background image

Planet der gelben Sonne 

(CITY OF THE CHASCH) 

 

von Jack Vance 

 
 
 

1. 

 
An  der  einen  Seite  von  Explorator  IV  flackerte  ein  nicht  sehr  heller,  alternder  Stern, Carine 
4269;  an  der  anderen  hing  ein  einzelner  Planet,  grau-braun  unter  einer  schweren 
atmosphärischen  Decke.  Der  Stern  fiel  nur  auf,  weil  sein  Licht  fast  honigfarben  war.  Der 
Planet  schien  etwas  größer  zu  sein  als  die  Erde  und  wurde  von  zwei  kleinen,  schnellen 
Monden  umkreist.  Es  war  ein  fast  typischer  Himmelskörper  der  Klasse  K2,  ein  nicht  sehr 
auffälliger  Planet,  für  die  Männer  an  Bord  von  Explorator  IV  aber  faszinierend  und 
geheimnisvoll. 
Commander  Marin,  Chefoffizier  Deale  und  Zweiter  Offizier  Walgrave  standen  im  vorderen 
Kommandoraum. Die drei Männer trugen die gleiche weiße Uniform, waren groß und schlank 
und  kannten  einander  so  gut,  daß  sie  sogar  ihre  Gedanken  fast  auf  die  gleiche,  ein  wenig 
sarkastische  und  dabei  witzige  Art  zum  Ausdruck  brachten.  Mit  ihren  Scanskopen  — 
Fotoferngläser von ungeheurer Reichweite und Vergrößerung — versuchten sie den Planeten 
zu erkunden. 
„Scheint ein bewohnbarer Planet zu sein", meinte Walgrave. „Diese Wolken bestehen sicher 
aus Wasserdampf." 
„Wenn  eine  Welt  irgendwelche  Signale  ausschickt",  sagte  Chefoffizier  Deale,  „nehmen  wir 
automatisch  an,  er  sei  bewohnt.  Bewohnbarkeit  scheint  die  notwendige  Konsequenz  der 
Bewohntheit zu sein." 
Commander Marin lachte dazu. 
„Eure  sonst  unfehlbare  Logik  stimmt  hier  nicht.  Wir  sind  im  Augenblick  zweihundertzwölf 
Lichtjahre  von  der  Erde  entfernt.  Die  Signale  haben  wir  vor  zwölf  Lichtjahren  empfangen; 
also waren sie vor zweihundert Jahren ausgesandt worden. Ihr erinnert euch doch daran, daß 
sie  abrupt  abbrachen.  Diese  Welt  hier  mag bewohnbar  sein;  sie  mag  bewohnt  sein;  sie  kann 
sogar beides sein. Es ist aber noch gar nicht gesagt, daß sie auch nur eines von beiden ist." 
Deale nickte halb, und halb schüttelte er den Kopf. „Auf dieser Basis können wir dessen nicht 
einmal sicher sein, daß die Erde bewohnt ist. Die uns zur Verfügung stehenden dürftigen Be-
weise ..." 
Bip bip machte das Bordsprechgerät. „Ja?" rief Commander Marin. 
Dant,  der  Nachrichtentechniker,  betrat  den  Kommandoraum.  „Ich  habe  eben  ein 
Schwankungsfeld  festgestellt.  Wahrscheinlich  ist  es  künstlich,  aber  ich  kann  mich  nicht 
einschalten. Vielleicht ist es eine Art Radar." 
Marin  zog  die  Stirn  in  Falten  und  rieb  mit  den  Handknöcheln  seine  Nase.  „Ich  schicke  die 
Pfadfinder hinunter. Dann ziehen wir uns zurück." 
Marin  gab  ein  Kodewort  und  erteilte  den beiden  Pfadfindern  seine  Befehle. „So  schnell wie 
möglich. Wir sind entdeckt. Rendezvous im System Achse, aufwärts, Punkt D wie in Deneb." 
„In Ordnung, Sir. System Achse, aufwärts, Punkt D wie Deneb. Wir brauchen drei Minuten." 
Marin ging zum Makroskop und untersuchte die Oberfläche des Planeten. „Da ist ein Fenster 
in ungefähr 3000 Angström. Gar nicht gut. Die Pfadfinder haben einiges zu tun." 
„Bin ich froh, daß ich niemals als Pfadfinder ausgebildet wurde", erklärte der Zweite Offizier 
Walgrave.  „Sonst  würde  man  mich  auch  auf  unbekannte  und  höchstwahrscheinlich 
grauenhafte Planeten hinunterschicken." 

background image

„Ein Pfadfinder wird nicht ausgebildet", belehrte ihn Deale, „ihn gibt es eben. Halb Akrobat, 
halb verrückter Wissenschaftler, halb Betrüger, halb..." 
„Du hast ein paar Hälften zuviel." 
„Kommt trotzdem noch lange nicht hin. Ein Pfadfinder ist ein Mann, der den Wechsel liebt. 
Das Abenteuer." 
 

 
Die  Pfadfinder  in  der  Explorator  IV  hießen  Paul  Waunder  und  Adam  Reith.  Beide  waren 
findig und äußerst zäh. Reith, von etwas mehr als durchschnittlicher Größe, war dunkelhaarig, 
hatte  eine  breite  Stirn,  ausgeprägte  Backenknochen  und  fast  hagere  Wangen,  an  denen 
manchmal  ein  Muskel  zuckte.  Waunder  war  untersetzt,  hatte  dünne,  blonde  Haare,  und  sein 
Gesicht war viel zu durchschnittlich, als daß es beschrieben werden könnte. Er  war ein paar 
Jahre  älter  als  Reith,  doch  dieser  stand  im  Rang  über  ihm  und  war  der  Kommandant  des 
Pfadfinderbootes. Dieses Boot war ein Miniaturraumschiff von etwa zehn Metern Länge und 
hing hinten unter dem Rumpf des Mutterschiffes. 
In  etwas  mehr  als  zwei  Minuten  waren  sie  an  Bord  des  Pfadfinderbootes.  Waunder  ging  zu 
den Instrumenten; Reith verschloß die Luke und drückte auf die Auslöseknöpfe. Das Beiboot 
löste  sich  von  dem  großen,  schwarzen  Schiff.  Reith  nahm  seinen  Sitz  ein,  und  in  diesem 
Augenblick bemerkte er  aus dem äußersten Augenwinkel heraus eine Bewegung. Ein graues 
Projektil  schoß  aus  der  Richtung  des  Planeten  heran;  dann  wurden  seine  Augen  von  einem 
purpur-weißen Wirbel geblendet. 
Ihr kleines Schiff torkelte, als sich Waunder krampfhaft an die Drosselventile klammerte und 
das Pfadfinderboot schnurstracks auf den Planeten zuraste. 
Wo die Explorator IV durch den Raum gezogen war, trieb nun ein seltsamer Gegenstand: die 
Nase und das Heck eines Raumschiffes mit ein paar Metallstreben und einem großen Abstand 
dazwischen,  durch  den  die  alte,  honiggelbe  Sonne  Carina  4269  brannte.  Zusammen  mit  der 
Mannschaft  und  den  Technikern  waren  der  Commander  Marin,  der  Chefoffizier  Deale  und 
der  Zweite  Offizier  Walgrave  dahintreibende  Atome  von  Kohlen-,  Sauer-  und  Wasserstoff 
geworden,  und  ihre  Persönlichkeiten,  ihre  knappe  Art  und  ihr  Witz  gehörten  nun  der 
Geschichte an. 
 
 
 

2. 

 
Das  Pfadfinderboot  torkelte  dem  graubraunen Planeten  entgegen,  und  Adam Reith und  Paul 
Waunder wurden in der Kabine von einem Schott zum anderen geschleudert. 
Reith war nur halb bewußtlos, und es gelang ihm, irgendwo Halt zu finden. Er schob sich zum 
Instrumentenbrett und hieb auf den. Schalter für den Stabilisator. Die Windmühlenbewegung 
hörte auf. Reith und Waunder zogen sich auf ihre Sitze und schnallten sich fest. „Hast du das 
auch gesehen, was ich gesehen habe?" fragte Reith. 
„Einen Torpedo." 
Reith nickte. „Der Planet ist bewohnt." 
„Die  Einwohner  sind  ein  bißchen  unfreundlich,  möchte  ich  sagen.  Kein  sehr  herzlicher 
Empfang." 
„Ja,  wir  sind  auch  sehr  weit  weg  von  zu  Hause."  Reith  prüfte  die  toten  Skalen  und 
Kontrollichter.  „Nichts  scheint  mehr  zu  stimmen.  Wenn  ich  nicht  ein  paar  schnelle 
Reparaturen  durchführen  kann,  werden  wir  abstürzen."  Er  hinkte  zum  Maschinenraum.  Die 
Ersatzenergiezelle  war  ein  Chaos  von  lose  hängenden  Kabeln,  gebrochenen  Kristallen  und 
geschmolzenen Fassungen. 

background image

„Reparieren kann ich's schon", erklärte Reith, als Waunder sich den Schaden besah, „in zwei 
Monaten, wenn ich Glück habe. Vorausgesetzt, daß die Ersatzteile in Ordnung sind." 
„Ist ein bißchen lang", meinte Waunder dazu. „Ich würde sagen, wir haben noch zwei Stunden 
Zeit, bis wir in die Atmosphäre eintauchen." 
„Na, dann aber 'ran an die Arbeit." 
Eineinhalb Stunden später besahen sie sich zweifelnd und unzufrieden ihr Werk. „Wenn wir 
einigermaßen Glück haben, landen wir in einem Stück", sagte Reith düster. „Nun, dann fange 
mal an und füttere die Dinger. Ich passe auf, was geschieht." 
Eine  Minute  verging.  Die  Bremsdüsen  summten,  und  Reith  spürte  die  Abnahme  der 
Geschwindigkeit. „Wie sieht's aus?" fragte er, als er zu einem Sitz zurückkehrte. 
„Nicht allzu schlecht. In ungefähr einer halben Stunde tauchen wir mit etwas weniger als der 
kritischen Geschwindigkeit in die Atmosphäre ein. Wir können weich landen — hoffentlich. 
Das ist meine Meinung für die allernächste Zeit. Darüber hinaus sieht's nicht sehr rosig aus." 
Der  Planet  unter  ihnen  wurde  größer  und  größer:  eine  Welt  mit  gedämpften  und  dunklen 
Farben. Jetzt konnten sie auch die Kontinente und Ozeane erkennen, die Wolken und Stürme; 
es war die Landschaft einer alternden Welt. 
Die  Atmosphäre  pfiff  um  das  Boot,  und  die  Temperaturskala  stieg  rasch  bis  zur  kritischen 
Marke. 
Reith jagte etwas mehr Energie durch die geflickten Stromkreise. Das Boot wurde langsamer, 
die  Nadel  zitterte  zurück  auf  einen  normalen  Stand.  Im  Maschinenraum  knackte  etwas,  und 
wieder stieg die Fallgeschwindigkeit erheblich an. 
„Sind wir also wieder soweit", stellte Reith fest. „Jetzt kommt's auf die Tragflächen an. Wir 
ziehen wohl besser den Schleuderanzug an." Er schwenkte die Seitenstummel aus, verlängerte 
Höhen- und Seitenruder, und das Boot ging aus dem freien Fall in den Steilflug über. 
„Wie sieht die Atmosphäre aus?" erkundigte er sich. 
Waunder las die Zahlen vom Analysator ab. „Atembar. Ähnlich der Erdatmosphäre." 
„Wenigstens ein Vorteil." 
Durch  ihre  Scanskope  konnten  sie  nun  Einzelheiten  erkennen.  Unter  ihnen  lag  eine  weite 
Ebene  oder  Steppe,  auf  der  sich  da  und  dort  eine  Erhebung  oder  etwas  Vegetation 
abzeichnete. „Kein Anzeichen von Zivilisation", sagte Waunder. „Jedenfalls dort unten nicht. 
Vielleicht dort drüben am Horizont, diese grauen Flecken ..." 
„Wenn  wir  das  Boot  gut  herunterbringen  und  wenn  uns  niemand  stört,  während  wir  das 
Kontrollsystem reparieren, dann sind wir fein heraus... Aber diese Stummel reichen zu einer 
schnellen  Landung  einfach  nicht  aus.  Wir  täten  wohl  besser  daran,  uns  so  langsam  wie 
möglich hinunterzuschwindeln und uns im letzten Augenblick hinauszukatapultieren." 
„Genau", meinte Waunder dazu und deutete auf einen dunklen Fleck. „Das sieht wie ein Wald 
aus. Jedenfalls Vegetation. Der ideale Fleck für eine harte Landung." 
„Runter damit", antwortete Reith. 
Die Landschaft raste ihnen entgegen. „Wir zählen bis drei", sagte Reith, „und dann nichts wie 
raus." Er bremste, so gut es ging, um das Boot in Horizontallage zu bringen. „Eins ... zwei... 
drei. Raus!" 
Die Katapulttüren öffneten sich, und die Sitze wurden hinausgeschleudert. 
Reith kam sofort frei. Aber wo war Waunder? Reiths Fallschirm öffnete sich, und er pendelte 
daran  hin  und  her.  Dann  schlug  er  gegen  einen  schwarzen,  glänzenden  Baumast  und  hing 
betäubt in den Gurten seines Fallschirms; das Boot brach durch die Bäume und durchpflügte 
einen Sumpf. Paul Waunder hing bewegungslos in seinem Schleuderanzug. 
Schweigen; nur das Knirschen heißen Metalls und ein schwaches Zischen von irgendwo unter 
dem Boot. 
Reith hing etwa fünfzehn Meter über dem Boden in einem Baum mit glänzenden, schwarzen 
Ästen  und  sprödem,  schwarzem  Laub.  Er  konnte  hinübersehen  zu  dem  mit  Gebüschen 
durchsetzten  Sumpfgelände,  wo  das  Boot  auf  dem  Bauch  lag.  Waunder  hing  mit  dem  Kopf 

background image

nach unten aus der Schleuderluke, das Gesicht nur eine Handbreit vom Boden entfernt. Wenn 
das Boot weiter in den Sumpf einsank, mußte Waunder ersticken, falls er noch am Leben war. 
Reith versuchte sich fieberhaft aus seiner Schleudergarnitur zu befreien; vor Schmerz wurde 
ihm übel. In den Händen hatte er keine Spur Kraft, und wenn er die Arme hob, knackte es in 
den Schultern. Er konnte sich nicht einmal selbst befreien, geschweige denn Waunder helfen. 
War er tot? 
Im Schleudersitz befand sich eine Notausrüstung mit Waffen und Werkzeugen. Es mußte ihm, 
Reith,  unbedingt  gelingen,  die  Schnalle  zu  erreichen,  um  den  Schleudersitz  aufmachen  und 
Messer und Seil herausnehmen zu können. 
Nicht  allzu  weit  weg  schlug  Holz  gegen  Holz.  Reith  blieb  regungslos  hängen.  Eine  Gruppe 
Menschen mit phantastisch langen Rapieren und schweren Handkatapulten marschierte unten. 
Reith glaubte  an  Halluzinationen. 
Das dort unten waren richtige Menschen mit herben, strengen Gesichtern, honiggelber Haut, 
blond,  blond-braun,  blond-grau  und  mit  buschigen  Hängeschnurrbärten.  Ihre  Kleider 
bestanden  aus  losen  Hosen,  gestreiften  dunkelblauen  oder  dunkelroten  Hemden,  Westen  aus 
gewebten Metallstreifen  und  kurzen,  schwarzen  Umhängen.  Die  Hüte waren aus  schwarzem 
Leder,  faltig  und  verbeult,  mit  aufgestellten  Ohrklappen  und  einem  etwa  zehn  Zentimeter 
hohen Silberemblem an der Vorderseite eines sehr hohen Kopfes. Verwirrt beobachtete Reith 
die Fremden. 
Leise und heimlich bewegten sie sich vorwärts; im Schatten blieben sie stehen, um das Boot 
anzusehen, und dann trat der junge Anführer, der jüngste der Krieger und kaum mehr als ein 
bartloser Jüngling, aus dem Schatten heraus und blickte zum Himmel hinauf. Bei ihm standen 
drei ältere Männer, die an ihren Hüten Kugeln aus rosa und blauem Glas trugen, und suchten 
ebenfalls den Himmel ab. Dann gab der Junge den anderen ein Zeichen, und alle näherten sich 
dem Boot. 
Paul  Waunder  machte  einen  schwachen  Versuch,  grüßend  die  Hand  zu  heben.  Einer  der 
Männer  mit  den  Glaskugeln  riß  sein  Katapult  in  die  Höhe,  aber  der  Junge  schrie  einen 
wütenden  Befehl,  und  die  Männer  drehten  sich  mißmutig  um.  Einer  der  Krieger  schnitt  die 
Fallschirmleinen  ab,  und  Waunder  fiel  auf  den  Boden.  Wieder  rief  der  Junge  Befehle; 
Waunder wurde aufgehoben und zu einem trockenen Fleck getragen. 
Jetzt wandte sich der Junge dem Raumboot zu; er kletterte den Rumpf hinauf und lugte durch 
die  Schleuderöffnungen  hinein.  Die  älteren  Männer  mit  den  rosa  und  blauen  Kugeln  gingen 
zurück  in  den  Schatten,  murmelten  miteinander  und  warfen  finstere  Blicke  zu  Waunder 
hinüber. Einer von ihnen griff an sein Emblem; dann stakste er zu Waunder, beugte sich über 
ihn, zog sein Rapier und ließ es niederzucken. Reith blickte entsetzt auf die Szene. 
Der  Junge  schien  die  Tat  zu  spüren  und  wirbelte  herum.  Er  schrie  wütend  auf,  rannte  mit 
gezogenem Rapier auf den Mörder zu und schlug ihm das Emblem vom Hut. Er hob es auf, 
stach mit einem Messer zornig darauf ein, warf dem Mann das unförmige Ding aus weichem 
Silber vor die Füße und spie ihm einen Schwall giftiger Worte entgegen. Der Mörder bückte 
sich, hob das Ding auf und schlich davon. 
Aus großer Entfernung war Geschrei zu hören. Die Krieger stießen ebenfalls Schreie aus und 
zogen sich rasch in den Wald zurück. 
Ein Flugzeug erschien; es blieb erst eine Weile in der Luft stehen und senkte sich dann. 
Es  war  ein  Luftfloß  von  gut  fünfzehn  Metern  Länge  und  etwa  der  halben  Breite  und  wurde 
von einem reichgeschmückten Heckturm aus  gesteuert. An Bug und Heck baumelten riesige 
Laternen  von  verschnörkelten  Pfosten  Um  das  Schanzkleid  führte  eine  Balustrade,  auf  der 
sich etwa zwei Dutzend Passagiere drängten. 
Fasziniert  beobachtete  Reith,  wie  das  Luftfloß  neben  dem  Boot  landete.  Die  Passagiere 
sprangen  rasch  ab;  es  waren  zwei  Arten  —  Menschen  und  Nichtmenschen,  wenn  auch  der 
Unterschied  nicht  leicht  festzustellen  war.  Die  Nichtmenschen  —  Blaue  Chasch,  wie  Reith 
später  erfuhr  —  liefen  auf  kurzen,  dicken,  steifen  Beinen.  Die  Körper  dieser  Wesen  waren 

background image

massiv und kräftig und geschuppt und die Schuppen liefen in blauen Spitzen aus. Der Torso 
war keilförmig und hatte über den Schultern einen nicht vom Skelett gestützten Chitinpanzer, 
der in ein Rückenschild überging. Der Schädel lief spitz zu. Eine knochige Stirn stülpte sich 
über  die  Augenhöhlen  —  es  waren  glitzernde,  metallische  Augen  —  und  die  kompliziert 
geformten  Nasenlöcher.  Die  Menschen  glichen  den  Blauen  Chasch,  soweit  es  der 
Rassenunterschied  zuließ,  denn  auch  sie  waren  klein,  breit  und  hatten  Säbelbeine.  Die 
Gesichter sahen aus, als habe man sie zusammengepreßt, und sie waren nahezu kinnlos. Die 
hohen,  spitzen  Schädel  schienen  falsch  zu  sein,  und  sie  wölbten  sich  über  die  Stirnen.  Die 
Hosen und Jacken waren mit Schuppen bedeckt. 
Chasch und Chaschmenschen liefen zum Raumboot und verständigten sich dabei mit kehligen 
Schreien.  Einige  kletterten  hinauf  und  lugten  hinein,  andere  untersuchten  den  toten  Paul 
Waunder, den sie dann schließlich aufhoben und in das Luftfloß brachten. 
Aus  dem  Kontrollturm  kamen  Alarmrufe.  Blaue  Chasch  und  Chaschmenschen  sahen  in  den 
Himmel hinauf und schoben dann eiligst das  Luftfloß unter die  Bäume. Die kleine  Lichtung 
lag wieder verlassen da. 
Minuten  vergingen.  Reith  schloß  die  Augen  und  hoffte,  es  möge  alles  nur  ein  böser  Traum 
gewesen sein und er wache an Bord der guten alten Explorator auf. 
Das  Tuckern  von  Maschinen  riß  ihn  aus  seinem  Halbschlaf.  Vom  Himmel  sank  ein  anderes 
Fahrzeug:  ein  Luftschiff,  das  ebensowenig  wie  das  Luftfloß  nach  aerodynamischen 
Richtlinien  gebaut  war.  Es  gab  drei  Decks,  eine  zentrale  Rotunde,  Balkone  aus  schwarzem 
Holz und Kupfer, einen verschnörkelten Bug, Beobachtungskuppeln, Schießscharten und eine 
senkrechte Flosse, die schwarzgoldene  Insignien trug. Das Schiff blieb eine Weile über dem 
Raumboot  stehen,  bis  die  Neugierigen  am  Deck  genug  davon  gesehen  hatten.  Einige  der 
Beobachter  waren  nichtmenschliche,  große,  hagere  Wesen,  völlig  haarlos  und 
pergamentfarbig,  aber  mit  sparsamen,  langsamen,  eleganten  Bewegungen.  Andere,  ihnen 
offensichtlich  untergeordnet,  waren  Menschen,  obwohl  sie  ebenso  groß,  hager,  haarlos, 
langarmig  und  -beinig  waren  und  magere  Schafsgesichter,  kahle  Köpfe  und  betont  elegante 
Bewegungen hatten. 
Beide  Rassen  trugen  kunstvoll  gearbeitete  Gewänder  mit  Bändern,  Säumen,  Falbeln  und 
Schärpen. Später erfuhr Reith, daß die Nichtmenschen Dirdir und die ihnen unterstellten Men-
schen  Dirdirmenschen  genannt  wurden.  Jetzt  war  er  noch  betäubt  von  dem  abgrundtiefen 
Unglück, das ihn getroffen hatte, und bemerkte das großartige Luftschiff der Dirdir mit kaum 
mehr  als  uninteressiertem  Staunen.  Aber  es  sickerte  trotzdem  irgendwie  in  ihn  hinein,  daß 
dieses  lange,  blasse  Volk  oder  ihre  Vorgänger  auf  dem  Schauplatz  wohl  sein  Mutterschiff 
zerstört hatten und auch Zeugen des Absturzes seines kleinen Bootes geworden waren. 
Dirdir und Dirdirmenschen untersuchten das Raumboot mit verständigem Interesse. Einer von 
ihnen  deutete  auf  die  Spuren  des  Luftfloßes  der  Chasch,  und  diese  Entdeckung  löste  einige 
Geschäftigkeit  aus.  Stöße  purpur-weißer  Energie  schossen  aus  dem  Wald;  Dirdir  und 
Dirdirmenschen  krümmten  sich  und  fielen  zu  Boden.  Chasch und  Chaschmenschen  feuerten 
mit Handwaffen, und einige Chaschmenschen kamen angerannt und hieben Enterbeile in das 
Schiff. 
Die  Dirdir  feuerten  ihre  Handwaffen  ab,  aus  denen  violette  Flammen  und  Wirbel 
orangefarbenen  Plasmas  schössen.  Das  Schiff  der  Dirdir  versuchte  abzuheben,  wurde  aber 
von den Enterbeilen zurückgehalten. Die Dirdirmenschen hackten mit Messern und schossen 
mit  Energiepistolen,  bis  das  Schiff  endlich  freikam,  worüber  die  Chasch  in  enttäuschtes 
Kreischen ausbrachen. 
Aus etwa dreißig Metern Höhe schossen die Dirdir mit ihren Plasmastrahlern breite Schneisen 
in den Wald, konnten aber  das  Luftfloß nicht zerstören. Nun schossen die Chasch mit ihren 
großen  Mörsern.  Das  erste  Geschoß  ging  daneben,  das  zweite  traf  das  Luftschiff  unter  dem 
Rumpf, so daß es ins Taumeln kam, einen Satz nach oben tat, nach rechts und links ausbrach 
und  sich  schließlich  auf  den  Rücken  legte,  worauf  Dirdir  und  Dirdirmenschen  wie  tote 

background image

Mücken herunterfielen. Endlich verschwand es mit einem Haken von Süd nach Ost. 
Chasch  und  Chaschmenschen  kamen  nun  heraus  und  sahen  dem  Dirdirschiff  nach.  Das 
Luftfloß  wurde  herausgeschoben  und  blieb  über  dem  Raumboot  stehen.  Enterbeile  wurden 
eingeschlagen, und man hob das Boot aus dem Sumpf. Chasch und Chaschmänner kletterten 
an Bord des Floßes; es hob sich in die Luft, bog nach Nordosten ab und hatte unter sich das 
Raumboot hängen. 
Es  verging  einige  Zeit;  Reith  hing  fast  bewußtlos  in  seinen  Schleudergurten.  Die  Sonne 
verschwand hinter den Bäumen; Dämmerung senkte sich über die Landschaft. 
Die  Barbaren  erschienen  erneut.  Sie  untersuchten  die  Lichtung,  sahen  zum  Himmel  hinauf 
und wandten sich zum Gehen. Reith gab einen heiseren Schrei von sich und der junge Krieger 
erteilte Befehle. Zwei Männer kletterten auf den Baum, schnitten die Fallschirm- 
schnüre ab und ließen den Schleudersitz mit Reiths Notausrüstung im Baum hängen. 
Man ging nicht allzu sanft mit Reith um, als man ihn auf den Boden hinabließ. Ihm wurde vor 
Schmerz  schwarz  vor  den  Augen.  Gestalten  beugten  sich  über  ihn.  Er  hörte  stampfende 
Geräusche und spürte das Schwingen von Schritten. Dann wurde er ohnmächtig. 
 
 
 

3. 

 
Stimmengemurmel und das Flackern eines Feuers weckten Reith aus seiner Bewußtlosigkeit. 
Über ihm war eine Art Baldachin, links und rechts davon ein Himmel voll seltsamer Sterne. 
Reith  lag  auf  einer  Matte  aus  gewebten  Binsen,  die  einen  säuerlichen  Geruch  ausströmten. 
Das Hemd hatte man ihm ausgezogen. Ein Panzer aus Weidenruten stützte seine gebrochenen 
Knochen. Mühsam hob er den Kopf und sah sich um. Er lag unter einem nach allen Seiten hin 
offenen  Dach  aus  Geweben,  die  mit  Metallpfosten  gestützt  wurden.  Direkt  paradox,  dachte 
Reith, Die Metallpfosten deuteten auf ein beträchtliches technisches Niveau, aber die Waffen 
und Manieren der Leute waren ganz einfach barbarisch. 
Das  Lager  befand  sich  auf  offenen  Land, das war  aus  den  Sternen  zu  erkennen.  Wo  mochte 
wohl  sein  Schleudersitz  mit  der  Notausrüstung  sein?  Mit  Bedauern  dachte  Reith  daran,  daß 
man ihn im Baum zurückgelassen hatte. Jetzt besaß er nur noch sein Wissen und seine durch 
die Pfadfinderausbildung vertiefte Erfahrung. 
Ein  Schatten  fiel  über  sein  Gesicht.  Reith  sah  den  jungen  Anführer,  der  ihm  eine  Schüssel 
groben Haferbreies entgegenschob. 
„Vielen Dank", sagte Reith, „aber ich glaube, ich werde nicht essen können. Diese Verbände 
da hindern mich daran." 
Der  Junge  sagte  etwas,  das  nicht  sehr  liebenswürdig  klang.  Reith  hatte  den  Eindruck,  daß 
dieses junge Gesicht viel zu ernst und angespannt sei; der Bursche konnte doch kaum älter als 
sechzehn Jahre sein. 
Unter Aufbietung all seiner Kräfte stützte sich Reith auf die Ellbogen und nahm die Schüssel. 
Der Junge beobachtete ihn aus ein paar Schritten Entfernung, wie er zu essen versuchte. Dann 
drehte er sich um und rief etwas. Ein kleines Mädchen kam gerannt; es verbeugte sich, nahm 
die Schüssel und begann Reith fürsorglich zu füttern. 
Dem Jungen schien Reith Rätsel aufzugeben, umgekehrt aber ebenso. Männer und Frauen auf 
einer  Welt,  die  zweihundertzwölf  Lichtjahre  von  der  Erde  entfernt  war!  Eine 
Parallelentwicklung? Unglaubhaft! Ein Löffel Haferbrei nach dem anderen wanderte in seinen 
Mund. 
Nachdem  die  Schüssel  leer  war,  hielt  das  Mädchen  ihm  einen  Krug  mit  Sauerbier  an  den 
Mund.  Reith  trank,  weil  man  es  von  ihm  erwartete,  obwohl  das  Zeug  ihm  den  Mund 
zusammenzog.  „Danke",  sagte  er  zu  dem  Mädchen,  das  ihn  freundlich  anlächelte  und  ver-
schwand. 

background image

Reith legte sich wieder zurück. Der Junge sprach mit barscher Stimme zu ihm; offensichtlich 
stellte er eine Frage. 
„Tut mir leid", antwortete Reith, „das verstehe ich nicht. Aber laß dich dadurch nicht stören. 
Ich brauche jeden Freund, den ich bekommen kann." 
Der Junge ging weg. Reith versuchte zu schlafen. Das Feuer flackerte und brannte fast  ganz 
herunter. Das Lager schien sich zur Ruhe zu begeben. 
Aus  weiter  Ferne  kam  ein  Ruf,  der  sofort  beantwortet  wurde,  bis  es  ein  fast  musikalischer 
Gesang von vielen hundert Stimmen war. Reith richtete sich ein wenig auf und sah die beiden 
Monde  von  fast  gleichem  Durchmesser,  der  eine  rosa,  der  andere  blaßblau,  im  Osten 
erscheinen. 
Einen  Augenblick  später  fiel  eine  neue  Stimme  ein,  diesmal  aber  näher.  Das  war  doch  die 
Stimme  einer  Frau?  Andere  Stimmen  folgten  und  vereinigten  sich  zu  einem  wortlosen 
Klagegesang. 
Dann verstummte der Gesang. Das Lager schwieg, und Reith schlief ein. 
Am nächsten Morgen sah Reith mehr von seiner Umgebung. Das Lager breitete sich zwischen 
zwei niedrigen Hügelketten aus, die sich weit nach Osten erstreckten. Reith wurde sich nicht 
sofort darüber klar, weshalb der Stamm gerade hier zu bleiben gedachte. Morgen für Morgen 
bestiegen  vier  junge,  in  lange,  braune  Mäntel  gehüllte  Krieger  elektrische  Motorräder  und 
fuhren nach verschiedenen Richtungen in die Steppe hinaus. Jeden Abend kehrten sie zurück 
und erstatteten Traz Onmale, dem jungen Stammesführer, ihre Meldung. Jeden Morgen wurde 
ein etwa achtjähriger Knabe zu einem Ausguck hinaufgezogen, wo er schweben blieb, bis am 
Spätnachmittag  der  Wind  starb  und  der  Ausguck  mit  dem  Jungen  herabsank.  Meistens  kam 
der kleine Kerl mit ein paar Beulen davon, die Männer gaben nämlich mehr acht auf die Taue, 
mit denen die vierflügelige schwarze Membrane in einem Rahmen von Holzstäben am Boden 
verankert war. 
Jeden Morgen kam von jenseits der Hügel im Osten ein entsetzliches Kreischen, das etwa eine 
halbe  Stunde  anhielt.  Ein  wenig  später  erfuhr  Reith,  daß  dieses  Kreischen  von  einer  Herde 
vielbeiniger Tiere stammte, die dem Stamm als Fleischlieferant diente. 
Während  Reiths  Knochen  heilten,  hatte  er  nur  Kontakt  mit  Frauen,  einer  Gruppe  geistloser 
Wesen, und mit Traz Onmale, der den größten Teil des Vormittags mit Reith verbrachte, ihn 
die Sprache der Kruthe lehrte, ihn ausfragte und den Heilungsprozeß überwachte. Die Sprache 
hatte  eine  ziemlich  regelmäßige  Syntax,  wurde  aber  kompliziert,  sobald  Gefühle,  Ansichten 
und Spannungen zum Ausdruck kamen. 
Der  Planet  hieß  Tschai,  erfuhr  Reith;  die  Namen  der  Monde  waren  Az  und  Braz.  Die 
Stammesmänner  hießen  Kruthe  oder  Emblemmenschen  nach  den  Abzeichen  aus  Silber, 
Kupfer,  Stein  und  Holz,  die  sie  an  den  Hüten  trugen.  Der  Status  eines  Mannes  wurde  von 
seinem  Emblem  bestimmt,  das  von  halbgöttlicher  Abkunft  war  und  Namen,  geschichtliche 
und  charakterliche  Eigenheiten  und  den  Rang  angab.  Das  Emblem  machte  eigentlich  den 
Mann  zu  dem,  was  er  war  —  nicht  umgekehrt  —  und bestimmte  die Rolle,  die er  innerhalb 
seines  Stammes  spielte.  Das  höchstwertige  Emblem  war  Onmale  und  wurde  von  Traz 
getragen,  und  Traz  war,  bevor  er  das  Emblem  erwarb,  nur  ein  ganz  gewöhnlicher  Junge 
gewesen.  Onmale  war  der  Ausdruck  von  Weisheit,  Kraft,  Energie  und  einer  nicht  näher  zu 
bestimmenden  Tugend  der  Kruthe.  Ein  Emblem  konnte dadurch  erworben werden,  daß  man 
dessen  Träger  tötete  oder  es  sich  selbst  zusammenstellte.  Im  letzteren  Fall  war  das  Emblem 
noch  kein  Ausdruck  einer  Persönlichkeit  oder  „der  Tugend",  bis  dessen  Träger  durch  die 
Teilnahme  an  großen  Festen  oder  dergleichen  sich  einen  bestimmten  Ruf  und  damit  einen 
Status  geschaffen  hatte.  Wechselte  ein  Emblem  den  Besitzer,  so  nahm  der  neue  Besitzer 
gleichzeitig  die  Eigenschaften  des  Emblems  an.  Manche  Embleme  waren  in  sich 
widersprüchlich, und manchmal kam es auch vor, daß ein Mann mit einem Emblem auch die 
Feindschaft  zu  einem  anderen  Mann  „erbte".  Gewisse  Embleme  hatten  eine  tausendjährige 
Geschichte;  andere  waren  zum  Sterben  verurteilt  und  bedeuteten  Unheil;  wieder  andere 

background image

verpflichteten  ihren  Träger  zu  besonderer  Wildheit.  Die  Kruthe  waren  sehr  emblembewußt; 
ein Mann ohne Emblem hatte kein Gesicht, kein Prestige und keine Aufgabe. Er war das, was 
Reith eben zu sein lernte: ein Helot, oder eine Frau — die beiden Worte deckten sich in der 
Sprache der Kruthe. 
Reith  kam  es  komisch  vor,  daß  die  Kruthe  ihn  für  einen  Mann  aus  einem  weit  entfernten 
Gebiet auf Tschai hielten. Sie zeigten keinerlei Respekt vor dem Raumboot, bei dem sie ihn 
gefunden  hatten,  sondern  hielten  ihn  für  einen  Diener  einer  nichtmenschlichen,  ihnen 
unbekannten  Rasse,  so  wie  die  Chaschmenschen  den  Blauen  Chasch,  oder  die 
Dirdirmenschen den Dirdir unterstellt waren. 
Als Traz Onmale diese Ansicht zum erstenmal äußerte, wies Reith sie entrüstet von sich. „Ich 
bin  von  der  Erde,  einem  weit  entfernten  Planeten.  Wir  werden  von  niemandem  sonst 
beherrscht." 
„Und wer hat das Raumboot gebaut?" fragte Traz Onmale zweifelnd. 
„Menschen natürlich. Menschen von der Erde." 
Traz Onmale schüttelte ungläubig den Kopf. „Wie kann es so weit weg von Tschai Menschen 
geben?" 
Reith  lachte  bitter.  „Das  habe  ich  mich  auch  schon  oft  gefragt.  Wie  kamen  Menschen  nach 
Tschai?" 
„Der Ursprung der Menschen ist völlig klar", stellte Traz Onmale entschieden fest. „Das wird 
uns gelehrt, sobald wir sprechen können. Sagt man das euch nicht?" 
„Auf  der  Erde  glauben  wir,  daß  der  Mensch  sich  aus  einem  vormenschlichen  Typ  heraus 
entwickelt hat, und dieser wiederum stammt von alten Säugetieren ab und so weiter — bis zu 
den ersten Zellen." 
Traz  Onmale  warf  der  Frau,  die  in  der  Nähe  arbeitete,  einen  wütenden  Blick  zu. 
„Verschwinde!  Wir  reden  über  Männerangelegenheiten!"  Traz  Onmale  sah  der  Frau 
angewidert  nach.  „Jetzt  verbreitet  sich  deine  Narretei  über  das  ganze  Lager.  Der  Zauberer 
wird sich ärgern. Ich muß dir wirklich erklären, woher die Menschen stammen. Du hast doch 
die Monde gesehen. Der rosa Mond ist Az; es ist der Mond des Segens. Der blaßblaue heißt 
Braz  und  ist  ein  Ort  der  Qual,  wo  alle  Bösen  hinkommen,  besonders  aber  jene,  die  ihr 
Emblem beschmutzen. Nach ihrem Tod kommen sie dorthin. Vor langer Zeit einmal stießen 
die  beiden  Monde  zusammen.  Eine  Unmenge  Menschen  fiel  auf  Tschai  herunter.  Und  jetzt 
wollen  alle  nach  Az  zurückkehren,  Gute  und  Böse.  Aber  die  Richter,  die  ihre  Weisheit  von 
den  Kugeln  haben,  die  sie  tragen,  trennen  die  Guten  von  den  Bösen  und  senden  sie  an  jene 
Orte, die ihnen zukommen." 
„Ah, sehr interessant", stellte Reith fest. „Und was ist mit den Chasch und den Dirdir?" 
„Das  sind  ja  keine  Menschen.  Sie  kamen  von  jenseits  der  Sterne  nach  Tschai;  auch  die 
Wankh. Chaschmenschen und Dirdirmenschen sind unreine Hybriden. Pnume und Phung sind 
der  Auswurf  der  nördlichen  Höhlen.  Die  bringen  wir  gerne  um."  Er  furchte  die  Brauen. 
„Wenn du von einer anderen Welt als Tschai bist, dann kannst du kein Mensch sein, und ich 
sollte Befehl geben, dich zu töten." 
„Das  käme  mir  aber  ziemlich  unfreundlich  vor",  meinte  Reith  dazu,  „denn  schließlich  habe 
ich euch ja nichts getan." 
Mit  einer  Geste  bedeutete  ihm  Traz  Onmale,  daß  ein  solcher  Einwand  keinerlei  Bedeutung 
habe. „Ich will das Urteil zurückstellen", sagte er. 
Reith  kräftigte  seine  steifen  Glieder  und  übte  sich  in  der  Sprache.  Die  Kruthe,  erfuhr  er, 
hielten  sich  nicht  an  ein  bestimmtes  Gebiet,  sondern  wanderten  in  der  weiten  Amansteppe 
herum,  die  in  Kotan,  im  Süden  des  Kontinents,  begann.  Von  den  übrigen  Gebieten  Tschais 
wußten sie wenig. Im Süden gab es einen Kontinent Kislovan, und auf der anderen Seite der 
Welt Charchan, Kachen und Rakh. Es gab außer den Kruthe noch andere Nomadenvölker; in 
den  Marschen  und  Wäldern  des  Südens  lebten  Menschenfresser,  zum  Teil  mit 
übermenschlichen  und  okkulten  Kräften  ausgestattet.  Die  Blauen  Chasch  waren  im  Westen 

background image

von  Kotan  ansässig;  die  Dirdir  zogen  ein  kaltes  Klima  vor  und  lebten  auf  Haulk,  einer 
Halbinsel im Südwesten von Kislovan, und an der Nordostküste von Charchan. 
Es  gab  noch  eine  weitere  fremde  Rasse  auf  Tschai,  die  Wankh,  aber  die  Emblemmenschen 
wußten  wenig  von  ihnen.  Auf  Tschai  zu  Hause  war  eine  fast  spukhafte  Rasse,  genannt  die 
Pnume,  und  deren  verrückte  Verwandte,  die  Phung.  Von  denen  sprachen  die  Kruthe  nicht 
gerne, und wenn, dann flüsterten sie nur. 
Eine  Zeit  bizarrer  Ereignisse  verging;  die  Nächte  waren  voll  Verzweiflung  und  Sehnsucht 
nach der Erde. Reiths Verletzungen heilten, und nun erkundete er das Lager. 
Am Abhang des Hügels hatte man etwa fünfzig Hütten errichtet. Jenseits der Hütten standen 
unter  Tarnplanen  riesige,  sechsrädrige  Motorwagen.  Reith  hätte  sie  gerne  näher  untersucht, 
aber eine Gruppe neugieriger Bengel blieb ihm ständig auf den Fersen. 
Am  anderen  Ende  des  Lagers  fand  Reith  eine  Maschine,  die  auf  einen  Lastwagen  montiert 
war: ein Riesenkatapult mit einem Wurfarm von etwa siebzehn Metern Länge. War das eine 
Belagerungsmaschine? An  der  einen  Seite  war  eine rosa,  an  der  anderen  eine  blaue Scheibe 
aufgemalt, wohl Sinnbilder der Monde Az und Braz. 
Mehrere Wochen vergingen. Reith begriff die Untätigkeit des Stammes nicht. Es waren doch 
Nomaden;  warum  blieben  sie  so  lange  an  einem  Fleck?  Täglich  stieg  ein  Junge  auf  seinen 
Beobachtungsposten,  und  die  Krieger  übten  sich  im  Gebrauch  ihrer  Waffen.  Davon  gab  es 
drei  Arten:  ein  langes,  biegsames  Rapier  mit  einer  Schneid—  und  Stichspitze;  ein  Katapult, 
das sich der Energie elastischer Kabel bediente, um kurze Federpfeile abzuschießen, und ein 
dreieckiger  Schild,  der  in  scharf  ausgezogenen  Spitzen  mit  messerscharfen  Rändern  auslief. 
Dieser Schild wurde als Abwehr-, Wurf- und Hackwaffe benützt. 
Reith  wurde  erst  von  dem  achtjährigen  Mädchen,  dann  von  einer  Alten  mit  vertrocknetem 
Gesicht  und  schließlich  von  einem  jungen  Mädchen  bedient,  das  sogar  als  hübsch  zu 
bezeichnen  gewesen  wäre,  hätte  es  nicht  einen  so  freudlosen  Eindruck  gemacht.  Sie  war 
ungefähr  achtzehn  Jahre  alt,  hatte  regelmäßige  Züge  und  feines,  blondes  Haar,  in  dem  oft 
dürre  Halme  oder  Zweige  hingen.  Sie  lief  barfuß  und  trug  nur  ein  unförmiges  Kleid  aus 
grobem, grauen Material. 
Einmal  saß  Reith  auf  einer  Bank,  und  das  Mädchen  kam  vorbei.  Er  fing  die  Kleine  ein  und 
zog sie auf seine Knie. „Was willst du von mir?" fragte sie ängstlich-heiser und versuchte sich 
ihm zu entziehen. 
Reith  fand  ihre  Wärme  tröstlich.  „Zuerst  einmal  will  ich  dir  die  Zweige  aus  dem  Haar 
kämmen ... Halt still, du." Ihre Augen wanderten ergeben, ein wenig unbehaglich und verwirrt 
zu Reith; dieser kämmte ihr das Haar, erst mit den Fingern, dann mit einem Stück gezähmten 
Holzes. „Na, siehst du. Jetzt bist du direkt hübsch", meinte er. 
Wie  im  Traum  saß  das  Mädchen  da,  doch  dann  sprang  es  plötzlich  auf.  „Ich  muß  gehen", 
sagte es ängstlich. „Es könnte uns jemand sehen." 
Am  nächsten  Tag  begegneten  sie  einander  zufällig.  Jetzt  war  ihr  Haar  sauber  gekämmt.  Sie 
warf ihm einen Blick über die Schulter zu, und Reith stellte fest, daß es die Mädchen auf der 
Erde auch nicht anders machten. Er streckte die Hand aus, und das Mädchen näherte sich ihm, 
obwohl das den Sitten ihres Stammes entgegenlief. Er legte ihr die Hand auf die Schulter, zog 
sie an sich und küßte sie. Das schien sie zu erstaunen. Reith lächelte. „Hast du das noch nie 
getan?" fragte er. 
„Nein. Aber es ist hübsch. Tu's noch mal." 
Reith  seufzte.  Nun,  warum  auch  nicht?  Ein  Schritt  hinter  ihm;  ein  Schlag  schickte  ihn  zu 
Boden, aber den dazugehörigen Wortschwall verstand er nicht. Ein Stiefel trat ihm in die Rip-
pen, und seine kaum verheilte Schulter schmerzte. 
Das  Mädchen  stand  dabei  und  hatte  vor  Entsetzen  die  Fäuste  auf  den  Mund  gepreßt.  Der 
Angreifer  schlug  auf  sie  ein,  trat  nach  ihr  und  stieß  sie  fluchend  vorwärts.  „Intimitäten  mit 
einem ausländischen Sklaven ...", verstand Reith schließlich. 
„Sklave?" fragte  Reith erstaunt und erhob sich  mühsam. Das Mädchen  versteckte sich unter 

background image

einem  der  riesigen  Wagen.  Traz  Onmale  kam  heran,  um  nach  dem  Grund  des  Aufruhrs  zu 
sehen.  Der  Krieger,  ein  stämmiger  Kerl  ungefähr  in  Reiths  Alter,  deutete  auf  ihn.  „Dieser 
Mann  da  ist  ein  Fluch,  ein  dunkles  Omen.  Es  wurde  doch  alles  vorhergesagt!  Es  ist 
unerträglich, daß er unter unseren Weibern ... Er muß getötet oder entmannt werden!" 
Traz Onmale musterte Reith. „Mir scheint, er hat wenig Schaden angerichtet." 
„Aber nur deshalb, weil ich zufällig vorbeikam! Stecke ihn zu den Weibern!" 
Ein  wenig  widerstrebend  gab  Traz  Onmale  seine  Erlaubnis.  Reith  dachte  traurig  an  seine 
Notausrüstung, die noch im Baum hing, und  an die Drogen, das Scanskop, die Energiezelle, 
das Notfunkgerät und am meisten an die Waffen. 
Traz  Onmale  hatte  nach  der  Fleischerin gerufen.  „Bring  ein scharfes  Messer. Der Sklave  da 
muß endlich friedlich werden." 
„Warte!" ächzte Reith. „Behandelt ihr jeden Fremden so? Kennt ihr keine Gastfreundschaft?" 
„Nein", antwortete Traz Onmale. „Wir nicht. Wir sind die Kruthe, und unsere Embleme sagen 
uns, was wir zu tun haben." 
„Dieser Mann hier hat mich geschlagen", protestierte Reith. „Ist er ein Feigling? Oder will er 
kämpfen?  Und  wenn  ich  ihm  sein  Emblem  abnehme?  Dann  stünde  mir  doch  sein  Platz  im 
Stamm zu, nicht wahr?" 
„Das Emblem selbst ist der Platz", sagte Traz Onmale. „Dieser Mann Osom ist das Emblem 
Vaduz.  Ohne  Vaduz  wäre  er  nicht  mehr  als  du.  Wenn  aber  Vaduz  mit  Osom  zufrieden  ist, 
dann kannst du Osom nie das Emblem Vaduz nehmen." 
„Ich kann es aber versuchen." 
„Zugegeben. Aber es ist jetzt zu spät. Die Fleischerin ist da." 
Reith warf  der  Frau  einen  entsetzten  Blick zu und  drehte sich zu  Osom  Vaduz  um,  der  sein 
Rapier  zog.  Reith  faßte  den  Arm  seines  Gegners.  Der  versuchte  mit  einem  gewaltigen 
Schlenkerer  Reith  abzuschütteln,  aber  dieser  zog  in  die  gleiche  Richtung,  und  Osom  Vaduz 
verlor das Gleichgewicht. Reith schob die Schulter vor, Osom Vaduz rollte an seiner Hüfte ab 
und fiel zu Boden. Reith stieß ihm den Stiefel an den Kopf und trat ihm gegen die Kehle. Als 
Osom sich krächzend auf dem Boden wand, fiel ihm der Hut vom Kopf. Reith griff danach, 
aber der Zauberer entzog ihn ihm. 
„Ich kämpfte um dieses Emblem, und jetzt gehört es mir!" protestierte Reith. 
„Nein, absolut nicht!" kreischte der Zauberer. „Das ist nicht unser Gesetz! Du bist und bleibst 
ein Sklave!" 
„Muß ich dich auch töten?" fragte Reith und näherte sich ihm drohend. 
..Genug!" rief Traz Onmale. 
„Und was ist mit dem Emblem?" fragte Reith. „Es gehört doch mir!" 
„Das  muß  ich  mir  erst  überlegen",  antwortete  der  Junge.  „Wo  sind  die  Richter?  Sie  sollen 
kommen und über diesen Osom richten, der Vaduz getragen hat. Bringt die Maschine her!" 
Reith trat zur Seite. Wenige Minuten später näherte sich ihm Traz Onmale. „Wenn du willst", 
sagte Reith, „verlasse ich den Stamm und bleibe für mich." 
„Du  wirst  meine  Wünsche  kennenlernen",  erklärte  der  Junge  mit  einer  Entschiedenheit,  die 
ihm  das  Emblem  Onmale  verlieh.  „Denke  daran,  du  bist  mein  Sklave.  Wenn  du  jetzt  zu 
entkommen  versuchst,  wird  man  dich  finden  und  auspeitschen.  Inzwischen  wirst  du  Futter 
sammeln." 
Es schien Reith, als versuche Traz Onmale von dem unerfreulichen Befehl abzulenken, den er 
der Fleischersfrau erteilt hatte und den er infolge der Ereignisse zurückziehen mußte. 
 

 
Die Sonne sank hinter eine Bank graphitgrauer Wolken mit Purpurrändern. Osoms Leiche war 
zu  Asche  gebrannt.  Der  Zauberer  verknetete  im  Angesicht  des  Stammes  die  Asche  mit 
Tierblut zu einem Kuchen, der in eine kleine Kiste gelegt und am Kopf des großen Schaftes 

background image

befestigt  wurde.  Der  Zauberer  sah  nach  Osten  hinüber,  wo  Az,  der  rosafarbene  Mond,  fast 
voll  aufgegangen  war.  „Az!"  rief  er  mit  tönender  Stimme,  „die  Richter  haben  einen  Mann 
gerichtet und ihn für gut befunden. Er ist Osom und trug Vaduz. Az, wir senden dir Osom!" 
Die  Krieger  am  Katapult  ließen  den  riesigen  Arm  zum  Himmel  schwingen.  Der  Schaft  mit 
Osoms  Asche  lag  im  Kanal,  und  der  Arm  deutete  auf  Az.  Der  Stamm  begann  ein  kehliges 
Klagelied. „Fort nach AzJ" rief der Zauberer, und das Katapult machte „twunng-twack". Der 
Schaft verschwand. Einen Augenblick später erschien am Himmel ein weißes Feuer, und die 
Beobachter seufzten vor Befriedigung und Erregung. 
Am  folgenden  Tag  wurde  Reith  zum  Futterholen  geschickt;  man  sammelte  hartes  Laub, 
dessen  Blätter  in  einen  Tropfen  dunkelroten  Wachses  ausliefen.  Reith  war  froh,  der 
Eintönigkeit des Lagers zu entrinnen. 
Soweit  das  Auge  reichte,  reihte  sich  Hügel  an  Hügel.  Reith  blickte  nach  Süden  zu  den 
schwarzen Wäldern, wo in einem der Bäume noch der Schleudersitz mit seiner Notausrüstung 
hing;  er  hoffte  es  wenigstens.  Er  mußte  bald  einmal  Traz  Onmale  bitten,  ihn  dorthin  zu 
begleiten... Jemand beobachtete ihn, aber Reith sah nichts. 
Er  ging seiner  Arbeit nach und  füllte zwei Körbe mit Blättern. Dann  ging er auf eine Senke 
zu,  wo  ein  Dickicht  aus  Büschen  mit  roten  und  blauen  Blättern  stand.  Er  sah  ein  grobes, 
graues Gewand. Es war das Mädchen, doch es gab vor, ihn nicht zu sehen. Reith tat ein paar 
Schritte abwärts. Dann standen sie einander gegenüber und lächelten sich an. 
Reith  griff  nach  ihrer  Hand.  „Wir  werden  Ärger  bekommen,  wenn  wir  uns  treffen  und 
Freunde werden", sagte er. 
Das Mädchen nickte. „Ja, das weiß ich. Ist es wahr, daß du von einer anderen Welt stammst?" 
„Ja." 
„Wie sieht sie aus?" 
„Sie ist schwer zu beschreiben." 
„Die Zauberer sind doch dumm, nicht wahr? Tote gehen nicht nach Az." 
„Ich glaube es auch nicht." 
Sie trat näher an ihn heran. „Tu es noch mal." 
Reith  küßte  sie.  Dann  schob  er  sie  von  sich.  „Wir  dürfen  uns  nicht  lieben.  Es  würde  dich 
unglücklich machen, und man würde dich noch mehr schlagen als vorher... 
Sie  zuckte  die  Achseln.  „Das  ist  mir  gleichgültig.  Ich  wollte,  ich  könnte  mit  dir  zur  Erde 
zurückkehren." 
„Das würde ich gerne tun", antwortete Reith. 
„Tu  das  noch  mal",  bat  das  Mädchen.  „Nur  einmal  noch..."  Dann  sah  sie  erschreckt  über 
Reiths  Schulter.  Er  wirbelte  herum  und  bemerkte  eine  Bewegung.  Ein  Zischen,  ein 
gedämpfter  Aufprall,  ein  herzzerreißender  Seufzer  des  Schmerzes.  Das  Mädchen  sackte 
zusammen  und  klammerte  sich  an  den  gefiederten  Pfeil  in  ihrer  Brust.  Reith  tat  einen 
wütenden Schrei und sah sich um. 
Am Himmel war nichts zu sehen. Reith beugte sich über das Mädchen. Ihre Lippen bewegten 
sich, aber er konnte die Worte nicht mehr verstehen. Sie seufzte und erschlaffte. 
Reith  blickte  auf  das  tote  Mädchen  hinunter.  Wut  wischte  jede  vernünftige  Überlegung  aus 
seinen  Gedanken.  Er  bückte  sich,  hob  sie  auf  und  trug  sie  zum  Lager,  zur  Hütte  von  Traz 
Onmale. 
Der Junge saß auf einem Hocker und hielt ein Rapier in den Händen. Reith legte die Tote so 
sanft er konnte auf den Boden, dann sagte er: „Ich traf das Mädchen, als ich Futter sammelte. 
Wir  sprachen  miteinander,  und  der  Pfeil  traf  ihr  Herz.  Es  war  Mord.  Vielleicht  war  er  mir 
zugedacht." 
Traz Onmale berührte die Federn des Pfeiles. Einige Krieger kamen heran. Der Junge sah von 
Gesicht zu Gesicht. „Wo ist Jad Piluna?" 
Ein Murmeln, eine heisere Stimme, ein Ruf; Jad Piluna trat heran. 
Traz Onmale streckte die Hand aus. „Zeige mir dein Katapult." 

background image

Jad  Piluna  warf  es  ihm  respektlos  zu,  und  Traz  Onmale  sah  ihn  erzürnt  an.  Der  Junge 
untersuchte sorgfältig die Waffe. „Du hast die Waffe heute benützt", stellte er fest. „Das Fett 
fehlt hier. Und dein Pfeil steckt in dem toten Mädchen." 
Jad  Piluna  verzog  den  Mund.  „Ich  wollte den  Mann  töten.  Er ist  ein  Sklave  und  ein  Ketzer. 
Und sie war nicht besser als er." 
„Hast du zu entscheiden? Trägst du das Emblem Onmale?" 
„Nein.  Aber  es  war  Zufall,  daß  ich  sie  traf.  Und  es  ist  kein  Verbrechen,  einen  Ketzer  zu 
töten." 
Der Zauberer trat vor. „Ketzerei ist ein Verbrechen. Dieser Kerl hier" — er deutete auf Reith 
—  „ist  ein  eindeutiger  Hybride.  Ich  nehme  an,  eine  Kreuzung  zwischen  Dirdirmensch  und 
Pneumekin. Aus unbekannten Gründen hat er sich den Emblemmenschen zugestellt und treibt 
nun Ketzerei. Hält er uns für zu dumm, um das zu bemerken? Da irrt er! Er führte diese junge 
Frau in die Irre und verführte sie; damit wurde sie wertlos. Und da ..." 
Traz  Onmale,  der  überraschend  energische  Junge,  schnitt  ihm  das  Wort  ab.  „Genug.  Du 
sprichst  Unsinn.  Piluna  ist  ein  Emblem  böser  Taten.  Jad,  dessen  Träger,  muß  zur  Vernunft 
gebracht und Pilund gezügelt werden." 
„Ich  bin  unschuldig",  behauptete  Jad  Piluna  gleichmütig.  „Ich  unterwerfe  mich  der 
Gerechtigkeit der Monde." 
„Die Gerechtigkeit bin ich!" fuhr Traz Onmale auf. 
Jad Piluna musterte ihn. „Onmale darf nicht kämpfen." 
Traz  Onmale  sah  von  einem  zum  anderen.  „Ist  niemand  hier,  der  den  Mörder  Piluna 
unterwirft?" 
Keiner  der  Krieger  antwortete.  Jad  Piluna  nickte  befriedigt.  „Dein  Ruf  wurde  nicht  gehört, 
aber  du  hast  Piluna  beleidigt  und  das  Wort  ,Mörder'  gebraucht.  Ich  verlange  die  Rechtferti-
gung von den Monden." 
„Dann bringt die Scheiben", befahl Traz Onmale. 
Der Zauberer brachte einen aus einem Knochen geschnitzten Behälter und wandte sich an Jad 
Piluna. „Welchen Mond willst du um Gerechtigkeit anrufen?" 
„Az, den Mond der Tugend und des Friedens. Ich bitte Az, mein Recht zu verteidigen." 
„Gut", antwortete Traz Onmale. „Ich rufe Braz, den Höllenmond an, der dich holen soll." 
Der Zauberer holte eine Scheibe aus dem Behälter; deren eine Seite war rosa, die andere blau. 
„Tretet zurück!" befahl er und warf die Scheibe. Sie torkelte, drehte sich, schien zu schweben 
und  glitt  langsam,  mit  der  rosafarbenen  Seite  nach  oben,  zu  Boden.  „Az,  der  Mond  der 
Tugend, hat seine Unschuld bekräftigt!" rief der Zauberer. 
Reith  knurrte  und  wandte  sich  an  Traz  Onmale.  „Nun  rufe  ich  die  Monde  an  um 
Gerechtigkeit.  Ich  bitte  den  Mond  Az,  mir  das  Emblem  Vaduz  zusprechen,  damit  ich  den 
Mörder Jad bestrafen kann." 
Traz Onmale sah Reith erstaunt an, und der Zauberer war empört. „Unmöglich! Wie kann ein 
Sklave ein Emblem tragen?" 
Traz  Onmale  gab  dem  Zauberer  ein  Zeichen.  „Ich  entlasse  ihn  aus  der  Sklaverei.  Wirf  die 
Scheibe zu den Monden." Der Zauberer zögerte. „Das Emblem Vaduz ist keines der edelsten. 
Wirf!" gebot Onmale. 
Der Zauberer sah Jad Piluna an. „Wirf", sagte auch dieser. „Gibt der Mond ihm das Emblem, 
dann  werde  ich  diesen  Ketzer  töten.  Das  Verräteremblem  Vaduz  habe  ich  schon immer  ver-
achtet." 
„Aber die Scheibe hat jetzt keine Kraft", wandte der Zauberer ein. 
„Unsinn",  erklärte  Reith.  „Du  sagst,  die  Kraft  der  Monde  führe  die  Scheibe.  Wie  kann  sie 
keine Kraft mehr haben? Wirf die Scheibe!" 
Der  Zauberer  zuckte  die  Achseln.  „Nun,  wie  du  willst.  Ich  werde  eine  andere  Scheibe 
benützen." 
„Nein, die gleiche", rief Reith. 

background image

Traz Onmale richtete sich hoch auf. „Wirf die Scheibe, Zauberer, und zwar die gleiche!" 
Wutentbrannt warf der Zauberer die Scheibe hoch in die Luft. Auch jetzt torkelte und drehte 
sie sich, schwebte und glitt zu Boden, auch diesmal mit der rosafarbenen Seite nach oben. 
„Az gibt dem Fremden recht", erklärte Traz Onmale. „Bringt das Emblem Vaduz!" 
Der Zauberer ging steif zu seiner Hütte und brachte es; Onmale übergab es Reith. „Jetzt trägst 
du das Emblem Vaduz. Du bist also einer der Emblemmenschen. Klagst du noch immer Jad 
Piluna an?" 
„Ja, das tue ich." 
Traz   Onmale   wandte   sich   an   Jad Piluna. „Bist du bereit, dein Emblem zu verteidigen?" 
„Sofort." Jad Piluna ließ sein Rapier um den Kopf wirbeln. 
„Ein Schwert und ein Schild für den neuen Vaduz", befahl Traz. 
Reith nahm das Rapier, das ihm gereicht wurde. Er wog es in der Hand und bog die Klinge. 
Er kannte viele Klingen, aber eine so feine hatte er noch nie in der Hand gehalten. Es war eine 
schreckliche Waffe und für einen Nahkampf kaum geeignet. Die Krieger fochten damit unter 
Einhaltung eines  gewissen Abstandes, der  wehig aber gute  Fußarbeit voraussetzte. Auch der 
messerscharfe  Schild  war  ungewöhnt.  Reith  beobachtete  Jad  Piluna  aus  dem  Augenwinkel; 
der  stand  völlig  sicher  und  ungerührt  da.  Reith  wußte,  es  war  Selbstmord,  wenn  er  gegen 
diesen Mann auf dessen Art kämpfte. 
„Achtung!"  rief  Traz  Onmale.  „Vaduz  fordert  Piluna  heraus.  Einundvierzig  solcher  Kämpfe 
haben  bereits  stattgefunden,  und  in  vierunddreißig  Kämpfen  hat  Piluna  Vaduz  gedemütigt. 
Zum Kampf!" 
Jad Piluna machte einen ersten Ausfall, den Reith sofort parierte. Dann schlug Reith mit der 
Schildspitze  zu  und  traf  Jad  Pilunas  Brust.  Es  war keine  schwere  Wunde, doch  sie  verletzte 
sein  Selbstbewußtsein.  Seine  Augen  verdrehten  sich  erschreckt,  und  sein  Gesicht  wurde 
fiebrig rot. Er tat einen Satz zurück und griff mit einer solchen Gewalt an, daß Reith zu keiner 
Abwehr  fähig  war.  Seine  Schulter  kegelte  sich  aus,  und  er  kämpfte  um  Atem.  Jad  Pilunas 
Rapier  traf  seinen  Oberschenkel,  dann  den  linken  Bizeps.  Aber  Reith  ließ  sich  nicht 
unterkriegen.  Er  schob  die  Klinge  mit  seinem  Schild  weg,  holte  aus  und  schlug  Jad  Pilunas 
Hut vom Kopf. Jad fing ihn auf und drückte ihn auf den Kopf, aber schon griff Reith erneut 
an,  und wieder  stieß  er  ihm  den  Hut  vom Kopf  und  mit  ihm das  Emblem  Piluna.  Reith  ließ 
den Schild fallen und griff nach dem Hut. Jad, des Emblems beraubt, sah entgeistert zu, und 
sein Gesicht schrumpfte zusammen. Er machte einen Ausfall, den Reith mit dem Hut abfing, 
und nun steckte Reiths Rapier in Jads Schulter. Der riß es heraus, tat ein paar Schritte zurück, 
um  Platz  für  seinen  nächsten  Angriff  zu  schaffen,  aber  Reith,  der  nun  schwer  atmete  und 
schwitzte, drang auf ihn ein. 
„Ich habe dein Emblem, Piluna", sagte er, „Das dich voll Ekel verlassen hat. Du, der Mörder, 
wirst jetzt sterben." 
Jad tat einen heiseren Schrei und versuchte auf Reith einzudringen, doch dieser fing den Stoß 
wieder  mit  dem  Hut  auf  und  gab  Jad,  dem  ehemaligen  Träger  von  Piluna,  den  Todesstoß. 
Dann warf er den Hut mit dem stolzen Pilunaemblem auf den Boden und lehnte sich erschöpft 
an einen Pfosten. Im ganzen Lager war kein Laut zu hören. 
„Vaduz  hat  Piluna  besiegt",  erklärte  Traz  Onmale  nach  langem  Schweigen.  „Das  Emblem 
gewinnt an Glanz. Wo sind die Richter? Sie sollen über Jad Piluna richten!" 
Die  drei  Zauberer  traten  vor.  „Richter",  befahl  Traz  Onmale,  „bemüht  euch,  gerecht  zu 
richten." 
Die  Zauberer  berieten  eine  Weile.  „Das  Urteil  ist  schwierig",  sagte  der  Häuptling  der 
Zauberer nach einer Zeit. „Jad lebte ein Heldenleben. Er hat Piluna ehrlich gedient." 
„Er  hat  ein    Mädchen    ermordet."  „Aus  gutem  Grund.  Sie  hat  sich  mit  einem  Ketzer 
eingelassen." 
„Er hat seine Befugnisse überschritten. Er war ein Übeltäter. Übergebt ihn dem Feuer! Wenn 
Braz erscheint, schießt seine Asche zur Hölle." 

background image

„So soll es geschehen", antwortete der Häuptling der Zauberer. 
Traz ging in seine Hütte. Um Reith herum standen die Krieger und sahen ihn voll Abscheu an. 
Es  war  später  Nachmittag.  Eine  Wolkenbank  hatte  sich  vor  die  Sonne  geschoben.  Purpur-
farbene  Blitze  zuckten,  und  in  der  Ferne  rollte  der  Donner.  Frauen  schleppten  Futterbündel 
und  Töpfe  mit  Essen  heran.  Die  Krieger  gingen,  um  die  Planen  über  den  Fahrzeugen 
festzubinden. 
Reith  blickte  auf  das  tote  Mädchen  hinunter,  um  das  sich  niemand  gekümmert  hatte.  Er 
konnte  es  nicht  die  ganze  Nacht  hindurch  in  Wind  und  Regen  liegen  lassen.  Das  Feuer 
brannte bereits, um Jads Körper aufzunehmen. Reith hob die Leiche des Mädchens auf, trug 
sie  zum  Holzstoß,  überhörte  die  Proteste  der  alten  Frau,  welche  die  Flammen  schürte,  und 
legte  das  Mädchen  in  den  Metalltrog,  so  gut  und  vorsichtig  er  es  vermochte.  Dann  kehrte 
Reith zur Hütte zurück, die man ihm zugewiesen hatte. 
Draußen  strömte  der  Regen;  Frauen  errichteten  über  dem  Holzstoß  ein  Schutzdach  und 
unterhielten es mit Kleinholz. Jemand kam in seine Hütte; Reith trat zurück in den Schatten. 
Im Licht des Feuers erkannte er Traz Onmale. „Reith Vaduz, wo bist du?" rief er. 
Reith trat aus dem Schatten. Traz Onmale sah ihn an und schüttelte den Kopf. „Seit du beim 
Stamm  bist,  geht  alles  schief!  Es  gibt  Aufruhr,  Ärger  und  Tod.  Die  Pfadfinder  bringen 
schlechte  Nachrichten  aus  einer  leeren  Steppe.  Piluna  hat  schlecht  gehandelt.  Die  Zauberer 
hassen Onmale. Wer bist du, der solche Plagen bringen darf?" 
„Ich bin das, was ich dir sagte: ein Mann von der Erde." 
„Ein Ketzer", antwortete Traz Onmale ruhig. „Emblemmenschen stammen von Az. So sagen 
die Zauberer." 
Reith überlegte einen Augenblick. „Die stärkere Idee siegt", sagte er dann. „Manchmal ist das 
gut,  manchmal  auch  schlecht.  Für  mich  scheint  die  Gesellschaft  der  Emblemmenschen 
schlecht zu sein. Eine Veränderung wäre besser für mich. Ihr werdet von Priestern regiert..." 
„Nein",  entgegnete  der  Junge  bestimmt.  „Onmale  regiert  den  Stamm.  Ich  trage  dieses 
Emblem. Es spricht durch meinen Mund." 
„Bis zu einem gewissen Grad. Die Priester sind gerissen." 
„Was willst du? Willst du uns vernichten?" 
„Nein, natürlich nicht. Aber ich möchte am Leben bleiben." 
Der Junge seufzte. „Ich bin verwirrt. Entweder hast du unrecht — oder die Zauberer." 
Die  Zauberer  haben  unrecht.  Die  Geschichte  der  Menschen  auf  der  Erde  geht  mehr  als 
zehntausend Jahre zurück." 
Traz Onmale lachte. „Einmal, bevor ich Onmale trug, betrat der Stamm die Ruinen des alten 
Carcegus und nahm einen Pnumekin gefangen. Der Zauberer folterte ihn, um etwas von ihm 
zu  erfahren,  aber  der  verfluchte  nur  jede  Minute  der  zweiundfünfzigtausend  Jahre,  seit  es 
Menschen auf Tschai gibt... Zweiundfünfzigtausend gegen zehntausend Jahre — ist das nicht 
seltsam?" 
„O ja, sehr seltsam sogar." 
Traz  Onmale  stand  auf  und  sah  zum  Himmel  hinauf,  wo  der  Wind  ein  Wrack  vor  sich 
hertrieb. „Ich habe die Monde bewacht", sagte er mit unsicherer Stimme. „Auch die Zauberer 
beobachten sie. Wenn Az Braz bedeckt, wird alles gut. Ist es aber umgekehrt, dann wird ein 
anderer Onmale tragen. Die Konjunktur der beiden Monde entscheidet." 
„Und du?" 
„Ich  muß  die  Weisheit  der  Onmale  nach  oben  tragen  und  die  Dinge  zurechtrücken."  Dann 
verschwand Traz Onmale. 
 

 
Der Sturm raste zwei Nächte und einen Tag über die Steppe. Am Morgen des zweiten Tages 
ging  die  Sonne  in  einem  windverblasenen  Himmel  auf.  Die  Pfadfinder  zogen  in  die  Steppe 

background image

und  kehrten  am  Nachmittag  wieder  zurück.  Sofort  wurde  es  im  Lager  lebendig.  Planen 
wurden  zusammengefaltet,  Hütten  abgerissen  und  Bündel  geschnürt.  Frauen  beluden  die 
Wagen, die Krieger rieben ihre Springpferde mit Öl ab und legten ihnen die Sättel auf. 
Reith trat zu Traz Onmale. „Was ist hier los?" erkundigte er sich. 
„Eine  Karawane  kommt  aus  dem  Osten.  Wir  werden  am  Lobafluß  angreifen.  Als  Vaduz 
kannst du mit uns reiten und deinen Beuteanteil erkämpfen." 
Er ließ ein Springpferd heranbringen, und Reith bestieg das übelriechende Tier. Es versuchte 
den Reiter abzuwerfen und schlug nach ihm mit dem harten Schwanzende. Reith zog an den 
Zügeln, und das Tier rannte los. Reith hielt sich verzweifelt fest. Hinter ihm klang Gelächter 
auf. Es war der Spott geübter Reiter über die Darbietung des Neulings. 
Endlich kam Reith mit dem Tier zurecht, und er kehrte zurück. Wenig später schwärmte die 
Truppe nach Nordosten aus. 
Länger  als  eine  Stunde  sprengten  die  Emblemmänner  über  die  Steppe.  Die  Hügel  wurden 
niedriger, und dann lag vor ihnen eine weite Ebene voll dunkler Schatten und düsterer Farben. 
Die Truppe hielt, und Traz Onmale gab Befehle. Reith versuchte zuzuhören. „... Die Südspur. 
Im  Versteck  der  Glockenvögel  warten  wir.  Die  Ilanths  werden  die  Furt  überschreiten.  Dann 
werden  sie  die  Zadwälder  und  die  Weißen  Hügel  erkunden.  Wir  brechen  die  Karawane  von 
der Mitte aus auf und machen uns mit den Schatzwagen davon. Alles klar? Also vorwärts zum 
Versteck der Glockenvögel!" 
Die  Emblemmänner  ritten  die  sanften  Hügel  hinan,  den  hohen  Bäumen  und  einzelnen 
Buschgruppen  entgegen,  die  am  Lobafluß  standen.  Im  Schutz  eines  dichten  Waldes 
versteckten sie sich. 
Einige  Zeit  verging.  Von  Ferne  war  ein  schwaches  Rumpeln  zu  vernehmen,  und  die 
Karawane erschien. Einige hundert Meter vor ihr ritten drei gelbgesichtige Krieger; auf ihren 
schwarzen  Mützen  trugen  sie  kieferlose  Menschenschädel.  Ihre  Reittiere  glichen  den 
Springpferden, waren aber viel größer. Die Krieger trugen Handwaffen und kurze Schwerter, 
und über ihren Knien lagen Flinten mit kurzem Lauf. 
Vom  Standpunkt  der  Emblemmänner  gesehen  ging  nun  alles  schief.  Die  Ilanths  stürmten 
nicht  über  den  Fluß,  sondern  warteten  auf  die  Karawane.  Motorwagen  mit  riesigen  Rädern 
schwankten dem Fluß entgegen. Sie waren unglaublich hoch mit Ballen, Paketen und Käfigen 
beladen, und in diesen  Käfigen  drängten  sich  Männer und Frauen zusammen. 
Der  Karawanenführer  war  sehr  vorsichtig.  Bevor  die  Wagen  in  die  Furt  gingen,  stellte  er 
Wachen aus und ließ von den Ilanths das andere Ufer absuchen. 
Die  Krieger  der  Emblemmänner  fluchten  und  schäumten  vor  Wut.  „Diese  Reichtümer! 
Sechzig hochbeladene Wagen! Aber es wäre Selbstmord, hier einen Angriff zu wagen." 
„Das ist richtig. Ihre Sandstrahler würden uns wie Vögel töten." 
„Wir sind unter dem Einfluß von Braz! Nichts gelingt uns mehr!" 
„Braz — oder unter dem Einfluß jenes schwarzhaarigen Zauberers, der Jad Piluna schlug." 
„Immer hatten wir Erfolg, und jetzt verdirbt er uns den Beutezug." 
Die  Männer  warfen  Reith  giftige  Blicke  zu.  Dann  hielten  die  Krieger  Rat.  „Wir  erreichen 
nichts. Man würde unsere Männer töten und die Embleme in den Fluß streuen." 
„Sollen wir ihnen folgen und nachts angreifen?" 
„Nein. Sie sind zu gut bewacht. Der Führer heißt Baojian. Er geht kein Risiko ein. Seine Seele 
gehört Braz!" 
„Nun, dann haben wir ganz umsonst drei Monate lang gefaulenzt." 
„Besser umsonst als ein Unglück! Zurück zum Lager! Wir gehen dann nach Meraghan. Hier 
haben wir nichts mehr zu suchen." 
Ohne  noch  einmal  zurückzusehen,  ritten  die  Krieger  über  die  Steppe  davon.  Gegen  Abend 
erreichten  sie  müde  und  mißmutig  das  Lager.  Die  Frauen  hatten  alles  gepackt  und  wurden 
beschimpft, weil sie kein heißes Bier für die Rückkehrer bereitgestellt hatten. Aber auch die 
Frauen  schimpften  und  bezogen  dafür  Prügel.  Schließlich  halfen  alle  zusammen,  um  die 

background image

Wagen abzuladen. 
Traz  Onmale  stand  abseits  und  brütete  vor  sich  hin.  Reith  wurde  von  allen  übersehen.  Die 
Krieger aßen gewaltige Mengen, brummten und schimpften dabei und legten sich endlich um 
das Feuer. 
Az  stand  schon  am  Himmel,  und  nun  folgte  ihm  der  blaue  Mond  Braz.  Das  bemerkten  die 
Zauberer und deuteten klagend hinauf. Die beiden Monde schoben sich zusammen; es schien, 
als wollten sie zusammenstoßen. Die Krieger murmelten drohend. Aber Braz schob sich vor 
die  rosa  Scheibe  und  bedeckte  sie  völlig.  Der  Zauberhäuptling  tat  einen  wilden  Schrei  zum 
Himmel hinauf: „Dann sei es so!" 
Traz Onmale drehte sich um und verschwand langsam in den Schatten, wo noch immer Reith 
stand. „Was soll denn der Tumult?" fragte dieser Traz. 
„Hast du es nicht gesehen? Braz hat Az überwältigt. Morgen nacht muß ich nach Az  gehen, 
um unser böses Geschick zu wenden. Du wirst allerdings nach Braz müssen." 
„Wie? Mit dem Katapult?" „Ja;    ich    war   glücklich,    daß    ich Onmale so lange tragen 
durfte. Dessen Träger war kaum mehr als halb so alt wie ich, als er nach Az geschickt wurde." 
„Hat dieses Ritual irgendeinen praktischen Wert?" fragte Reith. 
Traz  Onmale  zögerte.  „Nun,  das  erwarten  sie;  sie  erwarten  auch,  daß  ich  mir  im  Feuer  die 
Kehle durchschneide. Also muß ich es wohl tun. Mir bleibt nichts übrig, als zu gehorchen." 
„Wir gehen nun besser", schlug Reith vor. „Sie werden schlafen wie Murmeltiere. Wenn sie 
erwachen, sind wir weit weg." 
„Was? Wir beide? Wohin sollen wir gehen?" 
„Ich weiß auch nicht. Gibt es denn hier kein Land, wo ein Volk ohne Morde leben kann?" 
„Vielleicht gibt es solche Plätze, aber nicht auf der Amansteppe." 
„Wenn  wir  uns  das  Raumboot  wieder  beschaffen  könnten,  und  wenn  ich  Zeit  hätte,  es  zu 
reparieren, könnten wir Tschai verlassen und zur Erde zurückkehren." 
„Unmöglich. Die Chasch haben das Schiff geholt. Für dich ist es für immer verloren." 
„Das  habe  ich  gefürchtet.  Aber  wir  gehen  jetzt  wohl  besser,  bevor  morgen  das  Morden 
beginnt." 
Traz  Onmale  starrte  zu  den  Monden  hinauf.  „Onmale  befiehlt  mir  zu  bleiben.  Ich  darf  das 
Emblem nicht verraten; es hat nie die Flucht ergriffen. Immer hat es seiner Pflicht gehorcht — 
bis zum Tod." 
„Einen nutzlosen Selbstmord verlangt auch die Pflicht nicht", wandte Reith ein. Er griff nach 
Traz  Onmales  Hut  und  nahm  das  Emblem  ab.  Traz  gab  einen  Schmerzenslaut  von  sich  und 
versuchte Reith das Emblem zu entreißen. 
„Du bist nicht mehr Traz Onmale, du bist jetzt Traz", sagte Reith. 
Der  Junge  schien  zusammenzuschrumpfen.  „Nun",  sagte  er  leise,  „ich  habe  wirklich  keine 
Lust  zu  sterben."  Er  warf  einen  Blick  über  das  Lager.  „Wir  müssen  zu  Fuß  weg.  Wenn  wir 
versuchen die Springpferde zu satteln, so werden sie heulen und die Hörner aneinanderreihen. 
Warte  hier.  Ich  werde  Mäntel  holen  und  etwas  Nahrung  zusammentragen."  Er  verschwand 
und ließ Reith mit dem Emblem Onmale allein. 
Reith sah es nachdenklich an; dann bohrte er mit dem Stiefel ein Loch in den Boden und ließ 
es  hineinfallen.  Schuldbewußt  bedeckte  er  es  mit  Erde.  Als  er  sich  erhob,  zitterten  seine 
Hände, und Schweiß rann ihm über den Rücken. 
Die Monde glitten weiter. Es ging auf Mitternacht. Das Lagerfeuer war niedergebrannt; kein 
Laut war zu hören. 
Unhörbar war der  Junge zu ihm getreten. „Ich bin fertig", flüsterte  er. „Hier ist dein Mantel 
und ein Paket mit Essen." 
Sie  verschwanden  nach  Norden,  stiegen  einen  Hügel  hinauf  und  gingen  auf  dessen  Rücken 
weiter.  „Wenn  wir  in  den  Wald  kommen,  wo  mein  Schleudersitz  hängen  muß,  sind  wir 
wesentlich sicherer", erklärte Reith. „Und dann ..." Aber die Zukunft lag schwarz vor ihnen. 
Die  Monde  warfen  ein  geisterhaftes  Licht  auf  die  Steppe.  Aus  nicht  sehr  großer  Entfernung 

background image

kam das Heulen von Hunden. „Leg dich hin", zischte Traz. Sie suchen nach verirrten Kindern. 
Die Hunde sind los." Nun wandten sie sich nach  Süden. „Der Morgen ist  nahe", sagte Traz. 
„Wenn  sie  erwachen,  werden  sie  uns  suchen.  Wir  könnten  sie  in  die  Irre  führen,  wenn  wir 
zum Fluß kommen — wenn die Marschmänner uns nicht fangen." 
Zwei  Stunden  gingen  sie  weiter.  Am  östlichen  Himmel  zeigte  sich  wäßriges,  gelbes  Licht 
hinter  langgezogenen  schwarzen  Wolken;  dahinter  war  der  Wald.  „Jetzt  wird  es  im  Lager 
lebendig",  sagte  Traz  und  sah  sich  um.  „Die  Frauen  zünden  die  Feuer  an,  und  der  Zauberer 
wird den Onmale suchen. Das bin ich gewesen. Das Lager wird in Aufruhr sein. Sie werden 
bald auf unserer Spur sein." 
Am  Waldrand  nisteten  noch  die  Schatten  der  Nacht.  Traz  zögerte  und  blickte  zur  Steppe 
zurück. 
„Wie weit ist es bis zum Sumpf?" fragte Reith. 
„Nicht weit. Vielleicht zwei Meilen, Aber ich rieche ein Berltier." 
Reith schnupperte und bemerkte einen scharfen Geruch. 
„Vielleicht  ist  es  nur  eine  Spur",  meinte  Traz,  „aber  die  Emblemmänner  werden  bald  hier 
sein. Wir müssen den Fluß erreichen." 
„Zuerst den Schleudersitz!" beharrte Reith. 
Traz zuckte die Achseln. Reith warf einen Blick zurück. Am Horizont waren dunkle Flecken 
zu  erkennen,  die  rasch  größer  wurden.  Er eilte  Traz nach,  der vorsichtig  im  Wald  vordrang. 
Ungeduldig  trieb  ihn  Reith  zur  Eile  an, und  bald  liefen sie über  den  weichen,  mit modrigen 
Blättern  bedeckten  Waldboden.  Weit  hinten  hörten  sie  wildes  Geschrei.  Traz  blieb  stehen. 
„Hier ist der Baum." Er deutete hinauf. „Ist es das, was du wolltest?" 
„Ja", antwortete Reith, sichtlich erleichtert. „Ich fürchtete schon, es sei verschwunden." 
Traz  kletterte  hinauf  und  ließ  den  Sitz  herab.  Reith  öffnete  die  Schnalle,  küßte  vor  Freude 
seine  Handwaffe  und  schob  sie  in  den  Gürtel.  Dann  schnallte  er  sich  die  Notausrüstung  auf 
den Rücken. „Gehen wir." 
Traz  verwischte  sorgfältig  die  Spuren,  umging  den  Sumpf,  schwang  sich  an  einem  tief 
hängenden Ast  über  einen  Wassergraben,  erkletterte einen  höheren  Baum  und schnellte sich 
an  ihm  weiter,  bis  unter  ihm  ein  dichter  Klumpen  Riedgras  erschien.  Reith  folgte  ihm.  Die 
Stimmen der Krieger waren nun deutlich zu hören. 
Sie erreichten nun das Flußufer, ein träge fließendes schwarzbraunes Gewässer. Traz fand ein 
Floß  aus  Treibholz,  Lianen  und  Binsen  und  schob  es  in  das  Wasser.  Dann  versteckten  sich 
beide in den hohen Binsen. Wenige Minuten später kamen vier Emblemmänner an den Rand 
des  Sumpfes,  und  ein  Dutzend  weitere  folgten  mit  schußbereiten  Katapulten.  Am  Flußufer 
bemerkten  sie  die  Floßspuren  und  suchten  den  Fluß  ab.  Das  Floß  trieb  ein  ganzes  Stück 
stromabwärts  zum  anderen  Ufer.  Die  Krieger  erhoben  ein  wütendes  Geschrei  und  rannten 
durch Sumpf und Ried das Flußufer entlang dem Floß nach. 
„Schnell  jetzt",  wisperte  Traz.  „Wir  können  sie  nicht  lange  täuschen.  Wir  gehen  auf  ihren 
Spuren zurück." 
Bald  waren  sie  wieder  im  Wald  und  hörten  wenig  später  erneut  die  wütenden  Rufe.  „Jetzt 
kommen  sie  auf  ihren  Springpferden",  stöhnte  Traz,  „und  dann  werden  wir  ihnen  nie 
entkommen." Plötzlich blieb er stehen. „Das Berltier. Rasch, den Baum hinauf." Reith folgte 
ihm, und die Notausrüstung baumelte von seinem Rücken. „Höher, viel höher", drängte Traz. 
„Das Vieh kann hoch springen." 
Es war ein riesiges, fahlbraunes Tier mit einem ungeheuren Maul. Aus seinem Hals wuchs ein 
Paar langer Arme, die in hornigen Händen ausliefen. Es warf aber nur einen kurzen Blick den 
Baum  hinauf  und  schien  auf  die  Rufe  der  Krieger  zu  horchen.  Reith  hatte  noch  nie  ein  so 
gefährliches, bösartiges Tier gesehen. 
Es verschwand im Wald. Wenig später hörten die Verfolgungsgeräusche auf. „Schnell jetzt", 
flüsterte Traz. „Sie riechen das Berltier." 
Sie  kletterten  vom  Baum  herunter  und  flohen  nach  Norden.  Hinter  sich  hörten  sie 

background image

Entsetzensschreie  und  ein  kehliges  Brüllen.  „Jetzt  sind  wir  in  Sicherheit  vor  den 
Emblemleuten",  sagte  Traz  mit  hohler  Stimme.  „Die  Lebenden  werden  uns  in  Ruhe  lassen. 
Aber  was  wird  mit  dem  Stamm  geschehen,  wenn  sie kein  Onmale  mehr  haben?  Werden sie 
alle sterben?" 
„Das glaube ich nicht", meinte Reith beruhigend. „Dafür werden die Zauberer schon sorgen." 
Vor ihnen breitete sich die Steppe aus. „Was liegt im Westen von uns?" erkundigte sich Reith. 
„Und im Süden?" 
„Im  Westen  liegt  das  Land  der  Alten  Chasch,  dann  folgen  die  Jangberge.  Jenseits  davon 
wohnen die  Blauen Chasch, und die  Aesedrabucht liegt unmittelbar dahinter.  Im Süden sind 
Marschen.  Auf  Flößen  leben  dort  die  Marschmänner.  Sie  sind  anders  als  wir:  kleine  gelbe 
Leute mit weißen Augen; sehr grausam und listig, fast wie die Blauen Chasch." 
„Gibt es keine Städte?" 
„Nein.  Nur  im  Norden  gibt  es  einige  Ruinenstädte.  An  den  Steppenrändern  liegen  uralte 
Städte. Sie sind verlassen; nur ein paar Phung hausen in den Ruinen. Ich weiß eben nur das, 
was die Zauberer gesagt haben. Hast du auch Hunger? Dann wollen wir essen." 
Sie saßen auf einem toten Baumstamm und aßen Haferkuchen. Aus Lederflaschen tranken sie 
Bier  dazu.  Traz  zeigte  Reith  ein  niedriges  Kraut  mit  weißen  Kügelchen.  „Das  ist  die 
Pilgerpflanze.  Solange  wir  die  finden,  werden  wir  nicht  verhungern.  Und  siehst  du  die 
schwarzen  Klumpen  dort?  Das  ist  Watak.  In  den  Wurzeln  haben  sie  ungeheuer  viel  Saft 
aufgespeichert. Trinkt man nichts anderes als diesen Wataksaft, dann wird man taub, aber für 
kurze Zeit schadet er nicht." 
Reith öffnete seine Notausrüstung. „Ich kann mit diesem Film hier Grundwasser heraufholen 
oder mit diesem Reiniger Seewasser trinkbar machen ... Das sind Nahrungspillen, und sie rei-
chen  einen  Monat  lang  ...  Und  das  ist  eine  Energiezelle...  Ein  Verbandkasten  ...  Messer, 
Kompaß, Scanskop ... Funkgerät..." Reith prüfte es sofort. 
„Wofür ist denn das Gerät?" erkundigte sich Traz. 
„Das ist die eine Hälfte eines Verständigungssystems. In Paul Waunders Ausrüstung war die 
andere  Hälfte,  aber  die  befand  sich  im  Raumboot.  Ich  kann  ein  Signal  aussenden,  und  dann 
kommt  vom  anderen  Geräteteil  die  automatische  Antwort  und  zeigt  dessen  Standort  an." 
Reith  drückte  auf  einen  Knopf.  Eine  Kompaßnadel  schwang  nach  Nordwesten,  und  ein 
Rechner  gab  die  weiße  Zahl  6.2  und  eine  rote  2  an.  „Der  andere  Geräteteil  muß  —  und 
wahrscheinlich auch das Raumboot — 6.2 mal 10 pro Sekunde oder 620 Meilen nordwestlich 
von hier sein." 
„Das wäre im Land der Blauen Chasch. Das wußten wir." 
Reith sah sehnsüchtig nach Nordwesten. „Wir wollen doch nicht in die Marschen nach Süden 
oder in den Wald zurück. Was liegt im Osten jenseits der Steppe?" 
„Ich weiß es nicht. Vielleicht der Draschadeozean. Er ist sehr weit weg." 
„Kommen von dorther die Karawanen?" 
„Coad  liegt  an  einem  Golf  des  Draschade.  Zwischen dort  und  uns  liegt  die Amansteppe mit 
verschiedenen Stämmen." 
Reith  überlegte.  Sein  Raumboot  hatten  die  Blauen  Chasch  nach  Nordwesten  gebracht;  also 
war es vernünftig, dorthin zu ziehen. 
Traz  döste  vor  sich  hin.  Solange  er  das  Onmaleemblem  trug,  war  er  stark  und  unermüdlich 
gewesen. Jetzt, nach dem Verlust seines Emblems, war er hoffnungslos und verzagt und blieb 
zurückhaltender, als Reith für natürlich hielt. 
Auch er war müde. Die Sonne schien warm, und der Platz mochte sicher sein. Aber er zwang 
sich zur Wachsamkeit und packte seine Geräte wieder ein, während Traz schlief. 
 
 
 

4. 

background image

 
Traz  erwachte.  Rasch  sprang  er  auf.  Auch  Reith  sprang  auf  die  Beine;  sie  hatten  es  nicht 
besprochen, aber sie verstanden einander ohne Worte und wandten sich nach Nordwesten. Es 
war  Morgen,  und  die  Sonne  hing  wie  eine  polierte  Messingscheibe  am  schieferfarbenen 
Himmel.  Die  Luft  war  köstlich  frisch,  und  zum  erstenmal  seit  seiner  Ankunft  auf  Tschai 
fühlte sich Reith in ausgesprochen guter Laune. Sein Körper war wieder stark, er hatte seine 
Notausrüstung gefunden, und er wußte auch, wo sich ungefähr sein Raumboot befand. 
Nach  dem  Mittagsimbiß  schliefen  sie  eine  Weile,  und  am  Spätnachmittag  machten  sie  sich 
erneut  auf  den  Weg.  In  der  Nacht  hörten  sie  das  Heulen  von  Steppenhunden,  wurden  von 
ihnen aber nicht belästigt. 
Am  Morgen  des  dritten  Tages  trieb  ein  weißer  Fleck  über  den  Himmel,  und  Traz  bedeutete 
Reith, er solle in Deckung gehen. „Dirdir! Sie sind auf der Jagd!" 
Durch  sein  Scanskop  erkannte  Reith  einen  langen,  flachen,  bootsähnlichen  Rumpf,  der 
unbeholfen  durch  die  Luft  torkelte.  Vier  Gestalten  klammerten  sich  am  Rumpf  fest.  „Was 
jagen sie denn?" wollte Reith wissen, der dem Ding gespannt nachsah. 
„Menschen. Eine Art Sport." „Dieses Ding könnte ich brauchen", überlegte Reith lauter, aber 
das Flugboot verschwand nach Norden. 
Am  Abend,  als  ein  Nebel  über  die  kleine  Sonne  zog,  wurde  Traz  unruhig.  „Es  folgt  uns 
jemand", sagte er. „Es könnten Pnumekin sein, die man nicht sieht. Oder Nachthunde." 
„Die Pnumekin sind doch Menschen, oder?" 
„In gewissem Sinn. Es sind Spione, die Kuriere der Pnume. Manche sagen, sie hätten Tunnels 
unter der Steppe mit geheimen Eingängen und Fallen — vielleicht sogar unter diesem Busch 
hier!" Reith untersuchte den Busch, fand aber nichts. „Würden sie uns etwas Übles antun?" 
„Nur  wenn  die  Pnume  unseren  Tod  wünschten.  Wer  weiß  aber,  was  sie  wollen?  Doch 
vielleicht sind es nur Nachthunde. Wir werden wohl besser heute ein Lagerfeuer anzünden." 
Am folgenden Nachmittag kamen sie zu einer Ruinenstadt, die von den Grünen Chasrfi oder 
den Phung bewohnt sein konnte. Die Phung  glichen den Pnume, waren  aber  größer und von 
einer ungeheuren Kraft, welche jener der Grünen Chasch glich. „Wir müssen ganz vorsichtig 
sein", warnte Traz. 
„Wer hat denn diese alten Städte gebaut?" wollte Reith wissen. 
Traz  zuckte  die  Achseln.  „Das  weiß  niemand.  Vielleicht  die  Alten  Chasch,  oder  die  Blauen 
Chasch. Vielleicht auch die Graumänner, aber das glaubt eigentlich niemand." 
Es gab unendlich viele Rassen auf Tschai: Dirdir und Dirdirmenschen; Alte, Grüne und Blaue 
Chasch und Chaschmenschen; Pnume und deren  menschliche Art, die Pnumekin; die gelben 
Marschmenschen,  verschiedene  Nomadenstämme, die berühmten  „Goldenen"  und jetzt  auch 
noch  die  Graumänner.  „Und  dann  sind  da  noch  die  Wankh  und  Wankhmenschen  auf  der 
anderen  Seite  von  Tschai",  erklärte  Traz,  aber  er  wußte  nicht,  wie  sie  alle  nach  Tschai 
gekommen waren und woher. 
Vorsichtig  schlichen  sie  in  die  Stadt  hinein;  alte  Bauten,  früher  einmal  riesige  Paläste  und 
hohe Hallen, waren verfallen, und nur noch da und dort standen eine Säule, ein Stück Mauer. 
Zwischen den Ruinen breiteten sich weite, windverblasene Plätze aus. 
Auf  dem  größten  Platz  fanden  sie  einen  Brunnen, dessen  Wasser  aus  einem  Stein  quoll und 
nach  Reiths  Meinung  trinkbar  war.  Traz  behauptete,  ein  Phung  sei  dagewesen,  und  wollte 
nicht  trinken.  Dann  sah  er  etwas,  das  Reiths  Aufmerksamkeit  entgangen  war.  „Da,  das 
Dirdirboot!" Sie suchten Deckung unter einem überhängenden Betonstück. Einen Augenblick 
später  rauschte  das  Boot  über  sie  weg,  zog  einen  großen  Kreis  und  schwebte  in  etwa 
zweihundert  Metern  Höhe  über  einem  Platz.  „Komisch",  flüsterte  Traz,  „als  ob  sie  wüßten, 
daß wir da sind." 
„Vielleicht  haben  sie  ein  Infrarotsuchgerät.  Auf  der  Erde  können  wir  die  Spuren  eines 
Menschen an der Wärme seiner Fußstapfen ablesen." 
Das  Flugboot  verschwand  nach  einer  Weile.  Bald  sank  die  Sonne,  und  Reith  suchte  einen 

background image

Unterschlupf für die Nacht. Sie wählten einen Treppenabsatz am Ende  einer halbverfallenen 
Stiege, wo sie vor Tieren sicher waren. Sie holten einige Armvoll dünner Zweige und Gräser 
zusammen,  um  ein  Bett  zu  bereiten.  Es  wurde  dämmrig.  Auf  dem  Platz  erschien  ein  Mann, 
der vor Müdigkeit taumelte. Er wankte zum Brunnen und trank gierig. Reith sah mit seinem 
Scanskop  hinüber.  Der  Mann  war  groß,  schlank,  mit  langen  Armen  und  Beinen,  einem 
langen,  hageren  Kopf,  der  fast  kahl  war,  runden  Augen,  einer  kleinen  Knopfnase  und 
winzigen Ohren. Seine rosa-blau-schwarze Kleidung war früher einmal sehr elegant gewesen, 
und  auf  dem  Kopf  trug  er  ein  Ding  aus  rosafarbenen  Falten  und  schwarzen  Bändern. 
„Dirdirmensch", wisperte Traz und machte sein Katapult schußbereit. 
„Was tust du?" fragte Reith. „Du kannst nicht einfach auf ihn schießen! Er hat uns doch nichts 
getan!" 
„Aber er würde uns etwas tun, wenn er könnte", brummte Traz, legte jedoch seine Waffe weg. 
Der  Dirdirmann  hatte  getrunken  und  sah  sich  um.  „Vielleicht  ist  er  ein  Flüchtling",  meinte 
Traz. 
Der  Mann  überquerte  den  Platz  und  fand  einen  Unterschlupf  ganz  in  der  Nähe  der  beiden. 
Dort zog er seine Gewänder fester um sich und legte sich nieder. Traz murmelte etwas, legte 
sich zurück und schien sofort einzuschlafen. Reith saß da und betrachtete die Ruinen in denen 
sie  waren.  Dann  schob  sich  Braz  in  den  Himmel,  und  die  Pfeiler  und  Mauerreste  warfen 
doppelte  Schatten.  Am  Ende  einer  breiten  Gasse  stand  eine  hohe  Statue.  Aber  die  habe  ich 
doch vorher nicht gesehen? überlegte Reith. Auf dem Kopf trug sie einen breitrandigen Hut, 
und ein Mantel hing um ihre Schultern. Die Beine schienen in Stiefeln zu stecken. Reith sah 
mit  seinem  Scanskop  hinüber.  Das  Gesicht  der  Statue  lag  im  Schatten,  doch  durch  die 
Gummilinse  konnte  er  deutlich  hagere,  halb  menschliche,  halb  insektenähnliche  Züge 
erkennen.  Langsam  bewegten  sich  die  Kiefer  ...  Das  Wesen  bewegte  sich.  Mit  langsamen 
Schritten kam es näher, blieb wieder stehen. Traz war inzwischen wach geworden und folgte 
Reiths Blicken.  „Ein  Phung!"  flüsterte  er. „Es  sind verrückte  Dämonen!"  Das Wesen  schien 
das Flüstern gehört zu haben, denn es tat zwei große Schritte seitwärts. 
Der Dirdirmann schien den Phung noch nicht bemerkt zu haben, und dieser kam anscheinend 
freudig überrascht näher, blieb bewegungslos stehen, hob dann ein paar Kieselsteine auf, hielt 
seinen langen Arm über den Dirdirmann und ließ sie fallen. 
Der fuhr zusammen, sah das Wesen aber nicht und legte sich wieder zurecht. „He!" rief Reith, 
und  die  Wirkung  seines  Warnrufes  auf  das  Wesen  war  äußerst  komisch.  Es  tat  einen 
Riesensprung  rückwärts,  starrte  zum  Treppenabsatz  hinauf  und  breitete  die  Arme  aus.  Der 
Dirdirmann  entdeckte  nun  den  Phung  und  konnte  sich  vor  Angst  nicht  bewegen.  „Schieße 
dem  Phung  mit  deinem  Katapult  in  den  Kopf",  befahl  Reith  dem  entsetzten  Traz.  Der  Pfeil 
schwirrte  dem  blassen  Gesicht  entgegen,  aber  im  letzten  Augenblick  drehte  der  Phung  den 
Kopf weg, hob einen Felsbrocken auf, holte aus und warf mit unheimlicher Kraft. Reith und 
Traz duckten sich, und der Stein zerbarst hinter ihnen. Nun verlor Reith keine Zeit mehr und 
zielte mit seiner Pistole! Er drückte auf den Knopf; es zischte, und die Nadel explodierte im 
Brustkorb des Phung. Der tat einen Satz in die Luft, krächzte vor Wut und sank zusammen. 
Traz umklammerte Reiths Schulter. „Und jetzt den Dirdirmann!" 
Aber Reith ging die Treppe herunter. Der Dirdirmann zog sein Schwert,  offensichtlich seine 
einzige Waffe. Reith schob die seine in den Gürtel und hielt dem Fremden die Hand entgegen. 
„Lege dein Schwert weg. Wir haben keinen Grund, gegeneinander zu fechten." 
Entgeistert trat der Dirdirmann einen Schritt  zurück.   „Warum  hast  du  den Phung getötet?" 
„Weil er sonst dich getötet hätte. Warum sonst?" 
„Aber wir sind  doch  Fremde! Und  du bist  ein Halbmensch. Willst du mich vielleicht töten? 
Wenn ja ..." 
„Nein", erwiderte Reith. „Ich will dich nur etwas fragen. Dann kannst du deiner Wege gehen." 
Der  Dirdirmann  zog  eine  Grimasse.  „Du  bist  wohl  ebenso  verrückt  wie  dieser  Phung.  Aber 
warum soll ich dir widersprechen?" Er trat ein paar Schritte näher, um Traz und Reith besser 

background image

zu sehen. „Wohnt ihr hier?" 
„Nein. Wir sind auf der Reise." 
„Dann wißt ihr wohl keinen passenden Platz, wo ich die Nacht verbringen könnte?" 
Reith deutete die Treppe hinauf. „Klettere hinauf. Wir haben uns dort ein Lager hergerichtet." 
Der Dirdirmann schnippte mit den Fingern. „Das ist absolut nicht nach meinem Geschmack, 
und  es  könnte  regnen.  Jedoch,  ihr  seid  freundliche  Leute,  und,  wie  ich  sehe,  intelligent.  Ich 
bin müde und muß ruhen. Ihr könnt Wache halten, während ich schlafe." 
„Töte doch diesen anmaßenden Kerl!" knurrte Traz. 
Der  Dirdirmann  lachte;  es  war  mehr  ein  stöhnendes  Kichern.  „Du  bist  ein  seltsamer 
Halbmensch",  wandte  er  sich  an  Reith.  „Deinen  Typ  kenne  ich  nicht.  Ein  seltener  Hybride? 
Wo ist deine Heimat?" 
Reith hatte beschlossen, so wenig Aufmerksamkeit wie möglich auf sich zu ziehen und seine 
irdische Herkunft nicht mehr zu erwähnen. Aber Traz, der sich über den Dirdirmann ärgerte, 
schrie  wütend:  „Er  kommt  von  der  Erde,  einer  fernen  Welt!  Sie  ist  die  Heimat  richtiger 
Menschen, wie ich einer bin. Du bist eine Mißgeburt!" 
„Oh, Verrückte", stellte der Dirdirmann gelassen fest. „Nun ja, das war ja auch zu erwarten." 
„Was tust du hier?" fragte Reith, um den Fremden abzulenken. „Hat dieser Dirdirflieger nach 
dir Ausschau gehalten?" 
„Ja, das fürchte ich. Aber sie fanden mich nicht." 
.Welches Verbrechen hast du begangen?" 
„Das würdest du kaum verstehen; es liegt jenseits deiner Fähigkeiten." 
Reith  lächelte  belustigt.  „Ich  gehe  jetzt  schlafen.  Wenn  du  morgen  noch  leben  willst,  dann 
klettere  hinauf."  Er  kehrte  mit  Traz  zu ihrem  Lager zurück,  und der  Dirdirmann ließ  sich  in 
ihrer Nähe nieder. 
Im  Licht  der  Morgendämmerung  stellten  sie  fest,  daß  der  Dirdirmann  fort  war.  Sie  stiegen 
zum  Platz  hinunter,  fachten  ein  kleines  Feuer  an  und  vertrieben  die  Nachtkühle  aus  ihren 
Gliedern. Da erschien der Dirdirmann. 
Langsam kam er näher. Er sah wie ein Harlekin in Lumpen aus. Traz furchte die Brauen und 
stocherte  im  Feuer  herum,  aber  Reith  rief  ihm  einen  freundlichen  Gruß  zu.  „Komm  zu  uns, 
wenn du willst!" 
Der  Dirdirmann  kam  näher,  schwieg  aber  eine  ganze  Weile.  „Je  genauer  ich  euch  beide 
ansehe, desto rätselhafter erscheint ihr mir", sagte er schließlich. „Woher kommt ihr?" 
„Woher kommst du?" fragte Reith zurück. 
„Ich?  Das  ist  kein  Geheimnis.  Ich  bin  Ankhe  Anacho  und  bin  in  Zumberwal  in  der 
Vierzehnten  Provinz  geboren.  Man  hat  mich  zum  Verbrecher  erklärt  und  zum  Flüchtling 
gemacht.  Euch  geht  es  wohl  nicht  anders  als  mir.  Da  sitzen  wir  nun,  drei  verwahrloste 
Wanderer an einem Feuer." 
Reith  fand  die  Frivolität  des  Dirdirmann  erfrischend.  „Welches  Verbrechen  hast  du 
begangen?" 
„Du wirst das schwer verstehen. Nun, ich mißachtete die Verdienste eines gewissen Enze Edo 
Ezdowirram,  der  mich  dem  Rat  der  Ersten  Rasse  meldete.  Ich  vertraute  deren  Klugheit  und 
weigerte mich, mich züchtigen zu lassen. Ich wiederholte meine Beleidigung mindestens ein 
Dutzendmal. Schließlich entzog ich Enze Edo ungefähr eine Meile über der Steppe in einem 
Zustand  der  Erregung  seinen  Sitz."  Ankhe  Anacho  machte  eine  fatalistische  Geste.  „Nun, 
jedenfalls  entwischte  ich  den  Züchtigern.  Und  nun  bin  ich  hier  und  habe  nur  noch  mein 
Köpfchen." 
Traz  brummte  etwas  und  sprang  auf,  um  sich  sein  Frühstück  zu  suchen  —  Insekten,  die  er 
heißhungrig  verschlang.  Der  Dirdirmann  lief  ihm  nach  und  tat  desgleichen.  Reith  begnügte 
sich mit einer Handvoll Pilgerpflanzen. 
Ankhe Anacho kehrte gesättigt zurück und inspizierte Reiths Kleidung und Ausrüstung. „Ich 
glaube, der Junge sagte ,Erde, ein ferner Planet'. Fast könnte ich es glauben, sähst du nicht wie 

background image

ein Halbmensch aus, und das läßt den Gedanken absurd erscheinen." 
„Die Erde ist der Heimatplanet der Menschen", erklärte Traz überheblich. „Wir sind richtige 
Menschen. Du bist eine Mißgeburt." 
„Ist das der Kult der Halbmenschen?" wandte sich Anacho an Reith. „Nun, mir kann's gleich 
sein." 
„Dann  erleuchte  uns  doch",  bat  Reith  sanft.  „Wie  kamen  die  Menschen  zum  Planeten 
Tschai?" 
Anacho machte eine großartige Geste. „Die Geschichte ist allgemein bekannt. Auf Sibot, der 
Heimatwelt, legte der Große Fisch ein Ei. Es schwamm zur Küste Remuras. Eine Hälfte rollte 
in die Sonne, und daraus wurde der Dirdir. Die andere Hälfte landete im Schatten und gebar 
den Dirdirmenschen." 
„Interessant", sagte Reith. „Aber was ist mit den Chaschmännern? Mit Traz und mir?" 
„Deine  Frage  überrascht  mich.  Vor  fünfzigtausend  Jahren  kamen  die  Dirdir  von  Sibol  nach 
Tschai.  In  den  folgenden  Kriegen  fingen  die  Alten  Chasch  Dirdirmenschen;  andere  wurden 
von Pnume und später auch von den Wankh gefangen. Diese wurden dann Chaschmenschen, 
Pnumekin  und  Wankhmenschen.  Flüchtlinge,  Verbrecher,  Aufrührer  und  biologische 
Abnormitäten vermischten sich mit ihnen und erzeugten die Halbmenschen. Genau so ist es." 
„Erzähle doch diesem Narren von der Erde", forderte Traz Reith auf, doch dieser lachte nur. 
Anacho     musterte     ihn     verwirrt. 
Zweifellos einmalig. Wohin reisest du?" 
Reith deutete nach dem Nordwesten. „Nach Pera." 
„Die Stadt der Verlorenen Seelen. Jenseits der Toten Steppe... Du wirst nie hinkommen. Die 
Grünen Chasch herrschen über die Tote Steppe." 
„Man  muß  ihnen  doch  ausweichen  können.  Wie  Karawanen,  zum  Beispiel.  Wo  ist  die 
Karawanenstraße?" 
„Nicht weit von hier. Etwas nördlich." 
„Dann reisen wir mit einer Karawane." 
„Man  könnte  dich  als  Sklaven  verkaufen.  Karawanenführer  sind  sehr  skrupellos.  Warum 
willst du nach Pera?" 
„Ich habe meine Gründe. Was hast du vor?" 
„Nichts.  Ich  bin  ein  Vagabund,  wie  ihr auch. Wenn es euch  nichts  ausmacht,  werde  ich  mit 
euch gehen." 
„Wie du meinst", erklärte Reith und überhörte Traz' Protest. 
Sie erklommen Hügel und sahen über die Tote Steppe, nachdem sie einen Tag lang gewandert 
waren.  Es  war  eine  endlose,  graue  Ebene,  nur  ein  Ginsterbusch  wuchs  da  und  dort,  und 
Pilgerpflanzen  drängten  sich  zu  niedrigen  Gebüschen  zusammen.  Vom  Südosten  lief  eine 
Doppelspur  um  den  Fuß  des  Hügels  und verschwand  im  Nordwesten zwischen  Felsblöcken. 
Eine  andere  Spur  verlor  sich  zwischen  den  Hügeln,  und  eine  dritte  schwang  sich  nach 
Nordosten. 
Traz  deutete.  „Sieh  doch  mal  da  hinüber  durch  dein  Instrument."  Reith  hob  sein  Scanskop. 
„Was siehst du?" 
„Gebäude. Nicht viele. Vielleicht ein Dorf. Geschützstellungen in den Felsen." 
„Dann ist es das Kazabirdepot", überlegte Traz. „Dort tauschen die Karawanen ihre Ladungen 
aus. Die Kanonen sollen die Grünen Chasch abschrecken." 
„Oh, vielleicht ist dort sogar ein Gasthaus!" rief der Dirdirmann erfreut.  „Kommt, ich sehne 
mich nach einem Bad." 
„Wie werden wir bezahlen?" fragte 
Reith. „Wir haben weder Münzen noch Waren." 
„Keine  Angst",  erklärte  der  Dirdirmann.  „Ich  trage  genügend  Sequinen  bei  mir.  Sie  reichen 
für uns alle. Wir sind nicht undankbar, und ihr habt mir gut gedient. Auch der Junge da soll 
eine zivilisierte Mahlzeit bekommen — vielleicht zum erstenmal." 

background image

Traz  setzte  zu  einer  hochfahrenden  Antwort  an,  bemerkte  aber,  wie  Reith  belustigt  lächelte. 
„Wir trennen uns wohl am besten", meinte er. „Dieser Platz ist gefährlich; eine Fundgrube für 
die Grünen Chasch. Seht ihr die Spur? Sie kommen hier herauf und halten nach Karawanen 
Ausschau." Er deutete nach Süden. „Seht, dort kommt eine." 
„In  diesem  Fall  eilen  wir  besser  zum  Gasthaus",  schlug  Anacho  vor,  „damit  wir 
Räumlichkeiten  belegen,  bevor  die  Karawane  hier  ist.  Ich  habe  kein  Verlangen  nach  einer 
weiteren Nacht auf Ginster zweigen.'' 
Die klare Tschailuft und die Weite des Horizonts machten es schwer, die Entfernungen richtig 
abzuschätzen; als die drei am Fuß des Hügels angelangt waren, hatte sich auch die Karawane 
schon  genähert.  Es  waren  sechzig  oder  siebzig  riesige  Wagen,  so  schwer  beladen,  daß  sie 
kopflastig herumschwankten. 
Die Karawane schaukelte an ihnen vorüber. Drei Ilanthpfadfinder ritten stolz wie Könige auf 
Springpferden;  es  waren  große,  breitschultrige  Männer  mit  scharfgeschnittenen,  klugen 
Gesichtern.  Ihre  Haut  war  von  strahlendem  Gelb,  und  ihr  rabenschwarzes  Haar  glänzte  wie 
Lack.  Sie  trugen  schwarze,  in  langen  Spitzen  auslaufende  Kappen,  mit  kieferlosen 
Menschenschädeln,  hinter  denen  fast  fröhlich  ein  Haarschopf  wippte.  Ihre  langen  Schwerter 
glichen  denen  der  Emblemmänner;  außerdem  hatten  sie  im  Gürtel  zwei  Pistolen  und  im 
rechten Stiefel zwei Dolche stecken. Uninteressiert blickten sie auf die drei Fußgänger. 
Einige der Fahrzeuge waren mit großen Käfigen beladen, in denen sich Kinder, junge Männer 
und junge Frauen drängten. Jeder sechste Wagen war mit einer Kanone ausgerüstet, hinter der 
grauhäutige  Männer  in  schwarzen  Lederanzügen  und  Lederhelmen  hockten.  Diese  Kanonen 
hatten kurze, großkalibrige Rohre. 
Etwa  ein  Dutzend  Wagen  war  hoch  mit  schwarzfleckigem  Bauholz  beladen,  andere  Wagen 
wiederum hatten dreistöckige Aufbauten aus alten, verwitterten Brettern mit Kuppeln, Decks 
und schattigen Veranden. Neidvoll sah Reith diesen nach. Man konnte also auch bequem über 
die Steppen von Tschai reisen. Ein besonders massiver Wagen trug ein Haus mit vergitterten 
Fenstern  und  schwer  verriegelten  Türen.  Das  Vorderdeck  war  mit  einem  dichten  Maschen-
zaun umgeben. Drinnen saß eine junge Frau von außerordentlicher Schönheit. Dunkles Haar 
fiel  ihr  auf  die  Schultern,  und  ihre  Augen  waren  klar  wie  goldbraune  Topase.  Sie  trug  ein 
kleines,  rosenrotes  Cape,  ein  dunkelrotes  Tunikakleid  und  weiße,  etwas  verknitterte  und 
angeschmutzte Leinenhosen. Als sie an den drei Wanderern vorüberschaukelte, fing Reith für 
einen Moment ihren Blick auf. Er war erschüttert von der Melancholie in ihren Augen. Unter 
einer offenen Tür am Wagenende stand eine große Frau mit strengen Zügen und glitzernden 
Augen, der starres, kurzes, braungraues Haar vom Kopf abstand. 
Die drei Männer folgten der Karawane in einen weiten, sandigen Hof. Der Karawanenführer, 
ein  kleiner,  flinker  alter  Mann  ließ  die  Wagen in  drei  Reihen  auffahren.  Die  mit den  Waren 
stellte er neben die Lagerhäuser, dann folgten die mit den Sklaven und den Baracken, und an 
sie schlössen sich die Kanonenwagen an, deren Waffen auf die Steppe gerichtet waren. 
Jenseits  des  Hofes  befand  sich  die  Karawanserei,  eine  Herberge  mit  zwei  Stockwerken  aus 
gestampfter  Erde.  Taverne,  Küche  und  Gaststube  nahmen  das  untere  Geschoß  ein,  und 
darüber lagen die Gastzimmer, die sich auf eine Veranda öffneten. Den Wirt fanden die drei 
Wanderer  in  der  Gaststube  —  ein  wuchtiger  Mann  in  schwarzen  Stiefeln  und  brauner 
Schürze,  dessen  Gesicht  so  grau  war  wie  Asche.  Unter  hochgezogenen  Brauen  sah  er  von 
Traz  zu  Anacho  und  von  diesem  zu  Reith,  gewährte  ihnen  aber  ohne  zu  zögern  Unterkunft 
und versprach ihnen die Beschaffung neuer Kleider. 
Die Gastzimmer waren klein, enthielten ein Bett aus Lederriemen, die über einen Holzrahmen 
gespannt waren, einen Tisch mit einer Waschschüssel und einem Wasserkrug. Nach der lan-
gen Steppenwanderung erschien ihnen das fast als Luxus. Reith badete und rasierte sich mit 
dem  Rasierzeug  aus  seinem  Notgepäck  und  zog  die  neuen  Kleider  an,  die  ihn  weniger 
auffällig  erscheinen  ließen:  weite  Hosen  aus  braungrauem  Leinen,  ein  Hemd  aus  rohem, 
weißen Homespun und eine schwarze, kurzärmelige Jacke. Er trat auf die Veranda hinaus und 

background image

sah  in  den  Hof  hinunter  hinüber  zur  Wagenreihe  mit  den  Häusern.  Das  Mädchen  war  eine 
Gefangene, das war ihm klar. Was mochte sie wohl erwarten? 
Ein paar Gegenstände aus seinem Notgepäck schob er, bevor er in die Gaststube hinunterging, 
in seine Taschen; den Rest versteckte er im Wasserkrug. Traz saß bereits in der Gaststube und 
gab  ein  wenig  verlegen  zu,  daß  er  noch  nie  vorher  an  einem  solchen  Ort  gewesen  war  und 
jetzt nicht als Narr erscheinen wolle. Reith lachte und schlug ihm auf die Schulter. 
Auch  Anacho  kam,  und  jetzt  trug  er  die  Kleidung  von  Steppenbewohnern.  Die  drei  gingen 
zum Speisesaal, wo ihnen Brot und eine dicke, dunkle Suppe serviert wurde, nach deren Be-
standteilen Reith nicht zu fragen wagte. 
Nach der Mahlzeit musterte Anacho sein Gegenüber Reith. „Von hier aus willst du nach Pera 
reisen?" erkundigte er sich. „Pera ist das Ziel dieser Karawane. Ich ziehe es vor, zu fahren und 
mache daher den Vorschlag, daß wir uns die beste und bequemste Reisemöglichkeit sichern, 
die der Karawanenführer zu bieten hat." 
„Eine großartige Idee", antwortete Reith. „Nur ..." 
„Oh,  ich  würde  mir  an  deiner  Stelle  keine  Sorgen  machen.  Ich  bin  dir  und  dem  Jungen 
verpflichtet. Ihr beide seid höflich und respektvoll, und deshalb ..." 
Wütend sprang Traz auf. „Ich trug das Emblem Onmale! Verstehst du, was das heißt? Glaubst 
du, ich hätte keine Sequinen mitgenommen, als ich das Lager verließ?" Er warf einen großen 
Beutel auf den Tisch. „Wir hängen nicht von deiner Überheblichkeit ab, Dirdirmann!" 
„Wie du meinst", antwortete Anacho achselzuckend und sah Reith an. 
„Da  ich  selbst  keine  Sequinen  habe",  sagte  nun  Reith,    „nehme  ich  dankbar  an,  was  mir 
geboten wird — gleichgültig von wem." 
In der Gaststube drängten sich die Reisenden der Karawane, und alle riefen nach Essen und 
Trinken.  Als  der  Karawanenführer  seine  Mahlzeit  beendet  hatte,  traten  Anacho,  Traz  und 
Reith  zu  ihm  und  fragten  nach  einer  Reisemöglichkeit.  „Wenn  ihr  es  nicht  sehr  eilig  habt, 
kann  ich  euch  mitnehmen",  antwortete  er.  „Wir  warten  hier  auf  die  Karawane  aus  Aig-
Hedajha, dann reisen wir über Golsse weiter." 
Reith  wäre  es  zwar  lieber  gewesen,  sie  wären  rascher  vorangekommen.  Was  würde 
inzwischen wohl mit dem Raumboot geschehen? Aber es gab keine bessere Reisemöglichkeit, 
und er mußte seine Ungeduld bezähmen. 
Auch  andere  wurden  ungeduldig.  Zwei  Frauen  in  langen,  schwarzen  Gewändern  und  roten 
Schuhen kamen an den Tisch. Eine von ihnen war dünn und lang. „Baojian", fragte sie, „wie 
lange  müssen  wir  hier  warten?  Ich  hörte,  fünf Tage. Das ist  ausgeschlossen!  Wir  werden  zu 
spät im Seminar erscheinen." 
„Wir müssen auf die Karawane warten, die nach dem Süden  reist, und  Waren austauschen", 
antwortete er mit berufsmäßiger Ruhe. „Dann ziehen wir sofort weiter." 
„Wir haben es sehr eilig und können nicht so lange warten!" 
„Ich  versichere  dir,  Alte  Mutter,  daß  ich  dich  so  schnell  wie  möglich  zu  deinem  Seminar 
bringe. Wolltest du sonst noch etwas?" 
Die  alte  Frau  wandte  sich  brüsk  ab  und  ging  zu  einem  Tisch  an  der  Wand.  Reith  war 
neugierig geworden. „Wer sind die beiden?" fragte er. 
„Priesterinnen der Weiblichen Geheimnisse. Kennt ihr den Kult? Er ist überall verbreitet. Aus 
welchem Landesteil kommt ihr?" 
„Aus einer weit entfernten Gegend. Aber wer ist die junge Frau, die man in einem Käfig hält? 
Auch eine Priesterin?" 
Baojian stand auf. „Sie ist eine Sklavin aus Charchan, glaube ich. Man bringt sie nach Fasm 
zu den Riten. Mir ist das egal. Ich bin Karawanenführer. Wen ich mitnehme und zu welchem 
Zweck..."  Er  zuckte  die  Achseln.  „Priesterin  oder  Sklavin,  Dirdirmenschen,  Nomaden  oder 
unklassifizierte Hybriden — mir ist es gleichgültig." Er lachte und ging. 
Sie  kehrten  an  ihren  Tisch  zurück,  und  Anacho  musterte  Reith  nachdenklich.  „Seltsam, 
wirklich  seltsam.  Deine  Ausrüstung  meine  ich.  So  fein  wie  Dirdirzeug.  Der  Schnitt  deiner 

background image

Kleidung  ist  auf  Tschai  unbekannt.  Du  weißt  einerseits  gar  nichts  und  bist  andererseits 
ungemein geschickt. Mir scheint, du bist  wirklich das, was du zu sein behauptest: ein Mensch 
von einer fernen Welt. Natürlich absurd." 
„Ich habe gar nichts behauptet", erwiderte Reith. 
„Das tat der Junge." 
„Dann ist das eine Angelegenheit zwischen euch beiden." Reith wandte sich den Priesterinnen 
zu,  die  sich  mit  ihrem  Essen  beschäftigten.  Zwei  weitere  Priesterinnen  brachten  das  schöne 
Mädchen. Die alte Frau berichtete über ihr Gespräch mit dem Karawanenführer und war noch 
immer  sehr  zornig.    Das  Mädchen  hatte  die  Hände  in  den  Schoß  gelegt  und  starrte  vor  sich 
hin;  als  man  ihr  eine  Suppenschüssel  zuschob,  begann  sie  lustlos  zu  essen.  Reith  mußte  sie 
immerzu  ansehen.  Sie  war  eine  Sklavin.  Würden  die  Priesterinnen  sie  verkaufen? 
Wahrscheinlich  nicht.  Diese  ausgesuchte  Schönheit  war  wohl  für  etwas  ganz  Besonderes 
bestimmt. Reith seufzte und bemerkte, daß andere ebenso fasziniert waren wie er. Sie lachten 
und machten Witze, und nun wurde Reith ärgerlich. Sahen sie denn nicht, wie traurig dieses 
Mädchen war? 
Dann zogen die Priesterinnen das Mädchen in den Hof hinaus und spazierten draußen herum. 
Die  Sonne  verschwand  hinter  den  Hügeln,  und  allmählich  wurde  es  ruhig  in  der 
Karawanserei. In den Wagenhäusern flackerten trübe Lichter. Die Steppen jenseits des Hofes 
waren in fahles Dämmerlicht getaucht. 
Reith  aß  eine  Schüssel  würzigen  Fleisches,  eine  Scheibe  groben  Brotes  und  zum  Nachtisch 
getrocknete Früchte. Traz sah Spielern zu, und Anacho war unsichtbar. Reith ging in den Hof 
hinaus und sah zu den Sternen hinauf. Irgendwo da droben war ein Stern ... 
Die Priesterinnen saßen flüsternd beisammen, und das Sklavenmädchen stand im Käfig. Fast 
gegen  seinen  Willen  trat  Reith  an  den  Wagen  und  blickte  in  den  Käfig  hinein.  „Mädchen", 
sagte er, „Mädchen." 
Sie sah zu ihm hin, sagte aber nichts. 
„Komm hierher, ich will mit dir sprechen", bat Reith. 
Langsam näherte sie sich ihm und sah hinunter. 
„Was werden sie mit dir tun?" fragte er. 
„Ich  weiß  es  nicht."  Ihre  Stimme  klang  weich  und  ein  wenig  heiser.  „Sie  stahlen  mich  aus 
meinem Heim in Cath, brachten mich auf das Schiff und setzten mich in einen Käfig." 
„Warum?" 
„Weil ich schön bin, sagten sie... Seht, sie hören uns. Verstecke dich schnell." 
Reith duckte sich. Eine Priesterin sah in den Käfig hinein, bemerkte aber nichts und eilte zu 
ihren Schwestern zurück. 
„Sie ist jetzt weg", rief das Mädchen leise. 
Reith  stand  auf.  Er  kam  sich  ein  wenig  albern  vor.  „Willst  du  aus  diesem  Käfig  heraus?" 
fragte er. 
„Natürlich!"  Ihre Stimme klang fast  gekränkt. „Ich will mit ihren Riten nichts zu tun haben! 
Sie  hassen  mich,  weil  sie  so  häßlich  sind."  Sie  musterte  Reith.  „Ich  sah  dich  heute.  Du 
standest neben der Fahrspur." 
„Ja. Ich habe dich auch bemerkt." Sie wandte den Kopf. „Sie kommen wieder. Gehe jetzt." 
Reith  huschte  weg,  beobachtete  aber  die  Priesterinnen,  die  das  Mädchen  in  das  Wagenhaus 
drängten. Dann ging er in die Gaststube zurück und sah kurze Zeit einigen Schachspielern zu. 
Traz und der Dirdirmann waren schon lange in ihren Zimmern. Bald folgte ihnen auch Reith. 
 
 
 

5. 

 
Reith erwachte mit  dem  Gefühl einer dunklen Drohung, deren Ursache er nicht kannte. Erst 

background image

später  wurde  ihm  klar,  daß  dieses  Gefühl  mit  dem  Mädchen  und  den  Priesterinnen  zu  tun 
hatte. Verrückt, sich in solche Dinge einzulassen! Was konnte er schon erreichen? 
Zum Frühstück aß er eine Schüssel Haferbrei. Dann setzte er sich draußen auf eine Bank und 
hielt  nach  dem  Mädchen  Ausschau.  Die  Priesterinnen  erschienen  mit  ihr,  sahen  aber  weder 
nach rechts noch nach links. 
Traz kam heraus und setzte sich neben Reith. Er deutete auf die Steppe hinaus. „Eine  große 
Gruppe Grüner Chasch nähert sich", sagte er. „Ich rieche den Rauch ihrer Feuer." 
„Ich rieche nichts", antwortete Reith. 
Traz zuckte die Achseln. „Es sind drei- oder vierhundert." 
„Woher weißt du das?" 
„Wind  und  Rauch.  Eine  kleine  Gruppe  macht  weniger  Rauch  als  eine  große.  Das  sind 
mindestens dreihundert Grüne Chasch." 
Die Priesterinnen waren mit dem Mädchen ein Stück in die Steppe hinausgegangen, und die 
Ilanths  folgten  ihnen  nun.  Anacho  sah  ihnen  zu  und  lachte.  „Sie  gehen  jetzt,  um  die 
Priesterinnen zu ärgern." 
Reith sprang auf. Als die Priesterinnen an den Ilanths vorbeigingen, drangen die Männer auf 
sie  ein.  Die  Frauen  wichen  zurück.  Die  Ilanths  packten  das  Mädchen,  warfen  es  über  einen 
Sattel  und  ritten  den  Hügeln  zu.  Entgeistert  starrten  die  Priesterinnen  ihnen  nach.  Dann 
kreischten sie und rannten zum Hof zurück, um sich beim Karawanenmeister zu beschweren. 
Doch der meinte, sie kämen wohl bald zurück, wenn sie mit ihr ihren Spaß gehabt hätten. 
„Dann nützt sie uns nichts mehr!" kreischten die Weiber. „Eine Tragödie! Ich bin die Große 
Mutter des Seminars von Fasm, und du willst mir nicht einmal helfen?" 
„Ich? Ich helfe keinem. Ich halte auf Ordnung in der Karawane und führe meine Wagen. Für 
andere Dinge habe ich keine Zeit." 
„Was sollen wir tun? Wir sind beraubt! Es wird keine Feier der Klarheit geben." 
Reith sprang in den Sattel eines Springpferdes und ritt in die Steppe hinaus. Das hatte er fast 
unbewußt  getan. „Was geschehen ist, das ist nun einmal geschehen", sagte er zu sich selbst. 
Ihm schien, daß der Kummer um ein schönes Mädchen seine eigenen Sorgen vertrieben hatte. 
Die  Ilanths  waren  nicht  weit  geritten,  nur  ein  kleines  Tal  entlang  zu  einem  Sandplatz  unter 
dem Hügel. Verängstigt duckte sich das Mädchen an einen Stein; die Ilanths hatten eben ihre 
Springpferde angebunden, als Reith ankam. 
„Was willst denn du hier?" fragte der eine barsch. „Scher dich zum Teufel!" 
Reith zog seine Pistole und winkte dem Mädchen. „Komm mit!" 
Sie hatte auch vor ihm Angst. Die Ilanths standen schweigend dabei. Endlich kletterte sie vor 
Reith auf das Pferd; er wendete es und ritt das Tal zurück. 
Die  Priesterinnen  standen  am  Eingang  zum  Hof.  als  sie  zurückkehrten.  Reith  hielt  sein 
Springpferd an, und eine der vier schwarzgekleideten Frauen machte befehlende Zeichen. 
„Was haben sie dir bezahlt?" fragte das Mädchen. 
„Gar nichts", antwortete Reith. „Es war mein eigener Entschluß." 
„Bring mich nach Hause", flehte das Mädchen, „nach Cath! Mein Vater wird dir geben, was 
immer du von ihm verlangen wirst." 
Reith deutete  auf eine sich rasch nähernde Linie am Horizont. „Wir gehen jetzt wohl besser 
hinein. Das dort drüben werden wohl Grüne Chasch sein." 
„Die Frauen werden mich wieder in den Käfig sperren!" jammerte sie. „Sie hassen mich, sie 
wollen mir Böses tun! Siehst du, jetzt kommen sie. Laß mich gehen!" 
„Hinaus  in  die  Steppe  und  allein?  Nein,  das  lasse  ich  nicht  zu.  Ich  werde  dich  ihnen  nicht 
überlassen."  Er  ging  langsam  auf  die  Karawanserei  zu.  Die  Priesterinnen  standen  am 
Durchgang zwischen  zwei Felsblöcken. „Oh, edler Mann!" rief  die Alte.  „Du hast eine  gute 
Tat vollbracht. Man hat sie doch nicht entehrt?" 
„Das geht dich nichts an, Große Mutter", sagte Reith. 
„Wie kannst du das sagen? Es geht mich nichts an?" 

background image

„Sie  gehört  jetzt  mir.  Ich  nahm  sie  den  drei  Kriegern  ab.  Geht  zu  ihnen,  wenn  ihr 
Schadenersatz verlangt. Ich behalte, was ich mir geholt habe." 
„Wir sind Priesterinnen der Weiblichen Geheimnisse, du dummer Kerl! Wie kannst du so mit 
uns reden? Gib sie uns zurück, oder es wird dir schlecht ergehen!" 
„Wenn  ihr  die  Finger  nicht  von  meinem  Eigentum  laßt,  dann  seid  ihr  bald  nur  noch  tote 
Priesterinnen",  sagte  Reith,  ritt  davon,  und  die  Weiber  starrten  ihm  entgeistert  nach.  Jetzt 
wußte er, warum ihn sein Instinkt den Ilanths nachgejagt hatte. 
„Wie ist dein Name?" fragte er das Mädchen. 
Sie überlegte  eine  Weile,  als  habe  Reith ihr eine unmögliche  Frage  gestellt. „Mein  Vater ist 
der Herr des Blauen Jadepalastes. Wir gehören der Aegiskaste an. Manchmal nennt man mich 
die Blaue Jadeblume, manchmal schöne Blume oder Blume von Cath. Mein Blumenname ist 
Ylin-Ylan." 
„Das ist ja ziemlich kompliziert. Sage mir doch, wie deine Freunde dich nennen." 
„Das hängt von ihrer Kaste ab. Bist du hochgeboren?" 
„Ja, ziemlich." Warum sollte er etwas anderes sagen? 
„Willst du mich als Sklavin behalten? Dann möchte ich nicht, daß du meinen Freundesnamen 
verwendest." 
„Ich habe nie eine Sklavin besessen. Die Versuchung ist zwar groß, aber ich glaube, ich will 
doch lieber deinen Freundesnamen erfahren." 
„Dann kannst du mich Blume von Cath nennen, oder Ylin-Ylan." 
„Das geht wohl für eine Weile." Er nahm den Arm des Mädchens und brachte Ylin-Ylan zu 
einem Tisch ganz am Ende der Gaststube. Er sah sie an. „Ich weiß noch gar nicht, was ich mit 
dir  tun  soll."  Er  sah,  wie  draußen  die  Priesterinnen  auf  den  Karawanenführer  einredeten. 
„Man wird versuchen, mir die Sache aus der Hand zu nehmen. Ich weiß nicht genau, was die 
Gesetze vorschreiben." 
„Auf der Steppe", sagte das Mädchen, „herrscht das Gesetz der Furcht." 
Traz kam herein und setzte sich zu ihnen. Mißtrauisch musterte er das Mädchen. „Was willst 
du mit ihr tun?" fragte er Reith. 
„Ich würde sie gerne nach Hause bringen." 
„Ich  bin  die  Tochter  eines  angesehenen  Hauses",  sagte  Ylin-Ylan.  „Mein  Vater  wird  euch 
einen Palast bauen." 
Das besänftigte Traz einigermaßen. „Unmöglich ist es nicht", stellte er fest. 
„Für mich schon",  antwortete Reith, „ich muß ja mein Raumboot suchen. Wenn du sie nach 
Cath bringen willst, dann tue es nur und baue dir dort ein neues Leben auf." 
Nun kam der Karawanenführer an ihren Tisch und verlangte im Auftrag der Priesterinnen die 
Auslieferung des Mädchens, was Reith natürlich ablehnte. Baoiian gab ihm recht. „Ich neige 
zu  deiner  Ansicht",  sagte  er,  „obwohl  die  Priesterinnen  natürlich  beraubt  wurden.  Trotzdem 
will  ich  ihnen  begreiflich  machen,  daß  du  ein  Recht  auf  das  Mädchen  hast.  Ich  hoffe 
allerdings, daß der Vorfall den Frieden unserer Reise nicht stört. Sicherheit in der Karawane 
ist mein größtes Anliegen." Er verbeugte sich und ging. 
Auch  Anacho  war  inzwischen  gekommen.  Er  prüfte  Ylin-Ylan  mit  den  Blicken  eines 
Kenners. „Sie ist eine Goldene Yao. Sehr alte Rasse. Hybride der Ersten Tans und der Ersten 
Weißen.  Vor  hundertfünfzig  Jahren  wurden  sie  plötzlich  arrogant  und  versuchten  ganz  neue 
Techniken zu entwickeln. Die Dir-dir erteilten ihnen eine scharfe Lektion." 
„Vor hundertfünfzig Jahren? Wie lange ist das Jahr auf Tschai?" 
„Vierhundertachtundachtzig Tage. Aber was soll deine Frage?" 
Reith  rechnete.  Hundertfünfzig  Tschaijahre  waren  ungefähr  zweihundertzwölf  Erdenjahre. 
Zufall? Oder hatten die Vorfahren der Blume von Cath dieses Radiosignal ausgesandt, das ihn 
nach Tschai brachte? 
Das  Mädchen  wandte  sich  an  Reith.  „Das  ist  ein  Dirdirmann!"  sagte  sie  mit  leiser  Stimme. 
„Die haben Settra torpediert und Balisidre. Aus Neid versuchten sie, uns zu vernichten." 

background image

„Neid  ist  nicht  das  genau  richtige  Wort",  erklärte  Anacho.  „Eure  Leute  spielten  mit 
verbotenen Kräften, mit Dingen, die jenseits eures Verstehens lagen." 
„Und was geschah dann?" fragte Reith. 
„Nichts",  antwortete  Ylin-Ylan.  „Unsere  Städte  wurden  zerstört,  die  Paläste  der  Künste  und 
der Goldenen Gewebe ebenfalls, die Schätze von tausend Jahren. Ist es nicht verständlich, daß 
wir die Dirdir hassen? Mehr als die Pnume und die Chasch, mehr als die Wankh sogar!" 
Anacho zuckte die Achseln. „Ich habe die Yao ja nun nicht vernichtet", stellte er trocken fest. 
„Sprechen  wir  lieber  von  anderen  Dingen",  mahnte  Reith.  „Schließlich  ist  das  schon 
zweihundertzwölf Jahre her." 
„Nur hundertfünfzig!" korrigierte die Blume von Cath. 
„Richtig. Was ist? Willst du nicht andere Kleider anziehen?" 
„O ja. Diese Kleider trage ich, seit diese bösen Frauen mich geraubt haben. Und baden würde 
ich gerne. Wasser bekam ich nur zum Trinken." 
Reith  hielt  Wache,  während  das  Mädchen  sich  gründlich  wusch.  Dann  reichte  er  Ylin-Ylan 
die Kleidung der Steppenreisenden, die für Männer und Frauen völlig gleich ist. Bald kam sie 
heraus  in  grauen  Kniehosen  und  einer  braunen  Tunika.  Inzwischen  gab  es  in  der  Gaststube 
einige  Aufregung,  denn  die  Grünen  Chasch  hatten  ihre  eigenen  Wagen  in  Stellung  gebracht 
und  ungefähr  hundert  große  schwarze  Zelte  aufgestellt.  Bisher  hatten  sie  aber  noch  keine 
Anstalten gemacht, die Karawane anzugreifen, doch Baojian war auf alles vorbereitet. 
Die  Dämmerung  senkte  sich  über  die  Steppe,  und  die  Grünen  Chasch  zündeten  eine  ganze 
Reihe  von  Lagerfeuern  an.  Von  Zeit  zu  Zeit  schien  eine  der  großen  Gestalten  zur 
Karawanserei herüberzustarren. 
„Es sind Telepathen", erklärte Traz Reith. „Sie lesen sogar die Gedanken der Menschen, sagt 
man. Ich zweifle zwar daran, aber wer kann das schon bestimmt sagen?" 
Es gab nur eine kurze Mahlzeit bei spärlichem Licht, um den Chasch keine Hinweise auf die 
aufgestellten Wachen zu liefern. Alle waren ziemlich schweigsam. 
Die Gaststube leerte sich. Reith riet der Blume von Cath, ihre Kammertür zu verriegeln. „Und 
komme erst am Morgen wieder heraus. Wenn jemand zu dir will, dann schlage an die Wand, 
damit ich es höre und dir zu Hilfe komme." 
Sie sah ihn an mit einem Ausdruck, der sein Herz rührte. „Dann willst du mich wirklich nicht 
zur Sklavin machen?" fragte sie und seufzte. 
„Nein", versicherte er; sie warf ihm noch einen rätselhaften Blick zu und verschwand in ihrer 
Schlafkammer. 
Am folgenden Tag waren die Chasch noch immer da. Man konnte also nichts tun als warten. 
Reith nahm  die  Blume  von  Cath  mit  sich  und sah sich  die Geschütze  der  Karawane  an.  Ihn 
interessierten  besonders  die  Sandstrahler,  und  er  erfuhr,  daß  diese  Waffen  tatsächlich  Sand 
abschossen,  und  zwar  auf  elektrostatischem  Weg;  die  Körnchen  erreichten  dann  fast 
Lichtgeschwindigkeit  und  damit  eine  etwa  tausendfache  Masse.  Traf  nun  ein  solches 
Sandkorn  einen  festen  Gegenstand,  so  gab  es  seine  Energie  in  einer  Explosion  ab.  Die 
Waffen, so erfuhr Reith, waren eine Ausrüstung  der Wankh und von diesen aufgegeben. Sie 
trugen  noch  deren  Inschriften  —  Reihen  von  Rechtecken  in  verschiedenen  Größen  und 
Anordnungen. 
Traz  und  Anacho  stritten  inzwischen  über  die  Natur  der  Phung.  Traz  behauptete,  sie  seien 
Wesen, welche  die  Pnumekin  aus  den  Leichen  der Pnume schufen.  „Hast  du  je  ein  Paar  bei 
ihnen gesehen? Oder ein Kind? Nein, jeder bleibt für sich. Und sie sind viel zu verrückt und 
zu verzweifelt, um sich fortzupflanzen." 
Anacho  hob  belehrend  die  Hand.  „Auch  Pnume  bleiben  für  sich  und  pflanzen  sich  auf 
seltsame  Art  fort.  Seltsam  jedenfalls  für  Menschen  und  Halbmenschen.  Für  ihr  System  ist 
diese  Art  jedenfalls  ideal.  Weißt  du  übrigens,  daß  die  Geschichte  ihrer  Rasse  ungefähr  eine 
Million Jahre zurückreicht?" 
„Das habe ich gehört", gab Traz zu. 

background image

„Überall  regierten  die  Pnume,  bevor  die  Chasch  kamen.  Sie  lebten  in  Dörfern  von  kleinen 
Kuppeln, aber sie haben keine Spuren hinterlassen. Jetzt haben sie sich in Höhlen und Gängen 
unter  den  alten  Städten  zurückgezogen,  und  ihr  Leben  ist  ein  Geheimnis.  Selbst  die  Dirdir 
halten es für ein Unglück, einen Pnume zu belästigen." 
„Dann waren also die Chasch vor den Dirdir auf Tschai?" fragte Reith, der sich wieder zu den 
beiden gesellt hatte. 
„Oh, das weiß doch jeder", erwiderte Anacho. „Nur ein Mann aus einer abgelegenen Provinz 
— oder einer fernen Welt — ist so unwissend. Die Alten Chasch waren die ersten. Sie kamen 
vor  hunderttausend  Jahren.  Zehntausend  Jahre  später  folgten  ihnen  die  Blauen  Chasch,  und 
die  stammten  von  einem  Planeten,  den  Chasch-Raumfahrer  ein  Zeitalter  vorher  kolonisiert 
hatten.  Die  beiden  Chaschrassen  kämpften  um  Tschai  und  brachten  die  Grünen  Chasch  als 
Schocktruppen  mit.  Vor  sechzigtausend  Jahren  kamen  dann  die  Dirdir  und  brachten  den 
Chasch  schwere  Verluste  bei.  Später  wurde dann ein Waffenstillstand  geschlossen,  doch  die 
beiden Rassen sind noch immer Feinde. Es gibt wenig Verbindung zwischen ihnen. 
Vor  zehntausend  Jahren  brach  zwischen  den  Dirdir  und  den  Wankh  ein  Raumkrieg  aus,  der 
auch auf Tschai übergriff, als die Wankh auf Rakh und in Südkachan Festungen errichteten. 
Es  gibt  jetzt  kaum  mehr  Kämpfe,  nur  da  und  dort  ein  Scharmützel  oder  einen  Überfall  aus 
dem  Hinterhalt.  Die  drei  Rassen  fürchten  einander  und  halten  Abstand.  Die  Pnume  sind 
neutral, schauen aber interessiert zu und ziehen Lehren daraus für ihre eigene Geschichte." 
„Und wann kamen die Menschen nach Tschai?" erkundigte sich Reith vorsichtig. 
Anacho  warf  ihm  einen  sardonischen  Blick  zu.  „Du  kennst  doch  die  Welt,  von  der  die 
Menschen stammen? Also mußt du die Antwort auf deine Frage selbst kennen." Doch Reith 
ließ sich nicht herausfordern. „Die Menschen stammen von Sibol und kamen mit den Dirdir 
nach Tschai", erklärte Anacho bestimmt. „Menschen sind weich wie Wachs. Einige mutierten 
zu Marschmännern, dann vor ungefähr zwanzigtausend Jahren zu dieser Sorte." Er deutete auf 
Traz.  „Andere  wurden  versklavt  und  wurden  zu  Chaschmenschen,  Pnumekin,  sogar  zu 
Wankhmenschen. Es  gibt eine  große  Zahl von Hybriden und viele Mißgeburten. Auch unter 
den  Dirdirmenschen  gibt  es  verschiedene  Stämme.  Die  Unbefleckten  sind  fast  reine  Dirdir; 
andere  sind  weniger  verfeinert.  Das  ist  ja  auch  der  Hintergrund  meiner  eigenen 
Unzufriedenheit:  Ich  verlangte  Vorrechte,  die  mir  versagt  wurden,  aber  ich  habe  sie  mir 
jedenfalls ..." 
Nun  wußte  Reith  endlich,  wie  die  Menschen  auf  Tschai  erschienen  waren,  denn  Anacho 
sprach noch lange weiter. Die Dirdir hatten die Raumfahrt gekannt — schon seit mindestens 
siebzigtausend  Jahren.  Sie  hatten  mindestens  zweimal  die  Erde  besucht.  Zuerst  hatten  sie 
einen  Stamm  Promongoloiden  gefunden,  und  beim  zweiten  Besuch  vor  ungefähr 
zwanzigtausend  Jahren  gelang  es  ihnen,  eine  ganze  Schiffsladung  von  Protokaukasoiden 
mitzubringen. Diese beiden Gruppen hatten sich unter den Bedingungen auf Tschai verändert, 
spezialisiert,  mutierten  dann  erneut  und  so  weiter,  und  so  entstand  eine  ungeheure  Vielfalt 
menschlicher Typen, die auf diesem Planeten beheimatet waren. 
Zweifellos  wußten  die  Dirdir  von  der  Erde,  betrachteten  sie  aber  offensichtlich  noch  immer 
als  einen  barbarischen  Planeten.  Reith  war  der  Meinung,  daß  ihm  nur  Schwierigkeiten 
entstehen  konnten,  wollte  er  davon  sprechen,  daß  auch  die  Erde  Raumfahrt  betreibe.  Im 
Raumboot  gab  es  nichts,  was  auf  einen  irdischen  Ursprung  hinwies,  aber  dieses  Raumboot 
hatten  die  Blauen  Chasch  in  Besitz  genommen.  Unbeantwortet  war  noch  immer  die  eine 
Frage: Wer hatte den Torpedo abgeschossen, der die Explorator IV zerstörte? 
 

 
Zwei  Stunden  vor  Sonnenuntergang  brachen  die  Grünen  Chasch  ihr  Lager  ab.  Die 
hochrädrigen Wagen stellten sich im Kreis auf; die Krieger bestiegen ihre Springpferde, und 
auf ein unsichtbares Zeichen hin — vielleicht telepathischer Natur, überlegte Reith — formte 

background image

sich  ein  langer  Zug,  der  sich  nach  Osten  zu  bewegte.  In  großem  Abstand  folgten  ihnen  die 
Pfadfinder  der  Ilanths.  Am  nächsten  Morgen  kehrten  sie  aber  zurück  und  berichteten,  die 
Bande scheine sich nach Norden zu verziehen. 
Am  Spätnachmittag  kam  endlich  die  Karawane  aus  Aig-Hedajha.  Ihre  Wagen  waren  mit 
Leder,  aromatischen  Hölzern  unsl  Moosen,  Fässern  eingelegter  Früchte  und  Gewürzen 
beladen. 
Geschäftiges  Treiben  herrschte  auf  der  Steppe,  als  die  beiden  Karawanen  ihre  Güter 
austauschten, und erst eine Stunde vor Sonnenuntergang wurden alle Passagiere aufgefordert, 
in den Hof zu kommen. Die Priesterinnen schienen schon in ihrem Wagenhaus zu sein, denn 
sie waren nirgends zu sehen. 
Reith, Traz,  Anacho  und  die  Blume  von  Cath  gingen  auf  die  Karawane  zu. Plötzlich  gab  es 
ein Gedränge; weiche Arme griffen nach Reith und preßten ihn an einen weichen Körper. Er 
wehrte  sich  und  fiel  zusammen  mit  der  Großen  Mutter  zu  Boden.  Andere  Priesterinnen 
ergriffen die Blume von Cath und rissen sie von ihm weg. Eine Hand drückte seine Kehle zu; 
das Blut brauste durch seine Adern, und seine Augen quollen aus den Höhlen. Endlich gelang 
es ihm, einen Arm frei zu bekommen, und er stieß seine gespreizten Finger der Großen Mutter 
ins Gesicht. Sie stöhnte; Reith fand ihre Nase, zog daran und verdrehte sie. Die Große Mutter 
kreischte und schlug mit den Füßen um sich. Endlich kam Reith frei. 
Ein  Ilanth  wühlte  in  Reiths  Sachen.  Traz  lag  bewußtlos  auf  dem  Boden,  und  Anacho 
verteidigte  sich  verbissen  gegen  die  beiden  übrigen  Ilanths.  Die  Große  Mutter  griff  nach 
Reiths  Beinen,  aber  er  schlug  wild  um  sich,  kam  frei  und  tat  einen  Satz  seitwärts,  als  der 
Ilanth,  der  seine  Sachen  durchwühlte,  ein  Messer  zog.  Reith  verpaßte  dem  Burschen  einen 
harten  Kinnhaken;  der  Mann  ging  zu  Boden.  Reith  sprang  dem  einen  Ilanth,  der  Anacho 
angriff,  auf  den  Rücken,  drückte  ihn  hinunter,  und  Anacho  tötete  ihn.  Der  andere  Ilanth 
landete  mit  einem  gewaltigen  Schwung  Reith  auf  dem  Rücken;  der  Dirdirmann  hob  sein 
Schwert und entledigte sich des Gegners. 
Traz  kam  taumelnd  auf  die  Beine  und  hielt  sich  den  Kopf.  Die  Große  Mutter  stampfte  die 
Stufen  ihres  Wagenhauses  hinauf.  Reith  kochte  vor  Zorn;  in  seinem  ganzen  Leben  war  er 
noch nie so wütend gewesen. Er packte sein Zeug und marschierte auf den Karawanenmeister 
zu. 
„Ich   wurde   angegriffen!"   tobte   er. 
„Du mußt das bemerkt haben! Die Priesterinnen haben das Mädchen aus Cath als Gefangene 
in ihr Haus gebracht!" Baojian nickte. „Nun, dann tu doch etwas gegen diese Gewalttaten!" 
„Nein", antwortete der  Karawanenführer und schüttelte entschieden den  Kopf. „Das hat sich 
auf einem Steppenstreifen und nicht unmittelbar in der Karawane abgespielt. Mir scheint, die 
Priesterinnen haben sich nur ihr Eigentum wieder geholt, wie sie es verloren haben. Du hast 
keinen Grund, dich zu beklagen." 
„Was!"  brüllte  Reith,  „du  läßt  es  zu,  daß  eine  unschuldige  Person  diesen  komischen 
Weiblichen Mysterien geopfert wird?" 
„Was  bleibt  mir  anderes  übrig?"  antwortete  Baojian.  „Ich  kann  nicht  für  die  ganze  Steppe 
Polizei spielen. Und ich will es auch nicht." 
Reith warf ihm einen empörten Blick zu und drehte sich zum Haus der Priesterinnen um, „Ich 
muß dich warnen", sagte Baojian. „Wenn du den Frieden der Karawane störst..." 
Reith  verschlug  es  die  Sprache.  Erst  nach  einer  ganzen  Weile  vermochte  er  zu  stottern: 
„Übeltaten gehen dich wohl nichts an?" 
Baojian lachte bitter. „Auf Tschai hat das Wort ,Übel' keine Bedeutung. Es passiert — oder es 
passiert nicht. Tut einer Böses, dann wird er nicht lange leben. Darf ich dich jetzt zu deinem 
Abteil führen? Ich will hier weg sein, bevor die Grünen Chasch zurückkehren, und ich habe 
nur einen einzigen Pfadfinder..." 
 
 

background image

 

6. 

 
Vier Wagen vor ihnen  rollten die Priesterinnen  durch die  Nacht.  Ihr Haus war unbeleuchtet. 
Reith  dachte  lange  über  Rettungsmöglichkeiten  nach,  sah  aber  keine.  Schließlich  schlief  er 
vor Müdigkeit, Zorn und Enttäuschung ein. 
Am Morgen, als kaum die Sonne aufgegangen war, hielt die Karawane, und jeder bekam sein 
Frühstück: einen Pfannkuchen mit heißem Fleisch darauf .und einen Krug mit heißem Bier. 
Reith  suchte  den  Karawanenmeister.  „Wie  weit  ist  es  bis  zum  Seminar?"  fragte  er.  „Wann 
kommen wir dort an?" 
Der Mann überlegte. „Zweimal müssen wir noch übernachten. Am dritten Morgen werden wir 
ankommen.  Absolut  nicht  zu  früh  für  die  Priesterinnen.  Sie  fürchten  schon,  daß  sie  für  die 
Riten zu spät kommen." 
„Was geht bei den Riten vor?" 
Baojian  zuckte  die  Achseln.  „Ich  habe  nur  Gerüchte  gehört.  Die  Priesterinnen  sind  eine 
ausgesuchte Gruppe Frauen, welche die Männer hassen. Sie hassen deshalb auch Frauen, die 
durch ihre Schönheit die Männer anziehen. Die Riten scheinen jedes erotische Gefühl in den 
Mädchen zu töten. Wie ich höre, feiern die Priesterinnen dabei auch Orgien." 
„Dann sind es also noch zweieinhalb Tage..." 
 

 
Reith  beschäftigte  sich  fast  ausschließlich  mit  dem  Wagenhaus.  Er  nahm  bei  Tag  keine 
Bewegung, bei Nacht keinen Lichtschimmer wahr. Manchmal hielt er es vor Ungeduld nicht 
mehr aus und lief neben den Wagen her. 
Anacho  versuchte  ihn  abzulenken.  „Warum  sorgst  du  dich  so  um  dieses  Mädchen?  Für  die 
anderen  Sklaven  dieser  Karawane  hast  du  doch  auch  keinen  Blick.  Menschen  leben  und 
sterben. Dich fasziniert nur diese einzige Frau!" 
Reith gelang sogar ein Grinsen. „Ein Mann kann nicht alles tun. Ich werde das Mädchen vor 
den Riten retten — falls ich kann." 
Auch  Traz  protestierte.  „Und  was  ist  mit  deinem  Raumboot?  Hast  du  deine  Pläne 
aufgegeben?  Wenn  du  dich  mit  den  Priesterinnen  anlegst,  wird  man  dich  töten  oder 
entmannen." Doch Reith nickte nur dazu. 
Am  Abend  des  zweiten  Tages  kam  die  Karawane  nach  Zadno;  es  war  eine  kleine 
Karawanserei  und  lag  am  Rande  der  Klippen.  Man  nahm  dort  Kristalle  und  Malachit  auf. 
Reith kam am 
Wagenhaus  der  Priesterinnen  vorbei  und  hörte  von  drinnen  ein  leises  Jammern.  Traz 
bemerkte,  was  in  Reith  vorging  und  packte dessen Arm.  „Siehst  du  nicht,  daß  man  dich  nie 
aus den Augen läßt? Der Karawanenmeister rechnet damit, daß du Unruhe stiftest!" 
Reith grinste wie ein Wolf. „Und ob ich Unruhe stiften werde!  Ich warne dich; mische dich 
nicht ein. Geh deiner Wege — ganz gleich, was ich tue und was mit mir geschieht." 
Traz warf ihm einen zornigen Blick zu. „Glaubst du, ich stehe beiseite? Sind wir denn nicht 
Kameraden?" Und dabei blieb Traz auch. 
Allmählich  wurde  die  Zeit  knapp;  jetzt mußte er handeln.  Aber  wann?  Während  der  Nacht? 
Oder sobald die Priesterinnen die Gruppe verlassen hatten? Nein, jetzt war es ungünstig, und 
jede  Tat  konnte  nur  Unheil  nach  sich  ziehen.  Auch  während  der  Nacht  und  am  Morgen 
würden die Priesterinnen auf der Hut sein und Wache halten. 
Es wurde Nacht. Aus der Steppe kamen drohende Laute. Reith ging zu seiner Schlafstelle und 
legte sich nieder. Er konnte nicht schlafen, wollte es allerdings auch nicht. Er sprang auf. 
Die Monde standen am Himmel. Az hing schon im Westen und verschwand wohl bald hinter 
einer Klippe. Braz war tief im Osten zu sehen und warf ein  melancholisches Licht über die 

background image

Landschaft. Bis auf ein paar Lichter der Wachen lag das Depot in tiefster Finsternis. Im Haus 
der Priesterinnen flackerte dann und wann ein Lichtschein auf; plötzlich erlosch auch dieser. 
Reith schlich  um  die  Wagen  herum.  Ein Geräusch? Ein  Laut?  Er blieb  stehen  und spähte in 
das Dunkel. Wieder das Geräusch. Es war das Mahlen von Rädern. Reith rannte. Dann blieb 
er lauschend stehen, denn er hörte leise Stimmen. Ein tiefschwarzer Schatten hob sich von der 
Nachtschwärze  ab;  er  machte  eine  heftige  Bewegung.  Etwas  schlug  auf  Reiths  Kopf  ein. 
Lichter tanzten vor seinen Augen und in seinem Gehirn. Die Welt drehte sich ... 
Das   gleiche   Geräusch   wie   vorher weckte ihn wieder auf. Sein Unterbewußtsein  meldete  
ihm,   daß  man  ihn niedergeschlagen hatte. Er war gefesselt und konnte weder Arme noch 
Beine  bewegen.  Er  lag  auf  etwas  Hartem,  das  ihn  durchschüttelte;  es  war  das  Deck  eines 
kleinen  Wagens.  Über  ihm  hing  der      Nachthimmel.      Der      Wagen      schien  über  eine  sehr 
schlechte Straße zu holpern. Reith versuchte die Arme zu bewegen, doch das verursachte nur 
einen  höllischen  Schmerz.  Er  biß  die  Zähne  zusammen.      Von      vorne      hörte      er      eine 
geflüsterte  Unterhaltung;  jemand  sah  zu  ihm  zurück.  Reith  blieb  bewegungslos  liegen.    Der  
Schatten  neben  ihm  verschwand.  Sicher  waren  es  Priesterinnen.  Warum  hatte  man  ihn  
gefesselt und nicht sofort getötet? 
Reith glaubte es zu wissen. Er versuchte die Fesseln zu lockern. Das Schwert hatte man ihm 
abgenommen, aber am Gürtel hatte er noch seine Tasche. 
Der Wagen tat einen rumpelnden Satz und Reith hatte eine Idee. Er rutschte herum, soweit es 
seine Fesseln erlaubten, bis er fast am Ende des Wagens lag. Er schwitzte vor Angst, jemand 
könne  es  bemerken.  Endlich  erreichte  er  die  Kante  des  Decks.  Wieder  tat  der  Wagen  einen 
Satz, und Reith ließ sich herunterfallen. Das Fahrzeug rumpelte weiter und verschwand in der 
Dunkelheit. Reith wälzte sich so lange auf dem Boden und einen Hügel hinab, bis er im tiefen 
Schatten lag. Ganz ruhig blieb er liegen, denn noch immer fürchtete er, man könne sein Ver-
schwinden bemerkt haben. Die Nacht war still; nur der Wind flüsterte. 
Endlich kam er auf die Knie. Er fand ein Stück Fels, an dem er seine Fesseln rieb. Es war eine 
harte  Arbeit.  Seine  Handgelenke  begannen  zu  bluten.  Sein  Kopf  schmerzte.  Ein  Gefühl  der 
Unwirklichkeit,  eines  Alptraums,  überkam  ihn,  und  die  Felsen  um  ihn  herum  schienen 
lebendig  zu  werden.  Er  verjagte  die  Gespenster  aus  seinem  Geist  und  rieb  weiter  an  seinen 
Fesseln. Endlich hatte er einen Strick durchtrennt; seine Arme waren frei. 
Er  setzte  sich  und  bewegte  seine  schmerzenden  Finger;  dann  befreite  er  seine  Füße  von den 
Fesseln. Ein wenig taumelnd kam er auf die Beine und mußte sich an einem Felsen festhalten. 
Über  dem  höchsten  Grat  der  Hügelkette  erschien  Braz  und  tauchte  das  Tal  in  ein  blasses, 
unwirkliches Licht. Reith quälte sich einen Hang hinauf und gelangte endlich auf die Straße. 
Hinter  ihm  lag  Zadnos  Depot,  vor  ihm  rollte  in  unbekannter  Ferne  der  Wagen.  Vielleicht 
hatten die Priesterinnen sein Verschwinden bemerkt. Auf dem Wagen mußte sich aber Ylin-
Ylan  befinden.  Reith  hastete  hinkend  hinterdrein.  Er  wußte  nicht,  wie  weit  es  noch  zum 
Seminar war, aber jedenfalls schien der Weg durch die Hügel kürzer zu sein. 
Der Weg stieg an. Reith taumelte weiter. Er hatte keine Hoffnung, den Wagen zu überholen, 
der mit gleichmäßiger Geschwindigkeit von den achtbeinigen, großen Tieren durch die Nacht 
gezogen wurde. Er kam zu einem kleinen Paß und ruhte ein wenig aus; der Weg fiel zu einer 
bewaldeten Ebene ab, die Braz in ein diffuses Licht tauchte. Reith trottete weiter. 
Wie  ein  Traum  erschien  ihm  die  Landschaft,  und  wie  ein  Traum  kamen  ihm  auch  seine 
eigenen Gedanken und Eindrücke vor. Aber dann war er plötzlich hellwach, denn unvermittelt 
stand  er  vor  einer  engen  Schlucht.  Früher  mußten  hier  hohe  Mauern  gestanden  haben;  jetzt 
lagen da nur  noch  Ruinen; nur ein hoher Torbogen stand noch, durch den die Straße führte. 
Reith  blieb  stehen,  denn  in  seinem  Gehirn  prickelte  es.  Die  Situation  war  irgendwie 
geheimnisträchtig. 
Reith warf einen Stein durch das Tor. Nichts. Er verließ die Straße und drückte sich am Rand 
der Schlucht die verfallene Wand  entlang. Dann  kehrte  er zur Straße zurück.  Falls hier eine 
Gefahr lauerte, so war sie im Dunkel der Nacht nicht auszumachen. 

background image

Vorsichtig ging Reith weiter. Immer wieder blieb er stehen und lauschte. Die Schlucht wurde 
breiter, der Himmel schien näher zu kommen, und die Sterne über Tschai erhellten die grauen 
Felsen der Hügel. 
Glühte  vor  ihm  nicht  der  Himmel?  War  da  nicht  das  Murmeln  von  Stimmen?  Reith  rannte. 
Die  Straße  wand  sich  um  einen  Felskopf.  Reith  blieb  stehen  und  erblickte  eine  Szene,  die 
ebenso seltsam und wild war wie der ganze Planet Tschai. 
Das Seminar der Weiblichen Mysterien befand sich auf einer unregelmäßigen Ebene, die von 
Klippen  und  Felsspitzen  eingerahmt  war.  In  einem  breiten  Hohlweg  stand  ein  hohes, 
vierstöckiges  Steinhaus  zwischen  zwei  Bergspitzen.  Überall  gab  es  Holzstöße,  Flechtzäune, 
Ställe,  Heuraufen  und  Tröge.  Unmittelbar  unter  Reith  schob  sich  eine  Plattform  aus  dem 
Hügel, die von zweistöckigen Gebäuden eingerahmt war. 
Eine  große  Feier  war  im  Gang.  Dutzende  von  Feuerpfannen  schickten  rote,  violette  und 
orangenfarbene  Lichter  über  eine  Gruppe  von mindestens  zweihundert  Frauen,  die sich  halb 
tanzend, halb kriechend  in einem Zustand wilder Ekstase bewegten. Unterhalb der Plattform 
standen  in  Käfigen  zusammengeduckt  zwölf  Männer.  Sie  sangen  jenen  rauhen  Gesang,  den 
Reith schon  einmal  von den  Hügeln  gehört  hatte.  Hörte  einer  auf,  dann  schossen  neben  ihm 
Flammen  in  die  Höhe,  die  an  einem  Schalttisch  vor  ihnen  dirigiert  wurden.  Dort  saß  eine 
völlig schwarz gekleidete Frau, und sie war es auch, die den dämonischen Aufruhr immer neu 
anpeitschte. 
Wie  sehr  sie  die  Männer  hassen  mußten!  dachte  Reith.  Dann  erschienen  auf  der  Bühne 
grotesk bemalte Clowns, die in bizarren Sprüngen an den Priesterinnen vorbeidefilierten, die 
vor  Vergnügen  schrien.  Nach  ihnen  erschien  ein  Mime  mit  einem  Zopf  langen,  blonden 
Haares  und  einer  Maske  aus  riesigen  Augen  und  einem  lächelnden  roten  Mund,  der  eine 
schöne  Frau  darstellte.  Sie  hassen  ja  nicht  nur  die  Männer,  überlegte  Reith,  sondern  auch 
Jugend und Schönheit! 
Auf  der  Rückseite  der  Bühne  schob  sich  ein  Vorhang  zur  Seite,  und  ein  nackter,  völlig 
behaarter Kretin versuchte in einen Käfig aus dünnen Glasstäben einzubrechen, doch er fand 
die  Öffnung  nicht.  Und  in  dem  Käfig  kauerte  ein  Mädchen  in  einem  Schleiergewand:  die 
Blume von Cath. Nun drängten sich die Priesterinnen um die Bühne und feuerten den Kretin 
zu größeren Anstrengungen an. 
Reith  drückte  sich  die  Schatten  entlang  und  erreichte  die  Rückseite  der  Plattform.  In  einer 
Hütte ruhte ein Clown aus; zwölf junge Männer drängten sich in einem Pferch zusammen und 
wurden von einer weißhaarigen Alten bewacht, deren Flinte fast größer war als sie selbst. 
Von der Bühne her war befriedigtes Geschrei zu hören. Dem Kretin war es endlich gelungen, 
den Käfig zu öffnen. Reith ließ alle angeborene und anerzogene Höflichkeit Frauen gegenüber 
fahren und versetzte der Alten einen fast übermenschlichen Schlag, rannte den Pferch entlang 
und öffnete die Türen. Die Männer drängten heraus. „Nehmt die Flinte", rief er ihnen zu, „und 
befreit die Sänger!" 
Er war mit ein paar Sätzen auf der Bühne, zielte und schickte dem Kretin eine Explosivnadel 
in  den  breiten  Rücken.  Wump!  Der  Kretin  tat  einen  Satz,  verdrehte  den  Körper  und  fiel 
zusammen.  Ylin-Ylan,  die  Blume  von  Cath,  sah  sich  halb  betäubt  um,  erkannte  Reith.  Sie 
taumelte aus dem Käfig über die Bühne. 
Die Priesterinnen kreischten erst vor Wut, dann vor Angst, denn die befreiten jungen Männer 
schossen  wieder  und  immer  wieder  in  die  Menge.  Andere  befreiten  die  Sänger.  Der  junge 
Mann, den man zuletzt in den Käfig gesteckt hatte, warf sich auf die Priesterin am Schalttisch, 
zerrte sie zum Käfig und sperrte sie ein. Die jungen Männer taten ganze Arbeit. 
Reith führte das schluchzende Mädchen aus dem Tumult hinaus und auf die Straße, die nach 
Osten führte. Ein Wagen mit vier Priesterinnen fegte an ihnen vorbei; die riesige Gestalt der 
Großen Mutter war deutlich zu erkennen. Reith tat einen Satz und versetzte ihr einen Stoß, der 
sie  vom  Wagen  warf.  Dann  befahl  er  den  drei  Priesterinnen,  den  Wagen  zu  verlassen.  Sie 
wehrten  sich,  weil  sie  Angst  vor  den  Männern  hatten,  die  eben  auf  die  Große  Mutter 

background image

losstürmten,  aber  Reith  warf  sie  nacheinander  auf  die  Straße.  Anschließend  stieg  er  auf  den 
Wagen, hob das Mädchen hinauf und fuhr ostwärts nach Fasm. 
 
 
 

7. 

 
Kurz  nach  Beginn  der  Morgendämmerung  erreichten  sie  Fasm.    Es  war  eine  sehr  kleine 
Karawanserei  am  Rand  der  Steppe  und  bestand  aus  drei  einfachen  Gebäuden  aus 
Lehmziegeln.  Die  winzigen  Fenster  waren  mit  Holz  eingefaßt.  Reith  blieb  vor  dem 
geschlossenen Tor stehen und rief, aber ohne Erfolg. Die beiden waren ungeheuer müde und 
erschöpft  und  richteten    sich  für  den  Rest  der Nacht  auf  dem  Wagen  ein.  Reith  sah  sich  um 
und fand unter anderem zwei kleine Taschen mit Geld. Es waren so viele Sequinen, daß Reith 
sie nicht   einmal   schätzen   konnte.   „Nun haben wir also den Reichtum der Priesterinnen", 
berichtete er der Blume von Cath. „Ich denke, das dürfte reichen, um eine sichere Heimkehr 
für dich zu bezahlen." 
„Du  würdest  mir  also  Geld  geben,  damit  ich  nach  Hause  komme,  und  selbst  gar  nichts 
verlangen?" fragte das Mädchen verwirrt. 
„Nein, nichts", antwortete Reith und seufzte. 
„Der Dirdirmann scheint mit seinen Scherzen recht zu haben, daß du von einem anderen Stern 
kommst", sagte sie und wandte sich ab. 
Reith lächelte traurig und sah über die weite Steppe. Angenommen, es gelang ihm, zur Erde 
zurückzukehren — würde er dann zufrieden sein, dort sein Leben zu Ende zu leben, ohne je-
mals wieder zurückkehren zu können? Vielleicht nicht. Aber es würde ihm auch sicher nicht 
passen,  wenn  die  Dirdir,  die  Chasch  und  die  Wankh  die  Menschen  ausbeuteten  und 
versklavten. 
Das  war  eine  persönliche  Beleidigung.  „Was  halten  deine  Leute  von  Dirdirmenschen,  den 
Chaschmenschen und den anderen?" fragte er ein wenig geistesabwesend. 
Erstaunt sah ihn Ylin-Ylan an. „Nun, was sollen sie von ihnen halten? Es gibt sie eben. Wir 
übersehen sie, wenn sie uns in Ruhe lassen. Warum sollen wir aber von den Dirdirmenschen 
sprechen? Reden wir doch lieber über dich und mich!" 
Reith holte tief Atem und sah sie an. Er rutschte etwas näher zu ihr, aber in dem Augenblick 
öffnete sich das Tor, und ein Mann schaute heraus. Er war breit, hatte dicke Beine und lange 
Arme.  In  seinem  Gesicht  saß  eine  riesige,  schiefe  Nase.  Haut  und  Haare  waren  bleigrau. 
Offensichtlich ein Grauer. 
„Wer  seid  ihr?"  fragte  er.  „Das  ist  der  Wagen  des  Seminars.  Vergangene  Nacht  brannte  der 
Himmel. Die Priesterinnen sind bei den Riten wie Gespenster." 
Reith antwortete ihm ausweichend und fuhr den Wagen in den Hof. 
 

 
Sie  hatten  ein  Frühstück  aus  Tee,  gekochten  Kräutern  und  hartem  Brot  eingenommen,  und 
dann  gingen  sie  zum  Wagen  hinaus,  um  die  Ankunft  der  Karawane  abzuwarten.  Sie  waren 
beide  müde  und  schweigsam.  Ylin-Ylan  streckte  sich  auf  dem  Bett  des  Wagens  aus  und 
schlief bald ein. 
Erst um die Mittagszeit erschien die Karawane am Horizont. 
Traz freute sich sehr, Reith wiederzusehen, und Anacho schnippte mit den Fingern, was alles 
bedeuten  konnte.  „Wir  dachten  schon,  man  hätte  dich  entführt  und  getötet",  erklärte  Traz. 
„Wir  haben  die  Hügel  abgesucht,  gingen  auf  die  Steppe  hinaus,  fanden  aber  nichts.  Heute 
wollten wir dich beim Seminar suchen, der Dirdirmann und ich. Er ist gar nicht so übel, wie 
man meinen sollte." 

background image

„Ein Seminar gibt es nicht mehr", berichtete Reith. 
Auch  Baojian  erschien,   stellte   aber keine Fragen; Reith, der ihn im. Verdacht hatte, den 
Priesterinnen geholfen zu haben, erzählte nichts. Baojian wies ihnen Plätze zu und nahm den 
Wagen der Priesterinnen für die Reise nach Pera in Zahlung. 
Reith  hätte  die  Reise  sicherlich  genossen,  hätte  er  nicht  ständig  an  sein  Raumboot  gedacht. 
Und dann gab es ja auch noch das Problem der Blume von Cath. Von Pera, dem Endpunkt der 
Karawane, konnte das Mädchen mit einem Schiff nach Cath gelangen. Reith nahm an, das sei 
auch  ihr  Plan,  obwohl  sie  nicht  davon  sprach  und  sich  ihm  gegenüber  sogar  ziemlich  kühl 
benahm. 
Gelegentlich begegneten ihnen fremde Karawanen oder Nomadenstämme; zweimal kamen sie 
auch  an  Ruinenstädten  vorbei,  und  einmal  hatte  die  Karawane  Duftstoffe,  Essenzen  und 
Amphirholz in eine Stadt der Alten Chasch zu liefern, die Reith geradezu faszinierte. Zahllose 
weiße  Kuppeln  schimmerten  durch  das  Laub,  und  überall  sah  man  wundervolle  Gärten. 
Große,  gelbgrüne  Bäume  strömten  einen  erfrischenden  Duft  aus;  diese  Bäume  glichen 
Pappeln und hießen Adarak. Sie wurden von den Alten und den Blauen Chasch mit Vorliebe 
angepflanzt, weil sie die Luft reinigten und zu besonderer Klarheit brachten. 
„Das ist Golsse", erklärte Baojian den Reisenden. „Haltet euch immer in unmittelbarer Nähe, 
sonst fallt  ihr  den  Tricks  der  Alten  Chasch  zum  Opfer.  Entweder  ihr  verlauft  euch  in  einem 
Irrgarten, oder man besprüht euch mit Essenzen, die euch für Wochen dazu verdammen, einen 
ekelhaften Geruch zu verströmen. Andere Tricks sind grausam oder sogar tödlich. Einmal hat 
man einen meiner Fahrer betäubt und ihm ein völlig neues Gesicht mit einem langen, grauen 
Bart  verpaßt.  Bleibt  also  hier,  auch  wenn  euch  die  Chasch  auffordern,  diesen  Platz  zu 
verlassen. Sie sind eine alte, dekadente Rasse ohne Mitleid. Betretet keinen Garten und kein 
Haus, wenn euch euer Leben lieb ist." Mehr brauchte er nicht zu sagen. Die Güter wurden von 
einigen Chaschmännern auf Motorwagen umgeladen. 
Baojian blieb nicht länger in Golsse als notwendig. Als er seine Wagen mit Spitzen, Drogen 
und Tinkturen beladen hatte, zog er weiter nach Norden. Er übernachtete lieber in der Steppe, 
als daß er sich den grotesken Einfallen der Alten Chasch aussetzte. 
 

 
Bald  lag  Pera  vor  ihnen.  Reiths  Funkgerät  bezeichnete  als  Standort  des  Brudergerätes  einen 
Abschnitt, der etwa sechzig Meilen westlich lag. Vom Karawanenmeister erfuhr er, daß dort 
die Stadt der Blauen Chasch Dadiche lag. „Aber halte sie dir vom Leib", riet er. „Sie sind ein 
verrücktes Pack; raffiniert wie die Alten Chasch und wild wie die Grünen." 
„Treiben sie keinen Handel mit Menschen?" 
„Doch,  ziemlich  viel  sogar.  Pera  ist  Umschlagplatz  für  den  Handel  mit  den  Blauen  Chasch; 
nur die Kaste der Wagenführer hat  Zutritt zu Dadiche. Die Alten Chasch sind ein unfreund-
liches Volk, aber die Blauen sind boshaft." 
„In Pera willst du wohl sofort umkehren?" 
„Innerhalb dreier Tage." „Wahrscheinlich wird die Prinzessin Ylin-Ylan mit dir zurückkehren 
und ein Schuf nach Cath nehmen." „Sehr schön. Kann sie bezahlen?" „Gewiß." 
„Dann sehe ich keine Schwierigkeiten. Und du? Willst du auch nach Cath?" 
„Nein.  Ich  bleibe  vielleicht  in  Pera."  Baojian  schüttelte  zweifelnd  den  Kopf.  „Die  Goldenen 
Yao von Cath sind ein schätzenswertes Volk, aber auf Tschai läßt sich nichts vorhersagen — 
außer  Ärger.  Ein  Wunder,  daß  uns  die  Grünen  Chasch  noch  nicht  angegriffen  haben!  Ich 
beginne zu hoffen, daß wir glatt nach Pera kommen." 
Aber  Baojian  sollte  nicht  recht  behalten.  Pera  war  schon  in  Sicht,  da  griffen  die  Grünen 
Chasch aus dem Osten an. Gleichzeitig brach ein Sturm los. Blitze zuckten über die Steppe, 
Donner  krachte,  und  Regen  fegte  wie  ein  riesiger  Besen  über  das  Land.  Der 
Karawanenmeister ließ die Wagen sofort in Verteidigungsstellung gehen — gerade noch früh 

background image

genug, denn die Grünen Chasch stürmten, auf ihre riesigen Tiere geduckt, auf den Wagenring 
los.  Die  Kanonen  der  Karawane  taten  wenig  Wirkung;  ein  paar  Angreifer  wurden  von 
Sandstrahlern  getötet,  andere  von  ihren  gestürzten  Tieren  erdrückt.  Ein  paar  Minuten  lang 
herrschte  Durcheinander,  bis  eine  ausgeruhte  Gruppe  nachrückte.  Wieder  donnerten  die 
Kanonen, und der Sturm gab mit Blitz und Donner seine Begleitung. 
Viele  der  Grünen  Chasch  waren  tot;  andere  duckten  sich  hinter  ihre  gestürzten  Tiere  und 
schossen mit ihren Katapulten. Drei Krieger der Karawane fielen. Beim dritten Angriff waren 
die  Verluste  der  Grünen  Chasch  noch  schlimmer,  aber  sie  waren  trotzdem  noch  in  der 
Überzahl. 
Reith winkte Traz zu, nahm die Blume von Cath bei der Hand und schloß sich einer Gruppe 
entsetzter  Flüchtlinge  an,  die  mit  einigen  Barackenwagen,  deren  Fahrern  und  etlichen 
überlegenden      Kanonieren      der      Stadt  entgegen]  agten.  Die  Karawane  war  aufgegeben.                                               
Die  Grünen  Chasch  verfolgten  die Flüchtlinge. Ein flammenäugiger Krieger sprang Reith 
an,  der  seine  Pistole  schußbereit  hatte,    aber  das  wertvolle  Geschoß  gerne  gespart  hätte.  Er 
duckte sich  unter  dem  zischenden   Schwertstreich; das Springpferd rutschte auf dem nassen 
Lehmboden,  und  der  Krieger  wurde  in  hohem  Bogen  zur  Seite  geschleudert      und      landete   
auf   dem Bauch. Reith rannte ihm nach und hieb mit seinem Emblemschild auf den Krieger 
ein. Dann kämpften sich Reith, Traz und Ylin-Ylan durch den strömenden Regen bis zu den 
Ruinen von Pera vor. Am Stadtrand von Pera stellten sie sich unter ein Betondach und froren 
entsetzlich  in ihren  triefnassen  Kleidern.   „Aber   wenigstens   sind   wir   in Pera,  wohin 
wir  ja  wollten",  meinte  Traz  philosophisch,  und  Reith  erklärte  dazu,      daß      sie    zwar   
ziemlich   entehrt seien, aber immerhin noch lebten. 
„Und jetzt", sagte er und zog sein Funkgerät aus dem Beutel, „werde ich nach Dadiche gehen. 
Es liegt zwanzig Meilen von hier." 
Traz schniefte. „Die Blauen Chasch werden dir dort übel mitspielen." 
Die  Blume  von  Cath  lehnte  sich  an  die  Mauer,  bedeckte  ihr  Gesicht  mit  den  Händen  und 
begann zu weinen. Das war neu für Reith, und er klopfte ihr tröstend auf die Schulter. „Was 
ist  denn  los?"  fragte  er,  „außer  daß  dich  friert,  du  naß,  hungrig  und  erschreckt  bist?"  „Ich 
werde nie mehr nach Cath zurückkehren. Ich weiß es." 
„Natürlich  kommst  du  nach  Hause.  Es  gibt  ja  auch  noch  andere  Karawanen."  Sie  war  bei 
weitem  noch  nicht  beruhigt,  trocknete  aber  ihre  Augen  und  sah  in  die  weite  Landschaft 
hinaus.  Der  Regen  ließ  ein  wenig  nach.  Das  Gewitter  verzog  sich.  Wenige  Minuten  später 
rissen  die  Wolken  auf,  und  die  Sonne  spiegelte  sich  in  den  Pfützen.  Die  drei,  noch  immer 
klatschnaß,  verließen  ihr  Schutzdach  und  stießen  mit  einem  kleinen  Mann  in  einem 
Ledermantel  zusammen,  der  ein  Bündel  Reisig  trug,  das  er  vor  Schreck  fallen  ließ.  Hastig 
griff er danach und wollte schon davonrennen, doch da hielt ihn Reith am Mantel fest. „Nur 
nicht so schnell! Sage uns lieber, wo wir Unterkunft und etwas zu essen bekommen!" 
Die  Angst  verschwand  aus  den  Augen  des  Mannes.  „Unterkunft  und  Essen?  Das  wird 
schwierig sein. Kannst du bezahlen?" 
„Ja, wir können bezahlen." 
„Nun", überlegte der Mann, „ich habe eine behagliche Wohnung. Drei Räume." Er schüttelte 
den  Kopf.  „Ihr  geht  doch  besser  zum  Gasthaus  zur  Toten  Steppe.  Würde  ich  euch 
beherbergen, dann würden mir die Schnapper doch nur meinen Profit abnehmen, und ich hätte 
gar nichts." 
„Ist das Gasthaus zur Toten Steppe das beste von Pera?" 
„Ja. Ein wirklich  sehr feines  Haus.  Die Schnapper werden eure Wohlhabenheit taxieren und 
euch  dann  sagen,  was  ihr  für  eure  Sicherheit  zu  bezahlen  habt.  Nur  Naga  Goho  und  die 
Schnapper dürfen in Pera rauben. Das ist eine Art Gesetz." 
„Ist Naga Goho der Herrscher von Pera?" 
„Man könnte so sagen." Er deutete auf ein massives Gebäude im Herzen der Stadt. „Dort ist 
sein  Palast,  auf  der  Zitadelle.  Dort  lebt  er  auch  mit  seinen  Schnappern.  Aber  mehr  sage  ich 

background image

nicht. Banditen meiden die Stadt. Wir treiben Handel mit Dadiche. Es könnte schlechter sein." 
„Ah, ich verstehe", sagte Reith. „Und wo ist jetzt das Gasthaus?" 
„Dort drüben, am Fuß des, Hügels. Am Ende der Karawanenstraße." 
 
 
 

8. 

 
Das  Gasthaus  zur  Toten  Steppe  war  das  großartigste  Gebäude,  das  Reith  je  in  einer 
Ruinenstadt  gesehen  hatte:  ein  langes  Gebäude  mit  einem  reichgegliederten  Dach  und 
unzähligen  Giebeln.  Wie  in  allen  Gasthäusern  auf  Tschai  gab  es  einen  riesigen  Gastraum. 
Sonst 
war dieser immer nur mit groben Tischen und rohgezimmerten Bänken ausgestattet, aber hier 
gab es hochlehnige, reichgeschnitzte und gepolsterte Stühle aus schwarzem, glänzenden Holz. 
Drei  Kronleuchter  aus  schwarzem  Eisen  und  buntem  Glas  erhellten  den  Raum.  An  den 
Wänden hingen uralte Terrakottamasken. 
An  den  Tischen  drängten  sich  die  Flüchtlinge  der  Karawane,  und  in  der  Luft  hing  würziger 
Essensgeruch.  Allmählich  fühlte  sich  Reith  wieder  wohler;  hier  wenigstens  gab  es  Wärme, 
Gemütlichkeit und Stil. 
Der  Wirt  war  ein  kleiner,  dicker  Mann  mit  einem  sauber  gestutzten  roten  Bart  und 
vorstehenden  rotbraunen  Augen.  Seine  Hände  und  Füße  waren  in  ständiger  Bewegung.  Als 
Reith  nach  einer  Unterkunft  fragte,  rang  er  verzweifelt  die  Hände.  „Hast  du  denn  nicht 
gehört?  Die  grünen  Dämonen  haben  Baojians  Zug  zerstört.  Ich  soll  für  alle  Überlebenden 
Raum beschaffen. Einige können nicht bezahlen. Und du? Naga Goho hat angeordnet, daß ich 
sie aufnehmen muß." 
„Wir waren auch bei der Karawane", erklärte Reith, „aber wir können bezahlen." 
„Ich  werde  euch  einen  Raum  beschaffen.  Ihr  müßt  euch  halt  damit  begnügen.  Aber  einen 
guten Rat noch." Er sah vorsichtig über die Schulter. „Diskret sein", flüsterte er. „In Pera hat 
sich einiges geändert." 
Die  drei  erhielten  einen  sauberen  Raum  zugewiesen,  und  gleich  darauf  wurden  auch  drei 
Strohsäcke  gebracht.  Trockene  Kleidung  war  nicht  zu  haben;  also  mußten  sie  in  ihren 
feuchten  Sachen  in  die  Gaststube  gehen,  wo  sie  nun  auch  Anacho,  den  Dirdirmann, 
entdeckten,  der  vor  einer  Stunde  angekommen  war.  Auch  Baojian  war  da  und  starrte 
nachdenklich in das Feuer. 
Während  sie  ihr  Abendessen  verzehrten,  betraten  sieben  große  Männer  den  Raum.  Sechs 
trugen dunkelrote Gewänder, schwarze Ledersandalen und knallbunte Umhänge. Der siebente 
Mann war in einen gestickten, glänzenden Übermantel gehüllt und schien Naga Goho zu sein. 
„Willkommen",  rief  er,  „in  unserer  ordentlichen  Stadt!  Gesetze  müssen  hier  streng  befolgt 
werden.  Wir  erheben  eine  Aufenthaltssteuer.  Hat  jemand  kein  Geld,  dann  muß  er  für  das 
Allgemeinwohl  Arbeit  leisten.  Gibt  es  irgendwelche  Fragen  oder  Klagen?"  Er  sah  sich  um, 
aber  niemand  antwortete.  Das  waren  also  die  Schnapper.  Sie  gingen  herum  und  sammelten 
Münzen  ein.  Widerwillig  bezahlte  Reith  für  sich,  Traz  und  die  Blume  von  Cath  neun 
Sequinen. 
Naga  Goho  bemerkte  das  schöne  Mädchen,  warf  sich  in  die  Brust  und  zwirbelte  seinen 
Schnurrbart.  Er  flüsterte  dem  Wirt  etwas  zu.  Dieser  kam  zu  Reith  und  berichtete  ihm,  daß 
Goho von der Frau Notiz genommen habe. „Er will ihren Status wissen. Ist sie Sklavin? Oder 
Tochter? Oder Frau?" 
Reith antwortete schlagfertig: „Ich bin ihr Eskorte. Sie steht unter meinem Schutz." 
Der Wirt zuckte die Achseln und ging zu Naga Goho, der mit einer kurzen Geste antwortete. 
Bald darauf verschwand er mit seinen Leuten. 
 

background image

 
Als  sie  ihren  kleinen  Schlafraum  aufsuchten,  war  Ylin-Ylan  sehr  niedergedrückt.  Reith 
versuchte  sie  zu  beruhigen.  „Du  wirst  mit  der  nächsten  Karawane,  die  Pera  verläßt,  nach 
Hause reisen", versprach er ihr. 
„Und  was  dann,  wenn  ich  wirklich  nach  Hause  komme?"  fragte  Ylin-Ylan.  „Eine  andere 
Prinzessin  wird  meinen  Platz  eingenommen  haben.  Mich  wird  niemand  mehr  nach  meinen 
Namen fragen, und niemand mehr wird sie kennen." 
„Sage mir doch deine Namen. Ich würde sie gerne wissen", bat Reith. 
Die  Blume von  Cath  sah  zu  Traz  hinüber. „Komm  mit  hinaus  auf  den  Balkon",  flüsterte  sie 
und sprang  auf. Schweigend standen sie eine Weile draußen. Az lugte durch die Wolken; in 
der Stadt leuchteten ein paar Lichter; von irgendwoher erscholl ein schnarrender Gesang und 
der dumpfe Ton einer Baunitrommel. „Du weißt, flüsterte sie ihm zu, „daß mein Blumenname 
Ylin-Ylan  ist;  aber  dieser  Name  wird  nur  bei  öffentlichen  Anlässen  und  großen  Festen 
benützt. Am Hof bin ich Shar Zarin," Sie schien noch etwas sagen zu wollen, zögerte aber. 
„Hast du noch andere Namen?" fragte Reith. 
„O ja." Sie legte den Kopf an seine Schulter und kuschelte sich in Reiths Arm, den er um ihre 
Taille  gelegt  hatte.  „Mein  Kindername  ist  Zozi,  aber  nur  mein  Vater  nennt  mich  so.  Dann 
habe  ich  noch  einen  Freundesnamen,  einen  Geheimnamen  und  andere.  Willst  du  meinen 
Freundesnamen hören? Wenn ich ihn dir sage, dann sind wir Freunde, und du mußt mir auch 
deinen Freundesnamen nennen."                           
„Sicher", antwortete Reith. „Sage ihn mir." 
„Derl." 
Reith küßte sie. „Und ich heiße Adam. Meine Freunde nennen mich so." 
„Hast du auch einen Geheimnamen?" 
„Nicht daß ich wüßte." 
„Vielleicht ist das auch gar nicht so wichtig, denn wenn ich ihn kenne, dann kenne ich auch 
deine  Seele.  Und  dann..."  Atemlos  sah  sie  ihn  an.  „Ich  habe  einen  Geheimnamen, den  sonst 
niemand kennt. Du mußt doch auch einen haben." 
Reith war von ihrer Nähe wie betrunken. Er schob jede klare Überlegung beiseite. „Sage mir 
deinen", bat er. 
Sie näherte ihren Mund seinem Ohr. „L'lae. Sie ist eine Nymphe, die in den Wolken über dem 
Berg Daramthissa wohnt und den Sternengott Ktan liebt." Sie sah hingebungsvoll zu ihm auf, 
und Reith küßte sie leidenschaftlich. Sie seufzte. „Wenn wir allein sind, darfst du mich L'lae 
nennen, und ich werde Ktan zu dir sagen. Das sind dann unsere Geheimnamen." Reith nickte 
lächelnd. „Und bald wird eine Karawane nach dem Osten ziehen über die Steppe nach Coad, 
dann mit dem Segelschiff über den Draschade nach Vervode in Cath." 
Reith legte ihr die Hand über den Mund. „Ich muß nach Dadiche." 
„In die Stadt der Blauen Chasch? Warum eigentlich?" 
Reith warf einen Blick hinauf in den Nachthimmel, als suche er dort Kraft. Was sollte er ihr 
sagen?  Erzählte  er  ihr  die  Wahrheit,  dann  hielt  sie  ihn  wahrscheinlich  für  verrückt,  obwohl 
ihre  Vorfahren  Signale  zur  Erde  gesandt  hatten.  Also  zögerte  er  mit  der  Antwort.  Sie  legte 
ihm die  Hände  auf  die  Schultern  und  sah  ihn forschend  an. Reith  holte  tief  Atem. „Ich  kam 
nach Kotan in einem Raumboot. Die Blauen Chasch hätten mich beinahe getötet. Sie müssen 
das Raumboot nach Dadiche gebracht haben. Und nun muß ich mir's wieder holen." 
„Wo  hast  du  gelernt,  ein  Raumboot  zu  fliegen?"  fragte  sie  verwirrt.  „Du  bist  doch  kein 
Wankhmann und auch kein Dirdirmann. Oder vielleicht doch?" 
„Nein, natürlich nicht. Man hat mich gelehrt, es zu fliegen." 
„Oh, das alles  ist ein solches Geheimnis", seufzte sie. „Und was  willst du tun, wenn du das 
Raumboot wieder hast?" 
„Dann bringe ich dich zuerst nach Cath." 

background image

„Und dann? Wirst du dann zu deinem eigenen Land zurückkehren? Hast du dort eine Frau?" 
„Ich würde in mein Land zurückkehren. Aber eine Frau habe ich nicht." 
Sie  nahm  die  Hände  von  seinen  Schultern  und  starrte  düster  über  das  alte  Pera.  „Wenn  du 
nach Dadiche gehst, wird man dich riechen und töten." 
„Wie meinst du das? Riechen?" 
„Oh,  du  weißt  so  viel  und  doch  so  wenig. Man sollte meinen,  du  kommst von  der kleinsten 
Insel auf Tschau Natürlich können die Blauen Chasch so riechen, wie wir sehen." 
„Ich muß aber versuchen, dorthin zu gelangen." 
„Das verstehe ich nicht", meinte sie betrübt. „Ich habe dir meinen Geheimnamen genannt, und 
das  ist  das  Kostbarste,  was  ich  dir  geben  kann.  Und  trotzdem  willst  du  deine  Pläne  nicht 
ändern." 
Reith  nahm  sie  in  die  Arme.  „Ich  muß  nach  Dadiche  —  deinetwegen  ebenso  wie 
meinetwegen.  Bist  du  denn  damit  zufrieden,  von  den  Dirdir,  den  Chasch  und  Wankh 
beherrscht zu werden?" 
„Ich  weiß  nicht  recht...,  ich  habe  darüber  noch  nicht  nachgedacht.  Die  sagen  uns,  die 
Menschen  seien  Mißgeburten,  aber  König  Hopsin  bestand  darauf,  die  Menschen  stammten 
von einem fernen Planeten. Er rief sie um Hilfe an, aber natürlich kamen sie niemals. Das ist 
natürlich schon lange her. Hundertfünfzig Jahre." 
„Das ist eine lange Zeit, wenn man wartet", sagte Reith. 
Sie  standen  am  Balkongeländer,  lauschten  in  die  Nacht  hinaus  und  hörten  den  fröhlichen 
Zechern  in  der  Trinkstube  zu.  „Ich  glaube",  sagte  sie  nach  einer  Weile,  „ich  werde  jetzt  zu 
Bett gehen." 
Reith hielt sie zurück. „Derl, wenn ich von Dadiche zurückkomme ..." 
„Du wirst niemals von Dadiche zurückkommen. Die Blauen Chasch werden ihren Spaß an dir 
haben ... Jetzt will ich schlafen. Vergiß, daß ich lebe.'' 
 
 
 

9. 

 
Ein  erster  Schimmer  sepiabraunen  Lichts  kündete  den  Morgen  an.  Reith  ging  zur  Gaststube 
hinunter und fand Anacho vor einem Krug Tee. Auch Reith bat um Tee. „Was weißt du von 
Dadiche?" fragte er den Dirdirmann. 
„Die Stadt ist ziemlich alt — ungefähr zwanzigtausend Jahre", begann er. „Sie ist der größte 
Raumhafen  der  Chasch,  wenn  sie  auch  wenig  Verbindung  zu  ihrer  Heimatwelt  Godag 
unterhalten. Südlich von Dadiche gibt es Fabriken und technische Betriebe. Es existiert sogar 
ein bißchen Handel zwischen den Dirdir und den Chasch, wenn es auch beide abstreiten. Aber 
sag mal, was hast du in Dadiche zu suchen?" 
Reith  überlegte.  Er  konnte  nichts  dabei  gewinnen,  wenn  er  Anacho  ins  Vertrauen  zog.  „Die 
Chasch haben mir  etwas sehr Wertvolles weggenommen", sagte  er schließlich. „Das möchte 
ich, wenn möglich, wiederhaben." 
„Ist ja interessant", antwortete Anacho ein wenig sarkastisch. „Was können die Chasch einem 
Halbmenschen  schon  wegnehmen,  das  es  wert  wäre,  einen  so  weiten  Weg  auf  sich  zu 
nehmen? Und wie willst du es finden und wieder an dich bringen?" 
„Finden kann ich es. Was dann geschieht, ist eher ein Problem." 
„Du machst mich staunen. Was willst du zuerst tun?" 
„Ich brauche Informationen. Ich möchte wissen, ob Personen wie du und ich ungehindert nach 
Dadiche hinein- und wieder herauskommen können." 
„Mich  würden  sie  als  Dirdirmenschen  riechen.  Die  haben  unendlich  feine  Nasen.  Die 
Nahrung, die du zu dir nimmst, liefert Essenzen an deine Haut. Auf die Art unterscheiden sie 
nicht  nur  die  einzelnen  Rassen,  sondern  sogar  Arm  von  Reich,  Gesund  von  Krank.  Sie 

background image

riechen, ob jemand Salzluft in den Lungen hat, also am Ozean lebt, oder ob er aus den Bergen 
kommt.  Sie  können  Gemüt,  Alter,  Geschlecht  und  die  Farbe  deiner  Haut  riechen.  Sie 
erkennen durch die Nase." 
Anacho  stand  auf  und  trat  an  einen  benachbarten  Tisch,  an  dem  drei  Männer  saßen.  Auf 
Anachos  Frage  gaben  sie  zurückhaltende  Antworten.  Anacho  kehrte  zu  Reith  zurück.  „Das 
sind  Viehtreiber.  Sie  besuchen  Dadiche  regelmäßig.  Das  Land  ist  ziemlich  sicher.  Niemand 
wird uns die Straße entlang belästigen." 
„Uns?" fragte Reith. „Willst du denn mitkommen?" 
„Warum denn nicht? Ich kenne Dadiche und seine berühmten Gärten noch nicht. Wir können 
Springpferde mieten und damit bis auf eine Meile an die Stadt herankommen." 
„Gut",  meinte  Reith.  „Erst  muß  ich  aber  noch  mit  Traz  sprechen.  Er  kann  dem  Mädchen 
Gesellschaft leisten." 
 

 
Am nächsten Morgen  ritten sie los. Sie hielten auf eine  graue Hügelkette zu. Dann stieg die 
Straße zu einer Schlucht an, und hier mußten sie an einem Tor warten, bis einige Schnapper 
einen  hochbeladenen  Wagen  kontrolliert  und  dem  Wagenführer  etliches  Geld  abgenommen 
hatten. Reith und Anacho bezahlten je eine Sequine. 
Hinter  der  Schlucht  breitete  sich  vor  ihnen  eine  liebliche  Landschaft  aus,  ein  einziger, 
sorgfältig gepflegter Garten. 
Unter  ihnen  lag  Dadiche.  Niedrige,  flache  Kuppeln  und  weitgeschwungene  Dächer 
versteckten sich unter dichtem Laub. Es war unmöglich, Größe und Einwohnerzahl der Stadt 
zu schätzen. Reith mußte zugeben, daß die Blauen Chasch recht angenehm zu leben schienen. 
Er  las  sein  Funkgerät  ab  und  erklärte  es  Anacho.  „Dieses  Gerät  zeigt  die  Richtung  an  und 
weist  auf  eine  Entfernung  von  dreieinhalb  Meilen.  Die  Linie  schneidet  durch  das  große 
Gebäude mit der hohen Kuppel. Die Entfernung dürfte stimmen." 
Fasziniert  betrachtete  Anacho  das  Instrument.  „Sag  mal,  woher  hast  du  das?  Eine  solche 
technische  Vollkommenheit  habe  ich  noch  nie  gesehen!  Und  diese  Zeichen  hier  stammen 
weder von den Dirdir, noch von den Chasch oder Wankh! Aus welcher abgelegenen Ecke von 
Tschai  stammt  das?  Ich  hätte  nie  geglaubt,  daß  Halbmenschen  Fähigkeiten  entwickeln 
könnten, die über Ackerbau und Viehzucht hinausgehen." 
„Anacho,  mein  Freund",  sagte  Reith,  „du  hast  noch  viel  zu  lernen.  Ganz  ohne  Schock  wird 
das aber nicht abgehen." 
Anacho zog seine weiche, schwarze Mütze tiefer in die Stirn. „Du bist geheimnisvoll wie ein 
Pnume", stellte er fest. 
Reith untersuchte mit seinem Scanskop die Landschaft, stellte den Verlauf der Straße fest, die 
sich  hügelabwärts  durch  ein  Wäldchen  zog,  und  entdeckte  eine  lange  Mauer,  die  er  vorher 
übersehen hatte. Die Straße führte durch ein Tor in die Stadt hinein. 
Entlang der Straße standen Wagen, die sich zur Einfahrt nach Dadiche aufgestellt hatten und 
mit Waren aller Art hoch beladen waren. 
„Es hat keinen Sinn, der Straße noch länger zu folgen", meinte Reith. „Bleiben wir dagegen 
auf  dem  Hügelrücken,  dann  können  wir  nach  etwa  einer  Meile  einen  genaueren  Blick  auf 
jenes Gebäude werfen." 
Nach  dieser  Meile  stellte  Reith  mit  Hilfe  seines  Funkgerätes  fest,  daß  sich  dort  tatsächlich 
sein  Raumboot  befand.  „Den  Gegenstand  dort  drinnen,  der  mir  gehörte,  möchte  ich 
wiederhaben", sagte er zu Anacho. 
Aber  der  grinste  nur.  „Schön  und  gut  —  aber  wie  denn?  Du  kannst  nicht  einfach  nach 
Dadiche  hineinreiten,  an  eine  Tür  klopfen  und  sagen:  Gebt  mir  mein  Eigentum  wieder!  Du 
würdest  enttäuscht  sein,  was  du  da  zu  hören  bekämst.  Und  als  Dieb  bist  du  für  die  Chasch 
nicht geschickt genug. Was willst du also tun?" 

background image

Reith  schickte  sehnsüchtige  Blicke  hinunter.  „Erst  muß  ich  mal  hineinsehen  können. 
Vielleicht ist das, was ich suche, gar nicht dort." 
Anacho  schüttelte  vorwurfsvoll  den  Kopf. „Du  sprichst  in  Rätseln.  Einmal sagst  du, was du 
suchtest, sei da, dann stellst du fest, es könnte vielleicht doch nicht da sein." 
Reith lachte, aber er fühlte sich unsicher. Jetzt stand er vor Dadiche und war damit vielleicht 
in unmittelbarer Nähe seines Raumbootes, und nun erschien ihm die Aufgabe, sich wieder in 
dessen  Besitz  zu  setzen,  unheimlich  schwer. „Genug für  heute", sagte  er,  „kehren wir  lieber 
nach Pera zurück." 
Aber  dann,  als  sie  wieder  auf  der  Straße  waren,  zogen  ihn  die  schwerbeladenen  Wagen 
unwiderstehlich an. „Die fahren alle nach Dadiche", sagte er. „Ich fahre mit. Warum sollte es 
Schwierigkeiten geben?" 
Anacho  schüttelte  abwehrend  den  Kopf.  „Die  Blauen  Chasch  sind  schwer  zu  durchschauen 
und  man kann  nie  vorhersehen,  für  welches  Spiel sie  einen  aussuchen.  Willst du  auf heißen 
Stäben über eine Grube mit weißäugigen Skorpionen gehen? Ihr Einfallsreichtum kennt keine 
Grenzen." 
Reith sah finster auf die Stadt hinunter. „Die Wagenfahrer riskieren all das?" 
„Die   haben   Lizenzen   und   werden nicht belästigt — außer sie fordern es heraus." 
„Dann werde ich als Wagenlenker gehen." 
Anacho nickte. „Ich schlage dann aber vor, daß du heute abend deine Kleider ausziehst, dich 
mit feuchtem Lehm abreibst, dich in den Rauch brennender Knochen stellst, durch Tierdung 
gehst,  übelriechendes  Fett  in  die  Haut  reibst  und  alles  an  scharfriechenden  Dingen  ißt,  die 
ihren  Geruch  an  die  Haut  abgeben.  Schließlich  mußt  du  dich  von  Kopf  bis  Fuß  in  die 
Kleidung  der  Wagenführer  hüllen.  In  der  Nähe  eines  Blauen  Chasch  darfst  du  auch  nie 
ausatmen und nie in Windrichtung an ihm vorbeigehen." 
Reith  grinste  dazu,  wenn  ihm  auch  gar  nicht  danach  zumute  war.  „Der  Plan  erscheint  mir 
immer unausführbarer. Ich habe wirklich noch keine Lust zu sterben." 
Er  zuckte  die  Achseln,  setzte  sein  Springpferd  mit  einem  Fersendruck  in  Gang  und  kehrte 
nach Pera, der alten Ruinenstadt, zurück. 
 

 
Am Spätnachmittag kamen sie dort an. Sie lieferten ihre Springpferde ab und überquerten den 
Platz vor dem Gasthaus, in dem sie wohnten. 
Die Gaststube war halb besetzt, aber Traz und die Blume von Cath waren nirgends zu sehen. 
Reith fragte den Wirt nach ihnen. 
Der  zog  ein  saures  Gesicht  und  wagte  es  nicht,  Reith  in  die  Augen  zu  schauen.  „Du  mußt 
doch wissen, wo sie ist. Und der Bursche wurde auf ganz unvernünftige Art wütend, als man 
sie holte. Er soll gehängt werden." 
„Wie lange ist das schon her?" fragte Reith betont ruhig. 
„Nicht lange. Der Bursche war wirklich ein Narr. Ein solches Mädchen ist doch wirklich eine 
Verlockung. Er hatte kein Recht, sie zu verteidigen." 
„Brachten sie das Mädchen in den Turm?" 
„Ich  denke  schon.  Aber  was  geht  das  mich  an?  Naga  Goho  tut,  was  ihm  paßt.  Er  hat  die 
Macht in Pera." 
Reith  übergab  Anacho  seine  Tasche  und  behielt  nur  seine  Waffen.  „Gib  auf  meine  Sachen 
acht", bat er. „Falls ich nicht zurückkomme, kannst du sie behalten." 
„Willst du schon wieder dein Leben aufs Spiel setzen?" fragte Anacho entrüstet. „Und was ist 
mit deinem Eigentum?" 
„Das kann warten." Reith lief der Zitadelle entgegen. 
 
 

background image

 

10. 

 
Die  untergehende  Sonne  schien  voll  auf  die  Plattform  um  den  Galgen.  Es  war  eine 
buntgemischte  Gesellschaft,  die  gekommen  war,  um  der  Exekution  zuzusehen.  Sechs 
Schnapper  waren  anwesend;  sie  trugen  reichgeschmückte  dunkelrote  Jacken.  Zwei  standen 
beim Seil, zwei hielten Traz, den seine Beine nicht mehr zu tragen schienen. Einer lehnte an 
einem Pfosten mit dem Katapult in der Hand, und der letzte sprach zu der apathischen Menge. 
„Auf Anweisung von Nage Goho muß dieser bösartige Verbrecher, der es gewagt hat, Gewalt 
anzuwenden, hängen!" 
Die Schlinge wurde um Traz' Hals gelegt. Er hob den Kopf, und sein glasiger Blick glitt über 
die Menge. Wenn er Reith erkannt hatte, so gab er doch kein Zeichen. 
Reith drängte sich durch die Menge, bis er neben dem Galgen stand. Solche Dinge passierten 
auf  Tschai  täglich;  man  durfte  also  in  seinen  Mitteln  nicht  wählerisch  sein.  Das  war  Reith 
auch  nicht,  denn  in  dem  Augenblick,  als  der  eine  Schnapper  das  Signal  zum  Anziehen  des 
Seiles gab, stieß er ihm das Messer in die Brust. Mit der nächsten Bewegung schaltete er zwei 
weitere Burschen aus. Auch sie ereilte ihr Schicksal. Reith rannte zu Traz und befreite ihn von 
der  Schlinge.  Er  befahl  zwei  Schnappern,  den  erschöpften  Jungen  zum  Gasthaus  zu  bringen 
und  zu  veranlassen,  daß  man  sich  um  ihn  kümmerte  und  ihn  versorgte.  Nachdem  er  wußte, 
daß sein Befehl befolgt  wurde, eilte er zu Naga  Gohos Palast. Eine Gruppe betrunkener und 
johlender  Schnapper  versperrte  ihm  den  Weg,  und  er  mußte  sich  eng  an  die  Mauern  der 
Zitadelle  halten.  Schließlich  mußte  er  sogar  an  Mauervorsprüngen  entlangklettern  und  sich 
mit den Fingerspitzen in schmalen Spalten festklammern. Endlich kam er an ein Fenster mit 
einem Gitter aus geflochtenen Weidengerten. 
Reith riß das Gitter auf und kletterte hinein. 
Mit ein paar Sprüngen war er an der Tür, riß sie auf und sah auf einen bepflanzten Hof hinaus. 
Von  einem  Torbogen  gegenüber  vernahm  er  Stimmengemurmel.  Reith  schlüpfte  über  den 
Hof,  lugte  durch  den  Torbogen  und  blickte  in  eine  mit  bunten  Teppichen  ausgelegte 
Speisehalle.  Schwere  Tische  und  Stühle  standen  unter  riesigen  Kandelabern,  und  dort  saß 
auch  Naga  Goho  in  einem  prunkvollen,  über  die  Schultern  zurückgeschlagenen  Pelzmantel 
beim Abendessen. Am anderen Ende des Raumes hockte die Blume von Cath. Reith sah, daß 
ihre Hände gefesselt waren. Naga Goho ließ sich gerade das Essen schmecken. 
Reith  sah  ein  paar  Minuten  lang  zu,  dann  trat  er  ruhig  ein.  Ylin-Ylan  blickte  auf,  aber  ihr 
Gesicht blieb ausdruckslos, den Reith hatte ihr zu schweigen bedeutet. Naga Goho folgte aber 
ihren Augen, drehte sich herum und sprang auf, so daß sein Mantel zu Boden fiel. „He! Eine 
Ratte im Palast!" brüllte er und rannte nach seinem Schwert, das an einem Bankrücken hing. 
Aber Reith kam zuerst an, versetzte Naga Goho einen wuchtigen Fausthieb, der ihn über den 
Tisch warf, und sprang ihn an. Beide waren geschickte Kämpfer, aber Reith war flinker und 
warf Naga Goho zu Boden. Die Arme auf den Rücken gefesselt und ein Knebel im Mund — 
das war das Ende des großen Naga Goho. 
Reith  befreite  Ylin-Ylan.  Sie  schloß  die  Augen  und  war  so  blaß,  daß  Reith  fürchtete,  sie 
werde  ohnmächtig.  Aber  sie  lehnte  sich  nur  weinend  an  Reiths  Brust,  und  er  streichelte 
beruhigend  ihren  Kopf.  Doch  dann  wollte  er  nur  noch  so  schnell  wie  möglich  weg.  Er 
befestigte also ein Seil um Naga Gohos Hals und befahl ihm aufzustehen. 
Im Hof hockten die üblen Burschen vor ihren Bierkrügen. Reith gab der Blume von Cath das 
Seil. „Geh hier durch", sagte er. „Beeile dich nicht. Gib nicht auf die Männer acht. Führe den 
Goho so am Seil die Straße entlang." 
Das tat Ylin-Ylan. Die Schnapper sahen entgeistert zu, und Naga Goho gab undeutliche Laute 
von sich.  Langsam  standen die Männer  auf. Einer trat ein paar Schritte vor. Da betrat Reith 
den Hof. „Zurück!" rief er. „Auf die Plätze!" 
Ylin-Ylan  ging  mit  dem  Goho  bereits  den  Hügel  hinab.  „Euer  Häuptling  ist  erledigt!"  rief 

background image

Reith den Männern zu, „und ihr auch! Ihr geht jetzt alle den Hügel hinunter, aber eure Waffen 
bleiben hier! Und keiner folgt uns!" Reith lief  Ylin-Ylan nach, die mit Naga Goho reichlich 
zu tun hatte, und ergriff das Seil. 
Az  und  Braz  standen  am  Osthimmel.  Die  weißen  Häuser  von  Pera  schimmerten  in  einem 
unwirklichen Licht. Auf dem Platz hatte sich eine riesige Menschenmenge angesammelt, denn 
das Gerücht von dem Handstreich hatte sich schnell verbreitet. 
Reith blieb stehen und zerrte grinsend am Seil. „Leute, das hier ist Naga Goho!" rief er. „Jetzt 
ist er kein Häuptling mehr, denn er hat ein Verbrechen zuviel begangen. Was sollen wir mit 
ihm tun?" 
„Er verdient den Tod", riefen die Umstehenden wie im Chor. 
„Niemand verlangt für ihn Barmherzigkeit", stellte Reith fest, und wandte sich Naga Goho zu. 
„Deine Zeit ist um." Er zog ihm den Knebel aus dem Mund. „Hast du noch etwas zu sagen?" 
Aber Naga Goho fand keine Worte mehr. 
„Nun,  dann  wollen  wir  ihm  ein  schnelles  Ende  bereiten",  sagte  Reith,  „obgleich  er 
Schlimmeres verdient." 
Fünf Minuten  später  gab  es  den  ehemaligen  Häuptling  nicht mehr. Reith  sprach zur  Menge: 
„Ich bin ein Neuankömmling in Pera, aber ich weiß — ebenso wie ihr —, daß die Stadt eine 
verantwortliche  Leitung  braucht.  Ihr  seid  doch  Menschen!  Warum  laßt  ihr  euch  von  diesen 
Schurken  vergewaltigen?  Morgen  müßt ihr euch  zusammensetzen  und  fünf  tüchtige  Männer 
aus eurer Mitte wählen, die den Rat der Ältesten bilden. Einer soll dann nach dem Willen des 
Rates ein Jahr lang regieren, mit dessen Unterstützung Recht sprechen und Steuern festsetzen. 
Dann müßt ihr eine bewaffnete Truppe aufstellen, die gegen die Grünen Chasch kämpfen, sie 
vielleicht vertreiben oder vernichten kann. Vergeßt nie, daß wir Menschen sind!" Er sah zur 
Zitadelle  hinauf.  „Zehn  oder  elf  dieser  Schurken  sind  noch  oben.  Morgen  könnt  ihr 
entscheiden,  was  mit  ihnen  geschehen  soll.  Vielleicht  versuchen  sie  zu  fliehen.  Deshalb 
müssen Wachen aufgestellt werden. Zwanzig Mann werden genügen." Reith deutete auf einen 
großen  Mann  mit  schwarzem  Bart.  „Du  siehst  tüchtig  und  vertrauenswürdig  aus.  Nimm  die 
Sache  in  die  Hand.  Du  bist  der  Kommandant.  Nimm  dir  zwei  Dutzend  Männer  oder  mehr, 
und haltet Wache. Ich muß mich jetzt um meinen Freund kümmern." 
Reith  und  die  Blume  von  Cath  kehrten  zum  Gasthaus  zurück.  Ylin-Ylan  nahm  Reiths  Hand 
und küßte sie. „Ich danke dir, Adam Reith." 
Sie  begann  zu  schluchzen.  Sie  war  müde  und  erschöpft.  Reith  küßte  sie  auf  die  Stirn,  dann 
ihren Mund — trotz seiner guten Vorsätze. 
Traz  schlief  schon  in  einem  Zimmer  neben  der  Gaststube,  als  sie  im  Gasthaus  ankamen. 
Neben ihm saß Anacho, der Dirdirmann. „Wie geht es ihm?" erkundigte sich Reith. 
„Ziemlich gut", erwiderte Anacho düster. „Ich habe seinen Kopf gebadet. Kein Schädelbruch. 
Morgen wird er wieder auf den Beinen sein." 
Reith kehrte in die Gaststube zurück, aber die Blume von Cath war nirgends mehr zu sehen. 
Nachdenklich  aß  er  eine  Schüssel  Fleisch  mit  Krautern  und  ging  hinauf  in  den  Schlafraum, 
wo Ylin-Ylan auf ihn wartete. 
„Ich  habe  noch  einen  Namen,  den  allergeheimsten,  den  ich  nur  meinem  Geliebten  verrate", 
sagte sie. „Wenn du ein bißchen näher kommst..." 
Keith beugte sich zu ihr hinunter, und sie wisperte ihm den Namen ins Ohr. 
 
 
 

11. 

 
Am nächsten Morgen hielt sich Reith auf den Ladeplätzen der Wagen auf und unterhielt sich 
mit einem der zugänglicheren Wagenmeister über seine Fahrten nach Dadiche und erfuhr, auf 
welchen Straßen der Stadt und in welchen Vierteln sich die Wagen bewegen durften. Um in 

background image

die Stadt zu gelangen, sei aber, so hörte er, eine  Lizenz erforderlich. Nach einigem Handeln 
und Verhandeln erklärte sich Reith bereit, fünfzehn Sequinen zu bezahlen, um nach Dadiche 
mitgenommen  zu  werden.  Im  Preis  eingeschlossen  waren  Wagenführerkleider.  Gleichzeitig 
erhielt er  genaue Anweisungen, welche  Blätter  er kauen und womit er sich einreiben müsse, 
um seinen Geruch zu überdecken. 
Das  tat  Reith,  und  bald  war  er  abfahrtbereit.  Auf  seiner  Schulter  steckte  eine  Plakette  aus 
weißem  Glas,  die  Lizenz.  „Wenn  du  durch  das  Tor  fährst",  erklärte  ihm  Emmink,  der 
Wagenführer, „dann rufst du laut deine Nummer. Dann sagst du nichts mehr und steigst auch 
nicht vom Wagen ab. Wenn sie riechen, daß du ein Fremder bist, kann ich dir nicht helfen. Du 
darfst mich dann nicht ansehen." Diese Anweisung war nicht gerade ermutigend für Reith. 
Der Wagen rumpelte den grauen Hügel entgegen. 
Bald  breitete  sich  vor  ihnen  Dadiche  aus,  eine  Stadt  von  bizarrer  und  irgendwie  drohender 
Schönheit.  Reith  fühlte  sich  nun  doch  etwas  unbehaglich  in  seiner  Verkleidung,  und  sein 
ungewohnter Geruch behagte ihm ganz und gar nicht. Und was war mit Emmink? Konnte er 
ihm vertrauen, sich auf ihn Verlassen? 
„Wo wirst du deine Waren abladen?" fragte Reith. 
Emmink schien sich die Antwort besonders sorgfältig zu überlegen. „Wo ich den besten Preis 
dafür bekommen kann", meinte er schließlich. „Vielleicht am Nordmarkt, vielleicht aber auch 
am Flußmarkt. Oder im Bonte Bazar." 
„Ah,  so",  sagte  Reith  nur  und  deutete  auf  ein  großes,  weißes  Gebäude.  „Und  was  ist  das 
dort?" 
Emmink zuckte uninteressiert die Achseln. „Geht mich nichts an. Ich kaufe, transportiere und 
verkaufe. Sonst will ich nichts wissen." 
„Hm. Verstehe. Aber ich möchte gerne, daß du an dem Gebäude vorbeifährst." 
„Liegt sowieso auf meinem Weg", grunzte Emmink. 
Sie rollten den Hügel hinab zum großen Tor in der Mauer, wo die ankommenden Fahrzeuge 
kontrolliert  wurden.  Emmink  schrie  seine  Nummer,  und  Reith  tat  es  ihm  nach,  und  der 
kontrollierende  Chaschmann  —  ein  kleiner,  krummbeiniger  Kerl  —  winkte  sie  durch  die 
Sperre. 
„Du hast aber Glück gehabt, daß keiner von den Blauen Chaschoffizieren da war. Die hätten 
nämlich  deinen  Angstschweiß  gerochen. Wenn du  als Wagenführer  durchgehen  willst,  mußt 
du schon mehr Kaltblütigkeit aufbringen", sagte Emmink. 
„Du verlangst wirklich sehr viel", meinte Reith. „Schließlich tu ich doch, was ich kann." 
Dadiche  war  eine  Stadt  der  Wohlgerüche.  Es  roch  nach  Muskat,  Anis,  nach  verbranntem 
Bernstein und nach Blumen, die einen moschusähnlichen Duft ausströmten. 
Anscheinend rechnete Emmink damit, daß Reith etwas Unbedachtes tun könnte und erzählte 
ihm zur Warnung folgende Geschichte: Ein Wagenführer sei einmal, um einem menschlichen 
Bedürfnis  nachzugeben,  von  seinem  Wagen  gestiegen und  grundlos  von  den  Blauen  Chasch 
eingefangen und weggeführt worden. Man habe ihn in einen großen Bottich mit übelriechen-
dem  Brei  gesetzt,  der  ihm  bis  ans  Kinn  reichte.  Diesen  Brei  brachte  man  fast  zum  Sieden. 
Wurde er unerträglich heiß, so mußte der arme Kerl auf den Boden des Bottichs tauchen und 
dort  an einem  Ventil  drehen,  worauf  der  Brei eiskalt  wurde.  Und  so  ging das  vier  Tage  und 
Nächte hindurch. Trotzdem überlebte der Mann. Man entließ ihn zu seinem Wagen, damit er 
überall diese Geschichte weitererzählen konnte, um jeden Unbefugten vom Betreten der Stadt 
und jeden, der in die Stadt kam, von unbedachten Handlungen abzuhalten. 
Emmink  warf,  als  er  seinen  Bericht  beendet  hatte,  Reith  einen  prüfenden  Blick  zu.  „Was 
führst du gegen sie im Schilde? Ich kann dir ziemlich genau sagen, wie sie darauf antworten 
werden." 
„Ich führe nichts im Schilde. Ich bin nur neugierig und möchte sehen, wie die Blauen Chasch 
leben." 
„Die  leben  wie  Irre",  antwortete  er.  „und  das  sagen  alle,  die  sie  kennen.  Die  Langeweile 

background image

vertreiben  sie  sich  damit,  daß  sie  Grüne  Chasch  und  Phung  oder  einen  Dirdir  und  einen 
Pnume einfangen, zusammensperren und gegeneinander hetzen. Das macht ihnen Spaß. Feine 
Leute, was?" 
„Ich möchte nur wissen", meinte Reith nachdenklich, warum sich die das gefallen lassen. Man 
sollte  doch  denken,  mit  diesen  Dingen  müßte  einmal  ein  großer  Krieg  aufräumen.  Sind  die 
Dirdir denn nicht mächtiger als die Blauen Chasch?" 
„Das  sind  sie  auch,  und  ich  habe  gehört,  daß. ihre  Städte einfach  wundervoll  sind.  Aber  die 
Chasch  haben  Torpedos  und  Minen,  mit  denen  sie  die  Dir-dirstädte  vernichten  können, falls 
die Dirdir angreifen sollten. Aber solange sie mich in Ruhe lassen, kann's mir gleich sein. Ah, 
da  vorne  ist  der  Nordmarkt.  Du  mußt  wissen,  die  Chasch  handeln  gerne,  betrügen  aber 
meistens. Du mußt den Mund halten und darfst nicht einmal den Kopf schütteln oder nicken, 
wenn ich verhandle." 
Reith war nun  Zeuge des härtesten  Handels, den er je erlebt hatte.  Beide Parteien  fuchtelten 
mit  den  Armen,  lamentierten  und  beschimpften  sich,  bis  es  schließlich  dem  Blauen  Chasch 
zuviel würde und er sich einem anderen Wagen zuwandte. Emmink winkte Reith zu, daß der 
Handel zu Ende sei, er wolle jetzt zum Bonte Bazar. „Manchmal", erklärte er, „halte ich den 
Preis absichtlich hoch, um den Marktpreis zu erfahren, aber auch um sie zu ärgern." 
Er hatte nicht vergessen, daß Reith an dem großen weißen Gebäude vorüberfahren wollte und 
fuhr eine Straße entlang, die sich in Flußnähe durch ein Viertel mit Gärten und Villen wand. 
Manchmal sahen sie zwischen den eleganten Häusern kleine Hütten und Kuppeln, vor denen 
im  Sand  nackte  Kinder  spielten.  Emmink  erklärte  dazu:  „Man  sagt,  daß  hier  der  wahre 
Ursprung  der  Blauen  Chasch  zu  finden  sei.  Die  Chaschmenschen  glauben  nämlich,  daß  in 
jedem ein Homunkulus heranwächst, der nach dem Tod des Trägers befreit und ein richtiger 
Chasch wird. Das lehren die Blauen Chasch. Ist es nicht absurd?" 
„Das  sollte  man  meinen",  erwiderte  Reith.  „Haben  die  Chaschmenschen  denn  niemals 
menschliche Leichen oder Kinder der Blauen Chasch gesehen?" 
„Sicher haben sie das. Aber sie suchen für jeden Widerspruch eine Erklärung; wie könnten sie 
sonst ihre Unterwürfigkeit gegenüber den Chasch rechtfertigen?" 
Emmink  mußte  wohl  mehr  über  solche  Fragen  nachdenken,  als  es  den  Anschein  hatte; 
deshalb  fragte  ihn  Reith  auch:  „Glauben  sie,  daß  die  Dirdir  sich  aus  den  Dirdirmenschen 
entwickeln? Oder die Wankh aus den Wankhmenschen?" 
Emmink  zuckte  die  Achseln.  „Vielleicht  ...  Man  weiß  es  nicht  genau.  Im  übrigen  ist  dort 
drüben dein Gebäude." 
Es war ein großes Gebäude, das — wie Reith überzeugt war — sein Raumboot beherbergte. 
Reith  musterte  das  Bauwerk.  Drei  große  Tore  unterbrachen  die  Fassade;  das  linke  und 
mittlere  Tor  war  geschlossen,  das  rechte  offen.  Im  Vorüberfahren  sah  Reith  hinein  und 
erkannte  riesige  Maschinen,  das  Glühen  heißen  Metalls,  eine  Plattform  ähnlich  der,  die  das 
Raumboot aus dem Sumpf gehoben hatte. 
Reith  wandte  sich  zu  Emmink  um.  „Dieses  Gebäude  hier  ist  eine  Fabrik,  wo  Luft-  und 
Raumschiffe gebaut werden." 
„Ja,   natürlich",   grunzte  Emmink. „Warum hast du mir das nicht gesagt?" 
„Für Informationen hast du ja nicht bezahlt. Ich verschenke nichts." 
„Fahr noch mal um das ganze Gebäude herum." 
„Dann kostet das fünf Sequinen extra." 
„Zwei. Und wenn dir das nicht paßt, dann muß ich dir leider die Zähne einschlagen." 
Emmink  fluchte  vor  sich  hin  und  fuhr  um  die  Fabrik  herum.  „Hast  du  je  in  der  Mitte  oder 
links hineingesehen?" fragte Reith. 
„Kaum. Ich muß nach mir selbst sehen." 
„Wieviel wäre eine Information wert?" 
„Nichts. Ich weiß nichts." „Eine Sequine?" Emmink nickte. 
„Manchmal  stehen  die  anderen  Tore  offen.  In  der  Mitte  bauen  sie  Raumschiffe,  die  dann 

background image

herausgerollt  und  weggefahren  werden.  Im  linken  Gebäudeteil  bauen  sie  kleinere 
Raumschiffe,  wenn  sie  gebraucht  werden.  In  letzter  Zeit  wird  dort  nicht  viel  getan.  Die 
Blauen Chasch sind keine begeisterten Raumfahrer." 
„Hast  du  je  beobachtet,  daß  man  Raumschiffe  oder  -boote  zur  Reparatur  hierherbringt? 
Vielleicht vor ein paar Monaten?" 
„Nein. Warum fragst du?" „Diese Information wird dich etwas kosten",    antwortete    Reith.    
Emmink grinste  boshaft  und  entblößte  riesige, gelbe Zähne. Er sagte nichts mehr. 
„Und  jetzt  fährst  du  herunter  von  der  Straße",  befahl  Reith,  „bleibe  ein  paar  Minuten  hier 
stehen." 
Emmink legte Protest ein, aber Reith schob den Antriebshebel zurück, und der Wagen stand. 
Errimink war wütend. 
„Steig aus", knurrte Reith, „schau nach deiner Energiezelle oder mach etwas an den Rädern. 
Beschäftige dich irgendwie." Er sprang herunter und sah zur Fabrik hinüber. Das  rechte Tor 
so  weit  offen  zu  sehen,  war  eine  Qual.  So  nahe  und  doch  so  fern!  Wenn  er  es  nur  wagen 
könnte, die kurze Strecke zum Tor zurückzulegen und hineinzuschauen! 
Und  was  dann?  Angenommen,  er  sah  sein  Raumboot.  Sicher  war  es  nicht  flugfähig. 
Wahrscheinlich  hatten  die  Techniker  der  Blauen  Chasch  den  Mechanismus  mindestens 
teilweise  ausgebaut.  Und  jetzt  würden  sie  daran  herumrätseln.  Besonders  ermutigend  waren 
die Aussichten also nicht. Und war das Boot nicht dort drinnen, sondern nur Paul Waunders 
Funkgerät, dann mußte er alles neu durchdenken und andere Pläne schmieden. 
Emmink  schien  sich  beruhigt  zu  haben;  Reith  beschloß,  ihn  um  Rat  zu  fragen.  „Emmink", 
sagte er, „was würdest du tun, wenn du erfährst, daß dort drinnen — sagen wir einmal — ein 
kleines Raumboot ist?" 
Emmink  brummte.  „Solch  eine  Narretei  ließe  ich  mir  gar  nicht  einfallen.  Ich  würde  auf 
meinen Wagen steigen und davonfahren, solange ich noch lebe und gesund bin." 
„Kannst du dir keinen Auftrag ausdenken, der uns in das Gebäude hineinbringt?" 
„Nein.  Absolut  ausgeschlossen."  „Oder  uns  wenigstens  nahe  an  dem  offenen  Tor 
vorbeiführt?" 
„Nein!  Das  geht  auf  keinen  Fall!"  Sehnsüchtig  sah  Reith  zum  Portal  hinüber.  Er  wurde 
allmählich  wütend  auf  sich  selbst,  die  Umstände,  die  Blauen  Chasch,  auf  Emmink  und  den 
Planeten  Tschai.  Diese  paar  Schritte  —  nicht  einmal  eine  halbe  Minute.  Aber  dann  hatte  er 
auch seinen Entschluß gefaßt. „Warte hier", befahl er Emmink und eilte mit großen Schritten 
davon. „Komm sofort zurück!" rief Emmink. „Sag mal, bist du wahnsinnig?" 
Aber Reith ließ sich nicht zurückholen. Auf dem Gehsteig vor dem Gebäude standen ein paar 
Chaschmänner,  die  aber  keine  Notiz  von  ihm  nahmen.  Reiths  Herz  hämmerte.  Seine 
Handflächen waren feucht. Die Blauen Chasch mußten seinen Schweiß riechen. Wußten sie, 
daß  es  Angstschweiß  war?  Aber  vielleicht  bemerkten  sie  ihn  gar  nicht,  denn  sie  kamen  mit 
gesenkten Köpfen auf ihn zu, und Reith hatte seinen breitkrempigen Hut tief in die Stirn gezo-
gen.  Reith  lief  an  ihnen  vorbei.  Noch  fünf  Meter  zum  Tor.  Die  drei  drehten  sich  wie  auf 
Kommando gleichzeitig um. Einer der drei redete mit gequetschter Mikrophonstimme auf ihn 
ein: „Mann! Wohin gehst du?" 
Reith  blieb  stehen.  Eine  Ausrede  hatte  er  blitzschnell  zur  Hand.  „Ich  komme  wegen 
Altmetall." 
„Welches Altmetall?" 
„Das neben dem Tor. Es ist in einer Kiste, hat man mir gesagt." 
„Ah!" Den Ton konnte Reith nicht deuten. „Kein Altmetall!" 
Auch  die  anderen  murmelten  etwas  und  gaben  ein  Zischen  von  sich,  das  die  Bedeutung 
menschlichen  Gelächters  hatte.  „Altmetall?  Nicht  in  der  Fabrik.  Dort  drüben.  Siehst  du  das 
Gebäude dort drüben?" 
„Danke!"  rief  Reith.  „Ich  will  nur  mal  nachsehen!"  Er  tat  die  letzten  paar  Schritte  zum  Tor 
und warf einen Blick in eine riesige, von Maschinengeräuschen summende Halle, die nach Öl, 

background image

Metall  und  Ozon  roch.  Blaue  Chasch  und  Chaschmänner  arbeiteten  nebeneinander.  An  den 
Wänden  reihten  sich  —  ähnlich  wie  in  irdischen  Betrieben  —  Werkbänke,  Regale  und 
Abfallkästen.  In  der  Mitte  stand  ein  großer  Metallkörper,  vielleicht  der  Rumpf  eines  mit-
telgroßen Raumschiffes.  Dahinter, aber kaum mehr sichtbar, erkannte Reith einen vertrauten 
Umriß: das Raumboot, mit dem er nach Tschai gekommen war! 
Der  Rumpf  schien  unbeschädigt  zu  sein.  Reith  konnte  nicht  feststellen,  ob  die  Geräte 
ausgebaut  waren,  denn  er  durfte  sich  nur  einen  kurzen  Blick  darauf  erlauben.  Hinter  ihm 
standen  die  drei  Blauen  Chasch,  und  die  blaugeschuppten  Köpfe  waren  lauschend  geneigt. 
Reith wußte plötzlich, daß sie ihn rochen. Langsam gingen sie auf ihn zu. 
Einer sprach ihn an: „Mann! Achtung! Hier umkehren. Es gibt kein Altmetall!" 
„Du riechst nach Menschenfurcht und seltsamen Substanzen", sagte ein anderer. 
„Ah, eine Krankheit", antwortete Reith. 
„Du riechst wie ein seltsam gekleideter Mann, den wir in einem fremden Raumschiff fanden", 
sagte der dritte. „Und du riechst auch nicht echt. Für wen spionierst du?" 
„Für niemanden. Ich bin ein Wagenfahrer und muß nach Pera zurück." 
„Pera  ist  ein  Spionenloch.  Wir  müssen  dort  wieder  einmal  Ordnung  schaffen.  Wo  ist  dein 
Wagen?" 
Reith  setzte  sich  in  Bewegung.  „Draußen  auf  der  Straße."  Er  deutete  und  blieb  entgeistert 
stehen. „Mein Wagen!" schrie er. „Gestohlen! Wer hat ihn gestohlen?" Damit rannte er in den 
bepflanzten Streifen hinein, der die beiden Straßen vor und hinter dem Gebäude voneinander 
trennte.  Einer  der  Blauen  Chasch  rannte  ihm  ein  Stück  nach,  ein  anderer  sprach  in  ein 
Mikrophon, und der dritte lief zum Tor und sah nach, ob das Raumboot noch da war. 
„So, jetzt habe ich die ganze Geschichte erst richtig um die Ohren", sagte Reith zu sich selbst. 
Vorsichtig  blickte  er  sich  um,  rannte  in  langen  Sprüngen  zur  Straße  und  sprang  auf,  als  ein 
mit leeren Körben beladener Wagen an ihm vorbeifuhr. Der Wagenführer merkte nichts. 
Hinter  ihm  surrten  Elektromotorräder  heran.  Hatte  man  die  Absicht,  eine  Straßensperre  zu 
errichten?  Oder  die  Wachen  an  den  Haupttoren  zu  verstärken?  Vielleicht  beides,  überlegte 
Reith, und dann endete das Abenteuer, wie Emmink vorausgesagt hatte, mit einem Fiasko. 
Der Wagen ratterte weiter, aber Reith wußte, daß er keine Chance hatte, durch die Wachen zu 
schlüpfen. Er ließ sich also in der Nähe des Nordmarktes vom Wagen fallen und  verschwand 
sofort  hinter  einem  niedrigen  Bau  aus  weißem,  porösem  Beton.  Er  kletterte  auf  das  Dach 
hinauf,  von  dem  aus  er  die  Straße  bis  zum  Tor  überblicken  konnte.  Seine  Befürchtungen 
waren vollauf  gerechtfertigt: Purpurn und grau uniformierte Sicherheitspolizisten hielten das 
Tor besetzt und überwachten den Verkehr. Wenn er also die Stadt verlassen wollte, mußte er 
einen anderen Weg wählen. Den Fluß? Vielleicht konnte er nachts ungesehen hinuntertreiben. 
Ein  Luftschlitten  glitt  über  ihm  dahin.  Er  war  mit  Blauen  Chasch  besetzt,  die  seltsame 
Kopfbedeckungen trugen; sie waren mit Antennen besetzt, die Insektenfühlern glichen. Reith 
nahm an, diese Antennen seien Lautverstärker, mit denen sie ihn gesucht und auch aufgespürt 
hatten. Aber der Schlitten schwebte weiter. Reith atmete erleichtert auf. Weitere Luftschlitten 
waren  nicht  zu  sehen.  Er  erhob  sich  auf  die  Knie  und  sah  sich  um.  Hinter  hohen 
Adarakbäumen  erkannte  er  den  Nordmarkt  mit  seinem  Gewühle,  und  der  sanfte  Wind  trug 
eine  Vielfalt  von  Gerüchen  von  dort  herüber.  Weiter  rechts  sah  er  eine  Anzahl  von 
Chaschmenschenhütten,  die  von  Gärten  umgeben  waren.  Dahinter  stand  an  der  Mauer  ein 
hölzernes  Gebäude  mit  hohen,  schwarzen  Bäumen  daneben.  Wenn  er  dieses  Gebäude 
erreichte und das Dach erklettern konnte, mochte es ihm vielleicht gelingen, über die Mauer 
zu  kommen.  Die  Dämmerung  war  für  ein  solches  Vorhaben  am  günstigsten.  Bis  dahin 
vergingen noch zwei oder drei Stunden. 
Er  kletterte  vom  Dach  herunter  und  suchte  sich  ein  paar  Holzstücke  zusammen,  die  er  sich 
unter  die  Schuhe  band.  Die  Blauen  Chasch  konnten  ja  vielleicht  Bluthunde  oder  andere 
Spurensucher einsetzen; so bestand weniger Gefahr, daß man seine Spuren verfolgen konnte. 
Kaum fünfzig Meter weiter mußte er plötzlich in Deckung gehen, denn er hörte etwas. Neben 

background image

einer  Hütte  standen  drei  Chasehmänner  mit  zwei  Blauen  Chasch,  von  dem  einer  ein 
Detektorgerät  in  den  Händen  hielt;  mit  einer  Art  Fahne  wedelte  er  über  den  Boden.  Sofort 
hatte er Reiths Spuren entdeckt, sah aber einigermaßen verwirrt drein, als diese auf das Dach 
hinaufführten, wo der Gesuchte nicht mehr zu finden war. Reith mußte lachen. Dann schlich 
er vorsichtig davon. 
Hinter  einem  Baum  neben  dem  großen Gebäude  ging  er  in  Deckung.  Das  Dach  befand sich 
ganz in der Nähe und etwa in der Höhe der Mauer. Nun sah Reith auch mehrere Luftschlitten 
über  der  Stadt,  und  einige  schwebten  ganz  niedrig  über  der  Gegend,  die  er  vor  kurzem 
verlassen hatte. Sie zogen schwarze Zylinder hinter sich her — wahrscheinlich Suchgeräte. Er 
mußte sich also, um nicht entdeckt zu werden, möglichst im Innern des Gebäudes verstecken. 
Er  lauschte  eine  Weile,  hörte  aber  nichts.  Er  nahm  die  Holzklötze  ab  und  tat  einen  Schritt 
vorwärts.  Da  hörte  er  einen  Gong.  Eine  Prozession  Chaschmänner  in  grauen  und  weißen 
Gewändern  kam  die  Straße  herauf;  sie  trugen  auf  einer  Bahre  einen  Toten.  Hinter  ihnen 
schritten Chaschmänner und -Frauen, die einen klagenden Gesang anstimmten, als der Gong 
verstummte.  Das  Gebäude  schien  also  eine  Leichenhalle  zu  sein.    Die  Prozession  hielt  vor 
dem  Portal;  die  Leute  schwiegen,  und die  Träger  setzten  die  Bahre auf  der Veranda  ab.  Der 
Gong schlug einmal an. 
Langsam  öffnete  sich  das  Portal,  und  ein  goldener  Strahl  schoß  auf  den  Toten  herab.  Der 
Strahl wurde zur leuchtenden Flamme. 
Der Gong schlug wieder an, und der Zug entschwand bald Reiths Blicken. 
Reith  kroch  durch  die  Büsche  zum  Leichenhaus.  Niemand  war  zu  sehen.  An  der  Rückseite 
des  Gebäudes  fand  er  einen  kleinen  Torbogen,  der  in  einen  Lagerraum  führte;  auf  Regalen 
standen  Behälter  in  allen  Formen  und  Größen,  Haufen  von  alten  Kleidern  lagen  aufge-
schichtet  in  den  Ecken,  die  verschiedensten  Geräte  lehnten  an  den  Wänden.  Reith  kroch 
hinein und versteckte sich hinter einem gerüstartigen Gestell. 
Zwei  Stunden  vergingen.  Reith  wurde  allmählich  unruhig.  Vorsichtig  blickte  er  sich  um.  In 
einer Nebenkammer fand er eine Kiste mit falschen Schöpfen, und an jedem hing ein 
Schildchen.  Einen  probierte  er  auf;  er  paßte.  Das  Schildchen  riß  er  ab.  Aus  einem 
Kleiderhaufen suchte er sich einen alten Mantel heraus und zog ihn an. Wenn man ihn nicht 
genau betrachtete, konnte man ihn jetzt für einen Chaschmenschen halten. 
Es  wurde  dunkler.  Reith  sah  durch  das  Fenster  und  bemerkte,  daß  die  Sonne  hinter  einer 
Wolkenbank verschwunden war. Er trat hinaus und suchte den Himmel ab; keine Luftschlitten 
waren zu sehen. Er wählte einen passenden Baum aus und kletterte hinauf. Endlich erreichte 
er auf diese Weise schwitzend das Dach des Leichenhauses. 
Er warf einen Blick über die Mauer. Wenn er sich an die Mauer klammerte und dann fallen 
ließ, waren es vielleicht noch acht Meter bis zum Boden. Das konnte gebrochene Beine oder 
verstauchte Knöchel bedeuten. Aber was hatten die Spitzen zu bedeuten, mit denen die Mauer 
bestückt war? Er nahm den Mantel ab und ließ ihn darübergleiten. Kaum berührte er die erste 
Spitze, da schoß auch schon ein Flammenblitz heraus, und der Mantel brannte. Reith trat die 
Flammen aus. Wahrscheinlich hatte er jetzt einen Alarm ausgelöst. Was nun? Er glitt eiligst 
den  Baum  hinab  und  rannte  unter  die  Bäume.  Ein  Schimmer  am  Boden  zog  seine 
Aufmerksamkeit auf sich. Es war ein mit weißen Wasserpflanze überwachsener Teich. Rasch 
streifte  Reith  Mantel  und  falschen  Schopf  ab,  sprang  hinein,  tauchte  bis  zur  Nase  unter  und 
wartete.  Zwei  Luftschlitten  glitten  über  ihn  weg;  von  der  Straße  hörte  er  die 
Elektromotorräder  der  Polizei.  Die  Schlitten  verschwanden  in  östlicher  Richtung. 
Offensichtlich nahm man an, er sei über die Mauer entwischt. Nahm man dann weiter an, er 
sei  in  die  Berge  entkommen,  dann  konnte  ihm  das  nur  nützen.  Da  regte  sich  etwas  unter 
seinen Füßen. Reith sprang aus dem Teich; dann kam etwas an die Oberfläche und grunzte. 
Reith  legte  den  angesengten  Mantel  um  und  stülpte  den  falschen  Schöpf  auf  den  Kopf; 
tropfend  erreichte  er  einen  schmalen  Weg,  der  sich  zwischen  den  Bungalows  der 
Chaschmenschen durchwand. 

background image

Der  Himmel  war  dunkel.  Keiner  der  Monde  zeigte  sich.  Die  Nebenstraßen  der 
Chaschmenschenviertel  waren  kaum  beleuchtet.  Nun  war  das  Tor  noch  etwa  zweihundert 
Meter  entfernt.  Hohe  Lampen  warfen  einen  gelben  Lichtschein  in  das  Tor.  Drei  Wächter 
standen  gleichgültig  daneben,  und  Reith  war  nun  davon  überzeugt,  daß  man  ihn  längst 
irgendwo in den Bergen glaubte. Er suchte sich eine Nische, von der aus er das Tor im Auge 
behalten  konnte.  Die  Nacht  wurde  still  und  kalt,  und  die  Düfte  der  Gärten  von  Dardiche 
drangen zu ihm. Reith döste ein. 
Az stand hinter einem Adarakbaum, als er erwachte. Reith streckte seine verkrampften Beine 
aus,  rieb  sich  den  Nacken  und  gähnte.  Seine  Kleider  waren  immer  noch  feucht  und  rochen 
nicht gerade angenehm. 
Am  Tor stand  nun  nur  noch  ein  Wächter, und  der schlief  fast  im  Stehen.  Reith  drückte  sich 
wieder in seine Nische. Allmählich kam eine graue Dämmerung auf, und die Stadt erwachte. 
Bald  tauchten  auch  die  ersten  Wagen  von  Pera  auf.  Einer  brachte  Fässer  mit  eingelegten 
Gemüsen  und  fermentiertem  Fleisch,  und  das  stank  entsetzlich.  Auf  dem  Bock  des  Wagens 
hockte  Emmink,  der  grimmiger  dreinsah  als  je  zuvor,  und  neben  ihm  saß  Traz.  Der  Wagen 
durfte passieren. Reith kam aus seiner Nische heraus und ging neben ihm her. „Traz" rief er 
leise. Traz sah hinunter und r.ickte befriedigt. „Ich wußte doch, daß du noch am Leben bist." 
„Ja, aber nur ganz knapp. Sehe ich wie ein Chaschmann aus?" 
„Nicht  sehr.  Ziehe  den  Mantel  bis  zur  Nase  hinauf.  Wenn  wir  vom  Markt  zurückkommen, 
halte dich bereit." 
Eine Stunde später kehrte der Wagen zurück; er kam langsam an Reith vorbei, der sofort aus 
seinem  Versteck  sprang.  Der  Wagen  hielt.  Traz  sprang  ab,  um  die  Fässer  etwas  sicherer  zu 
befestigen;  er  stellte  sich  so,  daß  er  die  Sicht  nach  rückwärts  versperrte.  Reith  rannte  und 
duckte  sich  unter  das  rechte  Zugtier.  Zwischen  den  Vorderbeinen  hatte  das  Tier  eine  große 
Hautfalte. Diese Hautfalte war zu einer Art Hängematte hergerichtet worden, in die Reith nun 
schlüpfte. Der Wagen fuhr weiter. Reith sah nichts als den Bauch des Tieres. 
Am  Tor  hielten  sie  kurz  an,  dann  rumpelten  sie  weiter.  Eine  unendlich  lange  Zeit  schien 
vergangen zu sein, bis der Wagen endlich hielt. Traz schaute unter das Tier. „Komm heraus, 
niemand  beobachtet  uns  jetzt."  Erleichtert  sprang  Reith  heraus,  riß  sich  den  falschen  Skalp 
vom Kopf, war ihn in einen Graben, den Mantel, die stinkende Jacke und das ebenso übelrie-
chende Hemd hinterher, sprang auf den Wagen und lehnte sich an eines der Fässer. „Bist du 
irgendwie verwundet?" fragte Traz besorgt. 
„Nein, nur müde. Aber ich lebe. Das verdanke ich dir. Und natürlich auch Emmink — nehme 
ich wenigstens an." 
Traz  warf  Emmink  einen  düsteren  Blick  zu.  „Der?  Dem  mußte  ich  sogar  ziemlich  heftig 
drohen." 
„Ah,  ich  verstehe",  meinte  Reith  dazu  und  musterte  den  in  sich  zusammengesunkenen 
Wagenmeister. „Im Zusammenhang mit Emmink hatte ich selbst ein paar recht unfreundliche 
Gedanken." 
Die  Schultern  zuckten,  und  Emmink  drehte  sich  um.  Er  grinste.  „Ihr  werdet  Euch  erinnern, 
edler  Herr, daß  ich  Euch  Anweisungen  gab und belehrte, bevor  ich  noch  Euren hohen  Rang 
kannte." 
„Hohen Rang?" fragte Reith. „Welchen denn?" 
„Der Rat von Pera hat dich zum Ältesten und Sprecher ernannt", erklärte Traz. „Und das ist, 
meine ich, schon ein Rang." 
 
 
 

12. 

 
Eigentlich  hatte  Reith  keine  Lust,  über  Pera  zu  herrschen.  Ein  solches  Amt  kostete  ihn  nur 

background image

unendliche Geduld und Energie, beschränkte seine Handlungsfreiheit und brachte ihm keinen 
Vorteil.  Und  außerdem  würde  er  nur  versucht  sein, nach irdischen  Grundsätzen  zu regieren, 
eine Unmöglichkeit bei der bunt zusammengewürfelten Bevölkerung der Stadt. 
Und  was  sollte  aus  seinem  Raumboot  werden?  Würde  sich  je  die  Möglichkeit  ergeben,  zur 
Erde  zurückzukehren?  Hilfe  konnte  er  kaum  von  irgendeiner  Seite  erwarten.  Außerdem 
wußten  die  Blauen  Chasch  nun  von  seiner  Existenz  und  machten  sich  über  seine  Herkunft 
wohl Gedanken. Schließlich schlief er vor Müdigkeit ein. 
Erst in Pera wachte er wieder auf. Traz berichtete ihm, daß die Zitadelle inzwischen von den 
letzten Schnappern geräumt war, die es nicht glauben konnten, daß sich die Zeiten so grundle-
gend  geändert  hatten.  Die  Bevölkerung von Pera bewies  ihnen das  Gegenteil.  „Willst  du  im 
Palast  wohnen?"  fragte  Traz,  und  die  Andeutung  einer  Ablehnung  war  aus  seiner  Frage 
herauszuhören. 
„Nein",  antwortete  Reith.  „Dort  hat  Naga  Goho  gewohnt.  Ziehen  wir  jetzt  dort  ein,  dann 
denken die Leute nur, wir seien auch nicht besser." 
„Ein  schöner  Palast ist  es  ja  schon,  und er enthält viel  interessante  Dinge",  meinte  Traz  nun 
doch ein wenig unsicher. „Offensichtlich bist du entschlossen, Pera zu regieren." 
„Ja, offensichtlich bin ich das", antwortete Reith schließlich. 
 

 
Reith  verbrauchte  viel  Wasser  und  eine  Menge  Öl,  bis  er  den  ganzen  Gestank  von  seinem 
Körper abgewaschen hatte. Er konnte einfach nicht begreifen, weshalb man auf Tschai keine 
Seife  kannte.  Er  mußte  einmal  Ylin-Ylan  fragen,  ob  Seife  in  Cath  auch  unbekannt  war  ... 
Dann  nahm  Reith  eine  ausgiebige  Mahlzeit  ein.  Das  Gasthauspersonal  behandelte  ihn  mit 
ausgesuchter Zuvorkommenheit, und alle in der Gaststube unterhielten sich nur | flüsternd.                                                  
Die  Ratsherren  von  Pera  standen  schon  bereit,  um  sich  mit  ihrem  neugewählten 
Stadtoberhaupt zu beraten. 
Reith  ließ  von  Anfang  an  keinen  Zweifel  aufkommen,  daß  er  ein  strenges,  aber  gerechtes 
Regiment  zu  führen  gedenke  und  auf  die  Mitarbeit  der  ganzen  Bevölkerung  hoffe.  Falls  sie 
mit  seinem  Programm  nicht  zufrieden  seien,  stehe  es  ihnen  frei,  ein  anderes  Oberhaupt  zu 
wählen.  Sie  beratschlagten  miteinander  und  erklärten  sich  endlich  bereit,  auf  seine 
Bedingungen einzugehen. 
Reith  hatte  gehofft,  sie  möchten  zu  einem  anderen  Entschluß  kommen,  und  seufzte.  „Nun, 
dann sei es. Aber ich warne euch: Ich verlange viel von euch. Ihr müßt härter arbeiten, als je 
vorher in eurem Leben, zu eurem eigenen Besten." Nun erklärte er ihnen ausführlich, was er 
vorhatte, und erntete schließlich für seine Pläne eine gemäßigt begeisterte Zustimmung. 
Nachdem sich der Rat verabschiedet hatte, begab sich Reith mit Anacho und drei Ratsherren 
zur  Zitadelle;  ihm  und  den  anderen  gingen  fast  die  Augen  über  bei  dem,  was  sie  dort  an 
Schätzen  fanden.  Riesige  Mengen  von  Stoffen,  Leder,  seltenen  Hölzern,  Werkzeugen  und 
Geräten, feinsten Lebensmitteln und köstlichen Luxusartikeln waren dort aufgestapelt, und in 
einem  Alkoven  fand  Reith  eine  Truhe,  die  halb  mit  Sequinen  gefüllt  war.  Zwei  weitere 
kleinere  Truhen  enthielten  Edelsteine  und  sonstige  Kostbarkeiten.  Es  war  wie  in  einer 
Schatzhöhle.  Jeder  suchte  sich  ein  schönes  Stahlschwert  mit  reichen  Verzierungen  aus,  und 
Traz durfte sich noch neue, kostbare Kleider auswählen. 
Als sie am späten Abend die Zitadelle verließen, fiel Reith eine große, beschlagene Tür auf, 
die  eine  ganze  Nische  ausfüllte.  Sie  brauchten  ihre  ganze  Kraft  dazu,  diese  Tür  zu  öffnen. 
Steile  Steinstufen  führten  in  Verliese  hinab,  in  denen  Skelette  und  halb  verweste  Leichen 
herumlagen.  Als  sie  weitergingen,  hörten  sie  Stimmen  und  entdeckten  eine  Gruppe 
zusammengekauerter Gestalten. „Wasser", wimmerten sie, „Wasser!" Reith hob seine Lampe. 
Es waren Chaschmenschen. 
Man  brachte  den  Gefangenen  Wasser,  das  sie  gierig  tranken.  Sie  erzählten  dann,  daß  Naga 

background image

Goho sie seit langem gefangengehalten habe, nur weil sie Chaschmenschen seien, und Reith 
versprach  ihnen  die  Freiheit,  da  Naga  Goho  nun  tot  sei.  „Jetzt  seid  ihr  wieder  Menschen", 
sagte er zu ihnen. 
„Nein, wir sind Chasch", antworteten sie. 
„Ihr seid Menschen!" 
„Nein. Wir sind Chasch im Vorstadium. Das ist die Wahrheit!" 
„Hört  doch  endlich  mit  diesem  Unsinn  auf",  meinte  Reith  ärgerlich.  „Nehmt  diese 
lächerlichen  Schöpfe  ab."  Er  riß  ihnen  die  hohen,  falschen  Schöpfe  ab.  „Ihr  seid  Menschen 
und sonst nichts! Warum laßt ihr es euch gefallen, daß die Chasch euch ausnützen?" 
Die Chaschmenschen ließen verlegen und furchtsam die Köpfe hängen. 
„Jetzt kommt", befahl Reith kurz. „Heraus mit euch!" 
 

 
Eine Woche verging. Da er nichts Besseres zu tun wußte, stürzte Reith sich in die Arbeit. Er 
suchte einige intelligente Frauen und Männer zusammen, die er selbst unterweisen konnte. Sie 
sollten  dann  ihr  Wissen  weitergeben.  Er  stellte  eine  Miliz  auf  und  bestimmte  Baojian,  den 
früheren Karawanenführer, zu deren Befehlshaber. Zusammen mit Anacho und Tostig, einem 
alten  Nomaden,  stellte  er  eine  Reihe  vernünftiger  Gesetze  auf.  Bald  begriff  er,  daß  eine 
Regierung  nicht  nur  darin  bestand,  daß  man  Befehle  erteilte.  Überall  sollte  er  gleichzeitig 
sein.  Und  dabei  mußte  er  immer  damit  rechnen,  daß  die  Blauen  Chasch  versuchen  würden, 
sich  seiner  zu  bemächtigen.  Ein  anderer  Mann  wäre  längst  aus  Pera  geflohen,  aber  Reith 
dachte nicht daran. 
Die befreiten Chaschmenschen hatten es nicht eilig, nach Dadiche zurückzukehren. Vielleicht 
waren sie vor der dortigen Justiz geflohen. 
Reiths  Hauptsorge  war  aber  die  Blume  von  Cath.  Das  Mädchen  war  allerdings  auch  seine 
einzige Freude. Er kannte sich jedoch mit ihren Stimmungen nicht aus. Früher war Ylin-Ylan 
melancholisch und ziemlich hochnäsig gewesen. Jetzt war sie freundlich und liebenswert und 
sehr  liebevoll.  Gelegentlich  schien  sie  geistesabwesend,  dann  wieder  konnte  sie  sich  nicht 
genug  reizende  Überraschungen  für  ihn  ausdenken.  Ihre  Melancholie  blieb  aber  immer  die 
Grundstimmung  ihres  Wesens.  Heimweh,  überlegte  Reith.  Sie  mußte  sich  ja  wirklich  nach 
ihrem Land, ihrer Familie und dem gewohnten Leben dort sehnen. Allmählich würde er wohl 
damit rechnen müssen, daß Ylin-Ylan zu klagen begann. 
Dann stellte sich auch heraus, daß die befreiten  Chaschmenschen keine  Bürger von Dadiche 
waren,  sondern  aus  Saaba,  einer  Stadt  weiter  südlich,  geraubt  worden  waren.  Einmal  sagte 
man in der Gaststube zu Reith, er solle sich doch mit diesen Halbmenschen nicht soviel Mühe 
geben, denn sie seien für eine höhere Zivilisation nicht geeignet. 
Reith  amüsierte  sich  über  den  Ernst,  mit  dem  sie  ihre  Meinung  vorbrachten,  noch  mehr 
darüber,  daß  sie  ihn  selbst  einen  Halbmenschen  nannten,  der  nur  auf  höhere  Rassen 
eifersüchtig sei. 
Reith erklärte ihnen: „Die Blauen Chasch treiben nur ein übles Spiel mit euch, um euch auch 
weiterhin ausnützen zu können. Den Dirdirmenschen geht es bei den Dirdir zwar ähnlich, aber 
ich zweifle doch, ob die Dirdirmenschen je damit rechnen, Dirdir zu werden." Er sah Anacho 
an. „Nun, was meinst du dazu?" 
Anachos  Stimme  zitterte  ein  wenig.  „Die  Dirdirmenschen  erwarten  nicht,  Dirdir  zu  werden. 
Das  ist  ein  Aberglaube.  Sie  sind  die  Sonne,  wir  der  Schatten.  Wir  Dirdirmenschen  können 
ihnen nur nacheifern. Welch andere Rasse hätte je einen solchen Glanz erreicht?" 
„Die Rasse der Menschen", antwortete Reith. 
Anacho verzog angewidert das Gesicht. „In Cath? Lotusesser! 
Die Meribs? Überzüchtete, zerbrechliche Künstler. Die Dirdir stehen auf Tschai einzig da." 
„Nein, nein,  nein!" protestierten die  Chaschmänner und legten ihre Ansicht dar, die  Anacho 

background image

entrüstet von sich wies. 
Reith erklärte  beiden  Seiten,  daß  sie  unrecht  hätten. „Ich  kann  euch  auch  sagen, warum.  Im 
Augenblick will ich nur nicht. Die Tatsachen kennt ihr aber ebensogut wie ich; ihr müßt nur 
eure eigenen Schlüsse daraus ziehen." 
„Welche         Tatsachen?         Welche 
Schlüsse?" verlangten sie zu wissen. 
„Das  ist  doch  ganz  einfach.  Chaschmenschen  und  Dirdirmenschen  sind  Diener.  Menschen 
sind  weder  mit  den  Chasch  und  Dirdir,  noch  mit  den  Wankh  oder  Pnume  zu  vergleichen. 
Menschen waren auch nicht seit jeher auf Tschai ansässig; ihre Heimat liegt woanders. Es ist 
daher  anzunehmen,  daß  sie  in  uralten  Zeiten  als  Sklaven  von  der  Welt  der  Menschen  nach 
Tschai gebracht wurden." 
Darüber  gab  es  lange  Diskussionen,  die  im  Laufe  des  Abends  zu  erregten 
Auseinandersetzungen führten. 
Am  nächsten  Morgen  verließen  die  Chaschmenschen  Pera,  um  nach  Dadiche  zu  fahren  — 
zufällig  mit  Emminks  Wagen.  Reith  paßte  das  nicht  ganz,  denn  man  würde  über  ihn,  seine 
Tätigkeit und seine radikalen Ansichten nun überall sprechen. Das würde die Blauen Chasch 
noch mißtrauischer machen. Die Zukunft erschien ihm wieder einmal recht kompliziert; aber 
er konnte sich noch nicht entschließen, wieder in die. Wildnis zu gehen. 
Am  Nachmittag  sah  er  einer  Übung  der  Miliz  zu.  Bei  dieser  Gelegenheit  mußte  er  zwei 
Leutnants absetzen, weil sie nicht viel taugten, und neue ernennen. Man begriff anscheinend 
den  Sinn  eines  gewissen  Drills  nicht.  „Ihr  müßt  zu  eurem  eigenen  Wohl  bei  eurer 
Verteidigung so geschickt werden, daß es niemand wagt, euch anzugreifen. Ihr lernt Befehlen 
zu  gehorchen,  als  Gruppe  zu  handeln.  Eine  Gruppe  richtet  mehr  aus  als  ein  einzelner.  Im 
Kampf  macht  der  Führer  den  Plan,  und  die  disziplinierten  Krieger  führen  ihn  aus.  Ohne 
diesen Plan und ohne Disziplin geht jeder Kampf verloren. Habt ihr jetzt verstanden?" 
„Wie  können  Menschen  einen  Kampf  gewinnen?"  wurde  eingewendet.  „Die  Blauen  Chasch 
besitzen  Energiewaffen  und  Kampfflöße.  Wir  haben  nur  ein  paar  Sandstrahler.  Die  Grünen 
Chasch sind überhaupt unschlagbar. Also ist es besser, sich in Ruinen zu verstecken. So haben 
die Menschen in Pera immer gelebt." 
„Gut",  antwortete  Reith.  „Wenn  ihr  keine  Männerarbeit  tun  wollt,  dann  zieht  euch 
Weiberkleider an und tut Weiberwerk. Nun trefft eure Wahl." Er wartete, aber niemand sagte 
mehr etwas. 
Reith gab etliche  Befehle,  und  wenig später brachte eine  Gruppe  von  Milizmännern aus  der 
Zitadelle  Stoffballen  und  Lederbündel.  Andere  kehrten  mit  Scheren  und  Rasiermessern 
zurück. Die Männer der Miliz wurden trotz ihres Protestes kahlgeschoren. Dann holte man die 
Frauen der Stadt zusammen und ließ sie Uniformen nähen. Als sich die Männer am folgenden 
Tag  in  ihren  neuen  Uniformen  mit  den  Rangabzeichen  gegenseitig  bewundert  hatten,  waren 
sie  bei  ihren  Übungen  wesentlich  besser;  die  Uniformen  schmeichelten  ihrem  Stolz  und 
erhöhten ihr Selbstbewußtsein. 
Am  Morgen  des  dritten  Tages  nach  der  Abreise  der  Chaschmänner  bestätigten  sich  Reiths 
Befürchtungen.  Ein  riesiges  Luftfloß  glitt  über  die  Steppe,  beschrieb  einen  Kreis  über  Pera 
und  ließ  sich  dann  direkt  auf  dem  Platz  vor  dem  Wirtshaus  zur  Toten  Steppe  nieder.  Ein 
Dutzend  Chaschmänner  stieg  aus  —  Sicherheitspolizisten  in  grauen  Hosen  und  purpurnen 
Jacken.  Sechs  Blaue  Chasch  blieben  an  Deck  und  starrten  auf  den  Platz  herunter.  Diese 
Blauen  Chasch  schienen  ganz  besondere  Persönlichkeiten  zu  sein,  denn  sie  trugen 
knappsitzende  Anzüge  aus  Silberfiligran,  große  silbergefaßte  Rauchquarze  und 
Silberschutzkappen an den Arm- und Beingelenken. 
Zwei von den Chaschmännern betraten das Gasthaus und sprachen mit dem Wirt. „Ein Mann, 
der sich Reith nennt, hat sich zu eurem Chef gemacht. Bringt ihn her. Lord Chasch will ihn 
sehen." 
Der Wirt — halb bereitwillig, halb tückisch — erklärte, Reith sei irgendwo, müsse warten, bis 

background image

er kommt. Man erteilte dem Wirt den Befehl, ihn suchen zu lassen. 
Reith  überlegte  ein  paar  Minuten,  dann  kam  er  seufzend  zu  der  Erkenntnis,  daß  sich  das 
Leben in Pera und vielleicht auf ganz Tschai für die Menschen einmal ändern müsse. Er gab 
Traz  einige  Anweisungen  und  begab  sich  in  die  Gaststube  des  Wirtshauses.  „Sage  den 
Chasch", erklärte er dem Wirt, „daß ich hier mit ihnen reden will." 
Er  sah  ihnen  fasziniert  entgegen.  Kleine,  metallen  glitzernde  Augäpfel  in  den  Höhlen  unter 
der  überhängenden  Stirn  huschten  flink  umher;  er  sah  die  komischen  Nasenöffnungen,  die 
silbergefaßten  Edelsteine  und  die  filigrangeschmückten  Waffen.  Die  Burschen  sahen 
eigentlich gar nicht so tüchtig, eigenwillig und wunderlich aus; ihre Mienen waren  gar nicht 
so drohend. 
Einer  der  Chasch  trug  einen  Stein,  der  größer war als  bei  den anderen.  „Was tust  du hier in 
Pera?" fragte er Reith mit einer seltsam kehligen Stimme. 
„Ich bin das erwählte Stadtoberhaupt", antwortete Reith. 
„Du hast Dadiche einen unerlaubten Besuch abgestattet und warst im technischen Zentrum... 
Du  sagst  nichts?  Du  leugnest  also  nichts  ab.  Du  riechst  anders  als  die  anderen.  Du  hast  in 
Dadiche herumspioniert. Warum?" 
„Weil  ich  noch  nie  in  Dadiche  war.  Ihr  kommt ja auch  ohne  Erlaubnis nach  Pera.  Natürlich 
seid  ihr willkommen,  solange  ihr  euch  an unsere Gesetze haltet.  Ich meine,  auf  dieser  Basis 
könnten Leute aus Pera auch Dadiche besuchen." 
Die  Chaschmänner  lachten  unwillkürlich,  und  die  Blauen  Chasch  schienen  über  soviel 
Frechheit erschüttert zu sein. „Du hast eine falsche Doktrin verbreitet", sagte deren Sprecher. 
„Woher hast du diese Ideen?" 
„Das ist keine falsche Doktrin", widersprach Reith. „Sie ist ganz selbstverständlich." 
„Du kommst mit uns nach Dadiche, um eine Reihe von Fragen zu klären. Besteige sofort das 
Floß." 
Reith schüttelte  lächelnd  den  Kopf.  „Wenn ihr Fragen habt,  könnt  ihr  sie jetzt  stellen. Dann 
stelle ich die meinen." 
Einer  der  Blauen  Chasch  machte  den  Chaschmännern  ein  Zeichen.  Sie  versuchten  Reith  zu 
packen, aber der trat einen Schritt zurück und sah zu den oberen Fenstern hinaus. Im selben 
Augenblick regneten Katapultpfeile herab und bohrten sich in die Köpfe  der Chaschmänner. 
Die Blauen Chasch umgab ein Kraftfeld, so daß  die Pfeile sie nicht verletzen konnten. Aber 
Reith hatte schon seine Energiezelle bereit. Eine halbkreisförmige Handbewegung — und die 
sechs Blauen Chasch fielen zu Boden. 
Alle  schwiegen.  Die  Zuschauer  hielten  den  Atem  an.  Reith  winkte  Traz.  Sie  nahmen  den 
Toten  die  Waffen  ab;  dann  ließ  Reith  die  Toten  wegbringen.  Anschließend  bestieg  er  das 
Luftfloß. Die Pedale, Knöpfe, Hebel und Schalter waren ihm fremd. Er wußte nicht, wie das 
Ding  in  Bewegung  zu  setzen  war.  Anacho  trat wie  beiläufig  neben ihn. „Verstehst  du etwas 
davon?" fragte Reith den Dirdirmann. 
Anacho grunzte. „Ja, natürlich. Es ist das alte System Daidne. Ziemlich überholt im Vergleich 
zu den Dirdirschiffen." 
„Wie   weit   kommt   man   damit?" 
„Nicht sehr weit." 
„Wenn wir etliche Sandstrahler montieren, haben wir eine recht beachtliche Feuerkraft." 
Anacho nickte. „Sehr primitiv, aber zu machen ist es." 
 

 
Am  nächsten  Tag  rückte  im  Laufe  des  Nachmittags  eine  beträchtliche  Streitmacht  von 
Dadiche nach Pera vor. Über der Stadt schwebten vier Flöße mit Scharfschützen der Blauen 
Chasch. 
Reith teilte seine Miliz in zwei Gruppen auf, die er durch die Ruinen zum Stadtrand schickte, 

background image

wo  die  Chaschtruppen  voraussichtlich  zuerst  angreifen  würden.  Die  Miliz  wartete  in  guten 
Verstecken,  bis  sich  die  Chaschtruppen  gute  hundert  Meter  in  die  Stadt  vorgewagt  hatten; 
dann sprangen die Männer aus ihren Deckungen und feuerten aus allen  ihnen  zur  Verfügung  
stehende  Waffen  auf    die  Blauen    Chasch.    Zwei  Drittel  von  ihnen  fielen  in  den  erste  fünf 
Minuten,  dazu  mehr  als  die  Hälft  der  Chaschmänner.  Der  Rest  floh  in  die  Steppe      hinaus.   
Die   Flöße   schwebten niedrig über der Stadt und bestreuten sie mit Todesstrahlen. Die Miliz 
ging in Deckung. 
Hoch  am  Himmel  erschien  ein  weiteres  Floß  —  jenes,  das  Reith  mit  Sandstrahlern  hatte 
bestücken lassen. Es war in der Steppe in einem Gebüsch versteckt gewesen. Langsam ging es 
tiefer. Die vier Flöße fielen wie Steine herunter, als Reith das Feuer eröffnete; dann bestrich 
es  die  beiden  Kompanien,  die  im  Norden  und  Osten  in  die  Stadt  einrückten.  Die  Miliz 
eröffnete das Feuer aus den Flanken. Unter schweren Verlusten zogen sich die Chaschtruppen 
zurück; in ungeordneten Haufen traten sie, verfolgt von der Miliz aus Pera, eine wilde Flucht 
an. 
 
 
 

13. 

 
Reith beriet sich mit seinen stolzen Leutnants. „Heute haben wir den Kampf gewonnen, weil 
sie  uns  nicht  ernst  nahmen.  Ich  nehme  an,  daß  sie  bald  mit  allem,  was  sie  haben,  anrücken 
werden.  Morgen  werden  sie  uns  dann  bestrafen.  Das  klingt  doch  vernünftig.  Und  wenn  wir 
schon Krieg führen müssen, dann ist es besser, wenn wir die Initiative ergreifen und uns ein 
paar  Überraschungen  für  die  Chasch  ausdenken.  Sie  haben  keine  hohe  Meinung  von  den 
Menschen,  und  das  möchte  ich  ihnen  abgewöhnen.  Das  heißt  also,  wir  müssen  unsere 
wenigen Waffen dort einsetzen, wo wir ihnen den größten Schaden zufügen können." 
Bruntego der Graue schlug die Hände vor das Gesicht. „Sie haben tausend Soldaten, vielleicht 
mehr. Sie haben Luftflöße und Energiewaffen, und wir sind nur Menschen mit ein paar Kata-
pulten." 
„Katapulte können ebenso töten wie Energiewaffen", meinte Reith dazu. 
„Sie werden uns vernichten! Die Bläuen Chasch mit ihrer Intelligenz und Macht werden Pera 
in einen Krater verwandeln." 
Der  alte  Nomade  Tostig  widersprach.  „Wir  haben  ihnen  in  der  Vergangenheit  zu  treu  und 
billig gedient. Warum sollen sie sich dieses Dienstes berauben?" 
„Weil es die Art der Blauen Chasch ist, so zu handeln!" 
Tostig schüttelte den Kopf, „Das tun die Alten Chasch vielleicht. Die Blauen nicht. Sie wollen 
uns besiegen, aushungern, unsere Führer nach Dadiche verschleppen und sie bestrafen." 
„Das  klingt  vernünftig",  meldete  sich  Anacho.  „Aber  wir können  kaum  erwarten,  daß  Blaue 
Chasch sich vernünftig verhalten. Sie sind ja halb irrsinnig." 
„Und deshalb müssen wir sie mit ihren eigenen Waffen schlagen", erklärte Reith. 
Die  Bevölkerung  wurde  gewarnt;  Frauen,  Kinder  und  Alte  packte  man  auf  Wagen  und 
schickte  sie  zu  einer  etwa  zwanzig  Meilen  entfernten  versteckten  Schlucht,  wo  sie  lagern 
konnten. Die Miliz sammelte alle Waffen und marschierte nach Belbal Gap. Reith, Traz und 
Anacho blieben in Pera. Aus Naga Gohos Tagen war noch ein Käfig mit einigen Kriegern der 
Grünen Chasch in  der Festung, denn  auch Reith hatte nicht  gewagt, sie freizulassen, um die 
Bevölkerung  nicht  unnötig  zu  ängstigen.  Diesen  Käfig  ließ  er  nun  an  Bord  des  Floßes 
schaffen. Bei Sonnenaufgang stieg Anacho mit dem Floß in die Luft. Bald danach bemerkte 
Traz,  der  sie  beobachtete,  wie  die  Grünen  Chasch  unruhig  wurden  und  sich  nach  Westen 
drehten. 
Also  flogen  sie  nach  Westen.  Wenig  später  entdeckten  sie  ein  großes  Lager  der  Grünen 
Chasch  in  einem  Wald  aus  Grasbäumen,  der  an  einem  Sumpf  lag.  Dann  kehrten  sie  nach 

background image

Belbal Gap zurück. 
Zwei  Stunden  vergingen.  Reith  wurde  nervös.  Seine  Pläne  basierten  auf  Hypothesen  und 
vernünftigen  Überlegungen.  Die  Chasch  waren  für ihre  Unberechenbarkeit  bekannt.  Endlich 
kam  zu  Reiths  Erleichterung  aus  Richtung  Dadiche  eine  lange,  dunkle  Kolonne  angerückt. 
Durch  sein  Scanskop  erkannte  Reith  etwa  hundert  mit  Blauen  Chasch  und  Chaschmännern 
beladene  Wagen  und  viele  andere,  die  mit  Waffen  und  Ausrüstungsgegenständen  bestückt 
waren. 
„Diesmal nehmen sie uns ernst", stellte Reith fest und sah zum Himmel hinauf. „Noch keine 
Flöße.  Zeit,  daß  wir  uns  in  Bewegung  setzen.  In  einer  halben  Stunde  kommen  sie  durch 
Belbal Gap." 
Sie  setzten  ihr  Floß  etwas  südlich  der  Straße  auf  die  Steppe,  rollten  den  Käfig  hinunter  und 
zogen das Tuch weg, mit dem er bedeckt war. Die riesigen Grünen sprangen auf und schauten 
auf  die  Steppe  hinaus.  Reith  schloß  die  Tür auf  und  zog den  Riegel  zurück.  Mit einem  Satz 
war er auf dem Floß, das Anacho sofort in die Luft nahm. Die Grünen Chasch stimmten ein 
ohrenbetäubendes Geheul an und marschierten in die Steppe hinaus. 
Die  ersten  Wagen  von  Dadiche  erschienen  vor  Belbal  Gap.  Die  Grünen  Chasch  blieben 
unbeweglich  und  fast  unsichtbar  in  einem  Gebüsch  stehen.  Anacho  setzte  das  Floß  auf  eine 
Anhöhe  unmittelbar  unter  deren  Kamm.  Reith  suchte  den  Himmel  nach  Flößen  ab;  die  aus 
Dadiche vorrückende Streitmacht kroch wie eine gefährliche Schlange auf Pera zu. 
„Jetzt haben wir getan, was wir konnten", sagte Reith. „Nun müssen wir warten." 
In vier Kolonnen aufgeteilt, rückten die Blauen Chasch in die verlassene Ruinenstadt ein. Mit 
Energiestrahlen  gingen  sie  gegen  Punkte  vor,  die  sie  für  Festungen  hielten.  Pfadfinder 
erkundeten  die  Ruinen.  Sie  näherten  sich  dem  ersten  Ruinenviertel,  ohne  zu  feuern,  und 
wählten  neue  Angriffsziele.  Eine  halbe  Stunde  später  kehrten  die  Pfadfinder  mit  ein  paar 
Leuten  zurück,  die  aus  Dummheit  oder  Faulheit  in  Pera  geblieben  waren.  Sie  wurden 
vernommen.  Die  Blauen  Chasch  schienen  ratlos  zu  sein,  denn  mit  einer  verlassenen  Stadt 
hatten sie nicht gerechnet. 
Die  Kompanien,  welche  die  Stadt  umgangen  hatten,  kehrten  sofort  zur  Hauptstreitmacht 
zurück. Teils untröstlich, teils wütend begaben sich die ganzen Truppen wieder nach Dadiche. 
Reith suchte den Norden nach Bewegungen ab. Stimmte die Behauptung, die Grünen Chasch 
könnten  sich  telepathisch  verständigen,  und  entsprach  es  der  Wahrheit,  daß  sie  die  Blauen 
Chasch so haßten, wie man sagte, dann mußten sie bald auf der Bildfläche erscheinen. Aber 
nichts rührte sich auf der Steppe. 
Die Kolonnen der Blauen Chasch zogen sich nach Belbal Gap zurück. Plötzlich, wie aus dem 
Nichts, erschienen ganze Horden von Grünen Chasch. Reith konnte sich nicht vorstellen, wie 
sich  so  viele  Krieger  mit  ihren  riesigen  Springpferden  so  unbemerkt  hatten  nähern  können. 
Sie  warfen  sich  auf  die  Kolonnen  und  beschrieben  mit  ihren  Schwerten  riesige  Halbkreise. 
Die schweren Waffen auf den Wagen kamen gar nicht mehr zum Einsatz. Die Grünen Chasch 
räumten gründlich auf. 
Reith wandte sich ab. „Und jetzt zurück über die Berge, zu unseren  eigenen  Leuten", befahl 
er. 
 

 
Am  vereinbarten  Ort  stieß  das  Floß  zur  Miliz;  die  Männer  hielten  sich  in  der  Deckung  von 
Bäumen  und  Mooshecken,  als  sie  den  Hügel  hinabzogen.  Reith  blieb  beim  Floß.  Er 
beobachtete den Himmel. Eine ganze Anzahl Flöße stiegen von Dadiche auf. Es handelte sich 
offensichtlich um die angeforderte Verstärkung. „Jetzt ist es Zeit", sagte Reith zu Anacho. 
Das  Floß  glitt  über  dem  Hauptportal  nach  Dadiche  hinein.  Die  Wächter  reckten  in  der 
Annahme,  es  sei  eines  der  ihren,  verblüfft  die  Hälse.  Reith  drückte  auf  den  Abzug  des 
vorderen Sandstrahlers. Jetzt war der Weg nach Dadiche offen. Die Miliz von Pera drang in 

background image

die  Stadt  ein.  Reith  schickte  zwei  Gruppen  aus,  die  das  Floßdepot  besetzten.  Eine  weitere 
Gruppe  blieb  mit  einigen  Sandstrahlern  und  Energiewaffen  beim  Haupttor.  Zwei  Gruppen 
schwärmten aus, um die Stadt zu besetzen. Jeglicher Widerstand wurde gebrochen. 
Reith  flog  mit  Anacho,  Traz  und  sechs  anderen  zum  technischen  Zentrum.  Die  Tore  waren 
geschlossen;  das  Gebäude  schien  leer  zu  sein.  Die  Sandstrahler  brachen  die  Tore  auf.  Reith 
rannte  aufgeregt  hinein.  Klopfenden  Herzens näherte  er  sich  seinem Raumboot.  Den  Rumpf 
hatte  man  aufgeschnitten.  Der  Antriebsmechanismus,  die  Akkumulatoren,  der  Umformer  — 
alles war ausgebaut. Aus der Traum. Reith hatte  gewußt, daß es so kommen würde. Aber er 
war Optimist gewesen. 
Anacho stand neben ihm. „Das ist kein Raumboot der  Blauen Chasch", stellte er  fest, „auch 
nicht der Dirdir oder Wankh." 
Reith lehnte sich an eine Werkbank. „Richtig", sagte er. 
„Es ist von ausgezeichneter Bauart und sehr  gut  gearbeitet", sagte Anacho. „Wo mag es nur 
gebaut worden sein?" 
„Auf der Erde", antwortete Reith. „Auf dem Planeten der Menschen." 
Anacho drehte sich weg; sein Gesicht war verkniffen. Die Grundlagen seiner Existenz waren 
in sich zusammengestürzt. 
Traurig suchte Reith das Raumboot ab, fand aber wenig, was ihn interessieren konnte. Dann 
wurde  ihm  berichtet,  daß  versprengte  Reste  der  Blauen  Chasch  in  den  Bergen  gesichtet 
worden seien; sie waren also den Grünen Chasch entkommen. 
Man bereitete einen Hinterhalt vor.  Das Tor wurde so hergerichtet, daß nichts Ungewohntes 
zu bemerken war. Die Männer verkleideten sich als Chaschmenschen und stellten sich am Tor 
auf.  Nun  näherten  sich  die  Reste  der  geschlagenen  Chaschkrieger.  Ihnen  fiel  nichts  auf. 
Sandstrahler  und  Energiewaffen  bereiteten  ihrem  Leben  ein  Ende.  Ein  paar  Überlebende 
waren so verstört, daß sie keinen Widerstand leisteten. 
Die Kampfflöße hatten mehr Glück. 
Die  Miliz,  die  mit  den  Bodenwaffen  der  Blauen  Chasch  nicht  vertraut  war,  konnte  nur  vier 
abschießen. Die anderen entkamen in südlicher Richtung. 
Da und dort flackerten kurze Kämpfe auf. Man machte kurzen Prozeß, wenn es sich um Blaue 
Chasch  handelte.  Dafür  befahl  Reith,  die  Chaschmenschen  zu  schonen.  Deren  Überlebende 
sammelten  sich  auf  der  Hauptstraße,  wo  sie  ihre  falschen  Schöpfe  wegwarfen.  Reith  hatte 
Mitleid mit den Leuten, weil ihre ganze Welt so urplötzlich zusammengebrochen war. 
Einer der Männer fragte ihn: „Was werdet ihr jetzt mit uns tun?" 
„Nichts", antwortete Reith. „Wir haben die Blauen Chasch vernichtet, weil sie uns angegriffen 
haben. Ihr seid Menschen. Wenn ihr uns in Ruhe laßt, tun wir euch auch nichts." 
„Aber ihr habt viele von uns umgebracht", brummte der Mann. 
„Weil  ihr  mit  den  Chasch  gegen  uns,  eure  Mitmenschen,  gekämpft  habt,  und  das  ist 
unnatürlich." 
„Was soll daran unnatürlich sein?" fuhr der Chaschmann auf. „Wir sind die erste Phase eines 
großen Kreises." 
„Unsinn",  stellte  Reith  fest.  „Ihr  seid  ebenso  Menschen  wie  die  Dirdirmenschen.  Man  hat 
euch  nur  versklavt.  Höchste  Zeit,  daß  ihr  einmal  die  Wahrheit  zu  hören  bekommt!" 
Aufmerksam hörte man ihm nun zu. „Und ihr könnt von mir aus leben, wie ihr wollt. Dadiche 
ist eure Stadt — solange die Blauen Chasch nicht zurückkehren." 
„Und was sollen wir tun, wenn sie zurückkehren?" 
„Verjagt sie! Dadiche ist eine Stadt der Menschen. Und wenn ihr nicht glaubt, daß euch die 
Chasch  versklavt  und  betrogen  haben,  dann  schaut  in  euer  Leichenhaus  an  der  Mauer.  Seht 
euch  die  Gehirne  toter  Chaschmänner  an.  Ihr  werdet  keine  Chaschbälger  drinnen  finden  — 
nur  Menschengehirne  ...  Und  jetzt  könnt  ihr  in  eure  Häuser  zurückkehren.  Ich  verlange  von 
euch  nur,  daß  ihr  eure  falschen  Schöpfe  ablegt;  andernfalls  beweist  ihr,  daß  ihr  nicht 
Menschen,  sondern  Blaue  Chasch  sein  wollt,  und  dann  müssen  wir  entsprechend  mit  euch 

background image

verfahren." 
Reith  kehrte  zu  seinem  eigenen  Lager  zurück.  Die  früheren  Chaschmenschen  wagten  ihrem 
neuen Status noch nicht ganz zu vertrauen; zögernd kehrten sie in ihre Häuser zurück. 
„Ich habe  gehört, was du sagtest", erklärte Anacho. „Du verstehst nichts von den Dirdir und 
Dirdirmenschen! Selbst wenn deine Theorie stimmt, werden wir Dirdirmenschen bleiben. Wir 
erkennen  die  Überlegenheit  an;  wir  glauben  an  ein  Ideal.  Der  Schatten  kann  niemals  heller 
sein als die Sonne, und ebensowenig werden die Menschen je die Dirdir überflügeln." 
„Für einen intelligenten  Menschen", fauchte Reith, „redest du ausgesprochen dummes Zeug. 
Dir  scheint  jedes  Vorstellungsvermögen  abzugehen.  Aber  ich  bin  überzeugt:  Eines  Tages 
wirst du deinen Irrtum erkennen. Bis dahin kannst du glauben, was dir paßt." 
 
 

14. 

 
Schon  vor  dem  Morgengrauen  wurde  es  im  Lager  lebendig.  Beladene  Wagen  zogen  nach 
Westen.  In  der  Stadt  sammelten  die  Chaschmenschen,  die  jetzt  ohne  ihre  falschen  Schöpfe 
kahl und gnomenhaft aussahen, die Toten ein und begruben sie. Man fand ein paar versteckte 
Blaue Chasch und sperrte sie in Käfige. 
Reith machte sich Sorgen darüber, daß Blaue Chasch aus weiter südlichen gelegenen Städten 
angreifen könnten, aber Anacho redete ihm das aus. „Das sind keine Kämpfer. Sie bedrohen 
die Städte der Dirdir mit Torpedos, um den Krieg zu vermeiden. Sie fordern nie heraus. Ihre 
Gärten sind ihnen wichtiger. Sie werden sich nicht rühren, wenn wir sie nicht angreifen." 
„Vielleicht hast du recht", meinte Reith dazu und entließ die paar gefangenen Blauen Chasch. 
„Geht  in  die  Städte  nach  Süden",  befahl  er  ihnen,  „und  erzählt  dort,  daß  wir  sie  zerstören 
werden, wenn sie uns belästigen." 
„Es    ist    ein    langer    Weg",    krächzte  einer  von  ihnen.  „Können  wir  nicht  ein  Floß 
bekommen?" 
„Geht zu Fuß! Wir schulden euch gar nichts." 
Sie  gingen  zu  Fuß.  Reith  war  aber  noch  nicht  überzeugt,  daß  die  Chasch  ihren  Auftrag 
ausführen und die Städte Ruhe geben würden und ließ die neun eroberten Flöße mit Waffen 
beladen  und  sie  in  Verstecke  in  den  Bergen  bringen.  Am  folgenden  Tag  besuchte  er  erneut 
zusammen mit Traz, Anacho und Ylin-Ylan sein Raumboot. „Wenn ich diese ganze Werkstatt 
hier  zur  Verfügung  hätte",  sagte  er,  „und wenn  ich  ein paar  Fachleute  fände,  dann  müßte  es 
mir  gelingen,  ein  neues  Antriebssystem  zu  bauen.  Vielleicht  könnte  man  auch  das  der 
Chasch...  Aber  dann  stimmt  das  Kontrollsystem  nicht  mehr...  Besser,  man  baut  gleich  ein 
neues Boot." 
Ylin-Ylan runzelte die Stirn. „Liegt dir so viel daran, Tschai zu verlassen? Du hast Cath noch 
gar nicht besucht; du wirst dann nie mehr den Wunsch haben, von dort wegzugehen." 
„Möglich", antwortete Reith. „Aber du warst auch noch nie auf der Erde. Vielleicht würdest 
du nie mehr nach Tschai zurückkehren." 
„Es muß eine sehr seltsame Welt sein", sagte sie. „Sind die Frauen dort schön?" 
„Einige", erwiderte Reith. Er nahm ihre Hand. „Auch auf Tschai gibt es schöne Frauen. Und 
eine heißt..." Er flüsterte ihr einen Namen ins Ohr. 
Sie errötete. „Seht! Die anderen könnten es hören!" 
 
 
 

ENDE