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Judith Borgwart (Hrsg.)
Kai Kolpatzik (Hrsg.)
Aus Fehlern lernen – Fehlermanagement in Gesundheitsberufen
Top im Gesundheitsjob

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Judith Borgwart (Hrsg.)
Kai Kolpatzik (Hrsg.)

Aus Fehlern lernen – 
Fehlermanagement  
in Gesundheitsberufen

Mit 6 Abbildungen

123

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Dr. Judith Borgwart

Hoherodskopfstraße 40, 60435 Frankfurt

Kai Kolpatzik

AOK-Bundesverband

Rosenthaler Straße 31, 10178 Berlin

ISBN-13  978-3-642-12622-2  Springer-Verlag Berlin Heidelberg New York

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im Einzelfall anhand anderer Literarturstellen auf ihre Richtigkeit überprüft werden. 

Planung: Barbara Lengricht und Susanne Moritz, Berlin
Projektmanagement: Ulrike Niesel, Heidelberg
Lektorat: Dr. Sirka Nitschmann, Werl-Westönnen
Layout und Umschlaggestaltung: deblik Berlin
Satz: Fotosatz-Service Köhler GmbH – Reinhold Schöberl, Würzburg

SPIN: 12990276

Gedruckt auf säurefreiem Papier             22/2122/UN – 5 4 3 2 1 0 

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V

Geleitwort

von Dr. Jörg Lauterberg

In einer funktionierenden Sicherheitskultur  
sind alle Lernende

Jeder Patient, auch der aufgeklärte »mündige« Patient möchte und 
braucht eine verlässliche Größe: das Vertrauen in die Menschen,  
die ihn versorgen, weil er krank, schwach oder hilfsbedürftig ist. Die 
Qualität der Versorgung in unserem Gesundheitssystem stellt Tag für 
Tag bei Tausenden von Menschen unter Beweis, dass dieses Vertrauen 
berechtigt ist. Denn ob Mitarbeiter in einem ambulanten Pflegedienst, 
Ärztin oder Arzt in Klinik und Praxis, Auszubildende, Hebamme oder 
OP-Schwester – sie alle geben ihr Bestes, um Menschen optimal zu 
 betreuen und zu versorgen. Dennoch kommt es immer wieder vor, 
dass eine »Panne« passiert, etwas »schief läuft« und alle Beteiligten  
gerade noch einmal »mit einem blauen Auge« davonkommen. Oder 
eben auch nicht. Dann hat ein Fehler, ein vermeidbares unerwünschtes 
Ereignis einem Patienten Schaden an seiner Gesundheit zugefügt, viel-
leicht sogar sein Leben in Gefahr gebracht. 

Die aus Tabugründen im Gesundheitswesen immer noch gebräuch-
lichste, aber auch gefährlichste Art, mit Fehlern umzugehen, ist Ver-
schweigen. Denn dann hat niemand die Chance, andere Patienten 
 davor zu beschützen, dass dieser Fehler sich wiederholt. Deswegen ist  
es so wichtig, darüber zu sprechen. Über Fehler sprechen und sie 
 nüchtern analysieren zu können, fällt leichter, wenn nicht gleich mit 
Schuldzuweisungen und Sanktionen reagiert wird. Gegründet auf die 
moderne Fehlerforschung setzt sich allmählich die Erkenntnis durch, 
dass viele vermeidbare, unerwünschte Ereignisse mit Systemfehlern 
und Fehlerketten, und nicht allein mit dem persönlichen Versagen von 
Einzelnen zusammenhängen. Eine lebendige und konstruktive Sicher-

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heitskultur kommt allen Beteiligten zu Gute, vor allem aber Patienten 
und Bewohnern: Wo Fehler offen und ohne Zeit zu verlieren kommu-
niziert werden, kann Schlimmeres oftmals abgewendet werden. Oder 
Fehler können ganz vermieden werden, weil ihre Ursachen erkannt 
und ausgeschaltet worden sind. 

Mit diesem Buch möchte ich Sie einladen, sich in Ihrem beruflichen 
Wirkungskreis für eine neue Sicherheitskultur zu engagieren. Lassen 
Sie sich ein auf einen Prozess, in dem alle Lernende sind. In dem es um 
nicht mehr und nicht weniger geht als die Gesundheit und die Sicher-
heit der Menschen, die sich Ihnen anvertraut haben.

Im Juli 2010

Dr. Jörg Lauterberg
Geschäftsführer Aktionsbündnis Patientensicherheit e.V.

VI 

Geleitwort

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VII

Geleitwort

von Andreas Westerfellhaus

Die Suche nach »Schuldigen« führt in eine Sackgasse

Der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt soll einmal gesagt haben: 
»Wenn man einen Fehler gemacht hat, muss man sich als erstes fragen, 
ob man ihn nicht sofort zugeben soll. Leider wird einem das als 
 Schwäche angekreidet«. Und damit sind wir schon mitten in der 
 Diskussion! Das Dilemma ist ja, dass niemand davor gefeit ist, Fehler 
zu machen. Wie dann damit umgegangen wird – wie man selbst damit 
umgeht und wie die anderen damit umgehen – hat Dimensionen, die 
weit über das Persönliche hinausgehen. Deswegen machen wir es uns 
alle gern einfach: Wir reduzieren den Fehler! Dann erscheint er als das 
Ergebnis einer konkreten Handlung einer konkreten Person. Und die 
ist Schuld! Ein solcher Umgang mit Fehlern führt in eine Sackgasse!

Wenn man aber, anstatt zu fragen: »

Wer

 hat den Fehler gemacht?« 

fragt: »

Wie

 kam es zu dem Fehler?« entdeckt man oft ganze Kaskaden 

von »Teilfehlern« – Missstände und Missverständnisse, Informationen, 
die nicht weitergegeben wurden, Unwissenheit (womöglich aller Be-
teiligten), Unterlassungen – die dem Fehler unbeachtet vorausgegan-
gen sind. Und plötzlich ist er da, der Fehler. Eine Studie konnte nach-
weisen, dass einem »sichtbaren« Fehler – eine Patientin wurde ver-
wechselt – 17 »unsichtbare«, weil unbemerkte Fehler vorausgegangen 
sind! Möglicherweise hätte die Vermeidung eines einzelnen davon,  
die Fehlerkaskade wirksam unterbrochen. Deswegen brauchen wir eine 
neue Fehlerkultur. Eine Kultur, die hinschaut, anstatt Schuldige heraus 
zu deuten. In der es möglich ist, offen mit Fehlern umzugehen und 
 gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Damit Fehler sich nicht wieder-
holen, sondern als das erkannt werden können, was sie sind: Hinweise 
auf eine notwendige Verbesserung. Eine solche neue Fehlerkultur ist 

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eine herausragende Stärke, Zeichen von Professionalität. Und sie ist ein 
unmissverständliches Vertrauensangebot an die Menschen, die sich an 
uns wenden, weil sie hilfsbedürftig, krank oder ratsuchend sind.

Ein offener Umgang mit Fehlern ist der einzige Weg, der aus der  
Sackgasse führt. Denn man kann Fehler weder verbieten noch 
 hundertprozentig vermeiden. Man kann nur aus ihnen lernen.

Im Juli 2010

Andreas Westerfellhaus
Präsident des Deutschen Pflegerates

VIII 

Geleitwort

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IX

Die Herausgeber

Dr. Judith Borgwart hat nach dem Stu-
dium der Kulturanthropologie und Euro-
päischen Ethnologie zunächst als freie 
 Autorin und Sprecherin beim Hessischen 
und Bayerischen Rundfunk gearbeitet. 
Sie leitete den Programmbereich Ge-
sundheitskommunikation bei MVS 
Medizinverlagen Stuttgart. Heute lebt 
und arbeitet sie als freie Autorin und 
 Medienberaterin in Frankfurt am Main. 

Kai Kolpatzik, MPH, EMPH, ist Arzt  
und Gesundheitswissenschaftler und ar-
beitete als Assistenzarzt in der Chirurgie 
in Krankenhäusern in Freiburg und am 
Bodensee. Stationen in der Gesundheits-
wissenschaft waren die Universität 
 Bielefeld – mit Abschluss European 
 Master of Public Health – und die Welt-
gesundheitsorganisation (WHO) in 
Genf, bevor er 2004 seine Tätigkeit im 
AOK-Bundesverband aufnahm. Seit 
2009 leitet er die Abteilung Prävention 
im AOK-Bundesverband.

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XI

Die Autoren

Professorin Christel Bienstein

Leiterin des Departements für Pflegewissenschaft  

der Universität Witten/Herdecke gGmbH, Fakultät Medizin

Dr. phil. Judith Borgwart

Freie Autorin, Frankfurt am Main

Claudia Christ-Steckhan

Projektleitung im Bereich Risikomanagement, Zentrales Qualitäts-

management der Charité – Universitätsmedizin, Berlin

Henning Cramer

Zentrum für Pflegeforschung und Beratung (ZePB), Hochschule Bremen

Hedwig Francois-Kettner

Pflegedirektorin an der Charité – Universitätsmedizin, Berlin

Sabine Girts 

Geschäftsführerin Verband Bundesarbeitsgemeinschaft  

Leitender Pflegepersonen e.V. – BALK

Professorin Dr. Monika Habermann

Leiterin des Zentrums für Pflegeforschung und Beratung (ZePB)  

der Hochschule Bremen

Dr. med. Marc-Anton Hochreutener

Geschäftsführer der Stiftung für Patientensicherheit, Zürich

Rolf Höfert 

Geschäftsführer des Deutschen Pflegeverbandes e. V. (DPV),  

Experte für Pflegerecht

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Dr. phil. Edith Kellnhauser

Professorin im Fachbereich Pflege und Gesundheit  

(ehemalige Funktion), Katholische Fachhochschule Mainz

Kai Kolpatzik

Leiter der Abteilung Prävention beim AOK-Bundesverband, Berlin

Professor Dr. Andreas Lauterbach

Studiengangsleiter Pflege, Hochschule für Gesundheit, Bochum

Vera Lux

Pflegedirektorin der Universitätsklinik Köln

Dr. Karin Pöppel

Sozialwissenschaftlerin, Offenbach am Main

Dr. Marianne Rabe

Pädagogische Geschäftsführerin – Charité Gesundheitsakademie,  

Berlin

Gertrud Stöcker 

Stellvertretende Präsidentin des Deutschen Berufsverbandes  

für Pflegeberufe – DBfK-Bundesvorstand, alternierende Vorsitzende 

des Deutschen Bildungsrates für Pflegeberufe (DBR), Grevenbroich

Professor Dr. Martin Teising

Fachhochschule Frankfurt am Main – University of Applied Sciences 

Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit

Professor Dr. Dr. Karl-Heinz Wehkamp

Professor für Gesundheitswissenschaften; Ethik- und Organisations-

berater für Kliniken und andere Einrichtungen in Gesundheitswesen 

und Gesundheitswirtschaft

XII 

Die Autoren

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XIII

Inhaltsverzeichnis

Fehler – was ist das eigentlich?

  .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .    

2

1.1  Definitionen nach dem Aktionsbündnis  

Patientensicherheit   . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   

4

1.2  Auf der Suche nach geeigneten Definitionen in der Pflege    

5

Fehler dürfen nicht individualisiert werden!

  .   .   .   .   .   .   .   .    

17

2.1  

Weniger Pflegekräfte – mehr Patienten   . . . . . . . . . . . .    17

2.2  Stellenabbau: Patienten gefährdet, Fehlerrisiko erhöht .  .  .    

21

2.3  Welche Lösungen werden diskutiert?  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .    

22

2.4  Bei jedem Fehler ist auch das System gefordert    .  .  .  .  .  .  .   

23

2.5  Wer aufhört zu jammern, handelt  . . . . . . . . . . . . . . . .    24

Hohe Arbeitsbelastungen:  Was Sie tun können

  . . . . .    27

3.1  Leider nicht die Ausnahme: Mängel in der Pflege   .  .  .  .  .  .   

28

3.2  Werden Sie aktiv!  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .    

28

3.3  Darüber reden heißt nicht petzen  . . . . . . . . . . . . . . . .    32

Reaktionen von Pflegenden auf ein Fehlergeschehen

   .   

36

4.1  Ängste, Stress und Sorgen im Umgang mit Fehlern   .  .  .  .  .   

36

4.2  Ethische Konflikte  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .    40

4.3  Leitungsverantwortung und persönliche Reaktionen  

auf Fehler   . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .    42

4.4  Folgen eines Fehlergeschehens in der Fragebogen- 

erhebung   . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .    43

Professionelles Berufsverständnis braucht Ethik

  . . . . .    47

5.1  Eine Frage der Augenhöhe .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .    

47

5.2  Ethik regelt unser Zusammenleben  . . . . . . . . . . . . . . .    49

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Dekubitusprophylaxe – aber bitte richtig!

  . . . . . . . . .    59

6.1  Die 5 wichtigsten Fehler bei der Vermeidung  

von Druckgeschwüren  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .    59

6.2  Einen guten Job machen, ist nicht alles .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .    

62

Kein Fehler vor dem Schnitt

  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .    

66

7.1  Was ist eine Eingriffsverwechslung?  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .    

67

7.2  Ohne Konsequenz geht es nicht  . . . . . . . . . . . . . . . . .    68

7.3  Und im Fall der Fälle?  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .    74

Wie sage ich’s dem Patienten?

  . . . . . . . . . . . . . . . . .    78

8.1  Vorgehen bei der Fehlerkommunikation  .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .    

78

9 »Übergabefehler 

verursachen 

6% 

 

der nosokomialen Todesfälle.«

  . . . . . . . . . . . . . . . . .    82

9.1  Dauer der Übergaben und Anzahl der Patienten  .  .  .  .  .  .  .    

82

9.2  Informative Übergabe oder »Schema F«? .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .    

83

9.3  Mündliche Übergabe und Dokumentation –  

wie von verschiedenen Eltern  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .    

84

10  Fehlverhalten – zwischen Fürsorge und Machtausübung

   

89

10.1  Fehler oder Fehlverhalten? .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .    

89

10.2  Fehlverhalten kann viele Gesichter haben  . . . . . . . . . . .    91

11  Pflege ist auch »Gefühlsarbeit« – zur Psychoanalyse  

der Pflegebeziehung

  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .    101

11.1  Unsere erste Pflegebeziehung: die (frühe) Kindheit   .  .  .  .  .    101

11.2  Warum wir mitfühlen können  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .     102

11.3  Warum wir Pflegebedürftigkeit gerade im Alter so fürchten    104

11.4  Im Unbewussten abgespeichert: die erste Pflegebeziehung     106

12  Pflege und Betreuung: Auch eine Frage  

des Patientenbildes 

  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .    110

12.1  Noch viel zu häufig: das Bild vom »unmündigen« Patienten    110

12.2  Zeit zum Umdenken: Der Patient ist Partner und Mensch   .    111

XIV 

Inhaltsverzeichnis

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XV

13  Fehlerkultur für die Altenpflege und den  

hausärztlichen Bereich

  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .    117

13.1  Berichtssysteme – damit Fehler gar nicht erst passieren   .  .     119

13.2  Beispiele von Berichtssystemen  . . . . . . . . . . . . . . . . .    122

13.3  Die ersten Schritte sind getan, weitere müssen folgen   .  .  .    124

14  Beispiele aus dem Sicherheitsmanagement der Charité

     127

14.1  Jeder Fehler ist eine Chance!  . . . . . . . . . . . . . . . . . . .    128

14.2  Fehler als »Trainingspartner«  . . . . . . . . . . . . . . . . . . .    128

15  Vorbeugen ist besser als haften – Aus Fehlern lernen

  .   .     136

15.1  Die gesetzliche Grundlage  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .     138

15.2  Rechtsfälle aus der Praxis .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .     140

15.3  Mir ist ein Fehler passiert! Und jetzt?  . . . . . . . . . . . . . .    144

16  Ein Blick über den Tellerrand – Fehlervermeidung  

durch Qualitätssicherung in den USA

  . . . . . . . . . . . .    146

16.1  Die »Joint Commission« zur Qualitätskontrolle  . . . . . . . .    146

16.2  Wie fit bin ich? Die Leistungsbewertung  . . . . . . . . . . . .    149

16.3  Fehlern vorbeugen: Das Risikomanagement  . . . . . . . . .    151

Stichwortverzeichnis

  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .    157

Inhaltsverzeichnis

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Kennen Sie das auch?

Zu sagen: »Ich habe einen Fehler gemacht« – das fällt schwer! Denn 
die Antwort darauf lautet normalerweise nicht: »Wie gut, dass du es 
gesagt hast! Jetzt können wir gemeinsam danach suchen, wie wir  
solche Fehler in Zukunft vermeiden«. Deswegen war es 2008 eine  
kleine Sensation, als 17 Ärzte und Vertreter anderer Gesundheits-
berufe sich dazu bekannten, Fehler gemacht zu haben. Öffentlich in 
einer Broschüre des Aktionsbündnisses Patientensicherheit, die vom 
AOK-Bundesverband organisiert und umgesetzt wurde. Unter dem  
Titel »Aus Fehlern lernen« wurde in einem ganz besonders fehler-
sensiblen Bereich, der Behandlung und Versorgung kranker, alter  
und hilfsbedürftiger Menschen, öffentlich gemacht, dass über un-
erwünschte Ereignisse, Fehler, Schäden und Beinahe-Schäden ge-
sprochen werden muss, um sie vermeiden zu können. Fast nie ist es 
ein einzelner, der sie allein zu verantworten hat. Kommt es zu einem 
Fehler, hat er meist eine »unsichtbare« Vorgeschichte, die aus vielen 
kleinen Fehlern vieler Beteiligter wie z. B. Unterlassungen, Fehlinfor-
mationen, Unwissenheit besteht, die nur entdeckt werden können, 
wenn man offen darüber spricht.

Von der Broschüre des Aktionsbündnisses hin zur Idee dieses Buches, 
das sich insbesondere an Auszubildende und Studierende in den Ge-
sundheitsberufen wendet, war es kein langer Weg – aber was für ein 
schwieriger! Sehr bald stellte sich heraus, dass in der Pflege, einer Arzt-
praxis oder z. B. als Hebamme Tätige noch immer nicht den Mut fin-
den, offen einen Fehler zu bekennen. Nicht einmal dann, wenn am 
Ende alles gut ausgegangen und niemand zu Schaden gekommen ist. 
Noch immer scheint die Erwartung übermächtig, auf ein Fehlereinge-
ständnis werde mit Schuldzuweisungen, Vorwürfen und Sanktionen 
reagiert. In unserem Buch wollen wir nicht nur einzelne Akteure, die 
sagen: »Ich habe einen Fehler gemacht«, sondern die Fehler selbst »zu 
Wort kommen lassen«. Denn wir vertrauen darauf, dass jeder Fehler in 
sich den Keim zu seiner Vermeidung trägt. Nur dann, wenn man offen 
mit Fehlern umgehen und sich auf eine moderne Sicherheitskultur 
verlassen kann, können Fehler als Chance für Verbesserungen ge-
sehen und genutzt werden. Davon profitieren nicht nur Patienten und 
Angehörige, davon profitiert unsere Gesellschaft als Ganzes.

Dr. Judith Borgwart, Kai Kolpatzik 

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Kapitel 1 · Fehler – was ist das eigentlich?

Fehler – was ist das  
eigentlich?

Judith Borgwart

Nach Angaben des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG), des 
Aktionsbündnisses Patientensicherheit e.V. und dem AOK-Bundes

-

verband sind die Zahlen über Vorfälle, bei denen in Deutschland  
im Rahmen eines Krankenhausaufenthaltes Menschen zu Schaden ge-
kommen sind, alarmierend [22]:

Jedes Jahr infizieren sich 500.000 Menschen mit Krankenhaus-
keimen.
4 % der Patienten bzw. 88.000 Menschen, die in der inneren Medi-
zin aufgenommen werden, sind Opfer gefährlicher Nebenwirkun-
gen oder Wechselwirkungen. Die Folgekosten, die sich daraus er-
geben, werden mit 400 Millionen Euro beziffert!
Jedes Jahr werden 40.000 Vorwürfe wegen eines medizinischen 
 Behandlungsfehlers erhoben – 12.000 davon werden als solche an-
erkannt.
17.000 Todesfälle, die sich jährlich in deutschen Kliniken ereignen, 
wären vermeidbar gewesen (

.

 Abb. 1.1

).

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1

3

Abb. 1.1.  Spitze des Eisbergs. 

.

1 · Fehler – was ist das eigentlich?

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Kapitel 1 · Fehler – was ist das eigentlich?

1.1

  Definitionen nach dem Aktionsbündnis  

Patientensicherheit 

Die genannten Zahlen machen deutlich: Über Fehler muss geredet 
werden. Aber was ist eigentlich ein Fehler? Das Aktionsbündnis 
 Patientensicherheit e.V. (APS) hat 5 Schlüsselbegriffe zum Thema 
 Patientensicherheit  definiert.

Definition von 5 Schlüsselbegriffen zur Patientensicherheit

Unerwünschtes Ereignis

Ein schädliches Vorkommnis, das eher auf der Behandlung als auf der 

Erkrankung beruht. Es kann vermeidbar oder unvermeidbar sein.

Vermeidbares unerwünschtes Ereignis

Ein unerwünschtes Ereignis, das vermeidbar ist.

Kritisches Ereignis

Ein Ereignis, das zu einem unerwünschten Ereignis führen könnte 

oder dessen Wahrscheinlichkeit deutlich erhöht.

Fehler

Eine Handlung oder ein Unterlassen, bei dem eine Abweichung vom 

Plan, ein falscher Plan oder kein Plan vorliegt. Ob daraus ein Schaden 

entsteht, ist für die Definition des Fehlers irrelevant.

Beinahe-Schaden

Ein Fehler ohne Schaden, der zu einem Schaden hätte führen können.

 

Nach: »Jeder Tupfer zählt« – Glossar zum Downloaden unter [31]

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5

1.2

  Auf der Suche nach geeigneten Definitionen  

in der Pflege

Die folgenden Ausführungen entstanden auf Basis mehrerer ausführ-
licher Gespräche mit Frau Dr. Angelika Abt-Zegelin, Departement für 
Pflegewissenschaft, Universität Witten/Herdecke.

Meist wird ein Fehler in Zusammenhang mit der medizinischen Ver-
sorgung betrachtet, wenn z. B.  etwas verwechselt oder falsch gemacht 
worden ist. Bei genauerer Betrachtung greifen solche »Definitionen« 
oftmals zu kurz. Denn sie berücksichtigen weder die Verkettung von 
Umständen, die zu einem Fehler führt, noch unterscheiden sie zwi-
schen den Folgen, die ein Fehler für die betroffene Patientin oder den 
betroffenen Patienten hat.

Kurzfristige und langfristige Folgen von Fehlern

In der Medizin: meist Fehler mit akuten Folgen  

In der Pflege: Fehler mit meist langfristigen Folgen und vorrangig 

2 Ursachen:

Eine den Patienten gefährdende Situation wird aufgrund 

 fehlenden Wissens nicht erkannt bzw. aus Unwissenheit wird 

eine Betreuungshandlung durchgeführt, die nicht zum Nutzen 

des Patienten ist.

Für den Patienten und seine Gesundheit förderliche Maß-

nahmen werden unterlassen.

Unwissenheit und Unterlassung 

In der Diskussion um »Pflegefehler« gilt es, überhaupt erst einmal eine 
genaue Definition zu finden. Denn fast nie lässt sich eine einzelne 
»falsche« Pflegehandlung identifizieren, fast immer geht einer Situa-
tion, in der ein Patient Schaden nimmt, eine ganze Kaskade von Unter-
lassungen voraus, an denen oft mehrere Personen beteiligt sind. Kom-

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1.2 · Auf der Suche nach Definitionen

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Kapitel 1 · Fehler – was ist das eigentlich?

biniert mit Unterlassung, aber auch als eigenständige Ursache von Feh-
lern, lässt sich auch Unwissenheit identifizieren. Sie kann dazu führen, 
dass ein Pflegebedarf nicht erkannt wird oder eine falsche bzw. unge-
eignete Pflegehandlung durchgeführt wird. Verschiedene Vorschläge, 
solche Ereignisse zu kategorisieren, sind:

Kritisches Ereignis: Beschrieben wird damit ein Ereignis, das selbst 
zu einem unerwünschten Ereignis führt oder zumindest ein uner-
wünschtes Ereignis wahrscheinlicher macht.
Fehler: Bei dieser Definition ist es unerheblich, ob tatsächlich ein 
Patient zu Schaden gekommen ist. »Fehler« beschreibt vielmehr 
eine Abweichung vom Plan oder einen falschen Plan oder das 
 Fehlen eines Plans.
Unerwünschtes Ereignis: Der Patient nimmt aufgrund eines Ereig-
nisses Schaden, zu dem es eher im Rahmen der Behandlung denn 
als Folge der Erkrankung gekommen ist.
Beinahe-Schaden: Es ist kein Schaden entstanden, aufgrund eines 
Fehlers hätte aber ein Schaden entstehen können.
Vermeidbares unerwünschtes Ereignis: Das im Rahmen der Be-
handlung  unerwünschte Ereignis hätte vermieden werden können.

Was bis heute fehlt, ist eine Nomenklatur, eine Definition, die die 

komplexen Ursachenzusammenhänge wirklich erfasst.  Das Wort 

»Fehler« reicht dafür nicht aus (

.

 Abb. 1.2).

Fehlerkonstellationen am Beispiel der Bettlägerigkeit

Unwissenheit? Unterlassung? Pflegefehler? Im Folgenden werden am 
Beispiel der Bettlägerigkeit Fehlerkonstellationen reflektiert, an deren 
Ende ein Schaden für den betroffenen Patienten steht. Dieses Beispiel 
mag zeigen, wie unzureichend der Begriff des Fehlers ist.

Liegen führt zum Liegen!

Ein Beispiel für das Ineinandergreifen von vielen, ganz unterschied-
lichen Faktoren, die dann zu einem Schaden für den Patienten führen, 
ist die allmähliche Ortsfixierung als pflegerische Komplikation. Mit 

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7

sehr schweren Folgen für den Betroffenen kann sie in die finale Bett-
lägerigkeit führen, von der ein Patient sich nicht mehr erholen kann.

Unerwünschtes Dauerliegen ist eine pflegerische Komplikation, die 

gefährliche Risiken wie z. B. Thrombosen, Dekubitus, Pneumonie und/
oder Kontrakturen  nach sich ziehen kann.

Zu den körperlichen Risiken kommen Folgen für die Seele dazu: 

Ortsfixierte und bettlägerige Patienten fühlen sich isoliert, ver-

zweifelt und ohne Hoffnung, traurig bis hin zur manifesten 

 Depression. Die Welt schrumpft auf das Bett zusammen, das Zeit-

gefühl geht verloren.

Spricht man in diesem Fall von einem Fehler, einer Unterlassung, 
einem aus Unwissenheit nicht erkannten Risiko? Eine Untersuchung 
zeigt, dass Bettlägerigkeit selbst in der Regel überhaupt nicht hinter-
fragt wird. Im Gegenteil: Die Abläufe in stationären und ambulanten 
Einrichtungen fördern Bettlägerigkeit nur allzu oft, die dann selbst 
 Risiko für die genannten schweren Folgeerkrankungen ist. Damit  
ist Bettlägerigkeit in vielen Fällen eine vermeidbare pflegerische Kom-
plikation.

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Abb. 1.2.  Das »Schweizer-Käse-Modell« nach Reason veranschaulicht, wie einem 

Fehler eine Kette von Fehlern vorausgeht (Modifiziert nach Reason, James: Human error, 
Cambridge University Press 1990, S. 208).

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1.2 · Auf der Suche nach Definitionen

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Kapitel 1 · Fehler – was ist das eigentlich?

Bettruhe und Bettlägerigkeit sind zweierlei

»Patient« und »Bett« lassen sich meist in einem Atemzug nennen. 
Denn bei Krankheit oder nach einem Unfall für eine kurze Zeit das 
Bett zu hüten, scheint ein Beitrag zur Genesung zu sein. Dies wird aber 
in der Medizin zunehmend hinterfragt. Zahlreiche Studien belegen 
 sogar, dass Betthüten eher schädlich als nützlich ist. 

Im Gegensatz zur Bettruhe, die man hatist man bettlägerig. Bett-

lägerigkeit ist ein Seinszustand. Dieser unterscheidet sich von  

der Bettruhe durch die lange Dauer, die ein Patient (ohne es zu 

wollen) überwiegend im Bett verbringt, und birgt selbst Risiken 

für seine Gesundheit bzw. sein Gesundwerden.

Unterscheiden lässt sich:

Leichtere Bettlägerigkeit: Der Patient verbringt die überwiegende 
Zeit im Bett, verlässt es aber täglich für mindestens 4–5 Stunden.
Mittelschwere Bettlägerigkeit: Der Patient verlässt das Bett nur 
noch, um zur Toilette zu gehen oder sich zu waschen.
Schwere Bettlägerigkeit: Der Patient steht überhaupt nicht mehr 
auf.

Die Übergänge sind fließend

Im Prozess des Bettlägerigwerdens lassen sich 5 Phasen unterscheiden 
[2]. Diese Phasen gehen schleichend ineinander über. An ihrem Ende 
liegt ein Mensch »wie fest genagelt« im Bett, unfähig auch nur die Tasse 
an den Mund zu heben oder sich die Haare zu kämmen.

Phase 1: Instabile Phase

Der Betroffene ist in seiner Bewegung kaum eingeschränkt, bewegt 
sich aber sehr vorsichtig. Oft steckt die Angst, zu stürzen oder in der – 
vielleicht engen – Umgebung anzustoßen, dahinter, dass körperliche 
Aktivität mit diffusen Befürchtungen besetzt wird. Bereits gemachte 
Sturzerfahrungen bestärken Unsicherheit und Furcht. Der Einsatz  
von Hilfsmitteln, z. B. Gehstöcke oder Rollator, und/oder das Um-
stellen der Möbel zu Hause sollen Sturzgefahren mindern und Halt  
geben.

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Phase 2: Ereignis

Ein Krankenhausaufenthalt oder der Einzug in eine Pflegeeinrichtung 
ist z. B. ein  Ereignis, das Bettlägerigkeit ungewollt fördert. Viele Pa-
tienten glauben, sowie sie das ihnen zugewiesene Zimmer betreten,  
in den Schlafanzug schlüpfen und sich ins Bett legen zu müssen. »Wo 
soll ich mich denn sonst aufhalten?« meinen sie und: »Wenn der Arzt 
kommt, muss ich doch da sein!« Im Krankenhaus im Bett zu liegen, 
wird auch vom Pflegepersonal offenbar als normaler Zustand betrach-
tet, so dass Ermunterungen, das Bett zu verlassen, wenn man nicht 
 liegen muss, meist ausbleiben. In einer Befragung kam heraus, dass 
manche Patienten, die noch in der Untersuchungsphase waren, nach  
einer Woche unfähig waren aufzustehen – obwohl sie zunächst nur zur 
Untersuchung ins Krankenhaus gekommen waren.

Der Einzug in eine Pflegeeinrichtung ist für viele Menschen das 

zentrale Ereignis, das in dauerhafte Bettlägerigkeit mündet. Die 

neue Umgebung wird als Wartesaal für die letzten Monate erlebt. 

Betroffene ziehen sich immer weiter in sich zurück, geben sich auf, 

weil sie keine Perspektive mehr für sich sehen. Auch hier die Frage: 

Pflegefehler? Unterlassung? Oder in Wahrheit das ungelöste Prob-

lem einer Gesellschaft, die nicht weiß, wie man mit dem Altern 

und alten Menschen umgeht?

Phase 3: Immobilität im Raum

In dieser Phase können die Betroffenen sich zwar noch bewegen, ver-
bringen aber die meiste Zeit im Bett oder auf einem Stuhl und können 
schon bald nur noch mühsam ein paar Schritte laufen. Diese Phase 
entscheidet meist über den weiteren Verlauf. Bleibt langes Liegen und/
oder Sitzen im Sessel, das nicht krankheitsbedingt ist, unbeachtet, und 
werden keine Maßnahmen getroffen, um der drohenden Bettlägerig-
keit zuvorzukommen bzw. sie hinauszuzögern, setzt fast immer un-
weigerlich die nächste Phase ein.

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1.2 · Auf der Suche nach Definitionen

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10 

Kapitel 1 · Fehler – was ist das eigentlich?

Praxistipp

Immobilität kann lange hinausgeschoben werden, wenn man die 

Möbel im Raum so arrangiert, dass man sich gut abstützen kann, 

wenn man z. B. zur Toilette geht oder das Fenster öffnen will. In 
den Rollstuhl gesetzt zu werden, fördert nicht die Mobilität der 

 Betroffenen, denn auch im Rollstuhl sind sie ortsfixiert und schein-

mobil. 

Häufig geschehen solche Fehler aus Zeitmangel, und der Zeitmangel 
aus Personalmangel – sind es dann Pflegefehler? Unterlassungen? Un-
wissenheit?

Eine ältere Dame bekommt wegen Blasenschwäche einen Blasen-

katheter. An sich noch gut zu Fuß, schämt sie sich nun, mit dem Beutel 

in der Hand auf dem Stationsgang hin- und her zu marschieren oder 

sogar damit in das Patienten-Café zu gehen. Da bleibt sie doch lieber 

im Zimmer, da sieht sie nur die Bettnachbarin, und die hat ebenfalls 

 einen Urinbeutel. Zunächst versucht sie noch, es sich auf dem Stuhl  

an dem kleinen Tischchen bequem zu machen und Kreuzworträtsel zu 

lösen. Dann aber schmerzt ihr zunehmend der Rücken, weil der Stuhl 

unbequem ist. Also zieht sie sich ins Bett zurück – da liegt sie einiger-

maßen entspannt, nur mit dem Kreuzworträtselraten will es nicht so 

recht gehen. Schließlich liegt sie nur noch, die Hände auf der Bett-

decke, vor sich hin träumend im Bett. In der Folgewoche kann sie es 

ohne Hilfe nicht mehr allein verlassen.

Phase 4: Ortsfixierung

Menschen in dieser Phase können sich nicht mehr ohne Hilfe aus dem 
Bett oder ihrem Sessel erheben und herumlaufen, sie sind »wie an-
gekettet, festgenagelt«. Diese Phase des Nicht-von-allein-Wegkönnens 
ist entscheidend, denn sie mündet direkt in die letzte Phase, die Bett-
lägerigkeit. Selbst dann, wenn die Betroffenen im Sinne einer zu eng 
gefassten Auffassung von Mobilisierung täglich kurz aus dem Bett he-
rausgesetzt wurden.

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Praxistipp

Die wenigen Schritte zum Toilettenstuhl oder dem WC sind extrem 

wichtig. Nicht nur aus Gründen der Mobilität, auch aus Gründen 

der Würde. Fast alle Menschen gehen ein Leben lang selbstständig 

zur Toilette. Das aufgeben zu müssen, bedeutet für die meisten 

 einen Verlust an Autonomie und Würde. Statt der Frage nach 

einem Pflegefehler sollten hier die strukturellen Ursachen dafür 

beleuchtet werden! 

Phase 5: Bettlägerigkeit

Nun wird das Bett gar nicht mehr verlassen. Viele Patienten beschrei-
ben weitere Veränderungen, die sie in dieser Phase erleben:

es wird vermehrt über sie als mit ihnen gesprochen,
es wird »von oben nach unten« mit ihnen gesprochen.

Beides führt dazu, dass sie sich weniger ernst genommen fühlen. Hinzu 
kommt, dass die feste Bettlägerigkeit keinen Rückzug erlaubt – alles 
wird im Bett verrichtet, und für alles wird immer öfter Hilfe gebraucht.

Aus Rücksichtnahme auf die Verhältnisse und die Pflegenden 

 machen Bettlägerige oft keine Ansprüche geltend – man will das 

Pflegepersonal »ja nicht dauernd stören«.

Zeitmangel und fehlende Konzepte

Bettlägerigkeit im Sinne eines unerwünschten Dauerliegens kann für 
den Betroffenen katastrophale Folgen haben: nicht nur vermeidbare 
Folgeerkrankungen, sondern auch die oft unwiederbringlich verlorene 
Fähigkeit, aktiv seinen Alltag gestalten zu können.

Das Risiko, als Patient in einer Einrichtung zu einem bettlägerigen 

Pflegebedürftigen zu werden, hat dabei ganz verschiedene Ursachen, 
zum Beispiel:

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1.2 · Auf der Suche nach Definitionen

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Kapitel 1 · Fehler – was ist das eigentlich?

Faktor Unwissenheit

Vielen Pflegenden ist überhaupt nicht bewusst, dass Bettlägerigkeit 
kein Schicksal ist, sondern oft die logische Folge mangelnder und 
 zunehmend eingeschränkter Mobilität. Der aus dem 19. Jahrhundert 
stammende Irrglauben, »Betthüten« selbst sei eine Heilmaßnahme, 
verstellt den Blick auf die schlimmen Folgen zu langen Betthütens. Die 
zunehmende Schwäche eines Patienten, zu der es dadurch kommen 
kann, wird nicht als Folge zu langen Liegens erkannt, sondern als deren 
Ursache missverstanden.

Faktor fehlende Konzepte

Viele Pflegende kennen keinerlei Konzepte für die Mobilisierung von 
Patienten. Aktivitäten, die sich dazu eignen sollen, den Patienten  
»aus dem Bett zu bekommen«, taugen oft genug nur dazu, ihm Angst 
zu machen. Da wird im Hauruck-Verfahren aus dem Bett gezerrt, 
 während der Kranke in dauernder Furcht ist, den Halt zu verlieren und 
zu stürzen. 

Faktor fehlende Zeit

Die Zeittaktung der ambulanten wie auch der stationären Pflege steht 
oftmals im krassen Widerspruch zu dem, was es braucht, um Bettläge-
rigkeit vorzubeugen – ein paar Minuten für eine professionelle Mobili-
sation reichen einfach nicht aus!

Bettlägerigkeit vermeiden

Auf Seiten der (Alten-)Pflege gilt es, überholte Vorstellungen aufzu-
geben: Alt oder krank zu sein bedeutet nicht automatisch, fest das Bett 
hüten zu müssen. 

Unsere Sprache ist verräterisch, was unsere Vorstellungen von 

Krankheit und Alter betrifft und die Hauptrolle, die das Liegen 

 dabei spielt: Da wird jemand »verlegt«, wartet auf »ein Bett« im 

Krankenhaus, die Politik spricht von der »Liegedauer« im Kranken-

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haus, das Krankenhaus von »Belegung« und seiner »Bettenzahl«. 

All diese Begriffe tun so, als sei Liegen der Normalzustand bei Alter 

oder Krankheit.

Während einerseits berücksichtigt werden muss, dass manche Men-
schen einfach liegen wollen (und es ihnen vielleicht sogar zur »Da-
seinsstrategie« wird), muss gegenwärtig sein, dass Bettlägerigkeit selbst 
ein Gesundheitsrisiko ist, das vermieden oder lange, lange hinausge-
zögert werden sollte. 

Praxistipp

Zeit für den Transfer: Wenn Patienten für Bewegung im Raum 

Hilfe benötigen, braucht es Zeit und Geduld seitens der Helfer. 

Hast kann dazu führen, dass Patienten befürchten, Pflegeper-

sonen hätten keine Zeit für sie. Und fehlende Technik wieder-

um kann für die Patienten schmerzhaft sein, wenn anstelle 

eines sicheren und kompetenten Transfers gezerrt und geruckt 

wird. Kinästhetik bietet hier ein geeignetes Transferkonzept.

Zeit für das An- und Ausziehen: Sich an- und auszukleiden ist 

kein Luxus, sondern etwas, das Patienten ein Leben lang be-

herrscht haben – es sollte auch in Einrichtungen gefördert und 

unterstützt werden.

Eigenaktivitäten, z. B. der Kauf einer Zeitschrift am Kranken-
hauskiosk, sollten aktiv unterstützt und nicht aus falsch ver-

standener Hilfsbereitschaft für den Patienten erledigt werden. 

Es sei denn, er bittet darum, weil er etwas nicht selbst tun kann.

Biografiearbeit: Auch alte Menschen brauchen Sinn

Die psychischen Folgen von Bettlägerigkeit sind mit einem Verlust an 
Lebenssinn zu beschreiben. Hier unterscheiden sich die verschiedenen 
Einrichtungen ganz erheblich – Verwahrung statt Sinnerhaltung und 
Sinngebung ist aber leider manchmal die traurige Realität. Dabei sind 
Anknüpfungspunkte an das, was individuell als Sinn und damit Lebens-
freude spendend erlebt wird, da! Man findet sie, wenn man Betroffene 
nach ihrer Biografie fragt und nach dem, was sie als sinnvolle Tätig-

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1.2 · Auf der Suche nach Definitionen

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14 

Kapitel 1 · Fehler – was ist das eigentlich?

keiten in ihrem Leben beurteilen. Biografiearbeit kann Menschen nicht 
nur vor Immobilität und deren Folgen schützen, sie kann sie sogar aus 
ihrer Immobilität herauslocken – wenn sie an das anknüpft, was im Le-
ben Orientierung und Sinn gestiftet hat. Dass hier geeignete Konzepte 
nicht gekannt, nicht umgesetzt oder schlicht in ihrer Bedeutung nicht 
wahrgenommen werden: Soll das ein Pflegefehler sein? Oder zeigt es 
nicht vor allem, dass eine Gesellschaft die Umkehrung der Alterspyra-
mide (noch) nicht verdaut und keine lebensweltlich wirksamen Sinn-
konstrukte dafür entwickelt hat? Sinngebung und Sinnerhaltung durch 
Biografiearbeit kann Lösung im individuellen Fall sein. Wie eine Ge-
sellschaft als Ganzes in diesem Zusammenhang fällige Sinnfragen löst 
– das bleibt weiterhin eine spannende Frage.

Fazit

Was ein »Pflegefehler« ist, muss aus der Pflege heraus definiert 

werden. Am Beispiel der Bettlägerigkeit wurde diskutiert, wie eine 

Reihe von Verkettungen und Missverständnissen dazu führt, dass 

Menschen ungewollt und nicht durch ihren Gesundheitszustand 

bedingt bettlägerig werden können, ohne dass der Begriff »Pflege-

fehler« richtig greifen würde.

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15

Meine Geschichte: Peter Bechtel

Vorsitzender des Verbandes Bundesarbeitsgemeinschaft Leitender  

Pflegepersonen e.V. (BALK) 

»Ich tat, wie mir geheißen – und hätte beinahe den Tod  

eines Patienten herbeigeführt«

Hätte ich mich damals anders verhalten sollen, anders verhalten 

 können? Ja und Nein. Ich war im 2. Ausbildungsjahr und auf der Inten-

sivstation eingesetzt. Einer meiner Patienten war ein etwa 40-jähriger 

alkoholkranker Mann, der über einen Infusiomaten Distraneurin i. v. 

appliziert bekam. Distraneurin wirkt nicht nur gegen die Entzugs-

erscheinungen, es galt damals auch als Mittel der Wahl, um dem 

 gefürchteten Delirium tremens vorzubeugen. Bei der Übergabe  

gab man mir den Auftrag, immer dann, wenn der Patient unruhig 

oder wach würde, das Rädchen am Infusiomaten ein bisschen höher 

zu drehen und kurzzeitig die Distraneurin-Dosis zu steigern und 

 anschließend das Rädchen wieder herunterzudrehen.

Auf einmal rannten alle

Ich tat, wie mir geheißen war. Und war zu Tode erschrocken, als 

 plötzlich das gesamte Personal der Intensivstation an das Bett des Pa-

tienten gerannt kam und Wiederbelebungsmaßnahmen – Intubation, 

maschinelle Beatmung usw. – einleitete. Auf dem zentralen Über-

wachungsmonitor war zum Entsetzen meiner Kollegen plötzlich eine 

Nulllinie erschienen, die den Atem- und Kreislaufstillstand meines 

 Patienten angezeigt hatte. Dank der Versiertheit und Erfahrenheit des 

Pflegepersonals ist dem Patienten glücklicherweise nichts passiert, er 

konnte buchstäblich ins Leben wieder zurückgeholt werden. Durch 

einen Fehler, den ich aus Unwissenheit begangen hatte, hatte ich das 

Leben des Patienten in Gefahr gebracht. Denn was ich nicht wusste 

und worauf mich auch niemand vorbereitet hatte: Distraneurin kann 

bei zu hoher Dosierung zum Atemstillstand und damit einem lebens-

bedrohlichen Zustand führen!

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Verantwortung muss man nicht nur tragen wollen,  

sondern auch können

Heute weiß ich das natürlich, aber damals, im 2. Ausbildungsjahr, 

 hätte man mich darauf vorbereiten müssen, mir sagen: Vorsicht! Das 

kann ins Auge gehen! Stattdessen machte man mir Vorwürfe. Sicher-

lich hätte ich damals fragen sollen: Was kann schlimmstenfalls passie-

ren? Worauf muss ich achten, wenn ich die Dosis steigere? Ich hatte 

Verantwortung übernommen, die ich eigentlich noch gar nicht tragen 

konnte! War mir dessen nicht einmal bewusst!

 

Dieser Vorfall war sehr prägend für meinen weiteren Berufsweg. 

Ich lernte daraus, niemals einfach zu machen, was man mir sagt, 

 einfach nur Anweisungen zu befolgen, sondern nachzufragen, mich 

kundig zu machen, auch den Mut zu haben, Nein zu sagen. Und ich 

habe gelernt, wie wichtig es ist, bei Fehlern nicht nur einfach nach 

Schuldigen zu suchen, sondern sie zu analysieren, herauszufinden, 

wie sie passieren konnten. Denn nur so kann man Fehler auch ver-

meiden.

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17

Fehler dürfen nicht 
 individualisiert  werden!

Zur Situation in den Pflegeberufen

Sabine Girts

Wenn von »Fehlern« und »Fehlermeidung« im Bereich der Gesund-

heitsversorgung gesprochen wird, richtet sich der Blick häufig auf  

das persönliche Fehlhandeln einzelner, konkreter Akteure. Der Frage, 

welche Bedeutung die Rahmenbedingungen für das Auftreten von 

unerwünschten Ereignissen haben, soll mit diesem Beitrag nachge-

gangen werden. Grundlage dieser Ausführungen sind die Ergebnisse 

des Pflege-Thermometers 2009, für das mehr als 10.000 Pflegekräfte, 

die in Krankenhäusern in Deutschland arbeiten, zur beruflichen Situa-

tion und Patientenversorgung befragt worden sind. Diese Studie, die 

von der B.-Braun-Stiftung unterstützt wurde, ist die größte zusammen-

hängende Befragung von Pflegekräften in Deutschland und wurde am 

19.05.2010 in Berlin im Rahmen einer Pressekonferenz der Öffentlich-

keit vorgestellt.

2.1

   Weniger Pflegekräfte – mehr Patienten 

Zunächst die gute Nachricht: Seit 2008 wurde in den allgemeinen 
Krankenhäusern erstmals seit 12 Jahren Personal im Bereich der Pflege 
aufgestockt – 1.840 Vollkräfte wurden zusätzlich eingestellt. Das ent-
spricht 0,7%. Damit wurde zum ersten Mal seit 1996 der Personalabbau 
in den Krankenhäusern gestoppt, der dazu geführt hatte, dass zwischen 
1996 und 2008 ca. 50.000 Vollkraftstellen in der Krankenhauspflege 
 abgebaut worden sind. Und das ist die schlechte Nachricht, denn dieser 
Stellenabbau beschreibt im Ergebnis nichts anderes als einen chroni-
schen Mangel an Pflegekräften im Krankenhaus.

2.1 · Weniger Pflegekräfte – mehr Patienten

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18 

Kapitel 2 · Fehler dürfen nicht individualisiert werden!

Die logische Folgerung, dass vor dem Hintergrund des Abbaus an 

Pflegepersonal immer weniger Personal immer mehr Patienten zu ver-
sorgen hat, gewinnt umso mehr an Bedeutung für den Alltag in der 
Pflege, als die Zahl der behandelten Patienten im gleichen Zeitraum 
kontinuierlich angestiegen ist: Lagen die Fallzahlen in den allgemeinen 
Krankenhäusern 1995 noch bei rund 15,6 Millionen, waren es 2008 
schon 17,5 Millionen. Ursache für diesen Anstieg um immerhin 12,1% 
ist die kürzere Verweildauer der Patienten im Krankenhaus. Damit ist 
allein von 2007 auf 2008 die von einer Pflegekraft zu betreuende Fall-
zahl von 59 auf 61,5 Fälle angestiegen.

Abb. 2.1.  Entwicklung der Pflegekräfte zwischen 1995 und 2008. Zwischen 1995 und 

2008 sinkt die Anzahl der Pflegekräfte um 14,2%. Im gleichen Zeitraum wird die Verweil-
dauer der Patienten um nahezu ein Viertel (24,6%) reduziert, während die Fallzahl um 
12,1% ansteigt [14]. Zum Vergleich: Die Zahl der Ärzte hat um ein gutes Viertel (26%) zu-
genommen – eine Entwicklung, die auch Folge einer zunehmend verdichteten und inten-
siveren medizindiagnostischen Arbeit ist. Im Pflegebereich bedeutet die Zunahme ärzt-
licher Arbeit zumeist auch eine Zunahme von Betreuungsaufwand, der von einer sinken-
den Zahl an Pflegekräften zu leisten ist.

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19

Personalabbau: Die Jungen trifft es am ehesten

Der Stellenabbau von 50.000 Vollkräften wurde zu einem Gutteil 
 dadurch realisiert, dass junge Menschen nach der Ausbildung nicht 
übernommen wurden. Dadurch verschob sich die Altersstruktur im 
Krankenhaus hin zu den älteren Pflegenden. In Zahlen ausgedrückt: 
Während zwischen 2000 und 2008 die Zahl der Beschäftigten, die 
 unter 35 waren, um 50.000 (–15%) gesunken ist, hat sich in der 
 gleichen Zeit die Beschäftigtengruppe der über 50-Jährigen nahezu 
verdoppelt auf 171.000 Mitarbeiter!

Die stetig anwachsende Arbeitsbelastung bzw. Überforderung ver-

suchen offenbar viele Pflegende durch eine Reduzierung ihrer Arbeits-
zeit zu kompensieren: Waren es im Jahr 2000 noch 34,71% Teilzeitbe-
schäftigte, so hat sich diese Zahl 2008 auf 45,7% erhöht. Und 2009 gab 
immerhin jede vierte für das Pflege-Thermometer befragte Pflegekraft 
an, eine Reduzierung ihrer Arbeitszeit aufgrund von Überforderung 
anzustreben.

Dauerbelastung die Regel und nicht die Ausnahme

Welche Folgen Stellenabbau und steigende Arbeitslast für die Beschäf-
tigten in der Gesundheits- und Krankenpflege haben, lässt sich an 
 objektiven Daten ablesen: So belegen Auswertungen verschiedener 
Krankenkassen und Rentenversicherungsträger, dass Pflegekräfte in 
der Gruppe der über 50-Jährigen etwa doppelt so häufig wie andere  
sozialversicherungspflichtig Beschäftigte aufgrund psychischer und 
physischer Erkrankungen zeitweilig arbeitsunfähig werden. Das 
 Gleiche gilt für Frühberentung inklusive Erwerbsminderung.  
Das Pflege-Thermometer 2009 führt als objektive Belastungsdaten  
auf:

Zunahme der zu betreuenden Patienten,
Personalabbau,
Überstunden,
Einspringen an (eigentlich freien) Wochenenden und Feiertagen.

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2.1 · Weniger Pflegekräfte – mehr Patienten

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20 

Kapitel 2 · Fehler dürfen nicht individualisiert werden!

Jede/r Fünfte ist »hochbelastet«

Die Zahl der in den letzten 6 Monaten geleisteten Überstunden bezif-
fern 40% der Befragten mit 46–70! Umgerechnet entspricht das 15.000 
zusätzlichen Vollzeitkräften! Mehrheitlich können die Überstunden 
nicht zeitnah wieder abgebaut werden. Vor diesem Hintergrund haben 
die Forscher des Pflege-Thermometers 2009 eine Untergruppe von so 
bezeichneten »hochbelasteten« Pflegenden identifiziert, deren Arbeits-
alltag direkt von einerseits dem Stellenabbau und andererseits der 
 Zunahme der Patientenzahlen bestimmt wird. Hinzu kommt, dass die 
Überstunden nicht zeitnah durch Freizeit ausgeglichen werden 
 können. Jede fünfte Pflegeperson muss zu der Untergruppe der Hoch-
belasteten gerechnet werden!

»Bei dieser Gruppe (der Hochbelasteten, Anm. d. Autorin.) lassen sich 

in der Folge Unterschiede zur Gesamtgruppe hinsichtlich der Patienten-
versorgung und -sicherheit aufzeigen
,« heißt es im Pflege-Thermometer 
2009 [32].

Pflegeberufe verlieren an Attraktivität

Zu dem wirtschaftlich begründeten Stellenabbau hinzu kommt ein 
steigender Trend zu einem nachlassenden Interesse am Pflegeberuf. 
Entsprechend ist auch die Nachfrage nach Ausbildungs- und Arbeits-
plätzen rückläufig. Ursachen für die sinkenden Bewerberzahlen im 
Ausbildungsbereich und um Arbeitsplätze werden nicht nur in der 
 demografischen Entwicklung (überalterte Bevölkerung und Geburten-
rückgang) gesehen. Auch die unattraktiven Arbeitsbedingungen und 
ein verbesserungsbedürftiges Image der Pflegeberufe in der Bevölke-
rung werden dafür verantwortlich gemacht.

Die Personal- und Ausbildungssituation der Pflegeberufe wird sich 

also in den nächsten Jahren weiter dramatisch zuspitzen. Die zuneh-
mende Knappheit von beruflich Pflegenden wird Folgen für die Sicher-
stellung der pflegerischen Versorgung der Bevölkerung haben. Unsere 
Gesellschaft erwartet aber auch bei immer knapper werdenden Res-
sourcen eine optimale Versorgung zum günstigen Preis.

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21

In den Krankenhäusern wurden in den letzten 15 Jahren rund 

50.000 Vollkraftstellen abgebaut. Mit einem von der Bundesregierung 
aufgelegten Pflege-Förderprogramm sollen in den nächsten drei Jahren 
bis zu 17.000 zusätzliche Pflegepersonalstellen in den Krankenhäusern 
geschaffen werden, die zu 90% durch die Krankenkassen finanziert 
werden können. Das bedeutet, dass heute vakante Stellen jetzt noch 
nicht besetzt werden können. Die Folge ist ein hoher Bedarf an pflege-
rischem Personal, der zu einem scharfen Wettbewerb um qualifizierte 
Pflegekräfte führt.

2.2

  Stellenabbau: Patienten gefährdet,  

Fehlerrisiko erhöht

Wirtschaftliche Ziele, die ja auch jede Gesundheitseinrichtung hat, 
werden über einen quantitativen Leistungsdruck auf die Mitarbeiter 
der Pflegeberufe versucht zu realisieren. Die Ergebnisse des Pflege-
Thermometers 2009 zeigen eindrucksvoll, wie sich das auf die Qualität 
der Patientenversorgung und -sicherheit auswirkt. Der Studie zufolge 
stellen die festgestellten Mängel mittlerweile den Regelfall dar. Jeder 
weitere Abbau in der Pflege verschärft also die Gefährdung der Patien-
tensicherheit und erhöht das Fehlerrisiko. 

Neben den berechtigten Aspekten der Wirtschaftlichkeit von 

 Gesundheitseinrichtungen wurden die Bedürfnisse der für die direkte 
pflegerische Versorgung verantwortlichen und zuständigen Personen 
komplett außer Acht gelassen. In Anbetracht des guten Willens und 
der Einsatzbereitschaft der Pflegenden, ihr Bestes für Patienten oder 
Bewohner in unserem Gesundheitswesen geben zu wollen, erscheint 
dies als paradox. Das Pflege-Thermometer stellte unter anderem fest, 
dass »die verbliebenen Pflegekräfte aber versuchen, die Versorgung für 
alle Patienten so gut wie irgend möglich aufrecht zu halten.« [14].

2.2 · Stellenabbau

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22 

Kapitel 2 · Fehler dürfen nicht individualisiert werden!

2.3

  Welche Lösungen werden diskutiert?

Der Gesundheitswirtschaft stehen vielfältige Lösungskonzepte zu 
 Verfügung, um ihre wirtschaftlichen Ziele zu realisieren. Beispielsweise 
die Umsetzung von Qualitätsmanagement und die Einführung von 
 Expertenstandards. 

Als grundlegende Voraussetzungen für die Erreichung dieser Ziele 

sind allerdings ständige Fort- und Weiterbildungen notwendig, weil 
sich die Ziele dauerhaft nur mit Hilfe gut ausgebildeter Mitarbeiter 
 erreichen lassen. Und: Es bedarf aussagekräftiger Studien, um die Um-
setzung und Auswirkungen von Weiterbildungsinhalten bewerten zu 
können. Das Pflege-Thermometer 2009 weist auf diesen Umstand hin: 
Es gibt zum Beispiel keine Daten darüber, welche Kliniken Wund-
manager einsetzen und mit welchem Erfolg für die Wundversorgung 
[14]. Zu klären wäre hier auch, inwieweit Fortbildungsinhalte aufgrund 
der prekären Personalsituation überhaupt in der Pflegepraxis greifen 
können.

Ressourcen müssen zur Verfügung gestellt werden

Damit die Strategie einer fachgerechten pflegerischen Versorgung und 
die damit verbundenen Ziele überhaupt umgesetzt werden können, 
müssen Politik und ihre verantwortlichen Verhandlungspartner die 
nötigen Ressourcen nicht nur ständig ermitteln, sondern auch zur 
 Verfügung stellen. Außerdem ist es heute notwendiger denn je, die er-
forderlichen Grundinformationen über pflegerische Handlungsfelder, 
Berufsbilder und Ausbildungsgänge zentral aufzubereiten und in 
einem Gesamtkonzept zu bündeln. Andernfalls besteht die Gefahr, 
dass aufwändige Konzepte fehlgesteuert verpuffen.

Pflege braucht Wertschätzung und angemessene Honorierung

Noch mehr Menschen als heute werden in Zukunft auf eine pflege-
rische Versorgung angewiesen sein. Pflegerische Tätigkeiten sind hoch 
komplex. Leider werden sie (nicht nur) in der Öffentlichkeit als eher 

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persönlich individuelle denn als fachliche Leistungen verzerrt dar-
gestellt. Damit aber befürchtete und bereits öffentlich thematisierte 
 Krisen verhindert werden können, sollte ein wichtiges gesellschaft-
liches Ziel werden, die entsprechende Wertschätzung, das gewünschte 
Image der Pflegeberufe und die damit verbundene angemessene Hono-
rierung zu unterstützen.

Zudem muss beachtet werden, dass der demografische Wandel 

 sogar doppelt im Gesundheitswesen angekommen ist: Einerseits finden 
sich mehr ältere und hochbetagte Patienten und Bewohner in den  
Gesundheitseinrichtungen. Andererseits steigt, wie oben gezeigt, der 
Altersdurchschnitt der Belegschaften stetig an. Wie in der Gesamtwirt-
schaft werden auch im Gesundheitswesen künftig mehr über 50-Jäh-
rige als unter 30-Jährige beschäftigt sein; schon heute sind nahezu die 
Hälfte der beruflich Pflegenden über 45 Jahre alt. Der Verbleib im 
 Pflegeberuf so lange wie möglich wird über die Aufrechterhaltung des 
Gesundheitswesens genauso mitentscheiden wie eine ausreichende 
Zahl von Berufseinsteigern. Attraktive Arbeits- und Organisationsbe-
dingungen werden dafür genauso eine Rolle spielen wie eine Strategie 
zur Erhaltung und Förderung der Arbeitsbewältigungsfähigkeit des 
Personals.

2.4

  Bei jedem Fehler ist auch das System gefordert

Jeder Fehler ist einer zu viel. Personalabbau, stetig steigende Arbeits-
belastung und schon 20% »hochbelastete« Pflegeberufler machen mehr 
denn je dringend, die Fehlerverursachung nicht zu individualisieren! 
Was zusätzlich zu einer angemessenen personellen Ausstattung ge-
braucht wird, sind Instrumente zur Arbeitsgestaltung, Gesundheitsvor-
sorge, Unternehmenskultur, Personalentwicklung und Arbeitsbewälti-
gungsfähigkeit, innerhalb derer Nachdenken, Umsetzen und Wider-
spruch bei Fehlerstrategien möglich sein müssen. 

Jeder weiß heute, dass ohne Fehler keine Entwicklung und kein 

Lernen möglich ist. Ein Fehler ist eine Interpretation, eine Frage der 
gewählten Perspektive. Die Tatsache, dass den meisten Fehlern ganze 

2.4 · Bei jedem Fehler ist das System gefordert

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24 

Kapitel 2 · Fehler dürfen nicht individualisiert werden!

Kaskaden unerwünschter Vorfälle vorausgehen, lässt ahnen, wie 
schlecht man beraten wäre, würde man sich nach dem Motto »den 
Letzten beißen die Hunde« nur auf den »sichtbaren«, benennbaren 
Fehler am Ende einer Kette konzentrieren.

2.5

  Wer aufhört zu jammern, handelt

Hat man in seinem Beruf Erfolg, gewinnt man Selbstbestätigung, Mut 
und Energie. Erfährt man eine Niederlage, können aus dieser Erfah-
rung Anregungen für bessere Ideen hervorgehen. Gewinnt diese Sicht-
weise die Oberhand, kann man nicht nur aus Fehlern lernen, etwas 
besser zu machen. Man bekommt auch das Selbstvertrauen, sich kennt-
nisreich und kompetent für Bedingungen einzusetzen, die Fehler-
risiken mindern und damit Kranke und Verletzte schützen. Die beruf-
liche Situation, so wie sie jetzt ist – Personalnot, Arbeitsüberlastung –, 
ist von den meisten von uns so nicht unbedingt gewählt. Aber für die 
Schlüsse, die wir daraus ziehen, sind wir selbst verantwortlich. Gerade 
hier liegt die große Chance: Wer aufhört zu jammern, handelt. Wer 
 bewusst wählt, übernimmt Verantwortung für alle Konsequenzen.  
Wer Verantwortung übernimmt, übernimmt die Regie für sein Leben – 
das ist nichts anderes als Freiheit [31]. Die Verantwortung für die 
 eigene Motivation und Leistungsbereitschaft im Pflegeberuf muss jeder 
selbst für sich übernehmen [32].

Fazit

Pflege ist ein zukunftsorientierter Beruf, wenn diejenigen, die ihn 

ausüben, das professionell mit »Herz und Seele« tun. Eine Vielzahl 

von Bedingungen, vom Stellenabbau über Personalnot bis hin zu 

Fragen des Image der Pflege in der Öffentlichkeit, fördern das 

 Risiko von pflegebedingten Fehlern. Hier gilt es, nicht zu resignie-

ren, sondern sich aktiv und selbstbewusst für Verbesserungsmaß-

nahmen einzusetzen. Dem Pflegeberuf selbst gehört die Zukunft!

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25

Meine Geschichte: Martina Klenk

Präsidentin des Deutschen Hebammenverbandes e.V.

»Hebammen und Fehler?!? – Das geht gar nicht!«

Gleich vorab: Natürlich passieren Hebammen auch Fehler! Und natür-

lich ist es sehr wichtig, Fehler frei und offen eingestehen zu können. 

Denn Fehler sind eine Ressource – nämlich zu lernen, wie man es 

 besser machen kann.

 

Wir Hebammen sind in den letzten Jahren in eine schlimme 

 Zwickmühle geraten. Gerade zur Zeit, wo langwierige Verhandlungen 

 klären sollen, wie sich Hebammen für den Schadensfall vernünftig 

und ausreichend absichern können, scheint eine offene Debatte über 

Fehler als Beitrag zu einer so dringend notwendigen Fehlerkultur in 

Deutschland schwieriger denn je.

 

Die Gründe dafür liegen nur auf den ersten Blick bei den Heb-

ammen und ihrer Arbeit. Bei genauerem Hinschauen zeigt sich,  

dass der Konflikt zwischen eventuell folgenreichen Fehlern auf Seiten 

der Hebammen und der Frage nach dem Versicherungsschutz unserer 

kleinen Berufsgruppe in Wahrheit ein gesellschaftliches Problem 

 enthüllt.

 

Beginnen wir der Reihe nach: Jede in einem Gesundheitsberuf 

 tätige Person – ob eine Ärztin, ein Pfleger oder eben eine Hebamme – 

braucht eine vernünftige rechtliche und finanzielle Absicherung  

für den Fall, dass ein Mensch aufgrund eigenen Fehlverhaltens zu 

 Schaden kommt. Noch 1992 reichte für diesen Versicherungsschutz 

eine in Euro umgerechnete Summe von 187,95€, die eine freiberuf-

liche Hebamme im Jahr zu entrichten hatte. Bis 2009 ist der Versiche-

rungsbeitrag um mehr als das 12-fache angestiegen auf 2.370 € im 

Jahr! Eine Summe, die in keinem Verhältnis mehr steht zum Einkom-

menszuwachs einer freiberuflichen Hebamme.

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Hebammen können die Folgen gesellschaftlichen Wandels  

nicht allein tragen

Machen Hebammen mehr Fehler als früher? Sind die Kindseltern im 

Schadenfall streitlustiger geworden? Hebammen machen nicht mehr 

Fehler als früher. Aber Eltern klagen heute mehr. Der Grund liegt 

 außerdem in den Fortschritten von Medizin und Medizintechnik, die 

als Kehrseite Schadenssummen in horrende Höhen treiben. Kinder, 

die aufgrund eines geburtshilflichen Fehlers zu Schaden gekommen 

sind, leben heute sehr viel länger, als das noch vor einigen Jahren der 

Fall war. Vielleicht mit lebenslänglichen gesundheitlichen Einschrän-

kungen, die dann Jahrzehnte lang finanziert werden müssen und 

auch sollen. Und das will – und kann! – kaum eine Versicherung so 

ohne weiteres tragen. Aber auch nicht eine so vergleichweise kleine 

Berufsgruppe wie wir! 20.000 Hebammen in Deutschland können 

nicht allein dafür geradestehen, dass der begrüßenswerte und er-

freuliche Gewinn von mehr und besseren Jahren auch dann, wenn es 

bei der Geburt zu einem Schaden gekommen ist, finanziert werden 

kann. Hier müssen Regelungen her, die auch von den Hebammen  

zu tragen sind – nicht zuletzt, um wieder zu einem offenen und fairen 

Diskurs über Fehler- und Risikomanagement zu finden, der für die 

Hebammen genauso wichtig ist wie für alle anderen Gesundheits-

berufe.

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27

Hohe Arbeitsbelastungen:  
Was Sie tun können

Gertrud Stöcker

Das Ansehen, das die Krankenpflege hierzulande genießt, ist ausge-
sprochen hoch: 92 Prozent der Deutschen geben an, ihr Vertrauen in 
diese Berufsgruppe sei »sehr hoch« oder »ziemlich hoch«. Nur Feuer-
wehrleute schneiden noch ein kleines bisschen besser ab, Ärzte und 
Apotheker dagegen rangieren etwas unterhalb der Krankenpflege [12].

Aber wie sehen Angehörige dieser Berufsgruppe selbst ihre Situa-

tion? Wie erleben sie selbst den Alltag in der Pflege? Der Deutsche 
 Berufsverband für Pflegeberufere (DBfK) hat dazu zwischen Oktober 
2008 und Februar 2009 eine Umfrage bei Pflegekräften durchgeführt. 
Die Ergebnisse sind alles andere als rosig [13]:

Knapp 70% geben an, die Pflegequalität in den Krankenhäusern 
habe in den zurückliegenden 12 Monaten abgenommen.
Mehr als 

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5

, nämlich 83,2%, sind der Meinung, dass die Perso-

nalausstattung nicht ausreiche.
Fast die Hälfte aller Befragten (45,5%) berichten, dass sie selten bis 
nie eine ungestörte Pause nehmen könnten.

Auch die innerbetrieblichen Abläufe zeigen der DBfK-Umfrage zufolge 
deutliche Defizite zum Beispiel im Bereich der Kommunikation:

Rund 75% der Befragten halten den Informationsfluss für häufig 
bis oft unzureichend.
44,1% berichten, Informationen mehrmals die Woche verspätet zu 
bekommen.
Mehr als 

2

/

3

 der Befragten, (67,9%) erhalten häufig bis oft unklare 

Anweisungen.

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4

4

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3 · Hohe Arbeitsbelastungen

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28 

Kapitel 3 · Hohe Arbeitsbelastungen:  Was Sie tun können

3.1

  Leider nicht die Ausnahme: Mängel in der Pflege

Die Zunahme der Arbeitsbelastung durch den massiven Stellenabbau 
im Bereich der Krankenhauspflege – seit 1996 ist die Vollzeitstellenzahl 
um 55.000 zurückgegangen – belastet die Beschäftigen und gefährdet 
eine qualitativ hochwertige Versorgung der Patienten. Zu diesen alar-
mierenden Ergebnissen kommt das Deutsche Institut für angewandte 
Pflegeforschung e.V., kurz dip, in seinem Pflege-Thermometer 2009 
[14]. Prof. Michael Isfort, der Leiter der Studie, sieht durch den Stellen-
abbau in der Krankenhauspflege die Versorgung der Patienten in Ge-
fahr – »Mängel in der pflegerischen Versorgung (sind) nicht mehr die 
Ausnahme, sondern die Regel« [28]. Ausdrücklich lobt Isfort die Pflege-
kräfte, die »die Versorgung der Patienten trotz der schwierigen Bedin-
gungen so gut wie irgend möglich aufrecht zu erhalten« suchten [28].

Die Frage nach den Ursachen und möglichen Vermeidungsstra-

tegien von Fehlern ist damit v. a. auch eine Frage der Versorgungskapa-
zität und der Arbeitsbelastung der einzelnen Akteure.

3.2

  Werden Sie aktiv!

Pflegekräfte werden in aller Regel nicht gefragt, wenn es um die perso-
nelle Ausstattung der Einrichtung oder der Station, auf der sie arbeiten, 
geht. Das kann man zu Recht beklagen, aber Klagen hilft in der ganz 
konkreten Situation meist nicht weiter. Es verbessert nicht die Versor-
gung der Patienten und es mindert nicht die Arbeitsbelastung der 
 Akteure  (

7

 Top im Job: Und jetzt Sie

7

 Top im Job: Nicht ärgern, ändern

). 

Der DBfK empfiehlt deshalb, sich aktiv mit der zu hohen Arbeitslast 
auseinanderzusetzen und nach Verhaltensregeln zu suchen, die sowohl 
den Patienten als auch das Pflegepersonal schützen. Hinweise dazu 
 finden sich auf unserer Website [13]. Meine weiteren Ausführungen 
möchte ich an diesen Verhaltensregeln orientieren.

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29

Dauerbrenner Zeitdruck

Personalknappheit und in der Folge zu hohe Arbeitslast wird meist  
»intuitiv« durch eine Steigerung des Arbeitstempos auszugleichen ver-
sucht. 100% der anfallenden Arbeit in 80% (oder weniger) der dafür 
nötigen Zeit zu bewältigen führt leicht dazu, dass Pflegestandards nicht 
eingehalten und Hygienevorschriften und Sicherheitsmaßnahmen ver-
nachlässigt werden. Sich Informationen zwischen Tür und Angel oder 
auf dem Gang zuzurufen prädestiniert geradezu zu Missverständnis-
sen, an deren Ende dann ein unerwünschtes Ereignis, ein Fehler stehen 
kann. Zeitdruck gefährdet die Patienten und schadet den Pflegekräften, 
die deswegen oftmals auf Hilfsmittel oder rückenschonende Arbeits-
weisen verzichten – »es muss halt schnell gehen!«

Die Verantwortung liegt bei Ihnen!

Bitte denken Sie daran: Die Durchführungsverantwortung bei jeder 
 Tätigkeit liegt in Ihrer Hand – werden Pflegestandards nicht eingehal-
ten, kann das für Sie arbeitsrechtliche und strafrechtliche Folgen haben! 
Deswegen:

Egal wie knapp die Zeit ist: Halten Sie Pflegestandards ein! Niemand 
kann Sie zwingen, aus Zeitnot bei der Einhaltung von Standards Ab-
striche zu machen.
Unterstützen Sie Ihre Kollegen bei der Einhaltung von Standards, 
weisen Sie sie ggfs. in bestehende Standards ein.

Schüler/-innen bzw. Studierende sollten ansprechen, wenn sie beob-
achten, dass auf Station praktizierte Pflege und in der Schule/Hoch-
schule gelehrte Pflegestandards auseinanderklaffen – im Pflegeteam 
und in der Schule/Hochschule.

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4

3.2 · Werden Sie aktiv!

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30 

Kapitel 3 · Hohe Arbeitsbelastungen:  Was Sie tun können

Dauerbrenner fehlende Pausen

In zwei Patientenzimmern geht die Klingel, das Telefon läutet und im 

Gang stehen Angehörige, die eine Frage haben. Wie soll man da an 

Pause denken?! Mehr als 6 Stunden ohne Erholungspause durchzuar-

beiten, deckt sich nicht mit dem Arbeitszeitgesetz.

Das Arbeitszeitgesetz sieht nämlich mindestens 30 Minuten Ruhepause 
bei einer Arbeitszeit von 6–9 Stunden und mindestens 45 Minuten bei 
mehr als 9 Stunden vor! Deswegen:

Treffen Sie Absprachen mit Ihren Kollegen, wer wann in die Pause 
geht. Und: halten Sie sich daran. Bedenken Sie, dass vernünftige 
Pausenregelungen sowohl Ihnen selbst als auch den Patienten 
 dienen, weil eine gestresste Pflegeperson nicht unbedingt eine 
 bessere Pflegeperson ist.
Auch im Nachtdienst zum Beispiel haben Sie Anrecht auf eine 
 Pause. Ihr Arbeitgeber ist verpflichtet, sich um eine entsprechende 
Pausenablösung zu kümmern.
Verbringen Sie Ihre Pause wenn möglich nicht auf Station.
Informieren Sie Ihre Vorgesetzten, wenn Sie keine Pause nehmen 
konnten. Diese Zeit muss zusätzlich vergütet werden.
Lassen Sie sich zur dauerhaften »Lösung« des Pausenproblems nicht 
auf den Pakt »Bezahlte-Mehrarbeit-gegen-Pause« ein. Das schadet 
auf Dauer der Gesundheit und hilft, strukturelle Personalknappheit 
zu verfestigen.

Dauerbrenner Überstunden

Kennen Sie das unangenehme Gefühl, nicht alle Arbeit geschafft zu 
 haben und übrig Gebliebenes an die nachfolgende Schicht weiter-
reichen zu müssen? Viele Pflegekräfte »lösen« dieses Problem, indem 
sie mehr und länger arbeiten. Arbeitsüberlastung ist aber eine der 
 wesentlichen Ursachen für das Zustandekommen von Fehlern. 
 Deswegen:

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4

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31

Machen Sie sich nicht selbst dafür verantwortlich, wenn Arbeit 
 liegen bleibt: Es ist nicht Ihre Schuld, wenn Kollegen ausfallen  
und/oder die Station permanent überbelegt und personell unter-
versorgt ist.
Lassen Sie sich moralisch nicht unter Druck setzen, immer wieder 
einzuspringen.
Gehen Sie offensiv mit Mehrarbeit und Überstunden um, sprechen 
Sie das Thema an und fordern Sie von Ihren Vorgesetzten eine 
 Lösung  dafür. 

Dauerbrenner körperliche Belastungen

Wussten Sie, dass Pflegende häufiger schwerer heben als Bauarbeiter 
(68% der Pflegenden, 54% der Bauarbeiter)? Dass z. B. Rückenschmer-
zen wie auch andere Beschwerden durch Muskel- und Skeletterkran-
kungen in den Pflegeberufen viel häufiger sind als in anderen Berufen? 
Oder dass 27% der Pflegenden angeben, oft bis an die Grenzen ihrer 
Leistungsfähigkeit gehen zu müssen? Zu diesen Ergebnissen ist näm-
lich die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (baua) 
2007 gekommen [13]. Ganz abgesehen von den gesundheitlichen 
 Folgen der körperlichen Belastungen für die Pflegenden, können 
falsche Hebetechniken zum Beispiel auch ein Risiko für die Patienten 
sein, wenn etwa beim Lagern von Bettlägerigen dadurch Scherkräfte 
entstehen, die die Dekubitusgefahr an den aufliegenden Körperteilen 
erhöhen. Deswegen:

Nutzen Sie die zur Verfügung stehenden Hilfsmittel. Auch dann, 
wenn die Zeit knapp ist.
Lassen Sie sich zeigen, wie Hilfsmittel richtig und das heißt z. B. 
 rückenschonend eingesetzt werden.
Geben Sie unverzüglich an Ihre Vorgesetzten weiter, wenn Hilfs-
mittel defekt sind oder sogar fehlen.
Nehmen Sie an Fortbildungsveranstaltungen, die schonende Ar-
beitsweisen zum Thema haben, teil.
Nehmen Sie Ihre Gesundheit ernst (

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 Top im Job: Nicht ärgern, ändern

)!

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3.2 · Werden Sie aktiv!

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32 

Kapitel 3 · Hohe Arbeitsbelastungen:  Was Sie tun können

Psychische Belastungen

Hoher Arbeits- und Leistungsdruck, hohe Anforderungen an sich 
selbst (z. B. niemals Fehler machen zu dürfen), eine fehlende Fehler-
kultur und Spannungen im Team können ebenso Quellen für psy-
chische Belastungen sein wie die Konfrontation mit dem Leid anderer. 
Den Kummer »einfach« herunterzuschlucken, ist auf Dauer aber keine 
Lösung! Deswegen:

Treten Sie im Team dafür ein, dass die psychischen Aspekte der 
 Arbeit nicht unter den Tisch gekehrt werden. Über eigene Hilflosig-
keit und Leiden am Leiden anderer muss man sprechen können.
Fordern Sie Fallbesprechungen und Supervisionen ein, wenn sie 
noch nicht zu Ihrem Pflegealltag gehören.
Tauschen Sie sich im Team über Ihr Berufsverständnis aus: Was 
sind Ihre Werte? Welche Konflikte können dadurch entstehen? etc.

3.3

  Darüber reden heißt nicht petzen

Gerade wenn man noch Lernender ist und noch nicht so »sattelfest« 
fällt es schwer, auf die genannten »Dauerbrenner-Probleme«, aber auch 
genauso auf die psychischen Herausforderungen eine eigene Antwort 
zu finden. Eine Antwort, die nicht so ausfällt, dass man, z. B. aus Angst 
vor schlechten Noten  »halt mitmacht«. Denn alle genannten Probleme 
können dazu beitragen, dass auch die Qualität der Ausbildung leidet. 
Unter Druck und ohne Pause können Arbeitsschritte oft nicht genauso 
gezeigt und erklärt werden, wie das in der Ausbildung nötig ist. Wenn 
man sich selbst fachlich noch nicht fit fühlt, neigt man ganz schnell 
dazu, etwas als eigenes Versagen zu deuten, nur weil man es noch nicht 
kann. Bitte bedenken Sie, dass Sie ein Recht auf eine gute Ausbildung 
haben. Und das bedeutet auch, dass die examinierten Kollegen sich für 
Sie Zeit nehmen können. Sprechen Sie die Stationsleitung auf Ihre 
 Beobachtungen an. Teilen Sie Versorgungsengpässe auch in Ihrer 
Schule/Hochschule mit. Auch wenn Sie das Gefühl haben, pflegerische 
Aufgaben erfüllen zu sollen, auf die Sie nicht vorbereitet sind, oder 

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33

wenn Sie erleben, dass Pflegestandards, wie Sie sie in der Schule lernen, 
in der Hektik des Stationsalltages unterlaufen werden. Mit »Petzen«  
hat das nichts zu tun, denn es geht letztendlich um die verantwortungs-
volle Betreuung von Patienten und das Vermeiden von Fehlern.

Fazit

Hohe Arbeitsbelastungen, fehlende Pausen, Überstunden, die sich 

anhäufen, psychische Belastungen und Zeitdruck sind Faktoren, 

die es schwierig machen, Pflegestandards immer einzuhalten. Das 

geht nicht nur zu Lasten der Patienten und erhöht das Risiko für 

Fehler, es tut auch den Pflegepersonen nicht gut. Verschweigen, 

aushalten, Augen zu und durch – das sind keine Lösungen! Verant-

wortung als Pflegeperson übernehmen heißt auch, Defizite offen 

anzusprechen, Missstände zum Thema zu machen und gemeinsam 

nach Lösungen zu suchen.

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3.3 · Darüber reden heißt nicht petzen

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Meine Geschichte: Rolf Höfert

Geschäftsführer des Deutschen Pflegeverbandes e.V. (DPV)

»Mein falsch eingesetztes Helfersyndrom machte mich zum Täter«

Es war die letzte OP an einem langen Arbeitstag. Die Patientin, Mitte 

70 und sehr kachektisch, hatte gerade eine Schenkelhalsoperation 

 hinter sich und befand sich, eingespannt auf dem Extensionstisch und 

sehr unbequem, noch in der Aufwachphase. Offensichtlich tolerierte 

sie den Tubus immer weniger. Alle riefen nach dem OP-Pfleger, aber 

der kam nicht. Die Frau tat mir leid: Auf dem Extensionstisch zu liegen, 

das tut schon beim Zusehen weh, wie unangenehm musste es erst 

sein, selbst darauf zu liegen?!? Weil der OP-Pfleger nicht beikommen 

wollte und ich, bevor ich als Anästhesiefachkraft tätig wurde, schon als 

OP-Pfleger gearbeitet hatte, betrat ich kurz entschlossen den OP-Be-

reich. Unterstützt von dem Oberarzt, der das Bein der Patientin hielt, 

schnitt ich beim Gipsspalten der Länge nach von der Kniescheibe bis 

fast zur Leiste auf. Von der Schnitttechnik her völlig korrekt – aber was 

wir beide, der Oberarzt und ich, nicht bedacht hatten, war der kachek-

tische Zustand der Patientin. Anstatt die Gipsstanze über einen Spalt 

zwischen Oberschenkel und Gips einzuführen, fädelte ich sie in eine 

Hautfalte der alten Dame ein und durchtrennte ihr dadurch die Haut 

bis zum oberen Rand des Gipses. Da keine Schmerzenslaute vernehm-

bar waren und die Patientin schon vorher intensiv auf dem Tubus 

 gekaut hatte, war nicht zu unterscheiden, ob das Abwehr gegen den 

Tubus oder gegen den Schnitt war. Als klar wurde, was passiert war, 

wurde die Wunde umgehend genäht und mit Antibiotika versorgt.

 

In den darauffolgenden Tagen besuchte ich die Patientin täglich  

in ihrem Zimmer, um mich zu vergewissern, dass es ihr gut ging und 

sich nicht am Ende noch die Wunde infizieren würde. Rechtliche Kon-

sequenzen ergaben sich daraus weder für mich noch für den Oberarzt 

– im Gegenteil: Die Patientin nahm es mit Humor und war stolz, eine 

viel längere Narbe als ihre drei Zimmernachbarinnen vorweisen zu 

können.

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Die richtige Technik allein genügt nicht

Der Oberarzt und ich diskutierten noch lange, was unser Fehler ge-

wesen war: Zwar war die Schnitttechnik einwandfrei, da die Patientin 

aber sehr dünn war, hätte ihr Bein während des Schnittes anders ge-

halten werden müssen – am Oberschenkel und nicht am Fuß. So hätte 

man sicherstellen können, dass zwischen Haut und Gips genügend 

Freiraum ist, um mit der Gipsstanze nicht die Haut zu verletzen.

Mein Resümee: Pflegestandards sind unabdingbar

Um die Patientin auf dem Extensionstisch nicht unnötig leiden zu 

 lassen, ist ein Fehler unterlaufen, der auch einen Mangel an Profes-

sionalität offenbart: In dem Wunsch, rasche Hilfe zu leisten, haben  

wir dem Zustand der Patientin nicht genügend Rechnung getragen. 

Die Hautfalte aufgrund ihres kachektischen Zustandes war geradezu 

prädestiniert, einem Schnitt durch den Gips im Wege zu sein. Pflege-

standards, die das Risikomanagement miteinschließen, sind unab-

dingbar – müssen natürlich erfüllt sein und auch unter Druck greifen. 

Sie fehlten damals vor 30 Jahren. Unser Druck war, wie so oft, ein 

mehrfacher: Da war die Patientin in der Aufwachphase, die durch ihr 

Kauen auf dem Tubus bereits Unbehagen signalisierte, der eigentlich 

zuständige OP-Pfleger, der nicht greifbar war, die Erschöpfung seitens 

des Personals einschließlich des Oberarztes und der Wunsch, schnell 

zu helfen.

 

Was man damals vor über 30 Jahren lernte war, wie man etwas 

korrekt tut. Was man nicht lernte, waren auf unterschiedliche Situa-

tionen angepasste Pflegestandards. Dass man zum Beispiel nach  

einer Oberschenkelhals-OP den Gips bei einem kachektischen Patien-

ten etwas anders spalten muss als bei einem normalgewichtigen – 

das muss man intus haben, es muss einem in Fleisch und Blut über-

gegangen sein, damit man es im Ernstfall abrufen kann. Risiko-

management ist daher ebenso wichtig wie das Erlernen der Pflege, 

denn nur dann kann man sich nicht nur verantwortlich fühlen, son-

dern auch verantwortlich handeln.

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Kapitel 4 · Reaktionen von Pflegenden auf ein Fehlergeschehen

Reaktionen von Pflegenden 
auf ein Fehlergeschehen

Henning Cramer, Monika Habermann

Bis vor kurzem lagen kaum empirische Erkenntnisse über Einschät-
zungen von Pflegenden in Deutschland zum Thema »Fehler« vor. Eine 
Untersuchung des Zentrums für Pflegeforschung und Beratung der 
Hochschule Bremen (ZePB) unter der Leitung von Prof. Dr. Monika  
Habermann hat diese Lücke nun geschlossen (»Pflegefehler, Fehlerkultur 
und Fehlermanagement in stationären Versorungseinrichtungen«, s. a. 
www.zepb.de): Im Jahr 2007 wurden mit 18 Pflegenden aus Kranken-
häusern und Pflegeheimen teilstrukturierte Interviews zu verschiedenen 
Aspekten von »Pflegefehlern, Fehlerkultur und Fehlermanagement in 
stationären Versorgungseinrichtungen« geführt. Ein Jahr später wurden 
1.100 Pflegende aus 30 Krankenhäusern und 46 Pflegeheimen mit einem 
umfangreichen Fragebogen zu ihrer Meinung zum selben Thema befragt 
(ebd.). Es liegen nun Ergebnisse vor zu Fragen

der Einschätzung von Fehlern,
des Umgangs mit Fehlern und
nach den Folgen von Fehlern in der Pflege.

Der Teil der Ergebnisse, in dem nach individuellen Reaktionen und  
allgemeinen Folgen von Fehlern gefragt wurde, wird in diesem Beitrag 
vorgestellt.  Er gibt Einblicke, wie Pflegende Fehler erleben und an  
welche Folgen sie sich in diesem Zusammenhang erinnern.

4.1

  Ängste, Stress und Sorgen im Umgang mit Fehlern

In den Interviews wurden die Pflegenden u. a. gefragt, ob sie persönlich 
Ängste haben, Fehler zu begehen. Generell scheint dies eher nicht der 
Fall zu sein. Angst und deren Begleiterscheinungen treten allerdings vor 

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allem dann auf, wenn ein Fehler schon einmal vorgekommen ist und 
die betreffende Person sich dadurch in ihrer Routine und Sicherheit er-
schüttert sieht: Könnte der Fehler ein zweites Mal passieren? Warum 
konnte der Fehler überhaupt passieren? Ist man immer ausreichend 
konzentriert genug? Solche Fragen beschäftigen Pflegende dann länger 
und können auch zu Beeinträchtigungen der alltäglichen Arbeitsgestal-
tung führen. Als Beispiel seien hier 2 Interviewausschnitte angeführt:

»Zum Beispiel mit Medikamenten. Wir stellen die nachts und manch-

mal wirklich ›zwischen Tür und Angel‹ und brauchen 2 Stunden dafür, 

weil wir ständig zur Klingel müssen oder so etwas. Dann passiert es 

schon mal, dass du etwas falsch stellst. Davor habe ich natürlich Angst. 

Aber ich versuche, mich da nicht mehr so reinzusteigern wie früher. 

Früher habe ich Phantasien entwickelt, ganz toll, aber das will ich 

nicht. Ich will keine schlaflosen Nächte deswegen.«

Eine andere Person beschreibt den Sachverhalt folgendermaßen: 

»Natürlich hatte auch ich Gedanken wie: ›Mein Gott, nur keinen Fehler 

machen!‹ Aber ich denke, wer so arbeitet, macht gerade Fehler. Er lebt 

in einer Angst, hat Angst zur Arbeit zu kommen und ist dann nicht ein-

setzbar. Er geht psychisch kaputt. Und das ist nicht gut für die Arbeit.«

Distanz schaffen schon in der Sprache

Häufig kommt es vor, dass Pflegende wie in dem oben zitierten Inter-
viewausschnitt Zuflucht zu einer eher unpersönlichen Beschreibung 
nehmen wie »…Er lebt dann in einer Angst…«. Fehler stellen sich auch 
in der Forschung als eine Möglichkeit des Alltagslebens dar, der man 
eher distanziert begegnen möchte. Konkreter wird eine Pflegende in 
folgendem Interviewabschnitt:

»Eine Kollegin hat im Rahmen unserer Supervision mal geäußert, dass 

sie Angst hat, dass ihr ein Fehler passiert. Und das hat mich ganz schön 

erschrocken, weil ich für mich so eigentlich nicht wahrnehme, dass ich 

da ständig mit einer Angst herumlaufe, dass ein Fehler passieren 

könnte. Und ich glaube, das setzt ganz schön unter Druck.«

4.1 · Ängste, Stress und Sorgen

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Kapitel 4 · Reaktionen von Pflegenden auf ein Fehlergeschehen

Auch die folgende Interviewpassage zeigt, wie die Angst vor dem Feh-
ler persönlichen Stress im Arbeitsalltag aufbauen kann.

»Was ich auch schon mal mache, ist so eine Mehrfachkontrolle. Dass 

ich mir dann plötzlich nicht sicher bin: Hab ich das jetzt wirklich ge-

macht? Dann geh ich noch mal hin und schau nach. ›Ja, ist ok, hab  

ich.‹ Und dann zwei, drei Stunden später fällt mir dieser Punkt plötz-

lich noch einmal ein, und ich denke: Oh – nee – doch. Nee. Nee, du bist 

da gewesen. Oder? Geh lieber noch mal gucken.«

Aus Angst passieren noch mehr Fehler

Ängste sind aber nicht immer konkret benennbar, wie z. B. die oben 
angeführte Angst einer Pflegenden, sich beim nächtlichen und oft 
 unterbrochenen Medikamentenstellen zu irren. Sie sind vielmehr oft 
diffuser Art und richten sich z. B. allgemein auf den Verlust des Ar-
beitsplatzes oder auf die Gefährdung der Bewohner/Patienten, die aus 
einem persönlichen Fehler resultieren könnte:

»Viele haben Angst um ihren Arbeitsplatz. Ich finde, dass es bis vor 

fünf, sechs, sieben Jahren ganz anders war. Seit Kostenprobleme auf 

dem Haus lasten, sind viele wirklich ganz ängstlich. Ich glaube, durch 

diese Angst passieren noch mehr Fehler.«

Ängste auch bei Leitungsaufgaben

Ängste werden auch bei der Erledigung von Leitungsaufgaben deutlich. 
So erzählte eine Pflegende, die mit dem Anfertigen des Dienstplans 
 betraut war, dass sie häufig von Ängsten heimgesucht werde, obwohl 
 alles richtig bedacht sei und der Plan die notwendige Pflege auch ge-
währleiste. Auch Pflegende in diesen Positionen erleben hier zuweilen 
erheblichen inneren Druck, der sie bis in die Freizeit verfolgt und sie 
ständig überlegen lässt, ob denn nun alles auch angemessen geregelt sei.

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Und was, wenn ein Fehler passiert ist?

In der Fragebogenerhebung gab ein Viertel (23,4%, n=1.100) der 
 Pflegenden an, nach einem Fehler Angst gehabt zu haben, dass ihnen 
dieser noch einmal passiert, und 15,5% meinten, dass ein Fehler sie im 
Nachhinein unsicher gemacht habe. Die Angst vor beruflich-recht-
lichen Folgen wurde allerdings eher selten im Fragebogen angekreuzt. 
Nur 2,2% im Krankenhausbereich (n=724) und 4,3% im Pflegeheim 
(n=376) berichteten dieses.

Fragt man nicht nur nach »Ängsten«, sondern bezieht auch  

»weichere«, unbestimmtere Äußerungen im Sinne von allgemeinem 
»Stress« und »Sorgen« in das Antwortverhalten mit ein, ergibt sich ein 
deutlicheres Bild einer Belastung in der Fragebogenstudie: Mehr als die 
Hälfte (52,6%) der Teilnehmer gaben an, dass sie ein Fehler schon ein-
mal »aufgeregt, gestresst oder geärgert« hätte.

Über »Sorgen«, eine unbestimmte »Unruhe« oder auch »Stress« im 

Kontext eines Fehlergeschehens berichteten auch einige der interview-
ten Pflegenden. Verbunden mit einer hohen Arbeitsbelastung wird dies 
z. B. hinsichtlich der Übergabe an eine Nachtwache berichtet. Fehler-
bezogene Sorgen und Stress können sich nämlich auch ganz allgemein 
auf die Gewährleistung einer guten Pflege beziehen:

»Es ist eher das Gefühl, in harten Zeiten, zu denen wir viele Frisch-

operierte haben, bei denen zum Beispiel halbstündlich Protokoll ge-

führt werden muss, dass ich das nicht schaffe. Ich kann dann wirklich 

nur das Nötigste machen. Das finde ich schon belastend, auch gerade, 

wenn man an die Nachtwache abends dann übergeben muss. Und  

die steht dann allein vor diesem ganzen Berg. Dann macht man sich 

schon Sorgen oder denkt: ›Mein Gott, dem Patienten geht es jetzt so 

schlecht, wie wird das aussehen, wenn wir morgen früh kommen? Ist 

da was passiert?‹ Man schafft es ja kaum zu viert. Das finde ich schon 

belastend.«

Ein hoher Arbeitsanfall wurde dann auch von mehr als zwei Dritteln 
(69,5%) der TeilnehmerInnen der Fragebogenbefragung als eine der 
Hauptursachen von Pflegefehlern angesehen.

4.1 · Ängste, Stress und Sorgen

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40 

Kapitel 4 · Reaktionen von Pflegenden auf ein Fehlergeschehen

4.2

 Ethische Konflikte

Sorgen bereiten auch ethische Konflikte und die Frage, wie diese denn 
angemessen zu lösen seien:

»Eine Patientin hatte dann irgendwann einen Dekubitus. Irgendwann 

hatte sie [die Kollegin] dann auch gesagt, die Patientin lässt sich nicht 

mehr lagern, und das haben die anderen dann auch so hingenom-

men. Beim Lagern hat man natürlich auch die Haut dann inspiziert, 

und da war dann recht schnell ein Dekubitus entstanden, ein sehr 

schlimmer Dekubitus. Gut, das musste dann einem Oberarzt gesagt 

werden und der Pflegedienstleitung und da gab es ein großes Trara. 

Die Folge war, dass die Patientin gegen ihren Willen gelagert wurde. 

Da ist dann so ein Zwiespalt. Es gibt ja auch Patienten, die irgend-

welche Dinge ablehnen, obwohl sie wissen, dass es jetzt wirklich 

 wichtig ist, und auch durch Überzeugungskraft kann man da wirklich 

nichts erreichen. Das ist auch ein Zwiespalt, der schon belastend sein 

kann. Wenn man weiß, es kann etwas passieren, und es passiert auch 

was, und der Patient ist nicht einsichtig.«

Große Sorgen bereitet insbesondere auch ein Fehler, dessen Ausgang 
man noch nicht kennt und den man dann abwarten muss, wie folgende 
Interviewsequenz exemplarisch erläutert:

»Das war eine Patientin, die hatte schon ziemlich viel Pech während 

 ihres Krankenhausaufenthaltes. Sie ist gekommen, weil ihre Gebär-

mutter herausgenommen werden sollte, und unter der OP haben sie 

den Darm so angeritzt, dass sie einen Anus-praeter-Beutel brauchte. 

Sie hat dann noch einen MRSA-Keim gehabt und kam dann zu uns in 

die Reha. Und der ganze Bauch war auf, war vorher gespült worden 

und dieser Anus praeter, der passte nicht auf die Bauchwunde oder 

hielt nicht auf dem Bauch, weil da Läsionen waren. Und die Patientin 

tat mir mit ihrem ganzen Krankheitsbild und ihrem ganzen Leiden 

 tierisch leid. Sie hatte einfach so mein Mitgefühl, sagen wir mal so. 

Und dann ging es ihr zwischendurch ziemlich dreckig. Sie musste sich 

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immer wieder übergeben, hatte morgens Nahrungskarenz, und dann 

ist mir im Laufe des Nachmittags aufgefallen, dass sie kaum ausschei-

det. Ich habe dann einen Internisten angerufen – die Krea-Werte 

 waren alle erhöht. Sie sollte aber nicht auf die Intensivstation. Und 

dann haben wir ein großes Infusionsprogramm laufen lassen und 

immer ordentlich Lasix gespritzt, um die Nieren wieder in Gang zu 

kriegen. Und abends sagte sie dann, dass sie Hunger hatte auf eine 

Stulle Weißbrot, und die habe ich ihr gegeben. Tja.«

(Interviewerin) »Obwohl nüchtern angeordnet war?«

»Ja, Nahrungskarenz, genau. Das hatte ich im Umgang mit der Niere 

völlig ausgeblendet, hab das dann dem Internisten auch gesagt. Das 

hatte erstmal keine Konsequenz. Ich habe mir halt schon Sorgen ge-

macht. Und dann kam ich am nächsten Tag zum Dienst, da kam meine 

Kollegin mit so einem Gesicht und sagte, dass jemand gestorben ist. 

Und ich habe dann natürlich gedacht, es wäre DIE Patientin gewesen. 

Da ist mir das Herz in die Hose gerutscht. Aber sie war es nicht, und sie 

hat dann auch mehr als fünfzig Milliliter ausgeschieden, das hatten wir 

hingekriegt. Aber da hab ich mir schon Sorgen gemacht.«

Fehler als »Versagen im Job«

Direkt im Anschluss an die soeben wiedergegebene Passage kommt die 
Pflegende auf einen weiteren wichtigen Aspekt zu sprechen, der auch 
in anderen Sequenzen und Zusammenhängen eine Rolle spielte: Das 
Gefühl beruflicher Inkompetenz infolge eines Fehlers. Befragt dazu, 
was der Pflegenden nach diesem für sie doch dramatischen kurzen 
Moment der vermeintlichen Schuld an dem Tod einer Patientin durch 
den Kopf gegangen sei, meint diese:

»Ich glaube, ich könnte da schlecht mit umgehen, wenn das so wäre. 

Ich wüsste jetzt nicht, wie ich da überhaupt mit umgehen kann. Wenn 

ich wirklich richtigen Schaden anrichte, ich glaube, dann würde ich 

meinen Beruf an den Nagel hängen.«

4.2 · Ethische Konflikte

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42 

Kapitel 4 · Reaktionen von Pflegenden auf ein Fehlergeschehen

Das Gefühl, nach einem Fehlerereignis im Job versagt zu haben, wurde 
auch von vielen TeilnehmerInnen der Fragebogenerhebung angegeben 
(18,2%). Auch die Frage, ob sie sich über die Arbeit hinaus generell als 
Person in Frage gestellt hätten, wurde von immerhin 8,6% bejaht.

4.3

  Leitungsverantwortung und persönliche Reaktionen 

auf Fehler 

Der Leitung einer Pflegeeinrichtung, einer Abteilung oder Arbeits-
gruppe kommt eine wichtige Aufgabe zu, wenn es um die persönliche 
Belastung durch Fehlergeschehen geht – sei dieses nun selbst ver-
schuldet oder beobachtet bei Kollegen. Ein wichtiger Hinweis auf diese 
Verantwortung der Leitung und ihre hohe Bedeutung des erlebten oder 
antizipierten Umgangs mit Fehlern findet sich in der Schilderung der 
Vertuschung eines Fehlers. Dies geht einher mit erheblichen Sorgen 
und Ängsten, die um das eigene Wohlbefinden und die Gefährdung 
 einer Patientin kreisen:

»Früher mussten die Frauen, bevor sie eine Chemo kriegten, Sammel-

urin abgeben, auch Kreatinin-Clearance. Und die Frau – es war eine 

Privatpatientin – hat vierundzwanzig Stunden gesammelt, und ich 

habe den Urin abgemessen, spezifisches Gewicht und [schnalzt mit 

der Zunge] ab ins Becken. Und wo ist der Urin für das Labor? Ich bin 

dann hingegangen und habe gesagt, es reicht nicht, ich brauche noch 

einen Becher voll. Und der wäre dann natürlich völlig verfälscht. Dann 

bin ich ins Wochenende gegangen und habe geschwitzt ohne Ende, 

habe so eine Angst gehabt, wenn die jetzt ihre Chemo kriegt und mit 

den Nieren ist irgendetwas nicht in Ordnung, dann hast DU Schuld. 

Und dann komme ich am Montag rein und die Frau sagte zu mir: ›Wir 

beide haben ein kleines Geheimnis‹. Sie wusste das ganz genau, die 

war auch ganz plietsch [Norddeutsch für ›aufgeweckt, gescheit‹, 

 Anmerkung der Autoren] und meinte, das sei ja auch kein Wunder. 

Aber ich habe eine Angst vor unserer Leitung gehabt. Die hat immer 

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so alle viertel Jahr jemanden auf dem Kieker gehabt. Und in dem 

 Moment war ich diejenige welche. Und da hätte ich gedacht: Das 

hältst du nicht aus, wenn du ihr das jetzt sagst. Dann kann ich meine 

Sachen packen und gehen. Ich habe trotzdem eine Wahnsinnsangst 

gehabt, und die anderen haben gesagt: ›Ja, das ist mir auch schon 

 passiert, ich habe gesagt, der Urin ist ins Labor gegangen, und wenn 

die den verschludern, dann ist das doch nicht mein Bier‹. Auf die Idee 

wäre ich nie gekommen. Ich habe mich ganz ganz lange nicht getraut, 

das laut zu sagen, dass mir das passiert ist.«

4.4

  Folgen eines Fehlergeschehens  

in der Fragebogenerhebung 

Im Fragebogen wurde noch nach weiteren Folgen für Pflegende ge-
fragt. Diese sind weniger stark als die bereits geschilderten und 
könnten sogar als normale oder natürliche Folgen bei einem Fehler 
charakterisiert werden: »Bedauern« und »Scham«. Der Anteil der Teil-
nehmerInnen, die diese Folgen von Pflegefehlern bereits einmal durch-
lebt haben, ist zumindest beim »Bedauern« höher als derjenige der Be-
fragten, deren Fehler oben genannte Konsequenzen hatten (

.

 Abb. 4.1

). 

Interessant ist auch, dass diese Folgen sowie »Aufregung«, »Stress«, 
»Ärger« von Befragten aus dem Krankenhaussektor allesamt häufiger 
angegeben wurden als von solchen aus dem Pflegeheimbereich.

In der Fragebogenerhebung gaben darüber hinaus 14,9% der Teil-

nehmerInnen an, bereits einmal unter Schlafstörungen aufgrund eines 
Fehlers gelitten zu haben. Andere körperliche Symptome wie Kopf-
schmerzen etc. wurden auch in den Interviews nicht erwähnt.

Fehler haben aber nicht nur negative Folgen. »Aus Fehlern wird man 

klug«, und so wurde im Fragebogen auch gefragt, ob die Befragten schon 
einmal aus einem Fehler etwas für ihren Beruf gelernt hätten oder viel-
leicht sogar persönlich gewachsen seien. Ein Lernen aus Fehlern hatte 
bei gut der Hälfte der Befragten stattgefunden (51,5%), und fast ein 
 Viertel (24,4%) gab an, als Person gewachsen zu sein. Die Ergebnisse der 
Fragebogenbefragung sind zusammengefasst in 

.

 Abb. 4.1

 ersichtlich.

4.4 · Folgen eines Fehlergeschehens

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44 

Kapitel 4 · Reaktionen von Pflegenden auf ein Fehlergeschehen

Fazit

Pflegefehler haben teilweise massive Folgen für diejenigen 
 Pflegenden, denen sie unterlaufen. Die hohen Anforderungen und 
das potentielle Leid, das ein Fehler auslöst, machen den Teilneh-
merInnen beider Untersuchungsteile mitunter schwer zu schaffen.
Das Arbeitsumfeld ist nicht immer so gestaltet, dass es Pflegende, 
die einen Fehler begehen, auffängt. Häufig herrscht eine negative 
Fehlerkultur vor, so dass dem Pflegenden dann oft die alleinige 
Schuld zugeschoben wird. Dabei ist längst klar, dass organisato-
rische Fehler, die Pflegende häufig gar nicht beeinflussen können, 
Fehler an der »Pflege-Front« sehr oft begünstigen, ja Pflegende 
 regelrecht in Fehler treiben.
Die Entwicklung eines positiven Umgangs mit Fehlern ist eine der 
größten Aufgaben, denen sich ein Fehlermanagement-System 
 gegenüber sieht. Viele Pflegende gaben an, aus einem Fehler ge-
lernt zu haben. Notwendig ist aber nicht nur das persönliche Lernen: 
Die Etablierung einer Lernkultur, von lernenden Organisationen ist – 
auch mit Nutzen für die Patienten/Bewohner – dringend notwendig. 
Ebenso muss ein offener, nicht-strafender Umgang mit Fehlern in 
der Pflege erreicht werden, um die geschilderten, oft schwerwie-
genden Folgen von Fehlern für Pflegende abzuwenden.

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Abb. 4.1.  Folgen von Fehlern für Pflegende (n=1.100). 

.

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Meine Geschichte: Heiko Rutenkröger

Leiter des Fachbereichs Pflege im Kuratorium Deutsche Altershilfe

»Ich hätte den Mut haben sollen, mich zu irren. Stattdessen habe 

ich die Situation heruntergespielt«

Als ich während meiner Abendrunde bei der Klientin eintraf – ich war 

damals Altenpfleger bei einem ambulanten Pflegedienst – bemerkte 

ich die Veränderung sofort. Normalerweise war das Waschen, Betten 

und Lagern der netten alten Dame, die schon seit vielen Jahren von 

diesem Pflegedienst betreut wurde, eine schwierige Pflegehandlung: 

Ihr fortgeschrittener Parkinson, der auch die Ursache für ihre Bettläge-

rigkeit war, hatte zu starken Spastiken geführt, die ihre Versorgung 

schwierig machten. Heute dagegen war sie völlig schlaff, Arme und 

Beine hingen kraftlos und ohne jede Spannung einfach so herab. 

Trotzdem machte ich sie wie gewohnt frisch und wusch, bettete und 

lagerte sie wie sonst für die Nacht, verabschiedete mich und ging. 

Und das war ein sehr großer Fehler.

Ich hätte Kontakt zu den Angehörigen aufnehmen müssen

Als meine Kollegin die Klientin am anderen Morgen aufsuchte, war sie 

bereits verstorben. Allein. Ohne ihre Angehörigen, die Nichte und den 

Neffen, zu denen sie ein sehr inniges Verhältnis hatte und die sie alle 

zwei, drei Tage besucht hatten. Diesen Fehler, für den ich keine Ent-

schuldigung habe, trage ich bis heute mit mir herum. Ich hätte unbe-

dingt Kontakt mit den Angehörigen der alten Dame aufnehmen sol-

len, sagen, dass die Veränderungen, die ich beobachte hatte, mögli-

cherweise ein Hinweis auf den beginnenden Sterbeprozess wären. Ich 

habe es nicht getan. Denn ich war mir nicht hundert Prozent sicher, 

ob meine Beobachtungen wirklich auf einen finalen Sterbeprozess 

hinwiesen. Kein Mensch – auch kein noch so erfahrener Arzt – kann 

mit Sicherheit voraussagen, wie der Zustand eines Menschen sich in 

fünf Stunden verändert und ob es sich wirklich um einen sterbenden 

Menschen handelt.

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Anstatt mich mit meinen Kollegen, die ja erreichbar gewesen wä-

ren, zu beraten oder mich beim Hausarzt der Patientin rückzuversi-

chern und dann die Angehörigen anzurufen, habe ich die Situation 

vor mir heruntergespielt: ›Du weißt ja nicht genau, ob die Frau 

 wirklich heute Nacht stirbt, versetz’ die Angehörige nicht unnötig in 

Aufruhr und warte erst einmal ab‹. Das war falsch. Ich hätte den Mut 

haben müssen, mich mit der Beurteilung dessen, was ich sah, mög-

licherweise zu irren. Hätte den Mut haben müssen, meine Kollegen  

zu involvieren, anstatt die Symptome herunterzuspielen. Heute weiß 

ich, dass man eine zweite Meinung einholen und den Mut zum Risiko 

haben muss, eine Situation auch einmal falsch zu interpretieren.  

So musste die alte Dame ihre letzten Stunden allein erleben und  

die Angehörigen hatten nicht die Möglichkeit, sich von ihr zu verab-

schieden.

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Professionelles Berufs-
verständnis braucht Ethik

Marianne Rabe, Judith Borgwart

Ein vertauschtes Tablettenschälchen oder eine falsch beschriftete In-
fusionsflasche sind ganz offensichtlich Fehler. Die Beziehung zwischen 
Patienten und ärztlichem bzw. Pflegepersonal birgt jedoch ihrer Grund-
struktur nach das prinzipielle Risiko für Fehler, die vor allem den 
 Umgang mit (abhängigen) Kranken und Alten betreffen und die im 
weitesten Sinn mit der ethischen Grundhaltung der Akteure zu tun 
 haben. Diese Grundstruktur ist gekennzeichnet von Asymmetrie: auf 
der einen Seite der Wissende und Helfende – auf der anderen Seite der 
Unwissende und Hilfsbedürftige.

5.1

  Eine Frage der Augenhöhe

Menschen, die aufgrund einer Erkrankung, einer Behinderung oder 
 ihres Alters die Hilfe anderer in Anspruch nehmen müssen, finden sich 
ganz schnell in der Rolle, nicht mehr gleichwertiger Partner und auf 
Augenhöhe mit ihrem Gegenüber zu sein. Sie fühlen sich unterlegen, 
abhängig, unwissend und entmündigt. Dass die Gefahr dafür in der 
Beziehung zwischen Patienten und Pflege- und ärztlichem Personal so 
besonders groß ist, hat vor allem zwei Ursachen:

Wer krank ist oder in seiner Gesundheit eingeschränkt, hat viel-
leicht Schmerzen, fühlt sich unwohl oder sogar schlecht, ist in 
 seiner Mobilität eingeschränkt oder hat Angst. Weil die meisten 
 Patienten die genauen Zusammenhänge und Gründe für ihr Krank-
sein nicht kennen, macht sie das zusätzlich unsicher und hilflos. 
Dann noch in ein Krankenhaus oder eine andere stationäre Ein-
richtung zu kommen, in der man sich nicht auskennt, die einem 
völlig fremd ist, kann Gefühle von Orientierungs- und Hilflosigkeit 

4

5.1 · Eine Frage der Augenhöhe

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48 

Kapitel 5 · Professionelles Berufsverständnis braucht Ethik

auslösen. Hinzu kommt, dass Krankheit zumeist eine »außeralltäg-
liche« Erfahrung ist. Man hat sie nicht schon x-mal durchgemacht 
und seinen Weg, damit umzugehen, gefunden. Alles ist neu.
Das Personal im Krankenhaus kennt sich aus. Es weiß nicht nur,  
wo die Patiententoiletten sind oder die Röntgenabteilung, wann  
es Essen gibt und um welche Uhrzeit gewöhnlich die Visite ist, es 
kennt und bestimmt auch die Abläufe, weiß, wer die schichtführen-
de Krankenschwester ist, wann Blut abgenommen wird und wel-
cher Arzt wofür zuständig ist. Und das verleiht Macht.

Diese Asymmetrie zwischen einem »Gesundheitsberufler« und einem 
Patienten verleiht aber nicht nur Macht, sondern erfordert viel mehr 
die Fähigkeit, mit dieser prinzipiellen Asymmetrie zum Wohle des 
Patienten umgehen zu können. Dazu braucht es neben persönlichen 
Eigenschaften wie der Fähigkeit zur Selbsterkenntnis oder einem ange-
messenen Umgang mit den eigenen Gefühlen eine professionelle 
Grundhaltung als Pflegeperson. Dazu gehören die Berufsethik und die 
regelmäßige ethische Reflexion des eigenen Handelns.

Die Geschichte von Rainer S.: Teil I

»Was hat denn der Arzt damit gemeint?«

Kurz nach der Arztvisite klingelt der Patient Rainer S. Er sitzt mit fra-

gend-ratlosem Gesicht im Bett und bittet den Pfleger, der auf sein 

Klingeln kommt, ihm zu erklären, was der Arzt gemeint habe. Der habe 

von »so einer« Untersuchung gesprochen, und was das denn sei und 

ob er jetzt etwas machen müsse? »Muss ich vorher nüchtern sein?« 

fragt Herr S. und: »Wer bringt mich denn dann da hin?« Der Pfleger 

 seinerseits ist etwas genervt, denn der Patient hat ihn von einer Arbeit 

weggeholt, nur um zu fragen, was er doch auch den Arzt bei der Visite 

hätte fragen können! »Wieso haben Sie denn das bei der Visite nicht 

angesprochen?!?« ist die gereizte Antwort. »Ich weiß auch nicht, was 

der Arzt da gesagt hat, ich war nicht dabei.«

 

Für den Patienten ist die Situation ziemlich unangenehm: Die 

 angekündigte Untersuchung macht ihm gleich in zweierlei Hinsicht 

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Angst: erstens fürchtet er sich vor einem möglicherweise unange-

nehmen Ergebnis, zweitens fürchtet er sich vor der Untersuchung 

selbst, weil er keine Ahnung hat, was auf ihn zukommt. Den Arzt traut 

er sich nicht zu fragen, der hat es immer so eilig und außerdem ver-

steht er sein Fachchinesisch nicht. Nun gibt ihm auch noch der Pfleger 

zu verstehen, dass er eigentlich keine Zeit für seine Fragen habe.

 

Zum Gefühl der Unsicherheit empfindet Rainer S. nun auch ein 

 diffuses Gefühl von Demütigung und Unterlegenheit. Ein unsicheres 

Pflaster, so ein Krankenhaus...

5.2

  Ethik regelt unser Zusammenleben

Wer von »Moral« und »Ethik« sprechen möchte, kann sich nun nicht 
unbedingt auf Vorschuss-Lorbeeren verlassen: den meisten fällt dazu 
der »Moralapostel« ein, der »erhobene Zeigefinger« oder »moralin-
sauer«. Und das nicht ganz zu Unrecht. Denn allzu oft macht man die 
Erfahrung, dass der »Moralapostel« von anderen fordert, was er selbst 
nicht zu geben bereit ist.

Tatsächlich bestimmen ethische Grundsätze – Prinzipien und 

 Werte – aber in sehr hohem Maß das Zusammenleben von Menschen 
in einer Gesellschaft. Es geht sogar noch weiter: ohne ethisches Ver-
halten ihrer Mitglieder könnte eine Gesellschaft gar nicht überleben! 
Dass man seinem Nachbarn nicht einfach eine Scheibe einschlägt, 
 einer Hochschwangeren in der U-Bahn seinen Sitzplatz anbietet und 
den ausgeliehenen Rasenmäher unbeschädigt an seinen Besitzer zu-
rückgibt, sind ungeschriebene Grundsätze. Wenn solche »Selbstver-
ständlichkeiten« keine bindende Wirkung mehr haben, kommt eine 
Gesellschaft insgesamt in Gefahr, aus den Fugen zu geraten.

In der Pflege kranker und alter Menschen kommt dem der Pflege 

zugrundeliegenden Moralverständnis eine ganz besondere Bedeutung 
zu. Die Schwäche, die Abhängigkeit, das Leiden und die Hoffnungen 
der pflegebedürftigen Menschen berühren die zentrale Dimension 
 unseres Moralverständnisses und unserer Ethik: Die Würde des 
 Menschen.

5.2 · Ethik regelt unser Zusammenleben

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Kapitel 5 · Professionelles Berufsverständnis braucht Ethik

Das »Herzstück« von Moral und Ethik:  
Die Würde des Menschen

Die Vorstellung davon, was die »Würde« eines Menschen ist, ist tief 
verankert im abendländischen Weltbild und hat ihren Ursprung in der 
Ethik der Spätantike und in der christlichen Idee, dass Gott den Men-
schen »sich zum Bilde« geschaffen habe. Untrennbar damit verbunden 
ist die Würde des Menschen, die ihm zukommt – allein, weil er Mensch 
ist. Ohne jede Bedingung, ohne jede Voraussetzung, egal was er getan 
hat und egal was er ist – »die Würde des Menschen ist unantastbar«,  
so heißt es im Grundgesetz.

Vernunftfähigkeit

Wird die Zuschreibung der Würde vor allem mit der »Vernunftfähig-
keit« des Menschen begründet, dem Hauptmerkmal, das ihn vor allen 
Lebensformen auf der Welt auszeichnet, dann liegt darin bereits eine 
potentielle Bedrohung unseres Begriffs von Würde: denn wie steht  
es dann um die Würde von Menschen, die weniger oder gar nicht ver-
nunftfähig sind – Embryonen, ungeborene Kinder, Menschen im 
Koma, Menschen mit schwerer geistiger Behinderung, Verstorbene? 
Man braucht nur einen Blick in die Zeitung zu werfen, um zu erken-
nen, dass Diskussionen hierüber in allen Bereichen der Gesellschaft 
nicht abgeschlossen sind und immer wieder aufflackern – übrigens 
auch ein Beleg für zwei Aspekte von Würde: dass sie im Prozess gesell-
schaftlichen Wandels immer wieder neu ausgehandelt und definiert 
werden muss und dass sie auch immer wieder in Gefahr geraten kann. 
Ganz besonders markante Problemfelder sind hier zum Beispiel die 
Diskussion um die Stammzellenentnahme von Embryonen oder die 
Debatte um die Sterbehilfe, also die Fragen um die Grenzen des 
menschlichen Lebens.

Würde – eine Frage der Selbstbestimmtheit

In der Pflege von kranken und alten Menschen ist das Thema »Würde« 
immer präsent. Auf die Hilfe anderer angewiesen und damit in seiner 
Autonomie eingeschränkt zu sein, empfinden die meisten Menschen 

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als Verletzung ihrer Würde. Die Intimpflege bei einem Patienten ohne 
Sichtschutz zu verrichten oder Sätze wie »die Galle aus Zimmer 8« 
 untergraben die Würde eines Menschen weiterhin. Denn sie verletzen 
einerseits die ihm zugehörige Privatsphäre, anderseits machen sie ihn 
zur Nummer – ohne Namen, ohne Eigenschaften, ohne Schamgefühl, 
ohne Geschichte. Der Patient wird zum Objekt, reduziert auf seine 
Krankheit und seine Bedürftigkeit.

Nimmt man das oben genannte Beispiel von Rainer S., der wissen 

wollte, welche Untersuchung auf ihn zukommt, kann man sich unmit-
telbar in sein Gefühl von Unsicherheit, Entwertung und Würdeverlust 
hineinfühlen. Betrachtet man nun die 5 weiteren Prinzipien, die zu-
sammen mit dem Grundsatz der Würde eine moralische Pflege be-
gründen, kann man auch verstehen, aus welchen Anteilen sich dieses 
Gefühl von Würdeverlust zusammensetzt

Das Prinzip Autonomie

»Autonomie« wird im Allgemeinen als das Recht auf Selbstbestimmt-
heit und Selbstverwirklichung verstanden. Diese verkürzte Sicht ent-
spricht nicht ganz dem eigentlichen Wortsinn, nach dem Autonomie 
die Selbstgesetzlichkeit eines Menschen meint, der aus freien Stücken 
moralischen Grundsätzen folgt. Für die Ethik im Gesundheitswesen ist 
das Recht auf Selbstbestimmtheit von großer Bedeutung. Gerade vor 
dem Hintergrund der charakteristischen Asymmetrie, in der der Pati-
ent der Unwissende und Hilflose und der »Gesundheitsberufler« der 
Wissende und Helfende ist, ist sie potentiell immer bedroht. Zwar 
wünschen offiziell alle den »mündigen« Patienten, wenn jemand aber 
wirklich einmal etwas genau wissen will, kritisch hinterfragt oder sogar 
ablehnt, gilt er schnell als »schwieriger« Patient.

Die Geschichte von Rainer S.: Teil II

»Der muss jetzt zum CT.« 

Möglicherweise ist es eine Computertomografie, die der Arzt »ange-

ordnet«, aber nicht erklärt hat. Dass Herr S. nur nebulöse (und falsche) 

Vorstellungen davon hat – »da kommt man in so eine Röhre!«, »da drin 

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5.2 · Ethik regelt unser Zusammenleben

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52 

Kapitel 5 · Professionelles Berufsverständnis braucht Ethik

ist es so laut, als würde man neben einem Presslufthammer liegen!« – 

ist die Folge von mindestens 2 Verletzungen seiner Autonomie: Denn

1.  muss er – und das steht sogar im Gesetz – in die Lage versetzt 

 werden, autonom zu entscheiden, indem er angemessen aufge-

klärt und informiert wird, und 

2.  wurde sein Einverständnis mit der Untersuchung, deren Ziel und 

Zweck er gar nicht verstanden hatte, stillschweigend vorausgesetzt.

Übrigens: Nicht nur für ärztliche Eingriffe, auch für Pflegemaßnahmen 

gilt: Sie dürfen nur mit Einwilligung des Patienten erfolgen. Viele Pflege-

kräfte sind sich darüber nicht im Klaren, denn sie sind der Auffassung, 

da es sich bei der Pflege um die Sicherung menschlicher Grundbedürf-

nisse handle, sei ein Patient automatisch damit einverstanden.

Prinzip Gerechtigkeit

Auch im Bezug auf das, was gerecht ist, gibt es unterschiedliche Stand-
punkte: Ist Gerechtigkeit dasselbe wie Rechtmäßigkeit, also gesetzeskon-
formes Verhalten? Oder meint Gerechtigkeit, dass alle das Gleiche be-
kommen? Oder dass alle das bekommen, was sie tatsächlich brauchen? 
Oder dass alle nur das bekommen, was sie verdient haben?

Die Geschichte von Rainer S.: Teil III

»Die Station ist einfach nicht gut besetzt!« 

Rainer S. hat es sofort bemerkt: Keiner hat Zeit für ihn. Der Arzt ist in 

Eile und der Pfleger schon unterwegs zum nächsten Patienten. Von 

beiden hätte er gern Auskunft über die Untersuchung bekommen, die 

ihm so viele Bauchschmerzen bereitet. Zur Last fallen möchte er auch 

nicht, er sieht ja, wie das Personal rennt. Er versteht: Vor die Alternative 

gestellt, mit ihm ein ausführliches Aufklärungsgespräch zu führen 

oder einen anderen Patienten zu versorgen, hat sich das Personal für 

das zweite entschieden. Denn schließlich kann sich niemand verdop-

peln – hier ein Patientengespräch führen und gleichzeitig dort einen 

Verband wechseln. Und Rainer S. geht durch den Kopf, was er neulich 

in der Zeitung gelesen hat: »Pflegenotstand in deutschen Kliniken« 

stand da, und »Hier ist die Gesellschaft als Ganzes gefordert.«

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Prinzip Dialog

Kommunikation, das Miteinander-Sprechen als Praxis der gegenseitigen 
Würdigung und Wertschätzung ist etwas, was gerade vor dem Hinter-
grund personeller und zeitlicher Engpässe sehr schnell zu kurz kommt: 
Da wird angeordnet, anstatt miteinander zu reden, mitgeteilt anstatt zu 
informieren und aufzuklären und durchgeführt, ohne sich vorher der 
Zustimmung des Patienten zu vergewissern. Diese Asymmetrie in der 
Kommunikation wird durch Zeit- und Personalnot noch gefördert und 
damit das Gefühl der betroffenen Patienten, als Mensch nicht gesehen 
zu werden und mehr eine Nummer, ein Fall zu sein denn eine Person.

Die Geschichte von Rainer S.: Teil IV

»Lesen Sie das. Da steht alles drin.«

Rainer S. wollte sich über die bevorstehende Untersuchung informie-

ren und spricht noch einmal den Pfleger darauf an. Wie oft in solchen 

Fällen wird auch ihm eine schriftliche Information in die Hand gedrückt 

mit dem Worten: »Lesen Sie das. Da steht alles drin!« Mit Kommunika-

tion hat das nichts zu tun. Vielleicht liest Herr S. das Schriftstück, und 

vielleicht versteht er auch den Inhalt. Das ungute Gefühl, abgefertigt 

worden zu sein, bleibt. Um Antworten auf Fragen, die er gern stellen 

würde, zu bekommen, muss er wieder nach der Klingel greifen und um 

etwas bitten, muss nun seinerseits wieder die asymmetrische Situation 

herstellen, in der er der Unwissende ist und der andere der Schlaue. 

Und dieser Schlaue hat womöglich noch nicht einmal Zeit für ihn, so 

dass Herr S. sich des Gefühls nicht erwehren kann, zu stören und von 

Wichtigerem abzuhalten. Also unterdrückt er seine Fragen.

 

Ein klärendes Gespräch gleich von Anfang an hätte Herrn S. in 

mehrfacher Hinsicht gut getan:

Er hätte danach das Gefühl gehabt, Bescheid zu wissen: Das ist  

die Untersuchung, und so wird sie durchgeführt. Bei Fragen hätte 

er gleich nachhaken können, Bedenken wären möglicherweise 

leicht auszuräumen gewesen.

So, in einem partnerschaftlichen Dialog, hätte Herr S. gespürt: 

»Hier werde ich ernst genommen und wertgeschätzt.«.

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5.2 · Ethik regelt unser Zusammenleben

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54 

Kapitel 5 · Professionelles Berufsverständnis braucht Ethik

Gut und umfassend informiert hätte sich Herr S. guten Gewissens 

 gegen die Untersuchung entscheiden können oder, wie man ihm ge-

raten hat, dafür. In beiden Fällen hätte er eine autonome Entscheidung 

treffen können.

Prinzip Fürsorge

Fürsorge wird manchmal missverstanden als verkappte Bevormundung. 
Das ist Fürsorge nicht. Fürsorge nimmt Bezug auf die Würde des Men-
schen und seine Autonomie. Kurz: Fürsorge respektiert die Eigenheiten 
des anderen, sie entmündigt ihn nicht. Entsprechend geht eine fürsorg-
liche Pflege nicht am Gepflegten vorbei, sondern bezieht in aktiv mit 
ein, verhält sich solidarisch und ergreift Partei für ihn, wenn er sich 
selbst nicht mehr vertreten kann. Das Spannungsfeld spannt sich auf 
zwischen der Autonomie des Pflegebedürftigen und der Fürsorge für 
ihn: Nimmt die Fürsorglichkeit überhand und missachtet dabei die 
 Autonomie des Patienten, wirkt sie entmündigend. Wird die Autonomie 
allein zum Dreh- und Angelpunkt aller Entscheidungen und fehlt es  
an mitfühlender Fürsorge, wird Zuwendung kalt und gleichgültig. Am 
Bespiel von Rainer S. lässt sich das gut veranschaulichen:

Die Geschichte von Rainer S.: Teil V

»Zwingen können wir ihn nicht ....«

Verunsichert über Sinn und Zweck der Untersuchung hat sich Rainer S. 

am Ende dagegen entschieden, »in die Röhre geschoben zu werden.« 

»Okay!« sagt sich das Personal, »wenn das seine Entscheidung ist – 

zwingen können wir ihn nicht.« Und das, obwohl alle Beteiligten 

 

wissen, dass die Untersuchung über die nachfolgende Therapie und 

möglicherweise deren Erfolg entscheidet. Herrn S. jetzt unverrichteter 

Dinge nach Hause zu schicken, hätte zwar seine Autonomie berück-

sichtigt, wäre aber wenig fürsorglich gedacht. Fürsorglich wäre ge-

wesen nachzufragen, warum Herr S. die Untersuchung ablehnt – mög-

licherweise hatte er nur Angst vor den höllischen Rückenschmerzen, 

die er auf sich zukommen sieht, wenn er während der Untersuchung 

eine halbe Stunde lang auf dem Rücken liegen muss. Und sicherlich 

hätte man dafür eine Lösung finden können.

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Prinzip Verantwortung

Lange Zeit galt die Pflege als ein Assistenzberuf und Pflegende als eine 
Berufsgruppe, die weisungsgebunden handeln. Heute gehört es zum 
 professionellen Berufsverständnis Pflegender, die Verantwortung für das 
eigene Handeln und damit für die Patienten, die sich ihnen anvertraut 
haben, zu übernehmen. Diese besondere Verantwortung ist begründet in 
der Abhängigkeit des Patienten, die unter dem Stichwort »Asymmetrie« 
schon erwähnt wurde. Die Verantwortung gründet sich aber auch auf 
das Vertrauen, das der Patient Pflegenden und Ärzten entgegenbringt. 
Ver-antwort-ung ist daher die professionelle Antwort auf krankheits- 
oder verletzungsbedingte Hilfsbedürftigkeit und entgegengebrachtes 
Vertrauen. Man stelle sich vor, eine Pflegeperson hängt einer Patientin 
eine Infusion an mit den Worten: »Ich weiß ja auch nicht, warum Sie die 
kriegen, da saust Ihnen der Blutdruck ja gleich in den Keller, aber auf 
dem Plan hier steht es so!« Wie viel Vertrauen wäre hier verspielt, wie 
viel Würde missachtet – und wie unprofessionell gehandelt! 

Die Geschichte von Rainer S.: Teil VI

»Davon weiß ich nichts!«

Auf Zureden seiner Ehefrau will Rainer S. nun doch das CT machen lassen. 

Und nun kommt niemand, um ihn in den Untersuchungsraum zu brin-

gen. Er wartet. Was er nicht weiß: Während er noch immer ratlos auf der 

Bettkante sitzt, klingelt im Stationszimmer das Telefon: »Wo bleibt denn 

Herr S.?!? Hier ist alles fertig, und wer nicht da ist, ist Herr S.!« Am späten 

Nachmittag dann schaut ein junger Pfleger bei Herrn S. zur Tür herein: 

»Morgen um 10 zum CT.« – »Aber darauf habe ich heute gewartet!«, ant-

wortet Rainer S. »Heute??«, fragt der Pfleger. »Davon weiß ich nichts!«

 

Eine professionelle Dosis Verantwortungsübernahme hätte hier 

gleich 3 »Missverständnisse« ausgeräumt bzw. gar nicht erst entste-

hen lassen:

den verpassten Untersuchungstermin,

Herrn S.’ unnütze Wartezeit auf eine Untersuchung, die nicht statt-

findet,

einen Kollegen, der nicht entsprechend informiert ist.

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5.2 · Ethik regelt unser Zusammenleben

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56 

Kapitel 5 · Professionelles Berufsverständnis braucht Ethik

Bloß: Wer war verantwortlich dafür?!? Verantwortung kann leicht im 

Team verschwinden, wenn nicht jede und jeder eine gute Portion Mit-

verantwortung für das eigene Arbeitsumfeld mitbringt.

Die Geschichte von Herrn S. zeigt, wie »alltäglich« Verletzungen aller 
ethischen Prinzipien sind. Wie wichtig eine professionelle Grund-
haltung und die Mitverantwortung aller Helfenden für das Geschehen 
in der Institution sind, kann man spüren, wenn man versucht, sich in 
Herrn S. hineinzuversetzen. Nicht aufgeklärt und in Entscheidungen 
miteinbezogen, abgefertigt und uninformiert, fühlt er sich wie eine 
Nummer, ein Gegenstand, über den verfügt wird. Professionalität 
kommt nicht ohne Ethik aus. Denn es geht dabei um die Würde – so-
wohl der Hilfsbedürftigen als auch der Helfer.

Fazit

Die prinzipielle Asymmetrie im Verhältnis zwischen »wissendem« 

Gesundheitsberufler und »unwissendem« Patienten kann durch 

ein Verhalten, das ethischen Prinzipien folgt, ausgeglichen werden. 

Mit anderen Worten: Wenn die Würde des Menschen beachtet 

wird, die ansonsten in Gefahr geraten kann.

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57

Meine Geschichte: Heiko Dahl

Physiotherapeut, Leiter der Arbeitsgemeinschaft Manuelle Therapie  

im Deutschen Verband für Physiotherapie – Zentralverband der Physio-

therapeuten/Krankengymnasten e.V. (ZVK)

»Irgendetwas stimmt nicht«

»Irgendetwas stimmt nicht«. Mit dieser Bemerkung, dick und unter-

strichen in der Krankenakte, schloss eine aufmerksame Kollegin ihre 

Bitte, mir einen Patienten einmal genauer anzuschauen. »Ich komme 

da nicht weiter«, hatte sie geschrieben. Und offenbar war sie nicht  

die erste, die mit dem Patienten »nicht weiter« gekommen war. Schon 

einige Ärzte hatte der Mann aufgesucht, keiner hatte ihm helfen 

 können. Diffuse Schmerzen im Bereich der Brustwirbelsäule plagten 

den durchtrainierten Mittvierziger – einen aktiven Tennisspieler – 

 immer wieder, dazu kamen Schmerzen im Arm, die sich in unregel-

mäßigen Abständen vor allem beim Tennisspielen bemerkbar 

 machten.

Keine Besserung trotz mehrfach geänderter  

Behandlungsstrategien

Beschwerden, die im Zusammenhang mit Sport auftreten oder da-

durch sogar verursacht werden, sind kein seltenes Phänomen in der 

physiotherapeutischen Praxis. Nachdem ich den Patienten sorgfältig 

untersucht hatte, begann ich mit der Behandlung. Leider musste ich 

mir nach 10 Behandlungen aber ebenfalls eingestehen: Ich kam mit 

diesem Patienten nicht weiter. Obwohl ich mehrfach meine Behand-

lungsstrategie geändert hatte, stellte sich keinerlei Besserung ein.  

Die Symptome, unter denen der Patient zu Anfang gelitten hatte, 

 blieben hartnäckig weiterbestehen. Schließlich wendete ich mich  

mit demselben Satz, den meine Kollegin in die Krankenakte ge-

schrieben hatte, nach vier Monaten hilfesuchend an den behandeln-

den Arzt: »Irgendetwas stimmt nicht«.

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Die nun folgenden Untersuchungen führten zu einem nieder-

schmetternden Befund: ein Karzinom im fortgeschrittenen Stadium. 

Die Brustwirbelsäule war stark beschädigt, Metastasen hatten sich 

ausgebreitet. Die Therapie, die daraufhin eingeleitet wurde, konnte 

den Patienten nicht mehr retten – nach einem Jahr verstarb er.

Seitdem habe ich mich oft gefragt, ob alles anders gelaufen wäre,  

der Patient vielleicht sogar noch leben könnte, wenn ich diesen  

drei Worten »irgendetwas stimmt nicht« in der Karteikarte des Pa-

tienten mehr Beachtung geschenkt hätte. Heute beziehe ich den  

Arzt ganz früh mit ein, wenn ich das Gefühl habe, dass ein Behand-

lungserfolg zu lange auf sich warten lässt.

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59

Dekubitusprophylaxe –  
aber bitte richtig!

Christel Bienstein

Die Bezeichnung »Dekubitus« für ein Druckgeschwür leitet sich aus 
dem Lateinischen ab – »decumbere« bedeutet so viel wie »sich nieder-
legen« und verweist damit auf die häufigste und wichtigste Ursache für 
die Entstehung eines Dekubitus: das lange und womöglich bewegungs-
lose Liegen. In der Pflegepraxis hat man dieses zentrale Pflegeproblem 
lange erkannt – die Zahl der an einem Dekubitus erkrankten Menschen 
ist zwischen 2000 und 2008 um die Hälfte zurückgegangen, obwohl die 
Zahl der potentiell gefährdeten Personen gleich geblieben ist [33].

Geht schnell, sagt viel: der Fingertest!

Beim Lagern eines Patienten bemerken Sie eine gerötete 

 Körperstelle. Bleibt diese Stelle auf Druck mit dem Finger rot, ist 

das Gewebe bereits geschädigt! Gesunde Haut wird weiß!

6.1

  Die 5 wichtigsten Fehler bei der Vermeidung  

von Druckgeschwüren

Die Vermeidung von Druckgeschwüren gehört zum Alltagsgeschäft 
der Kranken- und Altenpflege. Trotzdem oder gerade deswegen haben 
sich hier eine Vielzahl von Mythen gebildet und gehalten, die dem 
 Patienten mehr schaden als nützen. Und Hand aufs Herz: Sind Sie noch 
nie einer oder sogar mehreren dieser »Empfehlungen«, die allesamt 
einem Druckgeschwür vorbeugen sollen, begegnet? Häufig sind dann 
die entsprechenden Pflegehandlungen zu einem regelrechten Ritual ge-
worden.

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6.1 · Die 5 wichtigsten Fehler

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60 

Kapitel 6 · Dekubitusprophylaxe – aber bitte richtig!

1. »Der Patient muss möglichst weich liegen.«

Falsch!

 Je weicher ein Patient gelagert wird, umso weniger gut 

kann er sich bewegen. Und Bewegungsmangel fördert die Ent-
stehung von Druckgeschwüren.

Richtig:

 Das Gegenteil einer möglichst weichen Lagerung ist 

nicht eine harte, sondern eine druckentlastende bzw. -reduzie-
rende Lagerung. Diese sollte
a.  die Mobilität des Patienten nicht einschränken, sondern 

 fördern, 

b.  den Druck möglichst großflächig verteilen und
c.  alle 2 Stunden durch eine Positionsveränderung geändert 

werden.

2. »Fersenschoner schützen die Fersen.«

Falsch!

 Auch der vermeintlich weichste Watteverband kann eine 

Ferse nicht vor Dekubitus schützen.

Richtig:

 Nur die konsequente Freilagerung der Ferse z. B. mit 

Hilfe eines zusammengerollten Handtuchs kann einem Dekubi-
talgeschwür vorbeugen.
Immer beachten: Die Druckentlastung einer bestimmten 
Körperregion geht immer mit einer Druckbelastung einer 
 anderen Region einher. Ziel muss daher stets sein, den Aufliege-
druck auf einer möglichst großen Fläche zu verteilen.

3. »Mit den richtigen Lagerungssystemen liegt der Patient optimal 
und braucht über viele Stunden nicht umgelagert zu werden.«

Nein!

 Selbst Spezialsysteme, die optimal auf den Patienten ab-

gestimmt sind, ersetzen nicht das regelmäßige Umlagern.  
Nur wenn der Patient alle 2 Stunden umgelagert wird, können 
Spezialsysteme dazu beitragen, dass Dekubitalgeschwüre ver-
mieden werden. Die (allgemeine) Zeitangabe von 2 Stunden 
muss jedoch von Beginn der Positionsveränderung an über-
prüft  werden. Denn es kann sein, dass die Position eines Pa-
tienten, der z. B. sehr kachektisch ist, häufiger verändert werden 
muss.

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61

Wichtig ist die sprachliche Veränderung vom »Lagerungsplan« 

zum »Bewegungsplan«. Der Begriff »Lagerung« hat lange dazu  

geführt, dass Patienten mittels Kissen ruhig gestellt wurden. 

 Gerade dieses »ruhige« Liegen führt aber zu einem Dekubitus. 

Bewegung muss das primäre Mittel sein!

Richtig:

 Spezialmatratzen für dekubitusgefährdete Patienten re-

duzieren bei sachgerechter Anwendung das Risiko eines Deku-
bitus. Grundprinzip jeder Lagerung ist immer, die Auflagefläche 
so groß wie möglich zu halten. Besonders das gut gemeinte 
Hochstellen des Kopfteils birgt spezielle Gefahren für den Pa-
tienten: die Entstehung von Scherkräften, die das aufliegende 
Gesäß ganz besonders belasten. Gemeint ist damit folgender 
Vorgang: Der hochgelagerte Patient rutscht im Bett infolge der 
Schwerkraft langsam in Richtung Fußende. Dabei bleibt die 
Haut wie an der Unterlage »kleben« und wird dadurch extrem 
strapaziert. 
Deswegen: Bei der Hochlagerung auf die Hüftbeugung achten. 
Das Kopfteil des Bettes muss mindestens 90 cm betragen, weil 
der Mensch sich nicht im BWS- oder LWS–Bereich, sondern 
nur im Hüftgelenk beugen kann.
Beim Lagern darauf achten, dass der Patient im Bett gewebe- 
und hautschonend nach oben gehoben wird. Schon die Reibung 
der Gesäßhaut auf der Unterlage beim Hochziehen des Pati-
enten im Bett ist eine Belastung, die vermieden werden sollte. 
Inzwischen verfügen wir über Bewegungskonzepte, die Pfle-
gende dazu qualifizieren, Patienten ohne Reibungs- und Scher-
kräfte zu bewegen. Hier hat sich besonders das Konzept der 
Kinästhetik bewährt, das inzwischen in vielen Ausbildungsins-
tituten vermittelt wird.

Vorsicht!

 Je mehr Lagerungshilfsmittel verwendet werden, umso 

weniger kann der Patient sich bewegen.

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6.1 · Die 5 wichtigsten Fehler

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62 

Kapitel 6 · Dekubitusprophylaxe – aber bitte richtig!

4. »Eis und Fön sorgen für eine optimale Durchblutung  
und schützen so vor Druckgeschwüren.«

Falsch!

 Dass Eisen und Fönen zu einer besseren Durchblutung 

der Körperregionen führt, die besonderem Lagerungsdruck 
ausgesetzt sind, ist wissenschaftlich widerlegt. Nicht nur, dass es 
nicht zu der erwünschten verbesserten Durchblutung kommt – 
Eis schädigt die Haut sogar und Fönen trocknet sie aus. Im Er-
gebnis ist die Haut sogar anfälliger für Druckgeschwüre!

Richtig:

 Unumstrittenes A&O jeder Hautpflege ist, die Haut vor 

Feuchtigkeit – Schweiß, Urin und Stuhl – zu schützen. Eine 
Hautpflege mit Wasser und möglichst unter Vermeidung von 
Seife oder Tensiden (häufig in Waschlotionen enthalten) sowie 
die Anwendung einer Wasser-in-Öl-Lotion können unterstüt-
zend wirken.

5. »Sitzringe entlasten das Steißbein.«

Nur bedingt!

 Denn einerseits entlasten sie zwar das Steißbein, 

andererseits aber können sie dazu führen, dass sich das Blut in 
den Oberschenkeln staut und Gewebe gequetscht wird. Sitz-
ringe führen zu einem Abschnüren der Steiß- und Sitzbein-
region und können nicht unter dem Gesichtspunkt der Deku-
bitusvermeidung verwendet werden.

Patienten sind in sitzender Position eher gefährdet, einen Dekubi-

tus zu entwickeln, als wenn sie über mehr Auflagefläche verfügen. 

Das ist die Herausforderung: zwischen sitzenden und liegenden 

Positionen den richtigen Zeitintervall zu finden. Eine jeweilige 

Überprüfung der Haut ist erforderlich.

6.2

  Einen guten Job machen, ist nicht alles

Dass personelle Engpässe auf Station und chronischer Personalmangel 
zu Lasten der Patienten gehen ist einleuchtend, aber in Deutschland 
nicht ausreichend untersucht. 

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63

Weniger Pflegekräfte – mehr Dekubitalgeschwüre

Das IQWiG, das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Ge-
sundheitswesen, hat 2006 auf Grundlage internationaler Studien ein 
Arbeitspapier verfasst, das sich speziell mit dem Zusammenhang 
 zwischen Pflegekapazität und Ergebnisqualität in der stationären Ver-
sorgung befasst. Diesem Arbeitspapier zufolge weisen mehrere Studien 
darauf hin, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen der Personal-
situation eines Krankenhauses und dem Auftreten von z. B. Druck-
geschwüren. Danach gibt es »einen signifikanten negativen Zu-
sammenhang zwischen der Anzahl der Stunden der amtlich zuge-
lassenen Pflegekräfte pro Pflegetag und dem Auftreten eines Dekubital-
geschwürs« [15].

Fazit

Mythen zur Vermeidung von Dekubitalgeschwüren führen leider 

oft zu deren Entstehung! Die Betreuung gefährdeter Patienten 

 verlangt jedoch neben dem richtigen Know-how auch genügend 

Zeit für dessen Umsetzung. Fehlt es an qualifiziertem Personal, 

fehlt es auch an Wissen und meist auch an Zeit für die Durchfüh-

rung. Zu wenig qualifiziertes Personal ist daher ein Risikofaktor für 

die Entstehung von Dekubitalgeschwüren.

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6.2 · Einen guten Job machen, ist nicht alles

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Meine Geschichte: Susanne L.*

Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin

Unaufmerksamkeit + schlechte Beschriftung = Verwechslung

Wir, die Schülerin, die ich zu beaufsichtigen hatte, und ich waren 

 zufrieden, als wir nach Hause gingen: Wieder ein Tag auf Station,  

der gut gelaufen war. Bis ich zu Hause dann einen Anruf von Station 

bekam: Bei dem Kind, das eine Antibiotikakurzinfusion bekommen 

sollte, war anstelle der Kochsalzlösung, mit der das aufgelöste Anti-

biotikum verdünnt werden sollte, Kochsalzlösung mit einem Anteil 

Heparin genommen worden! Stutzig geworden war ein Kollege, als  

er feststellte, dass etwas von der Kochsalz-Heparin-Lösung fehlte. 

Nachdem er hin- und hertelefoniert hatte, war nur noch eine Erklä-

rung geblieben: Das Kind hatte das Heparin bekommen! Und die 

 Laborwerte bestätigten seinen Verdacht: Die Blutgerinnung war deut-

lich vermindert!

Wie auf heißen Kohlen

Am liebsten wäre ich sofort zurück in die Klinik gefahren, aber meine 

Kollegen beruhigten mich erst einmal, dem Patienten gehe es soweit 

gut. Die Stationsärztin sei auch schon informiert und habe sich bereits 

mit dem Chefarzt in Verbindung gesetzt. Ich saß wie auf heißen Koh-

len: Wie hatte das passieren können? Ausgerechnet mir, die ich sonst 

lieber zweimal zu viel kontrolliere als einmal zu wenig. Zwar war es 

die Schülerin gewesen, die zu der falschen Lösung gegriffen und sie 

auch beschriftet hatte, aber ich hatte daneben gestanden, hatte die 

Aufsichtspflicht. Also war es mein Fehler! Ich hatte der Schülerin an 

sich zu Recht vertraut, denn sie ist sehr gewissenhaft, aber ich hätte 

trotzdem überprüfen müssen, was sie tat. Und ich wusste: Die Fläsch-

chen mit der Kochsalzlösung und die mit Heparin sehen praktisch 

identisch aus. Nur ein winzig kleines Etikett auf der Heparinflasche 

machte da den Unterschied – und das ist zu wenig!

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Tatsächlich ist das Kind nicht ernsthaft zu Schaden gekommen. 

Den Eltern wurde erklärt, dass sie in den nächsten 24 Stunden auf-

passen sollten, dass ihr Kind sich nicht stößt, und auch warum. Diese 

offene Art, mit einem Fehler, der nun einmal passiert war, umzuge-

hen, hat vielleicht auch dazu beigetragen, dass die Eltern relativ ge-

lassen darauf reagieren konnten. 

Guter Umgang mit dem Fehler und auch eine Lösung dafür

Im Anschluss an dieses Ereignis, das ja glücklicherweise glimpflich 

ausgegangen ist, hat das Qualitätsmanagement unserer Klinik eine 

Besprechung einberufen. Dabei sind wir noch einmal dezidiert durch-

gegangen, wie es zu der Verwechslung der beiden Fläschchen hatte 

kommen können und wie man das in Zukunft vermeiden konnte. Er-

gebnis: Heparinfläschchen werden seitdem mit einem großen roten 

Aufkleber versehen, sodass man sie überhaupt nicht mehr mit einer 

einfachen Kochsalzlösung verwechseln kann. Am Ende war ich sehr 

erleichtert: Das Kind hatte von der ganzen Aufregung gar nichts be-

merkt, die Eltern waren verständnisvoll, meine Kollegen und der Chef-

arzt sind sachlich und freundlich mit unserem Missgeschick umge-

gangen. Und schließlich ist sogar noch eine Lösung dabei herausge-

kommen, mit der eine Wiederholung des Fehlers in Zukunft ziemlich 

sicher vermieden werden kann.

*  Name und Anschrift der Interviewpartnerin sind den Herausgebern 

bekannt.

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Kapitel 7 · Kein Fehler vor dem Schnitt

Kein Fehler vor dem Schnitt

Kai Kolpatzik

Erfahrung nennt man die Summe aller unserer Irrtümer.  

Thomas Alva Edison

Solche Einsichten vermögen uns in vielen Situationen helfen – gerade 
im Bezug auf einen Aufenthalt im Krankenhaus und eine bevorstehen-
den Operation trösten sie uns jedoch überhaupt nicht. Denn die Vor-
stellung, aus der Narkose aufzuwachen und einen Schnitt am falschen 
Knie oder einen Gips um den gesunden Arm zu haben, erleichtert nie-
mandem den Weg in den OP-Saal.

In Deutschland kommt es schätzungsweise zwischen 100- und 

240-mal im Jahr zu Verwechslungsfällen mit juristischen Konse-

quenzen. Wahrscheinlich ist das aber nur die Spitze des Eisbergs. 

Denn etwa ein Fünftel aller Chirurgen geben an, im Laufe ihres 

Berufslebens sei ihnen mindestens einmal eine Verwechslung 

 passiert.

Eingriffsverwechslungen sind immer wieder einmal Gegenstand von 
Krankenhauswitzen – in Wahrheit können sie für die Betroffenen 
schwerwiegende und sogar katastrophale Folgen haben. Rein theore-
tisch betrachtet ist eine Eingriffsverwechslung zu 100% vermeidbar. 
Die Arbeitsteiligkeit im Krankenhaus und oftmals unübersichtliche 
 Situationen, in denen unter Zeitdruck schnell und richtig gehandelt 
werden muss, bergen jedoch das potenzielle Risiko einer Gefährdung 
für den Patienten, wenn keine wirksamen und von allen Beteiligten in-
ternalisierten Sicherheitsmaßnahmen vorhanden sind.

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7.1

  Was ist eine Eingriffsverwechslung?

Wenn es bei operativen oder invasiven Eingriffen zu Verwechslungen 
kommt, spricht man von Eingriffsverwechslungen. 3 Arten kann man 
unterscheiden:

der Eingriff wurde an der falschen Körperseite bzw. dem falschen 
Eingriffsort vorgenommen,
der Eingriff wurde am falschen Patienten vorgenommen,
es wurde der falsche Eingriff vorgenommen.

Stufenplan gegen Eingriffsverwechslung

Zwischen der Aufnahme bis hin zu dem Moment, in dem der Patient auf 
dem OP-Tisch liegt, gibt es sehr viele Kontakte mit sehr vielen unter-
schiedlichen Personen des Krankenhausteams – nur dann, wenn alle die 
gleichen Regeln zur Vermeidung einer Verwechslung kennen und entspre-
chend danach handeln, können Verwechslungen ausgeschlossen werden.

In einer Studie konnten 17 Fehler nachgewiesen werden, deren 
Zusammenspiel zur Verwechslung einer Patientin führte.

Das Aktionsbündnis Patientensicherheit e.V. hat 2005 eine Arbeits-
gruppe gegründet, die sich mit diesem Thema beschäftigt hat. Heraus-
gekommen ist eine Handlungsempfehlung zur Vermeidung von Ein-
griffsverwechslungen in der Chirurgie bzw. den operativen Fächern, 
deren Umsetzung insgesamt über alle Prozesse maximal 3 Minuten 
dauert. In diesem offiziellen Dokument werden 4 Handlungsstufen 
 unterschieden, deren Befolgung Patienten sowohl in Krankenhäusern 
als auch in Praxen wirksam vor Verwechslungen schützen kann:

Stufe 1: Identifikation

Im Rahmen des Aufklärungsgesprächs werden die Personaldaten des 
Patienten genau überprüft und ggfs. ergänzt, um auch allen beteiligten 
Mitarbeitern eine exakte Identifikation zu ermöglichen. Außerdem 
zeigt der Patient jeweils selbst auf die zu operierende Stelle.

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7.1 · Was ist eine Eingriffsverwechslung?

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Kapitel 7 · Kein Fehler vor dem Schnitt

Stufe 2: Markierung

Der Eingriffsort wird mit einem nicht abwischbaren Stift klar markiert.

Stufe 3: Saal-Check

Unmittelbar bevor der Patient in den OP  kommt, wird noch einmal 
 sicher gestellt, dass der richtige Patient in den richtigen Operationssaal 
kommt und die Markierung vorhanden ist.

Stufe 4: Team-Time-Out

Bevor der erste Schnitt getan wird, nimmt das gesamte OP-Team (alle 
Anwesenden!) eine kurze Auszeit – »Time Out« – und überprüft und 
bestätigt auf Basis einer »Mini-Checkliste«, dass es sich um den rich-
tigen Eingriff beim richtigen Patienten und in dessen richtiger Körper-
region handelt.

7.2

  Ohne Konsequenz geht es nicht

Auch die besten Handlungsempfehlungen greifen nur, wenn sie 

konsequent umgesetzt werden.

Die 4 Stufen zur Vermeidung von Eingriffsverwechslungen leuchten 
unmittelbar ein. Wirksam greifen können sie jedoch nur, wenn alle Be-
teiligten sie kennen und beherzigen. Dazu schlägt das Aktionsbündnis 
Patientensicherheit e.V. folgende Vorgehensweise für die Einführung 
der Empfehlungen im Krankenhaus oder in der Praxis vor:

Die Führungsebene muss die klare Entscheidung treffen: Wir setzen 
die Handlungsempfehlungen um!
In Folge werden alle Mitarbeiter detailliert mit den einzelnen Stufen 
der Handlungsempfehlung vertraut gemacht: Alle wissen Bescheid!
Patienten werden idealerweise über das Prozedere schriftlich (z. B. in 
Form eines Flyers) aufgeklärt: Der Patient ist aktiv miteinbezogen!

Bei genauerer Betrachtung fällt auf, dass sich auf jeder einzelnen dieser 
Stufen Fehler einschleichen können, die dann zur Folge haben können, 

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69

dass es zu einer Verwechslung kommt. Deswegen buchstabiert das 
 Aktionsbündnis genau aus, was auf jeder der einzelnen Stufen genau 
passieren sollte [39].

Stufe 1: Identifikation

Der Operateur oder – wenn das nicht möglich ist – ein Arzt, an den er 
diese Aufgabe delegiert, überprüft aktiv die Identität des Patienten, 
 vergewissert sich anhand der Patientenakte, ob Eingriffsort und Ein-
griffsart exakt beschrieben wurden und gleicht den geplanten Eingriff 
noch einmal mit den vorangegangenen Untersuchungen (z. B. Einwei-
sungspapiere, bildgebende Verfahren) ab.

Was bedeutet aktiv?

Aktiv heißt in diesem Falle, dass der Arzt Fragen, auf die der Patient 

nur mit »Ja« oder »Nein« antworten kann, unbedingt vermeidet. 

Denn gerade, wenn ein Patient z. B. schwerhörig oder sehr aufge-

regt ist, antwortet er vielleicht auf die Frage, ob er Franz Müller 

 heiße, mit »Ja«, obwohl er Hans Müller heißt. Deswegen muss zum 

Abgleich der Angaben in der Patientenakte gefragt werden:

Wie heißen Sie?

Wann sind Sie geboren worden? usw.

Zeigen, wo der Eingriff stattfinden soll

Der Operateur sollte nicht fragen, an welchem Arm der Patient ope-
riert werden soll, sondern den Patienten bitten, den Arm zu zeigen
Denn wenn es um »links« oder »rechts« geht, kommt es ganz schnell 
zu Missverständnissen: Was für mich links ist, ist für mein Gegenüber 
rechts; und wenn ich noch, wie viele Menschen, gelegentlich links  
und rechts verwechsle, ist ein Missverständnis geradezu vorprogram-
miert.

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7.2 · Ohne Konsequenz geht es nicht

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Kapitel 7 · Kein Fehler vor dem Schnitt

Wenn der Patient keine Angaben machen kann oder will

Etwas schwieriger gestaltet sich die Bestätigung der Patientenidentität, 
wenn der Patient keine Angaben zu seiner Person machen kann oder 
will. In diesem Fall sollte

dokumentiert werden, dass der Patient trotz vorheriger Aufklärung 
keine Angaben machen kann oder will, und
anhand der Patientenunterlagen (z. B. auch der Röntgenbilder) vom 
Operateur überprüft werden, dass die Identität die richtige ist.

Bei Kindern, Menschen, die nicht oder nur wenig Deutsch 

 sprechen, schwerhörigen, dementen, bewusstlosen Patienten, 

aber auch bei Notfallpatienten sollten Angaben zur Person mit 

dem einweisenden Arzt, Angehörigen oder einem Dolmetscher 

abgeglichen werden.

Identifikation des Patienten [7]

Wer?

Operateur, aufklärender Arzt, voll informierter Arzt

Wann?

Aufklärungsgespräch vor oder nach Aufnahme

Was?

Richtiger Patient

Namen und Geburtsdatum sagen lassen und prüfen

Eingriffsart

im Gespräch mit dem Patienten bestätigen

Eingriffsort

aktiv fragen und zeigen lassen
Angehörige einbeziehen (v. a. bei Kindern und nicht urteils-
fähigen Patienten)

Abgleich mit Akten und Bildern

Stufe 2: Markierung des Eingriffsorts

Das Aktionsbündnis Patientensicherheit empfiehlt, dass der Operateur 
oder ein anderer Arzt, an den er diese Aufgabe delegiert hat, die Mar-

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kierung vornimmt. Dabei sollte immer nach dem gleichen Schema vor-
gegangen werden:

Überprüfung der Identität des Patienten anhand der Patientenakte
Aktive Befragung des Patienten nach Identität, geplantem Engriff 
und Eingriffsort vor Gabe der Prämedikation
Markierung des Eingriffsorts/der Eingriffsorte mit einem nicht-
abwischbaren Stift (z. B. Kreuz oder Pfeil, nicht »Ja« oder »Nein«!)
Markierung möglichst beim wachen Patienten, damit dieser aktiv 
miteinbezogen werden kann.
Diese zweite Überprüfung der Patientenidentität vom Operateur, 
der die Markierung vornimmt, ist eine weitere Sicherungsstufe zur 
Vermeidung einer Eingriffsverwechslung. Unstimmigkeiten können 
aufgedeckt werden, bevor »das Kind in den Brunnen gefallen ist«.

Markierung Eingriffsort [7]

Wer?

Operateur, aufklärender Arzt, voll informierter Arzt

Wann?

außerhalb des OPs

beim wachen Patienten

Was?

Abgleich mit den Akten

richtiger Patient

Eingriffsart

Eingriffsort

Patienten aktiv einbeziehen

Eingriffsort zeigen lassen

Angehörige einbeziehen

Markierung

nur Eingriffsort

eindeutige Zeichen (Kreuz, Pfeil, Initialien)

nicht abwischbarer Stift

mehrere Eingriffsorte: alle markieren

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7.2 · Ohne Konsequenz geht es nicht

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Kapitel 7 · Kein Fehler vor dem Schnitt

Stufe 3: Saal-Check

Häufig müssen Belegungen von Operationssälen ganz kurzfristig zu-
rückgenommen werden, und eine für OP-Saal A vorgesehene Opera-
tion wird auf OP-Saal C verschoben. Oder es erfolgt – gerade, wenn es 
sich um kurze Eingriffe handelt – eine OP nach der anderen. Damit 
dann nicht aus Versehen ein Patient mit einer Arthroskopie in den Saal 
geschoben wird, in dem eine Struma oder ein Leistenbruch operiert 
werden soll, empfiehlt das Aktionsbündnis, dass unmittelbar vor Ein-
tritt in den OP Arzt oder Pflegepersonal checken, dass der richtige 
 Patient für den richtigen Eingriff in den richtigen OP kommt:

Überprüfung der Patientenunterlagen (Vorname, Familienname, 
Geburtsdatum, geplanter Eingriff, Eingriffsort). Zu diesen Angaben 
aktiv den Patienten zu befragen, ist aufgrund der Prämedikation 
meist nicht sinnvoll oder überhaupt möglich.
Überprüfung der Markierung. Ist keine Markierung des Eingriffs-
orts erfolgt, empfiehlt das Aktionsbündnis Patientensicherheit, 
 keine Anästhesie durchzuführen.

Zuweisung zum richtigen OP-Saal [7]

Wer?

definierte, verantwortliche Person

Wann?

unmittelbar vor Anästhesieeinleitung und vor Eintritt in den Saal

Was?

Patientenidentität

Namen und Geburtsdatum überprüfen

Eingriffsart

prüfen und bestätigen

Eingriffsort

prüfen und bestätigen

Markierung prüfen

mit Aktenabgleich
wenn möglich aktive Befragung des Patienten

Saal-Check

Zuweisung zum OP-Saal überprüfen

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Stufe 4: Team-Time-Out

Diese halbe Minute, diese Auszeit für das OP-Team unmittelbar vor 
dem ersten Schnitt, ist für die Sicherheit des Patienten außerordentlich 
wichtig! Das Team-Time-Out ist keine Wartezeit auf ein fehlendes  
OP-Teammitglied, sondern sollte aktiv von allen an dem Eingriff Be-
teiligten dazu genutzt werden, nochmals die einzelnen Schritte zur 
Überprüfung von Patientenidentität, vorgesehenem Eingriff und Ein-
griffsort  durchzugehen. Am besten geht das mit einer kleinen Check-
liste. Jemand, der für das Team-Time-Out verantwortlich ist, ruft dazu 
die einzelnen Punkte auf und alle Beteiligten bestätigen sie oder ver-
neinen sie ggfs. Gibt es Uneinigkeit unter den OP-Teammitgliedern, 
muss sie ernst genommen werden und, wenn keine eindeutige Klärung 
erfolgen kann, der Eingriff – selbstverständlich mit einer Entschuldi-
gung an den Patienten – verschoben werden.

Team-Time-Out vor Schnitt [7]

Wer?

OP-Team

initiiert durch definierte, verantwortliche Person

Wann?

unmittelbar vor Schnitt

Was?

Letztes Innehalten – letzte Richtigkeitsprüfung

Mittels Minicheckliste

richtiger Patient (Namen und Geburtsdatum)

Eingriffsart

Eingriffsort

Aufnahmen bildgebender Verfahren

richtige Implantate verfügbar

Alle Punkte durch OK bestätigen

Durchführung des Team-Time-Out dokumentieren

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7.2 · Ohne Konsequenz geht es nicht

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Kapitel 7 · Kein Fehler vor dem Schnitt

Praxistipp

Ob ein »Team-Time-Out« stattfindet oder nicht, sollte nicht dem 

Zufall überlassen sein. Nur wenn jemand dafür verantwortlich ist, 

in seiner Verantwortlichkeit anerkannt ist und seine Verantwor-

tung wahrnimmt, kann bei diesem letzten Schritt vor dem ersten 

Schnitt noch eine mögliche Eingriffsverwechslung abgewendet 

werden.

7.3

  Und im Fall der Fälle?

Zunächst sollte jeweils an den entsprechenden Stellen der vier Stufen 
eine umgehende Lösung des Problems gesucht werden. Muss ein Ein-
griff jedoch verschoben werden, weil auf einer der 4 Stufen zur Ver-
meidung von Eingriffsverwechslungen Unstimmigkeiten aufgedeckt 
worden sind, sollte zunächst einmal der Patient darüber aufgeklärt 
werden, warum eine Verschiebung notwendig wurde. Auch eine Ent-
schuldigung ist für gewöhnlich sehr am Platz, denn zu Recht sind Pa-
tienten, die einer Operation in aller Regel mit bangem Herzen ent-
gegensehen, über eine Verschiebung der gesamten Prozedur nicht 
glücklich.

Eine Eingriffsverwechslung rechtzeitig zu verhindern, ist eine 

Teamleistung, auf die ein Team auch stolz sein darf. Denn für den 

Patienten wurden dadurch möglicherweise katastrophale Folgen 

abgewehrt.

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Fazit

Regeln brauchen Regeln, um zu greifen. Auch die besten Hand-

lungsempfehlungen sind nur dann erfolgreich (

.

 Abb. 7.1),

wenn sie verbindlich sind – d. h. wenn sich jeder daran hält,

wenn sie einheitlich sind – d. h. dass alle Akteure sich an diesel-

ben Regeln halten, 

wenn sie gekannt sind – d. h. dass alle Beteiligten umfassend 

über Sinn, Zweck und Durchführung informiert sind,

wenn sie gekonnt sind – d. h. wenn alle Beteiligten in der Lage 

sind, ihr Wissen auch richtig umzusetzen, und

wenn sie praktiziert werden.

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Abb. 7.1.  5 Stufen der Umsetzung. 

.

7.3 · Und im Fall der Fälle?

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Meine Geschichte: Brigitte S.*

Pflegepädagogin

»Schule muss auch sagen: Welche Verhaltensregeln  

geben wir den Schülern mit auf den Weg?«

Die Frage nach Fehlern, die schon einmal aufgetreten sind, habe ich 

meinen Schülerinnen und Schülern gestellt. Und war bass erstaunt, 

über wie viele Fehler berichtet wurde! Fehler, die ansonsten einfach 

untergegangen wären, obwohl man so viel daraus lernen könnte!

Scheinbar harmlos: Ein Patient möchte aufstehen

Zum Beispiel, wie Handlungsketten, an deren Ende dann in Patient 

(zum Glück nicht schwer) gestürzt ist, irgendwie auch ihren Ursprung 

in der Ausbildungssituation haben. Die Schülerin, die mir das folgen-

de Ereignis erzählt hat, arbeitete damals auf einer der Stationen in 

 unserem Haus, die in verschiedene Bereiche unterteilt sind. Als  

ein Patient klingelte, ging sie auf die Klingel, obwohl sie für diesen 

 Bereich gar nicht zuständig war. Der Patient hatte eine scheinbar 

harmlose Bitte: Er wollte aufstehen. Die Pflegeschülerin setzte ihn 

also, wie sie es in der Schule gelernt hatte, auf die Bettkante, streifte 

ihm Schuhe über die Füße und half ihm aus dem Bett. Schon gleich 

nach den ersten zwei Schritten traten dem Patienten Schweißperlen 

auf die Stirn. Bevor er noch den dritten Schritt tun konnte, kollabierte 

er und rutschte zu Boden. Glücklicherweise hat der Mitpatient sofort 

reagiert und auf dem Gang nach Hilfe gerufen. Sogleich kamen  

zwei Kollegen geeilt und mit vereinten Kräften gelang es dann, den 

Patienten ins Bett zu heben. Weil der Patient langsam zu Boden ge-

rutscht war, hatte er sich zum Glück keine Verletzungen oder blauen 

Flecken zugezogen. Das Ganze hätte aber auch ganz anders ausge-

hen können ...

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Informationsdefizite, wo man hinschaute

Zunächst deutete alles auf die Schülerin: Wie hatte sie dem Mann aus 

dem Bett helfen können, obwohl er gar nicht hätte mobilisiert werden 

dürfen? Und warum hat sie eine Erstmobilisation allein durchgeführt? 

Erstmobilisationen müssen immer von zwei Pflegekräften vorgenom-

men werden, weil die Gefahr von Stürzen gegeben ist.

Der Grund dafür war ganz einfach. Die Krankenpflegeschülerin hatte 

nicht die nötigen Informationen gehabt:

1.   wusste sie nicht, dass der Patient noch nicht mobilisiert werden 

durfte,

2.  wusste sie nicht, dass man eine Erstmobilisation zu zweit macht. 

Und

3.  war ihr auch nicht klar, dass sie bei einem Patienten, der nicht 

 ihrem Bereich angehörte, die zuständigen Kollegen hätte ein-

schalten müssen.

Und dabei hatte sie doch eigentlich nur Gutes und scheinbar Nahe-

liegendes gewollt: dem Patienten dabei helfen, das Bett zu verlassen. 

Viele, viele kleine und eigentlich »unscheinbare« Fehler, die, so sehe 

ich das heute, im Grunde schon ihren Ausgang in der Krankenpflege-

schule hatten. Denn dort sollte man den Auszubildenden ganz klipp 

und klar sagen: niemals etwas tun, ohne genaue Informationen zu 

 haben. Uninformiert zu handeln, heißt potenziell verantwortungslos 

zu handeln, weil man die Konsequenzen nicht absehen kann. Hier ist 

Schule ein Stück weit gefragt, Verhaltensregeln zu vermitteln und 

 deren Wichtigkeit klar zu machen.

 

Das bedeutet auch, ein Forum zu schaffen, wo Auszubildende 

 regelmäßig die Möglichkeit haben, offen darüber zu reden, wenn 

 etwas schief gegangen ist. Häufig kommen da Dinge zu Tage, an die 

man im Traum nicht gedacht hätte. Nur so kann man gemeinsam 

 reflektieren, wie man Fehler vermeidet. 

 

Ganz wichtig ist, einen Rahmen zu haben, wo das möglich ist. In 

unserem Hause geht das!

*  Name und Anschrift der Interviewpartnerin sind den Herausgebern 

bekannt.

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Kapitel 8 · Wie sage ich’s dem Patienten?

Wie sage ich’s dem  
Patienten?

Marc-Anton Hochreutener

Großes Aufatmen! Der Fehler wurde bemerkt, und niemand ist ernst-
haft zu Schaden gekommen. Fehler in der medizinischen Versorgung 
und Betreuung von Menschen können, selbst wenn alles noch einmal 
gut gegangen ist, von den Betroffenen als Irritation oder sogar Belas-
tung empfunden werden. Zum zweiten Mal im zugigen Gang sitzen 
und auf eine Untersuchung warten zu müssen oder sich für ein paar 
Stunden benommen zu fühlen, weil eine Infusion zu schnell eingelau-
fen ist – beides ist für den Patienten nicht nur körperlich unangenehm, 
es beeinträchtigt leicht auch sein Vertrauen in das behandelnde Per-
sonal. Um wie viel gravierender, wenn der Patient durch einen medizi-
nischen oder pflegerischen Fehler zu Schaden gekommen ist!

In diesem Fall kommt es entscheidend darauf an, wie das Ereignis 

mit dem betroffenen Patienten und seinen Angehörigen kommuniziert 
wird. Unerwünschte Zwischenfälle anzusprechen ist nicht nur ein 
 Zeichen von Professionalität, sondern zeugt auch von Respekt vor dem 
Patienten. Die Beachtung seiner Würde durch den offenen Umgang 
mit einem Fehler sorgt ganz entscheidend dafür, dass das Vertrauens-
verhältnis zwischen Patient und ärztlichem und Pflegepersonal auf-
recht erhalten bleibt bzw. wiederhergestellt wird.

8.1

  Vorgehen bei der Fehlerkommunikation

Wie kommuniziert man richtig? Gerade in restriktiven Institutionen 
des Gesundheitswesens fällt es besonders schwer, einen Fehler zuzu-
geben und damit einen möglichen Lernprozess bei Beteiligten wie auch 
den Nicht-Beteiligten anzustoßen. Betroffenen Patienten und ihren 
Angehörigen zu offenbaren, dass etwas schief gelaufen ist, will gelernt 

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79

sein, damit eventuelle Folgen eines Fehlers in einer Atmosphäre des 
Vertrauens gemeinsam bewältigt werden können. Die Stiftung für Pa-
tientensicherheit der Schweiz hat hier Empfehlungen erarbeitet, wie 
man unerwünschte Zwischenfälle den Betroffenen kommuniziert  
und damit umgeht [24]. Diese Empfehlungen sind praxistauglich, 
 evidenzbasiert, d. h. in ihrer Tauglichkeit wissenschaftlich belegt, und 
gelten fachübergreifend.

Weiteren Schaden abwehren

Oberstes Gebot nach einem Zwischenfall ist, den Patienten vor weite-
rem Schaden zu bewahren. Zwischenfälle, die folgenlos für den Patien-
ten und womöglich von ihm unbemerkt geblieben sind, sollten ihm 
nicht mitgeteilt werden. In den Fällen, in dem ein Fehler Folgen für 
den Patienten hatte, sollte er kommuniziert werden – und zwar be-
dacht und koordiniert:

Wann soll ein Fehler kommuniziert werden?

So schnell wie möglich – am besten innerhalb der ersten 24 Stunden 
nach seinem Auftreten.

Wer sollte den Fehler kommunizieren?

Ein verantwortliches Teammitglied, zu dem der Patient auch Vertrauen 
hat.

Wo sollte über den Fehler gesprochen werden?

In einer ruhigen Umgebung, in der auch die Privatsphäre des Patienten 
geschützt ist.

Sind die Rahmenbedingungen für das Gespräch mit dem Patienten 

und/oder den Angehörigen geklärt, schlägt die Stiftung für Patienten-
sicherheit der Schweiz insgesamt 6 Inhalte vor:
1.  Darlegen, was passiert ist. Und zwar die Fakten und keine Mut-

maßungen.

2. Bedauern 

ausdrücken.

8.1 · Vorgehen bei der Fehlerkommunikation

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Kapitel 8 · Wie sage ich’s dem Patienten?

3.  Darüber informieren, welche eventuellen Folgen das unerwünschte 

Ereignis für den Betroffenen haben kann und zugleich Möglichkei-
ten der Bewältigung aufzeigen.

4.  Dem Betroffenen das Angebot machen, von einem anderen Team 

betreut zu werden.

5.  Zeigen, dass Team und Institution aus dem Fehler lernen wollen 

und wie.

6.  Den Patienten und seine Angehörigen über neue Erkenntnisse re-

gelmäßig auf dem Laufenden halten und auf diese Weise die Bezie-
hung aufrecht erhalten.

Praxistipp

Verhalten bei schwerwiegenden Zwischenfällen

Ist es einmal zu einem schwerwiegenden Zwischenfall gekommen, 

gilt es, Ausmaß und Folgen für den Betroffenen weitestmöglich zu 

reduzieren und einer Wiederholung des Fehlers vorzubeugen. Das 

gelingt nur, wenn der Fehler nicht nur von den beteiligten Ak-

teuren, sondern von der Institution, in oder für die sie arbeiten, 

ernst genommen wird. Daraus ergibt sich:

Schwere Fehler sind Chefsache!

Gerätschaften, Verbrauchsmaterialien (auch Abfälle!), Medika-

mente und Akten sicherstellen.

Alle Beteiligten sollten schnellstmöglich ein Gedächtnisproto-

koll erstellen.

Ggf. Behörden und Haftpflichtversicherer einschalten, im Zwei-

felsfall unverzüglich den Rat eines Rechtsmediziners einholen.

Patienten und Angehörige informieren.

Ein alternatives Betreuungsteam anbieten.

Patienten und Angehörige bei der Suche nach rechtlichen und 

finanziellen Hilfsangeboten unterstützen.

Follow-up-Treffen mit dem Patienten und seinen Angehörigen 

planen.

Bestimmen, wie der Zwischenfall in der Institution kommuni-

ziert wird und von wem.

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Ggf. eine Strategie entwickeln, wie die Öffentlichkeit darüber 

zu informieren ist.

Zwischenfall und sein Zustandekommen dokumentieren und 

analysieren, um einer Wiederholung vorzubeugen.

Verbesserungsmaßnahmen auch im Sinne der Qualitätsent-

wicklung einleiten.

Fazit

Ist es zu einem unerwünschten Zwischenfall gekommen, heißt es:

Weiterem Schaden vorbeugen.

Mit dem Patienten darüber sprechen und sein Bedauern 

 darüber zum Ausdruck bringen.

Schritte in die Wege leiten, um eine Wiederholung des Fehlers 

zu vermeiden.

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8.1 · Vorgehen bei der Fehlerkommunikation

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Kapitel 9 · Übergabefehler

»Übergabefehler  
verursachen 6% der noso-
komialen Todesfälle.«

Andreas Lauterbach

Nosokomiale Todesfälle – also durch Infektionen, die sich Patienten  
im Krankenhaus durch einen Krankenhauserreger zugezogen haben – 
als Folge einer fehlerhaften Übergabe?

Diese dramatische Zahl, die zurückgeht auf eine Untersuchung  

von Catchpole [11], in der die Übergabe zwischen den Stationen bzw. 
Disziplinen untersucht wird, verlangt nach einem genaueren Blick auf 
ein 3-mal tägliches Ritual: die Übergabe beim Schichtwechsel.

Erika: »So pass mal auf, wir fangen an! In der ..«

Uta: »Was macht denn die Frau Rupp. Ist die immer noch hier?«

Erika: »So fangen wir an in der 12.«

Olga: »Wir haben doch noch gar keine Zettel von der 12.«

Erika: »Ne, Zettel macht die Uta. Ich habe den nicht.«

Pascale: »Mach doch erst mal in der 15 weiter. Mach 15 erst mal.«

Erika: »15!« [21]

9.1

  Dauer der Übergaben und Anzahl der Patienten

Von den 3 Übergaben ist die der Vormittagsschicht an die Mittags-
schicht die umfangreichste. Früh- und Abendschicht dauern in der 
 Regel nur etwa halb so lange. Erstaunlicherweise gibt es aber keinen 
Zusammenhang zwischen der Anzahl der Patienten, ihrer Pflegebe-
dürftigkeit und der Dauer der Übergabe. Mit anderen Worten: Auf 
 einer Station mit 30 Patienten, von denen 10 aufwendig betreut werden 
müssen, dauert die Übergabe in Etwa so lange wie auf einer Station  
mit nur 16 Patienten, von denen 3 umfassender Pflege bedürfen. Die 

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verbleibende Zeit wird mit Inhalten gefüllt, die nicht direkt in die 
 Betreuung der Patienten einfließen bzw. gar nichts mit ihnen zu tun 
haben.

9.2

  Informative Übergabe oder »Schema F«?

Die Übergabe als zentrale Einrichtung für den Informationsaustausch 
innerhalb des Pflegeteams folgt, wenn man die Literatur dazu auswer-
tet, einem recht einheitlichen Schema:

Ablauf der Übergabe

Eröffnungsphase

Sie beginnt, wenn alle versammelt sind, und ...
besteht aus ritualisierten Worten und Handlungen.
Sie beginnt mit dem Ritual: »Wir übergeben uns jetzt«.

Kernphase

Eröffnung durch Berichterstattung über Patientinnen und Pa-
tienten.
Assoziative Gesprächsführung.
Sie besteht aus Patientenübergabe und »Organisatorischem«.
Sie endet fast immer durch »Auflösungserscheinungen«.

Beendigungsphase

Einzelne oder alle verlassen den Ort.
Privatgespräche beginnen.
Ende der Arbeitszeit, Phase endet durch Arbeitsdruck.
Es sind nicht mehr alle beteiligt.

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9.2 · Informative Übergabe oder »Schema F«?

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Kapitel 9 · Übergabefehler

9.3

  Mündliche Übergabe und Dokumentation –  

wie von verschiedenen Eltern

Eine Annahme hat die Untersuchung der Übergabe ins Reich der 
 Mythen verbannt: dass nämliche die mündliche Übergabe detaillierter 
und umfassender ausfalle als die schriftliche Dokumentation. Stellt 
man beide nebeneinander, so fällt eine krasse Diskrepanz auf. Hier ein 
fiktives typisches Beispiel:

Tab. 9.1.  Mündliche vs. schriftliche Übergabe

.

Mündliche Übergabe

Schriftliche Dokumentation

Frau Walter ... da gibt es nichts.  
Der geht es gut.

Pat. geht es gut. Keine Beschwerden.

Frau Spatz, die wollte gar nichts.

Pat. möchte evtl. ein Psychosom-Konsil 
bitte bis Montag abklären. Pat. fühlt sich 
gut. Keine Besonderheiten. Bitte nachfra-
gen, ob Brustprothese schon bestellt ist!

Eine Übergabe kann informativ sein und dem Wohl des Patienten 
 dienen. Sie kann strukturiert ablaufen und Informationen umfassend 
weitergeben. Eine Übergabe kann aber auch »Abhaken« sein, Informa-
tionen verkürzen oder ganz weglassen, Fragen unbeantwortet lassen, 
anstatt Erklärungen zu geben und Anregungen aufzugreifen. Sie kann 
Anregungen sogar dokumentieren. Damit dieser wichtigste Informa-
tionsaustausch ein Gewinn für das Team und die Patienten ist, sind 
hier drei Checklisten aufgeführt. Je öfter ein Häkchen neben einem der 
Punkte steht, umso größer ist die Chance, dass Patienten nicht auf-
grund eines Übergabefehlers Schaden nehmen.

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Checkliste Rahmenbedingungen für die Übergabe

1. 

 Verschriftet – Sind die Richtlinien für Übergaben verschriftet 

und für die Teammitglieder gut einsehbar?

2. 

 Geschult – Sind alle Mitarbeiter/-innen für die Übergabe-

prozeduren geschult?

3. 

 Gestaffelt – Sind arbeitsfreie Zeiten derart gestaffelt, dass ein 

Team nicht nur aus Pflegenden besteht, die alle längere Zeit frei 
hatten?

4. 

 Computergestützt – Werden Computer-Datenbanken, Text-

verarbeitung, Programme und andere Software-Tools verwendet, 
um den Umfang der Übergaben zu reduzieren?

5. 

 Gut nutzbar – Sind die Übergabedatenbanken durchsuchbar?

6. 

 Evaluiert – Werden Übergaben regelmäßig evaluiert?

7. 

 Wichtig – Werden Übergaben nicht nur als notwendiges Übel 

gesehen, sondern als möglicherweise vorteilhafte Situation?

Checkliste Übergabe

1. 

 Gute Vorbereitung – Sie braucht Zeit und die richtigen Doku-

mentationsmaterialien.

2. 

 Geeignete Übergabematerialien – Sie sind übersichtlich, 

 verständlich, bieten Platz für Unvorhergesehenes und können von 
allen Teammitgliedern gelesen und verstanden werden.

3. 

 Genügend Zeit – Die Schichten müssen sich so überlappen, 

dass ausreichend Zeit für die Übergabe ist.

4. 

 Alle da – Die Übergaben sind so eingerichtet, dass möglichst 

alle Teammitglieder beider Schichten anwesend sind.

5. 

 Persönlich – Rückfragen müssen möglich sein. Falls eine per-

sönliche Übergabe nicht möglich ist: Sind Alternativen (Telefon, 
Telefonnummer, E-Mails) zugänglich?

6. 

 Offen – Wichtige Beobachtungen und Anregungen des Teams 

fließen in die Planung der Pflegehandlungen mit ein und fallen 
nicht unter den Tisch.

7. 

 Verantwortung liegt bei allen – Sowohl die kommende wie 

auch die gehende Schicht tragen die Verantwortung für die Über-
gabe.

9.3 · Mündliche Übergabe und Dokumentation

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86 

Kapitel 9 · Übergabefehler

Checkliste Übergabematerialien

1. 

 Mitbeteiligung – Wurden die schriftlichen Übergabemateri-

alien mit den Pflegenden entwickelt, die am Prozess beteiligt sind?

2. 

 Platz für Unvorhergesehenes – Bieten die schriftlichen Über-

gabeprotokolle ausreichend Platz, um ungewöhnliche Ereignisse 

einzutragen?

3. 

 Offen für Fehler – Fordert das schriftliche Übergabematerial 

dazu auf, relevante Informationen einzutragen, eine Fehleranalyse 

vorzunehmen oder zu überprüfen, welche Folgen ein Informati-

onsverlust nach sich zieht?

4. 

 Evaluiert – Wurde das schriftliche Übergabematerial evaluiert, 

indem die Pflegenden in einer Probezeit die Möglichkeit hatten, 

Ergänzungen und/oder Streichungen vorzunehmen?

5. 

 Leicht zugänglich – Sind die notwendigen Informationsquel-

len für alle Teammitglieder leicht zugänglich?

Fazit

Zwischen »Übergabe« und »Übergabe« können Welten liegen! 

Durch das Einführen und Umsetzen von Standards lassen sich 

 Fehler insgesamt minimieren und zukünftig zu einem großen Teil 

vermeiden.

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Meine Geschichte: Siegfried Huhn

Fort- und Weiterbildung in der Pflege mit Schwerpunkt gerontologische 

Pflege, Beratung von Heimen und ambulanten Pflegediensten

»Seine eigenen Grenze zu erkennen – das kann über Leben  

und Tod entscheiden!«

Es liegt schon lange zurück, aber heute könnte es genauso passieren. 

Ich war damals Krankenpflegeschüler im 3. Ausbildungsjahr und in 
der Anästhesieabteilung eingesetzt. Das war damals ein Privileg:  

als Schüler auf die Anästhesie zu kommen! Bis zu dem nachfolgenden 

Ereignis hatte ich schon eine Zeit lang dort gearbeitet und kam auch 

relativ gut zurecht.

Plötzlich ein Problem mit dem Beatmungsgerät!

Bei der Patientin, die nun auf dem OP-Tisch lag, hatte ich die Braunüle 

gelegt und den Tubus eingesetzt. Alles hatte prima geklappt und die 

Narkose war eingeleitet worden. Die Patientin hatte bereits aufgehört, 

selbstständig zu atmen. Meine Aufgabe war es, die Atmung sicher-

zustellen und das Beatmungsgerät anzuschließen. Und das funktio-

nierte nicht! Ich hatte zwar schon mit Beatmungsgeräten zu tun ge-

habt, aber dieses war ein bisschen anders. Kurz: ich wusste einfach 

nicht, wie ich es bedienen sollte. »Ich komme mit dem Gerät nicht 

klar, ich kann es nicht anschließen, helft mir doch mal!« – ich war 

schon leicht in Panik. Aber der zuständige Anästhesiepfleger meinte 

nur: »Das kannst du schon, trau dich ruhig, du musst ab jetzt selbst-

ständig arbeiten«. Und der Chefarzt kommentierte etwas süffisant:  

»Es ist ja immer wieder auffallend, in welchen Situationen neue Leute 

unsicher werden ...«. Ja, ich war unsicher! Und dass offenbar niemand 

den Ernst der Lage erkannte, machte mich noch unsicherer. Ich wurde 

immer nervöser, zweifelte an mir und meinte, dass ich es vielleicht  

nur nicht erkennen würde, dass das Gerät schon einwandfrei lief. Aber 

dann sah ich: Die Patientin bekam überhaupt keine Luft! In meiner 

 Panik rief ich: »Ich kann das nicht, ich gehe!« Erst da drehte sich der 

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Chefarzt um, warf einen kurzen Blick auf die Patientin und schrie auch 

gleich: »Um Gottes Willen, die wird ja blau!«

 

Auf einmal war eine Riesenhektik – alle waren in Panik, und in null 

Komma nichts war das Beatmungsgerät vorschriftsmäßig ange-

schlossen und in Funktion. Der Patientin ist nichts passiert, und die OP 

konnte ohne weiteren Zwischenfall zu Ende geführt werden.

Für die anderen war ich ein Versager

Später erkannte ich, dass das Beatmungsgerät tatsächlich leicht zu 

bedienen war – wenn man weiß, wie! In der Zeit nach diesem Vorfall 

war ich auf dieser Abteilung nur noch unglücklich. Man ließ mich 

 spüren, dass ich ein bisschen als Versager betrachtet wurde, als je-

mand, der seinen Aufgaben nicht gewachsen ist. Putzarbeiten – das 

war das, wofür ich immer öfter eingeteilt wurde. Und zu Ärzten, die 

selbst noch Anfänger waren.

 

Immer wenn ich an diese Situation denke, spüre ich noch die 

 Panik von damals. Was hätte ich anders machen sollen? Heute weiß 

ich es. Ich hätte sagen sollen: »Ich werde dieses Gerät nicht bedienen, 

wenn mir keiner zeigt, wie!« Ganz selbstbewusst. Denn seine Grenzen 

zu kennen, ist gerade in der Pflege ein Zeichen von Fachlichkeit, von 

Professionalität – nicht von Versagen. Um Hilfe zu bitten, wenn man 

etwas nicht kann, ist eine Ressource. Und in der Pflege kann es über 

Leben und Tod entscheiden, wenn man diese Ressource zur Verfü-

gung hat. Wenn man sagt: »Helft mir! Ich kann das nicht!«

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Fehlverhalten –  
zwischen Fürsorge und 
Machtausübung

Karl-Heinz Wehkamp

Die systematische Aufarbeitung und Vermeidung von Fehlern wird 
nach Jahrzehnte langen Forderungen zunehmend ein Thema in Medi-
zin und Pflege. Im Zuge von Verfahren zur Qualitätssicherung werden 
Fehler oder Beinahe-Fehler versuchsweise erfasst, gemeldet, statistisch 
aufbereitet und analysiert. Critical Incident Reporting Systems (CIRS) 
systematisieren und professionalisieren die Suche nach Schwachstellen 
und Gefahrenquellen. Auch so genannte Morbiditäts- und Mortalitäts-
konferenzen (MMK) kümmern sich um Fehler und suchen nach 
 Wegen zur Vermeidung. Eine Fehlerkultur wird als Ziel angestrebt. 
 Daneben wird in einigen Fällen im Rahmen Klinischer Ethikkomitees 
(KEK) über »kritische Verläufe und Entscheidungen« aus ethischer 
Perspektive diskutiert.

Allen Konzepten gemeinsam ist das Ziel, die Patientenversorgung 

besser und sicherer zu machen. Koordiniert sind die Maßnahmen oft 
unzureichend, so dass eine Vernetzung sicherlich von Vorteil wäre. 
 Unverzichtbar ist zudem, dass nicht nur Fehler, sondern auch Fehl-
verhalten ins Blickfeld genommen wird. Letzteres stellt oft den Unter-
grund von Fehlern dar, die dann als letzter Ausdruck eines komplexen 
Feldes von Faktoren zu Schaden bei Patienten, Kollegen oder im Unter-
nehmen führen.

10.1

  Fehler oder Fehlverhalten?

Ein »Fehler« passiert leicht und niemand ist dagegen gefeit. Man hat 
etwas falsch eingeschätzt oder vergessen, man war abgelenkt oder hat 

10.1 · Fehler oder Fehlverhalten?

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Kapitel 10 · Fehlverhalten – zwischen Fürsorge und Machtausübung

etwas verwechselt. Wenn es nach einem solchen Vorfall schwer fällt, 
sich den Fehler einzugestehen, wie viel schwerer ist es dann, wenn ein 
Schaden für den Patienten oder auch für KollegInnen durch ein Fehl-
verhalten entsteht! Fehlverhalten ist offenbar mehr als ›nur‹ einen 
 Fehler zu begehen, denn es kann unsere moralische Integrität und da-
mit unsere Persönlichkeit in Frage stellen. Wenn ein Verhalten in einer 
bestimmten klinischen Situation oder gegenüber einem Patienten als 
Fehlverhalten eingeschätzt wird, so ist dies mit einer Kritik an unserer 
gesamten Person verbunden. Unser Selbstwertgefühl steht dabei auf 
dem Spiel, und es bedarf großer Anstrengungen und Sensibilität, um 
konstruktiv, fair und solidarisch mit der Situation umzugehen.

Fehlverhalten ist mehr als ein Fehler, denn es kann die moralische 

Integrität des Betreffenden in Frage stellen.

Fehlverhalten: Oft sind ganze Gruppen daran beteiligt

Fehlverhalten ist freilich keineswegs ausschließlich den einzelnen An-
gehörigen der Gesundheitsberufe anzulasten. Es kann auch Ausdruck 
einer ganzen Kultur, einer mangelhaften Ausbildung, eines falschen 
Managements und/oder von Überlastung und Überforderung sein.  
Im Rahmen meiner Untersuchungen zur Ermittlung medizin- und 
pflegeethischer Herausforderungen in Kliniken stoße ich immer 
 wieder auf Fälle, wo es trotz besseren Wissens zu Fehlverhalten kam. 
Häufig sind es dann Gruppen von MitarbeiterInnen, die gemeinsam 
gegen ethische Regeln verstoßen oder sich unkritisch dem Fehlverhal-
ten von Vorgesetzten anschließen.

Wer sich kritisch äußert, läuft oft Gefahr, als ›Nestbeschmutzer’‹ als 

›unkollegial‹ oder gar als ›Verräter‹ von der Mehrheit denunziert 

und ausgegrenzt zu werden.

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10.2

  Fehlverhalten kann viele Gesichter haben

Eine Infusion zu vertauschen ist ein klarer Fehler. Bei Fehlverhalten  
im o. g. Sinne als mögliche Verletzung der moralischen Integrität ist 
das schon schwieriger.

Bloß ein (schlechter) »Witz« oder sprachliches Fehlverhalten?

Oft beginnt solch kollektives Fehlverhalten mit der Sprache, die gegen-
über Patienten abfällig und diskriminierend ist. Gewählte Worte und 
die Art und Weise des Sprechens sind hochaggressiv. Wenn mittels der 
Sprache Patienten oder Kollegen herabgesetzt und gedemütigt werden, 
dann dient dieses Reden oft unbewusst der Abfuhr aggressiver Im-
pulse, die durch Stress und selbst erlebte Herabsetzung verstärkt 
 werden. Schwächere werden zu Opfern allgemeiner Frustrationen. Die 
Wut auf Vorgesetzte, ‚die Klinik’ oder ‚das Gesundheitswesen’ entlädt 
sich auf jener Strecke, die als vielleicht einziger Machtbereich noch er-
lebt wird: gegenüber Patienten.

Eine erfahrene Pflegekraft berichtet von einer deutlichen Zunahme 

verbaler Übergriffe in der Erwachsenen- und Kinderkrankenpflege im 
Zuge steigender Arbeitsbelastung und Anonymisierung der Teams. Sie 
spricht von einer Verrohung durch Stress und sieht eine würdevolle 
Pflege nicht gewährleistet. Eigene Sensibilität würde einem selber scha-
den, so dass es besser sei, sich anzupassen als sich kritisch zu verhalten.

Patienten mit Verdacht auf Schweinegrippe werden dann zu  

»Schweinen«, Patienten mit Soor werden als »eklig« tituliert, Überge-

wichtige mit vulgären Ausdrücken diskriminiert. »Die Kolleginnen und 

Kollegen, die ich dann darauf anspreche, sagen mir dann glatt: ›Ja, du 

hast recht! Aber wir machen es trotzdem!‹ « berichtet die Pflegekraft.

Hier handelt es sich um ein Fehlverhalten von Gruppen und auch  
von Führungskräften, sofern diese davon erfahren und dieses tolerie-
ren oder sogar unterstützen. Die gängigen Konzepte zur Qualitäts-
sicherung greifen hier nicht.

10.2 · Fehlverhalten kann viele Gesichter haben

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Kapitel 10 · Fehlverhalten – zwischen Fürsorge und Machtausübung

Appelle an die Moral greifen zu kurz

Kann man auch aus Fehlverhalten lernen? Ja, aber zunächst die Füh-
rungskräfte, die neben ihrer Verantwortung für technische und orga-
nisatorische Abläufe auch die vielfältigen Aspekte von Kommunikation 
und Kultur als Bereich ihrer Zuständigkeit annehmen müssen. Sie 
 können daraus lernen, dass Teams in Pflege und Medizin nicht voraus-
setzungslos und jederzeit am Wohle der ihnen anvertrauten Patienten 
orientiert sind und dass unter ungünstigen Rahmenbedingungen Für-
sorge in Aggressivität umschlagen kann. Oft vermischen sich beide 
 Aspekte und erschweren die Wahrnehmung und Beurteilung der Situa-
tion. Individuelle Moralappelle greifen in der Regel zu kurz, da die 
Phänomene auch komplexe (sozial-)psychologische Wurzeln haben. 
Man kann lernen, moralisch unakzeptables Sprachverhalten als Warn-
tafel für Störungen der ‚Binnenkultur’ zu deuten. Hier muss das Ge-
spräch gesucht, Kritik geführt und Vorbildfunktion gelebt werden. Es 
muss aber auch Verständnis für die Hintergründe und Wurzeln solcher 
Phänomene vermittelt werden. Und letztendlich gilt es, gemeinsam 
Änderungen vorzunehmen oder einzufordern, um derlei Entgleisun-
gen den Boden zu entziehen.

Unwürdiges Sterben

In einem kommunalen Klinikum waren die Regeln des Umgangs mit 
Sterbenden in der Mitarbeiterschaft allgemein akzeptiert. Trotzdem 
konnte es passieren, dass eine fast 80-jährige Frau die letzten 3 Lebens-
tage im Badezimmer der Station verbringen musste. Aufgrund der Be-
schwerde von Angehörigen wurden die MitarbeiterInnen der Station 
von Mitgliedern des Klinischen Ethikkomitees danach befragt, wie  
es zu dieser allgemein als ‚unwürdig’ angesehenen Situation kommen 
konnte. Es stellte sich heraus, dass die Stationsleitung befürchtete,  
eine Sperrung von Betten in Mehrbettzimmern könne den Belegungs-
schlüssel vermindern und damit Personalkürzungen einleiten. Diese 
Sorge war nicht unbegründet. Das kollektive Fehlverhalten war dem 
Team bewusst, wurde aber in Kauf genommen, weil man die negativen 

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10

93

Folgen einer Bettensperrung schlimmer einschätzte als die Verletzung 
moralischer Ansprüche einer Sterbenden.

... und was daraus gelernt wurde

Aus diesem Fehlverhalten wurde gelernt, dass Entscheidungen im 
 Rahmen des Klinikmanagements Einfluss nehmen können auf die Ver-
sorgungsqualität, dass die Lösung solcher Probleme eine enge Zusam-
menarbeit zwischen Pflege, Medizin und Verwaltung bzw. Manage-
ment erfordert und dass es wichtig ist, die Sorgen der Teams mit den 
Stabsstellen des Hauses zu kommunizieren. Der geschilderte mora-
lische Verstoß wurde als ethischer Konflikt interpretiert und von einem 
Klinischen Ethikkomitee bearbeitet. Der Problemlösung kam zugute, 
dass diesem Komitee nicht nur Angehörige von Pflege, Medizin und 
Seelsorge angehörten, sondern auch Mitarbeiter aus dem Management. 
Die Lösung wurde schließlich vom Personalmanagement entwickelt. 
Ergebnis war ein Konzept zur Sterbebegleitung im Mehrbettzimmer, 
das Bettensperrungen ermöglichte, ohne die Statistik und damit den 
Personalschlüssel zu belasten.

»Lustig« oder fatale Rituale?

Fehlverhalten kann in Ritualen des Pflegepersonals enthalten sein, die 
sich über Generationen fortpflanzen und zumeist als ‚lustig’ angesehen 
werden. Was für einige Personen dann ‚Spaß’ ist, wird für andere zum 
Trauma.

In einem großen Klinikum war es üblich, PflegeschülerInnen nach 

 bestandenem Pflegeexamen zu ‚taufen’ und sie symbolisch und real 

ins ›kalte Wasser‹ zu werfen. Sie wurden dabei von ihren examinierten 

KollegInnen an Armen und Beinen gepackt und gewaltsam und in 

 voller Montur in eine Badewanne geworfen. Eine frisch examinierte 

Krankenschwester wollte diese Prozedur auf keinen Fall erleben. Ihre 

mehrfach und sehr deutlich geäußerte Weigerung wurde aber von 

6

10.2 · Fehlverhalten kann viele Gesichter haben

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94 

Kapitel 10 · Fehlverhalten – zwischen Fürsorge und Machtausübung

 ihren KollegInnen nicht respektiert. Sie wurde gewaltsam eingefangen 

und trotz heftiger Gegenwehr in die Wanne geworfen. Dabei platzte 

dann zur weiteren Belustigung einiger Beteiligter die Naht ihrer Hose 

auf, so dass ihre Beschämung verstärkt wurde. Die KollegInnen waren 

sauer auf sie, da sie sich als ‚Spielverderberin’ erwiesen hatte. Für das 

Opfer war es nicht mehr möglich, mit diesen KollegInnen zusammen-

zuarbeiten.

In manchen Kliniken ist es üblich, Neulinge auf makabere Weise mit 
dem Tod zu konfrontieren. Dies trifft besonders Pflegeschüler und 
 junge Studierende der Medizin während ihres Pflegepraktikums und 
hat sozialpsychologisch gesehen Merkmale der ›Äquatortaufe‹ auf 
Schiffen. Viele werden bereits in ihren ersten Tagen dazu eingesetzt, 
Leichname frisch verstorbener Patienten in die Lagerungsräume  
(zumeist im Klinikkeller) zu transportieren.

»Ich sollte ganz allein einen sehr adipösen Leichnam in die Keller 

 fahren. Der schwere Körper rutschte mir dabei von der Trage. Die 

 KollegInnen standen um mich herum und lachten, während sie er-

warteten, dass ich die Leiche alleine wieder hochhebe, was mir nicht 

gelang. Das Ereignis hat mich bis heute verfolgt.«

... und was man daraus lernen kann

Zuerst, dass es so etwas gibt und dass dies von ganz normalen Men-
schen ausgeht, die sich an anderer Stelle mit größter Hingabe und 
 Aufopferung für andere einsetzen. Wir alle haben ‚solche’ Seiten und 
scheinen uns unbewusst mit derlei Ritualen auch Erleichterungen zu 
verschaffen. 

Wenn wir uns eingestehen, dass Menschen (auch Angehörige der 

Heilberufe) Licht- und Schattenseiten haben und dass die Grenze 

zwischen ‚Gut und Böse’ manchmal fließend und oft nicht genau 

zu identifizieren ist, dann ist ein erster Schritt getan zur Wahr-

nehmung und nachfolgenden Beendigung oder Vermeidung 

 moralisch unakzeptabler Verhaltensweise und Regeln.

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95

Führungskräfte sollten auf derlei Phänomene achten und Wege finden, 
ohne moralische Bloßstellung von Personen die Dinge anzusprechen 
und zu ändern. Dies kann in Einzel- und in Teambesprechungen ge-
schehen. Die Personen sollten zur Einsicht kommen und mögliche 
Hintergründe für das Fehlverhalten ermittelt werden. 

Verletzungen der Menschenwürde

Im Rahmen eines qualitativen Leitfadeninterviews berichtet eine per 
Zufall ausgewählte Seelsorgerin die folgende Szene aus einem kommu-
nalen Krankenhaus:

»In der Frühschicht kam ich auf dem Stationsflur an einer offenen Tür 

vorbei. In dem mit 3 Personen belegten Zimmer stand ein alter Mann, 

splitternackt, und wurde gleichzeitig von 2 Pflegern bearbeitet. Wäh-

rend der eine ihm den Schambereich wusch, putzte ihm der andere 

die Zähne. Wenn die eine Waschanlage für Patienten gehabt hätten, 

sie hätten sie benutzt.«

Die Sprecherin erwähnte dann Szenen von folgenloser, invasiver 
 Diagnostik auf einer Intensivstation und fasste zusammen: »Es kommt 
immer wieder zu so viel Menschenverachtung unter dem Vorwand der 
Lebensrettung oder der Fürsorge, dass dies unbedingt als eine Füh-
rungsaufgabe verstanden werden muss.«

Seit Beginn meiner klinischen Tätigkeit vor ca. 30 Jahren stoße ich 

immer wieder auf Szenen wie die oben beschriebenen. Fehlverhalten 
wie dieses wird offenbar zu oft toleriert. Die Hintergründe dafür sind 
vielfältig, und für den Einzelfall lässt sich keine hinreichende Erklä-
rung finden. Es kann sich um Mängel der Ausbildung handeln oder 
darum, dass auch für die Pflege ungeeignete Personen übernommen 
werden. Es kann sich um unbewusste Aggressivität handeln, die hier  
an diesem Patienten ausagiert wird. Es kann sich um eine Folge von 
Desensibilisierung bei den beiden Pflegern handeln, um Burnout-
 Folgen oder um Ausdruck von Langeweile, weil man seinen Spaß 
 haben wollte. So etwas kann passieren und es passiert immer wieder.

10.2 · Fehlverhalten kann viele Gesichter haben

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96 

Kapitel 10 · Fehlverhalten – zwischen Fürsorge und Machtausübung

... und was man daraus lernen kann

Dass die Sorge um Umgangsweisen mit Patienten zu den Aufgaben 
nicht nur der Mitarbeiterschaft, sondern auch der Führungskräfte 
 gehören muss. Und man kann lernen, dass man gewisse Strukturen be-
nötigt, um derlei Phänomene anzuzeigen und zu besprechen. Schließ-
lich bedarf es positiver Kulturen in den Abteilungen und Teams, die 
sich um Aspekte der Achtsamkeit und Menschenwürde drehen, die 
aber neben dem Schutz moralischer Regeln auch Verständnis für die  
individuellen Beweggründe der Einzelnen bereithalten.

Da die Rationalisierungen der letzten Jahre dem Personal die Zeit-
räume für informelle Gespräche drastisch reduziert haben und auch 
die Übergaben auf ein Zeitminimum zusammengeschrumpft sind, 
fehlt es an Orten und an Zeit für gemeinsame Reflexion. Eine Kom-
bination aus Ethischer Fallbesprechung und ›Balint-Gruppen‹ wäre 
zweifellos hilfreich.

Balint-Gruppen

Die nach dem Psychiater und Psychoanalytiker Michael Balint be-

nannten Arbeitsgruppen bieten die Möglichkeit, sich im Team frei 

 auszutauschen und gemeinsam nach Verbesserungen im Verhält-

nis zwischen Patient und Behandlungsteam zu suchen.

Tödliches Mitleid und Selbstherrlichkeit

Es ist bekannt, dass eine hohe Identifikation von Pflegenden mit 
schwerstkranken Patienten Gefühle von Mitleid erzeugen kann, die 
den Wunsch erwecken, dass dieser Patient »erlöst« werden möge. In 
fast allen mir bekannten Kliniken gibt es dauerhafte Kontroversen um 
die Frage, wie lange und wie intensiv Patienten medizinisch behandelt 
werden sollen. Da Pflegende sich oft nicht genügend in die medizini-
schen Entscheidungsprozesse eingebunden fühlen, fehlt es oft auch an 
rationalen Gründen, um den Mitleidsgefühlen etwas entgegenzusetzen. 
Verbinden sich dann diese Mitleidsgefühle mit einer Haltung, die ich 
›moralischen Fundamentalismus‹ nenne, so kann eine gefährliche 

>

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10

97

Selbstherrlichkeit entstehen, mit der die betroffene Person sich zum 
Richter über Leben und Tod macht.

Es gibt eine Grauzone

Glücklicherweise sind Fälle von Patiententötungen im Sinne aktiver 
Sterbehilfe eher selten. Aber es gibt eine Grauzone, in der indirekt über 
Leben und Sterben entschieden wird. Sowohl aus der klinischen Praxis 
als auch aus eigenen empirischen Studien ist mir gut bekannt, dass 
nicht immer Ärzte über lebenserhaltende Maßnahmen entscheiden, 
sondern oft auch Pflegende. Dies gilt insbesondere nachts. In diesen 
Fällen entscheiden Pflegende darüber, ob und wann sie einen Arzt 
 rufen. Auch gibt es Absprachen zwischen diensthabenden Ärzten und 
Pflegenden, im Falle einer Krise (z. B. Herzstillstand) den Alarm nicht 
zu früh, also eher verspätet auszulösen. Oft machen Pflegende ihre 
Entscheidung davon abhängig, welcher Arzt gerade in Bereitschaft ist. 
Dies mag nachvollziehbar sein und zeigt auch, dass das ›offiziell‹ medi-
zinisch Geforderte nicht von allen Pflegenden und Ärzten für gut 
 geheißen wird. Nur eine offene und qualifizierte Auseinandersetzung 
über Therapieziele und Sterbehilfe kann dies eindämmen, verhindern 
lässt es sich wohl nicht.

Indirekt können Entscheidungen über Leben und Sterben von 

 Patienten auch durch Personalentscheidungen und damit durch wirt-
schaftliche Aspekte mitbeeinflusst werden. Wenn die Anzahl und 
 Qualifikation der Pflegenden, die z. B. während der Nacht Dienst tun, 
gemessen an der Anzahl der Patienten und der Schwere ihrer Erkran-
kungen nicht ausreichend ist, werden Notfälle häufiger zu spät entdeckt. 

Auch das Entdecken einer lebensgefährlichen Situation bedeutet 

nicht automatisch eine richtige Einschätzung, und die richtige Ein-

schätzung löst nicht automatisch die richtige Reaktion hervor.

Letztendlich sind viele Ebenen und viele Aspekte daran beteiligt, Fehl-
verhalten zu erzeugen. Ohne ausreichendes Personal, ohne Qualifika-
tion desselben und ohne gute Organisation und Kommunikation ent-
stehen ganze ‚Kulturen von Fehlverhalten’, die nicht den einzelnen Be-
teiligten zur Last gelegt werden können.

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10.2 · Fehlverhalten kann viele Gesichter haben

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98 

Kapitel 10 · Fehlverhalten – zwischen Fürsorge und Machtausübung

Fazit

Was ist daraus zu lernen? Nur hinreichend gutes, motiviertes, aus-

geruhtes Personal in einem organisatorisch gut aufgestellten Team 

mit guter Kommunikation und ‚Binnenkultur’ kann die Patienten-

sicherheit optimieren. Diese Erkenntnis ist ebenso banal wie sie oft 

vergessen wird.

Anmerkung des Verfassers

Der vorliegende Artikel beruht auf Erfahrungen aus klinischer Tätigkeit, 
eigenen sozialwissenschaftlichen Studien in Krankenhäusern sowie  
aus Erfahrungen im Rahmen so genannter Ethik-Projekte. Vertiefende 
Literatur beim Verfasser.

4

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Meine Geschichte: Christa Olbrich

Katholische Fachhochschule Mainz

»Einfach ›blind‹ in den Medikamentenschrank greifen  

genügt nicht!«

Der Junge, der zu uns in die Wundversorgung kam, war etwa 10 oder 

12 Jahre alt. An seiner Hand klaffte eine gut 5 cm lange Schnittwunde, 
die ärztlich versorgt und genäht werden musste. Der diensthabende 

Chirurg hatte bereits alles vorbereitet, sterilisiert und abgedeckt und 

auf dem Chirurgenstuhl Platz genommen. Meine Aufgabe war es, ihm 

das Lokalanästhetikum anzureichen. Der Junge wartete derweil ruhig 

und offensichtlich tapfer auf das, was da kommen würde. Ich hatte die 

Lösung – es war 2-prozentiges Scandicain – aufgezogen und dem 

Arzt in die Hand gedrückt. Als der damit begann, die ersten Spritzen 

zu setzen, verzog der Junge, der bis dahin so tapfer gewesen war, 

ganz fürchterlich das Gesicht. »Das tut weh, das tut weh!« jammerte 

er. Vorsichtig spritzte der Arzt weiter kleine Scandicain-Dosen um den 

Wundrand herum: »Das tut nur am Anfang weh, das ist der Anfangs-

piekser«, meinte er. »Gleich wird es besser, und dann spürst du nichts 

mehr.« Aber der Junge litt weiter und versuchte mit zusammengebis-

senen Zähnen, seinen Schmerz zu verbergen. Ich wunderte mich im-

mer mehr: Ein so tapferer Junge und dann solche Schmerzen?? Verun-

sichert ging ich noch einmal an den Medikamentenschrank, zog die 

Schublade mit dem Scandicain heraus und bemerkte es sofort: An-

statt des Lokalanästhetikums hatte ich dem Arzt Aqua dest. gereicht! 

Kein Wunder, dass der Junge so zu leiden hatte! Erschrocken machte 

ich dem Arzt ein Zeichen, zog gleich das Scandicain – das wirkliche 

Scandicain – auf und brachte es dem Chirurgen. Die weitere Versor-

gung der Wunde war unproblematisch. Das Lokalanästhetikum wirkte 

wie gewünscht, und auch der Junge freute sich: »Jetzt tut es nicht 

mehr weh!«

O

10

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Nie ohne zweiten »Sicherheitsblick«!

Ich habe mir später schlimme Vorwürfe gemacht! Ich hätte einfach 

sorgfältiger mit dem Fläschchen, das das vermeintliche Lokalanästhe-

tikum enthielt, umgehen sollen. Hätte noch ein zweites und ein 

 drittes Mal genau hinschauen müssen! Dann wären dem Jungen, der 

doch so tapfer war, diese schmerzhaften Momente erspart geblieben. 

Um ähnliche Verwechslungen ein für alle Male auszuschließen, sorgte 

ich dafür, dass die beiden Flüssigkeiten – das Aqua dest. und das 

 Lokalanästhetikum – nicht weiterhin nebeneinander in der gleichen 

Schublade aufbewahrt wurden. Später war es für mich eine Selbst-

verständlichkeit, Verwechslungsmöglichkeiten auszuschließen und 

einen zweiten »Sicherheitsblick« auf ein Medikament zu werfen, 

 bevor es verabreicht wird!

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101

Pflege ist auch »Gefühls-
arbeit« – zur Psychoanalyse 
der Pflegebeziehung

Martin Teising

Die Bedingungen für die berufliche Pflege eines anderen Menschen 
sind vielfältig und haben auf das, was Pflege zu leisten vermag, einen 
bedeutsamen Einfluss, der oftmals den beteiligten Akteuren nicht oder 
nicht in vollem Umfang bewusst ist. Neben der Qualifikation und dem 
Vermögen, Wissen in Handeln umzusetzen, sind zum Beispiel das 
Teamgefüge, organisatorische Rahmenbedingungen und gesellschaft-
liche Wertschätzung wesentliche Einflussfaktoren.

Die Pflegepraxis realisiert sich stets in zwischenmenschlichen 

 Beziehungen, die jedoch nur unzureichend begriffen werden können, 
wenn nicht auch tiefenpsychologische Aspekte mitbetrachtet werden. 
Sie können in nicht unerheblichem Maße beteiligt sein, wenn es zu 
einem unerwünschten Ereignis, einem »Fehler« kommt.

11.1

  Unsere erste Pflegebeziehung: die (frühe) Kindheit

Menschliches Leben ist von der Fähigkeit abhängig, zunächst gepflegt 
zu werden, um dann sich selbst pflegen zu können. Für sich selbst sor-
gen zu können, lernt der Mensch in einer zwischenmenschlichen Bezie-
hung, in der Regel in der frühkindlichen Beziehung zur pflegenden 
Mutter, von der der »Nesthocker« Mensch existentiell abhängig ist.

Mit der eigenen Entwicklung übernimmt das Kind nach und nach 

die existenzsichernden Pflegeaufgaben in eigener Regie. Und das be-
ginnt bereits mit dem ersten Atemzug bei der Ent-Bindung, mit dem 
der Säugling die Aufgabe der Sauerstoffversorgung erstmalig selbst-
ständig regelt. Jeder weitere Schritt in die Selbstständigkeit entbindet 

11.1 · Unsere erste Pflegebeziehung

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102 

Kapitel 11 · Pflege ist auch »Gefühlsarbeit«

weiter von der Pflegeperson, z. B. der Durchbruch der ersten Zähne 
und die Fähigkeit, kauen zu können, selbst wieder auf die Beine zu 
kommen und laufen zu können usw. Alle diese Entwicklungsschritte  
in die Unabhängigkeit werden von der Umgebung bejubelt und damit 
gefördert. Bei der Pflege kranker, behinderter  und alter Menschen 
müssen die Betroffenen Teilbereiche der erreichten Unabhängigkeit 
wie z. B. die Nahrungsaufnahme, die Ausscheidungsvorgänge, die 
 Körperpflege usw. wieder abgeben – ein Prozess, auf den ich später 
noch eingehen werde.

11.2

  Warum wir mitfühlen können

Die Pflege Kranker und Alter ist eine spezifisch menschliche Handlung. 
Pflegende Menschen nehmen es auf sich, mit Hilflosigkeit und Krank-
heit, mit Behinderung, Altern und Sterben und damit der eigenen Zu-
kunft konfrontiert zu werden. Im Tierreich ist die Brutpflege und Auf-
zucht der Jungen bekannt. Ausgewachsene und Alttiere aber krepieren, 
sie werden mit wenigen Ausnahmen nicht von Artgenossen gepflegt. 
Ein Kennzeichen menschlich zivilisierter Gesellschaft ist, dass sich ihre 
Mitglieder ihren kranken und hilfsbedürftigen Mitmenschen verbun-
den und verpflichtet fühlen. Dies beruht auf der Fähigkeit, sich in sie 
hineinzuversetzen, sich zu erinnern und historisch zu denken.

Diese Fähigkeit, Gefühle wie z. B. Freude oder Schmerz nicht nur 

einfach zu haben, sondern auch als etwas zu empfinden, das in einem 
selbst entsteht, wird in der allerersten Pflegebeziehung unseres Lebens, 
nämlich der zwischen Kind und hauptverantwortlichem Elternteil, in 
der Regel die Mutter, entwickelt.

In dieser ersten Pflegebeziehung erfährt das Kind, wie seine Ge-

fühle und seine Körpervorgänge von seiner Pflegeperson beurteilt, ge-
steuert und benannt werden. Es lernt in dieser ersten Beziehung, dass 
es die Situation aktiv beeinflussen kann.

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11

103

Steuerung durch die Hauptpflegeperson

Um eine adäquate Antwort auf die Bedürfnisse des Säuglings oder 
Kleinkindes überhaupt geben zu können – hat es Hunger? Tut ihm 
 etwas weh? Ist es müde? – muss sich die Pflegende in das Kind bzw. 
den Patienten hineinversetzen, seine Gefühle in sich lebendig werden 
lassen und dann den Verstand einschalten. Zum Beispiel spürt sie den 
Schmerz des Kindes, lässt sich aber nicht von ihm überwältigen. Sie 
 benutzt denkend ihr Fachwissen, um dem Kind bzw. dem Patienten 
seine Gefühle bekannt und vertraut werden zu lassen. Wenn die Mutter 
dem Kind, das Bauchschmerzen hat, die Hand auf den Bauch legt und 
beruhigend erklärt, dass es nichts Schlimmes ist, sind die Beschwerden 
schon viel erträglicher. Sie vermittelt das sichere Gefühl, dass sie von 
unangenehmen Empfindungen befreien kann. Die Pflegende bietet 
eine Umwelt, ein Gerüst oder einen Orientierungsrahmen, mit dessen 
Hilfe das Kind und analog die Patienten sich selbst verstehen lernen. 
»So wird ein Schatz von Vorstellungen geschaffen, geboren aus dem 
Bedürfnis, die menschliche Hilflosigkeit erträglich zu machen, erbaut 
aus dem Material der Erinnerungen« [15].

Im günstigen Fall kann der Säugling sich zunehmend auf die Pflege-

person verlassen. Er kann Zustände des Unwohlseins und Alleinseins 
immer länger ertragen. Hat er diese Erfahrung nicht in ausreichendem 
Maße gemacht, wird er sich später, insbesondere in Krisensituationen – 
zum Beispiel als alter hilfsbedürftiger Patient im Krankenhaus – immer 
wieder vergewissern müssen, dass jemand da ist und sich um ihn küm-
mert, dass er nicht »verhungert«.

Lernen, eine Situation aktiv zu beeinflussen

Dass sich ein Mensch bereits als Säugling aktiv an der Gestaltung  
der Pflegebeziehung beteiligt, mag auf den ersten Blick überraschen. 
Nimmt man aber z. B. ein wenige Monate altes Kind, das den Kopf 
 abwendet, die Augen schließt und sich in den Schlaf zurückzieht, so 
lässt sich das als Handlung interpretieren, mit der das Kind seine erste 

11.2 · Warum wir mitfühlen können

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104 

Kapitel 11 · Pflege ist auch »Gefühlsarbeit«

Wirkmächtigkeit ausübt und erfährt. Es zeigt damit, dass es über erste 
körperliche Regulationsmechanismen in seiner Beziehung zur Umwelt 
verfügt. Es beherrscht seinen Körper, wenn es einen Keks zwischen 
Daumen und Zeigefinger halten und ohne Hilfe Nahrung aufnehmen 
kann. Es entwickelt mit dem Erlernen motorischer Fähigkeiten, die es 
ermöglichen, sich zu entfernen oder anzunähern, weitere Selbstbestim-
mung. Die Fähigkeit »Nein« zu sagen, wurde bereits von René Spitz als 
»Organisator der Psyche« beschrieben [30].

11.3

  Warum wir Pflegebedürftigkeit gerade im Alter  

so fürchten

Wie gerade dargelegt, ist eine zentrale Erfahrung unserer Entwicklung, 
eigenständig, unabhängig und autonom zu sein. Das beginnt damit, 
dass der Säugling die angebotene Milchflasche ablehnt, indem er den 
Kopf zur Seite dreht oder sie mit der Hand wegschlägt, führt weiter 
über die Freude, ohne Hilfe auf dem Kinderfahrrad seine Runden 
 drehen zu können und setzt sich fort in immer weiter zunehmender 
Handlungsfähigkeit in immer mehr Handlungsfeldern. Die Tatsache, 
dass wir mit zunehmender Unabhängigkeit zugleich von anderen ab-
hängige Wesen bleiben, wird weitgehend verleugnet. Wir werden mit 
dem Erwachsenwerden scheinbar unabhängig bei der Erfüllung un-
mittelbarer körperlicher Bedürfnisse. Wir sind aber abhängig vom 
Funktionieren sozioökonomischer und technischer entpersonalisierter 
Versorgungsstrukturen. Wer könnte sich schon ohne von anderen er-
zeugten elektrischen Strom ernähren?

Selbststeuerung vs. Abhängigkeit

Der subjektiven Erfahrung, sein Leben steuern zu können, korrespon-
diert die Angst vor einer Konfrontation mit Abhängigkeit, die die indi-
viduelle Autonomie zum höchsten aller gesellschaftlichen Werte der 
westlichen Zivilisation hat werden lassen.

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105

Das Alter mit dem erwartbaren Schwinden unserer Fähigkeiten 

und dem zunehmenden Ausgeliefertsein an andere Personen ist für  
die meisten von uns eine unerträgliche Vorstellung. Denn es führt uns 
in die Abhängigkeit der frühkindlichen Pflegebeziehung – ohne jedoch 
die Aussicht auf Wachstum und Autonomiegewinn.

In der letzten Lebensphase und besonders mit beginnender Pflege-

bedürftigkeit wird schmerzlich bewusst, dass der Mensch letztlich  
kein autonomes Individuum, sondern ein soziales Wesen ist, dessen 
Existenz auf der Beziehung zu anderen Menschen und der Existenz  
seines Körpers beruht. Zeitlebens streben wir einerseits nach Unab-
hängigkeit und zeitlebens bleiben wir andererseits gebunden und 
 suchen nach Bindung. Angesichts abhängiger Pflegebedürftigkeit aber 
kann die Idee von Selbststeuerung und Autonomie nicht länger auf-
recht erhalten werden – und das löst Angst aus.

Die wechselseitige Abhängigkeit in Pflegebeziehungen

In fast allen mir bekannten Pflegeleitbildern wird auf die Autonomie 
des Individuums ganz besonderer Wert gelegt. Pflege will sich zumin-
dest auf dem Papier stets um die Erhaltung oder Wiederherstellung 
größtmöglicher Selbstpflegefähigkeit und Selbstbestimmung des Pa-
tienten bemühen.

Als Pflegeperson auch abhängig vom Patienten

Die augenfällige Angst vor der Abhängigkeit als Pflegefall korrespon-
diert mit einem oft unbewussten Angewiesensein der Pflegenden  
auf ihre Patienten. Psychodynamisch bedeutsam ist das Bedürfnis 
 Pflegender nach Anerkennung der eigenen Hilfsbereitschaft und damit 
nach Stärkung des eigenen Selbstwertgefühls; der Wunsch, sich vor 
sich selbst wie im Spiegel anderer als guter Mensch zu erweisen und  
als solcher gewürdigt zu werden; Gutes zu tun und damit Zweifel an 
der eigenen Person zu besänftigen. Wenn man so will, wird die eigene 
Pflegebedürftigkeit altruistisch befriedigt. Das Angewiesensein der 
Pflegenden auf ihre Patienten wird in der Regel zu wenig reflektiert.

11.3 · Furcht vor Pflegebedürftigkeit

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106 

Kapitel 11 · Pflege ist auch »Gefühlsarbeit«

Die Leugnung der gegenseitigen Abhängigkeit trägt dazu bei, 

dass Pflegende ihren Patienten und sich selbst unbewusst deren 

einseitige Abhängigkeit demonstrieren müssen. Damit erzeugen 

sie genau das, was (potentiell) zu Pflegende besonders fürchten.

Versuche gegenseitiger Beherrschung

Für die Vorstellung, dass nicht nur der Patient die Pflegeperson 
»braucht«, sondern diese (in psychodynamischer Hinsicht) auch den 
Patienten – dafür gibt es im Pflegealltag zahlreiche Hinweise. Die 
 vielen Demonstrationen der Abhängigkeit der Patienten – als schein-
bare Sachzwänge verschleiert – nähren die Macht der Pflegenden und 
bekämpfen ihr Ohnmachtsgefühl. Gegenseitige Beherrschungsver-
suche sind in Pflegebeziehungen immer wieder zu beobachten. Sie 
werden mehr oder weniger offen ausgetragen. Ins Krankenhaus auf-
genommen, wird von einem bis dahin selbstständig agierenden Men-
schen erwartet, dass er brav sein Nachthemd anzieht, sich ins Bett legt 
und wartet, was mit ihm geschieht. Er hat  Anweisungen zu befolgen, 
seine praktischen Fertigkeiten und manchmal auch seine kritische Ver-
nunft mit der Garderobe abzugeben. Die Pflegenden im Krankenhaus 
und Pflegeheim herrschen auf mancher Station, als wäre es ihr eigenes 
Haus. So kann hin und wieder der Eindruck entstehen, dass die herr-
schenden Regeln denen einer militärischen Grundausbildung nahe 
kommen. In der Patientenrolle wird aber auch manch regressives Be-
dürfnis befriedigt. Jede Pflegende kennt andererseits auch Patienten, 
die Krankenschwestern und Pfleger kommandieren und terrorisieren 
(wollen).

11.4

  Im Unbewussten abgespeichert:  

die erste Pflegebeziehung 

Pflege kann natürlich nicht einfach als Wiederholung frühkindlicher 
Pflegebeziehungen verstanden werden. Erfahrungen, die in der ersten 
Pflegebeziehung unseres Lebens ihren Ursprung haben, werden jedoch 
im Unbewussten zeitlebens wie Grundbausteine bewahrt – Erfah-

>

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11

107

rungen aus früheren Lebensperioden, in denen eine andere Logik und 
andere Denk- und Gefühlsprozesse gelten als später. Die frühen Erfah-
rungen sind sozusagen die Fasern, aus denen wir unser psychisches 
Gewebe herstellen. In Krisensituationen werden regressive frühe Denk-
strukturen, Gefühle und Verhaltensweisen aktiviert, und die Fasern 
unseres psychischen Gewebes werden bei Zerreißproben sichtbar.

Nach eigenen Beobachtungen ist in Einrichtungen, in denen mit 

einem psychodynamischen Hintergrund und entsprechender Haltung 
gepflegt wird, die Selbstreflexionsfähigkeit und das Selbstbewusstsein 
der Pflegenden besonders ausgeprägt. Beides zusammen kann helfen, 
unbewusst motivierte Pflegefehler zu vermeiden.

Fazit

Im Dschungel emotionaler Erwartungen, Befürchtungen und Ver-

flechtungen ist von Gepflegten wie Pflegenden »Gefühlsarbeit« zu 

leisten. Dazu bietet das Wissen um die Psychodynamik unbewuss-

ter Vorgänge Pflegenden Möglichkeiten, ihre Tätigkeit besser zu 

 verstehen.

4

11.4 · Im Unbewussten abgespeichert

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Meine Geschichte: Andreas Westerfellhaus

Fachkrankenpfleger für Intensiv- und Anästhesiekrankenpflege,  

Präsident des Deutschen Pflegerates

»Fehlende Betäubungsmittel, Staatsanwaltschaft,  

Kriminalpolizei und eine schlimme Woche«

Damals war ich als leitender Pfleger einer Anästhesieabteilung u. a. 

verantwortlich für die Ausgabe von Betäubungsmitteln, die in einem 

fest verschlossenen Tresor aufbewahrt wurden. Damit verbunden war 

die akribische handschriftliche Erfassung der ausgegebenen und 

 verbrauchten sowie der wieder zurückgegangenen Medikamente.  

Für diesen Zweck gab es eine Liste, in die ich jeden Morgen eintrug, 

welche Betäubungsmittel ich wem gegeben hatte. Abends wurde 

dann gegengecheckt: Stimmte die Summe der verbrauchten plus der 

nicht verbrauchten und wieder an mich zurückgegebenen Medika-

mente mit der Menge überein, die ich morgens ausgegeben hatte?

Hin- und herrechnen half nicht

Lange Zeit war dieser Gegencheck völlig unauffällig gewesen. Bis ich 

eines Abends feststellte, dass die Rechnung nicht aufging. Es fehlten 

gleich mehrere Ampullen! Ich überprüfte noch einmal sämtliche Ein- 

und Ausgänge auf der Liste, rechnete ein drittes Mal, ein viertes Mal, 

aber das Ergebnis war immer dasselbe: Morgens hatte ich mehr aus-

gegeben, als bis zum Abend an Patienten verabreicht bzw. an mich 

zurückgegeben worden war. Ich ging noch einmal zu allen Kollegen, 

fragte nach, ob etwas vergessen worden war oder ein Patient mehr 

bekommen hatte als in der Liste stand. Aber auch so kam ich nicht 

weiter. Ratlos und schon ziemlich verzweifelt wendete ich mich an 

den Oberarzt. Auch der überprüfte die Liste noch einmal sorgfältig, 

kam aber zu keinem anderen Ergebnis als ich. Und tat dann das einzig 

Richtige: Er schaltete die Staatsanwaltschaft ein.

 

Am Tag darauf stand die Kriminalpolizei in der Tür. Befragte mich, 

befragte jeden einzelnen aus dem Team, das Pflegepersonal, die 

O

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Ärzte. Fünf Tage lang. Aber wo die Ampullen abgeblieben waren, 

konnten auch die Nachforschungen der Polizei nicht aufklären. Am 

Abend des fünften Tages und mit meinen Nerven am Ende nahm  

ich mir noch einmal die Betäubungsmittelliste vor. Brütete die ganz 

Nacht. Verglich Zahlenkolonne um Zahlenkolonne, jede einzelne 

 Zeile, jede einzelne Zahl, jedes Komma, jede Mengenangabe. Bis in 

den frühen Morgen hinein. Dann fand ich den Fehler: ein Zahlen-

dreher! Ein ganz simpler Zahlendreher! Unscheinbar und unspekta-

kulär – ein Fehler, wie er überall auftauchen kann, wo mit Zahlen ge-

arbeitet wird.

Die nächste Hürde: den Fehler beichten

War ich erleichtert? Ja und Nein. Erleichtert, weil damit bewiesen war, 

dass keine Ampullen womöglich gestohlen worden waren. Nicht 

 erleichtert, weil nun anstand, diesen Fehler zu beichten. Ganze 

24 Stunden brauchte ich, um den Mut dafür aufzubringen. Zuzu-

geben, dass ich auf der Karteikarte eine falsche Angabe gemacht 

 hatte, die niemand, und ich natürlich auch nicht, bemerkt hatte. Mir 

war dieser Fehler unsäglich peinlich, und ich rechnete schon damit, 

dass er negative Konsequenzen für mich haben würde. Immerhin war 

eine Woche lang die Kripo in der Abteilung! Fehlermanagement gab 

es damals nicht einmal in Ansätzen, geschweige denn eine Fehler-

kultur! Statt Erleichterung auf allen Seiten fürchtete ich mich vor 

 Kritik, womöglich Sanktionen. Bei diesem Fehler ist niemand zu 

 Schaden gekommen, nicht einmal in Gefahr geraten, aber für mich 

war das die schlimmste Woche meiner Zeit als Krankenpfleger!

11

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110 

Kapitel 12 · Pflege und Betreuung

Pflege und Betreuung:  
Auch eine Frage  
des Patientenbildes 

Karin Pöppel

Ein Patient ist nicht nur Körper, sondern vor allem Mensch und Indi-
viduum mit Empfindungen, Bedürfnissen, Ängsten, Hoffnungen und 
Erwartungen. Ihre Berücksichtigung ist wichtig für den in psycho-
logischer und sozialer (auch: psycho-sozialer) Hinsicht richtigen 
 Umgang mit dem Patienten im Krankenhausalltag und wirkt sich im 
positiven Sinne unmittelbar auf sein ganzheitliches Wohlbefinden und 
damit seine Genesung aus.

Die Basis alltäglicher professioneller Handlungen im Krankenhaus 

ist das zugrunde liegende Patientenbild. Denn es ist verantwortlich für 
einen in psycho-sozialer Hinsicht falschen oder richtigen Umgang mit 
dem Patienten.

Eine wissenschaftliche Untersuchung aus dem Jahr 2008 zum 

 vorherrschenden Patientenbild in acht deutschen Krankenhäusern 
zeigte, dass sich in einer Zeit des permanenten Wandels der medizi-
nischen Versorgung und der Krankenhauslandschaft als solche  
eines leider nicht zeitgemäß mitwandelt: das Patientenbild [26].  
Zwar sind die gewonnenen Ergebnisse nicht repräsentativ für alle 
 deutschen Krankenhäuser, doch weisen sie in eine beunruhigende 
Richtung.

12.1

  Noch viel zu häufig: das Bild vom »unmündigen« 

Patienten

Das vorherrschende Patientenbild ist das so genannte »paternalistische« 
Patientenbild. Im Paternalismus (lat. pater = Vater) wird das vormund-

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111

schaftliche Eltern-Kind-Verhältnis auf den außerfamiliären Bereich an-
gewendet.

Das paternalistische Verhalten unterstellt eine (nicht aufzuhe-

bende) Asymmetrie zwischen der professionellen Kraft und dem Pa-
tienten. Medizinischer Wissensvorsprung und unbeteiligte Rationalität 
stehen über dem Patientenwillen, da der Patient in der Regel medizi-
nischer Laie und aufgrund seiner Erkrankung emotional betroffen ist. 
Der Patient wird daher traditionell als »nicht entschlussfähig« oder 
»nicht kompetent« angesehen. Es wird pauschal unterstellt, dass sich 
jeder Patient gern bevormunden lässt. Wenn dem so wäre, wäre dies 
natürlich ein legitimer Patientenwunsch. Bedenklich ist jedoch, dass 
diejenigen Patienten, die im Gegensatz hierzu Anteil nehmen und 
selbst entscheiden wollen, im paternalistischen Patientenbild meist 
 keine Berücksichtigung erfahren. Das paternalistische Patientenbild 
beruht auf der Betonung der (medizinisch-fachlichen) Ungleichheit 
der beiden Parteien, was zur Bevormundung aller Patienten führt.  
Und zwar in jeglicher Frage – auch in jenen, die das Medizinfachliche 
übersteigen, wie z. B. individuelle Werte, subjektives Erleben und Emp-
finden sowie private Umstände.

Die zunehmende Verwissenschaftlichung, fachliche Spezialisierung 

und Technisierung der medizinischen Arbeit und nicht zuletzt Restruk-
turierungen von Arbeitsprozessen in der »Großorganisation Kranken-
haus« tun ihr übriges. Sie lassen den Patienten zu einer zunehmend 
kleineren »Nummer« werden.

12.2

  Zeit zum Umdenken: Der Patient ist Partner  

und Mensch

Die systematische Bevormundung des Patienten im paternalistischen 
Patientenbild lässt sich jedoch immer weniger mit dem modernen Bild 
des aufgeklärten selbstbestimmten Patienten in Einklang bringen. Eine 
wesentliche Grundlage des Miteinanders westlicher Gesellschaften ist 
die Anerkennung der Rechte des Einzelnen, in Deutschland verankert 
in der Verfassung. Ihr zentraler Aspekt ist die Menschenwürde. Das auf 

12.2 · Zeit zum Umdenken

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112 

Kapitel 12 · Pflege und Betreuung

dem Grundgesetz basierende Selbstbestimmungs- und Persönlichkeits-
recht ist ein nicht mehr wegzudenkendes Ideal in einer demokratischen 
Gesellschaft. Bürgerrechte gelten auch für die medizinisch versorgen-
den Lebensbereiche. Der Wille des Patienten hat das Maß der Dinge zu 
sein, auch in scheinbar objektiven Fragen, die ein fachlich kompetenter 
Dritter – rein sachlich betrachtet – besser beantworten könnte. Der 
 Patient darf, kann und soll in seine sachlichen Abwägungen auch seine 
Subjektivität, Emotionen und Werte einfließen lassen. Der Patienten-
wille hat oberste Priorität! Wenngleich es in Deutschland, anders als in 
anderen westlichen Ländern, bislang keine Patientenrechtsbewegung 
gab, so sind Selbstbestimmung und das Recht auf Subjektivität im Be-
wusstsein der Bürger doch sehr präsent: Etwa 70 Prozent der Patienten 
wünschten sich, allein oder gemeinsam mit einer fachlich kompetenten 
Person zu entscheiden und mitzureden!

Die Versorgung des Patienten auf Basis des unzeitgemäßen pater-

nalistischen Patientenbildes birgt per se ein großes Fehlerpotential. 

Ein zeitgemäßes, menschenfreundliches Patientenbild hingegen  

hilft, Fehler im Umgang mit dem Patienten zu vermeiden. Denn es 

rückt den Patienten ins Zentrum der Betrachtungen und macht zur 

 Bedingung,  dass

die professionelle Kraft den Patienten als »Mensch auf Augen-

höhe« anerkennt und wertschätzt,

die Individualität, Emotionalität und Subjektivität des Patienten 

nicht als Störfaktor, sondern als Teil der ganzheitlichen Behand-

lung eines kranken Menschen erkannt und akzeptiert werden,

die professionelle Kraft die Rechte des Patienten kennt und re-

spektiert,

diese formalen und teilweise noch abstrakten Rechte in einer 

 menschenfreundlichen Wese ausgelegt und umgesetzt werden,

die professionelle Kraft die Kommunikation mit dem Patienten 

 intensiviert, um eventuelle Wissenslücken bei sich und beim  

Patienten zu schließen, seine Befindlichkeit zu berücksichtigen 

und seinen Willen zu erkennen.

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113

Beispiel »Patientenrecht auf Schutz der Privatsphäre« 

Eines von vielen Patientenrechten ist das Recht auf den Schutz seiner 
Intim- bzw. Privatsphäre. In der Krankenhauspraxis wird hierunter  
der vertrauliche Umgang mit Informationen, also der Datenschutz 
 verstanden. Die Auslegung der Privatsphäre endet oft an diesem Punkt. 
Dies ist sehr zu bedauern. Denn die private Sphäre des Patienten ist 
deutlich weiter zu fassen, nämlich als ein »…räumlich abgeschirmter 
Bereich persönlicher Entfaltung, in dem der Patient allein zu bleiben 
wünscht, um die Wahrung seiner Intimität den Einblicken Dritter zu 
entziehen« [16].

Umsetzung des Rechts auf Intim- bzw. Privatsphäre in der Praxis 

Täglich und konsequent:

Das Krankenhauspersonal trägt Namensschilder (vorzugsweise 

mit Funktionsangabe) an der Kleidung, damit der Patient weiß, 

wer sein Zimmer betritt und Handlungen vornimmt,

vor dem Eintreten ins Zimmer sollte angeklopft werden,

der Patient sollte höflich gegrüßt werden,

vor Pflegehandlungen sollte immer sowohl eine Aufklärung 

 darüber als auch die Zustimmung des Patienten stattgefunden 

 haben,

bei körperlichen Entblößungen für Pflegemaßnahmen, für die 

 Körperpflege in der Intimregion und sonstige Verrichtungen am 

Patienten sollte immer ein Sichtschutz verwendet werden,

pflegerelevante Gespräche mit dem Patienten sollten in diskreter 

Atmosphäre, d. h. unter Ausschluss anderer Patienten und Besucher 

im Zimmer stattfinden.

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12.2 · Zeit zum Umdenken

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114 

Kapitel 12 · Pflege und Betreuung

Fazit

Das menschenfreundliche Patientenbild gibt der professionellen 

Kraft Freiraum für Ideen und Kreativität im Umgang mit dem Pa-

tienten. Unterstützt werden kann es durch

die Beschäftigung mit ethischen und rechtlichen Themen rund 

um die eigene Berufsarbeit,

die Verbesserung der eigenen kommunikativen Fähigkeiten 

 sowie

eine kritische Auseinandersetzung mit vermeintlich sachlichen 

Einschränkungen.

Und all das ein ganzes Berufsleben lang!

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Meine Geschichte: Andreas Büscher 

Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Pflegewissenschaft,  

Universität Bielefeld

»Obwohl ich es besser wusste, ist mir ein Fehler unterlaufen,  

der sehr schlimm hätte ausgehen können«

Damals war ich Krankenpfleger auf einer interdisziplinären Intensiv-

station, auf der Patienten nach größeren Eingriffen versorgt wurden. 

Viele davon erhielten mehrere Infusionen gleichzeitig. Aus diesem 

Grund werden die Zuleitungsschläuche mit Dreiwegehähnen verbun-

den: Eine Perfusorpumpe reguliert dabei die genaue Dosierung und 

fungiert darüber hinaus auch als eine Art Sicherungssystem: Wenn 

der Dreiwegehahn nicht geöffnet ist, steigt der Druck in den Zulei-

tungsschläuchen an und der Perfusor warnt mit einem Piepston. In 

diesem Fall muss man zuerst den Druck von dem Gerät nehmen und 

erst dann den Zugang zum Patienten wieder herstellen. Das Einhalten 

dieser Schrittfolge ist sehr wichtig, um den Patienten davor zu schüt-

zen, dass zu schnell zu viele Medikamente infundiert werden. Immer 

wieder weist man darauf hin, und eigentlich weiß das jeder, der auf ei-

ner Intensivstation arbeitet – ich wusste es auch.

Der Puls erhöhte sich in Sekundenschnelle auf 190

Trotzdem und wider besseres Wissen ist mir dieser Fehler bei einem 

Patienten passiert, der über Infusion Katecholamine, also Medika-

mente zur Aufrechterhaltung der Kreislauffunktionen, bekam: Der 

Perfusor piepst und zeigt damit an, dass der Druck zu hoch ist. Ich 

 öffne den Dreiwegehahn – aber ich entblocke vorher nicht – und  

auf dem Monitor kann ich sehen, wie der Puls des Patienten inner-

halb  von Sekunden von 80 Schlägen in der Minute auf 180, sogar  

190 hochschnellt. Ich stand da, völlig gelähmt und unfähig zu 

 reagieren. Dass es nicht zu einem Kreislaufversagen gekommen ist, 

betrachte ich heute als reines Glück. Nach zwei, drei Minuten hatte 

sich der Puls des Patienten wieder normalisiert. In den kommenden 

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Tagen ging ich immer wieder zum Bett des Patienten, um mich zu 

 vergewissern, dass alles in Ordnung war. 

Warum mir dieser Fehler passiert ist, weiß ich bis heute nicht 

Diese wenigen Minuten, in denen ich tatenlos zusehen musste, wie 

der Puls des Patienten nach oben sauste, waren für mich selbst ein 

Schock. Und obwohl der Patient dabei Gott sei Dank nicht zu Schaden 

gekommen ist, konnte ich im Team damals nicht über meinen Fehler 

sprechen. Auch das war natürlich nicht richtig. Eine wirkliche Erklä-

rung oder gar Entschuldigung für mein Versäumnis habe ich nicht – 

der Arbeitspegel auf einer Intensivstation ist immer hoch, ständig 

passiert Unvorhergesehenes. Und es passieren eben auch Fehler. Mir 

ist dieser passiert.

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117

Fehlerkultur für die  
Altenpflege und  
den hausärztlichen Bereich

Vera Lux

Bis vor nicht allzu langer Zeit waren Begriffe wie Sicherheitskultur, 
Fehlerkultur, Qualitätsmanagement und Risikomanagement im Ge-
sundheitswesen eher selten anzutreffen. Erst in den letzten 10 Jahren 
hat sich das deutlich geändert. Mit zunehmendem ökonomischem 
Druck auf die Gesundheitssysteme wurde die Notwendigkeit von 
 Qualitätsmanagements erkannt, um Fehlsteuerungen im System ent-
gegenzuwirken. Von der Gesundheitsgesetzgebung wurden die Leis-
tungserbringer verpflichtet, interne Qualitätsmanagementsysteme zu 
implementieren. Ergänzt werden diese internen Systeme durch externe 
Qualitätsindikatoren, die von Institutionen wie BQS, MDK und Heim-
aufsicht abgeprüft werden. Erst seit dieser Zeit hat die Auseinander-
setzung mit der Versorgungsqualität in Kliniken, stationären Pflege-
einrichtungen und in der hausärztlichen Versorgung deutlich an Fahrt 
gewonnen.

BQS und MDK

Das Institut für Qualität und Patientensicherheit – kurz BQS – ist 

eine unabhängige Einrichtung, die auf die Darlegung von Versor-

gungsqualität im Gesundheitswesen spezialisiert ist. Der Medizi-

nische Dienst der Krankenversicherung – kurz MDK – sind Gemein-

schaftseinrichtungen der gesetzlichen Kranken- und Pflegekassen, 

die in den Bundesländern als eigenständige Arbeitsgemeinschaf-

ten organisiert sind. Sie agieren als gutachterliche und unab-

hängige Institutionen und beraten die Kranken- und Pflegekassen 

in Bezug auf die allgemeine medizinische und pflegerische Versor-

gung und erstellen im Bedarfsfall Einzelgutachten. 

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13 · Fehlerkultur für die Altenpflege

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118 

Kapitel 13 · Fehlerkultur für die Altenpflege

Gar nicht so einfach: Die Verankerung einer Fehlerkultur

Sowohl in stationären Einrichtungen als auch im hausärztlichen Be-
reich gibt es bisher nur sehr wenige Einrichtungen, in denen ein 
 offener Umgang mit Fehlern praktiziert wird. Gründe hierfür gibt es 
viele – u. a. die noch immer vorherrschenden Vorstellungen von Un-
fehlbarkeit, aber auch die Erfahrungen, wie in der Vergangenheit mit 
Fehlern umgegangen wurde. Immer noch überwiegt die Angst vor 
 Bestrafung und Sanktionen. Die Voraussetzungen für einen offenen 
Umgang mit Fehlern sind meist nicht noch gegeben. Damit wird das 
Lernen aus Fehlern behindert. Im Rahmen einer der wenigen bisher  
zu diesem Thema durchgeführten Projekte des »Zentrum für Pflege-
forschung und Beratung« [17] der Hochschule Bremen wurde dieser 
Eindruck für die stationären Versorgungseinrichtungen bestätigt. Es 
war schwierig und sehr zeitaufwändig, die Einrichtungen davon zu 
überzeugen, an der Befragung teilzunehmen und Freiwillige für ein 
 Interview zu finden.

Für eine neue Sicherheitskultur: Alle müssen an einem Strang  
ziehen

Um eine Veränderung im Umgang mit Fehlern zu erreichen, muss an 

verschiedenen Stellen gleichzeitig damit begonnen werden, einen  

anderen Umgang mit Fehlern zu praktizieren. Zunächst muss sich die 

Haltung in den Einrichtungen selbst ändern. Hier ist die bewusste Ent-

scheidung der Geschäftsführung für einen anderen Umgang mit  

Fehlern und die Einführung von Fehlermeldesystemen als präventives 

Risikomanagement erforderlich. Ein wesentlicher Aspekt ist die Imple-

mentierung der Themen Fehler, Fehlerkultur und Fehlermanagement  

in den Ausbildungscurricula. Weder im Curriculum der Medizinischen 

Fachangestellten [10], der Gesundheits- und Krankenpflege [9] noch  

in der Altenpflege [37] ist das Thema explizit aufgeführt. Dabei ist die 

Auseinandersetzung mit der eigenen Fehlbarkeit und das Erlernen  

eines offenen Umgangs mit Fehlern bereits in den ersten Jahren der 

 beruflichen Sozialisation eine wichtige Chance für die Entwicklung einer 

 neuen  Fehlerkultur.

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119

13.1

  Berichtssysteme – damit Fehler gar nicht erst  

passieren 

Berichtssysteme dienen dazu, Risiken und kritische Ereignisse, die zu 
einem Fehler führen könnten, zu melden, um risikoreiche Situationen 
frühzeitig zu erkennen und Fehler zu vermeiden. Damit stärken Be-
richtssysteme die Patientensicherheit und erhöhen die Versorgungs-
qualität. Aus diesem Grunde haben sich auch bedeutende Institutionen 
wie die WHO und der Europarat mit diesem Thema beschäftigt und 
entsprechende Empfehlungen abgegeben.

Berichtssysteme gehen von der Logik aus, dass man Fehler nicht 

erst machen muss, um daraus zu lernen. Aber: Risiken und Fehler 

müssen erkannt und analysiert werden. Denn nur dann können 

Fehler vermieden, mindestens aber vermindert werden.

Aufgrund der fehlervermindernden Wirkungen haben sich Berichts-
systeme wie z. B. »Critical Incident Reporting System« CIRS bewährt 
und sind international anerkannt. Über CIRS werden wichtige Informa-
tionen gewonnen, die dann ausgewertet und im Rahmen des Risiko-
managements für Maßnahmen zur Verbesserung der Sicherheit und 
der Versorgungsqualität herangezogen werden.

Arten von Berichtssystemen

Es gibt verschiedene Arten von Berichtssystemen. Man unterscheidet 

zwischen geschlossenen und offenen Berichtssystemen. Geschlossene 

Berichtssysteme sind in der Regel nur für eine Einrichtung wie zum 

Beispiel ein Pflegeheim, eine Praxis oder ein Krankenhaus nutzbar. Es 

besteht keine Verbindung zu anderen Berichtssystemen.

Geschlossene Berichtssysteme

In einem geschlossenen Berichtssystem können nur Mitarbeiter der 
Einrichtung Meldungen abgeben. Und nur diese internen Informatio-
nen werden ausgewertet und stehen zur Verfügung. Je nach Größe der 
Einrichtung, gelebter Fehlerkultur und Akzeptanz durch die Mitarbei-

>

13.1 · Berichtssysteme

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120 

Kapitel 13 · Fehlerkultur für die Altenpflege

ter ist die Anzahl der Meldungen hoch oder eher gering. Wenn ein 
 Risiko in einer Einrichtung nur einmal oder auch gar nicht berichtet 
wird, muss das noch lange nicht bedeuten, dass das Risiko nicht besteht 
oder keine hohe Relevanz hat.

Denn es gibt durchaus Risiken, die in der einen Einrichtung gar 

nicht erkannt und wahrgenommen, in einer anderen Einrichtung aber 
sehr häufig gemeldet werden. Hierin liegt auch ein gewisses Manko 
 geschlossener Berichtssysteme: Da kein Austausch mit anderen Ein-
richtungen stattfindet, ist ihr Nutzen extrem abhängig von der Qualität 
und der Quantität der Meldungen. Und diese sind wiederum abhängig 
von mindestens drei Faktoren:

den Erfahrungen der Mitarbeiter im Umgang mit Fehlern,
ihrem Wissensstand und 
ihrer Wahrnehmung von potenziellen Risiken.

Geschlossene Berichtssysteme leben davon, dass die MitarbeiterInnen 
sich aktiv beteiligen. Damit das geschieht, müssen sie erstens die Mög-
lichkeit haben, ihre Meldungen anonym abzugeben, und zweitens die 
Zusicherung, dass sie nicht von Sanktionen bedroht sind. Notwendig 
ist auch die kontinuierliche Unterstützung durch die Geschäftsführung 
und ein zeitnahes Feedback an die MitarbeiterInnen bezüglich der 
Maßnahmen, die aus den Meldungen abgeleitet werden.

Offene Berichtssysteme

Ein offenes Berichtssystem ist über das Internet zugänglich. Damit hat 
jeder Zugang dazu und kann Meldungen abgeben. Diese Meldungen 
werden verschlüsselt und anonymisiert in einer Datenbank abgelegt 
und dann zur Veröffentlichung freigegeben. In der Regel besteht auch 
die Möglichkeit, Meldungen zu kommentieren. Über Berichtsdaten-
banken können die Nutzer z. B. recherchieren, welche Fehler häufig 
vorkommen und welche Empfehlungen zu ihrer Vermeidung gegeben 
werden.

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121

Vorteile offener Berichtssysteme

Durch eine hohe Beteiligung stehen in der Datenbank relativ schnell 

repräsentative Daten und Informationen zur Verfügung.

 

Aus der Datenbank lässt sich schneller erkennen, ob ein Fehler  

nur ausnahmsweise aufgetreten ist oder ob es sich um einen System-

fehler handelt, der häufig vorkommt. Diese Unterscheidung ist von 

enormer Bedeutung, weil die Maßnahmen zur Fehlervermeidung 

dann völlig unterschiedlich sein können.

Gemischte Berichtssysteme 

Inzwischen gibt es auch die Möglichkeit, Fehlermeldungen aus einem 
geschlossenen System anonym und verschlüsselt an ein externes Be-
richtssystem weiterzuleiten und in eine z. B. regionale oder nationale 
Datenbank einzuspeisen. Auf diese Weise lassen sich Daten aus ver-
schiedenen Einrichtungen bündeln, sodass man mittelfristig eine 
 Datenbank aufbauen kann, in der Risiken insgesamt, national und/
oder international, erfasst werden können. Über solche Datenbanken 
lassen sich Informationen generieren, die sowohl für die Gesundheits-
politik, die Gesundheitswirtschaft als auch für Akteure in den Einrich-
tungen wesentliche Daten zu Risiken und in welchen Konstellationen 
sie auftreten können, liefern. Eine gute Voraussetzung, um grundlegen-
de und wegweisende Entscheidungen zur Verbesserung der Patienten-
sicherheit zu treffen!

13.1 · Berichtssysteme

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122 

Kapitel 13 · Fehlerkultur für die Altenpflege

13.2

  Beispiele von Berichtssystemen

Frankfurter Fehlerberichtssystem für Hausarztpraxen

Egal ob man Arzt/Ärztin oder Arzthelfer/in ist – in www.jeder-fehler-
zaehlt.de [38] kann jeder Mitarbeiter in einer hausärztlichen Praxis  
seine Meldungen abgeben. Und zwar online im Internet. Der Bericht 
wird verschlüsselt und ist daher bei der Übertragung der Daten an die 
Datenbank nicht lesbar. Die Datenbank liegt auf einem Server, der von 
außen nicht zugänglich ist. Im Institut für Allgemeinmedizin werden 
dann die eingegangenen Daten entschlüsselt und anonymisiert und 
erst dann zur Veröffentlichung im Internet freigegeben.

Aus Kommentaren werden Tipps zur Fehlervermeidung

Nutzer haben auch die Möglichkeit, die im Internet erschienenen 
 Fehlerberichte zu kommentieren. Diese Kommentare werden in einer 
separaten Datenbank abgelegt, ebenfalls ausgewertet und fließen 
 anschließend in die »Tipps zur Fehlervermeidung« ein. Diese sollen 
helfen, Abläufe in der Praxis zu hinterfragen und Fehlerquellen aus-
findig zu machen. Die »Tipps zur Fehlervermeidung« entspringen 
überwiegend den Kommentaren der Nutzer, die zu Fehlerberichten 
 abgegeben wurden. Da sie von Ärztinnen und Ärzten, Arzthelfern  
und Arzthelferinnen abgegeben wurden, sind sie nicht evidenzbasiert. 
Alle vier Wochen erscheinen beispielhafte Analysen des »Fehler des 
Monats« im Internet und in Fachzeitschriften.

Unterstützt vom Aktionsbündnis für Patientensicherheit

www.jeder-fehler-zaehlt.de wurde vom Institut für Allgemeinmedizin 
der Universität Frankfurt unter der Verantwortung von Prof. Ferdinand 
M. Gerlach entwickelt und wird vom Verband Medizinischer Fach-
berufe VMF und dem Aktionsbündnis Patientensicherheit unterstützt. 
Ziel ist es, aus Fehlern anderer zu lernen, nach dem Motto: »Man muss 
nicht jeden Fehler selbst machen, um daraus zu lernen.«

Bei www.jeder-fehler-zaehlt.de handelt es sich um ein offenes 

 Berichtssystem, das für jeden zugänglich ist. Aufgrund der anonymen 

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123

Berichtsfunktion muss niemand Angst vor Sanktionen und Repres-
salien haben. Wissen über risikobehaftete Situationen kann sich so gut 
verbreiten, die Sensibilität für Risiken erhöht und die Auseinander-
setzung mit der eigenen Fehlbarkeit gefördert werden. Schon allein da-
durch verändert sich der Umgang mit Fehlern, und eine neue Fehler-
kultur kann sich entwickeln.

Online-Berichts- und Lernsystem für die Altenpflege

»Aus kritischen Ereignissen lernen« ist das erste nationale Berichtssys-
tem für die Pflege und wurde vom Kuratorium Deutsche Altershilfe – 
Wilhelmine Lübke Stiftung e.V. entwickelt. Das Projekt steht unter der 
Leitung von Heiko Rutenkröger und wurde über das Bundesministe-
rium für Gesundheit aus Mitteln der ARD Fernsehlotterie »Ein Platz 
an der Sonne« finanziert. Unter www.kritische-ereignisse.de [39] 
 können alle Personen in der Altenpflege über kritische Ereignisse be-
richten, die sie entweder selbst erlebt oder beobachtet haben.

Ihre Stimme zählt!

Wesentliches Element des Berichtssystems sind Lösungsvorschläge, die 
dazu geeignet sind, dass die genannten Ereignisse zukünftig vermieden 
werden. Auch bei diesem Berichtssystem sind Grundlage für die Lösungs-
vorschläge die Kommentare derjenigen, die in der Altenpflege tätig sind.

»Aus kritischen Ereignissen lernen« versteht sich als Berichts- und 

Lernsystem, das unerwünschte Ereignisse und aufgetretene Fehler als 
Chancen sieht, zu lernen. Denn auch die Fehler anderer können sensi-
bilisieren – oft reicht es aus, Berichte zu lesen, um Erkenntnisse daraus 
für den eigenen Pflegealltag zu gewinnen.

Anonymität gewahrt

Auch »Aus kritischen Ereignissen lernen« wahrt die Anonymität des 
Berichtenden. Personenbezogene Daten werden nicht abgefragt und 
Daten, die eine Identifizierung des Berichtenden ermöglichen, nicht 
gespeichert. Eingereichte Berichte und Kommentare werden bis zu 

13.2 · Beispiele von Berichtssystemen

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124 

Kapitel 13 · Fehlerkultur für die Altenpflege

 ihrer Veröffentlichung verschlüsselt in einer Datenbank abgelegt und 
anschließend von einem Projektteam im KDA analysiert und ausge-
wertet. So können wichtige Erkenntnisse über Arten und Ursachen  
von kritischen Ereignissen gewonnen werden. Auf der Website werden 
diese als Bericht des Monats veröffentlicht. In einer Datenbank ge-
speichert können sie nach Titeln, Veröffentlichungsdatum, Arbeits-
bereichen und Schlagwörtern recherchiert werden.

13.3

  Die ersten Schritte sind getan,  

weitere müssen folgen

Die Einrichtung von Berichtssystemen ist noch längst nicht flächen-
deckend umgesetzt, sondern steht erst am Anfang. Erste Schritte sind 
gemacht und die Auseinandersetzung mit dem Thema Risiken, Fehler 
und Fehlerkultur in Gesundheitseinrichtungen ist angestoßen. Dazu 
haben auch die bestehenden Berichtssysteme beigetragen. Um jedoch 
nachhaltig eine Veränderung der Haltung in Bezug auf Fehler und 
 einen neuen Umgang mit Fehlern zu erreichen, müssen weitere 
Schritte folgen.

Fazit

Für eine nachhaltige Veränderung im Umgang mit Fehlern und 

 kritischen Ereignissen braucht es weitere Schritte, z. B.:

Der Umgang mit Fehlern sollte als fester Bestandteil in die 

 Ausbildungscurricula mitaufgenommen werden.

Angebote wie Patientensicherheitstrainings sollten noch 

 besser kommuniziert und in der Fläche breiter angeboten 

 werden.

Die Implementierung von Berichtssystemen sollte nicht auf 

freiwilliger Basis erfolgen, sondern im Rahmen des Qualitäts-

managements für jede Einrichtung gesetzlich verpflichtend 

vorgeschrieben werden.

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Meine Geschichte: Dieter Muth

Krankenpfleger, Frankfurt am Main

»Auf Station war die Hölle los!«

Es war wieder einmal so ein Tag, da kam alles zusammen. Eigentlich 

sollten wir an diesem Nachmittag drei Pflegekräfte auf der Hautsta-

tion sein, dann wurde überraschend eine krank, mein Kollege, der mit 

mir Dienst hatte, fühlte sich auch nicht so gut und auf Station war die 

Hölle los. Eine stationäre Aufnahme nach der anderen, der Arzt wollte 

etwas, die Ambulanz klingelte, Angehörige kamen mit Fragen und  

die Patienten waren ja schließlich auch noch da. Man hat nur noch 

 reagiert. Irgendwie versuchte ich in dieser ganzen Hektik trotzdem, 

alle pflegerischen Arbeiten zu erledigen. Und selbstverständlich sollte 

auch der ältere Herr, der mit einer ausgeprägten Schuppenflechte zu 

uns auf Station gekommen war, seine Salbenbehandlung bekommen. 

Rasch warf ich einen Blick in die Krankenakte, nahm die dort ver-

meintlich angegebene Salbe aus dem Schrank und cremte den Pa-

tienten von Kopf bis Fuß damit ein. Kaum fertig damit, rannte ich,  

um weitere Anordnungen auszuführen, einen neuen Patienten in 

Empfang zu nehmen und ans Telefon zu gehen – am besten alles 

gleichzeitig. 

Starke Hautreizungen durch die falsche Salbe

Am nächsten Tag hatte sich das Hautbild des Patienten deutlich ver-

schlechtert. Die Haut war stark gereizt – fast wie nach einer Verbren-

nung, und tat natürlich entsprechend weh. Zunächst konnte ich mir 

das nicht erklären. Aber als ich die Krankenakte noch einmal zur  

Hand nahm und überprüfte, welche Salbe dort angeordnet war, 

musste ich feststellen, dass ich zwar die richtige Salbe, aber in der 

falschen Konzentration aufgetragen hatte. Statt der niedrig konzent-

rierten Salbe hatte ich zu einer deutlich höher konzentrierten ge-

griffen und bei dem Patienten damit starke Hautreizungen verursacht. 

Mit einem furchtbar schlechten Gewissen entschuldigte ich mich  

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bei dem älteren Herrn, der zwar zunächst ärgerlich war, meine Ent-

schuldigung aber dann akzeptierte. Auch meinen Kollegen und dem 

diensthabenden Arzt offenbarte ich mein Missgeschick. Letztendlich 

hatte sich die Haut des Patienten nach ein paar Tagen wieder be-

ruhigt. Aber mich hatte noch lange mein Gewissen so gedrückt, dass 

es kaum auszuhalten war.

Strukturiert arbeiten – egal wie groß die Hektik ist

Aus allem habe ich eine wichtige Lehre gezogen, nämlich Arbeits-

abläufe strukturiert durchzuführen, egal wie groß die Hektik ist. Einen 

Schritt nach dem anderen tun, nicht in der Mitte anfangen oder den 

letzten Arbeitsgang weglassen, lieber eine Arbeit, die man nicht 

 vollständig erledigen kann, auf einen späteren Zeitpunkt verschieben. 

Strukturiert arbeiten – das ist das A & O! 

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127

Beispiele aus dem 
Sicherheitsmanagement  
der Charité

Claudia Christ-Steckhan, Hedwig François-Kettner

Seit Anbeginn der Menschheitsgeschichte machen Menschen Fehler, er-
kennen Menschen ihre Fehler und lernen aus ihren Fehlern. Grundsätz-
lich sind Fehler menschlich, möglich und lehrreich. Trotzdem ist es 
nach wie vor schwer, im Pflege- und Behandlungsalltag offen und kon-
struktiv über Fehler zu reden und miteinander aus Fehlern zu lernen. 
Umso wichtiger ist es, gemeinsam an der Entwicklung einer offenen 
und lernfähigen Sicherheitskultur und Fehlerkultur zu arbeiten. 

Sicherheitskultur: fachübergreifend und lebendig

Die Charité verfolgt hier gezielt einen berufsgruppenübergreifenden 
Ansatz. Pflegende, Ärzte und Therapeuten arbeiten in wechselseitiger 
Abhängigkeit und Ergänzung. Der Pflege- und Behandlungsprozess 
der Patienten erfolgt durch eine fein abgestimmte, arbeitsteilige Ko-
operation zwischen den Berufsgruppen. Nur durch gemeinsamen 
 Erwerb von Sicherheitswissen und die gemeinsame Umsetzung sicher-
heitsförderlichen Verhaltens kann die Patientensicherheit, aber auch 
die Sicherheit der Mitarbeiter erhöht werden.

Vorrangiges Ziel ist es, eine lebendige Sicherheits- und Lernkultur 

zu schaffen. Die 3 wesentlichen Projekte aus diesem Themenkreis sind:

das Risikomanagement Weblog
das Critical Incident Reporting System CIRS Charité
die Morbiditäts- und Mortalitätskonferenzen

Fehler: oft noch personalisiert und sanktioniert

Von zentraler Bedeutung ist, welche Einstellungen und Bewertungs-
muster wir im Umgang mit Fehlern haben. In unserem Kulturkreis 

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14 · Beispiele Sicherheitsmanagement

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128 

Kapitel 14 · Beispiele aus dem Sicherheitsmanagement der Charité

werden Fehler meist negativ gesehen und sind häufig verknüpft mit 
einem Opfer-Täter-Denken und Schuldzuweisungen. In der Vergan-
genheit haben wir Fehler meist personalisiert und negativ sanktioniert. 
Das Thema war häufig an Regeln und Tabus gebunden. Fehler wurden 
diskret, vertraulich und nicht öffentlich bearbeitet.

14.1

  Jeder Fehler ist eine Chance!

Die Entwicklung einer offenen und lernenden Sicherheits- und Fehler-
kultur macht es notwendig, dass wir diese alten Muster»entlernen« und 
unsere Einstellungen, Wahrnehmungen und Bewertungsmuster im 
Hinblick auf Fehler verändern [25]. Denn: In jedem Fehler steckt ein 
großes Lernpotential für den zukünftigen Pflege- und Behandlungs-
prozess. Dieses Potential können wir nur nutzen, wenn wir nicht 
 unsere ganze Energie darauf verwenden, uns in die »Wer-ist-schuld?«-
Frage zu verbeißen. Viel interessanter und gewinnbringender ist die 
Frage: »Was ist schuld?«

14.2

  Fehler als »Trainingspartner«

Unvoreingenommen sollten wir analysieren, welche Faktoren an der 
Entstehung des kritischen Ereignisses beteiligt waren [33]. Verein-
fachende und personalisierende Interpretationen verstellen den Blick 
für die komplexe Verkettung von verursachenden Faktoren. Auf Basis 
einer fundierten und systematischen Ursachenanalyse, können wir 
wirksame Präventionsstrategien für die Zukunft entwickeln. Auf diese 
Weise werden Fehler zu »Trainingspartnern« und Lehrmeistern auf 
dem Weg zu höherer Qualität und besserer Versorgung der Patienten. 
Fehleranalysen setzen Entwicklungsprozesse, Veränderungsprozesse 
und Lernprozesse in Gang. Fehler zeigen uns, wo es noch Verbesse-
rungsbedarf gibt. Es ist unsere professionelle Verantwortung, die 
Chance, die in jedem Fehler steckt, zu nutzen. Diesen Kulturwandel 
verfolgen wir mit den nachfolgenden Projekten.

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129

Risikomanagement Weblog

Damit man aus Schwierigkeiten und Fehlern lernen kann, müssen sie 
bekannt sein. Um bekannt zu werden, müssen Schwierigkeiten und Feh-
ler offen angesprochen werden. Die Auseinandersetzung mit eigenen 
Fehlern erfordert Mut. Diesen Mut und die erforderliche Offenheit wol-
len wir mit dem Risikomanagement Weblog im Intranet der Charité be-
fördern. Im Risiko-Blog werden ausgewählte Beinahe-Zwischenfälle aus 
dem CIRS Charité und Probleme, die in den laufenden Morbiditäts- und 
Mortalitätskonferenzen (M&M-Konferenzen, s. u.) besprochen wurden, 
publiziert. Um die Mitarbeiter und das Unternehmen zu schützen, 
 werden hier nicht nur Charité-interne Vorkommnisse berichtet, sondern 
auch relevante Fehlerberichte aus anderen Kliniken und Fehlerberichts-
datenbanken. Auf diese Weise ist nicht mehr zu erkennen, wo der Fehler 
passiert ist oder wer daran beteiligt war. 

Das Motto des Blog ist: Man muss nicht jeden Fehler selber 

 machen, um daraus zu lernen!

Gezielt suchen, lesen, lernen

Die Auswahl der Fehlerberichte und die redaktionelle Pflege des Web-
log erfolgt durch das Zentrale Qualitätsmanagement. Die einzelnen 
Fehlerberichte sind klassischen Fehlerkategorien zugeordnet, wie 
Schnittstellen/Kommunikation, Geräte/Material oder Medikamente. 
So kann im Blog gezielt themenspezifisch gesucht, gelesen und gelernt 
werden. Der Zugang zum Blog steht jedem Mitarbeiter ohne Passwort 
über das Intranet offen. Jeder kann anonym oder unter seinem Namen 
Kommentare zu den Fehlerberichten schreiben.

Der »Fehler des Monats«

Seit April 2008 veröffentlichen wir im Blog zusätzlich zu den laufenden 
Fehlerberichten jeden Monat den »Fehler des Monats«. Dies ist eine 
bewusst offensiv gewählte Form – eine paradoxe Intervention – um  
auf dieses Thema aufmerksam zu machen. Der Fehler des Monats ist 
entweder sehr relevant, sehr häufig oder besonders lehrreich. Die Ur-

>

14.2 · Fehler als »Trainingspartner«

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130 

Kapitel 14 · Beispiele aus dem Sicherheitsmanagement der Charité

sachen des Fehlers werden detailliert analysiert und die Maßnahmen 
zur Vermeidung in der Zukunft dargestellt. Der Fehlerbericht des 
 Monats wird regelmäßig von sehr vielen Mitarbeitern gelesen und dis-
kutiert. Im Durchschnitt gibt es pro Monat 1.500 einzelne Zugriffe auf 
das Blog.

Critical Incident Reporting System: CIRS Charité

Im Jahr 2006 haben wir in der Charité ein anonymes Berichtssystem 
für kritische Ereignisse eingerichtet, das CIRS Charité. Seitdem kann 
jeder Mitarbeiter von jedem Rechner aus anonym über einen Fehler, 
ein kritisches Ereignis oder einen Beinahe-Zwischenfall berichten.  
Auf diese Weise ist es möglich, aus Beinahe-Zwischenfällen (Critical 
Incidents) zu lernen, um wirkliche Zwischenfälle, bei denen ein Patient 
zu Schaden kommen könnte, zu vermeiden. In CIRS werden Ereignisse 
gemeldet, die gerade noch einmal gut gegangen sind. Aus diesen Er-
eignissen wollen wir lernen, damit diese Patienten und Mitarbeiter 
gleichermaßen gefährdenden Situationen in Zukunft vermieden 
 werden  können.

Garantiert freiwillig, anonym, vertraulich und sanktionsfrei

Wichtig für die Akzeptanz und Nutzung des Systems ist, dass die 
Grundsätze Freiwilligkeit, Anonymität, Vertraulichkeit und Sanktions-
freiheit garantiert und eingehalten werden (s. Aktionsbündnis Patien-
tensicherheit e.V.). Die eingegangenen Berichte werden durch soge-
nannte CIRS-Moderatoren ausgewertet. Die CIRS-Moderatoren sind 
Ärzte und Pflegende aus den jeweiligen Teams. Meist sind 2 Ärzte und 
2 Pflegekräfte das Moderatorenteam für einen bestimmten CIRS-Mel-
dekreis [29]. Gemeinsam werten sie die eingegangen Berichte aus und 
setzen Veränderungen und Präventionsmaßnahmen in Gang, die einen 
solchen Vorfall in der Zukunft verhindern helfen.

Durch die in CIRS gemeldeten Berichte ist es möglich, entstandene 

Fehler zu identifizieren, Ursachen abzuklären und daraus Maßnahmen 
zur künftigen Verhinderung dieser Fehler zu ergreifen.

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131

Aus Meldungen werden Verbesserungen

Nach gut 3 Jahren wurden über 650 Fehlerberichte in CIRS Charité 
 gemeldet. Das System wird von Ärzten und Pflegekräften gleicher-
maßen genutzt. Durch die Analyse der eingegangenen Meldungen ist 
es gelungen, sehr relevante Veränderungen und Verbesserungen in 
Gang zu setzen. Viele dieser Verbesserungen beziehen sich auf die Be-
reiche, aus denen die Berichte gemeldet wurden. Beispiele dafür sind 
Trainings für medizintechnische Geräte und Veränderungen der Ar-
beitsabläufe im Pflege- und Behandlungsprozess. Einige CIRS-Mel-
dungen haben unternehmensweite Veränderungen in Gang gesetzt, wie 
zum Beispiel Produktwechsel von Medikamenten (in Folge von Medi-
kamentenverwechslung) oder Produktwechsel von Medizinprodukten 
(z. B. Handbeatmungsbeutel).

Sehr wichtig ist es, die Mitarbeiter kontinuierlich über Maßnah-

men, die durch CIRS-Meldungen erfolgen, zu informieren. Nur so 
können die Mitarbeiter motiviert werden, Berichte von kritischen 
 Ereignissen zu melden [27]. Wenn es gelingt, CIRS in den täglichen 
Arbeitsablauf zu integrieren, kann das Wissen der Mitarbeiter um 
 Fehlerquellen und Verbesserungspotenziale gezielt genutzt werden.

Morbiditäts- und Mortalitätskonferenzen

Sicherheitskultur setzt Kommunikationskultur voraus. Es muss Raum, 
Zeit und die Bereitschaft gegeben sein, über Probleme, kritische Situa-
tionen oder suboptimale Handlungen miteinander zu sprechen.

Das geeignete Besprechungsformat hierfür sind die Morbiditäts- 

und Mortalitätskonferenzen. Diese regelmäßigen strukturierten Be-
sprechungen besonders schwerer Krankheitsverläufe wurden primär  
in den Intensivbereichen der Charité etabliert. Derzeit werden sie in 
einem zweiten Schritt in den Normalstationsbereichen implementiert. 
Die Besprechungsform ist ein klassisches Forum zur konstruktiven 
und kritischen Auseinandersetzung mit einer eigenen Vorgehensweise. 
Ärzte und Pflegekräfte, die bei der Betreuung der Patienten mitgewirkt 
haben, nehmen gemeinsam an diesen Besprechungen teil. Durch die 

14.2 · Fehler als »Trainingspartner«

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132 

Kapitel 14 · Beispiele aus dem Sicherheitsmanagement der Charité

gemeinsame Analyse der Pflege- und Behandlungsverläufe unter dem 
Blickwinkel »Was hätten wir besser machen können?« wird für die 
 Zukunft gelernt. So kommt es zu einer ständigen Verbesserung der 
 Arbeitsweise und Abläufe im Klinikalltag. Therapieentscheidungen 
werden für das Team nachvollziehbar gemacht und in Kenntnis der 
 Erfolge und Misserfolge diskutiert. Die Morbiditäts- und Mortalitäts-
konferenzen sind eine qualitätssichernde Maßnahme, die sowohl kont-
rollierend und korrigierend als auch prophylaktisch wirkt.

Strukturiert und wertschätzend

Für die Charité wurde ein Standardformat der Morbiditäts- und 
 Mortalitätskonferenzen entwickelt. Die Konferenzen sollen in einem 
festen Rhythmus stattfinden, möglichst an einem feststehenden Ter-
min. Besonderer Wert wird auf eine zielführende Moderation gelegt. 
Hierdurch wird gewährleistet, dass die Diskussion strukturiert und 
sachlich verläuft und der Ton des Austauschs wertschätzend ist. Auf-
grund der Wichtigkeit der Moderation für das Gelingen der Konfe-
renzen [23] wurde ein eigenes Schulungsprogramm für Moderatoren 
entwickelt. Der Fokus der Konferenz liegt immer auf den Schlussfolge-
rungen für die Zukunft: Wie können wir Maßnahmen und Abläufe 
kontinuierlich verbessern, damit wir weiterhin optimale Pflege- und 
Behandlungsergebnisse erreichen und sichern? Um die wichtigen 
 Ergebnisse der Konferenzen festzuhalten und diese auch Mitarbeitern, 
die nicht teilnehmen konnten, verfügbar zu machen, wurde eine ein-
heitliche Dokumentationsvorlage entwickelt, in der die Veränderun-
gen, die in der Diskussion erarbeitet worden sind, nachgelesen werden 
können.

Der offene Meinungsaustausch im geschützten Rahmen führt 

 idealerweise zu einer Verbesserung von problembezogener Kommuni-
kation und Teamarbeit im Pflege- und Behandlungsalltag. Zudem  
wird ein teamorientierter Denkansatz im Hinblick auf die Steigerung 
der Sicherheit und Qualität gefördert.

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Fazit

Mit den beschriebenen Projekten wurden entscheidende Fort-

schritte auf dem Weg hin zu einer offenen, fairen und lernenden 

 Sicherheitskultur initiiert. In der immer komplexer werdenden 

 modernen Hochleistungsmedizin, in der viele Menschen in einer 

hochtechnisierten Umgebung gemeinsam in kleinteiligen Arbeits-

schritten an der Versorgung der Patienten beteiligt sind, ist die 

Aufgabe »Lernen aus Fehlern« ohne Alternative.

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14.2 · Fehler als »Trainingspartner«

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Meine Geschichte: Ulrike Steinecke

Vorsitzende des Deutschen Verbandes für Physiotherapie – Zentral-

verband der Physiotherapeuten/Krankengymnasten e.V. (ZVK)

»Mit meiner Querfriktion habe ich mehr Schaden als Nutzen 

 angerichtet«

Wenn der Patient nicht schon lange und gern zu uns in die ortho-

pädische Ambulanz gekommen wäre, und wenn wir nicht ein so 

gutes Verhältnis zu einander gehabt hätten, hätte das alles auch  

ganz anders ausgehen können. Ich war damals im Praktikum, das 

gleich im Anschluss an meine 2-jährige Ausbildung zur Physiothera-

peutin folgte. Der Patient war ein älterer Herr, der wegen einer rheu-

matoiden Arthritis in unsere Praxis kam. Er wurde vor allem wegen 

seiner Schmerzen im Schultergelenk behandelt, die teilweise durch 

eine schon lange anhaltende Sehnenreizung verursacht wurden.  

Dass er eine Woche nach meiner Behandlung mit einem riesigen Blut-

erguss wiederkommen würde, konnte keiner von uns voraussehen.

»Prima!« dachte ich. »Läuft alles bestens ... «

Dabei war ich bei der Behandlung des Patienten ganz schulmäßig 

vorgegangen: Bei der Palpation hatte sich herausgestellt, dass die 

 lange Bizeps-Sehne schmerzhaft war. Eine sehr gute Methode zur 

Schmerzlinderung in solchen Fällen ist die so genannte Querfriktion. 

Dazu wird quer zum Faserverlauf gerade so viel Druck auf die Sehne 

ausgeübt, wie es der Patient noch gut tolerieren kann. Um sicher zu 

gehen, dass die Querfriktion auch für den individuellen Fall wirksam 

ist, macht man zuerst einen Test: Man übt die Querfriktion eine 

 Minute lang mit gleichbleibendem Druck aus. Wenn innerhalb dieser 

kurzen Zeitspanne der Schmerz nachlässt, kann man die eigentliche 

Behandlung anschließen. Genauso war ich vorgegangen. Als ich 

merkte, dass der Schmerz tatsächlich abgeklungen war, freute ich 

mich: »Prima! Querfriktion wirkt!« Bei den nachfolgenden Übungen 

zur Verbesserung von Beweglichkeit und Aktivität lief ebenfalls alles 

einwandfrei und der Patient ging zufrieden nach Hause.

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…»Bestens?« Von wegen!

Eine Woche später dann stand er vor mir: »An einem Schönheitswett-

bewerb kann ich jetzt nicht mehr teilnehmen! Sie haben mir die lange 

Bizeps-Sehne ‚abmassiert’!« Obwohl möglicherweise ein Wirkstoff,  

der an dem Patienten gerade im Rahmen einer Pilotstudie untersucht 

wurde, dafür verantwortlich war, dass die Sehne trotz sachgerechter 

Behandlung abreißen konnte, war ich sehr betroffen! Offenbar hatte 

ich mit meiner Querfriktionsbehandlung mehr Schaden als Nutzen 

angerichtet. Ich entschuldigte mich viele Male bei dem Patienten. 

Auch meine Vorgesetzte kam unterstützend hinzu, stärkte mir den 

 Rücken, schlichtete und beruhigte den Patienten. Glücklicherweise 

war das Arbeitsklima so gut, dass ich mich nicht verteidigen musste, 

nichts rechtfertigen, sondern meinen Fehler rückhaltlos zugeben 

konnte. Unser offener Umgang damit und die Tatsache, dass der  

Patient außer dem Bluterguss keine Bewegungseinschränkungen 

oder Schmerzen hatte – beides hat sicherlich dazu beigetragen, dass 

der Patient die Situation nicht eskalieren ließ. Er konnte mein Miss-

geschick sogar mit einer guten Portion Humor nehmen und hat  

uns weiterhin vertraut. Fehler passieren. Auch in der besten Ausbil-

dung kann man nicht lernen, wie man Fehler hundertprozentig 

 ausschließt. Aber man kann lernen, mit Fehlern umzugehen – offen 

und ohne Angst.

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Kapitel 15 · Vorbeugen ist besser als haften – Aus Fehlern lernen

Vorbeugen ist besser als 
haften – Aus Fehlern lernen

Rolf Höfert

Dekubitus/Dokumentationsmangel – Schadenersatz 16.318 €

 

Die Krankenkasse einer Heimbewohnerin (Klägerin) forderte 

 Schadenersatzansprüche für Kosten, die ihr im Rahmen der Behand-

lung eines Dekubitus entstanden sind. Die Bewohnerin litt unter 

 seniler Altersdemenz mit Unruhe- und Verwirrtheitszuständen sowie 

Harninkontinenz. Ihre Hausärztin diagnostizierte ein Dekubitalge-

schwür im Gesäßbereich und verordnete Betaisodona-Salbe. Bei 

einem weiteren Arztbesuch zeigte sich das Dekubitalgeschwür ver-

größert. Die Bewohnerin wurde nachfolgend zur stationären Behand-

lung in ein Krankenhaus eingewiesen und kehrte anschließend in  

die Pflegeeinrichtung zurück. Das Dekubitalgeschwür war noch vor-

handen und wurde auf telefonische Anordnung der Hausärztin durch 

Spülungen mit Wasserstoff und mit Rivanol sowie Furosemid 40 be-

handelt. Erst ein chirurgischer Eingriff führte zur Abheilung des 

 Geschwürs. Die Krankenkasse verlangte daraufhin die Erstattung  

der durch den zweiten Krankenhausaufenthalt entstandenen Kosten. 

In der ersten Instanz hat das LG Duisburg die Klage dem Grunde nach 

für gerechtfertigt erklärt. Vor dem OLG Düsseldorf beantragte der 

Heimträger, das erstinstanzliche Urteil abzuändern und die Klage ab-

zuweisen.

Entscheidungsgründe

In der Berufungsinstanz wurde erkannt, dass der Schadenersatz-

anspruch sowohl dem Grunde als auch der Höhe nach wegen schuld-

hafter Schlechterfüllung des stationären Pflegevertrages gemäß 

§§ 611, 276, 278 BGB begründet ist. Die Entstehung des Geschwürs 
beruhte auf einem schuldhaften Pflegefehler. Von Bedeutung war 

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137

auch die unzulängliche und lückenhafte Dokumentation, die auf 

schuldhafte, fehlerhafte Maßnahmen in der Dekubitusprophylaxe 

schließen ließ. Ein mögliches ärztliches Mitverschulden bei der Be-

handlung des bereits aufgetretenen Geschwürs wurde ausdrücklich 

ausgeschossen.

(OLG Düsseldorf, Urteil vom 16.06.2004, 1-15 U 160/03).

Sicher haben Sie im Pflegealltag schon einmal eine so genannte Schreck-
sekunde erlebt. Vergleichbar der Luftfahrt kommt es auch im medizi-
nischen und pflegerischen Leistungsbereich zu »Beinahe-Katastro-
phen«. In einer offenen Fehlerkultur und -kommunikation muss es 
 immer darum gehen, aus Fehlern zu lernen, um sie zu vermeiden.  
Eine rigide Fehlerkultur, die vor allem mit Schuldzuweisungen ope-
riert, ist kontraindiziert, weil die Akteure dann allzu oft nicht den  
Mut finden, ihre Fehler offenzumachen, damit alle daraus lernen kön-
nen (

.

 Abb. 15.1

).

Abb. 15.1.  Häufigkeit. Der Rechts-Links-Vergleich zeigt, dass es nur bei einem Bruch-

teil der Ereignisse tatsächlich zu einem juristischen Verfahren kommt. Mit freundlicher 
Genehmigung von Professor Dr. Matthias Schrappe (modifiziert nach [40])

.

15 · Vorbeugen ist besser als haften

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138 

Kapitel 15 · Vorbeugen ist besser als haften – Aus Fehlern lernen

15.1

  Die gesetzliche Grundlage

Mit dem Bundesaltenpflegegesetz von 2003 und dem Krankenpflege-
gesetz von 2004 wurden jeweils in § 3 die eigenverantwortlichen Auf-
gaben der Pflege klar definiert und die Verantwortung in Ausführung 
ärztlich veranlasster Maßnahmen konkretisiert.

Die Pflegeprofession ist mit dem Ansatz ganzheitlicher, am Patien-

ten orientierter Konzepte und wissenschaftlicher Expertisen im Sinne 
des Grundgesetzes, Artikel 74, Abs. 1 Nr. 19, als »anderer Heilberuf« 
»Partner« in der Versorgungsstruktur.

Im juristischen Ernstfall sieht sich die Pflege mit dem Vorwurf  

der gefährlichen Pflegehandlung konfrontiert. Strafrechtliche und 
 zivilrechtliche Konsequenzen können einschneidende Folgen für jeden 
Einzelnen bedeuten.

Wesentlich in der Klärung der Schuldfrage sind dann die Ebenen 

der Organisations-, Anordnungs- und Durchführungsverantwortung 
bzw. -haftung.

Praxistipp

Häufigste Klagemomente gegen Pflegende betreffen 

Dekubitus

Sturz

Fixierung

Dokumentationsmängel

Fehler in der Ausführung ärztlicher Verordnungen

Patienten erwarten, nach den neuesten Standards  
betreut zu werden

Der Patient setzt im Sinne des Krankenhausaufnahmevertrages, Heim-
vertrages oder Pflegevertrages darauf, von kompetenten, konstruktiv 
zusammenwirkenden Leistungserbringern im Sinne des aktuellen 
Standes der Wissenschaft versorgt zu werden. Hierzu gehören auch  
die wissenschaftlichen Expertenstandards »Dekubitusprophylaxe«, 

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»Entlassungsmanagement«, »Schmerzmanagement«, »Sturzprophy-
laxe«, »Kontinenzförderung«, »Pflege von Menschen mit chronischen 
Wunden« sowie »Ernährungsmanagement«.

Im Sinne der Beweisführung vor Gericht sind Standards und Richt-

linien sowie deren belegbare Umsetzung in der Einrichtung von beson-
derer Bedeutung.

Rechtliche Verpflichtung zur Fort- und Weiterbildung  
für Pflegende

Aufgrund der qualitätssichernden Anforderungen des SGB V (Kranken-
versicherungsgesetz) und SGB XI (Pflegeversicherungsgesetz) sind die 
Leistungserbringer in der Pflege auch in Korrespondenz zum Alten-
pflegegesetz § 3 und Krankenpflegegesetz § 3 in Wahrnehmung der 
 eigenverantwortlichen Aufgaben verpflichtet, sich in aktuellen pflege-
wissenschaftlichen Erkenntnissen fort- und weiterzubilden. Im Vor-
wort zum GKV-Modernisierungsgesetz (GMG) wird unter 3b) Maß-
nahmen zur Verbesserung der Qualität der Patientenversorgung gefor-
dert: »Zur Verbesserung der Qualität der Versorgung soll auch eine 
Verpflichtung für alle Ärzte und sonstigen Gesundheitsberufe zur re-
gelmäßigen interessenunabhängigen Fortbildung beitragen.«

Heimträger, ambulante Pflegedienste, Krankenhäuser und deren 

Mitarbeiter sind seit Jahren vermehrt mit Regressansprüchen von 
Krankenkassen konfrontiert, wenn es im Rahmen der pflegerischen 
Versorgung zu Schäden der Bewohner/Patienten bzw. Krankenver-
sicherten kommt. 

Die Beweislast liegt beim Träger

Bei Haftungsansprüchen gegen den Träger bzw. die Mitarbeiter eines 
Altenheimes, ambulanten Pflegedienstes, Krankenhauses ist die Be-
weislast bzw. Beweislastumkehr von großer Bedeutung. D. h. dass der 
Träger beweisen muss, dass alles Erforderliche getan wurde, um nicht 
zusätzliche Risiken für den Bewohner/Patienten aufkommen zu lassen. 
Beweiserleichternd für den Bewohner, Patienten, seine Angehörigen 

15.1 · Die gesetzliche Grundlage

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Kapitel 15 · Vorbeugen ist besser als haften – Aus Fehlern lernen

und die Krankenkassen sind grobe Behandlungsfehler, der Einsatz 
 unqualifizierten Personals sowie eine unzulängliche, lückenhafte oder 
nachträglich erstellte Dokumentation (BGB NJW 1983, S. 2080, 2081). 

15.2

  Rechtsfälle aus der Praxis

Typische Beispiele sind:

Kaliumchlorid statt Natriumchlorid
Hirnverletzung bei Kieferhöhlenoperation
abgebrochene Operationsnadelspitze bei Bandscheibenoperation
Haken halten, Wundsekret absaugen und Gefäße koagulieren durch 
OP-Pfleger
tödliche Bakterieninfektion nach Kaiserschnittentbindung
Bauchtuch bei Operation vergessen
Amputation des Daumenendgliedes beim Verbandswechsel
vertauschtes Kreuzblut
tödliche Strangulation durch Bauchgurtfixierung
Patientin verblutet nach Nierenbiopsie
Rollstuhlfahrerin stürzt ins Treppenhaus
Kontrastmitteleinlauf statt ins Rektum in die Scheide
gewaltsames Entfernen eines gefüllten Ballonkatheters
Megacillininjektion bei Penicillinallergie
tödliche Sturzverletzung einer Heimbewohnerin, weil nur von einer 
Pflegekraft geführt
verspätete Reanimation mit Folge Wachkoma
Darmperforation bei Verabreichung eines Klysmas
Spritzenabszess,
Dekubitus, grobe Fahrlässigkeit
Injektion von Narkosemittel in Arterie
Badewasser über 50°C, Bewohnerin verstorben
Fehlmedikation

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Fall 1: Darmperforation bei Verabreichung eines Klysmas,  

60.000 € Schmerzensgeld

Wird ein Patient bei der Behandlung durch einen Krankenpfleger 

 verletzt, haftet das Pflegepersonal, ohne dass der Patient einen Be-

handlungsfehler nachweisen muss. Der Krankenpfleger verabreichte 

dem Patienten einen Darmeinlauf (Klysma). Wegen plötzlich auftre-

tender Bauchschmerzen und danach festgestellten Kontrastmittelaus-

tritts aus dem Enddarm wurde der Kläger notfallmäßig laparotomiert.

 

Deliktische Haftung des Krankenpflegers nach §§ 253 Abs. 2, 823 

Abs. 1 BGB Urteil des Pfälzischen Oberlandesgerichts (OLG) Zwei-

brücken vom 16.01.2007

 

OLG Zweibrücken, Az: 5 U 48/06

Fall 2: Geldstrafen für Tod eines Bewohners nach verschluckter 

Zahnprothese

Der 75-jährige Patient war nach stationärer Behandlung in einem 

Krankenhaus mit zwei Hüftoperationen infolge der Verschlechterung 

des Allgemeinzustandes in ein Pflegeheim verlegt worden. Hier ver-

starb er nach 5 Tagen an einer Lungenentzündung. Bei der Obduktion 

fand man eine in den Rachenraum gelangte Unterkieferzahnprothese 

als ursächlich für die Lungenentzündung.

 

Hauptvorwurf gegen die zwei verurteilten Altenpflegerinnen war, 

dass der tödliche Ausgang hätte verhindert oder verzögert werden 

können, wenn eine sachgerechte Kontrolle und Pflege der Mund-

höhle, ein rechtzeitiges Entfernen der rachenwärts verlagerten Zahn-

prothese und das Hinzuziehen eines Arztes zur Behandlung erfolgt 

wären.

 

Verurteilt wurde die eine Altenpflegerin wegen fahrlässiger 

 Körperverletzung zu einer Geldstrafe von € 2.700,-, die andere wegen 

fahrlässiger Tötung zu einer Geldstrafe von € 3.000,- 

 

(AG Bühl, AZ: Cs 200/Js 698/03).

15.2 · Rechtsfälle aus der Praxis

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Kapitel 15 · Vorbeugen ist besser als haften – Aus Fehlern lernen

Fall 3: Sturz am Waschbecken, € 8.000,- Schadenersatz  

wegen Fahrlässigkeit der Pflegerin

Zu seinem Recht und zu Schadenersatz kam der Ehemann einer in 

einem privaten Altenpflegeheim untergebrachten Frau, die an den 

Folgen eines Sturzes verstorben war. Die an schwerer Altersdemenz 

leidende Patientin war auf ihrem Zimmer gestürzt und hatte sich eine 

Armfraktur und Kopfverletzungen zugezogen, als ihre Pflegerin sie am 

Waschbecken stehen ließ, um den Toilettenstuhl bereitzustellen.

 

Das Gericht sah darin eine fahrlässige Unachtsamkeit der Pflegerin 

und somit eine Vertragsverletzung, für die auch das Pflegeheim einzu-

stehen hat. Es durfte nicht darauf vertraut werden, dass die Patientin 

auch nur kurze Zeit ohne Hilfe sicher stehen bleiben würde. Die 

 Pflegende durfte deshalb nicht dadurch eine von ihr nicht mehr be-

herrschbare Situation herbeiführen, dass sie sich von der geflegten 

Person abwandte, und sie so bei einem Sturz nicht mehr rechtzeitig 

eingreifen konnte. Dem klagenden Ehemann steht somit aus über-

gegangenem Recht ein Schmerzensgeldanspruch (§§ 823 Abs. 1, 253 

Abs. 2 BGB) in Höhe von € 8000,- zu.

Fall 4: Eigenmächtige Fixierung durch das Pflegepersonal

Die Ehefrau eines Patienten verlangte Schadenersatz von zwei Pflege-

personen, weil jene haftungsrechtlich für den Tod ihres Ehemannes 

verantwortlich seien. Wegen eines akuten psychotischen Schubs kam 

der 63-jährige Patient in das Klinikum und wurde von den zwei dienst-

habenden Pflegekräften wegen starker Unruhe mittels eines Bauch-

gurtes und Fußfesseln im Bett fixiert. Eineinhalb Stunden später wurde 

eine Pflegeperson wegen eines Hilferufes darauf aufmerksam, dass in 

dem Zimmer des Patienten ein mit starker Rauchentwicklung verbun-

denes Feuer ausgebrochen war. Das Bettzeug des Patienten war in 

Brand gesetzt worden. Der Patient erlitt schwere Verbrennungen 

 zweiten und dritten Grades an Füßen und Beinen bis hinauf zu den 

Genitalien. Er wurde zur stationären Behandlung in das Krankenhaus 

eingeliefert, wo er nach 3 Monaten verstarb. Die Ehefrau, als Klägerin, 

nahm das diensthabende Pflegepersonal, den diensthabenden Arzt 

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und den Klinikträger auf Ersatz von Haushaltshilfekosten sowie von 

Aufwendungen in Zusammenhang mit der ärztlichen Behandlung, 

dem Krankenhausaufenthalt und der Beerdigung ihres Mannes in An-

spruch.

Feststellungen des Gerichtes:

Pfleger handeln pflichtwidrig, wenn sie einen Patienten ohne vor-

herige schriftliche Anordnung des Arztes (teil-)fixieren und es darüber 

hinaus unterlassen, sofort einen Arzt von dieser Maßnahme zu unter-

richten und dessen weitere Entscheidungen abzuwarten.

 

Eine eigenmächtige (Teil-)Fixierung durch das Pflegepersonal kann 

nur zur Abwendung akuter Gefahren für den Patienten oder andere, 

die keinen Aufschub dulden, zugelassen werden.

 

Es ist ein Behandlungsfehler, einen psychiatrischen Risikopatienten, 

der medikamentös nicht ausreichend beruhigt worden war, im Bett zu 

fixieren, ohne ihn ständig optisch und akustisch zu überwachen.

Fall 5: Injektion durch Nichtfachkräfte

Das Verabreichen einer Spritze stellt einen Eingriff in die körperliche 

Unversehrtheit des Patienten dar und erfüllt den Tatbestand der Kör-

perverletzung im Sinne § 223 des Strafgesetzbuches. Die Einwilligung 

eines Patienten erstreckt sich auch auf die Delegation von Injektionen 

auf medizinisches Hilfspersonal, soweit sie nach objektiven Maßstä-

ben als zulässig anzusehen ist. Vor der Delegation ärztlicher Tätig-

keiten auf Hilfskräfte ohne pflegerische Ausbildung ist zwingend die 

materielle Qualifikation durch einen Arzt festzustellen.

Zum Urteil:

Verurteilt wurde eine Heimleiterin wegen Anstiftung zur Körperver-

letzung, weil sie einen Mitarbeiter beauftragt hatte, subkutan Insulin 

zu spritzen. Der Mitarbeiter war als Pflegehelfer eingestellt. Er hatte 

keine pflegerische Qualifikation und war gelernter Kraftfahrzeug-

mechaniker. Eine ärztliche Anleitung oder Überwachung während der 

Verabreichung fand nicht statt. Die Angeklagte hat den Mitarbeiter in 

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15.2 · Rechtsfälle aus der Praxis

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Kapitel 15 · Vorbeugen ist besser als haften – Aus Fehlern lernen

die Technik der subkutanen Injektion eingewiesen. Das Landgericht 

Waldshut sah in den Injektionen durch den nicht (pflegerisch) qualifi-

zierten Mitarbeiter eine vorsätzliche Körperverletzung. Da die Patien-

tin nicht im Voraus über die fehlende Qualifikation des Mitarbeiters 

unterrichtet wurde, konnte sie nicht wirksam in die Injektionen ein-

willigen. Der Heimträger und die Pflegedienstleitung müssten seine 

»materielle Qualifikation«, d. h. sein Wissen und Können im Zusam-

menhang mit den ihm übertragenen Aufgaben, prüfen und die Dele-

gation mit dem behandelnden Arzt oder einem Beratungsarzt des 

Heimes abklären (LG Waldshut-Tiengen, Urteil vom 23.03.2004, AZ: 2 

Ns 13 Js 1059/99).

Diese Urteile lassen sich auf alle Leistungsbereiche der Pflege übertragen.

Praxistipp

Zur Fehlerprophylaxe gehört das Aufzeigen von Bedenken

Unter »Remonstration« (Aufzeigen von Bedenken) versteht man 

das Recht und die Pflicht, eine gefahrengeneigte Versorgung 

schriftlich und damit nachweislich aufzuzeigen. Damit kommt der 

Mitarbeiter/die Mitarbeiterin ihrer Hinweis- und Unterrichtsver-

pflichtung nach. Die Remonstration muss im Sinne des § 121 BGB 

unverzüglich erfolgen.

15.3

  Mir ist ein Fehler passiert! Und jetzt?

Gerade dann, wenn in einer Institution kein offener und konstruktiver 
Umgang mit Fehlern gepflegt wird, fällt es sehr schwer, einen Fehler 
einzugestehen. »Warten, bis Gras über die Sache gewachsen ist«, 
scheint dann oft die einzig »vernünftige« Perspektive zu sein. Anzu-
raten ist diese Sichtweise nicht, denn sie kann Schaden – sowohl für 
den Patienten als auch den Behandelnden/Pflegenden – noch ganz 
 erheblich  vergrößern.

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15

145

Persönliches Gedächtnisprotokoll über den Zwischenfall 

Einen Fehler, der einem unterlaufen ist, offen zu machen – zum Beispiel 
im Rahmen der Mitarbeiterbesprechung, ist nicht nur oberstes Gebot 
eines professionellen Berufsverständnisses und einer entsprechenden 
Berufsethik, sondern hat gleich mehrere positive Auswirkungen:

Nur wenn ein Fehler offenbart wird ist, können sofortige Gegen-
maßnahmen getroffen werden, die den Patienten vor möglichen 
Folgen schützen.
Nur aus einem Fehler, über den man offen gesprochen hat, können 
auch andere lernen.
Einen Fehler einzugestehen wirkt entlastend.
Wurde ein Fehler frühzeitig kommuniziert, wird das im Schadens-
fall entlastend berücksichtigt – auch aus juristischer Perspektive ist 
eine frühe Fehlerkommunikation und -dokumentation also sinnvoll.

Anonyme Berichterstattung

Neben dem offenen Gespräch besteht auch die Möglichkeit, anonym 
über einen Fehler zu berichten. Hier hat sich das Fehlerberichtssystem 
CIRS – Critical Incident Reporting System – bewährt. Es geht hierbei 
um die anonyme Meldung von kritischen Ereignissen und Beinahe-
Schäden im Sinne der Patientensicherheit. Nach dem Prinzip »Berich-
ten-Bearbeiten-Beheben« können erkannte Risiken bearbeitet werden 
und aus den kritischen Situationen Strategien zur Vermeidung von 
Fehlern entwickelt und umgesetzt werden.

Fazit

Vorbeugen ist besser als haften! Neben dem aktiven Engagement 

zur Vorbeugung von Fehlern gehört auch, dass jede Pflegefach-

kraft eine persönliche Berufsrechtsschutz- und Berufshaftpflicht-

versicherung, entweder durch Mitgliedschaft in einem Pflege- 

bzw. Berufsverband oder privat haben sollte.

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4

4

15.3 · Mir ist ein Fehler passiert! Und jetzt?

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146 

Kapitel 16 · Ein Blick über den Tellerrand

Ein Blick über den Teller-
rand – Fehlervermeidung 
durch Qualitätssicherung  
in den USA

Edith Kellnhauser

Fehlervermeidung ist ein Thema, dass hierzulande als zunehmend 
 brisant gilt. Doch wie machen es die anderen – Amerika zum Beispiel? 
Die Behandlungsqualität sicherzustellen, und zwar auf Basis klar de-
finierter Kriterien, hat in den USA eine lange Tradition und ist in den 
Gesundheitseinrichtungen institutionalisiert. Entsprechende kranken-
hausexterne Kontrollorgane stellen sicher, dass festgelegte Qualitäts-
standards eingehalten und kontinuierlich verbessert werden.

16.1

  Die »Joint Commission« zur Qualitätskontrolle

Das bedeutendste Qualitätskontrollorgan in den USA ist die »Joint 
Commission for the Accreditation of Health Care Organisations« –  
die Gemeinsame Kommission für die Akkreditierung von Gesund-
heitseinrichtungen, kurz »Joint Commission« genannt.

»Akkreditierung« kommt von dem lateinischen Wort »accredere« 

und bedeutet so viel wie »Glauben schenken«, »bestätigen«. 

 Entsprechend bestätigt die Joint Commission die Qualität einer 

Gesundheitseinrichtung – oder eben nicht.

Qualitätsstandards dieser Kommission wurden von einigen der in 
jüngster Zeit in Deutschland entstandenen Qualitätssicherungsagen-
turen weitgehend übernommen.

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147

Gründung der Joint Commission

Die Joint Commission wurde 1918 von einer Gruppe von Chirurgen 
gegründet mit dem Zweck, ihre qualitativ hochstehenden Leistungen 
den Patienten gegenüber belegen zu können. Heute, enorm vergrößert 
und in ihren eingesetzten Standards sehr detailliert, werden von 
 diesem Kontrollorgan im 3-jährlichen Turnus landesweit Gesundheits-
einrichtungen untersucht, um den Grad der für Patienten erbrachten 
Behandlungsqualität zu ermitteln.

Arbeitsweise der Joint Commission

Die Joint Commission wird von den einzelnen Krankenhäusern und 
anderen Gesundheitseinrichtungen eingeladen. Diese freiwillige Be-
teiligung der Einrichtungen am Kontrollprozess erklärt sich daraus, 
dass der Erwerb der Akkreditierung die Kostenübernahme durch die 
privaten und gesetzlichen Kostenträger sichert – die nachweisbare Ein-
haltung von Qualitätsstandards entspricht also einem vitalen Interesse 
der Gesundheitsanbieter! Außerdem ist sie aber auch hausintern von 
großer Bedeutung:

Eine Einrichtung vergewissert sich so ihres aktuellen Qualitäts-
niveaus,
kann durch Beseitigung eventueller Schwachstellen das festgelegte 
Niveau halten und
das nachgewiesene Qualitätsniveau als gewichtiges Mittel in der 
Werbung um Patienten und der Anwerbung von kompetenten 
Ärzten und Pflegepersonal einsetzen.

Praxistipp

Hohe Qualitätsstandards dienen nicht nur den Patienten und 

 Klienten einer Einrichtung – sie bewirken auch eine positive Iden-

tifikation der Mitarbeiter mit ihrer Arbeitsstelle und heben damit 

die Arbeitsmoral.

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4

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16.1 · Die »Joint Commission«

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148 

Kapitel 16 · Ein Blick über den Tellerrand

Ist-Zustand = Soll-Zustand? Der Akkreditierungsprozess

Der Akkreditierungsprozess wird von einer Expertengruppe durchge-
führt, die aus einem Krankenhausbetriebswirt, einem Arzt und einer 
Pflegeperson besteht. Der Prozess dauert je nach Größe der Einrich-
tung drei und mehr Tage und umfasst alle Bereiche einer Institution. 
Dazu werden, ausgehend von einem allgemein gültigen Grundstan-
dard, zahlreiche Standards für die einzelnen Fachabteilungen abgeleitet 
und ermittelt, inwieweit der Ist-Zustand mit dem Soll-Zustand, dem 
Standard, übereinstimmt.

Werden Schwachstellen festgestellt, kommt es je, nach Schwere-

grad, zu einer mündlichen oder schriftlichen Beanstandung seitens der 
Kommission. Bestehende Mängel müssen innerhalb eines bestimmten 
Zeitraums beseitigt werden. Nach schriftlichen Beanstandungen 
 müssen die Mängelkorrekturen auch wiederum schriftlich bestätigt 
werden. Wurden gravierende Missstände entdeckt, die nicht zur  
Zufriedenheit der Prüfer korrigiert wurden oder korrigiert werden 
 konnten, erfolgt bestenfalls eine Teil-Akkreditierung, schlimmstenfalls 
eine Nicht-Akkreditierung. Wird die Akkreditierung entzogen, droht 
der betroffenen Einrichtung sogar die Schließung des Betriebes, wenn 
sich die Kostenträger zurückziehen.

More power to You: Die Fortbildung

Qualität zu sichern ist ein nie endender Prozess, der nicht am Tag x ab-
geschlossen ist. Qualität muss immer wieder neu gesucht und hergestellt 
werden. Dabei ist die über 24 Stunden mit dem Patienten direkt befasste 
Abteilung des Pflegedienstes von großer Bedeutung. In der Pflegeabtei-
lung wird auf verschiedene Weise versucht, einen höchstmöglichen 
Grad an Pflegequalität für Patienten zu erbringen und zu sichern. Ein 
Weg zur pflegerischen Qualitätssicherung ist die Vermeidung von Feh-
lern. Dies kann durch unterschiedliche Maßnahmen erreicht werden.

Mehr wissen: Die Pflichtfortbildung

Das Risiko von Fehlern nimmt zu, je geringer der Wissensstand ist. 
 Diese einfache Tatsache ist eine Grundidee des Fortbildungssystems in 
der Pflege in den USA, das ganz auf regelmäßige Weiterbildung setzt – 

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16

149

und zwar nicht als »Kann«, sondern als »Muss«. Um ihre gültige beruf-
liche Lizenz, also ihre Berufserlaubnis, zu behalten, sind Pflegekräfte 
durch die Pflegekammer verpflichtet, alle zwei Jahre eine Fortbildung 
an einer von der Kammer akkreditierten Fortbildungseinrichtung oder 
sonstigen anerkannten Anbietern zu belegen. Eine solche Fortbildung 
dauert in der Regel etwa 20 Stunden. Nur auf Basis dieser Fortbildung 
wird die berufliche Lizenz auf weitere zwei Jahre erneuert. Ohne 
 gültige Lizenz kann man nicht in der Position weiterarbeiten, die man 
bis dahin innehatte, sondern muss bis zum Wiedererwerb der Lizenz 
auf die Position einer Hilfskraft zurückgestuft werden. Wer keine 
 gültige Berufslizenz vorweisen kann, hat kaum eine Chance – er oder 
sie wird von keinem Krankenhaus eingestellt.

Niemand macht absichtlich einen Fehler

Davon gehen Arbeitgeber in Gesundheitseinrichtungen aus und finan-
zieren grundsätzlich alle Fortbildungsveranstaltungen im Haus. Ledig-
lich außerhäusige Veranstaltungen müssen zu einem kleinen Teil von 
den Teilnehmern mitfinanziert werden.

16.2

  Wie fit bin ich? Die Leistungsbewertung

Eine weitere Maßnahme zur Fehlervermeidung ist die jährliche Leis-
tungsbewertung, die am Jahrestag ihrer Einstellung mit den einzelnen 
Pflegepersonen durch die direkte Vorgesetzte vorgenommen wird. 
 Übrigens: Dieses System wird nicht nur im Pflegedienst, sondern in 
 allen Abteilungen des Krankenhauses bis in höchste Positionen einge-
setzt. Die Leistungsbewertung ist auf die Aufgaben abgestimmt und 
wird auf Basis einer detaillierten Tätigkeitsbeschreibung nach mess-
baren Kriterien durchgeführt. Bei Pflegenden auf Station z. B. so:

Grundlegende Aufgaben
Klinische Fähigkeiten
Zwischenmenschliche Beziehungen
Führungsfähigkeiten
Andere Verhaltenserwartungen

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4
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4
4

16.2 · Wie fit bin ich? Die Leistungsbewertung

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150 

Kapitel 16 · Ein Blick über den Tellerrand

Das »Finetuning« der Kategorien

Jede dieser fünf Kategorien beinhaltet zahlreiche »Items« – also Aspekte:

Zur Verdeutlichung werden nachstehend aus der ersten Kategorie 

»Grundlegende Aufgaben« zwei Items vorgestellt und die Bewertung 
nach messbaren Kriterien vorgenommen. Die erreichbaren Punkte 
0 – 1 – 2 dienen zur Bestimmung des Qualitätsgrades, den die bewer-
tete Person bei den einzelnen Items erreicht. Zum Beispiel:
1.  Nimmt die Beurteilung und Pflegedatenerfassung von neu aufge-

nommenen oder verlegten Patienten innerhalb von 15 Minuten 
nach deren Ankunft auf der Station vor (ersichtlich aus der Pflege-
dokumentation). Erreichbare Punkte: 0 – 1 – 2

2.  Entnimmt und prüft täglich verfügbare Daten (Laborwerte, Opera-

tionsberichte) aus der Krankenakte und leitet angemessene Pflege-
tätigkeiten ein (ersichtlich aus der Pflegedokumentation). Erreich-
bare Punkte: 0 – 1 – 2

Auf diese Weise werden alle Items der einzelnen Kategorien durch-
gegangen und abschließend die erreichten Punktwerte addiert. Die 
 erreichte Gesamtzahl der Punktwerte wird in drei Bewertungsstufen 
eingruppiert. Je nach Eingruppierung erfolgt die damit einhergehende 
Gehaltserhöhung, die gekoppelt ist an die jeweilige Inflationsrate. Bei 
einer bestehenden Inflationsrate von beispielsweise 3% erhält die 
 unterste Bewertungsstufe »Standard nicht erfüllt« keine Gehaltser-
höhung. Die mittlere Stufe »erfüllt Standard« bekommt 3%, und die 
oberste »über Standard« kann sich über mindestens 5% freuen.

Außergewöhnliche Leistungen werden auch außergewöhnlich  

belohnt

Zu Zeiten der Regierung von Präsident Jimmy Carter (1977–1981)  

lag die Inflationsrate zeitweilig bei 14%. Das Ergebnis der Leistungs-

bewertung einer Pflegehelferin war in einem dieser Jahre »über 

 Standard.« Folglich bekam sie eine Gehaltserhöhung von 19%.  

Hervorragend gute Leistungen wurden ohne Ansehen der Position 

6

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16

151

vor dem Hintergrund der persönlichen Wertschätzung und der 

Leistungsanerkennung auch außergewöhnlich entlohnt – als im 

wahrsten Sinne des Wortes barer Ausdruck von Wertschätzung und 

Anerkennung.

Diese aufwändige Maßnahme der jährlichen Leistungsbewertung  
dient zuvorderst der formalen Anerkennung der guten Leistungen  
der einzelnen sowie ihrer persönlichen Wertschätzung als betrieb-
liche  Mitarbeiter. Sie motiviert gleichzeitig aber auch zu weiterhin 
 qualitativ hochstehender Arbeit und trägt damit zur Fehlervermei-
dung bei.

»You said it all«

Aus Versehen verabreichte ich einmal einem Patienten die falschen 

Medikamente. Natürlich wendete ich mich sofort, nachdem ich  

meinen Fehler bemerkt hatte, an den behandelnden Arzt. Erklärte 

ihm, was passiert war, und dass ich den Patienten auf mögliche 

 negative Auswirkungen intensiv beobachten würde. Ganz offensicht-

lich war mir das alles äußerst peinlich! Selbstverständlich würde ich 

künftig alles daran setzen, derartiges zu vermeiden, indem ich den  

Namen des Patienten mit dem Namen am Medikamentenschälchen 

vergliche. Als der Arzt sich alles angehört und erkannt hatte, wie  

unangenehm mir mein Fehler war, schloss er nur freundlich: »You said 

it all – Es ist schon alles gesagt.« Keine Vorwürfe, keine Schuldzuwei-

sungen. Für ihn war nur eines wichtig: dass ich aus meinem Fehler  

gelernt hatte!

16.3

  Fehlern vorbeugen: Das Risikomanagement

Eine dritte Maßnahme zur Fehlervermeidung bzw. Fehlerkorrektur ist 
das so genannte Risikomanagement. Gemeint ist damit ein Prozess, in 
dem »entschieden wird, ein bekanntes Risiko oder eine Gefahr zu ak-
zeptieren, zu reduzieren oder abzubauen« [18].

Das Risikomanagement ist ein betriebsweites Qualitätssicherungs-

system, das neben dem Personenschutz auch andere Bereiche wie z. B. 

16.3 · Fehlern vorbeugen

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152 

Kapitel 16 · Ein Blick über den Tellerrand

bauliche Gegebenheiten oder technische Anlagen miteinbezieht. In 
 allen Abteilungen besteht ein Meldesystem, das so genannte »unge-
wöhnliche Vorkommnisse« an die dafür zuständige innerbetriebliche 
Qualitätssicherungsstelle berichtet. Wie in den anderen Abteilungen 
gibt es auch im Pflegebereich Vordrucke, auf denen das ungewöhnliche 
Vorkommnis erfasst wird.

Beispiel für Risikomanagement

Eine Pflegekraft verletzt sich an einer gebrauchten Kanüle.

Anzugeben sind: Datum und Anschrift der betroffenen Person. 

Berichtet wird in den Kategorien: Patient, Medikament, Besucher, 

Mitarbeiter, Wertsachen.

Schritt 1

Nach Ankreuzen der zutreffenden Kategorie wird der Hergang 

des ungewöhnlichen Vorkommnisses objektiv und ohne Wer-

tung von der verantwortlichen Pflegeperson beschrieben. 

Schritt 2

Im Anschluss daran sind Verbesserungsvorschläge zur Vermei-

dung des erfolgten Vorkommnisses einzutragen.

Schritt 3

Der Vordruck wird von der berichtenden Person unterschrieben 

und der Abteilungsleitung zur Weiterleitung an die Qualitäts-

sicherungsstelle übergeben.

Dort werden die eingegangenen Berichte monatlich gesichtet, aus-

gewertet und kategorisiert. Je nach Häufigkeit wird über die Durch-

führung entsprechender Korrekturmaßnahmen entschieden.

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16

153

Fazit

Fehler sind zum Lernen da – nicht um Schuld zuzuweisen.

Die beschriebenen Maßnahmen sind lediglich 3 Beispiele aus dem 

reichhaltigen Katalog zur Fehlerberichtigung und Fehlervermei-

dung im Rahmen des Qualitätsmanagements in den USA.

Ihr eigentlicher Sinn ist die Qualitätssicherung im Pflegebereich.

Eine ihrer grundlegenden Bedeutungen: Pflegende nicht durch 

Schuldzuweisungen zu verunsichern und zu entmutigen, sondern 

in einem gemeinsamen Vorgehen mit den jeweiligen Vorgesetzten 

Fehler zu beheben und zu lernen, sie zukünftig zu vermeiden.

4
4

4
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16.3 · Fehlern vorbeugen

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154 

Literatur

Literatur

[1]  Abt-Zegelin A (2004). Bettlägerigkeit. Alltagsbegriff und unbekanntes Terrain. 

In: Schnell M (Hrsg) Leib, Körper, Maschine. Selbstbestimmtes Leben

[2]  Abt-Zegelin A (2005). Festgenagelt sein – der Prozess des Bettlägerigwerdens. 

 Huber

[3]  Abt-Zegelin A (2007) Bettlägerigkeit so lange wie möglich vermeiden. In: 

 

v.d.Berg G (Hrsg) Angewandte Physiologie, Bd. 6. Thieme, Stuttgart

[4]  Abt-Zegelin A (2008). Pflege, Lehrbuch, 4. Auf. Thieme, Stuttgart
[5]  Abt-Zegelin A (2009): Sprache und Pflege. In: Ingensiep HW, Rehbock T (Hrsg) 

Die rechten Worte finden. Sprache und Sinn in Grenzsituationen des Lebens. 
Königshausen & Neumann, 247-258

[6]  Aktionsbündnis Patientensicherheit e.V. Hrsg.(2007): Empfehlungen zur Einfüh-

rung von Critical Incident Systemen (CIRS), Praxistipps für Krankenhäuser

[7]  Aktionsbündnis Patientensicherheit (2008) Faltblatt »Prävention von Eingriffs-

verwechslungen«

[8]  Bomba DT, Prakash R. (2005): A description of handover process in an Australian 

 public hospital. Australian health Review

[9]  Bundesgesetzblatt (2003) Ausbildungs- und Prüfungsverordnung für die Berufe 

in der Krankenpflege (KrPfAPrV) vom 10.11.2003, Teil I Nr. 55, Bonn, 19.11.2003

[10]  Bundesgesetzblatt (2006) Verordnung über die Berufsausbildung zum Medi-

zinischen Fachangestellt/-en zur Medizinischen Fachangestellten vom 26. April 
2006, Teil I, Nr. 22, Bonn, 05.05.2006: 1097–1099

[11]  Catchpole et al. (2007) Patient handover from surgery to intensive care. Pediat-

ric Anesthesia 17: 470-478

[12] Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) (2009) Zahlen – Daten – Fakten 

»Pflege«. Hintergrundinformationen als Argumentationshilfe zur Bundestagswahl

[13]  Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) (2010) Balance halten im 

Pflegealltag. Berlin

[14]  DIP – Deutsches Institut für angewandte Pflegeforschung (2009) Pflege-Thermo-

meter 2009, www.dip.de

[15]  Freud S(1999) Die Zukunft einer Illusion, GW 14, Frankfurt 1927
[16]  Gstöttner J (2005) Der Schutz von Patientenrechten durch verfahrensmäßige 

und institutionelle Vorkehrungen sowie den Erlass einer Charta für Patienten-
rechte. Lang, Frankfurt am Main; 51, 112f

[17]  Habermann M (2009) Zentrum für Pflegeforschung und Beratung (ZePB): Pflege-

fehler, Fehlerkultur und Fehlermanagement in stationären Versorgungseinrich-
tungen

[18]  Healy S (1088) Health Care Quality Assurance Termininology. Intern J of Health 

Care Quality Assurance; No. 1

[19]  Höfert R (2009) Von Fall zu Fall – Pflege im Recht. Springer, Heidelberg
[20]  IQWiG (2006) IQWiG-Bericht Nr. 11 »Zusammenhang zwischen Pflegekapazität 

und Ergebnisqualität in der stationären Versorgung – Eine systematische Über-
sicht

[21]  Lauterbach A, Fall 1, Tag 3, FDSD, 2-8; Unterlagen beim Autor
[22]  Lauterberg J, Kolpatzik K (2008) Das Schweigen brechen. Gesundheit und Ge-

sellschaft, Ausgabe 4/08: 22

[23]  Orlander JD, Barber TW, Fincke BG (2002): The morbiditiy and mortality con-

ference: the delicate nature of learning from error. Acad Med. 2002; 77:1001-6

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Literatur

155

[24] Patientensicherheitschweiz (2009) Schriftenreihe Nr. 1 der patientensicher-

heitschweiz: Wenn etwas schief geht – Kommunizieren und Handeln nach einem 
Zwischenfall, Zürich

[25] Pfaff H et al. (2009) Sicherheitskultur: Definiton, Modelle und Gestaltung. 

 

Z. Evid. Qual. Gesundh. Wesen (ZEFQ) 103: 493-497

[26]  Pöppel K (2008) Wertwandel beim sozialen Dienstleister Krankenhaus – eine 

Analyse zum Patientenbild, Diss. Lang, Frankfurt am Main

[27]  Rall M, Martin J, Geldner G, Schleppers A, Gabriel H, Dieckmann P., Krier C., Volk T., 

Schreiner-Hecheltjen J., Möllemann A (2006): Charakteristika effektiver Incident-
Reporting-Systeme zur Erhöhung der Patientensicherheit, Grundlage für den 
Aufbau eines bundesweiten Registers für sicherheitsrelevante Ereignisse durch 
DGAI / BDA. Anästh Intensivmed 2006; 47:9-19

[28]  Redicker L (2010)  Stellenabbau gefährdet Patientenversorgung. In: Der Westen 

– Das Portal der WAZ Mediengruppe vom 19.05.2010

[29]  Rose N Germann D (2006): Resultate eine krankenhausweiten Critical Incident 

Reporting System (CIRS), Das St. Gallener CIRS-Konzept. Gesundh ökon Qual 
manage 2005: 10:83-89

[30]  Spitz R (1974) Vom Säugling zum Kleinkind, Stuttgart 1965 (deutsch 1974)
[31]  Sprenger RK (2007) Das Prinzip der Selbstverantwortung: Wege zur Motivation, 

Frankfurt

[32]  Sprenger RK et al. (2010) Mythos Motivation: Wege aus der Sackgasse Frankfurt
[33]  Thomeczek C et al (2004): Das Glossar Patientensicherheit – Ein Beitrag zur 

Definitionsbestimmung und zum Verständnis der Thematik »Patientensicher-
heit« und »Fehler in der Medizin«. Gesundheitswesen 66 (12): 833-840

[34] www.aktionsbuendnis-patientensicherheit.de/?q=veröffentlichungen-und-

downloads

[35]  www.charite.de/charite/.../zahl_der_druckgeschwuere_in_heimen_und_klini-

ken_sinkt/ (Zugriff Juli 2010)

[36]  www.dip.de: Pflegethermometer 2009
[37] www.gesetze-im-internet.de/bundesrecht/altpflaprv/gesamt.pdf
[38] www.jeder-fehler-zaehlt.de
[39]  www.kda.de: Projekt »Aus kritischen Ereignissen lernen«, www.kritische-ereig-

nisse.de

[40]  www.schrappe.com: Aktionsbündnis Patientensicherheit (2010), Vortrag auf 

dem 10. Kurs der chirurgischen Arbeitsgemeinschaft für Qualität und Sicherheit 
((AQS) der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, Köln, 23.06.2010) 

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Stichwortverzeichnis

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158 

Stichwortverzeichnis

A

Aktionsbündnis für Patientensicherheit  

2ff, 67

aktive Sterbehilfe  97

Altenpflege  117

Alterspyramide  14

Angst  36, 38

Anonymisierung der Teams  91

AOK-Bundesverband  2

Apotheker  27

Äquatortaufe  94

Arbeitsbelastung  19, 23, 27

Arbeitszeit  30

Gesetz  30

Ärzte  27

Assistenzberuf  55

Asymmetrie  47ff, 111

Aufklärungsgespräch  67, 70

Ausbildungssituation  20, 76

Autonomie  50, 51

Gewinn  105

B

B.-Braun-Stiftung  17

Balint-Gruppe  96

baua 

7

 Bundesanstalt für Arbeitsschutz 

und Arbeitsmedizin  31

Bauarbeiter  31

Behandlungsfehler  2, 140ff

Berichtssysteme  119ff

Berufserlaubnis  149

Berufsethik  48, 145

Betthüten  8, 12

Bettlägerigkeit  6ff

Bewegung

Konzept  61

Mangel  60

Plan  61

Beweisführung  139

Beweislast  139

Beweislastumkehr  139

Biografiearbeit  13

BMG

 

7

 Bundesministerium für 

 Gesundheit

BQS  117

Bundesaltenpflegegesetz  138

Bundesanstalt für Arbeitsschutz und 

Arbeitsmedizin 

7

 baua

Bundesministerium für Gesundheit  2

Burnout

Folgen  95

C

CIRS  119, 130ff

Meldekreis  130

Moderatoren  130

critical incident reporting system  

7

 CIRS

D

Datenschutz  113

DBfK  27ff

Umfrage  27

Dekubitus  7, 31, 40, 59ff, 136

Prophylaxe  59ff

Deliktische Haftung  141

Depression  7

Desensibilisierung  95

Deutscher Berufsverband für Pflege-

berufe 

7

 DBfK

Deutsches Institut für angewandte 

 Pflegeforschung 

7

 dip

dip 

7

 Deutsches Institut für angewandte 

Pflegewissenschaft  28

Dialog  53

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Stichwortverzeichnis

159

Dokumentation  84ff

Mangel  136, 138

Druckentlastung  60

Durchblutung  62

Durchführungsverantwortung  29,  

138

E

Eigenaktivitäten  13

Eingriffsort  67ff

Eingriffsverwechslung  66ff

Eis und Fön  62

Entlassungsmanagement  139

Ereignis  9

Erholungspause  30

Ernährungsmanagement  139

Erwerbsminderung  19

Ethik  47ff

ethische Reflexion  48

Grundsätze  49

Ethikkomitee  89, 92f

F

Fahrlässigkeit  140, 142

Fallbesprechung  32, 96

Fallzahl  18

Fehler des Monats  122, 129

Fehlerkommunikation  78ff

Fehlverhalten  89ff

sprachliches  91

Fersenschoner  60

Feuerwehrleute  27

Fixierung  138, 140, 142

Fönen  62

Fortbildung  22, 139, 148

Fragebogen  36

Frühberentung  19

Fundamentalismus  96

Fürsorge  54

G

Gedächtnisprotokoll  80, 145

Gefühlsarbeit  101

Geldstrafe  141

gemischtes Berichtssystem  121

Gerechtigkeit  52

geschlossenes Berichtssystem  119

Gesundheitssystem

ökonomischer Druck  117

GKV-Modernisierungsgesetz  

7

 GMG  139

GMG 

7

 GKV-Modernisierungs- 

gesetz

Grundgesetz  50, 112, 138

H

Haftungsanspruch  139

Hebetechnik, falsche  31

Heimaufsicht  117

Heimvertrag  138

Hilflosigkeit, eigene  32

Hilfsbereitschaft

falsch verstandene  13

Hilfsmittel  29, 31

Hygienevorschrift  29

I

Identifikation  67, 69

Identität

Patient  69

instabile Phase  8

A–I

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160 

Stichwortverzeichnis

Institut für Qualität und Patienten-

sicherheit 

7

 BQS

Institut für Qualität und Wirtschaf-

tlichkeit im Gesundheitswesen  

7

 IQWiG

IQWiG  63

J

Joint Commission  146ff

K

KEK  89

Kinästhetik  13, 61

Klinische Ethikkomitees 

7

 KEK

Kommunikation  27, 92, 97, 112

Kontinenzförderung  139

Kontraktur  7

körperliche Belastung  31

Körperverletzung  141, 143

Krankenhausaufnahmevertrag  138

Krankenhauserreger  82

Krankenhauskeim  2

Krankenpflegegesetz  138

Krankenversicherungsgesetz  139

L

Lagerung  60

Plan  61

Systeme  60

Leistungsbewertung  149, 150

Leitungsverantwortung  42

M

M&M-Konferenzen  129

Macht  48, 106

Machtausübung  89

Markierung  68, 70ff

MDK  117

Medizinische Dienst der Kranken-

versicherung 

7

 MDK

Mitleid  96

Mobilität  12, 60

Moral  49, 92

Morbiditätskonferenz  89, 127, 131

Mortalitätskonferenz  89, 127, 131

mündiger Patient  51

Muskel- und Skeletterkrankung  31

N

Nachtdienst  30

Namensschild  113

Nebenwirkung  2

Nosokomiale Todesfälle  82

O

offenes Berichtssystem  120

Ohnmachtsgefühl  106

Ortsfixierung  7, 10

P

Paternalismus  110

Patientenbild  110

Patientensicherheit  21, 119, 121

Patientenwille  111

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Stichwortverzeichnis

161

Pause  30

Personalabbau  17, 19

Pflegebeziehung  101ff

Pflegekammer  149

Pflegeleitbild  105

Pflegestandard  29, 33, 35

Pflege-Thermometer 2009  17, 19ff

Pflegeversicherungsgesetz  139

Pflegevertrag  136, 138

Pflichtfortbildung  148

Pneumonie  7

Positionsveränderung  60

Privatsphäre  51, 79, 83

Psychische Belastung  32

Psychoanalyse  101

Q

Qualitätsmanagement  22, 117, 124, 

129, 153

R

Regressanspruch  139

Risikomanagement  117, 118, 127, 151

Risikomanagement Weblog  129

Ritual  59, 82, 93

Rückenschmerz  31

Ruhepause  30

S

Saal-Check  68, 72

Schadenersatz  136, 142

Scherkräfte  31, 61

Schmerzensgeld  141, 142

Schmerzmanagement  139

Selbstbestimmtheit  50, 104

Selbstherrlichkeit  96

Selbstpflegefähigkeit  105

Selbststeuerung  104, 105

Selbstverwirklichung  51

SGB V  139

SGB XI  139

Sicherheitskultur  117, 118, 127, 131

Sicherheitsmanagement  127

Sitzringe  62

Spezialmatratzen  61

Sprache  12, 37, 91

Stammzellenentnahme  50

Stationsleitung  32, 92

Stellenabbau  17, 19, 20, 28

Sterbehilfe  50, 97

Sterben  45, 92, 93, 97, 102

aktive Hilfe  97

Begleitung  93

Stiftung für Patientensicherheit  79

Strafgesetzbuch  143

Stress  36, 38, 91

Sturzprophylaxe  139

Supervision  32, 37

T

Team-Time-Out  68, 73

Teilfixierung  143

Thrombose  7

Todesfall  2, 82

Transfer  13

U

Übergabe  39, 82ff, 96

Beendigungsphase  83

Eröffnungsphase  83

Fehler  82

Kernphase  83

I–U

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162 

Stichwortverzeichnis

Überstunden  19, 20, 30

Unterlassung  3, 5, 6, 9

Unwissenheit  5ff, 12

USA  146

V

Verantwortung  16, 24, 29, 33, 42, 55, 

74, 85, 128, 138

verbaler Übergriff  91

Vernunftfähigkeit  50

Versagen im Job  41

Verweildauer  18

Vollzeitstellen  28

W

Wechselwirkung  2

Weiterbildung  22, 139, 148

Werte  32, 49, 104, 111, 112

Wundmanager  22

Würde  11, 49, 50, 51, 54, 55, 78, 95, 111

Verletzung  95

Z

Zeitdruck  29, 33, 66

Zeitgefühl  7

Zeitmangel  10, 11

Zentrum für Pflegeforschung  

und Beratung 

7

 ZePB

ZePB  36, 118

Zwischenfälle

schwerwiegende  80


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