

background image

Zauber zu suchen, der sie mit etwas Kühlung versorgt hätte, aber das 
verstieß gegen die Regeln. 

»Die Gefahr ist einfach zu groß«, erklärte Piper ihrer jüngeren 

Halbschwester. »Erst beginnt man damit, sich kleine 
Annehmlichkeiten herbeizuzaubern, und dann kommt man auf den 
Geschmack und will immer mehr. Und irgendwann …« 

Paige winkte ab. »Und irgendwann verfällt man der dunklen Seite 

der Macht«, sagte sie mit einem theatralisch überzogenen Keuchen. 
»Ich habe auch ›Star Wars‹ gesehen, ich weiß Bescheid. Trotzdem ist 
es unfair. Wir nehmen so viel auf uns, um die Welt vor irgendwelchen 
dämonischen Finsterlingen zu schützen und dürfen uns dafür nicht 
mal die kleinsten Freiheiten herausnehmen.« 

Eingeschnappt öffnete Paige ihre Cola-Dose und saugte 

geräuschvoll den bräunlichen Schaum ab, der ihr entgegenströmte. Sie 
konnte Pipers Argumente ja verstehen, aber fair war es trotzdem nicht. 

»Sag mal, wo bleibt eigentlich Phoebe?«, fragte Piper, um das 

Thema zu wechseln. »Es ist schon nach sechs, sie müsste doch längst 
hier sein.« 

»Vielleicht macht sie ja Überstunden. In ihrem schönen, modernen, 

vollklimatisierten Büro. Langsam bereue ich es, meinen Job beim 
Sozialbüro gekündigt zu haben. Die hatten wenigstens eine 
Klimaanlage.« 

»Ich rufe sie besser mal auf ihrem Handy an«, entschied Piper und 

ignorierte den vorwurfsvollen Ton ihrer Halbschwester. Sie ging zum 
Telefon an der Küchenwand und tippte Phoebes Nummer ein. 

»Hoffentlich steckt sie nicht in Schwierigkeiten«, sagte sie mit 

sorgenvollem Gesicht. 

Phoebe blickte auf die wütenden Gestalten, die sie in der engen 

Gasse umringten. 

»Piper, das ist jetzt gerade ein ungünstiger Moment«, sprach 

Phoebe in ihr Handy und steckte es wieder ein. Sie hatte keine 
Ahnung, in was sie da geraten war, aber diese fünf jungen Männer und 
Frauen, die plötzlich aus dem Dunkel eines Hauseingangs aufgetaucht 
waren, sahen nicht besonders freundlich aus. 

background image

»Du dämliche Schlampe«, rief die Frau, die von Phoebe gerade vor 

der Mini-Mumie gerettet worden war. »Du hast meine ganze Szene 
vermasselt!« 

Phoebe schluckte. Sie hatte nicht erwartet, dass die Frau ihr vor 

Dankbarkeit um den Hals fallen würde, aber ein paar nette Worte 
wären schon angebracht gewesen. 

Dann erst begriff Phoebe. 

Szene? 

Natürlich. Die junge Hexe blickte sich um. Die Gruppe, die aus 

dem Hauseingang herausgestürmt war, musste ein Filmteam sein. In 
ihrer Verwirrung bemerkte Phoebe erst jetzt, dass einer der Männer – 
ein untersetzter Typ mit Vollbart -eine professionelle Videokamera 
unter dem Arm trug. Ein anderer, offensichtlich sein Kollege, hielt 
etwas in der Hand, das wie eine Angel aussah, an dem ein pelziges 
Mikrofon baumelte. Die bunt gemischte Filmcrew blickte Phoebe 
böse an. 

Abwehrend hob sie die Hände. »Okay, Leute«, begann sie, »könnte 

mir netterweise jemand erklären, was hier eigentlich los ist?« 

»Was los ist?!«, keifte das blonde ›Opfer‹ neben ihr. »Das kann ich 

dir sagen! Du hast die ganze Szene ruiniert! Meinst du etwa, es macht 
mir Spaß, den halben Tag auf dieser schmuddeligen Straße 
herumzuliegen?« 

Erst jetzt hatte Phoebe Zeit, die blonde Frau etwas näher zu 

betrachten. Die Schrammen und Kratzer, die ihr ansonsten makelloses 
Gesicht verunstalteten, waren nur das Werk eines geschickten Make­
up-Künstlers. Auch bei den zerzausten, goldblonden Haaren hatte 
jemand mit einer kräftigen Dosis Haarspray nachgeholfen. Unter 
dieser Aufmachung verbarg sich, das musste Phoebe eingestehen, eine 
sehr attraktive Frau – auch wenn ihr Gesicht jetzt durch einen 
hasserfüllten Blick verzerrt war. 

Und der war echt. 

Phoebe hatte schon Angst, die Schauspielerin würde auf sie 

losgehen, als eine ruhige Stimme ertönte. 

»Beruhige dich, Virginia. Wir drehen die Szene einfach noch 

einmal. Ist doch kein Beinbruch.« 

background image

Phoebe blickte an der Schauspielerin – Virginia – vorbei auf den 

jungen Mann, der lächelnd hinter ihr stand. Er konnte nicht älter sein 
als Ende zwanzig. Das modische Grunge-Bärtchen, das sein Kinn 
umgab, sollte ihn wohl etwas älter aussehen lassen, doch die 
blitzenden, braunen Augen machten diese Wirkung mit Leichtigkeit 
wieder zunichte. 

Etwas verlegen, fast so als ob er etwas falsch gemacht hätte, strich 

er sich eine braune Haarlocke aus der Stirn und lächelte Phoebe an. 

»Es tut mir Leid, wenn wir Sie erschreckt haben, Miss. Mein Name 

ist Andy Stewart. Wir drehen hier gerade eine Szene für meinen neuen 
Film. ›Scream X-Treme‹. Na ja, streng genommen ist es auch unser 
erster Film.« 

»Dein  erster Film vielleicht, Andy«, knurrte Virginia. »Ich habe 

schon in einigen Produktionen mitgewirkt, vergiss das nicht immer.« 

Im Hintergrund lachte der Kameramann auf. »Ja, in einer Werbung 

für Hundefutter, in der der Pudel dich dann auch noch an die Wand 
gespielt hat.« 

Prustend stieß der Mann mit der Mikrofon-Angel seinem Kollegen 

mit der Kamera den Ellbogen in die Rippen. 

»Der war nicht schlecht, Pete.« 

»Ihr könnt mich mal!«, rief die blonde Schauspielerin. »Ich habe 

die Nase voll! Ich will nach Hause! SOFORT!« 

Wütend stapfte Virginia davon. 

Andy Stewart, der Regisseur, seufzte. »Für heute können wir den 

Dreh wohl abschreiben.« Dann blickte er nach oben. Die Sonne war 
bereits untergegangen, und die Schatten in der engen Gasse wurden 
immer länger. »Was soll's. Es ist sowieso zu dunkel.« 

Phoebe blickte den jungen Filmemacher an. Obwohl er sich betont 

ruhig gab, schien ihm der geplatzte Dreh alles andere als gleichgültig 
zu sein. »Es tut mir wirklich Leid, wenn ich Ihre Aufnahmen 
durcheinander gebracht habe. Aber ich hörte diesen Schrei und dachte, 
es wäre irgendetwas passiert. Ich konnte ja nicht ahnen, dass alles nur 
eine Filmszene ist. Wird denn so ein Filmset normalerweise nicht 
abgesperrt?« 

background image

Andy räusperte sich verlegen. »Nun ja, sagen wir mal, ›Scream X-

Treme‹ ist eine extreme Independent-Produktion. Wir drehen mit 
einem minimalen Budget, für ein winziges Hinterhof-Studio. Wir 
haben überhaupt nicht das Geld, um bei der Stadt Genehmigungen 
einzuholen und eine Straße absperren zu lassen. Was wir hier machen, 
ist sozusagen ›Guerilla-Filmen‹.« Der junge Regisseur grinste 
verschmitzt. 

»›Guerilla-Filmen‹?« 

»Tja, wir suchen uns eine passende Location – also einen Drehort – 

filmen die Szene, die wir brauchen und verschwinden wieder. Im 
besten Fall, bevor jemand überhaupt etwas mitbekommt oder Fragen 
stellt. Nicht ganz legal, aber unser minimales Budget reicht für alles 
andere nicht aus. Das Geld, das wir für unseren gesamten Film zur 
Verfügung haben, ist weniger als das, was ein Kabelträger bei einer 
großen Hollywood-Produktion verdient«, seufzte Andy. 

So war das also. Denn als Einwohnerin von San Francisco war 

Phoebe schon des Öfteren an Dreharbeiten vorbeigekommen und 
wusste, dass normalerweise ganze Straßenzüge unter 
Polizeibewachung abgesperrt wurden. Die Filmleute brachten eine 
ganze Armee von Technikern, Assistenten und anderen Hilfskräften 
mit. Aber dies hier – dieses ›Guerilla-Filmen‹ – hatte einen ganz 
anderen Flair, fand sie. Es klang fast nach einem Abenteuer. Und sie 
hatte die Arbeit eines ganzen Tages ruiniert. Trotzdem atmete Phoebe 
innerlich auf. Nur gut, dass sie ihre Kräfte nicht eingesetzt hatte. 

»Es tut mir echt Leid«, wiederholte sie, »dass ich euren Dreh 

ruiniert habe. Aber ich dachte wirklich, jemand wäre in Todesgefahr.« 

»Und du hast sicher nicht schlecht gestaunt, als du unsere Mini-

Mumie gesehen hast, was?«, fragte Andy, indem er zwanglos zum Du 
überging. 

Wenn du wüsstest, dachte Phoebe, was ich schon für Kreaturen 

gesehen habe. Sie musste sich ein Lächeln verkneifen. 

»Ah, ja, das war schon ein ganz schöner Schock«, antwortet sie. 

»Ich dachte schon, ich hätte einen Hitzschlag, oder so etwas.« 

»Das kann ich mir vorstellen. Tut mir Leid, wenn wir dich 

geschockt haben. Unsere Mumie sieht ganz schön echt aus, was?« 

background image

»Allerdings«, sagte Phoebe und blickte sich um. Was war 

eigentlich mit diesem komischen Mini-Monster geschehen? 

Sie und Andy blickten zu der Stelle, wo die Mumie gelandet war. 

Ein hagerer junger Mann in einem schwarzen T-Shirt kniete 
kopfschüttelnd vor der kleinen Monster-Puppe, die mit weit von sich 
gestreckten Gliedern im Staub der Straße lag. Der Mann drehte 
Phoebe den Rücken zu, aber seine Schultern zuckten, als kämpfe er 
mit den Tränen. Dann drehte er sich um. Langes, leicht fettiges 
schwarzes Haar fiel ihm in die Stirn. Er war blass im Gesicht, was bei 
dem augenblicklichen Sommerwetter nur bedeuten konnte, dass er 
nicht viel Zeit an der frischen Luft verbrachte. Aus dunklen, fast 
schwarzen Augen blickte er Phoebe an. Sie schluckte, als sie erkannte, 
dass der junge Mann nicht aus Verzweiflung zitterte. Sondern aus 
Wut. 

»Meine Mumie!«, rief er vorwurfsvoll und nahm die Figur in die 

Arme wie ein krankes Kind. »Du hast sie kaputtgemacht, verdammt!« 

»Oh, nein«, flüsterte Phoebe. »Das … das wollte ich nicht. Ich 

wollte doch nur helfen, wirklich!« 

Andy, der Regisseur, legte Phoebe aufmunternd eine Hand auf die 

Schulter. »Mach dir keine Sorgen«, sagte er und ging dann zu dem 
Mann im schwarzen T-Shirt. 

»Es war nicht ihre Schuld, Tim. Sie hat es nur gut gemeint. Kriegst 

du das wieder hin? Bis morgen?« 

Der junge Mann warf noch einen letzten bösen Blick auf Phoebe, 

dann lachte er bitter auf. 

»Bis morgen? Verdammt, Andy, das hier ist eine komplizierte 

›Animatronic‹-Figur! Ein ferngesteuertes, kleines Kunstwerk. Und 
kein Spielzeugroboter aus dem Kaufhaus!« 

»Ich weiß, Tim. Aber du hast sie doch auch konstruiert. Wenn 

einer das wieder hinkriegt, dann du.« 

Phoebe beobachtete schuldbewusst und gleichzeitig fasziniert, wie 

dieser Tim sich langsam wieder beruhigte. Zu den Fähigkeiten eines 
Regisseurs, dachte sie anerkennend, gehörte wohl mehr, als nur die 
Vision eines Films zu entwickeln. Es war scheinbar ebenso wichtig, 
das Team zusammenzuhalten, das diesen Film drehte. Und Andy 

background image

verströmte eine gewisse freundliche Autorität, die ihre Wirkung nicht 
verfehlte. Sie mochte den jungen Filmemacher schon jetzt. 

»Na schön, ich versuche es«, knurrte Tim. Dann hob er die Puppe 

vorsichtig auf und ging damit an Phoebe vorbei, ohne sie auch nur 
eines Blickes zu würdigen. 

Die anderen Mitglieder des Teams waren bereits dabei, ihre 

Ausrüstungsgegenstände zu verpacken, als ein paar Blocks weiter das 
Echo einer Polizeisirene durch die Straßen hallte. 

»Mist!«, rief Andy und scheuchte sein Team auf. »Die Cops. Packt 

euren Kram zusammen und dann nichts wie weg. Ich will nicht schon 
wieder den Abend auf dem Revier verbringen. Und noch ein Bußgeld 
können wir uns nicht leisten, sonst müssen wir den Rest des Films mit 
Handpuppen drehen!« 

Wie von der Tarantel gestochen stopfte die Crew ihre Ausrüstung 

zusammen. In Sekundenschnelle verschwanden Kamera, Ton-
Ausrüstung und Mini-Generatoren in bereitgestellten Sporttaschen. 

»Tut mir Leid«, sagte Andy bedauernd zu Phoebe. »Aber wir 

müssen sehen, dass wir Land gewinnen. Filmarbeiten ohne 
Drehgenehmigung sind eine Ordnungswidrigkeit.« 

Der junge Regisseur blickte sich hektisch um. Nichts deutete mehr 

darauf hin, dass hier vor wenigen Minuten noch ein Filmteam an der 
Arbeit gewesen war. 

»Unser Kleintransporter steht an der nächsten Straßenecke. Sollen 

wir dich ein Stück mitnehmen?«, fragte er. 

Phoebe lächelte und schüttelte dabei den Kopf. »Nein, danke. Ich 

bin zu müde, um heute noch Bullitt nachzuspielen.« 

Andy lächelte die junge Hexe staunend an. Bullitt  war ein alter, 

berühmter Action-Film mit Steve McQueen, der in einer schon 
klassischen Auto-Verfolgungsjagd durch San Francisco gipfelte. Und 
es war einer von Phoebes Lieblingsfilmen. »Du kennst dich ja 
wirklich aus«, stellte der Regisseur voller Bewunderung fest. 

Die Polizeisirene wurde lauter. 

»Hey, Andy!«, rief Pete, der Kameramann. »Was ist jetzt? Die 

Cops sind gleich hier – und du hast die Wagenschlüssel!« 

background image

»Ich komme!«, antwortete Andy und drehte sich noch einmal zu 

Phoebe um. »Sag mal, wir drehen morgen Abend wieder. Unten am 
Pier 17. Möchtest du nicht vorbeikommen? Ich meine nur, wenn es 
dich interessiert?« 

Phoebe brauchte gar nicht lange nachzudenken. »Aber gern. Ich 

komme vorbei. Aber du solltest jetzt besser verschwinden.« 

Andy nickte und spurtete seinen Kollegen hinterher. 

»Übrigens, ich heiße Phoebe!«, rief Phoebe ihm noch hinterher. 

»Bis morgen!« 

Andy verschwand als Letzter hinter der Straßenecke. Mit schnellen 

Schritten ging auch Phoebe aus der Gasse hinaus zurück auf die 
Hauptstraße. Sie war gerade ein paar Meter weit gekommen, als ein 
Polizeiwagen mit Blaulicht neben ihr hielt. 

Der Polizist auf der Fahrerseite schob seine Sonnenbrille auf die 

Nasenspitze und blickte Phoebe an. Er sah nicht gerade aus wie Steve 
McQueen. 

»Wir suchen nach einem illegalen Filmteam, Miss. Haben Sie hier 

irgendetwas Ungewöhnliches gesehen?« 

Aber sicher, dachte Phoebe. Eine elektronische Mini-Mumie, eine 

zickige Möchtegern-Diva und einen süßen Nachwuchsregisseur. Dann 
kreuzte sie die Finger hinter dem Rücken. 

»Etwas Ungewöhnliches? Nein, tut mir Leid, Officer.« 

Der Polizist blickte Phoebe misstrauisch an, dann fuhr der Wagen 

wieder an. »Sie sollten sich nicht allein in dieser Gegend 
herumtreiben«, sagte der Polizist noch durchs offene Fenster. »Man 
kann nie wissen, was einem hier alles passiert!« 

»Da haben Sie allerdings Recht«, murmelte Phoebe und lächelte. 

background image

D

IE SONNE WAR SCHON UNTERGEGANGEN, als Piper eine 

Hand voll Kräuter in den Topf warf. Ein kurzes Zischen, dann stieg 
eine aromatische Wolke auf und erfüllte die Küche des Halliwell-
Hauses mit ihrem Duft. Ausnahmsweise war es kein Zauberelixier, 
das Piper da zusammenmixte. Sie probierte nur ein paar neue Rezepte 
für das P3. 

Piper war ständig bemüht, die Gäste ihres Lokals bei Laune zu 

halten – nicht nur mit guter Musik und Live-Auftritten kleinerer, 
aufstrebender Bands, sondern auch mit immer neuen, kulinarischen 
Kreationen. Normalerweise machte es ihr einen großen Spaß, neue 
Rezepte auszuprobieren, und ihre beiden Schwestern als Testesser 
einzuspannen. Paige beschwerte sich bereits, dass sie mindestens zwei 
Kilo zugenommen hätte, seit sie zu ihren Schwestern gezogen war. 
Aber heute war Piper eher lustlos. Es war einfach zu heiß. Vergeblich 
hatten sie und Paige – wie der Rest der Stadt – auf einen kühlen 
Abendhauch gewartet. Immer noch waren alle Fenster des Hauses 
weit aufgerissen, aber kein Lüftchen regte sich. Stattdessen gaben die 
alten Holzfassaden die Hitze, die sie tagsüber gespeichert hatten, nun 
wieder ab. 

Piper seufzte und schaltete die Gasflamme des Herdes aus, als sie 

ein Geräusch an der Haustür hörte. 

Es war Phoebe. 

»Hey, Leute!«, rief sie erschöpft, aber fröhlich. »Ich bin wieder da! 

Ihr ratet nie, was mir passiert ist!« 

»Hast du dich mal wieder in einen Dämon verliebt?« 

Paiges Stimme kam aus dem Wohnzimmer. Sie saß schon seit 

Stunden auf dem Sofa und schaute sich irgendwelche alten Filme auf 
dem Kabelkanal an. 

»Sehr witzig«, antwortete Phoebe nur und warf ihre Schlüssel auf 

die Kommode neben der Tür. 

Piper wischte sich ihre Hände an der Schürze ab und trat in den 

Flur. »Phoebe, wo kommst du denn jetzt her? Und warum warst du 
vorhin am Telefon so komisch?« 

background image

»Das wollte ich euch ja gerade erzählen. Aber erst brauche ich 

etwas zu trinken. Ich komme um vor Durst.« 

»Bring mir eine Diät-Cola mit!«, rief Paige vom Wohnzimmer aus. 

Ein wölfisches Knurren ertönte aus den Lautsprechern des Fernsehers. 

»Geht klar, Miss Couch-Potatoe.« Phoebe öffnete die 

Kühlschranktür und nahm zwei Dosen Cola heraus. »Möchtest du 
auch eine, Piper?« 

Piper schüttelte den Kopf. »Nein, danke. Bei dieser Hitze ist es 

besser, etwas Warmes zu trinken. Das erfrischt mehr.« 

»Das möchte ich bezweifeln.« Es gab ein lautes Zischen, als 

Phoebe die Dose öffnete und sie mit ein paar hastigen Zügen fast bis 
zur Hälfte leerte. 

»Ich auch!«, rief Paige vom Wohnzimmer aus. 

»Zu spät! Piper kocht dir gerade eine heiße Milch mit Honig!«, rief 

Phoebe fröhlich. 

Ein gespieltes Würgegeräusch aus dem Wohnzimmer ließ die 

beiden Schwestern auflachen. »Paige, also bitte!«, rief Piper, dann 
gingen die beiden Schwestern ins angrenzende Wohnzimmer hinüber. 

Paige saß in Pyjama-Shorts und einem schlabberigen T-Shirt auf 

dem Sofa. Sie blickte kaum auf, als Phoebe ihr die Cola-Dose zuwarf. 
Gebannt starrte Paige auf den Bildschirm, auf dem eine Frau gerade 
von einem Werwolf durch eine Landschaft gejagt wurde – in schwarz­
weiß. 

»Nanu, sind uns die Farben ausgegangen?«, fragte Phoebe 

grinsend. 

Ohne aufzuschauen, öffnete Paige die Dose. Die braune Brause 

spritzte heraus. 

»Paige, mach mir ja keine Cola-Flecken auf den Sofa-Bezug. Die 

kriege ich nie wieder raus!«, ermahnte sie Piper. 

Die beiden jüngeren Schwestern verdrehten die Augen. Paige 

wandte sogar ihren Blick kurz vom Fernseher ab. Seit Piper die älteste 
der Halliwell-Schwestern war, übertrieb sie es mit ihrer Aufpasser-
Rolle manchmal ein wenig. Dabei meinte sie es eigentlich nur gut. 

background image

»Könntet ihr jetzt mal etwas ruhig sein?«, fragte Paige genervt. 

»Ich möchte diesen Film zu Ende schauen. Das ist einer meiner 
Lieblings-Horrorfilme, ein echter Klassiker, falls es euch interessiert!« 

»Ich hasse Horrorfilme«, stöhnte Piper. 

»Klar, du prügelst dich ja auch lieber mit echten Monstern, 

stimmt's?«, fragte Phoebe schnippisch. »Aber das wollte ich euch ja 
gerade erzählen …« 

»Was, du hast gegen ein Monster kämpfen müssen?« Sofort klang 

echte Besorgnis aus Pipers Stimme. 

Phoebe winkte lächelnd ab. »Ach, Quatsch. Ich bin zu Fuß nach 

Hause gegangen und bin dabei prompt auf einem Filmset gelandet. 
Das Set eines Horrorfilms, genauer gesagt.« 

Sofort hatte Paige den Film vergessen. »Was denn? Echt? Und, 

hast du einen berühmten Star getroffen? George Clooney? Brad Pitt?« 

Phoebe lachte auf. »Nein, leider nicht. Obwohl der Regisseur auch 

ganz süß war …« 

Phoebe ignorierte Paiges bedeutungsvolles Grinsen und berichtete 

von ihrem kleinen Abenteuer mit der Mini-Mumie. Paige war sofort 
fasziniert, nur Piper runzelte die Stirn. »Gut, dass du deine Kräfte 
nicht eingesetzt hast. Es wäre schwer gewesen, das jemandem zu 
erklären – besonders, wenn auf einem Video zu sehen wäre, wie du 
durch die Gegend schwebst und Monster vermöbelst.« 

Paige griff nach der Fernbedienung. Auf dem Bildschirm wurde 

der Werwolf gerade vom Helden der Geschichte mit einer silbernen 
Kugel getötet. Sein tödlich verwundetes Aufheulen verstummte 
abrupt, als Paige die ›Stumm‹-Taste drückte. 

»Aber jetzt erzähl doch mal von den Film, Phoebe. Und von der 

Filmcrew. Der Regisseur war süß, sagtest du?« 

Phoebe zuckte mit den Schultern. »Ja, ziemlich. Dafür war der Star 

des Films eine ziemliche Zicke. Virginia Soundso … ehrlich gesagt 
habe ich von der Frau noch nie etwas gehört. Und viel Zeit, um die 
Leute kennen zu lernen, hatte ich auch nicht. Denn plötzlich kam die 
Polizei, und sie mussten vom Set flüchten.« 

»Die Polizei?« Piper schüttelte missbilligend den Kopf. »Phoebe, 

auf was hast du dich da wieder eingelassen? Ich habe echt keine Lust, 

background image

dich gegen Kaution aus dem Gefängnis zu holen, nur weil du dich mit 
irgendwelchen Filmleuten herumtreibst.« 

»Hör mal, ich treibe mich nicht mit denen herum. Ich kenne die 

Typen doch gar nicht. Andererseits …« 

»Was?«, fragte Paige. 

»Andererseits hat mich Andy, der Regisseur, dazu eingeladen, 

morgen Abend am Drehort vorbeizukommen. Unten, am Pier.« 

»Wirklich?« Paige klatschte begeistert in die Hände. »Nimmst du 

mich mit? Bittebittebitte! Ich möchte so gern mal bei richtigen 
Dreharbeiten dabei sein!« 

»Also, ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist«, gab Piper mit 

einem Stirnrunzeln zu bedenken. 

»Dich hat ja auch keiner gefragt«, knurrte Paige. Allmählich ging 

ihr Pipers ablehnende Haltung auf die Nerven. Wann hatte man schon 
mal die Chance, ein paar echte Leute vom Film kennen zu lernen? 

Phoebe zögerte. Die Einladung hatte eigentlich nur ihr gegolten, 

aber sie konnte Paiges Begeisterung verstehen. 

Sie selber war schon ganz aufgeregt, wenn sie daran dachte. Und 

sie fragte sich insgeheim, ob dieser junge Regisseur etwas damit zu 
tun haben könnte. 

»Ich weiß nicht«, antwortete sie schließlich und blickte auf Piper, 

»ist es für dich okay, wenn wir hingehen? Ist doch keine große 
Sache.« 

Piper winkte ab. »Geht nur, wenn ihr wollt. Ich finde es ehrlich 

gesagt nur etwas überflüssig, mit Leuten herumzuhängen, die Filme 
über Monster und Dämonen drehen. Wir haben doch jeden Tag mit so 
etwas zu tun. Also, mir reicht das eigentlich.« 

»Schon klar«, nickte Phoebe. »Das verstehe ich. Aber so ein 

Filmset ist schon etwas Aufregendes. Auch wenn es nur so eine kleine 
Low-Budget-Produktion ist. Andererseits: Denkt mal an Blair Witch 
Project.  
Das hat auch nur ein paar tausend Dollar gekostet und war 
überall auf der Welt ein Kassenschlager.« 

»Ein tolles Beispiel«, lachte Piper trocken, obwohl sie nicht 

besonders amüsiert klang. »Ein Film über eine böse Hexe, die ein paar 

background image

Jugendliche um die Ecke bringt. Nicht gerade eine gute Werbung für 
unsere Zunft, wenn ihr mich fragt.« 

»Also was ist jetzt?«, fragte Paige ungeduldig und ignorierte ihre 

älteste Schwester. »Nimmst du mich mit, Phoebe?« 

Phoebe zuckte mit den Achseln. »Klar, warum nicht. Zwei Hexen 

in Hollywood – das wird bestimmt ein Riesenspaß.« 

background image

D

ER NÄCHSTE TAG VERGING quälend langsam. San 

Francisco stöhnte noch immer unter der Hitzewelle. Die 
Radionachrichten warnten wegen der hohen Ozonkonzentration in der 
Luft vor zu großer körperlicher Anstrengung im Freien, und die 
Stadtverwaltung dachte darüber nach, die Benutzung von 
Rasensprinklern einzuschränken, um Trinkwasser zu sparen. 
Offensichtlich rechnete niemand damit, dass die Hitzewelle schnell 
wieder vorüber sein würde. 

Aber nicht nur die Temperaturen, auch die Vorfreude auf den 

aufregenden Abend ließ die Stunden für Phoebe und Paige endlos 
werden. 

Als es endlich fünf Uhr nachmittags war – wieder einmal brachte 

der Abend keine nennenswerte Kühlung mit sich – räumte Phoebe 
eilig ihren Arbeitsplatz und raste mit ihrem Wagen nach Hause. Zum 
Glück hatte die Stadtverwaltung die Benutzung von Privatwagen noch 
nicht eingeschränkt, dennoch hielt der übliche Feierabendverkehr sich 
diesmal in Grenzen. 

Als Phoebe ihren Pick-up in die Einfahrt des Halliwell-Hauses 

steuerte, wartete Paige schon ungeduldig an der Tür. 

»Da bist du ja endlich«, rief sie Phoebe entgegen, noch bevor diese 

ausgestiegen war. »Können wir gleich los?« 

Phoebe winkte ab. »Lass mich erst einmal schnell unter die Dusche 

springen, okay? Ich bin völlig durchgeschwitzt.« 

»Wenn's sein muss«, murrte Paige und ließ ihre Halbschwester 

durch die Tür. »Aber beeil dich!« 

Phoebe steuerte als erstes den Kühlschrank an, um sich eine kalte 

Cola zu gönnen. Piper stand wieder in der Küche und schnippelte 
einen Salat zusammen. 

»Hey, Phoebe«, begrüßte sie ihre Schwester. »Ihr wollt heute 

dieses Filmset besuchen, oder?« 

Phoebe öffnete eine Dose, nahm einen tiefen Zug und nickte. »Ja, 

und?« 

background image

Piper zuckte mit den Schultern. »Es wäre mir lieb, wenn ihr 

trotzdem eure Handys eingeschaltet lasst.« 

Phoebe runzelte die Stirn. »Wieso? Ist irgendetwas?« 

»Nein, nichts Konkretes. Ich habe nur den ganzen Tag bei der 

Arbeit Radio gehört. Irgendein Polizeisprecher meinte, dass die 
Verbrechensrate seit Beginn der Hitzewelle um fast zwanzig Prozent 
gestiegen ist.« 

Phoebe nickte. Immerhin hatte sie ein paar Semester Psychologie 

studiert und war deshalb mit dieser Theorie vertraut. Menschen 
tendierten dazu, bei großer Hitze aggressiv und gereizt zu reagieren. 
Besonders Gewaltverbrechen nahmen bei einer Hitzewelle 
überproportional zu. Und es gab nicht viel, was man dagegen 
unternehmen konnte. Außer vielleicht um Regen beten. 

»Und du meinst, diese Hitze könnte sich auch auf Dämonen 

auswirken?« 

Piper legte das Salatmesser zur Seite und zuckte mit den Schultern. 

»Keine Ahnung. Aber Dämonen fühlen sich von menschlicher 
Aggression angezogen. Sie genießen das irgendwie.« 

»Stimmt, das ist wie bei ›Predator‹ …« 

»Predator?« Piper zog fragend die Augenbrauen zusammen. 

»Na ja, dieser Action-Film mit Arnold Schwarzenegger. Darin gibt 

es auch ein Monster, das sich von Hitze und Aggression angezogen 
fühlt. Du solltest dir mehr Filme ansehen, Piper. Das bildet.« 

Phoebe nahm sich ein Salatblatt aus der Schüssel und biss 

geräuschvoll hinein. Dann verließ sie gut gelaunt die Küche. 

Piper blickte ihr nach und schüttelte den Kopf. Was zum Teufel 

fanden die beiden nur an Horrorfilmen so interessant? 

Der Fahrtwind wehte durch die geöffneten Fenster von Phoebes 

Pick-up und brachte ein wenig Abkühlung. Die Fahrt zum 
Hafengebiet war problemlos verlaufen, aber jetzt steuerte Phoebe 
ihren Wagen etwas hilflos hin und her. Das Gebiet war riesig, und 
eine Lagerhalle sah aus wie die andere. 

background image

Auf dem Beifahrersitz hielt Paige angestrengt Ausschau nach 

einem Schild oder einem Wegweiser. »Wo ist denn nun dieser 
verflixte Pier 17?«, fragte sie. 

»Keine Ahnung, aber irgendwo hier muss er ja sein.« 

Die Dämmerung war bereits hereingebrochen und kein Mensch in 

der Nähe, den sie hätten fragen können. 

»Man sollte doch meinen, dass diese Typen bei einer 

Filmproduktion mal ein paar Schilder aufstellen, oder?« 

Phoebe schüttelte den Kopf und steuerte den Wagen vorsichtig um 

ein Schlagloch herum. »Ich habe dir doch gesagt, dass Andy und sein 
Team den Film heimlich drehen, weil sie kein Geld für 
Drehgenehmigungen haben. Also werden sie wohl kaum Schilder 
aufstellen, um auch noch die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.« 

»Auch wieder wahr«, nickte Paige. Dann schrie sie auf und deutete 

wie wild auf eine Wand, auf der eine große schwarze Zahl zu lesen 
war. 

»Da! Pier 17! Das muss es sein.« 

Phoebe steuerte den Pick-up durch eine Toreinfahrt, direkt auf eine 

große, heruntergekommene Lagerhalle zu. Sie schaltete den Motor aus 
und stieg aus. Paige ging um den Wagen herum und blickte skeptisch 
auf die Halle. 

»Etwas glamouröser hatte ich mir das schon vorgestellt.« 

»Warte erst einmal ab, wie es im Innern aussieht.« Die beiden 

Hexen gingen vorsichtig auf die alte Halle zu. Die große Schiebetür an 
der Frontseite stand einen Spalt breit offen. Phoebe wollte gerade den 
Griff packen, um sie weiter aufzuziehen, als ein grimmiges Augenpaar 
durch den Spalt blickte. 

Unwillkürlich zuckten die beiden Schwestern zurück. Im selben 

Augenblick wurde die Tür von innen aufgezogen. Ein Mann mit 
Vollbart funkelte Phoebe und Paige an. »Was wollt ihr hier?«, fragte 
er barsch. 

Phoebe brauchte eine Sekunde, bis sie das Gesicht des Mannes 

einordnen konnte. Es war der Kameramann des Teams. Soweit sie 
sich daran erinnern konnte, war sein Name Pete. 

background image

»Ich bin Phoebe Halliwell. Ich, äh … bin die Frau, die gestern eure 

Mumie vermöbelt hat. Andy hat mich eingeladen, heute bei den 
Dreharbeiten zuzuschauen.« Dann deutete sie auf Paige. »Und das ist 
übrigens Paige, meine Schwester.« 

Pete ließ seine Blicke über die beiden Frauen gleiten. Dann 

zeichnete sich unter seinem buschigen Vollbart ein Lächeln ab. 

»Verstehe. Du hast also Verstärkung mitgebracht, damit ihr euch 

heute den Rest unserer Monster vorknöpfen könnt, was? Tim wird 
sich freuen.« 

Tim … Phoebe musste kurz nachdenken. Richtig, der 

unsympathische Typ, der die Monster-Puppen baute. Nach 
Möglichkeit wollte sie diesem schrägen Vogel heute aus dem Weg 
gehen. 

Pete, der Kameramann, schob die Tür weiter auf und deutete eine 

Verbeugung an. »Dann mal hereinspaziert. Andy ist schon am Set. 
Wir haben noch ein paar Minuten, bis zum ersten Take. Ich wollte mir 
gerade draußen eine Zigarette anzünden.« 

Phoebe und Paige traten ins Innere der Halle. Durch die dicken 

Wände des alten Gemäuers war es hier erfrischend kühl. Die beiden 
Hexen brauchten ein paar Sekunden, bis sich ihre Augen an das 
dämmrige Licht gewöhnt hatten. 

Eine hagere Gestalt tauchte aus dem Halbdunkel auf. Soweit 

Phoebe sich erinnerte, war das der Typ mit der Tonangel gewesen. Er 
nickte den beiden Schwestern kurz zu – nicht, ohne vorher einen Blick 
auf ihre Shorts zu werfen – und wandte sich dann an den 
Kameramann. 

»Du willst eine rauchen gehen? Hast du eine Kippe für mich übrig, 

Kumpel?« 

»Du hast dir doch erst vor einer halben Stunde eine geschnorrt. 

Kauf dir deine eigenen, Mann.« 

»Komm schon, Rauchen ist schlecht für die Gesundheit. Ich tue dir 

ja nur einen Gefallen, wenn ich einen Sargnagel vernichte.« 

Streitend wie ein altes Ehepaar verließen der Kameramann und 

sein Ton-Assistent die Lagerhalle. Paige blickte ihnen kopfschüttelnd 
hinterher. »Ich wiederhole mich ja nur ungern, aber sehr 

background image

beeindruckend ist das hier alles nicht. Da war mein Job beim 
Sozialamt ja noch glamouröser.« 

»Paige, das hier ist eine kleine Independent-Produktion. Diese 

Leute sind Film-Freaks, die aus Liebe zum Kino hier arbeiten. Nicht 
für Geld und Ruhm.« 

Phoebe zog ihre Halbschwester an der Schulter hinter sich her. Ein 

Stapel alter Kisten versperrte die Sicht zum Mittelteil der Halle, und 
die beiden umrundeten sie. 

Staunend blieben sie stehen. 

»Wow«, sagte Paige. »Das trifft es schon eher.« 

Vor ihnen herrschte ein aufgeregtes Treiben. Ein halbes Dutzend 

Mitarbeiter waren damit beschäftigt, Lampen auszurichten, Requisiten 
zurechtzurücken und mit kleinen, seltsamen Geräten irgendwelche 
Messungen vorzunehmen. Auf den ersten Blick wirkten diese 
Aktivitäten planlos, aber je länger man die Filmcrew beobachtete, 
desto größer wurde der Eindruck, dass diese Leute genau wussten, 
was sie taten. Und sie taten es mit solcher Routine, dass sie dabei 
kaum redeten oder andere Geräusche verursachten. 

»Schon faszinierend, was?« 

Phoebe und Paige wirbelten herum. 

Ohne dass sie es bemerkt hatten, war Andy, der junge Regisseur, 

an ihre Seite getreten. Er rieb sich amüsiert das kleine Kinnbärtchen 
und lächelte die beiden Schwestern an. 

»Kaum zu glauben, dass aus diesem Durcheinander irgendwann 

mal ein fertiger Film wird. Na, zumindest hoffe ich das.« 

»Andy«, strahlte Phoebe und blickte den Filmemacher an. »Ich 

hoffe, es ist okay, dass ich meine Schwester mitgebracht habe. Paige, 
das ist Andy Stewart, der Regisseur des Films. Andy, das ist meine 
Schwester Paige.« 

»Freut mich, dich kennen zu lernen, Paige.« »Ganz meinerseits, 

Andy. Ich war noch nie auf einem Filmset und finde das hier ziemlich 
aufregend.« 

»Oh, das geht mir auch so. Jedes Mal«, lächelte der Regisseur und 

blickte Paige tief in die Augen. 

background image

Hey, dachte Phoebe, ich bin auch noch da, als Andy ihre 

Halbschwester vorsichtig am Ellbogen nahm und mit ihr auf das Set 
zuging. »Wir haben noch ein paar Minuten Zeit bis zum ersten Take 
des Abends. Ich führe dich ein bisschen herum. Phoebe, kommst du 
mit?« 

»Klar«, murmelte Phoebe und schlurfte hinter den beiden her. 

Mit stolzen, weit ausholenden Gesten deutete Andy auf das Set – 

die eigentliche Bühne, auf der die Dreharbeiten stattfanden. Soweit 
Phoebe das beurteilen konnte, hatten sie hier in der Lagerhalle das 
Bühnenbild einer Lagerhalle aufgebaut. Ein paar schwere 
Scheinwerfer beleuchteten alte Kisten und rostige Metallfässer, die 
dekorativ im Hintergrund aufgebaut waren. Auf dem Boden war 
außerdem noch künstlicher Staub verteilt worden. Alles in allem sah 
die künstliche Lagerhalle echter aus, als die reale um sie herum. 

Phoebe stutzte, als sie das große Hexen-Pentagramm bemerkte, das 

mit Kreide auf den Hallenboden aufgemalt worden war. Bevor sie 
danach fragen konnte, fuhr Andy mit seinen Erklärungen fort. 

»Wir konnten diese Lagerhalle billig mieten und haben deshalb ein 

richtiges kleines Set aufbauen können – ohne zu befürchten, jeden 
Augenblick vor der Polizei fliehen zu müssen.« 

Phoebe nickte. »Verstehe. Aber um was genau geht es in eurem 

Film überhaupt? Und wozu dieses Pentagramm?« 

»Oh, ›Scream X-Treme‹ ist ein Horrorfilm über, na ja, die Figuren 

aus diversen, klassischen Horrorfilmen, die durch einen Fluch 
plötzlich lebendig werden. In der Szene, die wir heute drehen, hat sich 
unsere Heldin in eine alte Lagerhalle geflüchtet und versucht, den 
Fluch mit einer Geisterbeschwörung rückgängig zu machen.« 

»Na, so wird das aber nichts.« 

Andy und Phoebe blickten Paige erstaunt an. Paige kniete auf dem 

Boden und deutete auf eine der sechs Spitzen des Pentagramms. 
»Hier, die Spitze ist nicht ganz geschlossen.« 

Tatsächlich klaffte eine kleine, daumenbreite Lücke zwischen den 

spitz aufeinander zulaufenden Kreidestrichen. 

»Ja, und?«, fragte Andy erstaunt. 

background image

»So würde die Beschwörung niemals funktionieren. Wenn das 

Pentagramm nicht richtig geschlossen ist, bietet es keinen 
ausreichenden Schutz vor den herbeigerufenen Geistern. Eure Heldin 
wäre den Geistern hilflos ausgeliefert.« 

Phoebe, die hinter Andy stand, blickte ihre Schwester mit 

gerunzelter Stirn an und schüttelte den Kopf. Es war sicherlich keine 
gute Idee, wenn Paige hier ihr Hexenwissen preisgab. 

Aber Paige bemerkte das stille Zeichen ihrer Schwester gar nicht. 

Sie hatte nur Augen für Andy, der offensichtlich beeindruckt war. 
»Wow, das hatte ich gar nicht gewusst.« 

Er nahm ein Stück Kreide vom Boden auf und kniete sich neben 

Paige. Paige nahm seine Hand und führte sie über den Boden, um das 
Pentagramm zu schließen. 

»So, das wäre erledigt«, sagte sie. 

»Woher kennst du dich mit solchen Dingen aus?«, fragte der 

Regisseur. 

Paige strahlte ihn an. »Oh, ich bin, äh …« 

»Sie studiert Volkskunde und hat ein Seminar über traditionellen 

Aberglauben belegt. Stimmt's, Paige?!« 

»Äh, ja, sicher. Ein unglaublich … vielschichtiges Thema.« 

»Ich bin beeindruckt«, sagte Andy. Dann schnippte er mit den 

Fingern. »Weißt du was, Paige? Wenn du magst, bist du engagiert. 
Als Beraterin für okkulte Fragen. Ich kann dir zwar nur ein Mini-
Honorar zahlen, aber dafür wird dein Name im Abspann genannt.« 

Paige strahlte. »Wirklich? Oh, das wäre ja großartig! Und ich kann 

bei den ganzen Dreharbeiten dabei sein?« 

»Na, ich bitte darum«, lächelte Andy. 

Unbemerkt verdrehte Phoebe die Augen. Die beiden schienen sich 

ja glänzend zu verstehen. Na, was soll's, dachte sie. Schließlich war 
sie ja nicht hier, um mit dem Regisseur zu flirten, sondern um etwas 
über das Filmemachen zu erfahren. Zumindest in erster Linie. 

Phoebe seufzte und blickte sich um. Die Crew schien mit ihren 

Vorbereitungen fast fertig zu sein. Auch Pete, der Kameramann und 
sein Ton-Assistent waren wieder an ihren Plätzen. Eine blonde Frau 

background image

kam aus einem Nebenraum herangestapft. Phoebe blickte überrascht 
auf. 

Das ohnehin schon sommerliche Kleid der Frau war am Dekollete 

und an den Oberschenkeln aufgerissen und bot noch tiefere Einblicke 
auf die perfekte, sonnengebräunte Haut. Offensichtlich hatte hier 
jemand mit Nadel und Faden dafür gesorgt, dass ihr Kleid genau an 
den richtigen Stellen in Fetzen hing, ohne allzu viel zu zeigen. 

»Das darf doch wohl nicht wahr sein!«, rief die Blondine und 

blickte Phoebe mit funkelnden Augen an. »Was macht die denn schon 
wieder hier?« 

background image

V

IRGINIA FONTAINE, DER BLONDE STAR des Films baute 

sich vor Phoebe und Paige auf. Der Rest des Filmteams warf nervöse 
Seitenblicke auf die Szene und ging dann angestrengt seiner Arbeit 
nach. Offensichtlich waren sie es schon gewohnt, dass der Star ihres 
Films solche Allüren machte. Virginia liebte dramatische Auftritte, 
auch wenn die Kamera nicht lief. 

Das Starlet warf den beiden Schwestern missbilligende Blicke zu. 

Wegen der Hitzewelle trugen die beiden Hexen kurze Shorts und 
luftige Tops, was ihre durchtrainierten Körper gut zur Geltung 
brachte. Sie konnten es durchaus mit dem Starlet aufnehmen, was 
Virginia überhaupt nicht zu gefallen schien. 

»Willst du schon wieder meine Szene ruinieren?«, fragte sie bissig 

und funkelte Phoebe an. »Und wer ist die Kleine?« 

»Virginia, es tut mir Leid, wenn wir gestern einen schlechten Start 

hatten. Aber ich dachte, Sie wären in Gefahr und …« 

»Sieh es doch mal so«, mischte sich Andy ein und trat zwischen 

Virginia und die beiden Hexen. »Du hast deine Rolle gestern so 
überzeugend gespielt, dass Phoebe gar nicht anders konnte, als die 
Mumie für echt zu halten.« 

Aber Virginia ließ sich nicht so leicht besänftigen. Im Gegenteil. 

»Natürlich habe ich meine Rolle überzeugend gespielt. Meinst du, ich 
wäre schauspielerisch schon damit überfordert, die Hauptrolle in so 
einem kleinen, billigen Horrorstreifen auszufüllen?« 

»Nein, so habe ich das natürlich nicht gemeint, Virginia. Wir sind 

alle froh, dass wir dich dabei haben, und –« 

»Das will ich hoffen«, schnappte Virginia. »Können wir langsam 

mal anfangen? Ich habe heute Abend noch eine Verabredung und will 
nicht die halbe Nacht in dieser schmutzigen Lagerhalle verbringen.« 

Phoebe und Paige zogen die Augenbrauen hoch und tauschten 

einen viel sagenden Blick. Was für eine eingebildete Ziege. Phoebe
stellte zu ihrer Überraschung fest, dass Andys natürliche Autorität als 
Regisseur an Virginias Star-Gehabe abzuperlen schien. 

background image

Andy atmete tief durch und klatschte in die Hände. »Okay, Leute, 

wir fangen an. Virginia, du kniest dich bitte in die Mitte des 
Pentagramms.« Dann blickte er fragend auf Paige. »Paige, ist das so 
okay? Man würde sich bei so einer Beschwörung doch hinknien 
oder?« 

Bevor Paige antworten konnte, keifte Virginia von der Mitte der 

Bühne aus los. »Was hat die Kleine denn damit zu tun, wenn ich 
fragen darf?« 

Andy schluckte. »Paige ist unsere neue Beraterin für okkulte 

Fragen. Sie achtet darauf, dass alles authentisch wirkt.« 

Virginia verdrehte die Augen. »Das wird ja immer schöner! Jetzt 

darf mir schon jedes hergelaufene Schulmädchen sagen, wie ich meine 
Rolle zu spielen habe? Darüber reden wir noch, Andy!« 

Virginia funkelte den Regisseur an, ohne Paige auch nur eines 

Blickes zu würdigen. Andy seufzte leise. 

Paige und Piper beobachteten, wie ein Assistent sechs schwarze 

Kerzen an die Spitzen des Pentagramms stellte und anzündete. 

»Schwarze Kerzen?«, flüsterte Paige ihrer Schwester ins Ohr, »das 

wäre aber im wirklichen Leben keine gute Idee, oder?« 

Phoebe schüttelte den Kopf und flüsterte zurück. »Auf keinen Fall. 

Schwarze Kerzen und ein Pentagramm würden böse Geister anlocken, 
von denen man sich besser fern hält.« 

»Soll ich es ihnen sagen?« 

Phoebe schüttelte erneut den Kopf. »Besser nicht. Du solltest nicht 

zu viel von deinem Wissen offenbaren. Sonst kommt noch jemand auf 
die Idee, dass du mehr sein könntest als nur eine Studentin der 
Volkskunde.« 

Paige wollte etwas erwidern, aber ein lauter Ruf von Andy kam ihr 

zuvor. 

»Ton ab!« 

»Ton läuft!«, antwortete der Tonassistent. Er hielt sein Mikrofon 

an einer langen Angel direkt über Virginias Kopf. 

»Kamera ab!« 

background image

»Kamera läuft!«, antwortete Pete, der Kameramann. 

»Uuuund … ACTION!« 

Phoebe bekam eine Gänsehaut. Wie oft hatte sie diesen letzten Satz 

schon gehört. Aber sie war noch nie dabei gewesen, wenn er 
tatsächlich einmal auf einem Filmset ausgerufen wurde. 

Im Hintergrund begann eine kleine Nebelmaschine leise zu 

zischen. Kleine Nebelwolken aus Trockeneis waberten über die 
Bühne. Ein paar gedämpfte Scheinwerfer sorgten für stimmungsvolles 
Licht. 

In der Mitte des Pentagramms senkte Virginia den Kopf und 

begann, eine Beschwörung zu murmeln. 

»Ihr Geister, Euch will ich beschwören, 
ich bitte Euch, mein Flehen zu erhören.« 

Phoebe und Paige mussten ein Kichern unterdrücken. Diese 

Geisterbeschwörung hatte rein gar nichts mit der Realität einer Hexe 
zu tun. 

Aber woher sollte das Filmteam auch wissen, wie eine echte 

Beschwörung aussah? Schließlich gab es keine Hollywood-Fassung 
vom Buch der Schatten. 

Die beiden Schwestern folgten gebannt der Handlung auf der 

kleinen Bühne, obwohl es dort eigentlich nicht viel zu sehen gab. 

Andy, der dicht neben ihnen stand, schien ihre Gedanken zu 

erraten. »Enttäuscht?«, flüsterte er, ohne dabei die Augen von der 
Bühne zu nehmen. »Ihr müsst euch das natürlich aus der Perspektive 
der Kamera vorstellen. Pete ist ein Meister seines Faches. Und im 
fertigen Film läuft dazu natürlich noch eine gruselige Musik. Und wir 
bauen mit dem Computer noch ein paar Spezialeffekte ein. Ihr werdet 
euch wundern, wie –« 

»Stopp!«, rief eine Stimme. Es war Pete, der Kameramann. Das 

gesamte Team blickte ihn an. 

»Das Mikrofon war im Bild«, sagte Pete nur und spuckte ein 

Kaugummi aus. »Lou, ich habe dir schon tausend Mal gesagt, du sollst 
mit deinem verdammten Mikrofon nicht so nah dran gehen. Es sind 
nicht alle so taub wie du!« 

background image

»Mein Mikrofon war genau an der richtigen Stelle!«, schnauzte 

Lou, der Tonmann, unbeeindruckt zurück. »Was kann ich dafür, wenn 
du mit deinen zittrigen Fingern die Kamera nicht ruhig halten 
kannst?« 

»Ich werde hier noch wahnsinnig!«, rief Virginia aus der Mitte des 

Pentagramms. »Bin ich denn nur von Idioten umgeben?!« 

Andy trat vor und hob beschwichtigend die Arme. »Schon gut 

Leute, ist doch keine große Sache. Bleibt auf euren Plätzen, wir 
drehen gleich noch mal. Pete, lass die Kamera laufen.« 

»Kamera läuft«, antwortete Pete. Lou, der Ton-Assistent, richtete 

sein Mikrofon wieder auf Virginia. Ihr Streit war genauso schnell 
wieder vergessen, wie er begonnen hatte. 

Virginia kniete sich erneut hin, um ihren Text zu sprechen. 

Ein plötzlicher Knall ließ Phoebe und Paige zusammenzucken. 

Dem Rest des Teams erging es nicht anders. Die Nebelmaschine 
pustete noch eine letzte Trockeneis-Wolke aus, dann verstummte sie. 

»Was ist denn jetzt schon wieder?«, rief Andy. Allmählich schien 

auch er genervt zu sein. 

Ein Assistent kniete neben der altersschwachen Maschine und 

schraubte das Gehäuse auf. Der Gestank von verschmorten Kabeln 
hing in der Luft. »Ein Kurzschluss, wie es aussieht. Das alte 
Schätzchen hier ist einfach ein bisschen überlastet.« Liebevoll klopfte 
er auf das Blechgehäuse der Nebelmaschine. 

»Brauchst du lange, um das Ding zu reparieren?« Andys Stimme 

klang besorgt, aber der Assistent munterte ihn auf. 

»Nö, gib mir ein Viertelstündchen, dann sollte sie wieder 

funktionieren.« 

»Das hast du auch gesagt, als du damals den Kamerakran repariert 

hast«, lachte Pete hinter seiner Kamera. »Ich humple heute noch, seit 
das Ding unter mir zusammengebrochen ist.« 

Das Team lachte auf. Auch Paige und Phoebe konnten sich ein 

Lächeln nicht verkneifen. 

»Geht das an einem Filmset immer so chaotisch zu?«, wollte Paige 

wissen. 

background image

Andy lächelte sie an. »Könnte man sagen. Ich glaube, Murphys 

Gesetz wurde eigens für Filmproduktionen geschrieben. Du weißt ja: 
›Wenn etwas schief gehen kann …‹« 

»›… dann geht es auch schief‹«, beendete Paige den Satz. 

Die beiden grinsten sich an. 

Phoebe kam sich etwas überflüssig vor. Ihre Schwester und der 

Regisseur schienen sich glänzend zu verstehen. Na ja, dachte Phoebe, 
es sei ihnen gegönnt. Andy war zwar süß, aber sie war eigentlich nicht 
hier, um Männer kennen zu lernen, sondern um etwas über die 
Filmbranche zu erfahren. Ihr Job bei der Redaktion machte ihr zwar 
Spaß, aber sie hatte nicht das Gefühl, ihre Berufung gefunden zu 
haben – mal abgesehen von ihrem zweiten ›Job‹ als Hexe, natürlich. 
Vielleicht bot sich ihr hier ja eine Zukunftsperspektive. 

»Andy«, fragte Phoebe, »hast du etwas dagegen, wenn ich mich 

ein bisschen umsehe? Ich würde gern etwas mehr über so ein Filmset 
erfahren.« 

Paige lächelte ihre Halbschwester dankbar an. Wahrscheinlich 

glaubte sie, Phoebe wolle sich verdrücken, um ihr und Andy die 
Möglichkeit zu geben, etwas Zeit miteinander zu verbringen. 

»Nein, absolut nicht«, antwortete der Regisseur. »Schau dich nur 

um. Für unsere Verhältnisse haben wir hier ein ziemlich aufwändiges 
Set aufgebaut. Und vor einer Viertelstunde läuft hier sowieso nichts.« 

Phoebe nickte und ließ Andy und Paige stehen. Mit neugierigen 

Blicken umrundete Phoebe das Set und schaute sich um. 

Sie merkte nicht, dass sie dabei selber von einem dunklen 

Augenpaar beobachtet wurde. 

Piper Halliwell öffnete die Kühlschranktür und nahm die Karaffe 

mit dem Eistee heraus. Es war trotz der fortgeschrittenen Abendstunde 
immer noch so warm, dass das Glas der Kanne augenblicklich 
beschlug. Kleine Kondenstropfen rannen wie Schweißperlen herunter. 

Piper blickte auf die Gardinen, die nebenan schlaff vor dem 

geöffneten Wohnzimmerfenster hingen. 

background image

Kein Lufthauch bewegte sie. Die junge Hexe konnte sich nicht 

daran erinnern, wann es jemals eine solche Hitzewelle gegeben hatte. 
Piper nahm einen Schluck eiskalten Tee. Warme Getränke mochten 
bei dieser Hitze vielleicht gesünder sein, aber das Gefühl, das die kalte 
Flüssigkeit hinterließ, als sie ihre Kehle hinunterrann, war einfach 
unbeschreiblich. 

Leider hielt es nur ein paar Sekunden an. 

Piper überlegte, ob sie noch eine kalte Dusche nehmen sollte, aber 

das wäre dann schon die dritte an diesem Tag. Wenn sie so 
weitermachte, würden ihr noch Schwimmhäute wachsen. Leo, der 
Wächter des Lichts und ihr Ehemann, wäre davon bestimmt nicht 
begeistert gewesen. Seufzend schaltete Piper den Fernseher ein. Dann 
ließ sie sich auf das Sofa plumpsen und zappte sich durch die Kanäle. 
Wie in jedem Sommer wurden auf allen Kanälen fast nur 
Wiederholungen gezeigt. Lustlos schaltete Piper von einem Programm 
zum nächsten. Auf dem lokalen Nachrichtensender hielt sie kurz inne. 
Eine Sprecherin der Polizei bat die Bevölkerung von San Francisco, 
die Polizei und die Feuerwehr nicht zu unnötigen Einsätzen zu rufen. 
»Die augenblickliche Hitzewelle über der Stadt«, erklärte die 
uniformierte Frau, »hat eine saisonbedingte Steigerung der 
Kriminalitätsrate zufolge, die im Augenblick unsere gesamten Kräfte 
erfordert.« 

Mit gerunzelter Stirn schaltete Piper den Fernseher aus. Sie hatte 

ein ungutes Gefühl bei der Sache. Natürlich waren die drei 
Zauberhaften  nicht für die Verbrechensbekämpfung zuständig. Dafür 
gab es Experten, wie etwa Detective Darryl Morris, den Freund der 
drei Schwestern, der bei der Polizei von San Francisco arbeitete. 

Und trotzdem … 

Piper konnte sich nicht vorstellen, dass so viel Gewalt und 

Aggression die Dämonenwelt kalt ließen. Nachdenklich stand Piper 
wieder auf, holte die große Karte von San Francisco aus dem 
Bücherregal und breitete sie auf dem Wohnzimmertisch aus. Dann zog 
sie ein kleines, silbernes Pendel aus der Schublade einer alten 
Holzkommode und nahm das Ende der Kette vorsichtig zwischen 
Daumen und Zeigefinger. Sie führte das Pendel mit einer langsamen 
Bewegung quer über die ausgebreitete Karte. 

Nichts. Das Pendel blieb absolut ruhig. 

background image

»Komm schon«, murmelte Piper zu sich selbst, »ich kann mir nicht 

vorstellen, dass die Dämonen sich hitzefrei genommen haben …« 

Konzentriert führte sie das Pendel weiter über die Karte. Nach ein 

paar Minuten begannen die Muskeln in ihrem Unterarm zu schmerzen. 
Seufzend ließ Piper ihre Hand auf die Karte fallen, ohne das 
Silberkettchen des Pendels loszulassen. 

Die junge Hexe blickte sich um. Wo hatte sie nur das Glas mit dem 

Eistee hingestellt? Ah, es stand noch auf der Kommode, aus der sie 
das Pendel geholt hatte. 

Piper wollte gerade aufstehen, um sich das Glas zu holen, als sie 

einen starken Ruck an ihrer rechten Hand spürte. Die Silberkette des 
Pendels war plötzlich straff gespannt, und der Anhänger zitterte. 

Piper runzelte die Stirn. Bevor sie reagieren konnte, gab es einen 

weiteren Ruck. Diesmal war er so stark, dass er ihren ganzen 
Oberkörper mitriss und schmerzhaft gegen die Tischkante drückte. 
Aber Piper achtete gar nicht darauf. Wie ein Hund an der Leine zog 
das Pendel ihre Hand weiter über die Stadtkarte, bis es schließlich 
vibrierend zum Stehen kam. Über einem großen Industriegebiet in der 
Hafengegend. 

Phoebe und Paige müssen ganz in der Nähe sein, dachte Piper 

noch, dann erstarrte sie. 

Direkt unter dem Pendel bildete sich plötzlich wie von selbst ein 

Brandloch in der Karte. Als hätte jemand eine Zigarette darauf 
ausgedrückt. Eine kleine, schwarze Rauchwolke stieg auf. 

»Ach, du meine Güte«, murmelte Piper. 

Dann sprang sie auf und rannte zum Telefon. 

background image

I

M HINTERGRUND HÄMMERTE der technische Assistent 

immer noch an der Nebelmaschine herum. Ab und zu wurde das 
Dröhnen von einem saftigen Fluch unterbrochen. 

Die anderen Mitglieder des Filmteams schienen solche 

Unterbrechungen gewohnt zu sein. Entweder standen sie plaudernd in 
kleinen Grüppchen zusammen oder waren nach draußen gegangen, 
um eine Zigarette zu rauchen. Phoebe hatte nichts dagegen. Auf diese 
Weise konnte sie sich in Ruhe umsehen. Das Filmset war diesmal 
wirklich beeindruckender als der improvisierte Dreh gestern auf der 
Straße. 

Phoebe, die mit großen Augen alles in sich aufnahm, wäre fast 

über eine Metallschiene gestolpert, die an der Bühne entlang lief. 

»Hey, fall langsam!« Phoebe wäre Pete, dem Kameramann, 

beinahe in die Arme gestürzt. Er sah nicht aus, als hätte er etwas 
dagegen gehabt, aber Phoebe konnte einen Zusammenprall gerade 
noch verhindern. 

»Ups, Entschuldigung«, sagte sie und deutete auf die 

Metallschienen. »Wozu ist das denn gut?« 

»Das sind die Schienen für Dolly«, antwortete Pete lächelnd. 

»›Dolly‹? Wer ist das denn schon wieder?« 

»Nicht wer, sondern was. Dolly – so nennt man eine Vorrichtung, 

mit der die Kamera durch die Gegend bewegt wird. Du weißt schon, 
Schienen für Kamerafahrten und so. Diese Schienen lassen sich wie 
bei einer Modelleisenbahn in jeder beliebigen Form 
zusammenstecken, je nachdem welche Kamerafahrten um ein Objekt 
oder einen Schauspieler herum gebraucht werden. Wenn es sein muss, 
kann man diese Schienen zu einer Strecke von hundert Metern oder 
mehr zusammenstecken.« 

Phoebe hörte den Stolz in Petes Stimme heraus. »Aber ist so etwas 

nicht ziemlich teuer?« 

Pete lachte auf. »Allerdings. Normalerweise könnten wir uns für 

›Scream X-Treme‹ gar keine Dolly leisten. Aber weißt du …«, Pete 

background image

sah sich verschwörerisch um, »ich arbeite tagsüber bei einer ziemlich 
großen Produktionsfirma. Und ich habe einen Schlüssel zum 
Geräteraum. Solange ich die Ausrüstung rechtzeitig wieder 
zurückbringe, merkt das niemand, dass sie während der Nacht von 
jemand anderem benutzt wird. Deshalb hoffe ich auch, dass unser 
Schraubendreher da vorn die Nebelmaschine wieder hinkriegt. Sonst 
habe ich ein echtes Problem.« 

»Wenn sie dich feuern, kannst du ja wieder Werbespots für 

Hundefutter drehen. Zusammen mit Virginia Superstar«, lachte Lou. 
Der Ton-Assistent hielt eine unangezündete Zigarette in der Hand, die 
er wohl gerade bei irgendjemand geschnorrt hatte. 

»Nur das nicht«, stöhnte Pete. »Kommst du mit, eine rauchen?« 

Phoebe lächelte und schüttelte den Kopf. »Nein, danke. Ich rauche 

nicht. Ich sehe mich hier lieber noch etwas um.« 

»Okay«, nickte Pete. Zusammen mit seinem Ton-Assistenten 

schlurfte er auf den Ausgang zu. Sie waren kaum fünf Meter weit 
gekommen, als sie sich schon wieder über irgendetwas stritten. 

Phoebe nutzte die Zeit und spazierte noch etwas zwischen den 

aufgebauten Gerätschaften herum. Unglaublich, was für ein Aufwand 
damit verbunden war, so eine einfache Szene zu drehen. Dabei war 
›Scream X-Treme‹ ja noch ein kleiner Independent-Film. Mit Grausen 
dachte Phoebe, an die Monumentalfilme, die sie schon im Kino 
gesehen hatte. Es musste ein wahrer Alptraum sein, ein Filmset mit 
hunderten von Statisten zu koordinieren. 

Eine kleine Tür an der gegenüberliegenden Seite der Halle weckte 

Phoebes Aufmerksamkeit. Die Tür stand einen Spalt breit offen, 
dahinter brannte ein trübes Licht. Neugierig trat sie darauf zu. 

Ein dunkles Augenpaar, versteckt hinter ein paar Kisten, funkelte 

böse auf, als Phoebe die Tür vorsichtig öffnete. 

Die junge Hexe trat in einen Raum, der früher einmal als Putzraum 

gedient haben musste. In der Ecke standen noch ein paar Eimer und 
Putzlappen, die seit Jahren keinen Tropfen Wasser mehr gesehen 
hatten. Aber viel interessanter waren fünf längliche, kleine Holzkisten, 
die in der Mitte des Raumes auf dem Boden lagen. 

Phoebe konnte ein Schaudern nicht unterdrücken. Die geöffneten 

Kisten wirkten wie kleine Särge. 

background image

Sie musste schlucken, als sie näher herantrat. Tatsächlich lag in 

jeder der fünf mit Holzwolle ausgefüllten Kisten eine kleine, leblose 
Gestalt. 

Und was für welche! Phoebe hatte genug Filme gesehen, um sie 

alle wieder zu erkennen: Die erste Puppe war ein leichenblasser Mann 
mit eleganter, aber altmodischer Kleidung und Umhang. Winzige, 
aber nadelspitze Zähne ragten aus seinen grinsenden Mundwinkeln 
heraus. Kein Zweifel, das war Dracula. Obwohl er die Hände vor 
seiner Brust gefaltet hatte, blickte er Phoebe aus kleinen, schwarz 
funkelnden Augen an. In der Kiste neben dem Fürsten der Nacht lag 
eine scheußliche Kreatur, halb Mensch, halb Reptil. Schwimmhäute 
spannten sich zwischen ihren Krallen, und die schuppige Haut glänzte, 
als ob es gerade erst einem Sumpf entstiegen wäre. Das Monster aus 
der versunkenen Lagune. Phoebe erinnerte sich noch gut daran, wie 
sie sich als Kind immer gegruselt hatte, wenn im Fernsehen eine 
Wiederholung dieses alten Schwarz-Weiß-Klassikers lief. 

Phoebe brauchte ein paar Sekunden, um die Puppe in der nächsten 

Kiste zu erkennen. Auch diese Gestalt war in altmodische Kleidung 
gehüllt und trug einen dunklen Hut mit breiter Krempe. Ein etwa fünf 
Zentimeter langes, sehr scharf aussehendes Messer in der Hand der 
Gestalt gab Phoebe schließlich den entscheidenden Anhaltspunkt. Das 
musste Jack the Ripper sein, der verrückte Mörder, der im London des 
späten 19. Jahrhunderts sein Unwesen getrieben hatte. 

»Da hat sich aber jemand Mühe gegeben«, murmelte Phoebe. Die 

Figur sah absolut lebensecht aus, selbst die Klinge in ihrer Hand 
bestand scheinbar aus scharfem, chirurgischem Stahl. 

Die Puppe in der nächsten Kiste zu identifizieren, war nicht 

besonders schwer. Ein Mensch mit dem Kopf eines Wolfes, dessen 
ganzer Körper mit dichtem, dunkelbraunem Fell überzogen war. Ein 
Werwolf. 

Phoebe schluckte. An Kreaturen wie diese verbanden sie einige 

unangenehme Erinnerungen. 

Mit der Figur in Kiste Nummer fünf hatte Phoebe bereits 

Bekanntschaft gemacht. Es war die halb verweste und in Bandagen 
gewickelte Mumie, die sie am Vorabend durch die Gasse gekickt 
hatte. Tim, der Konstrukteur dieser Puppen, hatte sie scheinbar in 
Rekordzeit wieder repariert. 

background image

»Was zum Teufel hast du hier zu suchen?«, zischte eine Stimme 

hinter Phoebe. Die junge Hexe wirbelte erschrocken herum. 

Wenn man vom Teufel sprich t… 

In der Tür stand Tim Sorvino, der Special-Effects-Experte des 

kleinen Filmteams. Er trug wieder ein schwarzes T-Shirt und funkelte 
Phoebe böse an. »Willst du noch ein paar meiner Puppen zerstören?« 

Phoebe hob die Hände zu einer beschwichtigenden Geste. »Nein, 

natürlich nicht. Sorry, wenn ich hier einfach so reingeplatzt bin. Aber 
die Tür stand auf, und ich war einfach neugierig.« 

Sie deutete auf die Puppen in ihren kleinen Holzsärgen. »Die 

Figuren sind wirklich klasse. So unglaublich … lebensecht.« Phoebe 
wollte Tim damit beruhigen, aber so leicht ließ sich der junge Mann 
nicht um den Finger wickeln. 

»Natürlich sind sie lebensecht. Ich habe monatelang daran 

gearbeitet. Sie sind kleine Kunstwerke. Meine … Schöpfungen!« 

Wie ein wildes Tier, das seine Jungen schützen will, strich Sorvino 

um Phoebe herum und stellte sich zwischen sie und seine Puppen. 
»Sie sind kleine Meisterwerke. Wenn dieser Film erst einmal 
abgedreht ist, werden sich die großen Studios um meine Animations-
Technik reißen. Das heißt, wenn nicht vorher wieder jemand kommt 
und sie in den Mülleimer tritt!« 

Phoebe schluckte. Es war wohl besser, das Feld zu räumen. Sie 

hatte sich mittlerweile nun wahrlich oft genug bei Sorvino 
entschuldigt. 

»Okay«, sagte sie, »vergiss einfach, dass ich hier gewesen bin. Ich 

habe auch nichts angerührt.« 

Mit schnellen Schritten verließ Phoebe den kleinen Raum und trat 

zurück in die Halle. Auf der Türschwelle drehte sie sich noch einmal 
um. Sorvino hatte sich über die Holzkisten gebeugt und hielt die 
Mumie im Arm. 

Wie ein kleines Baby. 

Eigentlich ein ziemlich lächerlicher Anblick, aber Phoebe bekam 

trotzdem eine Gänsehaut. Sorvino schien seine ferngesteuerten 
Geschöpfe wirklich zu lieben. Und Phoebe konnte nicht vergessen, 

background image

wie die kleinen Monster sie aus ihren toten Knopfaugen angestarrt 
hatten. 

Phoebes Gänsehaut ließ sie so sehr erzittern, dass sie das Vibrieren 

ihres Handys in der Tasche ihrer Shorts im ersten Augenblick gar 
nicht bemerkte. Dann zog sie es erstaunt heraus und blickte auf das 
Display. 

Es war der Festanschluss des Halliwell-Hauses. Das musste Piper 

sein. 

»Piper, was gibt's denn?«, fragte Phoebe in den Hörer. Sie war 

froh, dass sie ihr Handy auf stummen Alarm gestellt hatte. Ein 
piependes Handy auf einem Filmset hätte ihr garantiert eine Menge 
böser Blicke eingebrockt. 

»Hi, Phoebe«, tönte es aus dem Hörer. Es war tatsächlich Pipers 

Stimme. Und sie klang aufgeregt. »Ich fürchte, euer Ausflug zum 
Film ist für heute beendet. Wenn ich dem Pendel glauben darf, treibt 
sich ganz in eurer Nähe ein Dämon herum. Ein sehr seltsamer 
anscheinend.« 

»Wie meinst du das?«, fragte Phoebe erstaunt. Sie war bereits in 

einen leichten Laufschritt verfallen, um so schnell wie möglich Paige 
zu informieren. Dieses Filmset – und sein Regisseur – mochten noch 
so interessant sein, aber ihre Pflichten als Hexen gingen vor. 

»Na ja, als ich den Erscheinungsort des Dämons ausgependelt 

habe«, fuhr Piper am anderen Ende fort, »ist erst die Karte verbrannt 
und dann hat das Pendel angefangen zu glühen. Ich habe so etwas 
noch nie erlebt.« 

»Sehr seltsam«, sagte Phoebe. Sie konnte Paige bereits sehen. Sie 

stand immer noch am Rand der Bühne und redete mit Andy. »Wo 
genau ist der Dämon denn aufgetaucht?« 

»Der Karte nach ganz in eurer Nähe. Im Industriegebiet im 

Hafenviertel. Irgendwo auf dem Gelände einer alten Fabrik. Ich 
konnte den Namen auf der angeschmorten Karte nicht genau lesen. 
Aber es ist nur ein paar Straßen vom Pier 17 entfernt. Da treibt ihr 
euch doch herum, oder? Ich steige jetzt ins Auto und wir treffen uns 
da. Bis gleich!«, rief Piper in den Hörer. 

»Bis gleich!«, antwortete Phoebe, aber Piper hatte bereits 

aufgelegt. 

background image

Auf dem Set hatten die Dreharbeiten wieder begonnen. Die 

Nebelmaschine sprühte ein paar Rauchschwaden auf die Bühne. Die 
Kamera surrte, während Virginia in dem Pentagramm kniete und ihre 
alberne Beschwörung sprach. Aber Phoebe achtete jetzt gar nicht 
darauf. 

»Paige«, flüsterte sie ihrer Schwester ins Ohr, um die Aufnahme 

nicht zu stören. »Wir müssen gehen. Piper hat einen Dämon geortet. 
Ganz in der Nähe.« 

»Oh, nein!«, Paige verdrehte die Augen. Dann zögerte sie einen 

Augenblick und tippte Andy auf die Schulter. »Tut mir Leid, Andy. 
Wir müssen los. Ein, äh, Notfall in der Familie.« 

Andy wandte seinen Blick nur kurz von der Bühne ab. Aber in 

seiner Stimme schwang echtes Bedauern mit. »Wirklich? Wir sehen 
uns doch morgen wieder, oder?« 

»Klar!« Paige lächelte den Regisseur an, während Phoebe sie 

bereits am Arm zog. »Ich habe ja schließlich einen Job, oder?« 

Bevor Andy antworten konnte, hatte Phoebe ihre jüngere 

Halbschwester bereits durch die halbe Halle geschleift. 

»Was soll denn die Eile?«, protestierte Paige. »Was genau ist denn 

eigentlich los?« 

»Piper hat irgendeinen Dämon entdeckt. Ganz in der Nähe. Hab ich 

doch gesagt!« 

»Ja, aber wo genau treibt sich diese höllische Nervensäge denn nun 

rum?« 

Phoebe zog die große Tür der Lagerhalle auf. Draußen war es 

bereits dunkel. Ein Schwall warmer Luft quoll den beiden Hexen 
entgegen. »Sie konnte es leider nicht mehr genau feststellen«, 
antwortete Phoebe. 

»Na, toll. Dann können wir ja ewig suchen, oder?« 

Phoebe riss die Augen auf. »Das glaube ich weniger.« 

Sie deutete über den Vorplatz der Halle hinweg. 

Ein paar Meter entfernt erhellte ein rötliches Glühen die Nacht. 

»Ach, du liebes bisschen«, murmelte Paige. 

background image

P

IPER RASTE MIT EINEM mörderischen Tempo durch das 

Industriegebiet. Zum Glück waren die Straßen und Zufahrtswege um 
diese späte Stunde menschenleer. Die Federung des Wagens 
quietschte protestierend, als das Fahrzeug über ein Schlagloch raste, 
ein paar Zentimeter durch die Luft segelte und krachend wieder auf 
dem Asphalt aufschlug. Pipers Hände krampften sich so fest um das 
Lenkrad, dass ihre Knöchel weiß heraustraten. 

Schon aus einiger Entfernung hatte sie das rote Glühen am 

Horizont bemerkt. Es sah bedrohlich aus, so als hätte jemand 
vergessen, eine überdimensionale Herdplatte auszuschalten. Immerhin 
ersparte ihr dieses Phänomen die Suche nach dem Aufenthaltsort des 
Dämons. 

Natürlich hätte sich Piper diese Rallye durch das verlassene 

Industriegebiet sparen können, wenn sie sich mit Leo einfach an den 
Ort des Geschehens georbt hätte. Aber da sie keine Ahnung hatte, was 
sie dort erwartete, hielt sie es für besser, den traditionellen Weg zu 
wählen. 

Schließlich hatte sie keine Lust, in einem Mini-Vulkan zu 

materialisieren oder eine ähnlich tödliche Überraschung zu erleben. 

Mit quietschenden Reifen steuerte sie den Wagen um eine Kurve. 

Noch verdeckte eine große Halle die Sicht auf die Ursache des 
Glühens. Piper hatte das unangenehme Gefühl, dass die Hitze zunahm. 
Oder war das nur Einbildung? Ihre Frage beantwortete sich von selbst. 
Die junge Hexe riss die Augen auf, als sie an der Halle vorbeifuhr und 
auf ein weiteres Industriegebäude zujagte. 

Es stand in hellen Flammen. 

Feuerzungen loderten aus den zerborstenen Fenstern des Gebäudes. 

Rauch quoll ins Freie, und der Flammenschein verwandelte die 
Dunkelheit der Nacht in rötliches Licht. Piper steuerte den Wagen auf 
den großen Parkplatz vor dem Gebäude. Von hier aus konnte sie ein 
Schild über dem Haupteingang erkennen: »AmSteel Stahlgießerei«. 

Den Namen hatte Piper schon einmal irgendwo gehört, soweit sie 

sich erinnerte, wurden hier Stahlplatten für den Schiffsbau gegossen. 

background image

Etwa zwanzig Meter vor dem Industriegebäude stoppte Piper den 

Wagen und sprang heraus. Eine Welle aus heißer Luft schlug ihr 
entgegen und raubte ihr im ersten Augenblick den Atem. 

Ihr erster Impuls war es, zum Handy zu greifen und die Feuerwehr 

zu informieren. Doch dann besann sie sich eines Besseren. Wenn 
dieses Feuer tatsächlich magische Ursachen hatte – und davon musste 
sie ausgehen – dann war es sinnvoller, die Lage erst einmal allein zu 
erkunden. 

Die Feuerwehrmänner von San Francisco wussten wahrscheinlich 

am besten, was bei einem Industriefeuer zu tun war, aber gegen einen 
Dämon würden ihre Wasserschläuche wahrscheinlich wenig 
ausrichten können. 

Piper fuhr herum, als sie hinter sich ein Hupen hörte. Ein alter 

Pick-up näherte sich. Am Steuer saß Phoebe. Paige klammerte sich 
auf dem Beifahrersitz an ihren Sicherheitsgurt. Offensichtlich hatte 
Phoebe auf ihrer Fahrt hierher auch ein paar Verkehrsregeln 
übertreten. 

Der Pick-up stoppte neben Piper. Phoebe und Paige sprangen 

heraus. Fasziniert blickten sie auf die Flammen, die immer wütender 
aus den Fenstern hochschlugen. 

»Ach, du liebe Güte!«, rief Paige und blickte hinauf. »Diese 

trockene Hitze ist gar nicht gut für meine Haut. Hast du schon die 
Feuerwehr gerufen, Piper?« 

Piper schüttelte den Kopf. Die Schwestern mussten schreien, um 

das Prasseln der Flammen zu übertönen. 

»Nein, aber es kann nicht mehr lange dauern, bis sie hier eintrifft. 

Wahrscheinlich werden auch andere die Flammen bemerken. Wir 
sollten die Zeit nutzen und uns erst einmal umsehen. Wenn hinter 
diesem Feuer ein Dämon steckt, dann müssen wir ihn vernichten, 
bevor die Feuerwehr hier eintrifft.« 

Die drei Schwestern blickten sich an. Es war ihnen anzusehen, dass 

sie sich nicht wohl fühlten in ihrer Haut. Schließlich war mit so einem 
Feuer nicht zu spaßen. Selbst ohne eine dämonische Bedrohung würde 
es lebensgefährlich sein, das Gebäude zu betreten. 

»Na schön«, sagte Phoebe schließlich. »Gehen wir rein!« 

background image

Vorsichtig näherten sich die drei Hexen dem Haupteingang. Die 

Flammen loderten aus dem hinteren Teil des Gebäudes, also schien es 
– zumindest vorläufig – relativ sicher zu sein, es von vorn zu betreten. 

Die Glastür mit dem Logo der Stahlgießerei war unverschlossen. 

Vorsichtig drückte Piper sie auf. 

Die drei Hexen zuckten zusammen, als ein Luftzug an ihnen 

vorbeizischte und wie eine plötzliche Sturmböe von außen ins Innere 
der Eingangshalle fegte. 

»Was war das denn?«, rief Paige erschrocken auf. 

Phoebe hustete und schnappte dann nach Luft. »Die Hitze im 

hinteren Teil muss einen großen Teil des Sauerstoffs aus dem Rest des 
Gebäudes angesaugt haben. Und da die Tür zu war, konnte kein neuer 
Sauerstoff von außen nachströmen. Bis jetzt.« 

»Wow.« Piper nickte anerkennend. »Woher weißt du so etwas, 

Phoebe?« 

Phoebe zuckte mit den Schultern. »Aus einem Feuerwehr-Film. 

Backdraft, mit Robert DeNiro.« 

Vielleicht sollte ich doch öfter mal ins Kino gehen, dachte Piper. 

Dann sah sie die zusammengesunkene Gestalt am hinteren Ende der 
Einganshalle, die leblos hinter dem Empfangspult lag. »Da ist 
jemand!«, rief sie, und die drei Hexen stürmten los. 

Sekunden später hatten sie die Gestalt erreicht. Es war ein alter 

Mann in Nachtwächteruniform. Sein Gesicht war aschfahl. Piper 
konnte nicht erkennen, ob er noch atmete. Seine Hand ruhte auf einem 
kleinen Schaltpult, auf dem auch ein Knopf für den Feueralarm 
angebracht war. Offensichtlich musste der Nachtwächter ohnmächtig 
zusammengebrochen sein, bevor er den Alarm auslösen konnte. 

»Sieht aus, als hätte der Sauerstoffmangel ihn ohnmächtig werden 

lassen«, sagte Phoebe wie zur Bestätigung. Dann fühlte die mittlere 
Halliwell-Schwester den Puls des alten Mannes. »Aber er lebt noch. 
Paige, kannst du ihn bitte raus an die frische Luft tragen? Wir sehen 
uns mal an, was dieses Feuer ausgelöst hat.« 

»Geht klar.« Paige nickte und sprang mit einem Satz über das 

Empfangspult, um den alten Nachtwächter hinauszuziehen. »Wie 
finde ich euch denn wieder?« 

background image

Piper deutete auf eine Durchgangstür, die offensichtlich vom 

repräsentativen Eingangsbereich der Fabrik zu den eigentlichen 
Produktionshallen führte. 

»Immer der Hitze nach.« 

Während Paige den alten Mann schnaufend mit einem 

Rettungsgriff Richtung Ausgang schleppte, rannten Piper und Phoebe 
auf die Tür der Produktionshallen zu. 

Piper war etwas schneller und griff nach der Klinke. Im selben 

Augenblick zuckte ihre Hand zurück. 

»Autsch, die Tür ist ganz heiß!« 

Dann zog sie den Stoff ihrer Bluse lang, um ihn wie einen 

improvisierten Topflappen um die Klinke zu wickeln. 

»So geht's«, rief sie zufrieden und drückte die Klinke herunter. 

Phoebe stand neben ihrer Schwester und stutzte. 

Die Tür war heiß? 

Sie musste wieder an Backdraft  denken, den Film, den sie gerade 

erwähnt hatte. 

Irgendetwas war da doch … 

Dann fiel es ihr wieder ein! 

»Nicht öffnen!«, schrie Phoebe, aber es war zu spät. Piper hatte die 

Klinke bereits heruntergedrückt. 

background image

P

IPER SAH AUS DEN AUGENWINKELN ETWAS auf sich 

zustürmen. 

Es war Phoebe. 

Bevor Piper reagieren konnte, spürte sie einen harten Stoß an der 

Schulter. Ihre Schwester hatte sie mit enormer Wucht zu Boden 
gerissen. 

»Hey!«, rief Piper erstaunt auf. Es gab einen schmerzhaften 

Aufprall, diesmal mit der anderen Schulter. Im selben Augenblick 
fegte etwas unglaublich Heißes über die Köpfe der beiden Schwestern 
hinweg. 

Eine orange-rote Flammenzunge. Sie loderte ein paar Augenblicke 

lang in den Eingangssaal hinein, dann zog sie sich zischend – fast wie 
ein lebendes Wesen – in die Werkshalle zurück. 

»W-Was war denn das?«, fragte Piper erstaunt. Die beiden 

Halliwell-Schwestern lagen jetzt einen knappen Meter neben der 
geöffneten Tür und rappelten sich wieder auf. Phoebe reichte ihrer 
Schwester die Hand und half ihr beim Aufstehen. 

»Ein so genannter ›Backdraft‹«, keuchte Phoebe, noch etwas außer 

Atem. »Durch das Offnen der Tür erhält das Feuer dahinter neuen 
Sauerstoff und lodert mit einer Stichflamme auf.« 

»Ich bin echt froh, dass du so oft ins Kino gehst, Phoebe«, seufzte 

Piper und klopfte ihrer Schwester anerkennend auf die Schulter. 
»Sonst hätte es jetzt eine ›Heiße Hexe‹ gegeben.« 

Gleichzeitig ärgerte sich Piper über sich selbst. Irgendwo hatte sie 

mal gelesen, dass man bei einem Feuer niemals eine Tür öffnen 
durfte, die sich heiß anfühlte. Daran hätte sie sich auch ein paar 
Sekunden eher erinnern können. Zum Glück war das Ganze noch 
einmal gut gegangen. 

Vorsichtig blickten die beiden Schwestern in die Halle. Der Raum 

war tatsächlich riesig, überall standen gewaltige Maschinen, die zum 
Schmelzen und Verarbeiten des Stahls gebraucht wurden. 

background image

Einige davon standen in Flammen. Dicker, schwarzer Rauch quoll 

aus ihnen hervor, wahrscheinlich von den Stromkabeln, die im Innern 
der Maschinen verschmorten. Vorsichtig gingen Piper und Phoebe ein 
paar Schritte hinein. 

Die Hitze war unerträglich. 

»Bist du sicher, dass dies das Werk eines Dämons ist, Piper?«, 

fragte Phoebe. 

Piper blickte sich um. Irgendetwas in dem Flammenmeer vor ihnen 

erweckte ihre Aufmerksamkeit. Es dauerte einen Moment, bis ihre 
Augen in den lodernden Flammen einen Umriss erkennen konnten. 

»Ganz sicher, Phoebe«, sagte Piper und schluckte. »Schau mal da 

vorn!« 

Phoebe blickte auf die von ihrer Schwester bezeichnete Stelle. Und 

sie traute ihren Augen nicht. 

Inmitten der Flammen stand eine menschenähnliche Gestalt. Das 

Feuer schien ihr nichts auszumachen. Im Gegenteil, wer – oder was – 
das auch war, genoss die lodernden Flamenzungen. 

Kein Wunder. Die Gestalt – daran, dass es ein Dämon war, bestand 

nun kein Zweifel mehr – bestand selbst aus Flammen. 

»Das gibt's doch nicht!«, keuchte Phoebe. 

Im selben Augenblick entdeckte der Flammen-Mann die beiden 

Hexen. Ohne zu zögern trat er auf sie zu. Das Wesen besaß tatsächlich 
eine menschenähnliche Gestalt, schien aber aus reinem Feuer zu 
bestehen. 

»Wow, das wäre  ein großartiger Spezialeffekt für einen Film«, 

sagte Phoebe. 

Fassungslos beobachtete Piper, wie ihre jüngere Schwester die 

Finger ihrer beiden Hände zu einer improvisierten Kameralinse formte 
und die Feuer-Kreatur dadurch betrachtete. »Oscarreif, würde ich 
sagen.« 

»Ähm, Phoebe, könntest du dein Spielfilm-Debüt vielleicht später 

planen? Dieses Ding sieht mir nicht danach aus, als würde es deinen 
Regieanweisungen folgen.« 

background image

Wie zur Bestätigung stieß der Flammen-Mann ein zischendes 

Fauchen aus und hob den Arm wie ein Baseballspieler, der einen Ball 
werfen will. 

Doch die Kreatur schleuderte keinen Ball, sondern eine lodernde 

Feuerkugel. 

»Achtung!«, rief Phoebe. Beide Hexen sprangen nach links und 

rechts in Deckung. 

Die Feuerkugel zischte über sie hinweg und prallte mit einem 

Auflodern gegen die Wand hinter ihnen. 

»Das wäre eine tolle Szene für den Werbetrailer gewesen«, keuchte 

Phoebe, als sie wieder auf die Beine sprang. 

»Phoebe, verflixt noch mal!« Piper verlor allmählich die Geduld. 

»Das hier ist kein Film. Dieser Feuer-Dämon ist verdammt real. Wir 
müssen ihn vernichten.« 

Phoebe nickte. »Ja, du hast ja Recht. Frier ihn doch einfach ein, 

dann können wir uns in Ruhe überlegen, wie wir ihn kaltstellen.« 

Piper nickte, hob die Hände und konzentrierte sich kurz. 

Nichts passierte. Abgesehen davon, dass der Flammen-Dämon mit 

einem Grollen auf sie zupreschte. 

»Du meine Güte! Zur Seite!«, rief Phoebe. 

Das Flammen-Monster raste auf die beiden Schwestern zu, die 

gerade noch ausweichen konnten. Piper hatte so etwas fast befürchtet. 
Dieses Wesen bestand tatsächlich nur aus Flammen – einer Substanz, 
die sie nicht mit einem Erstarrungszauber belegen konnte. 

Wütend, dass es seine Opfer schon wieder verfehlt hatte, blieb der 

Flammen-Dämon stehen. Erneut hob er seine Hand, um einen neuen 
Flammenball auf die hilflosen Hexen zu schleudern. 

»Ich glaube, über das Drehbuch müssen wir noch einmal reden«, 

schluckte Phoebe. 

Nach dem letzten Hechtsprung waren Piper und sie in einer Ecke 

der Halle gelandet. Viel Raum, um den tödlichen Flammenkugeln 
auszuweichen, hatten sie nicht mehr. Hinter ihnen war nur noch die 
Wand, vor ihnen stand der Dämon und der einzige Fluchtweg führte 
weiter in das Innere der Halle hinein. Doch die brannte bereits 

background image

lichterloh. Der Flammen-Mann gab ein triumphierendes Fauchen von 
sich. In seiner Hand bildete sich eine neue Flammenkugel. 

»Und nun?«, keuchte Phoebe. 

»Und nun wird es Zeit für eine Abkühlung!« 

Überrascht blickten Piper und Phoebe an dem Flammen-Monster 

vorbei. Auch der Dämon schaute sich überrascht um. 

Hinter ihm stand Paige, die Dritte im Bunde. 

Sie hatte den alten Nachtwächter sicher auf dem Hof vor der 

Fabrik abgesetzt und war dann zurück in das Gebäude gelaufen. 

Und in ihrer Hand hielt sie einen Feuerlöscher. 

Bevor der Dämon reagieren konnte, presste Paige den Hebel 

herunter. Ein Strahl aus weißem Schaum schoss auf den Dämon zu. 
Als der Schaum seinen Körper berührte, gab es ein lautes Zischen. Die 
Kreatur bäumte sich auf. Der Löschschaum schien ihr Schmerzen zu 
bereiten, aber reichte nicht aus, um sie zu vernichten. 

Immerhin gelang es Paige, die Kreatur von ihren Schwestern 

wegzuscheuchen, indem sie sie mit gezielten Löschstrahlen durch die 
Halle trieb. 

»Sehr gut, Paige!«, rief Phoebe. »Du hast die Hauptrolle!« 

Aber Paiges siegesbewusstes Grinsen dauerte nicht lange an. Der 

herausspritzende Schaumstrahl wurde von mal zu mal kleiner und 
schwächer. Der Feuerlöscher war fast leer. 

»Äh, Schwestern?«, rief Paige, »wie geht es jetzt weiter?« 

Das Gesicht des Flammen-Dämons verzerrte sich zu einem 

Grinsen. Noch ein paar letzte Schaumspritzer, dann würden die drei 
Schwestern wieder so hilflos sein wie zuvor. 

Aber Piper hatte eine Idee. Sie sah vielleicht nicht so viele Filme 

wie Phoebe, dafür war sie aber ein großer Fan von Fernseh-
Dokumentationen. Und erst letzte Woche hatte sie einen Bericht über 
die Löscharbeiten an Großfeuern gelesen. Wenn gar nichts mehr ging, 
griffen professionelle Feuerwehrleute zum letzten Mittel: Dynamit. 
Die Druckwelle einer Explosion war so gewaltig, dass sie selbst einen 
lodernden Großbrand ausblasen konnte. 

background image

Und Explosionen waren nun auch zufällig ihr zweites Fachgebiet. 

»Paige, Phoebe! Runter!« 

Die beiden Schwestern kannten Pipers Kräfte und ahnten, was jetzt 

kam. Ohne es ihnen zweimal sagen zu müssen, warfen sie sich zu 
Boden. Paige hielt sich sogar die Ohren zu. 

»Hey, Feuerkopf!«, rief Piper. »Es ist schon ohne dich heiß genug. 

Zeit, dass du dahin zurückgehst, wo du hergekommen bist. Zur 
Hölle!« 

Der Flammen-Dämon starrte Piper hasserfüllt an. Doch bevor er 

etwas unternehmen konnte, riss Piper die Arme hoch. 

Sie musste sich nur vorstellen, dass dieses Monster explodierte und 

– im selben Augenblick erschütterte eine Explosion die Fabrikhalle. 

Der Dämon brüllte auf. 

Wie ein Feuerwerkskörper zerbarst er. Hunderte von kleinen 

Feuerballen, einige so groß wie eine Faust, einige so klein wie 
Streichholzflammen, zischten durch die Luft. 

Dort, wo sie auf die Wände und Maschinen trafen, entstanden 

sofort neue, kleine Feuerherde. Aber darauf kam es jetzt auch nicht 
mehr an. Die Fabrikhalle war sowieso nicht mehr zu retten. 

Dichter Rauch erfüllte jetzt die gesamte Halle. 

»Großartig gemacht, Schwesterherz«, hustete Paige. 

»Danke für die Blumen. Du warst auch nicht schlecht. Aber wir 

sollten jetzt erst einmal sehen, dass wir Land gewinnen. Ich fürchte, 
hier wird gleich alles zusammenkrachen.« 

Piper scheuchte ihre beiden jüngeren Schwestern zur Tür hinaus. 

Durch die Eingangshalle hindurch gelangten sie rasch ins Freie. 

Die Nachtluft war zwar noch immer schwül und stickig, aber 

verglichen mit der verqualmten Hitze in der Fabrik war sie die reinste 
Frühlingsbrise. 

Gierig sogen die drei Hexen die Luft in ihre Lungen. Ein paar 

Straßen weiter ertönten Feuerwehrsirenen. Sekunden später war auch 
das Aufblitzen der ersten Signallichter zu sehen. 

Piper wischte sich über die mit Ruß verschmierte Stirn. 

background image

»Wir sollten jetzt besser verschwinden und die Feuerwehr ihren 

Job machen lassen. Ich habe heute Nacht keine Lust mehr, Fragen zu 
beantworten. Paige, wie geht es dem Nachtwächter?« 

Die jüngste der drei Schwestern kniete neben dem alten Mann, der 

auf dem Asphalt des Parkplatzes lag, in sicherer Entfernung von dem 
Flammenmeer. Er atmete wieder tief und ruhig durch. Seine Augen 
blinzelten bereits wieder. 

»Der ist okay, Piper. Sieht aus, als würde er in ein paar Minuten 

wieder zu sich kommen.« 

»Okay. Dann nichts wie weg. Ich glaube, ich habe noch nie im 

Leben so dringend eine Dusche gebraucht, wie jetzt.« 

Phoebe und Paige liefen zum Pick-up, Piper rannte zu ihrem 

eigenen Wagen. 

Bevor sie einstiegen, blieben sie noch einmal stehen und grinsten 

sich an. Dann hoben sie ihre Hände und ließen die Handflächen 
zusammenklatschen. 

»Auf die Hexen-Feuerwehr!« 

background image

»

M

USS DAS SEIN?«, fragte Piper etwas genervt. 

Die drei Schwestern hatten das Fabrikgelände verlassen, kurz 

bevor die Feuerwehr eingetroffen war. Auf dem Heimweg hatte 
Phoebe ihrer Schwester vom Pick-up aus ein Handzeichen gegeben. 
Sie wollte noch einmal am Pier 17 vorbei und Andy besuchen. 

Eigentlich war es Paige gewesen, die auf dem Beifahrersitz so 

lange gequengelt hatte, bis Phoebe endlich nachgab. Piper folgte den 
beiden in ihrem eigenen Wagen. Nun standen beide Autos direkt vor 
dem Tor der alten Lagerhalle. 

»Ich möchte mich nur kurz verabschieden«, sagte Paige mit einem 

entschuldigenden Schulterzucken. »Immerhin bin ich jetzt ein festes 
Mitglied der Filmcrew.« 

»Ach ja?« Piper runzelte die Stirn. »Wie kommt das? Jetzt sag 

nicht, du spielst auch eine Rolle in diesem Streifen.« 

»Nur hinter der Kamera«, grinste Paige. »Ich bin jetzt die 

technische Beraterin für Hexenfragen.« 

Mit diesen Worten zog Paige die große Schiebetür auf und 

schlüpfte hindurch. 

Piper blieb fassungslos zurück. »Könnte mir das bitte mal jemand 

erklären?« 

Phoebe seufzte. Da sonst niemand da war, war mit ›jemand‹ wohl 

sie gemeint. Piper würde nicht gerade begeistert sein zu erfahren, dass 
Paige ihr Hexenwissen jetzt einer Filmproduktion zur Verfügung 
stellte. 

Unterdessen durchquerte Paige die Halle mit schnellen Schritten. 

Auf der kleinen Bühne herrschte noch buntes Treiben, aber es sah fast 
so aus, als würde die Crew ihre Ausrüstung schon wieder 
zusammenpacken. 

Andy stand mit Pete, dem Kameramann in einer Ecke und 

diskutierte. Der junge Regisseur lächelte, als er Paige sah. Dann 
stutzte er. 

»Paige! Wie siehst du denn aus?« 

background image

»Hm? Was meinst du …?« 

Im ersten Augenblick wusste Paige nicht, worauf Andy anspielte. 

Dann fiel ihr ein, dass ihr Gesicht von dem Kampf mit dem Flammen-
Dämon noch ganz mit Ruß verschmiert sein musste. 

»Oh, äh, das …«, lachte sie verlegen und wischte sich über die 

Stirn. »Unser, äh, Wagen ist unterwegs liegen geblieben und ich 
musste ein bisschen am Motor rumschrauben.« 

Andy und Pete nickten anerkennend. »Jetzt sag nicht, du verstehst 

neben dem Okkultismus auch noch etwas von Technik«, grinste Andy. 
»Dann kannst du ja demnächst die Nebelmaschine reparieren.« 

Bloß nicht, dachte Paige. Ich verstehe von Technik etwa so viel 

wie du von Magie. 

»Ja, äh, mal sehen. Aber sag mal, seid ihr etwa schon fertig?« 

»Für heute schon. Wir hatten nur diese eine Szene auf dem 

Drehplan. Und ehrlich gesagt, sind wir etwas nervös geworden, als 
wir ganz in der Nähe die Sirenen gehört haben. Wir sind zwar heute 
völlig legal hier, aber es ist uns wohl schon in Fleisch und Blut 
übergegangen, wegzulaufen, wenn wir Polizeisirenen hören.« 

Das war doch nur die Feuerwehr, wollte Paige gerade sagen, biss 

sich aber dann auf die Lippen. Andy war kein Dummkopf, und er 
würde in Anbetracht ihres verschmierten Gesichts vielleicht erraten 
können, dass sie irgendetwas mit dem Feuer zu tun hatte. 

»Dreht ihr denn morgen wieder?«, fragte Paige stattdessen. 

»Klar. Die nächsten zwei Wochen noch. Wir haben ja gerade erst 

angefangen. Bist du dabei? Wir sind morgen wieder hier. Um die 
gleiche Zeit.« 

Paige strahlte übers ganze Gesicht. »Klar bin ich wieder mit dabei. 

Bis Morgen, Andy. Ciao, Pete.« 

Die beiden jungen Männer nickten Paige zu und steckten dann 

wieder die Köpfe in den Drehplan, den Andy in der Hand hielt. 
Erschöpft, aber gut gelaunt, durchquerte Paige die Halle und schritt 
durch das Tor ins Freie. Ihre beiden Schwestern warteten schon. Piper 
blickte sie streng an. Dann fiel ihr Blick, nicht weniger streng, auf 
Phoebe. 

background image

»Paige, Phoebe, ich glaube, wenn wir zu Hause sind, müssen wir 

mal über euren neuen Film-Tick reden.« 

Ja, Mami, dachte Paige und stieg seufzend zu Phoebe ins Auto. 

Kaum waren die drei Hexen vom Parkplatz der Halle 

verschwunden, löste sich eine Gestalt aus dem Schatten. In der 
Dunkelheit war er mit seinem schwarzen T-Shirt fast unsichtbar 
gewesen. 

Tim Sorvino, der Puppenbauer, blickte den davonfahrenden Autos 

finster hinterher. 

»Können Sie mir schon etwas sagen?« 

Darryl Morris, Detective des Police Department von San 

Francisco, blickte den Gerichtsmediziner erwartungsvoll an. Die 
Nachtluft hier im Golden Gate Park war noch schwüler als in der 
Stadt. Darryl wischte sich mit einem Taschentuch über die 
schweißnasse Stirn. Die Hitzewelle hatte ihn den ganzen Tag lang auf 
Trab gehalten. Und jetzt auch noch das. 

Doktor Nyang, der Gerichtsmediziner, blickte von der Leiche auf, 

die abseits des Hauptweges hinter einem Busch lag. 

»Nun ja, die Frau ist tot. So viel kann ich mit Sicherheit schon 

einmal sagen.« • 

»Sehr witzig«, murmelte Darryl. »Darauf wäre ich auch selbst 

gekommen, Doc. Todesursache und Zeit des Todes?« 

»Ich kann auch nicht hexen, Detective. Genaueres kann ich Ihnen 

erst nach einer Laboruntersuchung sagen.« 

Natürlich, dachte der Polizist. Das war der Standard-Satz jedes

Gerichtsmediziners. Wenn es nach den Ärzten ging, würden sie am 
liebsten erst dann irgendwelche Aussagen treffen, wenn sie 
wochenlange Untersuchungen an den Opfern durchgeführt hatten. 
Aber er als Ermittler hatte ganz andere Prioritäten. Der Statistik – und 
seiner Erfahrung – zufolge, wurden die meisten Gewaltverbrechen 
innerhalb der ersten vierundzwanzig Stunden aufgeklärt. Danach 
sanken die Chancen, den Täter zu fassen, beinahe stündlich. 

Die Zeit drängte also, wie üblich. 

background image

»Kommen Sie, Doc. Geben Sie mir irgendetwas, womit ich 

arbeiten kann.« 

Doktor Nyang seufzte. Das aufblitzende Licht der umstehenden 

Polizeiwagen spiegelte sich in den Gläsern seiner Brille wider. 

»Also schön«, antwortete er fast widerwillig und wandte sich der 

Leiche zu. »Das Mordopfer ist weiblich, etwa vierzig Jahre alt, weiß. 
Ich würde vermuten, dass der Tod vor etwa, na ja, sagen wir zwanzig 
Stunden eingetreten ist. Also irgendwann letzte Nacht. Die große 
Hitze der letzten Tage macht eine genauere Bestimmung natürlich 
schwierig. Ich muss mich da zunächst mal auf die Hinweise meiner 
kleinen Helfer verlassen.« 

»Kleine Helfer?«, fragte Darryl erstaunt. Von was zum Teufel 

redete der Mann? 

»Nun ja, bereits wenige Minuten nach dem Tod eines Menschen 

werden eine Vielzahl kleinerer Insekten von der Leiche angelockt. 
Besonders im Freien. Einige davon benutzen unsere sterblichen 
Überreste, um ihre Eier darin abzulegen. An der Art des 
Insektenbefalls lässt sich der Todeszeitpunkt relativ präzise ablesen. 
Diese kleinen Racker sind wahre Präzisionsarbeiter. Schauen Sie hier 
– da haben sich bereits ein paar Larven der –« 

Detective Morris winkte ab. Mehr wollte er gar nicht wissen. 

»Doc, bitte ersparen Sie mir diese Details. Die Frau ist also etwa 

seit zwanzig Stunden tot?« 

»So sieht's aus.« 

Darryl machte sich ein paar Notizen in einen Block. Na großartig. 

Damit war die Vierundzwanzig-Stunden-Frist beinahe abgelaufen. 
»Und was ist mit Todesursache und Tatwaffe?« 

Doktor Nyang zögerte. Und das machte Darryl stutzig. Der 

Detective ahnte nichts Gutes. 

»Tja, das ist ein wenig seltsam, Detective«, antwortete der 

Leichenbeschauer schließlich und deutete auf die Füße der toten Frau, 
die mit dem Bauch auf dem Boden lag. »Sehen Sie diese kleinen 
Einstiche im Bereich der Füße und Unterschenkel?« 

Darryl blickte genauer hin. Der Tatort wurde von den 

Scheinwerfern der umstehenden Polizeiwagen beleuchtet. Das flach 

background image

einfallende Licht warf lange Schatten auf den Boden und das 
Mordopfer. Der Detective hatte diese seltsamen, kleinen Verletzungen 
tatsächlich noch nicht bemerkt. 

»Ja, jetzt, wo Sie's sagen. Was ist denn das?« 

Doktor Nyang kratzte sich am Hinterkopf. »Ich würde meinen, es 

handelt sich dabei um kleine Einstiche, die mit einem sehr scharfen 
Präzisionswerkzeug verursacht wurden. Möglicherweise einem 
Skalpell oder so etwas.« 

Darryl schüttelte den Kopf. »Und warum an den Füßen?« 

»Wie es aussieht, hat der Angreifer gezielt auf die Beine 

eingestochen, um ein paar Sehnen und Muskeln zu verletzen. So 
lange, bis das Opfer nicht mehr in der Lage war, wegzulaufen.« 

»Mein Gott«, murmelte Darryl. Wie grausam. 

Nyang fuhr fort und deutete auf den Rücken der toten Frau. »Und 

nachdem sie erst einmal bewegungsunfähig war, hat der Mörder ihr 
mit demselben, kleinen Instrument den Rest gegeben. Ich zähle hier 
mindestens zwanzig bis dreißig kleine Einstiche, durch die diverse 
innere Organe verletzt wurden. Und das ziemlich gezielt. Der Mörder 
kannte sich mit der menschlichen Anatomie scheinbar gut aus und 
wusste, was er tat.« 

Die arme Frau, dachte Darryl. In seiner Karriere als Polizist hatte 

er schon einige Mordopfer gesehen, aber der Fund einer Leiche ging 
ihm jedes Mal unter die Haut. Besonders, wenn das Opfer unter so 
grausamen Umständen ums Leben gekommen war wie in diesem Fall. 

»Aber warum so viele kleine Einstiche, Doc?«, fragte Darryl 

schließlich. »Wäre ein großes, normales Messer nicht viel einfacher 
gewesen?« 

Nyang zuckte mit den Schultern. Dann stand er wieder auf und 

nickte einem seiner Assistenten zu. Der junge Mann warf ein weißes 
Tuch über die Leiche. 

»Natürlich, Detective. Aber vielleicht hatte der Täter kein anderes 

Mordwerkzeug zur Hand. Obwohl ich es für unwahrscheinlich halte, 
dass jemand mit einem Skalpell in der Tasche durch den nächtlichen 
Park läuft. Es sei denn, er hat auch vor, es zu benutzen. Wenn Sie 
mich fragen … ein Ritualmord.« 

background image

Darryl Morris stöhnte innerlich auf. Auch das noch. Der Alptraum 

jedes Polizisten. Ritualmörderwaren schwer zu fassen, da ihnen ein 
normales Motiv wie Eifersucht oder Habgier fehlte. Und außerdem 
war so etwas ein gefundenes Fressen für die Presse. Gerade in der 
sommerlichen Saure-Gurken-Zeit, in der sonst nichts passierte. Der 
Polizeichef würde ihm die Hölle heiß machen, wenn das hier 
tatsächlich das Werk eines verrückten Ritualmörders war. Sein 
verlängertes Wochenende und den geplanten Segeltörn würde er wohl 
vergessen können. 

Mit einem schnappenden Geräusch zog sich Doktor Nyang die 

Gummihandschuhe aus. Dann reichte er Darryl die Hand. 

»Viel Glück, Detective. Sie werden es brauchen können. Sobald 

ich weitere Ergebnisse habe, lasse ich es Sie wissen. Gute Nacht.« 

»Gute Nacht, Doktor Nyang«, erwiderte Darryl. 

Vor allem würde es eine lange Nacht werden. 

Piper saß todmüde hinter dem Steuer und passierte gerade den 

Golden Gate Park, als ihr das blaue Aufblitzen auffiel. Ein paar 
Polizeiwagen rollten gerade mit Schrittgeschwindigkeit aus dem Park 
und folgten dem großen Wagen des städtischen Leichenbeschauers. 

»Oh-Oh«, murmelte Piper zu sich selbst. »Sieht aus, als hätte es 

hier ein Verbrechen gegeben.« 

Als sie eine Gestalt sah, die müde und mit hängenden Schultern 

über den Bürgersteig schlurfte, verringerte sie ihr Tempo. 

Das war Darryl Morris, ihr Freund vom Polizeipräsidium. Er war 

wohl gerade auf dem Weg zu seinem Privatwagen, der am Rande des 
Parks abgestellt war. 

Piper setzte den Blinker und fuhr an den Straßenrand. Im 

Rückspiegel konnte sie sehen, dass der Pick-up mit Phoebe und Paige 
ihr folgte. Dann kurbelte sie das Seitenfenster herunter. 

»Darryl, hallo!«, rief sie und schaltete den Motor aus. »Was 

machst du denn noch hier?« 

Darryl blickte überrascht auf. Als er Piper erkannte, huschte der 

Anflug eines Lächelns über sein Gesicht. »Hallo Piper!« Dann fiel 

background image

sein Blick auf den Pick-up, aus dem Phoebe und Paige gerade 
ausstiegen. 

»Ist ja wirklich zauberhaft, euch zu treffen. Aber eigentlich sollte 

ich euch verhaften. Drei Personen in zwei Autos – wir haben Smog-
Alarm der Stufe zwei, falls ihr es noch nicht bemerkt habt«, sagte er 
zum Scherz. 

Dann stutzte er, als er die immer noch rußverschmierten Gesichter 

der drei Hexen bemerkte. »Aber dass der Smog schon so schlimm ist, 
war selbst mir nicht klar …« 

»Oh, das«, grinste Piper und wischte sich etwas Ruß aus dem 

Gesicht. »Das ist nur ein kleines Andenken an eine kleine 
Fabrikbesichtigung. War eine heiße Nacht.« 

Darryl nickte nur. Er wusste vom geheimen Hexen-Job der drei 

jungen Frauen, auch wenn er es manchmal gar nicht so recht glauben 
konnte. Es war besser, nicht nachzufragen, gegen welche Kreaturen 
die drei Zauberhaften jetzt schon wieder gekämpft hatten. 

Aber dann kam ihm eine Idee. 

»Hört mal, ich habe es gerade offensichtlich mit einem verrückten 

Ritualmörder zu tun. Er hat gestern Nacht eine Frau mit ein paar 
Dutzend winzigen Messerstichen getötet, direkt hier im Park.« Darryl 
deutete mit einer Handbewegung über seine Schulter. 

»Oh, Gott, wie entsetzlich«, sagte Paige. »Die Arme!« 

Darryl nickte. »Allerdings. Ich frage mich, ob ihr mir vielleicht 

helfen könntet. Wenn es ein Ritualmord war, dann gibt es vielleicht 
auch okkulte Hintergründe. Und das fällt ja in euer Fachgebiet.« 

»Verstehe«, nickte Piper ernst. »Du möchtest, dass wir mal im 

Buch der Schatten nachsehen. Können wir gerne machen, Darryl.« 

»Danke, das ist nett von euch. Obwohl das Ganze wahrscheinlich 

nur das Werk eines Irren ist. Aber ich will alle Möglichkeiten 
ausschöpfen, um diesen Fall zu klären. So schnell wie möglich.« 

»Meinst du, der Kerl schlägt noch mal zu?«, fragte Phoebe. 

»Der Kerl oder die Frau«, nickte der Detective. »Ich will es nicht 

hoffen, aber möglich ist es. Diese Hitze macht die Leute verrückt. 
Offensichtlich im wahrsten Sinne des Wortes.« 

background image

»Wir befragen das Buch der Schatten gleich morgen früh und 

lassen dich wissen, wenn wir etwas herausgefunden haben, Darryl.« 

Piper reichte dem Detective die Hand. Die anderen beiden 

verabschiedeten sich mit einem Winken und stiegen wieder in den 
Pick-up. 

»Danke, ich weiß das zu schätzen«, rief Darryl den Hexen 

hinterher. »Und denkt dran – teilt euch demnächst ein Auto, wenn es 
geht.« 

Kaum zwanzig Minuten später erreichten die drei Hexen das 

Halliwell-Haus. Nach einer kleinen Auseinandersetzung darüber, wer 
zuerst die Dusche benutzen durfte, fielen sie kurz darauf in ihre 
Betten. 

Trotz der schwülen Nachtluft schliefen Piper, Phoebe und Paige 

fast augenblicklich ein. 

background image

A

LS PAIGE AM NÄCHSTEN MORGEN die Küche des 

Halliwell-Hauses betrat, durchzog bereits der Duft von frischem 
Kaffee das Haus. Obwohl die Sonne noch tief am Morgenhimmel 
stand, musste die Temperatur bereits wieder niemals fünfundzwanzig 
Grad betragen. 

»Guten Morgen, Paige«, sagte Phoebe und kaute weiter an ihrem 

Obstsalat. 

Paige blickte mit großen Augen auf die Schüssel und setzte sich 

neben ihre Halbschwester an den Küchentisch. Sekunden später 
schaufelte sie sich bereits ein paar Löffel von dem Obstsalat in eine 
Dessertschale. »Bei diesem Wetter geht doch nichts über frisches 
Obst.« 

»Stimmt«, schmatzte Phoebe. »Piper hat ihn gemacht. Wir haben 

echt Glück, dass unsere Schwester so eine Frühaufsteherin ist.« 

Paige nickte und probierte einen Löffel von dem Salat. Er war – 

wie zu erwarten – köstlich. 

»Wo steckt Piper eigentlich?«, fragte sie zwischen zwei Bissen. 

Phoebe deutete mit einer Handbewegung Richtung Flur. »Oben, 

auf dem Dachboden. Sie schaut im Buch der Schatten nach, ob sie 
irgendetwas über diesen seltsamen Mord herausfinden kann. Wie sie 
es Darryl versprochen hat.« 

»Scheußliche Sache«, murmelte Paige, ohne dass die Erinnerung 

an Darryls Bericht ihr den Appetit zu rauben schien. »Hoffentlich 
findet sie eine Spur und …« 

Phoebe hob eine Hand. »Sei mal kurz ruhig, bitte«, sagte sie und 

blickte auf das kleine Küchenradio über der Spüle. »Da laufen gerade 
Nachrichten.« 

Tatsächlich verlas der Nachrichtensprecher eines lokalen Senders 

gerade die neuesten Meldungen aus der Bay Area. 

»… handelt es sich bei der ermordeten Frau um Cynthia Rosswell, 

eine Bürgerin von San Francisco. Die Polizei hat offenbar noch keine 
heiße Spur, was Tatmotiv oder Täter angeht. Ebenfalls ungeklärt ist 

background image

auch die Ursache eines Großbrandes in einer Stahlgießerei am 
Hafenviertel. Das Gebäude brannte fast völlig nieder. Ein 
Nachtwächter, der bei dem Feuer leicht verletzt wurde, ist heute 
Morgen bereits wieder aus dem Krankenhaus entlassen worden …« 

»Gott sei Dank«, murmelte Paige zufrieden. 

»… und heiß hergeht es auch am Wochenende, Leute!« 

Der Radiosprecher hatte seinen seriösen Tonfall wieder abgelegt 

und schwatzte nun wieder mit professioneller guter Laune ins 
Mikrofon. 

»Unsere Wetterfrösche melden, dass die Hitze an diesem 

Wochenende voraussichtlich ein neues Rekordhoch erreichen wird. 
Eine Abkühlung ist vorerst nicht in Sicht. Deshalb wenigsten von 
unserer Seite eine kleine Abkühlung von ›Cool and the Gang‹ mit …« 

Phoebe stand auf und drehte das Radio leiser. Auf dem Rückweg 

zum Küchentisch griff sie nach der Kaffeekanne und schenkte Paige 
dann eine Tasse voll ein. 

»Meinst du, dass Piper da oben etwas über diesen Mord 

herausfindet?«, fragte Paige. 

»Keine Ahnung«, antwortete Phoebe mit einem Schulterzucken. 

»Warten wir es ab.« 

Piper Halliwell schnaufte. Hier oben auf dem Dachboden hatte sich 

die Hitze der vergangenen Tage aufgestaut wie in einer Sauna. Und 
genauso kam sie sich auch vor. Seit einer halben Stunde blätterte sie 
nun schon im Buch der Schatten – bislang ohne Ergebnis. 

Natürlich gab es eine Menge Eintragungen über okkulte 

Ritualmorde. Piper bekam trotz der Hitze eine Gänsehaut, wenn sie 
las, was Menschen ihren Mitmenschen alles antaten, um die Mächte 
des Bösen zu beschwören. Dabei ging dieser Schuss in den 
allermeisten Fällen nach hinten los. 

Trotzdem hatte sie nichts über einen Ritualmord gefunden, der zu 

dem Tathergang des Mordes im Park passte. 

Wahrscheinlich hatte Darryl mit seiner Vermutung Recht: Das 

Ganze war nur das Werk eines Irren gewesen. 

background image

Obwohl das natürlich schlimm genug war, spürte Piper doch eine 

gewisse Erleichterung. Zumindest lief da draußen wahrscheinlich kein 
verblendeter Wahnsinniger umher, der andere Menschen tötete, um 
einen Dämon zu beschwören. 

Piper wischte sich ein paar Schweißtropfen von der Stirn und 

klappte das Buch der Schatten zu. Sie konnte hören, wie ihre beiden 
Schwestern sich in der Küche unterhielten. Wenn sie sich nicht 
beeilte, würden die beiden den Fruchtsalat alleine vertilgen. 

Mit einem Grinsen im Gesicht schloss sie die Dachbodentür hinter 

sich zu und ging die Treppe hinunter. Mit jeder Stufe wurde es ein 
wenig kühler. Unten im Flur war die Temperatur auszuhalten, aber das 
würde sich ändern, wenn erst einmal die Mittagssonne auf das Haus 
knallte. 

Piper hatte sich vorgenommen, an diesem Samstag das Haus ein 

wenig herauszuputzen. Also sollte sie möglichst bald damit anfangen, 
bevor die Hitze wieder unerträglich wurde. Mit der Hilfe ihrer 
Schwestern würde sie wahrscheinlich nicht rechnen können. Aber es 
gab ja da noch einen gewissen Wächter des Lichts, der 
praktischerweise auch noch ihr Ehemann war. Zum Glück ahnte er 
noch nicht, dass Piper ihn heute als Putzmann eingeteilt hatte. 

»Guten Morgen, Mädels«, grüßte Piper, als sie die Küche betrat. 

Phoebe und Paige blickten kauend auf. »Hi, Piper«, riefen sie wie 

aus einem Mund. 

Piper blickte mit einer hochgezogenen Augenbraue auf die 

Schüssel mit dem Obstsalat. Viel war tatsächlich nicht mehr darin. Die 
älteste der Halliwell-Schwestern nahm sich eine Dessertschale und 
schaufelte sich den Rest des Obstsalates hinein. Wie immer hatten ihre 
beiden Schwestern die delikatesten Obststückchen – die Kiwi-, 
Mango- und Pfirsich-Scheiben – gezielt herausgefischt. 

»Hast du im Buch der Schatten etwas herausgefunden?«, fragte 

Phoebe interessiert. 

»Nein, leider nicht.« Piper schüttelte den Kopf. »Ich werde gleich 

Darryl anrufen und ihm Bescheid geben. Aber sagt mal, ihr habt nicht 
zufällig Lust, mir beim Hausputz zu helfen, oder?« 

Paige verschluckte sich vor Schreck an ihrem Obstsalat. »Um 

Gottes willen … äh, ich meine, tut mir Leid, Piper. Ich muss dringend 

background image

noch ein paar Sachen im Internet recherchieren. Wegen meinem neuen 
Job als Beraterin für ›Scream X-Treme‹, weißt du?« 

»Und ich wollte gleich in die Stadtbibliothek. Ich möchte mir ein 

bisschen Literatur über das Filmemachen besorgen. Ich finde das 
Ganze wahnsinnig interessant.« 

Piper kaute auf ihrem Obstsalat und blickte ihre Schwestern dann 

streng an. »Darüber wollte ich sowieso noch mit euch reden. Es ist ja 
schön, dass ihr ein neues Hobby entdeckt habt, aber ich glaube, die 
ganze Filmerei ist euch ein wenig zu Kopf gestiegen.« 

»Besonders ein gewisser, süßer Regisseur, stimmt's, Paige?«, 

fragte Phoebe dazwischen und grinste ihre jüngere Halbschwester 
schnippisch an. 

»Nur kein Neid«, gab Paige zurück. Sie benutzte ihren 

Dessertlöffel als Katapult und schoss einen Kirschkern in Phoebes 
Richtung. 

Bevor Phoebe darauf angemessen reagieren konnte, hob Piper die 

Hände. 

»Im Ernst, ihr Zwei. Denkt daran, dass unsere Aufgaben als Hexen 

in jedem Fall wichtiger sind. Ich möchte nicht, dass der nächste 
Dämon die halbe Stadt in Schutt und Asche legt, nur weil ihr euch 
gerade auf einem Filmset herumtreibt und nicht erreichbar seid, 
okay?« 

»Alles klar«, erwiderte Phoebe. »Die Dreharbeiten zu ›Scream X-

Treme‹ dauern ja nur noch zwei Wochen. Und wenn wir auf dem Set 
sind, lassen wir unsere Handys auf jeden Fall eingeschaltet.« 

»Versprochen«, stimmte Paige zu. 

Piper leerte erleichtert ihre Dessertschale. »Okay. Aber vergesst es 

bitte nicht. Und jetzt verschwindet ihr besser. Es wird Zeit für meinen 
Hausputz!« 

Lachend sprangen Paige und Phoebe auf und verließen fluchtartig 

die Küche. 

»Lauft! Lauft!«, rief Paige übertrieben theatralisch. »Die 

Staubhexe ist hinter uns her.« 

»Hoffentlich hat sie ihren Zauberbesen dabei«, lachte Phoebe. 

background image

Piper blickte ihren beiden Schwestern grinsend hinterher. 

Zauberbesen?, dachte sie. Da habe ich etwas viel Besseres … 

»Leo!« 

background image

10 

D

IE KLIMAANLAGE DER STADTBIBLIOTHEK in der 

Larkin Street arbeitete auf Hochtouren. Trotzdem konnte sie nicht viel 
mehr tun, als die warme Luft im Inneren der ehrwürdigen Hallen 
umzuwälzen. Besonders hier, im Computerraum der Bibliothek, war 
die Luft stickig und trocken. Die Wärme der Rechner und ihrer 
Bildschirme heizte sie zusätzlich auf. 

Paige und Phoebe waren gemeinsam zur Bibliothek gefahren. 

Während Phoebe irgendwo nebenan die Kataloge nach Büchern über 
das Filmemachen durchwühlte, stellte Paige über das Internet ihre 
eigenen Recherchen an. Dank dem Netz der Netze war es heute zum 
Glück kein Problem mehr, etwas über Filme und Filmschaffende zu 
erfahren. Ein einfacher Suchbefehl bei www.imdb.com,  der »Internet 
Movie Database« hatte Paige zu einer kompletten Film-Biografie von 
Andy Stewart geführt. Der süße Regisseur von ›Scream X-Treme‹ 
hatte noch nicht allzu viel gedreht, dieser Film war wohl tatsächlich 
seine erste, größere Produktion. Zuvor hatte er nur bei ein paar 
Studentenfilmen und Werbespots Regie geführt. 

Pikanterweise war einer dieser Spots eine Werbung für 

»Smootchie-Hundekuchen« gewesen. Und neben einem Königspudel 
war der menschliche ›Star‹ dieser kleinen Produktion eine gewisse 
›Maggie Pilfinger‹ gewesen, die sich kurz darauf in ›Virginia 
Fontaine‹ umbenannt hatte. Die Hauptdarstellerin von ›Scream X-
Treme‹. 

Paige musste schmunzeln. Wenn diese aufgeblasene Pute das 

nächste Mal wieder mit ihren Star-Allüren nervte, würde sie Miss 
Pilfinger an ihre wenig ruhmreiche Vergangenheit erinnern. 

Aber noch erstaunlicher war, dass irgendein fleißiger Film-Freak 

schon ein paar Informationen über ›Scream X-Treme‹ in der Internet-
Datenbank gepostet hatte. Die Namen der meisten Schauspieler neben 
Virginia alias Maggie sagten Paige gar nichts, nur der Name Gustav 
Landreau ließ irgendwelche Glöckchen in ihrem Kopf läuten. 
Irgendwo hatte sie diesen Namen schon einmal gehört. 

Die Tastatur klackerte, als Paige diesen Namen in das Suchfenster 

des Internet-Browsers eingab. Sekunden später wurden ihr gleich ein 

background image

paar Dutzend Webseiten angezeigt, die sich mit Mister Landreau 
beschäftigten. 

Kein Wunder – nachdem Paige das erste Bild dieses Mannes sah, 

wusste sie auch warum. Das digitalisierte Foto zeigte einen gut 
aussehenden, dunkelhaarigen Mann mit einem typischen 40er-Jahre-
Gesicht, der neben einer altmodischen Kamera stand und einem 
Schauspieler im Werwolf-Kostüm irgendwelche Anweisungen gab. 

Natürlich! Gustav Landreau war einer der berühmtesten Grusel-

Regisseure des alten Hollywood gewesen. Erst neulich hatte Paige 
einen seiner Werwolf-Filme im Fernsehen gesehen. Mit der 
Computermaus ließ Paige die Seite über den Bildschirm gleiten. Im 
unteren Teil waren alle Filme von Landreau aufgeführt. Es mussten 
Dutzende sein. Und den Titeln nach waren alle gängigen Filmmonster 
vertreten: Dracula, Werwölfe, Frankenstein, die Mumie und noch 
einige andere. Der abgedruckten Biografie zufolge war Landreau 
Mitte der 30er Jahre – wie viele andere Regisseure auch – vor den 
Nazis aus Europa geflohen und hatte seine Karriere in Hollywood 
fortgesetzt. Bis in die 60er Jahre hinein hatte er scheinbar jedes Jahr 
zwei oder mehr Filme gedreht. Danach wurde die Liste der Filme 
kürzer. Wahrscheinlich, so dachte Paige, war Landreau wie viele 
seiner Kollegen ein Opfer des Fernsehens geworden. 

Und nun spielte er eine Gastrolle in Andy Stewards ›Scream X-

Treme‹. Was für eine schöne Idee: Eine Legende des Gruselfilms trat 
im Erstlingswerk eines hoffnungsvollen Jungregisseurs auf – der dazu 
noch von den lebendig gewordenen Horror-Kreaturen des Altmeisters 
handelte. 

Paige klickte auf das ›Drucken‹-Symbol des Web-Browsers. Sie 

musste Phoebe unbedingt zeigen, was sie herausgefunden hatte. 

Im selben Augenblick streckte Phoebe im Freihandmagazin der 

Bibliothek die Hand nach einem Buch aus, das ganz oben im Regal 
einsortiert worden war. Vergeblich. Es stand einfach zu hoch. 
Vorsichtig blickte sie sich um. Konnte sie es wagen, ihre Kräfte 
einzusetzen, um einen kleinen Luftsprung zu machen? 

In diesem Augenblick bog ein junger Mann um das Regal, vor dem 

sie stand. Er lächelte Phoebe an. 

background image

»Warte, ich helfe dir.« 

Der junge Mann war mindestens zwei Köpfe größer als Phoebe 

und zog das Buch mit Leichtigkeit aus dem Regal. Er musste sich 
dazu nicht mal auf die Zehenspitzen stellen. Dann warf er einen Blick 
auf den Titel, bevor er es an Phoebe weiterreichte. 

»Oh, ›100 Wege zum perfekten Hollywood-Script‹. Bist du 

Drehbuch-Autorin?« 

Phoebe errötete ein wenig. »Ah, nein. Aber ich interessiere mich 

sehr dafür. Und ich habe selbst eine Menge Dinge erlebt, aus denen 
man bestimmt einen guten Film machen könnte.« 

Der junge Mann lächelte Phoebe immer noch an. Seine dunklen 

Haare waren kurz geschnitten, und er trug ein gut sitzendes Karo-
Hemd, unter dem sich ein muskulöser Oberkörper abzeichnete. 

»Das ist gut. Man sollte immer über Dinge schreiben, die man 

kennt«, erwiderte er. 

Na toll, dachte Phoebe. Dann ist mir ja eine Karriere als Autorin 

von Horrorfilmen sicher. 

Der nette junge Mann hielt Phoebe lächelnd die Hand hin. »Ich 

heiße übrigens Thomas. Ich bin selber Filmstudent.« 

»Ach, wirklich?«, fragte Phoebe ehrlich interessiert. »Vielleicht 

kannst du mir bei Gelegenheit ja mal ein paar Tipps geben.« 

»Nur zu gern«, erwiderte Thomas. Phoebe wollte ihn gerade 

fragen, ob er schon an irgendwelchen Produktionen mitgewirkt hatte, 
als Paige um die Ecke bog. In ihrer Hand hielt sie einen 
Computerausdruck. 

»Hey, Phoebe«, rief sie. Dass sie sich in einer öffentlichen 

Bibliothek befand, schien sie nicht weiter zu stören. »Sieh mal, was 
ich hier gefunden habe …« 

Paige stutzte einen Augenblick, als sie Thomas an Phoebes Seite

sah. »Oh, hallo. Ich bin Paige, Phoebes Schwester. Äh, ich störe doch 
nicht, oder?« 

Phoebe und Thomas schüttelten hastig den Kopf. 

»Nein, gar nicht.« 

background image

»Na, dann ist ja gut.« Paige hielt ihrer Schwester den 

Computerausdruck hin. 

»Was ist denn das?«, fragte Phoebe und blickte auf das Blatt. 

»Ein paar Informationen, die ich über Andys Film gefunden habe. 

Er hat als Gaststar einen alten Regisseur angeheuert, Gustav 
Landreau.« 

Phoebe sagte der Name gar nichts, aber Thomas blickte erstaunt 

auf. »Landreau? Meine Güte, ich wusste gar nicht, dass der Mann 
noch lebt. Der muss ja mittlerweile steinalt sein.« 

Der junge Filmstudent schüttelte amüsiert den Kopf. Dann stutzte 

er, als er auf den Zettel blickte, den inzwischen Phoebe in der Hand 
hielt. »Ach, ist das der Film von Andy Stewart? Dann hat er ja 
tatsächlich genug Geld zusammengeschnorrt, um endlich sein Projekt 
zu realisieren.« 

Phoebe blickte den Studenten erstaunt an. »Du kennst Andy?« 

»Na ja, ›kennen‹ ist zu viel gesagt. Wir haben früher an der 

Filmhochschule ein paar Regiekurse zusammen besucht. Und uns eine 
Zeit lang in denselben Kneipen herumgetrieben und über Filme 
diskutiert. Aber irgendwann hat er angefangen, sich komisch zu 
benehmen und dann habe ich ihn aus den Augen verloren.« 

Paige blickte Thomas enttäuscht an. Sie hatte schon gehofft, durch 

ihn vielleicht ein bisschen mehr über Andy zu erfahren. Aber was 
meinte er mit ›er hat angefangen, sich komisch zu benehmen‹? Bevor 
sie nachfragen konnte, blickte Phoebe auf ihre Armbanduhr. 

»Mensch, Paige, wir müssen langsam los. Ich würde mich auf dem 

Set von ›Scream X-Treme‹ gerne noch etwas umsehen, bevor die 
Dreharbeiten beginnen.« 

»Na, dann grüßt Andy mal schön von mir«, sagte Thomas. Dann 

schrieb er etwas auf einen Zettel und reichte ihn Phoebe. 

»Hier, meine Telefonnummer. Wenn du magst, kannst du mich ja 

mal anrufen, wenn du Fragen zum Thema Filmemachen hast.« 

Thomas lächelte Phoebe noch einmal an und verabschiedete sich 

dann. Ein paar Sekunden später war er schon wieder irgendwo 
zwischen den Reihen der Bücherregale verschwunden. 

background image

»Netter Junge«, sagte Paige und knuffte ihrer Schwester den 

Ellbogen in die Rippen. »An deiner Stelle würde ich ihn gleich 
nächste Woche mal anrufen.« 

Phoebe grinste und machte ein paar Schritte zu einem Tisch, auf 

dem ein großer Stapel Bücher lag. Ihre Ausbeute. Sie nahm ein paar 
davon und drückte sie Paige in die Arme. 

»An deiner Stelle würde ich erst mal ein paar hiervon zur 

Ausgabestelle tragen, Schwesterherz.« 

Leo seufzte und stellte den Wischmob in die Ecke. »Wie wäre es 

mit einer Pause, Piper?«, fragte er erschöpft. 

Piper Halliwell grinste. Sie hatte gar nicht gewusst, dass ein 

Wächter des Lichts so schwitzen konnte. Na gut, zugegeben, sie waren 
jetzt auch schon seit Stunden dabei, das Haus zu putzen und die Sonne 
stand mittlerweile hoch am Himmel. Sie selbst konnte langsam eine 
Pause gebrauchen. »Aber erst noch den Flur wischen, Leo«, sagte sie 
und lächelte ihren Ehemann mit Unschuldsmiene an. »Du wirst doch 
nicht schon schlapp machen, du großer starker Wächter des Lichts?« 
Dann deutete sie auf den Wischeimer, der schon im Flur bereitstand. 

Leo seufzte. »›Oh, du Ausgeburt der Hölle!‹«, zitierte er aus 

Goethes ›Zauberlehrling‹.« »›Soll das ganze Haus ersaufen? Seh ich 
über jede Schwelle doch schon Wasserströme laufen.‹« 

»Sehr witzig«, grinste Piper und reichte ihrem erschöpften 

Ehemann ein Glas Eistee. »Ich mache dir einen Vorschlag, du 
Putzteufel – du schrubbst noch den Flur hier unten, ich staube auf dem 
Dachboden ab und dann treffen wir uns auf halbem Weg in meinem 
Zimmer und …« 

Piper flüsterte ihrem Ehemann etwas ins Ohr. Leo riss die Augen 

auf. Dann schnappte er sich den Wischmob und begann, wie besessen 
damit, das Parkett zu schrubben. »Worauf wartest du noch?«, fragte er 
augenzwinkernd. »Ab an die Arbeit, damit wir fertig sind, bevor deine 
Schwestern wieder zurück sind.« 

Piper blickte vom Treppenabsatz noch einmal zurück. »Keine 

Sorge, Leo. Die beiden fahren nachher noch auf das Set von diesem 
albernen Film und sind vor heute Abend nicht zurück.« 

background image

Sie lächelte Leo verführerisch an. 

»Wir haben also den ganzen Tag für uns.« 

Paige steckte den Kopf aus dem Fenster des Pick-ups, um sich 

durch den Fahrtwind etwas Abkühlung zu verschaffen. Der 
Radiomoderator hatte heute Morgen Recht gehabt. Es war tatsächlich 
noch heißer geworden. 

Phoebe kannte mittlerweile den Weg zum Pier 17 und steuerte den 

Wagen auf den Platz der alten Lagerhalle. Ein paar andere Autos 
standen bereits auf dem Parkplatz. Es waren ausschließlich ältere 
Modelle mit diversen Kratzern und Rostbeulen. Hollywood-
Limousinen wie man sie vom Fernsehen her kannte, suchte man am 
Set von ›Scream X-Treme‹ vergeblich. Bis auf eine Ausnahme. 

»Schau mal da«, sagte Phoebe verwundert und deutete auf einen 

schwarzen Mercedes, der zwischen den ausgebeulten Klapperkisten 
stand. Der Luxuswagen war so auf Hochglanz poliert, dass sein 
makelloser, schwarzer Lack die Sonnenstrahlen reflektierte. 

»Du meine Güte«, staunte nun auch Paige. »Hat da jemand im 

Lotto gewonnen? Die Kiste hat ja bestimmt mehr gekostet als die 
ganzen Dreharbeiten. Wem der wohl gehört?« 

»Keine Ahnung«, antwortete Phoebe, als die beiden Schwestern 

ausstiegen. Die wenigen Parkplätze im Schatten des Gebäudes waren 
leider alle schon belegt gewesen. Der Pick-up stand in der prallen 
Sonne und würde in ein paar Stunden der reinste Backofen sein. 
»Aber wir werden es sicher herausfinden.« 

Phoebe und Paige schritten auf die Lagerhalle zu. Im Inneren 

würde es hoffentlich wieder etwas kühler sein. Mit einem Ruck zog 
Phoebe das Schiebetor auf. 

Im nächsten Augenblick zuckten die beiden Schwestern 

erschrocken zusammen. 

Eine hagere, runzlige Gestalt stand auf der anderen Seite der Tür 

und blickte sie aus schwarzen Augen an. Mit seinen grauen Haaren 
und dem strengen, schwarzen Anzug sah der Mann aus wie ein 
Totengräber. 

»Kann ich Ihnen helfen, Ladies?«, fragte der Fremde und grinste. 

background image

11

P

HOEBE UND PAIGE BLICKTEN die seltsame Gestalt 

erschrocken an. Eine Sekunde lang wussten sie nicht, was sie sagen 
sollten. 

Dann erkannte Paige den Mann wieder. Sie hatte gerade erst sein 

Bild in der Hand gehabt. Das war … 

»Mister Landreau!«, rief eine Stimme aus dem Inneren der Halle. 

»Da sind Sie ja. Und Sie haben Paige und Phoebe bereits kennen 
gelernt.« 

Es war Andy Stewart, der da angelaufen kam. Überschwänglich 

stellte er die beiden Hexen und den alten Mann einander vor. »Mister 
Landreau ist der Gaststar der heutigen Szene. Ich weiß nicht, ob ihr 
ihn kennt. Er ist ein berühmter …« 

»… Regisseur von Horrorfilmen, ich weiß«, antwortete Paige und 

schüttelte die Hand des alten Mannes. Seine Haut fühlte sich rau und 
trocken an, wie uraltes Pergament. »Freut mich, Sie kennen zu lernen, 
Mister Landreau.« 

Auch Phoebe schüttelte die Hand des alten Mannes. »Wie geht es 

Ihnen, Sir?« 

Landreau winkte ab. »Ach, die Hitze macht mir natürlich zu 

schaffen. Und wenn es nicht die Hitze ist, dann ist es die Kälte. Oder 
der Regen. Aber solange wir alten Leute etwas zu klagen haben, 
können wir nicht klagen.« 

Die Mundwinkel des alten Mannes verzogen sich zu einem 

Grinsen. Einen Augenblick lang fürchtete Paige, dass seine 
Pergamenthaut dabei reißen könnte. 

»Kommt mit, Leute, wir wollen anfangen. Wir haben heute eine

Menge vor.« Überschwänglich ging Andy zurück zum Set und 
bedeutete den anderen, ihm zu folgen. 

»Dein Andy ist ja ganz aufgedreht«, flüsterte Phoebe ihrer 

Schwester zu und grinste. 

»Er ist nicht ›mein‹ Andy. Na ja, zumindest noch nicht. Aber du 

hast Recht, er ist wirklich ganz aufgekratzt. Warum auch nicht? 

background image

Schließlich hat man auch nicht jeden Tag eine lebende Legende zu 
Gast.« 

Die beiden Schwestern folgten Andy und Landreau, die schon ein 

Stück vorgegangen waren. »Obwohl ich zugeben muss, dass mir 
dieser alte Knacker irgendwie unheimlich ist«, flüsterte Paige im 
Gehen. 

Phoebe nickte stumm. Ihr ging es ganz ähnlich. Und etwas war 

seltsam gewesen. Neben ihrer Hexenkraft, die es ihr ermöglichte, zu 
schweben, verfügte sie auch über die Gabe, Visionen zu empfangen. 
Normalerweise konnte sie damit einen kurzen Blick auf eine mögliche 
Zukunft werfen. Aber es gab noch einen anderen Effekt, über den sie 
nie groß geredet hatte. Wann immer sie einen Menschen zum ersten 
Mal berührte, spürte sie so etwas wie die Vibration seiner Seele. Es 
war wie ein winziger, nicht unangenehmer Stromstoß, ein sanftes 
Kribbeln, das bei jedem anders und unverwechselbar war. 

Bei Landreau hatte sie gar nichts gespürt. 

Mmh, murmelte sie vor sich hin. Wahrscheinlich hatte das gar 

nichts zu bedeuten. Trotzdem spürte Phoebe ein leichtes Frösteln, das 
nicht nur von der kühlen Luft hier in der Lagerhalle herrührte. 

Am Rand der kleinen Bühne war bereits alles für den Dreh 

vorbereitet. Gustav Landreau stand mit einem Drehbuch in der Hand 
neben Andy und nickte. Wahrscheinlich erklärte der Regisseur ihm 
gerade noch einmal seine Rolle. 

»… und Sie treten dann auf diesen Altar zu und erwecken die 

Werwolf-Puppe mit einem Zauber zum Leben. Alles klar, Mister 
Landreau?«, hörten die beiden Schwestern, als sie näher traten. 

Der alte Mann nickte. Dann fiel sein Blick auf eine winzige 

Gestalt, die sich von der Seite der Bühne näherte. 

Es war ein Miniatur-Werwolf. 

»Ah, da kommt ja auch der eigentliche Star dieser Szene!«, rief 

Landreau begeistert. Sekunden spätertauchte ein junger, blasser Mann 
in einem schwarzen T-Shirt auf. Tim Sorvino. Er hielt eine kleine 
Fernbedienung in der Hand, mit der er die Figur des Werwolfs 
steuerte. 

background image

Paige schluckte. »Meine Güte, Phoebe – kein Wunder, dass du 

diese Mumie neulich für echt gehalten hast. Schau dir nur an, wie sich 
der Kleine bewegt. Das sieht absolut realistisch aus.« 

Wie auf Kommando blieb der kleine Werwolf stehen, drehte den 

Kopf und knurrte Phoebe mit einer Grimasse an. Es klang wie das 
Knurren eines Hundes. Eines sehr bösartigen, kleinen Hundes. 

Instinktiv machten die beiden Schwestern einen Satz zurück. Tim 

Sorvino, der diese Aktion des Werwolfs mit seiner Fernbedienung 
gesteuert hatte, lächelte zufrieden. Er hatte offensichtlich gehofft, dass 
die beiden jungen Frauen so reagierten. 

»Sehr witzig«, knurrte Phoebe. 

Im selben Augenblick kniete sich Landreau mit knirschenden 

Knochen vor der Werwolf-Figur hin und strich ihr bewundernd über 
das Fell. »Wirklich ganz großartig«, lobte er Sorvino. »Wenn ich mir 
vorstelle, was wir damals für Filme hätten drehen können, wenn wir 
schon so eine Technik zur Verfügung gehabt hätten! Meinen 
Glückwunsch, junger Mann, zu dieser einzigartigen Schöpfung.« 

Sorvino errötete. Es war das erste Mal, dass Phoebe überhaupt 

einen Anflug von Farbe im blassen Gesicht des jungen Mannes sah. 

»Ach, das ist doch nichts gegen das, was Sie früher mit Ihren 

Mitteln geleistet haben«, gab Sorvino zurück und blickte fast 
schüchtern zu Boden. 

Was für ein Schleimer, dachte Phoebe nur. Sie wollte Paige etwas 

zuflüstern, aber ihre Halbschwester war schon nicht mehr an ihrer 
Seite. Paige stand bereits neben Andy und deutete auf die Bühne, wo 
ein großer, von Rotlicht angestrahlter Holzaltar stand. Die Vorderseite 
war mit einer Teufelsfratze verziert. 

»Andy, entschuldige bitte«, begann Paige und nahm den Regisseur 

zur Seite, »aber soll das etwa ein Voodoo-Altar sein?« 

Andy zuckte mit den Schultern. »Etwa nicht?« 

»Na ja,«, antwortete Paige. »In der Voodoo- oder Macumba-

Religion würde man wohl kaum den christlichen Teufel auf einem 
Altar abbilden. Eher schon Ogun, den Kriegsgott. Zumindest, wenn 
der Zauber der Schwarzen Magie dient …« 

background image

Phoebe staunte. Ihre Schwester hatte in Pipers privatem 

Hexenunterricht doch etwas gelernt. Gib bloß nicht zu viel Wissen 
preis, dachte sie. Mit Voodoo war nicht zu spaßen. 

Aber Paige war noch nicht fertig. Sie schien ganz in ihrer Rolle als 

magische Beraterin aufzugehen. Aufgeregt sprang sie auf die kleine 
Bühne in der Mitte der Lagerhalle. Ein Halbkreis aus Kerzen war um 
den Altar herum aufgebaut worden. Paige zählte die Kerzen durch. 
»Und was haben wir hier … vier … fünf … sieben … acht Kerzen. 
Bei einem Voodoo-Fluch würde man auf jeden Fall eine ungerade 
Zahl verwenden. Eine gerade Zahl nimmt man nur bei einem 
Liebeszauber. Ihr müsst also noch eine dazu stellen oder eine 
wegnehmen.« 

Paige stutzte, als sie merkte, wie die Blicke des Teams auf sie 

gerichtet waren. Alle waren beeindruckt von Paiges Fachwissen. Nur 
Phoebe stand mit verschränkten Armen im Hintergrund und runzelte 
missbilligend die Stirn. 

»Erstaunlich, junge Dame. Ganz erstaunlich. Ihr Wissen um die 

schwarzen Mächte ist absolut beeindruckend.« Gustav Landreau 
deutete eine Verbeugung an. »Jemanden wie Sie hätte ich zu meiner 
Zeit auch gebrauchen können.« 

Paige spürte ein inneres Erschaudern, als sie in das lächelnde 

Gesicht des alten Regisseurs blickte. Nach außen hin hatte er ihr ein 
nettes Kompliment erteilt, aber sein Lächeln schien oberhalb der 
Mundwinkel Halt zu machen. Landreaus Augen blickten die junge 
Hexe prüfend an. Paige hatte den Eindruck, dass der alte Mann bis auf 
den Grund ihrer Seele blicken konnte. 

»Ich hoffe, ihr haltet mich jetzt nicht alle für eine Besserwisserin«, 

sagte sie kleinlaut. 

Andy klatschte in die Hände. »Aber im Gegenteil, Paige. Dafür 

bist du ja hier. Tim, kannst du diesen albernen Teufelskopf irgendwie 
tarnen?« 

Tim Sorvino, der Mann für die Spezialeffekte, schien nicht gerade 

begeistert zu sein. »Ich habe eine halbe Nacht an dem Teufelskopf 
geschnitzt. Aber wenn du meinst … ich kann ihn einfach wieder 
abnehmen.« 

background image

Mit einem Seufzen legte er die Fernbedienung des Werwolfs zur 

Seite und trat auf die Bühne. Dann zog er an der Teufelsfratze des 
Altars. Offensichtlich bestand sie nur aus Styropor, denn sie ließ sich 
ohne weiteres abnehmen. 

Oh-Oh, dachte Phoebe. Wenn Paige so weitermacht, wird sie mich 

noch von Platz eins auf Sorvinos Hass-Liste verdrängen. 

Mit einem leisen Knurren warf Sorvino den Teufelskopf in eine 

Ecke. Gleichzeitig nahm sich Gustav Landreau eine neue Kerze aus 
einer Requisitenkiste und stieg damit auf die Bühne. Er stellte sie zu 
den übrigen acht, die schon um den Altar herum aufgestellt worden 
waren. 

»Fügen wir doch noch eine weitere Kerze dazu«, sagte er, »dann 

kommen wir auf neun – eine ungerade Zahl. Und wenn ich mich nicht 
irre, war die Neun schon für Pythagoras eine heilige Zahl. Sie stand 
für die neun kosmischen Wände, durch die das Universum in acht 
heilige Sphären geteilt wird. Und außerdem ist die Neun die Potenz 
der Drei … eine ganz besondere Zahl, wie ihr vielleicht wisst.« 

Paige schluckte. War es ein Zufall, dass Landreau sie bei dieser 

Bemerkung aus seinen milchig-blauen Augen so durchdringend 
ansah? Wusste er etwa etwas über die Macht der Drei? 

Nein, das war völlig unmöglich. Und wenn doch, dann ließ er es 

sich zumindest nicht anmerken. 

»Wunderbar!«, rief Andy. »Können wir dann anfangen? Wir haben 

heute noch eine Menge Arbeit vor uns. Und Mister Landreau hat 
sicherlich auch noch andere Dinge zu tun.« 

»Ach, was«, winkte der alte Regisseur ab und wischte sich eine 

graue Haarsträhne aus der faltigen Stirn. »Ich bin ein alter Mann. Ich 
habe alle Zeit der Welt. Auf mich wartet nur der Tod.« 

Paige und Phoebe blickten sich an. 

Dieser Typ war wirklich unheimlich. 

background image

12 

»

K

AMERA LÄUFT!«, RIEF PETE. Das leise Summen einer 

Filmkamera erfüllte die Lagerhalle. Dann wurde es vom Zischen des 
Trockeneisnebels übertönt. Gebannt beobachteten Paige und Phoebe, 
wie der alte Gustav Landreau hinter dem Altar stand und beschwörend 
die knochigen Arme hob. Von unten einfallendes Scheinwerferlicht 
ließ seine Wangenknochen dunkel hervortreten. Seine Augen wirkten 
wie zwei schwarze Höhlen. 

Vor Landreau auf dem Altar lag die Werwolf-Figur. Der alte 

Regisseur murmelte ein paar Beschwörungsformeln in einer 
fremdartigen Sprache. Soweit Paige das beurteilen konnte, waren 
diese seltsamen Worte nur ein Fantasieprodukt des Drehbuchautors, 
aber die Szene war trotzdem unheimlich. Wie würde sie wohl erst im 
fertigen Film wirken? 

Auch Phoebe lief ein Schaudern über den Rücken. Sie musste 

daran denken, wie unecht und gestellt dagegen die 
Beschwörungsszene mit Virginia Fontaine gewirkt hatte, die gestern 
hier gedreht wurde. 

Dieser Landreau war ein echtes Naturtalent, nicht nur als Grusel-

Regisseur, sondern auch als Horror-Darsteller. 

Die Puppe des Werwolfs zuckte auf. Landreaus 

Beschwörungsformeln erweckten sie zum Leben. Phoebe warf einen 
vorsichtigen Seitenblick auf Tim Sorvino, der mit seiner 
Fernbedienung neben der Kamera stand und die Figur von dort aus 
steuerte. Paige dagegen schlich zu Andy und flüsterte ihm ins Ohr. 
»Mann, das sieht wirklich verdammt echt aus – im wahrsten Sinne des 
Wortes, Andy.« 

Doch der junge Regisseur reagierte kaum. Sein Blick war starr auf 

die Geschehnisse auf der kleinen Bühne gerichtet. 

Obwohl es in der Lagerhalle relativ kühl war, bildeten sich winzige 

Schweißtropfen auf seiner Stirn. 

»Nicht jetzt, Paige«, hauchte er nur. Seine Stimme schien dabei 

regelrecht zu zittern. 

background image

Paige hob die Augenbrauen und machte einen Schritt zurück. Klar, 

dass Andy als Regisseur ganz auf die Szene konzentriert war. 
Schließlich war das sein Job. Allerdings hatte er gestern bei den 
Dreharbeiten auch die Zeit gefunden, ein paar Worte mit Paige zu 
wechseln. 

Was soll's, dachte die junge Hexe, wahrscheinlich war Andy nur so 

abweisend, weil da vorne auf der Bühne sein großes Regie-Vorbild 
agierte. Und das verdammt überzeugend. 

Paige trat wieder an die Seite ihrer Schwester. Gebannt 

beobachteten die beiden, wie der kleine Werwolf sich langsam erhob, 
den Kopf drehte, um sich umzuschauen, und dann vom Altar sprang. 

Landreau lachte laut und dämonisch auf. 

»Schnitt!«, rief Andy. 

Im selben Augenblick flammten die Hauptscheinwerfer wieder auf, 

und die Nebelmaschine stellte ihre Arbeit ein. 

Landreau räusperte sich und trat von der Bühne herunter. »Na, wie 

war ich? Sind Sie zufrieden, Maestro?«, fragte er den jungen 
Regisseur lächelnd. 

»Sie waren großartig. Vielen Dank, Mister Landreau. Diese Szene 

wird ein absoluter Höhepunkt meines Films. Ich kann Ihnen gar nicht 
sagen, wie …« 

Aber Landreau hatte Andy bereits wieder den Rücken zugekehrt. 

Aus seinen milchig-blauen Augen blickte er Paige an. 

»Und wie hat es Ihnen gefallen, junge Dame? War ich für Sie 

überzeugend genug?« 

Paige schluckte. Sie hatte das Gefühl, als könnte Landreau mit 

seinen unheimlichen Augen bis auf den Grund ihrer Seele schauen. 
»Mehr als überzeugend«, sagte sie schließlich und musste dazu mit 
einem Kloß im Hals kämpfen. 

Landreau grinste. »Tja, das macht wohl meine Erfahrung. Ich 

meine, immerhin habe ich mich sechzig Jahre lang mit Schwarzer 
Magie befasst – hinter der Kamera. ›Semper aliquid haeret‹, wie der 
Lateiner sagt. ›Etwas bleibt immer hängen‹.« Gustav Landreau lachte 
heiser auf. Paige und Phoebe waren nicht die Einzigen, denen dabei 
ein Schauer über den Rücken lief. 

background image

Landreau selber blieben die Reaktionen auf seinen Auftritt nicht 

verborgen – und er genoss es sichtlich. Der alte Regisseur wandte sich 
wieder an Andy. Es schien den jungen Mann nicht zu stören, dass 
Landreau ihm vorher einfach den Rücken zugekehrt hatte. »Wenn Sie 
mich dann entschuldigen, Mister Stewart«, sagte Landreau zu ihm, 
»ich denke, meine Aufgabe hier ist beendet. Für heute. Sie wissen ja, 
wo Sie mich finden. Guten Abend.« 

»Guten Abend, Sir«, erwiderte Andy hastig. »Und vielen Dank. 

Für alles.« 

Meine Güte, dachte Phoebe. Dass er vor dem alten Sack nicht auf 

die Knie geht, ist aber auch alles. 

Dann wandte sich Landreau wieder den beiden Schwestern zu und 

deutete eine Verbeugung an. 

»Es war wirklich zauberhaft, Sie beide kennen zu lernen. Meine 

besten Empfehlungen an Ihre Schwester.« 

Mit einem Grinsen reichte Landreau Paige und Phoebe die Hand. 

Dann schritt er durch die Halle auf den Ausgang zu. 

Phoebe konnte sich täuschen, aber sie hatte das Gefühl, dass ein 

allgemeines Aufatmen durch die Filmcrew ging, als Landreau das Tor 
aufzog und die Halle schließlich verließ. 

»Was für ein gruseliger Kerl«, sagte Paige halblaut. 

»Allerdings.« Phoebe nickte zustimmend. »Wahrscheinlich hat er 

Recht – es färbt wohl irgendwann ab, wenn man sich sein ganzes 
Leben lang nur mit Monstern und Ungeheuern beschäftigt.« 

»Na, das sind ja tolle Aussichten«, grinste Paige. 

Eine Sekunde später trat Andy auf die beiden zu. Er wirkte jetzt 

wieder freundlich und entspannt, die Schweißtropfen auf seiner Stirn 
waren verschwunden. »Na, wie hat euch Mister Landreau gefallen? 
Ein einzigartiger Mann, was?« 

»Einzigartig. So könnte man das wohl nennen«, nickte Paige. 

»Ja, ich bin wirklich froh, dass ich ihn für eine Gastrolle in 

›Scream X-Treme‹ gewinnen konnte.« Andy schien den Unterton in 
Paiges Stimme gar nicht bemerkt zu haben. 

background image

In diesem Moment tauchte Tim Sorvino hinter Andy auf. In seinen 

Armen hielt er die nun wieder leblose Werwolf-Puppe. »Wenn du 
mich und meine Figuren nicht mehr brauchst, packe ich sie wieder in 
ihre Kisten und verschwinde für heute, okay?«, fragte er. Er tat, als ob 
Phoebe und Paige gar nicht da wären. 

»Alles klar, Tim«, antwortete Andy. »Du hast auch wirklich 

großartige Arbeit geleistet. Vielen Dank.« 

Tim Sorvino blickte seinen Regisseur einen Augenblick lang 

schweigend an. »Ja, danke«, sagte er dann nur und verschwand mit 
seiner pelzigen Puppe. 

»Wisst ihr was?«, fragte Phoebe und blickte sich demonstrativ in 

der Halle umher. »Ich schaue mich noch ein wenig um. Vielleicht 
kann ich hier noch etwas lernen.« 

»Ja, mach das, Phoebe«, sagte Paige dankbar. Die Filmcrew packte 

ihre Ausrüstung bereits wieder zusammen, und viel zu sehen würde es 
heute sicherlich nicht mehr geben. Phoebe tat das nur, damit sie und 
Andy noch ein paar Minuten allein sein konnten. 

Dafür schulde ich ihr etwas, dachte Paige. Dann lächelte sie Andy 

an. »Wie bist du eigentlich an diese gruselige alte Vogelscheuche 
gekommen?«, fragte sie den jungen Regisseur. 

»An Mister Landreau? Oh, ich war schon immer ein Fan seiner 

Filme. Ich bin mit den Wiederholungen der alten Streifen im 
Kabelfernsehen aufgewachsen. Streng genommen ist Landreau der 
Grund, warum ich damals mein Jura-Studium geschmissen habe.« 

Paige blickte Andy erstaunt an. »Du hast mal Jura studiert?« 

Andy nickte und blickte zu Boden, als ob ihm das peinlich wäre. 

»Na ja, das war der Wunsch meiner Eltern. Mein Vater besitzt eine 
gut laufende Kanzlei in L.A., und die sollte ich eines Tages 
übernehmen. Aber meine Liebe galt schon immer dem Film. Also 
habe ich nach zwei Semestern Jura aufgegeben und mich an der 
Filmhochschule eingeschrieben. Du hättest mal erleben müssen, wie 
meine Eltern getobt haben.« 

Paige runzelte die Stirn. »Aber als Regisseur kann man doch auch 

eine Menge Geld verdienen?« 

background image

»Das schon. Na ja, wenn man Glück hat. Aber meine Eltern sind 

da sehr altmodisch. Für sie sind Filmemacher immer noch fahrendes 
Volk, das durch die Provinz tingelt und in Spelunken billige Filme 
vorführt. Zumindest haben sie sich für ihren einzigen Sohn eine 
andere Karriere vorgestellt. Und mich kurzerhand enterbt.« 

»Das gibt's doch nicht«, sagte Paige fassungslos. »Ich dachte, so 

etwas gibt es nur noch, na ja, im Film.« 

»Leider nicht.« Andy lachte freudlos auf. »Man könnte sagen, ich 

habe eine Menge aufgegeben, um meinen Traum zu verwirklichen. 
Eine ganze Menge. Aber ›Scream X-Treme‹ wird mein großer 
Durchbruch. Gruselfilme stehen gerade wieder hoch im Kurs. Auch 
bei einem breiteren Publikum. Nur eins macht mir noch Sorgen …« 

»Wirklich?«, fragte Paige. »Was denn?« 

»Die große Schlussszene des Films soll in einer Disko spielen. Die 

Heldin – gespielt von Virginia – tritt dann gegen die zum Leben 
erwachten Monster-Figuren an und vernichtet sie.« 

»Und wo ist das Problem?« 

»Tja, ein paar einfache Locations können wir hier in der Halle 

nachbauen. Und die verbleibenden Straßenszenen drehen wir einfach 
wieder ohne Genehmigung irgendwo in San Francisco. Aber wo 
kriege ich das Set für eine Disko her? Ich könnte es mir niemals 
leisten, ein Lokal anzumieten. Unser Budget ist jetzt schon am Ende.« 

Paige grinste den Jungregisseur schelmisch an. 

»Mach dir darüber mal keine Sorgen«, erwiderte sie nur. 

»Du hast was?«, fragte Phoebe entgeistert, als sie neben ihrer 

Schwester die Einfahrt des Halliwell-Hauses hinaufging. 

»Ich habe Andy gesagt, dass er das Finale des Films im P3 drehen 

kann«, erwiderte Paige und versuchte, dabei so unschuldig wie 
möglich zu wirken. »Was ist denn schon dabei?« 

»Oh, nichts weiter«, antwortete Phoebe. Deshalb also war Paige 

die ganze Fahrt über so seltsam ruhig gewesen. »Piper wird dir den 
Kopf abreißen. Du weißt doch, was sie von Filmleuten hält!« 

background image

»Ach, so schlimm wird es schon nicht werden. Es ist doch nur für 

einen Abend.« 

»Tja, ich weiß nur, dass ich nicht in der Nähe sein werde, wenn du 

sie fragst.« 

Mit diesen Worten steckte Phoebe den Schlüssel in die Tür und 

drückte sie auf. Obwohl die Sonne schon fast hinter dem Horizont 
verschwunden war, blitzte der Flur noch im letzten Licht ihrer 
Strahlen auf. Ein frühlingsfrischer, wenn auch leicht synthetischer 
Duft schlug den beiden Schwestern entgegen. Jemand hatte sich 
mächtig Mühe gegeben. 

»Wow«, rief Paige in das Haus hinein. »Hat hierein Putzteufel 

gewütet?« 

»Eher ein Putzdämon«, antwortete eine erschöpfte Stimme. Es war 

Leo, der mit ein paar Schweißtropfen auf der Stirn gerade dabei war, 
die letzten Flaschen mit Bohnerwachs im Putzschrank zu verstauen. 
»Lieber kämpfe ich gegen ein ganzes Rudel Höllenhunde, als noch 
einmal eurer Schwester beim Hausputz zu helfen. Die Frau ist 
wirklich gnadenlos.« 

»Redet da jemand schlecht über mich?« 

Piper steckte ihren Kopf durch die Küchentür und grinste breit. Sie 

wirkte frisch wie der junge Morgen. »Putzt euch die Schuhe ab, bevor 
ihr reinkommt«, sagte sie dann streng. 

Phoebe machte einen schuldbewussten Satz in die Luft und 

schwebte dann ein paar Zentimeter zurück auf die Fußmatte vor der 
Haustür. 

»Phoebe«, tadelte Leo sie, »wenn dich jemand sieht.« 

»Lieber erkläre ich öffentlich, dass ich eine Hexe bin, als dass ich 

Pipers Zorn auf mich ziehe. Ach, übrigens …«, Phoebe warf einen 
Seitenblick auf ihre jüngere Schwester, die hinter ihr stand, »wolltest 
du Piper nicht etwas fragen, Paige?« 

»Ach, das hat Zeit bis später«, wich Paige ihr aus. 

Die beiden Schwestern zogen vorsichtshalber die Schuhe aus, 

bevor sie den auf Hochglanz polierten Flur betraten und die Tür hinter 
sich zuzogen. 

background image

»So ist's brav«, sagte Piper zufrieden. »Ihr kommt gerade 

rechtzeitig. Ich habe uns eine Fruchtkaltschale gemacht. Statt eines 
Abendessens. Das ist auch eine Stärkung für abgekämpfte Wächter 
des Lichts, 
die fast zusammenbrechen, wenn sie mal ein wenig 
Hausarbeit erledigen müssen.« 

Piper grinste Leo an, der nur die Augen verdrehte. »Ein wenig? 

Piper, wir haben den ganzen Tag damit verbracht, das Haus zu 
schrubben. Und so ein Sommertag ist verdammt lang.« 

Paige und Phoebe kicherten, als sie sich an Leo vorbei in die 

Küche drängten. Piper war gerade dabei, die Fruchtkaltschale in 
kleine Schüsseln zu füllen. 

»Und, wie war euer Tag beim Film?«, fragte sie. 

»Oh, ganz großartig«, antwortete Phoebe. »Wir haben eine 

Legende des Gruselfilms kennen gelernt. Gustav Landreau.« 

Leo strich sich ein paar verschwitzte Haarsträhnen zurück, als er 

die Küche betrat. »Wirklich? Den Regisseur von Jagd auf den 
Wolfsmann 
und Das Ding aus der Lagune des Todes?« 

Piper blickte erstaunt auf. »Was denn, Leo, du kennst solche 

Filme?« 

Leo setzte sich an den Küchentisch und nahm eine Schüssel mit 

der Kaltschale entgegen. »Aber klar. Das sind doch echte Klassiker. 
Selbst  Wächter des Lichts gruseln sich ab und an ganz gern. 
Zumindest vor dem Fernseher.« 

Piper schüttelte irritiert den Kopf. »Ich scheine ja langsam die 

Einzige zu sein, der der Horror, den wir haben, völlig ausreicht. Ist 
irgendwas, Paige?«, fragte sie dann. »Du isst ja gar nichts.« 

Tatsächlich hatte Paige ihre Schüssel mit der köstlichen Obstcreme 

noch nicht angerührt. Irgendetwas schien sie zu beschäftigen. 

»Äh, ja, ich wollte dich etwas fragen, Piper …«, druckste sie 

herum. 

»Ach ja? Was denn?« 

Phoebe griff nach ihrer Schüssel und stand von ihrem Stuhl auf. 

»Ich, äh, würde mir gern die Nachrichten ansehen, wenn ihr nichts 
dagegen habt. Ich esse drüben im Wohnzimmer weiter.« 

background image

Mit eiligen Schritten verließ Phoebe die Küche. Wie sie schon 

gesagt hatte – sie wollte nicht in der Nähe sein, wenn Paige ihre Frage 
stellte. 

Vorsichtig setzte Phoebe die Dessertschale auf dem 

Wohnzimmertisch ab. Wenn ich etwas verschütte, bringt Piper mich 
als Nächste um, dachte sie. Dann schaltete sie den Fernseher ein. 

»DU HAST WAS?!«, tönte es Sekunden später aus der Küche. 

»Paige, wie konntest du das tun?!« 

Phoebe grinste. Das sollte ihre Halbschwester allein ausbaden. Die 

junge Hexe zappte durch die Kanäle, bis sie bei einem lokalen 
Nachrichtenkanal angelangt war. Dann verging ihr das Grinsen. 

Ein etwas hilflos wirkender Darryl Morris blickte in die Kamera 

und gab ein Statement ab. Im Hintergrund blitzten die Signallampen 
einiger Polizeiwagen auf. 

»Nein, es tut mir Leid, wir haben noch keine Hinweise auf den 

Mörder«, sprach Darryl in die Kamera. »Und bis jetzt können wir 
auch noch nicht sagen, ob es zwischen den beiden Verbrechen einen 
Zusammenhang gibt.« 

Phoebe schluckte. »Piper? Leo? Paige? Kommt mal rüber – das 

solltet ihr euch ansehen.« 

background image

13 

W

ÜRDEN SIE JETZT BITTE den Tatort räumen?«, sagte Darryl 

und hielt seine Hand vor das Objektiv. Die Reporterin neben dem 
Kameramann protestierte. »Die Öffentlichkeit hat ein Recht auf 
Informationen, Detective!« 

»Die Öffentlichkeit hat auch ein Recht darauf, dass die Polizei ihre 

Arbeit erledigen kann, um weitere Morde zu verhindern, Miss. 
Würden Sie jetzt bitte den Tatort räumen?« 

Der gereizte Tonfall in Darryls Stimme war trotz seiner 

freundlichen Worte nicht zu überhören. Die Reporterin tippte ihrem 
Kameramann auf die Schulter. »Los komm, hier kriegen wir heute 
nichts mehr raus.« 

Frustriert ging das Team zurück zu dem Kleintransporter mit dem 

Logo eines lokalen TV-Senders von San Francisco auf der 
Seitenfläche. Darryl Morris blickte ihnen einen Augenblick nach, wie 
um sicher zu gehen, dass sie auch tatsächlich einstiegen. 

Der Bürgermeister saß ihm wegen dieses zweiten Mordes 

innerhalb von zwei Tagen ohnehin schon im Nacken. Das Letzte, was 
er jetzt brauchte, war, vorlaufenden Kameras zuzugeben, dass er als 
leitender Ermittler völlig im Dunkeln tappte. Die beiden 
Gewaltverbrechen standen, soweit das bisher festzustellen war, in 
keinerlei Zusammenhang. Das Mordopfer vom Vortag war eine allein 
stehende Frau gewesen, der Tote der heutigen Nacht ein 
Geschäftsmann aus San Francisco. 

Nun ja, ›Geschäftsmann‹ war etwas übertrieben – der Ermordete, 

ein gewisser Tom Haber, war der Besitzer eines Comic-Shops 
gewesen. So viel wenigstens hatten sie anhand seiner Personalien 
schon feststellen können. 

Aber wenigstens eine Gemeinsamkeit hatten beide Mordopfer 

doch, dachte Darryl seufzend und schlurfte auf den Parkplatz zurück. 

Die Todesumstände waren ebenso bizarr wie rätselhaft. 

Auf dem Parkplatz am Rande der Stadt stand nur ein einziges, 

zerbeultes Auto, ein uralter VW Käfer – abgesehen von den 

background image

Einsatzwagen der Polizei. Und dem umgebauten Krankenwagen des 
Leichenbeschauers, Doktor Nyang. 

Darryl wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Können Sie mir 

schon etwas sagen, Doc?«, fragte er. »Ich meine, mal abgesehen 
davon, dass der Mann tot ist?« 

Darryl war heute Nacht wirklich nicht nach Scherzen zu Mute. 

Auch die Stimmung des Leichenbeschauers ließ zu wünschen übrig. 
Bei dieser Hitze machte niemand gerne Überstunden. 

Außer dem Mörder. 

Doktor Nyang hatte gerade den Kopf durch das Seitenfenster des 

Käfers gesteckt und zog ihn nun heraus, um den Detective anzusehen 
und mit den Schultern zu zucken. 

Ein schlechtes Zeichen. 

»Unser Freund hier ist noch nicht lange tot. Höchstens ein paar 

Stunden. Aber Sie wissen …« 

»… Sie können mir das erst nach der Laboruntersuchung sagen, 

schon klar. Und ansonsten? Die Mordwaffe? Wieder ein Skalpell?« 

Der Doktor schüttelte den Kopf. »Nein, diesmal nicht. Aber das 

macht die Sache nicht weniger ungewöhnlich. Schauen Sie mal hier!« 

Doktor Nyang trat zur Seite. Widerwillig beugte sich Darryl zum 

Autofenster hinunter. Die Spurensicherung stand noch ganz am 
Anfang, also durften der Gerichtsmediziner und seine Assistenten die 
Leiche noch nicht aus dem Wagen herausholen. Der Tote war ein 
untersetzter Mann um die vierzig. Die Kinnpartie war mit einem 
fransigen Bart bedeckt. Eine dicke Hornbrille war ihm auf die 
Nasenspitze gerutscht. Darryl schauderte, als er sah, wie die dicken 
Gläser den Blick der vor Todesangst aufgerissenen Augen noch 
verstärkten. 

Wie immer der Mann ums Leben gekommen war, es war kein 

schöner Tod. 

»Sehen Sie sich seinen Hals an«, sagte der Leichenbeschauer aus 

dem Hintergrund. 

Darryl beugte sich noch etwas tiefer durch das Fenster. Tatsächlich 

– jetzt sah der Detective, was Doktor Nyang meinte. Eine feine rot­

background image

blaue Linie zog sich einmal um den Hals des Mannes. Irgendetwas 
hatte sich tief in die Haut eingeschnürt. 

Das Opfer wurde erwürgt, daran bestand wohl kaum ein Zweifel. 

Darryl zog seinen Kopf wieder aus dem Wagen. 

»So viel zur Todesursache«, sagte er. Aber der Leichenbeschauer 

blickte den Detective herausfordernd an. »Natürlich, der Mann ist 
erwürgt worden. Den Würgemalen nach zu urteilen mit einer Art 
Band oder einer Kordel, die etwa einen Zentimeter breit gewesen sein 
muss. Das allein wäre schon ungewöhnlich genug.« 

Darryl atmete geräuschvoll aus. Er war heute Abend nicht in der 

Stimmung für Ratespielchen. »Also raus mit der Sprache, Doc. Was 
meinen Sie?« 

Doktor Nyang deutete auf den Rücksitz des Wagens. Der 

Innenraum des kleinen VW Käfers war bis oben hin gefüllt mit Kisten 
und Pappkartons. Soweit Darryl das durch die Seitenfenster sehen 
konnte, waren diese Kisten gefüllt mit Comic-Heften und Magazinen. 
Ein paar Action-Figuren lagen lose herum. 

»Na schön, Mister Haber hat seinen VW Käfer also auch als 

Lieferwagen benutzt. Na und? Das entspricht zwar nicht den 
Sicherheitsvorschriften, und der Wagen ist hoffnungslos überladen, 
aber …« 

Doktor Nyang schüttelte den Kopf. »Das meine ich nicht, 

Detective. Schauen Sie, den Würgemalen zufolge ist der Mann ganz 
eindeutig von hinten erwürgt worden. Wahrscheinlich hat sich jemand 
auf dem Rücksitz versteckt und auf einen günstigen Moment gewartet. 
Aber …« 

Darryl nickte. Es war gar nicht nötig, dass der Leichenbeschauer 

weitersprach. 

Der Rücksitz des Wagens war mit Kartons voll gestellt. Wie hätte 

sich da noch jemand zwischen Kisten und Rückenlehne des 
Vordersitzes verstecken sollen? 

»Das gibt's doch nicht«, murmelte Darryl. Er spürte, wie sein Kopf 

zu schmerzen begann. 

»Und das ist noch nicht alles«, lächelte Doktor Nyang. Der 

Detective bekam langsam den Eindruck, dass der Leichenbeschauer 

background image

ein perverses Vergnügen daran fand, den Fall noch komplizierter zu 
machen, als er ohnehin schon war. Kunststück – als Leichenbeschauer 
musste er ja auch nicht dem Mörder hinterherlaufen. Und dem Doktor 
saß auch nicht der Bürgermeister im Nacken. 

Nyang zog einen kleinen, durchsichtigen Plastikbeutel aus seinem 

Kittel hervor. Er hielt ihm dem Detective vor die Nase. In dem Beutel 
konnte Darryl mit Mühe und Not etwas feinen, weißen Staub 
erkennen. »Das hier habe ich auf den Schultern des Mordopfers 
gefunden.« 

Darryl runzelte die Stirn. »Der Mann hatte also Schuppen – na 

und? Oder stammt das etwa von dem Mörder?« 

Jetzt war es an Doktor Nyang, mit den Schultern zu zucken. »Das 

herauszufinden, ist wohl eher ihre Aufgabe, Detective. Das hier ist 
Staub. Und wenn mich meine erste Einschätzung nicht täuscht, sehr, 
sehr alter Staub.« 

Darryl Morris stöhnte auf und rieb sich die schmerzenden 

Schläfen. Was zum Teufel hatte das alles zu bedeuten? 

»Ist Ihnen nicht gut, Detective?«, fragte Doktor Nyang 

scheinheilig. »Soll ich Ihnen ein paar Kopfschmerztabletten geben?« 

Detective Darryl Morris schüttelte den Kopf. 

»Was ich jetzt brauche, ist kein Aspirin, sondern ein 

Wundermittel.« 

Dann ging er zurück zu seinem Wagen und zog dabei sein Handy 

aus der Tasche. 

»Ich kann das immer noch nicht glauben«, sagte Piper und ging 

aufgeregt in der Küche auf und ab. Phoebe hatte sich auf ihr Zimmer 
zurückgezogen, und Paige saß kleinlaut vor dem Fernseher im 
Wohnzimmer. 

»Nun beruhige dich doch erst mal«, sagte Leo. Es machte ihn ganz 

nervös, wenn seine Ehefrau so auf und ab ging. 

»Ich will mich aber nicht beruhigen«, knurrte Piper. »Wie konnte 

Paige einfach so über das P3  bestimmen und es für diese Filmcrew 
freigeben? Ich gehe doch auch nicht hin und vermiete ihr Zimmer an 
eine Catering-Agentur, oder?« 

background image

»So schlimm wird es schon nicht werden, Piper«, sagte Leo 

beschwichtigend. 

»Das sagst du so! Ich habe schon wahre Horror-Storys über 

Filmteams gehört, die wie ein Heuschreckenschwarm über ihren 
Drehort eingefallen sind. Und ich glaube nicht, dass diese Billig-
Filmer, die Paige da angeschleppt hat, das Wort 
›Haftpflichtversicherung‹ überhaupt schon einmal gehört haben.« 

Leo musste grinsen. »Ach, komm schon, Piper. So schlimm wird 

es schon nicht werden. Nach dem, was Paige und Phoebe so erzählt 
haben, sind die Jungs ganz in Ordnung. Und außerdem hast du etwas 
ganz Entscheidendes vergessen.« 

Piper blieb stehen und blickte ihren Ehemann fragend an. 

»Ach ja? Und das wäre?« 

»Wenn der Film in die Kinos kommt, werden im wahrsten Sinne 

des Wortes Hunderttausende von Menschen das P3 auf der Leinwand 
sehen.« Leo grinste wie ein Staubsaugervertreter. »Kannst du dir eine 
bessere Werbung vorstellen? Dazu noch völlig umsonst?« 

Piper runzelte nachdenklich die Stirn. »Du meinst vielleicht zum 

Preis eines verwüsteten Lokals? Aber du hast Recht – daran habe ich 
noch gar nicht gedacht.« 

Leo nickte. »Siehst du?« 

»Ich hätte nicht geglaubt, dass mein Ehemann ein Marketing-

Experte ist«, sagte Piper und stellte sich auf die Zehenspitzen, um Leo 
einen Kuss zu geben. 

Leo hatte nichts dagegen. »Ach was, als Wächter des Lichts ist es 

nur meine Aufgabe, für Frieden zu sorgen. Auch unter euch 
Schwestern.« 

»Was hältst du davon«, gurrte Piper, »wenn wir zwei diesen Abend 

ganz friedlich beenden? Oben, in meinem Zimmer?« 

Leo wollte gerade etwas antworten, als das Telefon schrillte. 

Piper seufzte. Ein Anruf so spät am Abend konnte nur Ärger 

bedeuten. 

background image

Eine Viertelstunde später standen Piper, Phoebe, Paige und Leo auf 

dem Dachboden des Halliwell-Hauses. Draußen war die Sonne längst 
untergegangen, aber die Hitze auf dem Dachboden war noch immer 
unerträglich. Dass Piper um das Buch der Schatten herum Kerzen 
angezündet hatte, sorgte auch nicht gerade für eine Abkühlung. 

»Piper, ich finde es echt großartig, dass du Andy und seinem Team 

das  P3  zur Verfügung stellst. Du wirst es bestimmt nicht bereuen«, 
sagte Paige. 

Aber Piper schüttelte nur den Kopf. »Das will ich hoffen. Aber 

darüber können wir später noch reden.« 

Die Älteste der drei Hexenschwestern blätterte weiter im Buch der 

Schatten.  Paiges alberner Film musste warten. Vorhin hatte Darryl 
Morris angerufen und ihr von dem zweiten Mord erzählt, mit all 
seinen mysteriösen Begleitumständen. Piper hatte dem ratlosen 
Detective versprochen, noch einmal im Buch der Schatten nach 
irgendwelchen möglichen magischen Hintergründen zu suchen. 
Natürlich hatte sie das schon nach dem ersten Mord getan, aber 
vielleicht sahen acht Augen ja mehr als zwei. 

»Meinst du wirklich, wir finden im Buch der Schatten einen 

Hinweis auf die Morde?«, fragte Phoebe stirnrunzelnd. Für sie waren 
diese beiden Gewaltverbrechen das Werk eines möglicherweise 
gestörten Serienmörders. Schlimm genug, aber das fiel ganz sicher 
nicht in den Zuständigkeitsbereich der drei Zauberhaften. 

»Keine Ahnung«, antwortete Piper schulterzuckend. »Aber es kann 

nicht schaden, noch einmal nachzusehen.« 

Die nächsten Minuten verbrachten die drei Schwestern – 

unterstützt durch den Wächter des Lichts – beinahe schweigend. Wie 
immer schien das Buch der Schatten zu spüren, was die drei 
Zauberhaften 
suchten. Piper brauchte nur eine Seite nach der anderen 
umzublättern, um neue Informationen über die verschiedensten Arten 
von Ritualverbrechen zu erhalten. 

Nichts, was sie lasen, passte auch nur im Entferntesten auf das 

Profil der beiden Morde. Es fehlte einfach das magische Motiv. Wenn 
ein Dämon oder auch ein Besessener hinter den beiden 
Gewaltverbrechen stecken würde, dann hätte er etwas bezwecken 
wollen – eine Bedrohung ausschalten vielleicht oder seine Macht 
vergrößern. 

background image

Aber die beiden Todesopfer hatten ganz sicherlich nichts mit 

schwarzer Magie zu tun. Eine Hausfrau und ein Comic-Händler waren 
in keinster Weise mit den Mächten der Magie verbunden. 

Piper klappte das Buch schließlich zu. 

»Ich fürchte, das ist sinnlos. Das Buch der Schatten bringt uns hier 

auch nicht weiter. Diesen Fall wird Darryl wohl ohne unsere Hilfe 
lösen müssen.« 

Paige seufzte erleichtert auf. Sie war nur froh, diesen stickigen 

Dachboden endlich verlassen zu können. »Gott sei Dank. Ah, ich 
meine, so ein Pech für Darryl. Können wir jetzt vielleicht noch einmal 
über die Dreharbeiten sprechen, Piper? Andy würde sich sicher 
freuen, wenn ich ihm schon einen Termin für die Dreharbeiten nennen 
könnte.« 

Piper stöhnte auf. Sie hatte den Gedanken, dass ein Filmteam wie 

ein Heuschreckenschwarm über ihr Lokal einfallen würde, schon 
wieder ganz verdrängt. 

»Das besprechen wir besser unten«, erwiderte sie. »Und sag mal, 

hat dein Star-Regisseur überhaupt eine Haftpflichtversicherung?« 

»Wir werden nichts unversucht lassen, um diesen Mörder 

festzunehmen und seiner gerechten Strafe zuzuführen«, sprach der 
Bürgermeister in die Fernsehkamera. »Seine Ergreifung ist nur noch 
eine Frage der Zeit!« 

Das glaube ich weniger, dachte Gustav Landreau und griff nach 

der Fernbedienung, um seinen Breitwand-Fernseher auszuschalten. 
Dann erhob er sich schwerfällig aus seinem Ledersessel. Mit einen 
breiten Grinsen hatte er die Berichterstattung über den zweiten Mord 
auf dem Lokalsender verfolgt. 

Der Junge verlor wirklich keine Zeit, Kompliment. 

Mit langsamen, schlurfenden Schritten durchquerte der alte 

Regisseur sein Penthouse über den Dächern der Stadt. Man hätte 
vermuten können, dass jemand wie er in einem finsteren Landhaus 
irgendwo am Stadtrand lebte, aber Landreau liebte den Luxus. Und er 
liebte es, auf seine Mitmenschen herabsehen zu können. Sein 

background image

Penthouse war sicherlich eines der teuersten und modernsten der 
ganzen Stadt, aber er konnte es sich leisten. 

Sechzig Jahre lang hatte er Filme gedreht, und selbst als das 

Fernsehen seinen Siegeszug angetreten hatte und eine schwere Zeit für 
das Kino anbrach, hatte er profitiert. Als einer der wenigen 
Hollywood-Leute hatte er damals, in den späten fünfziger Jahren, die 
Bedeutung des Fernsehens erkannt und spezielle Verträge 
ausgehandelt. Seitdem bekam er jedes Mal, wenn einer seiner alten 
Filme auf irgendeinem Kabelkanal ausgestrahlt wurde, einen kleinen, 
aber nicht zu verachtenden Betrag an Tantiemen. Und irgendwo auf 
der Welt lief fast täglich eines seiner alten Werke im Fernsehen. Im 
Laufe der Jahrzehnte hatte er allein dadurch ein beachtliches 
Vermögen angehäuft. 

Andererseits hatte er für seinen Erfolg auch einen hohen Preis 

bezahlt und etwas sehr Wertvolles dafür aufgegeben. Aber so, wie es 
aussah, würde er sich dieses kostbare Gut am Ende seines Lebens 
doch noch zurückholen können. Gerade rechtzeitig, bevor der letzte 
Vorhang fiel. 

Landreau lachte auf und drehte an einem kleinen Regler für die 

Klimaanlage, der in die Marmorwand vor ihm eingelassen war. Die in 
der Wohnung versteckten Luftumwälzer summten noch etwas lauter 
auf und stießen einen neuen Schwall kalter Luft in das Apartment. 

Schon jetzt war es hier drinnen so kalt wie in einer Gruft, aber 

Landreau fühlte sich dabei wohl. Die Hitze da draußen war Gift für 
sein altes Herz. 

Landreau trat an eines der großen Panoramafenster und blickte 

hinab auf die Stadt. Seine hagere Gestalt warf ein durchscheinendes 
Spiegelbild auf das Glas. Es sah fast aus, als sei Landreau selbst ein 
gigantisches Monster, das über die Straßen einer winzigen Stadt 
blickte. So gefiel es ihm. Landreau lachte auf, bis er einen stechenden 
Schmerz in der Brust spürte. 

Schlurfend durchschritt der alte Regisseur sein Penthouse und 

öffnete schließlich ein verspiegeltes Kabinett. Eine gut sortierte 
Hausbar kam dahinter zum Vorschein. Landreau zog ein silbernes 
Kästchen aus der Innentasche seines schwarzen Sakkos. Er klappte es 
auf und nahm eine kleine, weiße Tablette heraus, die er sich in den 
Mund steckte. 

background image

Dann zögerte er einen Augenblick, bevor er sich ein Glas gold­

braunen und sehr alten Whisky eingoss. Die Herztabletten mit 
Alkohol herunterzuspülen war zwar nicht gerade das, was der Arzt 
ihm verordnet hatte, aber darauf kam es jetzt auch nicht mehr an. 

Diese Tabletten zögerten nur das Unvermeidliche hinaus. Aber das 

war in Ordnung. Gustav Landreau hatte sein Leben gelebt, und es war 
ein gutes Leben gewesen. 

Für ihn zumindest. 

Das wohlige Brennen des Alkohols in seiner Kehle war kaum 

verklungen, als die Türglocke lautete. Landreau stellte sein Glas ab 
und schlurfte zur Tür seines Penthouses. 

Obwohl er dazu lange brauchte, klingelte der Besucher kein 

zweites Mal. Wer immer da vor der Tür stand, er wusste, dass 
Landreau nicht mehr so gut zu Fuß war. Oder sein Respekt verbot es 
ihm, noch einmal zu läuten. 

Endlich erreichte Landreau die Tür und zog sie auf. Anders als die 

meisten Apartments der Stadt war die Tür nicht durch zusätzliche 
Riegel gesichert. Wer in diesem Apartmenthaus wohnte, brauchte 
keine Angst vor ungebetenen Besuchern zu haben. Dafür sorgte ein 
teuer bezahlter Wachdienst rund um die Uhr. Und selbst, wenn es 
jemand schaffen würde, sich an den Wachleuten im Erdgeschoss 
vorbeizuschmuggeln, würde er später sein blaues Wunder erleben. 
Dafür hatte der alte Mann schon gesorgt. 

Vor der Tür stand ein junger Mann in einem schwarzen T-Shirt. 

»Guten Abend, Mister Landreau«, sagte der Besucher respektvoll. 

»Ich hoffe, Sie haben nichts gegen diese späte Störung, Sir.« 

Landreau erlaubte sich ein charmantes Lächeln und schüttelte 

väterlich den Kopf. 

»Aber ganz und gar nicht. Nur herein mit Ihnen, mein junger 

Freund. Wir haben eine Menge zu besprechen.« 

background image

14 

N

ACH DEM STRESS DER VERGANGENEN TAGE hatten 

sich die drei Halliwell-Schwestern auf ein ruhiges Wochenende 
gefreut. 

Aber es wurde die Hölle. 

Die Hitze über der Stadt schien von Stunde zu Stunde 

zuzunehmen, als wollten die Temperaturen ihre eigenen Rekordwerte 
übertreffen. Die Sprecherin! Radio und Fernsehen redeten bereits von 
einer Jahrhundert-Hitzewelle, und die weiteren Aussichten 
versprachen keine Besserung. 

Liebend gern hätten Piper, Phoebe und Paige das Wochenende am 

Strand oder zumindest im Schwimmbad verbracht, aber das Schicksal 
hatte andere Pläne. 

Die Verbrechensrate in der Stadt erreichte parallel zur Hitze einen 

neuen Wochenendrekord. Glaubte man den Meldungen in den 
Massenmedien, dann war die Polizei von San Francisco rund um die 
Uhr damit beschäftigt, Familienstreitigkeiten zu schlichten, 
Kneipenschlägereien zu beenden oder ein Eskalieren von 
Bandenkriegen auf offener Straße zu verhindern. 

Und als ob das noch nicht genug gewesen wäre, schwitzte 

Detective Darryl Morris noch immer über den spärlichen Spuren der 
beiden Mordfälle. 

Doch die Halliwell-Schwestern hatten ihre eigenen Probleme. Es 

begann früh am Sonntagmorgen. Die ersten Sonnenstrahlen drangen 
gerade durchs Fenster und kitzelten Phoebes Nase. Die mittlere 
Halliwell-Schwester drehte sich noch einmal um und vergrub ihr 
Gesicht in ihrem Kissen. Sie hatte in der Nacht nicht besonders gut 
geschlafen, dafür hatte die schwüle Hitze und die Polizeisirenen 
gesorgt. Die halbe Nacht lang waren Polizeiwagen auf dem Weg zu 
ihrem Einsatz am alten Anwesen vorbeigejagt. Phoebe gab ein leises 
Geräusch von sich, das wie eine Mischung aus Schnurren und 
Grunzen klang. Sie war gerade wieder eingenickt, als eine Stimme an 
ihr Ohr drang. 

»Phoebe, steh auf! Wir müssen los!« 

background image

Phoebe brauchte ein paar Sekunden, bis sie merkte, dass sie nicht 

träumte. Die Stimme gehörte Piper. Mühsam schlug Phoebe die 
Augen auf. Ihre Schwester stand – straßenfertig angezogen – auf der 
Schwelle zu ihrem Schlafzimmer. 

Piper war dafür bekannt, eine Frühaufsteherin zu sein, aber das 

ging nun wirklich zu weit, dachte Phoebe, noch im Halbschlaf. Es 
konnte höchstens fünf Uhr morgens sein. 

»Für mich nur einen Kaffee, bitte«, murmelte Phoebe. »Später.« 

Sie wollte sich schon wieder herumdrehen, als Piper ein paar 

rasche Schritte nach vorn machte und ihre Schwester an der Schulter 
rüttelte. »Phoebe, raus aus den Federn«, sagte sie. Ihre Stimme klang 
sanft, aber bestimmt. »Ich habe einen Dämon geortet. Im Stadtpark. 
Wir müssen ihn vernichten, bevor er die ersten Jogger zum Frühstück 
verspeist!« 

Phoebe blinzelte ihre Schwester an. »Jogger? Dämon? Frühstück?« 

»Ja, genau.« Piper schien schon gar nicht mehr hinzuhören, was 

ihre kleine Schwester da vor sich hin murmelte. »Zieh dich an. Ich 
wecke Paige. Wir treffen uns unten.« 

Bevor Phoebe etwas erwidern konnte, war Piper schon wieder aus 

dem Zimmer gelaufen. Sekunden später hörte Phoebe, wie Piper an 
Paiges Zimmertür Sturm klopfte. 

Knapp zehn Minuten später saßen die drei Schwestern bereits in 

Pipers Wagen. Es war tatsächlich erst kurz nach fünf am 
Sonntagmorgen, und die Straßen waren noch menschenleer. Ein 
Glück, denn so konnte Piper im Spitzentempo einige Verkehrsregeln 
brechen, ohne dass jemand dabei gefährdet wurde. 

Außer den drei Schwestern, versteht sich. 

Paige schrie auf, als Piper ohne sich groß umzublicken über eine 

Kreuzung raste. 

»Piper, du hast gerade eine rote Ampel überfahren.« 

»Tut mir Leid. Ich hoffe, sie wird es überleben.« 

Piper hielt das Steuer fest umklammert und blickte stur geradeaus. 

»Sehr witzig, Schwesterherz«, meldete sich nun Phoebe vom 

Rücksitz zu Wort. »Aber könntest du uns mal langsam verraten, was 

background image

eigentlich los ist? Ich würde schon gern wissen, warum ich gleich in 
die Unfallstatistik eingehen werde. Und pass auf, da vorne ist rechts 
vor links!« 

Piper warf nur einen kurzen Blick nach rechts. Zum Glück kam 

gerade kein anderes Auto. Bei diesem Tempo wäre es für Piper 
ohnehin zu spät gewesen, noch zu reagieren. 

»Ich habe es euch doch gesagt. Ich habe routinemäßig die 

Stadtkarte von San Francisco ausgependelt und dabei einen neuen 
Dämon entdeckt.« 

Paige zog eine Augenbraue auf. »Moment mal …›routinemäßig‹? 

Willst du uns ernsthaft erzählen, dass du am Sonntag im 
Morgengrauen aufstehst, um mit dem Pendel herumzuspielen?«, 
fragte sie fassungslos. 

»Das ist kein Spiel, Paige. Außerdem konnte ich nicht schlafen. Ihr 

wisst doch, ich hatte immer befürchtet, dass die Hitzewelle und die 
gestiegene Kriminalität auch Dämonen anlocken könnten.« 

»Du meinst also wirklich, diese hässlichen Vögel nutzen die 

Hitzewelle aus, um hier auf der Erde, ich weiß nicht, die 
Sommerfrische zu genießen?«, fragte Paige und kniff dann die Augen 
zusammen, als Piper ein weiteres Stopp-Schild ignorierte. 

»Mehr oder weniger«, antwortete Piper. »Dämonen sind immer 

darauf aus, ihre Macht zu vergrößern, indem sie mit Menschen einen 
Pakt schließen. Die Stadt gleicht unter dieser Hitzewelle langsam 
einem Hexenkessel und …« 

»Hey! Vorsicht mit solchen Vergleichen!«, rief Phoebe vom 

Rücksitz aus. 

»Und vielleicht hoffen sie, dass die hohe Aggressivität in der Stadt 

die Menschen hier empfänglicher für dämonische Deals macht. 
Wundern würde es mich wenigstens nicht.« 

Paige nickte. Piper war schon viel länger im magischen Geschäft 

als sie selbst, und wenn ihre Halbschwester so eine Theorie vertrat, 
dann konnte das durchaus sein. 

»Hat dir dein schlaues Pendel denn auch verraten, mit was für 

einem Dämon wir es zu tun haben werden?«, fragte Paige, nachdem 
sie eine Sekunde lang nachgedacht hatte. 

background image

Piper zuckte, ohne das Steuer loszulassen mit den Schultern. 

»Keine Ahnung. Lassen wir uns überraschen.« 

»Das wird eine Überraschung für das dumme Spießerpack«, 

murmelte Andre Brightson und schüttelte grinsend die Farbspraydose 
in seiner Hand. 

Er liebte dieses klackende Geräusch, das das Sprühventil im oberen 

Ende der Dose verursachte. Für ihn war das die reinste Sphärenmusik. 

Andre war – ganz gegen seine eigentliche Natur – extra früh 

aufgestanden, um das anhaltend gute Wetter zu nutzen. Auch ein 
Graffiti-Sprayer war auf trockenes Wetter angewiesen. Mit einem 
gekonnten Bogen sprühte Andre die Grundform seiner Figur auf die 
kahle Betonmauer. 

Um diese Zeit war noch kein Mensch unterwegs, und die frühen 

Jogger würden die Ersten sein, die sein neuestes Kunstwerk bestaunen 
durften. 

Doch wenn sie, frühestens in einer Stunde, schätzte er, den 

Parkweg entlang gehechelt kamen, würde er schon längst wieder zu 
Hause sein. Natürlich nicht, ohne sein neuestes Meisterwerk mit 
seiner Digitalkamera vorher abgelichtet zu haben. 

Für einen Graffiti-Sprayer war es immer ein Risiko, seine eigenen 

Werke auch noch zu fotografieren. Sollte man von der Polizei 
geschnappt werden, dann lieferte man ihnen damit schließlich das 
Beweismittel für die eigene Schuld noch frei Haus. 

Aber der Sprayer machte sich heute keine großen Sorgen wegen 

der Polizei. Auch er hatte die Berichterstattungen in den Medien 
mitbekommen. Bei der derzeitigen Verbrechenswelle würden die 
uniformierten Jungs etwas anderes zu tun haben, als einem harmlosen 
Sprayer nachzujagen. 

Nein, heute war er ganz sicher und ungestört. 

Andre hatte mit der silbernen Sprühdose die Umrisse einer üppigen 

Frau auf die Mauer gesprüht und griff nach der Dose mit dem 
schwarzen Sprühlack, um einige erste Schattierungen aufzuzeichnen, 
als er hinter sich ein raschelndes Geräusch hörte. 

background image

Der junge Graffiti-Sprüher wirbelte herum. Hatten sich etwa 

irgendwelche Zivilfahnder im Busch versteckt? Zuzutrauen war den 
Cops alles. Andererseits würden die ihren Beamtenhintern doch nie so 
früh am Sonntagmorgen aus dem Bett bekommen. 

Misstrauisch tastete er das dichte Buschwerk hinter ihm mit den 

Augen ab. 

Da war nichts. 

Schulterzuckend widmete sich Andre wieder seiner Arbeit. Die 

Spraydose klackerte, und Sekunden später zischte ein feiner Strahl 
schwarzer Farbe auf die Mauer. Die Schöpfung des jungen 
Freilichtkünstlers nahm langsam Gestalt an. 

Ein erneutes Rascheln ließ ihn innehalten. 

Diesmal war es lauter. Und näher. 

Andre stellte die Sprühdose ab und blickte sich noch einmal um. Er 

konnte zwar niemanden erkennen, aber er konnte deutlich sehen, wie 
sich das grüne Buschwerk auf der anderen Seite des Weges bewegte. 

Aber irgendetwas stimmte nicht. 

Es sah nicht aus so, als würden sich die einzelnen Aste bewegen – 

sondern eher so, als ob sich ein Teil des Busches selber bewegte. Als 
hätte jemand ein extrem lebensechtes Dia von einem Busch dorthin 
projiziert. Ein faszinierender Effekt – aber gleichzeitig das 
Unheimlichste, was Andre je gesehen hatte. 

Jedenfalls bis zur nächsten Sekunde. 

Andre riss die Augen auf, als ein Teil des Buschs plötzlich 

menschliche Formen annahm und sich auf ihn zubewegte ! 

Es gab eine Art saugendes Geräusch. Die frischen Grün- und 

Brauntöne lösten sich auf und gaben den Blick auf eine schuppige, 
ockerfarbene Haut frei. Eine Gestalt von der Form eines Menschen, 
aber mit dem Kopf einer hässlichen Riesenechse kam Andy entgegen. 
Der Rücken der Gestalt endete in einem reptilienartigen Schwanz, der 
zuckend über den Boden schleifte. 

Das Echsen-Monster blickte den Sprayer aus kalten, gelben Augen 

an. Zwei senkrechte, schwarze Schlitze prangten auf den Augäpfeln 
der Kreatur. 

background image

»Du … Menschzz!«, zischelte die Kreatur. Das Sprechen schien 

ihr schwer zu fallen. Eine schmale Zunge wie bei einer Schlange 
bewegte sich bei jeder Silbe zwischen den Reißzähnen des Monsters 
hin und her. »Willzzt du Macht … jenseitzzz deiner 
Vorztellungzzkraft? Ich kann sie dir geben … für einen kleinen 
Preiszzz!« 

Die Kreatur blickte Andre erwartungsvoll an. Doch der Graffiti-

Künstler brachte nicht einmal ein Japsen hervor. Mit weit 
aufgerissenen Augen starrte er das bizarre Wesen an. 

Verzweifelt versuchte der Verstand des jungen Mannes, diese 

Szene zu verarbeiten. Die Dämpfe der Sprühfarbe! Das musste es 
sein! Er hatte in der heißen Sommerluft einfach zu viele Lackdämpfe 
eingeatmet. Berufsrisiko. Und jetzt hatte er Halluzinationen. Wie bei 
einem schlechten Drogentrip, das war alles. 

Ein Teil von Andre wusste, dass dies nur der verzweifelte Versuch 

einer Erklärung war, aber für seinen Fluchtinstinkt reichte es aus. 

Halluzination oder nicht – er musste versuchen, Land zu gewinnen 

und so viel Abstand wie möglich zwischen sich und dieses Monster zu 
bringen. 

Später, wenn er erst einmal in Sicherheit war, würde er noch genug 

Zeit haben, um sich über die Natur dieser Begegnung Gedanken zu 
machen. 

Einen Augenblick lang versuchte Andre vergeblich, Kontrolle über 

seine zitternden Beine zu bekommen. Doch als die Echsen-Kreatur 
noch einen Schritt auf ihn zu machte, rannte er los, ohne weiter 
darüber nachzudenken. 

»Halt!«, rief die Kreatur und hob eine Pranke. »Ich will dir doch 

nur ein Geschzäft vorschzzlagenn« 

Aber Andre hörte schon gar nicht mehr hin. Für ihn wirkten die 

unbeholfen ausgestoßenen Worte der Kreatur nur wie ein bedrohliches 
Zischen. 

Wie von Furien gehetzt, rannte er den Parkweg entlang. Er wollte 

nur weg. Der Sprayer bog um eine Ecke und machte nicht einmal 
Halt, als ihm drei junge Frauen entgegenkamen. 

background image

Ohne es zu wollen, aber auch ohne es überhaupt zu merken, 

rempelte er die mittlere, eine dunkelhaarige Schönheit, an der Schulter 
an. 

»Hey!«, rief Piper Halliwell. »Pass doch auf, wohin du rennst!« 

Diese Jogger wurden auch immer unverschämter. 

»Lauft weg!«, rief der junge Mann nur. »Ein Monster!« 

Piper, Phoebe und Paige blickten dem Mann ein paar Augenblicke 

lang hinterher. Hatte er gerade ›Monster‹ gesagt? 

Piper klatschte in die Hände. 

»Dann wollen wir mal, Mädels!« 

Die drei Hexen liefen in die Richtung, aus der ihnen der junge 

Mann entgegengekommen war. 

background image

15 

A

LS DIE DREI Zauberhaften  um die Ecke bogen, sahen sie 

zunächst einmal gar nichts. Zumindest nichts Außergewöhnliches. 

Eine etwa zwei Meter hohe Betonmauer trennte den Rand des 

Parks von der Straße, die jenseits der Bäume verlief. Der Park selbst 
lag ruhig vor ihnen. Die frühe Morgensonne strahlte durch die Zweige 
und verwandelte den ganzen Park in eine Naturidylle. 

Piper, Phoebe und Paige hatten schon lange nichts so Friedliches 

mehr gesehen. Wenn es nicht viel zu früh am Morgen gewesen wäre, 
dann hätten sie diesen Ausflug in den Stadtpark sogar genossen. 

Phoebe war die Erste, die etwas bemerkte. »Schön hier«, sagte sie 

und blickte sich wachsam um. »Und schön ruhig.« 

Sie blickte ihre Schwestern an. Selbst Piper, die eher selten ins 

Kino ging, kannte den Satz, der in so einer Situation immer folgte: 
»Zu ruhig«, ergänzten die beiden Schwestern wie aus einem Mund. 

Und tatsächlich: Trotz des wunderbaren Wetters und der 

strahlenden Sonne fehlte etwas. Das Zwitschern der Vögel. 

Der ganze Park war in Totenstille getaucht. Offensichtlich hatten 

alle Vögel das Gebiet fluchtartig verlassen. 

Ohne darüber nachzudenken, stellten die drei Zauberhaften  sich 

Rücken an Rücken auf. Sie hatten schon genug Kämpfe hinter sich, 
um instinktiv diese Verteidigungsposition einzunehmen. So hatten sie 
alle Richtungen im Blick, und niemand konnte sich von hinten 
anschleichen. 

Es sei denn, es war ein Dämon mit ungewöhnlichen Kräften. 

»Das gibt's ja nicht«, keuchte Paige, als ihr Blick auf die Mauer 

fiel. Ein Teil der Betonfläche war mit einer unvollendeten Figur 
besprüht worden. Die Sprühdosen selbst lagen noch auf dem 
Waldboden. Wahrscheinlich war dies das Werk des jungen Mannes, 
der ihnen vorhin entgegengerannt gekommen war. 

Aber was Paige irritierte, war nicht die eher mittelmäßige Graffiti-

Kunst, sondern der noch unbesprühte Teil der Wand. Die junge Hexe 
traute ihren Sinnen nicht, als sich das Grau des Betons plötzlich 

background image

bewegte. Ihre Augen brauchten ein paar Sekunden, um in dieser 
Bewegung die Umrisse einer menschenähnlichen Gestalt zu erkennen. 

Ihre Schwestern drehten sich überrascht zu ihr um. »Was ist denn, 

Paige?«, fragte Piper. Dann weiteten sich ihre Augen, als auch sie das 
Unglaubliche sah. 

Ein Teil der Mauer schien sich zu bewegen. Dann änderte sich das 

Bild. Als ob jemand einen Wasserschlauch daraufgerichtet hätte, 
verschwand die graue Farbe. 

Übrig blieb ein ockerfarbenes Echsen-Monster, das die drei 

Schwestern böse anzischte. 

»Ein Dämon!«, rief Piper. 

Dann war es auch schon zu spät. 

Mit einem Aufschrei stürzte sich der Echsen-Mann auf die 

Schwestern. »Die drei ZzZauberhaftenn  Wasszz für eine günszztige 
Gelegenheit, euch zu töten!« 

Im letzten Augenblick konnte Phoebe der heruntersausenden 

Krallenpranke des Dämons ausweichen. 

Auch ihre beiden Schwestern stoben zur Seite. 

Phoebe stellte sich dem Angreifer als Erste. »Eine günstige 

Gelegenheit für dich wäre es eher, mal beim Zahnarzt 
vorbeizuschauen, Schuppengesicht! Hat dir schon mal jemand gesagt, 
dass du lispelst?« 

Aus dem Stand heraus machte Phoebe einen gewaltigen Satz und 

ließ ihr linkes Bein vorschnellen – genau in Richtung Dämonenkopf. 
Doch bevor sie ihr Ziel traf, war der Echsen-Mann schon 
verschwunden. Jedenfalls schien es so. 

Mit ihrem eigenen Schwung wirbelte Phoebe durch die Luft und 

schlug schließlich unsanft auf dem Boden auf. Nur mit einer 
geschickten Rolle konnte sie verhindern, sich bei ihrer eigenen, 
missglückten Attacke zu verletzen. 

»Phoebe, sei vorsichtig!«, rief Piper. »Ich habe von diesen 

Dämonen im Buch der Schatten gelesen! Das ist ein Grru'Ar – eine 
Art menschliches Chamäleon!« 

background image

»Gut aufgepasszzt!«, zischte es in diesem Augenblick hinter Piper 

auf. Die älteste der drei Halliwell-Schwestern wirbelte herum. Einen 
Sekundenbruchteil lang konnte sie den schemenhaften Umriss des 
Dämons erkennen, der die Farben des Strauches angenommen hatte, 
vor dem er jetzt stand. 

Dann traf sie die Pranke des Monsters. Der Echsen-Mann hatte 

Piper einen Kinnhaken verpasst, der sie benommen zu Boden sacken 
ließ. 

Piper spürte den Geschmack von Blut auf ihrer Zunge. Und sie 

spürte, wie Wut in ihr aufstieg. Sie hob die Hände, um den Dämon mit 
einer magischen Explosion in Stücke zu reißen. 

Im gleichen Augenblick änderte das Echsen-Monster erneut seine 

Farbe. Vor den Augen der erstaunten Schwestern nahmen seine 
Schuppen jetzt die Farbe der grünen Wiese an, die sich hinter seinem 
Rücken erstreckte. Eine Sekunde lang waren seine Umrisse noch zu 
erkennen, dann war der Dämon verschwunden. 

Piper stieß einen nicht besonders damenhaften Fluch aus. Sie 

konnte ihren Gegner weder explodieren lassen noch in der Zeit 
einfrieren – wenn sie ihn nicht sah! 

Während die drei Zauberhaften  sich noch verzweifelt nach ihm 

umsahen, bereitete das Monster bereits seinen nächsten Angriff vor. 
Phoebe hörte hinter sich ein scharfes Zischen – so, als ob etwas 
Scharfes die Luft durchschneiden würde. Instinktiv duckte sie sich. 
Fast im gleichen Augenblick fegten die Krallen des Dämons über 
ihren Kopf hinweg. Hätte sie sich nicht geduckt, wäre sie jetzt einen 
Kopf kürzer. 

Phoebe rollte sich auf dem Boden ab und brachte sich damit in 

Sicherheit. Vorerst. 

»So wird das nichts!«, rief Piper, während sie sich wachsam nach 

allen Seiten umblickte. »Solange wir diesen hässlichen Vogel nicht 
sehen, können wir nichts gegen ihn ausrichten!« 

Ein zischendes Lachen ertönte. Es schien von überall zu kommen. 

Zu sehen war nichts. 

Phoebe rappelte sich auf. Jeden Moment konnte der Dämon eine 

neue Attacke starten. Vorsichtig machte sie ein paar Schritte zurück, 
bis ihr Rücken fast gegen die Steinmauer stieß. Auf diese Weise 

background image

konnte sie wenigstens sicher sein, dass das Echsen-Monster nicht von 
hinten angriff. 

Plötzlich spürte Phoebe, wie etwas gegen die Ferse ihres 

Turnschuhes stieß. Sie blickte hinunter. Zu ihren Füßen lagen die 
Farbdosen des Graffiti-Sprühers, die dieser in seiner Panik 
zurückgelassen hatte. 

Die junge Hexe hatte eine Idee … 

Paige Halliwell, die Schwester mit der geringsten Kampferfahrung, 

blickte sich währenddessen ängstlich um. Es war einfach verrückt – da 
stand sie nun, mitten in einem idyllischen, geradezu paradiesischen 
Park … und musste damit rechnen, jeden Augenblick von einem 
unsichtbaren Echsen-Dämon in Stücke gerissen zu werden. Und für 
diesen Job als Hexe hatte sie ihre Stelle beim Sozialamt aufgegeben? 

»Paige, pass auf!«, rief Piper erschrocken. 

Die jüngste Hexenschwester wirbelte herum. Aus den 

Augenwinkeln sah sie, wie ein Teil der Landschaft auf sie zujagte. 
Zumindest sah es so aus. In Wirklichkeit war es das Echsen-Monster, 
das mit seinen messerscharfen Krallen zu einem Todesstoß ausholte. 

Ohne groß darüber nachzudenken, setzte Paige ihre 

Teleportationskräfte ein. Sie schimmerte kurz auf und war dann 
verschwunden. 

Sekundenbruchteile später materialisierte sie wieder, ein paar 

Meter entfernt. Sie sah gerade noch, wie der Schlag des Echsen-
Wesens ins Leere ging und die Kreatur wütend aufzischte. Für seinen 
verpatzten Todesstoß hatte der Dämon seine Position verändern und 
dafür seine Tarnung aufgeben müssen. Seine Haut trug jetzt immer 
noch die Färbung des Strauchwerks, obwohl er auf dem ockerfarbenen 
Gehweg stand. Eine Sekunde lang wirkte es so, als hätte jemand ein 
Stück der Landschaft herausgeschnitten und an einer falschen Stelle 
wieder eingefügt. 

Doch schon begann das Echsen-Monster wieder, seine 

Hautfärbung der Umgebung anzupassen. Einen Moment noch, und es 
würde wieder unsichtbar sein. 

Das reichte Phoebe. 

background image

Mit einem Kampfschrei auf den Lippen wirbelte sie durch die Luft 

und landete direkt vor dem Dämon. Bevor die Bestie reagieren konnte, 
richtete Phoebe eine der Farbsprühdosen auf ihn. Es gab ein 
zischendes Geräusch und ein scharfer Strahl aus knallroter Lackfarbe 
schoss dem Dämon gegen die schuppige Brust. 

Der Echsen-Mann fauchte wütend auf. Dann versuchte er, seine 

Verwandlung zu vollenden und wieder mit der Umgebung zu 
verschmelzen. 

Vergeblich. 

Obwohl seine Konturen im nächsten Augenblick wieder 

verschwammen und nicht mehr vom Hintergrund zu unterscheiden 
waren, prangte immer noch ein knallroter Farbfleck in der Luft. 

»Sehr gut, Phoebe!«, rief Piper, die ein Stück weit entfernt stand. 

Der Dämon gab ein erneutes, wütendes Fauchen von sich. 

»Verdammte Hexxze!«, zischte und versuchte ebenso verzweifelt wie 
vergeblich, mit seiner Umgebung zu verschmelzen. Der rote Punkt 
blieb. 

Piper blickte sich kurz um und hob dann einen spitzen, etwa 

unterarmlangen Ast auf, der unter einem der Bäume lag. 

Es wurde Zeit, diesen Kampf zu beenden, bevor die ersten Jogger 

und Spaziergänger eintrafen. 

»Paige, würdest du bitte …?«, fragte die älteste Halliwell-

Schwester und warf den Ast senkrecht in die Höhe. 

Paige blickte ihre Schwester einen Sekundenbruchteil fragend an, 

dann verstand sie, was Piper wollte. 

Der Ast fiel bereits zurück zu Boden, als Paige mit ihrer 

telekinetischen Kraft nach ihm griff. Gegen alle Gesetze der 
Schwerkraft änderte er plötzlich seine Richtung und sauste nun 
horizontal weiter. 

Genau auf den roten Punkt zu, der mitten in der Luft zu schweben 

schien. 

Phoebes Zielmarkierung. 

Der Echsen-Dämon schrie auf. »NEINNNN!« 

background image

Doch es war zu spät. Mit einem dumpfen Geräusch bohrte sich die 

spitze Seite des Astes genau in die Brust des Monsters. Der Dämon 
bäumte sich auf und nahm im Augenblick seines Todes wieder seine 
normale, ockerfarbene Hautfärbung an. 

Einen Moment lang konnten die drei Hexen ihren Gegner noch 

einmal in seiner vollen Hässlichkeit bewundern. 

Dann zerplatzte er mit einem Ekel erregenden Geräusch. Zurück 

blieb nur eine schwarze, schleimige Substanz auf dem Gehweg. 

»Argh!«, sagte Paige mit einem angewiderten Gesichtsausdruck. 

»Hoffentlich passen die Jogger heute auf, wo sie hintreten.« 

background image

16 

»

D

AS IST DER SAUBERSTE TATORT, den ich je gesehen 

habe«, sagte Doktor Nyang und zog sich seine Gummihandschuhe 
aus, »und ich meine das nicht als Kompliment für die Putzfrau.« 

Darryl Morris verdrehte die Augen. Dann blickte er in den großen 

Spiegel, der über dem Waschbecken angebracht war. Das Gesicht, das 
ihm entgegenblickte, sah müde und erschöpft aus. Kein Wunder. Es 
war zehn Uhr am Sonntagmorgen, und der Anruf der Einsatzzentrale 
hatte ihn bereits vor einer Stunde aus dem Bett geklingelt. Bis weit in 
die letzte Nacht hinein hatte er am Schreibtisch gesessen und die 
spärlichen Spuren der beiden vorangegangenen Morde wieder und 
wieder analysiert. Vergeblich. Es gab keine Gemeinsamkeit zwischen 
den Opfern, keine Hinweise auf den Täter – nicht einmal ein Indiz 
dafür, wie die beiden Morde überhaupt begangen worden waren. 

Und nun das. 

Ein dritter Mord. Der dritte in ebenso vielen Tagen. 

Darryl stand hinter Doktor Nyang in der weiß gekachelten 

Damentoilette eines großen Kinopalastes der Stadt. Vor dem 
Waschbecken lag die Leiche einer jungen Frau. 

Darryl war auch gerade erst gekommen und wusste noch nicht 

allzu viel über das, was geschehen war. Die junge Dame, eine gewisse 
Elisabeth Bergson, hatte gestern Abend mit ein paar Freundinnen das 
Kino für eine Spätvorstellung besucht. Nach dem Ende des Films war 
Elisabeth noch schnell auf die Toilette gegangen und hatte mit ihren 
Freundinnen ausgemacht, sich mit ihnen auf dem Parkplatz zu treffen. 

Als sie nach einer halben Stunde noch nicht zurück war, waren ihre 

Begleiterinnen davon ausgegangen, sie verpasst zu haben und fuhren 
ohne sie nach Hause. 

Zu diesem Zeitpunkt war Elisabeth Bergson wahrscheinlich schon 

tot. Irgendjemand hatte ihr in der Toilette aufgelauert und sie 
ermordet. 

»Was meinen Sie mit ›sauberer Tatort‹, Doc?«, fragte Darryl 

gereizt. 

background image

Der Leichenbeschauer grinste den Detective an. Die frühe 

Morgenstunde schien ihm nicht das Geringste auszumachen. »Nun ja, 
Detective, der Mörder – oder die Mörderin, ich möchte keine 
voreiligen Schlussfolgerungen treffen – hat das Opfer mit äußerster 
Präzision getötet. Sie werden feststellen, dass Sie hier auch nicht den 
kleinsten Blutstropfen finden werden.« 

Darryl zuckte mit den Schultern. »Na und? Die gesamte Toilette ist 

gekachelt. Es sollte für den Mörder doch kein Problem sein, 
eventuelle Blutstropfen wegzuwischen, bevor er sich aus dem Staub 
macht.« 

Nyang schüttelte nur lächelnd den Kopf. »Ganz so einfach ist das 

nicht, Detective«, entgegnete er. Seine Stimme klang fast nachsichtig, 
als müsste er einem kleinen Kind die Welt erklären. 

Darryl überlegte kurz, ob er wohl mildernde Umstände 

zugesprochen bekäme, wenn er dem Gerichtsmediziner jetzt den Hals 
umdrehen würde. 

Mit einem triumphierenden Grinsen griff Doktor Nyang in seine 

Arzttasche und zog ein seltsames Gerät hervor, das an ein 
aufschnallbares Nachtsichtgerät erinnerte. Nyang reichte es an den 
Detective weiter. »Hier setzen Sie das mal auf und aktivieren Sie es. 
Der Schalter ist an der linken Seite.« 

Zögernd zog sich Darryl das Gerät über den Kopf und befestigte es 

mit einem Riemen am Hinterkopf. Die zwei Linsen ließen sich wie 
eine Brille über die Augen ziehen. 

Noch waren sie undurchsichtig. Darryl ertastete den 

Einschaltknopf, und eine Sekunde später summten die elektronischen 
Linsen auf, und Darryl konnte wieder etwas sehen Der ganze 
Toilettenraum erschien durch das Gerät in grünes Licht getaucht. Als 
sein Blick auf seine Reflexion im Spiegel fiel, kam sich Darryl eine 
Sekunde lang vor wie ein Marsmensch. Beeindruckend, aber was 
sollte das Ganze? 

Das fragte Darryl auch Doktor Nyang. Der Gerichtsmediziner 

lachte mit grasgrünen Zähnen auf und machte eine ausholende Geste. 
»Ich habe den Raum mit einem speziellern Enzym eingesprüht.« 

Nyang schwenkte eine kleine Spraydose, auf deren Etikett eine 

rätselhafte chemische Bezeichnung geschrieben stand. »Es reagiert 

background image

mit menschlichem Blut und löst damit eine chemische Reaktion aus. 
Die elektronischen Sicht linsen, die Sie da tragen, Detective, enthalten 
ein Spektrometer, das diese Reaktion sichtbar macht. Wenn es hie 
irgendwo Blutspuren gibt – auch nur die geringsten Mengen – dann 
müssten sie durch die Linsen knallgrün aufglühen. Und wie Sie sehen 
– Sie sehen nichts!« 

Darryl nickte. Der ganze Toilettenraum leuchtete in einem matten 

Grün, aber nirgendwo hoben sich hellere Flecken ab. Darryl probierte 
etwas aus. Er nahm Doktor Nyang das kleine Fläschchen aus der Hand 
und sprühte damit vorsichtig auf den Zeigefinger seiner linken Hand 
Gestern hatte er sich dort beim Durchwälzen der Akten an einer 
Papierseite geschnitten. 

Tatsächlich. Der winzig kleine, schon fast verheilte Schnitt 

leuchtete durch die Sichtgläser strahlend grün auf Dieses seltsame 
Gerat funktionierte also. 

»Ich sehe schon«, grinste Nyang, als Darryl das Hightech Gerät 

wieder von seinem Kopf zog, »Sie trauen meiner Ausrüstung nicht. 
Aber seien Sie versichert: Im gesamten Toilettenraum befindet sich 
kein einziger Blutstropfen.« 

Darryl nickte. »Das mag ja sein, Doc – aber warum ist das so 

ungewöhnlich? Es gibt leider Gottes viele Arten, einen Menschen zu 
töten – und eine Menge davon kommen ganz ohne Blutvergießen 
aus.« 

»Das schon, Detective, und glauben Sie mir, ich habe sie alle schon 

gesehen. Aber was mich ehrlich gesagt vor ein Rätsel stellt: Wie 
hinterlässt man eine fast blutleere Leiche, ohne dass am Tatort auch 
nur ein einziger Blutstropfen zurückbleibt. Können Sie mir das 
erklären?« 

Der Detective traute seinen Ohren nicht. »Wollen Sie damit sagen, 

dass …« 

»… unsere arme Miss Bergson keinen Tropfen Blut mehr im Leib 

hat.« Doktor Nyang deutete auf die Leiche der jungen Frau. Erst jetzt 
fiel Darryl auf, dass ihr Gesicht tatsächlich wachsbleich aussah. 
Leichen waren ja nicht gerade für rosige Bäckchen bekannt, aber diese 
fast schon bläuliche Einfärbung der Haut war in der Tat 
ungewöhnlich. 

background image

Darryl spürte, wie sein Kopf wieder zu schmerzen begann. Er 

stöhnte gequält auf. Wie sollte er das dem Bürgermeister erklären? 

»Sie sehen aber auch etwas blass aus, Detective«, sagte Nyang 

kopfschüttelnd. »Dabei wissen Sie ja noch nicht einmal alles …« 

Oh, nein, dachte Darryl entsetzt. Nicht noch mehr Rätsel. Aber 

Nyang war gnadenlos. Wie bei einer chinesischen Wasserfolter ließ er 
eine bruchstückhafte Information nach der anderen auf den Detective 
niedertropfen. Wahrscheinlich genoss er dieses Spielchen. 

»Schauen Sie hier«, fuhr Nyang fort und kniete sich wieder neben 

die Leiche. Er deutete auf den Hals der Toten. »Zwei winzige 
Einstiche im Bereich der Halsschlagader. Ich vermute, dass sie vom 
Täter stammen, der seinem Opfer auf diese Weise das Blut ausgesaugt 
hat. Wahrscheinlich mit einer Art Unterdruck-Mechanismus. Sehr 
raffiniert.« 

»Aber warum?«, fragte Darryl entsetzt. Er war froh, dass er noch 

nicht die Zeit gefunden hatte, um etwas zu frühstücken. 

Nyang zuckte nur mit den Schultern. »Aber da ist noch etwas, das 

mir Rätsel aufgibt, Detective …« 

Na großartig, dachte Darryl. Was denn jetzt noch? 

Doktor Nyang deutete mit einem viel sagenden Lächeln auf den 

großen Spiegel über dem Waschbecken. 

»Anhand der Einstichstellen lässt sich schon jetzt mit ziemlicher 

Sicherheit sagen, dass das Opfer von hinten angegriffen wurde, als es 
gerade vor dem Waschbecken stand …« 

»Ja, und?« 

»Sagen Sie mir, Detective, warum Sie den Mörder dann nicht im 

Spiegel gesehen hat und weggelaufen ist!« 

Darryl runzelte die Stirn und betrachtete sein eigenes Spiegelbild. 

Der Doktor hatte Recht – es war einfach unmöglich, sich unbemerkt 
von hinten anzuschleichen, ohne dass das Opfer etwas merkte. 

Dafür gab es nur eine Erklärung – der Täter hatte kein Spiegelbild. 

Darryl seufzte. Waren etwa doch übernatürliche Mächte am Werk? 

Er würde seine informellen Mitarbeiterinnen – die drei Halliwell-
Schwestern – noch einmal zurate ziehen müssen. 

background image

Aber das würde er dem Doktor ganz bestimmt nicht auf die Nase 

binden. 

»Vielen Dank, Doktor Nyang«, sagte er stattdessen. Darryl wollte 

dem Gerichtsmediziner noch einen schönen Sonntag wünschen, als 
etwas in seiner Brusttasche vibrierte. Sein Handy. 

Erstaunt drückte Darryl auf eine Taste und hielt sich das winzige 

Mobiltelefon ans Ohr. 

Kurz darauf wurde seine Gesichtsfarbe noch ungesunder. 

»Oh, guten Morgen Herr Bürgermeister …« 

background image

17 

A

LS PIPER, PHOEBE UND PAIGE zu Hause ankamen, waren 

sie alle in Schweiß gebadet. »Ich gehe als Erste duschen«, rief Paige 
und stürmte durch die Haustür hinauf in den ersten Stock, wo sich das 
Badezimmer befand. 

Phoebe und Piper waren zu erschöpft, um sich mit Paige um dieses 

Privileg noch streiten zu können. Obwohl die alte Standuhr im 
Wohnzimmer in genau diesem Augenblick erst zehn Uhr morgens 
schlug, war es bereits wieder unerträglich heiß. 

Die Hitzewelle schwoll wieder einmal an. 

»Möchtest du einen Kaffee?«, fragte Piper erschöpft. 

Phoebe überlegte kurz, dann schüttelte sie den Kopf. Einen kleinen 

Wachmacher hätte sie schon gut gebrauchen können, aber für ein 
heißes Getränk war ihr viel zu warm. »Lieber einen O-Saft«, 
antwortete sie. »Lass nur, ich hole ihn mir schon selber.« 

Erschöpft schlurfte Phoebe in die Küche und öffnete die 

Kühlschranktür. Ein paar Sekunden lang genoss sie die eisige Kälte, 
die ihr entgegenschlug. 

»Du hast es gut«, sagte sie zu dem lächelnden Orangen-Männchen, 

das auf der Saftpackung abgebildet war. 

Piper hatte inzwischen zwei Gläser geholt und auf den Küchentisch 

gestellt. Oben, im ersten Stock, begann die Dusche zu rauschen. 

»Wenn Paige fertig ist, springe ich auch unter die Dusche und lege 

mich noch eine Runde aufs Ohr«, sagte Phoebe, während sie den Saft 
eingoss. »Vielleicht blase ich sogar unsere alte Luftmatratze auf und 
ziehe in den Keller.« 

»Keine schlechte Idee«, erwiderte Piper, bevor sie ihr Glas mit ein 

paar hastigen Schlucken fast leerte. Es war ihr mittlerweile egal, wie 
ungesund das angeblich war. Sie genoss es einfach, wie die kalte 
Flüssigkeit ihre Kehle hinunterlief. 

»Lass uns mal den Fernseher einschalten«, sagte Phoebe und nahm 

ihr Glas in die Hand. »Vielleicht erwischen wir ja eine 

background image

Wettervorhersage. Diese Hitzewelle kann doch nicht ewig so 
weitergehen.« 

Piper nickte und folgte ihrer jüngeren Schwester ins Wohnzimmer. 

»Ich hoffe, du hast Recht. Denn wenn die Dämonen in dieser 
Häufigkeit weiter von der Hitze angezogen werden, mache ich bald 
schlapp.« 

Phoebe hatte bereits das Wohnzimmer erreicht und nickte. »Ja, von 

hitzefrei haben die in der Hölle wohl noch nie etwas gehört …« 

Piper blickte sich um. Wo hatte Paige denn schon wieder die 

Fernbedienung hingelegt? Erst nach einer intensiven Suche fanden die 
beiden Halliwell-Schwestern sie unter einem der Sofakissen. 

»Das ist mal wieder typisch für Paige«, knurrte Piper. 

Phoebe grinste nur. »Sei nicht so streng mit ihr. Immerhin hat sie 

sich heute Morgen gut geschlagen.« 

»Das stimmt allerdings«, musste Piper anerkennen. »So langsam 

hat sie wirklich den Bogen raus. Ich bin froh, dass wir sie haben.« 

»Auch wenn sie bald mal mit dem Duschen fertig werden könnte«, 

murmelte Phoebe. Das Wasser im ersten Stock rauschte immer noch. 

Piper schaltete den Fernseher ein. 

»Das gibt's ja nicht!«, rief Phoebe erstaunt auf, als das Bild 

aufflammte. »Da ist ja Darryl!« 

Phoebe hatte Recht. Zufällig hatte Piper auf einen der Lokalsender 

geschaltet, auf dem offensichtlich gerade eine Pressekonferenz 
abgehalten wurde. Piper erkannte den Bürgermeister von San 
Francisco, der auf einer Rednerbühne stand und gerade aufgeregt mit 
Darryl diskutierte. 

Der Bürgermeister redete mit zornesrotem Gesicht auf den 

Detective ein, der immer kleiner zu werden schien. 

Und offensichtlich hatte der Bürgermeister noch nicht bemerkt, 

dass die Kameras bereits liefen. Der Tadel, den er seinem
Untergebenen da verpasste, war bestimmt nicht für die Öffentlichkeit 
gedacht. 

»… von Inkompetenz umgeben. Das sage ich Ihnen, Morris, wenn 

Sie diesen Verrückten nicht innerhalb der nächsten drei Tage 

background image

geschnappt haben, können Sie wieder den Verkehr regeln, ist das 
klar?!« 

Bevor der arme Darryl etwas entgegnen konnte, bemerkte der 

Bürgermeister seinen Fehler. Sofort schaltete er sein Kamera-Gesicht 
ein und lächelte in die auf ihn gerichteten Objektive. 

»Sehr verehrte Damen und Herren von der Presse, wie Sie ja 

bereits wissen, hat es bedauerlicherweise in der letzten Nacht einen 
neuen Mordfall gegeben. Die Ermittlungen laufen bereits auf 
Hochtouren. Einer meiner besten Männer, Detective Darryl Morris, 
leitet das Untersuchungsteam, das bereits eine heiße Spur verfolgt …« 

Phoebe und Piper konnten am Bildschirm sehen, wie Darryl im 

Hintergrund verlegen lächelte und dabei Blut und Wasser schwitzte. 
Er machte nicht den Eindruck, als würde er irgendeine Spur verfolgen. 

»Der Ärmste«, sagte Piper mitleidig. »Wenn er nicht bald ein paar 

Ergebnisse vorweisen kann, wird der Bürgermeister ihn grillen. Von 
der Presse ganz zu schweigen …« 

Phoebe wollte gerade etwas erwidern, als ein markerschütternder 

Schrei durch das Haus hallte. 

Das war Paige. 

Ohne eine Sekunde zu zögern sprangen die beiden anderen 

Halliwell-Schwestern auf. Ein paar Sekunden später hatten sie schon 
den Treppenabsatz des ersten Stockwerkes erreicht. 

In diesem Augenblick wurde die Tür des Badezimmers 

aufgestoßen. Paige kam herausgestürzt. Sie hatte sich nur notdürftig 
ein Badehandtuch umgeschlungen und deutete auf die offene 
Badezimmertür. 

»Wie lange wurde eigentlich der Ausguss vom Waschbecken nicht 

mehr gereinigt?«, rief sie aufgeregt. 

»Wieso, was ist denn?«, fragte Piper. Wenn das ein Scherz sein 

sollte, dann … 

Aber Paige deutete nur mit einer Kopfbewegung in das 

Badezimmer. »Sieh selbst!« 

Vorsichtig steckten Piper und Phoebe ihre Köpfe durch die Tür. 

Sie trauten ihren Augen nicht. 

background image

Mit einem gurgelnden Geräusch schoss eine Fontäne aus 

bräunlichem Schlamm aus dem Waschbecken heraus. Aber anstatt 
sich in alle Richtungen zu verteilen, spritzte der Schlamm auf eine 
bestimmte Stelle auf dem Boden und schien sich dort aufzutürmen. 

Die Fontäne nahm kein Ende mehr. Der Schlammhügel war jetzt 

schon fast zwei Meter hoch und nahm langsam Gestalt an. 

Die Gestalt eines Dämons. 

Und er stank abscheulich. 

»Igitt!«, rief Phoebe und hielt sich die Nase zu. »Das ist ja 

entsetzlich!« 

Tatsächlich stank das Badezimmer, als hätte es jemand in ein 

Sumpfgebiet verwandelt. Die Fontäne endete abrupt und das 
Schlamm-Monster bäumte sich noch einmal auf, bevor es endgültig 
eine menschenähnliche Gestalt annahm. Sein Gesicht wirkte wie eine 
zerschmolzene Maske, die entfernt an die eines Menschen erinnerte. 

Dann öffnete das Wesen sein Maul und brüllte die drei 

Zauberhaften  an. Phoebe, Piper und Paige wichen zurück. Es war 
weniger das Brüllen, das sie die Flucht ergreifen ließ, als der 
bestialische Gestank aus dem Maul der Schlamm-Bestie. 

Entsetzt liefen sie die Treppe hinunter, wobei Paige Mühe hatte, ihr 

Badetuch festzuhalten. 

»Das darf doch wohl nicht wahr sein«, rief Piper. »Andere Leute 

haben im Sommer ein Mückenproblem – und wir eine Dämonenplage. 
Ich habe langsam keine Lust mehr.« 

Im Flur angekommen, machten die drei Schwestern Halt und 

blickten zurück. 

Der Schlamm-Dämon war ihnen dicht auf den Fersen. Anstatt die 

Treppe hinunterzulaufen, floss er einfach von Stufe zu Stufe. 
Allerdings nicht, ohne eine breite Schlammschicht auf dem Parkett zu 
hinterlassen. Piper heulte wütend auf. 

»Spinnst du?!«, schrie sie den Dämon an, »ich habe hier frisch 

geputzt, verdammt noch mal!« 

Der Dämon zögerte. Offensichtlich war er es nicht gewohnt, dass 

man ihn anschrie. 

background image

»Grrööörgggl?!«, grunzte er blubbernd. 

»Ich gebe dir gleich ›Grööggll‹!«, rief Piper nur und hob die 

Hände. 

»Ah, Piper, ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist«, rief Phoebe 

noch dazwischen, aber es war schon zu spät. 

Die älteste Halliwell-Schwester schloss kurz die Augen und 

konzentrierte sich. 

Einen Sekundenbruchteil später explodierte der Dämon mit einem 

lauten Knall. Das nächste Geräusch, das die drei Schwestern hörten, 
war ein platschendes Geräusch. Eine wahre Flutwelle aus feuchtem 
Schlamm traf sie von oben bis unten. 

Fassungslos blickten Piper, Phoebe und Paige sich an. 

»Na, großartig«, knurrte Phoebe und wischte sich eine Ladung 

Dreck aus dem Gesicht. »Danke für die Schlammpackung, Piper. Es 
soll ja nichts Besseres für die Hautgeben.« 

»Ich gehe zuerst duschen!«, rief Paige und rannte die Stufen zum 

Badezimmer hinauf. Sekunden später war erneut das Rauschen der 
Dusche zu hören. 

Piper blickte sich um. Der schöne, frisch geputzte Hausflur – von 

oben bis unten mit stinkendem, dämonischem Schlamm bedeckt. Sie 
würde Stunden brauchen, um das alles wieder sauber zu bekommen. 

Aber sie würde nicht allein schrubben, so viel war sicher. 

»Leo!«, rief sie. 

Gustav Landreau rieb sich die schmerzende Brust. Die Stiche in 

seinem Herzen waren jetzt heftiger und kamen in immer kürzeren 
Abständen. Stöhnend griff der alte Mann nach der Pillendose auf dem 
Kaffeetisch und nahm zwei der Tabletten heraus. Diesmal spülte er sie 
nicht mit Alkohol, sondern mit Wasser hinunter. Er hatte zwar keine 
Angst vor dem Tod, aber er wollte den Lauf der Dinge auch nicht 
unnötig beschleunigen. 

Immerhin gab es noch etwas zu regeln. 

background image

Wie immer dauerte es eine Minute, bis die Herztabletten ihre 

Wirkung entfalteten. Das Stechen in der Brust klang langsam ab, dann 
war es verschwunden. Aber Landreau wusste, dass seine 
Medikamente die Schmerzen nur kurzzeitig vertreiben konnten. Sie 
lauerten noch immer in seiner Brust, bereit, wieder zuzuschlagen … 
und ihm irgendwann den Rest zu geben. 

Die Zeit drängte langsam, aber die Dinge standen gut. Voller 

Befriedigung hatte Landreau die Pressekonferenz im Fernsehen 
verfolgt. In der letzten Nacht hatte es einen dritten Mord gegeben und 
die Polizei tappte offensichtlich noch immer im Dunkeln. 

Und das würde so bleiben – auch nach dem vierten Mord, der 

sicher sehr bald folgen würde. Gustav Landreau lachte auf. Er hatte 
sich seinen jungen Schüler sehr gut ausgesucht. 

Für kurze Zeit war er etwas beunruhigt gewesen, als plötzlich diese 

beiden Hexen am Set von ›Scream X-Treme‹ aufgetaucht waren. 
Landreau hatte in den vergangenen vierzig Jahren Erfahrungen mit 
den übersinnlichen Mächten sammeln können – nicht nur als 
Regisseur von Horrorfilmen, wohlgemerkt. Es war für ihn nicht 
schwer gewesen zu durchschauen, dass die beiden Schwestern zu den 
Zauberhaften  gehörten. Aber diese jungen Dinger waren ahnungslos 
und konnten ihm und seinen Plänen nicht gefährlich werden. Im 
Gegenteil – sie brachten vielleicht etwas frischen Wind und eine 
zusätzliche Herausforderung in das Spiel. 

Landreau lachte triumphierend auf. Diesmal verursachte das 

Gelächter keine Schmerzen in seiner Brust. Im Gegenteil, er fühlte 
sich dadurch verjüngt. 

Allem besseren Wissen zum Trotz schenkte er sich nun doch ein 

Glas Whisky ein. Dann trat Gustav Landreau vor einen großen 
Wandspiegel und prostete sich zu. 

In diesem Moment begann der große Breitwand-Fernseher zu 

rauschen. Landreau blickte sich um. Ohne Überraschung nahm er 
wahr, wie sich das Fernsehbild langsam verzerrte. Aus einem weißen 
Rauschen bildete sich ein Gewirr, das aus tausend schwarz-weißen 
Ameisen zu bestehen schien, und schließlich den Umriss einer Gestalt 
zum Vorschein brachte. Es war nicht mehr als ein schemenhaftes, 
dunkles Bild, aber Landreau erkannte seinen unheimlichen Besucher 
sofort. Dass er über den Fernseher Kontakt zu ihm aufnahm, war zwar 

background image

neu – aber warum sollten nicht auch Dämonen allmählich mit der Zeit 
gehen? 

»Gustav, du siehst blass aus«, dröhnte es aus den Lautsprechern 

des Fernsehers. »Deine Zeit läuft ab. Ich hoffe, du vergisst unsere 
kleine Abmachung nicht?« 

Landreau lächelte und schüttelte den Kopf. »Wie könnte ich das. 

Ich habe alles in die Wege geleitet. Das Spiel hat längst begonnen. 
Mach dir keine Sorgen.« 

Die Gestalt auf dem Fernsehbildschirm lachte auf. »Oh, ich mache 

mir keine Sorgen. Warum auch. Ich gewinne immer.« 

Es gab ein letztes statisches Knistern, dann verschwand die Gestalt 

wieder. Einzig das weiße Rauschen des Fernsehers blieb zurück. 

Gustav Landreau nahm noch einen Schluck Whisky und schaltete 

dann den Fernseher ab. 

background image

18 

»

H

AST DU DEIN HANDY AUCH AN?«, fragte Phoebe. 

»Klar, keine Sorge, es steht auf Vibrations-Alarm«, beruhigte 

Paige ihre Halbschwester. »Falls wieder irgendwelche Dämonen 
auftauchen, kann Piper uns einfach anrufen. Aber ich hoffe, wir 
bleiben heute davon verschont. Das Wochenende hat mir gereicht.« 

Phoebe nickte. Sie erinnerte sich mit Schaudern an den gestrigen 

Tag. Nach dem Angriff des Schlamm-Dämons hatten sie gerade mal 
ein paar Stunden Ruhe gehabt. Denn schon kurz nach Einbruch der 
Dämmerung – Piper und Leo waren gerade erst mit der Beseitigung 
der Schlammspuren fertig geworden – waren die drei Schwestern 
durch ein flatterndes Geräusch aufgeschreckt worden. Die drei 
Zauberhaften  und Leo waren nach draußen gestürmt, wo schon ein 
mannsgroßer Fledermaus-Dämon auf sie gelauert hatte. Die drei 
Schwestern und Leo konnten den scharfen Krallen des Dämons nur 
entgehen, indem sie sich auf den Boden warfen. Während das 
Fledermaus-Monster wie ein Jagdbomber zu einem zweiten 
Luftangriff ansetzte, hatte Piper zum Glück schon die Arme gehoben 
und fror den Angreifer kurzerhand mitten in der Luft ein. Phoebe 
erinnerte sich noch gut daran, wie die ledernen Flügel des Dämons 
plötzlich erstarrten – und die Schwerkraft ihren Tribut forderte. 
Krachend war der Fledermaus-Dämon in einem Gebüsch im Garten 
des Hauses gelandet. Im selben Augenblick, indem er sich das Genick 
gebrochen hatte, war der Angreifer auch schon zu Staub zerfallen. 
Zum Glück – darüber waren sich die drei Zauberhaften und Leo einig 
gewesen – lockte diese Hitzewelle nicht gerade die intelligentesten 
Dämonen an. Trotzdem war es kein Vergnügen, fast das ganze 
Wochenende gegen eine Dämonenplage kämpfen zu müssen. 

Aber fürs Erste war der Stress der letzten Tage vergessen. Phoebe 

und Paige spazierten durch das Tenderloin-Viertel, die etwas 
schmuddlige Amüsiermeile der Stadt. Normalerweise wimmelte es 
hier von Touristen, die die etwas verruchtere Seite San Franciscos 
kennen lernen wollten. Aber die Hitzewelle legte selbst den 
Touristenstrom lahm. Die Straßen waren zwar nicht gerade 
ausgestorben, aber erheblich leerer als sonst. 

background image

Umso besser. Andy, der Regisseur von ›Scream X-Treme‹ hatte 

gestern, am Sonntagabend, noch einmal angerufen und den beiden 
Schwestern den Drehort für die nächsten Aufnahmen mitgeteilt. 

Diesmal war wieder ein Außendreh an der Reihe, und wie immer 

in solchen Fällen würde er ohne Genehmigung auf offener Straße 
stattfinden. Guerilla-Filmen eben! Phoebe erinnerte sich grinsend an 
ihre erste Begegnung mit dem Filmteam, als sie bei einer ähnlichen 
Aktion die ferngesteuerte Mumie zertrümmert hatte. 

Die Mumie … 

Phoebe stutzte. Etwas in ihrem Unterbewusstsein machte Klick. 

Aber die junge Hexe kam nicht darauf, was es war. Irgendetwas hatte 
mit der unheimlichen Mordserie zu tun, mit der ihr Freund Darryl 
Morris betreut war. Aber was? 

Paige riss ihre Halbschwester aus den Gedanken. »Hey, da vorne 

ist Andy!« 

Phoebe blickte auf. Tatsächlich. In einem dunklen Hauseingang 

stand der Regisseur von › Scream X-Treme‹, blickte sich misstrauisch 
nach allen Seiten um und winkte die beiden Schwestern dann heran. 

Er trug ein schwarzes T-Shirt, auf dem der Schriftzug ›Scream X-

Treme‹ in blutigen Lettern aufgedruckt war. »Paige, Phoebe, da seid 
ihr ja«, begrüßte er sie und grinste. »Wir legen gleich los.« 

Paige deutete auf das T-Shirt. »Cooles Teil, Andy.« 

»Was? Oh, das T-Shirt. Ja, wir haben einen Sponsor gefunden, der 

uns die Dinger bezahlt. Solche T-Shirts für die Crew sind normal bei 
Filmproduktionen. Ich habe für euch auch noch welche. Ich gebe sie 
euch nachher – und hebt sie gut auf. Die Dinger können einen 
ziemlich hohen Sammlerwert unter den Fans erzielen.« 

»Oh, ich werde mich von meinem niemals trennen«, gurrte Paige. 

»Vorausgesetzt, der Regisseur des Films verewigt sich darauf mit 
einem Autogramm.« 

»Darüber lässt sich reden«, grinste Andy. 

Phoebe verdrehte die Augen. War sie auch so peinlich beim 

Flirten? 

background image

»Wolltet ihr nicht mit dem Dreh anfangen, Andy?«, fragte sie 

schließlich. 

Der Jungregisseur räusperte sich. »Oh, sicher. Wir warten nur noch 

ein paar Minuten auf das richtige Licht der Abendsonne. Kommt mit, 
wir drehen wieder in einer Seitengasse.« 

Andy bedeutete den beiden Schwestern, ihm zu folgen. Die drei 

bogen in eine kleine Nebenstraße ein, in der der Rest des Teams schon 
versammelt war. Tatsächlich trugen sie alle stolz die schwarzen T-
Shirts mit dem ›Scream X-Treme‹- Aufdruck. 

Pete, der etwas füllige Kameramann, sah darin ein wenig wie eine 

Presswurst aus. »Hey, XXL gab es leider nicht«, grinste Pete, als er 
die amüsierten Blicke der beiden Schwestern bemerkte. »Aber mir ist 
es lieber, das Shirt spannt sich ein bisschen über meinem Astralkörper, 
als das es so herumschlottert wie an dieser Bohnenstange hier.« 

Mit einem breiten Grinsen deutete er auf seinen hageren Ton-

Assistenten, dem sein persönliches T-Shirt tatsächlich ein paar 
Nummern zu weit war. 

Eine scharfe Stimme durchschnitt plötzlich die Luft. 

»Ist das hier eine Modenschau, oder können wir endlich mal 

anfangen? Im Gegensatz zu euch habe ich nämlich auch noch ein 
Privatleben.« 

Phoebe und Paige blickten sich um. 

Hinter ihnen stand Virginia Fontaine, geborene Pilfinger, und 

blickte sich abschätzig um. »Schon wieder eine schmutzige Gasse. 
Gott, bin ich froh, wenn ich diesen Alptraum-Job hinter mir habe.« 

»Virginia. Schön, dass du auch noch kommst«, grüßte Andy und 

blickte demonstrativ auf seine Armbanduhr. 

Die Schauspielerin gab ein missbilligendes ›Pfft‹ von sich. 

»Wieso? Hättest du meine Rolle sonst an eine dieser beiden … 
Schulmädchen vergeben?«, fragte sie und blickte die beiden 
Halliwell-Schwestern dabei an. Ihr Blick war genauso abfällig wie ihr 
Tonfall. 

»Rede keinen Unsinn, Virginia«, antwortete Andy nur. »Du bist 

unser Star, keine Frage.« 

background image

»Allerdings«, zischte die Schauspielerin. »Und vergiss nicht, dass 

mein Verlobter auch der Hauptsponsor für deinen kleinen Film ist, 
Andy«, fügte sie hinzu. Die Drohung in diesem Satz war nicht zu 
überhören. 

Andy ging nicht darauf ein, sondern blickte nur nach oben. »Das 

Licht ist jetzt genau richtig, würde ich sagen. Pete, was meinst du?« 

Der Kameramann antwortete nur mit einer Geste: Perfekt. 

»Schön, dann lasst uns anfangen, bevor die Anwohner wieder die 

Polizei informieren. Virginia, du weißt, was du zu tun hast. Tim, bist 
du auch so weit?« 

Tim Sorvino, der Mann für die Spezialeffekte, trat aus dem 

Schatten einer Hauswand. Phoebe und Paige hatten ihn bis zu diesem 
Moment gar nicht bemerkt. In seinen Armen hielt er die Puppe des 
kleinen Werwolfs. 

»Von mir aus kann es losgehen«, erwiderte Tim. Dann warf er 

noch einen bösen Blick auf Phoebe. »Und denk daran«, sagte er zu 
ihr, »das hier ist eine Puppe. Eine sehr teure Puppe, in der eine Menge 
Arbeit steckt. Es wäre nett, wenn du sie diesmal nicht zertrümmern 
würdest.« 

»Keine Sorge«, antwortete Phoebe mit einem gespielten Lächeln. 

»Diesmal weiß ich ja Bescheid.« 

»Okay, Leute, dann mal los.« Andy stellte sich auf einen kleinen 

Treppenaufsatz, von dem aus er einen besseren Überblick über die 
ganze Szene hatte. »Virginia, du läufst einfach die Gasse hinunter und 
wirst dabei von dem kleinen Werwolf verfolgt. Tim, deine Puppe läuft 
hinter Virginia her, und wenn sie etwa da drüben an den Mülltonnen 
angekommen ist, lässt du deinen kleinen Liebling sie anspringen, 
okay?« 

»Kein Problem«, antwortete Sorvino. 

»Gut. Und Virginia – denk bitte daran, dass du in dieser Szene am 

Fuß verletzt bist und nicht mehr schnell laufen kannst. Sonst hat die 
Puppe überhaupt keine Chance, dich einzuholen.« 

»Andy, rede nicht mit mir, als wäre ich eine Idiotin«, zischte 

Virginia. »Ich bin ein Profi, okay?« 

background image

Pete, der Kameramann, grunzte auf. »Eine Professionelle vielleicht 

…« 

Bevor sich die Schauspielerin und der Kameramann wieder in die 

Haare bekommen konnten, gab Andy das Signal zum Start. 

»Ton ab!« 

»Ton läuft!« 

»Kamera ab!« 

»Kamera läuft!« 

»Uuuund … Action!« 

Gebannt beobachteten Phoebe und Paige, wie Virginia humpelnd 

losrannte, direkt auf die Mülltonnen am Ende der Gasse zu. Hinter ihr 
flitzte die Werwolf-Puppe mit erstaunlich schnellen Schritten über den 
Asphalt. 

Irgendetwas an dieser Szene ließ es in Phoebes Hirn wieder Klick 

machen. Wenn sie nur darauf käme, an was sie das Ganze erinnerte. 

Paige blickte in diesem Augenblick auf Tim Sorvino. Der blasse 

junge Mann stand ein paar Schritte neben Andy und steuerte die 
Puppe mit einer umgehängten Fernbedienung. 

Der Regisseur selber stand auf dem Treppenabsatz und beobachtete 

die Szene. Sein Blick spiegelte Konzentration wider, doch gleichzeitig 
schien er auch weggetreten zu sein. Paige fand es faszinierend, wie 
sehr Andy offensichtlich in seiner Aufgabe aufging. Der junge Mann 
wirkte, als habe er die ganze Welt um sich herum vergessen. 
Wahrscheinlich machte gerade diese Hingabe einen guten Regisseur 
aus. 

Paige fuhr erschrocken herum, als aus dem Ende der Gasse ein 

Schrei ertönte. Sie sah gerade noch, wie Virginia Fontaine zu Boden 
ging. Der Sturz sah echt aus. Zu echt für Paiges Geschmack – und für 
Virginias Schauspielkunst. 

Die beiden Schwestern rannten los. 

Andy erwachte aus seiner Erstarrung. Paige konnte hören, wie 

seine Schritte direkt hinter ihr über den Asphalt hallten. 

background image

»Virginia, alles in Ordnung bei Ihnen?«, rief Phoebe, noch bevor 

sie die Schauspielerin erreicht hatte. 

»Gar nichts ist in Ordnung«, zischte Virginia Fontaine und presste 

die Hand auf die linke Wade. 

»Was ist denn passiert?«, fragte Andy besorgt und hielt der 

Schauspielerin die Hand hin, um ihr beim Aufstehen zu helfen. 

Virginia schlug seine Hand nur barsch weg. »Lass mich in Ruhe, 

verdammt. Diese blöde Puppe hat mich gekratzt!« 

»Was? Lass doch mal sehen«, erwiderte Andy kopfschüttelnd. 

Einen halben Meter hinter Virginia stand immer noch die 

Werwolf-Puppe und ließ ihre Klauen in einer monotonen, 
mechanischen Bewegung durch die Luft sausen. Offenbar hatte sie 
einen Kurzschluss. Seltsam, dachte Phoebe, vor ein paar Sekunden 
hatte sich diese Puppe doch noch so lebensecht bewegt. 

Widerstrebend nahm Virginia ihre Hand vom Wadenbein. Ein 

kleiner, kaum blutender Kratzer kam darunter zum Vorschein. Selbst 
ein Schulkind würde diese Mini-Verletzung mit einem Schulterzucken 
wegstecken, aber Virginia stellte sich an, als hätte ihr die Puppe das 
halbe Bein weggesäbelt. 

»Wenn auch nur die kleinste Narbe zurückbleibt, werde ich euch 

verklagen, darauf könnt ihr Gift nehmen!«, keifte die Schauspielerin. 
Mühsam stand sie auf und verzog das Gesicht wie jemand, der große 
Schmerzen hat. 

Es gelang ihr nicht besonders gut. Ihr größtes Talent trägt sie eben 

in der Bluse, dachte Paige. 

In diesem Augenblick kam Tim Sorvino angelaufen. Er hielt noch 

immer die Fernbedienung in der Hand. 

»Was war denn los?«, fragte er. 

»Das fragst du noch, du Idiot?« Virginia war außer sich. »Deine 

dämliche Puppe hat mich verletzt! Das war los! Wenn sich das 
herumspricht, kannst du dir einen neuen Job suchen und Pappmaché-
Monster für eine Geisterbahn zusammenklatschen!« 

background image

Sorvino schüttelte den Kopf. »Ich … ich habe keine Ahnung, wie 

das passieren konnte«, stotterte er. Der junge Mann schien noch 
blasser zu sein als sonst. 

»Jetzt schalte erst mal diese dämliche Puppe ab!«, rief Andy. Auch 

er schien mittlerweile kurz vor dem Explodieren zu sein. 

Sorvino schluckte und legte einen Hebel auf der Fernsteuerung um. 

Im nächsten Augenblick erstarrte die Puppe mitten in der Bewegung. 
Wie zum Schutz, griff Sorvino nach der Puppe und nahm sie in den 
Arm. 

»Verdammt, tut das weh«, jammerte Virginia nicht sehr 

überzeugend. »Ruft mir sofort ein Taxi! Ich will nach Hause! Und 
eins sage ich dir, Andy: Mein Verlobter wird nicht sehr erfreut 
darüber sein, dass er Dreharbeiten finanziert, bei denen ich wegen 
eurer Unfähigkeit verunstaltet werde! Passt nur auf, dass er euch den 
Geldhahn nicht zudreht!« 

»Soll das eine Drohung sein?«, fragte Andy mit 

zusammengekniffenen Augen. 

»Nein, ein Versprechen!«, knurrte Virginia. Dann humpelte sie 

übertrieben theatralisch Richtung Hauptstraße. »Und ruft mir endlich 
das verdammte Taxi!« 

Andy seufzte auf. »Das hätte nicht passieren dürfen«, murmelte er. 

»Halb so wild«, schniefte Pete, der Kameramann, als Virginia 

außer Hörweite war. »Ich habe alles auf Film und ich kann dir 
versichern, dass Virginia noch nie so gut gespielt hat wie in diesem 
Augenblick. Du hättest ihr Gesicht sehen sollen, als Tims kleines 
Monster sie tatsächlich angefallen hat. Man hätte meinen können, sie 
wäre eine echte Schauspielerin. Außerdem haben wir doch eh fast 
alles abgedreht. Und für die große Kampfszene in der Disko brauchen 
wir im Grunde nur das Stunt-Double.« 

Andy nickte. »Stimmt, da hast du Recht. Zum Glück drehen wir 

nicht chronologisch.« 

»Chronologisch?«, fragte Paige interessiert nach. 

Pete antwortete an Andys Stelle. Der Kameramann schien der 

Einzige zu sein, an dem Virginias Launen einfach so abperlten. »Na 
ja, kaum ein Film wird in der Reihenfolge gedreht, in der man in 

background image

nachher auf der Leinwand sieht. Meistens dreht man den Mittelteil 
sogar zuerst, weil da die Aufmerksamkeit des Publikums 
erfahrungsgemäß am geringsten ist.« 

»Das verstehe ich nicht«, erwiderte Paige. »Warum das?« 

»Weil auch die Schauspieler immer ein paar Tage brauchen, um in 

ihre Rollen hineinzufinden. Und das Team braucht auch etwas Zeit, 
bis das Zusammenspiel aller Beteiligten stimmt. Und wenn das Ganze 
zunächst noch etwas holprig ist …« 

»… fällt es dem Publikum im Mittelteil des Films am wenigsten 

auf, weil dann sowieso keiner mehr so genau hinsieht.« 

»Exakt.« Pete nickte zufrieden und grinste Paige an, wie ein Lehrer 

seine Musterschülerin. »Du hast es erfasst.« 

Dann fuhr er mit seiner Erklärung fort und blickte dabei auch auf 

Andy. »Selbst wenn Virginia-Superstar ihre Rolle schmeißt, können 
wir die Kampfszene im Nachtclub auch mit dem Stand-Double 
drehen. Zur Not kopieren wir ihr Gesicht digital hinein.« 

Andy nickte. 

»Wirklich? Das geht?« 

Pete zuckte mit den Schultern. »Klar, das ist heutzutage kein 

Problem mehr. »Bei Gladiator haben sie das auch so gemacht, als 
Oliver Reed während der Dreharbeiten gestorben ist. Oder schon Jahre 
früher, bei The Crow – ihr wisst schon, als Brandon Lee, der 
Hauptdarsteller, während einer Kampfszene versehentlich mit einer 
echten Pistole erschossen wurde?« 

»Ja, solche Dinge passieren«, murmelte Andy und nickte. 

»Wow, hast du das gehört?«, fragte Paige und blickte sich nach 

ihrer Schwester um. Phoebe stand ein paar Schritte weiter entfernt und 
rieb sich nachdenklich das Kinn. 

Paige kannte ihre Halbschwester lange genug, um zu erkennen, 

dass Phoebe irgendetwas ausbrütete. 

»Entschuldigt mich einen Moment«, sagte sie zu Andy und Pete 

und ging zu ihrer Schwester herüber. 

»Phoebe, alles in Ordnung bei dir? Was ist denn los?«, flüsterte 

Paige. 

background image

Phoebe blickte ihre Schwester an. »Mir spukte die ganze Zeit 

schon irgendetwas im Kopf herum«, erwiderte Phoebe leise. »Und 
nach Virginias kleinem Auftritt gerade bin ich endlich dahinter 
gekommen, was es ist.« 

»Ach, ja? Was denn?« 

»Ich glaube, Paige«, sagte Phoebe mit einem unauffälligen 

Seitenblick auf Tim Sorvino, »ich weiß jetzt, wie die drei Morde der 
letzten Tage begangen wurden.« 

background image

19 

P

IPER HALLIWELL STAND AUF der Bühne des P3  und 

seufzte. Von hier oben hatte man den besten Blick auf das Lokal. 
Montag war Ruhetag im P3  und der große Raum deshalb 
menschenleer – ein ungewöhnlicher Anblick, denn normalerweise war 
der Club immer gut gefüllt. 

»Auf was habe ich mich da nur eingelassen?«, murmelte sie und 

schüttelte den Kopf. 

Leo stand neben ihr und unterdrückte mühsam sein Grinsen. »Denk 

immer an die Promotion, Piper. Und du tust deiner kleinen Schwester 
damit einen riesigen Gefallen. Sie war ja ganz wild darauf, ein paar 
Pluspunkte bei diesem Jungregisseur zu sammeln.« 

»Das mag ja sein, aber bei mir wird sie Minuspunkte sammeln, 

wenn sich dieses Filmteam hier nicht anständig benimmt.« 

Piper machte eine weit ausholende Geste. »Leo, du glaubst ja gar 

nicht, wie viel Arbeit es mich gekostet hat, mit diesem Club Erfolg zu 
haben. Den Gästen sitzt das Geld nicht so locker in der Tasche. Man 
muss sich schon etwas einfallen lassen, um sie regelmäßig hierher zu 
locken. Gutes Essen, coole Drinks, gute Live-Bands … und ein 
stimmungsvolles Ambiente. Schau dich nur um – die neue Einrichtung 
ist noch längst nicht abbezahlt. Ich habe einfach Angst, dass dieses 
Filmteam hier ein Chaos zurücklässt. Was nützt es mir, wenn das P3 
durch den Kinofilm weltbekannt wird – und davon nur noch ein 
Trümmerhaufen übrig bleibt?« 

Leo trat noch einen Schritt näher an seine Frau heran und legte ihr 

einen Arm um die Schulter. Trotz aller Sorgen war nicht zu 
überhören, wie stolz sie auf das P3  war. Und das zu recht. Trotz der 
angespannten Wirtschaftslage florierte der Club wie kaum ein anderer 
in der Stadt. Und das, obwohl Piper als inoffizielles neues Oberhaupt 
der drei Zauberhaften  sich auch noch um andere Dinge kümmern 
musste. Manchmal fragte Leo sich, wie Piper diese Doppelbelastung 
überhaupt bewältigte. Dann merkte er, wie stolz auch er auf seine Frau 
war. 

background image

»Was meinst du, Leo«, fragte Piper, »sollte ich die Aschenbecher 

vielleicht auf den Tischen festkleben, bevor die Dreharbeiten 
beginnen? Vorsichtshalber?« 

Leo lachte auf. »Na, ich glaube, jetzt übertreibst du aber, Piper. So 

schlimm wird es schon nicht werden.« 

»Na, das sagst du. Ich habe einfach Angst, dass das Ganze in einer 

Katastrophe endet. Erinnerst du dich noch an diese Boy-Band, die 
Phoebe damals angeschleppt hat?« 

Leo erschauerte. »Die ›Nature Sons‹? Wie könnte ich die 

vergessen!« 

Piper hatte nicht Unrecht. Erst vor ein paar Wochen war eine 

dämonische Pop-Band im P3 aufgetreten und hatte die Zuschauer erst 
hypnotisiert und ihnen dann die Lebensenergie ausgesogen. Eine 
gruselige Geschichte, das musste Leo zugeben. 

»Ich will nur nicht, dass mir jetzt auch noch Paige irgendwelche 

Dämonen ins Haus holt.« 

Leo zuckte mit den Schultern. »Na ja, gleiches Recht für alle …« 

Piper gab ihrem Ehemann einen sanften Stoß in die Rippen. »Sehr 

witzig. Aber mach dir eins klar, mein Lieber: Wenn hier irgendjemand 
im  P3  randaliert, dann weißt du ja, wen ich für die 
Aufräumungsarbeiten in die Pflicht nehmen werde.« 

»Nicht schon wieder!«, stöhnte Leo. 

»Machen Sie bald mal Feierabend, Detective«, sagte Rita, die 

Schreibkraft des Morddezernates, und lächelte Darryl Morris von der 
Türschwelle aus an. 

Darryl zwang sich, von seinen Aktenunterlagen aufzuschauen und 

Rita ebenfalls ein Lächeln zu schenken. 

»Das mache ich, Rita. Schönen Abend!« 

Die beiden wussten, dass dies eine glatte Lüge war. Darryl würde 

noch bis spät in die Nacht über den Berichten der drei Morde 
schwitzen. 

background image

»Danke, Detective«, erwiderte die junge Frau trotzdem und verließ 

das Büro. Vom wachhabenden Officer der Nachtschicht einmal 
abgesehen, war Darryl jetzt der letzte Mann im Polizeipräsidium. 
Trotz der schwülen Abendhitze goss er sich noch eine Tasse Kaffee 
ein. In den letzten drei Nächten hatte er kaum geschlafen. Und selbst 
wenn er einmal die Zeit und die Ruhe gefunden hatte, kurz die Augen 
zu schließen, hatte er von den Morden geträumt. Und von Doktor 
Nyang, der ihm immer wieder neue Rätsel aufgab. In seinen 
Alpträumen nahm Nyang die Gestalt eines dämonischen Dr. Fu-
Manchus an, der am Ende nur noch in Rätseln sprach. 

Darryl schreckte aus seinen Gedanken hoch, als das Telefon auf 

seinem Schreibtisch klingelte. Ein Anruf zu dieser Stunde – das 
konnte nur zweierlei bedeuten: Einen neuen Mord oder eine neue 
Drohung des Bürgermeisters. 

Darryl wusste nicht, was schlimmer war. 

Er räusperte sich, holte tief Luft und hob dann den Hörer ab. 

»Detective Morris, Mordkommission?« 

Es dauerte ein paar Augenblicke, bis Darryl die Stimme am 

anderen Ende der Leitung erkannte. Es war Phoebe Halliwell. 

»Phoebe!«, sagte der Detective erleichtert. Er war froh, dass seine 

Befürchtungen nicht bestätigt wurden. Und dann keimte neue 
Hoffnung in ihm auf. Vielleicht hatten die drei Zauberhaften in ihrem 
mysteriösen Buch der Schatten ja doch einen Hinweis auf den Mörder 
gefunden. 

»Was gibt's denn?«, fragte Darryl. »Habt ihr etwas 

herausgefunden? Sagt mir nicht, dass irgendein Dämon hinter den 
Morden steckt …« 

Am anderen Ende der Leitung druckste Phoebe herum. »Na ja, 

nicht direkt ein Dämon – eher ein Monster. Oder genauer gesagt, drei 
Monster. Aber auch keine richtigen, sondern …« 

Obwohl Phoebe es durch das Telefon natürlich nicht sehen konnte, 

hob Darryl abwehrend die freie Hand. »Phoebe, nun mal langsam. Ich 
verstehe gar nichts mehr. Wie war's, wenn du mal von Anfang an 
beginnen würdest?« 

background image

Darryl hörte geduldig zu, wie Phoebe ihm von ihrer Begegnung 

mit dem Filmteam erzählte. Hier und da meldete sich Paige mit 
Zwischenrufen aus dem Hintergrund zu Wort. 

Zwei Minuten später war Darryl im Bilde – zumindest, was die 

Geschichte mit dem Filmteam betraf. 

»Okay, Phoebe«, sagte er in den Hörer, »über die Sache mit dem 

Drehen ohne Genehmigung solltest du mir vielleicht nicht zu viel 
erzählen. Aber was hat das Ganze mit den Morden zu tun?« 

»Na, zähl doch mal eins und eins zusammen, Darryl«, erwiderte 

Phoebe. »Das erste Mordopfer wurde doch erstochen, oder? Mit 
einem Skalpell, wie ihr vermutet.« 

Darryl nickte. »Mmh«, bestätigte er. 

»Und das zweite wurde in seinem Wagen erwürgt. Und ihr wisst 

nicht, wie der Täter sich im Auto verstecken konnte, oder?« 

»Auch richtig«, murmelte Darryl. Er hatte noch nicht ganz 

herausgefunden, auf was Phoebe hinauswollte, aber er konnte fast 
spüren, wie die Rädchen in seinem Gehirn zu rotieren begannen. 
Irgendetwas fing an, sich zusammenzufügen … 

»Und die ermordete Frau von gestern – du hast uns am Telefon 

davon erzählt … sie wurde völlig blutleer aufgefunden. Direkt vor 
diesem Spiegel, in dem sie den Täter eigentlich hätte sehen müssen 
…« 

»Wieder richtig«, nickte Darryl. 

Dann traf es ihn wie ein Hammerschlag. 

Natürlich kannte auch er die Geschichten und Legenden von 

Vampiren, die kein Spiegelbild warfen. Aber in diesem Fall ging es 
nicht um einen echten Vampir. Der Täter hatte sich bei seinem dritten 
Mord nicht deshalb unbemerkt an sein Opfer heranschleichen können, 
weil er kein Spiegelbild besaß – sondern weil er zu klein war! 

Wie eine Vampir-Puppe! 

»Warte mal, Phoebe, du meinst … diese Morde wurden mit den 

Puppen der Filmmonster begangen? Das ist nicht dein Ernst, oder?!« 

»Warum denn nicht, Darryl? Das sind keine einfachen Puppen, 

sondern … wie war der Name doch gleich? ›Animatronics‹, eine Art 

background image

ferngesteuerte Roboter. Wir haben diese Dinger bei den Dreharbeiten 
in Aktion gesehen. Du würdest nicht glauben, wie lebensecht sich 
diese kleinen Ungeheuer bewegen. Und alles passt perfekt, überleg 
doch mal … der erste Mord im Park wurde nicht mit einem Skalpell 
begangen, sondern mit den kleinen Messern der Ripper-Figur …« 

»… und der Mord an dem Comic-Händler mit der Mumien-Figur. 

Deshalb konnte sich der Täter auch in dem voll bepackten Auto 
verstecken. Wahrscheinlich hat die Mumie den armen Kerl mit einer 
ihrer eigenen Bandagen erwürgt. Das erklärt auch den Staub, der in 
dem Auto gefunden wurde. Laut Laborbericht besteht er aus einer 
künstlichen Substanz, wie sie im Theater verwendet wird. Oder beim 
Film.« 

»Genau. Und der jüngste Mord wurde mit der Dracula-Figur 

begangen. Ich vermute, Sorvino hat eine Art kleines Pumpsystem in 
die Zähne des Vampirs eingebaut.« 

»Wer zum Teufel ist Sorvino?«, fragte Darryl in den Hörer. 

»Tim Sorvino. Der Konstrukteur der Figuren. Und unser 

Hauptverdächtiger, würde ich sagen.« 

»Wie kommst du darauf?« 

»Na ja, er hat diese kleinen Monster gebaut. Und ich vermute mal, 

dass keiner sie so gut steuern kann, wie er.« 

Darryl dachte kurz nach. »Das ist aber nur ein Verdacht, Phoebe«, 

antwortete er dann. »Selbst wenn diese Puppen tatsächlich als 
Mordwerkzeuge benutzt wurden, dürfte es schwer sein, diesem 
Sorvino etwas nachzuweisen. Ohne Motiv.« 

»Und was sollen wir jetzt tun?«, fragte Phoebe etwas enttäuscht. 

»Ich sage euch was«, erwiderte Darryl. »Ich versuche 

herauszufinden, ob Sorvino in irgendeiner Beziehung zu den 
Mordopfern steht, und dann sehen wir weite r. Und tut mir einen 
Gefallen – behaltet eure Theorie bitte vorerst für euch. Ich fürchte, der 
Bürgermeister reißt mir den Kopf ab, wenn ich behaupte, dass der 
Ripper, die Mumie und Klein-Dracula die Morde begangen haben. 
Das glaubt mir doch kein Mensch.« 

»Schon klar, Darryl«, lachte Phoebe auf. »Ich würde es auch nicht 

glauben, wenn ich es nicht gesehen hätte, wie die durchgedrehte 

background image

Werwolf-Puppe sich heute auf Virginia Fontaine gestürzt hat. 
Dadurch bin ich ja überhaupt erst auf die ganze Sache gekommen.« 

»Sehr schön«, sagte Darryl, »vielen Dank für deine Hilfe, Phoebe. 

Ich melde mich, sobald ich mehr weiß. Und noch etwas …« 

»Was denn, Darryl?« 

»Unternehmt bitte nichts auf eigene Faust, bis ich etwas über 

diesen Sorvino herausgefunden habe, okay?« 

Phoebe grinste. 

»Aber Darryl, das würden wir doch niemals tun«, sprach sie in den 

Hörer. Dann drückte sie den ›Aus‹-Schalter ihres Handys. 

»Und nun?«, fragte Paige und blickte ihre Schwester mit großen 

Augen an. »Was machen wir jetzt?« 

»Jetzt nehmen wir Tim Sorvino unter die Lupe!« 

background image

20 

G

LAUBST DU, DASS DAS WIRKLICH eine gute Idee ist?«, 

fragte Paige etwas ängstlich. Das alte Lagerhaus am Pier 17 leuchtete 
im bleichen Licht des Vollmondes. 

»Klar, – was soll schon passieren?«, erwiderte Phoebe und steuerte 

ihren Pick-up um die Lagerhalle herum. Das gesamte Gelände war 
zwar um diese Uhrzeit menschenleer, aber es wäre vielleicht doch 
etwas zu auffällig gewesen, den Wagen direkt vor dem Eingang zu 
parken. 

»Wir gehen einfach kurz rein, sehen uns Sorvinos Bastelstube an 

und versuchen, etwas herauszubekommen.« 

Paige nickte, aber ganz so überzeugt wirkte sie noch nicht. Phoebe 

dagegen war zuversichtlich: Sie wusste, dass Sorvino seine Puppen im 
Abstellraum des Lagerhauses aufbewahrte. Schließlich hatte sie die 
fünf kleinen Monster erst neulich in ihren kleinen Holzsärgen dort 
liegen sehen. 

Damals war sie von Sorvino überrascht worden, aber heute würde 

das ganz sicher nicht passieren. 

»Ich glaube nicht, dass Darryl mit dem einverstanden ist, was wir 

hier machen«, startete Paige einen letzten Versuch. 

»Was der Detective nicht weiß, macht ihn nicht heiß«, antwortete 

Phoebe nur und stoppte den Wagen. 

Hier im Industriegebiet war es totenstill. Irgendwo, draußen auf 

dem Meer, ertönte das Klagen einer Schiffsirene, das war alles. 

Paige blickte nervös auf die alte Lagerhalle. Das silberne 

Mondlicht hatte sie in ein Licht getaucht, das Paige aus den alten 
Schwarzweißfilmen kannte. Wäre das Gebäude vor ihr ein altes 
Schloss gewesen – hätte es nicht unheimlicher wirken können. Und 
die Vorstellung, dass da drinnen ein paar puppengroße Filmmonster in 
ihren Holzkisten lagen, machte die ganze Sache auch nicht einfacher. 
Immerhin waren diese Figuren wahrscheinlich als Mordwaffe benutzt 
worden! 

background image

Phoebe spürte, dass ihrer Schwester nicht wohl zu Mute war. »Nun 

mach dir mal nicht ins Hemd, Paige, würde Bart Simpson jetzt sagen. 
Wir orben nur kurz rein, sehen uns etwas um und verschwinden 
wieder. Im Handumdrehen ist die Sache erledigt.« 

»Ich weiß nicht, Phoebe«, antwortete Paige und sah sich nervös 

um. »Das sind genau die Sätze, die exakt von denen im Horrorfilm 
gesagt werden, die kurz danach sterben.« 

Phoebe lachte auf. Aber sie musste zugeben, dass ihre Schwester 

sie langsam nervös machte. Am besten, sie brachten die ganze 
Geschichte hinter sich, bevor sie selbst der Mut verließ. 

Gemeinsam traten die beiden Schwestern an die Lagerhalle heran. 

Phoebe griff nach Paiges Hand – nicht nur, um ihr Mut zu machen, 
sondern auch, damit Paige sie gemeinsam in das Gebäude 
teleportieren konnte. 

»Bist du so weit?«, fragte Phoebe. 

»Von mir aus kann's losgehen – wenn's unbedingt sein muss.« 

Paige schloss kurz die Augen und konzentrierte sich. Eine Sekunde 

später schimmerten die beiden Hexen kurz auf – dann waren sie 
verschwunden. 

Danach tauchten sie im Inneren der Halle wieder auf. Für ein oder 

zwei Sekunden waren Phoebe und Paige orientierungslos. Draußen 
war es durch das Mondlicht relativ hell gewesen, jetzt brauchten ihre 
Augen einen Moment, um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen. 

Zum Glück brannten über Haupteingang und Notausgang zwei 

Glühbirnen als Notbeleuchtung. Sie tauchten das Innere der Halle in 
ein fahles, blutrotes Licht. 

Auf der kleinen Bühne in der Mitte der Halle stand noch immer der 

Voodoo-Altar vom Vortag. Für einen kurzen Moment kamen sich 
Phoebe und Paige vor, als wären sie in eine dem Bösen geweihte 
Kirche eingedrungen. Unabhängig voneinander mussten sich beide 
innerlich daran erinnern, dass dies hier nur ein Filmset war. 

»Gruselig«, hauchte Paige schließlich. »So verlassen, wie es jetzt 

ist, wirkt das Set noch viel echter als gestern.« 

background image

»Das liegt nur daran, dass wir jetzt allein hier sind«, flüsterte 

Phoebe. Eigentlich gab es keinen Grund, so leise zu sprechen, aber 
hier drinnen ergab sich das von selbst. 

Die beiden jungen Hexen mussten sich an dem falschen Altar 

vorbeischleichen, um zu dem Lagerraum zu gelangen, in dem 
hoffentlich die Puppen aufbewahrt wurden. 

Schaudernd erinnerte sich Phoebe daran, wie dieser alte 

Filmregisseur – Gustav Landreau – gestern hinter dem Altar 
gestanden und ein paar Beschwörungsformeln gemurmelt hatte. Sogar 
die halb abgebrannten Kerzen standen noch auf der Bühne. 

Neun Stück – sie wunderte sich noch jetzt darüber, warum 

Landreau sich so gut mit der Magie der Zahlen auskannte. Die meisten 
Leute hatten so etwas wie eine ganz persönliche Glückszahl, aber 
kaum ein Normalsterblicher ahnte, welche magische Macht den 
Zahlen tatsächlich innewohnte. Nicht umsonst waren sie und ihre 
Schwestern mit der Macht der Drei ausgestattet. Aber Landreau 
wusste anscheinend sehr genau über diese spezielle Art der Magie 
Bescheid. Phoebe fragte sich, welche Geheimnisse dem alten Mann 
noch bekannt waren. 

Paiges Stimme riss Phoebe aus ihren Gedanken. »Wo ist denn nun 

dieser Abstellraum?«, fragte sie leise. 

Phoebe deutete auf eine kleine Tür am hinteren Ende der Halle. 

»Da vorn.« 

Nach ein paar Schritten hatten die beiden Schwestern die Tür 

erreicht. Zum Glück war sie nicht abgeschlossen. Vorsichtig trat 
Phoebe ein. Paige folgte ihr zögernd. 

Das Licht der Notbeleuchtung aus der Haupthalle drang nur 

schwach in diesen Raum. Trotzdem konnte Phoebe in der Mitte des 
Abstellraumes fünf kleine, rechteckige Kisten erkennen. 

Die Holzkisten mit den Monster-Puppen. 

Im dämmrigen Rotlicht sahen die kleinen Holzboxen noch 

unheimlicher aus als beim ersten Mal. 

Phoebe hörte, wie auch Paige hinter ihr aufkeuchte. »Das ist ja echt 

makaber«, flüsterte sie. »Die Dinger sehen ja aus wie kleine Särge.« 

background image

Phoebe nickte nur. Genau dasselbe hatte sie auch gedacht, als sie 

die Kisten zum ersten Mal gesehen hatte. Doch diesmal waren die 
Boxen verschlossen. An den Seiten war jeweils ein kleines 
Vorhängeschloss angebracht. Natürlich wäre es leicht gewesen, die 
Schlösser zu knacken, Paiges telekinetische Kräfte hätten dafür sicher 
ausgereicht. Doch Sorvino musste ja nicht unbedingt wissen, dass man 
ihm auf der Spur war. 

Also nahm Phoebe die erste Kiste hoch und rüttelte vorsichtig 

daran. 

»Was machst du denn da?«, fragte Paige erstaunt. 

»Ich will nur wissen, ob alle Puppen in ihren Kisten sind«, 

antwortete Phoebe. »Bis jetzt hat es in jeder Nacht einen Mord 
gegeben, an dem jeweils eine der Puppen beteiligt war.« 

Paige schluckte. »Du meinst, dieser Verrückte steuert heute wieder 

eine seiner Kreaturen durch die Nacht und sucht nach einem neuen 
Opfer?« 

»Ich will es nicht hoffen, Paige. Aber das lässt sich relativ leicht 

herausbekommen. Wenn die Püppchen alle in ihrem kleinen Zuhause 
sind, kann heute Nacht nicht viel passieren. Wenn eine fehlt …« 

»Verstehe«, murmelte Paige. »Warte, ich helfe dir.« 

Einen Augenblick später knieten beide Hexen auf dem Boden und

rüttelten an den Kisten wie an überdimensionalen Überraschungseiern. 
Ein leichtes Klackern verriet ihnen, ob eine Figur in ihrer Kiste war 
oder nicht. Bis jetzt schien keine Figur zu fehlen. 

»Oh-Oh«, sagte Phoebe, als sie an der vorletzten Box angekommen 

waren. Sie rüttelte vorsichtig an der Box, aber es war nichts zu hören. 
»Bingo!«, flüsterte sie dann. »Die hier ist leer!« 

»Oh, je«, sagte Paige. Sie wusste, was das bedeutete. »Wenn wir 

nur wüssten, welche das ist …« 

Phoebe zuckte mit den Schultern. Leider war das nicht so einfach 

herauszubekommen. Die Kisten waren allesamt verschlossen, auch die 
leere, die Phoebe noch immer in der Hand hielt. 

»Das lässt sich wohl nicht herausfinden, ohne die Kisten zu öffnen 

– und uns damit zu verraten.« 

background image

»Aber wir müssen doch irgendetwas …« 

Paige kam nicht mehr dazu, den Satz zu beenden. Ein rostiges 

Quietschen hallte durch das alte Lagerhaus. 

Jemand zog die Schiebetür des Haupteinganges auf. 

»Was jetzt? Soll ich uns hinausteleportieren?«, flüsterte Paige. 

Phoebe dachte fieberhaft nach. Wenn Paige ihre 

Teleportationskräfte einsetzte, brachte sie die Luft um sich herum zum 
Glühen, bevor sie sich vollständig auflöste. In dem dämmrigen Licht 
der Notbeleuchtung würde der Neuankömmling diesen Lichtblitz 
sicherlich bemerken – auch wenn er nur aus dem Nebenraum kam. 
Eine Teleportation würde die beiden zwar in Sicherheit bringen, aber 
den Fremden gleichzeitig warnen. 

Sie blickte sich um. In der Ecke des Raumes standen zwei 

Metallspinde, in der früher sicherlich einmal die Privatsachen der 
Lagerarbeiter aufbewahrt wurden. 

»Ich bin dafür, es erst einmal auf die altmodische Art zu 

versuchen«, flüsterte Phoebe und deutete auf die beiden Schränke. 
»Los, beeil dich!« 

Paige nickte. Wohl war ihr nicht in ihrer Haut, aber wenn es 

brenzlig wurde, konnte sie sich und Phoebe ja immer noch in 
Sicherheit teleportieren. 

Wie zwei Schatten huschten Phoebe und Paige in die Spinde. 

Die beiden Stahlschränke waren zwar sehr eng, aber zum Glück 

hoch genug. Und noch immer gut geölt. Die beiden Hexen schafften 
es, die Türen vorsichtig zuzuziehen, ohne dass die Scharniere 
quietschten. 

Keine Sekunde zu früh. 

Kaum hatte Phoebe die Metalltür geschlossen, hörte sie, wie 

jemand den Raum betrat und dann stehen blieb. 

Ein Nachteil hatte dieses Versteck – sie konnte nicht sehen, was 

um sie herum passierte. Phoebe wagte es nicht, die Tür auch nur einen 
Spalt breit zu öffnen. In dem kleinen Raum war die Gefahr, entdeckt 
zu werden, einfach zu groß. 

Also musste sie sich auf ihre anderen Sinne verlassen. 

background image

Phoebe hörte, wie der Fremde stehen blieb. Wahrscheinlich 

brauchte auch er ein paar Sekunden, um sich an die Dunkelheit in dem 
kleinen Raum zu gewöhnen. Dann hörte Phoebe ein metallisches, 
helles Geräusch. 

Ein Schlüsselbund. 

Sekunden später ertönte ein leises Knirschen und dann das 

Geräusch eines aufschnappenden Schlosses. Wer immer der Fremde 
im Raum war, er hatte offensichtlich einen Schlüssel für die 
Holzkisten, in denen die Monster-Puppen lagen. 

War es Sorvino? 

Phoebe schluckte leise. Das Geräusch der sich öffnenden Schlösser 

wiederholte sich. Zweimal … dreimal … viermal … dann keuchte der 
Fremde auf. 

Er musste an der leeren Box angelangt sein. Scheinbar war er über 

irgendetwas erstaunt. 

»Das geht zu weit«, zischte der Unbekannte zu sich selbst. »Dieser 

verdammte Idiot … er hat keine Ahnung, was er da tut!« 

Phoebe zuckte zusammen, als der Fremde den Deckel der leeren 

Holzkiste wieder zuschlug. Das Geräusch hallte wie ein 
Pistolenschuss durch das alte Lagerhaus. 

Dann gab es ein wiederholtes Knirschen. Der Fremde verschloss 

die Kisten wieder. Ein paar Sekunden später entfernten sich seine 
Schritte. 

Phoebe wartete, bis sie das Quietschen des Haupttores hörte. Dann 

öffnete sie vorsichtig die Tür des Metallspindes und lugte hinaus. 

Die Luft war wieder rein. 

Vor ihr lagen die fünf Holzkisten auf dem Boden, als wenn nichts 

geschehen wäre. 

»Ist alles okay?«, flüsterte Paige und öffnete die Tür des Spindes, 

in dem sie sich versteckt hatte. 

Phoebe nickte. »Ja, er ist weg. Du kannst rauskommen. Sag mal, 

hast du gesehen, wer der Typ war?« 

background image

Paige zuckte nur mit den Schultern. »Leider nicht. Ich habe auch 

seine Stimme nicht erkannt. Meinst du, das war Sorvino?« Nun war es 
an Phoebe, mit den Schultern zu zucken. Auch sie hatte das Flüstern 
des Fremden nicht erkennen können. Dazu war es einfach zu leise 
gewesen und war durch die Metallwände des Spindes noch zusätzlich 
gedämpft worden. 

»Ich habe keine Ahnung«, gestand sie. »Es hätte jeder sein können. 

Aber wer immer es auch war – er schien nicht begeistert darüber zu 
sein, dass eine der Puppen fehlte.« 

»Ja, den Eindruck hatte ich auch. Und was machen wir jetzt?« 

Phoebe dachte kurz nach. Eine der Puppen fehlte. Das war ein 

schlechtes Zeichen. »Ich würde vorschlagen, wir fahren erst einmal 
zurück nach Hause und beraten uns mit Piper«, entschied sie. »Es 
kann nichts schaden, die Macht der Drei zu sammeln. Ich habe so das 
Gefühl, dass wir heute Nacht noch gebraucht werden!« 

background image

21 

D

ARRYL MORRIS BEDANKTE SICH bei der Frau von der 

Auskunft und legte auf. Manchmal waren die einfachsten Tricks noch 
die besten. 

Seit Phoebe Halliwells Anruf war der Detective damit beschäftigt 

gewesen, Informationen über diesen Tim Sorvino zusammenzutragen. 
Zumindest zu einem der Mordopfer, dem erwürgten Comic-Shop-
Besitzer, gab es eine lockere Verbindung. Bei der Suche nach einem 
möglichen Tatmotiv hatten die Beamten der Mordkommission auch 
die Geschäftsbücher des Comic-Händlers beschlagnahmt. Ein 
gewisser  ›T.  Sorvino‹ war offenbar seit ein paar Jahren Stammkunde 
im Laden des Ermordeten gewesen. Den – sehr schlampig geführten – 
Geschäftsbüchern zufolge hatte Sorvino jeden Monat für eine 
beträchtliche Summe Comics, Magazine und irgendwelche Action-
Figuren gekauft. 

An sich nichts Ungewöhnliches, aber in den letzten Monaten hatte 

es Sorvino mit der Bezahlung der Ware offensichtlich nicht mehr so 
genau genommen. Sein Name war in den Auflistungen des Händlers 
immer häufiger mit Rotstift eingekringelt worden – offenbar hatte 
Sorvino nur noch auf Pump gekauft und seine Schulden nicht bezahlt. 

Gut, die Beträge waren vergleichsweise gering – alles in allem kam 

Darryl auf etwa vierhundert Dollar- aber es sind schon Menschen für 
weitaus weniger Geld ermordet worden. Als Detective der 
Mordkommission wusste Darryl das besser als die meisten anderen. 

Vor allem die Art und Weise, wie Tom Haber, der Besitzer des 

Ladens, Sorvinos Namen auf der Liste eingekringelt hatte, sprach 
Bände. Von Monat zu Monat war der rote Kringel kräftiger und mit 
mehr Schwung ausgeführt worden. Hinter der Eintragung des letzten 
Monats standen sogar drei fette Ausrufungszeichen. Es brauchte nicht 
viel Fantasie, um sich vorzustellen, dass Haber auf seinen 
Stammkunden wütend war. 

Hatten die beiden sich gestritten – und hatte das Zerwürfnis 

schließlich zu dem Mord geführt? 

Darryl seufzte. Das war zwar ein Anhaltspunkt, aber noch längst 

kein Beweis. 

background image

Also weiter im Text. Der Detective blickte auf den Zettel mit 

Sorvinos Adresse, die ihm gerade die Dame von der Telefonauskunft 
durchgegeben hatte. Darryl kannte die Gegend, ein einfaches, aber 
solides Viertel von San Francisco. Dort gab es eine Menge 
Mietshäuser mit halbwegs günstigen Wohnungen. Cynthia Rosswell, 
das erste Mordopfer aus dem Park, hatte eine dieser Wohnungen 
besessen und vermietet. Anhand von Darryls Unterlagen war es nicht 
besonders schwer herauszubekommen, wer dieser Mieter war: Tim 
Sorvino! 

»Zwei von drei«, murmelte Darryl mit einem Anflug von 

Zuversicht. Was er sich hier zusammenreimte, war zwar immer noch 
ein Ausflug auf dünnem Eis, aber es war die erste Spur überhaupt. 

Blieb noch das dritte Opfer – die ermordete junge Frau aus dem 

Kino. Darryl schauderte immer noch, wenn er an das Bild der 
ausgesaugten Leiche vor dem Toilettenspiegel dachte. 

Ob zwischen diesem dritten Opfer und Sorvino ebenfalls eine 

Verbindung bestand, war nicht ganz so leicht herauszubekommen, 
aber Darryl hatte schon eine Idee. Auf seinem Schreibtisch herrschte 
zwar mittlerweile ein ziemliches Chaos aus Aktenordnern, 
Zeugenaussagen und anderen Unterlagen, aber nachdem er etwas 
Papier umgeschichtet hatte, fand der Detective das, was ersuchte. Die 
Zeugenaussagen der beiden Freundinnen, mit denen das ermordete 
Mädchen zusammen die Vorstellung besucht hatte. 

Darryl blickte auf seine Armbanduhr. Der Abend war zwar schon 

fortgeschritten, aber bei dieser Hitze ging bestimmt niemand früh 
schlafen. Außerdem drängte die Zeit. 

Der Detective warf noch einmal einen Blick auf die Unterlagen 

und wählte dann die Nummer von einer der Freundinnen. 

Kaum fünf Minuten später hatte er die letzte Information, die er 

brauchte. 

»Sieh mal einer an, die verlorenen Schwestern kehren heim«, sagte 

Piper, als Phoebe und Paige das Wohnzimmer des alten Halliwell-
Hauses betraten. Die Älteste der drei Schwestern hatte es sich mit 
ihrem Ehemann auf dem Sofa bequem gemacht. Aus dem 

background image

Lautsprecher des Fernsehers hallte das Konserven-Gelächter einer 
Sitcom. 

»Wo habt ihr zwei euch denn herumgetrieben?«, fragte Leo. »Wir 

hatten schon angefangen, uns Sorgen zu machen. Immerhin haben wir 
es mit einer Dämonenplage zu tun.« 

»Und mit einer Mordserie«, erwiderte Phoebe. »Hübsche Shorts, 

übrigens«, stellte sie fest und grinste Leo an. »Die stehen dir.« 

Tatsächlich war ein Wächter des Lichts in kurzen Hosen ein 

ungewöhnlicher Anblick. Aber diese Hitzewelle trieb eben seltsame 
Blüten. 

»Meiner!«, sagte Piper nur und zog Leo grinsend an sich heran. 

»Aber jetzt sagt schon«, wollte sie wissen, »wo habt ihr den ganzen 
Abend gesteckt? Haben die Filmarbeiten so lange gedauert?« 

Schnaufend ließen sich Phoebe und Paige auf das Sofa fallen. 

Dann berichtete Phoebe von ihrem Verdacht gegenüber Tim Sorvino 
und dem kleinen Ausflug in das alte Lagerhaus. 

Als sie mit ihrer Erzählung fertig war, schüttelte Leo tadelnd den 

Kopf. »Ihr hättet auf Darryl hören sollen. Das war ziemlich gefährlich, 
in das Lagerhaus zu schleichen. Was, wenn dieser Unbekannte euch 
entdeckt hätte?« 

Phoebe winkte ab. »Ach, wir können uns schon ganz gut wehren. 

Aber die Frage ist – was sollen wir jetzt tun? Wir haben keine 
Ahnung, ob es tatsächlich Sorvino war, der nach uns ins Lagerhaus 
gekommen ist. Und außerdem fehlte eine der Puppen. Vielleicht wird 
sie heute Nacht wieder als Mordwerkzeug benutzt?« 

Leo runzelte die Stirn und nickte. Als Wächter des Lichts machte 

ihm die Vorstellung, dass in diesem Augenblick irgendjemand in 
Lebensgefahr schwebte, sichtlich zu schaffen. Seine Aufgabe war es, 
Leben zu schützen – und jetzt saß er hilflos auf einem Sofa des 
Halliwell-Hauses. 

»Solange wir nicht wissen, wer das nächste Mordopfer ist, können 

wir herzlich wenig unternehmen, fürchte ich. San Francisco hat fast 
800 000 Einwohner – wir können schlecht auf jeden Einzelnen 
aufpassen. Vielleicht sollten wir einfach Darryl Morris anrufen. Dann 
könnt ihr –« 

background image

In diesem Augenblick klingelte das Telefon. 

Piper sprang auf. »Ich gehe schon.« 

Ein paar Sekunden später kam sie mit dem schnurlosen Telefon 

zurück ins Wohnzimmer. »Für dich, Phoebe. Es ist Darryl.« 

Phoebe lachte auf und nahm den Hörer entgegen. »In einem Film 

würde uns das jetzt kein Mensch glauben. Darryl? Wir haben gerade 
über dich gesprochen!« 

»Hoffentlich nur Gutes«, sagte Darryl. 

»Sicher. Warte, ich schalte den Lautsprecher ein«, antwortete 

Phoebe und drückte eine Taste auf der Vorderseite des Telefons. Im 
selben Augenblick schnarrte Darryls Stimme blechern aus dem 
Apparat. Leo machte den Fernseher aus, um die dünne 
Lautsprecherstimme besser verstehen zu können. 

»Phoebe, an eurem Verdacht gegen diesen Sorvino scheint etwas 

dran zu sein. Er war ein Mieter der ersten ermordeten Frau. Ich weiß 
noch nichts Genaues, aber möglicherweise gab es irgendwelche 
Streitereien zwischen den beiden. Ich werde meine Leute morgen 
darauf ansetzen. Doch das ist noch nicht alles: Sorvino war auch ein 
Stammkunde des ermordeten Comic-Laden-Besitzers. Offenbar hat er 
ein paar Monate lang seine Schulden nicht bezahlt.« 

»Wow«, sprach Phoebe in den Hörer. »Das alles spricht ja nicht 

gerade für Sorvino, was?« 

»Kann man wohl sagen. Und es geht noch weiter: Ich habe gerade 

mit einer Freundin des Mädchens telefoniert, das gestern in dem Kino 
ermordet wurde. Haltet euch fest – die Tote war die Exfreundin von 
Sorvino. Nach dem, was ich erfahren habe, muss es zwischen den 
beiden einen heftigen Krach gegeben haben.« 

Phoebe nickte. »Was mich fast noch mehr erstaunt, ist, dass so ein 

seltsamer Kauz wie Sorvino überhaupt eine Freundin hatte. Aber sag 
mal – das macht ihn doch zu einem Haupttatverdächtigen, oder? 
Kannst du ihn nicht festnehmen lassen?« 

Am anderen Ende der Leitung lachte Darryl bitter auf. »Oh, das 

würde ich gerne. Aber selbst wenn einige Indizien gegen Sorvino 
sprechen – das reicht für den Staatsanwalt noch nicht aus, um Anklage 
gegen ihn zu erheben. Und außerdem … der Bürgermeister würde 

background image

mich in der Luft zerreißen, wenn ich ihm verklickern würde, dass die 
drei Mordopfer durch Mini-Monster getötet wurden. Wenn ich ihm 
damit komme, schickt er mich nicht nur zurück auf Streife, sondern 
gleich in die geschlossene Abteilung vom Arkham-Irrenhaus. Nein, 
ich brauche einfach noch mehr Beweise.« 

Phoebe nickte. »Verstehe. Aber die können wir dir leider auch 

nicht liefern.« Dann druckste sie ein wenig herum. 

»Äh, wir haben uns vorhin einmal in dem Lagerhaus umgesehen, 

in dem ein Teil der Dreharbeiten stattfindet und in dem auch die 
Monsterpuppen aufbewahrt werden …« 

»Was? Phoebe, ich hatte euch doch gebeten, nichts auf eigene 

Faust zu unternehmen!« 

»Ja, ich weiß. Tut uns Leid. Aber auf jeden Fall haben wir 

festgestellt, dass eine der Puppen fehlte – ich weiß nur nicht welche.« 

Am anderen Ende stöhnte Darryl laut auf. »Oh, nein. Ihr meint, der 

verrückte Puppen-Killer ist wieder unterwegs?« 

»Könnte sein«, gab Phoebe kleinlaut zurück. 

»Okay, danke für die Warnung. Ich werde die Jungs und Mädels 

vom Streifendienst anweisen, die Augen aufzuhalten, nach … 
ungewöhnlichen Vorfällen. Denn wenn ich denen sage, dass sie nach 
Mini-Monstern Ausschau halten sollen, nehmen die mich nicht mehr 
ernst.« 

Phoebe lachte auf. »Das glaube ich allerdings auch. Wir bleiben 

auf jeden Fall am Ball.« 

»Aber geht kein unnötiges Risiko ein, okay?«, mahnte der 

Detective noch einmal. 

»Aber Darryl, du kennst uns doch.« 

»Ja, genau deswegen. Gute Nacht, Phoebe.« 

Phoebe verabschiedete sich von Darryl und drückte dann die 

›Auflegen‹-Taste. 

Die anderen hatten das Gespräch aufmerksam verfolgt. »Und was 

nun?«, fragte Piper. 

background image

Phoebe wollte gerade mit den Schultern zucken, als Paige mit den 

Fingern schnipste. »Wartet mal, ich habe eine Idee!«, rief sie. 

Phoebe, Piper und Leo blickten sie erwartungsvoll an. »Was denn, 

Paige?«, fragte Leo. 

»Ich glaube, ich weiß, wer das nächste Opfer sein wird!« 

background image

22 

V

IRGINIA FONTAINE SASS auf einem Hocker in ihrem 

Badezimmer und betrachtete die kleine Schnittwunde an ihrem 
Unterschenkel. 

»Dieser kleine Mistkerl«, murmelte sie und war sich selbst nicht 

ganz sicher, ob sie damit die Werwolf-Puppe oder Tim Sorvino 
meinte. Eigentlich war das ja auch egal, sie war auf jeden Fall das 
Opfer von Inkompetenz geworden. 

Glücklicherweise war die Verletzung wirklich nur ein Kratzer und 

würde in ein paar Tagen nicht mehr zu sehen sein. Gott sei Dank. Sie 
wusste genau, was die anderen Mitglieder der Filmcrew von ihr 
hielten, besonders Pete, der Kameramann. Aber sie selbst wusste, dass 
sie eine talentierte Schauspielerin war, egal, was dieser fette Typ 
hinter ihrem Rücken tuschelte. Und zu einem Teil ihres Talentes 
gehörte es eben auch, makellos auszusehen. Sie konnte es sich einfach 
nicht leisten, mit aufgekratzten Beinen in der Gegend herumzurennen, 
wie irgendein Mädchen von der Straße. 

Hatten diese Idioten überhaupt eine Ahnung, wie viel Zeit und 

Mühe es kostete, so auszusehen, wie sie es tat? Nun ja, von den 
kleinen chirurgischen Korrekturen einmal abgesehen. Aber die zahlte 
ja zum Glück ihr Verlobter, ein Geschäftsmann aus San Francisco. 
Ebenso wie dieses teure Apartment – und das wollen wir mal nicht 
vergessen – auch einen Großteil der Produktionskosten von ›Scream 
X-Treme‹. 

So sah es nämlich aus: Ohne sie, Virginia Fontaine, konnten diese 

Idioten sich ihren Film in die Haare schmieren. Sie hatte also alles 
Recht der Welt, sich darüber aufzuregen, wenn sie auf dem Filmset 
verletzt wurde. 

Von einer besseren Stoffpuppe, das musste man sich mal 

vorstellen! 

Virginia schüttelte den Kopf und betrachtete noch einmal ihr 

Gesicht im Schminkspiegel. Es war einer dieser Spiegel, wie man sie 
aus Hollywood-Filmen kannte, mit einer Reihe Glühbirnen, die rund 
um den Rahmen verteilt waren. So wurde das Gesicht von allen Seiten 
gleichmäßig ausgeleuchtet. 

background image

Und ihr Gesicht war makellos, daran bestand kein Zweifel. 

Virginia nickte ihrem Spiegelbild zufrieden zu und ging dann 

hinüber zur Badewanne. Sie hatte sich bereits ein kühles Schaumbad 
einlaufen lassen und prüfte mit dem Finger noch einmal die 
Temperatur. 

Perfekt. 

Dann öffnete sie ein Badezimmerschränkchen. Mit dem 

Zeigefinger strich sie an den kleinen Fläschchen entlang, die dort fein 
säuberlich aufgereiht standen. Schließlich entschied sich Virginia für 
einen entspannenden Lavendel-Zusatz und öffnete den 
Drehverschluss. Ein paar Sekunden lang genoss sie das blumige 
Aroma, dann goss sie einen Teil von dem Inhalt in die Badewanne. 
Das Wasser nahm einen bläulichen Schimmer an. 

Mit einer gekonnten Handbewegung öffnete Virginia den Gürtel 

ihres Bademantels und ließ den Seidenstoff über ihre nackten 
Schultern gleiten. Dann stieg sie langsam in die Badewanne. 

Ein paar Sekunden später hatte Virginia Fontaine die Aufregung 

des Tages vergessen. Wohlig rekelte sie sich in dem lauwarmen 
Wasser und schloss entspannt die Augen. 

Sie bemerkte das andere, schwarze Augenpaar nicht, das sie die 

ganze Zeit über angestarrt hatte. 

»Bist du sicher, dass diese Virginia das nächste Opfer ist?«, fragte 

Phoebe. Die drei Schwestern saßen in Pipers Wagen. Obwohl sie es 
wieder so eilig hatten wie am Sonntagmorgen, kamen sie diesmal 
nicht so schnell voran. Trotz der späten Stunde herrschte noch relativ 
viel Verkehr auf den Straßen. Das lag wohl daran, dass die Einwohner 
von San Francisco ihre Aktivitäten auf die Abendstunden verlegt 
hatten. Denn um diese Zeit war die Hitze wenigstens einigermaßen 
erträglich. 

»Na, sicher bin ich mir nicht«, antwortete Paige. »Aber die ersten 

drei Opfer waren doch alles Leute, mit denen Sorvino offensichtlich 
Stress gehabt hatte. Was sie dann auch mit ihrem Leben bezahlt 
haben.« 

background image

Phoebe nickte nachdenklich. Sie wusste, worauf Paige 

hinauswollte. »Das stimmt. Und unsere liebe Miss Fontaine hat sich 
heute am Set übel mit Sorvino gefetzt. Und ihm sogar gedroht.« 

Jetzt warf Piper einen kurzen Seitenblick auf ihre Schwester auf 

dem Beifahrersitz. »Aber wartet mal, ich war zwar nicht dabei, aber – 
wäre es nicht verkehrt, die Hauptdarstellerin des Films umzubringen, 
bevor der Film abgedreht ist? Ich meine, damit würde er sich doch ins 
eigene Fleisch schneiden, oder?« 

»Nicht unbedingt. Pete, der Kameramann hat uns erklärt, wie leicht 

es heutzutage ist, das Gesicht eines Schauspielers digital zu kopieren. 
Und der größte Teil von ›Scream X-Treme‹ ist ohnehin schon 
abgedreht.« 

»Dann hoffen wir mal, dass wir nicht zu spät kommen. Oder dass 

ihr euch täuscht. Da vorne, das rote Backsteinhaus – das müsste es 
sein.« 

Phoebe blickte auf die Hausnummer, während Piper den Wagen 

am Straßenrand stoppte. Dass sie dabei im Parkverbot stand, spielte 
jetzt keine Rolle. 

Zum Glück war Virginia noch nicht der Filmstar, der sie gerne 

wäre, und so war es für die drei Schwestern kein besonders großes 
Problem gewesen, ihre Adresse herauszubekommen. Unter ihrem 
bürgerlichen Namen, Pilfinger, war sie noch immer im Telefonbuch 
von San Francisco registriert. 

Die drei Schwestern hetzten über den Bürgersteig zum 

Hauseingang. Ein paar Passanten blickten sie erstaunt an. Phoebe, 
Piper und Paige waren sicher die Einzigen, die sich bei dieser Hitze 
im Laufschritt fortbewegten. 

Paige blickte auf das Klingelschild und ließ ihren Finger über die 

Namenschildchen gleiten. 

»Hier ist es. V. Fontaine. Vierter Stock!« 

Phoebe drückte gegen die Haustür. Sie war unverschlossen. In den 

Hausflur zu gelangen, war schon mal kein Problem. Die drei 
Schwestern stürmten hinein. 

»Was jetzt?«, fragte Paige aufgeregt. »Soll ich uns in ihr 

Apartment teleportieren?« 

background image

Piper winkte ab. »Bloß nicht. Wir wissen ja nicht mal, ob sie 

wirklich in Gefahr ist. Wie sollten wir es erklären, wenn wir uns 
plötzlich auf ihren Wohnzimmertisch materialisieren? Ich bin dafür, 
wir versuchen es erst mal auf die konventionelle Art.« 

Phoebe und Paige nickten. »Also zu Fuß.« 

»Jeder Gang macht schlank«, rief Paige und stürmte ins 

Treppenhaus. Mit großen Schritten nahmen die drei Hexen mehrere 
Stufen auf einmal. Eigentlich war es für die durchtrainierten jungen 
Frauen kein Problem, ein paar Treppen hinaufzurennen, aber als Piper, 
Phoebe und Paige im vierten Stock ankamen, waren sie in Schweiß 
gebadet. 

»Hier ist es«, keuchte Phoebe und deutete auf eine Tür mit einem 

Namensschild darauf. »Virginia Fontaine.« 

»Mädels, schaut mal«, schluckte Paige. »So wie es aussieht, sind 

wir nicht die ersten Besucher heute Abend.« 

Piper und Phoebe ahnten nichts Gutes, als sie dem Blick ihrer 

Schwester folgten. Vor der Tür zu Virginias Apartment glänzte eine 
Wasserlache. 

»Das sieht aus wie Salzwasser, vermischt mit irgendeinem 

Schleim«, flüsterte Piper. 

Phoebe dachte kurz nach. »Ich fürchte, wir sind auf der richtigen 

Spur – Salzwasser und Schleim … das klingt für mich nach dem 
›Monster aus der Schwarzen Lagune‹!« 

»Die fünfte Monster-Puppe!«, rief Paige. 

»Keine Ahnung, wer dieses Viech aus der Schwarzen Lagune ist, 

aber wir sollten es uns vornehmen. Seht mal, die Tür ist nur 
angelehnt!« 

Piper drückte vorsichtig gegen die massive Tür des Apartments. In 

einer amerikanischen Großstadt wie San Francisco ließ man seine 
Türen nicht einfach aufstehen. Das war kein gutes Zeichen. 

Die drei Schwestern schlüpften hinein. Der Flur war mit einem 

edel aussehenden Teppich ausgelegt. Auf seinem orientalischen 
Muster prangte jetzt eine Spur feuchter Krallenabdrücke. 

»Virginia?«, rief Phoebe durch den Flur. »Sind Sie hier?« 

background image

Aus dem Badezimmer am Ende des Flurs ertönte ein platschendes 

Geräusch. 

Dann schrie eine Frauenstimme markerschütternd auf. 

Virginia Fontaine seufzte wohlig auf. Sie spürte, wie das lauwarme 

Wasser ihre angespannten Glieder langsam beruhigte. Die 
Schauspielerin rutschte noch etwas tiefer in die Badewanne hinein, bis 
ihr das Wasser bis zum Kinn reichte. Sie konnte jetzt hören, wie 
tausende von kleinen Schaumblasen leise zerplatzten. Gab es etwas 
Beruhigenderes, als ein Schaumbad am Abend? 

Virginia schloss die Augen. Sie hatte gelesen, dass Cleopatra in 

Eselsmilch gebadet hatte, um ihre Haut noch zarter und geschmeidiger 
zu machen. Vielleicht sollte sie das auch mal ausprobieren. 
Andererseits hatte sie, Virginia Fontaine, das nun wirklich nicht nötig. 
Ihre Haut war perfekt, so wie sie war. Bis auf diesen kleinen Kratzer, 
den dieser Idiot Sorvino ihr mit seiner albernen Puppe zugefügt hatte. 
Aber auch der würde bald verschwunden sein, und dann … 

Sie kam nicht mehr dazu, diesen Gedanken zu Ende zu denken. 

Irgendetwas platschte ins Wasser. Im ersten Augenblick dachte 
Virginia, eine Flasche Schaumbad wäre vom Wannenrand ins Wasser 
geplumpst. 

Doch im nächsten Augenblick spürte sie, wie etwas nach ihren 

Fußknöcheln griff. Etwas Glitschiges! 

Virginia schrie erschrocken auf. Dann zerrte etwas an ihren 

nackten Beinen und zog ihren Kopf unter Wasser. Der Schrei wurde 
von einem Blubbern erstickt. 

Ohne noch einen klaren Gedanken fassen zu können, zappelte 

Virginia panisch mit Armen und Beinen umher. Dass sie sich dabei 
schmerzhaft den Ellbogen am Wannenrand stieß, nahm sie gar nicht 
richtig wahr. Irgendetwas schloss sich um ihre Knöchel und zog sie 
unter Wasser. Das Trommeln ihrer Arme gegen den Wannenrand 
drang unter Wasser dumpf an ihre Ohren. 

Immerhin gelang es ihr, das Etwas an ihren Füßen für einen 

Moment abzuschütteln. Wie von Sinnen zappelte sie mit ihren Beinen 
umher. Etwas Aalglattes streifte dabei ihr Knie. Voller Panik gelang 
es Virginia, den Kopf aus dem Wasser zu heben. Gierig schnappte sie 

background image

nach Luft. Die Seife brannte in ihren Augen und sie konnte nur die 
dunkle Silhouette eines vielleicht unterarmgroßen Wesens erkennen, 
das unter Wasser erneut nach ihrem Bein greifen wollte. 

In diesem Augenblick wurde die Badezimmertür aufgestoßen. 

Virginia fuhr herum. Ihre Augen tränten, aber soweit sie sehen konnte, 
stürmten drei Frauen in ihr Badezimmer hinein. Sie wusste nicht, wer 
die drei waren, aber das spielte jetzt auch keine Rolle mehr. »Hilfe!«, 
schrie Virginia. 

Wie auf Kommando sprang irgendetwas zu ihren Füßen aus dem 

Badewasser. Wenn sie doch nur was erkennen könnte. 

Die drei Frauen schienen genauso erschrocken zu sein, wie sie 

selbst. 

»Das gibt's ja nicht!«, rief eine der Frauen. »Schnapp es dir, 

Paige!« 

Virginias Unterbewusstsein arbeitete fieberhaft. Paige – war das 

nicht diese kleine dumme Kuh, die Andy schöne Augen machte? 

Virginia sah durch den Tränenschleier vor ihren Augen, wie die 

Frau – Paige – einen Satz nach vorn machte und nach dem Wesen 
griff, das da aus ihrer Wanne gesprungen war. 

Doch das Ding war schneller. 

»Verflixt! Es ist mir entwischt!« 

»Warte, ich versuche, es einzufrieren!«, rief eine der anderen 

Frauen. Ihre Stimme klang fremd in Virginias Ohren. Und was sollte 
das bedeuten … ›einfrieren‹? 

»Ich schaffe es nicht! Es ist zu schnell! Phoebe! Es rennt auf die 

Toilette zu! Schneide ihm den Weg ab!« 

Die dritte Frau, offensichtlich war es diese Phoebe, machte einen 

erstaunlichen Satz quer durch das Badezimmer. Dann keuchte sie. »Zu 
spät! Es ist weg! Das gibt's doch nicht! Es ist einfach in die Toilette 
gesprungen!« 

Ein paar Sekunden lang gaben die drei Frauen in Virginias 

Badezimmer frustrierte Laute von sich. Währenddessen wischte sich 
Virginia das Schaumwasser aus dem Gesicht. Ihre Augen brannten 

background image

noch immer von der Seife, aber allmählich konnte sie wieder etwas 
erkennen. 

»Könnte mir mal jemand verraten, was hier los ist?«, fragte sie mit 

noch immer zitternder Stimme. 

background image

23 

D

IE DREI HALLIWELL-SCHWESTERN blickten sich etwas 

verlegen an. Das war eine gute Frage, die Virginia Fontaine da stellte. 

Phoebe druckste herum. »Ja, äh, hallo, Virginia. Also, da war …« 

»Eine Ratte!«, rief Paige dazwischen. »Wir standen gerade vor 

deiner Wohnungstür, als wir dich schreien hörten. Wir sind sofort 
hereingerannt und dann sahen wir …« 

»… wie diese fiese, fette Ratte gerade aus der Badewanne sprang!« 

»Genau«, pflichtete Piper jetzt bei. »Wir wollten sie uns 

schnappen, doch das Mistvieh ist durch die Toilette entwischt. 
Wahrscheinlich ist sie auch von dort gekommen!« 

Virginia Fontaine schlug sich angewidert die Hände vor den Mund. 

»Eine Ratte?!«, stotterte sie. »Bei mir im Badewasser? Das ist ja … 
Ekel erregend!« 

»Na ja, vielleicht war es eine … Wasserratte!«, sagte Phoebe. 

Paige musste grinsen. 

Voller Entsetzen sprang die junge Schauspielerin aus der Wanne. 

Dann griff sie nach einem Handtuch und schwang es sich um den 
Körper. 

»Ich werde den Hausbesitzer verklagen. So etwas Widerliches ist 

mir ja noch nie passiert!«, keifte Virginia. Dann stutzte sie. 
Allmählich schien sie sich wieder zu beruhigen. »Apropos: Was zum 
Teufel habt ihr eigentlich hier zu suchen? Wie seid ihr 
reingekommen?« 

Noch so ein paar gute Fragen. Diesmal hatte Phoebe den rettenden 

Einfall. »Nun ja, die Wohnungstür stand auf – wahrscheinlich hast du 
sie nicht richtig zugezogen. Und wir sind hier, weil wir uns, äh, bei dir 
entschuldigen wollten …« 

Paige blickte ihre Schwester fassungslos an. Sie schien mit dieser 

Erklärung ganz und gar nicht einverstanden zu sein. 

Virginia stemmte die Arme in die Hüften. »Entschuldigen? 

Wofür?«, fragte sie misstrauisch. 

background image

»Na ja, wir, äh, hatten das Gefühl, dass wir durch unsere 

Anwesenheit auf dem Set ein wenig Unruhe gestiftet haben. Ich 
meine, Dreharbeiten sind für eine Künstlerin schon anstrengend 
genug. Und wenn dann noch zwei Laien in der Nähe sind, die dumme 
Fragen stellen …« 

Virginia nickte zustimmend mit dem Kopf. Der Schock ihres 

ekligen Erlebnisses schien bereits wieder abgeklungen zu sein. »Da 
hast du allerdings Recht. Na gut, Entschuldigung akzeptiert. Wenn ihr 
zwei euch für den Rest der Dreharbeiten etwas zurückhaltet!« 

»Versprochen …«, nickte Phoebe kleinlaut. 

Paige biss nur die Zähne zusammen und sagte gar nichts mehr. 

»Schön, wenn das geklärt ist, können wir jetzt ja endlich 

verschwinden, oder?«, fragte Piper ungeduldig. 

»Wer zum Teufel bist du eigentlich?«, zischte Virginia und blickte 

die älteste der drei Schwestern misstrauisch an. 

»Oh, äh, das ist unsere Schwester Piper«, stotterte Phoebe. »Sie … 

wollte auch mal einen echten Filmstar kennen lernen, deshalb konnten 
wir es ihr nicht ausreden, mitzukommen. Stimmt's, Piper?« 

»Ja, ganz genau, Phoebe.« Piper reichte Virginia die Hand. »Hallo, 

Miss, äh …« 

»Fontaine«, flüsterte Phoebe. 

»Hallo, Miss Fontaine. Freut mich, Sie kennen zu lernen.« 

Paige verdrehte die Augen. Virginia Fontaine gab Piper ihre 

schaumnasse Hand. »Ja, ja, schön. Aber ich gebe keine Autogramme. 
Und jetzt raus! Ich brauche etwas Ruhe nach diesem Schock!« 

»Das können wir uns gut vorstellen, Virginia«, nickte Piper eifrig. 

Dann scheuchte sie ihre Schwestern hinaus, die sich das nicht zweimal 
sagen ließen. »So, Mädels, wir sollten jetzt gehen!« 

Ein paar Sekunden später standen die drei Schwestern wieder im 

Flur des Apartmenthauses und zogen die Tür hinter sich zu. 

»Musste dieses Geschleime sein?«, fragte Paige mit einem 

ärgerlichen Blick auf Phoebe. 

background image

»Was hätte ich denn sonst sagen sollen?«, entgegnete Phoebe mit 

einem Schulterzucken. »Ich musste ihr ja irgendeinen Grund für unser 
plötzliches Auftauchen nennen. Das mit der Ratte war übrigens eine 
gute Idee, Paige.« 

Piper stimmte ihrer Schwester zu. »Ja, finde ich auch. Gut reagiert, 

Schwesterherz. Wir konnten ihr ja schlecht sagen, dass sie von einem 
ihrer Filmmonster angegriffen wurde. Die hätte uns ja gleich für 
verrückt erklärt.« 

Phoebe, Piper und Paige machten sich wieder daran, die Treppen 

hinunterzusteigen. »Und, was hältst du von unserem Superstar?«, 
fragte Phoebe. 

Piper zog ein grimmiges Gesicht. »Ich weiß schon, warum ich 

Filmleute nicht mag«, knurrte sie. 

Die dunkle Gestalt blickte vom gegenüberliegenden Dach herunter 

und sah, wie die drei jungen Frauen das rote Backsteinhaus verließen. 
In ihren Armen hielt der junge Mann die feuchtnasse Figur des 
Lagunen-Monsters. Mittlerweile hatte er seine Kreaturen so gut unter 
Kontrolle, dass er ihnen einen eigenen Willen verleihen konnte. Die 
fünf Monster waren jetzt in der Lage, selbstständig zu handeln, ohne 
dass er jeden ihrer Schritte mit seiner eigenen Willenskraft 
kontrollieren musste. Er hatte das zum ersten Mal gemerkt, als die 
Werwolf-Puppe am Set diese dumme Schnepfe Virginia angesprungen 
hatte. 

Allerdings brachte diese neue Form der Macht auch einen Nachteil 

mit sich – die Kreaturen handelten zwar selbstständig, aber er konnte 
jetzt nicht mehr durch ihre Augen sehen. Deshalb wusste der junge 
Mann in dem schwarzen T-Shirt auch nicht, was in dem Apartment 
geschehen \var. Eigentlich hätte das Lagunen-Monster Virginia 
Fontaine töten sollen, aber wie er von seiner Position aus erkennen 
konnte, stand die Schauspielerin in diesem Augenblick am Fenster 
und zog mit einem Ruck die Vorhänge zu. 

Irgendetwas war also schief gelaufen. Und es war offensichtlich, 

dass die drei jungen Frauen damit zu tun hatten. Waren sie ihm etwa 
auf die Spur gekommen? 

background image

Der junge Mann grinste und streichelte sanft über den Kopf seiner 

Monster-Puppe. Umso besser. Um seinen Teil der Abmachung zu 
erfüllen, brauchte er ohnehin noch drei Opfer. 

Drei offene Morde – drei Schwestern. 

Eine einfache Rechnung. 

Das Lachen des jungen Mannes hallte über das Hausdach durch die 

Nacht. Wie um ihren Meister zu bestätigen, stieß die kleine Monster-
Puppe in seinem Arm ein bösartiges Zischen aus. 

Ein paar Tauben flatterten – aus ihrem Schlaf gerissen – 

erschrocken auf und stoben in den Nachthimmel hinein. 

Dann wurde es wieder still. Wie ein Schatten verschwand der 

junge Mann. 

Zurück blieb nur eine kleine, schleimige Pfütze, die in der 

schwülen Nachthitze schnell verdunstete. 

background image

24 

P

IPER HATTE MÜHE, SICH NOCH auf die Straße zu 

konzentrieren. Die Anstrengungen der letzten Tage forderten ihren 
Tribut. Die älteste der drei Schwestern kurbelte das Fenster ihres 
Wagens hoch. Der Fahrtwind brachte ein wenig Abkühlung, und die 
frische Luft wirkte belebend auf ihre Sinne. 

»Meine Güte, bin ich müde«, gähnte sie. 

Wie immer war Gähnen ansteckend, und Sekunden später gähnten 

auch ihre Schwestern, während sie dabei nickten. 

»Und ich erst«, sagte Paige. »Ich könnte, so wie ich bin, ins Bett 

fallen. Wie weit ist es denn noch?« 

Piper verdrehte die Augen. Manchmal benahm sich Paige wirklich 

wie ein kleines Kind. »Wir sind ja gleich da«, grummelte sie. »Und 
diesmal gehe ich zuerst duschen, klar?« 

»Wenn's sein muss«, murmelte Paige. »Hauptsache, ich kann bald 

in mein Bettchen fallen. Ich glaube, ich kann heute Nacht trotz der 
Hitze prima schlafen.« 

Piper wollte gerade etwas antworten, als sie den Mann auf der 

Straße bemerkte. Zumindest hielt sie die Gestalt im ersten Augenblick 
für einen Mann. 

Erschrocken trat sie auf die Bremse. Die Reifen quietschten auf 

dem Asphalt, dann kam der Wagen zum Stehen. 

Nur wenige Zentimeter vor der Gestalt, die wie angewurzelt auf 

der Straße stand. Es schien ihr nicht viel auszumachen, dass sie um 
Haaresbreite überfahren worden wäre. 

Im Gegenteil. Sie grinste im Licht der Scheinwerfer. Und dabei 

wurden die nackten Wangenknochen sichtbar. 

Eine Sekunde lang starrten die drei Schwestern die unheimliche 

Gestalt an. Sie trug ein zerlumptes Hawaii-Hemd mit einem wirklich 
grausamen Muster. Doch das war nichts im Vergleich zu dem Gesicht 
des Mannes. Unter den filzigen Rasta-Locken hingen ein paar 
Hautfetzen herab. Die Augen lagen tief eingesunken in den 

background image

Schädelhöhlen und sahen aus, als könnten sie jeden Augenblick 
herausfallen. 

»Ein Dämon!«, rief Piper, die ihren Schreck als Erste überwand. 

Das war das Kommando. Blitzschnell rissen die drei Halliwell-

Schwestern die Autotüren auf und sprangen hinaus. 

»Die drei Zauberhaften«,  grollte der Angreifer. Sein Grinsen 

wurde noch breiter. Angeekelt beobachtete Phoebe, wie die 
Pergamenthaut über seinen Wangenknochen dabei noch weiter einriss. 

»Vorwärts, meine Freunde des Grabes«, lachte der Dämon, 

»schnappt sie euch und nehmt sie in eure Reihen auf!« 

»Mit wem redet der Kerl?«, fragte Paige verwundert. Im nächsten 

Augenblick wurde ihre Frage beantwortet. Ein paar Mülltonnen am 
Straßenrand schepperten auf, als sie mit brachialer Gewalt 
umgestoßen wurden. 

»Was sind das denn für Typen?«, schluckte Phoebe. Ein halbes 

Dutzend zerlumpter Gestalten wankte auf die Schwestern zu. Sie 
trugen zerschlissene Anzüge in dunkel gehaltenen Farben. 
Leichenkleider. 

»Zombies«, keuchte Piper. »Und unser Freund im 

geschmackvollen Hawaii-Hemd muss so eine Art Zombie-Dämon 
sein.« 

»Diese Hitzewelle lockt wirklich die bescheuertsten Dämonen an«, 

stellte Phoebe fest und schüttelte den Kopf. »Du hättest den Typen 
über den Haufen fahren sollen, Piper.« 

»Nachher ist man immer schlauer«, antwortete Piper nur. 

Die Zombies waren inzwischen auf die drei Schwestern zugewankt 

und versuchten sie einzukreisen. Zum Glück schlurften sie nur sehr 
langsam auf sie zu. 

»Was haben die vor?«, fragte Phoebe. »Warten, bis wir selbst an 

Altersschwäche gestorben sind?« 

Dann wirbelte sie einmal um die eigene Achse und versetzte dem 

Untoten, der ihr am nächsten stand, einen Tritt in die Magengegend. 

background image

Grunzend wurde der Zombie nach hinten katapultiert. Dann schlug 

er mit einem ziemlich ekligen Geräusch auf dem Asphalt auf, blieb 
eine Sekunde lang liegen und rappelte sich dann wieder hoch. 

»Die sind scheinbar zu blöd, um einfach liegen zu bleiben«, sagte 

Phoebe kopfschüttelnd. Aber so kamen sie nicht weiter. Einen 
Angreifer, der bereits tot war, konnte man nicht mehr verletzen. Diese 
untoten Kreaturen würden wieder und wieder angreifen. 

»Versteht ihr jetzt, warum ich keine Horrorfilme mag?«, fragte 

Piper. »Mir reicht es, dass ich mich im wirklichen Leben mit so einem 
Unsinn herumprügeln muss.« 

Eine weitere lebende Leiche streckte ihre verwesten Finger nach 

Paige aus. 

»Igitt!«, schrie die jüngste der Schwestern nur. »Nimm deine 

Finger weg!« Im nächsten Augenblick löste Paige sich mit einem 
Lichtblitz auf und materialisierte sich drei Meter neben ihrem 
Angreifer. Der Zombie blickte sich verwirrt um. 

Piper überlegte kurz. Diese Kreaturen einzufrieren, würde nicht 

viel Sinn machen. Und irgendwie brachte sie es nicht fertig, die 
Untoten einfach explodieren zu lassen. Es waren schließlich nur 
seelenlose Hüllen, denen der Dämon die Ruhe des Grabes gestohlen 
hatte. Am besten würde es sein, das Problem an der Wurzel zu 
packen. 

»Phoebe! Schnapp dir diesen Rasta-Mann!«, rief Piper. 

Diese nickte nur kurz. Dann machte sie einen gewaltigen 

Luftsprung über einen der angreifenden Zombies hinweg und landete 
direkt hinter dem grinsenden Voodoo-Dämon. 

Im nächsten Augenblick verging ihm das Grinsen. Phoebe griff zu, 

drehte dem Dämon mit einer Hand den Arm auf den Rücken und legte 
ihren anderen Arm um seinen Hals. Der Dämon krächzte auf. »Uuurk! 
Hey, Baby, nicht so grob. Können wir nicht noch mal darüber reden? 
Bei einem guten Joint vielleicht?« 

»Zunächst mal rufst du deine Freunde zurück«, knurrte Piper und 

blickte dem Dämon in die Augen. Dann richtete sie ihre Hand auf ihn. 
»Oder ich sprenge dich in tausend Stücke!« 

background image

»Igitt! Tu, was sie sagt«, keuchte Phoebe angewidert. »Ich habe 

keine Lust, dass mir deine Einzelteile um die Ohren fliegen.« 

»Okay, okay«, antwortete der Dämon hektisch. Dann stieß er ein 

paar Laute in einer fremdartigen Sprache aus. Augenblicklich blieben 
die Zombie stehen. 

»Gut so«, nickte Piper. »Und jetzt wirst du ihnen befehlen, 

schnurstracks in ihre Gräber zurückzukehren!« 

Zum Glück war der Friedhof, aus dessen Ruhe der Dämon seine 

Gehilfen gerissen hatte, nur einen Block weit entfernt. Außerdem war 
es unwahrscheinlich, dass zu dieser Zeit noch eine lebende Seele auf 
der Straße unterwegs war, der sie hätten begegnen können. Und selbst 
wenn, dann waren diese Kreaturen jetzt harmlos. Sie wollten nur noch 
in ihre Gräber zurück. 

»Oh, Mann«, seufzte der Dämon. »Na schon, Schwester, du bist 

der Boss!« 

Widerwillig murmelte er noch eine weitere Formel, diesmal eine 

etwas längere. Augenblicklich setzten sich die Untoten in Bewegung 
und schlurften Richtung Friedhof. 

»Bitte sehr«, grummelte der Dämon. »Sonst noch was? Könnte 

deine Schwester mich vielleicht mal loslassen? Meine Knochen sind 
schon etwas morsch, wisst ihr?« 

»Ja, bitte«, stimmte Phoebe ein. »Der Typ stinkt wie eine tote 

Ratte!« 

Piper nickte. »Na schön, aber keine dummen Tricks, Dämon. Oder 

ich puste dich zurück in die Hölle!« 

Von Phoebes Griff befreit, hob der Dämon abwehrend die Hände. 

»Okay, Baby, nichts für ungut. Nehmt's nicht persönlich, okay? Aber 
ich dachte, ich könnte mich auch mal an den Zauberhaften versuchen. 
Punkte sammeln in der Unterwelt, versteht ihr?« 

»Schon klar«, nickte Piper grimmig. »Gut, ich mache dir einen 

Vorschlag. Ich werde dir jetzt ein paar Fragen stellen, und du wirst sie 
mir beantworten! Dann lasse ich dich gehen, wenn du schwörst, dich 
hier nie wieder blicken zu lassen. Alles klar?« 

Der Dämon nickte so heftig, dass seine Rasta-Locken wild 

durcheinander flogen. 

background image

»Alles klar, Schwester. Schieß los. Habe ich auch einen Telefon-

Joker?« 

Phoebe und Paige blickten sich ratlos an. Was hatte ihre Schwester 

vor? 

Das Telefon klingelte mitten in der Nacht. Die meisten anderen 

Menschen wären über das plötzliche Klingeln zu dieser Stunde 
erschrocken oder zumindest verärgert gewesen. Nicht so Gustav 
Landreau. Er hatte keine Verwandten oder Freunde mehr – welche 
Hiobsbotschaften konnte der Anrufer am anderen Ende der Leitung 
also schon verkünden? Und schlafen konnte Landreau ohnehin kaum 
noch. Wie in den meisten anderen Nächten hatte er vor dem 
Breitwand-Fernseher gesessen und sich ein paar seiner alten Filme auf 
DVD angesehen. Diese Silberscheiben waren schon eine großartige 
Erfindung. Die Bildqualität war unglaublich. Er hatte zuvor noch nie 
so gute Kopien seiner alten Werke sehen können. Und das Beste war, 
dass er an diesen Veröffentlichungen auf DVD noch einmal einen 
ordentlichen Batzen Geld dazu verdiente. 

Nicht, dass er es nötig gehabt hätte, aber Geld konnte man nie 

genug haben. Auch wenn man es – wie es hieß – nicht mit ins Grab 
nehmen konnte. 

Diese Gedanken gingen Landreau durch den Kopf, während er sich 

langsam und ohne Eile zum Telefon bewegte. Wenn jemand mitten in 
der Nacht anrief, dann war es ihm schließlich wichtig genug , dass er 
es auch länger klingeln ließ. Außerdem ahnte er ohnehin schon, wer 
am anderen Ende der Leitung war. 

Landreau nahm den Hörer ab und lauschte, ohne sich zu melden. 

»Mister Landreau?«, meldete sich eine fast schüchterne Stimme 

am anderen Ende. 

»Mein lieber junger Freund«, antwortet der alte Regisseur. »War 

Ihr kleiner nächtlicher Ausflug von Erfolg gekrönt?« 

Die Stimme druckste etwas herum. »Nun ja, leider nicht. Mir sind 

diese drei Schwestern in die Quere gekommen, vor denen Sie mich 
schon gewarnt hatten.« 

background image

Landreau nickte vor sich hin. Das war beinahe zu erwarten 

gewesen. Die drei Zauberhaften  stellten zwar keine wirkliche 
Bedrohung für ihn dar, aber zu unterschätzen waren sie auch nicht. 
Landreau hatte durch seine ›Kontakte‹ zur dämonischen Unterwelt 
schon viel über diese drei Hexen gehört. 

»Das ist bedauerlich«, entgegnete er nach einem kurzen 

Schweigen, »aber nicht wirklich eine Katastrophe. Vergessen Sie nur 
nicht, dass die Zeit langsam drängt, mein Freund. Noch fehlen drei 
Opfer – ich schlage vor, für dieses Ziel die drei Schwestern ins Auge 
zu fassen.« 

»Ja, genau das habe ich mir auch gedacht, Sir«, antwortete die 

Stimme eiligst. »Ich werde mich darum kümmern.« 

»Oh, deshalb mache ich mir keine Sorgen, junger Freund. Ich habe 

vollstes Vertrauen.« 

Dann legte Landreau den Hörer auf und grinste. Er hatte 

tatsächlich volles Vertrauen darin, dass sein junger Schüler die ihm 
gestellte Aufgabe erfüllte. 

Schließlich war auf die Dummheit der Menschen immer Verlass. 

background image

25 

S

ELBST DIE STIMME DES ANSONSTEN immer überdrehten 

Radiomoderators wirkte matt und erschöpft. Seit über einer Woche 
hielt die Hitzewelle nun schon an, und die ganze Stadt war langsam 
am Ende ihrer Kräfte angelangt. 

Als Paige die Küche des Halliwell-Hauses betrat, blickten ihre 

beiden Schwestern erstaunt auf. 

»Wenn du noch weniger anziehst«, erklärte Piper mit einem 

Stirnrunzeln, »werden sie dich wegen Erregung öffentlichen 
Ärgernisses noch verhaften, Paige.« 

Die jüngste der Zauberhaften zuckte nur mit der nackten Schulter. 

Sie trug ein trägerloses, knallrotes Top und dazu passende Shorts. Das 
bedeutete, dass sie extrem viel Haut zeigte. 

»Ach, was. Es ist schließlich unerträglich heiß draußen. Meinst du, 

ich will auf dem Set einen Hitzschlag kriegen?« 

Phoebe schmunzelte. »Könnte es sein, dass auch ein gewisser 

Jungregisseur mit dieser Art der Kleiderwahl zu tun hat?« 

Paige zog ihrer Schwester eine Grimasse und öffnete den 

Kühlschrank, um eine Dose Cola herauszunehmen. 

»Können wir dann bald mal los, Phoebe?«, fragte sie. »Es ist schon 

gleich vier.« 

Andy Stewart hatte heute Morgen angerufen und Paige und Phoebe 

zu ein paar ›Establishing-Shots‹ eingeladen – was immer das auch 
bedeuten mochte. Ausnahmsweise fanden die Dreharbeiten heute 
schon am Nachmittag statt. Phoebe hatte sich extra ein paar Stunden 
freigenommen, um den Dreh nicht zu verpassen. In der Redaktion 
arbeitete bei der Hitze im Augenblick ohnehin niemand so richtig, und 
deshalb hatte es beim Abmelden auch keine Schwierigkeiten gegeben. 

»Seid bloß vorsichtig«, ermahnte Piper ihre beiden kleinen 

Schwestern noch einmal. »Wir wissen jetzt, dass es auf dem Set nicht 
mit rechten Dingen zugeht.« 

background image

Phoebe kratzte sich am Hinterkopf. »Meinst du wirklich, dass diese 

mörderischen Puppen mit schwarzer Magie zum Leben erweckt 
worden sind?« 

Piper nickte ernst. »Ich fürchte schon. Ich hatte gleich den 

Verdacht, als ich gesehen habe, wie schnell sich dieses Sumpf-
Monster durch das Badezimmer dieser eingebildeten Pute bewegt hat. 
So geschickt würde sich kein ferngesteuerter Roboter bewegen 
können. Und das, was ich aus diesem albernen Voodoo-Priester 
herausgequetscht habe, hat meinen Verdacht bestätigt.« 

Phoebe nickte zustimmend. Sie und Paige waren mit den Monster-

Puppen schon so vertraut gewesen, dass ihnen gar nicht mehr 
aufgefallen war, wie menschlich sich diese Kreaturen mittlerweile 
bewegten. Durch den Voodoo-Priester hatten sie alles über das 
›Beseelen‹ von leblosen Figuren erfahren. Für jemanden, der die 
schwarze Magie beherrschte, war es offensichtlich kein großes 
Problem, einen Teil seiner eigenen Seele in den Gastkörper einer 
Puppe zu übertragen und ihr so eigenes Leben einzuhauchen. 

Was für eine gruselige Vorstellung. Trotz der Hitze lief der jungen 

Hexe ein kurzer Schauer über den Rücken. 

Auch Paige machte ein ernstes Gesicht, als sie an die Begegnung 

von letzter Nacht denken musste. »Glaubst du, dieser Rasta-Dämon 
hält sein Versprechen und schadet nie wieder einem menschlichen 
Wesen?« 

Piper grinste. »Natürlich. Sonst hätte ich ihn doch nie gehen lassen. 

Außerdem bleibt ihm nach unserem Zauberbann gar nichts anderes 
übrig, als Wort zu halten.« 

Mit einem Lächeln erinnerte sich Piper an den kleinen Spruch, den 

die drei Schwestern dem Dämon noch mit auf den Weg gegeben 
hatten, bevor sie ihm erlaubten, sich in seine Dimension 
zurückzuziehen: 

»Solltest du jemals wieder einem Menschen schaden,
musst in dämonischer Höllenglut du baden!« 

background image

»Nein, der wird sich hüten. Ich wünschte nur, es gäbe einen so 

einfachen Trick, um diese Monster-Puppen unschädlich zu machen. 
Wir können sie leider nicht einfach zerstören, bevor wir nicht wissen, 
wer ihr Meister ist. Sonst wird er früher oder später erneut 
zuschlagen.« 

»Stimmt«, nickte Phoebe. »Und bis jetzt können wir die Monster 

wenigstens im Auge behalten.« 

»Ich tippe ja immer noch auf Sorvino«, sagte Paige. »Es spricht 

doch alles gegen ihn, oder?« 

»Sicher«, antwortete Piper, »aber beweisen können wir ihm noch 

gar nichts. Und wir können ja schlecht hingehen und ihn ganz 
beiläufig fragen, ob er sich zufällig mit den Mächten des Bösen 
eingelassen hat.« 

»Nein«, murmelte Paige, »wenigstens nicht so direkt.« 

»Mmh? Was hast du gesagt?«, fragte Phoebe und packte noch ein 

paar Äpfel als Proviant in die Tasche. 

»Nichts. Jetzt lass uns endlich gehen.« 

Die beiden Schwestern verabschiedeten sich von Piper und traten 

durch die Haustür. 

»Haltet die Augen auf!«, rief Piper ihnen hinterher. »Tut nichts 

Unüberlegtes! Und strengt euch nicht so an bei der Hitze!« 

»Nein, Mami!«, rief Paige, bevor sie mit Phoebe zusammen in 

ihren VW New Beetle stieg. 

Piper blickte ihren beiden jüngeren Schwestern noch hinterher, bis 

der schwarze Wagen um die Ecke gebogen war. Ein paar Sekunden 
später materialisierte sich Leo im Flur des Halliwell-Hauses. 

»Ich dachte schon, die gehen gar nicht mehr«, sagte er und gab 

Piper einen Kuss. Doch seine Ehefrau schien nicht ganz bei der Sache 
zu sein. 

»Machst du dir Sorgen um die beiden?«, fragte Leo. »Solltest du 

nicht. Phoebe und Paige können ganz gut auf sich allein aufpassen. 
Und am helllichten Tag werden diese Mord-Puppen bestimmt nicht 
zuschlagen.« 

background image

Piper schüttelte den Kopf. »Nein, ich musste gerade an etwas ganz 

anderes denken. Morgen soll doch im P3  diese große Kampfszene 
gedreht – werden. Und jetzt erfahre ich, dass ich mir neben einem 
chaotischen Filmteam auch noch ein paar randalierende Monster-
Puppen ins Haus geholt habe. Ich hoffe mal, das geht gut.« 

Leo schluckte. Vielleicht war es doch keine so gute Idee gewesen, 

seine Ehefrau zu diesem Dreh zu überreden. 

Paige und Phoebe schafften es, gerade noch vor der Welle des 

Feierabendverkehrs ihr Ziel zu erreichen. Allmählich füllten sich die 
Straßen, und am Horizont färbte eine graue Smog-Glocke den 
Himmel. Die wenigsten Einwohner waren offensichtlich dem Appell 
der Stadtverwaltung, möglichst öffentliche Verkehrsmittel zu 
benutzen, solange sich die Wetterlage nicht besserte, nachgekommen. 

Auch Paige kämpfte mit einem schlechten Gewissen, das aber 

schnell verflog, als sie Pete und Lou am Straßenrand sah. Wie immer 
schleppte Pete eine große Kamera mit sich herum. 

Sie befanden sich jetzt mitten im Financial District, dem Banken-

Viertel der Stadt. Ein paar Bankangestellte, die trotz der großen Hitze 
überaus korrekt gekleidet waren, blickten den beiden Filmleuten 
erstaunt hinterher. Pete und Lou trugen die Crew-T-Shirts mit dem 
›Scream X-Treme‹-Logo und passten überhaupt nicht in diese 
elegante Gegend. 

»Hi, Paige! Hi, Phoebe!«, rief Pete. Dem fülligen Kameramann lief 

der Schweiß von der Stirn, was seiner Laune aber nicht abträglich zu 
sein schien. »Da vorne habe ich noch ein paar freie Parkplätze 
gesehen. Wir sind gleich da drüben, auf dem Platz vor der 
Transamerica Pyramid!« 

Der Kameramann deutete erst in die eine, dann in die andere 

Richtung, um Paige den Weg zu zeigen. Die junge Hexe winkte 
dankend zurück und steuerte den Wagen kurz darauf in eine 
Parklücke. Zum Glück machten auch die Banker bei dieser Hitze 
früher Feierabend, und die Parkplatzsituation war heute nicht ganz so 
dramatisch wie sonst. 

»Ganz schön feine Gegend«, murmelte Phoebe, als die beiden 

Schwestern ausstiegen. Der Banken-Bezirk, auch ›Wallstreet des 

background image

Westens‹ genannt, befand sich östlich vom bekannten Market Square 
und war tatsächlich eine der teuersten und elegantesten Gegenden der 
Stadt. Erst in den 70er Jahren hatte die Stadtverwaltung von San 
Francisco den Bau von Hochhäusern erlaubt. Man wollte das 
historische Stadtbild nicht zerstören. Zudem erinnerte sich die 
Bevölkerung noch sehr gut an das große Erdbeben von 1906, das 
einen großen Teil der Stadt zerstört hatte. Wenn wieder einmal die 
Erde bebte, wollte sich sicherlich niemand im obersten Stockwerk 
eines Wolkenkratzers befinden. Allerdings galten moderne 
Hochhäuser mittlerweile als erdbebensicher, und die Architekten 
hatten sich wirklich Mühe gegeben, ihre Kolosse dem eleganten 
Stadtbild von San Francisco anzupassen. 

»Ich bin immer wieder fasziniert von diesem Teil«, sagte Paige 

und deutete auf die Transamerica Pyramid, einen eleganten 
Wolkenkratzer, der sich nach oben hin immer mehr verjüngte, sodass 
er wie eine extrem lang gezogene Pyramide wirkte. 

Phoebe nickte. »Ich frage mich nur, weshalb Andy dieses Gebäude 

für seinen Film braucht.« 

Paige deutete mit einer Kopfbewegung auf ein paar Gestalten in 

schwarzen T-Shirts, die auf dem Vorplatz des Wolkenkratzers damit 
beschäftigt waren, ein paar Ausrüstungsgegenstände aufzubauen. 

»Du kannst ihn ja selbst fragen. Da drüben steht die ganze Bande.« 

Ein wenig abseits von der Crew entdeckte Phoebe zwei junge 

Männer, die offensichtlich in ein hitziges Gespräch vertieft waren. 
Zumindest fuchtelten sie heftig mit den Armen in der Luft herum. Es 
waren Andy und Tim Sorvino. 

»Na, die scheinen sich heute ja gar nicht gut zu verstehen«, 

bemerkte Paige. 

»Vielleicht kriegen wir ja mit, um was es geht«, erwiderte Phoebe 

und beschleunigte ihre Schritte. 

Obwohl die beiden Schwestern sich beeilten, hörten sie nur noch 

ein paar Fetzen der Unterhaltung. 

»… es sind deine Puppen, das ist dir jawohl klar«, sagte Andy und 

blickte seinen Special-Effects-Experten böse an. Dann entdeckte er 
Paige und Phoebe. Sofort machte sich ein Lächeln auf seinem Gesicht 
breit. »Hallo, Paige. Hi, Phoebe! Da seid ihr ja!« 

background image

Tim Sorvino wandte sich ab, ohne die beiden Schwestern zu 

begrüßen. Er stemmte die Hände in die Taschen seiner schwarzen 
Jeans und schlenderte missmutig auf den Rest des Teams zu. 

»Was war denn hier los?«, fragte Phoebe scheinheilig mit einem 

Seitenblick auf Sorvino. 

Andy winkte ab. »Ach, nur ein paar künstlerische Differenzen. Das 

gibt sich wieder. Schön, dass ihr noch kommen konntet. Und ein tolles 
Outfit, Paige!« 

»Findest du?«, fragte Paige errötend zurück. »Oh, danke …« 

Gut abgelenkt, dachte Phoebe. Der junge Regisseur hatte ihre 

Schwester schon wieder um den Finger gewickelt. Sie konnte die 
beiden jetzt ebenso gut allein lassen. 

»Ich gehe mal zu den anderen rüber«, sagte Phoebe und deutete auf 

Pete, der ein paar Meter weiter gerade seine Kamera auf ein Stativ 
schraubte. 

»Ist gut. Bis gleich«, rief Paige über ihre Schulter. 

Phoebe schlurfte auf den Kameramann zu. 

»Hi, Phoebe«, sagte Pete und blickte dann durch sein Objektiv. 

»Habt ihr einen Parkplatz gefunden?« 

»Ja, ja, war kein Problem. Sag mal, was war denn gerade zwischen 

Andy und Tim Sorvino los? Als wir ankamen, sah es aus, als würden 
die beiden sich streiten.« 

»Mmh, schon möglich. Ich höre schon gar nicht mehr hin. Früher 

waren die beiden unzertrennlich, aber seit ein paar Tagen fetzen sie 
sich fast täglich. Apropos fetzen – wo steckt denn mein unfähiger 
Ton-Assi? Lou?!« 

Pete blickte sich um und rief den Namen seines Tonmannes. 

Vergeblich. 

»Sie streiten sich öfter? Hast du eine Ahnung, warum?«, hakte 

Phoebe nach. 

»Nö, keine Ahnung. Ich vermute mal, das kommt vom Stress 

während der Dreharbeiten. Für die beiden steht viel auf dem Spiel, 
weißt du? Ich meine, wenn ›Scream X-Treme‹ ein Flop wird, ist Andy 
als Regisseur unten durch. Die Medien erwarten doch heute schon, 

background image

dass sich jeder Jungregisseur mit seinem Erstlingswerk als 
Wunderkind entpuppt. Ich nenne das den ›Spielberg-Effekt‹. 
Heutzutage hast du als Regieanfänger kaum noch die Chance, aus 
deinen Fehlern zu lernen – weil du nie mehr einen zweiten Job 
bekommst. Ah, da ist ja die Knalltüte!« 

Pete blickte auf und winkte Lou zu sich heran, der seelenruhig aus 

dem Haupteingang des Hochhauses geschlendert kam. 

»Mann, Junge, ich habe dich schon gerufen! Warum muss ich 

gerade mit dem einzigen tauben Tonmann der Filmgeschichte 
geschlagen sein?« 

»Reg dich ab, Mann. Ich war da drin nur mal kurz auf dem Klo. 

Der blöde Portier wollte mich erst nicht reinlassen.« 

»Ja, ja.« Pete winkte ab, ohne zuzuhören. »Könntest du jetzt mal 

ein bisschen Atmo ziehen, wenn's recht ist? Ich möchte nicht den 
halben Tag für ein paar blöde Establishing-Shots vertrödeln.« 

Während Lou wenig beeindruckt seine Ton-Ausrüstung 

zusammensteckte, stellte Phoebe ein paar interessierte Fragen. 
Immerhin war sie überhaupt nur deshalb auf das Set von ›Scream X-
Treme‹ gekommen, weil sie etwas über das Filmemachen lernen 
wollte. 

»Was ist denn eigentlich ein ›Establishing-Shot‹«, fragte sie, »und 

was meinst du mit ›Atmo ziehen‹?« 

»Eine Sekunde bitte«, entgegnete Pete nur. Dann blickte er durch 

das Objektiv seiner Kamera und schwenkte sie einmal von unten nach 
oben über den Wolkenkratzer vor ihnen. 

»Das war's eigentlich schon, Phoebe«, sagte er dann und lachte, als 

er Phoebes fragendes Gesicht sah. »Bei einem Establishing-Shot 
etabliert man – wie der Name schon sagt – einen bestimmten 
Handlungsort. In unserem Fall spielt ein Teil von ›Scream X-Treme‹ 
in diesem Hochhaus. Der Charakter, den Virginia spielt, arbeitet dort 
als Sekretärin, bevor sie durch Zufall mit den Monster-Puppen in 
Berührung kommt. Natürlich haben wir die Szenen, die in dem Büro 
spielen, ganz woanders gedreht. Aber wenn man im fertigen Film kurz 
den gedachten Handlungsort im Bild sieht, glaubt man automatisch, 
die folgenden Szenen würden auch dort spielen.« 

background image

»Verstehe«, nickte Phoebe. Wenn sie darüber nachdachte, fiel ihr 

auf, dass sie solche kurzen Bilder von Außengebäuden in fast jedem 
Spielfilm zu sehen bekam. »Und was ist dieses ›Atmo ziehen‹?« 

Jetzt meldete sich Lou mit einer Erklärung zu Wort. »›Atmo‹ steht 

für Atmosphäre. Gemeint ist einfach die natürliche Geräuschkulisse 
eines Ortes. Ohne die würde so eine Aufnahme von einem Gebäude 
ziemlich nackt wirken.« 

»Natürlich ist das Bild trotzdem wichtiger als der Ton«, warf Pete 

sofort ein. »Für den Zuschauer ist das, was er sieht, natürlich am 
wichtigsten. Deshalb sagt der liebe Gott in der Bibel ja auch zuerst ›Es 
werde Licht‹!« 

»Ja, aber er musste es eben erst sagen!«, entgegnete Lou sofort. 

Phoebe lachte auf. Die beiden waren wirklich unbezahlbar. 

»Habe ich was verpasst?«, fragte Paige. »Worüber lacht ihr?« 

Phoebe hatte gar nicht gemerkt, dass ihre Schwester an sie 

herangetreten war. »Ach, Pete und Lou weihen mich nur in die 
Geheimnisse der Filmkunst ein. Verbunden mit einer kleinen 
Bibelstunde.« 

Paige blickte Phoebe nur verständnislos an und zog sie dann ein 

Stück zur Seite. »Hör mal, Phoebe, Andy meint, der Dreh hier dauert 
nur noch ein paar Minuten – dann will er mit den Jungs vom Team 
noch in ein Gartencafé gehen.« 

»Und?«, fragte Phoebe. »Du willst natürlich mit, oder?« 

»Im Prinzip schon«, antwortete die jüngste Halliwell-Schwester 

mit einem verschmitzten Lächeln. »Aber ich dachte, wir nutzen die 
Gelegenheit und sehen uns einmal in Sorvinos Wohnung um.« 

Phoebe schluckte. »Ich weiß nicht, Paige. Hältst du das für eine 

gute Idee? Sollten wir nicht erst Piper fragen? Oder das Darryl 
überlassen?« 

»Ach was, da kann doch nicht viel passieren. Und Darryl würde 

doch nie einen Hausdurchsuchungsbefehl für Sorvinos Wohnung 
bekommen, solange die Beweise so dürftig sind. So eine Chance 
bekommen wir nicht wieder.« 

background image

Phoebe dachte kurz nach, dann klopfte sie ihrer Schwester auf die 

Schulter. »Also los. Worauf warten wir?« 

background image

26 

U

NTER EINEM VORWAND HATTEN Phoebe und Piper sich 

vom Filmteam getrennt und saßen wieder in Paiges Beetle. Phoebe 
hatte ganz beiläufig und unter einem Vorwand nach der Adresse von 
Tim Sorvino gefragt. Der Kameramann war zu gutmütig, um bei 
dieser Frage Verdacht zu schöpfen. 

Als die beiden Schwestern das Wohngebiet erreichten, in dem auch 

Sorvinos Apartment lag, war die Sonne schon ein riesiger, orange 
glühender Ball, der dicht über der Skyline San Franciscos schwebte. 

Doch wie schon in den vergangenen Tagen brachte der 

Sonnenuntergang kaum Abkühlung. Am Abend wälzte sich die 
schwülwarme Luft vom Meer durch die Straßen der Stadt, und Phoebe 
wusste nicht, was schlimmer war – die stechende Hitze des Tages oder 
die feuchte Umklammerung der Nachtluft. Selbst die Klimaanlage von 
Paiges Beetle kam kaum gegen die Hitze an und pustete nur lauwarme 
Luft ins Wageninnere. 

Phoebe ließ gerade das Autofenster heruntergleiten, als Paige auf 

ein Mietshaus am Straßenrand deutete. »Nummer dreiundzwanzig. 
Das müsste es sein.« 

Phoebe ließ ihren Blick von unten nach oben über das alte 

Gebäude gleiten. Sie musste grinsen. Ganz unbewusst hatte sie damit 
einen Establishing-Shot nachvollzogen. 

»Habe ich etwas verpasst?«, fragte Paige, die das Lächeln ihrer 

Schwester bemerkte. 

»Establishing Shot: Altes Mietshaus. Schnitt auf: Paige schaltet 

den Motor aus. Schnitt: Die beiden Schwestern verlassen den 
Wagen.« 

Paige schüttelte lachend den Kopf. »Das Filmfieber hat dich ja 

noch schlimmer erwischt als mich. Ich meine – ich habe immer noch 
einen hübschen Jungregisseur als Ausrede. Und du?« 

»Tja, vielleicht werde ich ja selber mal eine hübsche 

Jungregisseurin«, erwiderte Phoebe. Dann stiegen die beiden 
Schwestern endlich aus dem Wagen. 

background image

Paige erreichte das Klingelbrett als Erste. Anders als bei dem edlen 

Backsteingebäude, in dem Virginia Fontaine wohnte, war das 
Klingelbrett hier ein Chaos aus aufgeklebten, überklebten und dann 
wieder durchgestrichenen Namen. In diesem Haus schien eine rege 
Fluktuation von Mietern zu herrschen. Paige glitt mit dem Zeigefinger 
über die Namen. Sie atmete tief aus, als sie endlich auf ›T. Sorvino‹ 
stieß. Im obersten Stock. 

Hoffentlich gab es hier wenigstens einen Aufzug. 

Phoebe öffnete die Tür. Ein typischer Mietshaus-Geruch schlug ihr 

entgegen, nicht unangenehm, aber sehr intensiv. Mehrere Mieter 
schienen gerade das Abendessen vorzubereiten. Phoebe schätzte, dass 
vom klassischen Hamburger bis hin zu Hühnchen-Curry alles dabei 
war. 

Paige zog ihre Nase kraus. »Mmhh, ich weiß nicht, ob ich Hunger 

kriegen oder ob mir schlecht werden soll«, sagte sie skeptisch. 

Phoebe deutete auf eine Fahrstuhltür. »Ich finde, es riecht 

interessant«, antwortete sie. »Lass uns den Fahrstuhl nehmen.« 

Paige nickte und wollte gerade den Knopf drücken, als sich die 

Fahrstuhltür öffnete. Eine lateinamerikanisch aussehende Dame 
drückte sich aus dem Aufzug heraus. In den Armen hielt sie jeweils 
eine Tüte mit Papiermüll. 

»Halte mal bitte die Tür auf, Schätzchen«, sagte sie ganz 

selbstverständlich. Phoebe griff nach der Fahrstuhltür, damit die Dame 
heraustreten konnte. »Danke, mein Kind.« Dann blieb sie kurz stehen 
und musterte die beiden Schwestern. »Ihr wohnt hier aber nicht, 
oder?« 

»Ah, nein«, antwortete Phoebe schnell. »Wir wollen einen, äh, 

Freund von uns besuchen. Tim Sorvino.« 

»Na, da schau an«, sagte die Frau. »Da wird er sich aber freuen. 

Ich glaube unser junger Mister Sorvino bekommt nicht oft Besuch. 
Schon gar nicht von so hübschen jungen Damen. Dann versucht mal 
euer Glück. Aber ich glaube, er ist nicht zu Hause.« 

»Wirklich?«, fragte Paige und tat enttäuscht. »Was soll's, wir 

versuchen es trotzdem mal. Schönen Abend noch.« 

»Bei der Hitze? Na, ich weiß nicht. Trotzdem danke, Schätzchen.« 

background image

Die Dame watschelte mit ihren Müllsäcken davon. An den Füßen 

trug sie Badelatschen. Dann drehte sie sich noch einmal um und 
blickte über ihre Schulter. »Und schickt mir den Aufzug wieder 
herunter, wenn ihr oben angekommen seid, ja? Das alte Ding braucht 
ewig, bis es wieder unten ist.« 

»Machen wir!«, rief Phoebe zurück und schlüpfte mit ihrer 

Schwester zusammen in die Kabine. 

Die Tür glitt zu, und die beiden Hexen mussten feststellen, dass die 

alte Dame Recht gehabt hatte. Es schien tatsächlich eine Ewigkeit zu 
dauern, bis der Fahrstuhl mit einem ›Fing‹ den obersten Stock 
erreichte. Ruckelnd öffnete sich die Tür. 

Die Hitze des Tages hatte sich im obersten Stockwerk aufgestaut 

und schlug Phoebe und Paige wie ein Hammerschlag entgegen. Paige 
versuchte vergeblich, sich mit der Hand frische Luft zuzufächeln. 
»Irgendwann kriege ich noch mal einen Hitzschlag«, stöhnte sie. Dann 
deutete sie auf eine Tür, auf deren Namensschild mit krakeliger 
Schrift ›T. Sorvino‹ geschrieben stand. »Hier. Die Höhle des Löwen.« 

Phoebe blickte sich um. Außer ihnen war niemand in dem Gang. 

»Scotty, wir sind bereit zum Beamen«, grinste sie dann. 

Paige nickte nur und nahm die Hand ihrer Schwester. Im nächsten 

Augenblick schimmerten die beiden Hexen auf und verschwanden … 

… um kurz darauf im Apartment von Sorvino wieder zu 

materialisieren. 

Obwohl die beiden Hexen das magische Teleportieren gewohnt 

waren, stellte es immer wieder eine Herausforderung dar. Phoebe und 
Paige waren schließlich auch nur Menschen, und der menschliche 
Verstand hatte einfach Probleme damit, sich plötzlich an einem 
anderen Ort wieder zu finden, ohne sich körperlich von der Stelle 
bewegt zu haben. Bei ihren ersten Versuchen war Paige jedes Mal 
regelrecht schlecht geworden. Zum Glück hatte sich inzwischen etwas 
Gewohnheit eingestellt. 

Phoebe schaute sich um und schnalzte mit der Zunge. 

»Der Mann ist ein Freak, so viel ist klar.« 

Paige nickte nur und blickte sich um. Sorvinos Apartment war 

klein und schäbig. Die Vorhänge waren zugezogen worden, um die 

background image

Sonnenstrahlen ein bisschen abzuhalten. Genutzt hatte es nicht viel, 
die Bude war heiß und stickig. 

Und überladen mit Comic-Heften, die sich nicht nur in den 

Regalen und auf dem kleinen Schreibtisch, sondern auch auf dem 
Fußboden türmten. Spider-Man, Superman, Captain America – 
Sorvino schien keine Heftserie auszulassen – und das seit Jahren. 

»Du meine Güte«, murmelte Paige. »Die müssen ein Vermögen 

wert sein. Hey, ›Batman gegen Frankenstein‹ – das kenne ich noch gar 
nicht.« 

Paige stürzte sich auf das Comic-Heft und blätterte es begeistert 

durch. Phoebe trat vor einen Schrank, in dem sich eine umfassende 
Sammlung von Superhelden- und Monster-Figuren befand. Kleine, 
detailgetreu nachmodellierte Statuen aus Plastik. Paige hatte Recht: 
Phoebe erinnerte sich daran, dass sie in der Redaktion einmal Geld 
zusammengelegt hatten, um dem Büroboten – auch einem großen 
Comic-Fan – eine dieser Figuren zum Geburtstag zu schenken. Die 
Dinger sahen zwar cool aus, waren aber auch unverschämt teuer. 

Sorvino musste wirklich ein Vermögen für seine Sammlung 

ausgegeben haben. Und sein Comic-Händler hatte ein Vermögen an 
ihm verdient – vorausgesetzt Sorvino hätte seine Rechnungen bezahlt. 

Während Paige noch immer begeistert in dem Comic blätterte, sah 

sich Phoebe weiter um. Sorvinos Apartment war eine typische 
Junggesellenbude und ganz sicher nicht dafür eingerichtet, Besuch zu 
empfangen. Die Fläche der kleinen Wohnung, die nicht von Comics 
und Magazinen in Beschlag genommen wurde, war mit 
Feinwerkzeugen, Plastilin-Fläschchen und elektronischen Kleinteilen 
bedeckt. Wie es aussah, baute Sorvino hier auch seine Monster-
Puppen. Phoebe erschauderte, als sie auf dem Schreibtisch die Gestalt 
eines vielleicht fünfzig Zentimeter großen Gorillas entdeckte. 

Das war King Kong, keine Frage. Ein weiteres, berühmtes Monster 

der Filmgeschichte. Der Riesenaffe war erst halb fertig, was ihn noch 
unheimlicher machte. Drähte und kleine Seilzüge schauten aus seinem 
Kunstfell hervor. Das Gesicht des Monsters war erst zur Hälfte 
ausmoduliert. In der linken Hälfte des Gesichtes lag der Plastik-
Augapfel noch in seinem Sockel aus blankem Metall. Das Monster 
wirkte, als wäre es bereits halb verwest und starrte Phoebe aus seinen 
toten Augen an. 

background image

Gruselig. 

Phoebe stutzte, als sie die Zeitungsausschnitte bemerkte, die über 

den Schreibtisch an einer Pinnwand befestigt waren. Sorvino schien 
wirklich ein Freak zu sein, der seine Sammelleidenschaft nicht unter 
Kontrolle hatte. An der Pinnwand hingen mindestens drei Dutzend 
Ausrisse aus diversen Filmzeitschriften und Zeitungen. Als Phoebe 
genauer hinsah, bemerkte sie, dass viele davon nur Kopien waren – 
Kopien von Artikeln, die zum Teil Jahrzehnte alt waren. 

1972, 1965, 1945 

Und alle hatten eines gemeinsam. 

Sie handelten von Gustav Landreau. 

»Paige, komm doch mal bitte her«, flüsterte Phoebe, ohne ihren 

Blick von den körnigen alten Fotos abwenden zu können. 

»Moment, ich hab's gleich«, erwiderte Paige. »Ha, Batman 

gewinnt immer!« Sie schlug das Heft zu, legte es wieder auf den 
Stapel, von dem sie es genommen hatte, und trat dann neben ihre 
Schwester. 

»Was gibt's denn?« 

Phoebe deutete auf die Zeitungsschnipsel. »Sieh mal hier. Unser 

Freund Sorvino sammelt offensichtlich auch alte Artikel aus 
Filmzeitschriften. Allerdings nur, wenn sie von Mister Gustav 
Landreau handeln.« 

»Dem alten Gruselfilm-Regisseur? Zeig mal!« 

Paige machte noch einen Schritt auf die Pinnwand zu. Eigentlich 

brauchte sie eine Lesebrille, aber Paige war viel zu eitel dafür. 

»Tatsächlich«, sagte sie, nachdem sie einige der Artikel überflogen 

hatte. »Aber er ist dabei ziemlich wählerisch. Es geht darin nicht 
gerade um den üblichen Film-Tratsch.« 

Phoebe nickte. Sie hatte die Überschriften ebenfalls überflogen: 

»Rätselhafter Todesfall am Set von ›Der Werwolf kehrt zurück!‹ – 

Variety, 12.3.1947 

»Hollywood trauert um Rita Haystack – Filmstar stirbt unter 

ungeklärten Umständen!« – Hollywood Reporter, 4.12.1954 

background image

»Gustav Landreau – Hollywoods Monstermacher mit Pechsträhne: 

geschiedene Frau des Regisseurs ermordet aufgefunden« – Los 
Angeles Times, 6.8.1959 

»Grausamer Verdacht: Wurde Landreaus geschiedene Frau Opfer 

eines streunenden Hundes?« – Inside Hollywood, 12.8.1959 

»Scheint, als würde es kein Glück bringen, für Landreau zu 

arbeiten«, sagte Paige. 

»Oder sich mit ihm anzulegen«, nickte Phoebe. 

Vorsichtig zog sie die Pinnnadel aus der Wand, mit der der letzte 

Artikel befestigt war. Dann las sie laut den kurzen Text vor. 

»Hollywood, eigener Bericht: Die Polizei verfolgt im rätselhaften 

Mordfall an Genoveve Landreau, Exfrau des ›Monstermachers‹ 
Gustav Landreau, eine neue Spur. In der Villa des Opfers wurden 
nahe der Leiche mehrere grau-braune Haare gefunden, die nach 
ersten Untersuchungen der Gerichtsmediziner von einem Hund oder 
einem ähnlichen Tier stammen könnten. Die Verletzungen, an denen 
Misses Landreau erlag, deuten ebenfalls auf das Werk eines wilden 
Tieres hin. Noch ungeklärt ist dagegen, wie die Bestie in die Villa der 
Schauspielerin gelangt sein könnte. Nach Angaben der Polizei waren 
zur Tatzeit alle Türen und Fenster verschlossen. Misses Landreau, die 
nach dem Scheidungskrieg mit ihrem Mann, dem bekannten Regisseur 
Gustav Landreau allein lebte, verbrachte die letzten Wochen ihres 
Lebens offenbar in großer Angst und geistiger Verwirrung. Freunde 
der Verstorbenen berichteten unserem Reporter von einem 
Alkoholproblem und dem Wahn, von den Kreaturen ihres Mannes 
verfolgt zu werden. Die Polizei hat alle Ermittlungen gegen Gustav 
Landreau inzwischen eingestellt.« 

»Meinst du, Landreau hatte etwas mit diesen ungeklärten 

Todesfällen zu tun?«, fragte Paige. 

»Schwer zu sagen. Aber es scheint mir kein Zufall zu sein, dass so 

viele Menschen in Landreaus Nähe unter mysteriösen Umständen ums 
Leben gekommen sind. Vielleicht war Landreaus Exfrau gar nicht so 
verrückt. Ich meine, diese angeblichen Hundehaare könnten doch auch 
von einem Werwolf stammen. Oder zumindest von dem Modell eines 
Werwolfs? Und heute, Jahrzehnte später, kommen drei Leute ums 
Leben, mit denen Tim Sorvino sich überworfen hat. Durch die Puppen 
seiner Filmmonster. Unter ebenso unheimlichen Umständen. Und 

background image

dann finden wir auch noch heraus, dass Sorvino fanatisch alte 
Zeitungsausschnitte sammelt, die alle etwas mit Landreau zu tun 
haben. Bisschen viel für einen bloßen Zufall, findest du nicht?« 

»Vielleicht ist er einfach ein nur Fan von Landreau«, erwiderte 

Paige achselzuckend. 

»Oder ein Fan von Landreaus Methode, ungeliebte Zeitgenossen 

zu beseitigen.« 

Paige runzelte die Stirn. »Stimmt. Da könnte was dran sein. 

Vielleicht sollten wir uns Landreau auch mal unter die Lupe nehmen. 
Es macht wahrscheinlich wenig Sinn, nur Sorvino auszuschalten, 
wenn der alte Mann der Drahtzieher hinter der Bühne ist.« 

»Gut mitgedacht, Schwesterherz. Ich weiß auch schon, wer für 

diesen kleinen Spionage-Auftrag optimal geeignet ist. Aber erst 
einmal sollten wir …« 

Phoebe unterbrach sich selbst mitten im Satz. Die Wände und die 

Tür des Apartments waren ziemlich dünn und so konnten die beiden 
Hexen hören, wie sich vom Flur aus Schritte näherten. 

»Oh, nein«, keuchte Paige leise. »Ist das etwa Sorvino?« 

»Hört sich ganz so an. Hätte mir denken können, dass so ein 

Eigenbrötler wie der nicht mit seinen Kollegen ausgeht.« 

Paige blickte sich hektisch um. »Was machen wir denn jetzt?« 

Anders als neulich in der Lagerhalle gab es in dem kleinen 

Apartment keine Möglichkeit, sich zu verstecken. Der einzige 
Schrank, der dazu halbwegs groß genug gewesen wäre, war leider mit 
Comic-Heften zugestopft. 

Phoebe dachte fieberhaft nach. »Schnell, zur Tür!« flüsterte sie. 

Paige blickte ihre Schwester fassungslos an. »Warum denn 
ausgerechnet zur Tür?« 

»Frag nicht, komm endlich«, zischte Phoebe, packte ihre 

Schwester an der Schulter und zerrte sie unsanft in den Flur. 

»Du musst uns in dem Augenblick hinausteleportieren, in dem 

Sorvino die Tür öffnet. Dann haben wir eine Chance, dass er uns nicht 
beim Orben sieht. Schaffst du das?« 

Paige nickte etwas unsicher. »Klar. Hoffe ich!« 

background image

Die jüngste Halliwell-Schwester nahm Phoebe an der Hand und 

konzentrierte sich darauf, genau den richtigen Augenblick abzupassen. 
Mit einem leisen Knirschen schob sich – nur durch die dünne Tür 
getrennt und kaum einen Meter entfernt – ein Schlüssel ins Schloss. 

»Oh, nein«, keuchte Phoebe. Erst jetzt bemerkte sie, dass sie noch 

immer den Zeitungsausschnitt in der Hand hielt. Sie wollte gerade 
zurücklaufen, um das Stück Papier wieder an die Pinnwand zu heften, 
als Paige sie zurückhielt. 

Mit einem ›Klack‹ sprang das Schloss der Apartmenttür auf. 

»Das schaffst du nicht mehr«, keuchte Paige. »Lass mich das 

machen!« 

Phoebe zuckte erschrocken auf, als ihr der Zeitungsartikel samt der 

Pinnadel von einer unsichtbaren Kraft aus der Hand gerissen wurde. 
Eine Sekunde lang schwebte beides in der Luft, dann sauste die Nadel 
mit dem Papier wie ein Mini-Dartpfeil davon. 

Die Klinke der Haustür wurde heruntergedrückt. 

Im selben Augenblick bohrte sich der Pinn in die Korkplatte über 

dem Schreibtisch. 

Die Tür öffnete sich. 

Paige griff nach der Hand ihrer Schwester und schloss die Augen. 

Tim Sorvino öffnete die Tür und trat ein. Er blickte erstaunt auf, 

als die Luft direkt vor ihm leise aufzischte. Der junge Mann zuckte 
mit den Schultern. Wahrscheinlich nur ein Luftzug. Vielleicht kam ja 
langsam etwas Bewegung in das Wetter da draußen. 

Ohne hinzusehen, zog Sorvino die Tür hinter sich zu. 

Im selben Augenblick – das Schnapp-Geräusch des Schlosses war 

kaum verklungen – materialisierten Paige und Phoebe im Flur, auf der 
anderen Seite der Tür. 

Phoebe atmete tief aus. Ihr war gleichzeitig heiß und kalt 

geworden. 

»Gut gemacht, Paige«, keuchte sie. 

»Ja, ich bin auch ganz zufrieden«, strahlte Paige. »Allmählich habe 

ich den Bogen raus, was?« 

background image

»Kann man wohl sagen, Schwesterherz.« 

Die beiden Hexen gingen leise hinüber zum Fahrstuhl, dessen Tür 

noch offen stand. Sie schlüpften hinein und drückten auf den Knopf 
fürs Erdgeschoss. Eine halbe Ewigkeit später öffneten sich die Türen 
wieder. Davor wartete schon die lateinamerikanische Frau von vorhin, 
diesmal ohne Mülltüten. 

»Ah, da seid ihr ja wieder«, lächelte sie. »Und, habt ihr Mister 

Sorvino getroffen?« 

»Leider nicht«, erwiderte Phoebe mit Unschuldsmiene. »Er war 

wohl tatsächlich nicht da.« 

Die nette Dame zuckte nur mit den Schultern. »Tja, vielleicht 

erwischt ihr ihn ja ein anderes Mal.« 

Darauf kannst du wetten, dachte Phoebe, als die beiden Schwestern 

das Mietshaus wieder verließen. 

background image

27 

D

ER ANRUF KAM, ALS Phoebe und Paige gerade auf halbem 

Weg nach Hause waren. 

»Gehst du mal dran?«, fragte Paige und nahm kurz die Hände vom 

Steuer, um über die Schulter auf ihre Handtasche zu deuten, die auf 
dem Rücksitz lag. 

Das Handy darin dudelte den Refrain des letzten Michael-Jackson-

Hits. 

»Uargh«, spottete Phoebe und verrenkte sich in ihrem Gurt, um an 

die Handtasche zu kommen. »Du solltest mal deinen Musikgeschmack 
überdenken, Paige.« 

Mit einiger Mühe gelang es ihr, das Handy herauszufischen. Ein 

kurzer Rück auf das Display sagte Phoebe, dass ihre Schwester Piper 
am anderen Ende der Leitung war. 

»Hallo, Piper, was gibt's denn?«, rief Phoebe in den Hörer, um das 

Fahrgeräusch zu übertönen. 

Ein seltsames Summen tönte aus dem kleinen Lautsprecher. 

Bestimmt eine statische Störung, dachte Phoebe. 

»Erkläre ich dir später«, rief Piper aufgeregt in den Hörer. »Kommt 

bitte sofort nach Hause. Aber haltet bitte vorher noch an einer 
Drogerie und bringt so viel Anti-Mücken-Spray mit, wie ihr tragen 
könnt!« 

»Was? Wozu das denn?«, fragte Phoebe erstaunt zurück. 

»Keine Zeit für Erklärungen! Beeilt euch einfach! Aua!« 

Das Summen am anderen Ende wurde lauter, dann unterbrach 

Piper die Verbindung. 

»Was war denn los?«, fragte Paige und warf einen kurzen 

Seitenblick auf ihre Schwester. 

»Keine Ahnung.« Phoebe deutete auf einen großen Drogerie-Markt 

auf der anderen Straßenseite. »Aber fahr mal da rüber. Wir müssen 
etwas einkaufen!« 

background image

Knapp zwanzig Minuten später steuerte Paige ihren New Beetle in 

die Einfahrt des Halliwell-Hauses. Die beiden Schwestern rissen die 
Türen auf und griffen nach einer Hand voll Sprühdosen, die auf dem 
Rücksitz lagen. Auf allen war eine große, rot durchgekreuzte 
Stechmücke abgebildet. 

»Warum zum Teufel braucht Piper so viel Insektenspray?«, fragte 

Paige, während die beiden zur Haustür liefen. 

Phoebe hätte gern mit den Schultern gezuckt, aber dafür war sie zu 

schwer beladen. »Ich fürchte, wir werden es gleich herausfinden.« 

Direkt vor der Haustür stutzte sie. »Was ist denn das für ein 

Summen?« 

Phoebe und Paige zuckten zurück, als Piper die Tür aufriss. Paige 

ließ vor Schreck ein paar Sprühdosen fallen. 

Piper bückte sich danach. »Da seid ihr ja endlich. Gott sei Dank!« 

Phoebe riss die Augen auf. »Was ist denn mit deinem Gesicht 

passiert?«, fragte sie. Ein halbes Dutzend kleiner, roter Punkte 
prangten auf Pipers ansonsten makelloser Gesichtshaut. Wie kleine 
Pickel – oder Insektenstiche. 

»Kommt rein, dann werdet ihr es sehen!«, erwiderte Piper nur und 

zog die Haustür hinter ihren beiden Schwestern zu. 

Hier drinnen im Haus war das Summen allgegenwärtig. Es schien 

aus dem Wohnzimmer zu kommen. 

An der Tür zum Wohnzimmer stand Leo und blickte unsicher 

durch das Buntglasfenster in den Raum hinein. 

Phoebe bemerkte, dass die Türritzen und das Schlüsselloch mit 

Klebeband versiegelt worden waren. Offenbar in großer Eile. 

»Was zum Teufel ist denn hier los?«, wollte Phoebe wissen. Sie 

musste ihre Stimme erheben, um sich über das Summen hinweg 
verständlich zu machen. 

»Sieh selbst«, sagte Leo und deutete auf das Glasfenster. 

Phoebe stellte die Sprühdosen auf der Flurkommode ab und ging 

zur Wohnzimmertür hinüber. Dann stellte sie sich auf die 
Zehenspitzen, um durch das Buntglasfenster der Tür blicken zu 
können. 

background image

Im selben Augenblick zuckte sie erschrocken zurück. 

Eine furchtbare, entfernt menschenähnliche Grimasse raste auf sie 

zu, prallte dann gegen die Scheibe und schien in tausend Richtungen 
gleichzeitig zu zerfließen. Kleine, herumsurrende Punkte kreisten ein 
paar Augenblicke lang in chaotischen Zirkeln in der Luft herum und 
setzten sich dann zu einem neuen Gesicht zusammen, das Phoebe böse 
anblickte. 

Phoebe spürte, wie ihr Herz klopfte. 

»Ist das … ein neuer Dämon?«, fragte sie keuchend. »Mann, habe 

ich mich erschrocken!« 

»Tja, das ging uns genauso«, sagte Piper und griff grimmig nach 

einer der Sprühdosen. Sie schüttelte sie, um den Inhalt sprühfertig zu 
machen. »Leo und ich wollten es uns gerade im Garten gemütlich 
machen, als plötzlich diese Stechmücken auftauchten. Erst waren es 
nur ein paar und wir haben uns nichts dabei gedacht. Aber dann 
kamen plötzlich immer mehr aus allen Richtungen herangeschwirrt 
und setzten sich zu diesem Dämon zusammen. Ich kann euch sagen, 
dieses Ding ist blutgieriger als Dracula persönlich.« 

Piper deutete mit dem Zeigefinger auf die kleinen Einstiche in 

ihrem Gesicht. »Zum Glück ist es uns gelungen, das Biest ins 
Wohnzimmer zu locken. Besonders helle ist es Gott sei Dank nicht. 
Auch eine Million Mückengehirne ergeben zusammengesetzt 
offensichtlich nur ein großes Mückengehirn.« 

Leo nickte. »Wir haben ihn im Wohnzimmer eingesperrt und alle

Öffnungen mit Klebeband versiegelt. Aber eine Dauerlösung ist das 
auch nicht.« 

»Verstehe«, sagte Phoebe und warf Leo und Paige je eine der 

Sprühdosen zu. »Also hilft nur die chemische Keule.« 

»Ich fürchte schon«, nickte Piper. »Aber wenn wir die Tür jetzt 

öffnen, entwischt uns der Dämon. Wie gehen wir wohl am besten 
vor?« 

Leo überlegte kurz. Dann hatte er eine Idee. »Ich empfehle eine 

Guerilla-Taktik. Paige und ich könnten uns kurz und abwechselnd in 
das Wohnzimmer hineinorben, einen Sprühstoß auf den Dämon 
abgeben und wieder verschwinden, bevor er uns selbst angreifen 
kann.« 

background image

»Das müsste gehen«, murmelte Piper. 

»Immer ich«, seufzte Paige. 

Aber es half nichts. Die Vier besprachen noch kurz ihre Taktik, 

dann orbte sich Leo als Erster hinein. Durch das Glasfenster 
beobachtete Paige, wie der Wächter des Lichts im Inneren des 
Wohnzimmers wieder materialisierte. Mit einem wütenden Summen 
stürzte sich der Mücken-Dämon sofort auf ihn. Doch Leo war 
schneller. Er sprühte einen Strahl Insektenspray auf die Kreatur und 
Paige sah fasziniert zu, wie sich an der getroffenen Stelle sofort eine 
Lücke im Mücken-Leib des Dämons bildete. Hunderte von toten 
Insekten stürzten zu Boden. Der Dämon heulte wütend auf. Seine 
Pranken schienen sich in die Länge zu ziehen und wollten nach Leo 
greifen. Doch der Wächter des Lichts orbte sich im selben Augenblick 
wieder hinaus. 

Die Krallen des Dämons griffen ins Leere. Leo materialisierte 

hinter Paige im Hausflur. 

»Es funktioniert, Paige«, sagte Leo triumphierend. »Jetzt du!« 

Paige seufzte, schüttelte die Dose in ihrer Hand noch einmal gut 

durch und teleportierte sich ins Wohnzimmer. 

Sofort jagte der Dämon auf sie zu. 

Paige presste den Sprühknopf der Dose und teleportierte sich 

wieder in den Flur zurück, wo ihre Schwestern schon mit frisch 
geschüttelten Sprühdosen auf sie warteten … 

Dieses Spiel wiederholte sich innerhalb der nächsten halben Stunde 

noch ein paar Mal, und nach jeder Attacke wurde der Mücken-Dämon 
ein Stückchen kleiner. Schließlich waren nicht mehr genug lebende 
Mücken übrig, um noch einen menschlichen Umriss zu formen. Nun 
wagten es die drei Hexen und Leo, die Wohnzimmertür zu öffnen. Ein 
wütender, kleiner Schwarm aus Stechmücken surrte ihnen entgegen. 

Leo, Piper, Phoebe und Paige kassierten zwar ein paar 

Mückenstiche, aber gefährlich waren diese kleinen Quälgeister nicht 
mehr. Mit ein paar gezielten Sprühstößen gaben die drei Hexen und 
der Wächter des Lichts ihnen den Rest. 

background image

Die letzten paar Mücken flüchteten schließlich durch das Fenster, 

das Piper inzwischen wieder geöffnet hatte. 

Die Vier seufzten erleichtert auf. Besonders Paige war in Schweiß 

gebadet. Das Teleportieren war immer auch mit einer gehörigen, 
körperlichen Anstrengung verbunden. Sie hatte keine Ahnung, wie 
genau das funktionierte, aber auch magische Aktivitäten verbrauchten 
offensichtlich eine Menge Kalorien. 

Wenn sie allerdings auf den Teppich im Wohnzimmer blickte, 

verging ihr jeder Appetit. Tausende von toten Mücken lagen wie 
dicke, schwarze Staubkrümel auf dem Boden. 

»Igitt«, sagte Phoebe. »Wer macht diese Sauerei jetzt wieder 

weg?« 

Piper legte lächelnd einen Arm um Leo, dem ebenfalls der 

Schweiß auf der Stirn stand. 

»Oh, ich bin sicher, mein Herzallerliebster wird mir dabei zur 

Hand gehen, nicht wahr, Leo?« 

Der  Wächter des Lichts verdrehte die Augen und stöhnte auf. 

»Nicht schon wieder!« 

Da meldete sich Phoebe zu Wort. »Ähm, vielleicht solltest du Leo 

nicht zu sehr beanspruchen, Piper!«, sagte sie. 

Leo nickte eifrig mit dem Kopf. »Ja, das finde ich auch!« 

»Denn wir brauchen ihn noch für einen ganz besonderen Einsatz«, 

fuhr Phoebe fort. 

Leo schwante nichts Gutes. »Was habt ihr denn jetzt wieder 

ausgeheckt?«, fragte er und ließ sich in einen mückenfreien Sessel 
fallen. 

»Trinken wir erst mal etwas«, stöhnte Paige und schlurfte hinüber 

in die Küche. Ein paar Minuten später saßen die drei Schwestern am 
Küchentisch und genossen den kühlen Orangensaft. Phoebe und Paige 
berichteten von ihrem kleinen Ausflug in Sorvinos Wohnung – und 
von den Zeitungsausschnitten, die sie dort gefunden hatten. 

»Mmh, dieser Sorvino scheint von dem alten Regisseur ja ganz 

besessen zu sein«, nickte Piper, als ihre beiden jüngeren Schwestern 

background image

ihren Bericht beendet hatten. »Irgendwie scheint dieser alte Mann in 
die Sache verwickelt zu sein«, murmelte sie. 

Leo nickte. »Stimmt. Die Parallelen zwischen den Morden in den 

50er Jahren und den Verbrechen der letzten Tage sind einfach zu groß 
für einen Zufall.« 

»Ganz genau«, strahlte Phoebe. »Und deshalb dachten wir uns, du 

könntest diesem Landreau mal einen kleinen Besuch abstatten.« 

»Ja«, stimmte auch Paige ein. »Und er muss das ja nicht unbedingt 

mitkriegen.« 

Leo gab einen gequälten Laut von sich. Lieber hätte er den Rest 

des Abends tote Mücken vom Teppich gesaugt. 

»Also, ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist«, antwortete er 

schließlich mit zögernder Stimme. 

»Ach, komm schon, die beiden haben Recht!« Piper klopfte ihrem 

Ehemann aufmunternd auf die Schulter. »Wenn Landreau etwas mit 
der Sache zu tun hat, dann müssen wir mehr über ihn herausfinden. 
Und außerdem – was soll schon groß passieren?« 

background image

28 

»

N

A, ES KANN EINE MENGE PASSIEREN«, Sagte Leo Und 

blickte an dem Apartment-Gebäude hoch, das sich vor ihn und den 
drei Hexen in den Nachthimmel streckte. »Zum Beispiel könnte mich 
Landreau da oben erwischen und mich wegen Hausfriedensbruch 
anzeigen. Dann werde ich der erste Wächter des Lichts sein, der im 
Gefängnis landet.« 

Piper verdrehte die Augen. Während der ganzen Fahrt hierher hatte 

Leo schon mit seinen Einwänden herumgequengelt. Dabei war er als 
Wächter des Lichts am besten dazu geeignet, einen kurzen Blick in 
Gustav Landreaus Apartment zu werfen. 

Auch die drei Hexen betrachteten die Fassade des Hochhauses, das 

sich schlank und elegant in die Höhe reckte. Gegen dieses Gebäude 
konnte selbst das edle Eckhaus nicht mithalten, in dem Virginia 
Fontaine wohnte. Dieses Haus war kein Wohnturm, sondern eine 
Residenz. 

Piper hatte ihren Wagen in gebührender Entfernung geparkt und 

blickte auf die Eingangshalle des Gebäudes. Große Panoramafenster 
gaben den Blick auf weiße Marmorwände frei. Hinter einem Pult, das 
so groß zu sein schien wie die Küche des Halliwell-Hauses, saß – 
nein, thronte – ein Nachtportier. Er würde die drei Schwestern nicht 
einmal bis zum Aufzug der Lobby kommen lassen. Jedenfalls nicht 
ohne ausdrückliche Einladung von einem der Mieter. 

Also musste Leo ran. Als Wächter des Lichts beherrschte er das 

Orben am besten. Für ihn sollte es kein Problem sein, ins Penthouse 
einzudringen, ohne gleich einen Großeinsatz der Polizei auszulösen. 

Und scheinbar hatten sie Glück, denn in der obersten Etage des 

Hochhauses brannte kein Licht. Gustav Landreau schien nicht daheim 
zu sein. 

Es war kein Problem gewesen, die Adresse des alten Mannes 

herauszubekommen. Gustav Landreau hatte viele Fans und 
Bewunderer, die ihm eine eigene Website gewidmet hatten. Auf einer 
der Internetseiten war Paige auch auf die Adresse des alten Regisseurs 
gestoßen. 

background image

Warum auch nicht – wer in einer solchen Festung wohnte, der 

brauchte daraus kein Geheimnis zu machen. Dort oben kam kein 
ungebetener Gast hinein. 

Es sei denn, er war zufällig ein Wächter des Lichts. 

Piper klopfte ihrem Mann noch einmal aufmunternd auf die 

Schulter. »Stell dich nicht so an, Leo. Du orbst einfach rein und 
schaust dich ein wenig um. Vielleicht findest du ja irgendwelche 
Hinweise darauf, dass Landreau in die Mordserie verwickelt ist.« 

»Oder mit Sorvino unter einer Decke steckt!«, sagte Paige 

dazwischen. 

Leo winkte ab. »Schon gut, ich habe schon verstanden, um was es 

geht. Mir ist zwar nicht wohl in meiner Haut, aber ihr gebt ja sonst 
keine Ruhe. Ist die Luft rein?« 

Die drei Schwestern blickten sich um. Es ging bereits auf 

Mitternacht zu, und die Straßen waren menschenleer. Niemand war in 
der Nähe, der sich darüber hätte wundern können, dass der männliche 
Begleiter der drei jungen Frauen plötzlich blau aufschimmerte und 
verschwand. 

Warme Luft strömte in das Vakuum, das Leo hinterlassen hatte. 

Dann deutete nichts mehr darauf hin, dass gerade noch eine vierte 
Person auf dem Bürgersteig gestanden hatte. 

»Viel Glück, Leo«, murmelte Piper. 

Sie ahnte nicht, wie sehr ihr Ehemann das gebrauchen konnte … 

Gustav Landreau saß in dem kleinen Schnittstudio und blickte 

gutmütig lächelnd auf den kleinen Monitor. Sein Lächeln machte kurz 
über den Mundwinkeln Halt. Die Augen des alten Regisseurs blickten 
kalt und unnahbar wie immer. Aber das schien den jungen Mann nicht 
zu stören. 

Voller Begeisterung kommentierte er die Szenen auf dem Monitor, 

einzelne Sequenzen von ›Scream X-Treme‹, die jetzt noch in einer 
völlig chaotischen Reihenfolge abliefen. 

»Und jetzt kommt Ihr Auftritt, Sir! Die Szene am Voodoo-Altar, 

die wir in der Lagerhalle gedreht haben.« 

background image

Der junge Mann hatte Landreau mitten in der Nacht angerufen, und 

ihn gefragt, ob ersieh nicht die fertigen Szenen des Films ansehen 
wolle. Landreau hatte zugestimmt. Warum auch nicht? Der Schlaf 
kam immer seltener, und viele Stunden auf Erden blieben ihm ohnehin 
nicht mehr. Warum sie also im Bett verbringen? Außerdem konnte er 
die Begeisterung des Jungen verstehen – als er, Gustav Landreau, 
seinen ersten Film gedreht hatte, war er ähnlich aufgeregt gewesen. 

Der junge Mann drückte die ›Play‹-Taste des Schnittgeräts. Der 

Monitor flammte auf, und ein paar Augenblicke später flimmerte die 
Altar-Szene über den Bildschirm. Landreau sah sich selbst hinter dem 
Altar aus Pappmache. Künstlicher Rauch wallte auf und brachte die 
Kerzen zum Flackern. 

»Nicht schlecht, mein Freund«, lobte Landreau. »Hervorragend 

inszeniert, das muss ich sagen.« 

»Finden Sie wirklich?« Der junge Mann errötete. »Oh, vielen 

Dank. Aus Ihrem Mund bedeutet mir das sehr viel, Sir.« 

Landreau lächelte in sich hinein, als er sah und hörte, wie sein 

Film-Ich eine alberne Beschwörungsformel murmelte. Er hatte in 
seinem Leben genug echte Beschwörungen dunkler Mächte 
durchgeführt, um zu wissen, wie so ein Ritual tatsächlich aussah. Er 
konnte sich nur zu gut an den kühlen Luftzug erinnern, der bei einer 
solchen Gelegenheit durch den Raum kroch. An das Knistern der Luft, 
das einem die Haare zu Berge stehen ließ. Und an das erschreckende 
und doch berauschende Gefühl, eine verbotene Grenze überschritten 
zu haben. 

Landreau war etwa im Alter des jungen Mannes neben ihm 

gewesen, als er zum ersten Mal Kontakt mit den Mächten der 
Unterwelt aufgenommen hatte. Damals war er vor diesen Barbaren 
aus Nazi-Deutschland nach Hollywood geflüchtet, um seine Karriere 
hier fortzusetzen. Doch anfangs hatte es nicht gut ausgesehen. Sein 
Englisch war schlecht, und er war bei weitem nicht der einzige 
Regisseur, der aus Europa nach Hollywood geflüchtet war. 
Verzweifelt hatte er nach Aufträgen gesucht und war von den 
Studiobossen immer wieder vertröstet worden. Doch als Regisseur 
von Gruselfilmen hatte er sich schon immer mit den okkulten Mächten 
beschäftigt, sodass er eines Tages auf die Idee gekommen war, diese 
tatsächlich einmal um Hilfe anzuflehen. 

background image

Es hatte nicht lange gedauert, bis ein mächtiger Dämon auf seine 

Rufe reagiert hatte. 

Der Namenlose. Der Sammler. 

Der Regisseur hatte ihm seine Seele versprochen, im Tausch dafür, 

dass Landreau die echtesten Filmmonster seiner Zeit erschaffen 
würde. Besiegelt hatte er den Pakt mit Blut – nicht mit seinem 
eigenen, natürlich. Nein, es kostete sechs Menschenopfer, um den 
Handel perfekt zu machen. 

Und in den folgenden Jahren – Landreau war inzwischen zu einer 

Berühmtheit geworden – hatte er diese Opfer geschickt ausgewählt. 
Warum sollte er auch nicht das Nötige mit dem Nützlichen verbinden? 
Sechs Feinde und Widersacher, darunter seine erste Frau, hatte er auf 
magische Weise – mit beseelten Filmmonstern – getötet. 

Landreau lächelte – und diesmal zog sich das Grinsen tatsächlich 

über sein ganzes Gesicht. Er erinnerte sich gern daran, wie er seine 
Feinde, einen nach dem anderen, ausgeschaltet hatte. 

»… finden Sie nicht auch, Mister Landreau?« 

Der alte Regisseur war so in seine Erinnerungen vertieft gewesen, 

dass er die Frage des jungen Mannes gar nicht mitbekommen hatte. 
»Ja, sicher«, antwortete er einfach. Es schien die Antwort zu sein, die 
sein junger Schüler erwartet hatte. Der Junge lächelte glücklich. 

Landreau spürte einen leisen Stich im Herzen und massierte seine 

Brust. Der junge Mann bemerkte es. 

»Geht es Ihnen nicht gut, Sir?«, fragte er besorgt. 

Landreau winkte ab. »Schon gut, es ist nichts weiter. Aber ich 

fürchte, meine Zeit läuft langsam ab. Sie wissen schon, junger Freund, 
dass noch drei Opfer fehlen, bis unser kleiner Handel abgeschlossen 
ist?« 

Der junge Mann nickte. »Aber natürlich, Sir. Morgen Abend 

drehen wir das Finale im P3. Danach werden die drei Schwestern auf 
mysteriöse Weise ums Leben kommen. Und der Vertrag ist erfüllt.« 

»Sehr schön, mein Freund«, lächelte Landreau und lehnte sich in 

seinem Stuhl zurück. 

background image

Die Zeit lief langsam aus. Kurz vor dem Ende seines Lebens hatte 

Landreau begonnen, sich Sorgen um seine unsterbliche Seele zu 
machen. Doch wie es sich erwiesen hatte, war diese Sorge 
unbegründet gewesen. Der Namenlose war nur allzu bereit, sich auf 
einen neuen Deal einzulassen. Wenn Landreau dem Dämon eine neue, 
frische Seele verschaffte, bekam er seine eigene zurück. Gerade 
rechtzeitig vor seinem Tod. 

Ja, alles lief genau nach Plan. Und der willfährige junge 

›Seelenspender‹ saß genau neben ihm und faselte über seinen albernen 
Film. 

Landreau hörte schon gar nicht mehr hin, als er auf seiner Brust 

plötzlich etwas Warmes spürte. Diesmal war es nicht sein Herz. Ohne 
dass der junge Mann es überhaupt bemerkte, zog Landreau einen 
kleinen Anhänger hervor, der an einer Silberkette baumelte. Das 
kleine magische Amulett erinnerte an einen stilisierten Teufelskopf. 
Und es schimmerte grünlich auf. 

Landreaus kleine, magische Alarmanlage. 

Das Glühen bedeutete, dass in diesem Augenblick jemand, der 

selbst über magische Kräfte verfügte, in sein Penthouse eindrang. 
Aber der alte Regisseur war für solche Fälle gewappnet. Seit sechzig 
Jahren beschäftigte er sich jetzt mit schwarzer Magie und hatte dabei 
den einen oder anderen Trick gelernt. 

Landreau lehnte sich entspannt zurück. 

Nur zu, mein ungebetener Gast, dachte er. Du wirst dein blaues 

Wunder erleben. 

background image

29 

L

EO MATERIALISIERTE IM PENTHOUSE VON Gustav 

Landreau. Die Luft schimmerte vor seinen Augen blau auf, dann 
konnte er wieder etwas sehen. 

Der  Wächter des Lichts keuchte auf. Erblickte genau in das 

schuppige Gesicht eines Monsters. Weit aufgerissene Glubschaugen 
sahen ihn an, und im Maul des Monsters schimmerten spitze, gelblich 
gefärbte Zähne. Instinktiv ging Leo in Kampfstellung und bereitete 
sich darauf vor, wieder zu verschwinden. 

Doch im nächsten Augenblick atmete er wieder erleichtert auf. 

Was er im ersten Moment für ein Monster gehalten hatte, war nur das 
Modell einer Filmfigur gewesen. Sie stand in einem Regal und glotzte 
Leo teilnahmslos an. 

Der  Wächter des Lichts war kein Film-Experte, aber das musste 

das  Monster aus der Todeslagune sein, oder wie immer dieser Film 
auch hieß. Eines von Landreaus frühen Werken. 

Das Wasser-Monster stand nicht allein im Regal. Wie in einer 

Trophäensammlung waren daneben weitere Souvenirs aus anderen 
Filmen ausgestellt: Die Fellkralle eines Werwolfs, die sich 
wahrscheinlich wie ein Handschuh überstreifen ließ, das künstliche 
Gebiss eines Vampirs, die Strahlenwaffe eines Außerirdischen, ein mit 
Kunstblut beschmiertes Messer und vieles mehr. 

Diese Requisiten mussten für Sammler einen enormen 

Liebhaberwert haben, aber für Landreau waren sie wahrscheinlich 
noch kostbarer. Es waren die Andenken an ein langes Leben als 
Hollywood-Regisseur. Leo fragte sich, warum die sterblichen 
Menschen so gerne ins Kino gingen, um sich dort zu gruseln. 
Wahrscheinlich ahnten sie im Unterbewusstsein, dass es Mächte gab, 
die jenseits ihrer Vorstellungskraft wirkten. Und der künstliche 
Schrecken im Kino war vielleicht eine Methode, diese unbewusste, 
aber reale Furcht abzubauen. 

Leo atmete tief aus. Das war jetzt kaum der richtige Zeitpunkt für 

philosophische Betrachtungen. Der Wächter des Lichts fühlte sich 
unwohl in seiner Haut. Immerhin war er wie ein Dieb in der Nacht in 
eine fremde Wohnung eingedrungen. Und bis jetzt gab es noch keinen 

background image

Beweis dafür, dass Gustav Landreau tatsächlich in die Morde 
verwickelt war. 

Aber um das herauszufinden, war er ja hier. 

Leo blickte sich um. Der Mond schien durch die gewaltigen 

Panoramafenster und tauchte das Innere des Apartments in silbriges 
Licht. Die Einrichtung wirkte dadurch noch kühler und unnahbarer, 
als sie es bei Tageslicht wahrscheinlich schon war. Das Penthouse war 
sehr minimalistisch mit modernen Designermöbeln eingerichtet, von 
denen jedes einzelne Stück wahrscheinlich mehr kostete als die 
komplette Wohnzimmereinrichtung im Halliwell-Haus. Obwohl 
niemand zu Hause war, arbeitete die Klimaanlage auf Hochtouren. 
Eiskalte Luft strömte aus versteckten Düsen in die Wohnung und 
verstärkte noch Leos Eindruck, in eine luxuriös eingerichtete 
Eiskammer geraten zu sein. 

Wenn man aus der Wohnungseinrichtung eines Menschen 

tatsächlich auf seinen Charakter schließen konnte, dann musste dieser 
Landreau ein ziemlich kalter Hund sein. 

Aber das war ja noch kein Verbrechen. 

Leo brauchte Beweise – oder zumindest ein paar Hinweise auf 

magische Aktivitäten. Mit leisen Schritten ging der Wächter des 
Lichts  
zum Bücherregal. Fein säuberlich standen hier Dutzende von 
Büchern aufgereiht, hauptsächlich Bücher über die Geschichte des 
Films und das Filmemachen. Ein paar der Prachtbände standen ein 
Stück weit über die Kante der Einlegebretter hinaus. Anhand der Titel 
konnte Leo sehen, dass einige der Bücher sogar von Landreau und 
seinen Filmen selbst handelten. Sie sahen nicht aus, als wäre viel darin 
gelesen worden. 

Wie dem auch sei, Bücher über Magie konnte Leo nicht entdecken. 

Erließ seine Blicke weiter umherschweifen. Nichts deutete darauf 

hin, dass Landreau hier irgendwelche magischen Rituale abhielt. Leo 
atmete tief aus und bereitete sich darauf vor, wieder zurückzuorben. 
Der  Wächter des Lichts ging zum Fenster und blickte hinunter. Am 
Ende des Blocks konnte er drei winzige Gestalten erkennen, die neben 
einem schwarz schimmernden Auto auf der Straße standen. Piper und 
ihre beiden Schwestern. Die drei Hexen würden enttäuscht sein, wenn 
er ohne irgendwelche Beweise oder auch nur Anhaltspunkte 
zurückkam. 

background image

Aber was sollte er machen? 

Leo blickte sich noch ein letztes Mal um. 

Irgendetwas irritierte ihn. 

Der  Wächter des Lichts runzelte die Stirn. Was passte hier nicht? 

Der Breitwand-Fernseher, die Designermöbel, das tiefe Bücherregal, 
die Vitrine mit den Souvenirs … 

Sein Kopf fuhr zurück. Das Bücherregal. 

Das schwere Designer-Stück war mindestens einen halben Meter 

tief – trotzdem standen einige der größeren Bildbände über den Rand. 

Mit gerunzelter Stirn ging Leo noch einmal zu dem Regal und 

untersuchte es genauer. Der Wächter des Lichts zog einen der 
überstehenden Prachtbände heraus und hielt ihn dann von außen 
gegen die Seitenwand. 

Tatsächlich – das Regal war so tief, dass der Bildband eigentlich 

komplett hineinpassen müsste. Was er aber nicht tat. 

Das ließ eigentlich nur einen Schluss zu: Im Regal befand sich eine 

zweite Wand, die von außen nicht sichtbar war. 

Leo stellte das Buch zurück und drückte vorsichtig von der Seite 

gegen das Regal. Es bewegte sich keinen Millimeter. Auch 
irgendwelche Ritzen oder Scharniere waren nicht zu sehen. Trotzdem 
war sich Leo sicher, dass sich hinter dem Regal eine Art Geheimtür 
befinden musste. 

Fieberhaft suchte er nach irgendwelchen Spuren. Vergeblich. Doch 

so leicht gab der Wächter des Lichts nicht auf. Wenn sich hinter dem 
Regal tatsächlich eine Geheimtür verbarg, dann musste es doch 
irgendeinen versteckten Mechanismus geben, der sie öffnete. 

Noch einmal ließ Leo seinen Blick über die Bücher im Regal 

gleiten. Ein paar Dutzend Bände standen vor ihm, alle nagelneu, 
einige sogar noch in Folie verschweißt. Ein großer Leser schien 
Landreau ja nicht gerade zu sein. 

Dann entdeckte Leo etwas Seltsames: Mitten zwischen den 

druckfrischen Prachtbänden stand ein dickes Buch, dessen Rücken rau 
und abgegriffen wirkte. ›Edgar Allan Poe – Erzählungen‹. 

background image

Offensichtlich war dies das einzige Buch, das Mister Landreau 

öfter zur Hand nahm. 

Oder das einen anderen Zweck erfüllte. 

Leo griff nach dem Buch und zog es heraus, bis er einen 

Widerstand spürte. Das Buch klappte nach unten weg, als ob es mit 
einem Scharnier befestigt worden wäre. Tatsächlich hatte der Wächter 
des Lichts 
den Geheim-Mechanismus entdeckt. 

Erschrocken machte Leo einen Schritt zurück, als ein versteckter 

Elektromotor aufsummte und das Buchregal sanft zur Seite glitt. 

Dahinter kam eine Stahltür zum Vorschein, die in die Wand 

eingelassen worden war. Als der Elektromotor verstummte, machte 
Leo ein paar Schritte nach vorn Und drückte die Tür auf. 

Im selben Augenblick brach die Hölle los. 

background image

30 

P

IPER, PHOEBE UND PAIGE standen auf der Straße und 

blickten auf das Gebäude. 

Piper trommelte nervös mit den Fingern auf das Wagendach. 

»Verflixt, wo bleibt er bloß?«, fragte sie. 

Phoebe blickte auf ihre Uhr. »Er ist schon fast eine Viertelstunde 

da oben«, murmelte sie. »Allmählich mache ich mir auch Sorgen. Er 
sollte doch nur mal kurz reinspringen und sich etwas umsehen. Das 
kann doch nicht so lange dauern …« 

»Ihm wird doch nichts passiert sein«, sagte Paige und sprach damit 

aus, was ihre Schwestern befürchteten. 

»Ach, Unsinn.« Phoebe winkte ab. Ihre Stimme klang dabei nicht 

so überzeugend, wie sie es sich gewünscht hätte. Phoebe konnte sich 
noch gut an die Begegnung mit Gustav Landreau erinnern, neulich in 
der Lagerhalle. Der alte Mann war ihr definitiv nicht geheuer. Und er 
schien genau gewusst zu haben, dass die drei Schwestern die 
Zauberhaften  waren. Landreau war also kein unbeschriebenes Blatt, 
was Magie und Zauberei anging. Vielleicht hatte er in seiner 
Wohnung wirklich etwas zu verbergen … und hatte gewisse 
Vorsichtsmaßnahmen gegen unerwünschte Besucher getroffen. 

Phoebe biss sich auf die Lippen. Sie hätte mit Leo und Piper vorher 

über diesen Verdacht reden sollen. Sie würde es sich nie verzeihen, 
wenn Leo etwas zustoßen sollte. Und Piper würde ihr das noch viel 
weniger verzeihen. 

Phoebe wischte sich einen Schweißtropfen von der Stirn und legte 

ihrer älteren Schwester aufmunternd eine Hand auf die Schulter. 

»Keine Sorge, Piper. Leo kommt bestimmt gleich zurück. 

Vielleicht hat er da oben etwas Interessantes gefunden und geht 

jetzt den Spuren nach. Wir sollten –« 

Ein Aufschrei von Paige unterbrach Phoebe mitten im Satz. »Seht 

euch das an!« 

background image

Piper und Phoebe blickten erschrocken nach oben. Die 

Panoramafenster des Penthouses blitzten grünlich auf, wie bei einem 
unheimlichen Wetterleuchten. 

»Oh, nein«, keuchte Piper. 

Leo stieß die Tür zu dem geheimen Raum auf und erstarrte. Das 

versteckte Zimmer war größer, als er vermutet hatte. Auf dem Boden 
war mit schwarzer Kreide ein großes Pentagramm aufgezeichnet. An 
den sechs Spitzen standen schwarze, halb abgebrannte Kerzen. Der 
Geruch von Rauch lag noch in der Luft, also war hier vor gar nicht 
allzu langer Zeit ein magisches Ritual abgehalten worden. 

Fast noch erschreckender als das unheilige Pentagramm am Boden 

waren die Wände des Geheimzimmers, die über und über mit 
magischen Schriftzeichen und Runen bedeckt waren. Leo war kein 
Experte für schwarze Magie, aber auf den ersten Blick erkannte er 
gleich mehrere verbotene Schriftzeichen, die zur Beschwörung böser 
Geister und Dämonen dienten. 

Eins stand fest: Gustav Landreau hatte sich in den vergangenen 

Jahrzehnten nicht nur hinter der Kamera mit Okkultismus beschäftigt. 
Die Studien der Verbotenen Schriftzeichen – so viel wusste Leo – 
waren überaus kompliziert, da die dahinter verborgene Sprache keiner 
menschlichen Sprache glich. Wer in der Lage war, ganze Wände mit 
diesen Runen zu beschriften, musste sich lange, sehr lange, damit 
beschäftigt haben. 

Leo spürte ein seltsames Kribbeln in seinem Bauch. 

Wahrscheinlich war das der Schock über seine Entdeckung. 
Vorsichtig näherte er sich einer der Wände. In einer Sprache, die Leo 
erkannte – in Latein – war dort eine weitere Beschwörungsformel 
aufgekritzelt worden. Die Buchstaben schimmerten schwarz-braun, 
und Leo musste nicht lange herumrätseln, um zu erkennen, dass sie 
vor langer Zeit mit Blut geschrieben worden waren. Mühsam 
entzifferte der Wächter des Lichts die uralte Formel. 

Er erkannte sie wieder: Dies war eine Beschwörung, um einen 

namenlosen Schatten-Dämon herbeizurufen, einen Seelensammler! Es 
gehörte nicht viel dazu, sich zusammenzureimen, dass Landreau 
tatsächlich seine Seele verkauft hatte! 

background image

Leo erschauderte und das Kribbeln in seinem Bauch wurde stärker. 

Unangenehm. 

Er blickte sich um. Dann wurde er schlagartig bleich. 

Die Wände um ihn herum waren so eng mit Runen und 

Schriftzeichen bekritzelt worden, dass er das Symbol am anderen 
Ende der Wand zunächst gar nicht bemerkt hatte. 

Drei ineinander geschobene Dreiecke bildeten das stilisierte Abbild 

einer Teufelsfratze, mit spitz zulaufendem Kinn und Hörnern zu 
beiden Seiten. 

Ein Dämonenbanner! 

Eine Art Todesfalle für Wesen der weißen Magie. 

Daher also das Kribbeln in seinem Bauch. Leo keuchte auf und 

wollte sich in Sicherheit orben. Doch plötzlich spürte er, wie sein 
ganzer Körper und damit auch seine Seele von dem Symbol an der 
Wand angezogen wurden. Das Dämonenbanner glomm grünlich auf 
und übte eine regelrechte Anziehungskraft auf den Wächter des Lichts 
aus. Als ob ihn eine gewaltige Pranke gepackt hätte, raste Leo durch 
den Raum und prallte mit der Brust auf das Abbild der Teufelsfratze. 

Grüne Blitze flammten auf, als der Aufprall die Luft aus Leos 

Lungen presste. Dem Wächter des Lichts wurde schwarz vor Augen. 
Der Aufprall gegen die Wand allein hatte ihm fast schon das 
Bewusstsein geraubt. Aber das war nicht das Schlimmste. Leo spürte, 
wie sich das magische Symbol in seine Brust brannte. Sein T-Shirt 
verschmorte, und die ineinander geschobenen Dreiecke auf der Wand 
versengten seine Haut. 

Gleichzeitig spürte Leo, wie das Teufelssymbol auch einen 

unheilvollen Einfluss auf seine Seele ausübte. Der Dämonenbanner 
bemächtigte sich der Seele eines Lichtwesens, um sie aus dieser Welt 
zu reißen. 

Für immer. 

Zurückbleiben würde von ihm nur eine seelenlose Hülle. 

Leo bäumte sich auf. Mit aller Gewalt stemmte er sich gegen die 

Wand und versuchte, von dem Symbol wegzukommen. 

background image

Vergeblich. Die Macht, die von der stilisierten Satansfratze 

ausging, war einfach zu stark. 

Leo spürte, wie ihn die Energie verließ. Um ihn herum blitzten 

grüne Funken auf. Er sah Sterne vor seinen Augen, und dahinter 
lauerte eine tiefe, alles verschlingende Dunkelheit. Der Wächter des 
Lichts  
spürte, wie sich sein Bewusstsein immer mehr von der 
Situation zu entfernen schien. Schon kam es ihm vor, als würde er sein 
eigenes Ende nur noch als unbeteiligter Beobachter betrachten. 

NEIN!, rief eine innere Stimme. Du darfst nicht aufgeben! Du hast 

eine Verantwortung! Als Wächter des Lichts! Und als Ehemann von 
Piper! Du darfst sie nicht im Stich lassen! 

Piper! Mehr als alles andere half der Gedanke an seine Frau dem 

Wächter des Lichts, sich ein letztes Mal aufzubäumen. Irgendwo da 
unten wartete Piper darauf, dass er wieder zu ihr zurückkehrte. Und 
auch er sehnte sich nach ihr! Piper … er musste zurück zu Piper! 

Leo sammelte ein letztes Mal alle Kräfte und konzentrierte sich. 

Dann wurde es schwarz um ihn herum. 

»LEO!«, rief Piper entsetzt auf. 

Die drei Schwestern waren erschrocken zusammengezuckt, als die 

Luft vor dem geparkten Wagen plötzlich blau aufgeleuchtet war. 
Einen Sekundenbruchteil später materialisierte Leo. 

Der Wächter des Lichts sah furchtbar aus. Sein Hemd war zerfetzt, 

und ein seltsames Symbol, das entfernt an eine Satansfratze erinnerte, 
hatte sich in seine Brust eingebrannt. Leo hatte nur kurz Pipers Namen 
gestöhnt und war dann ohnmächtig zusammengebrochen. 

Piper und Phoebe hatten ihn gerade noch auffangen können. 

»Leo, bist du in Ordnung? Was ist da oben passiert?!«, fragte Piper 

halb wahnsinnig vor Sorge. 

Aber der Wächter des Lichts antwortete nicht. Was immer da oben 

auch auf ihn gelauert hatte, er hatte sein letztes Quäntchen Energie 
gebraucht, um sich in Sicherheit zu bringen. 

background image

Piper presste ihre Hand auf Leos Brust. Die geschundene Haut 

schien zu glühen. »Sein Herz schlägt«, keuchte sie. »Er lebt! Gott sei 
Dank!« 

»Wir müssen ihn nach Hause bringen!«, rief Paige und riss die 

Fahrertür auf. »Los beeilt euch! Bringt ihn rein!« 

Sekunden später hatten Piper und Phoebe den bewusstlosen 

Wächter des Lichts auf den Rücksitz gezwängt. Leo ließ es willenlos 
mit sich geschehen, er war in eine tiefe Ohnmacht gefallen. 

Ein paar Sekunden später brauste Paige los. Mit quietschenden 

Reifen raste sie zurück zum Halliwell-Haus. 

Gut zwanzig Minuten später quietschten die Reifen des New 

Beetles erneut, als Paige ihren Wagen in der Einfahrt des Hauses 
abbremste. Leos Zustand hatte sich während der Fahrt nicht gebessert. 
Im Gegenteil, der Wächter des Lichts war noch immer bewusstlos, 
und seine Haut war von Minute zu Minute bleicher geworden. Es war, 
als hätte irgendetwas seine gesamte Energie abgesaugt. 

Piper und Phoebe zogen Leo aus dem Wagen. Um diese Zeit waren 

keine neugierigen Nachbarsblicke mehr zu befürchten, also packte 
Paige mit ihren telekinetischen Kräften mit an. Zu dritt schafften sie 
den Wächter des Lichts in Rekordzeit ins Haus. 

»Legt ihn auf die Couch im Wohnzimmer!«, rief Piper, kaum dass 

sie das Anwesen betreten hatten. 

»Was hast du vor?«, fragte Phoebe. Sie selbst hatte keine Ahnung, 

was sie jetzt tun sollten. Was immer dem Wächter des Lichts 
zugestoßen war – Kamillentee und kühle Wickel würden ganz sicher 
nicht helfen. 

Piper stürmte schon die Treppe zum Dachboden hinauf. »Ich hole 

das Buch der Schatten! Vielleicht gibt es irgendeinen Heilzauber, der 
ihm helfen kann!« 

»Okay! Gute Idee!«, rief Phoebe noch, aber Piper hörte sie schon 

gar nicht mehr. Atemlos hetzte sie die Stufen hinauf. 

Die Luft auf dem Dachboden war durch die Hitze der letzten Tage 

unerträglich geworden, aber Piper merkte das gar nicht. Sie riss das 
magische Ruch von seinem Podest und stürmte damit wieder hinunter. 
Normalerweise entfernte sie das Buch der Schatten nur ungern von 

background image

seinem angestammten Platz, aber das hier war ein Notfall. Sie würde 
wahnsinnig werden, wenn Leo irgendetwas zustieß. Sie hatte vor ein 
paar Monaten erst Prue, ihre älteste Schwester verloren, und wollte 
das nicht noch einmal durchmachen. 

Mit dem Buch unter dem Arm rannte Piper ins Wohnzimmer. Leo 

lag regungslos auf der Couch. Ihre beiden Schwestern standen hilflos 
daneben. »Ich fürchte, er wird immer schwächer«, flüsterte Paige. 

Piper warf das Buch der Schatten auf den Wohnzimmertisch und 

schlug es auf. Sie durften keine Zeit verlieren. Das Buch spürte stets 
auf eine geheimnisvolle Art, nach was die Schwestern suchten. Seine 
ganz spezielle Magie bestand darin, immer genau die Informationen 
bereitzustellen, die die drei Zauberhaften brauchten. Unser ›magisches 
Internet‹ hatte Paige das Buch einmal genannt, und wahrscheinlich lag 
sie mit diesem Vergleich gar nicht so falsch. Hoffentlich funktionierte 
es auch diesmal. 

»Komm schon, Buch«, zischte Piper und blätterte hektisch die 

vergilbten Seiten durch. Paige sah ihr dabei neugierig über die 
Schulter. Piper blätterte so schnell um, dass die jüngste Halliwell-
Hexe zu erkennen glaubte, wie sich die Buchstaben immer erst in dem 
Augenblick bildeten, wenn eine Seite aufgeschlagen wurde. 

Piper murmelte die Überschriften laut mit. »Heidnische Riten, 

Heidekraut, Heilpflanzen, hier ist es … Heilschlaf! Los Mädels, beeilt 
euch!« 

Die beiden jüngeren Hexen traten näher an ihre Schwester heran 

und griffen nach ihren Händen. Gemeinsam zitierten sie die 
Zauberformel, die in großen Lettern auf der aufgeschlagenen Seite zu 
sehen war: 

»Opfer, den der Bannstrahl traf, 
fall noch tiefer in den Schlaf! 
Das wird den Fluch bald niederringen, 
und zur Genesung dich schnell bringen!« 

Kaum hatten die drei Schwestern ihren magischen Singsang 

beendet, stöhnte Leo auf der Couch auf. Aber es war kein 
schmerzhaftes, sondern ein aufatmendes Stöhnen. Seine Gesichtszüge 

background image

entspannten sich. Fast augenblicklich kehrte ein wenig Farbe in das 
Gesicht zurück. Leos Brust hob und senkte sich in regelmäßigen 
Atemzügen. 

Sogar das eingebrannte Abbild des Dämonenbanners begann zu 

verblassen. 

Auch Piper und ihre Schwestern atmeten auf. »Ich glaube, das war 

ganz schön knapp«, flüsterte Phoebe. 

Piper nickte. »Allerdings. Was immer da oben passiert ist, es hat 

ihm übel mitgespielt. Aber du brauchst nicht zu flüstern, Phoebe. Hier 
im Buch der Schatten steht, dass Leo schlafen wird, bis er wieder ganz 
bei Kräften ist und bis dahin wird ihn nicht mal ein Kanonenschlag 
aufwecken.« 

Phoebe und Paige beobachteten lächelnd, wie sich ihre ältere 

Schwester schließlich neben Leo kniete und dem Wächter des Lichts 
durch die zerrauften Haare strich. 

»Nicht wahr, mein Schatz, du wirst schön schlafen, bis es dir 

wieder gut geht.« 

Leo, immer noch bewusstlos, antwortete mit einem herzhaften 

Schnarchen. 

Die drei Schwestern lachten auf. »Steht im Buch der Schatten 

vielleicht auch ein guter Anti-Schnarch-Zauber?«, fragte Paige 
grinsend. 

Die  Zauberhaften  zogen sich in die Küche zurück. Leo war über 

den Berg. Und was immer ihm zugestoßen war – sie konnten davon 
ausgehen, dass der alte Landreau irgendetwas zu verbergen hatte. Nur 
eine magische Falle konnte dem Wächter des Lichts so zugesetzt 
haben. 

Phoebe holte ein paar Gläser aus dem Regal und goss ihren 

Schwestern dann Orangensaft ein. »Was tun wir denn jetzt?«, fragte 
sie dabei. 

Piper überlegte kurz. Es hatte bereits drei Tote gegeben, und ihr 

Ehemann wäre beinahe das vierte Opfer geworden. Allmählich reichte 
es ihr. Sie nahm einen Schluck aus dem Saftglas und blickte ihre 
beiden Schwestern dann ernst an. 

background image

»Wenn ich das richtig sehe, findet doch morgen der Dreh im P3 

statt, oder?« 

Paige nickte vorsichtig. »Ah, eigentlich schon. Möchtest du ihn 

etwa absagen, Piper?« 

Piper lächelte grimmig. »Aber ganz und gar nicht. Das ist eine gute 

Gelegenheit, um die ganzen Akteure dieses teuflischen Spiels noch 
einmal zu versammeln, bevor sie wieder verschwinden.« 

»Das stimmt«, nickte Phoebe. »Soweit ich weiß, sind bis auf die 

große Kampfszene im Nachtclub alle anderen Szenen bereits 
abgedreht.« 

»Sehr gut«, erwiderte Piper und stellte ihr Glas geräuschvoll ab. 

»Es wird Zeit, diesem Spuk ein Ende zu bereiten!« 

Im Wohnzimmer nebenan schnarchte Leo zustimmend. 

background image

31 

D

ER GROSSE TAG DES Abschlussdrehs verlief ohne besondere 

Vorkommnisse. Leo lag noch immer im Tiefschlaf, aber seine 
Hautfarbe war schon wieder rosig und gesund. Auch das Teufelsmal 
auf seiner Brust war vollständig verschwunden. Piper schätzte, dass er 
innerhalb der nächsten paar Stunden aufwachen würde. 

Das Filmteam fand sich gegen acht Uhr abends vor dem P3  ein. 

Als die beiden kleinen Lieferwagen auf dem Parkplatz vorfuhren, 
stand die Abendsonne noch wie ein rot glühendes Auge am Himmel. 
Die Hitze hatte an diesem Tag wieder einen Rekord erreicht, und die 
Radiostationen meldeten Jahrhundertwerte. Aber es war ein Ende in 
Sicht. Die Meteorologen versprachen eine Wetteränderung, vielleicht 
noch für diese Nacht. 

Piper, Phoebe, Paige und Detective Morris standen am 

Hintereingang des P3 und winkten dem ankommenden Filmteam zu. 

Phoebe deutete auf eine winzige Wolke, die im Sonnenuntergang 

rot aufleuchtete. »Sieht nach Regen aus«, sagte sie optimistisch. 

»Für mich sieht das eher nach Ärger aus«, knurrte Piper und 

meinte damit das Filmteam, dass mit seiner Ausrüstung auf den 
Hintereingang zudrängte. »Ich hoffe immer noch, dass ich es nicht 
bereue, das P3 für diesen Unsinn zur Verfügung gestellt zu haben.« 

»Ach, was«, erwiderte Paige mit gespieltem Optimismus. »Da 

passiert schon nichts.« 

»Warum wolltet ihr mich eigentlich dabei haben?«, fragte Darryl 

Morris. Phoebe hatte ihn heute Morgen von der Redaktion aus 
angerufen und ihn gebeten, zu den Dreharbeiten zu kommen. › 

»Weil es sein könnte, dass wir heute den Puppenmörder stellen, 

Darryl. Möglicherweise hat der Fall ja auch eine nicht-magische Seite, 
für die wir einen, äh, konventionellen Ermittler brauchen können.« 

»Schön, zu wissen, dass ihr mich ab und zu überhaupt noch 

braucht, Piper«, erwiderte Darryl und lächelte gequält. Er mochte die 
drei Schwestern sehr gern, aber ihre magischen Einsätze waren nur 
schwer mit einem Dienstprotokoll in Einklang zu bringen. 

background image

»Ach, Darryl«, lächelte Piper, »du weißt doch, wie sehr wir deine 

Hilfe schätzen. Und denk dran – für das Filmteam bist du ein Reporter 
von ›Variety‹ und willst über den Abschluss der Dreharbeiten von 
›Scream X-Treme‹ berichten.« 

»Alles klar«, nickte Darryl. Dann stand auch schon Andy Stewart, 

der Regisseur, vor ihnen. Er grinste aufgeregt wie ein Schuljunge und 
reichte Piper die Hand. 

»Piper, ich bin Ihnen wirklich dankbar, dass Sie uns Ihren Club als 

Drehort zur Verfügung stellen. Ich muss sagen, ich bin selbst schon 
etwas nervös. Man schließt nicht jeden Tag seine erste Regiearbeit 
ab!« 

»Kein Problem«, erwiderte Piper mit ihrem freundlichsten Grinsen. 

»Hauptsache, ihr zerlegt mir die Bude nicht.« 

»Das würden wir doch nie machen, Miss«, grinste Pete, der 

Kameramann, der direkt hinter Andy stand. »Wir wissen schließlich, 
was sich gehört.« Dann warf er einen Blick über die Schulter. »Also 
benimm dich diesmal, Lou«, mahnte er seinen Tonmann, »nicht, dass 
wieder so etwas passiert wie damals in Pasadena.« 

»Kommt nicht wieder vor«, murmelte Lou nur und trabte hinter 

Lou ins Innere des Clubs hinein. 

»Hey, Moment mal«, rief Piper den beiden hinterher. »Was war 

denn damals in Pasadena?!« 

»Ach nichts, Miss Halliwell«, rief Pete hinaus. »Sie haben doch 

eine Feuerversicherung, oder?« 

»Feuerversicherung?«, wiederholte Piper fassungslos. »Was zum 

Teufel meint er damit?« 

Paige grinste. »Ach, nichts. Der macht nur Spaß. Wie immer!« 

Hoffte sie jedenfalls. 

Die kleine Prozession, die an den drei Schwestern und Darryl 

vorbei ins Innere des P3 trabte, schien kein Ende zu nehmen. Immer 
wieder trugen Assistenten diverse Ausrüstungsgegenstände an ihnen 
vorbei. 

»Ich hätte die Aschenbecher vielleicht doch festkleben sollen«, 

murmelte Piper. 

background image

Dann trat eine junge Frau mit langen blonden Haaren auf die Vier 

zu. Im ersten Augenblick dachten die drei Halliwell-Schwestern, es 
sei Virginia Fontaine, doch dann sahen sie die Muskeln, die sich unter 
dem T-Shirt der jungen Dame spannten. 

»Hallo«, sagte sie freundlich und lächelte die drei Schwestern an. 

»Ich bin Emma, das Stunt-Girl. Ich werde die Kampfszenen für Miss 
Fontaine drehen.« 

»Junge, Junge«, murmelte Darryl, als Emma im Inneren des 

Nachtclubs verschwunden war. »Mit der möchte ich mich aber auch 
nicht anlegen.« 

»Mit der da aber auch nicht«, murmelte Phoebe und deutete auf die 

echte Virginia Fontaine, die in diesem Augenblick aus einem Taxi 
stieg. 

Mit hoch erhobenem Kopf schritt Virginia auf die drei Schwestern 

zu. 

»Hi, Virginia«, sagte Paige freundlich. »Hast du dich wieder von 

deinem kleinen Schreck erholt?« 

»Natürlich. Ich bin schließlich ein Profi.« Die Schauspielerin 

blickte misstrauisch durch die Hintertür ins P3 hinein. »Na, dann bin 
ich ja mal gespannt auf die Location. Ich habe schon vom P3 gehört. 
Soll ja ganz nett sein, der Laden«, sagte sie dann und ließ die drei 
Schwestern stehen. 

»Eingebildete Pute«, grummelte Piper. Dann näherte sich noch 

eine Gestalt. Sie trug ein schwarzes T-Shirt und hielt zwei Holzkisten 
unter dem Arm. 

Tim Sorvino und seine Monster. 

»Das ist unser Hauptverdächtiger«, zischte Phoebe, bevor Sorvino 

in Hörweite war. 

»Hallo, Tim«, begrüßte Paige den jungen Mann freundlich. 

Sorvino blickte sie nur abschätzig an. »Das hier ist Mister Darryl 
Morris, von ›Variety‹. Er ist schon sehr gespannt auf deine Puppen.« 

»Das sind keine Puppen, das sind ›Animatronics‹«, erwiderte 

Sorvino kühl. Dann musterte er Darryl mit einem lauernden Blick und 
folgte dem Rest des Teams ins Innere des P3. 

background image

»Reizender Zeitgenosse«, murmelte Darryl. 

Die kleine Prozession schien beendet zu sein. 

Piper holte noch einmal tief Luft und betrat dann das Gebäude, 

gefolgt von Darryl und ihren beiden Schwestern. 

»Na dann – auf zum Finale!« 

Kaum eine halbe Stunde später hatte die Crew um Andy ihr Set 

komplett aufgebaut. Sie hatten das Innere des P3  zu Pipers 
Erleichterung nicht groß umgebaut. Ein paar der Tische und Stühle 
aus der Originalausstattung waren durch ›Props‹ ersetzt worden – 
nachgebaute Möbelstücke, die vor laufender Kamera zertrümmert 
werden sollten. 

Na, hoffentlich brachten die Leutchen da nichts durcheinander, 

dachte Piper. Doch alles in allem war sie angenehm überrascht, wie 
freundlich und professionell sich das Team benahm. Offensichtlich 
hatte die Crew Respekt vor dem Eigentum anderer. 

Und Piper musste zugeben, dass sie selbst schon ein wenig 

gespannt auf die eigentlichen Dreharbeiten war. 

Immerhin konnte man nicht jeden Tag einem echten Filmteam über 

die Schulter gucken. 

Trotzdem ließ die Älteste keine Sekunde lang den 

Hauptverdächtigen – Tim Sorvino – aus den Augen. Der junge Mann 
stand etwas abseits vom Geschehen und präparierte seine 
mechanischen Puppen für ihren großen Auftritt. Oder tat er nur so, um 
den Schein zu wahren? Die drei Schwestern wussten, dass die 
Monster-Figuren längst in der Lage waren, sich selbstständig zu 
bewegen. 

»Schaut mal, wie scheinheilig er an seinen kleinen Monstern 

herumschraubt«, zischte Phoebe ihren Schwestern zu. 

»Das wird ihm nicht viel nützen«, erwiderte Paige mit grimmigem 

Blick. »Sobald er irgendeinen Unsinn versucht, nehmen wir ihn 
hops!« 

background image

In diesem Augenblick trat Andy an die drei Schwestern heran. Er 

grinste aufgeregt über das ganze Gesicht. »Wir wären dann so weit«, 
sagte er. »Alles klar für den großen Schlusskampf!« 

Piper schluckte. Ganz wohl war ihr bei der Sache immer noch 

nicht. ›Schlusskampf‹ – das klang, als könnte dabei eine Menge 
kaputtgehen. 

»Was genau wird denn dabei passieren?«, fragte sie so beiläufig 

wie möglich. 

Aber Andy schien ihre Sorge zu spüren. »Keine Angst«, erwiderte 

er, »das ist alles genau choreografiert. Wir drehen am Anfang eine 
Szene, in der Virginia durch die Tür da vorn ins nächtliche P3 kommt. 
Dann geht sie etwa bis zur Mitte des Saales, wo sie von den ersten 
Monstern angegriffen wird.« Andy verdeutlichte seine Erklärungen, 
indem er auf die verschiedenen Stellen des Raumes zeigte. »Dann gibt 
es einen Schnitt, und Emma, unser Stunt-Girl, springt für Virginia ein. 
Sie ist eine perfekte Kung-Fu-Kämpferin und knöpft sich die Monster 
vor. Natürlich nur zum Schein, Tim würde mich sonst umbringen, 
wenn seinen kleinen Lieblingen etwas zustößt.« 

»Oh, ja, da ist er sensibel«, erwiderte Phoebe und erinnerte sich 

dabei an ihr erstes Zusammentreffen mit Sorvino und seiner Monster-
Mumie. »Aber sag mal, Andy, fällt es denn nicht auf, wenn mitten in 
der Szene ein Double für Virginia einspringt?« 

Andy lächelte verschmitzt. »Nicht, wenn man es geschickt filmt 

und nachher ebenso geschickt schneidet. Oder habt ihr bei ›Buffy‹ 
etwa irgendwann mal den Verdacht gehabt, dass Sarah Michelle ihre 
Kampfszenen nicht alle selber dreht?« 

Paige war verblüfft. »Ach, das tut sie nicht? So was, das ist mir 

tatsächlich nie aufgefallen.« 

Eine scharfe Stimme unterbrach das Gespräch zwischen Andy und 

den drei Schwestern. Es war Virginia Fontaine. »Können wir 
vielleicht mal bald anfangen?«, zischte sie. »Ich habe noch etwas 
anderes zu tun. Mein Verlobter gibt heute Abend noch einen 
Wohltätigkeitsball!« 

Andy verdrehte die Augen so, dass Virginia es nicht sehen konnte. 

»Mann, bin ich froh, wenn ich diese Hexe los bin«, flüsterte er. »Aber 
sie hat Recht, wir sollten langsam mal loslegen. Viel Spaß!« 

background image

Andy sagte ein paar Schmeicheleien zu Virginia und sprang dann 

auf die kleine Bühne, wo auch die Kamera aufgebaut worden war. 

»Diese Frau als Hexe zu bezeichnen ist wirklich eine 

Beleidigung«, flüsterte Piper. »Allerdings nur für uns!« 

Wie auf Kommando stellte sich in diesem Augenblick Darryl 

Morris zu ihnen. Seufzend deutete er auf Virginia Fontaine, die sich 
gerade in Positur begab. »Was für eine nervende Person«, seufzte er. 
»Kaum hat sie erfahren, dass ich angeblich von › Variety‹ bin, hat sie 
mir ein Interview aufgedrängt. Das nächste Mal gebt ihr mich einfach 
als Kabelträger aus, okay?« 

Die drei Hexen lachten leise auf. Darryl sah wirklich genervt aus. 

In diesem Moment gab Andy das Kommando. 

»Ton ab!« 

»Ton läuft!« 

»Kamera ab!« 

»Kamera läuft!« 

»Uuuund … Action!« 

Virginia Fontaine betrat den Hauptsaal des P3. Sie machte ein paar 

zögerliche Schritte, verfolgt vom Zyklopenauge der Kamera. Dann 
blieb sie in der Mitte des Raumes wieder stehen, riss erschrocken die 
Augen auf und – »CUT!«, rief Andy. »Wunderbar! Das nehmen wir!« 

»Was denn«, flüsterte Piper ihren Schwestern zu, »das war alles? 

Na, das hätte ich auch noch gekonnt.« 

»Okay, Pete, lass die Kamera gleich laufen, wir machen nahtlos 

weiter. Emma – dein Einsatz!« Andy gab dem Stunt-Double ein 
Zeichen. 

Die junge Frau trug jetzt dieselbe Bluse wie Virginia, sodass man 

ihre stattlichen Muskeln darunter kaum noch erkennen konnte. Beim 
ersten Hinsehen hätte man sie tatsächlich mit der Schauspielerin 
verwechseln können. Emma nahm genau Virginias Position ein. 

»Ich war dann so weit«, rief sie. 

»Und bitte!«, sagte Andy und blickte auf Tim Sorvino. Der junge 

Mann stand neben dem Regisseur und hatte sich seine Fernbedienung 

background image

umgehängt. Sekunden später stakste die Mini-Mumie unter einem 
Tisch hervor und griff das Stunt-Double an. 

Emma wich der Mörder-Puppe mit einem geschickten Sprung zur 

Seite aus und versetzte ihr einen Fußtritt. Anders als Phoebe damals 
bremste sie ihren Tritt jedoch kurz vor dem Kontakt ab, um die Puppe 
nicht zu beschädigen. 

»Hattet ihr nicht gesagt, diese Dinger würden sich absolut 

lebensecht bewegen?«, fragte Darryl leise. Der Detective klang etwas 
enttäuscht. 

Phoebe nickte. Für eine ferngesteuerte Puppe bewegte sich die 

Mini-Mumie zwar relativ flüssig, aber das war kein Vergleich zu der 
Geschicklichkeit, mit der sich zum Beispiel das Lagunen-Monster in 
Virginias Wohnung bewegt hatte. 

»Wahrscheinlich halt sich Sorvino absichtlich zurück, um keinen 

Verdacht zu erregen«, vermutete Phoebe. 

Darryl nickte. Sehr überzeugt sah er nicht aus. 

In der Mitte des Raumes tobte inzwischen ein wilder Kampf. 

Tapfer und mit genau choreografierten Bewegungen verteidigte sich 
Emma gegen immer neue Angriffe der Monster. Mittlerweile musste 
sie es mit allen fünf Kreaturen gleichzeitig aufnehmen. 

Phoebe nickte anerkennend. Sie selbst war die Kampfsport-

Expertin der drei Hexen, aber von Emma konnte sie sich noch den 
einen oder anderen Trick abschauen. 

Schließlich war es so weit. Das Stunt-Girl beförderte die letzte der 

Figuren, den zotteligen Mini-Werwolf, mit einem gezielten Tritt ins 
Abseits. 

»CUT!« rief Andy. Und dann »GESTORBEN!« 

»Gestorben?«, fragte Piper erstaunt. »Was meint er damit?« 

Phoebe grinste. In den letzten Tagen hatte sie sich einiges Wissen 

über das Filmemachen angelesen. »Das heißt, dass die letzte 
Aufnahme im Kasten ist. Das war's!« 

Tatsächlich blickte das gesamte Team auf Andy und begann zu 

applaudieren. Ein paar ›Glückwunsch‹-Rufe hallten durch den Raum. 
Einige der Crew-Mitglieder umarmten sich freundschaftlich oder 

background image

klopften sich gegenseitig auf die Schultern. Von einer Sekunde zur 
anderen verwandelte sich die angespannte Stimmung am Set in Party-
Laune. 

Nur zwei Personen standen abseits und schienen sich von der 

allgemeinen Hochstimmung nicht anstecken zu lassen: Virginia 
Fontaine und Tim Sorvino. 

Virginia blickte nur genervt auf ihre Uhr und verschwand dann 

durch die Tür zum Vorraum. Wahrscheinlich wollte sie ihren 
Verlobten mit seinem Wohltätigkeitsball nicht länger warten lassen. 
Tim Sorvino dagegen ging durch den Raum und sammelte seine 
Monster-Puppen ein. 

Auch Phoebe und besonders Paige ließen es sich nicht nehmen, 

Andy zu gratulieren. Während Phoebe dem Jungregisseur nur die 
Hand schüttelte, wurde er von Paige überschwänglich umarmt und mit 
einem Kuss auf die Wange bedacht. 

»Meinen Glückwunsch, Andy!«, lachte sie. »Wie fühlst du dich, 

jetzt wo die Dreharbeiten beendet sind?« 

»Erleichtert«, strahlte Andy zurück. »Aber die Arbeit ist ja noch 

lange nicht fertig. Jetzt ist für die nächsten paar Wochen das Ackern 
im Schnittraum angesagt, damit aus den ganzen Einzelteilen auch ein 
richtiger Film wird.« 

»Oh, nein«, sagte eine Stimme neben dem Regisseur. Es war Pete, 

der Kameramann. Er klappte die Kamera auf und blickte totenbleich 
hinein. »Ich habe vergessen, einen Film einzulegen!« 

»Waaas?!« Andy riss die Augen auf und starrte Pete an. 

Der Kameramann hielt seine Pose noch einen Augenblick aufrecht, 

dann zog er eine Filmrolle hinter dem Rücken hervor. 

»Kleiner Scherz!« 

Lou, der Tonmann, lachte wiehernd auf. »Den macht er jedes Mal. 

Und es ist jedes Mal ein Volltreffer!« 

Andy schüttelte den Kopf. »Schämt euch, mich so zu 

erschrecken!« Dann stimmte auch er in das allgemeine Gelächter ein. 

background image

»Kommt ihr noch mit?«, fragte der Regisseur darin und wischte 

sich ein paar Lachtränen aus den Augen. »Wir gehen alle zusammen 
noch irgendwo einen trinken. Das muss schließlich gefeiert werden.« 

»Oh, sehr gern!«, strahlte Paige. Dann blickte sie sich um, als Piper 

ihr auf die Schulter tippte. Mit einer Kopfbewegung deutete sie auf 
Tim Sorvino, der sich – unbeachtet vom Rest der Crew – heimlich aus 
dem Hinterausgang schlich. 

Paige seufzte. »Ich fürchte, ich komme erst später nach, Andy. 

Meine Schwestern und ich, wir haben noch jemand … etwas zu 
erledigen.« 

Andy Stewart zuckte bedauernd mit den Schultern. »Schade, Paige. 

Da kann man nichts machen.« 

»Wir sehen uns«, fügte er dann noch hinzu. 

background image

32 

»

S

IEHT AUS, ALS WÜRDE ER nach Hause fahren«, sagte 

Phoebe. Sie saß auf dem Beifahrersitz von Darryls Wagen und ließ 
das Taxi vor sich nicht aus den Augen. Die drei Schwestern und der 
Detective hatten das P3 unauffällig verlassen und waren gerade noch 
rechtzeitig auf den Hof getreten, um zu sehen, wie Tim Sorvino ein 
Taxi heranwinkte. 

»Stimmt, hier waren wir schon mal«, sagte Paige vom Rücksitz 

aus. »Schon ziemlich komisch, dass unser junger Mister Sorvino nicht 
mit dem Rest der Crew feiern will, oder?« 

Darryl nickte und folgte dem Taxi, das in eine Straßenkreuzung 

einbog. »Komisch vielleicht, aber noch kein Verbrechen. Vielleicht ist 
er einfach nicht der gesellige Typ.« 

Piper saß neben Paige auf dem Rücksitz und runzelte nachdenklich 

die Stirn. »Wisst ihr, was ich vor allem komisch finde?«, fragte sie. 
»Dass Sorvino seine fiesen kleinen Puppen im P3 zurückgelassen hat. 
Wenn die Dreharbeiten jetzt vorüber sind, dann werden sie doch nicht 
mehr gebraucht, oder? Man sollte doch meinen, dass er sie dann mit 
nach Hause nimmt. Schließlich sind sie doch so etwas wie sein 
Lebenswerk, oder?« 

Phoebe nickte zustimmend. »Das ist allerdings seltsam, da hast du 

Recht.« 

Etwa zwanzig Meter vor ihnen hielt das Taxi vor dem Mietshaus, 

in dem Sorvino wohnte. »Du kannst hier schon parken, Darryl«, sagte 
Phoebe. »Wir wissen ja, wo er hin will. So fällt es nicht so auf, wenn 
wir ihn verfolgen.« 

Darryl stimmte zu und steuerte den Wagen an den Straßenrand. 

Auch wenn er in seinem eigenen Wagen unterwegs war, brauchte er 
keine Angst vor Knöllchen zu haben. Schließlich war dies ja ein 
dienstlicher Einsatz. 

Der Detective und die drei Hexen stiegen aus. Dichte Wolken 

hatten sich über dem abendlichen Himmel zusammengezogen. Zum 
ersten Mal seit Tagen wehte so etwas wie eine Brise durch die 
Straßen. Der Lufthauch war zwar immer noch warm, aber allein die 

background image

Tatsache, dass etwas Bewegung in die aufgeheizten Luftmassen kam, 
war eine Erleichterung. 

»Sieht aus, als hätten wir es bald überstanden«, sagte Piper und 

blickte hinauf in den Himmel. 

»Meinst du die Hitzewelle oder diesen Fall?«, fragte Phoebe mit 

einem grimmigen Lächeln. 

»Ich hoffe, beides«, erwiderte Darryl anstelle von Piper. »Wenn 

ich nicht bald irgendein Ergebnis vorweise, kann ich mir meine 
Pension wohl abschminken. Wenn mir der Bürgermeister nicht 
sowieso den Kopf abreißt.« 

Die vier betraten das Mietshaus. Wieder umfing sie eine bunte 

Geruchsmischung, aber jetzt, wo die Hitze nicht mehr ganz so 
drückend war, war das Duft-Chaos auszuhalten. Mit gewohnter 
Langsamkeit beförderte der Fahrstuhl die drei Hexen und den 
Ermittler in das oberste Stockwerk. Darryl stieg als Erster aus. In alter 
Gewohnheit warf er zuerst einen Blick nach links und rechts durch 
den Flur, um sich zu vergewissern, dass dort niemand auf ihn oder die 
drei Schwestern lauerte. 

Paige zeigte auf die Tür am Ende des Ganges. »Da drüben wohnt 

er. Seid ihr bereit?« 

Ihre beiden Schwestern nickten entschlossen. 

Detective Darryl Morris hob die Hände. »Woah, langsam, Mädels! 

Ich wäre euch dankbar, wenn ihr nicht gleich irgendwelche magischen 
Attacken startet. Immerhin wissen wir noch nicht hundertprozentig, 
dass dieser Sorvino etwas mit den Morden zu tun hat. Und ob er 
überhaupt mit irgendwelchen dunklen Mächten unter einer Decke 
steckt.« 

Paige gab nur ein skeptisches Knurren von sich. Die Morde mit 

den Mini-Monstern, die Zeitungsschnipsel über Gustav Landreau, der 
seinerseits mit Dämonen paktierte … das alles sprach ja nicht gerade 
für die Unschuld Sorvinos. 

Immerhin versprachen die drei Hexen dem Detective, nichts 

Unüberlegtes zu unternehmen. Erst dann trat Darryl vor die 
Apartmenttür und klopfte laut dagegen. 

background image

»Mister Sorvino?! Mein Name ist Darryl Morris. Detective Darryl 

Morris von der San Francisco Mordkommission. Ich würde Ihnen gern 
ein paar Fragen stellen. Bitte öffnen Sie die Tür.« 

Darryl machte das offensichtlich nicht zum ersten Mal. Seine 

Stimme klang nicht so, als würde sie Widerstand dulden. 

Stille. 

»Der stellt sich tot!«, zischte Paige. 

Darryl klopfte noch einmal gegen die Tür, diesmal lauter. »Mister 

Sorvino! Wir wissen, dass Sie da drin sind!« 

»Das ist mir jetzt zu blöd«, sagte Paige und breitete kurzerhand 

ihre Arme aus, um sie über die Schultern von Darryl und ihren 
Schwestern zu legen. 

»Hey, was soll denn das …« 

»… jetzt?!«, fragte Darryl erstaunt, als ersieh im Inneren der 

Wohnung wieder materialisierte. Paige hatte ihn und ihre Schwestern 
einfach hineinteleportiert. 

Der Detective schüttelte verärgert den Kopf. »Paige, das ist 

Hausfriedensbruch. Ohne Durchsuchungsbefehl darf ich nicht einfach 
in eine fremde Wohnung eindringen. Außerdem wird mir von dieser 
Teleportiererei immer schlecht.« 

Tatsächlich sah der Detective etwas grün um die Nase aus. 

»Tut mir Leid«, sagte Paige kleinlaut. »Ich dachte, ich tue uns 

einen Gefallen damit.« 

»Ihr?!«, rief in diesem Augenblick eine entsetzte Stimme. »Wie … 

wie habt ihr das gemacht? Was wollt ihr von mir? Steckt ihr unter 
einer Decke … mit ihm?!« 

Vor ihnen stand Tim Sorvino, der in seinem Schreck noch blasser 

aussah als sonst. Der junge Mann stand inmitten halb gepackter 
Koffer. 

»Sieh mal an«, sagte Phoebe grimmig. »Wohin wolltest du denn so 

plötzlich verreisen, Timmy-Boy?« 

»Phoebe«, knurrte Darryl streng. »Überlass die Fragen bitte mir, 

okay?« 

background image

»Entschuldigung!«, murmelte Phoebe. 

»Also«, fuhr Darryl fort. »Die Frage bleibt: Wohin wollen Sie 

verreisen? Oder besser: Warum wollen Sie so plötzlich hier weg? Hat 
das zufällig etwas mit den Morden der letzten Tage zu tun?« 

Sorvino schüttelte hektisch den Kopf. Unwillkürlich wich er ein 

paar Schritte zurück. »N-Nein. Hat er Ihnen das erzählt? Er lügt! Bitte 
… Sie müssen mir glauben! Er ist völlig wahnsinnig! Er hat die 
Morde begangen!« 

»Nun mal schön der Reihe nach, mein Freund«, erwiderte Darryl 

mit ruhiger Stimme. »Wer ist wahnsinnig? Wer hat die Morde 
begangen?« 

»Na, wer schon«, fragte Tim Sorvino zurück und schluckte. »Er – 

Andy Stewart!« 

background image

33 

P

AIGE KONNTE ES IMMER noch nicht fassen. Während der 

ganzen Fahrt zurück zum P3 schüttelte sie nur den Kopf. 

»Ich glaube dem Kerl kein Wort«, sagte sie nur und funkelte Tim 

Sorvino böse an. Der arme Monsterbauer hatte das Pech, genau 
zwischen Paige und Phoebe auf dem Rücksitz eingeklemmt sitzen zu 
müssen. 

»Aber wenn ich es doch sage«, schluckte Sorvino. 

Piper saß auf dem Vordersitz und blickte Sorvino durch den 

Rückspiegel an. Ihr tat der Kerl fast Leid. Er schien wirklich Angst zu 
haben und war den Tränen nahe. 

»Andy und ich«, fuhr Sorvino stockend fort, »wir waren immer die 

besten Freunde. Die ganze Zeit, auf der Filmhochschule, haben wir 
uns unsere Zukunft ausgemalt. Er als ein zweiter Steven Spielberg und 
ich als sein Mann für die Spezialeffekte. Doch dann hatte er die Idee, 
in ›Scream X-Treme‹ einen Gastauftritt von Gustav Landreau 
einzubauen …« 

Jetzt, wo ihm keine Wahl mehr blieb, sprudelte es aus Tim Sorvino 

nur so heraus. Der sonst so zurückhaltende junge Mann schien froh zu 
sein, sich alles von der Seele reden zu können. 

»Zuerst war ich ja auch begeistert. Schließlich war Landreau auch 

mein Idol. Ich bin mit seinen alten Filmen im Fernsehen 
aufgewachsen. Aber als ich den alten Mann dann kennen lernte, war 
er mir sofort unheimlich. Irgendetwas … Kaltes ging von ihm aus. Er 
lobte mich zwar wegen meiner Monster-Puppen, aber ich versuchte 
immer, ihm aus dem Weg zu gehen. Aber Andy … Andy war ganz 
hingerissen von Landreau. Er redete von nichts anderem mehr.« 

»Und dann?«, fragte Piper. 

»Ich fing an, Informationen über Landreau zusammenzutragen. Ich 

wollte Andy davon überzeugen, dass dieser Kerl keine gute 
Gesellschaft für ihn ist. Denn irgendwie fing Landreaus Art an, auf 
Andy abzufärben …« 

background image

»Deshalb auch die Zeitungsausschnitte über Ihrem Schreibtisch?«, 

fragte Darryl, ohne bei dem hohen Tempo die Augen von der Straße 
zu lassen. 

Tim nickte. »Genau. Ich habe sie auch Andy gezeigt, aber der hat 

mich nur ausgelacht. Ich glaube, er wusste zu diesem Zeitpunkt 
bereits, dass Landreau vor Jahrzehnten in diese Mordfälle verwickelt 
gewesen war. Und ich glaube, er wusste noch mehr über ihn.« 

Zum Beispiel, dass Landreau einen Pakt mit irgendwelchen 

dunklen Mächten geschlossen hatte, dachte Piper. Aber sie schwieg, 
um den jungen Mann nicht noch mehr zu verängstigen. 

»Und dann begannen die Morde. Zuerst dachte ich mir nicht viel 

dabei, als meine Vermieterin tot aufgefunden wurde. Ich hatte mich 
zwar erst kurz vorher mit ihr wegen einer Mieterhöhung gestritten, 
aber das war nichts Dramatisches. Wir bekamen uns öfter in die 
Haare. Ich hielt das Ganze für einen Zufall. Bis dann Tom Haber 
ermordet wurde.« 

»Dein Comic-Händler«, ergänzte Paige. Mittlerweile war ihr 

Tonfall gegenüber Sorvino nicht mehr so ruppig. Sie begann, dem 
Jungen zu glauben. So sehr es ihr auch widerstrebte. 

»Genau. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich ja noch gehofft, dass auch 

das ein Zufall war. Aber dann sprach Andy mich darauf an. Ich solle 
doch besser das Schnüffeln in Gustav Landreaus Vergangenheit sein 
lassen, meinte er. Sonst könnte es ganz schnell passieren, dass die 
Polizei mich verdächtigt. Ich hielt das Ganze noch für eine leere 
Drohung, bis meine Exfreundin in diesem Kino ermordet wurde. 

Mit einer meiner Puppen – wie schon bei den beiden anderen 

Morden davor.« 

»Warum sind Sie nicht gleich zur Polizei gegangen?«, fragte 

Darryl von vorn. »Sie hätten wenigstens die beiden letzten Morde 
verhindern können, Mann!« 

Tim schluchzte fast auf. »Hätten Sie mir denn geglaubt, wenn ich 

Ihnen gesagt hätte, dass die Morde mit meinen Puppen begangen 
wurden? Und dass ich nichts damit zu tun habe, obwohl ich in allen 
Fällen ein Motiv gehabt hätte?« 

»Okay, ein Punkt für Sie«, musste Darryl eingestehen. Er erinnerte 

sich nur zu gut daran, dass er es selber nicht gewagt hatte, dem 

background image

Bürgermeister die Theorie von dem Puppenmord zu präsentieren. Das 
Ganze klang einfach zu fantastisch. Andererseits war Darryl es 
langsam gewöhnt, mit dem Außergewöhnlichen zu rechnen, wenn die 
drei Halliwell-Schwestern in einen Fall verwickelt waren. 

Phoebe dachte über das nach, was Tim Sorvino ihnen gebeichtet 

hatte. Wenn das alles stimmte – und der verängstigte junge Mann 
zwischen ihnen machte nicht den Eindruck, als ob er lügen würde – 
dann waren sie die ganze Zeit über auf der falschen Fährte gewesen. 
So unangenehm es auch war: Es sah aus, als wäre Andy Stewart für 
die Morde verantwortlich. Phoebe konnte es immer noch nicht fassen. 
Und wenn sie in Paiges enttäuschtes Gesicht blickte, dann konnte sie 
sehen, dass es ihrer jüngeren Schwester noch viel schwerer fiel, sich 
mit der Wahrheit anzufreunden. 

»Meinst du, Andy Stewart ist noch im P3?«,  fragte Piper den 

Detective. 

»Keine Ahnung«, erwiderte Darryl. »Aber vielleicht sind er und 

das Team ja noch mit den Abbau-Arbeiten beschäftigt. Es wäre mir 
lieber, ihn direkt zu schnappen, als eine Fahndung herausgeben zu 
müssen. Die Beamten der Stadt sind wegen der Hitzewelle immer 
noch im Dauereinsatz – und außerdem … ich wäre froh, wenn ihr bei 
der Festnahme dabei seid. Ich würde nur ungern meine Leute auf 
einen Mörder ansetzen, der sich mit irgendwelchen dunklen Mächten 
verbündet hat.« 

»Das kann ich verstehen«, nickte Piper. Auch wenn das bedeutete, 

dass sie und ihre Schwestern wieder das Eisen aus dem Feuer holen 
mussten. 

»Das mit der Hitzewelle scheint sich aber langsam zu erledigen«, 

sagte Paige, als Darryl seinen Wagen in einem Mordstempo auf den 
Parkplatz des P3 steuerte. Tatsächlich – der blaue Himmel war einem 
Gebirge aus dunklen Wolken gewichen. Die Luft war immer noch 
stickig, aber als die drei Hexen die Autotüren aufstießen, wehte ihnen 
eine kühle Brise entgegen. Ein fahles, stummes Gewitterleuchten 
huschte über den Himmel. Es war, als wäre die ganze Welt in Ocker 
getaucht. 

Darryl beugte sich noch einmal über den Rücksitz und fesselte 

Sorvinos Hände mit Handschellen. »Das muss leider sein, bis wir Ihre 
Schuld oder Unschuld an diesen Morden endgültig geklärt haben, 

background image

Tim«, sagte er fast bedauernd. Auch er schien nicht mehr an die 
Schuld des jungen Mannes zu glauben, aber Vorschrift war Vorschrift. 
»Ich rate Ihnen, sich auf den Rücksitz zu legen und sich ruhig zu 
verhalten.« 

Tim schluckte und nickte dem Polizisten zu. »Ist gut, Detective. 

Falls Andy noch da drin ist … seien sie vorsichtig. Er ist nicht mehr 
der Andy, den ich mal kannte. Das ist alles nur noch Fassade!« 

Darryl nickte. Phoebe beobachtete, wie Paige, die diese Worte 

gehört hatte, die Fäuste ballte. Auch sie wusste nur zu gut, wie es sich 
anfühlte, in den Falschen verliebt zu sein. Sie war schließlich 
monatelang in Cole verliebt gewesen, bevor sie herausgefunden hatte, 
dass er ein Halb-Dämon war. Und auf gewisse Weise hatte es Paige 
noch schlimmer getroffen. Cole war schließlich als Halb-Dämon 
geboren worden, in ihm stritten sich ständig die menschliche und die 
dämonische Hälfte um die Vorherrschaft. Aber Andy war ein Mensch, 
der sich bewusst an die dunklen Mächte verkauft hatte. 

»Kopf hoch, Paige«, sagte Phoebe mitfühlend und legte ihrer 

Schwester eine Hand auf die Schulter. »Du hast nicht wissen können, 
auf was du dich da einlässt. Wir haben uns alle von Andy täuschen 
lassen.« 

Paige nickte traurig. »Stimmt, der Kerl hätte besser Schauspieler 

werden sollen, statt Regisseur. Gibt es eigentlich keine normalen 
Männer mehr?« 

»Nicht in diesem Job«, erwiderte Phoebe und lächelte traurig. 

Darryl Morris hatte sich inzwischen dem Vordereingang des P3 

genähert. »Ich unterbreche eure Gesprächstherapie nur sehr ungern, 
aber seid ihr so weit? Wenn unser Mister Stewart noch da drin ist, 
möchte ich den Fall gern zu Ende bringen.« 

Die drei Hexen blickten sich entschlossen an. Dann nickten sie sich 

zu. 

»Okay, Darryl«, sagte Piper schließlich. »Von uns aus kann es 

losgehen.« 

»Okay. Ich gehe vor. Ihr bleibt hinter mir und unternehmt nichts 

Unüberlegtes. Wenn Sorvino nicht gelogen hat, dann hat Stewart 
bereits drei Menschen ermordet. Ich möchte nicht, dass es noch mehr 
werden!« 

background image

Piper, Paige und Phoebe nickten. 

Darryl Morris zog seine Dienstwaffe und stieß die Tür zum P3 auf. 

Vom Ozean her rollte ein grollender Donner über das Land. 

background image

34 

D

AS P3 WAR LEER. 

Nur ein paar verrückte Tische und einige wenige Reste von 

Verpackungsmaterial deuteten daraufhin, dass hier vor kurzem noch 
ein Filmteam gearbeitet hatte. Piper, die direkt hinter Darryl Morris 
ihr Lokal betrat, staunte nicht schlecht. »Wow. Die haben wirklich 
kein bisschen Unordnung gemacht«, sagte sie. 

»Hab ich doch gesagt«, lächelte Paige. »Du hast dir ganz umsonst 

Sorgen gemacht.« 

»Psst«, zischte Darryl. Er machte ein paar weitere, vorsichtige 

Schritte in das Lokal hinein und blickte sich misstrauisch nach allen 
Seiten um. 

»Die Luft scheint rein zu sein«, sagte er schließlich, nachdem er 

sich vergewissert hatte, dass hinter und unter den Tischen kein 
Mensch versteckt war. »Aber es sieht aus, als hätte sich unser feiner 
Mister Stewart ebenfalls verdrückt. Ich werde wohl doch eine 
Fahndung nach ihm herausgeben müssen.« 

Darryl griff nach seinem Handy und wollte eben die Zentrale 

informieren, als er seinen Fehler bemerkte. Er hatte sich zwar 
vergewissert, dass sich kein Mensch 

mehr hinter den 

Einrichtungsgegenständen des P3  versteckte, aber er hatte nicht mit 
Angreifern gerechnet, die klein genug waren, um sich in den Schatten 
der Möbel verkriechen zu können. 

Paige war die Erste, die diesen Fehler zu spüren bekam. 

Ein dunkler Schatten stürzte sich von der Decke auf sie hinunter. 

Etwas feucht-glitschiges landete auf ihrer Schulter und griff sofort 
nach ihrem Hals. 

Die jüngste der Zauberhaften schrie erschrocken auf. Im nächsten 

Augenblick schlossen sich zwei Pranken mit Schwimmhäuten um 
ihren Hals. Ihr Schrei verwandelte sich in ein ersticktes Gurgeln. 

»Paige!«, rief Piper und wirbelte herum. Die Mini-Ausgabe des 

Sumpf-Monsters klammerte sich um den Hals ihrer Halbschwester. 
Instinktiv wollte Piper die Killer-Puppe einfrieren, als sie einen 

background image

stechenden, feinen Schmerz in ihrem Wadenbein spürte. Eine 
hässliche Puppe, gekleidet im Stil des ausgehenden 19. Jahrhunderts, 
hatte ein Miniaturmesser in ihr Bein gebohrt. Die Klinge war zu klein, 
um sie ernsthaft zu verletzen, aber die Kreatur holte bereits zu einem 
zweiten Hieb aus. Mit einem Aufschrei versuchte Piper, die Ripper-
Puppe abzuschütteln. 

Vergeblich. Mit ihrer freien Puppenhand klammerte sich die 

Kreatur an Pipers Bein fest. 

»Au! Du verflixtes Mistvieh!«, rief Piper und ging in die Knie, um 

die Killer-Puppe am Hals zu packen und wegzuzerren. Ein böser 
Fehler. Kaum hockte die älteste Halliwell-Schwester vor der Puppe, 
fand der Ripper ein besseres Ziel, das jetzt in der Reichweite seiner 
Klinge war – Pipers Hals! 

»Pass auf, Piper!« 

Phoebe machte einen Satz querdurch den Raum und trat mit dem 

Absatz gegen den Kopf der Mörder-Puppe. Mit einem wütenden 
Zischen auf den toten Lippen wirbelte der Mini-Ripper durch den 
Raum, prallte gegen ein Stuhlbein … und rappelte sich im nächsten 
Augenblick wieder auf. Als ob nichts geschehen sei, trippelte der 
Mini-Messerstecher wieder auf sein Opfer zu. 

»Das gibt's doch nicht!«, keuchte Darryl, der das Ganze beobachtet 

hatte. In diesem Moment spürte auch er einen scharfen Schmerz an 
seinem Knie. Unbemerkt hatte sich der Mini-Werwolf an den 
Polizisten herangeschlichen und zerfetzte jetzt mit einem Krallenhieb 
das Hosenbein des Detectives. 

Darryl heulte auf, mehr vor Überraschung als vor Schmerz. Ohne 

darüber nachzudenken, richtete er seine Pistole auf den pelzigen 
Angreifer. 

Ein Schuss hallte durch das P3. 

Der Werwolf war zwar nur so lang wie der Unterarm eines 

Erwachsenen, aber auf diese kurze Entfernung war er trotzdem nicht 
zu verfehlen. Die Kugel traf die Werwolf-Puppe in der Schulter und 
zerfetzte sie. Versengte Pelzbüschel spritzten umher und die Kreatur 
heulte auf wie ein verwundetes Tier. Doch Sekundenbruchteile später 
geschah etwas Unfassbares. Der Mini-Werwolf bäumte sich auf – und 
seine zerfetzte Schulter begann, vor den Augen des fassungslosen 

background image

Polizisten wieder zu heilen. Es dauerte nicht mehr als ein paar 
Augenblicke, bis der Werwolf seine Attacke erneut fortsetzte. 

Auch Phoebe hatte dieses makabere Schauspiel atemlos 

beobachtet. Und es gab dafür nur eine Erklärung, die ihr jetzt durch 
den Kopf schoss: Die Kreaturen hatten die Eigenschaften ihrer 
magischen Vorbilder angenommen. Dies waren nicht mehr länger 
mechanische Puppen, die durch den Funken der schwarzen Magie 
angetrieben wurden – dies waren Duplikate der großen Vorbilder! 
Real existierende Monster, deren kleine Gehirne nur Raum für einen 
einzigen Gedanken hatten: Töten! 

Plötzlich spürte Phoebe, wie ihr die Füße unter dem 

Körperweggerissen wurden. Die mittlere Halliwell-Schwester hatte 
gerade noch Zeit, um die Ursache dafür zu erkennen, dann schlug sie 
unsanft auf dem Boden auf. 

Die Mini-Mumie, ein alter Bekannter von ihr, hatte eine seiner 

Bandagen um ihre Füße gewickelt und sie so zu Fall gebracht. Und als 
ob das noch nicht schlimm genug gewesen wäre, sah Phoebe jetzt 
einen weiteren Schatten auf sie zurasen – es war die Puppe des Mini-
Draculas. 

Seine winzigen, nadelspitzen Zähne blitzten im Licht der 

Deckenbeleuchtung hell auf. 

Die Puppenversion des Fürsten der Nacht machte ein paar 

trippelnde Schritte auf Phoebe zu. Die mittlere Halliwell-Schwester 
versuchte aufzuspringen, aber die Füße der Hexe waren von der Mini-
Mumie inzwischen geschickt zusammengeschnürt worden. 

»Lass mich in Ruhe, du hässlicher Blutsauger«, rief Phoebe. Sie 

versuchte, sich den Vampir mit ein paar gezielten Faustschlägen vom 
Leib zu halten. Aber die mörderische Kreatur hatte Blut gewittert. Sie 
steckte die Treffer von Phoebes Fäusten mit einem Fauchen ein und 
setzte ihren Angriff unbeirrt fort. 

Phoebe zappelte verzweifelt auf dem Boden herum und überlegte 

fieberhaft nach einem Ausweg. Die Kreatur wich ihrem erneuten 
Fausthieb aus und trippelte näher an sie heran. Der Blick des Mini-
Monsters war bereits gierig auf die pulsierende Halsschlagader der 
jungen Hexe gerichtet. 

background image

Aber was sollte Phoebe tun? Auf die Hilfe ihrer Schwestern konnte 

sie nicht hoffen – den Kampfgeräuschen zufolge waren die mit ihren 
eigenen, monströsen Angreifern beschäftigt. Darryl feuerte 
inzwischen einen weiteren Schuss auf den Werwolf ab. Den Flüchen 
des Polizisten nach zu urteilen vergeblich. 

Phoebe blickte sich um. Um sie herum standen nur ein paar 

Holztische und Stühle. Nichts, was sie als Waffe einsetzen konnte. 
Außer – natürlich! 

Als der Vampir nur noch ein paar Zentimeter entfernt war, zog 

Phoebe die Beine an und ließ sie dann wieder zurückschnellen. Die 
Mumie, die sich bislang an ihren Füßen festgeklammert hatte, wurde 
quer durch den Raum katapultiert. Sie überstand den Aufprall zwar 
unbeschadet, aber dieser Befreiungsstoß verschaffte Phoebe ein paar 
Sekunden Luft. Sie rollte sich einmal um die eigene Achse, bis sie mit 
der Schulter an einen Stuhl stieß. 

Die Dracula-Puppe folgte ihr fauchend. 

»Ja, komm nur!«, zischte Phoebe zurück. Sie griff nach einem der 

Holzstühle. Dann wartete sie, bis der Mini-Vampir nur noch eine 
Armeslänge entfernt war. Als Klein-Dracula sich gerade auf die 
Halsschlagader der Hexe stürzen wollte, griff Phoebe nach einem der 
Stuhlbeine, hob den Stuhl an und schmetterte ihn mit voller Wucht 
zurück auf den Boden. Es gab ein lautes Krachen, als das Holz 
zersplitterte. In ihrer Hand hielt Phoebe jetzt ein hölzernes Stuhlbein, 
dessen oberes Ende abgesplittert war. 

Die Dracula-Puppe machte einen letzten Satz auf Phoebes Hals zu. 

Im gleichen Augenblick erkannte sie, was die junge Hexe vorhatte. 

Zu spät. 

Es gab nur drei Dinge, die einen Vampir vernichten konnten: 

Sonnenlicht, ein Kreuz oder ein Holzpfahl! 

Letzteren hielt Phoebe jetzt in der Hand. Oder besser gesagt – 

rammte sie mit voller Wucht in die Brust des Vampirs. Mitten im 
Sprung bohrte sich das zersplitterte Ende des hölzernen Stuhlbeins tief 
in den Puppenkörper. Der Mini-Vampir schrie schrill auf und riss 
seine untoten Puppenaugen auf. 

Dann explodierte er. 

background image

Schaumstoff, elektrische Drähte und eine stinkende, schwarze 

Masse surrten durch die Luft – die natürlichen und übernatürlichen 
Bestandteile der Monster-Puppe. 

Phoebe hatte die Schwachpunkte der Monster-Figuren erkannt – 

sie hatten sich ihren großen Vorbildern bereits so sehr angepasst, dass 
sie auch deren Achillesfersen mit ihnen teilten. 

»Leute«, rief Phoebe in den Kampflärm hinein. »Ihr müsst die 

Puppen so bekämpfen wie die realen Filmmonster!« 

»Was zum Teufel meinst du damit?«, rief Darryl keuchend. Er 

befand sich immer noch im Clinch mit dem Werwolf. Eine frische 
Schramme verlief inzwischen quer über die Wange des Detectives. 
Dort hatte ihn die Puppe augenscheinlich schon mit ihren Krallen 
verletzt. 

Statt zu antworten zog Phoebe ihre Beine erneut an und sprang 

dann mühsam auf die Beine. Die Bandage, die ihr die Mumie um die 
Knöchel geknotet hatte, hielt, aber die Hexe konnte sich zumindest 
hüpfend fortbewegen. 

Und sie hatte es nicht weit. Nur wenige Meter entfernt befand sich 

eine kleine Anrichte. Phoebe hatte oft genug aushilfsweise im P3 
gekellnert, um zu wissen, dass sich dort auch eine Schublade mit 
Besteck befand. Und ein paar Feuerzeuge für die Kerzen auf den 
Tischen. 

Sie hatte die Anrichte gerade erreicht, als ein stechender Schmerz 

ihre gefesselten Beine durchzuckte. 

»Au! Na warte, du kleines Biest«, zischte Phoebe, als sie sah, dass 

die Mumie sich in ihre Wade verbissen hatte. Hektisch durchwühlte 
sie die Schublade und fand schließlich, was sie suchte. 

Phoebe zog das Feuerzeug hervor und knipste es an. Bevor die 

Mumie reagieren konnte, bückte sich Phoebe zu ihr herunter und hielt 
die Flamme an die staubtrockenen Bandagen des Mini-Monsters. 

Sie fingen sofort Feuer. 

Sekunden später lief die lichterloh brennende Mini-Mumie durch 

das  P3.  Sie kam nur ein paar Meter weit, bevor sie zusammenbrach 
und verbrannte. 

background image

Phoebe hatte sich die Zeit genommen, um das Ende der Mumie 

genüsslich mit zu verfolgen. Dann griff sie wieder in die Schublade 
und zog ein Steakmesser hervor. Ein silbernes Steakmesser. 

Zunächst bückte sie sich erneut und durchtrennte vorsichtig die 

Bandagen, mit der ihre Füße noch immer zusammengebunden waren. 
Dann stürmte sie auf Darryl zu, der noch immer mit der Werwolf-
Puppe rang. Trotz ihrer überschaubaren Größe schien die Monster-
Figur über beachtliche Kräfte zu verfügen, während Darryls Kräfte 
langsam nachzulassen schienen. 

»Vorsicht, Phoebe!«, keuchte der Polizist, als er aus den 

Augenwinkeln sah, wie Phoebe sich näherte. »Das Biest ist 
gefährlich!« 

»Das bin ich auch!«, erwiderte Phoebe und ließ das Messer durch 

die Luft sausen. 

Es bohrte sich tief in die Brust des Werwolfs. 

Die Puppe riss erstaunt die Augen auf. 

»Das ist Silber, du Zottel«, knurrte Phoebe. »Soweit ich weiß, seid 

ihr Werwölfe allergisch dagegen!« 

Wie auf Kommando heulte die Bestie auf. Ein Zittern durchlief 

ihren pelzigen Körper. Dann zerplatzte sie wie zuvor der Vampir. 

Darryl atmete erleichtert auf. »Danke, Phoebe!« 

Phoebe nickte nur und deutete auf ihre beiden Schwestern. Paige 

versuchte noch immer, das Sumpf-Monster von ihrem Hals 
wegzustoßen. Das Gesicht der jüngsten Halliwell-Schwester war 
bereits blau angelaufen. »Gern geschehen, Darryl. Aber wir müssen 
den beiden helfen. Schnapp du dir das Sumpf-Ding. Ich habe den Film 
damals gesehen – am Ende wird die Kreatur durch einen Polizisten 
erschossen …!« 

»Na, das passt ja«, rief Darryl und stürmte los. 

Ein paar Augenblicke später hatte er Paige erreicht. Mit vereinten 

Kräften schafften es der Polizist und Paige, das Monster wegzuzerren. 
Als genug Abstand zwischen der Sumpf-Kreatur und der jungen Frau 
bestand, setzte Darryl seine Dienstwaffe an den Kopf der zappelnden 
Kreatur und drückte ab. 

background image

Noch bevor das Echo des Schusses verhallt war, begann die nun 

kopflose Kreatur, sich in einen Haufen stinkenden Schleim 
aufzulösen. Paige und Darryl atmeten erleichtert auf. 

»Au!«, rief Piper. »Könnte mir bitte auch mal jemand helfen?!« 

Sie lag noch immer auf dem Boden und kämpfte mit der Figur des 

Rippers. Bis jetzt hatte sie die meisten Messerhiebe der Puppe 
abwehren können, aber ihre Kräfte ließen langsam nach. 

»Ich komme, Piper!«, antwortete Phoebe grimmig. »Halte durch!« 

Dann nahm sie die Bandage in die Hand, mit der die Mumie sie 

gefesselt hatte. Mit ein paar schnellen Bewegungen knotete sie ein 
Ende der Bandage zu einer Schlinge zusammen. Dann lief sie zu ihrer 
Schwester. »Weißt du, wie ›Scotland Yard jagt den Ripper‹ ausgeht, 
du mieser Messerstecher?«, rief sie. 

Die Ripper-Puppe fauchte sie nur böse an und wollte dann weiter 

auf Piper einstechen. 

»Ich verrate es dir, Freundchen«, fuhr Phoebe fort und warf die 

Schlinge um den Hals der Puppe. »Der Mistkerl wird aufgeknüpft!« 

Mit diesen Worten zog die junge Hexe am anderen Ende der 

Bandage. Die Schlinge schloss sich um den Hals der Puppe. Der 
Ripper krächzte überrascht auf, und Phoebe zog die Schlinge mit 
einem Ruck weiter zu. Verzweifelt versuchte die Puppe, sich die 
Bandage vom Hals zu zerren. 

Vergeblich. Ein letztes Zucken, dann hatte der Ripper sein Leben 

ausgehaucht. 

Phoebe atmete auf und reichte ihrer Schwester die Hand. Piper 

hatte ein paar hässliche kleine Fleischwunden abbekommen, aber die 
würden schnell verheilt sein. 

Die Monster-Puppen dagegen waren für immer vernichtet. 

»Phoebe, du hast uns allen den Hintern gerettet!«, sagte Darryl 

anerkennend und wischte sich den Schweiß von der Stirn. 

»Tja«, erwiderte die mittlere der drei Schwestern. »Es zahlt sich 

eben aus, öfter mal ins Kino zu gehen. Da lernt man was fürs Leben. 
Und zum Überleben …« 

Die Vier lachten erleichtert auf. Dann zog Piper die Stirn in Falten. 

background image

»Aber die Sache ist noch nicht erledigt«, sagte sie und blickte 

Phoebe, Paige und Darryl ernst an. »Die kleinen Monster sind 
vernichtet, aber ihr Drahtzieher ist noch immer auf freiem Fuß.« 

Phoebe nickte. »Stimmt. Andy kann sich jederzeit wieder ein neues 

Werkzeug suchen und weiter morden. Und wir wissen immer noch 
nicht, welche Rolle dieser Landreau dabei spielt.« 

»Und was sollen wir jetzt machen?«, fragte Paige. 

Phoebe runzelte die Stirn. Dann machte sich ein grimmiges 

Lächeln auf ihrem Gesicht breit. »Ich vermute mal, dass Andy 
zurückkommen wird, um sich zu vergewissern, dass seine Puppen 
ganze Arbeit geleistet haben, oder?« 

Darryl zuckte mit den Schultern. »Es ist in der Tat nicht 

ungewöhnlich, dass es einen Mörder an den Ort seines Verbrechens 
zurückzieht. Besonders, wenn er nicht leibhaftig dabei war.« 

»Tja«, sagte Phoebe, »dann wollen wir ihn mal nicht enttäuschen!« 

Die anderen blickten sie fragend an. 

background image

35 

A

NDY STEWART ÖFFNETE VORSICHTIG die Tür des P3. 

Inzwischen war die Sonne untergegangen und die schweren 
Gewitterwolken hingen tief über der Stadt. Das Grollen des Donners 
wurde immer lauter. Ein Wetterleuchten erhellte die Wolken und 
tauchte ihre Konturen in ein bizarres Schattenspiel. 

Der junge Regisseur warf einen Blick ins Innere des P3. 

Es war ein Schlachtfeld. Der Hauptsaal war ein chaotisches 

Durcheinander aus zersplitterten Tischen und Stühlen. Und im Raum 
verteilt lagen dunkle Schatten, die im trüben Licht der Notbeleuchtung 
aussahen wie Lumpenbündel. 

Andy lächelte grausam und hielt seinem Begleiter die Tür auf. 

»Kommen Sie herein, Mister Landreau. Die Luft ist rein. Hier lebt 
keine Menschenseele mehr.« 

Ein erneutes Wetterleuchten erhellte den Himmel und erleuchtete 

einen Moment lang das faltige Gesicht von Gustav Landreau. 

Der alte Mann lächelte zufrieden. »Damit wären wir ja genau beim 

Thema, junger Freund.« 

Mit gemessenen Schritten betrat Landreau das P3 und blickte sich 

um. Vier Leichen lagen auf dem Boden, zum Teil entstellt mit 
furchtbaren Wunden. Eine der jungen Hexen lag mit dem Bauch in 
einer glänzenden Blutlache. Die Kehle des Detectives, den Landreau 
aus dem Fernsehen kannte, war zerfetzt. 

Der alte Regisseur empfand beim Anblick der Leichen kein 

Entsetzen, sondern nur tiefe Befriedigung. Sein junger Schüler hatte 
seine Aufgabe erfüllt. 

»Schade«, sagte Andy und stieß mit dem Fuß den leblosen 

Puppenkörper des Rippers zur Seite. »Sieht aus, als hatten sie es doch 
noch geschafft, die Puppen zu vernichten, bevor sie selbst daran 
glauben mussten.« 

Landreau lächelte. »Nur keine Sorge, Andy. Die Puppen sind 

ersetzbar. Du kannst jederzeit neue bauen lassen und sie mit der 
Macht beseelen, die ich dir verliehen habe. Wichtiger ist, dass du 

background image

deinen Teil der Aufgabe erfüllt hast. Wie ich sehe, hast du sogar mehr 
getan als das … drei Opfer hatten nur gefehlt – du hast vier erbracht.« 

»Lieber zu viel als zu wenig, was?«, erwiderte Andy kühl. Auch 

ihm schien der Anblick der vier Toten nichts auszumachen, obwohl er 
sie selbst auf dem Gewissen hatte. »Schade nur um das Mädchen!«, 
fügte er dann bedauernd hinzu. »Die hätte mir schon gefallen 
können.« 

Landreau winkte ab. »Ach was, auch da werden neue kommen. 

Und jetzt schweig, ich werde den Dämon beschwören, damit er deine 
Seele nimmt und ich meine wiederbekomme. Knie dich neben mich.« 

Andy zuckte mit den Schultern. »Klar. Was kümmert mich meine 

Seele, solange ich Ruhm und Geld dafür bekomme. Und wenn es so 
weit ist, dass ich den Löffel abgeben muss, finde ich bestimmt 
jemanden, der mit mir den gleichen Tausch macht wie ich mit Ihnen.« 

Aber Landreau antwortete nicht. Der alte Mann war auf die Knie 

gesunken und murmelte eine Beschwörungsformel. 

Ein paar Sekunden lang passierte gar nichts. Dann plötzlich wehte 

ein eisiger Luftzug durch das P3. Es wurde so kalt, dass sogar kleine 
Atemwölkchen von Landreaus Mund aufstiegen. 

Ein schattenhaftes Wesen, dessen Umrisse entfernt an einen 

Menschen erinnerten, materialisierte auf der Tanzfläche. 

»Danke, dass du meinen Ruf erhört hast«, murmelte Landreau und 

lächelte den Schatten-Dämon an. »Ich möchte unseren Handel 
rückgängig machen und meine Seele wieder erlangen. Dieser junge 
Mann hier hat sieben Morde begangen, damit du seine Seele anstatt 
meiner zu dir nimmst!« 

Der Dämon blickte Landreau an. Dann hallte ein dröhnendes 

Gelächter durch das Lokal, das von überall herzukommen schien. Der 
Dämon schien sich köstlich zu amüsieren. 

»Gustav Landreau, du bist ein alter Narr. Ich werde eine Seele mit 

mir nehmen – aber es wird deine sein.« 

Landreau riss die Augen auf. »A-Aber … wir hatten eine 

Abmachung! Der junge Idiot hier hat sieben Menschen getötet, damit 
du seine Seele statt meiner nimmst! Das kannst du nicht machen! 
Geschäft ist Geschäft!« 

background image

Das Lachen des Dämons verstummte. »Stimmt, Gustav, mein alter 

Freund. Ich könnte nichts dagegen machen, wenn dein armseliger 
Schüler seinen Teil des Handels eingehalten hätte.« 

»W-Was meinst du damit?«, stotterte Andy. Er war bis zur 

gegenüberliegenden Wand zurückgewichen und starrte den Dämon 
voller Todesangst an. 

»Sieh selbst, du Narr!«, höhnte der Dämon und deutete mit einer 

schattenhaften Hand auf die Leiche von Paige – die jedoch keine 
Leiche mehr war. 

Paige Halliwell richtete sich auf und wischte sich etwas Blut aus 

dem Gesicht. »Ich hatte dich wirklich gemocht, Andy«, sagte sie 
traurig. »Und du hättest das Zeug gehabt, ein großer Regisseur zu 
werden. Auch ohne die beiden!« Sie deutete gleichzeitig auf Gustav 
Landreau und den Schatten-Dämon. 

Andy und Landreau rissen ungläubig die Augen auf. »Aber … ihr 

seid doch tot!«, rief Andy entsetzt. 

»Offensichtlich nicht«, knurrte Phoebe. Auch Piper und Darryl 

erhoben sich. 

»Du vergisst, dass wir mit Tim Sorvino einen erstklassigen Mann 

für Spezialeffekte bei uns hatten. Er hat wirklich großartige Arbeit 
geleistet – und das alles nur mit ein bisschen Ketchup und ein paar 
anderen Zutaten aus der Speisekammer«, sagte Piper und deutete auf 
die Küchentür. »Er ist übrigens im Nebenraum. Wir wollten ihm den 
Anblick des Dämons ersparen.« 

Darryl wischte sich etwas Ketchup aus dem Gesicht und zog dann 

das rohe Fleischstück von seinem Hals, mit dem Sorvino die tödliche 
Wunde modelliert hatte. »Und ich wünschte, ich wäre jetzt auch bei 
Tim«, schluckte er und warf einen ängstlichen Blick auf den Dämon. 
Er war als Freund der drei Hexen zwar einiges gewohnt, aber 
Begegnungen mit solchen Wesen gingen doch weit über seinen 
normalen Horizont hinaus. 

Der Schatten-Dämon lachte auf. Ihn schien dieses Spielchen zu 

amüsieren. Kein Wunder, er hatte ja auch nichts zu verlieren. 

»Nicht schlecht, ihr Zauberhaften.  Ich sehe schon, ihr verdient 

euren Ruf zu Recht. Aber nun wird es Zeit, diese Farce zu beenden.« 

background image

Der Dämon huschte wie ein lebendiger Schatten auf Landreau zu. 

Der alte Regisseur riss die Augen auf, als der Schatten durch ihn 
hindurchglitt und dabei seine Seele mit sich fortriss. 

»Nein!«, röchelte der alte Regisseur noch. Dann sank er leblos zu 

Boden. 

Doktor Nyang, der Gerichtsmediziner, würde später nur noch ein 

Herzversagen feststellen können, hervorgerufen durch einen extremen 
Stresszustand. Landreau war bereits tot, bevor sein Körper den Boden 
berührte. 

Der schattenhafte Dämon glitt weiter durch den Baum. Kurz vor 

Andy machte er Halt. Der junge Mann war in die letzte Ecke des 
Baumes zurückgewichen und schlotterte vor Angst. 

»Lass ihn in Ruhe!«, rief Paige. 

Der Dämon schüttelte nur den Kopf. »Oh, es liegt nicht in meiner 

Macht, ihm etwas anzutun, Hexe. Ich habe nur Macht über Menschen, 
die freiwillig zu mir kommen. Aber dieser junge Welpe hier hat schon 
einen großen Teil des Weges zurückgelegt.« 

Der Seelensammler lachte auf. Dann wendete ersieh ein letztes Mal 

den drei Hexen zu. »Wir werden uns ganz sicher auch wieder sehen, 
Hexen. Und dann wird euer Tod keine Täuschung sein!« 

»Wenn das eine Drohung sein soll, du –«, rief Piper wütend, aber 

der Dämon lachte nur auf. Schließlich verblasste er wie ein Alptraum 
bei Tageslicht. Ein paar Augenblicke später war er verschwunden. 

Zurück blieb nur Andy Stewart, der mit leerem Blick ins Nichts 

starrte und zitterte. »Meine Seele«, stammelte der junge Mann nur, 
»meine Seele …« 

Darryl, Piper, Paige und Phoebe gingen auf Andy zu. Er schien sie 

nicht zu bemerken und starrte durch sie hindurch. 

»Ich fürchte, er hat den Verstand verloren«, murmelte Darryl fast 

mitleidig. »Und wenn dieser Dämon noch ein paar Minuten länger 
geblieben wäre, würde es mir – wahrscheinlich genauso ergehen. Wie 
haltet ihr es nur aus, ständig mit … so etwas konfrontiert zu werden?« 

»Alles Gewöhnungssache«, sagte Paige traurig und strich Andy 

über die Stirn. Sie fühlte sich heiß und fiebrig an. »Alles 
Gewöhnungssache …« 

background image

Eine Viertelstunde später gingen die drei Hexen über den Parkplatz 

des  P3.  Darryl hatte seine Kollegen gerufen, die bald hier eintreffen 
würden. Der Rest war Sache der Polizei, die Aufgabe der 
Zauberhaften war erledigt. 

Das Gewitter hatte die schwüle Luft der letzten Tage vertrieben. 

Die drei Hexen waren auf dem Weg zu ihrem Wagen, als vor ihnen 
plötzlich eine kleine Sandwolke aufwirbelte. 

Sie hielten dieses Phänomen zuerst für etwas Sand, der von der 

Küste hierher geweht worden war. Doch dann wirbelte immer mehr 
Sand auf und nahm schließlich eine menschliche Gestalt an. 

Ein Dämon. Eine Kreatur aus Sand. 

»Oh, nein!«, stöhnte Phoebe. »Hört das denn nie auf?« 

Piper, Paige und Phoebe gingen in Abwehrstellung. 

»Die drei Zauberhaften!«,  grollte die Sand-Kreatur mit 

knirschender Stimme. »Ich habe einen weiten Weg zurückgelegt, um 
euch zu vernichten. Ich werde euch …« 

Der Dämon kam nicht dazu, seine Drohung zu beenden. Ein 

erneuter Blitz zuckte über den Himmel. Mit dem Donner folgten auch 
die ersten Regentropfen. Als hätte der Himmel alle Schleusen auf 
einmal geöffnet, prasselte ein kühler Platzregen hinunter. Die drei 
Zauberhaften und der Dämon blickten hinauf. 

An den Stellen, an denen die Tropfen auf den Dämon trafen, schien 

er sich sofort aufzulösen. 

»Ach, verdammt«, rief die Sand-Kreatur enttäuscht auf. »Ich habe 

aber auch immer Pech!« Er hob noch einmal die Faust und hielt sie 
den drei Hexen entgegen. »Wir sehen uns nächsten Sommer wieder!«, 
drohte er und begann damit, sich in einem erneuten Sandwirbel 
aufzulösen. 

»Wie auch immer«, murmelte Piper. 

Die Hitzewelle war vorbei, und damit auch die Dämonenplage. 

Die drei Zauberhaften  machten keine Anstalten, sich vor dem 

Regen in Sicherheit zu bringen. Die prasselnden Wassertropfen waren 
einfach zu erfrischend. 

background image

»Und was machen wir jetzt?«, fragte Paige lachend. »Einen 

kleinen Regentanz vielleicht?« 

Piper schmunzelte und strich sich eine regennasse Haarsträhne aus 

der Stirn. »Nicht so voreilig, Mädels. Ihr vergesst, dass meine 
Befürchtungen doch noch wahr geworden sind … im P3 sieht es aus 
wie auf einem Schlachtfeld. Eigentlich sollte ich euch die 
Aufräumarbeiten allein überlassen, aber ich will mal nicht so sein. Ich 
weiß auch schon, wer uns dabei helfen wird …« 

Phoebe, Paige und Piper lachten. Dann riefen sie gemeinsam einen 

Namen in den prasselnden Regen hinein. 

»Leo!« 

background image

Epilog 

A

US DEM SAN FRANCISCO CHRONICLE: 

Geheimnisvolle Mordserie aufgeklärt – geistesgestörter Regisseur 

war der »Puppenmörder« 

Eine der merkwürdigsten Mordserien der letzten Jahre fand gestern 

ihr Ende: Detective Darryl Morris verkündete in einer 
Pressekonferenz, dass der Jungregisseur Andrew S. für die drei Morde 
verantwortlich war, die während der Hitzewelle die Stadt in Atem 
hielten. Nach Angaben des Detectives verübte der junge Regisseur die 
Morde mit Hilfe ferngesteuerter Puppen. Über die Motive dieser 
Verbrechen ist bislang noch nichts bekannt. Nach Angaben der Polizei 
ist der mutmaßliche Täter nicht ansprechbar und befindet sich in 
psychiatrischer Behandlung. 

Detective Morris erhielt für die Aufklärung der ›Puppenmorde‹ 

eine Auszeichnung aus der Hand des Bürgermeisters [Fortsetzung S. 
5] 

Aus ›Variety‹: 

Gustav Landreau, einst bekannt als ›Monstermacher von 

Hollywood‹ erlag gestern im Alter von sechsundachtzig Jahren einem 
Herzinfarkt. Gerüchte, wonach Landreau in die so genannten 
›Puppenmorde‹ verwickelt sein soll, wurden bislang von der Polizei 
nicht bestätigt. 

Aus dem ›Hollywood Reporter‹.: 

Makabere Werbung für ›Scream X-Treme‹ 

Selten hat ein Film schon vor seiner Fertigstellung so für Furore 

gesorgt, wie ›Scream X-Treme‹, das erste Regiewerk des 
Nachwuchstalents Andrew Andy 

Stewart, der zurzeit als 

Hauptverdächtiger der ›Puppenmorde‹ in der geschlossenen 
Psychiatrie einsitzt. Eine bessere Werbung konnte sich dieser 
Independent-Film jedoch nicht wünschen, die großen Verleihfirmen 
überbieten sich bereits, um sich die Verleihrechte des Films zu 
sichern. 

background image

Peter Costello, der Kameramann von ›Scream X-Treme‹, hat die 

Fertigstellung des Films als neuer Regisseur übernommen. Besonders 
gespannt sein darf man auf die Monster-Effekte von Tim Sorvino, die 
an Realität alles bisher Gesehene in den Schatten stellen sollen … 


Document Outline