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Frank Callahan 

Zwei Kugeln für Cochise 

Apache Cochise 

Band Nr. 19 

Version 1.0 

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Prolog 

Man nannte die Apachen Barbaren, Wilde und Massenmörder. 
Waren sie das? Über alles, was in dieser Welt geschieht oder 
früher einmal geschah, kann man so oder so urteilen.
 

Um objektiv zu sein, kann an dieser Stelle nur von 

Unbefangenen ein Widerruf dieser Meinung über die Apachen 
erfolgen. Unser Nachruf, sozusagen eine verspätete 
Ehrenrettung dieses großen, stolzen und kämpferisch 
veranlagten Volkes, das von der Steinzeit »über Nacht« in eine 
erbarmungslose Zivilisation versetzt wurde, die sie nicht 
begriff, wie auch die Umstände, die zum Untergang der roten 
Rasse führten.
 

Man kann sagen, die damaligen Weißen und Mexikaner 

waren alles andere als weitblickend, eher nur von einer 
hyperhumanen Art, die dem Prankenschlag eines Panthers 
glich. Bei den meisten Weißen war die Ausrottung der Indianer 
eine beschlossene Sache, honoriert durch Prämien für einen 
Apachen-Skalp.
 

Dachten und handelten die weißen Einwanderer mit ihrer 

mitgebrachten zweitausendjährigen Kultur alle richtig, Kultur 
und Zivilisation, gemessen an der der Apachen? Oder 
bewegten sie sich in der klischeehaften Vorstellung des 
Militärs vom »toten Indianer, der ein guter ist«?
 

Mitnichten. Zum Teil gab es vorausschauende und 

mitfühlende Männer in der Army, die aber wegen ihrer 
»Humanitätsduselei« nicht zu Wort gelangten, aber den 
Untergang der roten Rasse voraussagten und mit den 
Indianern fühlten.
 

Nicht alle waren sie ein Colonel Chivington, ein abenteuer- 

und beförderungssüchtiger George Armstrong Custer. Fest 
steht aber, daß der Massenmord an der indianischen Rasse von 

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vielen Amerikanern heutzutage bagatellisiert und, wenn die 
Sprache darauf kommt, mit einer lässigen Handbewegung 
abgetan wird.
 

Auch die in wissenschaftlichen Disziplinen denkenden 

Amerikaner können einen Rückblick auf die Zeit nach 1850 nur 
schwer vertragen. Man sieht die in den Wüsten und Gebirgen 
vegetierenden Stämme Arizonas nicht, und das beruhigt den 
Durchschnittsamerikaner ungemein, weil er das ökologische 
Harakiri, das man mit dem Land und seiner Urbevölkerung 
trieb, nicht mit ansehen muß.
 

Zugegeben, die Stämme der Indianer, besonders die 

Apachen, betrieben zu keiner Zeit Vorratswirtschaft, 
ausgenommen die seßhaften und Ackerbau treibenden Pueblos 
im Westen von Neumexiko und in den nordöstlichen Bereichen 
Arizonas.
 

Lag hier der Untergang der roten Rasse begründet? 
Sicherlich nicht, denn kein nomadisierendes Volk in Europa, 

Asien oder Afrika konnte sich mit Vorratshaltung befreunden. 
Gingen sie unter? Nein, sie gingen auf in den Völkern, deren 
Gebiete sie okkupierten. Auch andere negative Aspekte – in den 
Augen der Weißen – kann den Apachen nicht abgesprochen 
werden. Sie waren nun einmal Naturkinder, einfache Nomaden 
in einem riesigen Kontinent, der ihnen alles bot, was sie zum 
Leben brauchten. Zu allen Zeiten war daher für die Apachen 
die Welt noch in Ordnung. Erst als der weiße Mann mit seinen 
überlegenen Waffen, mit Schnaps und seiner verfeinerten 
Kultur und seinen ansteckenden Krankheiten kam, legte sich 
das große graue Leichentuch über die Stämme und 
Sippenverbände.
 

Ganz bestimmt wäre vor 100 und mehr Jahren 

möglicherweise vieles ganz anders gekommen, wenn unter den 
Militärs und in der Regierung in Washington nur ein einziger 
Mann mit entsprechendem Weitblick und ohne Ressentiments 
gegen die rote Rasse gewesen wäre.
 

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5

Es hat nicht an klardenkenden und verantwortungsbewußten 

Leuten gemangelt, aber sie hatten nicht die Stimmengewalt im 
Kongreß, die dazu notwendig gewesen wäre, den Indianern zu 
ihrem Recht zu verhelfen.
 

Es ist nicht Aufgabe dieser Einleitung, anzuklagen und zu 

richten, denn niemand von uns kann sagen, daß er es 
womöglich hätte besser machen können. Sie alle in der 
damaligen Zeit – Rote wie Weiße – waren Kinder einer harten 
und erbarmungslosen Epoche, und sie waren Bewohner einer 
rauhen Umwelt.
 

Die Serie APACHE COCHISE mit ihrem wahrhaft großen 

Häuptling Cochise als Held ist die im Wesen und Charakter 
authentische Aufzeichnung amerikanischer Geschichte, die in 
Romanform für den deutschen Sprachraum noch nicht oder nur 
in Kurzform gebracht wurde.
 

Die guten und schlechten Weißen, die anständigen Apachen 

und die grausamen, tauchen namentlich in der Story auf und 
geben der Geschichte einen dramatischen, wenn auch 
makabren Hintergrund.
 

Ihr Martin Kelter Verlag. 

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6

*** 

Die Haut des nackten Oberkörpers schimmerte kupferfarben im 
Sonnenlicht. Reglos stand der Mann vor den Corralstangen und 
beobachtete seine Pferde. 

Die Tiere warfen die Köpfe hoch, witterten, sogen die Luft 

ein und kreisten unruhig auf der Weide. Konatas Gesicht 
wirkte ausdruckslos. Seine schwarzen Augen schienen in 
unergründliche Fernen zu blicken. Der Farmer sah etwas, das 
nur er erkennen und deuten konnte. Denn er war ein Apache. 
Vor zehn Jahren hatte Konata den Entschluß gefaßt, nicht 
wieder auf den Kriegspfad zu ziehen. Niemand, nicht einmal er 
selbst, konnte sich das erklären. 

Obwohl der Mann schon zehn Sommer nicht mehr auf 

Skalpjagd ging, besaß er immer noch die unerklärlichen 
Fähigkeiten der Wüstenkrieger. 

Konata witterte das Unheil, spürte, daß er nicht mehr viel 

Zeit hatte. Abrupt wandte sich der Mann um und ging zum 
Haus. Die Tür öffnete sich. Gawa-chora blickte ihren Mann an 
und verbarg ihre Besorgnis nicht. 

»Was hörst du? Was siehst du?« fragte sie leise. 
»Du reitest sofort«, erwiderte Konata. »Es dauert nur noch 

kurze Zeit, bis unsere Feinde angreifen. Ich hole dir die besten 
Pferde. Nimm alles Geld mit. Reite zum Lager unseres 
Stammes. Dort bist du in Sicherheit.« 

Gawa-chora befiel auf einmal ein Gefühl, das sie nicht 

deuten konnte. Sie drehte sich um, ging zurück und legte die 
Waffen zurecht. Konata würde kämpfen, bis er tot war. 

Es dauerte nicht lange, bis die Squaw bereit war. Ihren Sohn 

trug sie in einer Schlinge aus Tuch vor der Brust. Das Geld 
steckte in einem Lederbeutel, der mit einer rohledernen Schnur 
am Rock befestigt war. 

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Konata kam mit vier Pferden vor das Haus. Gawa-chora saß 

geschickt auf und griff nach den Zügeln aus geflochtener 
Pflanzenfaser. 

»Sing mir das Totenlied, wenn Bu heute abend fliegt«, sagte 

Konata mit ruhiger Stimme. 

Gawa-chora spürte einen krampfartigen Schmerz in ihrer 

Brust. Sie liebte ihren Mann. Und sie wußte, daß auch er sie 
liebte. 

»Reite jetzt«, sagte der Farmer, »der Stamm wird dich 

schützen. Erzähle ihnen, daß ich kämpfend gestorben bin.« 

Gawa-chora preßte dem Pferd die Hacken in die Seiten. 

Willig ging das Tier los. Die drei anderen Pferde folgten der 
Stute. 

Die Squaw wollte bleiben, mit ihrem Mann gemeinsam 

kämpfen und sterben. Allein das Kind ließ sie gehorchen. Denn 
der Junge war noch keine zwei Sommer alt. Blieb Gowa-chora, 
starben zwei Männer. Konata, der Krieger, und sein Sohn, der 
in 15 Sommern ebenfalls ein Krieger der Aravaipas werden 
sollte. Und jeder Mann war wichtig für die Apachen. 

Konata sah sich nicht um. Er beobachtete die Berge. Noch 

ahnte er nichts von der Anwesenheit der Feinde. Der Farmer 
ging ins Haus. Ausdruckslos starrte er die Waffen an, die auf 
dem Tisch bereitlagen. 

Zwei moderne Winchestergewehre und zwei Revolver für 

Metallpatronen. Diese Waffen stammten nicht aus einem 
Raubzug, waren keine Beute. Konata hatte sie gekauft. Gekauft 
von dem Erlös eines Pferdehandels mit dem Zahlmeister von 
Fort Thomas. Der Mann kaufte gern von den Apachen, von den 
friedlichen Aravaipas, Pferde. Die Tiere waren sanft gezähmt 
und gehorchten jedem Zügeldruck. 

Vorbei, alles vorbei, dachte der Apache. Es gelingt uns nicht, 

so wie die Weißen zu werden. Wir haben zu viele Feinde und 
zu wenig Macht. 

Konata setzte sich mit dem Gesicht nach Osten und sang sein 

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Totenlied. Er wußte, daß er sterben würde. Kampflos ließ sich 
ein Krieger der Aravaipas nicht töten. 

Der Apache saß reglos. Mehr als zwei Stunden waren 

vergangen, als auf einmal Leben in den Mann kam. Mit den 
unerklärlichen Sinnen, mit dem Instinkt des Kriegers, hatte er 
gespürt, daß es soweit war. 

Lautlos stand Konata auf, nahm die Waffen und verließ sein 

Haus. Er warf keinen Blick zurück, als er im Wolfstrab auf den 
Hügelrücken zulief. Die sanfte Steigung diente dem Mann als 
Weg. Sein Tal war nicht breit und etwa zwei Meilen lang. Der 
Bach trocknete selbst in den heißesten Sommern nicht aus. Er 
quoll aus einer Felsspalte, die zu eng war, um die Zisterne 
irgendwo unter dem Felsmassiv zu erreichen. Nachdem das 
Wasser die zwei Meilen des Tales durchquert hatte, versickerte 
es in der Dornbuschwüste. 

Konata erreichte den Rand des Tales und schwang sich auf 

eine Felskanzel, die ihm ausreichend Deckung bot. Wie oft 
hatte der Mann hier gesessen und das weite Land beobachtet. 
Jetzt aber dachte er an Gawa-chora und seinen Sohn, der noch 
lange Jahre den Kindernamen tragen würde, bis er ein Krieger 
war. Konata fragte sich, ob auch sein Sohn die Prüfungen der 
Krieger durchmachen würde. Ob er sechs Meilen laufen mußte, 
den Mund mit Wasser gefüllt, und keinen Tropfen 
verschlucken durfte? 

Ein erwachsener Apache mußte zu Fuß in einer Nacht 

hundert Meilen zurücklegen können. Und bis auf die alten 
Krieger der Stämme schafften die Männer alle diese Leistung. 

Konata schüttelte alle Gedanken ab. Auf der anderen Seite 

des Tales lenkte ein Reiter sein Pferd zwischen einigen 
halbhohen Kiefern heraus. Minutenlang beobachtete er den 
Canyongrund. 

Der Mann war ein Indianer. Konata erkannte in ihm einen 

Wichita, einen der alten Feinde. 

Konata riß die Winchester an die Schulter und feuerte. Der 

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Wichita warf die Arme hoch und rutschte schlaff vom 
Pferderücken zu Boden. 

Hufe dröhnten plötzlich auf. In jagendem Galopp hetzten 

zwei Reitergruppen von beiden Seiten in das Tal. Die Kämpfer 
lenkten die Tiere im Zickzack. Deutlich erkannte Konata die 
Flammen vor den Sätteln einiger Reiter. Er zögerte nicht, 
sondern jagte methodisch Kugel um Kugel aus der Winchester. 
Die Geschosse trafen Männer und Pferde. Trotz des Bleihagels 
gaben die Angreifer nicht auf. Sie wollten Beute machen. 

Vier, fünf, sechs lodernde Feuerpfeile durchschnitten die 

Luft, schlugen in die Wände des Hauses und in den Stall ein. 
Innerhalb von Sekunden flammten die ausgetrockneten Bretter 
auf. Nach weniger als zwei Minuten lohten die Flammen schon 
eine Mannslänge über dem Giebel. 

Das Rauschen und Knistern des Feuers war für Konata die 

Aufforderung, sein tödliches Werk fortzusetzen. Noch hatte er 
Zeit, das Gewehr wieder aufzuladen. Er preßte Patrone um 
Patrone in die Metallöffnung des Schloßkastens. 

»Zastee!« gellte Konatas Stimme, als er die Waffe leerschoß. 
Die Wichitas unten rissen ihre Pferde herum. Keinem der 

Angreifer war verborgen geblieben, daß der Kugelhagel von 
oben kam. Die Reiter zwangen die Tiere an den brennenden 
Gebäuden vorbei und verhielten die Pferde hinter der 
Feuerdeckung. 

Sieben, acht Angreifer lagen flach auf den Rücken ihrer 

Tiere. In rasendem Galopp jagten die Pferde auf die Talwand 
zu. Pfeile schwirrten hoch, Gewehre krachten, und unter der 
Deckung dieses Angriffs arbeiteten sich die Wichitas den Hang 
hinauf. 

Konata schoß dreimal, traf ein Pferd und einen Krieger. Die 

anderen schafften es. Fünf Revolver wummerten. Die Kugeln 
klatschten gegen die Brustwehr, Konata hatte keine Chance. 

Er kroch nach hinten, legte die leergeschossene Winchester 

so hin, daß die Mündung auf den ersten Angreifer wies, der die 

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Brüstung übersprang, und schob sich hinter einen 
Geröllhaufen. 

Jetzt! Drei Männer schnellten sich über die Brustwehr und 

feuerten aus ihren Colts wild um sich. 

Konatas zweite Winchester hämmerte wie eine Maschine. 

Die drei waren sofort tot. Die beiden letzten Angreifer kannten 
den Standort ihres Gegners und griffen von zwei Seiten an. Der 
Apache jagte die letzten beiden Kugeln aus dem Gewehr, ließ 
es fallen und feuerte mit den Revolvern weiter. 

Und dann spürte er einen harten, einen erbarmungslosen 

Schlag zwischen den Schulterblättern. Das Donnern des 
Gewehrs hörte er nur noch gedämpft. Er kämpfte ein paar 
Momente lang um seine Besinnung. Schwankend kam er auf 
die Beine. Nur trübe Schleier erkannte er vor seinen Augen, als 
er nach den Gegnern suchte. 

Ohne ein Ziel zu erkennen, schoß Konata den Revolver leer. 
Abermals grollte das schwere Gewehr. Konata brach in dem 

Moment zusammen, als die Kugel dicht neben seinem Kopf in 
den Felsen schlug. 

Die beiden überlebenden Wichitas starrten auf den Toten. 

Sein Gesicht wirkte wie eine Drohung, eine wutverzerrte 
Maske. 

»Er hat zu viele von uns getötet«, sagte einer der Krieger. 

»Wir bringen Beute in unsere Hütten, große Beute. Doch das 
Wehklagen der Squaws wird länger dauern, als die Beute 
reicht.« 

Als die beiden Wichitas die Toten in eine Felsspalte 

geschleppt hatten, trieben ihre Gefährten im Tal bereits die 
Pferde, Schafe und Rinder zusammen. 

Eine Stunde danach erinnerten nur die Spuren und die 

schwach rauchenden Überreste der Farm an den Überfall. 

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Im Lager der Aravaipas trafen ständig Späher ein. Alle 
Krieger, auch die zwölf Chiricahuas, wechselten sich ab. Sie 
beobachteten die Goldsucher, die nach Süden zogen. 

Cochise wollte sicher sein, daß die Weißen ihr Wort hielten. 

Er würde sofort eingreifen, wenn die Digger die Richtung 
änderten oder unterwegs Halt machten, um nach dem gelben 
Metall zu suchen. 

Eskaminzin saß am großen Feuer vor seinem Jacale. Der 

Häuptling der Aravaipas musterte unbewegten Gesichtes seine 
Gäste. 

Cochise ließ sich die Genugtuung über seinen Erfolg nicht 

anmerken. Victorio hingegen konnte seinen Zorn nicht 
beherrschen. Der Führer der Mimbrenjos gehörte zu jenen 
Apachen, die jeden Weißen töten wollten. Er haßte die 
Eindringlinge und verfocht die Ansicht, nur erbarmungsloser 
Kampf könne dem weiteren Vordringen der Bleichgesichter 
Einhalt gebieten. 

Um so verbissener war er nun, da Cochise durch seinen 

persönlichen Mut die Goldsucher aus dem Gebiet der 
Aravaipas vertrieben hatte. 

»Häuptling«, sagte Eskaminzin achtungsvoll, »mein Volk 

dankt dir. Die Bleichgesichter ziehen davon. Von nun an wird 
Frieden zwischen den Bergen sein. Kein weißer Mann wird 
mehr kommen und den Boden nach dem gelben Eisen 
umgraben, das die Herzen der Weißen so verwirrt. Der Friede 
blieb erhalten, und das verdanken wir dir.« 

Victorio lachte böse, als Eskaminzin schwieg, und sagte: 

»Sie kommen wieder, Häuptling. Es nutzt dir nichts, daß du 
wie ein Bleichgesicht Vieh züchtest, daß du den Boden 
bearbeitest und friedlich nur dein Land bebaust. Sie kommen, 
Eskaminzin, und sie kommen mit Haß im Herzen auf alle 
Apachen. Dann wirst du kämpfen müssen. Wir alle müssen den 
Kampf aufnehmen. Welcher weiße Mann kann gegen einen 
unserer Krieger bestehen? Keiner kann es, sage ich euch. Und 

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wenn wir jetzt nicht anfangen, diese Brut zu vernichten, 
kommen immer mehr.« 

Cochise schüttelte tadelnd den Kopf. 
»Wir haben für sechs Mondzeiten Frieden geschlossen«, 

sagte er. »Ich halte mein Wort. Wenn wir die Männer am Fluß 
getötet hätten, wären die Pferdesoldaten gekommen.« 

»Dann hätten wir auch sie getötet«, rief Victorio wild. »Wir 

haben Zeit genug, unsere Fallen aufzustellen. Und die 
Bleichgesichter laufen hinein wie die Ratte in den Schlund der 
Klapperschlange.« 

»So viele Klapperschlangen gibt es nicht, wie Pferdesoldaten 

kommen«, erwiderte Cochise ruhig. »Du hast gesehen, daß ich 
mein Wort halte und es ohne Krieg zum Frieden kommen 
kann. Geh, Victorio, und handle auch so.« 

Der Mimbrenjo sprang auf. Seine Augen wirkten wie 

schwarze Löcher. Der Häuptling sah nur einen Weg, die 
Apachen zu retten: Kampf und Tod. 

»Ich reite, Cochise«, sagte Victorio, »aber ich reite nicht, um 

deine Worte meinen Kriegern zu verkünden. Denn meine 
Krieger sind Apachen und keine Weiber.« 

Cochises Chiricahuas standen bereit. Ein Wink des Jefes 

hätte gereicht, und Victorio wäre von Pfeilen durchbohrt 
worden. 

Es war eine schlimme Beleidigung, einen Chiricahua ein 

Weib zu nennen. 

Cochise lächelte überaus freundlich, als er sagte: »Du willst 

unser Volk vernichten, ich will, daß es überlebt. Du siehst nur 
einen Tag, wenn du am Morgen die Sonne über den Bergen 
erkennst. Ich sehe tausend Tage, Victorio.« 

Der Mimbrenjo blickte die Jefes auffordernd an, die mit ihm 

ins Gebiet der Aravaipas gezogen waren. 

Chato, Nana und Loco standen umständlich auf, bedankten 

sich bei Eskaminzin für die Gastfreundschaft und gingen zu 
den Pferden. 

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Halbwüchsige Aravaipa-Knaben hielten die Tiere an den 

Zügeln, wie es die Sitte gebot. 

Victorio sprang mit einem Satz auf sein Tier und rief: »Dann 

sehen wir uns in tausend Tagen wieder, Cochise. Du wirst 
erkennen, daß die Weißen tausend Wasserlöcher besetzt haben. 
Du wirst sehen, daß die Krieger ihre Pferde nur noch mit 
Erlaubnis der Weißen tränken dürfen.« 

Hart riß der Mimbrenjo am Zügel und hieb dem Mustang die 

Fersen in die Seiten. Mit einem Sprung ging das Tier an. 
Sekunden später galoppierte das Pony davon. 

Chato, Nana und Loco folgten ihm langsamer. 
»Er bringt viel Unheil über unser ganzes Volk«, sagte 

Eskaminzin düster. 

Der Chief der Aravaipas gehörte zu jenen Apachen, die für 

den Frieden eintraten. Er hatte erkannt, daß sie als Rasse zu 
schwach waren, um die Weißen für alle Zeiten vertreiben zu 
können. Die Blaßhäutigen besaßen bessere Waffen, mehr 
Menschen und die Armee mit Kanonen und Gatling Guns, die 
schneller schossen, als ein Mann lachen konnte. 

»Es ist sein Weg«, erwiderte Cochise gelassen. »Auch wenn 

alle Stämme darunter leiden, wir müssen ihm seinen Weg 
lassen. Aber nun ist es an der Zeit, daß wir uns mit den anderen 
Feinden deines Stammes befassen.« 

Eskaminzins Gesicht wurde ernst. Wie ein Schatten legte 

sich der Ausdruck der Besorgnis über seine Züge. 

»Es sind die Wichitas und Caddos«, sagte der Chief. »Sie 

rauben, morden und brennen alles nieder, was sie nicht 
mitschleppen können.« 

Bitterkeit schwang in Eskaminzins Stimme, als er leise 

fortfuhr: »Ich habe zu wenig Krieger, Cochise. Ein Teil muß 
das Lager, die Kinder, Squaws und Alten schützen. Und die 
verbleibenden Krieger genügen nicht, um die große Horde der 
Wichitas zurückzuschlagen.« 

Cochise schwieg. Er dachte über die Worte des befreundeten 

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Häuptlings nach. Für ein paar Minuten kämpfte er mit der 
Vorstellung, daß Eskaminzin schon zu sehr Weißer geworden, 
innerlich kein Apache mehr war. Denn ein Mann dieses Volkes 
stemmte sich mit all seiner Kraft gegen alle Feinde, brachte 
ihnen blutige Verluste bei und gab erst auf, wenn er tot war. 

Eskaminzins nächsten Worte bewiesen Cochise, daß er sich 

irrte. 

»Ich sehe keinen Sinn darin, die Hälfte meiner Krieger zu 

opfern«, sagte der Häuptling der Aravaipas. »Denn sicher 
müßten weit mehr als dreißig Krieger das Totenlied singen, 
wenn wir die Wichitas angriffen. Dabei ist es gleich, ob wir 
unsere Listen anwenden oder offen vorgehen.« 

Cochise nickte. Der Häuptling hatte recht. Es war 

vollkommen sinnlos, diese Übermacht offen anzugreifen. Aber 
vielleicht fehlte Eskaminzin nur ein richtiger Plan, um seine 
Feinde loszuwerden. 

Eine kleine Handtrommel dröhnte in schnellem, wildem 

Rhythmus. Der Chief der Aravaipas horchte und sagte bitter: 
»Gawa-chora kommt. Sie hat ihren Sohn bei sich. Ihren Sohn 
und vier Pferde, wie du sie selten siehst, Cochise. Konata ist 
tot.« 

Der hochgewachsene Chiricahua wartete ab. Er konnte mit 

diesen Namen nichts anfangen. Aber er spürte, daß Eskaminzin 
innerlich aufgewühlt und zornig war. 

»Konata war der beste Krieger meines Stammes«, erklärte 

der Häuptling. »Vor zehn Sommern hörte er auf, ein Krieger zu 
sein. Er nahm das kleine Tal des ewigen Wassers in Besitz und 
wurde Viehzüchter. Die Pferdesoldaten kauften Tiere bei ihm.« 

Cochise fragte nicht, woher der Aravaipa von Konatas Tod 

wußte. Diese Dinge kannte er. Sie verbreiteten sich schneller, 
als der Wüstenwind Sandkörner von einem Ort zum anderen 
tragen konnte. Und Eskaminzins Späher kannten sicher alle 
Signale, um einen jeden Vorfall schnellstens weiterzugeben. 

Vielleicht hatte aber auch der Krieger, der Gawa-chora 

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gesehen hatte, die Squaw ausgefragt. 

»Es dauert nicht mehr lange«, sagte Eskaminzin. »Sie wird 

vor mich hintreten und von mir, vom Stamm, Vergeltung 
fordern.« 

Der Häuptling der Aravaipas starrte zu Boden. Cochise 

spürte die Besorgnis, die den Freund überwältigt hatte. 

»Wir können Gawa-chora ihren Mann nicht zurückgeben«, 

sagte der große Jefe bedeutsam. »Aber wir können dafür 
sorgen, daß die räuberischen Caddos und Wichitas 
zurückgeschlagen werden. Ich brauche Frieden, wenn ich unser 
Volk retten will. Unser ganzes Volk meine ich, alle Stämme. 
Die Jefes, die den Krieg predigen, würden dies als Schwäche 
auslegen. Wir selbst müssen die Banditen vernichten. Das ist 
unsere Aufgabe. Denn lassen wir die Blauröcke unsere Arbeit 
machen, so verachten uns die Krieger der Tontos und 
Mimbrenjos.« 

Der Aravaipa nickte. Ja, Cochise hatte recht. Aber wie sollte 

sein kleines Volk mit nur sechzig Kriegern die mehr als 
doppelt so große Horde der räuberischen Wichitas und Caddos 
vernichten? Aufgeben würden diese Kämpfer niemals. Sie 
waren gekommen, um Beute zu machen. Solange noch Beute 
in Sicht was, solange noch Beute in Sicherheit zu bringen war, 
gaben die Banditen von jenseits des Rio Grande niemals auf. 

Der Klang der Handtrommeln wurde schärfer, deutlicher. 

Nach wenigen Minuten hämmerte am ersten Jacale des Lagers 
ein junger Krieger seine Botschaft auf das Fell. 

»Warten wir ab, was uns Gawa-chora sagt«, murmelte 

Eskaminzin. »Ich spüre, daß es nichts Gutes sein wird. Ihre 
Stimme wird klingen wie die eines Menschen, der mit 
schlechtem, bitterem Wasser gegurgelt hat.« 

Cochise setzte sich gerade hin. Seine schwarzen Augen 

wirkten wie polierte Steine. Er starrte in die Flammen, die 
unter der Sonnenglut kaum zu erkennen waren. 

Hufschlag klang auf. Cochise sah aus den Augenwinkeln vier 

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prachtvolle Pferde. Auf dem vordersten Tier saß eine Squaw 
von seltener Schönheit. Sie sah nicht aus wie eine Apachin. 
Nein, ihr Gesicht zeigte etwas, das er nicht genau deuten 
konnte. Gawa-chora würde selbst den merkwürdigen 
Ansprüchen eines Weißen genügen. Und die hatten doch 
seltsame Vorstellungen von wahrer Schönheit. 

Die Squaw saß ab, sah nach ihrem Sohn, der auf dem 

Wiegenbrett schlief, und kam gelassen an das Feuer. 

»Ich bin eine Frau deines Volkes, Eskaminzin«, sagte Gawa-

chora. »Ich bin gekommen, um Gerechtigkeit zu fordern. Du 
kennst mich, du kanntest Konata, und du weißt, daß wir keine 
Krieger waren.« 

Cochise hörte, daß Gawa-chora wir gesagt hatte. Die Squaw 

schien weiter als alle anderen zu denken. Wir, das bedeutete, 
daß ihr Mann sie nicht nur als Besitz angesehen hatte. 

»Konata ist tot«, fuhr die Frau fort. »Er starb kämpfend. Ich 

weiß es. Bu brachte einen Apachen in die Ewigen Jagdgründe 
und keinen Feigling. Seine Mörder aber leben, Eskaminzin. Es 
sind Räuber, die von weither gekommen sind, um zu plündern 
und zu morden. Wir haben den Weg eingeschlagen, der dein 
Weg ist. Ich komme nicht an dein Feuer, um mich zu beklagen. 
Ich komme, um Gerechtigkeit zu fordern.« 

Eskamizin starrte in die Flammen. Der Häuptling dachte 

angestrengt nach. Cochise stieß ihn leicht mit dem Fuß an. Der 
Aravaika sah auf und den großen Chief der Chiricahuas nicken. 
Also hatte Cochise bereits einen Plan. 

»Gawa-chora, du forderst Gerechtigkeit«, sagte Eskaminzin 

laut und mit volltönender Stimme, die selbst die schwerhörigen 
Alten des Rates hören mußten, »und du wirst Gerechtigkeit 
erleben. Ich, dein Häuptling, gebe dir mein Wort, Gawa-chora. 
Du bist willkommen beim Stamm. Du bist eine unserer Töchter 
und wirst es immer sein. Dein Sohn wird ein Krieger werden, 
der die Aravaipa zu neuen Zeiten führt. Ich habe es gesehen 
und verkünde dies nun. Niemand soll dich schmähen, niemand 

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soll dir zu nahe treten. Du bist eine der unseren, eine der 
besten, denn du brachtest deinen Sohn zur Welt, der einmal ein 
berühmter Krieger sein wird.« 

Die Squaw ging ein paar Schritte rückwärts, bis sie es wagen 

konnte, dem Chiricahua und dem eigenen Chief den Rücken 
zuzuwenden. 

Als die Frau zu den Jacales gegangen war, sagte Cochise: 

»Wir greifen die Wichitas an. Ich habe zwölf meiner besten 
Krieger und Späher bei mir, mein Freund. Die halbwüchsigen 
Söhne deiner Männer sollen das Lager schützen. Ich brauche 
deine Kämpfer. Zusammen mit meinen zwölf Männern werden 
sie die Angreifer vernichten. Wir reiten, wenn die Sonne ihren 
höchsten Stand erreicht hat.« 

Eskaminzin atmete auf und fragte: »Was ist mit den Spähern, 

die den Rückzug der weißen Goldgräber beobachten?« 

»Sie sollen weiter den Bleichgesichtern folgen«, entschied 

Cochise. »Wir dürfen sie nicht aus den Augen verlieren. Es 
sind zwei Gegner, die uns bedrohen, Eskaminzin. Einmal die 
Wichitas und die Caddos, und ein anderes Mal die weißen 
Digger. Sollten sie Gold finden, eine goldträchtige Stelle, dann 
halten wir sie nicht mehr. Sie wühlen sich in den Boden, und 
wir tränken die Erde mit ihrem Blut.« 

Cochise hatte gesprochen. Seine Entscheidung war 

unumstößlich. Der oberste Häuptling aller Apachenvölker half 
einem Freund. Denn Eskaminzin war wie Cochise der 
Meinung, daß die Stämme nur erhalten bleiben konnten, wenn 
sie nicht in einem selbstmörderischen Kampfzug gegen alle 
weißen Eindringlinge antraten. 

»Ich möchte wissen, wo der verdammte Scout ist«, sagte der 
untersetzte Sergeant mißmutig. »Seit drei Stunden ist der Kerl 
verschwunden.« 

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»Diese Halfcasts taugen doch alle nichts«, erwiderte der 

Soldat mit den Korporalsstreifen an den Ärmeln. »Wenn ein 
halber Apache schon den Namen Blaue Ente trägt, dann stimmt 
doch was nicht mit diesem Kerl. Blaue Ente, und das mitten in 
der Wüste!« 

Die zwei einfachen Soldaten grinsten sich zu. Sie waren 

erfahrene Männer und wußten, wie die Indianer zu ihren 
Namen kamen. Tagelanges Hungern in der Einsamkeit, nur ab 
und zu einen Schluck Wasser und glühende Sonne brachten 
dem zukünftigen Krieger Visionen, die aus der körperlichen 
und geistigen Schwäche geboren waren. 

Und aus dieser Vision leitete der rote Mann seinen Namen 

ab. 

Wenn Blaue Ente seinen richtigen Namen genannt hatte, so 

war er gut und richtig für diesen Mann. Wahrscheinlich hatte 
der Scout nur irgendeine Bezeichnung gesagt, als er sich als 
Fährtensucher für die Army verdingte. Denn auch die 
Halbbluts waren meistens so abergläubisch, daß sie niemandem 
ihren wahren Namen sagten. Ein Feind konnte den Krieger 
vernichten, wußte er, wie dieser Feind in Wahrheit hieß. 

»Er kommt schon wieder, Sergeant«, sagte einer der beiden 

Dragoner träge. »Er hat noch über zwanzig Dollar 
Pokergewinn zu kassieren. Denken Sie, er läßt die Bucks 
sausen?« 

Der Sergeant lachte kurz und schüttelte den Kopf. Nein, 

Blaue Ente war einer der geldgierigsten Kerle, die Sergeant 
Garfield je kennengelernt hatte. Er kannte eine Menge Männer, 
weil er Berufssoldat war und schon lange die Winkel des 
Unteroffiziers am Ärmel trug. 

»Verfluchte Hitze«, sagte der zweite Soldat und schob sein 

Käppi in den Nacken. »Wenn's wenigstens Wasser gäbe.« 

Er hatte kaum ausgesprochen, als das Geschnatter einer Ente 

ihn förmlich im Sattel herumriß. Da war nichts, was einen 
solchen Vogel angelockt haben könnte. Außer hellem Sand, 

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Speerdornsträuchern und Yuccas gab es nichts zu sehen. 

»Er ist da«, stellte der Sergeant fest. »Komm schon raus, du 

Entensohn. Wir warten seit über einer Stunde auf dich.« 

Eine Riesenpalmlilie wuchs zwei Längen hinter dem Pferd 

des letzten Mannes mehr als zwölf Yards hoch. Hinter dem 
dicken Stamm glitt der Scout hervor. Er lief im Wolfstrab zu 
Garfield und grinste, als er sich an den Hut faßte, als salutiere 
er. 

»Blaue Ente zurück sein, Mann mit Winkel«, sagte der 

Halbindianer, und in seinen dunklen Augen funkelte der Spott. 
»Mich Meldung geben, ja?« 

Glenn Garfield holte tief Luft und sagte scharf: »Du 

verdammter Hundesohn, hör auf, in der Schweinesprache mit 
mir zu reden. Ich weiß genau, daß du ordentliches Englisch 
kannst. Und ich weiß auch, daß du Schreiben und Lesen 
kannst. Also red' nicht in dieser Idiotensprache mit mir!« 

Die letzten Worte brüllte er. Erschöpft sank er im Sattel 

zusammen, als er sich abreagiert hatte. Glenn Garfield war ein 
guter Sergeant. Er war, wie die meisten Männer seiner Art, das 
eigentliche Rückgrat der Armee, der Vermittler zwischen oft 
hohlköpfigen Offizieren und oft aufsässigen Dragonern oder 
Kavalleristen. 

»Mich guter Späher«, fuhr der Halbindianer ungerührt fort, 

»mich warten hinter Joshuabaum und hören zu. Mich nicht 
Hundesohn, mich keine Schuld, daß kleiner Chief meine 
Mutter an weißen Händler ausgeliehen. Mich lieber ganz weiß 
oder ganz rot. Aber Geld ist gut. Ich hole mir die verdammten 
zwanzig Bucks, Sarge! Darauf kannst du Gift nehmen. Und 
außerdem ist Idiot ja eigentlich ein gutes Wort, nicht wahr?« 

Der Späher redete vollkommen normal. Sein Kauderwelsch 

hatte wohl nur dazu gedient, die Beherrschung nicht zu 
verlieren. Wie die meisten Mischlinge zwischen roter und 
weißer Rasse reagierte er empfindlich, wenn es um seine 
Hautfarbe oder seine Stellung als Mensch ging. 

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»Wieso ist ein Idiot was Besonderes?« wollte Garfield 

wissen und äugte mißtrauisch zu dem untersetzten Späher 
hinab. 

Blaue Ente grinste breit und erwiderte: »Ein gelehrter Mann 

sagte mir mal, daß dieses Wort aus dem Griechischen stammt 
und eigentlich Idios, der Besondere, bedeutet.« 

Garfield sank wie ein Wasserschlauch zusammen, dem 

plötzlich der Inhalt abhanden gekommen war. Das ertrug er 
nicht, einen Späher, der sich mit griechischer Sprache 
beschäftigte. »Deine Meldung, du dämlicher Wasservogel«, 
forderte er kaum hörbar. »Warum nennst du dich nicht 
Kaktuskauz oder Gilaspecht, das würde besser passen.« 

Das Gesicht des Halbindianers wurde schlagartig ernst. 
»Eine Farm glimmt noch«, sagte der Kundschafter, »eine 

Menge toter Krieger liegt in einer Felsspalte. Eine Sippe der 
Aravaipas liegt erschlagen am Ort, an dem die Schlange den 
Hund biß. Es sind zwei Frauen, drei Kinder und ein Krieger, 
Sergeant. Du solltest nach Fort Thomas reiten und das melden. 
Ich glaube, das Land brennt bald.« 

Glenn Garfield fluchte wie ein Mulitreiber. 
»Welche verdammten Apachen haben denn die verdammten 

Überfälle ausgeführt?« wollte er wissen. »Ich denke, wir haben 
Frieden im Land.« 

»Untereinander dürfen die Kerle sich ruhig die Köpfe 

abschneiden«, rief einer der Soldaten. 

»Keine Apachen«, entgegnete Blaue Ente, »das waren 

Wichitas und Caddos. Mindestens hundert Reiter, Sarge. Wir 
brauchen ein paar Männer mehr, wenn wir den Kriegern den 
Weg nach Hause mit etwas Spaß erleichtern wollen.« 

»Auch das noch, räuberische Krieger aus dem Osten«, 

stöhnte Garfield. »Los, Leute, setzt euch gerade hin, Wir lassen 
unsere Pferdchen traben. Der Colonel wird vor Begeisterung in 
die Luft springen, schätze ich.« 

Ganz so war es nicht. Von Begeisterung und in die Luft 

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springen konnte keine Rede bei Colonel Terence Ballinger 
sein, als er die Meldung bekam. 

»Holen Sie Lieutenant Cummings«, befahl der Kommandant 

der Ordonnanz. 

Garfield räusperte sich, zu lange und anhaltend, dachte der 

Oberst und schaute von der Landkarte hoch, die auf seinem 
Schreibtisch lag. 

»Was ist, Garfield? Sind Sie mit Cummings nicht 

einverstanden? Reden Sie ruhig. Sie wissen, daß ich Ihr Urteil 
schätze.« 

»Sir, Lieutenant Cummings ist ein guter Offizier«, 

antwortete der Sergeant, »trotzdem gebe ich zu bedenken, daß 
er manchmal etwas zu draufgängerisch ist.« 

Colonel Ballinger lächelte, als er erwiderte: »Ich weiß, aber 

er nimmt einen Zug Dragoner mit, die mit den neuen Spencer-
Karabinern ausgerüstet sind. Alle Männer sind mit der 
siebenschüssigen Waffe vertraut und bringen es fertig, einer 
Fliege im Flug mit der Spencer einen Flügel abzuschießen. 
Was sagen Sie nun, Garfield?« 

Der Sergeant nickte nur, war aber nicht überzeugt. Er 

witterte mit den Instinkten des langjährigen Soldaten, daß in 
diesem Fall mehr als ein Zug von 24 Soldaten ausrücken sollte. 

Aber eines konnte er tun. 
»Sir, ich melde mich freiwillig für die Strafexpedition«, sagte 

er und stand stramm. 

Ballinger nickte erfreut. Das schien ihm die richtige Paarung 

zu sein: der erfahrene, bedächtige Sergeant und Cummings. 

Der Lieutenant trat ein, fuhr sich schnell mit dem Zeigefinger 

über den rötlichblonden Schnurrbart und stand stramm. 

Colonel Terence Ballinger erklärte dem Offizier auf der 

Karte des Gebietes, wo Blaue Ente die Streitmacht der 
Wichitas vermutete und sagte abschließend: »Cummings, 
General Howard hat einen Frieden ausgehandelt, der durch 
nichts gestört werden darf. Ich bin davon überzeugt, daß die 

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Wichitas und Caddos davon wissen. Sie nutzen diese Tatsache 
für ihr eigenes Spiel. Wir müssen ihnen Einhalt gebieten. Sonst 
besteht die Gefahr, daß aus diesen Überfällen ein neuer Krieg 
entsteht.« 

»Ich habe verstanden, Sir«, erwiderte Cummings und 

salutierte. »Meine Männer sind einsatzbereit. Ich lasse sofort 
den Zug antreten. Bekomme ich Blaue Ente als Kundschafter?« 

»Das geht leider nicht«, lehnte der Colonel ab. »Ich brauche 

den Mann in der südlichen San Carlos Reservation. Er spricht 
die Sprache der Mimbrenjos fließend. Ich habe das Gefühl, daß 
wir Cochise und seine Apachen zu lange unbeobachtet gelassen 
haben.« 

Cummings verzog enttäuscht das Gesicht. Aber gegen den 

Befehl eines Colonels konnte ein kleiner Lieutenant nicht 
ankommen. 

Es dauerte nicht lange, bis ein Zug von vierundzwanzig 

Soldaten angetreten war. Die Dragoner hielten die Pferde an 
den Zügeln. Sergeant Garfield kontrollierte alle Waffen, Sättel, 
die Tiere, einfach alles. 

Die Sonne schien schräg über die Palisaden des Forts. Wie 

Blut schimmerten die roten Halstücher und die gleichfarbigen 
Streifen an den Hosen der Männer. 

Für ein paar Sekunden beschlich den Colonel das Gefühl, 

darin ein böses Vorzeichen zu erkennen. Er schüttelte diese 
Ahnung ab. Ein Kommandant durfte sich nicht solchen 
Gedanken hingeben. 

Am frühen Nachmittag gab er das Zeichen. Der Trompeter 

setzte sein Instrument an die Lippen und blies das Signal. Die 
Reiter formierten sich zur Doppelreihe. Die Flügel des Tores 
aus kräftigen Baumstämmen schwangen zurück. Steif standen 
die Rekruten und salutierten. 

Blaue Ente blickte den Männern sorgenvoll nach. Drei der 

Soldaten schuldeten ihm noch Geld. Der Halbindianer hoffte 
nur, daß er diese Burschen wiedersehen würde. 

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Im Trab ritten Cummings und Garfield vor dem Zug her. 

Nach etwa einem Dutzend Meilen ließ der Lieutenant absitzen 
und die Pferde zwei Meilen am Zügel führen. Auf diese Weise 
erholten sich die Tiere großartig und waren in der Lage, 
insgesamt eine große Strecke in kurzer Zeit zurückzulegen. 

Sowohl Lieutenant Cummings als auch Garfield waren mit 

der Wildnis des Südwestens vertraut. Sie hörten den Ruf des 
Kaktuskauzes und sahen sich an. 

»Hören Sie?« fragte Cummings, »wir werden beobachtet. 

Hoffentlich sind es Aravaipas und nicht Victorios Männer.« 

Der Ruf schien weiterzuschwingen, eilte den Soldaten 

voraus. Sie wunderten sich nicht, als plötzlich auf einer 
Sanddüne eine Reihe von Gestalten aufwuchs. 

Die Krieger hielten moderne Winchestergewehre in den 

Händen. Zusätzlich trugen alle Männer die traditionellen 
Waffen der Apachen: den Ulmenholzbogen samt Pfeilköcher, 
die Kriegskeule und die Rohhautschleuder, mit der jeder 
Kämpfer der Apachen auf mehr als hundert Yards Entfernung 
einen Stein so genau werfen konnte, daß er den Kopf eines 
Mannes wie eine Nußschale knackte. 

»Da, Cochise«, sagte Garfield und zügelte sein Pferd. »Was 

sucht der Häuptling hier?« 

»Wir werden es erfahren, Sergeant«, erwiderte Cummings. 

»Lassen Sie die Männer absitzen und ausruhen.« 

Cochise ritt auf seinem Schecken den Pferdesoldaten 

entgegen. Der Chief der Chiricahuas hatte das Pferd hinter 
einem mächtigen Saguarokaktus hervormarschieren lassen. 

Lieutenant John Cummings verspürte Unruhe in sich. 

Welchen Grund hatte Cochise, der angesehenste Häuptling 
aller Stämme, hierher zu ziehen? 

»How«, sagte Cochise, als er sein zäh wirkendes Pferd zügelte. 

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»Reiten deine Männer in den Krieg? Howard und ich haben 
Frieden geschlossen. Weißt du nicht davon?« 

»Jefe, ich bin Lieutenant John Cummings«, erwiderte der 

Anführer der Abteilung. »Wir kommen aus Fort Thomas. 
Unsere Patrouillen meldeten uns, daß räuberische Indianer das 
Gebiet der Aravaipas unsicher machen. Mein Späher fand 
einen toten Farmer und eine niedergemetzelte Sippe.« 

Prüfend beobachtete Cummings den hochgewachsenen 

Oberhäuptling der Apachenstämme. Nichts wies darauf hin, 
daß Cochise von den Überfällen wußte. Aber der Lieutenant 
wußte auch, daß sich die meisten Indianer in fast allen 
Situationen ausgezeichnet beherrschen konnten. 

»Wir sind auf der Fährte der Mörder«, sagte Cochise hart 

und deutete mit der Rechten auf die Krieger über ihnen. 

Cummings dachte nach und entgegnete vorsichtig: »Sieh, 

dies ist Eskaminzins Gebiet. Er ist ein Freund der Weißen. Und 
geschieht einem Freund Unrecht, ist er in Not, so ist es unsere 
Pflicht, ihm zu helfen. Darum sind wir hier. Ich denke, es ist 
unsere Aufgabe, die räuberischen Wichitas zu vertreiben. Denn 
sie kommen aus einem Land, in dem andere weiße Männer 
nicht gut genug aufgepaßt haben. Nur so konnten die Banditen 
ihren Raubzug durchführen.« 

Cochise lächelte. Dieser junge Offizier war sehr geschickt. 

Ohne auch nur den Anschein einer Beleidigung oder eines 
Befehles auszusprechen, gab er dem Jefe zu verstehen, daß sich 
die Soldaten um die Wichitas kümmern würden. 

Der Führer der Chiricahuas war besorgt. Die 24 Soldaten 

sahen nicht aus, als könnten sie mehr als hundert 
kampferprobte Wichitas in die Flucht schlagen. 

»Lieutenant«, sagte der Häuptling, »ich biete dir unsere Hilfe 

an. Wir müssen auch selbst dafür sorgen, daß der Frieden 
erhalten bleibt. Vergiß nicht, daß ich mein Wort gab.« 

»Das ehrt uns«, stellte Cummings fest, »du willst dein Wort 

halten und für den Frieden sorgen. Wir Soldaten haben von 

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General Howard den Befehl, auch für den Frieden zu sorgen. 
Sieh die Gewehre meiner Männer. Es sind moderne Waffen, 
Spencer-Karabiner. Sie können siebenmal hintereinander 
schießen. Ich bin sicher, daß wir die Eindringlinge vertreiben 
werden.« 

Cochise lächelte spöttisch und fragte: »Warum habt ihr nur 

solche Gewehre, Lieutenant Cummings? Schau, nach oben, 
zum Gipfel der Sanddüne. Meine Krieger besitzen 
Winchestergewehre, die dreizehnfachen Tod bringen. Die 
Männer schießen schneller, mehr und besser als deine 
Soldaten.« 

Sekundenlang überlegte Cummings, ob der den Jefe nach der 

Herkunft dieser Waffen fragen sollte. Er entschied sich 
dagegen. Solange die Apachen diese furchtbaren Waffen nicht 
gegen Weiße richteten, sollte sich die Army besser aus den 
Gewehrgeschichten heraushalten. 

»Gut, weißt du, wo die Wichitas lagern?« fragte Cochise. 
»Nicht genau, aber mein Späher hat uns die Fährte 

beschrieben«, antwortete Cummings. »Wir wissen, wo wir sie 
aufnehmen können.« 

Cochise erklärte dem jungen Offizier, wo die räuberischen 

Wichitas ihr Lager aufgeschlagen hatten. 

Cummings salutierte, bedankte sich ernsthaft und hob die 

Rechte. 

Der Sergeant gab den Befehl zum Anreiten. Cochise saß 

reglos auf dem Rücken seines Mustangs und blickte den 
Soldaten nach. Seiner Meinung war es verrückt, mit nur 24 
Männern gegen eine fünffache Übermacht von Räubern und 
Mördern anzugehen. 

Eskaminzin trieb sein Pferd die Sanddüne hinab, verhielt das 

Tier neben Cochise und fragte: »Reiten wir hinterher? Helfen 
wir ihnen?« 

»Nein, er will allein den Ruhm erlangen«, erwiderte der Jefe. 

»So soll er auch allein kämpfen. Wir lagern, mein Bruder. Laß 

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die Späher ausschwärmen.« 

Es geschah, wie Cochise befahl. 
Lieutenant Cummings hingegen beglückwünschte sich zu 

seiner geschickten Verhandlungen mit dem großen Cochise. 
Der Offizier war entschlossen, dem Ruhm der Army im 
Südwesten eine weitere Einzelheit hinzuzufügen. 

Als er nach einer halben Stunde scharfen Rittes anhalten ließ, 

erkannte er die Felsformationen, die ihm Cochise beschrieben 
hatte. Sie waren in unmittelbarer Nähe der Feinde. 

Sergeant Garfield fragte: »Wie gehen wir vor, Sir? Ich 

denke, wir sollten versuchen, die Wichitas von der Höhe her 
unter Feuer zu nehmen.« 

Cummings Begeisterung ging mit ihm durch. 
»Wir teilen unsere Abteilung«, sagte er. »Zwölf Männer 

arbeiten sich bis auf halbe Höhe. Wir anderen greifen frontal 
an, brechen durch, und während wir uns drehen, feuert die 
Reserve von oben.« 

Garfield runzelte die Stirn. Dieser Plan wäre gut, wenn sie 

mindestens zwei Züge gehabt hätten. Aber mit nur einer 
Abteilung einen solchen Angriff durchzuführen, erschien dem 
erfahrenen Sergeant zumindest leichtfertig. 

Obwohl er nicht davon überzeugt war, das Richtige zu tun, 

gab er die Befehle des Lieutenants weiter. 

Zwölf Dragoner trieben ihre Tiere bis dicht an die 

zerklüfteten Klippen und saßen ab. Die Soldaten nahmen 
Ersatzmunition mit, aber keine Wasserflaschen. Dies konnte 
nur ein kurzes Gefecht werden, davon waren die Männer 
überzeugt. 

Sie kletterten über das verwitterte Gestein, zwängten sich 

durch enge Felsspalten und krallten sich manchmal wie 
Eidechsen an winzigen Vorsprüngen fest, um 
weiterzukommen. 

Endlich hatte jeder der Dragoner seine Position gefunden. 

Nacheinander signalisierten die Soldaten durch Handzeichen, 

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daß sie bereit waren. 

Lieutenant Cummings holte tief Luft. Jetzt galt es! 
»Fertigmachen zum Angriff!« rief der junge Offizier scharf. 

»Trompeter blasen Sie zur Attacke!« 

Als die ersten Töne des Angriffssignals von den Klippen 

widerhallten, riß der Offizier seinen Säbel aus der Scheide und 
hieb seinem Pferd in die Absätze der Flanken. 

Das Tier gelangte nach wenigen Sprüngen in den Galopp. 

Sergeant Garfields Pferd folgte in zwei Längen Abstand rechts 
neben dem Lieutenant. 

Die Hufe donnerten über den Boden. Sandwolken spritzten 

in alle Richtungen. Und als die Eisen über gewachsenen Fels 
hämmerten, hörten sich die zwölf Reiter wie eine ganze 
Schwadron an. 

Was Cummings jedoch nicht bedacht hatte, waren die Späher 

der feindlichen Indianer. Die Wichitas und Caddos wußten, 
was ihnen bevorstand. 

Zwölf Dragoner, unter Führung eines jungen Offiziers, ritten 

dem Tod entgegen. 

Als die kleine Streitmacht die Felsensenke erreichte, hielten 

die Soldaten ihre Waffen schußbereit. Cummings erkannte mit 
einem Blick, daß er in eine vorbereitete Falle gerannt war. 
Einen Moment lang fühlte der Offizier heiße Furcht in sich 
aufsteigen. 

Zurück? Es war zu spät. Die Dragoner hielten ihre Pferde im 

Galopp. Bis sie die Tiere herumgerissen hatten, bildeten die 
Reiter einen zu großen Pulk, in dem jede Kugel der Feinde ein 
Ziel fand. 

»Weiter!« stöhnte Cummings verbissen und schrie seinem 

Pferd gellend in die Ohren. 

Das Tier machte einen erschreckten Satz, streckte sich und 

griff noch weiter aus. Sergeant Garfields Tier wollte 
gleichziehen und wurde ebenfalls noch schneller. Das rettete 
den beiden Männern das Leben. 

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Denn als sie die Mitte der fast kreisförmigen Senke 

erreichten, schnellten überall rote Krieger hoch. Alle Indianer 
besaßen Gewehre oder Revolver. Das Metall der Waffen 
blinkte im Sonnenlicht. 

Und dann schien die Hölle aufzubrechen. 
Ein wahrer Bleihagel tötete Dragoner und Pferde. In das 

Dröhnen der Schüsse mischten sich die grellen Todesschreie 
der Pferde. Männer brüllten ihren Schmerz und ihre 
Todesangst heraus. 

Innerhalb von Sekunden wogten Pulverdampf und Staub so 

dicht, daß an ein genaues Zielen nicht mehr zu denken war. 

Die Soldaten in den Klippen jagten Schuß um Schuß aus 

ihren Spencers, aber keiner der Männer konnte sicher sein, 
einen Gegner getroffen zu haben. 

Drei Dutzend Wichitas hetzten mit weiten Sprüngen auf die 

Felsen zu. Geschickt wie Eichhörnchen kletterten die Krieger 
hinauf. Drei vier Revolver wummerten, und fünf Angreifer 
stürzten getroffen in die Tiefe. Die anderen arbeiteten sich 
weiter vor, nutzten jeden Halt, jeden kleinsten Vorsprung und 
machten schließlich die Dragoner nieder. 

Nur zwei Männern gelang die Flucht. Sie hatten sich tief in 

enge Felsspalten geduckt und die Angreifer an sich 
vorüberklettern lassen. 

Die beiden Überlebenden krochen langsam aus ihren 

Deckungen als es ruhig wurde, erkannten sich und atmeten auf. 
Zu zweit fühlten sie sich besser, sicherer. Sie entdeckten eine 
Felsspalte, die gerade einem Mann Raum genug zum 
Vorankommen bot. 

»Wenn wir doch nur Pferde hätten«, sagte Ned verzweifelt. 
»Wir haben keine«, erwiderte Jim Hooker, »und wir werden 

so schnell auch keine bekommen. Vergiß die Gäule, Ned, wir 
müssen laufen. Wenn wir Cochise erreichen, haben wir es 
geschafft. Er wird uns helfen.« 

Sie schoben sich durch die Felsspalte und erreichten 

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schließlich das Ende der Schlucht. Vorsichtig glitt Jim weiter 
und beobachtete die karge, kahle Umgebung. Einmal glaubte er 
eine Bewegung gesehen zu haben. Als sie sich nicht 
wiederholte, dachte der Soldat an eine Täuschung. 

Ned stieß ihn nach ein paar Minuten an und sagte halblaut: 

»Links, da wächst Grünzeug. Da muß Wasser sein, Partner.« 

Ja, dort wucherten Sträucher im Schatten der Felswand. Und 

wenn es keine Quelle gab, so boten die Büsche doch 
wenigstens Schatten. 

»Los, aber vorsichtig«, raunte Jim. 
Er ließ Ned bis dicht an die Sträucher herankommen, bevor 

sich Jim selbst auf den Weg machte. 

Als Ned Stogan mit einem Satz zwischen die dicht 

wuchernden Büsche sprang, dröhnten zwei Revolver. Der 
Soldat drehte sich im Sprung, krümmte sich zusammen und fiel 
zu Boden. 

Für Jim war es zu spät, die Richtung zu ändern. Er wollte 

ausweichen, eine Deckung finden, das Feuer erwidern, aber 
wieder wummerten die Colts, und Jim spürte zwei harte 
Schläge, einen gegen die rechte Schulter und einen an den 
Rippen. Sofort flammte der Schmerz auf. Jim fiel, drehte sich 
dabei etwas und entdeckte zwei Krieger in den Felsen. 

Die Indianer blieben abwartend stehen. Wollten sie 

sichergehen, daß die Soldaten tot waren? 

Erst nach langen Minuten verschwanden die Krieger 

zwischen dem zerklüfteten Gestein. 

Jim kroch weiter, biß sich die Lippen blutig, um nicht zu 

stöhnen, und zerrte den bewußtlosen Ned in die Deckung der 
Büsche. Es roch nach Wasser. Jim holte vorsichtig Luft und 
schob sich weiter. Er sah eine Felsplatte, die wie ein Dach 
hervorragte. Unter dieser Platte lagen zwei Männer. Schwach 
schimmerten die roten Streifen an den Hosen. Erleichtert 
atmete Jim auf, als er den Lieutnant erkannte. Cummings hatte 
es also auch geschafft. 

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Der Offizier war besinnungslos. Sein Gesicht wirkte bleich 

und eingefallen. Neben Cummings lag Sergeant Glenn 
Garfield. Auch er war schwer verwundet. Seine beiden 
Oberschenkel wirkten wie in Blut getaucht. 

»Okay, wer kommt noch?« fragte Garfield kaum hörbar. 
»Keiner«, erwiderte Jim, »außer mir hat nur noch Ned 

Stogan überlebt. Ich hole ihn.« 

Es dauerte lange, bis auch der letzte Mann der Abteilung, der 

letzte Überlebende von 24 Soldaten und ihrem Offfzier, an der 
kleinen Quelle lag. 

»Und jetzt, Sergeant, was nun?« fragte Jim, nachdem er sich 

etwas erholt hatte. 

»Jetzt warten wir«, antwortete Garfield. 
»Worauf?« fragte Jim schwer, »auf die Hölle?« 
Der Sergeant antwortete nicht. Ihm schwand die Besinnung. 
»O verdammt«, sagte Jim bitter, »jetzt hocke ich hier in 

einem Loch und habe drei Schwerverwundete bei mir. Ich bin 
lahm. Den rechten Flügel kann ich nicht mehr bewegen, und 
die Rippen, auf denen trommelt jemand einen Marsch. 
Wenigstens haben wir Wasser. Aber wann wir verrecken, das 
ist doch nur eine Frage der Zeit.« 

Soldat Jim Hooker dachte nicht an Cochise, kam nicht auf 

den Gedanken, daß der Chief Späher ausgesandt hatte, um den 
Kampf zu beobachten. 

Cochise war die einzige Überlebenschance der verwundeten 

Soldaten. Ließ er sich zuviel Zeit, kam er zu spät. 

Die Kundschafter der Chiricahuas und der Aravaipas lagen in 
sicheren Deckungen. Weit oberhalb der Pferdesoldaten und 
über der Masse der feindlichen Krieger übersahen die Späher 
den Talkessel. 

Quachan, der Aravaipa-Krieger, verspürte Neid und Zorn, als 

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er sah, daß die Feinde den toten Soldaten die Waffen 
abnahmen. Diese Beute wäre dem Apachen gerade recht 
gekommen. Ein paar mehrschüssige Gewehre, ein paar 
Revolver in sicheren Verstecken untergebracht, konnten für 
Notfälle sehr nützlich sein. 

Der Ruf des Kaktuskauzes lenkte Quachan von seinen 

Gedanken ab. Er wandte den Kopf nach links. Hinter einer 
kleinen Halde kopfgroßer Geröllbrocken erkannte er Setonya. 
Der Freund deutete mit dem Zeigefinger auf den Boden und 
beschrieb anschließend einen Kreis in der Luft. 

Quachan nickte. Ja, sie sollten aufbrechen und Eskaminzin 

benachrichtigen. Er und Cochise mußten wissen, daß der junge 
Offizier seine Truppe in eine tödliche Falle geführt hatte. 
Vielleicht ließ Cochise sogar nach Überlebenden suchen. Der 
Offizier und der kräftige Mann ohne Skalp waren verwundet 
worden. 

Quachan nahm an, daß sie sich in ein Versteck 

zurückgezogen hatten. Bekamen sie keine Hilfe, starben sie. 
Denn ihre Verwundungen konnten sie nicht selbst versorgen. 

Quachan überlegte sich, daß es für den großen Jefe sicher ein 

Vorteil war, brachte er die überlebenden Soldaten halbwegs 
gesund aus dieser Felsenwildnis zurück. Die Weißen mußten 
ihm einfach dankbar sein. Und das stärkte sein Ansehen bei 
ihnen. 

Setonya lief bereits zu der Felsspalte, in der die beiden 

Späher ihre Pferde zurückgelassen hatten. Quachan folgte dem 
Freund. Sie packten die Graszügel der Mustangs und führten 
sie durch die enge Klamm, die zu einem Pfad führte, der kaum 
einen Schritt breit war. Er bog sich in absonderlichen 
Windungen zu Tal und sah so aus, als könne ihn höchstens eine 
Bergziege benutzen. Aber die Mustangs der Apachen waren im 
Klettern diesen Tieren ebenbürtig. 

Ein Chiricahua-Späher auf der anderen Seite des Talkessels 

nickte zufrieden, als er den Rückzug der beiden Aravaipas sah. 

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Die Häuptlinge bekamen innerhalb kurzer Zeit die Nachricht 
von der Niederlage der Pferdesoldaten. 

Der Chiricahua hingegen schlug die andere Richtung ein. Er 

folgte den Wichitas. Cochise mußte erfahren, an welchem Ort 
die Krieger der Wichitas und Caddos ihr Lager aufgeschlagen 
hatten. Dies hier, der Talkessel, war nur eine Falle für 
eventuelle Angreifer gewesen. Sie hatte ihren Zweck erfüllt. 

Der Späher war sicher, daß die Feinde sich zu ihrem 

eigentlichen Lager zurückzogen. Dort versorgten sie ihre 
Wunden und verteilten die Beute. Vielleicht kam es sogar zu 
einer kleinen Siegesfeier. Es war ein großer Triumph, eine 
Abteilung der Pferdesoldaten fast völlig vernichtet zu haben. 

Der Chiricahua, der Schneller Fuchs hieß, träumte ein paar 

Sekunden mit offenen Augen vom Ruhm, von Beute und 
Skalps und dem Ansehen, daß ein solcher Sieg den Kriegern 
bei den Apachen einbrachte. Ja, das wäre die richtige Methode, 
um mit den weißen Eindringlingen fertig zu werden. 

Aus dem Hinterhalt zuschlagen, die Feinde vernichten, Beute 

machen und wieder spurlos in der Halbwüste verschwinden. 
Diese Taktik hatten die Krieger aller Stämme seit 
Jahrhunderten zu einer fast perfekten Kunst entwickelt, 
Cochise dagegen hatte dem einarmigen General sechs 
Mondzeiten Frieden versprochen. Und der Chief brach sein 
Wort niemals. Wer weiß, vielleicht war seine Ansicht über die 
Weißen und ihre Macht sogar richtig? Das entschied die 
Zukunft, an die Schneller Fuchs nicht viel Gedanken 
verschwendete. 

Geschickt nutzte der Späher herabgebrochenes Gestein, 

Bergwacholder und niedrig wuchernde Drehkiefern als 
Deckung. Er rechnete damit, daß auch die Gegner 
Kundschafter auf der eigenen Fährte zurückgelassen hatten Das 
Hauptlager konnte nicht allzu weit entfernt liegen. Denn die 
räuberischen Feinde ließen ihre bisherige Beute bestimmt nicht 
unbewacht. 

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Schneller Fuchs glitt wie ein Schatten zwischen den borkigen 

Stämmen der Bäume hindurch. Die Sonne tauchte die Nadeln 
in ihr Licht und schuf so einen grünlichen Schimmer auf dem 
Boden, der die Blätter der Bergkräuter fettgrün aussehen ließ. 

Der Kundschafter erreichte die letzten Drehkiefern und 

verharrte reglos. Lange Minuten beobachtete er die nackten 
Felsschroffen, die Risse und Spalten, die einem Mann Deckung 
gewähren konnten. Tief sog der Krieger die Luft ein. 

Nichts ließ ihn mißtrauisch werden, kein Gegner lauerte in 

der Nähe. 

Schneller Fuchs glitt weiter. Mit weiten Sprüngen hetzte er 

von Felsbrocken zu Felsbrocken, wartete nach jedem Satz ab 
und prüfte die Umgebung, bevor er weitersprang. 

Nichts geschah. Unangefochten erreichte der Späher die 

Kante der Steilwand, sank zu Boden und schob sich 
schlangengleich weiter vor. Wie eine Brustwehr ragte vor ihm 
das Gestein auf. Diese Deckung war jedoch schon mürbe und 
verwittert. Lücken von etlichen Handspannen wirkten wie 
Fenster. Schneller Fuchs kroch an eine dieser Öffnungen und 
blickte hinab. 

Er hatte sich nicht getäuscht. Unten sah er das Hauptlager der 

Feinde. 

Fast eine Stunde beobachtete Schneller Fuchs die Schlucht. 

Nichts wies darauf hin, daß die räuberischen Wichitas an 
Aufbruch dachten. Sie waren wohl sicher, die gesamte 
Patrouille der Pferdesoldaten niedergemacht zu haben. Und 
sicher konnten sie sich nicht vorstellen, daß Späher der 
Aravaipas den Kampf beobachtet hatten. 

Lange blickte der Kundschafter zu einer Zweighütte, die 

dicht an der Felswand stand. Er fühlte, daß es mit diesem 
Wickiup etwas auf sich hatte. Einmal ging ein Caddo mit einer 
Kürbisflasche zu dieser Hütte, bückte sich etwas und trat ein. 
Sekunden danach kam er ohne Flasche wieder ins Freie und 
schlenderte zu den Pferden. 

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Schneller Fuchs prägte sich alle Einzelheiten der Umgebung 

ein. Sicherlich kannten die Krieger der Aravaipas diesen 
Canyon und konnten ihren Verbündeten genau schildern, wo 
die besten Orte für den Angriff lagen. Schneller Fuchs jedoch 
verließ sich nicht darauf. Erst als er sicher war, jede Einzelheit 
wiedergeben zu können, zog er sich zurück. 

Halb geduckt huschte der Späher durch das Felsengewirr, 

wand sich zwischen den Kiefernstämmen durch und blieb 
reglos stehen, als er seinen Mustang entdeckte. 

Das Tier rupfte die Bergkräuter ab, die auf einer schmalen 

Felsleiste wucherten, auf die der Wind Erde abgelagert hatte. 

Das war es nicht, was den Kundschafter überraschte. Er hatte 

dem Tier die Vorderbeine zusammengeschnürt. Doch jetzt 
waren die rohledernen Riemen verschwunden! 

Schneller Fuchs glitt zu Boden. Ein paar Speerdornsträucher 

boten ihm ausreichende Deckung. Lautlos wie eine Eidechse 
kroch der Späher weiter. Noch etwa ein halbes Dutzend 
Pferdelängen war er von seinem Tier entfernt, als er das 
Lederstück sah. Reglos verharrte Schneller Fuchs. Kaum zwei 
Schritte vor ihm, zum größten Teil durch den Stamm einer 
entwurzelten Kiefer verborgen, lag ein Krieger. Der 
Kundschafter sah nur die Ferse des Mokassins. Der Gegner 
blickte in die Richtung, aus der Schneller Fuchs gekommen 
war. 

Der Chiricahua schob sich behutsam weiter. Mit den 

Fingerspitzen berührte er die Borke des umgebrochenen 
Stammes und atmete ganz flach. Vorsichtig zog der Krieger 
das Messer, packte es mit der Linken und stemmte sich 
allmählich hoch. Endlich konnte er über den Stamm blicken. In 
genau diesem Moment hob auch der Indianer auf der anderen 
Seite der Kiefer den Kopf. Er zuckte zurück, wollte zum 
Revolver greifen, doch da war Schneller Fuchs schon über ihm. 

Die Messerklinge blitzte in der Sonne auf. Der Apache 

senkte das breite, scharfe Metall in die Brust des anderen. Der 

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war sofort tot. 

Schneller Fuchs blieb wachsam. Erst nachdem er den Feind 

mit dem Fuß angestoßen und minutenlang beobachtet hatte, 
holte er sich sein Messer zurück, nahm dem Toten den Skalp 
und den Colt samt Munition ab. 

Der Caddo hatte den Mustang gefunden und ihn nach vorn 

geführt und die Beinfessel gelöst. Für den gegnerischen Späher 
war klar, aus welcher Richtung der Krieger kommen mußte, 
dem dieses Pony gehörte: vom Lager der räuberischen Feinde. 

Schneller Fuchs schwang sich auf sein Tier, schnalzte mit der 

Zunge, und der Mustang lief los. 

Cochise und Eskaminzin hörten die Berichte der Kundschafter 
mit steigender Unruhe. Die Chiefs wußten, daß sie schnell 
handeln mußten. Denn die Vernichtung von einem ganzen Zug 
Pferdesoldaten würde die Männer in Fort Thomas 
aufschrecken. Ganz sicher unternahmen die Offiziere einen 
Rachefeldzug gegen die Apachen. 

»Die Absicht der Feinde ist leicht zu durchschauen«, sagte 

Eskaminzin. »Sie hetzen uns die Soldaten auf die Fährte und 
nutzen diese Gelegenheit für sich selbst.« 

Cochises Gesicht wirkte grimmig. Er nickte und erwiderte: 

»Niemand glaubt uns, daß Wichitas und Caddos die Überfälle 
durchführten. Für die Weißen sind wieder einmal die Apachen 
die Mörder. Es ist ihnen dann gleichgültig, Bruder, daß du ein 
friedlicher Mann bist, daß du versuchst, den Boden zu 
bepflanzen und deine Krieger zurückhältst. Die Aravaipas 
tragen die Schuld. Und bis du beweisen kannst, daß es nicht so 
ist, reitet die Hälfte deiner Krieger in die ewigen Jagdgründe.« 

Eskaminzin verzog das Gesicht. Manchmal fragte er sich, ob 

seine Politik den weißen Eindringlingen gegenüber richtig war. 
Manchmal erschien es ihm besser, kämpfend unterzugehen. 

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Aber was wurde dann aus den Alten, den Squaws und den 
Kindern, die nie zu richtigen Kriegern werden konnten? 

»Wir stellen die Hunde«, versprach Cochise ernst. »Meine 

Späher sind noch unterwegs, Bruder. Sie werden uns melden, 
wo wir das Lager der Feinde finden.« 

Eskaminzin nickte. Er war nicht so zuversichtlich wie der 

große Jefe. Der Aravaipa dachte an die sechzig Krieger, die auf 
sein Wort hörten. Nach allem, was die Kundschafter bisher 
berichtet hatten, waren die Gegner doppelt so stark, Diesen 
Vorteil konnten die Aravaipas und Cochises zwölf Chiricahuas 
nur durch die überlegene Feuergeschwindigkeit der 
Winchestergewehre ausgleichen. 

Es würde ein harter Kampf werden. Denn keiner der 

Wichitas durfte entkommen. Die Kunde der Niederlage mußte 
im Land der Apachen bleiben. Sollten die Stämme in der 
Heimat der Feinde davon erfahren, brachen sie zu einem 
Rachefeldzug auf. Und das brachte einen Feuerbrand in den 
Südwesten, der zahllose Opfer fordern würde. 

Hufschlag kam auf. Der Schrei des Adlers schwang scharf 

durch die Luft. Sofort darauf bellte ein Fuchs heiser. 

Fragend sah Eskaminzin den Jefe an. Cochise nickte und 

sagte: »Das ist Schneller Fuchs, einer meiner Krieger.« 

Es dauerte nicht lange, bis der Kundschafter das Lager in der 

Felsspalte erreichte und absaß. Sekunden danach kauerte der 
Späher vor den Häuptlingen und zeichnete mit einem kleinen 
Zweig die Lage des Canyons in den Sand. 

»Gut«, sagte Cochise, als sein Krieger schwieg, »wir teilen 

uns, Eskaminzin. Du führst die Hälfte deiner Männer zur 
anderen Seite. Brechen die Wichitas durch, fliehen sie, hältst 
du sie auf. Ich greife mit dem Rest deiner Krieger von Westen 
her an. Meine Chiricahuas verbergen sich an den Talhängen 
und greifen von oben her ein. Gib den Befehl zum Aufbruch, 
mein Bruder. Wir reiten, wir befreien dein Land von den 
Mördern und Dieben.« 

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Eskaminzin schwang sich auf seinen Mustang, hob die 

Rechte und hielt eine kurze Ansprache. 

»Krieger, heute haben die Aravaipas die räuberischen Hunde 

in der Falle«, rief er, »wir jagen sie dorthin zurück, woher sie 
gekommen sind. Cochise hilft uns. Vergeßt nicht, daß von 
unseren Taten der Frieden abhängt. Denn wenn die 
Pferdesoldaten erst aufmerksam werden, wenn sie eingreifen, 
steht die Sache der Apachen schlecht. Hört mir zu, Krieger…« 

Nach wenigen Minuten waren die drei Trupps unterwegs. 

Cochise ließ seine Gruppe langsam reiten. Eskaminzin 
brauchte einen Vorsprung, um auf schmalen Pfaden, die nur 
den Apachen bekannt waren, zur anderen Seite der Schlucht zu 
gelangen. 

Was Cochise jedoch nicht wußte, war, daß der Häuptling der 

Aravaipas einen Weg kannte, der ihn in kurzer Zeit in den 
Rücken der Feinde gelangen ließ. 

Die Chiricahuas trieben ihre Mustangs an. Geschickt wie 

Bergziegen kletterten die struppigen Tiere auf kaum fußbreiten 
Felsbändern in die Höhe. Zwischen den Drehkiefern tauchten 
die Ponys ein, verschwanden, als hätte es sie nie gegeben. 

Quachan lenkte sein Pferd neben Cochises Tier. Der 

Aravaipa-Krieger sagte halblaut: »Chief, wir müssen reiten. 
Dein Plan ist gut. Wenn aber Eskaminzin vor uns angreift, 
bleibt den Wichitas der Fluchtweg nach Westen offen.« 

Cochise blickte den Krieger aufmerksam an und fragte: 

»Dein Häuptling braucht einen Vorsprung, Quachan. Wie kann 
er vor uns sein Ziel erreichen?« 

»Er nimmt den Hirschweg«, erwiderte Quachan. »Die Berge 

sind kein Hindernis für unsere Mustangs.« 

Mit wenigen Worten erklärte der Aravaipa, was es mit 

diesem Hirschweg auf sich hatte. 

Vor langen Jahren, vor mehr Sommern, als der älteste 

Krieger des Stammes an Jahreszeiten zählte, mußte ein 
Aravaipa vor einer Übermacht die Flucht ergreifen. Seine 

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Feinde töteten das Pony. Lanze und Kriegskeule waren 
verloren. Der Apache machte sich zu Fuß auf den Weg. Im 
Wolfstrab hetzte er auf die Berge zu. Zwischen Abgründen, 
brüchigem Gestein und kargen Pflanzen lief der Gejagte 
bergan. Er wandte jene List an, die er kannte. Vergebens, seine 
Verfolger kamen immer näher. Einer der Jäger ließ seine 
Freunde weit hinter sich. Er trieb sein Pony an, holte alles aus 
dem Tier heraus und ließ es breite Klüfte überspringen, bei 
denen jedes andere Pferd den Gehorsam verweigert hätte. 

Der Aravaipa hatte keine Chance mehr. Sein Feind war nur 

noch Minuten entfernt. 

Der Gejagte suchte Deckung in einem breiten Streifen junger 

Drehkiefern. Langsam arbeitete er sich zum Ende des Waldes 
vor. Nur noch vier Reihen Bäume standen vor dem Krieger. 
Zwischen den Stämmen glänzte die nackte Felswand im 
Sonnenlicht. Hier war der Weg des Aravaipa zu Ende. 

Zögernd machte er die letzten Schritte. Auf einmal richtete 

sich ein großer Hirsch vor ihm auf. Das Tier senkte den Kopf. 
Drohend wiesen die nadelscharfen Spitzen seines Geweihs auf 
den Apachen. Er blieb reglos stehen. Es war nicht die Zeit zu 
jagen. Der erlegte Hirsch bot den Verfolgern einen zu 
deutlichen Hinweis. 

Plötzlich warf sich das Tier herum. Mit drei, vier langen 

Sprüngen gelangte es zur massiv wirkenden Felswand. Und 
dann streckte es sich, vollführte einen Satz wie ein Berglöwe 
und fand Halt auf einem Vorsprung, der von unten her nicht zu 
erkennen war. 

Der Krieger folgte dem Tier, gelangte auf das Gesteinsband 

und folgte ihm in die Höhe. Ein Stück weiter mündete der Weg 
in einer klaffenden Öffnung, die wie eine Höhle in das Innere 
des Berges führte. 

Diese Spalte endete auf der Westseite des Gebirgszuges. Und 

seit dieser Zeit nannten die Aravaipas den gefährlichen Pfad 
den Hirschweg. Sie benutzten ihn nur im Notfall, denn kein 

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anderer sollte von ihm erfahren. 

Cochise hatte gespannt zugehört und nickte, als Quachan 

schwieg. 

»Wir reiten!« rief der große Jefe und hob den rechten Arm. 
Innerlich verspürte er Zorn. Warum hatte Eskaminzin ihm 

nicht davon erzählt? Er mußte doch wissen, daß jede 
Kleinigkeit bei einem solchen Kriegszug wichtig war. 

Vielleicht hatte das friedliche Leben aus Eskaminzin 

wirklich schon einen Farmer und Viehzüchter gemacht? 
Konnte er überhaupt noch wie ein Apache denken, wie ein 
Krieger handeln? 

Der Häuptling schüttelte diese Gedanken ab. Er brachte sein 

Pony in Galopp und jagte weit vor den anderen her. Quachan 
folgte Cochise. 

Der Jefe beobachtete den Aravaipa aus den Augenwinkeln 

und folgte jeder noch so kleinen Richtungsänderung des 
anderen. 

Quachan hob die Linke und deutete auf eine Kerbe im 

Gestein. Sie sah aus, als hätte ein Riese eine gewaltige Axt in 
die Felsen geschmettert. 

Im selben Moment krachten Schüsse! 
»Angreifen!« rief Cochise und gab seinem Mustang die 

Zügel frei. 

Er sah sich nicht um, er wußte, daß ihm die Krieger folgten. 

Quachan riß den Ulmenholzbogen von der Schulter. Diese 
Waffe beherrschte er vollkommen. Selbst vom Rücken des 
galoppierenden Pferdes aus traf er mit einem Pfeil jeden 
Gegner. In dieser Situation verschmähte der Apache die Waffe 
der Weißen, die dreizehnschüssige Winchester, die in einer 
Lederschlinge an der Seite des Mustangs hing. 

Die kleine Streitmacht des Häuptlings drang in die Schlucht 

ein. Nach wenigen Längen sahen die Kämpfer Wickiups, 
Feuerstellen und eine Menge Pferde. Überall kletterten 
feindliche Krieger in die Felswände, um von oben auf die 

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Angreifer zu feuern. 

Eskaminzin hatte seine Männer bis zur Mitte des Tales 

geführt. Nun war er umzingelt. Die Späher der Gegner hatten 
den Ring hinter dem Jefe der Aravaipas geschlossen. Die Linie 
war nur dünn, mit großen Lücken zwischen den einzelnen 
Kämpfern. Eskaminzin konnte sich zurückziehen. Er dachte 
nicht daran. Hier stand er den Mördern gegenüber, die über 
zahlreiche Sippen seines Volkes hergefallen waren. Sie hatten 
den Tod verdient, und er würde ihnen den Tod bringen. 

Cochises Streitmacht verteilte sich in weitem Halbkreis. Ein 

Schauer von Pfeilen regnete auf die überraschten Caddos und 
Wichitas herab. 

Der Häuptling fühlte sein Blut heiß aufwallen, als er die 

Kriegskeule vom Gürtel löste und seinem Pferd die Hacken in 
die Flanken hieb. Der Mustang wieherte laut und streckte sich, 
machte förmlich einen Satz nach vorn. 

Cochise lenkte das Tier nur mit den Knien auf den dichtesten 

Pulk Feinde zu. In der Rechten schwang der Chief den 
Schädelbrecher, und mit der Linken umklammerte er die 
Lanze, deren Eisenspitze er selbst aus einem erbeuteten Messer 
gefertigt hatte. 

Die roten Bänder flatterten, als Cochise den Speer vorstieß 

und einen Caddo tötete. Ein Wichita preschte von der anderen 
Seite heran. Der Krieger riß hart an den Zügeln. Mit der 
Hinterhand schrammte das Pferd über die Grasnarbe und riß sie 
mehr als drei Yards lang auf. Cochise sah das metallische 
Blitzen und warf den Schädelbrecher. Der Granitkopf prallte 
gegen die Stirn des Feindes und tötete ihn sofort. 

Die Kriegskeule war verloren, denn in diesem Getümmel war 

es unmöglich, die Waffe vom Boden aufzuheben. 

Ein Dutzend Gewehre peitschten. Caddos, Wichitas und 

Pferde sanken sterbend zu Boden. 

Cochises Chiricahuas hatten mit einer Salve von oben herab 

vorübergehend Luft geschaffen. Der Jefe glitt vom Pferd, nahm 

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den Revolver des toten Gegners und spannte den Hahn. 

Drei Caddo-Krieger jagten auf den großgewachsenen Führer 

aller Apachen zu. Vier-, fünfmal peitschten die Gewehre der 
Angreifer. Die Kugeln jaulten hinter dem Chief als 
Querschläger davon. Vom Sattel aus war die Treffsicherheit 
mit den Waffen der Weißen ziemlich gering. 

Cochise feuerte mit dem erbeuteten Revolver. Nach dem 

dritten Schuß spürte der Häuptling einen harten Schlag an der 
Rechten. Blut lief über Finger und Handrücken. Der Beutecolt 
war auseinandergeflogen. Zornig warf er die nutzlose Waffe 
weg und nahm im Aufsitzen seine Kriegskeule wieder an sich. 

Der Revolver mußte eine sogenannte Spanische Waffe sein, 

aus schlechtem Material gefertigt und nur für wenige Schüsse 
gut. 

Cochise achtete nicht auf die Wunde. Er stürzte sich mit 

seinem Pony wieder in den dichtesten Pulk Caddos und wütete 
wie ein Berserker unter den Kriegern. Sie wichen zurück, 
rissen die Pferde herum, und im Peitschen der Gewehre 
ergriffen die Feinde die Flucht. 

Cochise stieß einen gellenden Schrei aus und wendete seinen 

Mustang. In breiter Linie jagten die Caddos nach Westen. Die 
Aravaipas hatten sich entlang der Talwände verteilt und 
drangen zur Mitte hin vor. Eskaminzins Männer zogen einen 
Kreis um die Gefangenen und schützten sie vor der Wut der 
Wichitas, die nicht ohne Beute die Flucht ergreifen wollten. 

Und jetzt stieg Cochises Leibgarde aus den Felswänden 

herab. Die zwölf Krieger feuerten mit den 
Winchestergewehren, die sie von Eskaminzin erhalten hatten. 

Immer wieder gellten die Kampfschreie der Apachen auf. 

Wieselflink wechselten sie ihre Standorte, boten den Feinden 
ein nie verweilendes, ständig wechselndes Ziel und jagten 
Kugel auf Kugel zwischen die indianischen Banditen. 

»Zastee!« brüllten die Chiricahuas. »Tötet!« 
Ein hünenhafter Caddo lenkte seinen Mustang auf die 

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Felswand zu. Wie ein Brett ragte eine Steinplatte mannslang 
waagerecht aus der Wand. Oben stand ein Chiricahua, suchte 
sich seine Ziele und setzte seine Kugeln mit tödlicher 
Sicherheit. 

Der Caddo trieb sein Pferd an. Es wurde noch schneller. 

Schaum flockte von seinem Maul, und als es dicht vor der 
Felsplatte angelangt war, stieß sich der muskulöse Krieger mit 
einem gewaltigen Satz ab und landete oben neben dem 
Apachen. 

Der Chiricahua riß das Gewehr herum. Die Mündung war 

nur zwei Handbreit von der Brust des Caddo entfernt Als der 
Apache abdrückte, klickte es nur metallisch. 

Der Caddo grinste wie ein ausgehungerter Wolf im Winter, 

der Beute wittert, sie sicher wähnt und riß Messer und Colt aus 
dem Ledergurt, den er nach Art der Weißen um die Hüften 
trug. 

Der Chiricahua wirbelte das Gewehr herum und schlug zu. 

Der Kolben traf die Schläfe des Caddos. Wie von einer 
gewaltigen Faust wurde der Krieger vom Felsvorsprung gefegt 
und geriet unter die Hufe eines Pferdepulks. Die Caddos 
flohen, brachen nach Westen durch. Und die Wichitas 
ebenfalls. Denn wurden beide Gruppen getrennt, waren sie 
schon so gut wie verloren. Jeder einzelne Krieger wußte das. 
Nur die vereinigte Streitmacht der beiden verwandten Stämme 
konnte den Apachen standhalten. 

Cochise zügelte seinen Mustang und prüfte die Lage. Er stieß 

einen lauten Schrei aus, deutete auf die Fliehenden und hob die 
Kriegslanze in ihre Richtung. 

Die Chiricahuas reagierten sofort. Eskaminzins Krieger 

hingegen zögerten, suchten ihren Häuptling, warteten auf 
seinen Befehl. 

Cochise sah den Chief nicht mehr. Plötzlich wummerten 

Revolverschüsse bei den Jacales. Sofort riß Cochise sein Pony 
herum. 

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Ein Dutzend Caddos durchbrach den Ring der Aravaipas, die 

wütend brüllten und Pfeil um Pfeil auf die Fliehenden 
schwirren ließen. Vier, fünf, sechs Caddos stürzten von ihren 
Pferden. 

Die anderen schirmten ein Tier ab, auf dessen Rücken eine 

verschnürte Gestalt lag. Die Aravaipas trieben ihre Mustangs 
an, folgten den fliehenden Feinden und schoben sich zwischen 
Cochise und den Gefangenen. 

Dieser Mann mußte wichtig sein, dachte der Häuptling. Die 

Wichitas und Caddos versprachen sich etwas von ihm. 

Bevor der Führer aller Apachen die Streitmacht neu 

verteilen, bevor er den Befehl zur Verfolgung geben konnte, 
galoppierten die Ponys der Gegner aus dem Tal. 

Es war sinnlos, hinter ihnen herzuhetzen. Die ersten 

Flüchtlinge hatten Zeit genug gehabt, einen Hinterhalt zu 
legen. Die Aravaipas würden zuerst die befreiten Squaws in ihr 
Lager bringen wollen. 

Cochise ritt auf Eskaminzin zu. Der Jefe schien bedrückt, 

verlegen zu sein und sah an Cochise vorbei. 

John Haggerty lag in seiner Hütte, als der Kampf begann. Der 
Scout hörte die schrillen Rufe und wußte, das Chiricahuas in 
der Nähe waren. Brachten die Krieger Hilfe? Hilfe für den 
Gefangenen? 

Bevor sich John entschied, den Ruf des Falken auszustoßen 

und so seinen Standort zu verraten, sprang Gelbschlange in die 
Hütte. 

Der Anführer der indianischen Banditen grinste verzerrt und 

sagte laut: »Du bleibst bei uns, weißer Mann. Dich nehmen wir 
mit. Denn du bist mehr wert als alle Beute, die wir bisher 
machten.« 

Haggerty drehte den Kopf weg, stieß mit den gefesselten 

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Beinen nach dem Wichita, der mühelos auswich. 

John biß zu, als die Hand des anderen dicht vor seinen 

Lippen war. Darauf hatte Gelbschlange nur gewartet. 
Blitzschnell stopfte er dem Scout einen Lederlappen in den 
Mund. Bevor John das Ding mit der Zunge herausdrücken 
konnte, schlang der Indianer einen breiten Streifen um den 
Kopf seines Gefangenen und sicherte so den Knebel. 

Das Gewehrfeuer wurde stärker. 
Haggerty fragte sich, ob Cochise in der Nähe war. Nur der 

Jefe der Chiricahuas besaß die Macht, den weißen Späher zu 
retten. Seine Krieger würden ihn töten. Und die Aravaipas 
nahmen sicher keine Rücksicht auf den Kundschafter. Sie 
waren zwar friedlich gegenüber den Weißen und kämpften 
nicht. Trotzdem konnte sich John vorstellen, daß sie einen 
weißen Skalp nicht verachten würden. 

Hundertzwanzig Krieger, dachte Haggerty, alle entschlossen, 

Beute zu machen und diese Beute mit nach Hause zu nehmen. 
Was hatte Eskaminzin dieser Streitmacht entgegenzusetzen? 
Wieviel Chiricahuas verstärkten die Krieger der Aravaipas? 

Die Kriegsschreie der Apachen gellten, Schüsse krachten und 

Pferde wieherten grell vor Todesangst. 

Sie haben Mut, sind berauscht vom Kampf und dem Sieg 

über die Soldaten, dachte John unruhig. Die Angreifer werden 
einen schweren Stand gegen die siegestrunkenen Caddos und 
Wichitas haben. 

Haggerty fragte sich, ob die Krieger die Abteilung bis auf 

den letzten Mann niedergemacht hatte. Die Army mußte 
eingreifen, eine Strafexpedition ausrücken lassen, um den 
Indianern ihre Stärke zu zeigen. Natürlich würden die Soldaten 
gegen die Apachen ziehen, denn keiner der Offiziere wußte 
von der Horde Caddos und Wichitas, die sich auf einem 
Beutezug befanden. 

Cochise ist die einzige Hoffnung, wenn ich nicht freikomme, 

dachte John niedergeschlagen. Schafft es der Jefe nicht, diese 

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räuberischen Eindringlinge zu stellen, zu töten, reiten die 
Soldaten gegen die Apachen. Der Krieg ist unvermeidlich. Und 
Victorios Anhängerschaft wird wachsen. Auf eine solche 
Situation wartet der kriegslüsterne Mimbrenjo-Chief nur. 

Drei Krieger stürzten in das Jacale. Sie rissen Haggerty hoch, 

behandelten ihn wie ein lebloses Bündel, einen Mehlsack und 
schleppten ihn ins Freie. 

Nun ist es soweit, schoß es John durch den Kopf. Jetzt zeigen 

sie mich den Aravaipas und ihren Verbündeten. Das ist meine 
Chance. Wenn Cochise seine Krieger selbst führt, erkennt er 
mich. 

Aber der Scout hatte sich geirrt. Er fühlte, wie er 

hochgehoben wurde und unsanft auf einem Pferderücken 
landete. Haggerty sah nur den Bauch des Tieres und auf der 
anderen Seite die eigenen Füße. 

Sekunden später trieben die Indianer das Pony an. Die Stöße 

brachten Johns Magen zur Rebellion. Krampfhaft schluckte der 
Kundschafter. Wenn er sich erbrach, würde er ersticken. 

Im Galopp jagten die Caddos davon. Zwischen den 

wirbelnden Hufen sah der Scout drei, vier Körper fallen. Das 
Gewehrfeuer ließ nach. Kein Pfeil schwirrte mehr durch die 
Luft, und die Stimmen der Krieger klangen zufriedener. 

O verdammt, keine Chance für mich, dachte Haggerty. Sie 

bringen mich zu einem Ausweichlager. Bis die Apachen das 
gefunden haben und wieder angreifen, vergeht zuviel Zeit. 
Weiß der Satan, was Gelbschlange nun vorhat. 

Der gefesselte Mann rutschte auf dem Pferderücken nach 

hinten, als die Tiere einen steilen Bergpferd unter die Hufe 
nahmen. Ein Krieger rief etwas, und Gelbschlange ließ 
anhalten. 

»Hör zu, Kundschafter«, sagte der Chief, »wir setzen dich 

jetzt auf das Pferd. Du bleibst gefesselt. Versuchst du zu 
fliehen, bekommst du eine Kugel in die Schulter. Hast du das 
verstanden?« 

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Haggerty antwortete nicht. Er spürte eine seltsame Leere im 

Kopf, als ihn zwei Krieger packten, hochrissen und auf den 
Pferderücken setzten. 

»Nehmt ihm den Knebel ab«, befahl Gelbschlange. »Ich will 

hören, was er sagt.« 

Erleichtert atmete John durch den Mund, als das schmutzige 

Leder draußen war. 

»Hast du verstanden, was ich gesagt habe?« fragte 

Gelbschlange nochmals. 

Haggerty nickte nur. Wenn er jetzt antwortete, konnte er sich 

nicht mehr zurückhalten. 

Gelbschlange war zufrieden. Er ritt an die Spitze der 

Kolonne und bestimmte das Tempo. Die indianischen Banditen 
besaßen alle ausgezeichnete Pferde. Nach einigen Minuten 
wußte John, auf welche Kommandos der Mustang unter ihm 
reagierte. Lange überlegte Haggerty, ob er einen Fluchtversuch 
riskieren sollte. Unauffällig wandte er den Kopf, musterte die 
Krieger hinter sich und erkannte, daß er keine Chance hatte. 

Die kampfgewohnten Caddos waren in zahllosen Raubzügen 

erprobt. Sie handelten im Bruchteil einer Sekunde, sollte ihr 
Gefangener das Pony zur Seite lenken. 

Haggerty konnte nur durchhalten und hoffen, daß Cochise in 

der Nähe war. Wenn der Jefe seinen weißen Freund entdeckte, 
würde er alles zu Johns Rettung unternehmen. 

Der Trail führte durch die Bergwelt der Galiuros. Blüten des 

Petersbarts, Akeleien und ab und zu die weißen Matten der 
Portulakblüten wucherten zwischen Drehkiefern und niedrigen 
Tannen. 

Bergkräuter wuchsen in jeder Felsspalte, in die der Wind 

Erde getragen hatte. Zwischen den Ästen der Kiefern turnten 
Kaibab-Hörnchen umher, verharrten, wenn sie die Reiter sahen 
und schimpften nach einer Weile keckernd auf die Indianer 
hinab. 

Haggerty mußte widerwillig anerkennen, daß die Banditen 

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die Berge sorgfältig erkundet hatten. Nicht einmal wurde 
Gelbschlange unsicher. Immer lenkte er seinen Mustang bei 
Abzweigungen ohne Zögern in die neue Richtung. 

Die Drehkiefern blieben hinter den Reitern zurück. 

Kriechgewächse bedeckten den Boden, klammerten sich mit 
langen Wurzeln in winzigen Spalten fest und trieben Ausläufer 
in alle Richtungen. Sobald einer dieser Tentakel mit 
fruchtbarer Erde in Berührung kam, schlug er Wurzeln. 

Oft genug waren die Entfernungen zu weit. Die Ausläufer 

lagen locker auf dem Gestein. Und die Blätter vertrockneten in 
der Sonne. Grau schimmerte der nackte Fels zwischen den 
verdorrten Zweigen des Kriechgewächses hindurch. 
Gelbschlange bog in einen Canyon ein, dessen Zugang von 
einer Gruppe kräftiger Drehkiefern verdeckt wurde. Ein Reiter 
mußte bis zu den letzten Bäumen vordringen und dann 
rechtwinklig abbiegen. Das war der Trick bei der Sache. 

Zwischen den letzten beiden Baumreihen öffnete sich nach 

einem halben Dutzend Pferdelängen das Tal, das kaum mehr 
als eine halbe Meile breit war. Zahlreiche Rinnsale sickerten 
aus den Felsspalten herab. Sie vereinigten sich am tiefsten 
Punkt des Canyons zu einem kleinen Fluß, der nach Süden 
rann. Irgendwo außerhalb der Galiuro Mountains mündete 
dieser Wasserlauf in den Aravaipa River. 

Neugierig sah sich John um. Als Gelbschlange sein Pony 

zügelte, war vom zweiten Ausgang noch nichts zu entdecken. 
Der Chief ließ in einer großen Biegung lagern. Hier schnitt das 
Tal tief in die Felswände zur Linken ein. Auf Haggerty wirkte 
der Canyon wie das Bett eines mächtigen Flusses, der vor 
Urzeiten seine Bahn in die Berge gefressen hatte und im Laufe 
der Jahre ausgetrocknet war. 

Es dauerte nicht lange, bis die Krieger neue Zweighütten 

errichtet hatten. Feuer loderten vor den provisorischen 
Wickiups auf. Es roch nach bratendem Fleisch, nach Kräutern, 
und dem Scout lief das Wasser im Mund zusammen. 

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 48

Der Häuptling der Horde ging langsam auf den Scout zu, der 

vor einer halbfertigen Hütte lag. 

»Was willst du?« fragte John gelassen. 
Gelbschlange lächelte tückisch, als er antwortete: »Du bist in 

meiner Gewalt. Wenn ich es will, stirbst du den Tod der 
tausend Martern. Er dauert tagelang, Kundschafter Haggerty. 
Wir können genausoviel Spaß mit dir haben wie die Apachen. 
Du solltest etwas freundlicher mit mir reden, weißer Mann. 
Denk an die Martern.« 

John erwiderte etwas sehr Unfeines und sah zufrieden, daß 

der Anführer der Kriegerhorde zusammenzuckte. 

»Vielleicht können wir uns nun vernünftig unterhalten«, fuhr 

der Scout fort. »Ich bin dein Trumpf, Gelbschlange, das hast du 
selbst zugegeben. Wenn du mir auch nur ein Haar krümmst, 
verliere ich an Wert.« 

Haßvoll erwiderte der indianische Bandit: »Ich ziehe dir 

mein Messer durch die Kehle, wenn du noch einmal so redest, 
du weißes Stinktier.« 

»Wer sich vor einem Wichita fürchtet«, entgegnete John 

spöttisch, »hat auch Angst vor einer Eidechse. Wahrscheinlich 
ist dein Messer stumpf, Gelbschlange, und du hast viel Arbeit 
mit meinem Hals.« 

Der Indianer holte tief Luft. Seine dunklen Augen funkelten 

voller Haß. Er wollte antworten, diesem weißen Hund zeigen, 
wer hier der Gefangene und wer der Herr war, als ein 
Goldadler schrie. Sofort drehte sich der Wichita um und ging 
davon. 

Aha, dachte John, die Kundschafter kommen zurück. Ich 

möchte für mein Leben gern wissen, was die Späher zu 
berichten haben. 

Er sollte es erfahren. Denn nach einiger Zeit kehrte 

Gelbschlange zu seinem Gefangenen zurück. Triumph 
zeichnete das Gesicht des Wichitas, als er dicht neben 
Haggerty stehenblieb. 

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 49

»Du bist mein Gefangener, und du bleibst es nach meinem 

Willen«, sagte der Chief laut. »Du bist das Mittel, mit dem wir 
neue, reiche Beute erkämpfen werden. Hör mir gut zu, weißer 
Hund.« 

Haggerty rollte sich herum. Mit einem Tritt seines Fußes 

brachte Gelbschlange den Gefangenen wieder in die alte 
Stellung. John lag auf, dem Bauch und spürte den Fuß des 
räuberischen Halunken in seinem Nacken: 

Der Wichita stieß einen Ruf aus, der in einem langgezogenen 

Triller endete. 

Es dauerte nicht lange, bis sich die Krieger im Halbkreis vor 

ihrem Anführer versammelten. 

»Ich habe euch zu reicher Beute geführt«, rief Gelbschlange. 

»Wir mußten alles im Stich lassen. Die Apachensquaws, die 
unsere tapfersten Krieger verwöhnen sollten, sind von ihren 
Stammesgenossen befreit worden. Wir liefen vor Gegnern 
davon, die höchstens halb so stark wie wir waren. Seid ihr 
Krieger eigentlich Weiber? Oder seid ihr alte, zahnlose Greise, 
die in der Sonne hocken und mit ihrer Spucke einen Käfer 
treffen wollen?« 

Haggerty drehte den Kopf zur Seite, lachte und rief so laut er 

konnte: »Nein, sie sind die Käfer, Gelbschlange. Und was 
kannst du von Käfern schon erwarten? Fällt der Schatten des 
Feindes über sie, so laufen sie davon und verkriechen sich, statt 
zu kämpfen.« 

Der Wichita preßte nun mit aller Kraft seinen Fuß in den 

Nacken des hilflosen Weißen. John spürte den scharfen Sand 
an den Lippen, atmete ganz flach, um nicht den feinen Staub 
einzusaugen, der ihn unweigerlich zum Husten bringen würde. 
Diesen Triumph gönnte er dem Wichita nicht. 

Die Krieger murrten. Ob sie wegen der Worte des Weißen 

oder wegen der Vorwürfe ihres Anführers ungehalten waren, 
konnte John nicht feststellen. 

»Ich verspreche euch gute Beute«, rief Gelbschlange laut. 

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»Keine Squaws, keine Gewehre, nein, ich verspreche euch 
Gold!« 

Es wurde still. Erwartungsvoll blickten die Krieger ihren 

Häuptling an. 

»Die Späher sind zurückgekehrt«, fuhr der Chief fort, »die 

weißen Goldsucher ziehen davon. Sie haben ihre Ausbeute 
mitgenommen. Wir holen uns das Gold, denn es gehört uns, 
wie das Land dem Roten Mann gehört.« 

Ein paar Sekunden blieb es still. Doch dann rief einer der 

Krieger: »Gelbschlange, wir wurden schon einmal von den 
Weißen zurückgeschlagen. Ihre Gewehre schießen schneller, 
als wir laden können. Wenn wir die Goldsucher noch mal 
angreifen, zahlen wir mit unserem Blut dafür. Und die Beute 
behalten die Weißen.« 

»Nein!« brüllte Gelbschlange laut, »diesmal wird es anders 

sein. Wir haben einen Gefangenen, den obersten Kundschafter 
der Pferdesoldaten. Wir zeigen ihn, den Goldgräbern und 
drohen, diesen Mann hier zu töten. Sie werden uns all ihr Gold, 
ihre Waffen und Patronen geben, denn sie wollen den Mann 
retten. Verlaßt euch auf mich. Ich kenne die Weißen. Sie geben 
nach, das verspreche ich euch.« 

»Wenn du dich nur nicht irrst«, sagte John gepreßt. 
Obwohl er den Mund voll Sand bekam, als er sprach, mußte 

er diese Worte loswerden. Gelbschlange schien die Weißen 
weniger gut zu kennen wie er seine Freunde glauben machen 
wollte. Haggerty wußte ganz genau, daß die Abenteurer, die 
den Süden heimsuchten, zur hartgesottenen Art gehörten, die 
nur an sich selbst dachten. 

»Wir zeigen ihnen diesen Kundschafter«, fuhr der Häuptling 

fort, »wir binden ihn an den Pfahl und beginnen mit den 
tausend Martern. Selbst wenn John Haggerty schweigt, wenn er 
nicht vor Schmerzen schreit, so werden doch die anderen 
nachgeben. Sie können es nicht ertragen, sehen zu müssen, wie 
einer ihrer Rasse gemartert wird.« 

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 51

Die Krieger redeten in ihrem gutturalen Dialekt miteinander. 

Haggerty verstand kaum ein Wort. Er spürte jedoch, daß die 
Männer die Chancen gegeneinander abwogen. 

»Gut, wann greifen wir an?« fragte ein Caddo. 
»Im Morgengrauen«, erwiderte der Chief, »wir beobachten 

sie und suchen einen sicheren Hinterhalt. Noch in der Nacht 
errichten wir den Marterpfahl.« 

Gelbschlange entwickelte seinen Männern einen Plan, der 

kaum fehlschlagen konnte, wenn die Digger in der 
gewünschten Art reagierten. 

John Haggerty dachte bitter an seine Lage. Sie würden ihn 

fesseln und knebeln, diese indianischen Halunken. 

Denn ließen sie ihn reden, würde er die Goldsucher 

beschwören, nicht nachzugeben. Es ging um mehr als das 
Leben eines einzelnen Mannes. Es ging um den Südwesten an 
sich. Lohte der Feuerbrand des Krieges wieder auf, so waren 
Apachen und Weiße gleichermaßen verloren. Nach langen 
Auseinandersetzungen würden die Weißen siegen, dessen war 
sich John gewiß. Aber der Blutzoll würde schrecklich sein. 

Die Krieger zerstreuten sich. Der Chief nahm seinen Fuß von 

Haggertys Nacken und ließ zu, daß sich der Gefangene 
umdrehte. 

John sah das spöttische Lächeln im Gesicht des anderen und 

sagte halblaut: »Ich hoffe, daß sich die Digger nicht dazu 
zwingen lassen, verdammter Gelbkäfer. Warum verkriechst du 
dich nicht unter einem Felsen? Ich spüre, daß du vernichtet 
wirst, daß dein Tod nahe ist, Caddo. Dieser Angriff auf die 
abziehenden Goldsucher ist der Anfang von deinem Ende.« 

Gelbschlange lachte höhnisch und erwiderte: »Es ist der 

Anfang von reicher Beute. Alles, was wir bisher holten, ist 
nichts, gar nichts gegen das, was du uns einbringen wirst, 
Chiefscout John Haggerty.« 

Der Kundschafter schüttelte den Kopf und wünschte sich 

heftig, daß niemand auf ihn Rücksicht nehmen würde. Die 

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Caddo-Wichita Allianz durfte einfach nicht raubend und 
mordend durch den Südwesten ziehen. Sie konnten nicht jeden 
Menschen umbringen, dem sie begegneten. Und entkam auch 
nur ein weißer Mann, so ritten die Soldaten. Und die Apachen 
waren die Leidtragenden, denn sie sahen sich noch immer als 
die Herren des Landes. Und gegen sie richtete sich der Angriff 
der Pferdesoldaten. 

Gelbschlange schien Haggertys Gedanken zu ahnen, denn 

der Chief sagte grinsend: »Je mehr Unruhe, Kämpfe in diesem 
Land ausbrechen, um so besser ist es für uns, Scout. Du hat 
keine Chance. Du bist nur von meiner Gnade abhängig. Und 
wer weiß, vielleicht lasse ich dich frei, wenn wir genügend 
Beute gemacht haben? Vielleicht schenke ich dir auch einen 
schnellen Tod. Das kommt ganz auf dich an, weißer Mann. Nur 
auf dich.« 

John antwortete nicht. Seine Situation war mehr als 

hoffnungslos. Außer einem schnellen Tod erwartete er nichts 
mehr. Selbst im größten Kampfgetümmel konnte einer der 
Caddos oder Wichitas den Gefangenen mit einer Kugel, einem 
Pfeil oder einem Messerwurf erledigen. Es sei denn, Cochise 
war in der Nähe. Hatte der große Jefe seine Chiricahuas 
begleitet, griffen diese Krieger in die Auseinandersetzung ein, 
so hoben sich Haggertys Chancen beträchtlich. Denn Cochise 
opferte keinen Blutsbruder für irgendeinen Vorteil. 

Und Apachenlist war den Tricks der Wichitas und Caddos 

mehr als überlegen. 

»Cochise, es ist meine Schuld«, stieß Eskaminzin hervor. »Ich 
habe nur gesehen, daß wir den elenden Hunden von Caddos 
eine Niederlage zufügen können. Ich habe nicht weit genug 
geschaut.« 

Der große Jefe lächelte, und es war ein warmes, freundliches 

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Lächeln. 

»Das zeigt mir, Bruder«, sagte er, »daß du noch ein Apache 

bist und kein weißer Mann in den Stiefeln der Wüstenkrieger.« 

Eskaminzin atmete erleichtert auf. Cochise war nicht zornig 

über den fehlgeschlagenen Angriff, über die Zeitverwirrung, 
die durch Eskaminzins Weg durch den Hirschpfad entstanden 
war. 

»Das ist genau die Kampfweise, die wir uns nicht erlauben 

dürfen«, fuhr Cochise fort, »wenn wir kämpfen und den 
Eindringlingen Widerstand leisten wollen. Wir müssen mehr 
über alle Dinge reden, Bruder.« 

Eskaminzins Gesicht zeigte einen besorgten und unsicheren 

Ausdruck. 

Cochise ahnte, woran der Häuptling der Aravaipas dachte 

und sagte: »Ich will nicht in deine Geheimnisse eindringen 
Bruder. Und wenn es nötig ist, daß ich davon höre, so wird 
mein Mund verschlossen bleiben. Aber alles ist wichtig, wenn 
es um unsere Gegner geht.« 

Eskaminzin nickte und sah etwas zuversichtlicher aus. Große 

Dinge behielt er nicht mehr für sich. Von den modernen 
Winchestergewehren wußte Cochise schon. Und der Besitz 
dieser Waffen war das größte Geheimnis der Aravaipas 
gewesen. Ferner zählte auch die Kenntnis der alten Goldmine 
der Eisenmänner im Tal des hundertfachen Todes dazu. Auch 
das war dem großen Jefe inzwischen bekannt, und er würde 
keinen Gebrauch von diesem Wissen machen. 

»Die Gefahr ist nicht vorbei«, sagte Cochise deutlich. Noch 

immer treiben sich die Caddo- und Wichita-Krieger in deinem 
Land herum, Bruder. Sie geben nicht auf. Sie sind wie die 
Weißen, klammern sich zäh an unnütze Dinge und hoffen, 
eines Tages reiche Beute zu machen. Ich sende meine Späher 
aus. Sie sollen die Fährte der Halunken aufnehmen und ihr zum 
neuen Lager folgen.« 

»Und wir?« fragte Eskaminzin, »was machen meine 

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Krieger?« 

Der Chief der Aravaipas war etwas gekränkt. Denn seine 

Männer waren genauso gute Apachen und ausgezeichnete 
Späher, wie es Cochises Krieger waren. 

»Sieh dich um«, erwiderte Cochise. 
»Haben unsere Feinde keinen Anspruch auf Ehre? Sie sind 

tot. Ihre Freunde können sie nicht bestatten, wie es die Sitte 
verlangt. Es ist unsere Pflicht, Eskaminzin, die Toten würdig 
auf den Weg zu den ewigen Jagdgründen vorzubereiten. Denke 
auch an die weißen Soldaten. Deine Männer sollen sie getrennt 
hinlegen. Deine Krieger kennen das Land. Sie werden eine 
Felsspalte finden, die für alle toten Kämpfer groß genug ist.« 

Eskaminzin starrte den Chief der Chiricahuas an und fragte: 

»Die Pferdesoldaten und die Räuber unserer Rasse sollen in ein 
gemeinsames Grab gesenkt werden?« 

Cochise lächelte. Sein Blick wirkte traumverloren, als er zu 

den Gipfeln der Berge hinaufblickte und leise antwortete: »Der 
Tod, Bruder, macht alle lebenden Wesen gleich. Er stößt die 
Tür in ein Land auf, das wir nicht kennen. Wir stellen uns 
dieses Land vor, ja, aber wir wissen nichts von ihm. Ist es so, 
wie unsere Überlieferungen berichten? Ist es ein wasserreiches 
Gebiet mit vielen Tieren, die allen Apachen Nahrung im 
Überfluß bieten? Oder ist es so, wie die weißen Kuttenmänner 
erzählen? Wachsen den Menschen im jenseitigen Land Flügel 
aus den Schultern? Brauchen sie keine Mustangs mehr und 
keine Waffen? Spielen sie auf merkwürdigen Instrumenten 
wunderbare Musik, die alle Seelen sanft macht? Wir wissen es 
nicht, Bruder, aber wir ahnen, daß der Tod nur einen Moment 
währt, etwa so lang, wie der Atemzug eines Kindes dauert.« 

Eskaminzin fühlte sich von den Worten des Chiefs seltsam 

angerührt. Wie alle Apachen glaubte er an die Urgewalt der 
Natur in ihren vielfältigen Erscheinungsformen. Ein Blitz zur 
unrechten Zeit konnte Unheil, konnte den Zorn der Gottheit 
bedeuten. Ein Regenguß mitten im Sommer versetzte ganze 

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Stämme in Unruhe. Aber so weit wie Cochise war Eskaminzin 
in seinem Denken noch nicht vorgedrungen. 

Er wandte sich ab und gab eine Reihe von Befehlen. 
Sofort schwärmten die Aravaipas aus. Sie sammelten die 

gefallenen Gegner und die Körper der Pferdesoldaten ein. 

Reglos standen die beiden Pferde der Häuptlinge im Schatten 

einer vorspringenden Felsplatte. 

Die Wege der Krieger wurden länger, nahmen mehr Zeit in 

Anspruch, und nach einer Stunde, gemessen an der Uhr der 
Weißen, lagen alle Toten im Talkessel vor den Wickiups. 

Cochise schnalzte mit der Zunge. Sein Pferd ging los und 

trug ihn zu den Soldaten. 

»Vier Männer fehlen«, sagte Cochise, als Eskaminzin sein 

Tier neben ihm verhielt. »Es sind zwei Soldaten, dann der 
Mann, der sich Lieutenant John Cummings nennt und der 
kleine Offizier, der Winkel und Streifen am Ärmel trägt.« 

Eskaminzin gab seinen Kriegern sofort den Befehl, die 

Fährte der vier vermißten Blauröcke aufzunehmen. 

Die Chiefs konnten nur noch warten. 
Cochise nutzte die Zeit und durchsuchte die Zweighütten. 

Nach Apachenart hatten die Caddos und Wichitas Unterkünfte 
errichtet. Alle Hütten waren leer. Alle bis auf eine. 

Und was Cochise hier fand, ließ ihn an allem zweifeln, was 

er sich bisher überlegt hatte. 

Denn auf dem Boden der Hütte, aus der die Feinde einen 

Mann herausgezerrt hatten, fand er ein Lederbild, das er genau 
kannte. Es gehörte seiner Schwester Tla-ina. Es hatte ihr 
gehört. Und es gab nur einen einzigen Mann, dem sie es 
geschenkt haben konnte: John Haggerty, dem Falken. 

Reglos stand der hochgewachsene Cochise. Er starrte auf die 

matten Farben der Zeichnungen und atmete schwer. 

Ein solches Bild bekam jede Apachin, wenn sie zur Frau 

wurde. Ein heiliger Ritus, an dem der ganze Stamm teilnahm. 
Zum Zeichen dafür, daß sie nun nicht mehr zu den sorglos 

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spielenden kleinen Squaws gehörte, als Hinweis auf ihre 
Fähigkeit, junge Krieger gebären zu können, fertigten die 
ältesten Squaws mit Hilfe des Medizinmannes dieses Bild an. 
Es enthielt die Eigenschaft der jungen Frau, zeigte ihre 
Fähigkeiten und ihren Namen auf. 

Es gab immer nur einen Menschen, dem sie dieses Bild 

zeigte: ihrem Geliebten. 

Cochise steckte den Lederfleck sorgsam ein. Er durfte nicht 

verlorengehen, denn das bedeutete nach dem Glauben der 
Apachen schlimmes Unglück. Bevor er weiter über John 
Haggerty nachdenken konnte, rief Eskaminzin. Der Häuptling 
der Aravaipas war von einem halben Dutzend Krieger umringt, 
die ihm Bericht erstatteten. 

Cochise ging mit langen Schritten zu den befreundeten 

Apachen. Seinem Gesicht war nichts von der Erschütterung 
anzumerken, die ihn ergriffen hatte. 

»Bruder«, rief Eskaminzin, »meine Späher haben die vier 

Pferdesoldaten gefunden. Sie liegen unter einem Felsendach, 
Wasser rinnt aus Gesteinsspalten, und Sträucher bieten 
Deckung und Schatten.« 

Cochise schwang sich auf seinen Mustang und fragte: 

»Leben sie noch?« 

Setonya, einer der Späher, antwortete: »Noch leben sie, Jefe. 

Ihre Wunden sind schwer. Das Blut rinnt aus den weißen 
Männern heraus.« 

Listig blickte der Späher den hochgewachsenen Chiricahua 

an. 

»Wenn wir sie vergessen«, fuhr Setonya fort, »leben vier 

weiße Männer weniger in der Heimat der Apachen.« 

Cochises Gesicht wirkte, auf einmal hart und abweisend. Die 

dunklen Augen drohten förmlich. 

»Wir lassen keinen Pferdesoldaten sterben«, sagte der große 

Häuptling. »Wir haben Frieden mit den Blaubäuchen, Setonya. 
Auch ein Späher der Aravaipas sollte das wissen. Gerade er 

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müßte es wissen, denn dein Chief hält schon lange Frieden mit 
den Weißen.« 

Der Kundschafter nahm die Zurechtweisung mit stoischer 

Miene auf. Er blickte an Cochise vorbei. Sein Gesicht wirkte 
leer, und mit keiner Geste zeigte er seinen Unmut. 

Innen sah es bei dem Krieger so aus, wie bei den meisten 

Aravaipas. In ihren Gedanken widersetzten sie sich 
Eskaminzin, der Frieden predigte. Die Krieger sollten die 
Apachentradition nicht aufgeben, die aus Raub, Mord und 
Marter und Skalps bestand. Eskaminzin jedoch hatte seine 
kaum sechzig Krieger fest in der Gewalt. 

Der Stamm war klein genug, um jederzeit über die Wege der 

einzelnen Kämpfer Bescheid zu wissen. Andererseits war er zu 
klein, um mit der eingedrungenen Horde Wichitas und Caddos 
fertig zu werden. 

Der Jefe beobachtete die Squaws, die sich für den Heimweg 

rüsteten. Sie waren froh, aus der Gewalt der indianischen 
Banditenhorde befreit zu sein. In Eskaminzins Dorf würde der 
Ruhm der Krieger vor ihrer Rückkehr die Gemüter erhitzen. 

Hoffentlich, so dachte Cochise, werden die Ältesten nicht 

übermütig. Wenn sie die Halbwüchsigen ausschicken, war alles 
umsonst. Denn die jungen Männer, die noch keine Krieger 
waren, gierten nach Ruhm, nach der ersten Beute und den 
ersten Skalps. 

Ein Dutzend Aravaipas leitete die Mustangs in die Richtung, 

aus der die Späher gekommen waren. Die meisten Krieger 
hielten Decken in den Händen. Wenn die Weißen wirklich so 
schwer verwundet waren, gab es nur eine Möglichkeit, sie zu 
transportieren. Ihre Verletzungen durften nicht wieder 
aufbrechen, denn dies bedeutete den sicheren Tod für die 
Soldaten. 

Cochise ging zu jenem Jacale zurück, in dem er das 

Lederbild gefunden hatte. Mit gekreuzten Beinen setzte er sich 
in die Öffnung der Strauchhütte. 

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Seine Gedanken beschäftigten sich mit John Haggerty, den er 

Freund nannte, der sein Blutsbruder war und seine Schwester 
liebte. 

War Falke zum Verräter geworden? 
Cochises Gedanken wurden schwer vor Kummer. Konnte es 

sein, daß die Macht der Weißen über ihre Mitmenschen so weit 
reichte, daß diese Macht Freundschaften zerstörte, die 
Zuneigung zwischen Männern, Kämpfern abwürgte? 

Cochise kam ein furchtbarer Gedanke. Der einarmige 

General Howard hatte gelobt, sechs Mondzeiten Frieden zu 
halten. Er hatte dieses Versprechen mit seinem Wort besiegelt. 
War es möglich, daß Howard sein Wort brach? Hatte der Vater 
der Pferdesoldaten die räuberischen Caddos und Wichitas 
selbst ins Land geholt, um Unfrieden unter den 
Apachenvölkern zu stiften? 

Vielleicht wollte Howard, daß die Wüstenkrieger den 

Frieden brachen. Vielleicht wartete er nur darauf, mit seinen 
Truppen eingreifen zu können, um so endgültig den 
Niedergang der Apachenstämme einzuleiten und das gesamte 
Gebiet für die weißen Eroberer freizumachen? 

Cochise wog gegeneinander ab, was das Wort eines weißen 

Pferdesoldaten und das eines Chiefs wert war. Er kam zu dem 
Schluß, daß die Weißen immer wieder ihre Versprechen 
brachen, sich nicht an feierlich geschlossene Verträge hielten. 
Aus dem Norden, dem Land des Winters, drangen immer 
wieder Nachrichten zu den Apachen. Nachrichten, die vom 
Tod ganzer Sippen, ja, vom Untergang ganzer Stämme 
berichteten. Und immer hatten die Weißen ihre Hände im 
Spiel. 

Gefiel einem weißen Siedler oder Rancher das Land, das für 

ewige Zeiten den Indianern zugesprochen war, so brachen die 
weißen Männer diesen Vertrag. Wurde gar Gold, Silber oder 
Kupfer gefunden, so konnten die Krieger nur noch fliehen oder 
kämpfen. Und der Kampf endete zumeist mit dem Tod der 

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roten Männer. 

Cochise haderte mit sich selbst. Er nannte sich innerlich den 

dümmsten Chief seit ungezählten Jahreszeiten, weil er einen 
Weißen zu seinem Blutsbruder gemacht hatte. Es war nicht gut, 
sich mit den Langmessern einzulassen. Das Volk litt darunter, 
wenn nicht heute, so doch morgen oder im nächsten Winter. 

Auf der anderen Seite hoffte er, daß John Haggerty selbst 

Gefangener der Caddos war. Aber wie konnte Falke in eine 
Falle dieser roten Banditen geraten? Das erschien Cochise fast 
unmöglich. An das nächstliegende, an eine Verwundung seines 
Bruders, dachte er nicht. 

»Ich muß abwarten«, murmelte er und hob sein Gesicht zur 

Sonne. 

Die wärmenden Strahlen drangen nicht bis in sein Herz, wie 

er es gehofft hatte. Dumpfe Unruhe blieb zurück, schwelte und 
machte den Führer der Apachen innerlich zu einem zagenden 
Mann, der mit sich rang, ob er wirklich den richtigen Weg 
eingeschlagen hatte. 

Cochises Gedanken kehrten in die Gegenwart zurück. Er sah 

eine weiße, rehlederne Hose, die mit bunten Fäden bestickt war 
und schaute auf. 

Er bemerkte den beinahe ehrfürchtigen Ausdruck in 

Quachans Gesicht und unterdrückte ein Lächeln. Bei den 
Aravaipas galt die Weisheit, daß die Träume eines Mannes 
heilig waren und in Erfüllung gingen. Die Krieger dieses 
Stammes respektierten die Gedankenversunkenheit eines jeden 
anderen Mannes und warteten selbst mit der dringendsten 
Nachricht, bis der träumende Mann wieder zu sich selbst 
gefunden hatte. 

»Chief, die Krieger haben die vier Blauröcke gebracht«, 

sagte der Aravaipa achtungsvoll. »Eskarninzin will sie in unser 
Dorf bringen lassen. Die Weißen sterben, wenn wir sie zu 
ihrem Palisadenfort tragen, sagt unser Chief. Die Entscheidung 
liegt bei dir, Cochise. Denn du bist der Führer aller Stämme.« 

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Der hochgewachsene Apache stand geschmeidig auf. Er 

überragte alle Krieger, selbst seinen Sohn Naiche, der in den 
Dragoon Mountains die Felsenfestung der Chiricahuas 
befehligte. 

Der mächtige Brustkorb des Häuptlings weitete sich unter 

einem tiefen Atemzug. Ja, es gab zu tun, Entscheidungen 
waren zu treffen. Entscheidungen, die vielleicht alle Völker der 
Apachen beeinflußten. Cochise ging zu Eskaminzin hinüber. 
Vor dem Chief der Aravaipas lagen auf vier Decken vier weiße 
Männer in der Uniform der Pferdesoldaten. Die roten 
Halstücher und die gleichfarbigen Streifen an den Hosen 
wiesen die Bewußtlosen als Angehörige der Dragoner aus. 
Dazu trugen die Soldaten der Kavallerie im Gegensatz gelbe 
Streifen und Halstücher. 

Der große Jefe beugte sich vor, musterte jeden Verwundeten 

und sah Eskaminzin besorgt an, als er sich wieder aufrichtete. 

»Sie sterben«, sagte Cochise leise, »wenn sie nicht bald Hilfe 

bekommen. Der Weg zum Fort ist zu weit, Bruder.« 

Der Führer des kleinen Aravaipa-Stammes nickte und schlug 

vor: »Ein Drittel meiner Krieger bringt sie in mein Dorf. Die 
Alten kümmern sich um die Pferdesoldaten. Wir haben gute 
Medizin, die das Fieber vertreibt und das heiße Brennen der 
Wunden zurückhält.« 

Cochise grinste und erwiderte: »Und auf dem Rückweg 

hierher spähen deine Krieger die Fährte unserer Feinde aus. Ist 
es so, mein Bruder?« 

Eskaminzin erwiderte das Grinsen und nickte. Ja, genau das 

war sein Plan. Denn ohne Kenntnis des neuen Lagers konnten 
die Krieger die Gegner aus dem Land des Sonnenaufganges 
nicht angreifen. 

Eskaminzin gab eine Reihe von Befehlen. Jeweils vier 

Krieger lenkten ihre Mustangs an die vier Zipfel einer Decke, 
auf der ein verwundeter Soldat lag. Zugleich beugten sich die 
Apachen weit aus den Sätteln, packten die Decken und hoben 

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 61

sie hoch. 

Die Mustangs marschierten auf Kommando los. Im gleichen 

Schrittmaß fielen sie in Trab. Die sehnigen Arme der Krieger 
schwangen im Rhythmus der Gangart, und die bewußtlosen 
Weißen lagen wie in einer Sänfte; Kein Stoß, kein Ruck 
erschütterte die geschwächten Leiber der Soldaten. Sie wurden 
behutsamer als mit einem Sanitätsfuhrwerk der Army 
transportiert. 

Weitere zwölf Reiter schlossen sich den sechzehn Kriegern 

an, die den Rest der Abteilung davontrugen. Dieses Dutzend 
diente der Sicherheit. Kein Mensch konnte sagen, ob die 
Caddo-Wichita-Banditen irgendwo einen Hinterhalt gelegt 
hatten, nachdem ihre wilde Flucht weit genug vom Ort ihrer 
Niederlage entfernt zum Stillstand gekommen war. 

Cochise war zufrieden. Er bedauerte nur, daß er nicht mehr 

Chiricahua-Krieger mit zu Eskaminzin genommen hatte. Im 
Moment war die Kampftruppe der Apachen zu sehr 
geschwächt, um einen Angriff auf die immer noch 
übermächtigen roten Banditen durchzuführen. 

Nur List konnte zum Erfolg führen. Und die Listen der 

Apachen waren unter den Weißen bereits zu dieser Zeit 
Legende. 

Die Goldsucher zogen langsam nach Süden. Cochise und 
Eskaminzin hatten den Diggern ihr Wort gegeben, daß sie 
unbehelligt davontrailen konnten. Lynn Rogers saß im Sattel 
ihres Pferdes. Das Tier paßte seine Schritte denen der müde 
dahintrottenden Mulis an. 

Die Sonne stand tief über den Gipfeln der Mountains, und 

die Schatten der Reiter wurden länger. 

Ed Cooper, der Revolvermann, hatte die Führung des 

Reiterzuges übernommen. In der Mitte ritt Lynn, die als 

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einzige Frau unter zwanzig Männern vor wenigen Tagen an 
den Aravaipa River gekommen war. Sie hatte Gold gesucht, 
wie die anderen. Ihr Führer war ein Mann gewesen, den sie nur 
unter dem Namen Captain Jack gekannt hatten. Er war ein 
fähiger Digger gewesen, der die verschiedenen Bodenschichten 
gekannt und seine Gruppe zu einem Stück sandigen Flußufers 
gebracht hatte, das ihnen allen etliche Funde einbrachte. Aber 
dann versiegte das Glück. Nicht nur das Gold war knapp 
geworden. Nach kurzer Zeit war Cochise, der Führer aller 
Apachenstämme, mit mehr als sechzig Kriegern erschienen. 
Der Chief hatte den Abzug aller Weißen aus dem Gebiet der 
Aravaipas verlangt. 

Captain Jack hatte Widerstand leisten wollen, Cochise 

beleidigt und ihn schließlich zum Zweikampf herausgefordert. 

Der Anführer der Digger war dem bärenstarken Cochise im 

Messerkampf unterlegen gewesen. Diese Niederlage hatte der 
Goldsucher nicht verwinden können, sich einen Colt 
geschnappt, um den Jefe zu ermorden, der ihm großmütig das 
Leben geschenkt hatte. 

Captain Jack war durch Cochises Tomahawk gestorben. 
Die Digger mußten abziehen. Denn so hatten sie es 

vereinbart. Ihr Rückzug war der Preis für Captain Jacks 
Niederlage. 

Und nun trailten sie nach Süden. Tombstone war ihr Ziel. 

Dort wollten sie ihr Gold verkaufen, die Nuggets, den Flitter 
und den Goldsand in blanke Dollars verwandeln. 

Wie es weiterging, vermochte noch keiner der Männer zu 

sagen. Lediglich Lynn Rogers, die einzige Frau unter den 
harten Kerlen, hatte eine feste Vorstellung von ihrer Zukunft. 
Sie würde, nachdem sie ihr Gold eingetauscht hatte, ein drei 
Stunden währendes Bad nehmen. Sie hatte schon jetzt das 
Gefühl, den Staub des Apachenlandes von ihrer Haut spülen zu 
müssen. Eine Strähne des kastanienfarbenen Haares fiel ihr in 
die Stirn. Sie packte sie mit zwei Fingern, hielt sie ein Stück 

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von den Augen weg und musterte die Haare. 

»Pfui Teufel«, murmelte sie, »ich sehe aus wie eine 

Grandma. Meine Haare hatten die Farbe einer reifen Kastanie, 
aber nun sehen sie grau aus.« 

So leise sie auch gesprochen hatte, der bärtige Digger an 

ihrer Seite hatte die Worte doch verstanden. In seinem dunklen 
Bartgestrüpp öffnete sich auf einmal ein Loch. Der Mann 
grinste, und das Loch war der Mund. 

»Lady«, sagte der Mann, »ich weiß genau, wieviel gelben 

Dreck Sie aus dem Boden gekratzt haben. Dafür können Sie 
selbst in Tombstone zwei Jahre lang baden. Und dort ist alles 
doppelt so teuer wie in einer anderen Stadt.« 

Lynn lächelte dem bärtigen Mann zu. Er war ihr schon 

mehrmals aufgefallen. Er verhielt sich so, wie sie sich gedacht 
hatte. Denn in einer Gemeinschaft, die auf sich allein gestellt, 
im Apachenland nach Gold schürfte, durfte es wegen einer 
Frau keinen Ärger geben. 

»Wie heißen Sie eigentlich?« fragte Lynn Rogers. »Ich habe 

keine Lust, Sie immer mit Mister anzureden.« 

Der Bärtige kratzte sich in dem dicht wuchernden 

Haargestrüpp, und das Loch verschwand abrupt. 

Lynn blickte den Mann forschend an. Sie glaubte, so etwas 

wie Verlegenheit in seinem Blick zu erkennen. 

»Nun, eigentlich heiße ich Zebu-Ion«, antwortete der 

Goldsucher, »aber es genügt, wenn Sie mich Zeb nennen, 
denke ich, Lady.« 

Lynn lachte nicht, sie lächelte nicht einmal, als sie den 

Namen hörte. 

»Sagen Sie Lynn zu mir«, forderte sie den Schwarzbärtigen 

auf. 

Abermals öffnete sich das Loch im Bart, und der Mann 

fragte: »Lady Lynn, was haben Sie vor, wenn Sie sich in 
Tombstone den Dreck vom Leib gespült haben?« 

Die schöne Frau lächelte und erwiderte: »Ich suche mir einen 

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Saloon, der gut besucht ist und miete einen Spieltisch. Denn 
Pokern und Würfeln sind die einzigen Fähigkeiten, die ich 
besitze.« 

Zeb lachte halblaut und sagte: »Das stimmt nicht ganz. Sie 

behalten zusätzlich noch einen kühlen Kopf und wissen Ihre 
Chancen gut einzuschätzen. Das sind zwei weitere Fähigkeiten, 
die im Westen kaum anzutreffen sind.« 

Lynn lächelte und strich unbewußt über ihre schmutzigen 

Haare. 

»Aber bis Tombstone haben wir noch eine Menge Meilen 

zurückzulegen«, fuhr Zeb fort. 

Forschend schaute die schöne Frau den bärtigen Digger 

neben sich an. 

»Erwarten Sie Ärger?« fragte Lynn leise und sah sich 

forschend um. 

Keiner der anderen Reiter konnte ihre Worte gehört haben, 

denn niemand hielt sein Muli in ihrer Nähe. 

»Ich habe ein mächtig schlechtes Gefühl«, gab der bärtige 

Digger zu. »Ich kann mich auf meine Ahnungen meistens 
verlassen, Lady. Ich wette jeden Betrag, daß wir nicht 
ungeschoren nach Tombstone gelangen.« 

Lynn preßte die vollen Lippen zusammen. Sie verspürte 

keine Angst, nur einen Anflug von Zorn und 
Niedergeschlagenheit. 

»Hält Cochise sein Wort nicht?« fragte die schöne Frau. 

»Läßt er die Apachenkrieger auf uns los?« 

Zeb schüttelte heftig den Kopf und erwiderte: »Nein, auf 

keinen Fall. Wenn uns Apachen angreifen, handeln sie auf 
eigene Faust. Der Chief steckt bestimmt nicht dahinter. Er hat 
sein Wort gegeben, Lady Lynn.« 

Sie dachte nach, und auf einmal wußte sie es! 
»Die Wichitas und Caddos«, sagte die schöne Frau langsam. 

»Sie treiben sich hier herum und wollen Beute machen. Ist es 
das, Zeb?« 

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»Ich nehme es an«, antwortete der bärtige Mann gelassen. 

»Aber noch ist nicht aller Tage Abend. Ich denke, wir können 
sie zurückschlagen. Und da ist auch noch Cochise.« 

Verwundert fragte Lynn: »Was hat der Häuptling damit zu 

tun?« 

Abermals öffnete sich das Loch in den schwarzen Haaren. 

Zeb ließ sogar ein leises Lachen hören. 

»Eskaminzin hat ihn zur Hilfe geholt«, erklärte Zeb. »Der 

Chief der Aravaipas hat zuwenig Krieger, um uns und die roten 
Banditen zu bekämpfen. Cochise ist ein großer Führer. Bei der 
Army könnte er sicher General sein. Er hat einen Blick für 
solche Dinge.« 

Nachdenklich fragte Lynn Rogers: »Und Cochise reitet erst 

wieder zu seinen Leuten, wenn er die Gefahren für seine 
Freunde hier beseitigt hat?« 

Nickend sagte Zeb: »Das meine ich, Lady. Wir können also 

auf Hilfe hoffen, wenn die roten Halunken einen neuen 
Überfall versuchen. Ich stelle mir vor, daß ihnen Cochise und 
Eskaminzin schon auf der Spur sind.« 

Lynn richtete ihre Aufmerksamkeit auf das Pferd. Das Tier 

wurde von selbst langsamer. Die Reiterin sah, daß die Mulis 
der Digger in einen schmalen Canyon einbogen, dessen 
Seitenwände hoch aufragten. Mißtrauisch musterte sie das 
verwitterte, schrundige Gestein, die zahllosen Vorsprünge und 
fußbreiten Felsbänder, die Indianerfüßen Halt gewähren 
konnten. 

Die vorderen Mulis marschierten zur Seite, verteilten sich in 

dem engen Tal, strebten einer Stelle an der Ostwand zu und 
senkten die Köpfe. 

»Das ist eine sehr schlechte Stelle für ein Lager«, sagte Lynn 

ruhig. »Warum reiten Sie nicht zu Ed Cooper und bringen ihn 
davon ab, in dieser Falle das Nachtcamp aufzuschlagen?« 

Zeb fuhr sich mit den Fingern durch seinen schwarzen Bart 

und erwiderte: »Ich habe kein Talent, mich mit den Kerlen zu 

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streiten, die sich für die Bosse halten, Lady. Sie haben es ja am 
River gesehen. Captain Jack hätte mich am liebsten in kleine 
Stücke geschlagen. Nein, ich warte ab.« 

»Dann bleib ich in Ihrer Nähe«, sagte Lynn entschlossen. 

»Ich glaube, wenn einer es schafft, sind Sie das.« 

Zeb entfachte ein kleines Feuer, holte Wasser von dem 

kleinen Rinnsal, das aus einer Felsspalte rann, und kochte 
Kaffee. Lynn kümmerte sich um das Essen. Sie arbeiteten 
Hand in Hand. Und als sie aßen, waren sie die ersten. 

Die Sonne sank im Westen. Ein merkwürdiges Zwielicht 

breitete sich im Canyon aus. Aufmerksam musterte Zeb die 
Oberkante der Talwände. 

»Da, genau gegenüber«, sagte er heiser, »zwei alte Bäume 

stehen dort. Passen Sie genau auf, Lynn.« 

Sie blickte hinauf und spürte einen heißen Schrecken. Denn 

drei Männer standen dort oben. Ihre Körper schimmerten 
bronzefarben im Schein der untergehenden Sonne. Die hellen 
Rehlederhosen wirkten strahlend weiß, und von den Gewehren 
reflektierte blitzend das letzte Sonnenlicht. 

»Ich bin gespannt, wann die anderen etwas merken«, 

murmelte Zeb. 

Sie merkten nichts. Sie waren wie blinde Schafe. Erst als 

einer der Krieger dort oben sein Gewehr hob und eine Kugel in 
die jenseitige Talwand jagte, sprangen die Digger auf. 

»Was ist das?« rief einer. 
»Die verfluchten Apachen«, brüllte ein anderer. 
»Wir schicken sie zur Hölle, diese verdammten Stinker«, 

schrie ein anderer. 

In wenigen Sekunden hielten die Digger ihre Gewehre 

schußbereit. Sie zielten auf die drei Krieger, die im letzten 
Sonnenschein deutlich zu sehen waren. 

Lediglich die beiden Kämpfer, die bisher den Zug geführt 

hatten, behielten die Nerven. Ed Cooper lief zu Zeb, grinste 
schwach und fragte: »Hör mal, Schwarzbart, du kennst dich 

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doch mit den Roten aus. Was passiert jetzt? Sind das 
Apachen?« 

Zeb schüttelte den Kopf und erwiderte: »Nein, das sind die 

Kerle, die uns schon am Aravaipa River angegriffen haben. 
Jetzt versuchen sie es noch mal.« 

»Sie wollen unser Gold, unsere Waffen, die Tiere, einfach 

alles«, sagte Tomeo Avellan mit zorniger Stimme. »Wir geben 
ihnen heißes Blei, das bekommen sie von uns.« 

»Abwarten«, entgegnete Zeb, »sie zeigen uns jetzt nur, daß 

wir in der Falle sitzen. Es dauert nicht lange, bis sie ihre 
Forderungen stellen. Erst danach können wir handeln.« 

Lynn saß mit gekreuzten Beinen neben dem Feuer. Ihr 

Reitrock war etwas hochgerutscht und gab wohlgeformte Knie 
frei. Der Mexikaner blickte bedauernd darauf und seufzte. 
Diese Frau blieb für ihn unerreichbar. Und wenn das Pech bei 
ihnen im Tal war, konnten sie alle sterben. Tomeo wandte sich 
ab. Er ging mit steifbeinigen Schritten zu den Mädchen, die im 
Camp am Floß ihre Liebesdienste angeboten hatten. 

Ed Cooper blickte unverwandt zu den Talkämmen hinauf. 

Immer mehr Krieger erschienen dort. Nun ritt ein Indianer bis 
dicht an den Rand des Abgrundes. Reglos wie ein Denkmal 
stand das prachtvolle Pferd im roten Schein der Abendsonne. 

»Ein gutes Ziel«, sagte Ed langsam, »ich weiß, daß ich den 

Kerl aus dem Sattel holen kann, Schwarzbart.« 

»Laß es sein«, antwortete Zeb, »sie sind marodierende 

Krieger. Sie geben nicht auf, wenn ihr Chief tot ist. Im 
Gegenteil, sie überschütten uns dann mit einem Hagel aus Blei 
und Pfeilen.« 

Der Reiter hob den rechten Arm und rief: »Weiße Männer, 

ihr seid in der Falle. Ein Entkommen gibt es für euch nicht. 
Meine Krieger bewachen beide Zugänge des Tales. Wenn ihr 
meine Forderungen erfüllt, könnt ihr davonziehen, aber auch 
nur dann.« 

Ed Cooper spannte die Lippen zu einem bösen Lächeln. 

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»Was machen wir«, fragte er, »kämpfen wir uns durch?« 
»In der Nacht müssen wir einen Scheinangriff durchführen«, 

antwortete Zeb. »Die größere Gruppe bricht aus und macht uns 
den Weg frei, um hinterherreiten zu können. Alle Ausrüstung 
bleibt hier. Die Pferde dürfen keine schweren Lasten tragen. 
Nur uns, die Waffen und das Gold.« 

Ed nickte. Diese Idee versprach einigen Erfolg. Natürlich 

würden Männer verwundet werden oder sterben. Alles war 
besser, als sich von den roten Banditen ausplündern zu lassen. 

»Los, antworte dem Roten«, forderte Ed den 

Schwarzbärtigen auf. 

Zeb öffnete den Mund, wollte rufen, als der Anführer der 

Horde brüllte: »Ihr habt keine Chance, ihr weißen Hunde. Ich 
weiß, was ihr euch ausdenkt. Seht her, schaut euch den Mann 
genau an. Wir lassen ihn an einem Seil hinab.« 

»Verdammt«, sagte Zeb und starrte auf die Kante der 

Talwand. 

Vier Krieger hoben einen gefesselten Mann über den 

Abgrund und ließen ihn langsam an einem kräftigen Strick 
etwa zwei Dutzend Yards herab. 

»Ein Weißer«, stieß Lynn Rogers hervor, »o mein Gott!« 
»Ich kenne den Mann«, sagte Ed unruhig, »ich habe ihn 

schon gesehen, ich weiß nur nicht mehr, wo das war.« 

»Das ist John Haggerty«, rief der Häuptling, »er ist der 

oberste Kundschafter der Pferdesoldaten in diesem Land. Er 
stirbt, wenn ihr kämpft. Ich will alle Waffen, alle Patronen, das 
Gold und alle Werkzeuge. Ihr habt Zeit zum Überlegen. Wenn 
die Sonne wieder über die Berge scheint, will ich eure 
Entscheidung wissen.« 

Zeb fluchte halblaut vor sich hin. Ihre Lage war miserabel. 

Sie saßen in einer fast perfekten Falle. Die Rothäute würden 
nicht aufgeben. Sie wollten sich für die Niederlage beim 
Angriff rächen. 

Was Zeb nicht wußte, war, daß in der Zwischenzeit die 

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Apachen den plündernden Indianern die Beute wieder 
abgenommen hatten. Sie mußten also erneut zuschlagen, 
wollten sie nicht ohne Gewinn wieder ganz von vorn anfangen. 

»Okay, morgen früh!« brüllte Ed Cooper zurück. »Wir sagen 

dir, wie wir uns entschieden haben!« 

Zeb klappte den Mund zu. Die Augen des Diggers wirkten 

auf einmal hart. 

»Was ist«, brüllte er, »wenn wir uns von euch nicht 

einschüchtern lassen? Was passiert mit Haggerty?« 

Der Anführer der feindlichen Horde lachte laut, und dieses 

Lachen rollte förmlich ins Tal hinab. 

»Dann dürft ihr zusehen, wie der Kundschafter der Soldaten 

gemartert wird«, erwiderte der Häuptling. »Wir stellen den 
Pfahl so auf, daß ihr alles erkennen könnt. Und danach, weißer 
Mann, kommen meine Krieger über euch.« 

»Haggerty soll selbst reden!« schrie Zeb. 
»Er ist geknebelt«, entgegnete der Anführer der räuberischen 

Wichitas. 

Ein paar Digger hatten offenbar die Nase voll. Sie rissen ihre 

Gewehre an die Schultern und feuerten nach oben. Die 
kampfungewohnten Männer verschätzten sich beim Zielen 
gewaltig. Harmlos prallten die Kugeln gegen das mürbe 
Gestein und rissen einen Splitterregen herab. 

Sofort bekamen die Digger die Quittung für ihren Versuch. 
Die Männer, vier waren es, konnten nicht mal mehr schreien. 

Eine Pfeilwolke senkte sich herab, und in das Sausen dieser 
Geschosse mischte sich das Peitschen mehrerer Gewehre. 

Die vier Goldsucher waren sofort tot. 
»Diese verdammten Narren«, sagte Zeb böse. »Vier 

Schützen können bei einem Angriff eine Menge ausmachen. 
Jetzt haben wir vier Männer weniger.« 

»Bei Sonnenaufgang!« rief der Häuptling am Talrand. 
Auf ein Zeichen von ihm holten die Krieger das Seil ein, an 

dem John Haggerty, der Chiefscout für den Südwesten, hing. 

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»Wir müssen beraten«, sagte Ed Cooper. »Los, kommt, es 

muß doch einen Ausweg geben.« 

Der Revolvermann eilte mit langen Schritten davon. Er rief 

die anderen Goldsucher zusammen. 

»Cochise ist unser einziger Ausweg«, murmelte Zeb. »Aber 

wo der Chief jetzt ist, weiß niemand.« 

Ein Apache lag zwischen ein paar Felsbrocken. Niemand 
konnte den Krieger von der Umgebung unterscheiden. Ein paar 
Hände voll Sand hatten genügt, die Tarnung perfekt zu 
machen. 

Aufmerksam hörte der rote Kämpfer zu, als die Caddos und 

Wichitas die großartige Idee ihres Häuptlings lobten. 

Gelbschlange ritt vorbei. Er ahnte nicht, daß kaum zwei 

Mannslängen neben seinem Pferd ein Späher seiner Feinde lag. 
Ein paar Schritte hinter dem Häuptling stolperte Haggerty mit 
gefesselten Beinen hinter dem Pferd her. Die Lederschlingen 
gestatteten dem Scout nur kurze Schritte. Noch immer war er 
geknebelt, und die Hände hatten ihm die Krieger auf dem 
Rücken verschnürt. 

Der Apache war ein Chiricahua. Er empfand eine wilde 

Freude, als er den gefährlichsten Kundschafter der 
Pferdesoldaten gefangen sah. Obwohl der Chief für den 
Frieden eintrat, brannte in dem Krieger der Chiricahuas immer 
noch die Sehnsucht, einen Weißen zu töten und auszurauben, 
seinen Skalp mit in die Felsenfestung zu bringen. Solange kein 
richtiger Kriegszug aus einer solchen Aktion wurde, griff 
Cochise nicht ein. 

Freilich ging es hier um mehr. Dem Späher war klar, daß die 

Apachen dem weißen Scout helfen mußten. Nur so konnten sie 
die plündernden und mordenden Eindringlinge aus dem Osten 
niederkämpfen. Wer weiß, vielleicht erwiesen sich die 

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Goldsucher sogar als wertvolle Verbündete. 

Der Späher wartete lange. Unverwandt blickte er auf die 

Fährte der Feinde. Kein gegnerischer Krieger ließ sich blicken. 
Die Sonne war nicht mehr zu sehen, als der Chiricahua 
vorsichtig aufstand und in der Deckung der Gesteinstrümmer 
davontrabte. 

Nach mehr als fünfhundert Yards erreichte der Kundschafter 

seinen Mustang, sprang mit einem Satz auf den Pferderücken 
und schnalzte mit der Zunge. Das Tier ging los, gehorchte dem 
leisesten Druck der Schenkel und den winzigsten Bewegungen 
der Graszügel. 

Der Späher trieb sein Pony an, als er sichere Deckung 

erreichte. Im Trab lief das Tier auf Umwegen zum Talkessel, in 
dem Cochise und Eskaminzin auf die Nachrichten ihrer 
Kundschafter warteten. 

Der Krieger brachte das Tier in Galopp, erreichte das Tal und 

jagte zu den beiden Jefes, die vor einem Jacale mit gekreuzten 
Beinen saßen. 

»Doppelhund«, sagte Cochise, als er seinen Mann erkannte, 

»welche Nachricht bringst du?« 

»Die Wichitas und Caddos brechen dein Wort, Häuptling«, 

berichtete der Kundschafter, nachdem er vom Pferd 
gesprungen war. »Sie lauerten den weißen Männern auf, die 
nach Süden ziehen. Die Langmesser waren dumm genug, in 
einer engen Schlucht zu lagern. Jetzt haben unsere Feinde sie 
in ihrer Gewalt.« 

Cochises Gesicht blieb unbewegt. Obwohl wilder Zorn in 

ihm aufstieg, beherrschte er sich. 

»Ist das alles?« fragte der Chief der Chiricahuas. 
Doppelhund lächelte grausam und fuhr fort: »Nein, Jefe, die 

Feinde haben einen weißen Mann in ihrer Gewalt. Sie martern 
ihn bei Sonnenaufgang, wenn die Goldsucher nicht aufgeben.« 

Forschend blickte Cochise seinen Krieger an und fragte 

halblaut; »Wie ist der Name dieses Weißen, Doppelhund? Du 

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kennst ihn. Ich fühle das.« 

»Du nennst ihn Falke«, erwiderte der Späher. 
Der Häuptling straffte sich. Ein kühnes Funkeln trat in den 

Blick seiner schwarzen Augen. Cochise holte tief Luft. 

»Beschreibe mir deinen Weg«, befahl er Doppelhund. »Ich 

werde selbst spähen.« 

Der Krieger hatte erst drei Landmarken genannt, als 

Eskaminzin schon abwinkte. Der Chief der Aravaipas kannte 
sein Gebiet genau und wußte, wie Cochise am schnellsten und 
sichersten die Schlucht erreichen konnte. 

Doppelhund ging davon. Für heute hatte er seine Aufgabe 

perfekt gelöst. 

»Bruder, was wirst du tun?« fragte Eskaminzin. »Wenn wir 

die Feinde angreifen, sterben wir alle. Fast die Hälfte meiner 
Krieger bringt die verwundeten Pferdesoldaten in mein Dorf. 
Wir können keinen offenen Kampf wagen.« 

Cochise sagte halblaut: 
»Falke ist mein Bruder, Häuptling. Ich muß ihn befreien. 

Außerdem haben wir beide unser Wort gegeben, daß die 
weißen Goldsucher in Frieden abziehen dürfen. Wir müssen 
unser Wort halten.« 

Eskaminzin schien besorgt zu sein. 
»Die Feuer werden wieder lodern«, sagte er mit matter 

Stimme. »Nacht für Nacht durchdringen ihre Glutaugen die 
Dunkelheit. Unsere Krieger werden reiten und die 
Pferdesoldaten töten. Alle Weißen im Apachenland sterben, 
Cochise. Was geschieht danach? Mehr und mehr Weiße 
kommen, Soldaten dringen ein und töten jedes Kind, jede 
Squaw und jeden Krieger. Unser Volk stirbt, Cochise, wenn die 
Signalfeuer wieder brennen.« 

Der große Führer der Stämme vollführte eine abwehrende 

Handbewegung. 

»Dies darf nicht geschehen, Bruder«, erwiderte Cochise 

dumpf. »Unser Volk muß leben, muß von den Weißen lernen 

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und zugleich seine Eigenart erhalten. Das ist unser Ziel.« 

Nach langem Schweigen fragte Eskaminzin: »Wie willst du 

das erreichen? Wenn auch nur ein Gegner entkommt, wird er 
das Gerücht verbreiten, daß die Apachen wieder auf dem 
Kriegspfad sind.« 

Cochise antwortete nicht. Scheinbar verloren blickte er in 

den grauen Horizont des Abendhimmels. 

Erst nach einer Weile sagte der Chiricahua: »Die Wichitas 

und Caddos müssen sterben. Alle, Eskaminzin.« 

Natürlich, dachte der Chief der Aravaipas, das ist die einzige 

Lösung. Aber wie können wir das erreichen, denn wir sind zu 
schwach. Die Zeit ist zu kurz, um Cochises Chiricahuas 
herbeizurufen. 

»Wenn die Caddos und ihre Verbündeten die Weißen getötet 

haben«, sagte Eskaminzin schwerfällig, »vernichten wir jede 
Spur. Unsere Krieger suchen das gesamte Gebiet ab und sorgen 
dafür, daß niemand mehr von den Dingen erfährt, die hier 
vorgegangen sind.« 

»Nein«, erwiderte Cochise scharf, »nach Monden oder 

Jahreszeiten reden die Krieger darüber. Die Weißen vergessen 
nicht. Das ist keine Lösung, Bruder.« 

»Was willst du denn?« rief Eskaminzin aufgebracht. »Die 

Goldsucher sitzen in einem engen Tal. Wenn wir hundert 
Krieger hätten, würde ich angreifen, die Plünderer zu den 
Langmessern hinabwerfen, die unseren Feinden dann den Rest 
geben könnten. Aber wir haben keine hundert Krieger! Noch 
nicht einmal die Hälfte können wir einsetzen.« 

Cochises Gedanken waren schwer. Er verspürte eine 

Ahnung, daß die Lösung des Problems greifbar nahe vor ihm 
lag. Immer wieder schob sich Haggerty, der Falke, in die 
Überlegungen des Chiefs. Cochise dachte keine Sekunde 
daran, seinen weißen Blutsbruder im Stich zu lassen. Das wäre 
gleichbedeutend mit seinem Tod gewesen. Kein Apache würde 
in einem solchen Fall noch den Häuptling anerkennen. Der 

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Stamm mußte ihn ausstoßen. So lautete das Gesetz, und das 
Gesetz war gut. 

Cochises Position war selbst dann gefährdet, wenn die 

Goldsucher ausgeraubt oder gar getötet würden. 

Wie ein Feuerbrand durchraste dann die Nachricht, daß der 

große Cochise sein Wort nicht mehr hielt, den Südwesten. Die 
Weißen würden unruhig werden, wenn sie das hörten. Das 
Militär würde in Alarmbereitschaft versetzt, und der einarmige 
General Howard bekäme endlich die Verstärkung, die er seit 
langem gefordert hatte. 

Cochise wollte nicht noch mehr Pferdesoldaten im Gebiet der 

Apachen wissen. Selbst wenn er Howard davon überzeugen 
konnte, daß er unschuldig an allem war, kam Unruhe auf. 
Unruhe, die sich leicht zu einem gnadenlosen Krieg ausweiten 
konnte. 

Gold! Das war ihre Rettung. Warum hatte er nicht sofort 

daran gedacht? Die Lösung hatte wirklich nahegelegen. Sie 
würden den rothäutigen Banditen Gold geben, Unmengen des 
gelben Eisens zeigen. Mitnehmen jedoch würde kein einziger 
Krieger der indianischen Horde aus dem Osten auch nur so 
viel, wie unter einen Fingernagel paßte. Weggehen würde auch 
keiner der Feinde. Sie mußten sterben, und die Wächter des 
Goldes töteten zuverlässig. 

»Hör mir zu, Eskaminzin«, raunte Cochise und entwickelte 

dem Aravaipa einen verblüffenden Plan. 

Der Häuptling des kleinen Stammes hörte mit wachsendem 

Erstaunen zu. Erregt sprang er auf und rief: »Du bist der größte 
Führer unserer Stämme, Cochise. Mit dir können wir alles 
hinwegfegen, denn der große Geist hat dir besondere Gaben 
verliehen. Ich reite sofort, Jefe.« 

Cochise nickte und sah zu, wie Eskaminzin seine Krieger 

aufscheuchte, Auch die Chiricahuas sollten den Aravaipa 
begleiten. Gemeinsam mit den anderen Kämpfern stellten sie 
die Fallen auf. Tödliche Fallen, aus denen es für die rote 

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Mordbrennerhorde kein Entweichen mehr gab. 

Der große Häuptling hingegen führte seinen Mustang am 

Zügel davon. Irgendwo zwischen Wacholdersträuchern legte 
sich Cochise auf den Boden, starrte in den Nachthimmel und 
hoffte, daß er nicht vom Schicksal durch eines der silbern 
glänzenden Löcher der Sterne gerissen wurde. 

Er schlief ein. Er war sicher, zur richtigen Zeit zu erwachen. 

Und er war auch sicher, daß Eskaminzin alle Vorbereitungen 
während der Nacht traf. 

Lynn kniete neben Zeb am Feuer. Die vier anderen Frauen, die 
sich ihr Geld auf eindeutige Weise im Diggercamp verdient 
hatten, waren nahe an Lynn herangerückt. 

Das Wort hatte ein Mann, der bisher durch nichts aufgefallen 

war. Er stand auf der anderen Seite der Flammen und achtete 
sorgsam darauf, nicht in den Lichtschein zu geraten. Sicher 
fürchtete er eine Kugel oder einen Pfeil der Indianer. 

»Ich frage euch«, rief der Kerl, »was haben wir mit diesem 

Spurensucher zu schaffen? Er gehört zur Army. Sollen sich die 
Yankees um ihre Leute selbst kümmern. Wie komme ich dazu, 
meine Waffen, meine Ausrüstung und die paar Unzen Gold für 
einen Narren herzugeben, der den Rothäuten ins offene Messer 
gelaufen ist?« 

Zufrieden trat der Digger zurück. Er lauschte auf die 

Stimmen der anderen Goldsucher. Fand er eine genügend 
starke Anhängerschaft, war die Entscheidung schnell 
herbeizuführen. 

»Du bist ein Narr, Frank«, rief ein anderer Mann. »Wenn wir 

nicht nachgeben, schneiden die Roten den Scout in Stücke. 
Okay, wir haben mit dem Fährtensucher nichts zu schaffen. Da 
gebe ich dir recht. Was aber passiert anschließend?« 

»Das kann ich dir genau sagen«, rief ein Digger. »Die roten 

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Hurensöhne haben sich durch die Marter in einen Blutrausch 
gesteigert. Und dann fallen sie über uns her, Freunde. Wir 
haben nur eine Wahl. Entweder geben wir unseren Kram her 
und kommen vielleicht mit dem Leben davon. Oder wir 
bekommen heißes Blei und sind Gold, Ausrüstung und die 
Mulis los. Von unserem Leben ganz zu schweigen.« 

Stimmen brandeten auf. Erregt redeten die Männer 

aufeinander ein. 

Die Mexikanerin, die bei den Freudenmädchen das Wort 

führte, schüttelte den Kopf und sagte zu Lynn: »Davon habe 
ich immer geträumt, daß sich Männer wegen uns streiten. 
Leider haben sie niemals so viel Gold gefunden, daß es dazu 
kam.« 

Lynn Rogers lachte und erwiderte: »Außerdem streiten sie 

sich nur darum, ob sie sterben wollen oder nicht.« 

»Und keiner denkt an Haggerty«, sagte Zeb, »diese 

verdammten Bastarde. Hoffentlich leben sie noch, wenn ihnen 
die Roten die Skalps nehmen.« 

Überrascht schaute Lynn den bärtigen Zeb an. So etwas wie 

Respekt glomm in ihren Augen auf. Auch die drei leichten 
Girls betrachteten den Bärtigen genauer. Sie alle spürten die 
Verachtung, die der Mann für die anderen Digger hegte. Die 
Kerle waren nur darauf aus, ihr eigenes Leben zu retten und 
möglichst noch das Gold und die Ausrüstung dazu. 

Zeb stand auf, marschierte zum Feuer und stellte sich in den 

Flammenschein. 

»Jetzt hört mir mal alle genau zu«, sagte der bärtige Digger 

grob, »ihr seid allesamt verdammte Narren. Wie könnt ihr 
einen Weißen verrecken lassen? Wie könnt ihr es vor euch 
selbst verantworten, he? Du da, und du, was denkt ihr euch 
eigentlich dabei? Dieser Haggerty stirbt den schlimmsten Tod, 
den ihr euch vorstellen könnt. Ihr aber denkt nur an den gelben 
Dreck, an nichts anderes. Ich wünsche euch, daß ihr eines 
Tages in die gleiche Lage kommt. Ich wünsche euch, daß euch 

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– die anderen dann auslachen, wenn ihr Hilfe braucht. Was sagt 
ihr dazu, na? Wo sind eure großen Schnauzen geblieben?« 

Es war totenstill geworden. Nur die dürren Äste und Zweige 

im Feuer knackten, wenn sich die Flammen weiterfraßen. 

»Recht hast du, Schwarzbart«, rief ein älterer Goldsucher 

»Es ist 'ne verdammte Schande für uns, daß wir um das Leben 
eines Weißen streiten.« 

»Was passiert, wenn wir den roten Schurken unser Gold 

geben?« fragte ein junger Mann, dessen scharfe Gesichtszüge 
wie eine Teufelsfratze im rötlichen Schein der Flammen 
wirkten. »Lassen uns die Redmen dann laufen? Oder jagen sie 
uns trotzdem Pfeile und heißes Blei auf den Pelz?« 

Zeb strich sich durch den Bart und antwortete: »Die Chance 

steht fünfzig zu fünfzig, Mann. Auf jeden Fall brauchen wir 
uns nicht mies zu fühlen, wenn sie uns trotzdem umlegen.« 

Die Digger redeten aufgeregt durcheinander. Zeb hatte den 

Eindruck, daß alle nur redeten, daß keiner dem anderen 
zuhörte. Und was er so an Gesprächsfetzen aufnahm, ließ ihn 
innerlich vor Zorn kochen. Noch immer waren die Meinungen 
geteilt. Etwa die Hälfte der Digger wollte nachgeben, und die 
andere Hälfte blieb starrsinnig, kümmerte sich nicht um das 
Schicksal eines weißen Scouts, der zu Tode gemartert werden 
sollte. 

»Ihr entscheidet euch«, rief Zeb, »nun gut, das ist eure Sache. 

Aber wenn ihr Haggerty morgen brüllen hört, wenn er wie ein 
Tier wimmert, weil die Rothäute ihm ihre Messer in Arme und 
Beine werfen, wenn sie ihn mit glühenden Aststücken quälen, 
wenn ihr das hört, dann wünscht ihr euch alle, ihr hättet euer 
Gold und eure Ausrüstung abgeliefert. Dafür garantiere ich.« 

Zeb hatte nicht verhindern können, daß Bitterkeit in seiner 

Stimme mitklang, als er diese Worte sagte. Abrupt wandte er 
sich vom Feuer ab und ging zu Lynn zurück. 

An der kleinen Brennstelle setzte sich der Bärtige nach 

Cowboyart auf die Hacken und starrte in die Flammen. Eine 

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lange Weile sagte er nichts. Lynn und die Mexikanerinnen 
schwiegen ebenfalls. 

»Sie wissen ja nicht, was auf sie zukommt«, sagte Zeb nach 

langer Zeit halblaut. »Ich habe das schon mal mitgemacht.« 

Seine Augen wirkten kalt und hart im Spiel der Flammen. 

Von dem Goldsucher ging etwas aus, das die Mädchen frösteln 
ließ. 

»Wenn ich einen Freund hätte«, fuhr Zeb fort, »der in 

Haggertys Lage wäre, ich würde ihn erschießen, wenn die 
Roten mit dem Zauber anfingen. Und wenn ich gemartert 
werden sollte, würde ich mir wünschen, daß mich ein Freund 
mit einer glatten Kugel erlöste.« 

Geschmeidig stand Lynn auf und ging zum großen Feuer. 
»Ich habe auch was zu sagen«, rief sie mit heller Stimme. 

»Wir verlieren unser Gold auf jeden Fall. Das ist doch jedem 
von euch klar. Die Frage ist doch nur, ob deswegen ein Weißer 
sterben muß oder nicht. Wenn die Indianer den Mann zu Tode 
gemartert haben, fallen sie über uns her. Was gibt es da noch 
zu überlegen? Seid ihr alle verrückt?« 

Lynn spürte die Feindseligkeit der Digger fast körperlich. 

Daß sie als Frau genauso hart wie die Männer geschuftet hatte, 
war auf einmal vergessen. Sie war eine Frau, und sie hatte sich 
nicht in diese Dinge einzumischen. Daß es auch um ihr Leben 
ging, daran dachten die Goldsucher nicht. Zwei Stunden 
dauerte es noch, bis die Digger abstimmten. Ein alter Mann 
ging mit seiner Waschpfanne von einem zum anderen. Wer 
dafür war, Haggerty zu retten, warf ein Holzstöckchen hinein. 
Wer nicht aufgeben, sondern um das Gold kämpfen wollte, 
nahm einen Kieselstein. Und am Ende, als alle Holzstückchen 
und alle Kiesel gezählt waren, lachte Zeb bitter auf. Denn der 
Oldtimer verkündete: »Die Mehrheit ist dafür, daß wir 
kämpfen. Es ist beschlossen. Stellt Wachen aus, seht die 
Waffen nach, es wird mächtig heiß, wenn die Sonne aufgeht.« 

»So wird über das Leben eines guten Mannes gerichtet«, 

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sagte Zeb bitter. »Narren bringen ihn ums Leben. Wenn ich ihn 
günstig vor die Mündung bekomme, gebe ich ihm eine Kugel. 
Dann ist er wenigstens tot, und den Roten vergeht der Spaß.« 

Lynns Augen schienen vor Zorn zu sprühen. Auch die drei 

leichten Girls waren mit der Entscheidung der Digger nicht 
einverstanden. Weder die Frauen noch Zeb konnten etwas 
unternehmen. Sie mußten auf den Morgen warten und um ihr 
Leben kämpfen. 

Lynn saß reglos am Feuer. Sie bewegte sich nur, um Holz 

nachzulegen. Zeb und die drei Mädchen schliefen, aber sie 
schliefen unruhig. 

Als im Osten ein heller Streifen über die Gipfel der Berge 

zog, fror Lynn Rogers auf einmal. 

Sie blickte zu den Kanten des Tales hinauf. Die Indianer 

schienen aus dem Boden zu wachsen. Ein Reiter kam dicht an 
den Abgrund heran. 

»Weiße Männer«, dröhnte die Stimme des Anführers, »ich 

bin gekommen, um eure Entscheidung zu hören.« 

Die Goldsucher packten ihre Waffen fester. Ein junger Mann 

rief laut: »Du wirst es nicht wagen, John Haggerty zu martern. 
Du weißt, daß sich sämtliche Soldaten auf deine Spur setzen 
werden wenn Haggerty stirbt. Wir geben nichts heraus. Wenn 
du Beute machen willst, so mußt du kämpfen.« 

Der Häuptling lachte und erwiderte: 
»Ihr habt eure Wahl getroffen. Ihr werdet alle sterben. Und 

wenn ihr gefunden werdet, was dann? Was ist denn, wenn die 
Pferdesoldaten den gemarterten Haggerty finden? Ich will es 
euch sagen: dann reiten die Blauröcke gegen die Apachen. Und 
wenn Krieg in diesem Land herrscht, machen wir reiche 
Beute.« 

Der Indianer wandte sich im Sattel um und winkte mit der 

Hand. 

Sechs Krieger schleppten einen Baumstamm heran, ließen 

ihn hinab und verankerten ihn in einer Felsspalte. Jeder im Tal 

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starrte wie gebannt auf diesen mächtigen Pfahl. 

Andere führten Haggerty heran. Eine Messerklinge blitzte in 

den ersten Strahlen der Sonne. Die Fesseln fielen zerschnitten 
herab. Sofort packten die Krieger zu, zerrten den Scout an den 
Pfahl und verschnürten ihn. 

Der Anführer der Mordbrenner pfiff gellend. 
Ein gutes Dutzend seiner Männer stürmte vor, blieb plötzlich 

stehen, und dann wirbelten die Tomahawks durch die Luft. 
Haarscharf an Haggertys Gesicht flogen die gefährlichen 
Kampfbeile vorbei. 

Der Scout gab keinen Laut von sich. Er beherrschte sich 

gewaltsam, denn er wollte nicht als feige gelten. 

Messer schwirrten durch die Luft. Die Schneiden zerfetzten 

Haggertys Hemd, und eine Klinge schnitt in sein Ohr ein. 

Wie gebannt sahen die Goldsucher zu. Lynn wollte sich 

zwingen, wegzuschauen – sie konnte es nicht. 

Wenn er verletzt wird, dachte die schöne Frau, dann 

zerbricht der Bann, dann kann ich mich verkriechen. Denn ich 
möchte nicht sehen, wie ein Mann in Stücke geschnitten wird. 

Zeb nahm sein Gewehr, sah es sorgfältig nach und hob es an 

die Schulter. Die Sonne war ein Stück auf ihrem Weg 
weitergewandert. Der Bärtige mußte gegen das gleißende Licht 
des jungen Morgens zielen. Resigniert ließ er das Gewehr 
sinken. Es war sinnlos. Zeb konnte keinen sicheren Schuß 
anbringen. Bis die Sonne den Goldsucher nicht mehr blendete, 
war Haggerty vielleicht schon tot. 

Eine weitere Gruppe Indianer stellte sich vor dem 

Gefangenen auf und hob die kurzen Kriegsbogen. Pfeile 
schwirrten von den Sehnen, und die Geschosse schlugen um 
Johns Kopf herum ein. 

»Wenn wir jetzt einen Ausbruch wagen«, raunte Lynn und 

blickte Zeb an. 

Er schüttelte den Kopf. Es war sinnlos. Die roten Banditen 

paßten genau auf. Mit ihrem Gefangenen beschäftigte sich 

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immer nur eine Gruppe. Die anderen ließen die Goldsucher in 
der schmalen Schlucht nicht aus den Augen. 

Auf einmal riß der Häuptling dort oben sein Pferd herum. 

Das Tier ging los. Nach zwei Sekunden war von dem Anführer 
der Horde nichts mehr zu sehen. 

Was hatte das zu bedeuten? 
Die Minuten vergingen in quälender Langsamkeit. 
Ein Ruf klang auf. Die Krieger ließen ihre Bogen sinken. 

Langsam marschierten drei Indianer auf den Pfahl zu, schnitten 
Haggerty los und trugen ihn davon. 

»Welche Teufelei haben sie sich jetzt ausgedacht?« fragte 

Lynn mit gepreßt klingender Stimme. 

Zeb kratzte sich seinen Bart und erwiderte: »Keine Ahnung. 

Ich schätze, da oben hat sich was geändert, ganz gewaltig 
geändert.« 

Es dauerte lange, bis die Digger erfuhren, was geschehen 

war. Ein Reiter zügelte sein Tier dicht am Abgrund.« 

»Cochise«, sagte Zeb verblüfft, »er läßt seinen Blutsbruder 

Haggerty nicht im Stich. Was hat der Jefe vor?« 

Sie alle sollten es gleich erfahren. 
»Ich habe mein Wort gegeben«, rief der Häuptling der 

Chiricahuas in die Tiefe. »Und ich dulde nicht, daß andere 
dieses Wort brechen. Reitet nach Süden und kommt nicht 
wieder in das Gebiet der Aravaipas. Euch geschieht nichts. Die 
Caddos und Wichitas lassen euch in Frieden ziehen.« 

»Da haben wir aber noch mal mächtig Schwein gehabt«, 

sagte Zeb leise. »Los, Lynn, verschwinden wir. Die anderen 
sollen den Staub schlucken.« 

Innerhalb von Minuten ritten Zeb, Lynn Rogers und die drei 

leichten Girls davon. Gespannt beobachteten die anderen die 
kleine Gruppe, die unbeirrt auf den südlichen Ausgang der 
Schlucht zuhielt. Sicher waren die Digger froh, ein paar 
Dumme gefunden zu haben, die Cochises Wort auf die Probe 
stellten. 

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Nichts geschah. Ungeschoren verließen die vier Frauen und 

Zeb das Tal. Erst jetzt sattelten die anderen Digger und suchten 
ihre Ausrüstung zusammen. 

Binnen Minuten lag der enge Canyon verlassen. Die 

Goldsucher waren gerettet, entkommen. Aber wieder einmal 
hatten nicht die überlegenen Waffen der Weißen die 
Entscheidung gebracht. Weder sie noch der Mut der Digger 
hatten ihnen freien Abzug verschafft: es war die Macht und die 
Klugheit eines großen Mannes, des Führers aller Apachen: 
Cochise. 

Cochise erwachte, als es noch dunkel war. Ein paar Sekunden 
lauschte er auf die Geräusche der Nacht, auf den leichten 
Wind, der kühl durch die Berge fächelte. 

Lautlos und geschmeidig stand er auf. Sein Pferd döste 

zwischen ein paar halbhohen Drehkiefern und kam sofort 
heran, als es die Witterung seines Herrn in die Nüstern bekam. 
Cochise saß auf und lenkte das Tier zwischen den Bäumen 
hindurch. Er erkannte die Landmarken, die Doppelhund und 
Eskaminzin ihm beschrieben hatten. 

Als der Chiricahua nicht mehr weit von der Schlucht entfernt 

war, saß er ab. Ein sanfter Ruck am Zügel und ein paar 
geraunte Worte genügten, damit sich der Mustang hinlegte. 
Hinter einer Wacholdergruppe wurde er unsichtbar. 

Cochise sank zu Boden. Ohne ein Geräusch zu verursachen 

glitt der große Kämpfer wie eine Schlange voran. Er bemerkte 
ein halbes Dutzend Caddo-Späher, die aufmerksam die 
Umgebung beobachteten. Für einen Apachen waren sie nicht 
gut genug, und erst recht nicht für den Jefe der Chiricahuas. 

Cochise hörte die Worte des Häuptlings, seine Befehle, den 

Pfahl aufzustellen und den Gefangenen zu holen. Haggerty sah 
blaß aus, hatte sich aber in der Gewalt. 

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Falke, du mußt noch warten, dachte Cochise. Ich bin dein 

Bruder. Bald wirst du wieder frei sein, Falke. 

»Nehmt die Tomahawks«, rief der Anführer der 

Mordbrenner. »Verletzt den Kerl nicht. Die weißen Hunde im 
Tal sollen lange Freude an der Sache haben.« 

Die Kampfbeile wirbelten durch die Luft. Danach kamen die 

Messer und die Bogenschützen an die Reihe. Cochise wußte, 
daß dies alles nur harmlose Vorgeplänkel waren. Sie sollten 
den Gefangenen einschüchtern, an seinem Mut, seinem Willen 
zehren und ihn empfänglich für die eigentliche Marter machen. 
Cochise entschied, daß er genug gesehen hatte. Dieser fremde 
Chief würde ernst machen. Ungesehen gelangte der Chiricahua 
zu seinem Pony zurück. 

Während Cochise das Pferd antrieb, hielt er es immer auf 

weichem Untergrund, um sich nicht vorzeitig zu verraten. Es 
gelang ihm sogar, ungesehen an den sechs Beobachtern 
vorbeizugelangen. Ein spöttisches Lächeln huschte über 
Cochises Gesicht. Diese Caddos und Wichitas waren den 
Apachen mehr als unterlegen. 

Erst die Späher des zweiten Ringes entdeckten den 

Häuptling. Sofort sprangen vier Krieger hoch, legten Pfeile auf 
die Bogensehnen und zielten drohend auf den Apachenführer. 
Cochise kümmerte sich nicht um die Gefahr. Er ritt genau auf 
die fremden Krieger zu. Sie sprangen zur Seite. Wütend 
blickten sie dem hochgewachsenen Häuptling der Chiricahuas 
nach, der sie gar nicht zu sehen schien. Für ihn waren sie nichts 
als vier Käfer unter vielen anderen. 

Wenigstens gab sich der Jefe so. 
Als er noch ein halbes Dutzend Längen vom größten Pulk 

der Krieger entfernt war, stieß einer der Männer einen Ruf aus 
und deutete mit der Rechten auf Cochise. 

Der Häuptling der räuberischen Indianer riß am Zügel. Sein 

Pferd trabte auf Cochise zu. Triumph stand in seinem Gesicht, 
als er Cochise erkannte. 

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»Das ist ein großer Tag für uns«, sagte Gelbschlange 

grinsend. »Wir machen reiche Beute, nehmen einem weißen 
Gefangenen den Skalp und haben den Chief der Apachen in 
unserer Gewalt!« 

Cochise blickte Gelbschlange erstaunt an. 
»Ein Mann sollte nicht träumen, wenn die Zeit der Taten 

gekommen ist«, sagte Cochise tadelnd. »Und du träumst, 
fremder Häuptling. Wah, bin ich in deiner Gewalt? Ich sehe 
hier keinen Krieger, der mich festhalten kann.« 

Der letzte Satz war eine böse Beleidigung der Caddos und 

Wichitas. Die Kämpfer, die Cochises Worte gehört hatten, 
drängten vor. Drohend hoben sie ihre Waffen und stießen 
grollende Laute aus. 

Gelbschlanges Lächeln wirkte schlau und angespannt 

zugleich. Er wußte nicht, wieviel Apachen der Führer der 
Chiricahuas mitgebracht hatte, wieviel Krieger seine 
Streitmacht umzingelt hatten. 

»Der Weiße am Pfahl ist mein Bruder«, sagte Cochise 

ernsthaft. »Ich darf meinen Bruder nicht im Stich lassen.« 

»Ich bin Gelbschlange«, erwiderte der Anführer der 

Banditen, »und der Weiße ist in meiner Gewalt. Ich habe 
entschieden, daß er zu Tode gemartert wird. Vielleicht will ihm 
der Chief der Apachen Gesellschaft leisten?« 

Cochise vollführte eine verächtliche Handbewegung. 

Gelbschlange preßte die Lippen zusammen. Er kochte innerlich 
vor Zorn, denn die herablassende Art des Apachen brachte sein 
Blut in Wallung. Ein Wink von Gelbschlange genügte, und 
Cochise war nur noch eine Legende. 

Obwohl der Häuptling von mehr als zwei Dutzend Caddos 

und Wichitas umzingelt war, wagte deren Anführer nicht, ein 
solches Zeichen zu geben. Er wußte, daß die Rache der 
Apachen die beiden Stämme auslöschen wurde. Nach der 
Trauerzeit um den größten Führer der Wüstenvölker würden 
die Krieger nach Osten jagen und erbarmungslos jeden 

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Angehörigen der beiden Stämme niedermachen. 

»Ich gab den Weißen im Tal mein Wort«, sagte der große 

Jefe, »daß sie ungehindert abziehen könnten. Du hast mein 
Wort gebrochen, Gelbschlange. Du raubst, mordest und läßt 
Feuerbrände in unserem Gebiet auflodern. Du bist der Feind 
aller Apachen.« 

Cochise sah, daß die Krieger sich anspannten. Er tat so, als 

nehme er ihre immer stärker ausbrechende Unruhe gar nicht 
wahr. 

»Die Aravaipas sind zu schwach, um uns gefährlich zu 

werden«, stellte Gelbschlange spöttisch fest. »Was können sie 
unternehmen?« 

»Du hast es gesehen«, erwiderte Cochise. »Vor einem Tag 

gingen mehr als zwanzig deiner Krieger in die ewigen 
Jagdgründe ein. Sind mehr als zwanzig Männer nichts, 
Gelbschlange?« 

Das Gesicht des Anführers der Kriegerhorde verzerrte sich. 

Zorn und den Wunsch nach Rache las Cochise aus den Zügen 
seines Feindes. 

»Ich habe noch achtzig Kämpfer«, erwiderte Gelbschlange. 

»Achtzig, außer mir. Wir sind stark genug, die Aravaipas zu 
töten, alle zu töten. Niemand wird mehr leben, die 
Stammesgefährten nach den Gesetzen in das Land des Todes 
zu singen. Niemand wird mehr hier sein, der um die Toten 
klagen kann.« 

Cochise lächelte nachsichtig. Dieser Chief war sicherlich ein 

mutiger Mann. Ihn beherrschte die Gier nach Rache. Und Mut 
allein ersetzte nicht die Klugheit und Listigkeit, die ein jeder 
Feind im Kampf gegen die Apachen brauchte. 

»Höre, Gelbschlange«, sagte Cochise bedächtig, »ich habe 

mit Eskaminzin gesprochen. Du willst Beute, Gold, mit zu den 
Hütten deiner Völker nehmen. Auf dem Gebiet der Aravaipas 
liegt eine Goldmine der Eisenmänner. Das Gold windet sich in 
armdicken Strängen durch den Fels. Ich biete euch so viel von 

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dem gelben Eisen, daß ihr es nicht tragen könnt. Gelbschlange, 
nie bist du mit reicherer Beute heimgekehrt.« 

Der Führer der Kriegerhorde saß starr im Sattel. Im 

Gegensatz zu den Apachen, die den Ledersitz des weißen 
Mannes verschmähten, ritten die Caddos und Wichitas in 
erbeuteten Sätteln. 

»Was verlangst du von mir, Cochise?« wollte Gelbschlange 

wissen. 

Der Chief stellte zufrieden fest, daß Erregung und Gier in der 

Stimme des Gegners mitschwang. Gelbschlange war schon 
gefangen, gefangen von der Idee eines goldenen Berges, von 
Beute, wie sie reicher nie zuvor ein Anführer der Stämme 
heimgebracht hatte. 

»Halte, mein Wort«, erwiderte der Häuptling ernst, »laß die 

weißen Digger abziehen. Und laß meinen Bruder Falke frei. 
Das fordere ich, nicht mehr.« 

Gelbschlange witterte das Geschäft seines Lebens. Er sah zu 

den Kriegern, deren Gesichter ihre Gefühle widerspiegelten. 
Sie alle träumten von Ruhm, großer Ehre und dem 
einzigartigen Erfolg, der ihnen winkte. 

»Gut, ich vertraue deinem Wort«, sagte Gelbschlange nach 

einer Weile des Überlegens und grinste listig, »den 
Gefangenen nehmen wir mit. Er bleibt so lange in unserer 
Gewalt, bis wir drei Tage Vorsprung haben. Dann lassen wir 
ihn frei. Die Weißen können davonreiten.« 

Cochise wußte, daß der fremde Chief eine List plante. Der 

große Führer der Chiricahuas kümmerte sich nicht darum. 
Gelbschlange würde nie mehr eine List durchführen können. 

»Hol meinen Bruder«, verlangte Cochise. »Ich sage den 

Weißen, daß sie abziehen können.« 

Ein kurzer Befehl genügte, und die Krieger sammelten sich. 

Drei von ihnen gingen zum Marterpfahl und schnitten 
Haggerty los. Sie trugen den Scout zu den Häuptlingen. Dort 
stellten sie ihn auf die Füße. 

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John lächelte schwach, als er Cochise erkannte. 
»Mein Bruder«, sagte der Weiße, »du setzt zuviel ein, um 

mein Leben zu retten. Ich bin keine hundert Sattelladungen 
Gold wert.« 

Cochise blieb ernst, als er in der Sprache der Chiricahuas 

erwiderte: 

»Tla-ina ist meine Schwester, Falke. Niemand vermag zu 

sagen, was aus ihr und dir werden wird. Du bist mein Bruder. 
Es ist die Pflicht eines Mannes, den Geliebten der Schwester zu 
retten. Es ist seine Pflicht, seinen Bruder vor dem Tod zu 
bewahren.« 

Nach diesen Worten trieb er seinen Mustang an, ritt an die 

Kante des Abgrundes und rief hinab: »Ich habe mein, Wort 
gegeben. Und ich dulde nicht, daß andere mein Wort brechen. 
Reitet nach Süden und kommt nicht wieder in das Gebiet der 
Aravaipas. Euch geschieht nichts. Die Caddos und Wichitas 
lassen euch in Frieden ziehen.« 

Ein paar Minuten lang betrachtete der Häuptling den 

Aufbruch der Weißen. Er verstand diese Menschen nicht. Ihr 
Denken war verworren. Starb ein Farmer bei einem 
Apachenangriff, brüllten viele weiße Männer nach Rache. War, 
wie jetzt, ein Weißer gefangen und sollte gemartert werden, so 
ließen sie ihren Rassegenossen im Stich. 

Cochise zupfte am Zügel. Das Pony drehte sich und trabte zu 

Gelbschlange zurück. Vor dem Häuptling der Kriegerrotte 
stand Haggerty. Der Scout blickte an Gelbschlange vorbei. 

»Wenn es eine Falle ist, wirst du sterben, weißer Mann«, 

hörte Cochise den feindlichen Anführer sagen. 

Der Chief unterdrückte ein Lächeln. Gelbschlange war 

mißtrauisch. Er rechnete mit einer List der Apachen und 
bereitete sich darauf vor. 

Cochises Plan war großartig. Kein einziger der räuberischen 

Caddos und Wichitas würde entkommen. Ja, es war eine List, 
aber in so großem Maßstab, daß Gelbschlange sie nicht zu 

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durchschauen vermochte. 

»Sag mir«, forderte der Anführer der Bande Cochise auf, 

»wo die Goldmine liegt. Ich will sicher sein, daß wir nicht 
sterben, wenn wir an den Ort kommen.« 

Der Chiricahua schüttelte den Kopf und erwiderte: »Du wirst 

sehen, Gelbschlange, aber nicht hören. Nur während der 
Dunkelheit dürfen Männer in den Stollen hinabgelassen 
werden. Dies ist ein uraltes Gesetz der Aravaipas, und wir 
müssen dieses Gesetz einhalten, soll uns nicht der Zorn 
Manitus treffen. Eskaminzin sorgt für alles. Seine Squaws 
bereiten Essen für euch, füllen hohle Kürbisse mit Wasser und 
halten die vierkantigen Flaschen mit dem brennenden Wasser 
der Weißen bereit.« 

Gelbschlanges Augen leuchteten auf, als er vom Schnaps 

hörte. Obwohl er sich auf den scharfen Trunk freute, blieb das 
Mißtrauen in ihm wach. 

»Willst du unseren Verstand umnebeln, Cochise?« fragte der 

fremde Häuptling. »Sollen wir betrunken und von Sinnen sein, 
damit deine Krieger uns töten können?« 

Cochise lachte belustigt und erwiderte: »Um einen Caddo 

oder Wichita zu töten, schicken wir unsere Kinder aus.« 

Wütend murrten die Krieger. Schon wieder eine tödliche 

Beleidigung. Die Gier nach dem Gold jedoch ließ sie schnell 
wieder schweigen. 

»Reiten wir«, sagte Cochise, »ich bleibe neben 

Gelbschlange, und mein Bruder Falke reitet an meiner Seite.« 

So geschah es, und wenig später zogen achtzig Krieger, zwei 

Häuptlinge und ein gefesselter Weißer durch die Berge. Ihr 
Ziel war das Tal des hundertfachen Todes, dessen Name 
Cochise wohlweislich verschwiegen hatte. Denn er wollte 
Gelbschlange nicht noch mißtrauischer machen, als er ohnehin 
schon war. 

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Eskaminzin war ständig unterwegs. Er beobachtete die 
Squaws, die große Stücke Mulifleisch brieten, er trat zu den 
Kindern, die an den Quellen frisches Wasser in ausgehöhlte 
Kürbisse füllten und ging zu den Alten, die vom Schamanen 
ein geheimnisvolles Pulver bekommen hatten. Diesen Staub 
füllten die Alten mit zitternden Händen in die Flaschen, deren 
Korken sie vorher behutsam entfernt hatten. 

Nach einigen Minuten des Schüttelns hatte sich der Puder 

aufgelöst, und die Flaschen wurden wieder verschlossen. 

Eskaminzin war zufrieden. Alles lief so ab, wie Cochise es 

geplant hatte. Die Caddos und Wichitas würden trinken. Nicht 
nur der Alkohol der Weißen umnebelte anschließend ihre 
Sinne, sondern auch die zermahlenen Früchte und Wurzeln des 
Stechapfels. Sie verstärkten die Wirkung des Schnapses, riefen 
Halluzinationen hervor und machten die Feinde unvorsichtig. 

Die vielen Klapperschlangen im Tal würden leichtes Spiel 

haben. 

Eskaminzin lief im Wolfstrab aus dem Dorf. Mehr als zwei 

Stunden war er unterwegs. Fünfzig Krieger und die zwölf 
Chiricahuas hatten sich in der Umgebung des tödlichen Tales 
verborgen. Sie lauerten dort, wo der Chief der Eindringlinge 
mit Sicherheit Posten aufstellen würde. 

Weder Cochise noch Eskaminzin nahmen an, daß der 

feindliche Häuptling ihrer Einladung vertrauensvoll folgte. Er 
versuchte sicher, sich gegen alle möglichen Dinge abzusichern. 

Die Krieger der Aravaipas und der Chiricahuas würde er 

nicht finden. Sobald Eskaminzin das Zeichen gab, griffen sie 
an, töteten die gegnerischen Posten und warfen ihre Leiber in 
die Schlucht hinab. Das aber durfte nicht vor dem Erscheinen 
der Sonne über den Gipfeln geschehen. Denn dann erwärmte 
sich der Boden im Tal, und die Klapperschlangen wurden 
geschmeidig und angriffslustig, wenn die Steifheit der kalten 
Nacht aus ihren Körpern vertrieben war. 

Der Ruf eines Nachtfalken hallte von der Höhe des Berges 

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herab. Eskaminzin lief schneller. Sein Atem ging gleichmäßig, 
und die Beine stampften unermüdlich in langen Schritten 
voran. Der Häuptling hatte keinen Mustang genommen, um 
nicht die geringste Spur zu hinterlassen, wenn er die Posten 
aufsuchte. 

Der Schrei des Nachtfalken am hellichten Tag war das 

Zeichen. 

Die Feinde ritten auf das Dorf der Aravaipas zu. Dort sollten 

sie zuerst essen und trinken, von dem Wasser trinken, daß 
kleine Mengen des Stechapfelpulvers enthielt. Die Krieger 
sollten sich leicht und frei und irgendwie großartig fühlen, 
wenn sie ihre Posten einnahmen, wenn die anderen unter 
Gelbschlanges Führung in die Mine eindrangen. Ihre 
Aufmerksamkeit mußte geschwächt werden. Um so gewaltiger 
würden die armdicken Goldadern in den Felswänden auf die 
beutegierigen Gegner der Apachen wirken. 

Eskaminzin erreichte die ersten Jacales und lief langsamer. 

Ein Junge von vierzehn Sommern kam auf den Chief zu und 
meldete gewichtig: »Die Pferdesoldaten wollen mit dir 
sprechen. Einer der Männer ist bei klarem Verstand und weiß, 
wo er ist.« 

Unschlüssig blickte der Führer der Aravaipas nach Süden. 

Von dort kamen Cochise und die räuberischen Fremden. Im 
Osten schob sich die glutrote Sonnenscheibe immer höher über 
die Berge und tauchte die Drehkiefern, die Fichten und die 
schneeweißen Blüten des Portulaks in blutigen Schein. 

»Ich komme, Kleiner Speer«, antwortete der Chief dem 

halbwüchsigen Jungen, der in zwei Sommern ein Krieger sein 
würde. 

Ein baufällig wirkender Jacale im Hintergrund des Dorfes 

diente den verletzten Pferdesoldaten als Quartier. Die Hütte sah 
schlecht aus, war aber dicht. Eskaminzin wollte niemanden 
herausfordern, neugierig machen, damit ließ er die Soldaten in 
dieses alte Wickiup legen. 

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Der Häuptling glitt in das Halbdunkel der Hütte. 
»Ich bin Eskaminzin«, sagte er leise. 
»Wir haben uns gesehen«, antwortete Lieutenant Cummings. 

»Leben von meinen Männern nur noch diese drei?« 

»So ist es, Soldat«, antwortete der Häuptling leise. »Wir 

locken sie in eine Falle. Sie werden alle sterben.« 

John Cummings holte tief Luft. Den stechenden Schmerz 

mißachtete der Offizier. Es ging um mehr als einen schwer 
verwundeten Lieutenant. Es ging um den Frieden im 
Südwesten. Wenn diese Indianerhorde, die zu einem großen 
Raubzug aus dem Osten gekommen war, weiterhin ihr 
Unwesen trieb, zerbrach der Friede, der ohnehin gefährdet war. 

»Du mußt zum Fort reiten«, sagte Cummings und stöhnte 

schwer. »Der Colonel, Ballinger heißt er, muß alles wissen. Es 
ist wichtig, es geht nicht nur um euch, es geht um alle Stämme 
der Apachen. Wir wollen keinen Krieg, wir alle wollen ihn 
nicht. Und wenn die fremden Plünderer weiterhin rauben und 
morden, fällt es wieder auf die Apachen zurück.« 

Cummings wollte noch etwas sagen, doch er verlor die 

Besinnung. 

Eskaminzin beugte sich hinab. Der Offizier atmete ruhig und 

gleichmäßig. Er war erschöpft, und nur seine Sorge um den 
Frieden hatte ihn so lange reden lassen. 

Die Wunden waren gesäubert, verbunden, und der 

Medizinmann hatte die Kugeln herausgeholt. In spätestens 
zwei Wochen konnten die vier verletzten Pferdesoldaten 
wieder zu ihrem Fort reiten. 

Eskaminzin verließ die Hütte, lief zu seinem Mustang und 

saß auf. Es galt, die fremden Indianer zu empfangen, ihr 
Mißtrauen zu zerstreuen. 

Abermals schrillte der Ruf des Nachtfalken durch die Luft, 

gefolgt vom scharfen Ruf eines Blauhähers. 

Die Truppe war in der Nähe des Dorfes. 
Eskaminzin preßte seinem Pony die Hacken in die Flanken 

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und ritt zu den letzten Jacales. Hinter dem Chief versammelten 
sich die Krieger, und hinter ihnen die Squaws und Kinder. Alle 
wollten die Männer sehen, die das Land zwischen den Galiuro 
und Pinaleno Mountains mit Tod und Raub und Blut überzogen 
hatten. 

Sie kamen wie Eroberer, saßen stolz wie vor Jahrhunderten 

die Eisenmänner auf den Pferden und schauten hochmütig auf 
die Zweighütten der Aravaipas. 

Hinter Eskaminzin klang das zornige Gemurmel der Squaws 

auf. Ein scharfer Befehl des Chiefs brachte sie zum Schweigen. 
Es galt, die fremden Mörder in eine tödliche Falle zu locken. 
Sie durften durch nichts gewarnt werden. 

Cochise ritt neben dem Anführer der Kriegerhorde. Und 

neben dem großen Jefe saß John Haggerty, der Falke, im Sattel 
eines Ponys. Der Scout war gefesselt. Mit beiden Händen 
stützte er sich auf das Sattelhorn, um den sicherlich 
schmerzenden Rücken zu entlasten. 

Cochise trieb sein Pferd an. Vier Längen vor dem fremden 

Häuptling erreichte der Apachenführer seinen Freund 
Eskaminzin. 

»Es geschieht so, wie wir besprochen haben«, raunte der 

hochgewachsene Führer der Chiricahuas. 

Laut fuhr er fort: »Dies ist Häuptling Gelbschlange. Wichitas 

und Caddos haben sich verbündet. Sie suchen Beute, vor allem 
Gold, Eskaminzin. Wie wir besprochen haben, schenken wir 
den Fremden die Mine der Eisenmänner. Das Gold gehört 
Gelbschlange und seinen Kriegern.« 

»So sei es!« rief Eskaminzin und hob beide Arme, die Hände 

zu den Seiten ausgestreckt, zur Sonne, die inzwischen zwei 
Handbreit über den höchsten Gipfeln der Pinalenos stand. »Wir 
versprechen feierlich, daß diese fremden Krieger so viel Gold 
mitnehmen dürfen, wie ihre Pferde tragen können. Und wir 
verlangen, daß die Caddos und Wichitas das Land der Apachen 
verlassen und den Weißen, den Cochise Falke und Bruder 

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nennt, dem Häuptling der Chiricahuas übergeben.« 

Gelbschlange grinste unverschämt. Er schien das Gefühl zu 

haben, daß seine Kämpfer den Aravaipas auch das letzte 
Quentchen Mut abgekauft hatten. Trotzdem blieb der 
feindliche Anführer wachsam. Er teilte mit einigen Befehlen 
die Wachen ein. Zehn Krieger führten die Pferde zu einer 
Weide, die für die Tiere der Gäste reserviert war. 

Eskaminzin verbiß sich ein Grinsen. Diese Pferde brachten 

dem Stamm gute Beute. Denn die Tiere sollten nicht mit ihren 
Reitern untergehen. 

»Die Squaws haben ein Festmahl zubereitet«, rief er, »wir 

wollen gemeinsam essen, Tizwin trinken und danach 
aufbrechen. Sobald die Sonne versinkt, gestatten die alten 
Gesetze uns, den Fundort des gelben Eisens zu betreten. 
Kommt an die Feuer, ihr seid in meinem Dorf die Gäste des 
Stammes.« 

Lediglich Haggerty bemerkte den feinen Unterschied. 

Eskaminzin hatte gesagt, daß die Caddos und Wichitas hier im 
Dorf die Gäste des Stammes seien. Von der Mine hatte er nicht 
gesprochen. Der Scout ahnte, daß Cochise und Eskaminzin 
eine ganz große Teufelei ausgebrütet hatten, eine List, die mit 
dem Tod, der Vernichtung der Eindringlinge, ihr Ende und ihre 
Erfüllung fand. 

Der noch immer gefesselte Scout fragte sich, mit welchem 

Trick Cochise die Feinde der Aravaipas vernichten wollte. 

Haggerty war sicher, das zu erfahren. Vorher jedoch 

bereiteten die Apachen ihren Gegnern, die über zahlreiche 
Sippen Unglück und Tod gebracht hatten, ein Festmahl. 

Argwöhnisch musterte Gelbschlange die gereichten Speisen. 

Erst als Eskaminzin und Cochise ein großes Bratenstock teilten 
und selbst davon aßen, griff der Häuptling der marodierenden 
Horde selbst zu und nickte, als ihn ein paar Krieger fragend 
anblickten. 

Die Caddos lösten Johns Fesseln, gaben eine Hand frei. Die 

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andere verbanden sie mit Schlingen, die bis zu den Beinen 
hinabreichten. 

Cochise selbst gab seinem Blutsbruder vom eigenen 

Bratenstück ab. Die Aravaipas bemerkten diese ehrende Geste 
und nickten respektvoll. Gelbschlange hingegen grinste, als sei 
ihm gerade eine besonders großartige Gemeinheit eingefallen. 

Fast zwei Stunden dauerte die große Fresserei, wie sie 

Haggerty bei sich nannte. Erst als die Kürbisflaschen kreisten 
und milder Tizwin als Abschluß auf die Speisen gegossen 
wurde, lockerte sich die Anspannung der unerwünschten Gäste 
etwas. 

Gelbschlange rülpste lautstark und erhob sich umständlich. 

Der untersetzte Anführer gab sich Mühe, seine Verachtung zu 
verbergen. Ganz gelang es ihm nicht, denn diese Apachen 
entsprachen gar nicht den Legenden über diese harten, listigen 
Wüstenkrieger. 

»Wir waren eure Gäste«, rief Gelbschlange, »ihr habt uns 

Essen und Wasser gegeben, und wir danken euch dafür. Wir 
sind froh, daß die Aravaipas keinen verworrenen Geist 
besitzen. Wir sind froh, daß wir unser Ziel erreichen, ohne 
weitere Krieger im Kampf zu verlieren.« 

Jetzt kommt es, dachte Haggerty. Zuerst lobt er die Feinde, 

verhält sich so, als seien seine Männer Feiglinge, und nun 
beleidigt er seine Gastgeber. 

So war es auch. 
»Auch ihr werdet euch freuen«, fuhr Gelbschlange fort. »In 

keiner Hütte wird das Totenlied erklingen, und die Männer des 
Stammes können weiterhin die Sippen mit Nahrung versorgen, 
ohne in Gefahr zu geraten.« 

Die Alten am Feuer verzogen grimmig die faltigen Gesichter. 

Zu ihrer Zeit hätten sie den dreisten Halunken nach diesen 
Worten niedergemacht. Beleidigte er doch alle Krieger, nannte 
er sie Weiber, die für Nahrung sorgten und dem Kampf 
auswichen. 

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»Ich sehe, daß nur wenige Krieger im Dorf sind«, fuhr 

Gelbschlange verschlagen fort. »Sicher sind die anderen in den 
Bergen unterwegs, um Wild zu erbeuten.« 

Eskaminzin stand auf, breitete die Arme aus und rief: »O 

Gelbschlange, du und deine tapferen Krieger, ihr seid unsere 
Gäste. Aber ihr solltet nicht die Toten verspotten. In vielen 
Jacales herrscht Trauer. Die Squaws und Kinder weinen um 
den tapferen Mann und Vater. Mein Stamm verlor über die 
Hälfte seiner Krieger in den letzten Wochen. Und trotz unserer 
Trauer bereiten wir dir ein Festmahl, geben wir dir das gelbe 
Eisen, denn ich will mein Volk nicht untergehen lassen. Wir 
sind schwach, aber tapfer.« 

Gelbschlange unterdrückte ein zufriedenes Lächeln nur 

unvollkommen. Also, so schloß er, hat der gestrige Angriff der 
Aravaipas im Talkessel den Apachen einen hohen Blutzoll 
abgefordert. Nun besaß Eskaminzin nicht mehr genügend 
Krieger, um den beutegierigen Caddos und Wichitas gefährlich 
werden zu können. 

Der Anführer der Horde dankte nochmals für das Mahl und 

blickte zur Sonne. 

»Wenn der Weg weit ist, sollten wir aufbrechen«, rief er. 

»Der Mantel der Nacht legt sich bald über das Land, und wir 
möchten sehen, was ihr uns versprochen habt.« 

Cochise nickte zum Zeichen seines Einverständnisses. 
Gelbschlange sah erstaunt zu, wie die Halbwüchsigen ein 

Muli mit starken Seilen beluden. Ledergeschirre, 
zusammengefaltete Eimer aus der gegerbten Haut des Hirsches 
und Ledersäcke bildeten den Rest des Gepäcks. 

Natürlich wollte der Anführer der Horde wissen, was es mit 

diesen Dingen auf sich hatte. Er fragte nicht. Spätestens bei der 
Goldmine würde er es erfahren. Gelbschlange ritt zu seinen 
Kriegern und sprach leise mit ihnen. Mehr als vierzig Männer 
erhielten den Befehl, sich am Ziel zu verteilen und das Gebiet 
zu bewachen. Noch immer rechnete der Führer der 

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Eindringlinge mit einer Falle, einer tückischen List der 
Apachen. Zwar hatte sich sein Mißtrauen zum großen Teil 
gelegt, als er Eskaminzins Rede gehört hatte, doch 
Gelbschlange wollte sichergehen. 

Außer Cochise und Eskaminzin schloß sich kein Apache der 

Gruppe an. Die Halbwüchsigen hatten das Packtier einem 
Krieger der Caddos übergeben, der das Leitseil des Mulis am 
Sattelknauf festband. 

Die beiden Apachenhäuptlinge übernahmen mit 

Gelbschlange die Spitze. Haggerty blickte Cochise an. Der 
Scout kannte den großen Jefe gut und entdeckte den Funken 
von Spott in dessen Blick. Spott mischte sich mit gnadenloser 
Grausamkeit, stellte Haggerty fest, und er konnte ein Frösteln 
nicht unterdrücken. 

Die Krieger ritten los. Im Schritt führten die Mustangs der 

Apachen die Gruppe weiter nach Westen. Dort lag das Ziel, da 
lag die vermeintliche Beute der Horde. 

In Wahrheit ritten sie ihrem Tod entgegen, einem ruhm- und 

würdelosen Tod, der jeden wahren Krieger zutiefst beschämen 
mußte. 

Nach einem langen Ritt, der über verschlungene Wege, 
schmale Felspfade und durch dichte Wälder führte, zügelte 
Eskaminzin seinen Pinto. 

»Dort, Gelbschlange«, sagte der Häuptling, »in dieser 

Schlucht führt ein Weg in den Berg. Die Eisenmänner bahnten 
ihn vor undenklichen Zeiten. In dieser Höhle wartet das Gold 
auf dich.« 

Mißtrauisch blickte sich Gelbschlange um. Er witterte, 

spürte, daß dies eine Falle war, konnte sie jedoch nicht 
entdecken. 

»Warum ritten wir an diesen Ort?« fragte er nachdrücklich. 

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»Wie sollen wir zur Mine gelangen? Unsere Pferde hätten im 
Tal einen leichteren Weg gefunden.« 

Cochise lächelte und erwiderte: »Sie hätten den Weg in den 

Tod gefunden, Häuptling. Die Schlucht hat einen Namen bei 
meinen Freunden. Sie nennen sie das Tal des hundertfachen 
Todes.« 

Gelbschlange umkrampfte mit der Rechten den Revolvergriff 

und starrte Cochise mißtrauisch und wütend an. 

»Hunderte von Klapperschlangen beherrschen das Tal«, fuhr 

der Chief ungerührt fort. »Jedes Pferd, jeder Krieger wäre ein 
Opfer der Würmer geworden, hätten wir den Weg durch die 
Schlucht genommen. Darum zogen wir hierher. Ein Schacht 
führt in den Stollen. Die Seile dienen uns als Hilfe. Deine 
Männer bewachen hier oben den Eingang. Bist du nun 
zufrieden?« 

Gelbschlange blieb mißtrauisch und fragte: »Und die Höhle 

wimmelt auch von Schlangen, nicht wahr? Und Gold enthält 
sie nicht. Ist es so, Chochise?« 

Der Häuptling lächelte nachsichtig und erwiderte: »Es ist 

nicht so. Für die Schlangen sind die beiden Pfade zum Stollen 
zu steil. Sie erreichen ihn nicht. Laß die Seile ausrollen. 
Eskaminzin und ich gehen als erste hinab, wenn du das 
verlangst. Es besteht keine Gefahr, Gelbschlange. Zudem trägst 
du doch den Namen der Schlange. Wie können die Würmer dir 
gefährlich werden?« 

Der fremde Häuptling schluckte den Spott und sagte: »Gut. 

Fünf meiner Krieger sollen zuerst hinabgelassen werden. 
Danach Fackeln, Beutel und Wasserflaschen. Anschließend 
kommt ihr beide und der weiße Hundesohn an die Reihe. Ich 
betrete die Höhle zuletzt. Ich warne euch. Meine Krieger töten 
euch, wenn ihr nicht die Wahrheit gesagt habt.« 

Cochise breitete die Arme aus und schüttelte traurig den 

Kopf. 

»Warum sollten wir dich belügen?« fragte er erstaunt. »Ja, 

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wenn meine Krieger in diesem Gebiet wären, sähe alles anders 
aus. Dann würdet ihr jetzt schon auf goldenen Mustangs in den 
ewige Jagdgründen reiten. Aber ich bin allein. Wir können nur 
überleben, wenn wir dir Beute übergeben.« 

Gelbschlange stieß eine Reihe von Befehlen aus. Die Hälfte 

seiner Krieger ritt davon. Gleichgültig sahen Eskaminzin und 
Cochise zu, wie zwanzig Männer ihre Pferde in einiger 
Entfernung über die klaffende Schlucht zwangen. Nun suchten 
auf jeder Seite des tiefen Taleinschnittes über zwanzig Krieger 
die Umgebung ab. Sie fanden nichts, keinen Apachen, und 
bezogen Posten an genau den Stellen, die Eskaminzin durch 
Männer gesichert hatte. 

Die restlichen Caddos und Wichitas rollten die kräftigen 

Seile aus. Fünf Krieger suchten trockenes Gras zusammen, 
wickelten es um Aststücke und entzündeten die provisorischen 
Fackeln, bevor ihre Freunde ihnen die Schlingen der Stricke 
um die Oberkörper legten. 

»Es sind etwa zwölf Mannslängen bis zum Grund des 

Schachtes«, sagte Eskaminzin. »Die Wände sind glatt und 
bieten keinen Halt.« 

Gelbschlange gab das Kommando. Ohne Zögern trat sein 

erster Krieger an den Rand der Öffnung, ließ sich in die 
Dunkelheit gleiten, und die anderen Männer gaben Seil nach. 

Ein dumpf klingender Ruf schallte aus der gähnenden 

Schachtmündung. Gelbschlange beugte sich etwas vor. 
Schwach nur drang der Schein der Fackel herauf. 

Der zweite Krieger verschwand nach unten. Innerhalb 

weniger Minuten erreichten die fünf Männer den Stollen. 

Priviant und Wasserflaschen wurden in den Ledereimern 

verstaut und hinabgelassen. 

Ohne Aufforderung traten Cochise, Eskaminzin und 

Haggerty vor. Es dauerte nicht lange, bis auch diese drei 
Männer im Goldstollen ankamen. 

Neugierig sah sich Haggerty um. Er glaubte nicht so recht an 

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die armdicken Adern im Gestein. Die beiden Apachen 
entzündeten Fackeln und gingen voraus. 

»Dort sind sie«, sagte Eskaminzin düster und hob sein Licht. 
John Haggerty hielt den Atem an. Die Beschreibung 

Cochises hatte der Wahrheit entsprochen, war eher untertrieben 
gewesen, denn an manchen Stellen verdickten sich die 
Goldstränge so, daß sie breit wie der Oberschenkel eines 
Mannes waren. Ein ungeheures Vermögen barg dieser Berg. 
Sollten jemals weiße Digger davon erfahren, würde die Hölle 
über die Aravaipas hereinbrechen. Kein Gesetz, keine Soldaten 
konnten die goldgierigen Menschen dann noch zurückhalten. 

Ein seltsames Schwirren klang auf, als die Caddo-Krieger 

weiter in den Stollen vordrangen. Die Banditen hatten 
vergessen, daß sie auf die beiden Chiefs und den Weißen 
achtgeben sollten. 

»Was ist das?« fragte John leise. »Was kommt auf uns zu?« 
Für einen Moment hatte ihn der Gedanke gepackt, daß sich 

Eskaminzin und Cochise selbst opfern wollten, um den 
Aravaipas den Untergang zu ersparen. 

»Fledermäuse, Falke«, antwortete Cochise, »das Licht macht 

sie scheu. Sie schwirren davon, in die Dunkelheit des Tales.« 

Ein mächtiger Luftstrom zog durch die Höhle. Hunderte von 

Flügeln peitschten und verursachten so einen Wirbel. Lautlos 
zogen die Fledermäuse an den Männern vorbei. 

»Was ist das?« fragte Gelbschlange dicht hinter den Apachen 

und dem weißen Scout. 

Cochise wiederholte seine Erklärung, und der feindliche 

Häuptling gab sich zufrieden. 

Er stapfte davon, hielt seine Fackel gesenkt und leuchtete den 

Boden ab. Sicher suchte er nach Schlangenspuren. Auf dem 
glatten Fels hinterließ nichts eine Fährte. Endlich marschierte 
Gelbschlange weiter. Die Fackeln seiner Freunde loderten in 
mehr als dreißig Yard Entfernung. 

Langsam gingen Cochise, Eskaminzin und Haggerty 

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hinterher. 

Die dicken Stränge Gold setzten sich bis ans Ende des 

ausgebauten Stollens fort. Mächtige Balken stützten das 
Deckengestein ab. Dem Scout kam es so vor, als hätten die 
Spanier vor langen Jahrhunderten beabsichtigt, den Adern bis 
zu ihrem Ende zu folgen. Warum die Eroberer ihren Plan 
aufgegeben hatten, vermochte heute niemand mehr zu sagen. 
Vielleicht wurden sie der Klapperschlangen nicht Herr, 
vielleicht starben die Eisenmänner von der Hand der 
Apachenkrieger. 

Freiwillig, so schätzte Haggerty, hatten die Eroberer auf 

keinen Fall diesen riesigen Schatz fahren lassen. Die Unmenge 
Gold erinnerte zu sehr an die Legenden der sagenumwobenen 
sieben Städte Cibolas, die aus purem Gold errichtet gewesen 
sein sollten. 

Gelbschlange drehte sich um. Sein Gesicht spiegelte die 

Zufriedenheit wider, die von dem Häuptling Besitz ergriffen 
hatte. 

»Gut, sehr gut«, sagte er, »ihr habt Wort gehalten. Auch ich 

halte mein Wort, Cochise. Wir sind hier neun Männer. Wenn 
wir alle arbeiten, brauchen wir einen Tag und eine Nacht, um 
das Gold aus den Felsen zu lösen. Anschließend reiten wir 
davon, in Richtung Sonnenaufgang. Nach drei Tagen lassen 
wir den Kundschafter der Pferdesoldaten frei.« 

Haggerty rief laut: »Ich denke gar nicht daran, für dich zu 

schuften, du roter Halunke. Ich bin dein Gefangener, aber nicht 
dein Sklave. Ich setze mich hier hin und sehe zu, wie ihr das 
Gold aus den Steinen brecht.« 

Cochise lächelte und sagte: »Gelbschlange, es ziemt sich 

nicht für einen Chief der Chiricahuas, die Arbeiten einer 
Squaw zu verrichten. Auch Eskaminzin wird nicht helfen. 
Apachen wühlen nicht nach Gold. Hol deine Krieger herab. Ihr 
wollt das Gold. Wir haben euch unser Wort gegeben, daß ihr 
mitnehmen dürft, so viel ihr tragen könnt. Und dabei bleibt es.« 

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Gelbschlange verzog das Gesicht. Es paßte ihm nicht, seine 

Streitmacht oben an der Mündung des senkrechten Zuganges 
zu vermindern. Ihm würde nichts anderes übrigbleiben, denn er 
vermochte weder die beiden Apachen noch den Weißen zum 
Arbeiten zu zwingen. 

Der Häuptling ging zu den Seilen, streifte sich die Schlinge 

über den Oberkörper und zog dreimal an einem der Stricke. 
Sekunden danach schwebte Gelbschlange nach oben. 

Es dauerte nicht lange, bis eine Menge Vorräte herabgelassen 

wurden. Zwanzig Krieger folgten, und dann kam Gelbschlange 
wieder unten an. Er ging zur dicksten Ader, zog sein Messer 
und schnitt mit der scharfen Eisenklinge einen breiten Span aus 
dem Gold. 

»Einen Tag und eine Nacht«, rief der Häuptling, »und wir 

sind fertig. Selbst wenn noch Gold im Gestein bleibt, können 
unsere Mustangs doch nicht mehr tragen. Macht euch an die 
Arbeit. Ich weiß, daß dies keine Arbeit für Krieger ist. Vergeßt 
jedoch nicht, daß unser Ruhm noch den Söhnen unserer Söhne 
an den Lagerfeuern Respekt abnötigen wird. Nie zuvor 
brachten Krieger so reiche Beute in die Wigwams unserer 
Völker. Und darum sage ich euch, daß dies keine Arbeit ist, die 
dem Krieger die Ehre nimmt. Vergeßt nicht, wie wir an den 
Schatz herangekommen sind.« 

Die Krieger murmelten zustimmend. Gelbschlange war im 

Recht. Diese Beute würde bei beiden Stämmen zur Legende 
werden. 

Die kräftigen Eisenklingen gruben sich in die Goldstränge. 

Dicke Späne fielen herab. Sorgfältig hoben die Krieger das 
Gold auf und warfen die Stücke in die Ledereimer. 

Cochise trat zwei Schritte zurück und gelangte neben 

Haggerty. 

»Falke«, raunte er, »ich würde an deiner Stelle nicht von dem 

Wasser trinken, das in den Kürbisflaschen ist. Du brauchst nur 
kurze Zeit ohne frisches Wasser zu sein.« 

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»Was hast du vor?« wollte Haggerty wissen. 
Er spürte, daß die Freiheit winkte, daß Cochise und 

Eskaminzin einen großartigen und zugleich furchtbaren Plan 
geschmiedet hatten, um die Horde der indianischen Banditen in 
die ewigen Jagdgründe zu schicken. 

Cochise schüttelte leicht den Kopf. Er wollte nichts verraten. 

Vielleicht ließ sich Falke doch etwas anmerken, und dann war 
der ganze Plan gefährdet. 

Nach einer langen Weile, der Schweiß rann den wild 

schuftenden Kriegern von den nackten Oberkörpern, hielten sie 
inne. Fast zugleich griffen die Männer nach den ausgehöhlten 
Kürbissen und tranken in langen Zügen. 

Cochise ließ sich seine Zufriedenheit nicht anmerken. Je 

mehr die Feinde tranken, desto verwirrter wurden ihre Sinne. 
Hoffentlich blieben die Wachen oben am Schachtrand nicht 
standhaft und öffneten die Flaschen mit dem brennenden 
Wasser und tranken davon. 

In dieser Nacht unterdrückten die abergläubischen Apachen 
ihre Furcht vor Bu, der Eule, die während der Dunkelheit durch 
das Land streifte und die Seelen der Toten ins jenseitige Reich 
brachte. Die Krieger mißachteten die Gefahren, die ihnen durch 
zahllose Naturgeister drohten und griffen an. Es galt, den 
Stamm der Aravaipas zu retten. Es galt, den Frieden im 
Apachenland zu erhalten und die räuberischen Feinde nicht 
entkommen zu lassen. 

Ein Apache stand plötzlich neben einem umgestürzten Baum. 

Eine Sekunde zuvor hatte nichts darauf hingedeutet, daß ein 
Krieger in der Nähe des faulenden Holzes lag. Und wieder eine 
Sekunde später brach ein Wichita-Krieger unter dem Hieb der 
Streitkeule tot zusammen. 

Der Apache band Arme und Beine des Toten mit einem 

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ledernen Riemen zusammen, suchte anschließend das Pferd des 
Wächters und führte es herbei. Nun hockte sich der Krieger auf 
die Hacken. Er mußte warten, bis das Signal erklang. Alles 
andere war nur noch eine Sache der Zeit. 

So wie diesem Wichita erging es sämtlichen Posten, die 

Gelbschlange ausgestellt hatte. Eskaminzins Krieger, verstärkt 
durch die zwölf Chiricahuas, hatten mit sicherem Blick alle 
gefährdeten Orte bereits vor der Ankunft der Wächter aus der 
Horde besetzt. 

Einem Apachen machte es nichts aus, länger als zehn 

Stunden in Deckung zu liegen und auf Beute zu warten. Unter 
einer dünnen Sandschicht in der Wüste, zwischen umgestürzten 
Kakteen, getarnt mit der trocknenden Stachelhaut, im Fell eines 
Hirsches reglos liegend, verbrachten die Krieger der Halbwüste 
geduldig Stunde um Stunde mit Beobachtungen. 

War die Beute zum Greifen nahe, stand der Feind neben 

ihnen, schlugen sie erbarmungslos zu. 

Nicht umsonst galt bei den Weißen im Südwesten das 

Sprichwort: einen Apachen siehst du erst, wenn er vor dir aus 
dem Boden wächst. Aber dann ist es für dich zu spät. 

Der einsame Krieger lauschte mit halb geschlossenen Lidern 

in die Nacht. Merkwürdige Geräusche zerrten an den Nerven 
des Aravaipas. In weiter Ferne schrie eine Eule, bekam 
Antwort von einem Kaktuskauz, und der Krieger konnte nicht 
verhindern, daß ihm ein Schauer der Furcht über den Rücken 
lief. 

Schließlich erinnerte sich der Mann an den Toten, der ein 

paar Schritte entfernt lag und fing sich wieder. In dieser Nacht 
brachte Bu nicht die Seelen der Apachen, sondern die ihrer 
Feinde in das dunkle Land. 

Endlich erklang das Hämmern eines Gilaspechtes. Dieser 

Vogel höhlte mit seinem starken Schnabel die holzigen 
Stämme der Saguarokakteen aus und baute sich so eine 
Wohnstatt. Doch niemals klopfte ein Gilaspecht in der Nacht 

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seine Höhle. 

Der Krieger zählte lautlos mit. Zweiundvierzigmal klang das 

Hämmern auf. Und das bedeutete, daß die gleiche Anzahl 
Feinde tot oder kampfunfähig war. Den letzten Ruf stieß der 
Aravaipa aus, bevor er sich bückte und den Toten aufhob und 
über den Rücken seines eigenen Pferdes warf. 

Das kalte silberne Licht der Sterne erhellte die Nacht nur 

notdürftig. Die Sichel des Mondes spendete nicht genügend 
Glanz, um genau erkennen zu können, was in der Nähe der 
Schlucht des hundertfachen Todes vorging. 

Von allen Seiten trieben die Aravaipas und Chiricahuas 

Pferde an den Rand des Einschnitts. Leblose Körper fielen 
herab, wurden an die Steilkante geschleift und hinabgeworfen. 
Keine Spur sollte von den Eindringlingen übrigbleiben. 

Das Dutzend Chiricahuas und weitere zwölf Aravaipas 

glitten zu Fuß zur Öffnung des Schachtes. Lange Zeit 
belauerten die Apachen die restlichen Caddos und Wichitas. 

Sie saßen um das Feuer herum. Fünf Krieger waren 

umgesunken. Die anderen starrten wie gebannt in die 
Flammen. Das Pulver des Medizinmannes, vermischt mit dem 
brennenden Wasser der Weißen, tat seine Wirkung. 

Die Apachen huschten lautlos hinter die Feinde, die mit 

Mord und Feuer über die Sippen gekommen waren und lösten 
die Kriegsbeile aus den Gürtelschlaufen. 

Keiner der Gegner war fähig, sich zu wehren. Sie alle 

erblickten in den Flammen wundersame Dinge und wußten 
nicht, daß die Droge in ihrem Blut ihr ganzes Denken, all ihre 
Sinne gefangennahm. 

Minuten später trugen die Apachen die Toten davon, 

brachten auch sie an den Rand der Steilwand, die in das Tal des 
hundertfachen Todes beinahe senkrecht hinabführte. 

Anschließend warteten die Krieger am Feuer, das ihren 

Feinden Traumbilder vorgegaukelt hatte. 

Sie warteten auf Eskaminzin und Cochise. Und auf den 

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Weißen, den der große Jefe der Chiricahuas Bruder nannte. 

Noch saßen die drei Männer in der Höhle der Eisenkrieger, 

betrachteten mit gleichgültigen Blicken all das Gold, 
betrachteten die Caddos und Wichitas, die ebenfalls 
traumversunken an den Wänden lehnten. Lediglich zwei 
Wachen blieben aufmerksam. Gelbschlange hatte ihnen strikt 
untersagt, etwas zu essen oder zu trinken. Diese beiden Krieger 
mußten die Gefangenen bewachen. 

Sie wurden unruhig, flüsterten miteinander und gingen 

vorsichtig zu ihren Gefährten und betrachteten sie eingehend. 

Cochise packte seinen Dolch. Auch Eskaminzin zog lautlos 

das Messer. Mit geschmeidigen Schritten huschten die 
Apachenchiefs zu den Wächtern. Sie konnten keinen Laut 
mehr von sich geben. 

Haggerty atmete gepreßt. Er ahnte, daß Cochise und 

Eskaminzin für den Frieden im Südwesten gesorgt hatten, auf 
ihre Weise: Erbarmungslos hart, wie es die Art der Apachen 
war. 

Eskaminzin lief zum Schacht und zog zweimal an einem 

Seil, wartete und zog noch dreimal. Sofort ruckte ein anderer 
Strick. Der Aravaipa nickte zufrieden und schlang sich das Seil 
um den Oberkörper. 

Sofort entschwebte der Mann nach oben. 
Cochise durchtrennte mit schnellen Schnitten Haggertys 

Fesseln und raunte dicht am Ohr des Falken: »Jetzt du, schnell. 
Sie sehen, was vorgeht, aber ich weiß nicht, wie stark ihre 
Träume sind. Durchbricht einer den Bann, kann er uns 
gefährlich werden und auch die anderen aus der Versunkenheit 
lösen.« 

John nickte, legte die Schlinge um und spürte den kräftigen 

Zug der Krieger an der Schachtmündung. 

Wenig später schwang sich auch Cochise über die Kante. 
»Sie sind so gut wie tot«, sagte der große Häuptling hart. 

»Sobald die Sonne aufgeht, erwärmt sich der Boden im Tal des 

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hundertfachen Todes. Die Klapperschlangen kriechen in die 
Höhle. Gelbschlange und seine Männer erwachen kurz vor dem 
grauen Morgen. Ich warte hier und erzähle ihnen von der 
Rache der Apachen.« 

Die Krieger zogen die Seile herauf und rollten sie zusammen. 

Eskaminzin schwang sich auf seinen Mustang und übernahm 
die Führung. 

»Reite ins Dorf, Falke«, forderte Cochise seinen Blutsbruder 

auf, aber Haggerty schüttelte den Kopf. 

Die Krieger ritten unter Eskaminzins Führung davon. 
»Es war deine List, Cochise«, sagte John nach einer langen 

Weile leise. »Ich weiß, daß General Howard dir dankbar sein 
wird. Die Horde hätte einen neuen Krieg auslösen können. Alle 
Untaten wären euch Apachen zugeschrieben worden.« 

»So ist es«, erwiderte der Chief. »Sobald die Sonne über die 

Berge blickt, spreche ich zu den Banditen. Sie sollen wissen, 
daß weder ein Caddo noch ein Wichita jemals im Land der 
Apachen Beute machen kann.« 

»Was ist mit den anderen Kriegern?« fragte Haggerty nach 

einiger Zeit. 

»Sie sind tot«, entgegnete Cochise hart. »Ich kam zu 

Eskaminzin, weil er Hilfe brauchte. Eskaminzin behagten die 
weißen Goldsucher am Aravaipa nicht. Zudem suchten die 
Angreifer aus dem Osten die Sippen heim. Meine Chiricahuas 
und die Krieger meines Freundes töteten die Feinde während 
der Nacht. Ihre Leiber liegen in der Schlucht des hundertfachen 
Todes. Die Pferde sind Beute des Stammes.« 

Haggerty holte Luft. Einem Apachenführer machte es 

vielleicht nichts aus, eine derartige Menge Gegner zu töten. Für 
einen Weißen jedoch war es ein Schock. 

John dachte an den Bürgerkrieg und beruhigte sich etwas. 

Die Stämme der Apachen lebten in ständigem Krieg mit 
Eindringlingen aller Art, den Mexikanern und der Natur. Es 
war kein Wunder, daß sie zweckbestimmt handelten, auch 

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wenn diese Taten in den Augen der Weißen manchmal überaus 
hart und grausam wirkten. Alles in diesem Land befand sich im 
Einklang. Versiegten Wasserstellen, so verdursteten Apachen, 
die sich auf ihren Zügen auf Wasser verließen. Raubten und 
mordeten fremde Indianer, waren auch die Krieger der 
Halbwüste nicht mehr sicher. 

»Falke«, raunte Cochise, »ich dachte zuerst an weiße 

Männer, die mit den Caddos und Wichitas gemeinsame Sache 
machten. Ich dachte daran, daß Howard die Horde ins Land 
geholt hätte, um uns zu bekämpfen. Ich fand einen 
Stiefelabdruck nach unserem Angriff auf das erste Lager. Jetzt 
weiß ich, daß du als Gefangener in der Gewalt der 
Eindringlinge warst. Ich weiß es, seitdem ich dieses hier fand.« 

Cochise holte unter seinem karierten Hemd das bemalte 

Lederstück hervor, das Tla-ina dem Weißen gegeben hatte. 

John blickte starr auf das Zeichen. 
»Du weißt, was dies bedeutet?« fragte Cochise sanft. »Du 

kennst den Brauch unseres Stammes, der Squaws?« 

»Ja, mein Freund, ich weiß es«, erwiderte John Haggerty 

leise. 

»Hier, meine Schwester hat dir dieses Geschenk gemacht«, 

sagte der Jefe und reichte dem Weißen, den er Bruder nannte, 
das Lederstück. »Was wird aus Tla-ina und dir? Du bist ein 
Freund der Apachen, aber weiß. Du gehörst nicht zu uns und 
nicht zu deiner Rasse. Ich möchte Tla-ina nicht im Unglück 
sehen, Falke. Denk an die vielen weißen Männer, die sich eine 
Indianerin zur Frau nahmen. Denk daran, was deine Rasse dazu 
sagt. Ich weiß nicht, ob du das durchstehen wirst.« 

Haggerty dachte bitter: er zweifelt daran, denn er kennt die 

Weißen. Aber er kennt auch mich. Warum zweifelt er? Seiner 
Schwester traut er zu, daß sie durchhält, natürlich, sie ist eine 
Apachin. 

»Cochise«, erwiderte John ernst, »was wird, kann niemand 

sagen. Vielleicht läßt mich Eskaminzin töten, weil ich die Lage 

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dieser Goldmine kenne. Vielleicht fallen in zwei oder drei 
Tagen Victorios Krieger über mich her, und mein Skalp 
trocknet im Rauch eines Mimbrenjofeuers. Ich kann dir nur 
versprechen, daß Tla-ina niemals leiden wird.« 

Der Häuptling lächelte und sagte: »Das ist viel, Falke, sehr 

viel. Ich bin zufrieden. Ich grüße meine Schwester von dir, 
sobald ich wieder in meinem Jacale bin.« 

Im Osten drängte ein grauer Streifen Helligkeit das Dunkel 

der Nacht zurück. Die meisten Sterne waren schon verblaßt. 
Cochise stand geschmeidig auf und trat an die Kante des 
Schachtes und lauschte. 

»Diese Hunde, diese Wüstenratten«, klang Gelbschlanges 

Stimme auf. 

»Höre, Mörder«, rief Cochise mit mächtiger Stimme, »diese 

Höhle ist euer Grab. Ihr seid über ein Volk der Apachen 
gekommen und habt den Tod gebracht. Ihr wolltet den 
Feuerbrand in unserem Land wieder schüren, um Beute zu 
machen. Dort unten hast du so viel Beute, wie du willst. Ich 
stehe zu meinem Wort. Nimm mit, was du zu tragen vermagst. 
Gelingt es dir, die Schlucht des hundertfachen Todes hinter 
dich zu bringen, so bist du frei.« 

»Du hast Krieger an beiden Enden des Tales aufgestellt, die 

uns töten sollen«, antwortete Gelbschlange. 

»Nein, kein Apache wartet auf euch«, erwiderte Cochise. 

»Nur der Tod, denn tausend Schlangen leben dort. Wenn die 
Sonne steigt, gleiten sie in den Stollen. Dort ist es warm, aber 
nicht brennend heiß. Ihr werdet sterben, alle. Und euer Tod 
wird nicht der eines Kriegers sein. Ehrlos sollt ihr in das 
jenseitige Land eingehen, und ehrlos sollt ihr dort die Arbeit 
der Sklaven für Krieger verrichten. Denn ihr habt euch zu 
Sklaven gemacht, als ihr nur noch an Gold und Beute dachtet. 
Ich habe gesprochen!« 

Haggerty stand auf, betrachtete Cochise staunend und deutete 

auf den Schacht und fragte: »Wie willst du sie daran hindern, 

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heraufzuklettern? Das Loch ist eng genug, daß sich ein Mann 
mit Armen und Beinen an den Wänden abstemmen kann.« 

Cochise lächelte und stieß einen grellen Schrei aus. Es war 

der Jagdruf des Rotschulterbussards, der hier im Süden 
überhaupt nicht vorkam. 

Plötzlich waren die beiden Männer von zwanzig Kriegern 

umringt. Sie tauchten aus ihren Deckungen auf wie ein 
Kistenteufel aus seiner Schachtel. 

Die Krieger grinsten über Haggertys verblüfftes Gesicht und 

machten sich ohne weiteren Befehl an die Arbeit. Gemeinsam 
rollten sie einen mächtigen Felsbrocken heran, der wohl mehr 
als eine halbe Tonne wiegen mochte. Sie waren erst zufrieden, 
als der gewaltige Klotz genau auf der Mündung des Schachtes 
lag. 

»Beantwortet das deine Frage?« wollte Cochise wissen und 

lächelte Falke an. 

Haggerty nickte nur. 
»Ich möchte ins Dorf der Aravaipas«, sagte er. »Vielleicht 

kann der Medizinmann meine Wunden nachsehen. 
Anschließend muß ich zurück. General Howard soll erfahren, 
was hier vorgegangen ist.« 

»Dein Pferd und die Waffen warten auf dich«, sagte einer der 

Aravaipa-Krieger. »Vorher mußt du dich vom Rat der Alten 
prüfen lassen. Zwei Männer fordern deinen Tod, Falke, denn 
du weißt zuviel.« 

Haggesty lächelte und erwiderte: »Ich werde die weisen 

Männer überzeugen, Krieger. Ich bin kein Feind der Apachen, 
wie Cochise und Eskaminzin bestätigen können. Das sollte 
dem Rat zu denken geben.« 

Der Krieger ginste und sagte respektlos: »Sie sind nicht 

weise, Falke. Es sind Greise, denen der Starrsinn den Kopf 
verdorben hat.« 

Die Aravaipas führten Pferde heran. Minuten später trabten 

die Mustangs Eskaminzins Dorf zu. 

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Hinter den Apachen klangen Schüsse auf. Die engen 

Talwände dämpften die Detonationen. Die Caddos und 
Wichitas versuchten wohl, sich durch die Menge der Schlangen 
zu kämpfen. Es war der Versuch, der zum Scheitern verurteilt 
war. Denn Cochise versicherte Haggerty, daß mindestens 
tausend Klapperschlangen das kleine Tal beherrschten. 

Im Dorf der Aravaipas empfingen die Squaws die Krieger 

mit schrillen Freudentrillern. Cochise erhielt den ganzen 
Respekt, der ihm zustand. Immerhin war er der Retter des 
Stammes. Seine List hatte den Feinden den Tod gebracht. 

Eskaminzin saß hinter einem niedergebrannten Feuer. Das 

Gesicht des Chiefs zeigte einen Ausdruck aus Resignation und 
Belustigung. 

Sechs alte Männer, Greise, hockten ihm gegenüber. Sie 

wandten die Köpfe, als Cochise mit Haggerty nähertrat. 

»Er muß sterben!« rief plötzlich einer der Alten mit 

brüchiger Stimme und zeigte mit seinem dürren Arm, dessen 
Finger wie Klauen wirkten, auf den Scout. 

Es gelang den Häuptlingen, die Männer des Rates davon 

abzubringen. John ließ sich vom Medizinmann behandeln, 
überprüfte seine Waffen, die bei der Beute gewesen waren, die 
die Aravaipas den Eindringlingen abgenommen hatten, und 
verabschiedete sich von Cochise. 

Erst jetzt erzählte der Häuptling von den vier überlebenden 

Soldaten. 

»Ich weiß, daß sie in den besten Händen sind«, erwiderte 

Haggerty nur. »Berichte du in Fort Thomas, was sich 
zugetragen hat. Ich reite zu Howard. Kein anständiger Weißer 
vergißt, daß du den Südwesten vor einem Krieg bewahrt hast.« 

Cochise hob die Linke und grüßte seinen Blutsbruder. 

Chiefscout John Haggerty ritt davon. 

»Es gibt nicht viele anständige Weiße«, murmelte der große 

Häuptling. »Wenn wir mehr Freunde wie Falke hätten, 
bräuchte ich nicht um unser Volk zu fürchten.« 

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Am späten Vormittag verabschiedete sich der Führer aller 
Apachen von Eskaminzin, sprach ein paar scharfe Worte zu 
den Ältesten, ließ aber nicht den Respekt vor ihnen vermissen, 
und zog mit seinen zwölf Chiricahuas nach Nordwesten. 

Dort lag, in der Nähe des Gila Rivers, Fort Thomas, eine der 

nördlichsten Befestigungen der Kavallerie. 

Die Apachengruppe durchzog das Land wie 

selbstverständlich. Dies war ihre Heimat, und hier waren sie 
die Herren. 

Gegen Mittag brachten Späher Wild, das sie am Feuer 

brieten. Ein paar Schlucke Wasser rundeten die Mahlzeit ab. 
Erst am frühen Abend erreichte Cochise mit seinen Kriegern 
das Gelände des Forts. 

Die Palisaden ragten mehr als doppelt mannshoch auf. Selbst 

ein Reiter, der sich vom Mustang aus nach oben schwang, 
konnte die Enden nicht packen. An allen vier Ecken hatten die 
Soldaten Wachtürme errichtet, auf denen ständig Posten 
Ausschau nach Feinden hielten. 

»Wartet in den Hügeln«, befahl Cochise seinen Krieger. »Die 

Weißen werden unruhig, wenn sie so viele Apachen auf einmal 
sehen. Ich will nicht ihre Unvernunft herausfordern.« 

Allein ritt der Jefe auf das Haupttor zu. Die Sonne stand 

hinter ihm am Himmel. Deutlich hoben sich die Umrisse der 
Überbauten vom Hintergrund des Himmels ab. 

Cochise war noch etwa fünfzig Pferdelängen von den 

Palisaden entfernt, als eine Stimme aufgellte. 

»Indianer!« schrie ein Mann mit aller Kraft seiner Lungen. 
Der Häuptling wußte, daß seine Krieger die Befehle 

befolgten. Also konnte nur er selbst mit dem Alarmschrei 
gemeint sein. Verwundert dachte Cochise darüber nach, daß 
ein einzelner Apache eine solche Angst bei den weißen 
Pferdesoldaten hervorrufen konnte. 

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Denn in der Stimme des Postens war deutlich Angst 

mitgeschwungen. 

Das Pony tänzelte plötzlich ein wenig, als es mit den 

Vorderhufen beinahe in das Loch eines Erdhörnchens getreten 
war. 

Im selben Moment krachten zwei Gewehre. Die Kugeln 

sirrten knapp eine Armlänge an Cochises Kopf vorbei. Zornig 
zügelte der Apache sein Tier. Drohend blickte er auf die 
Palisaden. 

Waren alle Weißen verrückt geworden? 
»Welcher Idiot hat ohne Befehl geschossen?« brüllte 

plötzlich ein Mann mit dröhnender Stimme. 

»Ich, Sir, Reiter Luke, auf Posten, Sir!« 
»Und Reiter Gleason, ebenfalls auf Posten!« 
»Sir!« brüllte der andere. 
»Ebenfalls auf Posten, Sir!« wiederholte der zweite Schütze. 
»Wie kommt ihr hirnverbrannten Idioten dazu, durch die 

Gegend zu ballern? Habt ihr ein Karnickel gesehen?« 

»Nein, Sir, einen Indianer. Und Sie haben selbst gesagt, 

wenn wir einen Apachen sehen, müßten wir schneller schießen 
als er.« 

»Idioten, ich bin nur von Verrückten umgeben!« schrie der 

andere Mann, den Cochise für einen Sergeanten hielt. Denn 
fast nur sie gaben ein derartiges Gebrüll von sich. 

»Das gilt für das freie Land, wenn wir auf Patrouille sind, in 

Feindgebiet, ihr Narren. Was habt ihr eigentlich in dem Ding, 
auf dem euer Hut sitzt? Kopf sagen auch manche dazu. Aber in 
einen Kopf gehört ein klein wenig Gehirn hinein. Und dieses 
Gehirn sollte ab und zu mal nachdenken. Ich wette, ihr beide 
habt nur getrockneten Büffelmist drin. Wenn Dummheit 
stinken würde, könnte die Kavallerie mit eurem Gestank allein 
sämtliche Indianer bis in den Golf von Mexiko jagen. Geht zur 
Seite, ich will das Ding sehen, das ihr für einen Indianer 
gehalten habt. Sicher ist es nur eine Springmaus oder ein 

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Erdhörnchen, allenfalls eine Taschenratte.« 

Cochise saß abwartend auf seinem Mustang. Der Jefe hatte 

begriffen, daß zwei Neulinge aus Übereifer gefeuert hatten. 
Aus solchen Situationen konnten Dinge entstehen, die 
sämtliche Stämme wieder auf den Kriegspfad brachten. Die 
Weißen mußten ihre Leute besser ausbilden und beobachten, 
überlegte er. 

»Hölle und Teufel!« stieß der Sergeant hervor, »das hätte 

euch den Kopf kosten können. Reiter Luke, sausen Sie zum 
Colonel und melden Sie, daß Cochise vor dem Tor wartet. 
Gleason, runter mit Ihnen. Holen Sie Captain Arbogast aus 
dem Kasino. Der Häuptling wird mit militärischen Ehren 
empfangen. Und sorgen Sie dafür, daß das Tor geöffnet wird, 
Sie Hohlkopf.« 

Cochise lächelte und preßte seinem Pony die Absätze in die 

Flanken. Langsam ging das Pferd auf die Palisaden zu. 

Die Torflügel schwenkten nach innen. Im letzten Schein der 

Sonne glänzten die Bajonette des Zuges, der in gerader Reihe 
angetreten war, im Lichtschein. 

»Aaaachtung!« brüllte der Sergeant. 
Ein Captain zog den Säbel und präsentierte ihn. Der 

Trompeter blies ein Signal, das sonst nur Vorgesetzten galt. 

Langsam ritt Cochise an den stramm stehenden Soldaten 

vorbei und empfand so etwas wie Genugtuung. Er bewertete 
die Geste dieses Empfanges zwar nicht höher als sie war, aber 
er ahnte, daß er mit dem kommandierenden Offizier ein gutes 
Palaver führen konnte. 

Er saß ab, überließ die Zügel seines Mustangs einem 

herbeilaufenden Soldaten und verneigte sich leicht vor dem 
Zug Soldaten. 

Ein bulliger Sergeant betrachtete den Jefe mißtrauisch, trat 

heran, salutierte und sagte: »Häuptling, ich habe die Ehre, Sie 
zu Colonel Ballinger zu führen. Der Kommandant erwartet 
Sie.« 

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»Danke, Sergeant«, antwortete Cochise, »ich fühle mich 

geehrt. Und wenn die beiden Pferdesoldaten auf Wache lernen, 
daß Kugeln auch töten können, wird ihre Ausbildung noch 
besser sein.« 

Der Sergeant lief rot an, beherrschte sich aber und 

marschierte steifbeinig vor dem Indianer her. 

Eine Ordonnanz riß die Tür zur Kommandantur auf und 

salutierte. 

»Häuptling«, sagte der Sergeant fast flehend, »bringen Sie 

Nachricht von unseren Männern? Was ist mit Ihnen?« 

Cochises Gesicht schien sich zu verdüstern, als er leise 

erwiderte: »Vier leben noch. Alle anderen sind tot. Sie starben 
von der Hand unserer Feinde. Caddos und Wichitas waren in 
das Land der Aravaipas eingedrungen. Sie kommen niemals 
mehr wieder.« 

Cochise wandte sich ab, als er die Trauer im Blick des 

weißen Soldaten sah. Dem Kommandanten, Colonel Terence 
Ballinger, berichtete er mit nüchternen Worten und kurzen 
Sätzen, was sich in den letzten Tagen in Eskaminzins Gebiet 
zugetragen hatte. 

Cochise vergaß nicht zu berichten, Wie die feindlichen 

Indianer gestorben waren. Und er vergaß auch nicht, John 
Haggerty zu erwähnen, der bereits auf dem Ritt zu General 
Howard war. Nur von der Goldmine sagte er kein Wort. 

Colonel Ballinger dankte dem Führer der Stämme für seinen 

Einsatz. 

»Die Überlebenden, sind sie transportfähig?« wollte der 

Oberst anschließend wissen. 

Cochise erwiderte lächelnd: »Jetzt noch nicht. In zweimal 

sieben Tagen reiten sie allein hierher. Sie sind bei Freunden, 
Colonel. Der Stamm der Aravaipas sorgt für sie.« 

»Ich wünschte, wir Soldaten hätten mehr solche Freunde«, 

sagte der Oberst leise, und Cochise lächelte gedankenverloren. 

Denn er sah in der Zukunft wieder nur Kämpfe und Blut, 

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wenn die weißen Eroberer ihrer Gier nach Land und Gold 
keine Zügel anlegten. 

ENDE