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2

 

Dan Roberts 

Rauchsignale des Todes 

Apache Cochise 

Band Nr. 21 

Version 1.0 

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3

Prolog 

Man nannte die Apachen Barbaren, Wilde und Massenmörder. 
Waren sie das? Über alles, was in dieser Welt geschieht oder 
früher einmal geschah, kann man so oder so urteilen.
 

Um objektiv zu sein, kann an dieser Stelle nur von 

Unbefangenen ein Widerruf dieser Meinung über die Apachen 
erfolgen. Unser Nachruf, sozusagen eine verspätete 
Ehrenrettung dieses großen, stolzen und kämpferisch 
veranlagten Volkes, das von der Steinzeit »über Nacht« in eine 
erbarmungslose Zivilisation versetzt wurde, die sie nicht 
begriff, wie auch die Umstände, die zum Untergang der roten 
Rasse führten.
 

Man kann sagen, die damaligen Weißen und Mexikaner 

waren alles andere als weitblickend, eher nur von einer 
hyperhumanen Art, die dem Prankenschlag eines Panthers 
glich. Bei den meisten Weißen war die Ausrottung der Indianer 
eine beschlossene Sache, honoriert durch Prämien für einen 
Apachen-Skalp.
 

Dachten und handelten die weißen Einwanderer mit ihrer 

mitgebrachten zweitausendjährigen Kultur alle richtig, Kultur 
und Zivilisation, gemessen an der der Apachen? Oder 
bewegten sie sich in der klischeehaften Vorstellung des 
Militärs vom »toten Indianer, der ein guter ist«?
 

Mitnichten. Zum Teil gab es vorausschauende und 

mitfühlende Männer in der Army, die aber wegen ihrer 
»Humanitätsduselei« nicht zu Wort gelangten, aber den 
Untergang der roten Rasse voraussagten und mit den 
Indianern fühlten.
 

Nicht alle waren sie ein Colonel Chivington, ein abenteuer- 

und beförderungssüchtiger George Armstrong Custer. Fest 
steht aber, daß der Massenmord an der indianischen Rasse von 

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4

vielen Amerikanern heutzutage bagatellisiert und, wenn die 
Sprache darauf kommt, mit einer lässigen Handbewegung 
abgetan wird.
 

Auch die in wissenschaftlichen Disziplinen denkenden 

Amerikaner können einen Rückblick auf die Zeit nach 1850 nur 
schwer vertragen. Man sieht die in den Wüsten und Gebirgen 
vegetierenden Stämme Arizonas nicht, und das beruhigt den 
Durchschnittsamerikaner ungemein, weil er das ökologische 
Harakiri, das man mit dem Land und seiner Urbevölkerung 
trieb, nicht mit ansehen muß.
 

Zugegeben, die Stämme der Indianer, besonders die 

Apachen, betrieben zu keiner Zeit Vorratswirtschaft, 
ausgenommen die seßhaften und Ackerbau treibenden Pueblos 
im Westen von Neumexiko und in den nordöstlichen Bereichen 
Arizonas.
 

Lag hier der Untergang der roten Rasse begründet? 
Sicherlich nicht, denn kein nomadisierendes Volk in Europa, 

Asien oder Afrika konnte sich mit Vorratshaltung befreunden. 
Gingen sie unter? Nein, sie gingen auf in den Völkern, deren 
Gebiete sie okkupierten. Auch andere negative Aspekte – in den 
Augen der Weißen – kann den Apachen nicht abgesprochen 
werden. Sie waren nun einmal Naturkinder, einfache Nomaden 
in einem riesigen Kontinent, der ihnen alles bot, was sie zum 
Leben brauchten. Zu alten Zeiten war daher für die Apachen 
die Welt noch in Ordnung. Erst als der weiße Mann mit seinen 
überlegenen Waffen, mit Schnaps und seiner verfeinerten 
Kultur und seinen ansteckenden Krankheiten kam, legte sich 
das große graue Leichentuch über die Stämme und 
Sippenverbände.
 

Ganz bestimmt wäre vor 100 und mehr Jahren 

möglicherweise vieles ganz anders gekommen, wenn unter den 
Militärs und in der Regierung in Washington nur ein einziger 
Mann mit entsprechendem Weitblick und ohne Ressentiments 
gegen die rote Rasse gewesen wäre.
 

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5

Es hat nicht an klardenkenden und verantwortungsbewußten 

Leuten gemangelt, aber sie hatten nicht die Stimmengewalt im 
Kongreß, die dazu notwendig gewesen wäre, den Indianern zu 
ihrem Recht zu verhelfen.
 

Es ist nicht Aufgabe dieser Einleitung, anzuklagen und zu 

richten, denn niemand von uns kann sagen, daß er es 
womöglich hätte besser machen können. Sie alle in der 
damaligen Zeit – Rote wie Weiße – waren Kinder einer harten 
und erbarmungslosen Epoche, und sie waren Bewohner einer 
rauhen Umwelt.
 

Die Serie APACHE COCHISE mit ihrem wahrhaft großen 

Häuptling  Cochise als Held ist die im Wesen und Charakter 
authentische Aufzeichnung amerikanischer Geschichte, die in 
Romanform für den deutschen Sprachraum noch nicht oder nur 
in Kurzform gebracht wurde.
 

Die guten und schlechten Weißen, die anständigen Apachen 

und die grausamen, tauchen namentlich in der Story auf und 
geben der Geschichte einen dramatischen, wenn auch 
makabren Hintergrund.
 

Ihr Martin Kelter Verlag. 

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6

*** 

Die Beklemmung, die seit Wochen über der Besatzung von 
Fort Bowie lag, wich nicht und wurde intensiver, als die 
Wachen auf den Bastionen die Rauchzeichen im Norden über 
den Hügeln pulsieren sahen. 

Niemand unter den Weißen konnte die seltsamen schwarzen 

Bälle und Striche lesen, die in den glasklaren Himmel stiegen 
und in höheren Luftschichten zerflatterten. 

Selbst die indianischen Scouts, die in blauen Uniformröcken 

steckten, aber Kopftuch und Wüstenmokassins trugen, 
schüttelten auf Befragen der Offiziere die Köpfe. 

Es waren fremdartige Zeichen, die im Land der Apachen 

niemand verstand. Nicht, daß man diesen schwarzen Bällen 
eine Sprache zugrundelegen konnte, mitnichten. Sie waren 
Symbole, aber solche aus einem fremden Gedankengut. 

Schweigend standen Offiziere und Mannschaften auf den 

Wällen und starrten in Nordrichtung, stellten sich Fragen nach 
dem Sinn der Zeichen, die niemand beantwortete. Das hilflose 
Schweigen war es schließlich, das die Männer zermürbte und 
bedrückte. 

Corporal Fitzgerald und Sergeant O'Connor, beide Iren mit 

blauen Augen und brandroten Haaren, sahen sich mit ihren 
Gläsern die Augen wund, gelangten aber zu keinem 
zwingenden Schluß. 

»Was meinst du, Amos, sind es Apachen?« 
»Keine. Unsere roten Hengste könnten sie sonst lesen.« 
»Vielleicht tun sie nur so?« 
»Kann sein, aber ihre Gesichter verraten Angst, deswegen 

bin ich der Meinung, daß sie's nicht können. Die leiden 
genauso unter den fremden Funkern wie wir!« 

»Gut gesagt, das mit den Funkern. Amos, ich glaube, wir 

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7

gehen einem neuen Indianeraufstand entgegen.« 

»In Fort Bowie sind wir sicher. Die Wälle sind unangreifbar 

und höchstens mit Haubitzen zu bezwingen, und die haben die 
Indianer nicht. Sonst stünden wir auf verlorenem Posten.« 

Jones O'Connor, Dienstgrad Sergeant, wischte sich Schweiß 

und Staub aus den Augen und starrte wieder durch das Glas. 
Amos Fitzgerald bemerkte sein Zusammenzucken und stieß ihn 
mit dem Ellbogen an. 

»Gib her«, sagte er und streckte die Hand nach dem Fernglas 

aus. 

Jones gab es ihm. Fitzgerald stellte es auf seine Augenstärke 

ein und blickte in die gleiche Richtung. Außer einer 
Staubballung sah er nichts. 

»Was hast du gesehen, du rothaariger irischer Teufel?« 
»Zwei Reiter.« 
»Wo, zum Kuckuck?« 
»Warte, bis der Staub sich lichtet.« 
Amos Fitzgerald wartete, aber der Staub wurde nicht dünner, 

sondern zog mit den Reitern nordwärts. Es dauerte eine ganze 
Weile, bis der Corporal etwas erkennen konnte. Zwei Reiter 
trabten aus der Staubfahne und gerieten mit ihren Pferden auf 
felsigen Boden. 

Als Amos das Glas noch etwas schärfer einstellte, erkannte 

er die Gesichter der Reiter. Einer von ihnen war ein noch 
junger Weißer, der andere jedoch trug typische indianische 
Merkmale und war ganz in weißes Wildleder gekleidet. 

Corporal Amos Fitzgerald übertraf Sergeant O'Connor im 

Zusammenzucken und schaute noch einmal lange und 
sorgfältig durch das Glas. Die Rothaut blieb, der Weiße auch. 
Seite an Seite ritten sie durch den Wüstenstreifen zur alten 
Paßstraße. 

»Alle Wetter, eine Rothaut! Ein Apache, wenn ich mich 

nicht irre.« 

»Du irrst nicht und hast gute Augen«, antwortete Jones 

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8

O'Connor. »Hast du 'ne Ahnung, wer der Indsman ist?« 

»Natürlich nicht, irgendeine Rothaut. Was soll's?« 
»Ich glaube nicht, Amos«, antwortete der Sergeant. »Sieh 

nur, wie der Kerl auf seinem Pinto sitzt. Das ist kein einfacher 
Indianer, niemals! Das ist ein großer Häuptling, ein König 
unter seinem Volk.« 

»Du redest wie ein Waschweib, Jones. Könige gibt es nicht 

unter den Rothäuten.« 

»Ich sagte, wie ein König. Majestätisch, wenn du so willst. 

Dieser Indianer ist absolute Spitzenklasse!« 

»Spitzenklasse? Zur Hölle, was meinst du damit?« 
»Du hast doch Augen im Kopf, nicht? Er reitet stets eine 

halbe Pferdelänge vor dem Weißen. Er sitzt schließlich auf 
seinem Pferd, als läge ihm die ganze Welt zu Füßen, und wenn 
du einmal genau sein Gesicht studierst, mußt du doch 
erkennen, daß der Mann etwas ist.« 

»Okay, was?« 
»Ein Häuptling, und kein geringerer. Möglicherweise 

Cochise in Person…« 

»Du spinnst! Cochise kommt nicht so weit nach Norden. Er 

dirigiert seine Kriegerhorden von seiner Bergfeste aus und geht 
nicht die Gefahr ein, von irgendeinem Trottel vom Pferd 
geschossen zu werden.« 

»Sollten wir das Erscheinen der beiden Reiter nicht dem 

Alten melden? Vielleicht haben sie etwas mit den 
Rauchzeichen zu tun, die Fort Bowie beunruhigen?« 

»Die sind nur im Norden. Die beiden kommen aber aus 

südwestlicher Richtung. Ich bin nicht ganz sicher, glaube aber, 
sie haben weder die Paßstraße noch den Apachen-Paß 
benutzt.« 

»Kann sein, ist aber nicht wichtig. Ich wetze mal zum 

Colonel und mache eine Meldung. Etwas dagegen?« 

»Geh zum Wachoffizier, das erspart dir eine Blamage, wenn 

der Colonel schon von den Reitern weiß.« 

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9

Corporal Amos Fitzgerald empfahl sich mit einem trockenen 

Kichern. Er lief über die östliche Bastion und betrat das 
Holzhaus des Offiziers vom Dienst. Ohne anzuhalten stürmte 
er an der Ordonnanz vorbei und wurde am Ende des Korridors 
von einem scharfen Zuruf angehalten: »Wohin, zum Teufel, 
Corporal?« 

Amos blieb stehen, krachte mit den Hacken zusammen, 

streckte die Brust heraus und grüßte militärisch. 

»Ich möchte Captain Barnes eine Meldung machen, 

Lieutenant – Sir.« 

»Welche Meldung?« 
Amos ging bis zu der halboffenen Tür des Ordonanzraumes 

und warf einen Blick hinein. Lieutenant Farlow saß hinter 
einem aktenbeladenen Schreibtisch und runzelte die Brauen. 

»Zwei Reiter nähern sich dem Fort, Sir. Ein Weißer und eine 

Rothaut.« 

»Na und? Was ist daran so sonderbar?« 
»Sergeant O'Connor und ich sind der Meinung, daß es sich 

bei dem Indsman um Cochise handelt.« 

»Donnerwetter! Sie meinen den Häuptling der Apachen?« 
»Sehr wohl, Sir, genau den.« 
»Dann allerdings…Warten Sie, wir gehen zusammen zu dem 

Wachhabenden.« 

Lieutenant Dusty Farlow stürmte vor Fitzgerald durch die 

Tür, über den Korridor und riß dort eine Tür auf. Amos 
Fitzgerald trat hinter ihm ein. 

Captain Phil Barnes konnte man als alten Haudegen der 

Indianerfront bezeichnen. Sein Gesicht war scharfgeschnitten, 
sein Haar bereits ergraut, obwohl er noch nicht alt war. Er 
rauchte seine Pfeife und beschäftigte sich mit einer 
Mannschaftsaufstellung. Als der Lieutenant mit dem Corporal 
in sein Zimmer stürmten, sah er auf und nickte Dusty Farlow 
zu. 

»Mächtig eilig heute, Lieutenant. Was gibt's?« 

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»Corporal Fitzgerald möchte Ihnen eine Meldung machen, 

Sir. Ist es erlaubt?« 

Barnes warf Amos einen auffordernden Blick zu. 
»Reden Sie frei von der Leber, Corporal. Was ist 

geschehen?« 

»Sir, Sergeant O'Connor und ich haben auf der Ostseite 

Bastionwache. Wir sahen zwei Reiter. Einen Weißen und einen 
Roten. Der Sergeant meint, daß es sich bei dem Indianer um 
Cochise, den Häuptling der Apachen, handelt. Er gab mir den 
Auftrag, Ihnen diese Meldung zu überbringen, weil er der 
Meinung ist, daß Cochises Besuch hier am Nordpaß etwas mit 
den Rauchzeichen zu tun haben könnte.« 

Captain Barnes beugte sich leicht vor und schloß halb die 

Augen. Bei ihm war das stets ein Zeichen von besonderer 
Konzentration. 

»Woraus schließen Sie, daß es Cochise ist? Haben Sie den 

Häuptling schon einmal gesehen? Kennen Sie ihn?« 

»Nein, Sir. Seine Haltung – ich meine, Sir, so sitzt nur ein 

Reiter von königlicher Abstammung auf seinem Pferd… Ja, 
Sir, das meine ich.« 

Phil Barnes lächelte nachsichtig. Er stand auf, nahm seinen 

Feidhut vom Haken und stülpte ihn auf den Kopf. 

»Sehen wir uns Ihren König an«, sagte er und verließ das 

Zimmer. 

Als sie bei der Bastion ankamen und die sechs breiten Stufen 

zu dem verdeckten Geschützstand hinaufgingen, sahen sie 
O'Connor immer noch durch das Glas starren. Er grüßte zackig, 
als die beiden Offiziere an seine Seite traten. 

»Geben Sie mir Ihr Glas, Sergeant«, sagte der Captain. 
Er sah hindurch, nickte, setzte das Glas ab, warf einen Blick 

auf den Lieutenant und hielt das Glas wieder vor die Augen. 

»Beim Heiligen Jupiter«, sagte er leise. »Das könnte er sein, 

ja, das ist Cochise!« 

Eine seltsame Erregung befiel den Mann in Uniform. Jones 

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bemerkte, wie seine Hände zitterten und wie sich seine 
Gesichtsmuskeln verkrampften. Unvermittelt und mit einem 
heftigen Ruck setzte er das Glas ab und wandte sich an den 
Lieutenant: »Machen Sie bitte sofort dem Colonel Meldung, 
Lieutenant! Eile ist geboten, verstanden?« 

»Sehr wohl, Sir. Soll ich Cochises Person bestätigen?« 
»Ja! Geschwindschritt bitte, bevor sie am Fort vorbei sind.« 
Farlow verschwand wie ein geölter Blitz. Nach kaum zwei 

Minuten war er schon wieder zurück. 

»Sie möchten unverzüglich Colonel Davis aufsuchen, Sir!« 
»Danke, Lieutenant. Sie, meine Herren Unteroffiziere, 

bleiben auf Ihrem Posten und beobachten weiter.« Er grinste 
breit und ein wenig süffisant, fuhr fort: »Jede Veränderung im 
Vorfeld melden Sie an den Colonel, verstanden? 
Ausnahmsweise dürfen Sie Lieutenant Farlow als Ordonnanz 
benutzen.« 

Er hüstelte, eilte die Bastionsstufen hinunter und verschwand 

zwischen den Offiziersbaracken. 

»Geben Sie mir das Glas, Sergeant«, brummelte der 

Lieutenant ungehalten. Nach seiner Auffassung war der 
Captain einen Schritt zu weit gegangen. Jones und Amos 
verkniffen sich ein Grinsen und machten unbeteiligte 
Gesichter. 

»Sie reiten am Fort vorbei«, sagte Farlow näselnd. »Das sieht 

aus, als könnte man sie tatsächlich mit den Rauchzeichen in 
Verbindung bringen. Na, warten wir's ab, was der 
Kommandeur entscheidet.« 

Sie warteten und verfolgten den Weg der beiden Reiter dort 

unten in der Ebene mit dem Fernglas. 

In der Kantine für Mannschaften und Unteroffiziere war es 
drückend heiß. Kein Luftzug bewegte die Tabakschwaden 

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unter der Decke. Der Kantinenwirt hockte fett und schwitzend 
hinter dem Tresen und schaute schläfrig den Fliegen nach, die 
träge an ihm vorbeibrummten. 

Zwei Mannschaftsdienstgrade und zwei Zivilisten hockten 

getrennt an Tischen, kühles Bier vor sich, und schwatzten 
lustlos drauflos. Manchmal warfen die Soldaten scheue Blicke 
zum Ecktisch unter dem staubblinden Fenster. Aber sie drehten 
ihre Gesichter immer schnell wieder weg, weil sie nicht 
neugierig sein wollten. 

Sie kannten die beiden Zivilisten nicht, hatten aber von ihrem 

Eintreffen im Fort und den Umständen gehört, unter denen man 
sie hergebracht hatte. 

Einer von ihnen, hochgeschossen und schmalbrüstig wie eine 

Zaunlatte, nannte sich Josuah Lemmon. Jedenfalls hatte er 
diesen Namen dem Wachhabenden, der ihre Personalien 
aufnahm, angegeben. Der zweite Mann, ein schielender 
Bärtiger mit einer fliehenden Stirn und schütterem Haar, hatte 
sich Hugh Bennet genannt. Und beide gaben an, von Apachen 
überfallen und ausgeplündert worden zu sein. Sie hatten auch 
von weiteren zwei Gefährten berichtet, die von den Apachen 
getötet worden waren. 

Alles in allem hatte man ihnen geglaubt und Hilfe angeboten. 

Sie gaben an, in den Südzipfel Neumexikos zu wollen, um dort 
nach Gold zu schürfen. Das alles klang glaubwürdig. Niemand 
hatte Zweifel in ihre Worte gesetzt, und nun saßen sie in der 
Kantine, schluckten Bier wie Wüstenboden Regenwasser und 
erholten sich von den überstandenen Strapazen. 

Die beiden redeten nicht viel miteinander, dafür drehten sie 

eine Zigarette nach der anderen und hüllten ihren Tisch in 
blauen Dunst. Aber wenn sie mal miteinander sprachen, 
geschah dies einsilbig. 

Wenn sie sich auch nicht direkt beobachtet fühlten, so 

wurden beide jedoch von ihren schlechten Gewissen 
hinsichtlich der Lügen, die sie dem Kommandanten von Fort 

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Bowie aufgetischt hatten, geplagt. Hinzu kam noch die 
Beengung in der Festungsanlage, die sie nicht gewohnt waren, 
und die drückende Tageshitze. 

Hugh Bennet und Josuah Lemmon wandten erst die Köpfe, 

als die Tür aufsprang und ein paar dienstfreie Soldaten 
hereinmarschierten, um ihren Durst zu löschen. 

Einer der jungen Männer rief zu seinen sitzenden Kameraden 

hinüber: »He, Jungs, könnt ihr raten, was ich soeben erfahren 
habe?« 

»Klar, können wir. Colonel Davis' Dackel hat soeben einen 

Wurf Bernhardiner zur Welt gebracht!« 

Unter brüllendem Gelächter setzten sich die jungen Soldaten 

an den Rundtisch der vorher schon dagewesenen Kameraden. 
»Mensch, spann uns nicht auf die Folter, du Scharfmacher. 
Was hat dein müder Verstand aufgeschnappt?« 

»Gibst du 'ne Runde aus, wenn ich's sage?« 
»Aber sicher, draußen an der Pferdetränke. Kommt alle mit 

und holt euch 'nen Vorschuß auf das Saufgelage!« 

Das Gebrüll nahm kein Ende, selbst die beiden Outlaws 

verzogen ihre Gesichter zu einem Grinsen. Das waren echte 
Männertöne und brillante Witzelchen, wie sie unter Soldaten 
üblich waren. Was aber kurz darauf erzählt wurde, machte die 
beiden Banditen hellhörig und stocksteif. Hugh Bennet 
wechselte sogar seine Gesichtsfarbe. 

»Also, Jungs, hört alle mal gut zu. Vor dem Fort schleicht 

eine Rothaut mit einem Weißen herum, und der Indianer soll 
Cochise, der Häuptling der Apachen sein.« 

»Blödmann!« 
»Warum Blödmann? Glaubt ihr mir nicht?« 
»Kein Wort.« 
»Und weshalb nicht?« 
»Weil Cochise nicht schleicht, schon gar nicht mit einem 

Weißen. Dem zieht er höchstens den Skalp über die Ohren, 
außer…« 

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»Außer?« 
»Ich denke an John Haggerty, unseren Chief-Scout. Die 

beiden sollen dicke Freunde sein.« 

»Den Blödmann gebe ich dir aus voller Brust zurück. Du 

hast recht, Kanonier Abraham. Cochise hat aber noch einen 
weißen Freund, er sitzt am Paß oder hält sich in Tombstone 
auf. Er heißt Thomas Jeffords und wurde vor kurzem 
Postmeister der US Mail. Die drei Männer sind wahre 
Freunde.« 

Hugh Bennet und Josuah Lemmon lauschten den Worten der 

Soldaten, als verkündeten ihre Frotzeleien das Evangelium. 
Kanonier Abraham gab sich noch nicht geschlagen. Mit dem 
Füselier-Gefreiten nahm er es jederzeit auf. 

»Wenn ich dich so reden höre, krieg ich 'ne Gänsehaut wie 'n 

Reibeisen. Mann, Mann, du machst mich schwach!« 

»He, Jungs, hört ihr das Gebrüll des Ochsenfrosches?« schrie 

Füselier-Gefreiter Conan Bisbee und wandte sich an seinen 
Nebenmann, dem er burschikos den Ellbogen in die Rippen 
hieb. 

»Hast du schon so was je gehört, Patrick? Daß die Kanoniere 

immer so furchtbar angeben müssen. Dieser Hosenscheißer von 
Rohrwischer will wissen, wen sich Cochise zum Freund 
auserkoren hat. Hahaha! Abraham, du solltest dir mal dein 
Gehirn blankwaschen lassen, damit's wieder besser 
funktioniert.« 

»Das funktioniert prima«, konterte Walt Abraham. »Bestens, 

Mann! Du hast dir deins doch von unserem Kompanie-
Champion herausprügeln lassen, gleich nach der zweiten 
Runde, Schlappschwanz!« 

Conan Bisbee fuhr hoch, als hätte er eine Reißzwecke auf 

seinem Sitz. 

»Solche Anzüglichkeiten verbitte ich mir! In dem Match mit 

Jeff Kean war ich unterlegen, stimmt, aber es war ein fairer 
Kampf. Du kannst ja mal gegen mich antreten, Großmaul!« 

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»Dann landest du genauso im Dreck wie bei Jeff.« 
»Dieses Risiko nehme ich auf mich, Maulheld. Und dein 

Risiko wird diesmal ein klein wenig größer sein als bei Kean.« 

»Um wieviel größer, he?« 
»Um den Unterschied zwischen mir und Jeff Kean.« 
»Allmächtiger Manitu! Jetzt ist diese Wanze auch noch 

größenwahnsinnig geworden. Bist du tatsächlich der Meinung, 
daß du besser als der Fort-Champion bist?« 

»Du kannst mich mal…«, sagte Bisbee anzüglich, stand auf 

und verließ die Kantine. Brausendes Gelächter folgte ihm 
durch die Tür. 

Am Tisch der durstigen Soldaten wurde es ruhig. Hugh und 

Josuah wechselten nachdenkliche Blicke. Hugh Bennet 
murmelte unter vorgehaltener Hand: 

»Hast du's gehört, Jos? Wenn es Cochise ist, wer ist dann der 

Weiße?« 

»Morg hatte ihn dort unten in den Canyons mit zwei Weißen 

gesehen, stimmt, und von diesen beiden kann's einer sein.« 

»Und wie ist uns der Rächer gefolgt?« 
»Unsere Spur war ja deutlich genug.« 
Lemmon schüttelte den Kopf und machte ein zweifelndes 

Gesicht. 

»Wir kamen mit der Patrouille in das Fort«, sagte er. 
Hugh Bennet verstand, was er sagen wollte. Er hob sein 

Bierglas und nahm einen langen Schluck. Danach stieß er erst 
einmal lautstark auf, bevor er sich wieder seinem Kumpan 
zuwandte und ein besorgtes Gesicht machte. 

»Spielt wirklich keine Rolle, wie er uns gefunden hat. So 

oder so, der Mann ist uns über. Es wird besser sein, wir 
verschwinden, Jos.« 

»Ohne Ausrüstung?« 
»Der Colonel wird uns unter die Arme greifen, wenn wir ihm 

versprechen, den ausgeliehenen Armeebesitz im nächsten Fort 
abzuliefern.« 

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»Und wo wäre das?« 
»Irgendwo im Südzipfel von Neumexiko, klar.« 
»Gibt es dort Forts?« 
»Camps bestimmt. Es spielt keine Rolle, wo wir uns ehrlich 

machen, Hauptsache wir kriegen Pferde und Ausrüstung.« 

»Willst du mit dem Colonel sprechen?« 
»Warum nicht? Ein ganz zugänglicher Mann, oder nicht? 

Well, ich rede mit ihm.« 

»Wann?« 
»Heute abend. Wenn's klappt, hauen wir noch haute nacht ab. 

Im Dunkeln kann selbst ein Cochise keine Spur finden.« 

»Der Weiße?« 
»Zählt nicht. Wir meiden die Paßstraße, weil wir gesehen 

werden könnten. Ich würde sagen, wir nehmen den kürzesten 
Weg nach Neumexiko und stoßen hinter den Peloncillo 
Mountains nach Süden vor. Irgendwo werden wir schon auf die 
verdammte Mine stoßen.« 

Die beiden Outlaws schwiegen. Daß ihr Plan schon im 

Ansatz zum Scheitern verurteilt war, konnten sie zu diesem 
Zeitpunkt noch nicht wissen. 

Colonel Jeff Davis wirkte auf einen Betrachter wie ein richtiger 
Eisenfresser. Er hatte den Bürgerkrieg hinter sich, war während 
der Kämpfe schnell avanciert und vom Lieutenant der 
Kavallerie zum Colonel aufgestiegen. 

Äußerlich sah er besser aus als manch ein anderer Offizier, 

der sich lange in der Wüste aufgehalten hatte. Graues Haar 
bedeckte sein Haupt, und wer seinem gepflegten Spitzbart die 
nötige Aufmerksamkeit schenkte, glaubte sich in die Salons 
nach New Orleans versetzt. Blaue Augen schauten recht 
eindringlich und konnten verwegen blitzen, wenn es um 
militärische Belange ging. 

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Als seine Ordonnanz eintrat und Captain Phil Barnes, den 

Wachoffizier, meldete, sah er nur kurz von seiner 
Schreibtischarbeit auf und gebot dem Captain, Platz zu 
nehmen. 

»Sekunde, Captain Barnes. Lassen Sie mich bitte den Bericht 

noch zu Ende schreiben.« 

»Selbstverständlich, Sir.« 
Nach wenigen Minuten war Colonel Davis mit seiner Arbeit 

fertig und schob die Akte zurück. 

»Was kann ich für Sie tun, Mr. Barnes?« 
»Es geht um eine Meldung, Sir, die Corporal Fitzgerald und 

Sergeant O'Connor machten. Beide wollen Cochise vor dem 
Fort in Begleitung eines Weißen gesehen haben, und ich selbst 
glaube auch, daß der Indianer Cochise ist, den ich durch das 
Glas beobachtete.« 

»Cochise? Wissen Sie, was Sie da sagen, Captain?« 
»So stattlich und majestätisch kann nur Cochise, der 

Häuptling aller Apachenstämme, sein, Sir. Meine Theorie, die 
ich Ihnen vortragen möchte, muß nicht unbedingt stimmen, und 
doch glaube ich, daß das Erscheinen des Häuptlings mit den 
Rauchzeichen zusammenhängt, die wir seit Tagen auf den 
Hügeln ringsum beobachten.« 

Colonel Davis runzelte die Stirn. 
»Das ist wenig wahrscheinlich, Captain. Wir müssen Cochise 

mit etwas ganz anderem zusammenbringen, wie ich meine. 
Denken Sie an die beiden Weißen, die gestern mit der 
Patrouille ankamen. Was haben sie erzählt?« 

»Sir, ich war bei der Vernehmung nicht zugegen.« 
»Beide sagten einhellig aus, daß ihre Begleiter von Apachen 

unter der Führung Cochises angegriffen und getötet wurden. 
Lieutenant Powell hat es auch so zu Protokoll genommen.« 

Davis musterte den Captain. 
»Ist das glaubhaft, Mr. Barnes?« 
»Sir, ich weiß es nicht.« Barnes zuckte mit den Achseln. »Ich 

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habe die beiden Kerle nur kurz zu Gesicht bekommen und 
würde sagen: rüde und hinterhältig, wenn nicht gewalttätig.« 

»Auch meine Meinung. Irgend etwas stimmt an der 

Erzählung dieser Männer nicht. Goldsucher, daß ich nicht 
lache. Sie kommen mir eher wie Banditen vor.« 

»Wir sollten ihre Angaben nachprüfen, Sir.« 
»Das habe ich auch vor. Das Erscheinen des Häuptlings gibt 

mir Grund und Gelegenheit hierzu. Nehmen Sie sich einen 
Halbzug, Barnes, reiten Sie hinaus und sprechen Sie mit dem 
Häuptling. Aber vorsichtig, bitte, sehr vorsichtig! Behandeln 
Sie ihn wie ein rohes Ei und mit allen militärischen Ehren. 
General Howard wird Sie persönlich vornehmen, wenn Sie 
Cochise auch nur ein Haar krümmen.« 

»Ich habe verstanden, Sir. Soll ich ihn zum Fort bitten?« 
»Wenn er will, gern. Ich lasse ihn mit einem Ehrenzug 

empfangen. Noch einmal, Barnes: Vorsicht, kein falsches 
Wort, keine Anspielung auf etwas, was er mißverstehen 
könnte. Dieser Mann ist uns allen über und kann binnen einer 
Woche das ganze Land im Südwesten mit Krieg überziehen.« 

»Sir, ich werde den Auftrag zu Ihrer vollen Zufriedenheit 

ausführen.« 

»Das erwarte ich von Ihnen. Gehen Sie jetzt!« 
Barnes salutierte und verschwand. Er eilte in die Wachstube 

zurück und befahl Lieutenant Lion, einen Halbzug Kavallerie 
auf die Pferde zu bringen, und zwar innerhalb fünf Minuten. 

Lion rauschte ab wie die rächende Nemesis persönlich. 

Barnes hörte ihn beim Stall Befehle schreien. Sporen klirrten 
auf den hölzernen Gehsteigen, dazu die stampfenden Schritte 
der Kavalleristen. Die Männer liefen zum Stall und sattelten 
ihre Pferde. In genau vier Minuten stand der Halbzug 
ausgerichtet und hoch zu Roß vor der Wache. 

Barnes trat heraus, grüßte Lieutenant Lion, der den Gruß 

erwiderte und Meldung machte: 

»Sir, Halbzug der dritten Kompanie unter Führung von 

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Lieutenant Lion feldmarschmäßig angetreten!« 

»Danke, Lieutenant! Lassen Sie ausreiten!« 
Zwei scharfe Kommandos. Die Truppe schwenkte ein und 

ritt über den Exerzierplatz zum Tor. Die Torwache öffnete und 
salutierte. Captain Barnes setzte sich mit Lieutenant Lion an 
die Spitze. Ihnen folgte ein Sergeant und der Hornist mit der 
Standarte. 

Während sie den steinigen Weg hinab ins Tal ritten, kamen 

die beiden Offiziere ins Gespräch. Barnes sagte: »Wissen Sie, 
Lieutenant, wozu wir auserkoren wurden?« 

»Keine Ahnung, Sir. Patrouille?« 
»Ohne Packpferde und Proviant?« 
»Ich wunderte mich bereits, Sir.« 
»Es ist auch zum Wundern. Wir wollen Cochise ins Fort 

geleiten.« 

»Sie meinen…« 
»Ja, er ist hier draußen, zusammen mit einem Weißen. Sie 

lassen mich reden, verstanden? Kein Wort zuviel, keins 
zuwenig, Lieutenant. Die Indianer sind empfindlich geworden, 
und das nicht zu knapp.« 

»Ich habe verstanden, Sir. Ich glaube, dort im Süden 

kommen die beiden!« 

Barnes beschattete die Augen mit der Hand und blickte in die 

Richtung. Es war ein Tag wie aus einem Bilderbuch. Es war 
Sommer, die Luft blau und ein wenig dunstig, kühl im 
Schatten, heiß in der Sonne, still wie Watte hier draußen in der 
Wüste. 

Aus einem Chapparal-Dickicht und Bodendunst trabten zwei 

Reiter und hielten Kurs auf den San Simon. Captain Phil 
Barnes nahm sein Fernglas aus dem Futteral und sah lange 
hindurch. 

»Er ist es«, murmelte er. »Großer Gott, das ist tatsächlich 

Cochise! Können Sie sich das vorstellen, Lieutenant, was 
unsere Leute für Augen machen werden, wenn er das Fort 

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 20

besucht?« 

»Hoffentlich nur Augen, Sir!« 
»Was wollen Sie damit sagen?« 
Lieutenant Lion zuckte unmilitärisch mit den Achseln. 
»Ich mache mir so meine Gedanken, Sir. Immerhin hat 

Cochise eine Menge Soldaten auf dem Gewissen, und das 
könnte bei unseren Männern Haßgefühle auslösen.« 

»Reden Sie keinen Unsinn, Lieutenant! Cochise ist ein roter 

Gentleman mit Herz und Verstand. Mir ist kein Fall bekannt, 
daß er sich an einem Massaker beteiligt hätte. Ich gehe sogar 
noch einen Schritt weiter und behaupte, Cochise ist ein König 
seines Volkes. Sehen Sie nur seine wahrhaft königliche 
Haltung! Kein Indianer sitzt so auf seinem Pferd!« 

Barnes reichte Lion sein Glas. Der Lieutenant blickte lange 

hindurch und gab es nach einer Weile wieder zurück. 

»Sie haben uns gesehen, Sir. Reiten Sie Cochise ein Stück 

entgegen?« 

»Das hatte ich vor. Lassen Sie die Männer in Einerreihe 

antreten, den Blick auf die Ankömmlinge gerichtet, und lassen 
Sie präsentieren, wenn ich Ihnen ein Zeichen gebe.« 

»Auf welches Zeichen muß ich achten?« 
»Achten Sie auf mein Kopfnicken. Gesprochen wird nicht, 

verstanden? Wenn einer der Soldaten den Mund aufmacht, 
verschwindet er für eine Woche im Jail.« 

Barnes gab dem Pferd die Zügel frei und ritt nach Süden. 

Cochise und der Weiße waren kaum noch hundert 
Pferdelängen entfernt. Gespannt war Barnes, wie sich der 
Häuptling verhalten würde. 

Nach fünfzig Yards blieb der Captain stehen, Cochise war 

nicht mehr weit entfernt. Der Weiße ritt ein paar Schritte hinter 
ihm. Barnes zog seinen Säbel und salutierte. In seinem Rücken 
blies der Hornist »Habt-Acht«. 

Zwei Pferdelängen vor dem Offizier hielt Cochise sein Pferd 

mit einem leichten Zungenschnalzen an und nickte freundlich. 

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Er verstand die Zeremonie recht gut und wußte, daß der 
Offizier ihn ehren wollte. 

»Willkommen im Fort Bowie, Cochise!« 
Cochise antwortete mit einem Nicken. Barnes fuhr fort: 
»Ich bin Captain Phil Barnes, Wachoffizier im Fort. Darf ich 

eine Einladung meines Vorgesetzten, Colonel Jeff Davis, 
aussprechen?« 

Cochise verstand sehr wohl die Worte des Offiziers und war 

gespannt, was folgen würde. Er nickte zustimmend. 

»Colonel Davis bittet den Häuptling aller Apachen in sein 

festes Haus und würde sich freuen, wenn Cochise die 
Einladung dann annehmen würde.« 

Cochise bedankte sich mit einem Handzeichen. Wyatt Earp 

kam an seine Seite und sagte zu Barnes: »Ich bin Wyatt Earp, 
Sir, Berufsspieler, Herumtreiber und Satteltramp. Aber das sind 
ja alle Zivilisten in den Augen des Militärs, nicht wahr?« 

Barnes lachte, beugte sich im Sattel vor und reichte Wyatt 

die Hand. 

»Nicht unbedingt, Mr. Earp. Auch das Militär kann zwischen 

einem anständigen Weißen und einem Gauner unterscheiden. 
Sie erscheinen mir ein bißchen wild, aber sonst okay.« 

»Danke«, erwiderte Earp und grinste. 
»Wie kommen Sie zu dem Häuptling der Apachen? 

Befreundet?« 

»Das will ich nicht unbedingt behaupten, Captain. 

Gemeinsame Interessen verbinden uns. Das kann morgen 
schon anders sein.« 

»Darf man über diese Interessen etwas erfahren?« 
»Warum nicht? Cochise ist auf der Jagd, ich werde gejagt.« 

Lachend beugte sich Wyatt vor. »Das verbindet, oder nicht?« 

»Wer jagt Sie denn?« 
»Der Sheriff aus Tombstone mit einer Posse.« 
»Well, und wen jagt der Häuptling?« 
»Zwei Weiße, die an der Ermordung einer Apachen-Sippe 

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beteiligt waren.« 

»Hugh Bennet und Josuah Lemmon?« 
»How!« sagte Cochise in gutturalem Brustton. 
Captain Phil Barnes runzelte die Stirn und fuhr fort: »Um die 

beiden geht es? Sie sind im Fort. Wird Cochise der Einladung 
Colonel Davis' folgen?« 

»Ich werde dir folgen, weißer Häuptling«, antwortete 

Cochise schlicht. 

Er stellte keine Fragen, erbat sich kein freies Geleit und war 

auch sonst nicht neugierig. Dazu war er viel zu stolz. Er ritt 
einfach an und nahm Richtung auf die Front der Kavalleristen. 
Barnes blieb an seiner Seite und nickte Lieutenant Lion zu. 

Der Offizier riß seinen Säbel aus der Scheide und brüllte: 
»Präsentiert – Säbel!« 
Ein einziges ruckartiges Klingen brachte die Säbel aus den 

Scheiden. Sofort kam der nächste Befehl: »Augen – links!« 

Barnes legte die Hand grüßend an den Feldhut und ließ 

Cochise höflichkeitshalber den Vortritt. Der Hornist stieß 
wieder in sein Blasinstrument und blies »Willkommen 
daheim«. 

Im Vorbeireiten sah der Häuptling die Augen der jungen 

Soldaten. Nirgendwo sah er Haß. Blaue, graue und braune 
Augen blickten den legendären Häuptling der Apachen 
freundlich und bewundernd an. Jedem in der langen Front 
nickte Cochise zu, und in dieser Kopfbewegung erkannten die 
Soldaten die große Würde des indianischen Führers. 

Wyatt machte ein todernstes Gesicht. Das ganze Zeremoniell 

kam ihm ein wenig lächerlich und abgeschmackt vor. Selbst 
Sitting Bull waren zwanzig Jahre später nie solche 
militärischen Ehren erwiesen worden, und keinem Häuptling 
danach. 

Hinter Cochise ertönte Lieutenant Lions nächster Befehl: 

»Dritter Halbzug habt – acht! In Zweierreihe rechts schwenkt – 
marsch!« 

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Die Soldaten formierten sich und ritten hinter Cochise, Earp 

und Captain Barnes her. Barnes schlug den Weg zum Fort ein 
und war heilfroh, daß der Empfang so gut gelungen war. 
Schließlich wurden in Fort Bowie nicht jeden Tag 
Indianerhäuptlinge empfangen. 

Wind kam auf und wirbelte Staub und Alkali über den Hang. 

Der Wind brachte Gerüche aus dem Fort mit. Küchendunst 
vermischte sich mit dem scharfen Ammoniakgeruch der Ställe. 

Captain Barnes ritt neben dem Häuptling, dessen dunkle 

Augen aufmerksam das Fort musterten. Als das zweiflügelige 
Tor aufschlug und die Wache unter Gewehr zum Empfang 
antrat, ertönte auf dem Paradefeld ein scharfes Kommando und 
die langgezogenen Töne des Hornisten. 

Allmächtiger, dachte Barnes. Der Alte hat die ganze 

Garnison antreten lassen! 

So war es. Drei Kompanien zu Pferd und zu Fuß standen im 

Karree und präsentierten Gewehr und Säbel. Es war ein 
malerisches Bild unter dem Sternenbanner, das bei allen 
Beteiligten lange in Erinnerung haften bleiben würde. 

Als Captain Barnes und Cochise durch das Tor ritten, kam 

ihnen Colonel Jeff Davis auf einem schneeweißen Hengst 
entgegen, die Hand grüßend am Hutrand. 

Barnes fiel vor Überraschung fast aus dem Sattel, als die 

Militärkapelle mit mächtigen Paukenschlägen und 
Trompetentönen die amerikanische Nationalhymne anstimmte. 

»Ich heiße Cochise, den Häuptling aller Apachenstämme, in 

Fort Bowie herzlich willkommen! Ich bin Colonel Davis, der 
Befehlshaber dieser Garnison!« 

Cochise nickte, streckte die Rechte gerade aus und ließ sie 

zur Brust zurückgleiten. 

»Cochise dankt dem weißen Häuptling für sein Willkommen 

und bittet ihn, Cochises Einladung in seinen Jacale 
anzunehmen. Dem Häuptling dieses festen Steinhauses wird es 
bei Cochise an nichts mangeln.« 

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 24

Davis stieg vom Pferd. Zwei Soldaten eilten herbei. Einer der 

beiden wollte Cochise beim Absteigen helfen, aber der Jefe 
war schneller. Mit einem Sprung stand er neben seinem Pferd. 

Colonel Davis kam auf ihn zu und reichte ihm die Hand, die 

angenommen und gedrückt wurde. Befehle prasselten über den 
Paradeplatz. Die zweite Kompanie riß die Gewehre an die 
Schultern und schossen einen Salut in den Himmel. Gewehr ab, 
durchladen, Gewehr hoch und dann wieder der Befehl: 

»Kompanie – Feuer!« 
Dreimal hallte der Ehrensalut über die Festung. Cochise 

nahm unbewegten Gesichts die hohe Auszeichnung an. Colonel 
Davis und Captain Barnes führten Cochise vor die Front der 
Offiziere. Die Musik spielte einen preußischen Marsch und 
brach auf ein lautes Kommando jäh ab. 

Wieder Befehle, schließlich rückten die Kompanien mit einer 

Kehrtwendung in ihre Quartiere ab. 

Cochise und Wyatt Earp standen mit Phil Barnes und 

Colonel Davis in einer Gruppe beisammen. Davis wandte sich 
an Wyatt Earp und fragte: 

»Sie sind Wyatt Earp, nicht wahr, und Sie werden von einem 

Aufgebot aus Tombstone verfolgt? Was haben Sie 
ausgefressen?« 

»Woher oder von wem wissen Sie das, Commander?« 
Davis streckte die Brust heraus und wuchs um einen halben 

Zoll. 

»Mr. Earp, hier stelle ich Fragen und Sie antworten.« 
Wyatt zuckte gleichgültig die Achseln. »So war's nicht 

gemeint, Commander. Tut mir leid. Ich wurde in Tombstone in 
eine Schießerei verwickelt und mußte in Notwehr einen Mann 
töten, der mich vorher des Falschspiels beschuldigte.« 

»Das ist mir berichtet worden. Spielten Sie falsch?« 
»Ich bin ein Spieler, zugegeben, aber deswegen muß ich 

nicht falsch spielen. Mir geht es um den Reiz des Pokerspiels, 
Sir, und nicht allein um den Gewinn.« 

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Jeff Davis überlegte. Seine Hand lag in der Bauchschärpe 

seiner Paradeuniform mit dem langen Uniformrock. 

»Es liegt kein Festnahmeersuchen von Seiten des Sheriffs in 

Tombstone gegen Sie vor, Mr. Earp. Die Armee ist auch kein 
Erfüllungsgehilfe für die Gesetzesausübenden der Territorien. 
Sie bleiben auf freiem Fuß. Ich rate Ihnen aber, Ihre Sache mit 
dem Sheriff zu bereinigen.« 

»Danke«, murmelte Earp und grinste. 
Colonel Davis drehte sich zu Cochise herum und deutete 

einladend auf die Kommandantur. 

»Ich habe eine Erfrischung herrichten lassen, Häuptling. 

Dabei können wir uns ungestört unterhalten.« 

»Über was?« 
»Gibt es nicht genug Dinge, die mein und dein Volk 

betreffen und geklärt werden müssen? Ich meine es gut mit den 
Chiricahuas, das darfst du mir glauben, Cochise.« 

Cochise neigte zustimmend den Kopf. Neben Colonel Davis 

ging er hochaufgerichtet und gemessenen Schrittes auf die 
Kommandantur zu. Davis beäugte ihn vorsichtig von der Seite. 
Dieser Mann hatte jahrelang der mächtigen US Army getrotzt 
und allen seinen Widersachern eine Nase gedreht. 

Cochise überragte Davis um einen halben Kopf. Mächtig 

sprang die Adlernase in dem intelligenten braunen Gesicht vor 
und legte einen kräftigen Schatten vom Nasenflügel bis zum 
Kinn. Was der Colonel an Cochise am meisten bewunderte, 
war der mächtige Brustkasten und die Proportionen des 
Häuptlings. 

Die Legende um diesen Häuptling verdichteten sich von Jahr 

zu Jahr mehr an der Grenze. Wenn Cochise ein Weißer 
gewesen wäre, hätte man ihm letztlich noch einen 
Heiligenschein aufgesetzt oder eine Fürstenkrone. Aber er war 
kein Weißer. 

Viele Soldaten gingen auf Cochises kurzem Weg zur 

Kommandantur an ihm vorbei. In keinem Auge las der Chief 

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Haß, Zorn oder Vergeltungswille. 

Im Gegenteil. Mehr und mehr kam es dem Chiricahua so vor, 

als hätten all die Gesichter mit den hellen Augen an 
Vertrautheit zugenommen, als würde er sie schon Jahre 
kennen. Mehr als zehn Jahre Krieg gegen die Weißen bleiben 
nicht ohne Einfluß auf die Ansichten und Beweggründe bei 
einem Indianerhäuptling. Es war ihm nicht vergönnt, in 
Schablonen oder nach dem Gesetzbuch der Amerikaner zu 
denken. Er konnte nur in der Rolle denken und handeln, die 
ihm die Naturgesetze und die seines Volkes eingegeben hatten. 

Captain Barnes überholte den Colonel, und Cochise riß die 

Tür zu dem Steingebäude auf. Es war kühl im Haus, ein 
leichter Luftzug hielt Fliegen fern. 

Im Besuchszimmer war ein großer rechteckiger Tisch 

gedeckt. Schüsseln, Teller und Bestecke lagen vor jedem Sitz. 
Der Inhalt der Schüsseln verbreitete einen seligmachenden 
Duft im Zimmer, der die Magensäfte der Weißen anregte. 

Nur Cochise empfand nichts. Seine sprichwörtliche 

Genügsamkeit gab nicht den geringsten Raum auf die 
Vorstellung leiblicher Genüsse. Ein Stück Maultierfleisch war 
für ihn eine Delikatesse, was dort in den Schüsseln dampfte, 
kannte er nicht. 

Zwei Soldaten in weißen Meßjacken rückten Stühle und 

servierten. Colonel Davis hatte nicht die geringste Ahnung von 
den Eßgebräuchen der Apachen und wußte auch nichts über 
Tischsitten. 

Im Verlaufe des Nachmittags jedoch wunderte er sich immer 

mehr, wie sehr der Chiricahua sich den Weißen anpassen 
konnte. Seine Manieren hätten ausgereicht, ein Menü im 
größten Hotel von New York einzunehmen. 

Zum Essen wurde Wein geboten. Cochise lehnte ihn ab und 

bat um Wasser. Als nach dem Essen Zigaretten angezündet 
wurden, kam Davis auf das zu sprechen, was ihn interessierte. 
Vorsichtig tastete er sich vor: »Cochise ist auf der Jagd?« 

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»Cochise jagt weiße Männer. Zwei Verbrecher, die eine 

Sippe der Chiricahuas umbrachten.« 

»Du wirst sie töten?« 
Cochise neigte den Kopf. »Sie sind dem Gesetz der 

Chiricahuas verfallen. Kein Weißer darf Hand an sie legen.« 

»Zwei von diesen Mördern halten sich im Fort auf.« 
»Ich weiß es«, antwortete Cochise schlicht. 
Colonel Davis warf über den Tisch einen langen Blick zu 

Captain Phil Barnes hinüber. 

»Ich kann sie dir nicht ausliefern, Häuptling, und bitte dich, 

meine Handlungsweise zu verstehen. Wenn ich den Verdacht 
habe, daß sie Mörder sind, muß ich sie dem Gesetz der Weißen 
überantworten. Auch ich kann nicht, wie ich will, Häuptling.« 

Über Cochises Antlitz glitt ein vergnügtes Lächeln. 
»Das alles weiß ich, Häuptling der Weißen. Du brauchst sie 

mir nicht zu geben, denn sie sind nicht mehr da.« 

Davis gab sich einen Ruck. Seine eisgrauen Augen funkelten. 
»Warum sollten sie nicht mehr im Fort sein? Sie waren vor 

deiner Ankunft noch da.« 

»Jetzt aber nicht mehr. Sie stahlen Pferde und Proviant und 

verschwanden, als sie mich sahen.« 

»Großer Gott! Häuptling, woher willst du das wissen?« 
Cochise zuckte mit den Achseln und schwieg. Seine dunklen 

Augen hingen an Colonel Davis' Gesicht, dann glitten sie 
weiter zu Captain Phil Barnes und schließlich zu Wyatt Earp. 
Wyatt zwinkerte mit den Augen und schwieg. 

Davis aber, Commander von Fort Bowie, verfärbte sich und 

wischte sich den Schweiß aus dem Gesicht, als ihm der 
spontane Gedanke kam, daß Cochise seine Einladung nur 
angenommen hatte, um die beiden Verbrecher aus dem Fort zu 
treiben. 

Hier konnte er sie nicht erreichen, das wußte der schlaue 

Chiricahua, weil er die Gesetze und Ansichten der Weißen 
kannte, aber wenn er die beiden mit legalen Mitteln aus der 

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Befestigung vertrieb, unterstanden sie draußen in der Wüste 
oder im Gebirge seiner Gerichtsbarkeit. 

Davis stand halb von seinem Sitz auf und stemmte die Fäuste 

auf den Tisch. 

»Mr. Barnes«, schnarrte er mit blitzenden Augen. »Mr. 

Barnes, überprüfen Sie sofort, was an den Worten des 
Häuptlings wahr ist. Halten die beiden Kerle sich noch im Fort 
auf, lassen Sie sie sofort in Eisen legen!« 

Captain Barnes erhob sich hastig, salutierte und rannte 

hinaus. Es dauerte keine zwei Minuten, da war er schon wieder 
zurück. Aufgeregt blieb er in der Tür stehen und schnarrte 
seine Meldung wie ein Uhrwerk herunter: 

»Colonel – Sir, sie sind nicht mehr da! Cochise hatte recht. 

Unter Mitnahme von drei Pferden, einem vollen Sack Proviant 
und Munition sowie Wasserflaschen sind sie…« 

»Schon gut«, winkte Colonel Davis müde ab. »Lassen Sie 

zwei Patrouillen unter Führung von Scouts zusammenstellen 
und die Kerle verfolgen.« 

Cochises Hand schnitt durch die Luft. 
»Es ist mein Land, weißer Häuptling, und das Land meiner 

Väter. Ich werde sie verfolgen!« 

Commander Davis senkte seinen Blick vor den blitzenden 

Augen des Häuptlings, und seine Handbewegung nahm den 
Befehl zurück. Eine zweite wies Captain Barnes auf seinen 
Stuhl. 

»Hölle und Teufel!« schnaufte Josuah Lemmon und, 
verschluckte sich beinahe an seinem Bier. »Hugh, wirf einen 
Blick durchs Fenster!« 

Bennet beugte sich vor und blickte auf den Exerzierplatz. 

Kaum war die Bemerkung Lemmons von seinen Lippen 
gekommen, als ihm schon beim ersten Blick durch das 

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Kantinenfenster das Grinsen gründlich verging. Er fuhr zurück 
wie vor einem Gewehrlauf, der auf seine Augen zielte, hob sein 
Glas an die Lippen und setzte es wieder hin, ohne einen 
Schluck getrunken zu haben. 

Erst nach einer langen Weile wagte er einen zweiten Blick 

auf das Paradefeld, um sich davon zu überzeugen, daß er auch 
richtig gesehen hatte. Er warf einen langen Blick auf Lemmon, 
der sich verfärbt hatte. 

Beide verstanden in diesem Augenblick den scharfen Befehl 

des Feldwebels, der vor einer halben Stunde in die Kantine 
gekommen war und die Soldaten von ihren Plätzen gescheucht 
hatte. 

Er hatte richtig gesehen, daran gab es keinen Zweifel. Durch 

das Tor kam Cochise mit einem Weißen in Zivil und dem 
Offizier der Wache, einen berittenen Halbzug im Schlepp. 

»Das gilt uns«, flüsterte Josuah und schüttelte sich wie im 

Fieber. »Was machen wir. Hugh?« 

»Keine Minute länger warten, was sonst? Wir müssen weg, 

bevor die Rothaut uns ausfindig macht.« 

»Ob er weiß, daß wir im Fort sind?« 
»Er weiß es, sonst wäre er nicht hier. Laß uns 

verschwinden!« 

»Wie? Wohin? Ohne Pferde und Proviant?« 
»Quatsch! Wenn sich das Palaver dort draußen gelegt hat, 

gehen wir zum Stall und satteln uns drei Pferde. Das mache 
ich. Du begibst dich zur Ausrüstung und läßt dir vom Furier 
einen Proviantsack und ein Paar Flaschen Wasser füllen. 
Danach verschwinden wir so leise wie auf Katzenpfoten.« 

»Du hast die Stallwache und die Torwache vergessen.« 
Bennet winkte ab. »Habe ich nicht, Mann. Wenn wir uns 

richtig bewegen und keine Angst zeigen, kommen wir weg.« 

Er legte ein Geldstück auf den Tisch, drehte sich eine 

Zigarette, zündete sie an und gab sich recht gelassen. Draußen 
flauten der Lärm und die Kommandos ab, das Karree löste sich 

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auf und die Männer verschwanden in ihren Unterkünften. 
Nachdem sich das Paradefeld geleert hatte, schoben die beiden 
Banditen ihre Stühle zurück und standen auf. 

Gemeinsam verließen sie die Kantina. Draußen umfächelte 

sie der Wind, der von Norden wehte und ständig umschlug. Er 
brachte Staub und pulverfeinen Sand mit und ließ vertrocknetes 
Unkraut zwischen ihren Füßen knistern. 

Für beide Outlaws blieben immer noch genug Zweifel über 

das Gelingen ihres Planes, so daß man sie trotz des 
Nachlassens der Hitze hätte auswringen können, ehe sie das 
niedrige Stallgebäude erreichten. 

Sie stießen die Tür auf und traten schnell ein. Niemand war 

anwesend. Die Stallwache war sicherlich beim Essenfassen. 
Die Paradepferde standen alle abgesattelt in ihren Boxen und 
äugten zu den Zivilisten. 

»Ich mach das«, sagte Hugh Bennet rasch. »Kinderspiel! 

Kümmer dich um den Proviant und vergiß das Wasser nicht. 
Los, hau ab!« 

Lemmon verschwand. Bennet sattelte drei braune 

Kavalleriepferde, die er für folgsam und ausdauernd hielt und 
stellte sie nebeneinander vor einen Halfterbalken. Kurz darauf 
kehrte Josuah zurück und schwang zwei mittelgroße 
Proviantsäcke. Über der Schulter hatte er drei Feldflaschen 
hängen und einen prallen Wasserschlauch. 

»Spielend ging das«, sagte er. »Jetzt nur noch die Torwache, 

dann haben wir's geschafft.« 

Hugh Bennet nickte. »Machen wir uns auf die Socken und 

das im Geschwindschritt!« 

Vor dem Stall hielt sich niemand auf. Die Besatzung war 

beim Essen und machte sich für die allabendliche 
Flaggenparade bereit. Beim Tor standen ein Corporal und zwei 
Mannschaftsdienstgrade. Der Corporal kam ihnen ein Stück 
entgegen, grüßte und gab das Zeichen zum Öffnen, als er die 
Militärpferde sah. 

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»Schon wieder hinaus in die feindliche Wüste?« fragte er 

jovial. 

Hugh klopfte ihm im Vorbeireiten auf die Schulter und 

lächelte zu ihm hinab. 

»Schon viel zu lange hier gewesen«, sagte er. »Danken Sie 

dem Kommandanten noch einmal für die Hilfe, die er uns 
angedeihen ließ. Adios, Corporal!« 

»Macht's gut, Männer!« 
Draußen waren sie und ritten in gemäßigtem Trab den 

gewundenen Hangweg hinab. Hinter der nächsten Kehre gaben 
sie den Pferden die Sporen zu fühlen und preschten los. 

»Wohin?« schrie Lemmon. 
»Osten! Immer nach Osten!« gab Hugh zurück und deutete 

auf die fernen Berggipfel, die sich schwach aus dem 
Bodendunst abhoben. In zwei Stunden würde die Nacht 
hereinbrechen, und wenn sie weit genug von Fort Bowie 
entfernt waren, konnten sie auf ein Entkommen hoffen. Die 
Nacht verbarg alle Spuren, denn die Nacht war die beste 
Freundin des Bösen und schützte Kinder des Teufels. 

Das Land vor ihnen nahm zunehmend Wüstencharakter an. 

Erosionsgestein und Geröll bedeckten den Wüstenstaub 
fächerartig, und wenn sie zu den langgezogenen Hügelhängen 
sahen, erkannten sie auch das dichte Chapparal-Dickicht und 
die unzähligen Kakteen-Inseln. 

Zwei Bussarde kreisten hoch am Himmel und spähten nach 

Beute. Im Süden breitete sich Dunst aus, der beharrlich dem 
leichten Wind Widerstand bot. Es war ein rauhes Land mit 
einer kümmerlichen Flora und ohne eine nennenswerte Fauna, 
die zur Abwechslung auf dem Küchenzettel beigetragen hätte. 

Hin und wieder sahen sie ein Wüstenhuhn, aber die grauen, 

kleinen Gesellen verschwanden so rasch in ihren Verstecken, 
daß sich eine Jagd nicht lohnte. Füchse strichen durch die 
Färberdisteln und blickten den beiden Reitern nach. 

»Wann werden wir jenseits der Grenze sein?« 

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»In zwei Tagen, Jos, aber die Apachen kennen keine Grenze, 

und wenn, würden sie die unsichtbare Linie zwischen den 
Territorien kaum respektieren. Beeilen wir uns!« 

»Ob sie uns eine Patrouille nachschicken? Sie werden bald 

merken, daß wir verduftet sind.« 

»Ich fürchte keine Patrouille, obwohl sie sicher Apachen-

Scouts mitschicken. Angst habe ich nur vor Cochise.« 

Die Abenddämmerung zog von Osten her über das Land und 

verdrängte das Licht. Sie ritten mit ihrem Packpferd in diese 
Dämmerung, die so übergangslos war wie ein herabhängendes 
Tuch. Dunkelheit nahm sie auf und legte ihren schützenden 
Mantel um die Reiter. 

Beim ersten Silberstreifen am östlichen Horizont waren 
Cochise und Wyatt Earp zum Ausreiten fertig. Das Gespräch 
zwischen dem Häuptling und dem Commander Jeff Davis hatte 
bis in die späten Abendstunden gedauert, aber Cochise hatte 
dem weißen Häuptling auch nicht sagen können, was die 
Rauchzeichen zu bedeuten hatten und wer die Signale in den 
Himmel schickte. 

Versehen mit viel Wasser und reichlichem Proviant, ritten 

die beiden beim ersten Frühlicht los. Davis hatte sie 
verabschiedet. Er stand auf dem Paradefeld und hielt die Hand 
grüßend an den Feldhut. Cochise machte das Zeichen des 
Friedens und ritt durch das Tor. 

Sie mußten nicht lange suchen, bis sie auf die Spur stießen. 

Der Häuptling der Apachen sah sie vom Pferd aus und ritt 
geradewegs nach Osten. Der Sonnenaufgang überraschte die 
beiden Jäger schon weit weg vom Fort. 

Wyatt war an diesem Morgen mißmutig und einsilbig. Wenn 

er an die kommende Tageshitze dachte, brach ihm jetzt schon 
der Schweiß aus. Verstimmt musterte er den Apachen von der 

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Seite. Er ahnte, was in Cochise vorging. Die beiden Outlaws 
waren menschliche Bestien, ein paar Stufen unter der 
bekannten Outlaw-Klasse im Südwesten von Arizona. Sie 
konnten auf ihrer Flucht viel Unheil unter den indianischen 
Nomaden anrichten, wenn sie Gelegenheit dazu hatten. Und da 
es in diesem Landstrich nur Apachen gab, die mit ihren 
Familien durch das Land zogen, war es Cochises Sache, sie zu 
schützen. 

Die Sonne kletterte, mit ihr die Hitze und der Staub. Sie 

gerieten in ein ausgedehntes Feld von Kandelaber-Kakteen. 
Zwischen den stacheligen Stämmen wuchs ein dichter Teppich 
von Speerdorn und kleinstämmigen Kakteen. Die Fährte der 
Outlaws führte mitten hindurch. 

Cochise stieg ab und untersuchte die Hufabdrücke. Drei 

Pferde, alle drei beschlagen. Eines der Tiere lahmte auf der 
rechten Hinterhand. Als sich Cochise aufrichtete, sah er nach 
Norden und Osten. Über allen Hügeln standen Rauchbälle. 
Cochise beschattete die Augen mit der flachen Hand und 
studierte die Zeichen. Anschließend schüttelte er stumm den 
Kopf und bestieg sein Pferd wieder. 

»Kannst du sie nicht lesen?« fragte Wyatt knurrig. 
»Fremde Zeichen von einem Volk, das aus dem Norden 

kommt.« 

»Du kennst dieses Volk?« 
Cochise schüttelte stumm den Kopf und blickte geradeaus. 
»Wenn wir keinen anderen Weg nehmen, Chief, reiten wir 

geradewegs zwischen die Rauchzeichen.« 

»Hast du Angst? Dann geh!« 
»Verdammt, ich habe nicht die geringste Angst, wenn es das 

ist, was du unter Angst verstehst. Ich will mich nur nicht 
unendlich lange in dieser trockenen Wüste aufhalten.« 

»Bis zum Gebirge gibt es kein Wasser«, war Cochises 

lakonische Antwort. 

»Ich rede nicht von Wasser, sondern von der Hitze und dem 

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höllischen Staub«, gab Wyatt bissig zurück. »Ich will von hier 
weg, Chief. Weit weg!« 

»Dann geh! Niemand hält dich.« 
»Beim Satan…« Earp schwieg. Er ahnte, daß es dem 

Häuptling der Apachen nichts ausmachte, an seiner Seite zu 
reiten. Ebensogut aber konnte er auf dieses Privileg verzichten. 

Mit jedem Schritt der Pferde kamen sie näher an die 

Rauchzeichen heran. Sie hüpften sporadisch wie Bälle über die 
Hügel und verflüchtigten sich in der Thermik. 

»Rauchzeichen des Todes«, sagte Wyatt Earp und wischte 

sich den Schweiß aus den Augen. 

Cochise gab keine Antwort. Wyatt fluchte und nörgelte 

weiter in der gleichen Tonart über die Hitze und die 
Rauchzeichen und alles nur mögliche, was ihm an diesem 
Morgen nicht behagte. Cochise wandte schließlich den Kopf, 
und ihre Blicke kreuzten sich eine tödliche stille Sekunde lang. 
Darauf folgte nur eine heftige Handbewegung und wieder ein 
Kopfschütteln des Häuptlings. In dieser Bewegung sprach ein 
gewisses Unbehagen mit, aber Wyatt merkte nicht, was die 
Stunde bei dem Häuptling geschlagen hatte. Er räsonierte 
weiter und wischte sich dabei ständig Schweiß und Alkalistaub 
aus dem Gesicht. 

Mit einem plötzlichen Ruck hielt Cochise seinen Pinto an. Er 

starrte auf einen runden Hügel vor sich, kaum zweihundert 
Yards entfernt, und Wyatt sah, wie sich seine Muskeln über 
den Wangenknochen anspannten. 

»Tod und Teufel!« flüsterte er verhalten und wischte noch 

einmal seine tränenden Augen ab. »Sind das Apachen, 
Chiricahuas?« 

Ein grimmiges Lächeln überflog Cochises Miene. 
»Wenn das Chiricahuas wären, würdest du längst nicht mehr 

leben, Hellauge.« 

»Indianer, die die Rauchzeichen machen?« 
»Warten wir es ab.« 

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Cochise ritt wieder an, den aufgeregten Weißen im Schlepp. 

Drei Reiter hielten auf der Hügelkuppe. Der mittlere trug eine 
bis zum Boden reichende Federhaube. Die beiden anderen 
rechts und links von dem fremden Häuptling trugen ihr Haar zu 
einem hohen Kamm geschoren, den sie mit den Flaumfedern 
des Graureihers geschmückt hatten. 

Die Indianer machten grimmige Gesichter, rührten sich aber 

nicht von der Stelle. In ihrem Rücken stiegen schwarze 
Rauchbällchen in die Höhe, die nach ein paar Metern 
zerflatterten. 

Cochise nahm keine Notiz von den fremden Rothäuten, die 

sich auf seinem Land aufhielten. Er ritt in ein gewundenes 
Hügeltal und folgte unverdrossen der Spur. Sie merkten beide, 
wie ihnen die Augen der drei Rothäute folgten, und bei Wyatt 
brach wieder der Schweiß aus. Schweiß des Unbehagens und 
der Angst. 

Aber Cochise tat, als seien die fremden Indianer gar nicht 

vorhanden und ritt in aufrechter Haltung. Das Gewirr der 
Kakteen wurde von einer Kolonie Chollas abgelöst, die sich 
sogar an den Hügelhängen hinauf erstreckten. 

Vorsichtig lenkte der Häuptling sein Pferd zwischen die 

Kugelkakteen, wohl wissend, wie giftig die Stacheln dieser 
seltsamen Flora waren. Schon manches Pferd, von den 
Stacheln geritzt, mußte getötet werden. 

Zufällig warf Wyatt einen Blick nach Süden. Über diesem 

Wüstenteil hing eine Staubwolke, die nach Norden in 
Bewegung war. Wo Staub in der Luft hing, waren meistens 
auch Reiter. Er machte Cochise darauf aufmerksam. 

»Schon gesehen«, erwiderte der Häuptling. »Weiße.« 
»Das Aufgebot aus Tombstone?« 
Cochise nickte. Ein schwaches Lächeln überflog sein 

Gesicht, das sich aber sofort darauf wieder in seine 
maskenhafte Strenge zurückzog. 

»Sie suchen immer noch nach dir, Hellauge.« 

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»Nach wem denn sonst?« knurrte Earp wütend. »Nach dir 

doch nicht.« 

Der Pfad zwischen den Chollas wurde mit jedem Schritt 

enger. Ganz plötzlich weitete er sich zu einem Rund. Sechs 
hochstämmige Kakteen standen in der Arena und streckten ihre 
Arme wie flehend nach allen Seiten hin aus. 

Wie auf ein Kommando hielten Earp und Cochise ihre Pferde 

an. Zuerst glaubten sie, an Halluzinationen zu leiden. Sie 
trauten beide ihren Augen nicht und rieben sie immer wieder 
vom Alkalistaub frei. Das Bild, das sie sahen, war für einen 
Weißen ekelhaft genug. 

Schwärme von Fliegen sandten ein tosendes Brummen aus, 

schossen pfeilschnell über die Lichtung und ließen sich auf den 
drei Leichen nieder. Sie hingen mit dem Kopf nach unten wie 
Gekreuzigte, und ihre Schädel waren mit geronnenem Blut 
bedeckt wie ihre Körper. 

Alle drei waren Apachen-Scouts. Sie trugen die blauen 

Militärjacken, an den Beinen derbe Beinkleider und Mokassins 
an den Füßen. Keiner von ihnen lebte mehr. Sie mußten 
unsägliche Marterqualen erlitten haben, und Wyatt, der sie so 
hängen sah wie Schlachtvieh, beugte sich zur Seite und erbrach 
sich. 

Selbst Cochise hatte viel von seiner braunen Gesichtsfarbe 

verloren. Wenn er auch viel härter als der Weiße im Nehmen 
war, so stieß ihn das Bild genauso ab wie Earp. 

Beide Reiter stiegen von ihren unruhigen Pferden und 

näherten sich der Wolke von Fliegen. Fliegen aller Art, 
vorwiegend Schmeißfliegen, die sich unwillig summend von 
ihrem Opfer trennten, als Lebende in die Runde traten. 

»Großer Gott, wer hat so etwas tun können?« 
»Weiße.« 
»Unmöglich!« 
»Es waren Weiße«, sagte Cochise bestimmt und deutete auf 

Stiefelabdrücke im Sand »Welche Weiße? Die zwei Kerle, die 

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wir verfolgen?« 

»Nein, andere Weiße. Die Mörder der Chiricahuas sind 

vorbeigekommen, aber schnell weitergeritten.« Cochise deutete 
auf eine kaum sichtbare Fährte ein paar Schritte entfernt. 

»Ich glaube, es waren die Indianer dort auf dem Hügel.« 
Cochise warf einen Blick über die Schulter. Der Hügel war 

leer. 

»Nein, kein Indianer ermordet einen anderen Indianer auf 

diese Art. Das haben bestimmt weiße Männer getan.« 

»Aber wer?« schrie Earp angewidert. »So viele Weiße gibt es 

doch hier gar nicht!« 

Der Häuptling gab keine Antwort. Er schritt die Kakteen ab 

und blickte den Toten in die Gesichter. Dabei murmelte er 
Namen und Sippenbezeichnungen, die Earp jedoch nicht 
verstand. 

»Bringen wir sie unter die Erde«, sagte er mit leiser Stimme. 
Cochise zog sein Messer und schnitt die Fesseln an den 

Hand- und Fußgelenken durch. Schwer stürzten die Toten zu 
Boden. 

»Krieger der Apachen erhalten ein indianisches Grab«, 

antwortete Cochise und zeigte auf herumliegende 
Steinbrocken. Wyatt Earp verstand und fing an, mächtige 
Steine heranzuwälzen. Die Fliegen wurden zur Plage und 
quälten den emsig Fluchenden, der sich an den scharfkantigen 
Felsbrocken die Finger blutig riß. 

Nach einer halben Stunde hatten beide so viele Steine 

herangeschafft, daß sie darangehen konnten, das Grabmal zu 
errichten. Sie legten die Toten nebeneinander und schichteten 
die Brocken rings um sie in die Höhe. 

Als die Arbeit getan war, nahm Wyatt Earp seinen Hut ab 

und drehte ihn in den Händen. Mit der Schließung des 
Monuments ließ auch die Fliegenplage nach. 

Cochise entfernte sich von der Stätte und schlug große 

Kreise, während Wyatt Earp mit dem Hut in der Hand vor dem 

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Steinhaufen stand. Er wirkte so blaß wie ein Gespenst. 

Cochise kehrte zurück und riß Wyatt aus seinen Gedanken. 

Er deutete auf die Fußabdrücke und sagte mit kehliger Stimme: 

»Weiße. Sechs.« Dabei hob er die gespreizte Rechte und 

hielt den Zeigefinger der linken Hand in die Höhe. 

Ungläubig schüttelte Wyatt den Kopf, dabei blickte er an 

dem Häuptling vorbei, zuckte zusammen und erstarrte zur 
Steinsäule. Übergangslos spürte er die Trockenheit in seinem 
Mund, und als er krächzend seine Warnung hervorstieß, klang 
sie tonlos: 

»Cochise, hinter dir… Allmächtiger, sie haben uns 

überrascht!« 

Über das braune Gesicht des Häuptlings glitt ein leichtes 

Zucken wie Wetterleuchten. Lächelte er? 

»Den Häuptling der Apachen überrascht niemand, auch nicht 

die fremden Indianer. Ich weiß, daß sie da sind.« 

Langsam drehte er sich herum. Der Indianer mit der 

Federhaube war abgestiegen und hielt sein Pferd am Zügel. 
Seine Begleiter blieben auf ihren Ponys. Cochise blieb nach 
zehn Schritten stehen und machte das Handzeichen des 
Friedens, das erwidert wurde. 

Stille breitete sich aus, nicht einmal die Pferde schnaubten 

oder scharrten mit dem Vorderhuf. Earp ging zu der Gruppe, 
ständig darauf gefaßt, ziehen oder schießen zu müssen. Mit 
hochgezogenen Brauen sah er die beiden Indianer 
gestikulieren. Sie unterhielten sich in der Zeichensprache, und 
es sah nicht so aus, als würden sie an kriegerische Handlungen 
denken. 

Wyatt blieb hinter Cochise stehen und musterte den Roten 

unter der Schlepphaube. Seine hohe Stirn verriet Verstand und 
Wille, sein breites Kinn Kraft und physische Stärke. 

Nach einer Weile drehte sich Cochise zu Earp herum und gab 

eine kurze Erklärung ab, die Wyatt nur wenig befriedigte, weil 
er die Gebräuche der Indianer zu wenig kannte. 

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»Sechs Skalpjäger überfielen Scouts und schlugen sie nieder. 

Sie banden die Apachen an die dornigen Säulen und 
skalpierten sie.« 

»Warum, Cochise, warum nur? Was taten die Scouts den 

fremden Weißen?« 

»Nichts«, war die lakonische Antwort. »Indianer hatten 

Skalps.« 

»Verdammt! Ist das nicht zum Auswachsen? Wegen einem 

Skalp tötet man doch keine Menschen!« 

»Doch, Skalpjäger, Hellauge. Wania-taka, der Häuptling der 

Cheyenne, sah zu. Er konnte nichts für seine roten Brüder tun, 
weil die Weißen in der Überzahl und besser bewaffnet waren.« 

»Wania-taka, was heißt das schon wieder?« 
»In der Sprache der Cheyenne heißt das Geistbüffel. Er ist 

Häuptling der Süd-Cheyenne.« 

»Und du hast das alles damit herausgefunden?« Wyatt 

machte ein paar Bewegungen mit den Händen und gestikulierte 
wie ein Affe unter einem Bananenbaum. 

Über Cochises strenges Gesicht glitt der Widerschein eines 

inneren Lächelns. Er nickte. 

»Damit. Mit der Zeichensprache, die alle Indianer der 

Prärien, Wüsten und Gebirge verstehen. Du glaubst es nicht?« 

»Muß ich doch, oder?« 
»Kein Krieger muß das glauben, was ein Häuptling sagt, 

wenn er nicht davon überzeugt ist.« 

Wyatt Earp hatte seine Abfuhr. Cochise wandte sich wieder 

dem fremden Häuptling zu und redete mit ihm in der 
Zeichensprache. Earp stand müßig dabei und konnte kaum 
seine Ungeduld beherrschen. 

Inzwischen kletterte die Sonne ihrem höchsten Punkt 

entgegen und strahlte eine infernalische Hitze auf die Erde, die 
selbst den Bewohnern dieses Landes den Schweiß aus allen 
Poren trieb. Besonders in den Hügeltälern und Canyons war es 
heiß wie in einem Backofen. Kein Lufthauch bewegte die 

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gesenkten Köpfe der in Blüte stehenden Disteln und Kakteen. 

Der Herbst nahte, und der Sommer ging trotz seiner 

Tageshitze zu Ende, das war nicht zu übersehen. Cochise 
palaverte noch immer mit dem Cheyenne-Häuptling und schien 
sich nur für dessen Informationen zu interessieren. 

Unbeweglich hielten die beiden kahlgeschorenen Krieger auf 

ihren Ponys und ertrugen die Hitze in stoischem Gleichmut. Es 
dauerte lange, bis die beiden Häuptlinge ihre Unterhaltung 
beendeten, dabei war außer wenigen Grunztönen kein einziges 
Wort gefallen. Cochise wollte sich abwenden und machte das 
Zeichen des Friedens und des Abschieds, als er unerwartet 
trommelnde Geräusche hörte. 

Er blieb stehen und richtete seine ganze Aufmerksamkeit auf 

das weiterfahrende Hügeltal. Ein indianischer Reiter stob um 
die Kehre und hielt bei der Gruppe um den Häuptling an. Mit 
hastig hervorgestoßenen Kehllauten und Händeschwenken in 
westlicher Richtung gab er Wania-taka einen langatmigen 
Bericht. 

Geistbüffels Gesicht blieb dabei unbeweglich und so 

ausdruckslos wie das eines gotischen Wasserspeiers. Als der 
Krieger fertig war, drehte sich der Häuptling zu Cochise um. 
Wieder begann das Spiel der Hände, Finger und Ellbogen. 

Cochise nickte und bedankte sich mit ein paar Handzeichen. 

Earp, der vor Ungeduld fast platzte, drehte sich eine Zigarette, 
brannte sie aber nicht mehr an, als er den Häuptling der 
Apachen sagen hörte: »Weiße sind im Anmarsch, viele Weiße 
aus der Stadt, die ihr Tombstone nennt.« 

»Schon wieder das Aufgebot?« 
»Die Cheyennes mit ihren Arapahoe-Freunden halten sie auf. 

Es sind die Männer, die unter dem weißen Häuptling mit dem 
Stern reiten.« 

»Sheriff John Hallifax mit seinen Deputys«, knurrte Wyatt 

und sah mißtrauisch nach Westen. »Wegen der Hügel konnte er 
jedoch die Posse nicht sehen. »Laß uns verschwinden, Chief, 

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bevor es hier ganz brenzlig wird.« 

»Die Arbeit ist getan, wir reiten.« 
Cochise ging zu seinem Pferd, bestieg es und grüßte den 

fremden Häuptling. Wyatt ritt hinter ihm her in das Hügeltal 
hinein und bemerkte, daß der Jefe die Richtung geändert hatte. 

»Wohin geht der Weg, Chief?« 
Cochise deutete nach Sonnenaufgang. »Ich folge den 

Spuren«, sagte er. »Skalpjäger und Mörder der Apachen 
werden aufeinanderstoßen.« 

»Ernstlich?« 
»Das Gift der Schlangen wirkt nicht bei Schlangen.« 
Wyatt verstand, was der Häuptling der Apachen sagen 

wollte. Er bedeckte die Augen mit der Hand und suchte die 
seitlichen Hügeltäler ab, ohne jedoch ein lebendes Wesen zu 
entdecken. 

Hugh Bennet trank während des Reitens ein paar Schlucke aus 
der Feldflasche, verkorkte sie und hing sie an das Sattelhorn. 
Josuah Lemmon holte auf und ritt an seiner Seite. 

»Gräßlich, diese Hitze! Wie lange wollen wir das noch 

durchhalten?« 

»Was meinst du?« 
»Ich rede von einer Pause. Meinen Magen fühle ich schon 

nicht mehr, so leer ist er.« 

»Pause? Essen? Bist du wahnsinnig, Jos?« 
»Warum soll ich wahnsinnig sein? Essen und trinken muß 

doch jeder, wenn er bei Kräften bleiben will.« 

»Aber nicht, wenn ein Cochise auf der Fährte reitet. Mann, 

du hast 'n Verstand wie 'ne Mücke.« 

»Mein Magen fragt nicht nach meinem Verstand, wenn er 

knurrt.« 

Die Hügel wollten kein Ende nehmen. Das Land war 

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menschenleer, steinig, sandig und bedrückend. Die Sonne 
brannte auf ihre Haut, die im Alkali badete. Mißmutig warfen 
die Pferde die Köpfe hoch und schnaubten, um den Staub aus 
ihren Nüstern zu blasen. 

Ein Mesquite-Chapparal tauchte vor Hugh und Jos auf und 

füllte die gesamte Talbreite aus. Eine Sekunde lang glaubte 
Bennet dort eine Bewegung zu sehen. Als er jedoch noch 
einmal hinschaute, war nichts mehr zu sehen. Die Stelle wirkte 
grau, staubig und braun wie vorher. 

»Mesquite! Hölle und Teufel, wie kommen wir dort durch?« 
»Für die Gäule kein Problem«, antwortete Jos übellaunig. 
»Okay, dann reite mal voran. Mal sehen, wie es dein Zosse 

schafft.« 

Lemmon zuckte gleichgültig die Achseln. Hugh hatte sich in 

der letzten Zeit zu sehr angewöhnt, ihn zu bevormunden und zu 
maßregeln. Das gefiel ihm nicht. Wütend schnellten seine 
Blicke wie springende Sandvipern über das Dickicht. Der 
Chapparal war verfilzt und dornig durch den Speerdorn, der 
seine langen Ranken wie Bänder durch den Mesquite wob. 

Josuah Lemmon riskierte es. Mit einem Schnalzlaut gab er 

dem Pferd die Zügel frei und trieb es in den Chapparal. Die 
einzelnen Büsche standen nicht so dicht wie er geglaubt hatte. 
Jos Lemmon kam gut vorwärts und gelangte unbeschadet durch 
den Grüngürtel. Er richtete sich im Sattel hoch und winkte 
Bennet mit seinem Hut. Gleich darauf verriet das Knacken und 
Brechen von Holzwerk, daß ihm Hugh folgte. 

Auch Bennet kam durch und warf einen forschenden Blick 

zurück. Die Ranken hatten sich jedoch wieder geschlossen und 
versperrten die Sicht in das zurückgelassene Tal. 

»Weiter!« keuchte er. »Bei der nächsten Baumgruppe halten 

wir an und legen eine Pause ein.« 

Aber die gemeinte Baumgruppe war nirgendwo zu sehen und 

wahrscheinlich in traumhaft weiter Ferne. Dafür sahen die 
beiden Outlaws etwas anderes. Vor ihnen, keine zehn Meter 

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entfernt, schraubten sich drei Individuen mit angeschlagenen 
Gewehren aus einem zweiten Dickichtstreifen. 

Hugh Bennet brachte sein Pferd mit hartem Zügelruck zum 

Stehen und glotzte die Kerle an, als wären sie soeben einem 
Pfuhl der Hölle entstiegen. So sahen sie auch aus, genauso 
schmutzig und verwahrlost, mit tagealten Bartstoppeln und 
einer Kleidung, die man bestenfalls nur als Lumpen bezeichnen 
konnte. Nur ihre Waffen waren in Ordnung, das sahen 
Fachleute wie Bennet und Lemmon auf den ersten Blick. 

»Kommt runter und bewegt euch, Hombres!« befahl einer 

mit näselnder Stimme. »Schlank-schlank-dalli!« 

Bennet zögerte und kalkulierte trotz seines trägen Gehirns 

die Chancen einer Schießerei ein. Daraus wurde nichts. Eine 
Stimme in seinem Rücken riß ihm den Gedankenfaden brutal 
ab. 

»He, habt ihr nicht gehört, was Schlank-Schlank euch 

befohlen hat? Runter von den Schindmähren!« 

Hugh wandte den Kopf. In ihrem Rücken standen drei 

weitere Reiter mit entsicherten Waffen. 

»Hat keinen Sinn«, flüsterte Hugh Jos zu und schwang ein 

Bein über die Pferdekruppe. Auch Lemmon stieg ab. Sie sahen 
sich sechs verwahrlosten Kerlen gegenüber, die blutige Skalps 
an ihren Sätteln hängen hatten. Beide dachten sich ihren Teil 
und schwiegen. 

»Wer seid ihr?« 
Hugh antwortete: »Reiter, Reisende.« 
»Wohin geht denn die Reise?« 
»Irgendwohin, nur fort von hier.« 
»Und warum so eilig, Söhnchen?« 
In der Stimme des rüden Kerls, den der andere Schlank-

Schlank genannt hatte, kräuselte sich eine 
schleimigschleichende Frage, die Bennet und sein Busenfreund 
nicht überhörten. 

»Ein Chiricahua ist uns auf den Fersen«, sagte er und tat, als 

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werfe er ängstliche Blicke in die Runde. 

»Eine Rothaut? Welche?« 
»Kein geringerer als Cochise.« 
Das wiehernde Gelächter der sechs Rohlinge warf Hugh fast 

auf den Rücken. 

»Hört, hört«, meckerte ein zweiter Mann, der genauso 

schmutzig und abgerissen aussah wie die anderen. »Cochise 
persönlich gibt sich die Ehre, diesen beiden Vollidioten den 
Skalp abzuziehen. Ich war der Meinung, Rabbit, wir täten das, 
oder irre ich?« 

Rabbit, ein schmalbrüstiger Vierziger mit Dackelbeinen, 

zeigte zwei Reihen brauner Zahnstummel. 

»Werden wir auch, werden wir«, meckerte er wie ein 

Ziegenbock. »Den Schieler nehme ich mir selbst vor, wenn's 
genehm ist?« 

Ein dritter, der mit angeschlagenem Gewehr auf einem 

grauen Pferd saß, stieß den Lauf wie eine Comanchenlanze in 
Richtung Josuah Lemmon und brüllte: »Und ich mir die 
Zaunlatte,  Jungs! Seht euch mal ein bißchen um. Vielleicht 
sind noch ein paar von dieser Sorte in der Nähe.« 

»Hallo, Rainbow ist endlich aufgewacht! Mann, du bist so 

dämlich wie ein Haufen Pferdeäpfel! Was willst du mit einem 
blonden Skalp, he? Meinst du, die Greaser sind so blöd wie 
du?« 

Rainbow, der Mann mit einer breitgeschlagenen Nase und 

Blumenkohlohren fletschte sein schadhaftes Gebiß. 

»Werd ja nicht frech, Bronco, was verstehst du schon davon, 

wie blöde die Greaser sind? Noch zahlen sie ganze fünfzig 
Dollar für einen Skalp, wenn man erklärt, daß er von einem 
Apachen ist.« 

»Mein Gott, was wollen die von uns, Jos?« 
Hugh Bennet schien wie vor den Kopf geschlagen. Er hatte 

das Gefühl, er müsse sich nun einschalten, brachte es aber nicht 
fertig, den rüden Dialog der Kerle zu unterbrechen. Wer und 

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was sie waren, wußte er, aber nicht, was sie von ihnen wollten. 
Weiße skalpierten doch keine Weißen. 

Hugh und Jos wußten, daß die anderen die besseren Trümpfe 

hatten. Ihr Leben stand auf dem Spiel, wenn es nicht gelang, 
die Kerle von ihrem Vorhaben abzubringen und ihnen 
einzutrichtern, daß sie gemeinsam am gleichen Strick zogen. 
Hugh nahm allen seinen Mut zusammen und sagte: 

»Es stimmt, Cochise ist hinter uns her. Zwei von uns hat er 

bereits geschnappt und ausgelöscht. In seiner Begleitung ist ein 
Weißer, den wir nicht kennen. Wenn die beiden uns hier 
überraschen, sind wir geliefert. Laßt von uns ab und verduftet.« 

Der Mann, den ein anderer Rabbit genannt hatte, beugte sich 

auf das Sattelhorn und grinste Hugh ins Gesicht. 

»Was habt ihr denn ausgefressen, Jungs, daß euch der große 

Cochise verfolgt?« Im gleichen Atemzug wandte er sich an 
Bronco. »He, Bronco, was meinst du, was die Mexikaner für 
Cochises Skalp ausgeben werden?« 

Bronco, der mit richtigem Namen ganz anders hieß, 

erwiderte: »Eine ganze Menge, denke ich.« 

Rabbit wandte sich wieder an Hugh. 
»Ich stellte dir eine Frage. Was habt ihr ausgefressen?« 
Mit dieser Frage gab er Hugh die Chance, sich ebenfalls in 

die Runde einzukaufen. 

»Wir legten ein paar von seiner Sippe um, um an ihre Pferde 

heranzukommen.« 

»Aha!« 
»Was aha?« 
»Wo war das?« 
Hugh wies nach Südwesten. 
»In einem Canyon. Wo? Das weiß der Teufel! Die Canyons 

sehen alle gleich aus und haben keine Namen.« 

Drei Kerle stiegen ab und näherten sich Hugh und Josuah. 

Sie nahmen ihnen die Revolver ab und zogen die Gewehre aus 
den Sattelhalftern. 

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»Kann stimmen«, sagte ein fünfter, noch namenlos. »Hab' 

was in Tubac läuten hören. Ihr wart das also!« 

Hugh nickte und fühlte Oberwasser. Schlagartig hatte sich 

die Situation geändert. Die Blicke der sechs Kerle wurden 
freundlicher, und endlich kletterte auch der Rest von den 
Pferden. Bronco sagte: »Wir machen eine kurze Rast, Jungs. 
Ich denke, ein Palaver wird einiges klären. Können wir uns ein 
Feuerchen leisten, Schlank-Schlank?« 

»Lieber nicht. Wenn der Freund dort drüben uns nicht belog, 

riecht ein Indianer wie Cochise Holzrauch auf eine Meile. 
Machen wir's heute kalt.« 

Sie banden ihre Pferde an einen Dornenbusch und setzten 

sich im Kreis auf die Erde. Proviant und Wasser hatten sie 
genügend, und als sie sich gesättigt hatten, kam ein Gespräch 
in Fluß, das von gemeinen Ausdrücken nur so triefte. 

Hugh Bennet fragte: »Was kriegt ihr für einen Indianerskalp, 

und wo, wenn man fragen darf?« 

»Zwischen dreißig und fünfzig Dollar. Sie nennen es 

Abschußprämie. Und wo? In Nogales, wo sonst?« Grinsend 
setzte Rainbow hinzu: »Im mexikanischen Teil von Nogales, 
klar. Die Greaser lassen sich so was schon einiges kosten, 
damit sie Ruhe vor den Rothäuten haben.« 

»Die Apachen, die ihr skalpiert, waren Scouts der US 

Army.« 

»Waren sie? Na schön, sieht man es den Kopfhäuten an, daß 

ihre Besitzer blaue Uniformen trugen?« 

Hugh Bennet wies schlimmere Gedanken mit einer 

Kopfbewegung von sich. 

»Und was wird sein« – er lachte laut und angewidert – »ja, 

was wird sein, wenn den Spics mal 'ne Kopfhaut von einem 
Nicht-Apachen vorgelegt wird? Zum Beispiel von einem 
Mexikaner?« 

»Den bezahlen sie auch«, die Kerle lachten. Rabbit setzte 

hinzu: »Schon vorgekommen, damals beim großen Boom, als 

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man noch bis zu hundert Dollar Prämie für einen 
schwarzhaarigen Skalp auf den Tisch blätterte.« 

Hugh nahm alle seine Kühnheit zusammen und fragte 

Rainbow, den er noch für den humansten der Bande hielt: »Ihr 
seid also Skalpjäger, was? Habe davon gehört. Dachte aber, 
daß das Geschäft seit Mangas Coloradas Zeiten vorbei ist.« 

»Nicht nur Skalpjäger«, feixte Bronco. »Wir nehmen alles, 

was wir kriegen können. Auch mal 'ne Bank, wenn's in den 
Kassen klingelt.« 

Hugh Bennet fühlte die Hitze des Tages und die glutheiße 

Sonne auf seinen Rücken brennen. Ganz wohl fühlte er sich bei 
dem Gedanken nicht, mit diesen Männern zu reiten. 
Möglicherweise kam er in ihrer Gesellschaft vom Regen in die 
Traufe, er und Jos Lemmon. 

Für den Augenblick blieb ihnen beiden keine andere Wahl. 

Sechs Schießeisen mehr garantierten ihnen nahezu freies Geleit 
bis über die Grenze von Neumexiko. 

Hugh und Josuah warfen sich einen sprechenden Blick zu 

und drehten ihre Gesichter schnell wieder weg. Jos hatte jedoch 
das kurze Augenblinzeln Hughs bemerkt. Er schwieg weiter 
und überließ dem gerisseneren Hugh die Verhandlung. 

Der sechste Mann, dessen Namen sie auch nicht kannten, 

stellte die Frage: »Reitet ihr mit uns, Freunde?« 

»Wenn ihr uns haben wollt?« 
»Zwei Schießeisen mehr können eine Menge ausrichten, 

wenn's mal hart auf hart kommt. Bin einverstanden.« 

»Ich auch«, grunzten die anderen im Chor. 
Sie waren alle fertig mit ihrer frugalen Mahlzeit und 

bereiteten sich zum Weiterritt vor. Einer nach dem anderen 
stand auf und ging zu seinem Pferd. 

Es wurde dunkel, als Cochise und Wyatt den Chapparal hinter 

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sich ließen und auf das Lager stießen. Die Fährte hatte den 
Häuptling der Apachen genau an diese Stelle geführt. Er stieg 
vom Pferd und studierte beim letzten Tageslicht die Spuren. 

Als Wyatt Earp hinzutrat, deutete Cochise zu Boden und 

sagte: »Acht.« 

Wyatt, noch immer übellaunig und unfreundlich, knurrte 

respektlos: »Wieso acht? Kannst du nicht mehr zählen, Chief?« 

Cochise richtete sich auf und sah Earp an. In seinem Blick 

lag so viel entschlossene Abweisung, daß es den Spieler kalt 
überlief. Er fühlte förmlich, wie sich auf seinem Rücken eine 
Gänsehaut bildete und bis zum Hals hinaufkroch. 

In diesem Augenblick wurde er sich seiner eigenen Kleinheit 

gegenüber diesem Indianer bewußt und kroch in sich 
zusammen. Er ahnte ganz tief in seinem Herzen, daß ihn 
Cochise längst durchschaut hatte, und daß er im Falle einer 
Auseinandersetzung dem Chiricahua in jeder Hinsicht 
unterlegen sein würde. 

Mit gesenktem Blick murmelte er eine Entschuldigung, die 

Cochise zwar nicht wörtlich verstand, aber als solche 
akzeptierte. 

»Es sind acht Reiter, die das Lager nach Sonnenaufgang 

verließen. Sie trafen sich hier und ritten gemeinsam weiter.« 

»Das wird schwer für dich werden, Chief.« 
»Zwei oder acht, wo ist der Unterschied?« 
Wyatt verstand. Zwei oder acht spielten wirklich keine Rolle, 

wenn sie nach und nach ausgelöscht wurden, immer einer 
hübsch nach dem anderen, still und leise mit dem Messer oder 
dem Tomahawk. 

»Machen wir hier Lager?« 
Cochise nickte. Er gab sich mit den Spuren noch nicht 

zufrieden und folgte der breiten Fährte ein ganzes Stück weiter, 
während Earp Feuerholz von den Büschen brach. 

Als Cochises Schatten über Wyatt fiel, brannte das Feuer 

bereits und trennte die heraufziehende Abenddämmerung. 

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Cochise versorgte zuerst die Pferde, bevor er sich am Feuer 
niederließ und seinen Proviant auspackte. 

Earp briet Pfannkuchen und kochte Kaffee. Ein lieblicher 

Duft zog durch den Chapparal und wurde mit dem lebhaften 
Abendwind davongeweht. Von seiner Gewohnheit 
abweichend, ergriff Cochise nach dem Abendessen das Wort 
und berichtete seinem weißen Gefährten von der Absicht 
Geistbüffels, eine neue Bewegung unter den Plains- und 
Gebirgsindianern ins Leben zu rufen. 

Wyatt verschlang das letzte Stück Pfannkuchen und richtete 

sein Augenmerk auf den Häuptling. 

»So was wie 'ne neue Religion?« 
»Keine Religion, unsere Götter genügen uns, und von eurem 

Gott wollen die Indianer auch nicht viel wissen. Der 
Geistertanz ist eine Art Ritual, das den roten Mann innerlich 
festigen soll und ihn gegen die Kugeln der Weißen feit.« 

»Ist doch alles Quatsch!« sagte Wyatt in seiner burschikosen 

Art, die aber weder böse noch zynisch gemeint war. »Gegen 
Kugeln gibt es keine Abwehr.« 

Cochise zuckte die Achseln und blickte nachdenklich in die 

züngelnden und knisternden Flammen. »Du hältst nichts 
davon, wie? Die Krieger der Apachen brauchen keinen 
Geistertanz, wenn sie gegen die Weißen kämpfen. Wir haben 
unsere eigene Art zu tanzen, bevor wir in den Kampf ziehen.« 

Earp wußte hierauf nichts zu erwidern und beschäftigte sich 

mit der Reinigung seiner Bratpfanne. 

Als die Sonne vollends im Meer aus Dunst und 

nachdrängender Dunkelheit versank, hörten sie im Westen 
Schüsse. Earp sprang auf die Füße und ließ vor Schreck die 
Bratpfanne fallen. Cochise rührte sich nicht. 

»Man schießt! Das Aufgebot kommt!« 
»Die Männer mit den eisernen Sternen auf der Brust werden 

vertrieben.« 

»Was meinst du, Häuptling, mit vertrieben? Von wem?« 

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»Von Cheyennes und Arapahoes.« 
»Deine roten Freunde legen sich mit bewaffneten Weißen 

an?« klang es ungläubig und wenig überzeugt. 

»Ich sagte es. Es wird nicht viel Blut fließen, Hellauge. 

Cochise will keine bewaffneten Weißen in seinem Land.« 

Wyatt überdachte die Worte des Häuptlings und konnte 

nichts Falsches an ihnen sehen. Ihm fiel ein großer Stein vom 
Herzen, plötzlich fühlte er sich wieder gelöst und frei von dem 
Zwang, stets auf der Hut sein zu müssen und hinter jeden 
Busch zu schauen. 

»Ich danke dir, Cochise.« 
Eine wedelnde Handbewegung war die ganze Antwort des 

Jefe. Seine dunklen Adleraugen durchdrangen die Finsternis 
und suchten nach Leben zwischen den Stauden. Kein Laut 
drang von außen zu dem Feuerkreis und beunruhigte die beiden 
Männer. 

Wyatt war innerlich am Jubilieren und hatte sowieso kein 

Auge für seine Umgebung. Wenn die Posse geschlagen wurde 
und ihn nicht mehr verfolgte, konnte er später Gelegenheit für 
eine Rehabilitation finden. Der Sheriff von Tombstone würde 
ihn bestimmt anhören, wenn seine erste Wut über die 
Schießerei verraucht war. 

Zeugen hatte Wyatt genug. Die beiden Rausschmeißer hatten 

jede Phase der Auseinandersetzung mit angesehen und konnten 
durch das Gesetz gezwungen werden, eine richtige Aussage zu 
machen. Sheriff John Hallifax war ein gerechter Mann und als 
unbestechlicher Gesetzesmann im ganzen Südwesten bekannt. 

»Chief, warum hast du das für mich getan?« 
»Du bist kein schlechter Mensch, nur leichtsinnig und zu 

schnell zum Töten bereit. Aber du hast nichts gegen Indianer, 
das habe ich herausgefunden.« 

»Danke«, sagte Earp und feixte von einem Ohr zum anderen. 

»Was meinst du wie der Kampf dort im Westen ausgehen 
wird?« 

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»Die Weißen müssen sich zurückziehen, aber sie werden 

keine Verluste haben. Cochise will nicht, daß noch mehr Blut 
fließt.« 

»Allmächtiger! Der Häuptling der Apachen kann kein Blut 

mehr sehen! Das geht über meinen Verstand!« 

»Um Recht zu fordern und zu erhalten, muß nicht immer das 

Blut der Weißen oder des roten Mannes vergossen werden«, 
erwiderte Cochise schlicht. »Mangas Coloradas, der große 
Häuptling der Apachen, dachte wie ich. Es wird erst Friede 
geben, wenn man aufhört, aufeinander zu schießen.« 

Der Spieler Earp zweifelte an seinem Gehör. Er schüttelte 

den Kopf und fragte sich, ob er richtig verstanden hatte. 
Cochise legte Reisig nach, holte seine Deckenrolle und breitete 
sie abseits vom Feuer auf dem harten Steinboden aus. 

Wyatt folgte seinem Beispiel und schlief schnell ein. Als er 

mitten in der Nacht ohne zwingenden Grund einmal aufwachte, 
glitt sein Blick zu Cochise. Aber der Häuptling war nicht mehr 
da. Die Decken lagen zurückgeschlagen am Boden, von 
Cochise fehlte jede Spur. 

Wyatt Earp stand auf und band sofort seinen Revolvergurt 

um die Hüften. Sein nächster Weg war zu den Pferden. Sie 
standen beide an ihrer alten Stelle und hatten sich während der 
Nacht nicht von der Stelle gerührt. 

Suchend machte Wyatt eine Runde um das Lager, ließ keinen 

Busch, kein Steinversteck aus. Er sah nichts von Cochise, hörte 
nichts und konnte sich auch nicht erklären, wo der Häuptling 
geblieben war. 

Spuren gab es bei dem diffusen Sternenlicht nicht zu sehen, 

auch bezweifelte der Spieler und Revolvermann, daß er solche 
gefunden hätte. Ein Apache hinterließ keine sichtbaren 
Fußabdrücke, wenn er sich auf Feindgebiet bewegte. Und 
Feindgebiet war das hier in Anbetracht der Nähe der weißen 
Mörder. 

Wie ein Blitzstrahl durchzuckte es Earp. Cochise hatte sich 

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deswegen entfernt, weil er die Weißen beobachten und 
herausfinden wollte, wer die anderen sechs waren, die sich mit 
den Verfolgten getroffen hatten. 

Er ging zurück und setzte sich vor das erloschene Feuer. Was 

wohl aus dem Aufgebot geworden war? Außer dem 
sporadischen Gewehr- und Revolverfeuer am Abend hatten sie 
nichts mehr von der Schießerei gehört und somit keine 
Ahnung, wie der Kampf ausgegangen war. 

Cochise glitt lange nach Mitternacht in das dunkle Lager und 

stand hinter Wyatt, ohne daß dieser seine Anwesenheit 
bemerkte. Als der Häuptling sich räusperte, fuhr Wyatt in die 
Höhe und zog blitzschnell seinen Colt. 

»Ah, du…! Kannst du nicht weniger lautlos sein, um mich 

nicht zu erschrecken?« 

»Ein Krieger erschrickt nicht, er handelt.« 
»Ich bin ein Weißer und kein verdammter Apache!« 
Cochise setzte sich und stocherte mit einem Stock in der 

erkalteten Asche. 

»Wo warst du? Bei den Weißen?« 
»Bei Krieger. Ulzana wird sie jagen.« 
»Was, Ulzana? Du bist doch ihr Jäger.« 
»Ulzana jagt, Cochise tötet.« 
In diesen lakonisch ausgesprochenen Worten lag eine so 

düstere Drohung und zwingende Entschlossenheit, daß es den 
Weißen wieder kalt überlief. 

Um die lastende Stille zu überbrücken, sagte er: »Es ist noch 

lange nicht Tag. Was machen wir?« 

»Schlafen.« 
Cochise erhob sich, ging zu seinen Decken und versank 

sofort in Schlaf. Wyatt saß noch eine Weile bei der Feuerstelle, 
aber schließlich wurde es ihm zu langweilig. Er spuckte in die 
Asche und ging dann zu seiner Deckenrolle. 

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John Hallifax ritt immer an der Spitze seines Aufgebotes. Auch 
heute ließ er es sich nicht nehmen, den Trupp grimmig 
dreinschauender Männer persönlich anzuführen. 

Die Hügellandschaft und die Erfolglosigkeit, den 

vermeintlichen Mörder zu fangen, machte ihn nervös und 
gereizt. Ein übriges taten die Hitze und die vielen Fliegen, die 
wie Pfeile durch die Landschaft zischten und alles stachen, was 
Blut in den Adern hatte. 

Er spürte förmlich die Unzufriedenheit seiner Männer, die es 

satt hatten, noch länger in der Wildnis herumzureiten, und das 
ohne Erfolg. Jeder von ihnen sehnte sich nach seiner Familie, 
nach einem weichen Bett und nach einem kühlen Drink. 

Aber die Spur lag vor Hallifax deutlich zu sehen, und die 

Spur führte tiefer in die Hügel. Der Jagdinstinkt erwachte in 
dem Sheriff und gab ihm die nötigen Kräfte zurück, seine 
Befehle gegenüber den Leuten durchzusetzen. 

Es überraschte ihn daher, als im letzten Glied der Reiterschar 

ein lauter Ruf ertönte, obwohl er verboten hatte, über Gebühr 
Geräusche zu erzeugen. 

»He, Sheriff!« 
Hallifax hielt an und warf einen Blick zurück. Die Reiter 

schlossen auf und zügelten ebenfalls ihre abgekämpften Tiere. 
Der letzte Reiter aus Tombstone trieb sein Pferd auf die 
Gruppe zu und deutete mit ausgestreckter Hand auf einen 
entfernt liegenden Hügel. 

»Indianer, John!« 
Alle Köpfe drehten sich nach Norden. Sie sahen ihn, den 

Roten mit der Federhaube, und sie sahen die beiden anderen 
mit dem Haarkamm. Entsetzen kehrte bei ihnen ein und machte 
sie stumm. 

»Allmächtiger, Indianer!« 
»Rothäute, verdammt!« 
So klang es in den Reihen der verstörten Weißen. Ein 

anderer murmelte erblassend: »Apachen! Cochises 

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Chiricahuas!« 

»Blödsinn!« fauchte Hallifax. »Das sind doch keine 

Apachen, und Chiricahuas schon gar nicht!« 

»Sie beobachten uns.« 
»Na und? Jeder Weiße, der in diesem Land reitet, wird von 

Indianern beobachtet. Das ist ihr gutes Recht, würde ich 
sagen.« 

»Die wollen etwas von uns!« 
»Drei Rothäute gegen zehn bewaffnete Weiße, daß ich nicht 

lache!« 

»Wo drei sind, können auch mehr sein. Hinter dem Hügel…« 
»Halt deinen Mund, Snuffles, und mach mir nicht die Leute 

kopfscheu.« 

Die Sonne schickte sich an, in einem Meer aus Bodendunst 

und Staub zu versinken. Wie graue Schlangen krochen die 
ersten Schatten durch die Hügeltäler. Nur auf den Hügeln lag 
noch voller Sonnenglanz und vergoldete ihre Kuppen. 

»Was sollen wir tun?« fragte Patrick Duffy, seines Zeichens 

Schmied in Tombstone. »Weiterreiten?« 

»Klar«, erwiderte Hallifax. »Die Spur ist heiß, kaum drei 

Stunden alt. Diesmal kriegen wir ihn.« 

»Oder er uns.« 
»Wie meinst du das, Jefferson?« 
Der Schankkellner aus Tombstone wies auf den Hügel. 
»Das siehst du doch, Sheriff. Oder hast du Tomaten auf den 

Augen?« 

Eddy Danvers, der jüngste unter den Reitern, murmelte so 

laut, daß es jeder hörte: »Wir reiten in eine komplette Falle. 
Jeder weiß es, nur der Sternträger nicht.« 

Hallifax wirbelte herum. Auf seiner Nasenwurzel stand eine 

steile Falte. 

»Du trägst auch den Stern, Ed! Wenn du was zu sagen hast, 

dann tu's laut und deutlich, daß wir alle deine Dummheit 
verstehen können!« 

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Danvers zog den Kopf ein und legte seine Hände 

geflissentlich um das messingbeschlagene Sattelhorn. 

Alle schauten sie auf Hallifax und zogen die Stirn kraus. Sie 

mochten ihn, den Sheriff, sie mochten ihn schon wegen seiner 
Ehrlichkeit und deswegen, weil er unbestechlich und gerecht 
war. Aber sie ließen sich aus lauter Patriotismus und 
Anhänglichkeit nicht in den sicheren Tod führen. 

Hallifax konnte sich nicht entschließen, den Weg 

fortzusetzen oder anzuhalten. Die drohenden Gestalten oben 
auf dem Hügel redeten eine zu deutliche Sprache. Die 
Entscheidung wurde ihm abgenommen, als auf allen 
Hügelkuppen ringsum berittene Indianer erschienen. In diesem 
Augenblick erst wußte der Sheriff mit konsequenter 
Bestimmtheit, daß der Weg an dieser Stelle nicht mehr 
weiterführte. 

Er drehte sich im Sattel, sah die betretenen und ängstlichen 

Gesichter der Männer, die ihre Pferde am Zügel im Kreis 
drehten, und er sah noch etwas anderes: Auf jedem Hügel 
hielten berittene und bewaffnete Indianer, aber auch aus den 
Tälern drängten sie heran, und diese Krieger kamen zu Fuß. 

Die Falle wurde ihm aber erst offenbar, als ein Pfeil in sein 

Sattelhorn klatschte und auf den Hügeln Gewehre sprachen. 
Kugeln sirrten wie gereizte Hornissen vorbei, und weit hinter 
den ersten Hügeln stießen die schwarzen Bälle der 
Rauchzeichen in die dunsterfüllte Abendluft. 

»Zeichen des Todes!« kreischte ein kleiner und 

schwächlicher Mann aus dem Aufgebot. 

»Sie bringen uns alle um und skalpieren uns!« brüllte ein 

zweiter in hellem Entsetzen. 

»Mäuler halten!« schrie Hallifax wütend. Er durfte nicht 

zulassen, daß Panik ausbrach und die Leute in heilloser Flucht 
das Weite zu gewinnen suchten. Das wäre das Ende der Posse 
gewesen. 

John Hallifax richtete sich im Sattel auf und schwenkte 

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Aufmerksamkeit gebietend den Hut. Er brüllte: 
»Zusammenbleiben, Jungs! Keiner entfernt sich vom 
Haupttrupp, verstanden? Wer auch nur ein paar Meter ins 
Abseits gelangt, ist erledigt! Wir ziehen uns geordnet und 
kämpfend zurück!« 

Pfeile schwirrten mit singendem Geräusch vorbei, vom 

Abschuß der Gewehre unterstützt. Seltsam genug war jedoch, 
daß keines der Geschosse traf. Die Indianer mußten miserable 
Schützen sein oder blind. Auf diese Entfernung hätte jede 
Kugel und jeder Pfeil treffen müssen. 

»Zurück!« brüllte ein Mann aus der Posse. 
Hallifax rief: »Langsam absetzen, Jungs! Wenn ihr schießt, 

verwundet sie nur!« 

»Warum, zum Teufel?« fragte ein Mann und riß den 

Revolver hoch. 

Hallifax schlug ihm vom tänzelnden Pferd aus den Colt aus 

der Hand und schrie ihn an: »Du bist so dämlich wie du lang 
bist, Norg Botton! Siehst du nicht, daß sie noch keinen von uns 
getroffen haben, obwohl wir auf die kurze Entfernung längst 
tot sein müßten?« 

»Und was bedeutet das, Sheriff?« 
»Daß sie uns nur vertreiben und nicht töten wollen.« 
Das Schießen flaute ab. Sekunden darauf drangen noch ein 

paar sporadisch abgefeuerte Schüsse durch die Hügeltäler und 
ließ die konfusen Weißen wieder zur Vernunft kommen. 

Norg Botton trat heran. 
»Was befiehlst du, Sheriff? Bleiben oder umkehren?« 
»Umkehren. Unsere roten Freunde wollen uns nicht. Morgen 

reiten wir zurück. Gott sei Dank, Jungs, daß das Abenteuer so 
glimpflich abgegangen ist!« 

Im nächsten Hügeltal schlugen sie ein Lager auf und stellten 

Wachen aus. Ein Lagerfeuer schickte grauen Rauch in den sich 
verdunkelnden Himmel. 

Ruhe kehrte im Lager ein. 

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Der Schrei des grauen Wolfes riß die Banditen wie auf ein 
Kommando auf die Beine. Steine, abgeschossen aus den 
berüchtigten Apachen-Schleudern prasselten gegen Felsen und 
in den Chapparal. Auf den Steinhagel folgte das Rasseln aus 
rotierenden ausgehöhlten Kürbissen und wieder Wolfsschreie. 

»Geht das schon wieder los?« brüllte Hugh Bennet und riß 

seinen Revolver aus dem Halfter. 

Rabbit lief über den felsigen Platz und schlug Hugh den Colt 

aus der Hand. 

»Bist du wahnsinnig geworden, Narr?« 
»Warum wahnsinnig? Willst du dich wehrlos abschlachten 

lassen?« 

»Warte erst mal ab, bis sie sich zeigen.« 
Aber Ulzana und seine Horde zeigte sich nicht. Er dachte 

nicht daran, sich den Kugeln der Weißen auszusetzen und blieb 
in Deckung. Zu ihm gestoßen waren Chihuahua und Antonio, 
dessen indianischer Name Natitaso hieß, was soviel wie 
Roßschweif bedeutete. 

Sie waren nun fünf zu allem entschlossene Krieger, die 

Cochises Befehl blindlings gehorchten. Ulzana behielt die 
Gruppenführung, obwohl Chihuahua im Alter und der 
Rangstufe eine Treppe höher stand. 

Die beiden zerknitterten Alten mit Gesichtern wie 

verschrumpelte Kartoffeln konnte man in allen Listen und 
Tücken und im Guerilla-Krieg als die Krieger ansehen, die die 
meiste Erfahrung im Kampf gegen die Weißen besaßen. Sie 
dienten jüngeren Kriegern stets als Vorbild und Ansporn zu 
höheren Leistungen. 

Anders als Victorio, dem hitzköpfigen Mimbrenjo, gingen 

sie mit Bedacht vor, wenn es galt, Weiße zu überraschen und 
niederzumachen. Heute allerdings hatten sie keinen Befehl zum 
Kriegführen, heute waren sie Treiber und Jäger, aber ihre 

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Waffen hatten zu schweigen und stumm zu bleiben. 

Ein neuer Steinhagel trieb die Weißen bis zu den Klippen 

und nagelten sie dort fest. Zwei Pferde folgten, und schließlich 
wieder der Hetzruf des grauen Wolfes. Rainbow und Bronco 
schossen ihre Colts leer, ohne mehr zu treffen als Steine und 
Unkraut. 

»Stellt das Feuer ein«, raunte Schlank-Schlank Bronco zu, 

und ein Schweigen, das dicker war als Moornebel, senkte sich 
auf die Lichtung herab. 

»Halunken, zeigt euch!« rief Nevada, der Revolvermann. 
Ulzana tat ihm nicht den Gefallen. Ein haargenau gezielter 

Stein traf Nevada an der Schulter und ließ ihn unter Schmerzen 
aufstöhnen. 

»Wir machen uns aus dem Staub«, schlug Hugh Bennet vor. 

»Macht ihr mit?« 

»Wird uns nichts anderes übrigbleiben. Wie machen wir's?« 
»Wie soll ich das verstehen?« 
»Zwei müssen sie mit ihren Kanonen aufhalten, sonst 

kommen wir nicht ungerupft davon. Die Rothäute halten sich 
gut in Deckung und halten uns mit ihren Steinschleudern 
nieder.« 

»Okay, du und ich bleiben zurück. Die anderen rennen zu 

den Gäulen und fegen davon, als peitsche sie der Teufel mit 
seinem Schwanz. Einverstanden?« 

»Geht in Ordnung«, erwiderte Rainbow und untersuchte die 

Trommel seines Revolvers. »Auf geht's, Jungs, haut ab!« 

Sechs Männer sprangen aus ihren Deckungen und rannten zu 

den Pferden. Ebenso viele geschleuderte Steine folgten ihnen. 
Die Männer schafften es aber, ihre Tiere zu erreichen, 
schwangen sich in die Sättel und stoben davon, als seien 
sämtliche Furien der Antike hinter ihnen her. 

»Was jetzt?« wollte Rainbow wissen. »Wer sind die 

Indianer?« 

»Chiricahuas, Cochises Spezialeinheit«, grinste Hugh 

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schwach. »Wenn der Häuptling bei ihnen ist, haben wir keinen 
leichten Stand.« 

»Aber gute und schnelle Waffen.« 
»Die haben sie auch, lautlose Waffen. Cochise ist 

gefährlicher als eine Klapperschlange. Die rasselt erst, bevor 
sie beißt. Cochise beißt und vergißt das Rasseln.« 

»Bewegt sich dort nichts zwischen den Kakteen?« 
Hugh knurrte: »Sehe nichts.« 
»Dort drüben bei der Yucca!« 
Mitten in dem Kakteen- und Speerdorn-Chapparal wuchs 

eine einzelne Yucca, den Blütenstengel mehr als drei Meter in 
die Höhe gereckt, die stacheligen Blätter abwehrbereit nach 
allen Seiten ausgestreckt. 

Hugh Bennet nahm die Yucca aufs Korn. Er sah nichts, so 

sehr er sich auch Mühe gab. Er stieß Rainbow mit dem 
Ellbogen an und nickte mit dem Kinn zu einer Ansammlung 
von Felsbrocken hinüber. 

»Ich denke, hinter dem Schutthaufen stecken sie. Wenigstens 

einer oder zwei. Soll ich mal ein bißchen Blei hinüberschicken, 
mit den besten Grüßen von Rainbow?« 

»Das laß lieber bleiben. Mit Munition muß gespart werden, 

und wenn wir nur ein paar Steine treffen, nützt das auch 
nichts.« 

»Wie ist eigentlich dein richtiger Name? Doch nicht 

Rainbow?« 

»Nein. Rainbow nennt man mich, weil ich immer von den 

Regenbogen in meiner Heimat erzähle. Meinen richtigen 
Namen habe ich vergessen, er tut auch nichts zur Sache.« 

»Hast du Grund, ihn zu verschweigen?« 
»Ein Mann, der seinen Namen nicht genannt haben will, hat 

immer Gründe, mein Freund.« 

»Bei den anderen ist's ebenso, nicht wahr?« 
Rambow nickte finster. 
»Mit denen kann man alle auskommen, aber nimm dich vor 

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Nevada in acht. Hast du gesehen, wie der seinen Revolver 
trägt? Der kann mit seinem Schießeisen umgehen wie 'ne 
Jungfrau mit 'nem Kochtopf.« 

Hugh erinnerte sich an den sechsten Mann, dem er bisher nur 

wenig Beachtung geschenkt hatte. Er war ihm klein, bucklig 
und unscheinbar vorgekommen. Nun hörte er gerade das 
Gegenteil. 

»Ist er wirklich so gut?« fragte er, nur um etwas zu sagen. 
»Noch besser. Der schießt einer Fliege im Flug ein Auge aus, 

darauf kannst du dich verlassen, Hugh.« Rainbow räusperte 
sich. »Ich sage dir, Nevada ist einer der Besten an der Grenze. 
Der nimmt's sogar mit Wild Bill Hickock auf.« 

»Na, na…«, erwiderte Hugh, wechselte aber dann schnell das 

Thema. »Was hältst du davon, wenn wir verduften? Zu sehen 
kriegen wir keinen Apachen, wenn er nicht gesehen werden 
will. Klar, hauen wir ab!« 

Rainbow warf einen letzten Blick auf das Dickicht und 

antwortete grunzend: »Einverstanden. Verzupfen wir uns.« 

Sie sprangen auf und rannten gemeinsam zu der Lichtung, 

wo ihre Pferde in der Sonne dösten. Kein Pfeil und kein Stein 
folgte ihnen, nicht einmal ein Ruf wurde laut. 

Hastig stiegen sie auf und zerrten die Tiere in Reitrichtung. 

Am späten Nachmittag stießen sie auf die anderen. Die 
Outlaws hatten sich bei einem Wasserloch niedergelassen und 
versuchten vergeblich, ein paar Tropfen Trinkwasser aus der 
morastigen Brühe herauszufiltern. Rabbit empfing sie. 

»He, Jungs, alles in Ordnung in eurem Rücken?« 
Hugh schwang sich aus dem Sattel, warf Josuah Lemmon 

einen abgezirkelten Blick zu und setzte sich in seiner Nähe auf 
einen Stein. 

»Wie war's?« wollte Lemmon wissen. 
»Sie griffen uns nicht an, wenn du das meinst. Und was ist 

hier?« 

»Unser Wasser wird knapp. War auch ein höllisch heißer 

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Tag. Aber aus der Tinaja läßt sich nicht mehr als ein Fingerhut 
voll herausholen. Weißt du was?« 

»Sag's.« 
»Wir trennen uns wieder von den anderen. Zu zweit kommen 

wir besser und schneller vorwärts.« 

»Wenn wir aber von den Apachen angegriffen werden, sind 

wir auch nur zu zweit. Ich halte nichts von deiner Idee.« 

Er hatte kaum ausgesprochen, als wieder der grauenhafte 

Wolfsschrei ertönte. Ein Hagel von Steinen prasselte auf das 
Lager und verletzte Schlank-Schlank am Kopf. 

Er sprang auf die Füße und brüllte voller Wut: »Haut ja ab, 

verdammtes Mordgesindel, schlank-schlank-dalli!« 

Ein höhnisches Heulen war die ganze Antwort. Steine flogen, 

meisterhaft geschleudert, und schließlich ertönte das scharfe 
Keckern der Rasseln. 

Die Kriegsrasseln waren es letztlich, die die Männer mehr 

entnervten als die Wolfsschreie oder die geschleuderten Steine. 
Fluchend rannten sie zu ihren Pferden, warfen sich in die Sättel 
und rasten in südliche Richtung davon. 

»Hölle und Teufel, die reiten in die verkehrte Richtung!« 

heulte Hugh Bennet. »Nach Osten, ihr Idioten, nicht nach 
Süden!« 

Ein Stein traf ihn an der Schulter und warf ihn auf den 

Rücken. Triumphgeschrei von Norden, aus Osten und Westen. 
Noch weitere Steine prallten klirrend an den Felsen ab. 

»Hat's dich erwischt, Hugh?« brüllte Josuah Lemmon und 

rannte geduckt zu Bennet, der sich gerade wieder erhob. 

»Mann, war das 'n Ding! Los, machen wir, daß wir 

fortkommen!« 

Taumelnd schwang sich Hugh in den Sattel und zerrte sein 

müdes Pferd in die Richtung der geflüchteten Skalpjäger. 
Josuah Lemmon folgte ihm. Sie schafften mehrere Meilen, 
hatten jedoch stets das Gefühl, die Chiricahuas in ihrem 
Nacken zu haben. 

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 62

»Merkst du was?« brüllte Hugh dem Reitwind entgegen. 
Josuah schrie zurück: »Was soll ich merken? Daß wir nach 

Süden reiten? Das fühlt ein Blinder mit dem Krückstock!« 

»Sie wollen uns an einer bestimmten Stelle haben. Dort 

wartet diese mörderische Rothaut und macht uns den Garaus.« 

»Meinst du Cochise?« 
»Wen sonst? Ich sage dir, dieser rote Bastard vergißt nichts.« 
Josuah Lemmon fühlte einen Schauder nach dem anderen 

über seinen Rücken gleiten. Weit voraus tauchten die 
nördlichen Ausläufer der Dragoon Mountains auf. Auf halbem 
Weg stand eine Staubsäule in der Luft und verteilte sich in 
höheren Luftschichten. 

»Ich sehe sie«, rief Bennet und mäßigte die Gangart seines 

ausgepumpten Pferdes. 

»Wen, verdammt? Das Gebirge?« 
»Auch die Dragoons, klar. Ich meine die Männer, denen wir 

uns anschlossen.« 

»Von mir aus können die zum Teufel gehen!« 
»Das tun sie auch – mit uns zusammen.« 
»Oho! So leicht wird es Cochise nicht mit mir haben!« 
»Mit mir auch nicht. Aber gegen seine Hinterlist kommen 

wir nicht an. Apachen sind Guerilla-Kämpfer und verstehen es, 
sich unsichtbar zu machen.« 

»Laß nur«, der andere lachte, »eine 45er Kugel macht sie 

schon sichtbar.« 

Beide schwiegen von nun an und trabten nach Süden. Angst 

im Herzen, von Furcht gejagt. 

Die Sonne ging als rotes Wagenrad unter und hinterließ 
lediglich Tageswärme, Dunst und die Ahnung auf einen frühen 
Herbst. Lange Schatten krochen von den Hügeln herunter und 
streckten die Finger nach allem aus, was Licht war. 

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 63

Cochise und Wyatt Earp näherten sich den Dragoons von 

Norden und sahen trotz der heraufziehenden Dunkelheit die 
Konturen des schroffen Gebirges mit seinen Schluchten und 
Canyons. Und sie sahen noch etwas, als sie die Hügel verließen 
und in die kurze Ebene vor dem Gebirge hineinstießen. Einen 
Lichtpunkt nahe an der Basis der ersten felsigen Hänge, die 
sich mit ihren Geröllhalden bis weit hinauf zu den Gipfeln 
zogen. Cochise hielt an und deutete auf den flackernden Punkt, 
der wie ein heller Stern in der Abenddämmerung hing. 

»Feuer.« 
»Well, Feuer, da gehe ich mit. Aber wessen Feuer?« 
Kurz antwortete Cochise: »Böse weiße Männer.« 
»Machen wir Rast?« 
Der Häuptling zeigte auf einen Einschnitt in der Landschaft, 

der bei der Gruppe von Bäumen endete. 

»Dort ist Wasser.« 
»Glaube ich nicht, die Pferde hätten es längst gewittert.« 
Cochise lächelte nur und änderte die Richtung. Nach einer 

halben Stunde gelangten sie an die Erdfalte und hielten an. 
Cochise musterte die dunkle Grabenlandschaft und trieb seinen 
Pinto wieder in einen kurzen Trab. 

Er ritt die Böschung hinab und überließ es Wyatt Earp, ihm 

zu folgen. Der Graben war nichts weiter als eine vor vielen, 
vielen Jahren stattgefundene Absenkung, an der wahrscheinlich 
ein Beben schuld war. 

Die dunkle Silhouette der Baumgruppe wurde sichtbar. 

Cochise lenkte sein Pferd hinüber und stieg ab. 

»Ich sehe kein Wasser«, sagte Earp ungeduldig. »Hier gibt es 

so wenig Wasser wie auf dem Mond.« 

Cochise kniete sich wortlos in den Sand und fing an, mit den 

Händen eine Grube auszuheben. Er war kaum einen Fuß tief 
gekommen, als sich der Sand dunkel färbte. Er kratzte und grub 
weiter. Wasser drang plötzlich von unten her in die Grube. 

»Tatsächlich!« Wyatt Earp staunte und machte kugelrunde 

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 64

Augen. Dann kamen ihm Bedenken. »Ist das Wasser auch 
trinkbar?« 

Cochise schöpfte mit der hohlen Hand und führte sie an die 

Lippen. Das Wasser war klar und frisch und schmeckte süß. 

»Laß mich mal«, sagte Wyatt, kniete sich neben dem 

Häuptling in den Sand und machte es wie er. 

»Grandios!« rief er aus. Wirklich ganz ausgezeichnet!« 
Inzwischen hatte sich so viel Wasser angesammelt, daß sie 

Feldflaschen und Schläuche füllen konnten. Danach kamen die 
Pferde dran. 

»Machen wir ein Lagerfeuer?« fragte der Spieler. 
Cochise antwortete: »Nein, sie könnten es sehen.« 
»Was, hier im Graben?« folgerte Wyatt erstaunt. 
»Riechen. Eine gute Nase riecht ein Lagerfeuer auf eine 

Meile. Indianer noch weiter.« 

Earp sagte nichts mehr und beschäftigte sich mit den 

Pferden. Er sattelte sein Tier ab und hing ihm den Futtersack 
um. Als er sich Cochises Pinto näherte, biß das Pferd nach ihm. 
Er ließ es in Ruhe und ging zu seinen Decken und 
Satteltaschen zurück. Cochise war mal wieder verschwunden. 

Verwundert und erregt blieb Wyatt stehen und starrte in die 

dichter werdende Dunkelheit. Kojoten heulten in der Ferne. 
Nicht weit von ihm entfernt bellte ein Wüstenfuchs. 

Um ihn herum war ein Huschen und Knistern und Rascheln, 

daß er unwillkürlich seinen Colt zog und den Hahn spannte. 
Als er die Ursache der Bewegung erkannte, lächelte er 
verschämt und ließ seinen Revolver wieder verschwinden. 

Kleintiere waren auf der Jagd, um zu fressen, aber sie 

wurden von größeren selbst gejagt und gefressen, und so 
mancher piepsender Todesschrei verklang in der Nacht. 

Cochise lief inzwischen leichtfüßig wie eine Antilope über den 

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Wüstenstreifen zum Gebirge und nutzte jede noch so kleine 
Deckung, um sein Ziel zu erreichen. 

Der Feuerschein wurde heller. Schon hörte er Stimmen, 

Pferde wiehern und zwei Männer miteinander streiten. Die 
letzten fünfzig Yards legte er gebückt zurück, bevor er sich auf 
die Erde legte und zu einer blühenden Yuccastaude kroch, die 
ihn völlig verbarg. Etwa zehn Yards vor ihm lagerten rund um 
das Feuer acht Weiße. 

Cochise erkannte die beiden Mörder seiner Sippe. Er sah sie 

faul auf ihren Decken liegen und ballte grimmig die Hände. So 
sehr er auch den Lagerkreis absuchte, Wachen konnte er nicht 
entdecken. Er wunderte sich, daß die Verbrecher keine Posten 
aufgestellt hatten. Er ließ seine Blicke nach rechts gleiten. 

Auf dieser Seite grenzte ein Sumachgebüsch an die Yuccas 

und bildete einen halben Ring um das Lager. Cochise verließ 
die Deckung der Yuccas und kroch zu dem dichtblättrigen 
Dickicht, das besseren Schutz gegen Sicht versprach, wenn 
einer zufällig aufstehen sollte. 

Dazu mußte er einen Sandstreifen von etwa fünf Yards 

Breite überqueren, der völlig deckungslos zwischen den beiden 
Vegetationsstreifen ein verlassenes Dasein fristete. Nichts 
wuchs hier auf dem hellen Sand, nicht einmal ein Grashalm. 

Die Stelle, die der Häuptling zur Überquerung des Streifens 

ausersehen hatte, lag im Schatten. Bis hierher reichte der 
Feuerschein nicht. Noch einmal sondierte er das Gelände mit 
kundigen Augen und machte sich auf den beschwerlichen Weg. 

Selbst für einen Indianer war es schwer, sehr schwer, sich 

über eine größere Distanz auf Händen und Zehenspitzen zu 
bewegen. Bereits nach kurzer Zeit verkrampften sich die 
Muskeln der Arme und Füße, die das ganze Körpergewicht zu 
tragen hatten. 

Cochise hatte etwa zwei Meter zurückgelegt, als er 

feststellen mußte, daß ihn das diffuse Licht zwischen Feuer und 
Nachtschatten getäuscht hatte. Der Streifen war breiter als er 

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angenommen hatte. 

Seine Armmuskeln begannen zu zittern und sich zu 

verkrampfen. Er mußte eine Pause einlegen und legte den Kopf 
auf den angewinkelten Unterarm. Wie eine riesige Kröte lag er 
auf dem sandigen Boden und bewegte kein Glied. 

Während der Chiricahua sich abmühte, eine bessere Position 

zu erlangen, schrien und grölten die Banditen und brüsteten 
sich mit eingebildeten Heldentaten. Einer von ihnen, ein 
besonders heruntergekommener und schmutziger Outlaw, legte 
Feuerholz nach. Knisternd fraßen sich die Flammen in die 
Nahrung und erweiterten den Lichtkreis um ein beträchtliches. 
Noch reichte er nicht bis zu dem am Boden kauernden 
Apachen. 

Cochise setzte sich wieder in Bewegung und schaffte die 

restliche Strecke. Schweißgebadet drang er in das Dickicht ein 
und suchte sich einen geeigneten Platz zum Verharren. 

Nach ein paar Minuten stand ein Mann am Feuer auf und 

entfernte sich in Richtung des Chapparals. 

»Wohin willst du mitten in der Nacht?« rief ihm ein zweiter 

nach. 

»Wo wir alle hin müssen, wenn's drückt.« 
Der Zufall wollte es, daß Bronco genau die Stelle ansteuerte, 

wo der Häuptling der Apachen unter den Zweigen versteckt 
lag. Einen halben Schritt vor Cochise blieb er vor dem 
Sumachstrauch stehen und fummelte an seinem Gürtel herum. 

Eine Hand zuckte aus dem Gebüsch. Bevor Bronco 

zurückweichen und einen Schrei ausstoßen konnte, riß die 
Hand ihn zu Boden und würgte ihn. Nicht das leiseste Röcheln 
brachte Bronco hervor. Cochise ließ erst von ihm ab, als der 
Weiße kein Lebenszeichen mehr von sich gab. 

Die Männer beim Feuer hatten nichts bemerkt, so lautlos war 

alles vor sich gegangen. Cochise richtete sich auf den Knien 
auf und suchte nach einem geeigneten Fluchtweg. In wenigen 
Minuten würden die Kerle beim Feuer ihren Kumpan 

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vermissen und nach ihm suchen. 

Es kam aber anders. 
Der schreckliche Heulton des hetzenden Grauwolfes hallte 

über das Feuer, dazu prasselten Steine und klapperten die 
Kriegsrasseln. Cochises Gesicht entspannte sich, Ulzana war 
schon wieder hinter den Weißen her und ließ ihnen keine 
Minute Verschnaufpause. 

Diesmal wurden die Wolfsschreie von dem gereizten 

Maunzen eines Pumas begleitet. Nicht nur Kieselsteine wurden 
geschleudert, faustgroße Brocken krachten auf die dösenden 
Pferde und die Männer beim Feuer. 

Die angstgepeinigten Tiere rissen sich los und stürmten mit 

klappernden Hufen in die Dunkelheit. 

»Die Pferde!« schrie eine rauhe Stimme. »Um Gottes willen, 

die Pferde gehen durch! Haltet die Tiere fest, ohne sie sind wir 
verloren!« 

Niemand warf sich den angstgestörten Tieren in den Weg 

und hielt sie auf. Sie alle hatten wirklich genug damit zu tun, 
ihre Körper gegen die heranfliegenden Steinbrocken zu 
schützen. 

»Wir müssen weg von hier!« brüllte Hugh Bennet. »Jos, 

decke mir den Rücken!« 

Schüsse krachten mit zuckenden Lichtfingern, aber sie 

fanden kein Ziel und kein Echo. Pfeile und Steine wurden 
lautlos abgefeuert, aber sie töteten genauso wie Pulver und 
Blei. 

Cochise verharrte weiter in seiner Deckung. Das Schießen 

hatte aufgehört, der Pulverdampf war mit dem Wind 
davongeweht. Kein einziger Weißer befand sich noch beim 
Feuer. Sie lauerten im Dunkeln, Revolver in den 
schweißfeuchten Händen, sie lauerten jedoch vergeblich. 

Hinter Cochise knisterte es. Ein Zweig schüttelte sich wie im 

Fieber und ließ Zecken zur Erde regnen. Mit dem Messer in der 
Faust wirbelte der Apache herum. 

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»Will Cochise Ulzana töten?« 
Die gedrungene Gestalt tauchte vor dem Chief auf wie ein 

Geist aus einer Märchenwelt. Das Messer verschwand, dafür 
streckte Cochise seine Hand vor und berührte Ulzanas 
Schulter. 

Ein weiterer Indianer stand plötzlich neben Ulzana. 
»Chihuahua!« 
»Cochise!« 
»Ich danke euch, meine tapferen Krieger.« 
»Dein Dank gebührt uns nicht«, grunzte Chihuahua. »Zastee! 

Tötet alle Weißen!« 

»Zastee!« sagte Cochise. »Schreit, meine Brüder! Schreit, bis 

sie vor Angst davonlaufen und zusammenbrechen!« 

»Sie haben keine Pferde mehr«, sagte Chihuahua. Tall-bort, 

Kleiner Fisch, glitt aus der Dunkelheit wie ein wirklicher Fisch 
aus seinem Element. 

»Wir greifen sie an«, sagte Ulzana wild und blutlüstern. 
»Nein, nur jagen. Keinem von ihnen darf ein Haar gekrümmt 

werden. Keinem!« 

»Cochise will ihre Skalps?« 
»Cochise nimmt keine Skalps. Wo sind meine anderen 

Brüder?« 

Der Chihuahua deutete mit seiner Hand nach Osten. 
»Unsere Brüder jagen mit der aufgehenden Sonne. Kein 

Weißer entkommt ihnen. Zastee!« 

Cochise richtete sich hoch auf und reckte die Schultern. Sein 

Blick lag düster auf dem mehr und mehr ersterbenden 
Feuerkreis. 

»Jagt sie, Brüder, aber richtet sie nicht. Cochise muß zu dem 

Bleichgesicht zurück, bevor ihn die Stille der Nacht zu einer 
Dummheit verleitet.« 

Das Geräusch knisternder Seide war lauter als Cochises 

Verschwinden. Er tauchte ein in Finsternis und Stille und 
verschwand wie ein Teil von ihnen. 

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Als er vor Wyatt Earp auftauchte, geschah dies genauso 

leise, als befände sich der Häuptling der Apachen auf dem 
Kriegspfad. 

»Teufel, Teufel!« knurrte Wyatt schlecht gelaunt. »Mußt du 

dich immer wie ein Geist an mich heranschleichen, Rothaut?« 

»Geister schleichen nicht, sie schweben und gleiten, und sie 

sind unsichtbar. Ich aber bin von fester Gestalt.« 

Earp benutzte wieder seinen Steinsitz und starrte Cochise 

verdrossen an. 

»Wo warst du, Hombre? Warum verschwindest du, ohne 

etwas zu sagen?« 

»Squaws reden, Krieger handeln. Bei Tagesanbruch geht die 

Treibjagd weiter, Hellauge. Du kannst reiten, wohin du willst, 
falls du den Chiricahuas nicht zu ihrem Recht verhelfen 
willst.« 

Earp fuhr hoch. »Verdammt!« schrie er wütend. »John 

Haggerty hat dir die Aburteilung durch die Armee angeboten. 
Warum bist du nicht auf seinen Vorschlag eingegangen? 
Menschen wie Tiere abzuschlachten, ist nun mal nicht die 
Vorstellung von Recht und Gesetz bei den Weißen.« 

»Ihr habt euer Gesetz, die Apachen haben ihr Gesetz. Jeder 

handelt auf seine Art. War es nicht grausam, alte Männer, 
Frauen und Kinder zu töten, Unschuldige, die weiter nichts 
beanspruchten, als in Ruhe gelassen zu werden?« 

»Deswegen sollen die Kerle hängen, Chief! Hängen, bis 

ihnen die Zungen aus den Hälsen quellen.« 

Cochises Handbewegung war abschließend. Der Häuptling 

der Apachen duldete keinen Eingriff in seinen Machtbereich 
und in die Ausübung seiner Bestrafungsform. 

»Du kannst gehen«, sagte er. 
»Ich bleibe, und kein Häuptling der Apachen kann mich mit 

Gewalt vertreiben! In meinem Revolver stecken sechs Kugeln, 
Chief, sechs Stückchen Blei, die ein Leben von einer Sekunde 
zur anderen auslöschen!« 

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Das war eine kalte Drohung, die der Chiricahua sehr gut 

verstand. Seine Hand glitt zum Messergriff in den Leggins. 
Auge in Auge standen die beiden Männer sich gegenüber, und 
Auge in Auge überlegten sie, wer bei einer eventuellen 
Auseinandersetzung der Stärkere war. 

Wyatt war es, der seine Hand vom Revolverkolben nahm und 

sich wieder setzte. Leise, beinahe demütig, sagte er: »Tut mir 
leid, Häuptling, war nicht so gemeint.« 

Cochise breitete seine Decken aus und legte sich wortlos 

schlafen. Was er dachte, war weder aus seinen Gesten noch aus 
der Verschlossenheit seines scharfgeschnittenen Gesichts zu 
erkennen. 

Die aufgehende Sonne sah einen Haufen zerlumpter, halb 
verdursteter und geschwächter Gestalten, die sich zum Gebirge 
schleppten. Hugh Bennet und Jos Lemmon führten die 
taumelnde Gesellschaft an, getrieben von der Angst vor den 
Apachen, die sich in gelegentlichen Wolfsschreien und 
prasselnden Steinen erschöpfte. 

Die anderen Banditen folgten in kürzeren und längeren 

Abständen, und sie wären längst gestürzt und liegengeblieben, 
wenn sie nicht die gleiche grauenvolle Angst vorwärtsgetrieben 
hätte. Ihre Zungen lagen ihnen wie bleischwere Klumpen in 
den trockenen Mündern, und wenn sie an Wasser dachten, 
stülpte sich ihnen der Magen um. 

Es gab kein Wasser. Nicht hier in dem Wüstenstreifen und 

auch nicht an der Basis der karstigen Hänge und schrägen 
Lehnen des großen Dragoon Gebirges. Es wuchs hier nicht 
einmal ein Grashalm, so trocken war das Land, so wild und 
gefährlich. Apachenland! 

»Ich kann nicht mehr«, stöhnte Josuah Lemmon. 

»Allmächtiger Gott im Himmel, hast du kein Mitleid mit 

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weißen Menschen?« 

Ein dröhnender Wolfsschrei war die einzige Antwort, die die 

Wildnis zu bieten hatte. Ein Schrei, der nicht aus tierischer 
Kehle kam. 

»Weiter«, keuchte Hugh Bennet. 
»Siehst du den Einschnitt des Canyons dort vorn? Da ist es 

wenigstens kühl und schattig. Nur noch hundert Yards, 
Freunde.« 

Hundert Yards bis zum Jenseits, eine Kleinigkeit für Mörder 

und Skalpjäger. Eine Kleinigkeit für Männer, die sich 
außerhalb des Gesetzes gestellt hatten, wenn… Ja, wenn, und 
das war der winzige Punkt, der die hundert Yards zu hundert 
Meilen werden ließ, weil ihnen die Zunge vor Durst aus dem 
Halse hing und ihre Körpertrockenheit ihnen bereits Fata 
Morganen von springenden Quellen und rieselndem Wasser 
vorgaukelte. 

Hugh schaffte es. Aber wie er es schaffte. Die letzten Meter 

kroch er auf Händen und Füßen und gab sein Letztes, den 
Schatten einer überhängenden Felswand zu erreichen. Hier 
brach er ohnmächtig zusammen. 

Josuah Lemmon schaffte es dagegen nicht. Zwanzig Yards 

vor dem sich in die Wüste tastenden Streifen brach er 
zusammen und blieb ohne einen Laut von sich zu geben liegen. 

Die anderen ließen sich dort in den glühendheißen Sand 

sinken, wo sie gerade standen. Ihre Gewehre, soweit sie solche 
noch besaßen, hatten sie längst hinter sich gelassen. Sie 
brauchten sie auch nicht mehr. 

Die Wolfsschreie waren verstummt. Keine Steine prasselten 

und keine Kriegsrassel ließ ihr helles und aufreizendes Keckern 
ertönen. Es war still hier vor der Basis des in den Himmel 
steigenden Gebirges. Wie in einer Gruft. 

Am Himmel erschienen die ersten Bussarde, zogen enge 

Kreise und besahen sich aus großer Höhe die vermeintliche 
Beute. Ein seltsamer Instinkt ließ die Vögel wissen, daß dort 

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keine Toten, sondern Lebende lagen, die den Aasvögeln nicht 
den geringsten Gefallen tun wollten zu sterben. Land und 
Menschen verharrten in Stagnation, während die Sonne sich 
anschickte, in ihr Bett weit im Westen zu fallen. Es wurde 
kühler, und von den Bergen kam ein schwacher Wind, der den 
Gluthauch des Tages vertrieb und weit hinaus in die Wüste 
schickte. 

Ein hochbeiniger Rotluchs strich an Hugh vorbei und äugte zu 
ihm herüber. Er traute aber dem Frieden nicht und strich ab. 
Die ersten Kaninchen kamen aus ihren Erdlöchern und 
beschnüffelten den wie tot daliegenden Mann, dessen Brust 
sich unter makabrem Röcheln hob und wieder senkte. Hugh 
Bennet atmete flach und stoßweise, und wenn er einmal 
blinzelnd die Augen öffnete, schloß er sie gleich darauf wieder, 
weil ihn das Tageslicht schmerzte. 

Hoch oben auf einem Felsen erschienen zwei Apachen in 

ihrer traditionellen Wüstenkleidung. Beinahe stoisch sahen sie 
auf Hugh herab, der von ihrer Anwesenheit keine Ahnung 
hatte. 

Was geschah nun? Kamen Ulzana und Chihuahua in den 

Canyon, um dem Wehrlosen endgültig den Todesstoß zu 
geben? Nein, sie taten es nicht. Im Gegenteil. Sie setzten sich 
in ihrer eigenen Hockstellung an den Canyonrand und 
beobachteten. Ihre Adleraugen sahen alles, jedes huschende 
Karnickel und die Mäuse, die Beute armdicker brauner 
Schlangen wurden. 

Sie sahen auch das seltsame Gebilde aus gemauertem und 

verputztem Stein weit hinten in der Canyonwand, ohne sich 
jedoch Gedanken darüber zu machen. 

Selbst wenn sie die Bedeutung des Mauerwerks mit den 

Lichtöffnungen gekannt hätten, wäre wohl kaum mehr als ein 

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Achselzucken dabei herausgekommen. Es war den beiden 
völlig gleichgültig, welche Urahnen sich hier in diesem 
Canyon als Baumeister betätigt hatten. 

Nicht so Cochise. Er stand eine Viertelmeile weiter ebenfalls 

auf einer Klippe und starrte die seltsame Gesteinsformation 
zwanzig Yards über der Canyonsohle auf der anderen Seite an. 

Das Mauerwerk mit den glotzenden schwarzen 

Fensteröffnungen besaß keinen Zugang. Kein noch so schmaler 
Pfad führte hinauf oder vorbei. Es hing einfach nur so in der 
beinahe senkrecht abfallenden Felswand, hineingebaut in eine 
Nische, die sich nach oben zu fortsetzte. 

Cochises Augen glitten weiter. In Richtung Canyonausgang 

schnitt eine schmale Schlucht in die Bergflanke, die jedoch 
nicht bis zur Sohle reichte. Als sei dem Titanen, der sie vor 
Äonen schuf, die Kraft ausgegangen, hörte sie zehn Yards über 
dem Canyonboden auf. 

Und schließlich bemerkte der Häuptling den steilen 

Ziegenpfad, der wie ein riesig langer Wurm an der Lehne 
emporkletterte und seitlich der Klamm verschwand. Einen Weg 
hinauf gab es, und er mußte früher von den Uralten viel benutzt 
worden sein, denn er hob sich weiß und gut sichtbar vom 
grauen Urgestein ab. 

Was aber war auf der anderen Seite der Berglehne? Cochise 

rekonstruierte die Landschaft mit ihren zerrissenen Schluchten 
und breiten Canyons vor seinem geistigen Auge. 

Der Canyon mit dem Bauwerk der Hohokam stand vor ihm 

und wirkte so düster auf den Betrachter, als würde er 
davorstehen und die geheimnisvollen Fensteröffnungen 
anstarren. Etwas Seltsames ging in dem Häuptling vor. Der 
mystische Atem einer lange vergangenen Epoche drängte sich 
ihm auf, mit ihm die Erinnerung an die vergangenen Tage 
sowie das Massaker an einer Apachenfamilie. 

Trieben die Gottheiten der Vergangenheit die Frevler wieder 

an jene Stelle zurück, wo sie ihre Untaten begingen? Ein 

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seltsamer kalter Hauch wehte Cochise an, ein Hauch wie aus 
einer Gruft. 

Er drehte sich herum und wußte, was er zu tun hatte. 

Gleitend wie ein Puma und ebenso geräuschlos lief er im 
Wolfstrab zu einer Senke, in der sein Pferd auf ihn wartete. Er 
stieg auf und ritt über den sich neigenden Hang in Richtung 
Wüste. 

Bald darauf stieß er auf Ulzana und Chihuahua. Die beiden 

Krieger hatten sich von ihrem Aussichtspunkt zurückgezogen 
und erwarteten den Häuptling. Als Cochise aufwärts ritt, sah er 
auf der anderen Canyonseite ebenfalls Krieger, die in das Tal 
spähten. 

Der Nachmittag ging in Abend über, Schatten fielen in die 

Schluchten und umgaben alles, jeden Stein und jeden Strauch, 
mit dem Atem des Geheimnisvollen. Cochise schwang sich 
vom Pferd und näherte sich den beiden Kriegern. 

Er nickte, deutete auf die Felsvermauerung und schließlich 

auf den Pfad, der in die Höhe führte. 

»Dort hinauf müßt ihr sie treiben, meine Brüder. Irgendwo 

auf diesem Felsen wird Cochise die Rache der Apachen 
vollziehen.« 

»How!« 
Sie setzten sich auf nacktes Gestein und warteten die 

Dunkelheit ab, derweil unten in der Schlucht abgerissene und 
demoralisierte Gestalten taumelnd, sich dahinschleppend oder 
kriechend, der Gruppe Bennet und Lemmon nähernd, aus der 
Wüste heranschleppten. 

Die heraufziehende Nacht brachte Dunkelheit und Kühle, 

aber kein Wasser. Apathisch lagen die Banditen im Sand und 
starrten in den sich verdunkelnden Himmel. 

Rabbit krächzte mit geschwollener Zunge und einem 

Gaumen, der sich wie ein Reibeisen anfühlte: »Bronco hat's 
sicher erwischt, sonst wäre er nachgekommen.« 

Es folgte eine lange Minute des Schweigens. Schließlich 

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räusperte sich Nevada, der selten ein Wort sprach, blickte 
Rabbit mit halbgeschlossenen Augen an und sagte anzüglich: 
»Ich dachte immer, er fühlte sich allen Indianern überlegen.« 

»Sein Verschwinden bedeutet nicht, daß ihn eine Rothaut 

umgebracht hat«, antwortete Rabbit mit schmerzender Kehle. 

Old Fellow krähte entsetzt wie ein junger Hahn, den ein 

älterer vom Mist vertrieb: »Cochise!« 

»Malt keine Gespenster an die Wand, Blödmänner!« 
Nevadas Stimme klang gereizt und erlaubte keinen 

Widerspruch. Das kurze Gespräch verstummte wieder, 
versackte förmlich in abstumpfender Trostlosigkeit. Nur 
Schlank-Schlank konnte sich mit dem Ergebnis des Dialogs 
nicht zufrieden geben. 

»Schätze, da hast du auch wieder recht, Nevada. Dachte 

schon, ich hörte nicht richtig. Old Fellow wird doch nicht 
weich werden, dachte ich.« 

»Wie das Maul eines Mulis«, pflichtete ihm Nevada bei. 

Danach ruckte sein Kopf in die Höhe. »Was sagt ihr jetzt, 
Jungs? Wollen wir uns von dem rothäutigen Gesindel noch 
weiter in die Berge treiben lassen? Ich bin dafür, daß wir 
unsere Kanonen schußbereit machen und es darauf ankommen 
lassen, ob ihnen das gelingt.« 

Ein Chor der Zustimmung folgte dem Vorschlag des 

Revolvermannes. 

»Okay, Jungs, dann warten wir, bis sie wieder auftauchen. 

Und dann nichts wie geballert, in alle Richtungen, nach oben 
und unten, nach vorn und hinten!« 

Was allerdings Nevada nicht wissen konnte, war, daß die 

Chiricahuas nicht erst zu kommen brauchten. Sie waren schon 
da… 

»Warum du alles selbst tun willst, ist unerfindlich«, knurrte 

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Wyatt unbehaglich. »Wir sind Gefährten, oder nicht? Deine 
Sache ist meine, deine Feinde sind auch meine.« 

Sie starrten sich in der Dunkelheit wie zwei Kampfhähne an, 

die in Erwartung der bevorstehenden Balgerei die Flügel 
spreizten und mit den Schnäbeln klapperten. 

»Deine Freunde sind nicht meine Freunde«, erwiderte 

Cochise trocken und unnahbar. »Du hast keine Freunde, 
Hellauge.« 

»Ach, geh zum Teufel! Ich habe einen sehr guten Freund, der 

genügt mir. Hier!« Earp klatschte auf das Revolverhalfter und 
zog den schweren Patronengurt hoch. »Zu diesen Kerlen dort 
unten in der Schlucht zähle ich mich noch lange nicht, kannst 
du das verstehen, Rothaut?« 

Cochise gab keine Antwort. Er trat an den Rand der Schlucht 

und starrte in die dunkle Tiefe. Überlegte er die Worte Wyatts 
noch einmal? Oder dachte er darüber nach, was der Weiße 
gemeint haben könnte? Deine Feinde sind auch meine Feinde, 
hatte er gesagt. Feinde! 

Langsam drehte sich der Häuptling der Apachen wieder 

herum. Hochaufgerichtet stand er vor dem letzten 
verblassenden Licht im Westen und musterte den Spieler mit 
einem langen Blick. 

Wyatt Earp schüttelte den Kopf und bewegte sich 

unbehaglich. Er fühlte es mehr und mehr, diesem Mann vor 
ihm war er in jeder Beziehung unterlegen. Sie, die Weißen, 
nannten ihn einen Spieler und Revolvermann, obwohl er nur 
eins im Sinn hatte, ein Deputy United States Marshal zu 
werden. 

Der Indianer vor ihm glaubte ihm kein Wort, weil er eine 

weiße Haut hatte und mit zwei Zungen sprach. Sie alle 
schätzten ihn richtig ein und hielten ihr Vertrauen vor ihm 
zurück. Wie oft und vor wie vielen Städten hatte er angehalten 
und auf seiner Flucht im hohen Salbei gestanden, um die Posse 
zu beobachten, die ihn verfolgte. Er konnte es nicht mehr 

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zählen, nur die Städte, die er hatte verlassen müssen, fielen ihm 
ein. 

Dieses Rufes wegen und weil er sich gegen die Vorwürfe der 

Menschen nicht rechtfertigen konnte, weil einfach sein Colt zu 
schnell war, konnte er niemals erwarten, daß sein Traum in 
Erfüllung ging. 

Er war weiterhin dazu verurteilt, lange Ritte und einsame 

Nachtwachen an Lagerfeuern unter dem Sternenlicht zu 
ertragen und Aufgeboten auszuweichen, die ihn wegen einer 
Schießerei mit tödlichem Ausgang suchten. 

Wyatt schüttelte die Gedanken ab, konnte aber das Gefühl, 

das sie ausgelöst hatten, nicht loswerden. Es lastete weiter wie 
ein Alptraum auf seiner Schulter, als er Auge in Auge dem 
Häuptling gegenüberstand und zu erraten versuchte, was der 
Indianer dachte. 

Cochise sagte kein Wort, ging an ihm vorbei und bestieg sein 

Pferd. Er wendete es dem Spalt entgegen, den er zwar nicht 
sehen konnte, von dem er aber wußte, daß er da war, weil er 
ihn von der anderen Canyonseite gesehen hatte. 

»Ich komme mit.« 
»Du bleibst im Lager. Was dort draußen geschieht, ist nicht 

deine Sache.« 

Schatten und Dunkelheit verschluckten den Häuptling der 

Apachen. Wyatt zuckte zusammen, als hätte ihn der Schlag 
einer Peitsche gestreift. Es waren aber nicht Cochises Worte 
gewesen, die sein Zucken auslösten. 

Ein grausigschauriger Schrei drang von der Schluchtsohle zu 

ihm herauf. Er schien sich durch das Gestein fortzusetzen, von 
der Luft getragen zu werden, von nirgendwo herzukommen, 
einfach da zu sein. 

Wyatt wirbelte herum und zog. Er kam sich im nächsten 

Augenblick mit dem Colt in der Hand lächerlich vor. Vor ihm, 
hinter ihm und zu seinen beiden Seiten war kein Feind und 
kein wildes Tier. Dort waren nur Schatten und Felsen und 

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Felsen und wieder Schatten, umgeben von nächtlicher 
Dunkelheit. 

Abendwind kam auf, bewegte die dürftige Flora hier oben 

auf der winzigen Mesa. Übergangslos waren plötzlich überall 
raschelnde und geheimnisvoll wispernde Geräusche zu hören, 
die Wyatt noch mehr verunsicherten. 

Und dann kam der schreckliche Schrei wieder aus der Tiefe, 

rollte wie auf eine riesige Blase aus Haß und Todesverkündung 
die steilen Hänge herauf, verteilte sich auf der Mesa in 
unzählige schwache Echos und kam den Weg wieder zurück. 

Earp fühlte Schauer der Furcht und des Grauens über seinen 

Rücken rieseln. Unermüdlich versuchte er die Herkunft des 
mörderischen Schreies zu ergründen, ordnete ihn Menschen zu 
und verneinte. Wenn er einer raschen Überlegung zufolge den 
Schrei – den berserkerhaften Schrei – einem wilden Tier 
beierkennen wollte, sträubte sich alles in ihm gegen diesen 
Gedanken. 

Das war kein Wolfsschrei und nicht der Jagdruf des 

menschenangreifenden Pumas, was ein Berglöwe sowieso 
niemals tat, das war auch kein Brüllen aus einer sonst 
bekannten Tierkehle. 

Was dort aus der Schlucht heraufdrang, war die 

disharmonische Artikulation einer entfesselten Hölle, und wer 
da schrie, waren Teufel. Wyatt wagte sich nicht von der Stelle. 
Cochise hatte sich entfernt, um den Pfad nach unten zu 
beobachten. 

Er hielt auf seinem Pferd bei dem Felsspalt und lauschte nach 

unten. Für seine Ohren waren die Schreie nichts weiter als 
klangvolle Aufmunterungen für Leute, denen er ans Leben 
wollte. 

Sie kamen. Zuerst vernahm er nur keuchendes Fluchen, 

Stöhnen und das Rieseln von Sand. Dann vernahm er das 
Kratzen von eisenbeschlagenen Stiefeln auf Fels. Und 
Sekunden darauf vernahm er ihre Stimmen, die wie das 

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Krächzen von Krähen durch die Klamm trieb. 

»Wir hätten ihnen paroli bieten sollen, wie ich es gewollt 

habe«, sagte Nevadas röhrende Stimme. »Aber ihr Hasenfüße 
seid weggelaufen. Verdammt seien eure Seelen!« 

»Sie kamen von allen Seiten«, entschuldigte sich ein anderer. 

»Und sie waren mehr als wir.« 

»Pfeil-und-Bogen-Indianer – zur Hölle, die hätten wir mit 

unseren Revolvern vom Erdboden geblasen!« 

»Und diese gräßlichen Schreie?« fragte eine dritte Stimme. 
»Hätten wir dem Kerl in den Hals gerammt, notfalls mit 

einem Coltlauf!« 

Cochise zog sein Pferd hinter einen großen Felsblock zurück 

und verharrte dort wie ein erzenes Reiterstandbild. Er brauchte 
seinem Pinto nicht die Nüstern zuzuhalten. Indianische Pferde 
waren so dressiert, daß sie nicht schnaubten, solange ihre 
Reiter bei ihnen waren. 

Nun sprudelten die Banditen aus der Klamm wie Lemminge 

auf ihrem Weg zur Selbstvernichtung. Cochise zählte die 
wankenden und schnaufenden Gestalten. Fünf. Ganz zuletzt 
kamen noch Hugh Bennet und Josuah Lemmon, die beiden 
Männer, die er seit einer Woche verfolgte. 

Cochises Hand zuckte zum Messer. Er ließ es aber stecken 

und schickte den Banditen nur glühende Blicke nach. Einer 
nach dem anderen taumelten sie auf das Plateau hinaus und 
schlugen genau den Weg ein, den ihnen der Chief der Apachen 
zugedacht hatte. 

Der Zug der Lemminge war jedoch noch nicht beendet. 

Weitere quollen aus der Klamm-Mündung und hefteten sich 
den Fliehenden an die Fersen. Sie trugen andere Kleidung, 
graue Wüstenhemden mit derben Hosen und hochschäftigen 
Mokassins, auf denen sie lautlos ihren Weg verfolgten. 

Ein feines Lächeln glitt über Cochises maskenhaft strenges 

Gesicht. Ein Lächeln der Freude und des Stolzes. Die 
Lemminge waren Apachen und trieben die Weißen vor sich 

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her. 

Cochise hatte genug gesehen, zog sein Pferd herum und ritt 

zu Earp zurück. Der Weiße kauerte bei seinem Pferd und 
lauschte in die Nacht. 

»Sie sind gekommen«, sagte Cochise und sprang von seinem 

Pinto. 

»Wer, beim Henker, ist gekommen?« 
»Die Weißen, die ich verfolge. Ich, Cochise, werde die 

Bleichgesichter töten.« 

Wyatt knurrte: »Meinetwegen. Dieses Gesindel verdient 

nichts anderes. Wann und wo wirst du sie stellen?« 

»Bei Sonnenaufgang.« 
»Kann ich mir denken. Und wo?« 
»Bei den Wohnstätten der Urahnen.« 
Earp nickte grinsend. »Sehr sinnig, wie?« 
»Ich weiß nicht, was du meinst.« 
»Ist nicht so wichtig.« Earps Handbewegung sollte seine 

Lässigkeit in dieser Antwort ausdrücken. »Schlafen wir?« 

Cochise deutete auf eine Mulde. 
»Dorthin bringen wir die Pferde. Stell dein Pferd nicht zu 

nahe an meins. Mein Mustang mag dein Pferd nicht.« 

Wyatt Earp sprang auf die Füße, faßte die Zügel seines 

Tieres und ging mit ihm zu der schüsselförmigen Mulde. Er 
fütterte und tränkte das Tier, schlug ihm die Zügelschlinge um 
die Vorderbeine und breitete seine Decken in der Nähe aus. 

Der neue Tag weckte Wyatt mit Wind und einem fahlen 
Streifen am östlichen Horizont. Er schüttelte seine Decken und 
richtete sich auf. Von Cochise, der sich in der Nacht ein paar 
Meter von ihm entfernt in den Sand gegraben hatte, war nichts 
zu sehen. 

Der Spieler stand auf, rieb sich die Restmüdigkeit aus den 

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Augen und machte ein paar Schritte, um die Steifheit aus 
seinen Knochen zu vertreiben. 

Er blieb schließlich stehen und lauschte. Zu hören war nichts. 

Nur ein leises Raunen und Rascheln wehte über die Einöde und 
verklang über dem Canyon. 

Wyatt ging zu seinem Pferd, tränkte es zunächst und hing 

ihm danach den Futtersack um. Versonnen und nachdenklich 
tätschelte er den Hals des Tieres und fühlte Staub und Alkali 
im Fell des Braunen. 

Als er sich herumdrehte, stand Cochise vor ihm. Der Apache 

war wieder so lautlos herangekommen, daß Wyatt Earp nicht 
den leisesten Laut vernommen hatte. 

»Wir gehen«, sagte Cochise. 
»Wohin?« 
Cochise deutete nach Süden. 
»Nehmen wir die Pferde mit?« 
»Wir reiten erst ein Stück und führen sie dann am Zügel, 

Bleichgesicht.« 

Sie rollten ihre Deckenrollen zusammen und verschnürten sie 

hinter dem Sattel. Cochise, dessen Pferd keinen Sattel trug, 
legte die Rolle über den Widerrist des Pintos und band sie fest. 

Sekunden später ritten sie in südlicher Richtung über die 

vegetationslose Mesa. Es wurde schnell Tag. Aus dem 
Lichtstreifen wurde ein mächtiges Halbrund im Osten, aus dem 
sich schließlich das Muttergestirn schälte. 

Kaum eine Meile waren sie gemeinsam geritten, als Cochise 

die Hand hob und anhielt. 

»Wir müssen die Pferde verlassen«, sagte er. 
»Warum?« fragte Wyatt Earp. 
»Die Schlucht liegt vor uns.« 
»Mann Gottes, von welcher Schlucht redest du?« 
»Komm!« sagte der Häuptling nur, nahm sein Pferd beim 

Zügel und ging zu Fuß weiter. 

Wyatt stampfte wütend hinter ihm her. Kaum hatte er seinen 

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Groll gegen den Apachen bewältigt, sah er eine Gruppe von 
Gestalten vor sich auf der Ebene. Er bemerkte noch etwas. 

Dann und wann tauchte blitzartig ein Kopf oder die ganze 

Gestalt eines Kriegers seitlich der Marschierenden auf. Und 
jedesmal ertönte ein Wolfs- oder Pumaschrei! 

Ihm war klar, daß die Weißen in eine ganz bestimmte 

Richtung getrieben wurden wie eine Hammelherde in den 
Pferch des Schlächters. 

»Gar nicht so dumm«, sagte er laut. 
Cochise hörte es, reagierte aber nicht auf die Worte. 
Vor ihnen erhob sich ein Geröll- und Felsbrockenfeld aus der 

tafelflachen Ebene. Spitze Zacken ragten wie Haifischzähne in 
den Himmel, und zu allem gesellte sich die Tageshitze wie in 
der unmittelbaren Nähe eines Backofens. 

»Willst du sie dort in die Felsen jagen, Cochise?« 
Cochise schüttelte den Kopf. 
»Weiter, bis zu dem Bauwerk der Hahokam.« 
»Lieber Himmel, warum quälst du die Männer so?« 
Cochise blieb stehen und starrte auf den Weißen, als sähe er 

ihn heute zum erstenmal. 

»Quälen? Ist Morden nicht schlimmer als quälen? Niemand 

quält diese Mörder, Bleichgesicht!« 

Earp blieb die Luft weg. Er starrte den Häuptling der 

Apachen wie einen Geist an. Cochise schritt weiter. Wyatt 
wollte folgen, aber der Chief streckte seine Hand gegen ihn 
aus. 

»Du wartest hier, Bleichgesicht. Deine zarte Seele soll nicht 

mit der Todesqual der Mörder belastet werden.« 

Der Spieler hatte nicht den Mut zum Widerspruch. Er setzte 

sich in den Schatten eines mächtigen Felsbrockens und schloß 
die Augen. Sein Pferd döste neben ihm im Stehen. 

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Nach einer Weile ließ Cochise sein Pferd zurück und ging zu 
Fuß die kurze Strecke bis zu dem Spalt, dessen Mündung er im 
Canyon gesehen hatte. Seine Rechnung war aufgegangen. Der 
Spalt setzte sich fort und begrenzte die Rückseite des Berges, 
in dessen Nische die Urahnen ihre Wohnstätte gebaut hatten. 

Von den Weißen sah er im Augenblick nichts. Hoch auf 

einer Klippe tauchte die Gestalt eines Apachen auf, der sofort 
wieder verschwand. Der Krieger hatte stoßartig zwei Fäuste in 
die Höhe gestreckt. 

Die weißen Mörder lagen am Fuß der Klippe und versuchten 

ihre totale Erschöpfung zu überwinden. In Cochises dunkle 
Augen drang ein glitzernder Glanz, aber in seinem Gesicht 
zuckte nicht der kleinste Muskel. 

Er kauerte im Schatten eines Felsens und wartete. Noch 

wußte er nicht, wie er den Spalt überwinden sollte, oder wie 
ihn die Weißen überwinden konnten, um die Flucht auf der 
anderen Seite des zehn Meter tiefen Grabens fortzusetzen. 

In stoischer Ruhe verharrte der Chiricahua. 
Ein paar tödlich-stille Minuten geschah nichts. Hoch am 

Himmel kreisten Bussarde auf der Suche nach einem 
verendeten Wild oder einem Stück Aas, das von der Beute 
irgendeines Raubtieres übriggeblieben war. 

Wenn auch Cochise die Augen geschlossen hielt, so litt seine 

Wahrnehmung nicht darunter. Er sah, hörte und roch alles, und 
das war mehr als man von einem Weißen bei voller Aktion 
erwarten konnte. 

Die Weißen lagen kaum dreihundert Yards von ihm entfernt 

auf der nackten Erde und versuchten ihrer Erschöpfung Herr zu 
werden. Für Cochise war der Zeitpunkt eines Überfalls noch 
nicht gekommen. Die Sonne mußte an ihrem höchsten Punkt 
stehen und den halb verdursteten Weißen den letzten Tropfen 
Flüssigkeit aus den Körpern ziehen. 

Apachenart! Apachentaktik! 
Eine Wüstenschildkröte kroch träge an dem Häuptling 

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vorbei. Der Chiricahua fragte sich, wie das Tier auf die Mesa 
kam und wovon es hier oben lebte. Etwas weiter weg strich ein 
graubepelzter Wüstenfuchs in aller Hast vorbei und übersah 
sogar die Schildkröte. Er hatte seinen ärgsten Feind, den 
Menschen, gewittert und machte, daß er wegkam. 

Sonst wirkte die Stille hier oben erdrückend. 
Selbst der Wind war eingeschlafen, und nur die Felsen 

strömten Hitze aus, aber die war unhörbar. Nach einer Weile 
erhob sich der Häuptling der Apachen und begab sich zu 
seinem Pferd. Er tränkte das Tier aus einem Schlauch, der 
ehedem einmal der Darm irgendeines Tieres gewesen war, so 
reichlich, daß es bis zum Abend genug Feuchtigkeit 
aufgenommen hatte. 

Nach dem Tränken nahm er einen dünnen Sack von der 

Pferdekruppe und hielt ihn geöffnet unter das Maul des Tieres. 
Er enthielt wilden Hafer, Mais und getrocknete Beeren. 

Als alles getan war, sprach er ein paar Worte mit dem Pinto 

und streichelte ihn hinter den Ohren. Die nächste Sekunde 
zeigte nur einen freien Platz neben einem Pferd. 

Wyatt Earp spürte die Müdigkeit mit der zunehmenden Hitze 
dieses Spätsommertages. Er döste vor sich hin und schlief 
schließlich ein. Als er wieder aufwachte, fielen die Schatten 
lang und breit und die Sonne stand schon weit im Westen. 

Er sprang auf die Beine und rieb sich verblüfft die Augen. 

Um ihn herum war alles still. Wind war noch nicht 
aufgekommen, der typische Wüstenwind heißer Regionen. 

Wyatt trat aus dem Schatten des Felsens und spähte in alle 

Himmelsrichtungen. Außer Felsen und Sand konnte er nichts 
entdecken. Weder etwas Lebendiges war in dieser Landschaft 
noch etwas Totes. 

Mißmutig starrte er schließlich auf die Sonne, die sich 

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anschickte, hinter den Rockys im Westen zu verschwinden. 
Ganz plötzlich fühlte sich der Spieler in dieser Höhenregion 
einsam und verlassen. Er fingerte an seinem Colt herum, aber 
das war bei ihm nur der Ausdruck etwas überreizter Nerven. 

Von Cochise sah er nichts, deswegen ging er zu seinem Pferd 

und begann mit der Abendfütterung. Zuerst gab er dem Tier 
zwei Hutkronen voll Wasser aus der Feldflasche, dann 
schüttete er Körnerfutter aus einem mitgeführten Sack in den 
Futterbeutel, den er dem Tier umhing. 

Er ließ das Pferd stehen, wo es stand, und machte sich auf 

den Weg, Cochise zu suchen. Irgend etwas ging dort draußen 
zwischen den Felsen vor sich, von dem er keine Ahnung hatte. 
Er konnte sich denken, daß der Apache nur auf seine Rache 
versessen war, und die Opfer dort hatte, wohin er sie hatte 
haben wollen. 

Nun gut, das ging ihn nichts an. Die Weißen waren Mörder 

und Skalpjäger, und für beides hatte Wyatt Earp kein 
Verständnis. Ihm war es nicht gegeben, Menschen aus dem 
Hinterhalt zu morden oder gar die Indianer für schmutzige 
Geschäfte zu mißbrauchen. 

Wyatt Earp war ein Mann dieses rauhen Landes, aber mit 

Mord wollte er nichts zu tun haben. Mord war etwas, was sich 
kein Revolverkämpfer leisten konnte, wenn er am Leben 
bleiben wollte. 

Auf Mord stand in jedem Fall der Strick, was bei einer 

Schießerei aus Notwehr nicht der Fall war. Unlustig, stiefelte 
er auf seinen hochhackigen Absätzen über Steine und Geröll. 
Bei jedem Schritt wirbelte er Staub auf, aber das war ihm egal. 

Endlich stieß er auf die steil in die Tiefe fallende Schlucht. 

Er lauschte, hörte aber nichts. Nachdenklich blieb er stehen 
und schaute sich um. Er konnte dem Felsspalt folgen und 
wieder umkehren, wenn seine Suche keinen Erfolg hatte. Aber 
in welche Richtung sollte er gehen? 

Ratlos starrte er auf den Boden. Spuren sah er nicht auf dem 

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harten Fels. Er erwartete auch keine. Wyatt schüttelte das 
Gefühl des hilflosen Alleinseins in der Bergeinsamkeit ab, 
konnte aber das Restgefühl, das es auslöste, nicht loswerden. 
Es lastete wie ein Alptraum auf seinen Schultern, aber 
deswegen resignierte er nicht. 

Langsam ging er weiter, immer nahe beim Abgrund. Als er 

ein Zischen hörte, blieb er abrupt stehen und sah sich um. 

»Pst!« 
»Hallo?« 
Wieder: »Pst!« 
»Pestilenz! Wer zischt?« 
Eine braune Hand winkte hinter einem Stein hervor. Wyatt 

raffte seinen Mut zusammen und ging hin. Er zuckte zurück, 
als er hinter den Felsen spähte und einem Chiricahua ins 
Gesicht spähte, dessen Runzeln und Falten ihn irritierten. 

»Pst!« Chihuahua legte einen Finger auf die Lippen und 

deutete auf eine Anhäufung von Steinen. 

Wyatt Earp faßte sich langsam und legte sich neben die 

Rothaut, die keine Anstalten machte, sich auf ihn zu stürzen. 

»Wo ist Cochise?« 
»Er ist dort!« Der Indianer zeigte auf ein paar 

Breitblattkakteen, die sich braun, verstaubt und vertrocknet 
vom Grau der Felsen abhoben. 

»Was macht er?« 
»Jagen.« 
»Ist das alles?« 
Der Chihuahua schüttelte grinsend den Kopf und machte das 

Zeichen des Skalpierens. 

»Er jagt und tötet. Zastee!« 
»Er allein?« 
»Alle Chiricahuas jagen und töten. Töten weißen Mann, 

skalpieren Bleichgesichter.« 

»Das ist wohl so 'ne Art Sport von euch, was?« 
»Nix wissen was Sport. Chihuahua«, er deutete auf seine 

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Brust, »töten mit Schleuder, Messer und Kriegsbeil. Besser so. 
Chihuahua tötet lautlos. Gut, sehr gut.« 

»Ich gehe zu Cochise«, sagte Wyatt. 
Eine braune Hand griff nach seiner Weste und hielt ihn fest. 
»Du bleiben bei Krieger. Häuptling nix Zeit für 

Bleichgesicht.« 

»Verdammt, laß mich los!« keuchte Wyatt und versuchte 

vergeblich, sich zu befreien. Die Hand hielt ihn fest. 

»Du bleiben bei Chihuahua. Ulzana kommt. Ulzana großer 

Krieger und Freund von Cochise. Nix bewegen.« 

Ein Schatten tauchte neben Wyatt auf. Als er den Kopf 

herumdrehte, sah er in ein Gesicht, das genauso aussah wie das 
von Chihuahua. Ulzana legte sich neben Wyatt und nahm ihn 
so in die Mitte. 

»Du hier warten«, kauderwelschte er. »Cochise greift 

Bleichgesichter an.« 

»Dein Cochise wird sich eine blutige Nase holen.« 
Ulzana verzog sein Gesicht und schüttelte den Kopf. 
»Nix Nase. Cochise großer Krieger.« 
Ulzana hielt sein Messer in die Höhe und grinste nahezu 

faunisch. 

Wyatt Earp gab keine Antwort, spähte hinter seiner Deckung 

hervor, konnte aber beim besten Willen nichts erkennen, was 
nach einem Angriff aussah. Die Wüstenei hier oben auf dem 
Plateau wirkte so verlassen wie nach der Erschaffung der Erde. 

Wyatt stieß Chihuahua den Ellbogen in die Seite, blinzelte 

ihn an und fragte: »Wo ist der große Krieger? Man sieht nichts 
von ihm. Wenn Cochise ein Dollar-Deputy oder ein 
Revolvermann wäre, hätte es längst geknallt.« 

Der Apache schüttelte bedächtig den Kopf. »Nix knallen, 

alles geräuschlos mit Messer und Tomahawk. Wirst schon 
sehen.« 

Aber Wyatt sah nichts, weder ein blitzendes Messer noch 

einen Tomahawk, noch Cochise. Und doch tat sich dort vorn 

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bei der Felsenanhäufung etwas. Staub hing plötzlich in der 
Luft. 

»Was ist das?« fragte er und stieß Ulzana diesmal mit dem 

Ellbogen in die Rippen. 

Der Chiricahua zuckte gleichgültig die Achseln. 
»He, Mann, was bedeutet der Staub?« 
Ulzana antwortete: »Cochise wartet, bis dunkel. Staub nix 

von Bedeutung.« 

»Verdammte dicke Tat! Immer nur nix – nix – nix! Könnt ihr 

zwei Heiligen zur Abwechslung nicht mal was anderes sagen?« 

»Nix reden, lieber schweigen, Bleichgesicht. Schweigen ist 

besser.« 

Wyatt spuckte nach hinten aus und traf zielgerecht die 

Mokassinferse Chihuahuas. Der Tag sank, Schatten krochen 
über das Plateau und wurden länger. Wyatt Earp starrte zum 
Himmel. Bussarde zogen noch immer ihre Kreise. Ein feines 
Wolkengespinst breitete sich bis zum westlichen Horizont aus. 

»Gleich dunkel«, knurrte Ulzana, und seine Augen funkelten 

wild. 

»Und was dann?« 
»Krieg. Kampf, weißer Mann.« 
»Skalps und Beute, wie?« 
Ulzana und Chihuahua nickten gleichzeitig und mit 

sichtbarer Begeisterung. 

»Viel Beute. Revolver, Messer und viele Skalps.« 
Der letzte Sonnenstrahl zuckte über die Hochebene, als eine 

jähe Veränderung eintrat. Weiter oben beim Spalt huschten 
graue Gestalten geduckt wie Wüstenfüchse. Wolfs- und 
Pumaschreie ertönten und brachten in ihrer grausamen 
Zusammensetzung die Banditen zum Zittern. 

Die Stimme eines Weißen schrie gottserbärmlich. In diesem 

Augenblick sah sie Wyatt Earp. Sie erhoben sich vom Boden 
und torkelten auf den Spalt zu, getrieben von zeitweilig 
sichtbaren, meist jedoch unsichtbaren Chiricahuas. 

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Steine flogen und trafen, meisterlich geschleudert aus 

Lederschlaufen an langen Riemen. Schreie der Getroffenen 
klangen in den heraufziehenden Abend. Schließlich krachten 
Revolverschüsse, ziel- und planlos abgefeuert. 

Trotz schwindender Kräfte rannten die Outlaws, als sei ihnen 

der Teufel höchst persönlich auf den Fersen. Wyatt hörte ihr 
Keuchen, das abgehackte Gestammel von Flüchen und ihre 
unterdrückten Angstschreie, wenn ein geschleuderter Stein 
getroffen hatte. 

»Worauf warten wir?« fragte Wyatt erregt. »Laßt uns 

angreifen!« 

»Nix. Cochise greift an.« 
»Verdammt, ich will nicht untätig an dieser Stelle verharren, 

wenn Cochise in den Kampf gegen eine Übermacht zieht!« 

Ulzana grinste mitleidig. Chihuahua schloß sich ihm an. 

Übermacht hatte der Weiße gesagt. Übermacht? Sieben 
Bleichgesichter gegen einen Häuptling der Apachen! Was 
waren schon sieben Weiße trotz ihrer Waffen gegen einen 
Chiricahua? 

Schreie weiter oben beim Spalt lenkten Wyatt Earp ab. In der 

Halbdämmerung sah er die Banditen wie verschüchterte 
Hühner hin und her laufen. Der tiefe Spalt hielt sie auf, und 
nirgendwo gab es eine Möglichkeit, ihn zu überqueren und den 
Übergang zu verteidigen. 

Sie schossen in ihrer Angst blindlings in die Luft. Apachen 

sahen sie keine, nur ihre Schreie waren zu vernehmen und 
peinigten die Männer auf der Flucht um ihr Leben. 

Schließlich trat das ein, was Earp längst erwartet hatte: 

Ulzana und Chihuahua begannen mit ihrer von Cochise 
zugedachten Arbeit. Die Krieger sprangen auf, stießen ein 
tierisches Geheul aus, schleuderten ihre Steine und ließen sich 
wieder fallen. Der Spieler staunte, wie glatt und einstudiert das 
alles ging. 

Von allen Seiten prasselten Steine und andere 

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Wurfgeschosse auf die Weißen, dazu tönten aufreizend die 
Rasseln der Apachen. In die Gruppe bei der Schlucht kam 
wieder Bewegung. Sie setzte sich südöstlich in Bewegung, und 
Wyatt sah deutlich, wie sie in die Dunkelheit torkelten, 
fluchend, stöhnend und keuchend wie ausgepumpte 
Langstreckenläufer. 

Nun gab es nichts mehr, was sie aufhalten konnte. Der Weg 

vor ihnen war frei, in ihrem Rücken schrien Apachen ihr 
Kriegsgeschrei über das Plateau, rechts war der Abgrund, links 
Cochise und ein paar seiner Krieger. 

Wyatt Earp, Spieler und Revolvermann, hatte nicht die 

geringste Ahnung, was Cochise mit diesem sinnlosen Treiben 
bezweckte. Die Outlaws waren vom Wassermangel so 
geschwächt, daß sie bei einem konzentrierten Angriff der 
Apachen kaum nennenswerten Widerstand leisten konnten. 

Warum griff der Häuptling nicht an und machte dieser 

unwürdigen Szene ein Ende? 

Seine beiden Nachbarn setzten sich brüllend in Bewegung. 

Ihm blieb nichts weiter übrig, als sich zu erheben und hinter 
ihnen herzurennen. Nach zweihundert Yards war schon wieder 
Schluß mit der Verfolgung. Die Banditen standen in einer 
Gruppe beisammen und begutachteten ein seltsames Gebilde, 
das sich wie drei seidene Fäden über den Abgrund hinweg 
spannte. 

Wyatt hörte sie deutlich und laut diskutieren. Er blieb stehen 

und pumpte seine Lungen voll Luft. Er spürte plötzlich 
Bedauern für die sieben Männer dort oben, und kam sich auch 
ein bißchen lächerlich vor, weil er genauso brüllend wie die 
Apachen hinter ihnen her rannte. 

Unerwartet und plötzlich stand Cochise neben ihm. Er 

deutete auf die glitzernden Fäden über dem Abgrund und sagte 
ehrfurchtsvoll: 

»Die Brücke der Hohokam.« 
Earp fuhr auf. »Was, Brücke nennst du das?« 

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»Brücke zum Eingang im Felsen.« 
Der Spieler blickte genauer hin, sah einen der Banditen über 

die Schlucht auf ein Loch in der gegenüberliegenden Felswand 
deuten und wußte immer noch nicht, was das alles zu bedeuten 
hatte. 

»Eingang? Brücke? Mann, Häuptling, von was redest du 

eigentlich?« 

»Von Wickiup der Hohokam.« 
Sie starrten auf die Gruppe der Banditen und sahen, wie sich 

einer von ihnen aus dem Trupp löste und über den Abgrund 
hangelte. Er kam sicher drüben an und winkte dem Nächsten. 

Ein zweiter turnte hinüber, ein dritter, vierter, fünfter. Bevor 

auch Hugh Bennet und Josuah Lemmon den Fluchtweg 
beschreiten konnten, rannte Cochise in großen Sprüngen los. 
Wyatt folgte ihm auf dem Fuß. 

Bennet setzte den Fuß auf das Laufseil, das die Ureinwohner 

aus Gras geflochten und das sich in der trockenen Mesaluft gut 
erhalten hatte, als Cochise neben ihm stand. 

Hugh zog seinen Revolver und spannte den Hahn. Cochise 

jedoch war schneller. Seine Hand zuckte herab. Im hohen 
Bogen flog der Colt davon und segelte zwischen Felsgestein. 
Bennet, ohne Schußwaffe, zog sein Messer. Wyatt wollte 
ziehen, es ihm aus der Hand schießen, doch der Häuptling kam 
ihm zuvor. 

Ein Schwung, ein Schrei, ein zweites Klirren von Stahl auf 

Stein, und Bennet flog, von Cochise über die Schulter 
geworfen, in den Abgrund. Aufschlag und Entsetzensschrei 
waren eins. Danach wurde die Stille zur seelischen Belastung 
für alle. 

Der lattendürre Lemmon aber überwand sein Entsetzen über 

den Tod seines Komplicen, griff verstört-verwirrt zum 
Schießeisen und spannte mit dem Daumen den Hahn. Seine 
Rechnung war ohne den Wirt gemacht und ging nicht auf. 

Cochise brachte sich mit einem pantherähnlichen Sprung in 

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die Nähe des gefährliches Mannes und warf sein Messer. 

»Rache für Tek-li-tan!« schrie er und zog den Tomahawk aus 

dem Gürtel. Mit erhobenem Kriegsbeil drang er auf den 
Mörder ein. 

Jos Lemmon riß sich entsetzt das Messer aus dem Oberarm 

und ließ es fallen. Cochise war bei ihm, hob das Beil zum 
Schlag. Lemmon wich zurück, dabei kam ihn seine Länge 
zustatten, dem sausenden Hieb auszuweichen. 

Earp brüllte in höchster Erregung: »Aus dem Weg, Chief! 

Ich erledige den Hundsfott!« 

Cochise aber war wie von Sinnen und hörte den Weißen 

nicht. Erneut stürzte er sich auf Lemmon, drängte den 
Ausweichenden Meter um Meter, Fuß um Fuß näher an den 
Abgrund. 

Bevor Wyatt mit seinem Schießeisen eingreifen konnte, 

geschah es. Cochise fintete mit dem Beil, dabei bückte er sich 
und hob sein Messer auf. 

Lemmon beugte sich vor, wollte den Häuptling bei der Hand 

packen und über seinen ausgestreckten Fuß stolpern lassen, 
aber Cochise durchschaute die Absicht, unterlief den Arm des 
Gegners und rammte ihm seinen Kopf in den Bauch. 
Händerudernd und brüllend wie ein Stier, den man zur 
Schlachtbank führt, kippte Lemmon nach hinten und 
verschwand im Abgrund. Cochise wandte sich ab und reinigte 
sein Messer. 

Erdrückende Stille brütete über dem nachteingehüllten 

Plateau. Lautlos kamen die anderen Jäger heran, sechs an der 
Zahl. Ulzana deutete scheu und zurückhaltend auf die seltsame 
Seilbrücke und grunzte ein paar Worte, die Cochise mit einer 
Handbewegung abtat. 

»Ich gehe in der Nacht hinüber«, sagte er guttural. »Die 

Krieger der Chiricahuas mögen zu ihren Jacales zurückkehren, 
sie haben ihre Arbeit getan.« 

»Moment mal, Chief! Und ich? Diesmal lasse ich mich nicht 

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wieder hintenanstellen!« 

»Du wirst tun, was ich dir sage, Bleichgesicht.« Cochise 

deutete auf die ersten Sterne hoch über dem Tafelberg. »Das 
hier ist heiliges Land, weißer Mann. Die Hohokam, unsere 
Urahnen, von denen wir so gut wie nichts wissen, bebauten es. 
Sie waren friedliche Ackerbauern, keine Krieger wie die 
Chiricahuas. Willst du das Heiligtum mit deiner Anwesenheit 
besudeln?« 

»Lieber Himmel… Heiligtum! Was an diesen Felsen ist denn 

heilig, Chief? Ich habe deine Urahnen doch nicht umgebracht, 
oder denkst du gar, daß es Weiße waren?« 

»Damals, als sie das Land verließen, gehörte alles Land, die 

Quellen, Flüsse und Tinajas dem roten Mann. Weiße gab es 
hier nicht. Du willst mich nicht verstehen, Bleichgesicht. Die 
Männer auf der anderen Seite des Abgrunds werden sich weiter 
zurückziehen und in die Wohnstätte der Hohokam eindringen, 
weil es der einzige Weg sein wird, den Cochise ihnen 
offenläßt. Aber die Stätte darf nur vom Fuß eines roten Mannes 
betreten werden. Deswegen müssen die Frevler sterben.« 

»Meinetwegen. Was hat das aber mit mir zu tun?« 
»Die Weißen sind taub und blind wenn es um die Belange 

des roten Mannes geht. Du kommst nicht mit mir! How!« 

Ulzana sagte etwas in seiner Sprache zu dem 

Indianerhäuptling. Cochise drehte sich zu ihm herum. 

»Du und deine Brüder kehren zurück in die Wickiups. 

Cochise dankt seinen Brüdern für die Hilfe und für ihre 
Mühen, die sie sich mit der Jagd auf weiße Bösewichter 
gemacht haben. Geht!« 

Er hatte das letzte Wort kaum ausgesprochen, da waren die 

roten Gesellen wie ein Spuk in der Nacht verschwunden. 
Völlig lautlos tauchten sie in die Dunkelheit ein, und 
unsichtbar wie Geister. 

Cochise ging zu der seltsamen Hängebrücke und blieb dort 

stehen: Das untere Fußseil bestand aus einem geflochtenen 

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Grastau, armdick und vom vielen Benutzen in der Vorzeit 
blankgescheuert und faserig. 

In Armhöhe spannten sich zwei Führungsseile für die Hände 

über den schauerlichen dunklen Abgrund, die man zu beiden 
Seiten der Schlucht in den Felsen verankert hatte. Prüfend trat 
Cochise auf das Seil. Ihm fiel jedoch ein, daß fünf Weiße 
bereits den Abgrund überwunden hatten und dort drüben in der 
Dunkelheit lauern mochten. 

Gegen diese Bleichgesichter hatte der Chief von Anfang an 

nichts gehabt. Doch später hatte er die blutigen Skalps an ihren 
Sätteln gesehen und war nun nicht mehr bereit, sie straflos 
ziehen zu lassen. 

Auf der anderen Seite blitzte es auf. Eine Kugel sirrte 

haarscharf an Cochises Gesicht vorbei und schlug sich an 
einem Felsen in seinem Rücken platt. 

Der Häuptling zuckte nicht einmal zusammen. Wyatt riß 

seinen Colt aus dem Halfter und feuerte ein paar Schüsse nach 
drüben. Nach der Art der Revolvermänner lud er die Waffe 
sofort danach wieder auf. 

»Unnütz«, grunzte Cochise. »Ich gehe hinüber und treibe sie 

vor mir her. Einen nach dem anderen werde ich vernichten.« 

»Oder erschossen werden«, sagte Earp. »Ich gebe dir 

Feuerschutz.« 

Cochise stieß den langgezogenen Kriegsschrei der 

Chiricahuas aus und betrat das Seil. Schritt für Schritt tastete er 
sich auf dem schwankenden Steg vor und hatte die Hälfte der 
Strecke erreicht, als drüben eine Hand mit einem Messer 
erschien. 

»Aufpassen!« schrie Earp und feuerte auf die Messerhand. 
Er traf. Die Hand wurde mit einem Aufschrei 

zurückgezogen. Blitzschnell erschien eine andere und säbelte 
weiter. Ein Knacken im Seil bewies den Erfolg der 
Bemühungen. Bevor Wyatt wieder schießen konnte, gaben die 
Fasern nach und rissen. Mit einem klatschenden Geräusch 

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schlugen die Seilenden gegen die Schluchtwände. 

Cochise hing mit beiden Händen wie eine riesige Spinne an 

den Führungsseilen und hangelte weiter. Earp leerte seine 
Revolvertrommel auf die unsichtbaren Banditen und hörte die 
Kugeln gegen Fels und in weiche Körper schlagen. 

Cochise hatte Luft und legte den letzten Yard mit einem 

langen Schwung zurück. Er stolperte drüben auf den 
Schluchtrand, ließ sich fallen und rollte seinen mächtigen 
Körper über die Schulter ab. 

Vor ihm Schreie und unterdrücktes Stöhnen. Die Stimme 

eines Weißen zischelte: »Zurück, Jungs, und nehmt Rabbit und 
Rainbow mit!« 

»Laßt mich liegen« keuchte Rainbow. »Mit mir ist's aus. 

Brustschuß. Wenn der rote Bastard kommt, knalle ich ihm eine 
Unze Blei in seinen Wanst.« 

Cochise verstand jedes Wort. Nach einer Weile vernahm er 

schlürfendes Kratzen auf dem felsigen Boden, das nach kurzer 
Zeit verklang. Der Häuptling blieb am Boden, kroch vorsichtig 
und lautlos, alle Sinne wie Sehnen angespannt. 

Ein Stöhnen nicht weit vor ihm. Stimmengemurmel. Cochise 

kam näher und zog sein Messer aus den Leggins. Etwas 
Dunkles hob sich vom Boden ab, ein langgezogener Körper mit 
einem Gewehr. Stahl glitzerte und machte den Häuptling 
vorsichtig. 

Unter seinen tastenden Händen gab ein winziger Zweig nach. 

Das Brechen war in der Stille weit zu hören. Sofort darauf 
knackte ein Gewehrschloß. 

»Komm her, du roter Bastard, damit ich dir eins aufbrennen 

kann!« 

Cochise war in höchster Gefahr. Der Weiße konnte gar nicht 

vorbeischießen, wenn er sein Gewehr in die Richtung des 
vernommenen Knackens richtete. 

Blitzschnell richtete sich der Häuptling mit dem Oberkörper 

auf und warf sein Messer, und ebenso blitzschnell sackte er 

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wieder zu Boden. Der Aufschrei eines Menschen verröchelte. 
Stille. 

Cochise blieb liegen, denn das Schweigen konnte eine Falle 

sein. Womöglich hatte er den Gegner gar nicht getroffen. 
Minuten vergingen. Mühselig kroch der Chief auf Händen und 
Füßen weiter. Der silhouettenhafte Klumpen vor ihm trat 
schärfer hervor. Cochise konnte Einzelheiten erkennen. 

Der Weiße war tot. Als er ihn untersuchte, stellte er fest, daß 

ihn Wyatt mitten in die Brust getroffen hatte, aber das 
geworfene Messer hatte sein Leben vorzeitig ausgelöscht. 

Er zog es aus der Wunde, reinigte es an der Kleidung des 

Toten und schob es in die Leggins. Danach erhob er sich und 
ging wachsam gleitend weiter. 

Ein heller Fleck stand wie ein erhobener Finger vor ihm in 

der aufsteigenden Felswand. Die Urahnen hatten den 
Notausgang bis auf einen türähnlichen Durchgang zugemauert 
und mit einer kniehohen Schwelle versehen. 

Bei der Öffnung blieb der Chiricahua erst einmal stehen und 

witterte wie ein Jagdhund. Zu hören war nichts. Zu sehen noch 
weniger und zu riechen überhaupt nichts. 

Kurz entschlossen hob Cochise ein Bein und stieg über die 

Barrieren. Kühle empfing ihn. Es war still hier drin wie in einer 
Kathedrale. Die Luft war gut, jedoch mit einem 
moschusartigen Moderduft angereichert. 

Cochise ging weiter und wurde eins mit der absoluten 

Finsternis. 

Wyatt haderte mit sich und seinem Schicksal, das ihn aus 
Cochises Mund zur Untätigkeit verdammt hatte. Es riß ihn 
förmlich von den Beinen, als er die Stimme des 
schwerverletzten Rainbow vernahm, der dem Chief heißes Blei 
versprach. 

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Aber noch verharrte er. Er hörte ein dumpfes Klatschen von 

drüben und einen abreißenden Schrei. Nichts weiter geschah. 
Die atemberaubende Stille betäubte ihn fast. Trotz allem, was 
ihn überbrückte, war er nicht in der Lage, sich aufzuraffen und 
hinüberzuturnen. Cochises Befehl war zu eindeutig gewesen. 

Nach einer langen, langen Stunde hörte er den dumpfen 

Abschuß eines Revolvers, dem weitere Detonationen folgten. 
Jetzt hielt den Mann nichts mehr. 

Er ergriff die Handseile und stieß sich von der Felsplatte ab. 

Stück für Stück, Handbreite um Handbreite, hangelte er weiter 
und gelangte durch diese mühselige Fortbewegung bis nahezu 
in die Mitte des Abgrunds. 

Mit jedem Zentimeter, den er zurücklegte, fühlte er seine 

Arme starr werden und seine Finger sich verkrampfen. Das 
harte Gras rieb seine Handflächen wund, und der Schmerz, der 
von nun an durch seinen Körper tobte, betäubte ihn fast. 

Mit zusammengebissenen Zähnen und einem 

unausgesprochenen Fluch auf den Lippen zog er sich weiter 
der rettenden anderen Seite entgegen. Wenn er sich später 
selbst die Frage gestellt, ob er jemals wieder festen Boden 
unter den Füßen fühlen würde, hätte er diese Frage verneint. 

Aber Wyatt schaffte es. Der Mann war aus gutem Holz 

geschnitzt und gab so leicht nicht auf. Als er die Hände öffnete 
und seinen Körper fallen ließ, stürzte er erst einmal erschöpft 
aufs Gesicht. So blieb er eine ganze Weile liegen, um sein Herz 
zur Ruhe kommen zu lassen und um seine Lungen zu 
beruhigen. 

Weitere Schüsse im Innern des unbekannten und nicht zu 

definierenden Bauwerks rissen ihn hoch. Er wischte seine 
schweißtriefenden und blutenden Hände an der Hose ab und 
drang in den Berg ein. 

Eine Art Tunnel nahm ihn auf. Als seine Hände die Wände 

berührten, spürte er behauenen, glatten Stein, der sich ins 
Uferlose fortsetzte. Der Boden bestand aus massigem Fels. 

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Noch einmal drei Schüsse aus großkalibrigen Revolvern. 

Mündungsfeuer sah er nicht, so sehr er seine Augen auch 
anstrengte. Mindestens dreihundert Yards mußte er 
zurücklegen, bis sich der Tunnel vor ihm öffnete. Der Stollen 
erweiterte sich, und Wyatt, der nun in eine Art Halle kam, blieb 
verwundert stehen. 

Terrasse für Terrasse öffneten sich vor seinen verwunderten 

Blicken. Terrassen, die sich in die Höhe schraubten und in der 
Finsternis nach oben verschwanden. Wenn er auch nicht viel 
sehen und erkennen konnte, so ließ sich das gigantische 
Bauwerk aus der Vorzeit jedoch zum Teil in seinem ganzen 
Umfang erahnen. 

Es roch nach Moder und tierischen Rückständen, aber der 

Geruch war nicht penetrant. Es mußte durch ein ausgeklügeltes 
Belüftungssystem vertrieben werden. Ein leichtes Flattern ließ 
ihn sich umwenden. Fledermäuse flogen durch die Halle und 
hingen sich an irgendwelchen Decken wieder mit dem Kopf 
nach unten auf. 

Er ging durch fußhohen Staub weiter, stieß gegen einen 

Körper, zuckte bis in den letzten Nerv seines Herzens 
zusammen, blieb stehen und krümmte sich zusammen. Sein 
erster Gedanke war: Cochise. Er hatte die Schießerei gehört 
und mußte damit rechnen, daß es den Häuptling der Apachen 
erwischt hatte. 

Er beugte sich zu dem Körper hinab und tastete ihn ab. Er 

spürte Blut, klebrig und noch warm. Cochise aber war es nicht, 
er lebte noch und versteckte sich irgendwo. Der Tote, der vor 
ihm lag, war von Cochise mit einem Messer erledigt worden. 

Seine Finger glitten über das eingefallene Gesicht. 

Bartstoppeln knisterten. Weiter glitten die Fingerspitzen, höher 
hinauf. Eine flache Stirn, wirres, verklebtes Haar. Das war der 
Mann, der seinen Wortschatz um den unwirschen Befehl 
»schlank-schlank-dalli!« bereichert hatte. 

Als er sich wieder aufrichtete, sah Wyatt das Licht. Es war 

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eigentlich kein Licht, nur ein Lichtfunke, ein heller Knopf in 
der Finsternis. Der Punkt wuchs, zitterte, wurde wieder kleiner, 
kam schließlich voll zur Entfaltung. 

Am anderen Ende der kotbedeckten Terrasse brannte eine 

Fackel und strahlte ihre Umgebung mit wechselnder Intensität 
an. Wyatt rührte sich nicht von der Stelle. Er rechnete. Drei 
Banditen waren übriggeblieben und flüchteten vor dem 
unerbittlichen Apachen durch ein Bauwerk, das sie so wenig 
kannten wie ihr Verfolger. 

Für sie gab es kein Entkommen, nicht in dieser 

gängeverzweigten Wohnstätte, die einem ausgestorbenen Volk 
vor Jahrhunderten als Wohnstätte gedient hatte. Entsetzt fegte 
er herum. Fledermäuse, vom Licht angelockt, flogen im 
seltsamen Taumelflug über ihn hinweg und verschwanden 
jenseits der Terrassen und Bühnen. 

Schwarz gähnten die Türen zu den Wohnzellen. Wyatt Earps 

graue Augen verengten sich. Harte Finger krampften sich um 
seinen Magen und zwangen ihn, in eine andere Richtung zu 
sehen. 

Waren es die Geister der Verstorbenen, die in den gähnenden 

schwarzen Öffnungen standen und winkten? Wollten sie nicht, 
daß ihr Haus mit frevlerischem Tun beschmutzt wurde? Oder 
war alles nur Einbildung, was er zu sehen geglaubt hatte? 

Dann kam der Schrei mit seinen unzähligen Echos, der 

entsetzliche spitze Schrei, der sein  Blut  fast  zu  Eis  gefrieren 
ließ und ihm den Atem raubte. 

Das Licht flackerte, drehte sich im Kreis, schlug Volten und 

Paraden, kam dann aber wieder zur Ruhe. Der Schrei 
wiederholte sich mit grausamer Schärfe, verzerrt durch den 
Widerhall in sich verschachtelter Räume. 

Eine Wolke von Fledermäusen löschte zunächst Wyatts 

weiterführende Gedanken aus. Ihre schrillen Pfeiftöne 
verschluckten mit ihrer geballten Kraft alle anderen Geräusche 
in dem künstlichen Dom. 

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Das Licht flog kometengleich auf eine niedrige Bühne, die 

ehemals ein Podest gewesen war. Funken stoben in alle 
Richtungen. Eine Hand streckte sich nach der Fackel aus und 
riß das Licht an sich. Wyatt sah die Hand, den Arm, den 
flüchtig beleuchteten Körper in weißem Wildleder: Cochise. 

Er wollte schreien, eine Warnung herausbrüllen, aber er 

konnte es nicht. Stumm blieb er vor dem Leichnam stehen und 
starrte sich die Augen aus dem Kopf. 

Der Häuptling der Apachen warf die Fackel den Weg zurück, 

den sie geflogen war. Sie brannte lichterloh, sprühte Funken 
nach allen Seiten und schlug schließlich im Kot und Staub auf. 
Die Fackel erlosch. 

Wyatt hatte genug gesehen. Die gleitenden, huschenden und 

geduckten Gestalten schlossen Cochise ein und näherten sich 
dem Häuptling. Der Spieler und Revolvermann hatte in dem 
kurzen Augenblick der diffusen Helligkeit noch mehr gesehen. 
Er sah einen schlanken Mann mit einem tiefgeschnallten 
Revolver, der das Abzeichen seiner eigenen Gilde trug: den 
Revolver tief am Knie. 

Wild sprang er vorwärts, stolperte über den Toten und wälzte 

sich im Staub, und das war seine Rettung. Nevada hörte das 
Geräusch, fegte herum, zog und schoß. Die Kugel sirrte über 
Wyatt hinweg und schlug hinter ihm in eine lehmgemauerte 
Wand. 

Sich aufrichtend, ziehen und schießen war bei Wyatt eins. Er 

orientierte sich nach dem Mündungsblitz und sandte eine 
zweite Kugel der ersten hinterher. Und er traf. 

Ein Schmerzensschrei gellte im schrillsten Diskant durch das 

Gewölbe. Schritte entfernten sich und verstummten schließlich 
ganz. Ein Schatten stand plötzlich vor ihm. Wyatt hob den 
Revolver, spannte mit dem Daumen den Hahn. 

Cochises Stimme: »Noch zwei, Bleichgesicht, sie werden 

entkommen.« 

»Gibt es noch einen zweiten Ausgang?« 

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»Mehrere. Der Haupteingang liegt in einer unbegehbaren 

Schlucht. Wenn sie ihn finden, sind sie in Sicherheit.« 

»Sie haben keine Pferde und kein Wasser.« 
»Wasser finden sie in der Schlucht. Auch die Hohokam 

mußten trinken. Pferde stehlen sie.« 

»Nach meiner Rechnung müßten es noch drei sein?« 
»Nein«, sagte Cochise. »Zwei. Ich tötete einen Mann mit 

verbundener Hand dort oben.« 

Er deutete auf die Stelle, wo er vor ein paar Minuten noch 

gestanden hatte. 

»Gehen wir.« 
»Wohin?« 
»Zu unseren Pferden.« 
»Willst du die Kerle nicht weiter verfolgen?« 
»Nicht hier in der Halle der Toten.« 
»Großer Affenschwanz, die Toten stört das doch nicht 

mehr!« 

»Aber die Lebenden, mich.« 
Cochise drehte sich um und steuerte im Dunkel den Gang an, 

der sie wieder zu der Schlucht bringen würde. Er mußte 
Katzenaugen haben, die in der Dunkelheit sahen. 

»Moment mal!« rief ihm Wyatt Earp nach und eilte hinter 

ihm her. 

»Was willst du? Der Kampf ist vorbei.« 
»Falsch, Rothaut, falsch! Er beginnt erst. Ich habe mich mit 

einem Mann geschossen, dem man den Revolvermann auf zehn 
Meilen ansieht. Und dieser Hombre ist entkommen, wenn auch 
angeschossen.« 

»Ja?« 
»Er wird uns draußen auflauern und aus dem Hinterhalt auf 

uns schießen, Chief.« 

Cochise machte eine wegwerfende Handbewegung. 
»Soll er. Schießen und treffen ist zweierlei.« 
»Das weiß ich. Aber der Kerl ist gefährlich. Ich weiß nicht, 

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 102

wer noch bei ihm ist, aber das wird sich schnell herausstellen, 
wenn wir ihnen gegenüber stehen.« 

Sie mußten auf ihrem Weg nach draußen über morsche 

Balken und Etagenverbindungen steigen, verfolgt von dem 
schrillen Pfeifen und ärgerlichem Flattern der Fledermäuse. 
Staub von Kot und anderem Unrat kitzelte ihnen in der Nase 
und brachte ihre Augen zum Tränen. 

Aber sie schafften es. Die rechteckige hohe Öffnung tauchte 

auf und ließ sie unbehindert durch. Mond und Sterne waren 
nun sichtbar und beleuchteten einen gespensterhaft bleichen 
Canyon. Ihre mäßige Helligkeit ließ eine Spur von Stiefeln 
erkennen. 

Cochise kniete sofort nieder und tastete die Eindrücke 

vorsichtig prüfend mit den Fingerspitzen ab. Mit einem langen 
Blick auf die gegenüberliegende Canyonseite richtete er sich 
wieder auf. 

»Einer von ihnen ist verwundet, Bleichgesicht. Du hast ihn 

vermutlich mit deiner Kugel getroffen.« 

»Weiß ich, Mann, weiß ich. Er schrie ja laut genug. Wo sind 

sie?« 

Cochise deutete auf die zerklüftete und von Urgewalten 

förmlich zerrissene Wand ihm gegenüber und antwortete: 
»Hinter den Klippen. Sie belauern uns.« 

»Woher weißt du das?« 
Wyatt Earp sah den mitleidigen Blick Cochises nicht, aber er 

fühlte ihn wie Säure auf seiner Haut brennen. 

»Was machen wir, Chief? Holen wir sie heraus?« 
Cochise antwortete nicht auf Wyatts Frage. Er sandte seine 

scharfen Augen zu den Felsen hinüber und wartete auf eine 
Reaktion der Weißen. 

Es gab keine. 
Fast eine Stunde lang standen die beiden so 

verschiedenartigen Männer im Sternenlicht und lauerten auf 
jede Veränderung im Canyon. Irgendwo brach die nächtliche 

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Abkühlung Gestein ab und schickte es in die Tiefe. Es gab 
einen hohlen, rollenden Laut, der durch die Schlucht hallte wie 
Gewehrfeuer. 

Unvermittelt änderte sich das Bild. Ein mächtiger Felsblock 

löste sich drüben und löste einen prasselnden Steinschlag aus 
und eine Wolke aus Staub. 

»Weg hier!« schrie Earp. 
Er und Cochise zogen sich bis zum Eingang des verlassenen 

Bauwerks zurück und warteten darauf, daß der Staub sich 
legte. 

»Die Hunde hole ich mir vor mein Schießeisen!« schrie Earp 

wütend und unbeherrscht. »Mit Steinen zu werfen, na, so 
was… Als wenn Weiße Apachen wären!« 

»Du von rechts, Hellauge, ich greife von der linken Seite her 

an. Siehst du den Ziegenpfad dort drüben?« 

»Wo?« 
Cochise deutete mit der ausgestreckten Hand auf den 

nadelfeinen Strich in dem verwitterten Gestein. 

Wyatt murmelte: »Okay, sehe den Höllenpfad.« 
»Von ihm aus kannst du ihre Deckung einsehen und notfalls 

auch hineingelangen.« 

»Und was unternimmst du?« 
Cochise wies in die andere Richtung. Ein Meer aus 

Felsblöcken, Disteln und Kakteen schob sich bis an die Basis 
der Schluchtwand. 

»Ich greife sie von dort aus an.« 
Er hatte noch nicht richtig ausgesprochen, da war er auch 

schon lautlos verschwunden. 

»Wie 'ne Katze«, knurrte Earp wütend. Er war es nicht 

gewohnt, daß man ihn einfach wie einen dummen Jungen 
stehen ließ. »Well, wie 'ne Riesenkatze.« 

Als sich der Staub völlig legte, machte sich der Spieler auf 

die Socken. Er bewegte sich im Schatten des »montezuma« 
und legte sich schließlich auf die Erde, um den Canyon 

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kriechend zu durchqueren. Unter mühevollen Strapazen und 
einer Flut von Schweiß gelang ihm das schließlich. Er mußte 
im Schutz der Felswand noch etwa zwanzig Yards nach Süden 
pilgern, bis zu jener Stelle, an der der Ziegenpfad seinen 
Anfang nahm. Als er in die Höhe kraxelte, schoß die 
Erinnerung an ähnliche Unternehmen durch die 
sternengepunktete Dunkelheit dieses unheimlichen Canyons. 
Schwarz starrten die Fensteröffnungen des geheimnisvollen 
Bauwerks zu ihm herüber, und manchmal, wenn ihm die 
Phantasie einen Streich spielte, sah er bleiche Totenköpfe dort 
drüben auftauchen. 

Sechs Meter über der Canyonsohle verlief der Pfad 

waagerecht. Wyatt wischte sich den Schweiß ab und schöpfte 
erst mal Luft, bevor er sich wieder auf den Weg begab. Der 
Pfad war vor Jahrhunderten viel begangen worden. Aber in den 
letzten hundert Jahren oder länger war er als Saumpfad von 
Feldmäusen, Wanderratten, braunen Fledermäusen und 
Schlangen benutzt worden, deren versteinerte Losung auf dem 
rissigen Gestein klebte. 

Er schaute hinunter, zuckte zusammen und preßte sich fest 

gegen den Fels, um nicht gesehen zu werden. Zwei Männer 
kauerten hinter einer Klippe und hielten ihre Revolver auf den 
»montezuma« gerichtet. 

Im Zeitlupentempo zog Wyatt seinen Colt. Nur jetzt 

nirgendwo anschlagen, keinen Felsen berühren, das Geräusch 
wäre im ganzen Canyon zu hören gewesen. 

Er brachte die Waffe aus dem Halfter, entsicherte sie und zog 

den Hammer nur so weit zurück, das er nicht einrasten konnte. 
Über den langen Lauf visierte er die beiden Strauchritter an. 

Einer der beiden, ein kleiner und zäher Kerl, hatte die linke 

Schulter verbunden. Der andere, ein rabiat wirkender Bursche, 
den er schon einmal gesehen hatte, war ebenfalls verletzt und 
kämpfte mit seiner Erschöpfung und Müdigkeit. 

Sie unterhielten sich. 

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Nevada sagte gerade: »Sie können nicht in alle Ewigkeit dort 

drüben warten. Wenn sich was bewegt, wird sofort geballert.« 

Sein Begleiter gab keine Antwort. Er war kein 

Revolvermann und kaum bereit, sich einem besonderen Risiko 
auszusetzen. 

»Hast du mich nicht verstanden, Old Fellow?« 
»Klar, hast doch laut genug gebrüllt. Es wird geschossen, 

wenn sich was bewegt.« 

Wyatt juckte es im Zeigefinger. Er hatte beide genau im 

Visier und brachte nach dem ersten Schuß die Waffe nur um 
Millimeter zu schwenken. Doch er nahm die Waffe wieder 
herunter und runzelte die Stirn. 

Eine tödliche Kugel in den Rücken wäre Mord gewesen, 

glatter Mord. War er schon soweit gesunken, daß er einen 
kaltblütigen Mord begehen wollte? 

Mit einem lauten Ruf sprang er auf die Beine und riß den 

Revolver in Hüfthöhe. Nevada warf sich auf den Rücken, stieß 
einen Fluch aus und richtete die Waffe nach oben. Beide 
drückten zur gleichen Zeit ab. 

Der Mann war schnell, sehr schnell, daß mußte Wyatt 

zugeben. Seine Kugel nahm einen Hautfetzen von seinem 
Ohrläppchen mit und klatschte hinter ihm gegen den Fels. 

Nevadas Revolver wurde ihm wie von einer Geisterhand aus 

der Hand gerissen und in eine Sandmulde geschleudert. Wyatts 
zweiter Schuß traf ihn ins Herz und machte seinem verruchten 
Leben ein Ende. 

Old Fellow zögerte eine Sekunde lang wie gelähmt. Diese 

Sekunde kostete ihn das Leben. Als er endlich den Stecher 
seiner Waffe berührte, war es zu spät. Wyatt Earps Kugel traf 
ihn und warf den Mann nach hinten gegen die Klippen. 

Der Kampf war vorbei. 
Wyatt gegenüber erschien Cochise auf einer Felsnase. In der 

Hand hielt er das Kriegsbeil. Mit einem Blick erfaßte der 
Häuptling, was vorgegangen war. Er nickte zu Earp hinüber 

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und machte sich an den Abstieg. 

Sie kamen aus den Schluchten und ritten in die aufgehende 
Sonne hinein. Groß, strahlend und rund wie ein gezirkelter 
Kreis hing sie über den Chiricahuas und warf glühende Pfeile 
und Hitze in die Canyons. 

Wyatt ritt hinter dem Häuptling der Apachen. 
Weit voraus ballten sich die Hügel wie Wolken über dem 

Horizont. Zweierlei Wolken. Die Hügelkuppen einmal und 
dunkle Rauchbällchen zum anderen. 

»Teufel! Teufel! Die machen mit ihren Rauchzeichen das 

ganze Land verrückt!« rief Wyatt und zeigte mit der Hand nach 
Nordosten. 

»Die Weißen sind alle undankbar.« 
Wyatt zuckte verblüfft im Sattel zusammen und starrte 

betreten auf Cochises Rücken. 

»Undankbar? Verdammt will ich sein, Chief, wenn ich weiß, 

was du meinst?« 

»Wania-taka hielt eine große Gefahr von dir ab.« 
»Du meinst das Aufgebot?« 
»Ich rede von den Männern mit den hellen Sternen.« 
»Na ja, die Posse. Und warum bin ich undankbar?« 
»Weil du indianische Gebräuche nicht verstehst.« 
»Heiliger Bimbam, das hat doch nichts mit Undankbarkeit zu 

tun! Ich wollte dir lediglich einen Hinweis auf die 
Rauchzeichen geben.« 

»Ich sah sie vor dir, Bleichgesicht.« 
»Kann ich mir denken. Du weißt ja auch, was es mit diesem 

Geistertanz auf sich hat.« 

Cochise erwiderte vorsichtig: »Ich habe davon gehört. 

Krieger brauchen keinen Geistertanz, um sich vor dem Kampf 
zu berauschen. Tizwin und Tanz zusammen sind für einen 

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Krieger nicht gut, der mit klarem Kopf in den Krieg ziehen 
soll.« 

Wyatt Earp verfiel in Schweigen. Die durchwachte 

vergangene Nacht und das Abenteuer, das er zu bestehen 
gehabt hatte, machten ihn müde und schlapp. Er döste vor sich 
hin, während sie durch den Wüstenstreifen ritten. 

Um die Mittagszeit näherten sie sich den Hügeln. Cochise 

hielt seinen Pinto an und bedeckte die Augen mit der Hand. 
Obwohl der Herbst anbrach, stach die Sonne noch grell und 
schmerzend. 

»Was ist los? Warum reiten wir nicht weiter?« 
Wyatt schlug ein Bein um das Sattelhorn und drehte sich eine 

Zigarette. Er rauchte selten, hatte aber im Augenblick das 
Bedürfnis nach Tabakrauch. Er brannte den Glimmstengel an, 
machte ein paar Züge und warf ihn weg. 

Die Zigarette schmeckte ihm heute nicht. Als Cochise immer 

noch keine Anstalten machte, den Ritt fortzusetzen, griff er zur 
Wasserflasche und nahm einen kräftigen Schluck. 

»Siehst du was, Chief?« 
»Wir werden empfangen. Der Geistbüffel will ein Pow-

Wow.« 

»Du meinst Wania-taka, den Häuptling?« 
Cochise machte eine flüchtige Handbewegung. »Du weißt es, 

Bleichgesicht.« 

Wyatt zuckte gleichgültig die Achseln. Ihn gingen die 

fremden Indianer nichts an. Das war Cochises Sache, wenn sie 
sich auf seinem Stammesgebiet aufhielten und Hokuspokus 
trieben. Was hatte der Häuptling soeben gesagt? Ein Pow-Wow 
wollten die Fremden veranstalten? Nun gut, er hatte nichts 
dagegen, wenn sie ihn nur mit ihren Zauberkunststücken in 
Ruhe ließen. 

Die Frage für ihn war nur, woher wußte der Chief das alles? 

Er, Wyatt Earp, sah keinen einzigen Indianer, nur 
Rauchzeichen, und die waren für ihn unverständlich. War der 

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Chief allwissend? 

Cochise ritt wieder an und näherte sich den Hügeln von der 

Seite. Der Schatten seines Pferdes lief unter ihm voraus und 
tauchte in diesem Augenblick in den Hügelschatten ein. 

Wyatt wunderte sich immer noch, woher Cochise von der 

Anwesenheit der fremden Indianer wußte und von ihrer 
Absicht, ein indianisches Gespräch am Lagerfeuer zu 
beginnen. Er fragte den Häuptling: 

»Sag mal, Chief, bist du auch Medizinmann? Ich meine, 

sprichst du mit den Geistern und bist mit ihnen im Bunde?« 

Cochise starrte ihn an und verzog sein Gesicht, als er den 

Kopf schüttelte. 

»Cochise ist nur Krieger und fürchtet die Geister nicht.« 
»Das weiß ich.« Wyatt winkte ab und trieb sein Pferd an 

Cochises Seite. »Du hast gesagt, daß wir empfangen werden. 
Woher hast du das gewußt? Ich sehe weit und breit keine 
Rothaut.« 

Cochise deutete auf die schwarzen Bälle über den Hügeln, 

die mit dem Wind davonflogen und sich auflösten. Als Wyatt 
Earp seiner Handweisung folgte, wurde er abgelenkt. 

Eine Bewegung links von ihm ließ ihn rasch den Kopf 

wenden. Wie aus dem Nichts waren Krieger erschienen und 
starrten stoisch und gelassen auf den Häuptling und den 
Weißen. 

Hastig drehte sich Earp im Sattel um. Was er sah, ließ ihn 

blaß werden. Rings um ihn standen indianische Krieger, 
Waffen in den Händen, einen grimmigen Ausdruck auf dem 
Gesicht. Sein zweiter Blick galt dem Apachen. 

Cochises Pferd hatte angehalten. Der Chief saß aufgerichtet 

auf der Reitdecke und schien die Krieger überhaupt nicht zu 
beachten. Aus einem Hügeltal kam Geistbüffel auf einem 
weißen Hengst geritten, hielt an und machte das Zeichen des 
Friedens. 

Cochise erwiderte das Zeichen. Sie kannten sich von ihrem 

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ersten Treffen in diesen Hügeln und konnten auf ein weiteres 
Zeremoniell verzichten. Wania-taka machte eine einladende 
Handbewegung in ein Hügeltal und ritt voran. 

Rauch wehte aus dem Tal Wyatt ins Gesicht. Er mußte 

husten. An einem Feuer saßen mehrere Krieger mit 
Federhauben. Sie standen auf, als sich Cochise vom Pferd 
schwang. Wyatt und der fremde Häuptling waren mit Cochise 
zusammen von ihren Tieren geklettert, die von Kriegern 
fortgeführt wurden. 

Wania-taka breitete die Arme aus und rief mit einem seltsam 

verstimmten Singsang: 

»Sei willkommen im Lager der Cheyenne und Arapahoes, 

Cochise, Häuptling aller Apachenstämme. Leg die Hände in 
mein Blut und sei eins mit mir.« 

Unaufgefordert setzte sich Cochise in den Kreis der 

Häuptlinge und streckte die Handflächen zum Himmel empor. 
Der Sonnentag und die Wolken und das Brausen des warmen, 
süßduftenden Präriewindes verging in dieser einzigen 
großartigen Geste des Häuptlings der Apachen. Leg die Hände 
in mein Blut… 

ENDE