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Uller und Niflheim sind zwei von Terra kolonisierte 
Planeten, auf denen die Uller Company mit modern-
sten – und gefährlichen – Techniken Bodenschätze 
abbaut. Unbemerkt von den Ingenieuren, die mit ge-
waltigen Atomexplosionen die Mineralien des unbe-
wohnten Planeten Niflheim an die Oberfläche spren-
gen, haben sich ulleranische Eingeborene das Wissen 
angeeignet, um eine eigene Atombombe bauen und 
im geeigneten Augenblick gegen die terranischen 
Truppen rebellieren zu können. Auch dem terrani-
schen Geheimdienst sind diese Aktivitäten nicht be-
kannt. Erst als der Aufstand losbricht, erkennt man 
die Gefährlichkeit der Situation. Wenn es den Terra-
nern nicht gelingt, den putschenden Ulleranern mit 
einer eigenen Bombe zuvorzukommen, ist das 
Schicksal des Planeten besiegelt ... 

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Ullstein Buch Nr. 3306 
im Verlag Ullstein GmbH, 
Frankfurt/M – Berlin – Wien 
Titel der Originalausgabe: 
ULLER UPRISING 
Aus dem Amerikanischen 
von Dolf Strasser 
 
Umschlagillustration: Paul Lehr 
Umschlaggraphik: Ingrid Roehling 
Alle Rechte vorbehalten 
Copyright © 1952 by 
Twayne Publishers, Inc. 
Übersetzung © 1977 by 
Verlag Ullstein GmbH, 
Frankfurt/M – Berlin – Wien 
Printed in Germany 1977 
Gesamtherstellung: 
Augsburger Druck- und 
Verlagshaus GmbH 
 
ISBN 3 548 03306 7 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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H. Beam Piper 

 
 
 

Der 

Uller-Aufstand 

 
 
 

SCIENCE-FICTION-Roman 

 
 
 

Herausgegeben 

von Walter Spiegl 

 

 

 

ein Ullstein Buch 

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Prolog 

 

Auf Satans Schemel 

 
 

Sanft und leise vibrierte der große, gepanzerte Tender 
unter der Einwirkung des alternierenden Kontragra-
vitationsfeldes, das ab und zu seine normale Fre-
quenz von fünfhundert Schwingungen pro Sekunde 
änderte, wenn der automatische Radar-Höhenmesser 
auf Grund thermischer Veränderungen eine Auf- 
oder Abtrift registrierte. Manchmal geriet es ein we-
nig ins Schwanken wie ein Boot auf dem Wasser. 
Dann schien es, als neige sich auf dem großen Bild-
schirm, der an der Frontseite der Steuerkabine die 
Stelle eines Fensters einnahm, die Landschaft ein we-
nig. Hätte das ungeschützte menschliche Auge die 
Strahlung von Nu Pupis, Niflheims Zentralgestirn, 
ertragen können, wäre ihm die ganze Szene in einem 
lebhaften Irisch-Grün erschienen – der Effekt des 
stark blautonigen Lichtes auf die gelbe Atmosphäre. 
Die Visor-Anlage war jedoch mit Filtern versehen, die 
Gamma-, Röntgen- und den größten Teil der ultravio-
letten Strahlung blockierten, wobei das fehlende län-
gerwellige Rot und Orange hinzugefügt wurden, so 
daß sich die Farben der Dinge nicht allzu sehr von 
denjenigen unterschieden, die unter den Lichtern des 

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Sterns vom GO-Typ wie Sol entstehen. Die Luft war 
schwach gelblich, der Himmel grünlich-gelb, die 
Wolken grün-grau. 

Dreihundert Meter unter ihnen lag das, was hier 

einem Wald entsprach. Die Bäume, die riesige ge-
zackte Blätter trugen, sahen wie turmhohe Sellerie-
stauden aus. Auch tierisches Leben würde es dort un-
ten geben – kleine, runde, faustgroße Tiere, die aus-
sahen wie achtbeinige Krabben und sich von der Ve-
getation ernährten, und größere von etwa einem hal-
ben Meter Länge mit gelenkigem Panzer und sech-
zehn Beinen, welche die kleinen Pflanzenfresser ver-
schlangen. Die nähere Umgebung bestand aus offe-
nem Grasland, wenn man eine von grauen oder pa-
stellfarbenen Gewächsen bestandene Fläche so nen-
nen wollte; ein unregelmäßig gewundener Wasser-
lauf zog sich hindurch. Niedrige, nicht mehr als drei-
hundert Meter hohe Dünen und Hügel bildeten in 
etwa hundert Kilometern Entfernung den Horizont. 

Kein menschliches Wesen hatte jemals den Fuß auf 

Niflheim gesetzt, keines seine Luft geatmet. Dies hät-
te sofortigen Tod bedeutet: Die Atmosphäre bestand 
aus einem Gemisch von freiem Fluor und Fluorgasen, 
der Boden aus metallischem Fluor war feucht vom 
Säureregen, und in dem »Wasserlauf« floß reine Hy-
drofluorsäure. Selbst ein normaler Raumanzug hätte 
hier keinen Schutz bedeutet. Glas, Gummi und Pla-

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stik hätten sich innerhalb von Minuten aufgelöst. 
Wenn Menschen auf Niflheim kamen, um in den 
Bergwerken, Uran-Raffinerien und chemische Fabri-
ken zu arbeiten, dann in mit eigenem Motorantrieb 
versehenen gepanzerten Kontragravitationsanzügen; 
und sie lebten dreitausend Kilometer von dem Plane-
ten entfernt auf künstlichen Satelliten. Dieser Tender 
zum Beispiel war mit keinem anderen Raumfahrzeug 
vergleichbar. Er wies eine Spezialisolierung auf und 
konnte nur nach Passieren von drei Schleusen betre-
ten werden – einer äußeren Schleuse, die nach ihrer 
Schließung nach außen evakuiert wurde, einer mittle-
ren Schleuse, die ständig evakuiert war, und einer in-
neren Schleuse, die in den Schiffsraum hinein evaku-
iert wurde, bevor die mittlere Schleuse geöffnet wer-
den konnte. Niflheim war schlimmer als ein Planet 
ohne jede Atmosphäre – viel schlimmer. 

Der Chef-Ingenieur saß an seinem Steuerpult und 

nahm die kleineren Korrekturen der Schiffsposition 
vor, die zusätzlich zur Automatiksteuerung nötig wa-
ren. Der eine Funker nahm gerade eine Mitteilung 
der auf einer Umlaufbahn befindlichen Basis auf. Der 
andere sagte mit Engelsgeduld immer wieder: »Dr. 
Murillo. Dr. Murillo. Dr. Murillo, bitte melden.« Vor 
seiner eigenen Instrumentenkonsole sitzend, kaute 
ein kleiner glatzköpfiger Mann mit gekräuseltem 
schwarzen Haarkranz und Kräuselbart auf seinem er-

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loschenen Zigarrenstummel herum und lauschte an-
gestrengt dem, was in seinem Kopfhörer vernehmbar 
war – oder auch nicht. Ein paar Hilfskräfte überprüf-
ten Skalenanzeigen, blätterten in Handbüchern oder 
starrten angespannt auf den großen Visor-Schirm. Ein 
großer, rundgesichtiger junger Mann in dreckigem 
Khakihemd und Shorts – er hatte ungewöhnlich stark 
behaarte Beine – kritzelte auf einem Notizblock her-
um und aß Bonbons aus einer Tüte. Und ein 
schwarzhaariges Mädchen in einem viel zu großen 
Overall, das auch sonst nicht nach allzuviel aussah, 
hatte ein Bein über die Armlehne ihres Stuhles hän-
gen und betrachtete den auf dem Visor-Schirm sicht-
baren fernen Horizont. 

»Dr. Murillo. Dr. Mur –« Der Funker unterbrach 

sich mitten im Wort und lauschte einen Moment. »Ich 
höre Sie, Doktor; bitte kommen.« Dann einen Augen-
blick später: »Was ist Ihre jetzige Position, Doktor?« 

»Ich kann sie sehen«, sagte das Mädchen und deu-

tete auf die Stelle. »Zwei Uhr, etwa Handbreite über 
dem Horizont.« 

Der Mann mit dem Kräuselbart legte das Auge an 

das gepolsterte Okular des Teleskop-Visors und dreh-
te an einem Rad. »Sie haben guten Augen, Miss Quin-
ton«, erklärte er dann. »Nur vier Panzeranzüge; Ah-
med, fragen Sie ihn, wo der fünfte ist.« 

»Wir sehen nur vier von Ihren Panzeranzügen«, 

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sagte der Funker. »Wer fehlt, und warum?« Er warte-
te einen Augenblick und wandte sich dann zu ihnen 
um. »Der fünfte ist in der Behandlungsmaschine. Ei-
ner der Ulleraner, Gorkrink.« 

Der größere der am Horizont erschienenen Fleck 

war nur nun als Behandlungsmaschine erkennbar – 
etwas wie ein übergroßer Kontragravitationspanzer 
mit einer Bulldozer-Schaufel, einem kurzen Kranaus-
leger statt einer Kanone und gelenkigen, in Klauen 
endenden Armen an den Seiten. Die kleineren Punkte 
wurden zu Panzeranzügen – eiförmigen Dingen mit 
Armen und Haken rundum. Der Mann mit dem 
Kräuselbart begann hastig in sein Mikrophon zu 
sprechen und legte es dann weg. Es gab mehrere Stö-
ße, und der Panzertender, durch Kontragravitation 
gewichtslos, schwankte ein wenig, als die Behand-
lungsmaschine an Bord kam. 

»Haben Sie jemals eine nukleare Sprengung gese-

hen, Miss Quinton?« fragte der junge Mann mit den 
haarigen Beinen und reichte ihr seine Bonbontüte. 

»Nur Übertragungen in unserem Sonnensystem«, 

antwortete sie und bediente sich. »Testexplosionen 
auf dem Mars. Bevor ich hierher kam, hatte ich noch 
nicht einmal davon gehört, daß man beim Bergbau 
nukleare Sprengkörper verwendet.« 

»Also wenn das dieses Mal so gut klappt wie vor 

drei Monaten, dann lohnt es sich, zuzusehen«, ver-

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kündete er. »Diese Vulkane sind, na – vielleicht schon 
länger als tausend Jahre erloschen; also müßte es da 
unten eine ganz hübsche Gasblase geben. Das Magma 
muß eine dicke, zähe Masse sein, wie Basalt auf Ter-
ra. Natürlich hat es in seiner Zusammensetzung kei-
nerlei Ähnlichkeit mit Basalt – es sind hochkompri-
mierte Metallfluoride mit sehr großem Metallanteil. 
Die Vulkane, die wir vor drei Monaten sprengten, 
entließen eine ganz hervorragende Lava mit Metallen 
aller Arten – Nickel, Beryllium, Vanadium, Chrom, 
Iridium sowie Kupfer und Eisen.« 

»Was für eine Art Gas meinen Sie da?« fragte sie. 
»Wasserstoff. Dadurch entsteht das Feuerwerk: Mit 

Fluor gibt es eine explosive Mischung. Die Wasser-
stoff-Fluor-Verbindung führt zu dem, was hier der 
Verbrennung entspricht; das Ergebnis ist Fluorwas-
serstoffsäure, das hiesige Gegenstück zu Wasser. Se-
hen Sie, der Metallkern dieses Planeten ist – weit we-
niger dick als derjenige der Erde freilich – von einem 
Mantel aus Fluorgestein umgeben – Fluorspat und so 
weiter. Etwas wie Granit zum Beispiel gibt es hier 
nicht. Deswegen sind die großen Dünen dort draußen 
das Höchste, was es auf Niflheim an Bergen gibt. 
Wasserstoff entsteht im Boden, wenn die Säure sich 
mit den im Gestein enthaltenen reinen Metallen ver-
bindet.« 

»Dr. Murillo ist jetzt da«, sagte der Funker. »Hat 

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eben die innere Schleuse verlassen. Wenn er seinen 
Druckanzug abgelegt hat, kommt er herauf.« 

»Sobald er hier ist, löse ich aus«, sagte der Bärtige. 

»Alles bereit, de Jong?« 

»Alles bereit, Dr. Gomes«, versicherte ihm einer 

seiner Assistenten. 

Die

 

hintere

 

Tür

 

der

 

Steuerkabine

 

öffnete

 

sich,

 

und

 

Juan

 

Murillo,

 

der

 

Seismologe,

 

trat

 

ein,

 

gefolgt

 

von

 

ei-

nem

 

Helfer.

 

Murillo

 

war

 

ein

 

hochgewachsener,

 

vier-

schrötiger

 

Mann

 

mit

 

bronzefarbenem

 

Teint;

 

er

 

sah

 

aus

 

wie

 

ein

 

Abkömmling

 

von

 

Marsbewohnern

 

mit

 

ein

 

paar

 

Generationen

 

von

 

Anden-Indianern

 

unter

 

seinen

 

Vor-

fahren.

 

Hinter

 

Gomes'

 

Stuhl

 

blieb

 

er

 

stehen

 

und

 

warf

 

einen

 

Blick

 

auf

 

die

 

Instrumente.

 

Sein

 

Helfer

 

verharrte

 

bei

 

der

 

Tür.

 

Er

 

gehört

 

nicht

 

der

 

menschlichen

 

Rasse

 

an.

 

Er

 

war

 

zweibeinig

 

und

 

wirkte

 

irgendwie

 

humanoid,

 

hatte

 

aber

 

vier

 

Arme

 

und

 

einen

 

eidechsenähnlichen 

Kopf. Bis auf einen Gürtel mit einigen Ausrüstungs-
gegenständen war er völlig unbekleidet. 

In quiekenden Tönen redete er hastig auf Murillo 

ein. Murillo wandte sich um. 

»Ja, wenn du willst, Gorkrink«, sagte er in dem 

Gemisch aus Englisch, Spanisch, Afrikaans und Por-
tugiesisch, das im sechsten Jahrhundert des Atom-
zeitalters Lingua Terrae war. Dann wandte er sich 
wieder Gomes zu und der Ulleraner ließ sich auf ei-
nem Stuhl bei der Tür nieder. 

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»Also, jetzt sind Sie dran, Lourenço. Geben Sie 

Zunder.« 

Gomes

 

drückte

 

auf

 

den

 

Knopf

 

der

 

Fernzündung.

 

Aus

 

dem

 

Lautsprecher

 

über

 

ihm

 

kam

 

eine

 

Stimme:

 

»Die

 

Ladung

 

explodiert

 

in

 

sechzig

 

Sekunden

 

...

 

dreißig

 

Sekunden

 

...

 

fünfzehn

 

Sekunden

 

...

 

zehn

 

Sekunden ... 

fünf Sekunden, vier Sekunden, drei Sekunden, zwei 
Sekunden, eine Sekunde –« 

Wie eine Lanze schoß in gut fünfzig Kilometer Ent-

fernung ein Strahl bläulich-weißen Lichtes in die be-
ginnende Dämmerung – tatsächlich waren es fünf 
Strahlen, die aus fünf tiefen, in der Form eines unre-
gelmäßigen Pentagons von einem Kilometer Durch-
messer angeordneten Schächten kamen und aus der 
Entfernung wie ein einziger wirkten. Einen Augen-
blick später gab es einen grellen, flächigen Blitz; ein 
riesiger, vielfarbiger Feuerball stieg auf und zog eine 
Kette von langsamer steigenden Rauchringen hinter 
sich her. Der Feuerball flachte sich ab und saß dann 
wie der Kopf eines Pilzes auf der brennenden Gas-
säule, welche, Flammen und Blitze speiend und sich 
dann wieder verdunkelnd, die Rauchringe in sich 
verschlang. Der Panzertender begann zu schlingern, 
und der Ingenieur und einer seiner Gehilfen hatten 
alle Hände voll zu tun, um ihn zu stabilisieren. 

»In etwa einer halben Stunde«, sagte der hochge-

wachsene junge Mann zu dem Mädchen, »müßte das 

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richtige Feuerwerk losgehen. Was jetzt dort hoch-
kommt, sind nur kleinere Trümmer. Sobald die 
Druckwellen in die richtige Tiefe vorgedrungen sind, 
wird das Gas freigesetzt, und dann kommen Dampf 
und Asche, und dann das Magma. Diese Explosion 
müßte zweimal so stark sein wie die vor drei Mona-
ten, und bestimmt nicht schwächer als die des Kraka-
tau auf Terra im Jahr 59 des Voratomaren Zeitalters.« 

»Nun, auch das, was ich bisher gesehen habe, war 

wirklich schon sehr eindrucksvoll«, sagte das Mäd-
chen, ohne den Blick vom Bildschirm zu wenden. 

»Fahren Sie auf der City of Canberra nach Uller wei-

ter?« fragte Lourenço Gomes. »Ich wünschte, ich 
könnte das; aber ich muß noch bleiben und etwa in 
einem Monat eine weitere Explosion auslösen. Dabei 
habe ich von Niflheim jetzt wirklich genug. Je eher 
ich wieder auf einem Planeten bin, wo die Luft nicht 
rationiert ist, desto lieber.« 

»Na, was sagen Sie dazu!« rief der junge Mann mit 

den haarigen Beinen in gespieltem Erstaunen. »Es ge-
fällt ihm nicht auf unserem hübschen Planeten!« 

»Hübscher Planet!« Gomes murmelte irgend etwas. 

»Terra nennt man Gottes Fußschemel; und dreimal 
dürfen Sie raten, wer seinen Huf auf dieses Ding hier 
setzt.« 

»Wann fahren Sie nach Terra?« fragte ihn das Mäd-

chen. 

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»Terra? Ich weiß nicht; in ein, zwei Jahren viel-

leicht. Aber wenn wir die nächste Explosion rechtzei-
tig über die Bühne kriegen, geht es mit dem nächsten 
Schiff – der City of Pretoria – nach Uller. Ich soll einige 
Verbesserungen an Reaktoren vornehmen. Wahr-
scheinlich werden wir uns also dort sehen.« 

»Jetzt!« rief der Chefingenieur. »Achtet auf das un-

tere Ende!« 

Der Fuß der Säule aus immer noch brodelndem 

Rauch, Feuer und Staub geriet in heftige Bewegung. 
Eine Reihe von Blitzen flammte auf; die glühenden 
radioaktiven Gase wurden von neuem hoch- und 
durcheinandergewirbelt. Und dann stieg eine riesige 
Flamme gen Himmel. Reines Wasserstoffgas mußte 
mit Urgewalt in das durch die Explosion geschaffene 
Vakuum geschossen sein. Die nächste Feuerentla-
dung erfolgte horizontal in etwa dreitausend Meter 
Höhe. Riesige Flammenfetzen, deren Farbe von rot in 
violett und dann wieder zurück durch das Spektrum 
in rot überging, flogen davon und lösten sich in der 
oberen Atmosphäre auf. Dann schossen Geysire aus 
flüssigem Gestein und heißer Asche in die Höhe; ei-
nige der weißglühenden Trümmer flogen beinahe in 
den Säurefluß auf halbem Wege zwischen ihnen und 
dem Ort der Detonation. 

»Ein erstklassiges Erdbeben gibt's als Dreingabe«, 

sagte Murillo, der hispano-indianische Marianer, 

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nach einem Blick auf die Instrumente. »An die sechs 
große Risse in der Felsstruktur. Wenn das alles sich 
erst einmal beruhigt hat und abgekühlt ist, haben wir 
mehr Erz an der Oberfläche als wir in Zehn Jahren 
brauchen können, und viel mehr, als wir in fünfzig 
Jahren mit gewöhnlichen Mitteln hätten heraufbeför-
dern können.« 

Etwa fünf Kilometer vom Ort der ersten Sprengung 

entfernt kündigte eine gewaltige Gasexplosion eine 
weitere Eruption an. 

»So, das hätten wir«, sagte der junge Mann und 

holte eine Flasche aus einer in der Kabinenecke ste-
henden Segeltuchtasche. »Holt doch mal 'n paar Pla-
stikbecher, wir haben uns alle 'nen Schluck verdient.« 

»Richtig«, sagte Gomes. »Tut man etwas nur ein-

mal, dann klappt es vielleicht zufällig; schafft man es 
nochmal, dann ist man ein Könner.« Er begann, Pa-
piere auf seinem Schreibtisch beiseitezuschieben, und 
das Mädchen im zu großen Overall brachte Trinkbe-
cher. 

Der Ulleraner im Hintergrund sprang auf und 

quäkte entschuldigend. Murillo nickte. »Ja, natürlich, 
Gorkrink. Wir brauchen dich jetzt nicht mehr.« Der 
Ulleraner ging hinaus und machte die Tür hinter sich 
zu. 

»Dieses Tabu, daß sich Ulleraner und Terraner 

nicht gegenseitig beim Essen und Trinken zusehen 

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dürfen«, sagte Murillo. »Was ist das – Bestandteil ih-
rer Religion?« 

»Nein, das ist ihre Art von Bescheidenheit«, erwi-

derte das Mädchen. »Wie einige unserer Sexual-
Tabus, die sie ihrerseits nicht im mindestens verste-
hen ... aber Sie sprachen zu ihm in Lingua Terrae; ich 
wußte gar nicht, daß es Ulleraner gibt, die das verste-
hen.« 

»Gorkrink schon«, sagte Murillo, während er die 

Flasche entkorkte und die Plastikbecher füllte. »Na-
türlich kann es wegen der Struktur ihrer Stimmorga-
ne keiner von ihnen sprechen, genausowenig, wie wir 
ihre Sprache ohne künstliche Hilfsmittel sprechen 
können. Aber ich kann in Lingua Terrae mit ihm re-
den, ohne daß ich mir einen von diesen verdammten 
Knebeln in den Mund stecken muß, und er gibt dann 
meine Anweisungen an die anderen weiter. Er ist mir 
eine große Hilfe gewesen; ich werde ihn nur sehr un-
gern verlieren.« 

»Ihn verlieren?« 
»Ja, sein Jahr ist um. Er fährt auf der Canberra nach 

Uller zurück. Wissen Sie, es ist einfach unmöglich, die 
Luft in den Steuerkabinen der Maschinen, mit denen 
sie arbeiten, hundertprozentig fluorfrei zu halten, 
und das Fluor spielt ihren Lungen ziemlich übel mit. 
Er wollte noch drei Monate bleiben, um bei der näch-
sten Sprengung zu helfen, aber die Medizinmänner 

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wollen nichts davon wissen ... Er ist aus Keegark, wo 
immer auf Uller das sein mag; behauptet, ein Fürst zu 
sein, oder so was. Tatsache ist, daß die anderen alle 
Kotau vor ihm machen. Jedenfalls ist er ein ver-
dammt guter Mitarbeiter. Sehr helle; nichts braucht 
man ihm zweimal zu erklären. Ich kann ihn für jede 
Art von Arbeit mit Kontragravitation oder mit me-
chanischen Geräten ohne jede Einschränkung emp-
fehlen.« 

»Also, auf uns«, sagte Murillo. »Und auf den ersten 

Erzabbau mit Atomkraft in der Geschichte.« 

Sie hoben ihre Becher. 

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Der Oberbefehlshaber Front und Zentrum 

 
 

General Carlos von Schlichten warf seine Zigarette 
weg, ballte seine behandschuhten Hände abwech-
selnd zur Faust und streckte die Finger wieder, korri-
gierte den Sitz seines Monokels und trat ein paar 
Schritte nach vorn, während die anderen Offiziere 
hinter ihm aus dem Unterstand herauskamen – Cap-
tain Cazabielle, der Kommandierende Offizier; der 
schokoladenbraune, hünenhafte Brigadier-General 
Themistokles M'zangwe; der kleine Colonel Hidey-
oshi O'Leary. In der Ferne, zu ihrer Linken, verlor 
sich der Horizont in den Wolkenbänken über dem 
Takkad-Meer; vor ihnen rechts ragte ein zerklüftetes 
Bergmassiv grau und schwarz zum Himmel empor 
und verlor sich dann in der Weite. Zweihundert Me-
ter tiefer, unter der Mauerbrüstung und den beiden 
Katapult-Plattformen mit den 90-mm-Geschützen, 
begann der Bergpfad, der dann auf der anderen Seite 
wieder hinabführte. Vor dem Unterstand war ein 
kleiner quadratischer Platz von etwa dreißig Metern 
Seitenlänge. Hier hatte er seinen Aircar geparkt. Die 
Soldaten waren versammelt. 

Etwa ein Dutzend von ihnen waren Terraner – ein 

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paar

 

Leutnants,

 

Sergeanten,

 

Schützen,

 

Techniker,

 

dazu

 

der

 

Fahrer

 

und

 

der

 

Schütze

 

seines

 

eigenen

 

Fahrzeugs.

 

Die

 

anderen,

 

etwa

 

fünfzig,

 

waren

 

Eingeborene

 

von

 

Ul-

ler.

 

Auf

 

ihren

 

Stummelbeinen

 

mit

 

den

 

breiten

 

sechsze-

higen

 

Füßen

 

standen

 

sie

 

aufrecht

 

da.

 

Jeder

 

hatte

 

vier

 

Arme,

 

von

 

denen

 

zwei

 

an

 

den

 

Schultern

 

saßen,

 

die

 

an-

deren

 

etwa

 

in

 

Körpermitte.

 

Ihre

 

gummiartige

 

Haut

 

war

 

schiefergrau

 

und

 

mit

 

stecknadelkopfgroßen,

 

durch

 

Perspiration

 

erzeugten

 

Quarzkügelchen

 

über-

sät,

 

denn

 

statt

 

aus

 

Kohlenwasserstoff

 

bestand

 

ihr

 

Kör-

pergewebe

 

aus

 

Silikon.

 

Ihre

 

schmalen

 

Häupter

 

erin-

nerten

 

unangenehm

 

an

 

Saurierköpfe;

 

sie

 

hatten

 

kleine

 

rote

 

Augen

 

mit

 

doppelten

 

Lidern,

 

schlitzförmige

 

Na-

senlöcher

 

und

 

einen

 

breiten

 

Mund

 

mit

 

buntschillern-

den

 

Zähnen.

 

Bis

 

auf

 

Gürtel

 

und

 

Ausrüstung

 

waren

 

sie

 

völlig

 

nackt;

 

ihre

 

Uniform

 

bestand

 

aus

 

dem

 

mit

 

Hilfe

 

einer

 

Schablone

 

auf

 

Brust

 

und

 

Rücken

 

aufgetragenen

 

Emblem

 

der

 

Uller-Charter-Company.

 

Weder aus Wär-

mebedürfnis noch aus Scham brauchten sie Kleidung. 
Was ersteres anbetraf, so waren sie Kaltblütler, die 
Temperaturen zwischen einhundertzwanzig und mi-
nus einhundert Grad ertragen konnten. Von Schlich-
ten hatte sie im Freien schlafen gesehen, den Körper 
von Reif oder gefrierendem Regen bedeckt. Auch hat-
te er schon beobachtet, daß sie durch kochend heißes 
Wasser wateten. Was man auf Terra Schamgefühl 
nannte, war ihnen fremd. Sie waren alle vom selben 

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Geschlecht

 

 

echte

 

Hermaphroditen.

 

Jeder

 

einzelne

 

von

 

ihnen

 

konnte

 

Junge

 

bekommen

 

oder

 

das

 

Ovum

 

ei-

nes

 

anderen

 

Individuums

 

befruchten.

 

Als

 

er

 

vor

 

fünf-

zehn

 

Jahren

 

als

 

ehemaliger

 

Hauptmann

 

der

 

Terrani-

schen

 

Föderation,

 

der

 

eben

 

seinen

 

neuen

 

Posten

 

als

 

Co-

lonel

 

in

 

der

 

Armee

 

der

 

Uller-Company

 

angetreten

 

hat-

te,

 

zum

 

ersten

 

Male

 

hierher

 

gekommen

 

war,

 

hatte

 

es

 

einige

 

Zeit

 

gedauert,

 

bis

 

er

 

sich

 

daran

 

gewöhnt

 

hatte,

 

daß

 

aus

 

jeder

 

Abteilung

 

Soldaten

 

als

 

Babysitter

 

abzu-

stellen

 

waren.

 

Immerhin

 

gab

 

es

 

hier

 

nicht die gleichen 

Schwierigkeiten mit Squaws und Soldaten wie auf 
Thor, wo er zuletzt stationiert gewesen war. 

Ein Airjeep kam direkt aus der Sonne, kreiste ein 

paarmal über dem Gipfelfort und ließ sich dann ne-
ben von Schlichtens Kommandofahrzeug auf der Ter-
rasse nieder. Er war mit mehreren 15-mm-
Maschinengewehren bestückt, und zwei von den acht 
50-mm-Raketenrohren an den Seiten waren leer und 
trugen frische Sengspuren. Die Duraglaskuppel glitt 
zurück, und die Besatzung – ein Leutnant als Pilot 
und ein Sergeant als Schütze – sprang heraus. Von 
Schlichten kannte sie beide. 

»Leutnant Kendall, Sergeant Garcia«, begrüßte er 

sie. »Guten Tag, meine Herren.« 

Beide salutierten auf die lässige Weise von Terrani-

schen Soldaten im außerirdischen Dienst und erwi-
derten den Gruß. 

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»Was ist mit den Jeels?« fragte er mit einer Geste zu 

den leeren Raketenrohren. »Ich sehe, Sie hatten einen 
Feuerwechsel.« 

»Ja, Sir«, sagte der Leutnant. »Wir hatten Berüh-

rung mit zwei Gruppen. Die erste davon sichteten 
wir auf der Ostseite der Berge, etwa drei Kilometer 
diesseits von den Blue Springs. Etwa die Hälfte da-
von erledigten wir mit MG-Feuer; der Rest verzog 
sich in eine große Felsspalte. Wir mußten ihnen zwei 
Raketen nachfeuern und dann hinunter und ein paar 
von ihnen mit der Pistole ausschalten. Auf die zweite 
Gruppe trafen wir dann gut einen Kilometer diesseits 
von Zortolks altem Fort. Es waren nur sechs; sie wa-
ren gerade beim Fressen. Haben einen von ihrer eige-
nen Bande verschmaust, würde ich sagen. Seit wir sie 
in die Berge hinaufgedrängt haben, kommt das bei 
ihnen recht häufig vor. Zwei Raketen – keine Überle-
benden. Überhaupt blieb nicht sehr viel von ihnen 
übrig. Wir landeten in Zortolks Fort auf ein Bier, und 
dann hörten wir von Captain Martinelle, daß einer 
seiner Jeeps eine Bande erwischt hatte. Er nimmt an, 
daß es die gleiche ist, die vorletzte Nacht aus den 
Bergen herunterkam und diese Bauern von Fürst 
Neeldinks Landgut auffraß.« 

»Bei Gott, freut mich sehr, das zu hören!« Bevor die 

Terraner nach Uller gekommen waren, hatte man von 
einem guten Jahr sprechen können, wenn nicht mehr 

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als fünfhundert Bauern und Landarbeiter von den 
Jeels getötet und vertilgt worden waren. Der Vorfall 
vor zwei Tagen war der erste seiner Art in fast sechs 
Monaten, aber der Adelige, dessen Arbeiter aufge-
fressen worden waren, machte die Company prak-
tisch für das Verbrechen verantwortlich. 

»Ich

 

werde

 

veranlassen,

 

daß

 

Neeldink

 

unterrichtet

 

wird.

 

Je

 

mehr

 

man

 

für

 

diese

 

verdammten

 

Burschen

 

tut,

 

desto

 

mehr

 

verlangen

 

sie

 

von

 

einem

 

...

 

Sobald

 

Sie

 

wie-

der

 

Munition

 

gefaßt

 

haben,

 

Leutnant,

 

sollten

 

Sie

 

viel-

leicht

 

noch

 

einmal

 

dort

 

vorbeischauen,

 

wo

 

Sie

 

diese

 

er-

ste

 

Bande

 

erledigt

 

haben.

 

Wenn

 

noch

 

welche

 

in

 

der

 

Nähe

 

sind,

 

werden

 

sie

 

sich

 

jetzt

 

dort

 

zu

 

einer

 

Gratis-

mahlzeit

 

versammelt

 

haben.«

 

Daß

 

das

 

Tabu,

 

welches

 

den

 

Jeels

 

verbot,

 

Stammesgenossen

 

zu

 

fressen,

 

besei-

tigt

 

worden

 

war,

 

war

 

das

 

Beste,

 

was

 

er

 

im

 

Zusammen-

hang

 

mit

 

dem

 

Kannibalen-Vernichtungsprogramm 

seit langem gehört hatte. 

Er

 

wandte

 

sich

 

Themistokles

 

M'zangwe

 

zu.

 

»Stellen

 

Sie

 

in

 

den

 

nächsten

 

vierzehn

 

Tagen

 

einen

 

Stoßtrupp

 

zusammen.

 

Sagen

 

wir

 

zehn

 

Gefechtsfahrzeuge,

 

etwa

 

zwanzig

 

Airjeeps

 

und

 

ein

 

Bataillon

 

Kragan-Schützen

 

in

 

Truppentransportern.

 

Ach

 

ja,

 

diese

 

nichtsnutzige 

Konkrook-Miliz von Fürst Jaizerd – die kann wenig-
stens Fluchtwege abschneiden.« Er wandte sich wie-
der Leutnant Kendall und Sergeant Garcia zu. »Gute 
Arbeit, Leute. Und, falls die Synchro-Fotos erweisen 

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sollten, daß von der ersten Bande welche entkommen 
sind, macht euch keine Gedanken deswegen. Diese 
Jeels bringen es fertig, sich auf einem Billardtisch zu 
verstecken.« 

Er kletterte in das Kommandeursfahrzeug, gefolgt 

von Themistokles M'zangwe und Hideyoshi O'Leary. 
Sergeant Harry Quong und Corporal Hassan Bogda-
noff nahmen auf den Vordersitzen Platz. Das Fahr-
zeug hob ab, stellte die Nase in den Wind und stieg 
dann in spiraligen Schleifen auf. Das Fort unter ih-
nen, ein Rechteck aus Mauerwerk, das mit seinen Ge-
schützen den Paß beherrschte, wurde kleiner und 
kleiner. 

»Wohin, Sir?« fragte Harry Quong. 
Er sah auf die Uhr. Siebzehn-hundert; die Zeit er-

laubt nicht mehr. Zortolks altes Fort, das etwa fünf-
zehn Kilometer entfernt auf der nächsten Paßhöhe 
lag, noch zu besuchen. 

»Zurück nach Konkrook; zur Insel.« 
Der Pilot zog das Fahrzeug in Richtung Südosten. 

Die Rotoren der Kaltdüsen begannen zu summen; 
dann wurden die Heißdüsen eingeschaltet. Der Air-
car schoß über die Vorgebirge hinweg auf die Kü-
stenebene zu. Unter ihnen erstreckten sich Wälder, 
gelb-grün vom frischen Blätterwuchs der zweiten 
Wachstumsperiode des Äquatorjahres. Der schmut-
ziggraue Holzrauch im Osten kam von den Holzkoh-

background image

lenmeilern dort. Vierzig Jahre brauchte man, um die 
Wälder hinauf bis zu den Bergen abzubrennen; wenn 
die Köhler dann so weit waren, stand an der Küste 
bereits wieder schlagbares Holz. Drüben im Süden 
konnte er die dunkelgrünen Flächen sehen, wo die 
Company Schierlingsfichten und Norwegische Tan-
nen gepflanzt hatte. Mit ein wenig chemischer Dün-
gung wuchsen sie gut und ergaben bessere Holzkohle 
als das silikatdurchsetzte einheimische Holz. Dies 
war der einzige natürliche Brennstoff auf Uller; Kohle 
gab es selbstverständlich nicht, da gefallene Bäume in 
wenigen Jahren versteinerten. Auf Uller gab es zu 
viel Silikon und zu wenig von allem anderen; was auf 
Terra Kohlenflöze gewesen wären, waren hier Schich-
ten silikonisierten Holzes. Und natürlich gab es kein 
Öl. Zur Zeit wurde weniger Holz und Kohle ver-
braucht als früher; die Uller-Company hatte große 
Mengen synthetischen Thermokonzentrat-Brennstoffs 
eingeführt und, wo immer sie auf dem Planeten Fuß 
faßte, Atomkraftwerke errichtet. 

Hinter den Wäldern kommt das Agrarland. Die äl-

teren Güter waren zur Abwehr von Sauriern mit dik-
ken Wällen aus Stein oder versteinertem Holz und 
mit breiten Gräben umgeben. Aber die Gräben waren 
jetzt trocken, und die Wälle verfielen. Einige der 
neueren Farmen hatten weder Wälle noch Gräben. 
Auch das war auf die Tätigkeit der Company zurück-

background image

zuführen; seit man Bazookas und rückstoßfreie Ka-
nonen verwendete, waren die riesigen, gepanzerten 
Tiere im Konk-Isthmus völlig ausgestorben. 

Als Planet war Uller wirklich alles andere als an-

heimelnd, dachte er bitter. Manchmal wünschte er, 
niemals der Verlockung schnellen Aufstiegs und 
phantastisch hoher Besoldung nachgegeben zu ha-
ben, um sich der Armee der Uller-Company anzu-
schließen. Dann wäre er jetzt wahrscheinlich nur Co-
lonel mit einem Jahressold von fünftausend Sol. Aber 
ein Colonel in mittleren Jahren würde sich vielleicht 
auf einem anständigen Planeten wohler fühlen – auf 
Odin zum Beispiel mit seinen zwei Monden, Hugin 
und Munin mit ihren weiten Prärien und immergrü-
nen Wäldern, die aussahen wie die Fichtenwälder auf 
Terra und sogar so rochen, oder auf Baldur mit sei-
nen schneebedeckten Bergen und klaren, kalten Flüs-
sen, oder auf Freya, wo die Frauen so atemberaubend 
schön waren – als ein General der Company mit 
fünfundzwanzigtausend im Jahr auf dieser Kreuzung 
aus Hochofen, Kühlschrank, Windkanal und Stein-
haufen, wo das Wasser wie Spülicht schmeckte und 
glitschige Rückstände hinterließ, wo es getrocknet 
war; wo die Temperatur zwischen den Polen um fast 
zweihundert Grad variierte; wo nichts, was wuchs, 
Flossen oder Beine hatte, zu menschlichem Verzehr 
geeignet war, und wo die Bewohner ... 

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Natürlich gab es schlimmere Planeten als Uller. Da 

gab

 

es

 

den

 

kalten,

 

nebligen

 

Nidhog,

 

dessen

 

Äquator-

zone

 

ein

 

dunstiger

 

Sumpf

 

war,

 

während

 

den

 

Rest

 

ewi-

gen

 

Eis

 

bedeckte.

 

Da

 

war

 

Bifrost,

 

der

 

seiner

 

Sonne

 

im-

mer

 

dieselbe

 

Seite

 

zuwandte;

 

eine

 

Seite

 

war

 

glühend

 

heiß,

 

die

 

andere,

 

durch

 

eine

 

schmale,

 

kaum

 

bewohnba-

re

 

Zwielichtzone

 

von

 

ihr

 

getrennt,

 

wies

 

eine

 

Tempera-

tur

 

nahe

 

dem

 

absoluten

 

Nullpunkt

 

auf.

 

Da

 

war

 

Mimir,

 

bewohnt

 

von

 

einer

 

Rasse

 

halbintelligenter,

 

mordlusti-

ger,

 

verräterischer,

 

niederträchtiger

 

Quasi-Kriechtiere.

 

Oder

 

Niflheim.

 

Die

 

Uller-Company

 

hatte

 

auch

 

das

 

An-

recht

 

auf

 

Niflheim.

 

Sie

 

hatte

 

sich

 

bereit

 

erklären

 

müs-

sen,

 

die

 

Ausbeutung

 

der

 

Rohstoffvorkommen

 

dieses

 

Planeten

 

zu

 

übernehmen,

 

um

 

das

 

Anrecht

 

auf

 

Uller

 

zu

 

bekommen

 

 

ein

 

Paketverfahren,

 

welches

 

die

 

relativen

 

Vorzüge

 

der

 

beiden

 

Planeten

 

hinreichend

 

beleuchtete. 

Vor

 

ihnen

 

lag

 

die

 

Stadt

 

Konkrook

 

am

 

Delta

 

des

 

Konk.

 

Der

 

Fluß

 

war

 

jetzt

 

ausgetrocknet.

 

Außer

 

im

 

Frühling,

 

wo

 

er

 

sich

 

rotbraun

 

dahinwälzte,

 

war

 

er

 

nie

 

mehr

 

als

 

ein

 

Rinnsal.

 

Der

 

Aircar

 

verlor

 

an

 

Höhe.

 

Die

 

Heißdüsen

 

wurden

 

ausgeschaltet.

 

Sie

 

überflogen

 

Vor-

orte

 

und

 

gelblich-grüne

 

Parks,

 

niedrige

 

Wohn-

 

und 

Geschäftsgebäude, hohe Tempel und Paläste, phanta-
stisch in sich verdrehte Türme, und folgten dann ei-
ner Straße, die immer häßlicher und schmutziger 
wirkte, je mehr sie sich dem Industriebezirk an der 
Küste näherten. 

background image

Von Schlichten sah abwesend hinunter, langsam an 

seiner Zigarette ziehend. Dann aber ging ein Ruck 
durch seinen Körper; die Muskeln um sein rechtes 
Auge packten das Monokel fester. Er beugte sich vor 
und stupste Harry Quong an der Schulter. 

»Wenden Sie, Sergeant; sehen wir uns diese Straße 

noch einmal an«, sagte er. »Dort unten scheint ir-
gendwas los zu sein.« 

»Ja, Sir; ich habe es auch gesehen«, antwortete der 

australochinesische Pilot. »Sieht aus, als wären Terra-
ner von Geeks* überfallen worden. Ein geparkter Air-
car steht mitten drin.« 

Das Fahrzeug zog eine Schleife und kehrte langsam 

noch einmal zu der Stelle zurück. Oberst Hideyoshi 
O'Leary sah durch sein Fernglas. 

»Stimmt«, sagte er. »Da sind Terraner in Bedräng-

nis. Es sind zwei; sie stehen mit dem Rücken gegen 
eine Wand. Einer von ihnen hat eben einen Pistolen-
schuß abgegeben.« 

Von Schlichten hatte bereits das Mikrophon in der 

Hand, wählte die Nummer der Garnison auf Gon-
gonk Island und ließ dann den Signalknopf nicht 
mehr los, bis er Antwort bekam. 

»Von Schlichten. Befinde mich in Aircar über Kon-

krook. Blutiger Zusammenstoß in der Fourth Avenue, 

                                                 

*   Verächtliche Bezeichnung für die Eingeborenen. 

background image

Ecke Seventy-third Street.« Kein Terraner konnte sich 
die Namen der Straßen von Konkrook merken; selbst 
Einheimische, die von anderswoher kamen, fanden, 
daß die Nummern leichter zu lernen und zu behalten 
waren. »Geeks haben zwei Terraner überfallen. Wir 
gehen jetzt hinunter und versuchen zu helfen. Schik-
ken Sie sofort Soldaten. Und bleiben Sie am Apparat, 
mein Pilot wird Sie weiter auf dem laufenden hal-
ten.« 

Er

 

warf

 

das

 

Mikrofon

 

nach

 

vorn

 

über

 

Harry

 

Quongs

 

Schulter.

 

Quong

 

fing

 

es

 

auf

 

und

 

begann,

 

schnell

 

und

 

hastig

 

hineinzusprechen,

 

während

 

er

 

mit

 

der

 

anderen

 

Hand

 

steuerte.

 

Von

 

Schlichten

 

nahm

 

eine der fünf 

Pfund schweren, gezackten Keulen aus einem Gestell. 
Themistokles M'zangwe hatte bereits seine Pistole 
gezogen, nahm sie jetzt in die linke Hand und packte 
mit der Rechten ebenfalls eine Keule. Der irisch-
japanische Colonel hatte eine Automatik in der einen 
Hand und einen langen Dolch in der anderen und sah 
aus wie ein mordlüsterner Kobold. 

Harry Quong und Hassan Bogdanoff waren schon 

Veteranen auf Uller; in Situationen wie diese gerieten 
sie nicht zum erstenmal. Bogdanoff stieg in den Ge-
fechtsturm, schwenkte das 15-mm-Zwillingsgeschütz 
herum und begann zu feuern. Quong hielt das Fahr-
zeug etwa eineinhalb Meter über dem Boden. Zu bei-
den Seiten sanken Eingeborene tot oder verwundet 

background image

nieder. Dann setzte Quong das Fahrzeug so nahe wie 
möglich bei der Gruppe um die beiden Terraner auf. 
Von Schlichten öffnete die Luke und sprang aus dem 
Aircar. O'Leary und M'zangwe folgten. 

An der Straßenecke stand der andere Aircar, ein 

dunkelbraunes Zivilfahrzeug. Der eingeborene Fah-
rer war über das Steuer gesunken. Der Schaft eines 
Pfeiles ragte aus seinem Nacken. Mit dem Rücken an 
einer Haustür stehend, schlug ein weißhaariger, bär-
tiger Terraner mit einer leergeschossenen Pistole um 
sich. Er war verwundet; Blut lief ihm über das Ge-
sicht. Seine Gefährtin, eine junge Frau in langem 
Pelzmantel, wehrte die Angreifer mit einem der lan-
gen Bolo-Messer der Eingeborenen ab. 

Von Schlichtens Keule hatte einen kugeligen, zak-

kenbesetzten Kopf und eine lange Spitze darauf. Er 
ließ die Kugel auf den Hinterkopf eines Ullaners nie-
dersausen und stieß einem anderen den Dorn in den 
Leib. 

»Zak! Zak!« schrie er auf Pidgin-Ulleranisch. »Jik-

jik, ihr gottverdammten Eidechsenköpfe!« 

Der Ulleraner fuhr herum und holte mit einem ge-

waltigen Messer aus. Sein Mund war weit aufgeris-
sen. Schaum stand ihm auf den Lippen. 

»Znidd suddabit!« kreischte er. 
Von Schlichten parierte den Stoß mit dem stähler-

nen Schaft seiner Keule. »Selber suddabit,  du Geek-

background image

Bastard!« schrie er und rammte ihm die Spitze seiner 
Keule in den offenen Mund. Der Ulleraner sackte zu-
sammen. Von Schlichten nahm sich sofort den näch-
sten vor. 

Drüben hatte einer der Geeks den verwundeten 

Terraner mit beiden unteren Armen zu fassen be-
kommen und hob mit der oberen Rechten einen 
Dolch. Das Mädchen im Pelzmantel holte weit aus 
und hieb ihm den Arm mit dem Messer ab, stieß ihm 
dann ihre Waffe in den Hals. Ein Eingeborener, der 
mehrere Gürtel mit Goldornamenten trug, zog eine 
terranische Automatik. Von Schlichten riß seine Pisto-
le hoch, aber ehe er feuern konnte, hatte Hassan Bog-
danoff bereits die Gefahr erkannt; seine Salve traf den 
Eingeborenen in die Brust und riß ihn in Stücke. 

Hideyoshi

 

O'Leary,

 

der

 

von

 

Schlichten

 

gefolgt

 

war,

 

stach

 

einen

 

der

 

Angreifer

 

nieder,

 

das

 

Mädchen

 

gleich-

zeitig

 

mit

 

seinem

 

freien

 

Arm

 

um

 

die

 

Taille

 

packend.

 

Themistokles

 

M'zangwe

 

ließ

 

seine

 

Keule

 

fallen

 

und

 

nahm

 

den

 

gebrechlich

 

aussehenden

 

Mann

 

auf

 

die

 

Schulter.

 

Zusammen

 

kämpften

 

sie

 

sich

 

zum

 

Aircar zu-

rück; von Schlichten gab ihnen mit seiner Pistole Feu-
erschutz. 

Plötzlich ratterte Maschinengewehrfeuer. Mit ei-

nem schnellen Blick über die Schulter sah von 
Schlichten vier Gefechts-Aircars, die schräg herab-
stießen, die Meute unter Beschuß nahmen, in einem 

background image

Looping nach oben zogen, um dann wieder zurück-
zukehren, dieses Mal gefolgt von drei langen, blau-
grauen Truppentransportern. 

Kaum

 

gelandet,

 

spien

 

sie

 

kraganische

 

Söldner

 

aus.

 

Der

 

erste

 

Zug

 

stürmte

 

ein

 

paar

 

Schritte

 

nach

 

vom,

 

ging

 

auf

 

ein

 

Knie

 

nieder

 

und

 

begann,

 

auf

 

das

 

zu

 

schießen,

 

was

 

von

 

dem

 

Mob

 

noch

 

übrig

 

war.

 

Vierhändige

 

Solda-

ten

 

haben

 

eine

 

verblüffende

 

Feuerkraft,

 

vor

 

allem,

 

wenn

 

sie

 

mit

 

automatischen

 

Gewehren

 

bewaffnet

 

sind,

 

deren

 

zwanzigschüssige

 

Magazine

 

sie

 

mit

 

den

 

unteren

 

Händen

 

auswechseln

 

können,

 

ohne

 

die

 

Waffe zu sen-

ken. 

Jetzt

 

war

 

Hufgetrappel

 

zu

 

hören.

 

Eine

 

kleine

 

Kaval-

leriekompanie

 

des

 

Königs

 

von

 

Konkrook

 

sprengte

 

auf

 

ihren

 

sechsbeinigen,

 

eidechsenköpfigen,

 

schwarzge-

sprenkelten

 

Tieren

 

herbei.

 

Die

 

einen

 

stürmten

 

in

 

Sei-

tenstraßen,

 

wo

 

sie

 

mit

 

Lanzen

 

und

 

Säbeln

 

Fliehende

 

niedermachten,

 

während

 

andere

 

abstiegen

 

und

 

mit

 

Pfeil

 

und

 

Bogen

 

zu

 

Werke

 

gingen.

 

Von

 

Schlichten,

 

der

 

im

 

Grunde

 

genommen

 

keine

 

allzu

 

hohe

 

Meinung

 

von

 

den

 

Streitkräften

 

des

 

Königs

 

von

 

Konkrook

 

hatte,

 

mußte, wenn auch widerwillig, zugestehen, daß sie 
gute Arbeit leisteten. 

Ein Hauptmann der Eingeborenen-Infanterie, ein 

Terraner, ging auf ihn zu und salutierte. 

»Ihnen und Ihren Leuten ist nichts zugestoßen, 

Herr General?« fragte er. 

background image

Von Schlichten warf einen Blick auf den Vordersitz 

seines Aircars, wo Harry Quong, eine Pistole in der 
rechten Hand, immer noch ins Mikrofon sprach, wäh-
rend Hassan Bogdanoff neue Patronengürtel in seine 
Maschinengewehre einführte. Dann sah er, daß der 
verwundete Mann ins Fahrzeug geschafft worden 
war. Das Mädchen lehnte an der Seite des Aircars, 
hilflos zitternd vor Erregung. 

»Es sieht so aus, Captain Pedolsky. Sie kamen ge-

rade noch rechtzeitig; Ihre Fahrzeuge sind wohl mit 
Hyper-Raumantrieb ausgerüstet? ... Wie geht es ihm, 
Colonel?« 

»Er sollte sofort ins Hospital«, antwortete O'Leary. 

»Ich glaube, er hat eine Gehirnerschütterung.« 

»Harry, rufen Sie das Hospital an. Sagen Sie, wir 

bringen die Toten zur oberen Landeplattform ... Also, 
alles in Ordnung, Captain. Sie sollten mit Ihren Kra-
ganern noch etwas bleiben, damit sichergestellt ist, 
daß König Jaikarks Geeks keine neuen Unruhen auf-
kommen lassen. Auch sollen sie nicht den Eindruck 
bekommen, als könnten sie die Ordnung hier auch 
ohne unsere Hilfe aufrecht erhalten; das entspricht 
nicht den Wünschen der Company!« 

»Ja, Sir; ich verstehe.« Captain Pedolsky öffnete ei-

ne Tasche an seinem Gürtel und nahm das künstliche 
Mundstück heraus, ohne das kein Terraner auch nur 
halbwegs verständliches Pidgin-Ulleranisch artikulie-

background image

ren konnte. Er steckte das Ding in den Mund, wandte 
sich um und begann, Order zu erteilen. 

Von Schlichten half dem Mädchen in das Fahrzeug 

und führte sie zu dem Sitz rechts neben dem seinen. 
Der Pilot schaltete das Kontra-Gravitationsfeld ein, 
und der Aircar stieg in die Höhe. 

»Them, in der Türtasche neben Ihnen müßten einen 

Flasche und ein Trinkbecher sein«, sagte er. »Ein 
kleiner Schluck könnte Miss Quinton jetzt sicher nicht 
schaden.« 

Das

 

Mädchen

 

wandte

 

sich

 

ihm

 

zu.

 

Selbst

 

in

 

ihrem

 

jetzigen

 

ziemlich

 

mitgenommenen

 

Zustand

 

war

 

sie

 

schön

 

 

nicht

 

sehr

 

groß,

 

schwarzhaarig

 

und

 

mit

 

schwar-

zen,

 

ein

 

wenig

 

schrägen

 

Augen.

 

Auf

 

ihren

 

schwarz

 

lak-

kierten

 

Fingernägeln

 

hatte

 

sie

 

winzige

 

goldene

 

Sterne

 

 

offenbar

 

der

 

letzte

 

Modeschrei

 

von

 

Terra. 

»Da haben Sie recht, General ... Woher wissen Sie 

meinen Namen?« 

»Sie sind seit drei Monaten auf Uller. Und hier gibt 

es so wenige von uns, daß ziemlich jeder alles über 
jeden weiß. Sie sind Dr. Paula Quinton, extraterresti-
sche Soziografin und Feld-Agent der Gesellschaft für 
den Schutz der Rechte von Nicht-Terranern, wie Mo-
hammed Ferriera hier.« Er nahm Themistokles 
M'zangwe Flasche und Becher ab und schenkte ihr 
ein. »Nicht zu hastig; es ist Honigrum von Baldur, 
fünfundsiebzigprozentig.« 

background image

Er sah zu, wie sie vorsichtig daran nippte, sofort zu 

husten begann und dann vollends den Becher leerte. 

»Mehr?«

 

Als

 

sie

 

den

 

Kopf

 

schüttelte,

 

verschloß

 

er

 

die

 

Flasche

 

wieder.

 

»Was

 

wollten

 

Sie

 

denn

 

überhaupt

 

hier?«

 

fragte

 

er

 

dann.

 

»Ich

 

dachte,

 

Ferriera

 

wäre

 

schlau

 

genug,

 

nicht

 

hierher

 

zu

 

kommen,

 

geschweige

 

denn, Sie 

mitzunehmen.« 

»Wir wollten einen seiner Freunde besuchen, einen 

Eingeborenen namens Keeluk. Er scheint gleichzeitig 
so etwas wie Priester und Arbeiterführer zu sein«, 
antwortete sie. »Ich werde in Bälde die Arbeitsbedin-
gungen in den Bergwerken am Nordpol untersuchen, 
und Mr. Keeluk sollte mir Empfehlungsschreiben für 
Freunde von ihm in Skilk mitgeben.« 

Dank

 

seines

 

Monokels

 

gelang

 

es

 

von

 

Schlichten,

 

sich

 

seine

 

Überraschung

 

nicht

 

anmerken

 

zu

 

lassen.

 

Weder

 

M'zangwe

 

noch

 

O'Leary

 

hatten

 

ein

 

solches

 

Hilfsmittel:

 

Der

 

Afrikaner

 

rollte

 

die

 

Augen,

 

der

 

Irisch-Japaner 

schnitt eine Grimasse. 

»Wir

 

unterhielten

 

uns

 

eine

 

Weile

 

mit

 

Mr.

 

Keeluk«,

 

sagte

 

das

 

Mädchen,

 

»und

 

als

 

wir

 

das

 

Haus

 

wieder

 

ver-

ließen,

 

stellten

 

wir

 

fest,

 

daß

 

sich

 

eine

 

Meute

 

zusam-

mengerottet

 

hatte

 

und

 

unser

 

Fahrer

 

getötet

 

worden

 

war.

 

Natürlich

 

trugen

 

wir

 

Pistolen;

 

sie

 

gehören,

 

wie

 

die

 

Notrationen

 

und

 

der

 

Wasser-Desilikator,

 

zur

 

Überle-

bensausrüstung,

 

die

 

Sie

 

hier

 

jeden

 

mit

 

sich

 

führen

 

las-

sen.

 

Meine

 

Waffe

 

war

 

geladen,

 

die

 

Mr.

 

Ferrieras

 

nicht.

 

background image

Als

 

sie

 

auf

 

uns

 

losgingen,

 

schoß

 

ich

 

ein

 

paar

 

von

 

ihnen

 

nieder

 

und

 

dann

 

bekam

 

ich

 

dieses

 

große

 

Messer

 

zu

 

fas-

sen ...« 

»Deswegen sind Sie auch noch am Leben«, bemerk-

te von Schlichten. 

»Nur, weil Sie rechtzeitig kamen«, erwiderte sie. 

»Wie Sie sich keulenschwingend ins Getümmel stürz-
ten – in meinem Leben habe ich noch nie so etwas 
Schönes gesehen!« 

»Und

 

ich

 

nichts

 

Schöneres

 

als

 

die

 

Aircars,

 

wie

 

sie

 

mit

 

ihren

 

Schnellfeuerkanonen

 

diese

 

Meute

 

niedermach-

ten«,

 

antwortete

 

von

 

Schlichten.

 

Der

 

Aircar

 

überquerte

 

den

 

Konkrook-Kanal

 

und

 

näherte

 

sich

 

den blau-

grauen Gebäuden der Company auf Gongonk Island. 

»Wie war das eigentlich, während Sie und Mr. Fer-

riera in Keeluks Haus waren, Miss Quinton?« fragte 
Hideyoshi O'Leary. »War Keeluk dauernd bei Ihnen, 
oder hat er Sie für einen gewissen Zeitraum verlas-
sen, sagen wir fünfzehn oder zwanzig Minuten, be-
vor sie gingen?« 

»Ja, doch, tatsächlich«, erwiderte Paula Quinton 

überrascht. »Wie kommen Sie darauf? Es war so: Ein 
Hund begann zu bellen, hinter dem Haus, und Kee-
luk entschuldigte sich und ...« 

»Ein

 

Hund?«

 

entfuhr

 

es

 

von

 

Schlichten.

 

»Ein

 

Hund?«

 

echoten

 

die

 

anderen

 

Offiziere,

 

und

 

Harry

 

Quong auf 

dem Pilotensitz ächzte »Ist doch nicht möglich!« 

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»Doch ... Aber auf Uller gibt es gar keine Hunde bis 

auf ein paar, die Terranern gehören. Und war da 
nicht etwas mit ...?« 

Von Schlichten hatte sich schon das Mikrofon ge-

griffen und rief das Kommandofahrzeug am Schau-
platz der Auseinandersetzung. 

Der Pilot meldete sich. 
»Von Schlichten. Grüßen Sie Captain Pedolsky; er 

soll sofort eine gründliche Durchsuchung des Hau-
ses, vor dem der Zwischenfall stattfand, und der 
Nachbarhäuser durchführen. Zu seiner Information: 
Es handelt sich um Keeluks Haus. Bitten Sie ihn, be-
sonders nach Generalgouverneur Harringtons Collie 
und den anderen verschwundenen terrestrischen Tie-
ren Ausschau zu halten – diese Ziege zum Beispiel 
oder die Kaninchen. Und bringt mir Keeluk, lebendig 
und verhörfähig. Ich schicke Verstärkung.« 

»Aber was ...?« begann das Mädchen. 
»Deswegen wurden Sie angegriffen«, erklärte von 

Schlichten. »Keeluk wollte verhindern, daß die An-
wesenheit des Hundes durch Sie publik würde. Des-
halb ging er hinaus und ließ sein Rollkommando 
kommen, das Sie umbringen sollte.« 

»Aber er war doch nur fünf Minuten weg.« 
»In

 

fünf

 

Minuten

 

kann

 

ich

 

das

 

ganze

 

Militär

 

von

 

Konkrook

 

in

 

Bewegung

 

setzten.

 

Keeluk

 

hat

 

weder

 

Ra-

dio

 

noch

 

TV

 

 

hoffen

 

wir

 

wenigstens

 

–,

 

aber

 

seine

 

background image

Truppe

 

ist

 

konzentriert,

 

und

 

er

 

hat

 

einen

 

ziemlich

 

gu-

ten Stab.« 

»Aber Mr. Keeluk ist unser Freund. Er weiß, was 

unsere Gesellschaft für sein Volk zu tun versucht ...« 

»Und zum Dank dafür hetzt er Ihnen seine Meute 

auf den Hals. Sehen Sie, er hat doch enormen Einfluß 
in dieser Gegend. Warum ist er dann nicht einge-
schritten, als Sie überfallen wurden?« 

»Sie wollten doch zurück ins Haus, um sich in Si-

cherheit zu bringen«, fügte M'zangwe hinzu. »Und 
fanden die Tür verschlossen.« 

»Ja, aber ... aber was soll denn die ganze Aufre-

gung wegen des Hundes? Ist er ein heiliges Totem-
Tier der Uller-Company?« 

»Er heißt Stalin und ist ein Collie wie tausend an-

dere auf Terra auch. Er wurde gestohlen, und nun hat 
ihn Keeluk, und wir wollen wissen, warum. Solche 
mysteriösen Dinge gefallen uns nicht, schon gar 
nicht, wenn sie zu Mordanschlägen auf Terraner füh-
ren.« Der Aircar landete vor dem Hospital. Bereitste-
hendes Personal schaffte den immer noch bewußtlo-
sen Mohammed Ferriera auf einer Bahre aus dem 
Fahrzeug. 

»Sie sollten gleich mitgehen, Miss Quinton«, riet 

von Schlichten. »Sie haben da ein paar gar nicht sehr 
schöne Schrammen abgekriegt; diese Geeks haben ei-
ne Haut wie Sandpapier. Übrigens – diese Briefe, die 

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Keeluk Ihnen geben wollte, für seine Freunde in 
Skilk. Haben Sie die?« 

Sie griff in ihre Jackentasche. »Ja. Die habe ich 

noch.« 

»Sie sollten Sie Colonel O'Leary vorlegen. Vielleicht 

steht mehr darin, als Sie ahnen ... Hid, gehen Sie mit 
Miss Quinton?« 

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Rakkeed, Stalin und Reverend Keeluk 

 
 

Von Schlichten saß in einer frischen Uniform am 
Kopfende des Tisches in Sidney Harringtons Büro. 
Harrington und Eric Blount, der Lieutenant-
Governor, saßen sich an den Seiten gegenüber, ein 
metergroßes ullerisches Schachbrett zwischen sich. 
Harrington hatte die weiße oder Innenposition. 
Blount, dunkelblond und wesentlich jünger, hatte 
schwarz, und seine Figuren rückten unaufhaltsam 
nach innen vor. 

»Und dann?« fragte Harrington. 
Von Schlichten schnippte die Asche von seiner Zi-

garette. 

»Nichts Besonderes mehr«, antwortete er. »Keeluk 

verzog sich, sobald er unseren Aircar sah. Ein paar 
von seinen Schlägern haben wir mitgenommen. Sie 
werden jetzt verhört, aber ich bezweifle, ob wir ir-
gend etwas Neues von ihnen erfahren. Der Hund hat-
te sich in einem Schuppen hinter dem Haus befun-
den, war aber dann, wahrscheinlich schon, als Keeluk 
sein Rollkommando rief, weggebracht worden. Auch 
eins der Kaninchen muß sich dort befunden haben. 
Von der Ziege keine Spur.« 

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Blount machte eine neuen Zug, und von Schlichten 

nickte beifällig. »Der Aufruhr ist niedergeschlagen 
worden«, fuhr er fort, »aber wir lassen zwei Kompa-
nien Kraganer in der Stadt und ein Dutzend Airjeeps, 
außerdem ein Regiment von König Jaikarks Infanterie 
– Speerträger und Bogenschützen hauptsächlich – 
und zwei seiner Kavalleriekompanien. Die nehmen 
ganz wahllos Massenverhaftungen vor. Da kriegt Jai-
karks Favoritin am Hofe dann noch mehr Sklaven.« 

»Oder aber Gurgurk rekrutiert sie«, warf Blount 

ein. »Er hat in letzter Zeit eine richtige politische Or-
ganisation aufgebaut. Will versuchen, Jaikark vom 
Thron zu stürzen, würde ich sagen.« 

»Daß Gurgurk so etwas wagen würde, halte ich für 

ausgeschlossen«, sagte der Generalgouverneur. »Er 
weiß, daß wir ihm das nicht durchgehen lassen wür-
den. Dazu haben wir zuviel in König Jaikark inve-
stiert.« 

»Aber wieso unterstützt Gurgurk dann diesen ver-

dammten Rakkeed?« wollte Blount wissen. »Gurkurk 
hat nur zwei Möglichkeiten. Er kann versuchen, Jai-
kark zu stürzen und die Macht an sich zu reißen. 
Oder aber er stellt sich auf Jaikarks Seite und arbeitet 
mit ihm zusammen. Wir unterstützen Jaikark. Rak-
keed hat diesen Kreuzzug gegen die Terraner gepre-
digt und gegen Jaikark, den wir kontrollieren. Nun 
hat Gurgurk Rakkeed unterstützt ...« 

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»Dafür hast du keinen Beweis«, protestierte Har-

rington. 

»Aber mein Geheimdienst hat welche«, schaltete 

sich von Schlichten ein. »Wir kennen die Summen, 
die Daten und die Namen der Leute, die Rakkeed das 
Geld überbrachten. Eric hat absolut recht mit seiner 
Feststellung.« 

»Meiner

 

Ansicht

 

nach

 

sieht

 

Gurgurks

 

Plan

 

etwa

 

so

 

aus:

 

Rakkeed

 

wird

 

hier

 

in

 

Konkrook

 

antiterranische

 

Emotionen

 

wecken

 

und

 

sie

 

dann

 

gegen

 

unsere

 

Mario-

nette

 

Jaikark

 

und

 

gegen

 

uns

 

selbst

 

lenken«,

 

sagte

 

Blount.

 

»Wenn

 

der

 

Konflikt

 

zum

 

offenen

 

Ausbruch

 

kommt,

 

wird

 

Jaikark

 

umgebracht,

 

und

 

dann

 

kommt

 

Gurgurk,

 

besetzt

 

den

 

Palast

 

und

 

schlägt

 

mit

 

Hilfe

 

der

 

Königlichen

 

Armee

 

die

 

Revolte

 

nieder,

 

die

 

er

 

selber

 

in

 

Szene

 

gesetzt

 

hat.

 

Auf

 

diese

 

Weise

 

macht

 

er

 

sich

 

zum

 

Freund

 

der

 

Company,

 

und

 

die

 

meisten

 

der

 

so

 

von

 

ihm

 

Getäuschten

 

werden

 

festgenommen

 

und

 

als

 

Sklaven

 

verkauft.

 

Und

 

König

 

Gurgurk

 

steckt

 

den

 

Erlös

 

ein.

 

Die

 

Frage

 

ist

 

nur:

 

Wird

 

Rakkeed

 

sich

 

auf

 

diese

 

Weise

 

be-

nützen

 

lassen?

 

Rakkeed

 

ist

 

meiner

 

Ansicht

 

nach

 

grö-

ßer,

 

als

 

Gurgurk

 

jemals

 

sein

 

wird.

 

Von

 

ihm

 

geht auch 

die größere Gefahr für die Company aus. Überall, wo 
irgend etwas nicht in Ordnung ist, steckt Rakkeed 
dahinter. Nimm diese Geschichte hier zum Beispiel: 
Keeluk ist einer von Rakkeeds Gefolgsleuten.« 

»Dieser Rakkeed schlägt sich dir noch auf den 

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Verstand, Eric!« rief Harrington. »Er ist ein simpler 
Packtiertreiber, nichts weiter.« 

Eric Blount nahm Harrington einen Bauern ab. 
»Dein König ist in Gefahr«, warnte er. »Nebenbei 

bemerkt: Hitler war ein einfacher Anstreicher.« 

»Rakkeed hat keine Gefolgschaft, außer beim Pö-

bel.« Harrington zog heftig an seiner Pfeife und such-
te nach einer Möglichkeit, seinen König zu schützen. 

»Das glaubst du«, entgegnete Blount. »Hier in Kon-

krook ist er häufig bei den adeligen Schiffsbesitzern 
zu Gast. Die rümpfen sicher die Nase über seine 
Tischsitten, aber seine Politik finden sie einfach fa-
belhaft. In Keegark und in den Freien Städten an der 
Ostküste ist es nicht anders.« 

»Das letzte Mal, als Rakkeed in Konkrook war, war 

er Gast des keegarkanischen Botschafters«, sagte von 
Schlichten. »Wir wissen das von einem Spitzel, den 
wir beim Botschaftspersonal eingeschleust haben.« 

»Bist du denn sicher, daß dir dein Spitzel kein Mär-

chen erzählt hat«, fragte Harrington. »Über Rakkeed 
hört man doch die verrücktesten Geschichten. Drei 
Tage nachdem er hier in Konkrook war, soll er acht-
tausend Kilometer weit weg in Skilk gewesen sein 
und bei König Firkked eine Audienz gehabt haben.« 

»Durchaus denkbar«, sagte von Schlichten. »Er 

reist verkleidet auf unseren Schiffen – Kuliklasse, auf 
dem Geek-Deck.« 

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»Wenn wir ihn da mal erwischen könnten, wäre 

das natürlich sehr gut«, sagte Blount und machte ei-
nen neuen Zug. »Eine der Unterdeck-Ladeluken 
müßte versehentlich unverriegelt bleiben, und dann 
könnte er in zweitausend Meter Höhe von Bord pur-
zeln.« Er beobachtete, wie Harrington ein scheinbar 
sinnloses Manöver einleitete. »Sid, die Sache mit dem 
Hund liegt mir doch etwas im Magen.« 

»Mir auch. Ich hab an dem Biest nun mal 'nen Nar-

ren gefressen. Weiß Gott, womit er inzwischen gefüt-
tert worden ist; und daß die Geeks ihn geklaut haben, 
gefällt mir schon überhaupt nicht.« 

»Also, auf die Gefahr hin, für herzlos gehalten zu 

werden: Mir geht es gar nicht so sehr um Stalin als 
um die Frage, warum Keeluk ihn versteckt hat, und 
warum er sich nicht gescheut hätte, die einzigen bei-
den Terraner in Konkrook, die ihm vertrauen, ermor-
den zu lassen – nur um zu verhindern, daß dies be-
kannt würde.« 

»Ein Mr. Keeluk, ein Priester«, sagte von Schlichten 

und zündete sich eine neue Zigarette am Stummel 
der alten an. »Vielleicht brauchte Reverend Keeluk 
Stalin für sakramentale Zwecke.« 

Blount sah von seinen Figuren auf. »Rituelle Tö-

tung?« fragte er. »Oder Schwarze Magie?« 

Von Schlichten zuckte die Achseln. »Was immer du 

willst. Vielleicht wollte Rakkeed den Hund, um ihn 

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vor einer Versammlung für uns zu töten. Oder, um 
uns in effigie umzubringen. Vielleicht glauben sie, daß 
wir Stalin verehren und daß sie Macht über uns aus-
üben können, wenn sie ihn in ihre Gewalt bekom-
men. Es wäre schon gut, wenn wir etwas mehr über 
die Psychologie der Ulleraner wüßten.« 

Es war nicht zum erstenmal, daß er diesen Gedan-

ken äußerte. Selbst wenn Sex nicht der beherrschende 
psychologische Faktor war, wie die alten Freudianer 
glaubten, so war er doch von überaus großer Wich-
tigkeit; auf Uller freilich waren die meisten Grundbe-
griffe terranischer Psychologie sinn- und bedeutungs-
los. Andererseits hatte der durchschnittliche Ullera-
ner wahrscheinlich Komplexe und Neurosen, die 
selbst Freud aus dem Häuschen gebracht haben wür-
den, und ganz ohne Zweifel trieben sie Dinge, bei de-
nen sogar Krafft-Ebing die Haare zu Berge gestanden 
wären. 

»Eines steht fest«, sagte Blount. »Man braucht kei-

nen Psychologen, um zu wissen, daß achtzig Prozent 
der Ulleraner uns hassen wie die Pest.« 

»Ach Unsinn!« Harrington stieß die Worte mit ei-

ner Wolke Pfeifenrauch hervor. »Ein paar Fanatiker 
hassen uns und ein paar Händler, die Geld verloren 
haben, als wir ihre primitive Tauschwirtschaft um-
krempelten. Neun Zehntel von ihnen haben nur Vor-
teile von uns gehabt und ...« 

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»Und hassen uns deswegen nur noch mehr«, un-

terbrach ihn Blount. »Sie verübeln uns alles, was wir 
für sie getan haben.« 

»Was der Raumhafen, den uns König Orgzild von 

Keegark angeboten hat, eindeutig beweist«, entgeg-
nete Harrington. »Er haßt uns so sehr, daß er uns in 
seiner Stadt einen Raumhafen zum Geschenk machen 
will.« 

»Was kostet ihn das schon?« gab Blount zurück. 

»Er stellt das Land – beschlagnahmt aus dem Besitz 
irgendeines Adeligen, den er wegen Hochverrats hin-
richten ließ – und die Arbeitskräfte: Zwangsarbeiter. 
Wir stellen den Stahl, die Maschinen, leisten die In-
genieurarbeit. Wir kriegen einen Raumhafen, den wir 
eigentlich gar nicht brauchen, und er das ganze Ge-
schäft, das der Hafen nach Keegark bringt. Ange-
sichts der Tatsache, daß Rakkeed in seiner Botschaft 
hier ein gern gesehener Gast ist, genau wie im könig-
lichen Palast in Keegark, frage ich mich allmählich, 
ob er uns nicht nur deswegen hier Schwierigkeiten 
macht, um uns zu veranlassen, daß wir unsere 
Hauptbasis in seine Stadt verlegen.« 

Er machte einen Zug. Sogleich schlug Harrington 

von der Mitte aus mit einer seiner stärksten Figuren 
zurück. 

»Und wessen König ist jetzt bedroht?« krähte er. 
»Warten wir ab.« Blount bewegte eine Figur im 

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Halbkreis um das Brett und nahm die gefährliche Fi-
gur des Gegners. »Jetzt ist ja hoffentlich klar, wessen 
König bedroht ist.« 

Harrington fluchte, setzte zu einem Zug an und 

fuhr dann mit der Hand zurück, als sei die Figur glü-
hend heiß. Eine Weile saß er da, zog an seiner Pfeife 
und starrte auf das Brett. 

»Orgzild ist sich so sicher, daß wir sein Angebot 

annehmen, daß er zwei neue Reaktoren bauen läßt, 
um für den mit dem zusätzlichen Geschäft zu erwar-
tenden größeren Energiebedarf vorzusorgen«, fuhr 
Blount fort. 

»Und woher bekommt er das Plutonium?« fragte 

von Schlichten. 

»Woher?« erwiderte Harrington. »Er hat uns eben 

vier Tonnen davon abgekauft, geliefert mit der City of 
Pretoria
.« 

»Das ist eine ganze Menge«, sagte Blount. »Ich fra-

ge mich, ob er nicht etwa weiß, wofür man Plutonium 
außer zur Energieversorgung noch verwenden 
kann.« 

»Um Himmels willen!« rief Harrington. »Wenn du 

so weitermachst, suche ich nächstens noch Einbrecher 
unter dem Bett ...« 

»Vielleicht sind da Einbrecher«, sagte Blount und 

deutete mit seiner Zigarette auf Harringtons bedroh-
ten König. »Was gedenkst du dagegen zu tun, Sid?« 

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Er wandte sich von Schlichten zu. »Bevor ich's ver-
gesse: Was ist mit den Briefen, die Keeluk der Quin-
ton gegeben hat?« 

»Alle an Skilkaner adressiert, die wir als Rakkeed-

Schüler und radikale Antiterraner kennen«, erwiderte 
von Schlichten. »Wir haben die Liste nach Skilk ge-
funkt; Colonel Cheng-Li, unser Geheimdienstmann 
dort, hat uns Material über sie zugeschickt, das aus-
sieht wie Personalakten aus Sing-Sing. Die Briefe 
selbst haben wir Doc Petrie, dem Spezialisten für ul-
lerische Philologie, unterbreitet, der sich auch auf das 
Knacken von Codes versteht; aber der konnte nichts 
finden. Jedenfalls werde ich Miss Quinton informie-
ren und ihr raten, sich nicht mit den Leuten einzulas-
sen, für die Keeluk ihr Briefe gab.« 

Harrington hatte, allerdings unter Opferung einer 

Figur, die Bedrohung seines Königs vorerst abwen-
den können. 

»Und du glaubst, die wird auf dich hören?« fragte 

er. »Diese Leute von der Gesellschaft für die Rechte 
außerirdischer Lebewesen sind doch selbst die reinen 
Fanatiker. Für die sind wir nichts als blutbefleckte, 
imperialistische Halunken mit einem Herz aus Stein, 
und alles, was wir sagen, eine Lüge von Hitlerschen 
Dimensionen.« 

»Also, so schlimm sind sie denn wohl auch wieder 

nicht. Das Mädchen habe ich ja heute erst kennenge-

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lernt, aber der alte Mohammed Ferriera ist ein an-
ständiger Kerl. Und ihre Gesellschaft hat wirklich viel 
Gutes getan. Auf Yggdrasill zum Beispiel haben sie 
der Leibeigenschaft ein Ende gemacht, und ich weiß, 
was für Zustände dort herrschten, bevor sie das ta-
ten.« 

»Sagtest du nicht, daß sie in nächster Zeit nach 

Skilk fahren würde?« fragte Harrington. »Nun fährst 
du doch selbst mit dem Kraganer-Bataillon auf der 
Aldebaran  dorthin. Warum lädst du sie nicht ein, mit 
dir zu fahren? Du kannst ja recht anziehend auf junge 
Damen wirken, wenn du dir Mühe gibst. Vielleicht 
kannst du ihr den einen oder anderen Gedanken ein 
wenig nahebringen. Sie ist erst seit drei Monaten hier 
– seit die Canberra von Niflheim kam. Du und ich und 
wir alle wissen, daß es in den Bergwerken dort unten 
am Pol eine Menge Dinge gibt, die jedem, der die ört-
lichen Bedingungen nicht kennt, sehr befremdend 
vorkommen müssen ...« 

»Eine allzuschwer zu ertragende Bürde wäre Miss 

Quintons Begleitung für mich sicher nicht«, antworte-
te von Schlichten. »Natürlich kann ich für nichts ga-
rantieren ...« 

Aus dem Intercom-Lautsprecher auf dem Tisch 

kamen mehrere Signaltöne. Harrington fluchte, legte 
seine Pfeife weg, drückte auf einen Knopf und sprach 
in die Box. 

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»Gouverneur«, sagte eine Stimme, »eben ist ein 

Schiff voll Geeks angekommen. Sie haben sich zu ei-
nem Zug formiert und marschieren auf die Zentrale 
der Company zu. Eine Kompanie von Jaikarks Garde 
mit Gewehren; eine königliche Sänfte, etwa dreißig 
Adelige zu Fuß, eine Geschenktruhe; dann noch ein 
Zug Soldaten.« 

»Das wird Gurgurk sein, der uns mitteilen will, wie 

sehr Seine Besoffene Geekschaft den Vorfall in der 
Seventy-second Street bedauert«, sagte Harrington. 
»Die Geschenktruhe wird die übliche Entschädigung 
enthalten. Lassen Sie Gurgurk und seine Leute hinein 
mit Ausnahme der Soldaten. Stellen Sie ihm eine Eh-
renwache. Führen Sie sie in die Empfangshalle und 
halten Sie sie dort fest, bis ich Ihnen aus der Au-
dienzhalle das Zeichen gebe, und dann herein mit ih-
nen.« 

Er setzte sich wieder an seinen Platz. Sofort nahm 

Blount eine seiner Figuren. »In vier Zügen bist du 
matt«, prophezeite er. »Sollen wir noch zu Ende spie-
len, bevor wir hinübergehen?« 

»Natürlich; was bedeutet für einen Geek schon 

Zeit? Gurgurk würde ja glauben, wir hätten Proble-
me, wenn wir ihn nicht warten ließen ... Guter Gott! 
Sieht so aus, als wäre ich jetzt wirklich in der Klem-
me, Eric!« 

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Vierundzwanzig Geek-Köpfe 

 
 

Generalgouverneur Harrington saß auf der bequem 
gepolsterten Bank unter dem Dachhimmel der Au-
dienzhalle, flankiert von Eric Blount und von Schlich-
ten. Selbst auf diesem erhöhten Sitz sah er nicht son-
derlich eindrucksvoll aus – mit seinem gegerbten Ge-
sicht, seinem grauen Schnauzbart, seiner alten 
Tweedjacke voller Pfeifenasche hätte er genausogut 
einer von den Landedelmännern aus von Schlichtens 
Nachbarschaft in Argentinien sein können, wo er sei-
ne Jugend verbracht hatte. Einem Terraner wäre jeder 
König von Uller wie eine Mißgeburt aus einem Eid-
echsenhaus im Zoo vorgekommen. Was für einen 
Eindruck Harrington auf Ulleraner machte, konnte 
man nur vermuten. 

Er nahm das in den Zeughauslisten als »Enuncia-

tor-ulleranisch« bezeichnete Mundstück aus seiner 
Jackentasche. Von Schlichten und Blount setzten die 
ihren ein, und Harrington drückte mit dem Fuß auf 
den Knopf im Boden. Nach kurzer Zeit öffneten sich 
die hohen Türen am anderen Ende der Halle, und die 
Konkrooker Notabeln traten ein, begleitet von einem 
Dutzend eingeborener Offiziere und einer Eskorte 

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Kraganer Soldaten. Die Ehrengarde marschierte in 
zwei Reihen; dazwischen schritt ein unbekleideter, 
schwer bewaffneter Eingeborener, der einen reichlich 
geschmückten Speer mit meterlanger Klinge mit allen 
vier Armen aufrecht vor sich hertrug. Es war der 
konkrookanische Staatsspeer; er stellte die symboli-
sche Anwesenheit König Jaikarks dar. Dahinter kam 
Gurgurk, das konkrookanische Gegenstück eines 
Premierministers oder Großwesirs. Er trug einen gol-
denen Helm und eine Art Hemd aus Goldfäden, dazu 
ein langes Beidhänderschwert, zwei terranische, für 
eine Hand mit sechs viergliedrigen Fingern konstru-
ierte Automatikpistolen und ein Paar zueinanderpas-
sende Dolche. Über das beste Alter eines Ulleraners 
war er hinaus – siebzig bis achtzig Jahre alt, nach dem 
abgenutzten Aussehen seiner schillernden Zähne, der 
Farbe seiner Haut und der hauptsächlich rötlichen 
Färbung seiner Quarzflecken zu schließen. Jüngere 
Ulleraner waren hellgrau, unter den Armen weiß, 
und ihre Quarzflecken waren weißlich bis hellgelb. 
Gurgurks Gefolge setzte sich aus allen Altersklassen 
zusammen und trug nicht weniger Eisen an sich als 
der Premierminister. Die Pistolen stammten alle von 
Terra, die Schwerter und Dolche entweder von Terra 
oder den terranischen Stahlwerken auf Volund. 

Vier Sklaven brachten eine kunstvoll eingelegte, 

mit Füßen versehene Geschenktruhe herein. Als der 

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Speerträger die Mitte der Halle erreicht hatte, blieb er 
stehen und pochte mit seiner Waffe auf den Boden. 
Gurgurk stellte sich ein paar Schritte links hinter ihm 
auf, die anderen Adeligen in einem Halbkreis. Von 
Schlichten betrachtete die Versammlung mißmutig 
durch sein Monokel. 

Jetzt erhob sich der Generalgouverneur und stieg 

von seiner Empore herunter, begleitet von Blount 
und von Schlichten. Aus dem Augenwinkel sah von 
Schlichten, wie sich ein paar Kraganer-Söldner unauf-
fällig in Positionen begaben, wo sie, wenn nötig, die 
Besucher mit ihren Maschinengewehren niedermä-
hen konnten, ohne die Terraner zu gefährden. 

»Willkommen, Gurgurk«, zwitscherte Harrington 

durch sein Mundstück. »Die Company weiß um die 
Ehre dieses Besuches.« 

»Ich komme im Namen meines königlichen Herrn, 

Seiner erhabenen Majestät Jaikark des Siebzehnten, 
König von Konkrook und aller Länder im Isthmus 
von Konk«, quäkte Gurgurk. »Ich habe die Ehre, bei 
mir Lord Ghroghrank zu haben, den Gesandten Kö-
nig Orgzilds von Keegark am Hofe meines Königli-
chen Herrn.« 

»Und ich«, sagte Ghroghrank, nachdem er gebüh-

rend willkommen geheißen worden war, »freue mich 
über die Ehre der Begleitung Fürst Gorkrinks. Er ist 
der Sonderbotschafter meines Herrschers, Seiner Kö-

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niglichen und Imperialen Majestät König Orgzild, der 
sich in Ihrer Stadt befindet, um die Ladung Kraftme-
tall in Empfang zu nehmen, das von der Company 
käuflich zu erwerben mein Königlicher Gebieter die 
Ehre hatte.« 

Nach erneuten Willkommensbezeugungen für 

Gorkrink meldete sich wieder Gurgurk mit bellenden 
Lauten zu Wort. 

»Mein Königlicher Gebieter, Seine erhabene Maje-

stät, ist tief bekümmert«, erklärte er feierlich. »Wäre 
er nicht so überwältigt von Kummer, wäre er in eige-
ner, Geheiligter Person erschienen, um seinem 
Schmerz und seiner Beschämung darüber Ausdruck 
zu verleihen, daß Angehörige der Company in den 
Straßen der Königlichen Stadt Belästigungen und 
gewalttätigen Angriffen ausgesetzt sind.« 

Wenn er nicht völlig high wäre, dachte von Schlich-

ten bei sich. Die Einheimischen benützten hier eine 
Droge, welche die kombinierte Wirkung von Ha-
schisch, Heroin und Yohimbine hatte; Jaikark und 
seine ganze engere Hofgesellschaft waren süchtig. 
Wahrscheinlich hatte er von dem Zwischenfall nicht 
einmal gehört. 

»Die Soldaten Seiner Erhabenen Majestät kamen 

den Truppen der Company auf der Stelle zu Hilfe, 
nicht wahr, General von Schlichten?« sagte Harring-
ton. 

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»Innerhalb von Minuten, Euer Exzellenz«, erwider-

te von Schlichten feierlich. »Promptheit und Wirk-
samkeit ihres Eingreifens waren exemplarisch.« 

Gurgurk zeigte sich im Namen seines Königlichen 

Herrschers überaus erfreut über dieses hohe Lob aus 
so berufenem Munde. Nachdem Blount in gesetzten 
Worten Bedeutung und Tiefe der Freundschaft zwi-
schen der Uller Company und Seiner Erhabenen Ma-
jestät zum Ausdruck gebracht hatte, unterstrich der 
keegarkanische Botschafter das Bedauern König Org-
zilds über den unangenehmen Vorfall, wobei er 
durchblicken ließ, daß derartige Vorkommnisse in 
Keegark schlechthin unmöglich waren. 

Fürst Gorkrink wünschte Mohammed Ferriera, 

dem großen und guten Freund aller Ulleraner, baldi-
ge Genesung. Von Schlichten bemerkte, daß ein paar 
seiner neueren Quarzflecken eine leicht grünliche 
Färbung hatten – ein sicherer Hinweis darauf, daß er, 
vor nicht allzu langer Zeit, der fluorhaltigen Luft von 
Niflheim ausgesetzt gewesen war. Und wenn sich ein 
Geek-Fürst für ein Jahr als Arbeiter auf Niflheim ver-
dingte, dann tat er das nur zu einem Zweck: Um ter-
ranische Technologien kennenzulernen. 

Gurgurk gab nun bekannt, daß ein so schändliches 

Verbrechen gegen die Freunde Seiner Erhabenen Ma-
jestät seine gerechte Bestrafung erfahren habe und 
gab mit einer seiner unteren Hände das Zeichen, die 

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Truhe herbeizubringen. Die Sklaven öffneten sie und 
nahmen zuerst eine Art Teppich heraus, den sie auf 
dem Boden ausbreiteten. Darauf legten sie, sorgfältig 
in vier Reihen arrangiert, vierundzwanzig frisch ab-
getrennte Ulleranerköpfe. 

Die drei Terraner betrachteten sie. Zwei Dutzend 

Köpfe waren die Standardzahlung für einen Angriff, 
bei dem kein Terraner getötet wurde. Offensichtlich 
waren dies hier die Köpfe der Anführer; gewöhnlich 
schlug man sie einfach den erstbesten Gefangenen 
oder zu alten Sklaven ab ohne Rücksicht darauf, ob 
die Opfer von dem Verbrechen, für das sie da büßen 
mußten, auch nur gehört hatten. Wenn es der Gesell-
schaft für den Schutz der Rechte von Nichtterranern 
mit den Rechten dieser Geeks ernst war, mußte sie 
sich dafür einsetzen, daß alle diese eingeborenen 
Prinzen und der ganze Planet der Company über-
antwortet wurde. Das war von Anfang an die Vor-
stellung der Terranischen Föderation gewesen; war-
um hätten sie sonst dem obersten Repräsentanten der 
Company den Titel »Generalgouverneur« verliehen. 

Es folgte eine weitere längere Ansprache Gurgurks, 

begleitet vom zustimmenden Gemurmel der Adeli-
gen hinter ihm, und eine Antwortrede Sid Harring-
tons. In steifer Haltung wartete von Schlichten das 
Ende des Brimboriums ab. 

Als sich die Delegation schließlich verabschiedet 

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hatte, rief Harrington einen kraganischen Sergeanten, 
dem die Rangabzeichen auf alle vier Arme gepinselt 
waren. 

»Hinaus mit diesem Aas und in die Verbrennungs-

anlage damit«, befahl er. »Wenn jemand von euch 
glaubt, den Teppich und diese Truhe wieder sauber-
kriegen zu können, kann er sie haben.« 

»Augenblick noch«, sagte von Schlichten zu dem 

Sergeanten. Dann nahm er seinen Geek-Enunciator 
heraus. »Seht ihr diesen Kopf da?« fragte er und be-
wegte ihn ein wenig mit dem Fuß. »Den habe ich 
selbst erschossen, während Them und Hid Ferriera 
ins Fahrzeug schafften. Den da hat Miss Quinton mit 
ihrem Bolo-Messer erstochen. Und den Hid O'Leary.« 
Mit der Fußspitze drehte er weitere Köpfe um. »Da 
haben sie sich selbst Rabatt eingeräumt und einfach 
zwei Dutzend Köpfe vom Ort des Überfalls mitge-
nommen. Dieses Abschlachten von abgearbeiteten 
Sklaven und kleinen Dieben gefällt mir zwar keines-
wegs, aber das hier auch nicht. Noch vor einem hal-
ben Jahr hätte sich Gurgurk so etwas nicht erlaubt. 
Und jetzt lacht er sich hinter unserem Rücken frech in 
seine vier Fäustchen.« 

»Das predige ich doch schon dauernd«, stimmt ihm 

Eric Blount zu. »Diesen Geeks muß man wieder den 
nötigen Respekt einbleuen.« 

»Ach Unsinn, Eric«, erregte sich Harrington. »Als 

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nächstes verlangst du noch, daß wir Jaikark absetzen 
und selbst das Regiment übernehmen.« 

»Und was wäre daran so schlecht?« fragte von 

Schlichten. »Könnten wir das vielleicht nicht? Jai-
karks Armee könnte unsere Kraganer ebenso wenig 
aufhalten wie Klopapier einen Elektronenstrahl.« 

»Mein Gott!« entfuhr es Harrington. »Hört doch 

endlich mit diesem Gerede auf! Wir sind keine Conqi-
stadores;  
wir sind Angestellte eines kommerziellen 
Unternehmens und sollen hier auf ehrliche Weise 
Geld machen, indem wir mit diesen Leuten Güter 
und Dienstleistungen austauschen ...« 

Er drehte sich um und verließ die Audienzhalle. 

Von Schlichten und Blount blieben zurück und sahen 
zu, wie die Geek-Köpfe hinausgeschafft wurden. 

»Vielleicht bin ich ein wenig zu weit gegangen«, 

räumte von Schlichten ein. »Vielleicht war das ganze 
zu abrupt. Er muß sich erst an den Gedanken gewöh-
nen.« 

»Zu langsam können wir auch nicht vorgehen«, 

erwiderte Blount. »Wenn wir warten, bis er sich an-
ders besinnt, können wir genausogut warten, bis er 
pensioniert wird. Und das dauert zu lange.« 

Von Schlichten nickte. »Hast du die grünen Flecken 

auf der Haut von Fürst Gorkrink gesehen?« fragte er. 
»Er war auf Niflheim. Vermutlich kam er vor drei 
Monaten mit der Canberra zurück.« 

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»Und jetzt ist er hier, um das Plutonium zu holen 

und mit der Oom Paul Krüger nach Keegark zu brin-
gen«, sagte Blount. »Ich möchte nur wissen, was für 
Kenntnisse er sich auf Niflheim angeeignet hat.« 

»Und ich möchte wissen, was eigentlich in Keegark 

los ist«, sagte von Schlichten. »Orgzild hat da einen 
regelrechten Eisernen Vorhang heruntergelassen. 
Immerhin sind in den letzten drei Monaten vier unse-
rer besten einheimischen Geheimdienstler in Keegark 
ermordet worden, und sechs weitere werden dort 
noch vermißt.« 

»In einigen Tagen muß ich ja selbst hin, um mit 

Orgzild über diesen Raumhafen zu sprechen«, sagte 
Blount. »Ich werde mit Hendrik Lemoyne und Mak-
Kinnon reden. Und zusehen, was ich selbst heraus-
finden kann.« 

»Wie wär's mit 'nem Drink?« schlug von Schlichten 

vor und warf einen Blick auf die Uhr. »Gerade die 
richtige Zeit für einen Cocktail.« 

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In Stanley-Browne gelesen 

 
 

Von Schlichten und Blount betraten gemeinsam die 
Bar – die Imitation eines New Yorker Nachtklubs aus 
dem Ersten Jahrhundert. Der Service war vollautoma-
tisch. An der Bar-Maschine wählte von Schlichten 
den Cocktail, für den sie sich entschieden hatten, und 
füllte einen Vier-Portionen-Krug damit. 

Als sie sich wieder umwandten, stießen sie fast mit 

Hideyoshi O'Leary und Paula Quinton zusammen. 
Das Mädchen trug eine langärmelige Robe, um die 
Bandage an ihrem rechten Arm zu verbergen, und ihr 
Gesicht war an einigen Stellen ziemlich dick überpu-
dert. Ansonsten war ihr nicht anzusehen, was sie vor 
kurzem noch durchgemacht hatte. 

»Na, Sie sind ja wirklich prima repariert, Miss 

Quinton«, begrüßte von Schlichten sie. »Fühlen Sie 
sich wieder besser? Miss Quinton, ich möchte Ihnen 
Leutnant-Governor Blount vorstellen. Eric, Miss Pau-
la Quinton.« 

»Sehr erfreut, Miss Quinton«, sagte Blount. »Wie 

ich höre, müssen Sie wie eine Löwin gekämpft haben. 
Wie geht es übrigens Mohammed? Nichts Ernstliches, 
hoffe ich; wir mögen ihn alle.« 

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Ferriera war immer noch bewußtlos, berichtete das 

Mädchen; er hatte eine Gehirnerschütterung, aber die 
Ärzte waren zuversichtlich und erwarteten, daß er in 
ein paar Wochen wieder voll hergestellt sein würde. 
Von Schlichten lud sie und ihren Begleiter ein, bei 
ihm und Blount Platz zu nehmen. »Sieht fast aus, als 
hielten Sie das für einen netten Streich, daß die Leute, 
denen wir helfen wollten, uns beinahe umbringen«, 
begann Paula ein wenig zurückhaltend. 

»Für keinen sehr lustigen«, erwiderte von Schlich-

ten. »Diesen Streich hat man uns so oft gespielt, daß 
wir ihn schon nicht mehr komisch finden.« 

»Ja, die Undankbarkeit der Geeks kennen wir alle«, 

stimmte Blount zu. »Wenn Sie erst mal etwas länger 
auf diesem Planeten sind, werden Sie verstehen, was 
ich meine.« 

»Nennen Sie sie denn auch so?« fragte Paula etwas 

enttäuscht. »Vielleicht würde sich, wenn Sie sie nicht 
mehr Geeks nennten, das Verhältnis bessern. Sie wis-
sen, daß das ein häßlicher Name ist; im Ersten Vor-
atomaren Zeitalter bezeichnete man damit Leute, die 
in der Öffentlichkeit scheußliche Dinge taten ...« 

»Zum

 

Beispiel

 

Hühnern

 

die

 

Köpfe

 

abbissen«,

 

erklär-

te

 

Hideyoshi

 

O'Leary.

 

»Wenn

 

Sie

 

nach

 

Norden

 

kom-

men,

 

dann

 

sehen

 

Sie

 

mal

 

zu,

 

wie

 

die

 

Bauern

 

diese klei-

nen, sechsbeinigen Iguanas töten, die sie für Nah-
rungszwecke züchten.« 

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»Aber das ist eigentlich nicht der Grund, daß wir 

sie so nennen«, sagte von Schlichten. »Es ist ein laut-
malendes Wort. Sie haben einige von diesen Sprachen 
gelernt; Sie wissen, wie sie klingen: Geek-Geek-Geek.« 

Ȇbrigens, wissen Sie, wie die Geeks einen Terra-

ner nennen?« fragte Blount. »Suddabit.« 

Einen Augenblick lang sah sie ziemlich verwundert 

drein, ehe sie ihr Mundstück einsetzte. Selbst in Ab-
wesenheit von Eingeborenen benützte sie dabei ihr 
Taschentuch, um den Vorgang nicht sichtbar werden 
zu lassen. 

»Suddabit«, sagte sie deutlich. »Sud-da-bit.« Sie 

nahm das Mundstück wieder heraus und steckte es 
weg. »Ja, genauso sprechen sie es aus!« 

»Jetzt sagen Sie bloß nicht, daß Sie das noch nie ge-

hört haben«, sagte O'Leary. »Heute nachmittag in der 
Seventy-second Street, da haben die Geeks es Ihnen 
zugeschrien:  Znidd suddabit – tötet die Terraner. Das 
ist das ganze Evangelium des Propheten Rakkeed.« 

»Sie sehen«, dozierte Eric Blount, »auch das ist 

wieder einmal so ein Fall, wo niemand dem anderen 
etwas vorzuwerfen hat ... Zigarette?« 

»Danke.« Sie beugte sich O'Leary entgegen, der ihr 

Feuer gab. »Daran soll ich wohl denken, wenn ich, 
sagen wir, in den Minen am Pol sehe, daß ein paar 
Aufseher mit Stahlkabeln auf einen Arbeiter ein-
schlagen.« 

background image

»Nun, in einem solchen Fall sollten Sie auch nicht 

vergessen, daß die Haut eines Eingeborenen gut ei-
nen Zentimeter dick und wesentlich zäher als die 
menschliche Haut ist«, erklärte von Schlichten. »Und 
es könnte auch nicht schaden, wenn Sie einmal fest-
stellten, wie diese Arbeiter zu Hause behandelt wer-
den. Zum größten Teil sind sie von den Großgrund-
besitzern ausgeliehene Sklaven; Tatsache ist, daß die 
Erlaubnis, in den Pol-Minen zu arbeiten, als Privileg 
betrachtet wird, das als Belohnung gewährt oder zur 
Strafe verweigert wird. Tatsache ist außerdem, daß 
die meisten der Geek-Landbesitzer scharfe Kritik 
üben an der Art und Weise, wie wir ihre Arbeiter in 
den Minen behandeln; sie behaupten, daß bei den 
Arbeitern dadurch Unzufriedenheit über ihre Be-
handlung zu Hause entsteht.« 

»Es ist nicht zu leugnen, daß die einheimischen 

Vorarbeiter und Aufseher zu unnötiger Brutalität 
neigen, und wir versuchen auch, diese Leute nach 
und nach abzulösen. Allerdings dürfen Sie nicht ver-
gessen, daß wir es mit einer von Natur aus brutalen 
Rasse zu tun haben.« 

»Natürlich, wenn eingeborene Arbeiter mißhandelt 

werden, dann immer von anderen Eingeborenen, nie 
von den lieben und guten Terranern«, antwortete sie. 
»So war das auf jedem Planeten, den unsere Gesell-
schaft untersucht hat.« 

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»Hören

 

Sie

 

mal,

 

Sie

 

kamen

 

doch

 

erst

 

vor

 

kurzem

 

von

 

Niflheim«,

 

wandte

 

von

 

Schlichten

 

ein.

 

»Die

 

Company

 

beschäftigt

 

dort

 

eine

 

nicht

 

geringe

 

Anzahl

 

von

 

Geeks.

 

Haben Sie dort auch brutales Verhalten bemerkt?« 

»Ich

 

muß

 

in

 

der

 

Tat

 

zugeben,

 

daß

 

die

 

Ulleraner,

 

die

 

dort

 

arbeiten,

 

sehr

 

gut

 

behandelt

 

werden.

 

Freilich

 

dürf-

te

 

man

 

an

 

einem

 

Ort,

 

wo

 

die

 

Luft

 

fluorhaltig

 

ist,

 

keine

 

Leute mit Silikon-Körpergewebe arbeiten lassen.« 

»Niemand

 

dürfte

 

man

 

auf

 

diesem

 

Planeten

 

arbeiten

 

lassen!«

 

rief

 

Hideyoshi

 

O'Leary.

 

»Ich

 

war

 

nach

 

meinem

 

Eintritt

 

in

 

die

 

Dienste

 

der

 

Company

 

zwei

 

Jahre

 

lang

 

dort.« 

»Ich

 

auch«,

 

fügte

 

Blount

 

hinzu.

 

»Und

 

das

 

ist

 

ein

 

Jahr

 

länger,

 

als

 

ein

 

Ulleraner

 

überhaupt

 

auf

 

Niflheim

 

arbei-

ten

 

darf.

 

Sie

 

wissen

 

doch,

 

wie

 

es

 

zur

 

jetzigen

 

Situation

 

kam?

 

Die

 

Terranische

 

Föderation

 

entdeckte

 

sowohl

 

Ul-

ler

 

als

 

auch

 

Niflheim.

 

Die

 

Company

 

wurde

 

ursprüng-

lich

 

nur

 

mit

 

dem

 

Zweck

 

der

 

Ausbeutung

 

Uller

 

ge-

gründet,

 

aber

 

die

 

Föderation

 

bestand

 

darauf,

 

daß

 

beide

 

Planeten

 

von

 

der

 

gleichen

 

Gesellschaft

 

erschlossen

 

werden

 

müßten.

 

Auf

 

Niflheim

 

sollten

 

vor

 

allem

 

die

 

dortigen

 

Uranvorkommen

 

ausgebeutet

 

werden. Wie 

sich dann herausstellte, verdient die Company an 
Niflheim ebenso viel wie an Uller.« 

»Und

 

eines

 

vergessen

 

Sie

 

vielleicht«,

 

sagte

 

von

 

Schlichten.

 

»Auf

 

Niflheim

 

gibt

 

es

 

etwa

 

tausend

 

Terra-

ner

 

und

 

nicht

 

mehr

 

als

 

fünfhundert

 

Geeks,

 

die

 

alle

 

auf

 

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dem

 

Planeten

 

selbst

 

bei

 

Bauarbeiten

 

und

 

in

 

den

 

Minen

 

beschäftigt

 

sind

 

und

 

direkt

 

unter

 

terranischer

 

Aufsicht

 

arbeiten.

 

Wir

 

verwenden

 

sie,

 

weil

 

sie

 

vier

 

Hände

 

ha-

ben.

 

In

 

den

 

komplizierten

 

Kontra-Gravitationsmaschi-

nen,

 

die

 

dort

 

nötig

 

sind,

 

können

 

sie

 

mehr

 

Hebel

 

auf

 

einmal

 

bedienen

 

als

 

wir.

 

In

 

den

 

Polarminen

 

auf

 

Uller

 

arbeiten

 

etwa

 

zehntausend

 

Geeks

 

unter

 

fünfhundert

 

Terranern,

 

und

 

die

 

meisten

 

von

 

diesen

 

sind

 

Ingenieure

 

oder

 

Techniker,

 

die

 

keine

 

Aufsichtsfunktion

 

haben.

 

Also

 

müssen

 

wir

 

einheimische

 

Vorarbeiter

 

verwen-

den,

 

und

 

die

 

sind

 

es,

 

die

 

die

 

Arbeiter

 

dann

 

mißhan-

deln.« 

»Und denken Sie auch daran«, fügte O'Leary hin-

zu, »in den Polarminen kann nur etwa zwei Monate 
im Jahr gearbeitet werden – Mitte September bis Mit-
te November in der Arktis, und Mitte März bis Mitte 
Mai in der Antarktis. Da ist man natürlich in Eile und 
unter Druck.« 

»Warum sind die Minen ausgerechnet an den Po-

len? Gibt es nicht auch Abbaumöglichkeiten an Stel-
len, wo man das ganze Jahr arbeiten kann?« 

»Keine,

 

die

 

ebenso

 

ergiebig

 

oder

 

gleichermaßen

 

leicht

 

zugänglich

 

wären«,

 

sagte

 

Blount.

 

»Sie

 

kennen

 

die

 

meteorologischen

 

Verhältnisse

 

an

 

den

 

Polen

 

dieses

 

Planeten.

 

Die

 

Temperatur

 

schwankt

 

zwischen

 

etwa

 

einhundertzwanzig

 

Grad

 

im

 

Sommer

 

und

 

minus

 

sieb-

zig

 

Grad

 

im

 

Winter.

 

Das

 

bedeutet

 

die

 

intensivste

 

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Thermalerosion,

 

die

 

Sie

 

sich

 

vorstellen

 

können

 

 

im

 

Frühling

 

schmilzt

 

die

 

Eiskappe,

 

und

 

bis

 

Sommermitte

 

ist

 

das

 

Wasser

 

völlig

 

verdunstet.

 

Dann

 

gibt

 

es

 

heftige,

 

heiße

 

Wirbelstürme,

 

die

 

den

 

leichten

 

Sand

 

wegblasen

 

und

 

die

 

schwereren

 

Bestandteile

 

wie

 

Metalle

 

und

 

Me-

tallerze

 

zurücklassen.

 

Wenn

 

die

 

Stürme

 

dann

 

aufhö-

ren,

 

kommen

 

wir.

 

Eigentlich

 

ist

 

es

 

gar

 

kein

 

richtiger

 

Bergbau.

 

Wir

 

kratzen

 

nur

 

das

 

Erz

 

von

 

der

 

Oberfläche

 

und

 

bringen

 

es

 

nach

 

Skilk,

 

Krink

 

und

 

Grank,

 

wo

 

es

 

im

 

Winter

 

verarbeitet

 

wird.

 

Die

 

Hochöfen

 

werden

 

von

 

Einheimischen

 

betrieben;

 

mit

 

der

 

entstehenden

 

Hitze

 

tauen

 

sie

 

die

 

Gefriernahrung

 

für

 

sich

 

und

 

ihre

 

Tiere

 

auf.« 

»Ja? Wenn Sie glauben, daß sich die Einheimischen 

in den Minen schlecht behandelt fühlen, dann fordern 
Sie einmal die Schließung dieser Minen. Die Reaktion 
der Einheimischen werden Sie ja sehen«, sagte von 
Schlichten. »Freie einheimische Arbeiter sind nach 
hiesigen Maßstäben in ein paar Jahren reich; viele von 
den Sklaven verdienen genügend Prämien, um sich 
bereits nach einem Jahr freikaufen zu können.« 

»Wenn die Company tatsächlich so viel Gutes auf 

diesem Planeten tut, woher kommt es dann, daß die-
ser Rakkeed, den sie den ›Verrückten Propheten‹ 
nennen, so viele Anhänger findet?« fragte Paula. »Da 
kann doch wirklich nicht alles in Ordnung sein.« 

»Eine

 

berechtigte

 

Frage«,

 

antwortete

 

Blount

 

und

 

background image

leerte

 

den

 

Rest

 

des

 

Cocktails

 

in

 

sein

 

Glas.

 

»Bei

 

unserer

 

Ankunft

 

auf

 

Uller

 

trafen

 

wir

 

eine

 

Kultur

 

an,

 

die

 

in

 

etwa

 

der

 

europäischen

 

Kultur

 

des

 

Siebten

 

Präatomaren

 

Zeitalters

 

entsprach.

 

Wir

 

leiteten

 

hier

 

eine

 

technische

 

und

 

ökonomische

 

Revolution

 

ein,

 

und

 

solche

 

Revolu-

tionen

 

fordern

 

eben

 

auch

 

ihre

 

Opfer.

 

Wie

 

zum

 

Beispiel

 

bei

 

uns

 

nach

 

der

 

Erfindung

 

des

 

Automobils

 

die

 

Pfer-

dezüchter,

 

mußten

 

auch

 

hier

 

bestimmte

 

Klassen

 

und

 

Gruppen

 

darunter

 

leiden.

 

Natürlich

 

laufen

 

alle,

 

die

 

sich

 

den

 

veränderten

 

Bedingungen

 

nicht

 

anpassen

 

konnten,

 

jetzt

 

hinter

 

Rakkeed

 

her

 

und

 

schreien

 

›znidd

 

suddabit!‹

 

Dennoch,

 

die

 

Tatsache,

 

daß

 

wir

 

den allge-

meinen Lebensstandard auf diesem Planeten um et-
wa zweihundert Prozent angehoben haben, kann 
nicht einmal Rakkeed bestreiten.« 

»Rakkeed ist ein Zirk«, sagte von Schlichten. »Die 

Zirks waren entweder selbst Packtiertreiber oder sie 
verlegten sich darauf, Karawanen zu überfallen und 
zu berauben. Seit unsere Luftfrachter das Transport-
geschäft übernommen haben, zahlt sich beides nicht 
mehr aus. Deswegen hassen uns die Zirks. Das einzi-
ge, was sie können oder zu lernen gewillt sind, ist, 
mit diesen sechsbeinigen Packtieren, die wir Hippo-
saurier nennen, umzugehen. Einige von ihnen be-
schäftigen wir in der Kavallerie, ein paar andere als 
eine Art Gauchos. Der Rest sitzt bloß noch herum 
und hört Rakkeeds Tiraden zu.« 

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Beide Cocktailkrüge waren jetzt leer. Colonel O'-

Leary als der Rangniedrigere stand auf, um Nach-
schub zu holen. 

»Die Kaufleute im Norden mögen uns auch nicht. 

Außer dem Karawanenhandel haben wir ihnen auch 
ihr lokales Geschäft verdorben, weil die Grundbesit-
zer früher mit ihnen Geschäfte machten, jetzt aber di-
rekt mit uns. In Skilk fürchtet König Firkked, daß ihm 
der Adel seine Macht beschneiden will. Deshalb ver-
sucht er, sich bei den städtischen Händlern anzubie-
dern, wodurch er ebenso pro-Rakkeed und anti-
terranisch ist wie sie. In Krink hat König Jonkvank 
zwar die Unterstützung seiner Barone, fürchtet sich 
aber vor seiner Stadt-Bourgeoisie; wir hingegen lei-
sten ihm finanzielle Hilfe. Also ist er pro-terranisch 
und anti-Rakkeed. In Skilk läuft Rakkeed unbehelligt 
herum; in Krink ist auf seinen Kopf ein Preis ausge-
setzt.« 

»Jonkvank ist nicht gerade ein Ausstellungsstück«, 

sagte Hideyoshi O'Leary, der am Tisch stehen geblie-
ben war. »Ein blutrünstiger alter Mörder, dem ich 
nicht allein im Dunkeln begegnen möchte.« 

»Wir können ihm den Rücken zuwenden, ohne 

Angst haben zu müssen, ein Messer zwischen die 
Rippen zu kriegen«, sagte von Schlichten. »Und im-
merhin kann man bis zu, na, achtzig Prozent von 
dem, was er sagt, glauben. Und das heißt: Sechzig 

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Prozent mehr als jedem anderen Eingeborenen-
Fürsten – bis auf König Kankad natürlich. Die Kraga-
ner sind die einzigen wirklichen Freunde, die wir auf 
diesem Planeten haben.« Er überlegte einen Augen-
blick. »Miss Quinton, neben der Arbeit für Ihre Ge-
sellschaft betreiben Sie doch auch soziographische 
Forschungen, nicht wahr?« sagte er. »Ich gebe Ihnen 
einen Rat: Beschäftigen Sie sich einmal mit den Kra-
ganern. Ausführlich behandelt sind sie bisher eigent-
lich nur in einer Anhäufung von Fehlinformationen, 
Willard Stanley-Brownes Kurze soziographische Ge-
schichte von Beta Hydrae II. 
Neunzig Prozent von dem, 
was Stanley-Browne da schreibt, ist absolut falsch.« 

»Aber sie sind doch nur eine Parasitenrasse der 

Terraner«, wandte Dr. Paula Quinton ein. »Solche 
Rassen findet man überall in der erforschten Galaxie 
– mitleiderregende kulturelle Bastarde.« 

Die beiden Männer lachten. Colonel O'Leary, der 

mit den Getränken zurückkam, wollte wissen, was er 
versäumt hatte. Blount erzählte es ihm. 

»Ha! Sie hat diese Schwarte von Stanley-Browne 

gelesen«, sagte er. 

»Was ist denn mit Stanley-Browne?« fragte Paula. 
»Stanley-Browne ist ein Autor, auf den man sich 

verlassen kann«, versicherte ihr O'Leary. »Was Sie in 
Stanley-Browne lesen, ist garantiert falsch. Allzu viele 
Kraganer kennen Sie ja wohl noch nicht. Wir sollten 

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Sie mit hinübernehmen und König Kankad vorstel-
len.« 

»Bei Allah, das sollten wir!« rief von Schlichten, 

recht angetan von dieser Idee. »Also, Sie fahren doch 
nächste Woche nach Skilk. Glauben Sie, daß Sie Ihre 
Arbeiten hier so abschließen könnten, daß Sie am 
Dienstag 0800 Uhr startbereit sind? Das ist in vier Ta-
gen.« 

»Sicher. Warum?« 
»Nun, ich selbst fahre mit dem gepanzerten Trans-

porter  Aldebaran  dort hin. In König Kankads Stadt 
machen wir einen Zwischenaufenthalt, um ein Batail-
lon Kraganer mitzunehmen, die in den Polarminen 
arbeiten sollen, wo auch Sie hinwollen. Wir könnten 
von hier aus in meinem Kommandofahrzeug abflie-
gen und in Kankads Stadt warten, bis die Aldebaran 
kommt. Wir hätten dann etwa zwei bis drei Stunden 
zu unserer Verfügung. Wenn Sie glauben, daß die 
Kraganer ›mitleiderregende kulturelle Bastarde‹ sind, 
könnte Ihnen das die Augen öffnen. Lassen Sie mich 
noch sagen, daß Stanley-Browne den Ort nur einmal 
gesehen hat, und zwar aus fünf Kilometer Höhe.« 

»Nun, sie leben doch einzig und allein davon, daß 

sie sich als Söldner bei der Uller-Company verdingen, 
nicht wahr?« 

»Mehr oder weniger. Sehen Sie, als wir nach Uller 

kamen, waren sie barbarische Banditen. Sie hatten an 

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den Karawanenstraßen und Bergpässen Forts errich-
tet und verlangten Zölle. Auch Raubzüge in das Ter-
ritorium von Konkrook und Keegard unternahmen 
sie. Dem mußten wir ein Ende machen. Es kam zu ei-
nem kleinen Krieg. In ein paar Gefechten wurden sie 
ziemlich schwer geschlagen, und dann machten wir 
einen Pakt mit ihnen. Das war vor meiner Zeit, als 
Jerry Kirke noch Generalgouverneur war. Er schloß 
einen Vertrag mit ihrem König, kaufte ihre Forts, ent-
schädigte sie für entgangene Beute und nicht erhobe-
ne Zölle und erklärte sich bereit, die Stammesangehö-
rigen als Soldaten zu beschäftigen. Wir haben ihnen 
viel beigebracht. Aber das werden Sie bei Ihrem Be-
such sehen. Sie sind keine Kulturbastarde. Sie werden 
Ihnen gefallen.« 

»Also gut, General. Ich bin einverstanden«, sagte 

sie. »Aber ich warne Sie. Falls das ein Versuch sein 
sollte, mich auf die Doktrin der Uller-Company ein-
zuschwören und die ungerechte Ausbeutung der 
Eingeborenen hier zu verschleiern: da werden Sie bei 
mir kein Glück haben.« 

»Wichtig ist nur, daß Sie nicht aus einer übertrie-

benen Abwehrhaltung heraus die Augen vor dem 
Guten verschließen, was wir hier tun. Nehmen Sie ei-
nen streng neutralen, wissenschaftlichen Standpunkt 
ein, dann bin ich zufrieden.« 

Zwei Stunden und fünf Cocktails später saßen sie 

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immer noch beisammen und hatten Paula Quinton an 
die zwanzig Verse von Die Geeks, die losen, sie tragen 
keine Hosen 
beigebracht, darunter auch die vier druck-
fähigen. 

background image

 

Es stimmt nicht, darauf ist Verlaß 

 
 

Unter ihnen wurde Gongok Island kleiner und klei-
ner. Von Schlichten gab Paula Quinton Feuer und 
steckte sich dann selbst eine Zigarette an. 

»Ich war ja neulich ziemlich entsetzt über die Art, 

wie Sie, Colonel O'Leary und Mr. Blount über Stan-
ley-Browne herzogen«, sagte sie. »Sein Buch ist prak-
tisch die Soziographenbibel für diesen Planeten. In-
zwischen habe ich mich umgehört: Niemand, der eine 
gewisse Zeit hier war, scheint etwas davon zu halten. 
Wenn ich nach Terra zurückkehre, werde ich entwe-
der berühmt, oder die Extraterrestische Soziographi-
sche Gesellschaft verbrennt mich auf dem Scheiter-
haufen. In den letzten drei Monaten habe ich mich 
vielleicht ein wenig zu ausschließlich mit den Rech-
ten von Nicht-Terranern beschäftigt, um noch viel 
Forschung betreiben zu können. Aber langsam habe 
ich tatsächlich den Eindruck, daß vieles in Stanley-
Brownes Buch der Richtigstellung bedarf.« 

»Wie kamen Sie überhaupt dazu, Miss Quinton?« 

fragte er. 

»Sie meinen zur Soziographie oder zu den Rechten 

von Nicht-Terranern? Nun, mein Vater und mein 

background image

Großvater waren beide extraterrestische Sozio-
graphen-Anthropologen, deren Objekte nicht anthro-
pomorph sind – und ich habe ein Soziographie-
Diplom der Universität von Montevideo. Außerdem 
habe ich für extraterrestrische Rassen immer Interesse 
und Sympathie empfunden; eine meiner Urgroßmüt-
ter war Freyanerin.« 

»Tatsächlich? Darauf wäre ich nie gekommen – so 

klein und dunkel, wie Sie sind.« 

»Eine andere Urgroßmutter war Japanerin«, ant-

wortete sie. »Mein Familienname ist französisch. Ich 
habe auch spanisches, russisches und italienisches 
und englisches Blut in mir ... Die gewöhnliche mo-
derne argentinische Mixtur.« 

»Ich bin auch ein Argentino. Aus La Rioja am Fuße 

der Sierra de Velasco. Meine Familie lebt seit fünf 
Jahrhunderten dort. Sie kam im Jahr Drei der Atom-
ära nach Argentinien.« 

»Wegen der Sache mit Hitler?« 
»Ja. Der erste, auch ein General von Schlichten, 

war, glaube ich, das, was man damals einen Kriegs-
verbrecher nannte.« 

»Dann sind wir ja direkt Komplizen«, lachte sie. 

»Die Quintons mußten Frankreich etwa um dieselbe 
Zeit verlassen; sie waren das, was man Kollaborateu-
re nannte.« 

»Vielleicht ist das der Grund, warum sich die Süd-

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liche Hemisphäre aus dem dritten und vierten Welt-
krieg heraushalten konnte«, meinte er. »Es gab dort 
zuviele Abkömmlinge von Leuten, die sich im Zwei-
ten Weltkrieg die Finger verbrannt hatten.« 

»Sprechen Sie kraganisch, General?« fragte sie. 

»Soviel ich weiß, unterscheidet es sich sehr von den 
anderen äquatorialen Uller-Sprachen.« 

»Ja. Und dadurch bekommen die Kraganer eine 

völlig andere semantische Orientierung. Zum Beispiel 
gibt es in ihren Sätzen keine Subjekt-Objekt-Struktur. 
Deswegen sind sie völlig areligiös, auch wenn Stan-
ley-Browne das Gegenteil behauptet. Kausalzusam-
menhänge sind ihrem Denken fremd, und sie unter-
scheiden nicht zwischen verschiedenen Wortarten; 
jedes Wort kann in jeder Funktion verwendet wer-
den, je nach Zusammenhang. Zeiten werden in sub-
stantivisch verwendeten Wörtern ausgedrückt, nicht 
in Wörtern mit Verbalfunktion. Sie haben vier Zeiten. 
Raum-Zeit-Gegenwart, das Hier und Jetzt. Raum-
Gegenwart und Zeit-Entfernung, womit etwas be-
zeichnet wird, was es früher hier gab. Raum-
Entfernung und Zeit-Gegenwart für Dinge, die jetzt 
irgendwo anders existieren. Und Raum-Zeit-
Entfernung für etwas, was es zu einem anderen Zeit-
punkt anderswo gab.« 

»Man muß sich ja wirklich wundem, daß sie keine 

Relativitätstheorie entwickelt haben!« 

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»Das haben sie. Sie verhält sich zur unseren etwa 

wie das Flugzeug der Gebrüder Wright zu diesem 
Aircar. Aber ich habe König Kankad einmal die Kee-
ne-Gonzales-Dillingham-Theorie und die ältere Ein-
stein-Theorie erklärt, und es war faszinierend, zu 
beobachten, wie schnell er das auffaßte. Häufig war 
er mir sogar im Gedankengang voraus.« 

Der Aircar war jetzt über dem Kraggork-Sumpf 

und verlor an Geschwindigkeit und Höhe. Die 
Baumkronen bildeten eine gelbgrüne Fläche, aus der 
da und dort Wasser oder ein Pfahldorf hervorlugten. 

»Da leben die Sumpfwilden«, erklärte er ihr. »Das 

meiste, was Stanley-Browne darüber schreibt, stimmt 
einigermaßen. Er hatte auch längere Zeit bei ihnen 
verbracht. Allerdings scheint ihm nicht aufgegangen 
zu sein, daß sie sich immer noch in dem Zustand des 
ersten intelligenten Lebens auf diesem Planeten be-
finden.« 

»Sie meinen, sie sind die wirklichen Ureinwohner 

von Uller?« 

»Sie und die Jeel-Kannibalen, die wir mit allen Mit-

teln auszurotten versuchen«, antwortete er. »Sehen 
Sie diesen graubraunen Punkt auf der landeinwärts 
gelegenen Seite des Sumpfes?« Er zog ein Fernrohr 
auf einem Schwenkarm herüber, so daß sie durch-
schauen konnte. »Das ist König Kankards Stadt. Sie 
steht schon viertausend Jahre und ist immer Kan-

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kards Stadt gewesen. Es war sogar immer derselbe 
Kankard, könnte man sagen. Die Kraganer-Könige 
produzieren ihre eigenen Erben durch Selbstbefruch-
tung. Es ist ein komplizierter Prozeß; das Produkt ist 
ein genaues Duplikat des Erzeugers. ›Der jetzige 
Kankard nennt seinen Erben‹ – ein ziemlich treffen-
der Ausdruck, wie ich finde.« 

Er wußte, was sie jetzt durch das Glas sah – ein in 

den Sumpf vorspringendes Felsmassiv mit einer Stadt 
darauf. 

Sie drehte das Fernrohr ein wenig. »Was ist denn 

das, auf der kleinen Insel dort drüben?« fragte sie. 
»Eine Gruppe von Flachbauten mit der rot-gelben Ge-
fahrenflagge.« 

»Das ist Dynamite Island; die Kraganer haben dort 

eine Sprengstoff-Fabrik. Sie stellen Nitroglycerin her, 
außerdem TNT und feste Treibstoffe. Das haben sie 
natürlich von uns gelernt. Auch ihre eigenen Feuer-
waffen produzieren sie, und einige davon sind ziem-
lich extrem – bis zu 25 Millimeter Kaliber bei Geweh-
ren. Schießen Sie nie mit einem; das bricht Ihnen je-
den Knochen im Leib.« 

»Sind sie viel stärker als wir?« 
Er schüttelte den Kopf. »Nur klobiger, schwerer. 

Im Gewichtheben sind sie etwa so gut wie wir, im 
Laufen und Springen jedoch unterlegen. Wir veran-
stalten öfters Spiele mit den Kraganern, hier, wo die 

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Geeks uns nicht beobachten können. Übrigens –, daß 
das ein Schimpfname ist, damit haben Sie recht; einen 
Kraganer habe ich, glaube ich, noch nie einen Geek 
genannt. In der Tat haben sie das Wort von uns über-
nommen und verwenden es für alle Nicht-Kraganer. 
Nun, wie ich schon sagte, unser Baseball-Team muß 
ihnen etwas vorgeben, aber ihr Football-Team schießt 
uns durch Sonne und Mond. Beim Tauziehen brau-
chen wir zwei Männer für jeden von ihnen. Tennis 
wiederum versuchen sie gar nicht erst mit uns zu 
spielen.« 

»Und die anderen Eingeborenen fertigen keine 

Feuerwaffen an?« 

»Nein, und wir werden es ihnen auch nicht bei-

bringen. Die Seevölker hier in der Äquatorzone sind 
auf ihre Weise ganz gute empirische Chemiker. Oder 
besser: Alchimisten. Sie haben entdeckt, wie man Ni-
troglycerin macht, und benützen es für Sprengungen, 
Bomben und Minen, oder sie schrauben kleine Kap-
seln auf die Spitzen ihrer Pfeile. Der größte Teil ihrer 
Chemie ist ein Nebenprodukt ihrer Versuche, organi-
sches Material wie Holz vor der Versteinerung zu 
bewahren. Droben im Norden, wo es sehr kalt wird, 
haben sie sich aus der Notwendigkeit heraus, den 
ganzen Winter hindurch Feuer zum Auftauen ihrer 
Nahrung erhalten müssen, eine Menge Kenntnisse 
über Metallurgie, Keramik und Pneumatik angeeig-

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net. Sie bauen auch Luftgewehre, mit denen sie me-
tallene Pfeile verschießen.« 

Der Aircar kreiste langsam über der Stadt auf dem 

hohen Felsen und ließ sich dann auf dem Dach eines 
burgähnlichen, mit einem Wachtturm versehenen 
Gebäudes nieder. Etwa ein Dutzend Gestalten erwar-
teten sie, darunter die fünf Terraner – drei Männer 
und zwei Frauen, welche die auf dem Turm befindli-
che Sendestation bedienten. Einer der Kraganer – er 
war nur mit einem schweren Dolche bewaffnet – kam 
herüber und schlug von Schlichten grinsend auf die 
Schulter. 

»Willkommen!« quäkte er auf Kraganisch, um 

dann, als er Paula sah, in die im Takkad-Seeland übli-
che Sprache überzuwechseln. »Ich bin beglückt, Sie 
zu sehen. Wie lange werden Sie bleiben?« 

»Bis die Aldebaran  von Konkrook kommt, um die 

Soldaten an Bord zu nehmen«, antwortete von 
Schlichten in Lingua Terrae. Er sah auf die Uhr. 
»Zweieinhalb Stunden. Kankad, das ist Paula Quin-
ton; Paula, König Kankad.« 

Er holte seinen Geek-Enunciator heraus und steckte 

ihn sich in den Mund. Es geschah ohne die symboli-
sche Zuhilfenahme eines Taschentuches, was für jede 
andere Rasse auf Uller schockierend gewesen wäre. 
Kankad nahm es ungerührt hin. Von Schlichten er-
klärte ausführlich Paulas soziographische Arbeit, ihre 

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Zugehörigkeit zur Gesellschaft für den Schutz der 
Rechte von Nicht-Terranern und ihre Absicht, die 
arktischen Minen zu besuchen. Kankad nickte. 

»Sie hatten recht«, sagte er. »In Ihrer Sprache hätte 

ich das nicht alles verstanden. Beim Lesen vielleicht, 
aber nicht beim Hören.« Er legte Paula seine obere 
rechte Hand auf die Schulter und quäkte etwas, was 
ungefähr wie ihr Name klang. »Sie sollen eine von 
den Unseren werden«, sagte er. »Sie müssen wieder-
kommen, wenn die Arbeit in den Minen endet. Wenn 
Sie das Verlangen haben, etwas über mein Volk zu er-
fahren, dann zeige ich Ihnen, was Sie sehen wollen, 
und sage Ihnen, was Sie wissen möchten. Aber war-
um bleiben Sie dann nicht gleich hier? Was kümmern 
Sie diese Geeks in den Minen? Die Company behan-
delt sie viel besser, als sie es verdienen. Bleiben Sie 
hier bei uns; Sie werden es nicht bereuen.« 

»Ich danke Kankad«, antwortete Paula langsam, 

»aber ich muß weiter. Diejenigen, die mich von Terra 
hierher gesandt haben, erwarten, daß ich mir selbst 
ein Bild mache, wie die Arbeiter in den Minen be-
handelt werden. Aber ich komme zurück; in einhun-
dert, vielleicht einhundertfünfzig Tagen.« 

Kankad bleckte grinsend seine buntschillernden 

Zähne. »Gut! Wir erwarten Sie.« Er winkte einen an-
deren Kraganer herbei. »Kormork, du wirst Paula 
Quinton beschützen.« Beim zweiten Mal klang der 

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Name bereits verständlicher. »Bring sie sicher zurück. 
Andernfalls tätest du wohl daran, dir ein gutes Ver-
steck zu suchen.« 

Zu von Schlichten gewandt fuhr er fort: »Bis das 

Schiff kommt, haben wir noch reichlich Zeit, Paula 
die Stadt zu zeigen. Was sie dort sehen möchte, wis-
sen Sie aber wahrscheinlich besser als ich.« 

Sie kletterten in ein offenes Schützenfahrzeug und 

schnallten sich an, und zwei Stunden lang zeigte ihr 
König Kankad die Sehenswürdigkeiten der Stadt. Sie 
besuchten die Schule, wo junge Kraganer in Lingua 
Terrae unterrichtet wurden und in Johannesburg, 
Sidney und Buenos Aires gedruckte Bücher lasen. 
Kankad zeigte ihr die Reparaturwerkstätten, wo 
mehrere Dutzend Abkömmlinge von kraganischen 
Häuptlingen unter der Aufsicht von zwei Terranern 
an Kontragravitations-Ausrüstung arbeiteten; die 
Waffenfabrik, das Maschinenwerk, physikalische und 
chemische Laboratorien, das Hospital, die Munitions-
fabrik, die 155-mm-Batterie, die den Zugang zur 
Stadt schützte; die Druckerei und die Buchbinderei; 
das Observatorium und das Kernkraftwerk. 

Eine halbe Stunde vor Ankunft des Schiffes von 

Konkrook waren sie wieder auf dem Flughafen, wo 
ein Trupp von Kraganern seine letzten Vorbereitun-
gen für die Landung der Aldebaran traf. Irgendwoher 
zauberte Kankad zwei Flaschen kühlen Kapstädter 

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Bieres für Paula und von Schlichten. Sich selbst ließ er 
einen Krug mit kochend heißer, schwarzer Flüssigkeit 
bringen. Von Schlichten und Paula steckten sich Ziga-
retten an. Von Zeit zu Zeit an seinem Höllengebräu 
nippend, kaute Kankad am Stiel irgendeiner Sumpf-
pflanze. Paula schien über Kankads Mißachtung des 
Eßtabus nicht weniger überrascht zu sein als über 
von Schlichtens Nichtbeachtung der Verheimli-
chungsgebärde, als er seinen Geek-Enunciator einge-
setzt hatte. 

»Hier ist der einzige Ort auf Uller, wo es so etwas 

gibt«, erklärte ihr von Schlichten. »Hier oder im Fel-
de, wenn terranische und kraganische Soldaten zu-
sammen sind. Zwischen uns und den Kraganern gibt 
es keine Tabus.« 

»Nein«, sagte Kankad. »Keiner von uns kann die 

Nahrung des anderen essen, und weil unsere Körper 
verschieden sind, ist gemeinsame Elternschaft unter 
uns nicht möglich. Aber wir sind Kampfgefährten 
gewesen und haben mitsammen gearbeitet. Und wir 
haben voneinander gelernt – mein Volk mehr von Ih-
rem als Ihr Volk von meinem. Bevor Sie kamen, wa-
ren meine Leute wie Kinder. Sie schossen mit Pfeilen 
auf die kleinen Tiere am Strand, kletterten auf Teu-
felkommraus in den Felsen herum und spielten mit 
Spielzeugwaffen Krieg. Aber wir werden erwachse-
ner. Lange wird es nicht mehr dauern, dann stehen 

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wir neben Ihnen, wie der erwachsene Sohn neben 
seinem Erzeuger steht. Und wenn dieser Tag kommt, 
werden Sie sich unserer nicht schämen.« Daß Kankad 
vier Arme, eine gummiartige, quarzfleckige Haut 
und einen Eidechsenkopf hatte, bemerkten sie jetzt 
kaum mehr. 

»Mein Wunsch war schon immer, daß Leute von 

hier zum Studium auf Terra kommen«, sagte von 
Schlichten. »Erst vor kurzem habe ich mit Sid Har-
rington darüber gesprochen. Er glaubt, es wäre so-
wohl für Sie als auch für uns von Nutzen.« 

»Ja. Ich möchte, daß ›Kleines Ich‹, wenn er alt ge-

nug ist, Ihre Welt besucht«, sagte Kankad. »Und auch 
noch ein paar andere. Und wenn ›Kleines Ich‹ alt ge-
nug ist, meine Nachfolge anzutreten, würde ich mich 
gerne selbst auf Terra begeben.« 

»Irgendwann werde ich nach Terra zurückkehren; 

es würde mich freuen, wenn Sie dann mit mir kom-
men könnten«, sagte von Schlichten. 

»Das wäre zu schön!« rief Kankad. »So gerne 

möchte ich Ihre Welt sehen, ehe ich sterbe. Sie muß 
wunderbar sein. Eine Welt ist das, was man daraus 
macht, und Ihr Volk muß imstande sein, alles aus Ih-
rer Welt zu machen, was es nur will.« 

»Viel hätte nicht gefehlt, und wir hätten aus unse-

rer Welt einmal eine Wüste wie die an den Polen von 
Uller gemacht«, erwiderte von Schlichten. »Vor vier-

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hundert und mehr Jahren gab es bei uns große Kriege 
mit Waffen, an die, wie ich hoffe, auf Uller nie je-
mand auch nur denken wird. Unsere gesamte nördli-
che Hemisphäre, auf der sich unsere bedeutendsten 
Nationen befanden, wurde verwüstet. In weite Gebie-
te ist das Leben bis heute noch nicht zurückgekehrt. 
Aber wir haben diesem Irrsinn noch rechtzeitig ein 
Ende gemacht. Wir vereinten alle unsere Völker zu 
einer Nation und schworen, niemals mehr solche 
Verbrechen zu begehen. Und dann bauten wir Schif-
fe, mit denen wir zu den Sternen flogen. Sie sollten 
wirklich unsere Welt sehen und ein paar von den an-
deren, die wir aufgesucht haben. Sie würden Ihnen 
gefallen.« 

»Davon bin ich überzeugt. Und mit Ihnen als Füh-

rer ...« Einen Augenblick lang verstummte Kankad. 
Dann wechselte er plötzlich das Thema. 

»Ich hoffe, Paula nimmt mir das nicht übel. Aber ist 

Paula nicht von derjenigen Terranerart, die Junge ge-
biert?« 

»So ist es, Kankad. Ich habe zwar nie Junge gebo-

ren, aber ich gehöre in der Tat dieser Terraner-Art 
an.« 

»Paula gefällt mir«, sagte Kankad. »Sie ist bis von 

Terra zu uns gekommen, um uns zu helfen und sich 
über uns zu informieren. Natürlich brauchen die 
Kraganer diese Art Hilfe nicht, und die Geeks, die Sie 

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bei der geringsten Unaufmerksamkeit hinterrücks 
niederstechen würden, verdienen sie nicht. Aber sie 
will Näheres über uns erfahren, so wie ich Näheres 
über Terra erfahren will. Von Schlichten, warum ha-
ben Sie und Paula nicht Junge mitsammen?« fragte er. 
»Das wäre doch gut. Dann könnten unsere Jungen 
Freunde sein, wenn wir alle drei schon lange tot 
sind.« 

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Nach dem Kaffee kam die schlimme Nachricht 

 
 

Silberzeug

 

und

 

Teller

 

klapperten.

 

Die

 

einheimischen

 

Kellner

 

räumten

 

ab.

 

Dann

 

hörte

 

man

 

nur

 

noch

 

leises

 

Klirren

 

von

 

Tassen

 

und

 

Untertassen

 

und

 

gelegentliches

 

Klicken

 

von

 

Feu-

erzeugen.

 

Am

 

Kopftisch

 

schien

 

es am lautesten herzu-

gehen. 

»...

 

gefällt

 

mir

 

überhaupt

 

nicht«,

 

sagte

 

Brigadier-

General

 

Barney

 

Modkovitz,

 

der

 

Kommandierende

 

Of-

fizier

 

in

 

Skilk,

 

zu

 

seiner

 

Tischnachbarin.

 

»Sie

 

sind

 

ein-

fach

 

zu

 

brav.

 

Heutzutage

 

ruft

 

einem

 

niemand

 

mehr

 

›znidd

 

suddabit!‹

 

nach.

 

Keiner

 

schneidet

 

Grimassen

 

oder

 

steckt

 

sich

 

alle

 

vier

 

Daumen

 

in

 

den

 

Mund

 

und

 

pfeift

 

hinter

 

einem

 

her.

 

Sie

 

schauen

 

einem

 

nur

 

an

 

wie

 

der Farmer eine Woche vor Weihnachten den Trut-
hahn, und das gefällt mir nun einfach nicht!« 

»Ach

 

was!«

 

rief

 

Jules

 

Keaveney,

 

der

 

Chef

 

der

 

Terra-

nischen

 

Niederlassung

 

in

 

Skilk,

 

am

 

Kopfende

 

der

 

Ta-

fel.

 

»Ihr

 

Soldaten

 

seid

 

alle

 

gleich

 

 

entschuldigen

 

Sie,

 

General

 

von

 

Schlichten«,

 

fügte

 

er

 

mit

 

einem

 

Kopfnik-

ken

 

in

 

Richtung

 

des

 

Ehrengastes

 

hinzu.

 

»Wenn

 

sie

 

kei-

nen

 

Kratzfuß

 

vor

 

euch

 

machen

 

und

 

sich

 

an

 

die

 

Wand

 

drücken,

 

um

 

euch

 

vorbeizulassen,

 

dann

 

sagt ihr, sie 

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seien unverschämt. Wenn sie es tun, dann behauptet 
ihr, sie planten eine Verschwörung.« 

»Was

 

ich

 

sagen

 

möchte«,

 

wiederholte

 

Modkovitz,

 

»ist

 

dies:

 

Ich

 

erwarte

 

ein

 

bestimmtes

 

Maß

 

an

 

Unord-

nung

 

und

 

ein

 

gewisses

 

Minimum

 

an

 

offener

 

Feindse-

ligkeit

 

von

 

seiten

 

dieser

 

Geeks,

 

die

 

 

unpopulär

 

wie

 

wir

 

bei

 

ihnen

 

sind

 

 

logischerweise

 

vorhanden

 

sein

 

muß. 

Finde ich beides nicht, dann werde ich stutzig und 
will wissen, warum.« 

»Beinahe

 

möchte

 

ich

 

Ihnen

 

zustimmen«,

 

kam

 

von

 

Schlichten

 

seinem

 

Untergebenen

 

zu

 

Hilfe.

 

»Dieses

 

plötzliche

 

Ausbleiben

 

jeglicher

 

Feindseligkeit

 

ist

 

in

 

der

 

Tat

 

ein

 

wenig

 

beunruhigend.

 

Colonel

 

Cheng-Li«,

 

sprach

 

er

 

den

 

örtlichen

 

Geheimdienst-

 

und

 

Polizeichef

 

an.

 

»Vor

 

etwa

 

einem

 

Monat

 

war

 

dieser

 

Rakkeed

 

hier.

 

Gab

 

es

 

da

 

irgendwelche

 

nennenswerte

 

Unruhen? An-

titerranische Demonstrationen etwa, oder Übergriffe 
auf Angehörige oder Eigentum der Company?« 

»Nicht mehr als sonst, General. Eigentlich fing das, 

wovon General Modkovitz eben sprach, gerade zu 
diesem Zeitpunkt an. Nur ein paar von Rakkeeds 
Schülern versuchten, zersetzend auf die Moral von 
Angehörigen des Fünften Zirk-Kavallerie-Regiments 
einzuwirken.« 

»Leutnant-Governor Blount meldet aus Keegark 

das gleiche unnatürliche Fehlen jeder Feindseligkeit.« 

»Aber natürlich, General«, sagte Keaveney ein we-

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nig gönnerhaft. »In Keegark hat König Orgzild alles 
bestens unter Kontrolle. Er läßt einfach nicht zu, daß 
ein paar Fanatiker seinem Raumhafenprojekt Scha-
den zufügen.« 

»Ich

 

frage

 

mich

 

wirklich,

 

was

 

da

 

dahintersteckt.

 

Vielleicht

 

möchte

 

er

 

uns

 

alle

 

in

 

Keegark

 

zusammenho-

len,

 

um

 

uns

 

dann

 

mit

 

einem

 

einzigen

 

Überraschungs-

schlag

 

vernichten

 

zu

 

können«,

 

meinte

 

jemand am un-

teren Ende des Tisches. 

»Orgzild wäre nicht so verrückt, etwas Derartiges 

zu versuchen«, erklärte Commander Dirk Prinsloo 
von der Aldebaran. »Für ihn ginge das nur zwölf Mo-
nate lang gut. So lange würde es dauern, bis man auf 
Terra die Nachricht hat und die Föderation ein 
Kommando hierher entsendet. Und dann würden die 
Geeks in kleinen, radioaktiven Fetzen in diesem Sy-
stem herumfliegen bis hinaus zu Beta Hydrae VII.« 

»Völlig richtig«, stimmte von Schlichten zu. »Die 

Frage ist nur: Weiß Orgzild das auch? Ich bezweifle, 
ob er überhaupt an die Existenz von Terra glaubt.« 

»Und woher sollen wir dann gekommen sein?« 

fragte Keaveney. 

»Möglicherweise nimmt er an, daß Niflheim unsere 

Heimatwelt ist«, antwortete von Schlichten. »Oder 
besser gesagt, die künstlichen Satelliten um Niflheim 
herum. Wo er Niflheim vermutet, wäre allerdings 
wieder eine ganz andere Frage.« 

background image

»Nun, ein Schiff braucht hin und zurück etwa sechs 

Monate«, meinte Prinsloo. »Wegen des Hyperdrive-
Effekts beträgt die erlebte Fahrzeit im Schiff etwa drei 
Wochen. Wenn er davon ausgeht, würde er die Ent-
fernung mit etwa vierhunderttausend Kilometern an-
setzen – unter Zugrundelegung der Geschwindigkeit 
unserer Kontragravitationsschiffe hier auf Uller. 
Wahrscheinlich weiß er nicht mal, daß es Hyperdrive 
gibt.« 

»Ja. Und nachdem er uns vernichtet hat, könnte er 

sogar mit der Idee spielen, mit erbeuteten Kontragra-
vitationsschiffen eine Invasion Niflheims zu unter-
nehmen«, mokierte sich Hideyoshi O'Leary. »Das wä-
re der größte Witz – falls jemand von uns noch da 
wäre, der darüber lachen könnte.« 

»Sie

 

glauben

 

nicht

 

an

 

so

 

etwas,

 

General,

 

nicht

 

wahr?«

 

fragte

 

Keaveney.

 

Sein

 

Ton

 

war

 

immer

 

noch

 

leicht

 

spöttisch,

 

verriet

 

aber

 

eine

 

gewisse

 

Unsicherheit. 

Immerhin war von Schlichten nunmehr seit fünfzehn 
Jahren auf Uller; er hingegen nur zwei. 

»Die Psychologie der Geeks ist einfach ein Buch 

mit sieben Siegeln; je länger ich hier bin, desto weni-
ger verstehe ich sie.« Von Schlichten leerte sein Glas. 
»Aber ich kann mir vorstellen, was ihm seine Spione, 
die als Arbeiter ein Jahr auf Niflheim verbracht ha-
ben, für Berichte von dort zurückbringen.« 

»Sie wissen sicher, was Rakkeed verbreitet«, schal-

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tete sich Colonel Cheng-Li ein. »Es läuft darauf hin-
aus, daß wir von Niflheim kommen und daß unsere 
Farmen und Pflanzungen hier der Beginn eines Ver-
suchs sind, alles eingeborene Leben von diesem Pla-
neten zu vertreiben und ihn selbst in Besitz zu neh-
men.« 

»Aber so etwas hat sich dieser Wilde sicher nicht 

selbst ausgedacht; er muß es von jemand wie Orgzild 
haben«, meinte der bärtige Brigadier-General. »Unse-
re Haupt-Satellitenbasis bei Niflheim versorgt sich 
mit ihren hydroponischen Gärten und ihren Tierge-
webskulturen praktisch selbst. Und sie ist groß ge-
nug, für eine kleine Welt gehalten zu werden. Ja; je-
mand wie Orgzild oder König Firkked könnte durch-
aus auf den Gedanken kommen, daß das unser Hei-
matplanet ist.« 

»Aber König Kankad sprach doch von ...« begann 

Paula Quinton. 

»Es geht um Geeks, nicht um Kraganer.« Von 

Schlichten gab ihr Feuer. »Sie haben doch das große 
Beta-Hydrae-Planetarium in Kankads Observatorium 
gesehen. Es hat damit seine eigene Bewandtnis. Wie 
Sie wissen, ist den Eingeborenen hier bekannt, daß 
Uller eine Kugel ist. Selbstverständlich betrachten sie 
Uller als den Mittelpunkt des Universums. Die Sonne 
umkreist den Planeten in einer ziemlich komplizier-
ten, doppelspiraligen Bahn. Als Theorie erklärt das 

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den größten Teil dessen, was sie beobachten können. 
Was nicht hineinpaßt, wird einfach ignoriert. In der 
Universität von Konkrook gibt es ein uhrwerkbetrie-
benes Modell, das die scheinbare Bewegung von Be-
ta-Hydrae am Himmel darstellt, und zwar ziemlich 
genau. 

Nun, ein paar von unseren Astronomen konstruier-

ten dieses Planetarium und zeigten es den führenden 
einheimischen Gelehrten, die gleichzeitig die Hohen-
priester der hiesigen Religion sind. So etwas wie eine 
Kombination aus Akademie der Künste und Wissen-
schaften und Kardinalskollegium. Sie wurden beina-
he massakriert. Sobald die versammelten Gelehrten 
das Ding sahen und seine Bedeutung verstanden hat-
ten, begannen sie zu jaulen und zu heulen und zu 
schreien und zu kreischen und mit Messern zu fuch-
teln: Das Planetarium war ein Sakrileg und eine Blas-
phemie; es unterminierte den Glauben und stellte die 
Logik auf den Kopf. 

Ich war damals Brigadier-General in Konkrook – 

das, was heute Them M'zangwe ist. Als mir der Auf-
ruhr in der Universität gemeldet wurde, marschierte 
ich mit einer Kompanie Kraganer hin, und wir räum-
ten die Halle mit aufgepflanztem Bajonett und trieben 
die ehrwürdigen Professoren ins Freie. Die Kraganer 
selbst interessierten sich sehr für das Planetarium 
und die dahintersteckende Theorie. Ein paar von ih-

background image

nen

 

müssen

 

davon

 

nach

 

Hause

 

berichtet

 

haben,

 

denn

 

Kankad

 

kam

 

mit

 

dem

 

nächsten

 

Schiff

 

und

 

wollte

 

es

 

se-

hen.

 

Er

 

war

 

so

 

begeistert

 

davon,

 

daß

 

Sid

 

Harrington

 

es

 

ihm

 

zum

 

Geschenk

 

machte.

 

Seither

 

ist

 

es

 

eines

 

seiner

 

liebsten

 

Besitztümer.

 

Jedenfalls

 

kann

 

die

 

Denkweise 

der Kraganer keinesfalls ein Kriterium dafür sein, 
was im Kopf von jemand wie Orgzild vorgeht.« 

»Wie hat Ihnen Ihr Besuch in Kankads Stadt gefal-

len, Miss Quinton?« fragte Hideyoshi O'Leary. »Hal-
ten Sie die Kraganer immer noch für kulturelle Ba-
starde?« 

»Ich

 

war

 

ganz

 

begeistert!

 

Sie

 

haben

 

alles

 

gelernt,

 

was

 

sie

 

von

 

uns

 

lernen

 

konnten,

 

und

 

mit

 

Hilfe

 

unserer

 

Technologie

 

eine

 

eigene

 

Zivilisation

 

entwickelt.

 

Ihre

 

schwere

 

Artillerie

 

zum

 

Beispiel.

 

Sie

 

ist

 

nicht

 

von

 

terra-

nischen

 

Kanonen

 

kopiert.

 

Und

 

dieses

 

Teleskop

 

im Ob-

servatorium; haben sie das nicht auch selbst gebaut?« 

»Ja; von uns hatten sie nur ein paar Bücher über 

Optik und die Technik des Linsenschleifens. Wissen 
Sie, die Kraganer hatten erkannt, daß wir keine besse-
ren Kämpfer als wie sie sind, sondern nur bessere 
Waffen besitzen. Um die gleichen Waffen zu haben, 
mußten sie lernen, wie man sie herstellt. Von techni-
schen Studien kamen sie zur allgemeinen Naturwis-
senschaft. Die Waffenherstellung war nur ein Anfang; 
bald war ihnen klar, daß mit denselben Techniken 
auch noch vieles andere möglich war. Geben Sie ih-

background image

nen noch ein Jahrhundert, und sie sind eine der gro-
ßen Rassen der Galaxie.« 

»Ja, und es ist gut, daß sie unsere Freunde sind«, 

fügte Modkovitz hinzu; »schade, daß es nur so weni-
ge von ihnen gibt und so viele Geeks.« 

»Ja; die Company sollte hier für alle Fälle nukleare 

Waffen bereithalten«, sagte ein anderer Offizier. 

»Dagegen hätte ich doch einiges einzuwenden«, 

antwortete von Schlichten. »Es ist das gleiche Prinzip, 
aufgrund dessen man Gefängniswärtern, die mit den 
Gefangenen in direkten Kontakt kommen, keine Waf-
fen gibt. Wenn jemand wie Orgzild in den Besitz ei-
ner Atombombe käme, könnte er sie als Modell be-
nützen und mit dem Plutonium, das wir für Nuklear-
Kraftwerke zur Verfügung gestellt haben, hundert ei-
gene Sprengkörper bauen. Und dann hätten wir we-
nig Überlebenschancen. Was man tun sollte, ist viel-
mehr dies: Einmal ein halbes Hundert Kampfschiffe 
hierher schicken, damit die Geeks sehen, was wir in 
der Hinterhand haben. Dann gäbe es sicherlich nicht 
mehr so viel znidd suddabit hier.« 

»Ich bin leider ganz und gar nicht mit Ihnen ein-

verstanden«, sagte Keaveney. »Von meinen Offizie-
ren höre ich hier schon zu viel Säbelgerassel, als daß 
Sie solche Tendenzen auch noch unterstützen sollten. 
Wir sind gekommen, um für die Aktionäre der Uller-
Company Dividenden zu verdienen. Und das können 

background image

wir nur tun, indem wir Freundschaft, Vertrauen und 
Respekt der Eingeborenen gewinnen ...« 

»Mr. Keaveney«, meldete sich Paula Quinton zu 

Wort. »Die Gesellschaft für den Schutz der Rechte Ex-
traterrestischer Wesen wollen Sie wohl nicht ernsthaft 
beschuldigen, eine Politik des Säbelrasselns zu 
betreiben. Wir haben alles in unserer Macht Befindli-
che getan, um diesen Leuten zu helfen, und wenn sie 
für irgend jemand freundschaftliche Gefühle haben 
sollten, dann uns gegenüber. Nun, vor nur fünf Ta-
gen wurden Mr. Mohammed Ferriera und ich in 
Konkrook von einer Zusammenrottung Eingeborener 
attackiert. Unser Aircar-Fahrer wurde ermordet, und 
wenn nicht General von Schlichten und seine Solda-
ten gewesen wären, wären auch wir ums Leben ge-
kommen. Mr. Ferriera liegt jetzt noch im Hospital. 
Vielleicht ist es General von Schlichten und seinen 
Kraganern nicht so sehr um Freundschaft und Ver-
trauen zu tun. Aber sie bestehen auf Respekt, und 
zwar auf die einzig mögliche Weise: Indem sie härter 
und schneller zuschlagen, als die Geeks das können.« 

»Hört, hört!« kam es vom unteren Ende der Tafel. 

Von Schlichten blinzelte Paula zu, soweit ihm sein 
Monokel das erlaubte. Gutes Mädchen, dachte er; sie 
ist auf unserer Seite! 

»Gewiß, man muß ...« begann Keaveney. Dann un-

terbrach er sich. Ein terranischer Sergeant war hinzu-

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getreten, hatte sich über Barney Modkovitz' Schulter 
gebeugt und ihm etwas ins Ohr geflüstert. Der bärti-
ge Brigadier stand sofort auf, nahm seinen Gürtel von 
der Stuhllehne und schnallte ihn um. Dann ging er 
um den Tisch herum zu von Schlichten. 

»Eben kommt eine Meldung aus Konkrook, Gene-

ral«, sagte er leise. »Sid Harrington ist tot.« 

Von Schlichten brauchte eine volle Sekunde, um 

den Sinn seiner Worte zu erfassen. »Guter Gott! 
Wann? Wie?« 

»Das ist alles, was wir wissen, Sir«, sagte der Ser-

geant und gab ihm eine Fernschreibermeldung. »Er-
reichte uns vor zehn Minuten.« 

Die Meldung hatte die höchste Dringlichkeitsstufe. 

Generalgouverneur Harrington war um 2210 in sei-
nem Zimmer gestorben – keine weiteren Einzelheiten. 
Von Schlichten sah auf die Uhr. Es war 2243. Kon-
krook und Skilk befanden sich in derselben Zeitzone; 
hier war schnelle Arbeit geleistet worden. Er gab den 
Papierstreifen Modkovitz, der ihn an Keaveney wei-
terreichte. 

»Geben Sie das sofort bekannt«, beauftragte ihn 

von Schlichten und schnallte sein Koppel um. Als er 
aus dem Bankettsaal eilte, hörte er noch, wie Keave-
ney an sein Weinglas klopfte. 

»Darf ich um Ihre Aufmerksamkeit bitten! Eben hat 

uns eine bestürzende Nachricht erreicht ...« 

background image

 

Bismillah! Sind wir nicht dümmer? 

 
 

Im Verwaltungsgebäude der Company brannten be-
reits die Lichter. Der Himmel über den Bergen im 
Westen ging von Orange in tiefes Purpurrot über. Ein 
paar hellere Sterne waren bereits zu sehen, als von 
Schlichten und der Sergeant zum Sendergebäude eil-
ten. 

Ein weiblicher Captain empfing ihn. »Wir haben 

eine Frequenz nach Konkrook, General«, sagte sie. 
»Kabine drei.« Er nickte. 

»Danke, Captain ... Wir haben einen guten Freund 

verloren, nicht wahr?« 

Ein weiteres Mädchen, eine Technische Sergeantin, 

befand sich in der Kabine. Auf dem Bildschirm war 
das Bild seiner Gesprächspartnerin in Konkrook – sie 
war Leutnant – zu sehen. Die Sergeantin stand auf 
und wollte die Kabine verlassen. 

»Bleiben Sie da«, befahl ihr von Schlichten. »Sie 

übernehmen dann, wenn ich fertig bin.« Er setzte sich 
vor die Kombination aus Bildschirm und Kamera. 
»Nun, Leutnant, was ist geschehen?« fragte er. »Wie 
starb er?« 

»Durch Gift, nehmen wir an, General. General 

background image

M'zangwe hat Autopsie und chemische Analyse an-
geordnet. Wenn Sie noch zehn Minuten Zeit haben, 
wird er selbst mit Ihnen sprechen können.« 

»Rufen Sie ihn. Und sagen Sie mir in der Zwi-

schenzeit alles, was Sie wissen.« 

»Der Gouverneur legte sich früh schlafen; morgen 

früh wollte er auf die Jagd gehen. Sie kennen vermut-
lich seine Gewohnheiten.« 

Von Schlichten nickte. Normalerweise nahm Har-

rington eine Dusche, setzte sich dann im Bademantel 
an seinen Schreibtisch, zündete sich seine Pfeife an, 
nahm einen Schluck terranischen Bourbon und be-
gann dann seine Tagebuchaufzeichnungen. 

»Etwa um 2210 hörte der kraganische Wachserge-

ant zehn rasch aufeinander folgende Pistolenschüsse 
im Zimmer des Gouverneurs. Die Tür war versperrt; 
er durchschoß das Schloß mit seiner eigenen Pistole 
und ging hinein. Gouverneur Harrington lag, nur in 
einen Bademantel gekleidet, auf dem Fußboden – die 
leergeschossene Pistole in der Hand. Er hatte Schaum 
vor dem Mund und wand sich in schrecklichen 
Schmerzen. Offenbar hatte er die Pistole, die er im-
mer in seinem Schreibtisch hatte, abgefeuert, um Hil-
fe zu holen. Die Geschosse waren alle in die Decke 
gegangen. Der Sergeant drückte auf den Notrufknopf 
neben dem Bett und versuchte dann, dem Gouver-
neur zu helfen. Aber es war bereits zu spät. Als nach 

background image

fünf Minuten der Arzt kam, war er schon tot. In sei-
nem Tagebuch ist er bis heute mittag gekommen; die 
Eintragung hörte mitten in einem Satz auf. Auf sei-
nem Schreibtisch war eine Flasche und ein umge-
stürztes Glas. Eine weiße Ratte, der man fünfzehn 
Tropfen aus der Whiskyflasche gab, starb nach etwa 
neunzig Sekunden mit denselben Symptomen.« 

»Wer hatte Zugang zu dieser Whiskyflasche?« 
»Ein Geek-Sergeant, der das Zimmer in Ordnung 

hält. Etwa eine Stunde vorher war er festgenommen 
worden bei dem Versuch, die Insel ohne Erlaubnis zu 
verlassen. Er wird jetzt von den Kraganern vernom-
men.« Das Gesicht des Mädchens nahm einen Aus-
druck der Härte an. »Ich hoffe, die werden es ihm 
tüchtig besorgen!« 

»Und ich hoffe, daß sie ihn nicht umbringen, bevor 

er redet.« 

»Augenblick, General; wir haben jetzt General 

M'zangwe«, sagte die Frau. »Ich schalte um.« 

Einen Augenblick lang flimmerte ein Gewirr von 

verschiedenfarbigen Flecken über den Bildschirm. 
Dann erschien das schokoladenbraune Gesicht von 
Themistokles M'zangwe darauf. 

»Ich weiß bereits, wie er gefunden wurde, und bin 

auch von der Festnahme dieses Geeks unterrichtet«, 
sagte von Schlichten. »Haben Sie irgend etwas aus 
ihm herausbekommen?« 

background image

»Er gibt zu, Gift in die Flasche getan zu haben, be-

hauptet aber, es sei seine eigene Idee gewesen. Aber 
er ist eines von Father Keeluks Pfarrkindern, und 
deswegen ...« 

»Keeluk! Mein Gott, das war es also!« entfuhr es 

von Schlichten. »Jetzt weiß ich, was er mit Stalin woll-
te, mit der Ziege und diesen Kaninchen!« 

Achttausend Kilometer von ihm entfernt stieß 

Themistokles M'zangwe einen Pfiff aus. 

»Bismillah!  Sind wir denn nicht dümmer?« rief er. 

»Natürlich brauchten sie terrestrische Tiere, um fest-
stellen zu können, welches Gift auf Terraner wirkt! 
Augenblick; ich möchte das nur eben festhalten für 
den Fall, daß die Kraganer diesen Geek noch fertig-
gemacht haben.« M'zangwe flüsterte einige Worte in 
ein Stenofon. »Ist sonst noch etwas, Carlos?« 

»Ist Eric benachrichtigt worden?« 
»Wir haben Keegark gerufen, aber er ist in einer 

Audienz bei König Orgzild, und wir können ihn im 
Augenblick nicht erreichen.« 

»Wer hat jetzt in Konkrook das Kommando?« 
»Noch niemand so richtig. Laviola, der Finanzse-

kretär, Hans Meyerstein, der Syndikus des Banken-
kartells,

 

Howlett,

 

der

 

Personalchef,

 

und

 

Buhrmann,

 

der

 

Wirtschaftsdirektor,

 

bilden

 

eine

 

Art

 

von

 

Qua-

drumvirat.

 

Was

 

passiert,

 

wenn

 

irgend

 

etwas

 

Unvor-

hergesehenes

 

eintritt,

 

weiß

 

ich

 

allerdings

 

nicht

 

...«

 

Eine

 

background image

Hand

 

mit

 

dem

 

Rangabzeichen

 

eines

 

Majors

 

auf

 

dem

 

blau-grauen

 

Uniformärmel

 

erschien

 

auf

 

dem

 

Bild-

schirm

 

und

 

hielt

 

M'zangwe

 

einen

 

Zettel

 

hin.

 

Er

 

nahm 

ihn, warf einen Blick darauf und fluchte. Von Schlich-
ten wartete, bis er ihn ganz durchgelesen hatte. 

»Und

 

soweit

 

ist

 

es

 

wohl

 

tatsächlich

 

schon«,

 

sagte

 

der

 

Afrikaner.

 

»Eben

 

kommt

 

aus

 

Jaikarks

 

Palast

 

die

 

Nach-

richt

 

vom

 

Ausbruch

 

einer

 

Revolte,

 

vermutlich

 

unter

 

Anführung

 

von

 

Gurgurk.

 

Die

 

Garde

 

ist,

 

soweit

 

sie

 

nicht

 

selbst

 

gemeutert

 

hat,

 

von

 

den

 

Aufrührern

 

nie-

dergemacht

 

worden

 

 

mit

 

Ausnahme

 

der

 

zwanzig

 

Kraganer,

 

die

 

wir

 

Jaikark

 

zur

 

Verfügung

 

gestellt

 

ha-

ben.

 

Sie

 

und

 

etwa

 

ein

 

Dutzend

 

von

 

Jaikarks

 

Höflingen

 

mit

 

ihren

 

Helfern

 

verteidigen

 

die

 

Zugänge

 

zu

 

den

 

kö-

niglichen

 

Gemächern.

 

Der

 

Führer

 

der

 

Kraganer

 

hat

 

sich

 

eben

 

gemeldet;

 

er

 

sagt,

 

die

 

Lage

 

sei

 

sehr

 

bedroh-

lich.« 

»Wenn ein Kraganer das sagt, dann heißt das so 

viel wie hoffnungslos. Wird dieses Gespräch aufge-
nommen?« Als M'zangwe nickte, fuhr er fort: »Gut. 
Verwenden Sie diese Aufnahme zur Beglaubigung 
Ihres Auftrags und übernehmen Sie das Kommando. 
Jetzt ist es 2258. Ich erkläre mit sofortiger Wirkung 
den Ausnahmezustand für Konkrook. Informieren 
Sie Eric Blount, sobald Sie mit ihm Verbindung auf-
nehmen können. Ich mache mich sofort auf den Weg 
und müßte gegen 0800 in Konkrook sein. 

background image

Und nun zu den Vorgängen im Palast. Schicken Sie 

eine Kompanie Kraganer mit zehn Airjeeps und vier 
Gefechtsfahrzeugen hin und lassen Sie Jaikark, sein 
Gefolge und unsere Kraganer auf Gongonk Island 
verbringen. Und alarmieren Sie Ihre gesamten Streit-
kräfte. Bei diesen Palastrevolutionen der Geeks 
kommt es stets auch zu Tumulten und zu Zusam-
menstößen. Holen Sie unsere Kraganer heraus, wenn 
Sie sonst niemand aus dem Palast retten können. 
Aber es hat keinen Sinn, dreißig bis vierzig Männer 
zu opfern, um zwanzig zu retten. Und halten Sie 
mich auch unterwegs auf dem Laufenden.« Er wand-
te sich der Sergeantin zu. »Bleiben Sie dran; es kommt 
noch mehr.« 

Er stand auf und verließ die Kabine. Wenn wir Jai-

kark aus der Klemme helfen können, kann ihm die 
Company später ihre Bedingungen diktieren. Wird 
Jaikark getötet, lassen wir Gurgurk dafür über die 
Klinge springen und übernehmen die Macht in Kon-
krook. In jedem Fall kommen wir unserem Ziel, alle 
diese Geek-Despoten zu beseitigen, einen großen 
Schritt näher. Und mit Eric Blount als Generalgou-
verneur ... 

Der weibliche Captain erwartete ihn, als er heraus-

kam. 

»Gift«, sagte er. »Vermutlich steckt Gurgurk dahin-

ter, möglicherweise auch Rakkeed. Gurgurk putscht 

background image

gegen König Jaikark. Ich muß sofort nach Konkrook. 
Rufen Sie den Militärflughafen und lassen Sie mein 
Kommandofahrzeug zur Zentrale der Company ...« 

In diesem Augenblick wurde die Tür des schall-

dichten Senderaums aufgerissen. Draußen knallten 
Schüsse. Drei Männer stürzten herein und schlugen 
die Tür hinter sich zu. Einer von ihnen hatte eine Pi-
stole in der Hand und stützte mit dem anderen Arm 
einen weiteren Mann, der an der Schulter eine stark 
blutende Wunde hatte. Der dritte Mann hatte ein 
Burp-Gewehr in der Hand. Alle drei trugen Zivilklei-
dung. Als der Mann mit dem Gewehr von Schlichten 
sah, lief er auf ihn zu. 

»General! Die Geeks haben sich gegen uns erho-

ben!« rief er. »Das Zehnte Regiment meutert. Sie ha-
ben Unterkünfte, Versorgungsanlagen, Transport-
fahrzeug-Hangars und Werkstätten besetzt und rük-
ken jetzt hierher vor. Einzelne Angehörige der Zirk-
Kavallerie haben sich ihnen angeschlossen.« 

»Und die Kraganer?« 
»Das Achtzehnte Schützenregiment? Die sind auf 

unserer Seite. Ich sah, wie die Gruppe von ihnen auf 
den Mob feuerte.« 

»Haben Sie noch Munition? Dann wollen wir mal 

nachsehen, wie es in der Company-Zentrale aus-
sieht«, sagte von Schlichten. »Captain Malavez, Sie 
veranlassen das Nötige zur Verteidigung dieser Stati-

background image

on. Und das Mädchen in der Kabine soll nach Kon-
krook melden, was hier passiert ist, und ausrichten, 
daß ich nicht sofort kommen kann, wie ich es vorhat-
te.« 

Er öffnete die Tür, von draußen drang wieder Ge-

fechtslärm herein. Der Zivilist mit dem Gewehr 
stürmte als erster hinaus. Von Schlichten zog seine 
Pistole und folgte ihm. 

Als

 

er

 

hierher

 

gekommen

 

war,

 

hatte

 

es

 

eben

 

zu

 

dämmern

 

begonnen.

 

Jetzt

 

war

 

das

 

ganze

 

Company-

Gelände

 

in

 

grelles

 

Licht

 

getaucht.

 

Irgend

 

jemand

 

muß-

te

 

die

 

Alarmbeleuchtung

 

eingeschaltet

 

haben.

 

Vor

 

der

 

Company-Zentrale

 

drängten

 

sich

 

graue

 

Gestalten.

 

Vom

 

Dach

 

eines

 

Gebäudes

 

auf

 

der

 

anderen

 

Straßensei-

te

 

feuerten

 

zwei

 

Maschinengewehre

 

in

 

die

 

Menge.

 

Aus

 

einer

 

Seitenstraße

 

kam

 

eine

 

Gruppe

 

Terraner

 

gelaufen,

 

die

 

mit

 

ihren

 

Pistolen

 

immer

 

wieder

 

hinter

 

sich

 

schossen.

 

Als

 

sie

 

sahen,

 

was

 

bei

 

der

 

Zentrale

 

der

 

Com-

pany

 

los

 

war,

 

stürzten

 

sie

 

in

 

das

 

Gebäude,

 

von

 

dessen

 

Dach

 

aus

 

gefeuert

 

wurde.

 

Vom

 

anderen

 

Ende

 

der

 

Stra-

ße

 

her

 

eilte

 

eine

 

Hundertschaft

 

saurierköpfiger

 

ein-

heimischer

 

Soldaten

 

herbei,

 

unter

 

ihnen

 

einige

 

Terra-

ner.

 

Von

 

Schlichten

 

wandte

 

sich

 

an

 

den terranischen 

Captain, der ihnen vorauslief. »Wie steht's, Captain?« 

»Das Zehnte Regiment und das Fünfte Kavallerie-

regiment meutern. Die da drüben gehören dazu.« Er 
atmete schwer. »Es ging alles sehr schnell und wir 

background image

hatten keine Zeit mehr, uns mit irgend jemand in 
Verbindung zu setzen ...« 

Unweit

 

von

 

ihnen

 

lief

 

eine

 

Terranerfrau

 

in

 

schwar-

zen

 

Hosen

 

und

 

oranger

 

Jacke

 

über

 

die

 

Straße,

 

verfolgt

 

von

 

Soldaten

 

des

 

Zehnten

 

Eingeborenen-Regiments,

 

die

 

»znidd

 

suddabit!«

 

kreischten.

 

Der

 

Frau

 

gelang

 

es,

 

sich

 

in

 

einem

 

Hauseingang

 

in

 

Sicherheit

 

zu

 

bringen.

 

Ihrer

 

Verfolger

 

nahmen

 

sich,

 

bevor

 

sie

 

die

 

Gefahr

 

überhaupt

 

bemerkten,

 

die

 

Kraganer

 

an.

 

Es

 

fielen

 

keine

 

Schüsse.

 

Die

 

schmalen,

 

scharfen

 

Klingen

 

der Bajonette 

taten ihr gräßliches Werk. Hinter sich konnte von 
Schlichten Kraganerstimmen mit einem neuen Schrei 
hören: »Znidd Geek! Znidd Geek!« 

Von der Zentrale der Company hallten jetzt Schüs-

se herüber. Einige Terraner, die an dem Bankett teil-
genommen hatten, mußten also noch am Leben sein. 
Er fragte sich, wie lange sie noch aushalten konnten. 
Vor allem dachte er an Paula Quinton. Mit ausgebrei-
teten Armen gebot er den Kraganern Halt. »Eine Sal-
ve, nachladen, dann Angriff mit dem Bajonett!« be-
fahl er. Jemand gab die Order auf kraganisch weiter. 

Gleichzeitig knatterten die Gewehre los und spien 

die nächsten fünf Sekunden ihren todbringenden Ge-
schoßhagel in die zusammengerotteten Meuterer. 
Einzelne Schüsse antworteten; er sah, wie der Captain 
von einem Explosivgeschoß getroffen wurde und ei-
nige weitere Kraganer niederstürzten. 

background image

»Laden! Gewehre sichern!« brüllte von Schlichten. 

»Attacke!« 

Unter terranischen Offizieren hätte die Eingebore-

nentruppe standgehalten. Unter den Offizieren und 
Sergeanten aus ihren eigenen Reihen aber leisteten sie 
nur kurz Widerstand. Von Schlichten sah, daß das 
Eingangstor der Zentrale offen war. Drinnen befan-
den sich Terraner und etwa ein Dutzend Kraganer. 
Hideyoshi O'Leary und Barney Modkovitz hatten die 
Lage dort in der Hand. 

»Die Warnung erreichte uns etwa dreißig Sekun-

den, bevor es losging«, berichtete Modkovitz, »und 
die Kraganer in der Halle brachten uns eine weitere 
Minute. Natürlich hatten wir alle unsere Pistolen ...« 

»He! Die Türen sind ja festgekeilt«, entdeckte je-

mand. »Diese verdammten Geek-Diener!« 

»Ja; wenn ihr welche erwischt, dann legt sie um!« 

meinte jemand anderer. »Wenn wir diese Türen zu-
gekriegt hätten ...« 

Draußen

 

hatte

 

sich

 

die

 

Menge

 

der

 

Aufrührer

 

neu

 

formiert.

 

Die

 

Maschinengewehre,

 

die

 

während

 

des

 

Nahkampfes

 

verstummt

 

waren,

 

begannen

 

wieder

 

zu

 

hämmern.

 

Die

 

Menge

 

drängte

 

gegen

 

das

 

Gebäude,

 

um

 

ihrem

 

Feuer

 

zu

 

entgehen,

 

und

 

wurde

 

von

 

einer

 

Ge-

wehrsalve

 

und

 

Bajonetten

 

empfangen.

 

Die

 

Meute

 

wog-

te

 

wieder

 

zurück,

 

um

 

von

 

neuem

 

von

 

den

 

Maschinen-

gewehren

 

niedergemäht

 

zu

 

werden.

 

Von

 

drei

 

Seiten

 

background image

unter

 

Beschuß,

 

floh

 

die

 

Horde

 

bald

 

in

 

wilder

 

Auflö-

sung in die Richtung, aus der sie gekommen war. 

Von Schlichten wandte sich um. Nach und nach 

kamen die belagerten Terraner und ihre kraganischen 
Gardesoldaten aus dem Gebäude. Er sah Jules Kea-
veney und seine Frau, Commander Prinsloo von der 
Aldebaran,  Harry Quong und Bogdanoff. Und ... ah! 
Da war sie. Erleichtert aufatmend winkte er Paula 
Quinton zu. 

Angeführt von Major Kormork, marschierten jetzt 

weitere hundert Kraganer auf den Platz. »Wir waren 
im Quartier, an Bord der Aldebaran und im Gästehaus 
auf dem Flughafen«, berichtete Kormork. »Vor fünf-
zehn Minuten erfolgte der Angriff. Zehn Minuten 
brauchten wir, um ihn abzuschlagen, weitere fünf 
Minuten, um hierher zu kommen. Ich habe Eingebo-
renen-Captain Zeerjeek und dem Rest der Streitkräfte 
befohlen, die verlorengegangenen Gebäude zurück-
zuerobern und den Militärflughafen zu entsetzen.« 

»Ausgezeichnet. Wie ist die Lage auf dem Handels-

flughafen?« 

»Die Aldebaran und der Frachter Northern Star sind 

unbeschädigt. Beide gingen auf Kontragravitation 
und verblieben in etwa fünfzig Meter Höhe.« 

»Gut. Ich richte mir meinen Kommandostand in 

der Sendestation ein. Wo ist Colonel Cheng-Li?« 

»Hier, General.« Der Geheimdienst- und Polizeiof-

background image

fizier drängte sich durch die Menge. »Ich habe im Mi-
litärflughafen, im Handels-Airport, im Raumhafen, 
im Kraftwerk und in den Schiffsdocks angerufen. Al-
le antworteten. Aus dem Stadt-Kraftwerk kommt 
noch das Fernsehbild; dort scheint es von Geeks zu 
wimmeln. Captain Leavitt hat im Raumhafen alle 
einheimischen Arbeiter in einem Reparaturdock zu-
sammengetrieben und hält sie mit der vorderen 90-
mm-Kanone der Northern Star unter Kontrolle. Die 
Hangars und die

 

Reparatur-

 

und

 

Wartungswerkstät-

ten

 

antworten

 

nicht.« 

»Das wollte ich Sie gerade fragen. Danke. Quong, 

Bogdanoff!« 

Die Besatzung seines Kommandofahrzeugs nahm 

Haltung an. 

»Ihr nehmt Colonel O'Leary an Bord, sobald mein 

Aircar da ist ... Hid, Sie steigen auf und sehen Sie 
nach, was los ist. Werfen Sie Fackeln ab, wo es kein 
Licht gibt. Achten Sie besonders auf das Arbeiterlager 
und den Maschinenpark südlich des Reservats ... 
Kormork, Sie nehmen die Hälfte der Leute von der 
Achtzehnten hier und räumen in den Baracken der 
Eingeborenentruppe auf. Gefangene werden keine 
gemacht; wir haben keine Bewacher.« 

Kormork grinste. Gefangene zu machen, das war 

einer dieser irrationalen terranischen Gebräuche ge-
wesen, die kein Ulleraner jemals verstanden hatte. 

background image

 

Autorisiert von Generalgouverneur von Schlichten 

 
 

Wieder in den Sender zurückgekehrt, erfuhr er die 
neuesten Nachrichten aus Konkrook. Auch dort war 
unter den einheimischen Arbeitern und Soldaten eine 
Meuterei ausgebrochen. 

Er rief Keegark. Eine junge Frau, offenbar eine der 

Zivilangestellten der Station, antwortete. 

»Wir brauchen Hilfe, General von Schlichten«, 

drängte sie. »Die einheimischen Truppen sind in Auf-
ruhr – mit Ausnahme von zweihundert Kraganern. 
Sie haben die Docks gestürmt, den Flughafen – alles 
bis auf die Zentrale der Company. Wir bemühen uns 
auszuhalten. Aber ihre Zahl geht in die Tausende: 
Unsere Eingeborenen-Infanterie, Soldaten von König 
Orgzilds Armee und Stadtbewohner. Alle scheinen 
Feuerwaffen zu haben ...« 

»Was ist mit Eric Blount und mit dem Chef der 

Niederlassung, Mr. Lemoyne?« 

»Wir wissen es nicht. Sie hatten im Palast eine Un-

terredung mit König Orgzild. Wir haben versucht, 
den Palast zu erreichen, aber wir kommen nicht 
durch. General, wir brauchen dringend Hilfe ...« 

Wenige

 

Minuten

 

später

 

kam

 

eine

 

Meldung

 

aus

 

background image

Krink,

 

das

 

siebenhundert

 

Kilometer

 

nördlich

 

der

 

Berge

 

lag.

 

Der

 

dortige

 

Niederlassungschef,

 

ein

 

gewisser

 

Francis

 

Xavier

 

Shapiro,

 

berichtete

 

von

 

Revolten

 

in

 

der

 

Stadt

 

und

 

einer

 

versuchten

 

Palastrevolution

 

gegen

 

König

 

Jonkvank.

 

Zur

 

Abwechslung

 

war

 

es

 

hier

 

die

 

kö-

nigliche

 

Armee

 

selbst,

 

die

 

meuterte.

 

Das

 

ullerische

 

In-

fanterieregiment

 

und

 

die

 

beiden

 

Zirk-Kavalleriekom-

panien in Krink sowie die Kraganer verhielten sich 
noch loyal. 

Das alles sah sehr nach Planung aus. Von Schlich-

ten starrte auf die große Landkarte an der Wand. Ge-
rade glaubte er, die dem Ganzen zugrundeliegende 
Logik ein wenig zu verstehen, als Keaveney, der Di-
rektor der Niederlassung in Skilk, hereintaumelte. 

»Mein Gott, ganz Uller ist in Aufruhr!« stieß er 

hervor. »Nicht nur hier in Skilk – überall, wo sich ei-
ne Niederlassung von uns befindet. Das ist das En-
de!« 

»Noch ist es nicht ganz so weit, Mr. Keaveney.« 

Von Schlichten sah auf die Uhr. Vor nicht ganz einer 
Stunde hatte die Meuterei der einheimischen Trup-
pen hier in Skilk begonnen. Gewöhnlich glückten 
oder scheiterten Aufstände wie dieser in den ersten 
sechzig Minuten. Vielleicht war die Hoffnung ein 
wenig verfrüht; aber er glaubte doch zu ahnen, daß 
dieser hier scheitern würde. »Wenn jeder das Seine 
tut, wird alles gut gehen«, beschied er Keaveney zu-

background image

versichtlicher, als ihm wirklich zumute war. Dann 
wandte er sich Brigadier-General Modkovitz zu, um 
zu erfahren, wie es in den Unterkünften der Eingebo-
renen Truppe stand. 

»Nicht schlecht, General. Und Hangars, Wartungs-

hallen und Reparaturwerkstätten dürften alsbald in 
Kormorks Hand sein.« 

»... morgen um diese Zeit ist von uns nichts mehr 

übrig«, wimmerte Keaveney Paula Quinton einer an-
deren Frau vor. »Und mit der Company ist es aus!« 

»Wir sollten ihm was zu trinken besorgen, Gene-

ral«, schlug Modkovitz vor. »Mit ein paar K.O.-
Tropfen drin.« 

Colonel Cheng-Li, der Geheimdienstoffizier, ver-

suchte Keaveney zu beruhigen. Von Schlichten sah 
sich der Frau in Schwarz und Orange gegenüber, de-
ren Verfolger am Beginn des Kampfes von den Kra-
ganern niedergemacht worden waren. 

»General, König Kankad möchte Sie sprechen«, 

sagte sie. »Der Apparat in Kabine vier.« 

»Danke.« Um jedes denkbare Mißverständnis aus-

zuschließen, steckte er sich seinen Geek-Enunciator in 
den Mund, bevor er die Kabine betrat. Aus dem Bild-
schirm sah ihn Kankads Gesicht an. Phil Yamazaki, 
der Chef des Senders in Kankads Stadt, stand hinter 
ihm. 

»Von Schlichten!« Der Kraganer wirkte wie von 

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körperlichem Schmerz gepeinigt. »Wie kann ich hel-
fen? Ich habe hier zwanzigtausend bewaffnete Leute, 
aber nur für fünfhundert Transportmöglichkeiten. 
Wohin soll ich sie schicken?« 

Von Schlichten überlegte blitzschnell. Keegark war 

erledigt. Die Zentrale stand in der Mitte der Stadt, be-
lagert von zweihunderttausend Soldaten und Unter-
tanen König Orgzilds. Da die Ulleraner bisexuell wa-
ren, bildete die gesamte Bevölkerung bis auf die Al-
ten, die Krüppel und die sehr Jungen das militärische 
Potential. Wenn er Kankads fünfhundert Krieger 
dorthin schickte, war das, als schaufelte er sie in ei-
nen Hochofen. Die Leute in Keegark mußten abge-
schrieben werden, genauso wie die zwanzig Kraga-
ner in Jaikarks Palast. 

»Schicken Sie sie nach Konkrook«, entschied er. 

»M'zangwe hat dort den Oberbefehl; er braucht Hilfe, 
um die Farmen der Company halten zu können. Viel-
leicht kann er zusätzlich Transportmittel bereitstellen. 
Ich werde ihn anrufen.« 

»Ich schicke sofort alle Leute los, die ich befördern 

kann«, versprach Kankad. »Wie steht es bei Ihnen in 
Skilk?« 

»Bis jetzt halten wir uns«, antwortete er. »Paula ist 

hier bei mir; sie läßt bestens grüßen.« 

Captain Inez Malavez, die Chefin des Senders, 

steckte ihren Kopf in die Kabine. 

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»General, dringende Meldung von Colonel O'Lea-

ry«, sagte sie. »Eingeborene Arbeiter aus den Berg-
werk-Wohnlagern versuchen, den Maschinenpark zu 
stürmen. O'Leary hat bereits seine gesamte Munition 
verschossen, um sie abzuwehren.« 

»Ich melde mich wieder«, sagte von Schlichten zu 

Kankad. »Ich werde sehen, was M'zangwe für den 
Transport Ihrer Leute tun kann. Bitte schicken Sie so-
fort so viele nach Konkrook, wie Sie können.« 

Er verließ die Kabine und nahm sein Geek-

Mundstück heraus. »Barney!« rief er. »General Mod-
kovitz! Welcher Offizier hat das Achtzehnte Schüt-
zenregiment unter sich? Major Falkenberg?« 

»Ja.« 
»Er soll alle Kraganer, die er entbehren kann, zum 

Maschinenpark schicken.« Er wandte sich Inez Mala-
vez zu. »Sie rufen Colonel Jarman an. Melden Sie 
ihm, was wir von O'Leary gehört haben. Die Geeks 
dürfen sich unter keinen Umständen der Maschinen 
bemächtigen. Sobald sie mit Kontragravitations-
Transportern welche herausholen wollen, soll er sie 
auf der Stelle abschießen.« 

In einer Ecke des Raumes hatte jemand eine große 

Landkarte auf dem Boden ausgebreitet. Paul Quinton 
und Mrs. Keaveney knieten daneben und verteilten 
rote und weiße Pillen darauf, die jemand in zwei Fla-
schen aus der Apotheke auf der anderen Straßenseite 

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herübergebracht hatte. Die Frau in Orange las ihnen 
aus einer Hand voll Notizzetteln vor, wohin die Pil-
len gehörten. Auch andere Dinge waren über die Kar-
te verstreut – Pistolenpatronen, Zigaretten und Nah-
rungsmittelkonzentrat-Tabletten. Als Paula ihn sah, 
richtete sie sich auf. 

»Die roten sind die unseren, General«, sagte sie. 

»Die weißen sind die Geeks.« Von Schlichten unter-
drückte ein Lächeln. Das war schon das zweite Mal 
an diesem Abend, daß sie diesen Namen benützte. 
»Die Zigaretten sind Airjeeps, die Patronen Gefechts-
fahrzeuge, und die Konzentrattabletten Güter- oder 
Truppentransporter.« 

»Nicht ganz dem Reglement entsprechend, diese 

Markierungen. Aber da habe ich schon ganz andere 
Dinge gesehen ... Captain Malavez!« 

»Ja, Sir?« 
»Wir brauchen einen großen TV-Schirm, und eine 

Kamera in irgendeinem Kontragravitations-Fahrzeug 
in etwa tausend Meter Höhe direkt über uns, damit 
wir ein Bild von der Lage bekommen. Ist das mög-
lich?« 

»Ich kann es versuchen, Sir. Wir haben einen 2,50-

Meter-Rundschirm, der für diese Höhe noch aus-
reicht. Ich veranlasse das sofort.« 

Von Schlichten ging in eine leere Sendekabine und 

rief Konkrook. Ein auf einer erloschenen Zigarre her-

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umkauender Zivilist verband ihn mit Themistokles 
M'zangwe. 

»Wie ist die Lage jetzt?« fragte er. 
»Hat sich ein wenig gebessert«, antwortete der 

Graeco-Afrikaner. »Es ist uns gelungen, die Geeks 
überall zurückzudrängen. Die Drahtzäune um die 
Farmen auf der Insel stehen unter Strom, und unsere 
Kampfschiffe verteidigen die Festlandfarmen.« Er 
zögerte einen Augenblick. »Haben Sie von Eric und 
Lemoyne gehört?« 

Von Schlichten schüttelte den Kopf. 
»Wir

 

haben

 

eben

 

einen

 

Anruf

 

von

 

Colonel

 

MacKin-

non

 

erhalten,

 

dem

 

Kommandanten

 

von

 

Keegark.

 

Er

 

hat

 

ein

 

paar

 

Gefangene

 

gemacht

 

und

 

sie

 

zum

 

Sprechen

 

gebracht.

 

Alle,

 

die

 

in

 

Orgzilds

 

Palast

 

waren,

 

sind

 

mas-

sakriert

 

worden.

 

Ein

 

paar

 

von

 

ihnen

 

hatten

 

das

 

Glück,

 

im

 

Kampf

 

getötet

 

zu

 

werden.

 

Eric

 

und

 

Hendrik

 

haben

 

die

 

Geeks

 

lebend

 

erwischt.

 

Sie

 

wälzten

 

sie

 

in

 

einer

 

La-

che

 

von

 

Thermokonzentrat-Brennstoff

 

herum

 

und

 

zündeten

 

sie

 

dann

 

an.

 

Sobald

 

wir ein paar Kontragra-

vitations-Schiffe erübrigen können ...« 

»Ja, gerade darüber wollte ich mit Ihnen sprechen.« 

Er berichtete M'zangwe von König Kankads Angebot. 
»Was können Sie an Schiffen zusammenkratzen, um 
Kraganer einzufliegen?« 

»Wir haben drei Kanonenboote, die Elmoran,  die 

Gaucho  und die Bushranger.  Die sind aber als Trans-

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porter nicht sehr geeignet, und wir brauchen sie 
selbst ganz dringend. Dann sind da noch einige 
Frachter ...« 

»Was ist mit der Piet Joubert?« fragte von Schlich-

ten. »Die sollte doch heute um 1300 in Konkrook lan-
den, oder?« 

M'zangwe fluchte. »Ist auch gelandet. Aber die 

Geeks haben sie auf der Stelle gestürmt, zwanzig Mi-
nuten nachdem die Sache hier losging. Sie versuch-
ten, sich damit davonzumachen, und die Batterie am 
Kanal hat sie runtergeholt.« 

»Gut; den Geeks durften sie sie keinesfalls überlas-

sen. Und die anderen Schiffe?« 

»Die  Procyon  ist in Grank; von dort haben wir 

überhaupt noch nichts gehört, was mir ziemlich ver-
dächtig erscheint. Auch die Northern Lights ist in 
Grank. Die Oom Paul Krüger müßte in Bwork gewesen 
sein, als der Aufstand losging. Die Jan Smuts und die 
Christiaan De Wett befanden sich beide in Keegark; 
wir können annehmen, daß Orgzild sie in seine Ge-
walt gebracht hat.« 

»Gut. Ich schicke die Aldebaran nach Kankads Stadt; 

sie soll Ihnen weitere Verstärkung bringen.« 

»Die können wir brauchen! Und mit der Aldebaran 

müßten wir in der Lage sein, morgen um diese Zeit 
eine Offensive gegen die Stadt zu starten. Sonst noch 
was?« 

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»Das wär's für den Augenblick. Ich kümmere mich 

jetzt um die Aldebaran.« 

Als er die Kabine verließ, hörte er über den allge-

meinen Lärm hinweg, wie Jules Keaveney mit sich 
überschlagender Stimme auf die anderen einlamen-
tierte. Offensichtlich waren Colonel Cheng-Lis Be-
mühungen, ihn zu beruhigen, ein voller Erfolg gewe-
sen. 

»Aber das ist verrückt! Nicht nur hier; überall auf 

Uller! Wie haben sie das fertiggebracht? Sie haben 
doch keine Funkgeräte!« 

»Das weiß ich auch nicht, Jules«, beschwichtigte 

ihn Modkovitz. »Ich weiß von vielen reichen Geeks, 
die Empfänger haben, aber niemand hat Sender.« 

Für einen Augenblick stellte von Schlichten die Sa-

che mit der Aldebaran  zurück. »Sie brauchten keine 
Sender, Barney«, sagte er. »Sie benützten unsere.« 

»Wie meinen Sie das?« schrie Keaveney. 
Ȇberlegen Sie doch. Harrington wurde in Kon-

krook vergiftet. Natürlich ging die Nachricht sofort 
an jede Niederlassung und Handelsstation auf Uller. 
Und das war das Signal, das sie vereinbart hatten – 
wahrscheinlich schon vor Monaten. Dieser Geek-
Diener brauchte nur Gift in Harringtons Whisky zu 
tun. Den Rest überließen sie uns.« 

»Und unser Geheimdienst! Hat der geschlafen?« 

fragte Keaveney wütend. 

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»Nein; er schrieb Berichte, damit ihr von der Zivil-

verwaltung etwas in den Papierkorb schmeißen 
konntet.« Er drehte Keaveney den Rücken zu. »Bar-
ney, wo ist Dirk Prinsloo?« 

»Auf seinem Schiff.« 
»Rufen Sie ihn. Er soll sofort die Aldebaran  nach 

Kankads Stadt fliegen. Sobald er dort ist – das müßte 
um etwa 1100 sein – soll er so viele Kraganer an Bord 
nehmen, wie es nur eben geht, und sie nach Kon-
krook bringen. Von da ab steht er unter M'zangwes 
Befehl.« 

»Nach Konkrook?« heulte Keaveney. »Sind Sie 

wahnsinnig geworden? Brauchen wir hier vielleicht 
keine Verstärkung?« 

»Doch. Und ich werde versuchen, sie zu bekom-

men«, erwiderte von Schlichten. »Und wenn Sie uns 
jetzt nicht länger im Wege umgingen, wäre ich Ihnen 
wirklich sehr verpflichtet.« 

Er ging auf die andere Seite des Raumes hinüber, 

wo zwei Kraganer und das allgegenwärtige Mädchen 
in der orangen Jacke versuchten, einen großen run-
den TV-Schirm zu installieren. Dann warf er einen 
Blick auf die Landkarte, auf der Paula Quinton und 
Mrs. Keaveney nach dem, was ihnen eine Sergeantin 
von handgeschriebenen Notizzetteln vorlas, den je-
weils neuesten Stand der Dinge markierten. 

Ein junger Kraganer, der den unteren linken Arm 

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in einer Schlinge trug, reichte ihm eine Meldung. 
Guido Karamessinis, der Chef der Niederlassung in 
Grank, hatte endlich von sich hören lassen. In der 
Stadt selbst sei es ruhig, hieß es da, doch hätten Kö-
nig Yoorkerks Truppen den Lufthafen und die Docks 
mit den Schiffen Procyon und Northern Lights in ihren 
Besitz gebracht und schickten sich an, das Verwal-
tungsgebäude der Company einzukreisen. Er wollte 
wissen, was zu tun sei. 

Von Schlichten gelang es nach einiger Zeit, ihn auf 

den Bildschirm zu bekommen. 

»Es sieht so aus, als versuchte Yoorkerk, beide Kar-

ten gleichzeitig zu spielen«, sagte er. »Wenn die Re-
bellion niedergeschlagen wird, wird er sich hinterher 
als Ihr Freund und Beschützer aufspielen. Ziehen wir 
den Kürzeren, dann wird er ›znidd suddabit‹ rufen 
und Ihnen den Kragen umdrehen. Unternehmen Sie 
im Augenblick nichts gegen ihn. Wir können uns in 
der Richtung keine weiteren Fronten leisten. Sobald 
es geht, bekommen Sie Hilfe von uns.« 

Dann ließ er wieder eine Verbindung mit Krink 

herstellen. Ein rothaariges Mädchen mit Sommer-
sprossen um die Nase meldete sich. 

»Wie steht es bei Ihnen?« fragte er. 
»Bis jetzt nicht schlecht, General. Alle eingeborenen 

Soldaten halten zu uns, nicht nur die Kraganer. Jonk-
vank hat die Meuterer aus seinem Palast geworfen. 

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Die Straßen zwischen unserer Zentrale und seinem 
Palast sind noch in unserer Hand.« 

»Wer sind eigentlich die Aufrührer?« 
Sie nannte drei von Jonkvanks Regimentern. »Au-

ßerdem das, was es an Gesindel hier in der Stadt gibt, 
Priester einer Sekte, die zu Rakkeeds Jüngern gehört, 
und eine fünfte Kolonne aus Skilk. Mr. Shapiro kann 
Ihnen die Einzelheiten geben. Soll ich ihn rufen?« 

»Nicht nötig. Er hat sicher zu tun, und Sie machen 

Ihre Sache ja sehr ordentlich ... Wie lange, glauben 
Sie, würde es dauern, bis Sie alle Jonkvank-treuen 
Truppen in die Stadt bringen können?« 

»Mindestens einen Tag.« 
»Gut. Stehen Sie im Augenblick mit Jonkvank in 

Verbindung?« 

»Volle audiovisuelle Verbindung, Sir«, antwortete 

das Mädchen. »Einen Augenblick.« 

Er holte seinen Geek-Enunciator hervor. Farbige 

Flecken zuckten über den Bildschirm und ver-
schwanden wieder. Dann sah ihn das Sauriergesicht 
eines Ulleraners an. 

»Euer Majestät«, begrüßte ihn von Schlichten. 
Jonkvank sagte etwas, was so ähnlich wie von 

Schlichtens Name klang. »Der Anlaß unseres Ge-
sprächs ist betrüblich, General.« 

»Betrüblich für beide von uns, König Jonkvank; wir 

müssen einander beistehen. Ich höre, daß sich Ihre 

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Soldaten in Krink gegen Sie erhoben haben und daß 
sich Ihre loyalen Truppen weit außerhalb der Stadt 
befinden.« 

»Das ist das Werk meines Kriegsministers Hurk-

kurk, der im Solde König Firkkeds von Skilk steht. 
Mögen ihn Jeels lebendig verschlingen! Ich habe 
Hurrkurks Kopf hier irgendwo, wenn sie ihn sehen 
möchten. Aber das bringt meine loyalen Soldaten 
auch nicht schneller nach Krink.« 

»Die Köpfe toter Verräter interessieren mich nicht, 

König Jonkvank«, antwortete von Schlichten in einem 
Ton, der kaltblütige Grausamkeit ausdrücken sollte. 
»Zu viele Verräterköpfe sitzen noch auf Verräter-
schultern ... Welche Regimenter sind Ihnen ergeben, 
und wo stehen sie jetzt?« 

Alle befanden sich mindestens einhundertfünfzig 

Kilometer von Krink entfernt. 

»Das hat Hurrkurk fein eingefädelt; ich fürchte, Sie 

sind noch viel zu gnädig mit ihm verfahren«, sagte 
von Schlichten. »Ich werde die Northern Star nach 
Krink schicken. So, wie Ihre Regimenter verstreut 
sind, kann sie nur eines davon auf einmal in die Stadt 
transportieren. Welches wollen Sie zuerst haben?« 

Jonkvanks

 

Lippen,

 

bis

 

jetzt

 

grimmig

 

zusammenge-

preßt,

 

öffneten

 

sich

 

nun

 

zu

 

einem

 

Lächeln.

 

Er

 

stieß

 

ei-

nen

 

Freudenruf

 

aus,

 

der

 

klang,

 

als

 

laufe

 

ein

 

Junge

 

mit

 

einem Stock ratternd an einem Lattenzaun entlang. 

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»Gut, General! Gut!« quäkte er. »Das erste Re-

giment sollen die Mörder in Furnk sein; sie haben alle 
Gewehre wie Ihre Soldaten. Lassen Sie sie zum Gro-
ßen Palastplatz bringen. Dann die Totengräber  in 
Jeelznidd, und die ...« 

»Das hat Zeit, bis die Mörder da sind«, meinte von 

Schlichten. »Sie sind also in Furnk? Ich schicke die 
Northern Star sofort dorthin.« 

»Gut, General! Ich werde Ihnen das nicht verges-

sen! Und sobald die Arbeit hier getan ist, sende ich 
Ihnen Soldaten nach Skilk. Die Köpfe derjenigen, die 
sich an diesem Verrat beteiligten, sollen sich bald zu 
Bergen türmen!« 

»Ja. Wenn Sie mich jetzt entschuldigen wollen; ich 

werde die nötigen Orders geben ...« 

Beim Verlassen der Kabine stieß er fast mit Hidey-

oshi O'Leary zusammen. »Harry und Hassan sind 
beim Munitionfassen und haben mich abgesetzt. Wol-
len Sie sich mit uns die Lage ansehen?« 

»Nein, ich möchte, daß Sie nach Krink fliegen, so-

bald Harry wieder startbereit ist.« Er erläuterte O'-
Leary seine Absichten. »Ich nehme an, daß Sie diese 
Regimenter erst alarmieren müssen, bevor die Star sie 
aufnehmen kann. Und sobald sich die Dinge in Krink 
stabilisiert haben, veranlassen Sie Jonkvank, Truppen 
hierher zu schicken. Sie sind von mir autorisiert, 
Jonkvank zuzusagen, daß er die politische Kontrolle 

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über Skilk übernehmen kann, sobald wir Firkkeds 
Kopf auf den Abfallhaufen geworfen haben.« 

Jules Keaveney, der immer da zu sein schien, wo 

man ihn am allerwenigsten brauchen konnte, hörte 
das und stieß einen Entsetzensschrei aus. 

»General von Schlichten! Das ist eine politische 

Entscheidung! Sie haben gar nicht das Recht, derarti-
ge Versprechungen zu machen. In so einer Angele-
genheit bedarf es zumindest der Entscheidung des 
Generalgouverneurs!« 

»Bis uns Terra einen neuen Generalgouverneur 

schickt, nehme ich diesen Posten ein«, beschied ihn 
von Schlichten, der insgeheim Keaveney dafür dank-
bar war, daß er ihn an die Notwendigkeit eines sol-
chen Schrittes erinnert hatte. »Captain Malavez! Ge-
ben Sie sofort eine Mitteilung an alle Stationen hin-
aus: Nach dem Tod von Generalgouverneur Harring-
ton und Leutnant-Gouverneur Blount übernimmt Mi-
litärkommandeur Carlos von Schlichten mit soforti-
ger Wirkung die Funktion des Generalgouverneurs.« 
Er wandte sich Keaveney zu. »Sind Sie jetzt zufrie-
den?« 

»Nein. Sie haben keinerlei Recht, irgendeine Zivil-

funktion zu übernehmen, ganz zu schweigen von der 
allerhöchsten ...« 

Von Schlichten öffnete sein Pistolenhalfter und 

richtete die Waffe auf Keaveney. »Hier ist meine Be-

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rechtigung«, sagte er. »Sie wären gut beraten, sie 
nicht weiter anzuzweifeln.« 

Keaveney zuckte die Achseln. »Wie Sie meinen«, 

sagte er. »Aber daß sich die Uller-Company von so 
etwas beeindrucken läßt, glaube ich kaum.« 

»Die Uller-Company«, erwiderte von Schlichten, 

»sitzt sechseinhalb Parsecs von hier entfernt. Nach 
Terra und hierher zurück braucht ein Schiff zwölf 
Monate. Eine Funkmeldung ist in jeder Richtung ein-
undzwanzig Jahre lang unterwegs.« Er steckte die Pi-
stole wieder weg. »Vor kurzem haben Sie noch ge-
mault, wie nötig wir hier Verstärkung brauchen. Jetzt 
müssen wir eben den Satz von Clausewitz umdrehen 
und die Politik als eine Fortsetzung des Krieges mit 
anderen Mitteln sehen.« 

»Können wir denn lange genug aushalten, bis wir 

von Terra Hilfe bekommen?« fragte einer von Keave-
neys Untergebenen. 

»Bis wir von Terra Hilfe bekommen«, antwortete 

von Schlichten, »haben wir entweder diese Revolte 
niedergeschlagen, oder es gibt keinen lebenden Ter-
raner mehr auf Uller.« Keaveneys entsetzte Miene zu 
sehen, bereitete ihm fast sadistisches Vergnügen. 
»Wovon sollen wir denn ein ganzes Jahr leben?« frag-
te er. »An für menschlichen Verzehr geeigneter Nah-
rung gibt es auf diesem Planeten nur Vorräte für drei 
Monate. Wir brauchen die Farmen und die Tierge-

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webskulturen in Konkrook und die Farmen in Krink 
und die auf der Ebene von Skilk. Und wir brauchen 
Frieden und einheimische Arbeiter, um sie zu bestel-
len.« 

Eine Zeitlang sagte keiner ein Wort. Dann erinnerte 

Keaveney daran, daß in drei Monaten das nächste 
Schiff von Niflheim fällig war, und daß es sämtliche 
Terraner auf Uller evakuieren könne. 

»Wer auch nur versucht, an Bord dieses Schiffes zu 

gehen, den schieße ich persönlich über den Haufen«, 
versprach von Schlichten. »Schreibe sich das ein jeder 
hinter die Ohren. Wir werden diese Rebellion nieder-
schlagen, und wir werden Uller für die Company 
und die Terranische Föderation halten.« Er sah sich 
im Kreise um. »Und jetzt begeben sich alle wieder auf 
ihren Posten. Miss Quinton, mein Adjutant, Colonel 
O'Leary, wird, wie Sie eben gehört haben, einen Auf-
trag in Krink übernehmen. Ich möchte, daß Sie jetzt 
seine Funktion übernehmen. Für die Dauer dieses 
Krieges verleihe ich Ihnen Rang und Autorität eines 
Colonel.« 

Sie war wie vom Donner gerührt. »Aber ich verste-

he absolut nichts von militärischen Dingen. Hier gibt 
es sicher Dutzende von Leuten, die besser für so et-
was qualifiziert sind als ich ...« 

»Jawohl, und sie haben alle ihre Aufgabe, und ich 

müßte Ersatz für sie finden und Ersatz für ihren Er-

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satz. Bei Ihnen ist das nicht nötig. Und was Sie wissen 
müssen, werden Sie sehr schnell lernen.« Er warf ei-
nen Blick auf die Landkarte und die Verteilung der 
roten und weißen Pillen. »Als erstes rufen Sie bitte 
Jarman im Militärflughafen an. Er soll mir einen Air-
jeep mit Fahrer schicken. Ich möchte mir selbst ein 
Bild der jetzigen Lage machen. Barney, Sie vertreten 
mich während meiner Abwesenheit und weisen Co-
lonel Quinton ein.« 

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Zurück in die Flasche 

 
 

Er sah auf die Uhr und pumpte sich dann die stickige 
Luft und den Tabaksrauch der Sendestation aus den 
Lungen, während der leichte Airjeep auf die Straße 
niederging. Null-eins-fünf-zehn – seit dem Ausbruch 
der Meuterei waren zweieinhalb Stunden vergangen. 
Über dem Hospital konnte er den Flammenschein der 
brennenden Eingeborenen-Baracken sehen. Der 
stärkste Gefechtslärm kam aus der Richtung, wo sich 
der Maschinenpark und das Bergarbeiterlager befan-
den. 

Der Pilot, ein junger Leutnant mit vorwiegend ma-

layischen und polynesischen Rassemerkmalen, schob 
das gläserne Kabinendach zurück, um ihn einsteigen 
zu lassen. 

»Können Sie mit den Waffen hier umgehen, Sir?« 

fragte er. 

Von Schlichten bejahte mit einem Kopfnicken. Kei-

ne sehr schmeichelhafte Frage; aber der Junge hatte 
das Recht, sich zu vergewissern, ehe sie starteten. 

»Ja, das habe ich schon ein- oder zweimal ge-

macht«, untertrieb er. »Dann also los. Zuerst möchte 
ich sehen, was im Maschinenpark und im Arbeiterla-

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ger los ist.« Der Pilot zog den Aircar in die Höhe, 
hielt auf die Flammen, Explosionen und Magnesium-
lichter im Süden zu und ging auf volle Beschleuni-
gung. Das Fahrzeug schoß vorwärts und ging erst auf 
Schwebeflug, als das umkämpfte Gelände erreicht 
war. Auf der Landkarte im improvisierten Haupt-
quartier hatte sich ein Gemisch aus roten und weißen 
Pillen befunden. Es mußte dafür gesorgt werden, daß 
sein Stab von Lageveränderungen schneller unter-
richtet wurde, stellte er fest, denn das Gebiet war völ-
lig in der Hand von loyalen Truppen. Die meutern-
den Soldaten und Arbeiter waren in das provisori-
sche Camp zurückgedrängt worden, wo die Arbeiter 
auf ihren Abtransport in die Arktis zu warten pfleg-
ten. Wie er befürchtet hatte, war es den Aufrührern, 
von denen viele an Kontragravitations-Maschinen ge-
schult worden waren, gelungen, eine Anzahl von 
Lastfahrzeugen und Bulldozern in die Luft zu brin-
gen, wo sie sie offenbar als improvisierte Luftpanzer 
benutzen wollten. Allerdings schienen Jarmans 
Kampfschiffe rechtzeitig eingegriffen zu haben, denn 
sämtliche entwendeten Fahrzeuge lagen zerschellt am 
Boden. 

Der Gegenangriff, der sich im wiedereroberten Ma-

schinenpark formiert hatte, war beim Arbeitercamp 
auf erstaunlich heftige Gegenwehr gestoßen. Das war 
ein weiterer Beweis dafür, wie sehr Geheimdienst 

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und Polizei – und damit auch er selbst – bei der Erfül-
lung ihrer Aufgabe, das sich zusammenbrauende 
Gewitter rechtzeitig zu erkennen, versagt hatten. Na-
türlich war es praktisch unmöglich zu verhindern, 
daß Ulleraner einheimische Waffen wie Messer, 
Schwerter, ja sogar Bogen und Luftgewehre besaßen, 
und mit einer gewissen Anzahl von auf Volund her-
gestellten automatischen Pistolen mußte man rech-
nen. Aber der Großteil des Abwehrfeuers kam offen-
sichtlich von Militärgewehren, und manchmal konnte 
er auch das gleichmäßige Flackern eines Maschinen-
gewehres oder die Flammenstöße von rückstoßfreien 
Gewehren oder Bazookas erkennen. Selbst wenn ei-
nige dieser Waffen von Meuterern des Fünften Kaval-
lerie-Regiments dorthin gebracht worden waren, wa-
ren es doch noch viel zu viele. In mäßiger Höhe über 
dem Kampfgeschehen schwebend, sah er sechs lange 
Truppentransporter landen und kraganische Schüt-
zen ausspeien, die nach der Brechung des Widerstan-
des in den Unterkünften der Eingeborenentruppe 
freigeworden waren. Ein wenig später stellten sich 
nacheinander vier Airtanks ein und feuerten aus ih-
ren 90-mm-Geschützen. Ihnen folgten zwei Kampf-
schiffe mit ihren Raketen und Automatik-Kanonen. 
Die leichten Titaniumhütten, die mit den Arbeitern 
nach Norden gebracht werden sollten, waren inner-
halb weniger Augenblicke fast völlig zerstört. Weg 

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mit den weißen Pillen, dachte er. Zurück in die Fla-
sche damit. In diesem Jahr würde es keinen Bergbau 
am Nordpol geben. Und nächstes Jahr würden die 
Aktionäre um ihre Dividende jammern. Und eine 
ganze Menge neuer Maschinisten mußte für das 
nächste Jahr ausgebildet werden. Falls es im nächsten 
Jahr überhaupt Bergbau gab. Er griff zum Mikrofon 
und rief den Maschinenpark an. 

»Von Schlichten. Ich bin direkt über Ihnen. Sind Sie 

das, Major Falkenberg? Sieht gar nicht so schlecht 
aus, Major. Haben Sie Verluste?« 

»Nicht allzu schlimm. Zwanzig bis dreißig Kraga-

ner und loyale Skilkaner sowie acht Terraner getötet; 
ebenso viele verwundet.« 

»Gar nicht schlecht unter den Umständen. Wieviele 

Hipposaurier-Reiter haben Sie?« 

»Zirka hundert; viele Saurier wurden erschossen, 

als wir sie aus den Ställen holten.« 

»Ich sehe ganze Kolonnen von Geeks, die vom Ar-

beitercamp auf den Fluß zumarschieren. Greifen Sie 
an mit allem, was Sie an Kavallerie und Kontragravi-
tationsschiffen haben. Ich werfe ein paar Fackeln ab, 
damit Sie die Position erkennen.« 

»Gut«, antwortete Falkenberg. »Mache ich sofort, 

General.« 

»Und holen Sie die Bergbaumaschinen aus dem 

Park. Wir können sie sowohl in der Luft als auch zum 

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Barrikadenbau benützen. Vor allem dürfen sie nicht 
den Geeks in die Hände fallen. Ich schicke Ihnen Hil-
fe.« 

»Ist nicht nötig, Sir. Ich habe etwa einhundertfünf-

zig loyale Nord-Ulleraner – Aufseher und Techniker 
– die kriegen das schon hin.« 

»Gut. Lassen Sie das Zeug hinter die Unterkünfte 

der Eingeborenentruppe bringen und zwischen das 
Kraftwerk und die Verwaltungsgebäude.« Der Leut-
nant drückte auf ein paar Knöpfe. 

»Jetzt kommen die Fackeln.« 
Sofort waren ein paar Airjeeps da, die sich auf die 

fliehenden Feinde stürzten. Eine Anzahl von Kraga-
nern galoppierte auf Hipposauriern auf das Licht der 
Fackeln zu. 

»Und jetzt sehen wir uns mal bei den Wartungshal-

len um«, sagte er. »Und dann bei der Reservation, 
etwa vier, fünf Kilometer von hier. Das Verhalten von 
Firkkeds Armee kommt mir merkwürdig vor.« 

Der Pilot sah ihn an. »Das hat mich auch schon be-

schäftigt, Sir«, sagte er. »Mir ist unbegreiflich, warum 
er uns noch nicht angegriffen hat. Natürlich braucht 
es Zeit, bis sich eine dieser Geek-Armeen in Bewe-
gung setzt, aber ...« 

»Er hofft eben, daß die Eingeborenentruppe und 

die Bergarbeiter allein mit uns fertig werden«, sagte 
von Schlichten. »Für die Dummheit und Furchtsam-

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keit unserer Feinde können wir wirklich Gott danken. 
Wäre Firkked mit ein paar Regimentern bereitgestan-
den, als das Zehnte Regiment und die Zirks meuter-
ten, dann hätte er uns in zwanzig Minuten überrollt, 
und wir wären jetzt alle einen Kopf kürzer.« 

Der Airjeep ging tiefer; der Pilot machte das Schie-

befenster neben sich auf. Drunten, ein wenig nördlich 
des Reservats, war alles ruhig. Dann, ein paar Kilo-
meter östlich des Reservats, hörte von Schlichten 
plötzlich etwas – das dumpfe Geräusch einer größe-
ren Masse, die sich da fortbewegte. 

»Hören Sie das, Leutnant?« fragte er. »Halten Sie 

darauf zu – etwa tausend Fuß Höhe. Wenn wir direkt 
darüber sind, werfen Sie ein paar Fackeln ab.« 

»Ja, Sir.« Der Pilot hatte seine Stimme zu einem 

Flüstern gedämpft. »Das sind Geeks. Sie wollen zum 
Reservat.« 

»Vielleicht ist es Firkkeds Armee«, dachte von 

Schlichten laut. »Oder vielleicht der Mob aus der 
Stadt.« 

Die Geräusche wurden jetzt klarer, lauter. Er nahm 

das Mikrofon und stellte die Frequenz des Militär-
flughafens ein. 

»Von Schlichten; grüßen Sie Colonel Jarman. Fünf 

Kilometer östlich des Reservats befindet sich eine 
größere Kolonne Geeks auf der Straße nach Skilk. 
Möglicherweise sind es auch Soldaten Firkkeds. 

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Schicken Sie sofort Kampfschiffe hinüber. Wir werfen 
Fackeln ab. Und Jarman soll den Hoork-Fluß durch 
Patrouillen abfliegen lassen. Vielleicht sind das nicht 
die einzigen Besucher, die da zu uns unterwegs 
sind.« 

Die Geräusche kamen jetzt direkt von unten. Der 

Leutnant sagte: »Die Fackeln, Sir.« 

Von Schlichten schloß die Augen und öffnete sie 

dann langsam wieder. Der Pilot hatte den Aircar nach 
dem Abwurf der Fackeln in einem Looping nach 
oben gezogen und ging jetzt im Sturzflug nach unten. 
Den Fuß auf dem Maschinengewehrpedal, die Finger 
an den Raketenauslösern, starrte von Schlichten 
durch das Visier. Unten wimmelte es von Geeks, die 
jetzt wie erstarrt stehengeblieben waren und hypnoti-
siert zu den Lichtern hinaufstarrten. Eine Sekunde 
später hatten sie sich gefaßt und feuerten – nicht auf 
den Airjeep, sondern auf die vier brennenden Ma-
gnesiumkugeln. Von Schlichten trat auf das Pedal 
und drückte auf Auslöseknöpfe. Als sie die Geeks 
hinter sich gelassen hatten, waren noch vier Raketen 
in seinen Rohren. 

»Noch einmal das schöne Spiel. Selbe Richtung.« 
Der Pilot flog eine schnelle Rolle und stieß von der 

anderen Seite auf die Geeks hinunter, die sich inzwi-
schen umgedreht hatten und in die Richtung starrten, 
wo sie den Airjeep zuletzt gesehen hatten. Wieder 

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nahm sie von Schlichten unter Beschuß. Dieses Mal 
feuerten die Geeks zurück. Als der Airjeep einen 
Treffer erhielt, drehte der Pilot sofort ab. 

»Verdammt, was machen Sie da?« Von Schlichten 

hatte den Fuß vom Maschinengewehrpedal genom-
men. »Haben Sie Angst vor den Knallfröschen, mit 
denen die schießen?« 

»Es ist nicht wegen dem Fahrzeug oder wegen mir, 

Sir«, antwortete der Leutnant mit der betonten Förm-
lichkeit eines weit rangniedrigeren Offiziers, der sei-
nen Vorgesetzten berichtigt. »Allerdings scheue ich 
mich, meinen Passagier in Gefahr zu bringen. Gene-
räle wachsen nun einmal nicht auf den Bäumen, Sir; 
und als Schießbudenfiguren sind sie auch nicht ge-
dacht.« 

Natürlich hatte er recht. Von Schlichten räumte das 

ein. »Ja, ich bin zu alt für solche Cowboy-Spiele«, sag-
te er. »Also zurück zum Sender.« 

Während seiner Abwesenheit hatte jemand eine 

TV-Kamera auf einem Kontragravitationslifter instal-
liert, der jetzt, mit einem starken Tensilon-Kabel am 
Boden verankert, etwa sechshundert Meter über dem 
Boden schwebte. Auf dem runden Bildschirm war 
das ganze Reservat der Company zu sehen mitsamt 
der perspektivisch verkürzten Umgebung, bis hin zu 
den fernen Lichtern von Skilk. Ein großes Reliefmo-
dell des Geländes, das man aus dem Büro des Chef-

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ingenieurs herbeigeschafft hatte, ersetzte jetzt die 
Landkarte. Sandwiches kauend und Kaffee trinkend 
saßen Paula Quinton, Barney Modkovitz, Colonel 
Cheng-Li und – auffallend ruhig – Jules Keaveney 
vor dem Bildschirm. Ein halbes Dutzend Terraner 
beiderlei Geschlechts brachten in fieberhafter Eile Po-
sitionsmarkierungen auf dem Geländemodell an. Ei-
ner von Captain Inez Malavez' Leuten nahm über 
Kopfhörer die Lageberichte auf. Alles lief wie eine 
gut geölte Maschinerie. 

Auf dem Bildschirm waren, in helles Licht ge-

taucht, das Zentralgebäude des Schiffsdocks, der 
Lufthafen, der Raumhafen, die Reparaturwerkstätten 
und Wartungshallen zu sehen. Die Markierungen auf 
dem Geländemodell wiesen letztere als wieder völlig 
in den Händen der Company befindlich aus. Der 
größte Teil der für die Minen am Nordpol bestimm-
ten Maschinen war bereits in Sicherheit gebracht 
worden. Der Rest des Kreises war dunkel – bis auf die 
fernen Lichter von Skilk, wo das Kernkraftwerk of-
fenbar immer noch funktionierte. 

Dann, ohne Vorwarnung, flammte südwestlich von 

Skilk ein weißer Lichtblitz auf, gefolgt von noch ei-
nem, dann noch einem. Von Schlichten warf einen 
Blick auf die Reihe der kleineren Bildschirme. Auf ei-
nem davon sah er ein Detailbild der Stelle, aufge-
nommen von einem patrouillierenden Airjeep. 

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Die Armee König Firkkeds von Skilk war zu guter 

Letzt auf den Plan getreten. Die Szene auf dem 
Schirm ähnelte der, die er vorher selbst im Airjeep er-
lebt hatte. Die skilkanischen Truppen waren in diszi-
pliniertem Marsch vorgerückt. Aber sie hatten den-
selben Fehler gemacht wie der Mob, den die Terraner 
nördlich des Reservats niedergemacht hatten. Nicht 
an Angriffe aus der Luft gewöhnt, waren sie alle ste-
hengeblieben und starrten offenen Mundes nach 
oben. Allerdings hatte eine mit terranischen Waffen 
ausgerüstete Kompanie das Feuer eröffnet, noch ehe 
der Aircar sich wieder entfernt hatte. 

Auf dem großen Schirm war zu sehen, daß Colonel 

Jarman die meisten der ihm verfügbaren Kontragra-
vitationsschiffe auf sie geworfen hatte. Neue Licht-
blitze zuckten auf, und die Feuerspuren von Raketen 
kurvten nach unten, um auf dem Boden in grellen 
Entladungen zu enden. 

Auf dem kleinen Bildschirm erkannte man jetzt, 

daß die Truppenformationen auf der Straße und links 
und rechts davon in den Feldern auseinandergebro-
chen waren. Zuerst sah es aus wie Panik. Doch dann 
wurde klar, daß Offiziere den einzelnen Gruppen der 
Flüchtigen Order gaben, sich zu zerstreuen. Jetzt wa-
ren etwa zehn bis zwölf Gefechtsschiffe und etwa 
zwanzig Airjeeps im Einsatz. Auf dem unruhigen 
Bild des Kamerafahrzeugs sah er, wie eine schwere 

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Rakete inmitten einer Gruppe einschlug, die sich mit 
Handfeuerwaffen zur Wehr zu setzen versuchte. 

»Nur feste drauf«, grunzte Barney Modkovitz mit 

vollem Mund. »Gebt's ihnen ordentlich; so eine Gele-
genheit kriegt ihr so schnell nicht wieder.« 

»Warum nicht?« wollte Colonel Paula Quinton 

wissen. Ihr militärisches Wissen war gewachsen, 
doch hatte sie noch einige Lücken zu füllen. 

»Beim nächsten Luftangriff werden sie nicht mehr 

wie die Salzsäulen stehenbleiben«, antwortete Mod-
kovitz. »Wie Sie bemerkt haben werden, war das 
eben schon nicht mehr bei allen der Fall.« 

Auf dem großen Bildschirm flackerte in der Ge-

gend des Hoork River Mündungsfeuer auf. Auf dem 
kleinen Schirm, der das mit der Kamera des Airjeeps 
aufgenommene Bild gezeigt hatte, wurde es dunkel. 
Auf dem großen Schirm sah man, wie irgend etwas 
trudelnd abstürzte. Fast im gleichen Moment 
schossen dreißig bis vierzig Raketenspuren auf die 
Stelle zu, von der das Geschoß gekommen war. 

»Sie hatten eine 75-mm am hinteren Ende der Ko-

lonne«, rief jemand. »Leutnant Kalanangs Jeep wurde 
getroffen; Leutnant Vermaas schaltet sich gleich auf 
seine Wellenlänge.« 

Auf dem kleinen Schirm wurde es wieder hell. Auf 

dem großen Schirm leuchteten jetzt Magnesiumlich-
ter über der Stelle, wo sich das Geschütz der Skilka-

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ner befunden hatte. Der kleine Schirm zeigte ein mit 
Kratern durchsetztes Stoppelfeld und die Leichen 
von zwei Dutzend Eingeborenen. Eine zerborstene 
75-mm-Kanone lag auf der Seite. 

»Soviel wir wissen, war das Firkkeds einziges 75er-

Geschütz«, sagte Colonel Cheng-Li. »Aber er hat 
mindestens sechs, möglicherweise bis zu zehn 40er. 
Merkwürdig, daß wir von denen noch nichts gesehen 
haben.« 

»Nun, wissen kann man es nicht«, sagte Jules Kea-

veney, »aber ich halte für möglich, daß sich alle bei 
seinem Palast befinden. Firkked weiß ungefähr, wie-
viel Kontragravitationsschiffe wir haben. Wahr-
scheinlich wundert er sich, daß wir ihn nicht bom-
bardieren.« 

»Er weiß nicht, daß wir König Jonkvank den Palast 

für eine Armee verkauft haben«, sagte von Schlich-
ten. »Wieviele Kontragravitationsschiffe könnte denn 
Firkked für einen Angriff auf uns zusammenkratzen? 
Ich erwarte jeden Moment eine Geek-Luftwaffe hier.« 

Colonel Cheng-Li starrte einen Moment auf seine 

Zigarettenspitze. »Firkked persönlich hat drei zehn-
sitzige Aircars, etwas ähnliches wie einen Truppen-
transporter für seine Höflinge, vier Airjeeps mit je 
zwei 15-mm-Maschinengewehren und zwei große 
Lastschiffe. Möglicherweise sind zweihundert Fahr-
zeuge aller Art in Skilk und Umgebung; manche da-

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von befinden sich aber in den Händen von Eingebo-
renen, die auf unserer Seite stehen. Ich kann die Zah-
len vom Polizei-Hauptquartier besorgen.« 

»Außerdem hat er Thermokonzentrat-Brandsätze 

und Sprengbomben«, fügte von Schlichten hinzu. 
»Colonel Quinton, setzen Sie sich bitte mit Ed Wal-
lingsby, dem Chefingenieur, in Verbindung. Ich er-
nenne ihn zum Colonel. Er soll dieses Gebäude luft-
angriffsicher machen. Die Geeks, die Leavitt gefangen 
genommen hat, können Splittergräben ausheben, 
Sandsäcke füllen und so weiter. Mr. Keaveney, Sie 
machen hier eine Art Luftschutzorganisation. Sie 
werden mit dem auskommen müssen, was niemand 
anderer will. Setzen Sie sich mit Colonel Jarman und 
Colonel Wallingsby ins Benehmen. Denken Sie an al-
les, was hier bei einem Luftangriff schiefgehen könn-
te, und tun Sie im voraus etwas dagegen.« 

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10 

 

Die Geek-Luftwaffe und der kraganische Airlift 

 
 

Um 0245 begann in der nordwestlichen Ecke des Re-
servats ein Angriff auf die Sprengstoffmagazine. Er 
erwies sich als relativ schwach. Zwar kostete es eine 
erhebliche Menge Munition, ihn abzuschlagen, aber 
nur geringe Verluste unter den Verteidigern. Gegen 
Tagesanbruch hörten die Angriffe ganz auf. 

In der Zwischenzeit hatte sich Themistokles 

M'zangwe aus Konkrook gemeldet. Auf dem Bild-
schirm war zu sehen, daß er den linken Arm in einer 
Schlinge trug. 

»Was zum Teufel haben Sie denn da angestellt?« 

wollte von Schlichten wissen. 

»Pfeilschuß, vor etwa einer halben Stunde. Ein we-

nig weiter rechts, und Brigadier-General Colbert 
würde jetzt statt meiner mit Ihnen sprechen.« 

»Nur gut, daß der Pfeil keine Nitro-Kapsel hatte. 

Wie steht's bei Ihnen? Sind schon Leute von Kankad 
da?« 

»Ja, ungefähr sechshundert. Sie kamen in dem ver-

rücktesten Sammelsurium von Fahrzeugen, das ich 
jemals gesehen habe. Kankad hat alles aufgeboten, 
was er überhaupt an Kontragravitationsschiffen hat. 

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Es ist geradezu ein umgekehrtes Dünkirchen. Kankad 
will, sobald er kann, selber kommen. Die Geeks hier 
haben sich eine eigene Luftflotte zugelegt – Lastboo-
te, Aircars und so weiter – und bombardieren uns 
hier und die Festlandfarm, hauptsächlich mit Nitro-
glycerin. Ungefähr zwanzig von ihnen haben wir ab-
geschossen, aber es kommen immer noch welche. 
Aber wir sitzen auch nicht auf unseren Händen und 
haben schon eine Anzahlung für Eric Blount und 
Hendric Lemoyne abgeliefert. Haben einen Fünfzig-
Tonnen-Tank mit Thermokonzentrat gefüllt, ihn mit 
einem Zünder versehen und ihn mit der Elmoran über 
der keegarkanischen Botschaft abgeworfen. Der Be-
hälter muß mitten im Haupthof gelandet sein; inner-
halb zehn Sekunden kamen Flammen aus jedem Fen-
ster.« Seine Miene verdüsterte sich. »Aber etwas 
Schlimmes ist auch passiert«, sagte er. »Nach den an-
deren haben auch Fürst Jaizerds Leute gemeutert; sie 
drangen ins Hospital ein und schlachteten alles ab – 
Patienten, Ärzte und Pfleger. Die Kraganer kamen zu 
spät, haben aber die Meuterer vernichtet. Jaizerd 
selbst war der einzige, den sie lebend bekamen, aber 
er blieb es nicht lange.« 

»Wie kommen Sie mit der Zivilverwaltung aus?« 
M'zangwe verzog das Gesicht zu einer Grimasse. 

»Bis jetzt habe ich noch niemanden festnehmen müs-
sen. Aber Buhrmann mußten wir mit Gewalt vom 

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Kommunikator fernhalten. Er wollte Sie anrufen und 
Ihnen die Hölle heiß machen, weil Sie nicht alle im 
Norden befindlichen Leute nach Konkrook evakuiert 
haben.« 

»Ist der wahnsinnig?« 
»Nein, er hat nur Schiß. Sie lassen uns alle nachein-

ander abmurksen, sagt er, statt Konkrook zu retten, 
indem wir uns dort konzentrieren.« 

»Sagen Sie ihm, daß ich diesen Planeten halten 

würde, und nicht nur eine Stadt. Ich  fühle mich der 
Company und ihren Aktionären verpflichtet, falls das 
bei ihm nicht so sein sollte. Drücken Sie es so aus, 
und er wird es vielleicht verstehen.« 

»Ja; bei Meyerstein werde ich auch so verfahren; er 

ist ganz aus dem Häuschen über das, was das Ban-
kenkartell bei dieser Geschichte verliert ... Also, so-
bald es was Neues gibt, melde ich mich wieder.« 

Gegen 0330 wurde es hell. Die Angriffe auf die 

Nordwestecke des Geländes hörten gänzlich auf. 
Wallingsby hatte gut dreihundert skilkanische Arbei-
ter in Bewegung gesetzt. Jules Keaveney leistete zu 
von Schlichtens freudiger Überraschung gute Arbeit 
als Luftschutzorganisator. Colonel Jarmans Airjeeps 
und Gefechtsschiffe schwärmten in immer weiteren 
Kreisen aus und säuberten den Luftraum. Und Paula 
Quinton brachte es neben ihrer anderen Arbeit fertig, 
eine knappe, aber vollständige Zusammenfassung 

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der Lage in den anderen von Terranern besetzten Ge-
bieten des Planeten zu erstellen. 

Die Situation in Konkrook schien sich zu bessern. 

Nahezu zweitausend Kraganer, darunter Kankad 
selbst, befanden sich jetzt auf Gongonk Island und 
den Festlandfarmen. Die Aldebaran  war in Kankads 
Stadt, um weitere tausend Kraganer an Bord zu neh-
men ... Aus Keegark kam nichts mehr. Im Morgen-
grauen hatte Colonel MacKinnon noch gemeldet, daß 
die Geeks seine letzten Widerstandsnester bedräng-
ten und daß er im Begriffe sei, die Residenz in die 
Luft zu sprengen. Dann trat Funkstille ein ... Um 0730 
war die Northern Star mit den Mördern  beim Palast 
von Krink gelandet und hatte um 0845 ein weiteres 
Regiment abgesetzt. Und noch zwei. Guido Karames-
sinis in Grank befand sich in einem unsicheren Frie-
denszustand mit König Yoorkerk, der sich noch nicht 
hatte entscheiden können, ob die Rebellen oder die 
Company die Oberhand behalten würde, und sich 
deshalb vor allzu gewagten Schritten in jeder Rich-
tung hütete ... 

Um 1100 befahlen ihm Paula Quinton und Modko-

vitz regelrecht, sich schlafenzulegen. Er zog sich in 
sein Quartier in der Zentrale der Company zurück, 
kippte einen dreistöckigen Honigrum und schlief bis 
1600. Während er sich rasierte und anzog, konnte er 
durch das offene Fenster Gewehrfeuer, das wumm-

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wumm-wumm  von 40-mm-Automatik-Kanonen und 
das Hämmern eines Maschinengewehrs hören. 

Als er zu seinem Kommandostand im Sendege-

bäude zurückkehrte, sah er, daß sich ihre Stellungen 
im Nordwesten weiter vorgeschoben hatten. »Wo ist 
Colonel Quinton?« fragte er. »Die wäre jetzt für ein 
Nickerchen an der Reihe.« 

»Ist schon dabei«, antwortete Major Falkenberg. 

»Colonel Guilliford ist im Hospital, wurde etwa um 
1300 verwundet. Man befürchtet, daß ihm ein Bein 
amputiert werden muß.« 

»Sehr betrüblich.« Er deutete auf die Nordwestecke 

des Bildes auf dem TV-Schirm. »Wessen Idee war 
das?« fragte er. »Guter Gedanke; ich hätte selbst dar-
auf kommen sollen.« 

»Ihre neue Adjutantin«, grinste Falkenberg. »Sie 

fragte irgend jemand, was diese großen Kuppeln dort 
drüben bedeuten. Als sie hörte, daß sich zehntausend 
Tonnen Thermokonzentrat, fünftausend Tonnen 
Sprengstoff und fünf Tonnen Plutonium darunter be-
finden, fiel sie beinahe in Ohnmacht. Und dann gab 
sie diesen Befehl.« 

Aus Krink war zu hören, daß die Northern Star wei-

ter loyale Truppen einflog. König Jonkvank, mit dem 
von Schlichten sprach, war bester Stimmung. 

»Wir töten die Verräter, wo immer wir sie finden!« 

jubelte er. »Die Stadt ist ganz gelb von ihrem Blut! 

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Überall türmen sich ihre Köpfe zu Bergen! Und in 
Skilk?« 

»Auch wir haben viele ausgeschaltet«, prahlte von 

Schlichten. »Und heute abend geht es noch vielen an-
deren an den Kragen. Wir bereiten Bomben größter 
Zerstörungskraft vor, die wir auf Skilk niederprasseln 
lassen werden, bis kein Stein mehr auf dem anderen 
bleibt und auch nicht das kleinste Kind mehr am Le-
ben ist!« 

Jonkvank reagierte wie erwartet. »O nein, General; 

tun Sie das nicht! Ich habe Ihr Wort, daß Sie Skilk mir 
überlassen werden. Soll ich einen Trümmerhaufen 
voller Leichen bekommen?« 

Von Schlichten zuckte die Achseln. »Ist man stark, 

kann man seine Feinde mit der Peitsche züchtigen. Ist 
man schwach, dann kann man sie nur töten. Hätte ich 
hier fünftausend Soldaten mehr, dann ...« 

»Oh, ich schicke Soldaten, sobald es nur geht«, be-

eilte sich Jonkvank zu versichern. »Meine besten Re-
gimenter: Die Mörder, die Kannibalen, die Scharfrichter 
... Aber ich kann jetzt, nachdem wir diese verwerfli-
che Revolution hier gestoppt haben, die Stadt nicht 
von Truppen entblößen und riskieren, daß der Auf-
stand von neuem ausbricht.« 

Von Schlichten nickte. Jonkvank hatte durchaus 

recht; auch er selbst würde so argumentiert haben. 

»Nun, schicken Sie so viele wie möglich hier rüber, 

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sobald es geht«, sagte er. »Wir werden versuchen, in 
Skilk so wenig Schaden wie möglich anzurichten, 
aber ...« 

Der lange Nachmittag des nördlichen Herbstes zog 

sich hin. Um 2200 ging schließlich die Sonne unter; 
eine Stunde später wurde es völlig dunkel. Längere 
Zeit herrschte unheildrohende Ruhe. Und dann, um 
0030 begann die Attacke der Feinde. Sie trieben ganze 
Herden der sechsbeinigen Fleischtiere in die Minen-
felder und gegen die elektrischen Zäune, die jetzt das 
gesamte von der Company gehaltene Areal umgaben, 
um Breschen zu schlagen. 

Hinter ihnen kamen skilkanische Soldaten. Jarman 

warf fünfzehn seiner noch verbliebenen zwanzig Air-
jeeps und fünf Kampfschiffe in das Gefecht. Kaum 
waren sie gestartet, als die Radarstation des Handels-
flughafens sich von Norden her nähernde Flugkörper 
meldete. Sirenen begannen zu heulen. Scheinwerfer 
flammten auf. 

Die Panzertüren und -jalousien der zum Schutz vor 

den extremen Sommer- und Wintertemperaturen 
sehr dickwandig erstellten Gebäude wurden elek-
trisch geschlossen. Noch ehe die Angreifer – vier 
ganz gewöhnliche, nachträglich mit Maschinenge-
wehren bestückte Aircars und zehn zu Bombern um-
gerüstete Transportfahrzeuge – ihr Zielgebiet erreicht 
hatten, fielen sie bis auf einen der Airjeeps dem kon-

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zentrierten Abwehrfeuer zum Opfer. Als auch der 
Bodenangriff abgeschlagen war, schickte von Schlich-
ten alle seine verfügbaren Kontragravitationsschiffe 
in die Luft und begann Skilk mit 90-mm-Geschützen 
zu beschießen. Zahlreiche Brände brachen dort aus, 
und gegen 0200 stand der Feuerschein himmelhoch 
über der Stadt. 

»Das ist Firkkeds Thermokonzentrat-Vorrat«, sagte 

er zu Paula, die neben ihm vor dem Bildschirm stand. 

Eine halbe Stunde später mußte er feststellen, daß 

er zu optimistisch gewesen war. Ein großer Teil des 
terranischen Thermokonzentrats war vernichtet wor-
den. Dennoch blieb den Feinden genug, das Reservat 
und die Gebäude der Company mit Brandsätzen zu 
überschütten, als ein halbes Hundert Lastfahrzeug-
Bomber und fünfzehn Aircars den zweiten Luftan-
griff vortrugen. Den ersten Angriff hatte von Schlich-
ten auf dem Bildschirm im Sendegebäude verfolgt. 
Jetzt befand er sich auf einem Inspektionsgang in den 
Depots und hatte das zweifelhafte Vergnügen, den 
zweiten Luftangriff ungeschützt dort zu erleben. Wie 
beim erstenmal fand auch jetzt ein gleichzeitiger Vor-
stoß der feindlichen Truppen im Süden statt. Die 
meisten der angreifenden Kontragravitationsfahr-
zeuge wurden abgeschossen; mindestens zwei Dut-
zend davon stürzten auf das Gelände des Reservats. 
Es war bereits heller Tag, als die letzten Reste der 

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feindlichen Bodentruppen getötet oder zurückge-
schlagen waren. 

Nicht lange danach erschien die gewaltige Northern 

Star am westlichen Horizont. 

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11 

 

Von eroberten Fürstentümern 

 
 

Als von Schlichten wieder den Sender betrat, meldete 
sich eben Colonel Khalid ib'n Talal von Bord des an-
fliegenden Schiffes. 

»Ich komme mit einem von Jonkvanks Regimen-

tern, den Scharfrichtern, bewaffnet mit terranischen 9-
mm-Gewehren und einigen Bazookas. Des weiteren 
bringe ich eine Kompanie Zirks mit ihren Reittieren 
und ein Bataillon der Sechsten Eingeborenenarmee. 
Außerdem habe ich vier mit Terranern bemannte 90-
mm-Geschütze. Wie ist bei Ihnen die Lage, General, 
und wo soll ich landen?« 

Von Schlichten erläuterte kurz den Stand der Din-

ge. »Versuchen Sie, westlich der Trümmer des Arbei-
ter-Camps niederzugehen«, beschied er ib'n Talal. 
»Der größte Teil von Firkkeds Armee befindet sich in 
diesem Abschnitt, und ich möchte, daß sie sobald wie 
möglich von dort verjagt werden. Sie bekommen von 
uns jede nur mögliche Unterstützung.« 

Bis nach Krink waren es achthundert Kilometer. 

Drei Stunden, nachdem sie wieder gestartet war, 
brachte die Northern Star zwei weitere von König 
Jonkvanks Infanterieregimentern. Kurz nach 1300, als 

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der vierte Transport von Krink anlangte, waren die 
feindlichen Truppen bis über den Hoork River zu-
rückgeschlagen. Dieses letzte Verstärkungskontin-
gent war in den östlichen Vororten von Skilk abge-
setzt worden und begann, sich von dort in die Stadt 
zu kämpfen. 

Daß die Befriedung von Skilk nicht ebenso rasch 

erfolgen konnte, wie von Schlichten es wünschte – 
daran konnte kein Zweifel bestehen. Straßenkämpfe 
gegen einen derart erbitterten Feind sind immer 
schwierig. Von Schlichten entschloß sich, den Palast 
selbst durch die Northern Star angreifen zu lassen und 
– gegen den Widerstand von Paula Quinton, Jules 
Keaveney und Barney Modkovitz – die Operation 
persönlich zu leiten. 

Über der Stadt angekommen, stellte er fest, daß die 

Zirk-Kavallerie von Krink bis auf etwa tausend Meter 
an den Palast herangekommen war und, unterstützt 
durch Infanterie, Kontragravitationsschiffe und eini-
ge Airtanks, eine Massierung von Skilkanern unter 
Beschuß nahm, deren mangelnde Uniformierung es 
unmöglich machte, zwischen Soldaten und zivilen 
Stadtbewohnern zu unterscheiden. Nur sehr wenige 
von ihnen hatten, wie er durch das Fernglas feststell-
te, Gewehre. Eine größere Anzahl von Bogenschützen 
befand sich darunter. Beide Waffen konnten aus 
fünfzig Meter Entfernung einen Terraner ganz, einen 

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Ulleraner zur Hälfte durchbohren. Aber aus über 
hundert Meter Entfernung waren sie schon fast harm-
los. Einige durch das Bombardement der vorherge-
henden Nacht verursachte Brände flackerten noch. 
Firkkeds Thermokonzentrat-Vorräte waren allerdings 
längst erloschen. Nur noch schwarze, leblose Trüm-
mer waren in dieser Gegend übrig. 

Das Schiff ließ sich auf dem Dach des Palastes nie-

der, während die sechs begleitenden Kampfboote 
ihm Feuerschutz gaben. Noch bevor es ganz aufge-
setzt hatte, sprangen Kraganer heraus, rannten zu 
den Treppenhäusern und warfen Handgranaten hin-
ein. 

Die Eroberung des Palastes kostete hohe Verluste. 

Firkkeds Soldaten und Höflinge, die sehr wohl wuß-
ten, wie wenig Gnade sie hätten walten lassen, wären 
sie selbst die Angreifer gewesen, verteidigten sich 
verzweifelt. Stockwerk für Stockwerk, Korridor auf 
Korridor, Raum für Raum mußten sie niedergemacht 
werden. Am Portal des Thronraums kam es zu einem 
besonders erbitterten Kampf. Schließlich mußten von 
Schlichten und seine Kraganer über Haufen von To-
ten klettern, um hineinzugelangen. 

An

 

Gnade

 

und

 

Erbarmen

 

war

 

jetzt

 

nicht

 

mehr

 

zu

 

denken.

 

Nordullersche

 

Adelige

 

ergaben

 

sich

 

nicht

 

un-

ter

 

den

 

Augen

 

ihres

 

Königs,

 

und

 

nordullersche

 

Könige

 

gaben

 

ihren

 

Thron

 

nicht

 

lebend

 

preis.

 

Von

 

Schlichten

 

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dachte

 

an

 

die

 

Tradition,

 

die

 

verlangte,

 

daß

 

ein

 

König

 

nur

 

im

 

persönlichen

 

Kampf

 

mit

 

dem

 

feindlichen

 

An-

führer

 

fallen

 

durfte,

 

durch

 

den

 

Stahl.

 

Mit

 

einem

 

Breit-

schwert,

 

das

 

er

 

im

 

Treppenhaus

 

an

 

sich

 

gerissen

 

hatte,

 

kämpfte

 

sich

 

von

 

Schlichten

 

zum

 

Thron

 

vor,

 

wo

 

ihn

 

Firkked

 

erwartete,

 

ein

 

Schwert

 

in

 

einer

 

der

 

oberen

 

Hände,

 

den

 

Staatsspeer

 

in

 

der

 

anderen,

 

einen

 

Dolch

 

in

 

beiden

 

unteren

 

Händen.

 

Mit

 

der

 

Linken

 

riß

 

von

 

Schlichten

 

das

 

Bajonett

 

vom

 

Gewehr

 

eines

 

Kraganers

 

und

 

schritt

 

auf

 

den

 

Thron

 

zu.

 

Wie

 

absurd

 

es

 

war,

 

daß

 

er,

 

ein

 

Mensch

 

des

 

Sechsten

 

Jahrhunderts

 

der

 

Atom-

ära,

 

Repräsentant

 

einer

 

zivilisierten

 

Gesellschaft,

 

sich

 

auf

 

Leben

 

und

 

Tod

 

mit

 

einem

 

barbarischen

 

König

 

du-

ellieren

 

sollte

 

um

 

einen

 

Thron,

 

den

 

er

 

einem

 

anderen

 

Barbaren

 

versprochen

 

hatte,

 

und

 

was

 

aus

 

Uller

 

werden

 

würde,

 

wenn

 

er

 

zuließ,

 

daß dieses vierarmige Monster 

ihn tötete – daran wagte er gar nicht zu denken. 

Ganz so aussichtslos war seine Lage allerdings gar 

nicht. Mit dem verzierten Staatsspeer ließ es sich, 
trotz seiner langen, gefährlich aussehenden Klinge, 
nicht besonders gut kämpfen, zumindest nicht mit 
einer Hand, und Firkked schien gerade auf Grund 
der Vielfältigkeit seiner Bewaffnung verwirrt und un-
schlüssig zu sein. Mit ein paar Hieben gelang es von 
Schlichten, seinem Gegner das unhandliche Ding 
wegzuschlagen. Die skilkanischen Adeligen, die 
selbst

 

zu

 

kämpfen

 

aufgehört

 

hatten,

 

um

 

dem

 

Duell

 

zu-

background image

zusehen,

 

stimmten

 

ein

 

fürchterliches

 

Geheul

 

an;

 

offen-

sichtlich

 

handelte

 

es

 

sich

 

hier

 

um

 

ein

 

schlimmes

 

Omen.

 

Firkked

 

hingegen

 

schien

 

eher

 

erleichtert

 

zu

 

sein,

 

das

 

Ding

 

loszuhaben,

 

packte

 

sein

 

Schwert

 

mit

 

beiden

 

obe-

ren

 

Händen

 

und

 

führte

 

einen

 

sausenden

 

Schlag

 

nach

 

von

 

Schlichtens

 

Hals.

 

Von

 

Schlichten

 

tauchte

 

darunter

 

hinweg,

 

hackte

 

mit

 

blitzschnellem

 

Hieb

 

eine

 

von

 

Firk-

keds

 

unteren

 

Händen

 

ab

 

und

 

holte

 

dann

 

zum

 

Stoß

 

ge-

gen

 

den

 

königlichen

 

Körper

 

aus.

 

Firkked

 

parierte

 

mit

 

seinem

 

verbliebenen

 

Dolch,

 

sprang

 

einen

 

Schritt

 

zu-

rück,

 

führte

 

einen

 

erneuten

 

Schwertstreich,

 

den

 

von

 

Schlichten

 

mit

 

dem

 

Bajonett

 

in

 

seiner

 

Linken

 

parierte.

 

Blitzschnell

 

konterte

 

er

 

mit

 

dem

 

Jahrtausende

 

alten

 

coup

 

de

 

Jarnac

 

gegen

 

die

 

Innenseite

 

von

 

Firkkeds

 

Bein.

 

Unfähig,

 

das

 

Gewicht

 

seines

 

schweren

 

Körpers

 

auf

 

ei-

nem

 

Bein

 

zu

 

halten,

 

taumelte Firkked. Und von 

Schlichten stieß ihm sein Schwert in die Brust und 
sein Bajonett durch den Hals. 

Einen Augenblick lang herrschte im Thronsaal To-

tenstille. Dann warfen die Skilkaner mit einem ent-
setzlichen Schrei ihre Waffen nieder. Einer der Kra-
ganer von Schlichtens packte den Staatsspeer mit al-
len vier Händen und stellte sich feierlich hinter den 
Sieger. Ein paar andere zerrten Firkkeds Leichnam an 
den Fuß der Empore, und einer von ihnen zog sein 
kurzes Schwert und enthauptete ihn. 

 

background image

Am

 

Nachmittag

 

postierte

 

sich

 

von

 

Schlichten

 

auf

 

dem

 

Dach

 

des

 

Palastes,

 

in

 

der

 

Hand

 

den

 

Staatsspeer

 

mit

 

dem

 

darauf

 

aufgespießten

 

Kopf

 

Firkkeds.

 

Ein

 

terrani-

scher

 

Techniker

 

nahm

 

ihn

 

mit

 

einem

 

TV-Recorder

 

auf. 

»Dies«, sagte er mit dem Geek-Enunciator im 

Mund, »ist König Firkkeds Staatsspeer, und hier auf 
seiner Spitze ist König Firkkeds Kopf. Noch vor zwei 
Tagen lebte Firkked in Frieden mit der Company, 
und Firkked war König in Skilk. Hätte er sich nicht 
unterfangen, seine schwache Hand gegen die Uller-
Company zu erheben, dann wäre er jetzt noch am 
Leben. So wird es allen ergehen, die sich gegen die 
Company auflehnen ... Schnitt.« 

Die Kamera stoppte. Ein Kraganer trat hinzu, nahm 

den Speer mit seiner gräßlichen Last, trug ihn zur 
nächsten Wand und lehnte ihn dort hin wie ein Stück 
Bühnendekoration, das erst in der nächsten Szene 
wieder gebraucht wird. Von Schlichten nahm seinen 
Geek-Enunciator heraus, wischte ihn ab, steckte ihn 
ein und zündete sich eine Zigarette an. 

»Das ist doch wirklich die Höhe!« entrüstete sich 

Paula Quinton, die während der Aufnahme herauf-
gekommen war. »Ich dachte, Sie hätten ihn töten 
müssen, um Ihre Soldaten zu motivieren. Daß Sie es 
taten, um einen Film für Ihre Freunde zu machen, 
hätte ich nicht geglaubt. Mir reicht's; Sie können sich 
einen neuen Adjutanten suchen!« 

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Von Schlichten starrte sie durch sein Monokel an. 
»Sie können nicht von Ihrem Posten zurücktreten«, 

erklärte er ihr. »Rücktritte von Offizieren werden erst 
nach Beendigung der Feindseligkeiten angenommen. 
Außerdem möchte ich sowieso nicht, daß Sie gehen; 
Sie sind der beste Adjutant, den ich je hatte, Hideyos-
hi O'Leary nicht ausgenommen. Setzen Sie sich, Co-
lonel.« Er nahm einen tiefen Zug und blies dann 
langsam den Rauch aus. »Ihre militärisch-politische 
Bildung bedarf einiger Ergänzungen. 

In Grank haben wir zwei Schiffe. Das eine ist die 

Northern Lights, das Schwesterschiff der Northern Star. 
Das andere ist der Kreuzer Procyon, mit einer Haupt-
batterie von vier 200-mm-Geschützen das einzige 
wirkliche Kriegsschiff auf Uller. Wie König Yoorkerk 
diese Schiffe in seine Gewalt bekommen hat, weiß ich 
nicht; das wird Gegenstand der Untersuchung von 
Spezialausschüssen und vielleicht sogar Kriegsgerich-
ten sein, sobald wir die Dinge so weit stabilisiert ha-
ben, daß wir uns derartigen Luxus leisten können. Im 
Augenblick jedenfalls haben wir diese Schiffe drin-
gend nötig, und deswegen werde ich Hideyoshi O'-
Leary, sobald er wieder da ist, mit der Northern Star 
und einer Kraganertruppe nach Grank schicken, um 
sie zu holen. Das TV-Band, dessen letzte Szene das 
eben war, ist einer der Hebel, die er ansetzen wird.« 

»Oh! Ich verstehe!« Erfreut, endlich begriffen zu 

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haben, nahm sie die Zigarette, die von Schlichten ihr 
anbot. »Guter alter Nervenkrieg!« 

»Ja. Eine hübsche kleine Idee meiner Nazivorfah-

ren. Hideyoshi wird einen Filmabend für König 
Yoorkerk veranstalten. Wetten, daß er die Procyon 
und die Northern Lights freigibt und die Blockade der 
Niederlassung in Grank abbricht, sobald er gesehen 
hat, wie ihn Firkkeds Kopf auf dieser Speerspitze an-
grinst? Und das ist nur die letzte Szene, wie ich schon 
sagte. Ich habe während des ganzen Kampfes Auf-
nahmen machen lassen; manche davon sind wirklich 
furchtbar.« 

»Aber warum mußten Sie selbst mit Firkked kämp-

fen?« fragte sie. »Das war doch schrecklich riskant – 
mit Ihren zwei Armen gegen seine vier.« 

»Ich selbst mußte ihn töten, und zwar mit einem 

Schwert. Gemäß der hiesigen Tradition bin ich da-
durch König von Skilk.« 

»Oh, Euer Majestät!« Sie stand auf und machte ei-

nen komisch-ehrerbietigen Knicks. »Aber – ich dach-
te, Sie wollten Jonkvank zum König von Skilk ma-
chen.« 

Er schüttelte den Kopf. »Nur zum Vizekönig«, kor-

rigierte er sie. »Er wird als mein Vasall regieren, und 
folglich als Vasall der Company. Alsbald wird er 
dann in Krink auch nicht viel mehr sein als das. Eine 
gewisse Zeit wird das dauern – zuerst wird es Mili-

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tärmissionen, Wirtschaftsmissionen, Handelsverträge 
und so weiter geben – aber so wird er langsam zur 
Marionette.« 

Eine halbe Stunde später wurde gemeldet, daß sich 

König Jonkvanks großes, zieratüberladenes Schiff von 
Osten nähere. Eine Eskorte von Kampfbooten wurde 
ihm entgegengeschickt, und ein Kraganerbataillon 
sowie die überlebenden von Firkkeds Höflingen 
nahmen auf dem Palastdach Aufstellung. 

»Seine Majestät, Jonkvank, König von Krink!« rief 

der frühere Herold König Firkkeds, jetzt Herold Kö-
nig Carlos von Schlichtens, und schlug mit der fla-
chen Seite seines Schwertes auf einen Blechschild, als 
Jonkvank, begleitet von einer Gruppe seiner Adeli-
gen, von denen einer den Staatsspeer trug, seinem 
Landeboot entstieg. Als die Gäste über das Dach 
schritten, schlug der Herold von neuem auf seinen 
Schild. 

»Seine Majestät König Carlos von Schlichten«, – es 

klang ungefähr wie Karlok vonk Zlikdenk – »durch 
Recht des Siegers König von Skilk!« 

Gefolgt von einem Höfling mit seinem eigenen 

Staatsspeer, auf dem noch Firkkeds grinsendes Haupt 
steckte, schritt von Schlichten seinem königlichen 
Kollegen entgegen. 

Jonkvank blieb mit wutverzerrtem Gesicht stehen. 
»Was ist das?« fragte er. »Sie sagten, ich würde 

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König von Skilk werden. Ist das die Art, wie Terraner 
ihr Wort halten?« 

»Ein Terraner hält immer Wort, Jonkvank«, ant-

wortete von Schlichten unter Auslassung des Titels – 
so, wie ein Souverän den anderen anredet. »Ich habe 
gesagt, daß Sie in Skilk regieren sollen, und dabei 
bleibt es. Aber so etwas muß dezent geschehen. Und 
unter der Beachtung von Sitte und Gesetz. Ich habe 
Firkked im Kampf Mann gegen Mann getötet. An-
dernfalls wäre der Speer von Skilk auf einen der 
Nachkommen von Firkked übergegangen. Ist das Ge-
setz nicht so?« 

Jonkvank nickte unwillig. »Das ist das Gesetz«, 

räumte er ein. 

»Gut. Nun, da ich Firkked auf die im Gesetz vorge-

sehene Weise getötet habe, gehört sein Speer mir, und 
was mir gehört, kann ich nach Belieben anderen ge-
ben. Ich gebe Ihnen hiermit, wie versprochen, den 
Speer von Skilk. Tragen Sie ihn in meinem Namen.« 

Der Kraganer, der die Zeremonienwaffe trug, 

schüttelte Firkkeds Haupt von der Spitze herunter. 
Ein anderer Kraganer stieß es zur Seite und wischte 
die Speerklinge mit einem Lappen sauber. Von 
Schlichten nahm den Speer und gab ihn Jonkvank. 

»Das ist nicht gut!« protestierte einer der skilkani-

schen Adeligen. Wenn irgend jemand ein Recht zum 
Protest hatte, dann er: Ein paar Stunden zuvor war er 

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an der Spitze seines Gefolges erschienen, um der 
Company Loyalität zu schwören. »Wenn Sie über uns 
herrschen, gut. Sie haben Firkked im Einzelkampf ge-
tötet und sind damit sein rechtmäßiger Nachfolger. 
Aber daß dieser Fremde den Speer von Skilk be-
kommen soll, das ist nicht gut!« 

Durch sein Beispiel ermutigt, quäkten einige von 

den anderen Zustimmung. 

»Jetzt hört gut zu!« rief von Schlichten. »Keine Fra-

ge, daß Krink nicht über Skilk herrschen wird. Aber 
spielt es eine Rolle, wer den Speer von Skilk hat, 
wenn es in meinem Namen geschieht? Und König 
Jonkvank wird kein Fremder sein. Er wird hierher 
kommen und unter euch leben, und später wird er 
zwischen Krink und Skilk hin und herreisen und den 
Speer von Krink in Krink, den Speer von Skilk hinge-
gen in Skilk lassen. Und in Skilk wird er ein Skilkaner 
sein.« 

Das schien alle zufriedenzustellen mit Ausnahme 

von Jonkvank, und der hatte Verstand genug, nicht 
weiter zu insistieren. Er ließ sogar den Speer von 
Krink an Bord seines Fährbootes bringen, damit er 
den Skilkanern aus den Augen war. Als er eine Stun-
de später von Schlichten begleitete, um Hideyoshi 
O'Leary beim Start nach Grank zu verabschieden, ließ 
er den Speer von Skilk hinter sich hertragen. 

Als er jedoch – im früheren Schlafraum König 

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Firkkeds – wieder mit von Schlichten alleine war, ex-
plodierte er: 

»Was versprechen Sie denn da diesen Leuten für 

Unsinn, an den ich mich jetzt halten soll? Daß ich den 
Speer von Skilk in Skilk und den Speer von Krink in 
Krink lassen und daß ich hier leben soll ...« 

»Wollen Sie Skilk behalten?« fragte von Schlichten. 
»Meine Absicht ist, Skilk zu behalten. Zu allererst 

aber müssen hier viele Köpfe rollen – sehr viele. Die 
Köpfe all derer, die diesem Narren von Firkked den 
Rat gaben, so einen Aufruhr in Szene zu setzen. Die 
Köpfe derer, die Rakkeed, diesen falschen Propheten, 
beherbergten, als er hier war. Die Köpfe der abtrün-
nigen Priester, die dieser schrecklichen Häresie an-
hingen und ihm erlaubten, im Tempel seine Blas-
phemien auszuspeien. Die Köpfe derer, die Aufwieg-
ler nach Krink sandten, um meine Soldaten und Ade-
ligen zu pervertieren und zu korrumpieren. Die Köp-
fe derer ...« 

»All das entspricht durchaus meinen Vorstellun-

gen«, stimmte von Schlichten zu. »Nur muß es sehr 
schnell geschehen, bevor die Erinnerung an diese 
Verbrechen in den Köpfen der Leute verblaßt. Unbe-
dingt ist darauf zu achten, daß nur jene getötet wer-
den, denen irgendeine Schuld nachgewiesen werden 
kann. Dann wird man sagen, daß die Gerechtigkeit 
König Jonkvanks allen Übeltätern ein Schrecknis ist, 

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all

 

denen

 

aber,

 

die

 

Frieden

 

halten

 

und

 

den

 

Gesetzen

 

gehorchen,

 

Schutz

 

bedeutet

 

und

 

Schild.

 

So

 

werden

 

Sie

 

den

 

Ruf

 

eines

 

gerechten

 

und

 

weisen

 

Königs

 

erlangen.

 

Und

 

wenn

 

Priester

 

getötet

 

werden

 

müssen,

 

soll

 

es

 

un-

ter

 

der

 

Aufsicht

 

jener

 

anderen

 

Priester

 

erfolgen,

 

die

 

den

 

Göttern

 

nicht

 

abschworen

 

und

 

dafür

 

von

 

König

 

Firkked

 

aus

 

ihren

 

Tempeln

 

getrieben

 

wurden;

 

und

 

die-

ses

 

muß

 

im

 

Namen

 

der

 

Götter

 

geschehen.

 

Dann

 

wird

 

man

 

Sie

 

als,

 

frommen

 

und

 

nicht

 

als

 

gottlosen

 

König

 

an-

sehen.

 

Was

 

die

 

Frage

 

betrifft,

 

warum

 

Sie

 

in

 

Skilk

 

Skil-

kaner

 

sein

 

müssen,

 

so

 

haben

 

Sie

 

die

 

Worte

 

Flurknurks

 

gehört,

 

und

 

wie

 

sehr

 

ihm

 

die

 

anderen

 

zustimmten.

 

Es

 

darf

 

nicht

 

der

 

Anschein

 

erweckt

 

werden,

 

als

 

wäre

 

die

 

Stadt

 

unter

 

fremde

 

Herrschaft

 

geraten.

 

Und

 

Sie

 

dürfen

 

die

 

Gesetze

 

nicht

 

ändern,

 

außer,

 

das

 

Volk

 

will

 

es

 

so,

 

oder

 

die

 

Steuern

 

erhöhen,

 

und

 

auch

 

die

 

Habe

 

der

 

mit

 

dem

 

Tode

 

bestraften

 

dürfen

 

Sie

 

nicht

 

konfiszieren,

 

denn

 

der

 

Tod

 

der

 

Eltern

 

wird

 

stets

 

schneller

 

verziehen

 

als

 

der

 

Verlust

 

des

 

Erbteils.

 

Und

 

vor

 

allem

 

dürfen

 

Sie

 

keine

 

der

 

Nachkommen

 

Firkkeds am Leben lassen, 

damit sie sich nicht später gegen Sie erheben.« 

Tief beeindruckt nickte Jonkvank. »Bei den Göt-

tern, Karlok vonk Zlikdenk, das ist wirkliche Weis-
heit! Jetzt kann ich verstehen, warum Leute wie Firk-
ked gegen Sie oder die Company nie etwas ausrich-
ten können, so lange Sie der obere Schwertarm der 
Company sind!« 

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Einen Augenblick lang war von Schlichten ver-

sucht, die Urheberschaft der eben vorgetragenen 
Prinzipien von sich zu weisen, selbst um den Preis 
dessen, daß er den Namen Niccolo Machiavelli mit 
einem Geek-Enunciator hätte aussprechen müssen. 
Dann aber behielten politische Überlegungen die 
Oberhand. Wenn Jonkvank jemals von Il Principe hör-
te, würde er auf einer Übersetzung ins Ullerische be-
stehen, und von Schlichten wäre darüber ebenso 
glücklich gewesen wie über eine ullerische Überset-
zung sämtlicher Spezifikationen einer Betazyklus-
Bombe. 

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12 

 

Der Schatten von Niflheim 

 
 

Hinter ihnen senkte sich die Sonne tiefer und tiefer 
dem Horizont zu, während ihr Aircar dem breiten Tal 
des ausgetrockneten Hoork River folgte. Hassan 
Bogdanoff steuerte, während Harry Quong noch sei-
nen Lunch beendete, um dann mit ihm Platz zu tau-
schen. Von Schlichten holte zwei Flaschen Bier aus 
dem Kühlabteil der Lunch-Kiste und reichte Quinton 
eine davon. 

»Was sollen wir mit den Geeks anfangen«, – sie ge-

brauchte jetzt das häßliche, herabsetzende Wort un-
bewußt und ganz gewohnheitsmäßig – »wenn all dies 
einmal vorbei ist? Wir können doch nicht einfach sa-
gen: ›Ganz gut gemacht; war wirklich ein hübsches 
Spiel‹ und dann weitermachen, wo wir Mittwoch 
abend aufgehört haben.« 

»Nein. In allen von uns besetzten Teilen dieses Pla-

neten muß die politische Gewalt von Terranern über-
nommen werden, und sobald wir die Lage um die 
Takkad-See herum und nördlich davon stabilisiert 
haben, werden wir weiter expandieren müssen«, 
antwortete er. »Keegark, Konkrook und die Freien 
Städte werden ja relativ einfach sein. Sie haben sich 

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jetzt

 

gerüstet

 

zum

 

Widerstand

 

gegen

 

uns,

 

und

 

wir

 

können

 

dort

 

mit

 

Gewalt

 

die

 

Herrschaft

 

an

 

uns

 

reißen.

 

Mit

 

Jonkvank

 

mußte

 

ich

 

einen

 

Pakt

 

schließen;

 

mit

 

ihm

 

wird

 

es

 

länger

 

dauern,

 

aber

 

zur

 

rechten

 

Zeit

 

werden

 

wir

 

soweit

 

sein.

 

Wenn

 

ich

 

die

 

beiden

 

so

 

gut

 

kenne,

 

wie

 

ich

 

glaube,

 

werden

 

uns

 

Jonkvank

 

und

 

Yoorkerk

 

sehr

 

bald

 

genügend

 

Vorwände

 

liefern.

 

Dann

 

können

 

wir

 

veranlassen,

 

daß

 

sie

 

auf

 

Grund

 

von

 

Gesetzen

 

regieren

 

und

 

ordentliche

 

Gerichtshöfe

 

einsetzen

 

müssen.

 

Dann

 

muß

 

auch

 

dem

 

Kopfgeldwesen

 

ein

 

Ende

 

gemacht

 

werden,

 

und

 

diese

 

willkürlichen

 

Massenverhaftungen

 

und

 

Arreste

 

für

 

Steuervergehen,

 

die

 

nichts

 

anderes

 

sind

 

als

 

Sklaven-Raubzüge

 

der

 

Geek-Prinzen

 

in

 

ihrem

 

eigenen

 

Volk,

 

müssen

 

aufhören.

 

Überhaupt

 

ist

 

die

 

Sklaverei

 

auch

 

noch

 

abzuschaffen.

 

In

 

ein

 

paar

 

Jahr-

hunderten

 

kann

 

dann

 

dieser Planet die Zulassung zur 

Föderation erhalten wie Odin und Freya.« 

»Wird nicht sehr viel davon abhängen, wen die 

Company als Harringtons Nachfolger hierher-
schickt?« 

»Wenn ich mich nicht sehr täusche, wird die Com-

pany mich bestätigen«, erwiderte er. »Regierung und 
Verwaltung von Uller wird noch lange ein überwie-
gend militärisches Geschäft sein, und die Regierung 
der Föderation, die einen größeren Anteil an der 
Company hält als man allgemein annimmt, ist schon 
immer für eine solche Lösung gewesen. Um ganz si-

background image

cher zu gehen, werde ich Hid O'Leary mit dem näch-
sten Schiff nach Terra entsenden, damit er dort aus-
führlich über die Lage berichten kann.« 

»Und Sie glauben, daß bis dahin alles klar ist? Die 

City of Montevideo soll in etwas weniger als drei Mo-
naten von Niflheim kommen.« 

»Bis dahin muß alles klar sein. Länger als einen 

Monat können wir einen solchen Krieg nicht durch-
halten. Polizeiaktionen ja, einen richtiggehenden 
Krieg aber nicht.« 

»Wegen der Munition?« fragte sie. 
Angenehm

 

überrascht

 

sah

 

er

 

sie

 

an.

 

»Ihr

 

Wissens-

stand

 

hat

 

Fortschritte

 

gemacht«,

 

sagte

 

er.

 

»Wissen

 

Sie,

 

selbst

 

viele

 

von

 

den

 

Berufsoffizieren

 

scheinen

 

zu

 

glau-

ben,

 

daß

 

Munition

 

auf

 

wunderbare

 

Weise

 

in

 

Kontra-

gravitationsschiffen

 

vom

 

Himmel

 

kommt,

 

wenn

 

sie

 

nur

 

in

 

ein

 

Funkgerät

 

hinein

 

darum

 

beten.

 

Leider

 

ist

 

es

 

nicht

 

so;

 

sie

 

muß

 

ebenso

 

schnell

 

hergestellt

 

werden,

 

wie

 

sie

 

verbraucht

 

wird,

 

und

 

das

 

konnten wir nicht 

tun. Also müssen wir diese Geeks besiegen, bevor sie 
uns ausgeht, denn mit Gewehrkolben und Bajonetten 
werden wir's nicht mehr können.« 

»Und mit Atomwaffen?« fragte Paula. »Ich sage 

das nicht gerne – ich weiß, was sie auf Mimir, Fenris 
und Midgard angerichtet haben und auch auf Terra 
im Ersten Jahrhundert. Aber vielleicht ist das unsere 
einzige Chance.« 

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Von Schlichten trank den letzten Schluck Bier, warf 

die Flasche in einen Abfallschacht und holte seine Zi-
garetten heraus. 

»Eine solche Entscheidung würde ich nicht sehr 

gern fällen, Paula«, entgegnete er. »Die militärische 
Anwendung von Kernenergie ist das Letzte – na, bei-
nahe das Letzte – was ich auf Uller erleben möchte. 
Glücklicherweise oder auch leider ist das eine Ent-
scheidung, die ich nicht zu treffen haben werde. Auf 
dem ganzen Planeten befindet sich keine einzige 
Atombombe. Die Company hat niemals erlaubt, daß 
sie hier hergestellt oder gelagert werden.« 

»Wenn Sie jetzt welche machen, hat, glaube ich, 

niemand etwas dagegen, General. Plutonium gibt es 
ja genug. Sie könnten zumindest A-Bomben bauen.« 

»Es gibt hier niemanden, der auch nur eine Ah-

nung hat, wie das geht. Die meisten unserer Atom-
physiker könnten zwar eine konstruieren, aber das 
dauert mindestens drei Monate, und dann brauchen 
wir keine mehr, oder wir sind sowieso nicht mehr am 
Leben.« 

»Dr. Gomes, der vor zwei Wochen mit der Pretoria 

kam, kann welche bauen«, widersprach sie. »Auf 
Niflheim hat er mindestens ein Dutzend hergestellt, 
die zur Aktivierung von Vulkanen mit erzhaltiger 
Lava verwendet wurden.« 

Von Schlichtens Hand, die das Feuerzeug zu seiner 

background image

Zigarette führte, hielt einen Augenblick still. Dann 
zündete er sie an, schnappte es wieder zu und steckte 
es weg. 

»Wann war das?« 
Sie

 

überlegte

 

geraume

 

Weile.

 

Selbst

 

ein

 

Raumschiff-

Navigator,

 

der

 

solche

 

interstellare

 

Zeitverhältnisse 

durchrechnen mußte, brauchte dazu längere Zeit. 

»Vor etwa dreiundfünfzig Tagen Galaktischer 

Standardzeit. Die erste Sprengung – sechs Bomben – 
hatten sie ausgelöst, bevor ich von Terra kam. Die 
zweite sah ich ein oder zwei Tage, bevor ich Niflheim 
auf der Canberra verließ. Die dritte Sprengung mußte 
Dr. Gomes dann so lange hinausschieben, daß er erst 
mit der Pretoria kommen konnte. Warum?« 

»Ist Ihnen, als Sie auf Nif waren, ein Geek namens 

Gorkrink begegnet?« fragte er. »Und was für eine Art 
von Arbeit hat er gemacht?« 

»Gorkrink? Ich weiß nicht ... Ach ja! Er half Dr. 

Murillo, dem Seismologen. Sein Jahr war nach der 
zweiten Sprengung vorbei, und er kam mit der Can-
berra  
nach Uller. Dr. Murillo verlor ihn ungern. Lin-
gua Terrae verstand er perfekt; Dr. Murillo konnte 
mit ihm reden wie Sie mit Kankad, ohne einen Geek-
Enunciator zu benützen.« 

»Gut, aber was für eine Arbeit ...?« 
»Er half beim Anbringen und Auslösen der A-

Bomben-Sprengsätze ... Oh! Großer Gott!« 

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»Das dürfen Sie ruhig nochmal sagen, und denken 

Sie dabei auch an Allah, Shiva und Kali«, stieß von 
Schlichten hervor. »Vor allem Kali ... Harry! Sehen Sie 
zu, ob Sie noch etwas mehr Tempo aus dieser Kiste 
herausquetschen können. Ich möchte nach Konkrook, 
solange es überhaupt noch da ist!« 

 

Es war bereits völlig dunkel, als Konkrook hinter den 
East Konk Mountains in Sicht kam – ein fahler Flek-
ken an der Unterseite der Wolken. Auf Gongonk Is-
land und in den Farmen der Company südlich davon 
fingerten Scheinwerferstrahlen über den Himmel. 
Von Schlichten schaltete das Außenmikrofon an und 
konnte aus der Ferne Artilleriefeuer hören. Als Harry 
Quong dann über der Stadt zu kreisen begann, hielt 
er den Aircar oberhalb der Schußweite der Geschüt-
ze, während Hassan Bogdanoff über Funk mit Gon-
gonk Island sprach. 

In der Stadt war die Lage prekär. An die hundert 

Großbrände wüteten, und kurz nach ihrer Ankunft 
wälzte sich ein neues Thermokonzentratfeuer wie ei-
ne glühende Wolke langsam zum Himmel empor. 
Drei Artillerieschiffe, die Elmoran, die Gaucho und die 
Bushranger sowie etwa fünfzig große, in Bomber um-
funktionierte Frachter pendelten zwischen der Insel 
und der Stadt hin und her. Neben dem königlichen 
Palast stand auch das Industriegebiet und der ganze 

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Hafen in Flammen. Kampfschiffe und Airjeeps gin-
gen im Sturzflug auf Straßen und Gebäude nieder 
und beharkten sie mit Bordwaffen. Er sah, wie sechs 
große Bomber in würdevoller Prozession ein Viertel 
im Süden der Stadt anflogen, um dort ihre Bomben-
last auf eine Häuserzeile abzuladen. 

Als sie auf dem Dach der Company-Zentrale auf 

der Insel landeten, wurden sie von einem Terraner 
empfangen, den von Schlichten wenige Tage zuvor 
noch als Instrukteur auf dem Raumhafen gesehen 
hatte, der aber jetzt die Rangabzeichen eines Majors 
trug. Der Art nach, wie er salutierte, mußte er das aus 
einem alten Film über die ehemalige Französische 
Fremdenlegion gelernt haben. Von Schlichten grüßte 
ganz ernsthaft in gleicher Weise zurück. 

»Alle sind im Büro des Generalgouverneurs, Sir«, 

meldete er. »Das heißt, in Ihrem Büro. Auch König 
Kankad ist hier bei uns.« 

Er begleitete sie zum Aufzug und ging dann zu ei-

nem Telefon. Als von Schlichten und Paula das Büro 
erreichten, drängten sich alle an der Tür, um sie zu 
begrüßen: Themistokles M'zangwe mit einem Arm in 
der Schlinge; Hans Meyerstein, der Rechtsanwalt aus 
Johannesburg, der noch mehr Bantu-Blut in den 
Adern zu haben schien als der Brigadier-General; 
Morton Buhrmann, der kaufmännische Direktor; La-
viola, der Finanzdirektor; daneben etwa ein Dutzend 

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andere Offiziere und Zivilisten. Die Begrüßung war 
herzlich. Daß sie von seiten der Zivilisten nicht weni-
ger warm ausfiel als von Seiten der Offiziere, emp-
fand er als angenehm. 

»Nun, ich freue mich, wieder hier bei Ihnen zu 

sein«, wandte er sich an alle. »Lassen Sie mich Colo-
nel Paula Quinton vorstellen, meine neue Adjutantin; 
Hid O'Leary hat einen Auftrag im Norden ... Them, 
hier ist ausgezeichnete Arbeit geleistet worden; neh-
men Sie das nicht nur als persönliche Gratulation, 
sondern auch als ausdrückliches Lob für die ganze 
Mannschaft. Alle haben sich untadelig bewährt.« Er 
wandte sich König Kankad zu, der in Schulter- und 
Gürtelhalfter vier Automatikpistolen trug. »Und was 
ich über die anderen gesagt habe, gilt doppelt für Sie, 
Kankad«, fügte er schulterklopfend hinzu. 

»Er hat uns alle gerettet!« sagte M'zangwe. »Das 

Wasser stand uns hier schon bis zum Hals, als seine 
Leute kamen. Und dann als Sie die Aldebaran schick-
ten ...« 

»Wo ist eigentlich die Aldebaran!«  unterbrach ihn 

von Schlichten. »Ich konnte sie nirgends entdecken.« 

»Operiert jetzt von Kankads Stadt aus. Sie bombar-

diert Keegark und sucht nach diesen anderen Schif-
fen. Prinsloo hat zwar die De Wett dort entdeckt und 
zerstört, aber die Jan Smuts konnte entkommen, und 
die  Oom Paul Krüger haben wir bis jetzt auch noch 

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nicht gefunden. Wahrscheinlich sind beide jetzt an 
der Ostküste, um Verstärkung für Orgzild zu holen«, 
sagte M'zangwe. 

»Die Mobilität unserer Truppen ist unsere stärkste 

Waffe, und Orgzild hatte inzwischen genügend Zeit, 
sich darüber klar zu werden«, sagte von Schlichten. 
»Sobald die Procyon  da ist, werde ich sie mit Jäger- 
und Aufklärerbegleitung hinausschicken, um diese 
Schiffe aufzuspüren und zu vernichten ... Wie geht es 
übrigens Hid in Grank?« 

Erregtes Stimmengewirr war die Antwort: »Haben 

Sie es noch nicht gehört, General?« ... »Das ist wirk-
lich das Höchste!« ... »Laß mich mal erzählen!« ... 
»Nein, holt Hid an den Kommunikator; es ist seine 
Geschichte!« 

Jemand machte sich an der Schaltkonsole zu schaf-

fen. Die anderen ließen sich an dem langen Konfe-
renztisch nieder. Laviola, Meyerstein und Buhrmann 
bugsierten von Schlichten zu Sid Harringtons ehema-
ligem Stuhl und beeilten sich dann, auch für Paula 
Quinton eine bequeme Sitzgelegenheit bereitzustel-
len. Nach einer Weile entwirrten sich die zitternden 
Farbflächen auf dem großen Bildschirm und formten 
sich zum Bilde Hideyoshi O'Learys. Er grinste wie ei-
ne Katze neben dem leeren Goldfischglas. 

»Also, was ist los?« fragte von Schlichten, nachdem 

sie einander begrüßt hatten. »Wie hat Yoorkerk der 

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Film gefallen? Und haben Sie die Procyon  und die 
Northern Lights?« 

»Yoorkerk war tief beeindruckt«, antwortete O'Lea-

ry. »Wenn man ihn hört, dann ist er niemals etwas 
anderes als der ergebenste Freund der Company ge-
wesen. Was er getan hat, geschah, um – ich zitiere – 
›gewisse illoyale Elemente‹ – Zitat Ende – an Über-
griffen gegen Angehörige und Eigentum der Compa-
ny zu hindern. Die Procyon  ist unterwegs nach Kon-
krook. Die Northern Lights ist noch hier, die Northern 
Star 
in Skilk. Soll ich sie Ihnen schicken?« 

»Lassen Sie die Northern Star für den Augenblick in 

Skilk. Sagen Sie unserem treuen und ergebenen 
Freund Yoorkerk: Die Company erwartet von ihm, 
daß er Soldaten hierher abstellt und auch für den 
Kampf gegen Keegark, sobald der losgeht. Nehmen 
Sie seine am besten bewaffneten, bestausgebildeten 
Regimenter und bringen Sie sie so schnell wie mög-
lich hierher. Schicken Sie aber keine von Ihren Kra-
ganern; behalten Sie sie in Grank, bis wir uns der 
Freundschaft König Yoorkerks noch sicherer sind.« 

»Da gibt es eigentlich schon jetzt kaum mehr Zwei-

fel. Er hat mir nämlich Rakkeed, den Propheten, 
überstellt ...« 

»Was?« Von Schlichten spürte, wie ihm sein Mono-

kel entglitt, und kniff das Auge fester zusammen. 
»Wen?« 

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»Du hast verloren, Them; er hat es nicht fallenlas-

sen«, sagte Hideyoshi O'Leary. »Rakkeed, den Pro-
pheten! Für den Fall, daß wir unterliegen würden, 
hatte Yoorkerk unsere Schiffe und Leute. Für den ge-
genteiligen Fall hielt er Rakkeed im Palast gefangen. 
Rakkeed glaubte natürlich, dort Ehrengast zu sein, 
bis Yoorkerks Leute ihn packten und uns auslieferten 
...« 

»Dieser Geek«, sagte von Schlichten, »ist smarter, 

als es für ihn gut ist. Irgendwann einmal setzt er auf 
so viele Karten, daß er sich am Ende nur selbst um 
Kopf und Kragen taktiert.« Argwohn stieg in ihm 
hoch. »Sind Sie sicher, daß das Rakkeed ist? Sähe 
Yoorkerk ja ganz ähnlich, uns da einen Dummy un-
terzujubeln.« 

O'Leary schüttelte beinahe feierlich den Kopf. 

»Daran dachte ich auch gleich. Aber es ist der echte; 
Karamessinis' Polizei- und Geheimdienstoffiziere ha-
ben mir das bestätigt. Was soll ich denn jetzt mit ihm 
anfangen – wollen Sie ihn in Konkrook?« 

Von Schlichten verneinte. »Die Priester dort sollen 

ihn wegen Blasphemie, Häresie, falschen Propheten-
tums, Hexerei ohne Lizenz oder wegen irgendeines 
anderen Religionsverbrechens vor Gericht stellen. 
Dann, nach einer absolut fairen Verhandlung, sollen 
König Yoorkerks Soldaten ihn köpfen, sein Haupt öf-
fentlich ausstellen, darunter groß in allen Eingebore-

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nensprachen schreiben: ›Rakkeed, der falsche Pro-
phet‹. Lassen Sie alles auf Videoband aufnehmen, 
Prozeß und Exekution. Sorgen Sie dafür, daß immer 
die Priester und Yoorkerks Offiziere im Vordergrund 
sind und unsere Leute unsichtbar bleiben.« 

»Seife und Handtuch für General Pontius von Pila-

tus!« rief Paula Quinton. 

»Gute Idee; ich habe mich schon gefragt, ob wir 

nicht Yoorkerk ein kleines Geschenk machen sollen«, 
sagte Hideyoshi O'Leary. »Ein schönes, dreißigteili-
ges Silber-Service!« 

»Gar nicht schlecht«, stimmte von Schlichten zu. 

»Also, Sie haben Ihre Sache ganz ausgezeichnet ge-
macht. Ich möchte, daß Sie so bald wie möglich wie-
der zu uns zurückkehren – übrigens sind Sie jetzt 
Brigadier-General – aber erst, wenn die Gesamtlage 
in Grank, Krink und Skilk stabilisiert ist. Auf längere 
Sicht werden Sie ohnehin Ihr ständiges Hauptquar-
tier im Norden einrichten müssen.« 

Nachdem Hideyoshi sich bei ihm bedankt und sich 

von allen verabschiedet hatte, wandte sich von 
Schlichten wieder den anderen zu. 

»Nun, Gentlemen, über den Norden brauchen wir 

uns wohl in den nächsten Tagen nicht allzu viele Ge-
danken zu machen. Wie lange glauben Sie, daß es bis 
zur völligen Befriedung Konkrooks noch dauern 
wird, Them?« 

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»Was

 

heißt

 

völlige

 

Befriedigung,

 

General?«

 

wollte

 

Themistokles

 

M'zangwe

 

wissen.

 

»Wenn

 

Sie

 

die

 

Nie-

derschlagung

 

organisierten

 

Widerstandes

 

von

 

Grup-

pen

 

meinen,

 

die

 

größer

 

sind

 

als

 

ein

 

paar

 

Dutzend,

 

dann

 

würde

 

ich

 

sagen:

 

Etwa

 

drei

 

Tage.

 

Kleinere

 

Gruppen

 

könnten

 

natürlich

 

noch

 

ein

 

paar

 

Wochen

 

durchhalten, 

vor allem auf dem flachen Lande ...« 

»Die

 

können

 

wir

 

vergessen.

 

Wir

 

werden

 

hier

 

für

 

ei-

nige

 

Zeit

 

eine

 

Art

 

Besatzungsmacht

 

stationieren

 

müs-

sen;

 

die

 

wird

 

damit

 

schon

 

fertig.

 

Wir

 

müssen

 

uns

 

so

 

schnell

 

wie

 

möglich

 

Keegar

 

vornehmen;

 

sobald

 

wir 

dort aufgeräumt haben, kommen die Freien Städte an 
der Ostküste dran.« 

»Entschuldigen

 

Sie,

 

General,

 

aber

 

›aufräumen‹

 

ist

 

ein

 

sehr

 

mildes

 

Wort

 

für

 

das,

 

was

 

wir

 

in

 

Keegark

 

tun

 

sollten«,

 

sagte

 

Hans

 

Meyerstein.

 

»Wir

 

sollten

 

in

 

dieser

 

Stadt

 

keinen

 

Stein

 

auf

 

dem

 

andern

 

lassen

 

und

 

dann mit 

König Orgzilds Kopf darauf Fußball spielen.« 

»Aus irgendeinem besonderen Grund?« fragte von 

Schlichten. »Außer dem Massaker an Blount und Le-
moyne meine ich?« 

»Und ob, General!« kam Themistokles M'zangwe 

Meyerstein zu Hilfe. »Bob, berichten Sie.« 

Colonel Robert Grinell, der Geheimdienstoffizier, 

stand auf und nahm die Zigarre aus dem Mund. Er 
war kurz, stämmig und kahlköpfig, aber ein erfahre-
ner Soldat der Armee der Terranischen Föderation. 

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»Nun, General, wir haben in letzter Zeit einiges 

über den Hintergrund dieser Revolte herausgefun-
den«, sagte er. »Von Norden aus hatte es wahrschein-
lich den Anschein, als sei das alles Rakkeeds Werk, 
und so sollte es auch wirken. Aber der, der das alles 
in Wirklichkeit ausgeheckt hat, war König Orgzild in 
Keegark. Es ist uns gelungen, ein paar prominente 
Konkrookaner festzunehmen« – er nannte ein halbes 
Dutzend Namen – »die wir zum Sprechen bringen 
konnten. Mehrere andere haben uns freiwillig Infor-
mationen geliefert. Orgzild ist der Initiator des Gan-
zen; Rakkeed war nur sein Laufbursche. Mir wird je-
desmal ganz anders, wenn ich nur daran denke, daß 
er die ganze Schweinerei ein Jahr lang direkt unter 
unseren Augen geplant hat – bis hin zum Startsignal 
...« 

»Indem er Sid Harrington vergiften ließ und dann 

die Todesmeldung als Startschuß benutzte?« fragte 
von Schlichten. 

»Ich sehe, Sie sind selbst darauf gekommen, Sir. Ja, 

genauso war es.« Grinell fing an, in Einzelheiten zu 
gehen, während sich von Schlichten bemühte, seine 
Ungeduld nicht zu zeigen. Auch Paula Quinton, die 
neben ihm saß, war unruhig. Genauso wie von 
Schlichten überlegte sie, was König Orgzild und Fürst 
Gorkrink jetzt tun mochten. »Und ich weiß sicher, 
daß der Befehl, Sid Harrington zu vergiften, von der 

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keegarkanischen Botschaft kam und von Gurgurk 
und Keeluk diesem Geek hier weitergegeben wurde, 
der ihm dann das Gift in den Whisky tat.« 

»Ja. Daß Keegark vernichtet werden muß, ist auch 

meine Meinung, und ich brauche sofort eine Schät-
zung, wie lange es dauert, den dafür nötigen nuklea-
ren Sprengkörper herzustellen. Eine ganz altmodi-
sche Spaltungsbombe wird genügen.« 

Einen Augenblick lang trat Stille ein; dann fand Co-

lonel Evan Colbert, der ranghöchste Offizier unter 
Themistokles M'zangwe, seine Stimme wieder. 

»Wenn das ein Befehl ist, General, wird er ausge-

führt. Vorher möchte ich Sie aber an die Politik unse-
rer Company bezüglich nuklearer Waffen auf diesem 
Planeten erinnern.« 

»Sie ist mir bekannt. Ich kenne auch den Grund da-

für. Wegen des Mangels an natürlichem Brennstoff 
auf Uller waren wir gezwungen, Kernkraftwerke zu 
bauen und den Geeks große Mengen Plutonium für 
ihren Betrieb zur Verfügung zu stellen. Andererseits 
möchte die Company nicht, daß die Eingeborenen 
hier etwas von der Verwendbarkeit nuklearer Energie 
für Zerstörungzwecke erfahren. Nun, Gentlemen, das 
ist Schnee von gestern. Dank unserer Leute auf 
Niflheim kennen sie diese Möglichkeit, und wenn ich 
mich nicht sehr täusche, hat König Orgzild bereits ei-
ne Plutoniumbombe vom Nagasaki-Typ des Ersten 

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Jahrhunderts. Ich neige zu der Annahme, daß er 
mindestens eine solche Bombe hatte – wahrscheinlich 
sogar mehr – als die Order an seine Botschaft hier er-
ging, Generalgouverneur Harrington zu vergiften.« 

Noch während er die letzten Worte sprach, nahm 

er eine Zigarette aus seiner Dose, bot sie Paula an und 
schnappte sein Feuerzeug auf. Er paffte bereits an 
seiner eigenen, als die anderen endlich begriffen, was 
er eben gesagt hatte. 

»Unmöglich!« rief jemand am anderen Ende des 

Tisches, als könne er mit diesem Ruf ein solches Ge-
schehen aus dem Bereich des möglichen bannen. Ei-
ner der Zivilisten wiederholte beinahe wörtlich das, 
was Jules Keaveney in Skilk gesagt hatte: »Was zum 
Teufel war mit dem Geheimdienst los? Hat er ge-
schlafen?« 

»General von Schlichten«, kam Colonel Grinell ei-

nigermaßen grimmig auf die Frage zurück. »Was Sie 
da eben sagten, beinhaltet einen schwerwiegenden 
Vorwurf gegen meine Abteilung. Wenn Sie sich da 
nicht im Irrtum befinden, muß ich vor ein Kriegsge-
richt gestellt werden.« 

»Ich könnte keine Beschuldigung gegen Sie vor-

bringen, Colonel. Wenn das vor ein Kriegsgericht ge-
hörte, dann müßte ich mit Ihnen auf die Anklage-
bank«, entgegnete ihm von Schlichten. »Es hat aller-
dings den Anschein, als wäre eine wichtige Informa-

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tion im Besitz von Leuten gewesen, die nicht in der 
Lage waren, ihre Bedeutung zu erkennen. Bis heute 
nachmittag war mir ihre Existenz nicht bekannt. Co-
lonel Quinton, würden Sie bitte wiederholen, was Sie 
mir unterwegs sagten?« 

»Glauben Sie nicht, daß Dr. Gomes das tun sollte, 

General?« fragte Paula. »Er war es doch, der diese 
Bomben auf Niflheim konstruierte, und er wird auch 
die unseren bauen müssen.« 

»Das stimmt.« Er sah sich um. »Wo ist Dr. Lou-

renço Gomes, der Nuklearingenieur, der vor zwei 
Wochen mit der Pretoria kam? Bitte lassen Sie ihn so-
fort holen.« 

Verlegenes Schweigen trat ein. Dann räusperte sich 

Kent Pickering, der Chef des Kraftwerks auf Gon-
gonk Island. 

»Aber wußten Sie denn nicht, General? Dr. Gomes 

lebt nicht mehr. Er wurde schon während der ersten 
halben Stunde des Aufstands getötet.« 

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13 

 

Tricks die wir nicht kennen 

 
 

Nur mit Mühe wurde von Schlichten seiner Bestür-
zung Herr. »Das ist schlimm, Kent«, sagte er. »Sehr 
schlimm. Ich habe fest darauf gezählt, daß Dr. Gomes 
uns eine Bombe bauen würde.« 

»Einen Augenblick bitte, Herr General.« Das war 

Air-Commodore Leslie Hargreaves. »Sie halten für 
möglich, daß König Orgzild eine Atombombe ent-
wickelt. Wenn das wahr ist, sind wir alle in höchster 
Gefahr. Angesichts des technologischen Niveaus der 
Keegarkaner und ihrer sonstigen Möglichkeiten halte 
ich es allerdings für nicht sehr wahrscheinlich. Bei 
den Kraganern wäre es natürlich etwas anderes, aber 
...« 

»Paula, fahren Sie doch bitte fort und wiederholen 

Sie, was Sie mir sagten. Und erwähnen Sie alles, was 
sonst noch irgendwie relevant sein könnte ... Ist der 
Rekorder an? Nein? Dann soll ihn jemand einschal-
ten; ich möchte, daß das aufgenommen wird.« 

Paula stand auf und begann: »Alle von Ihnen, 

nehme ich an, kennen die Bedingungen auf Niflheim 
und wissen, wie die ulleranischen Eingeborenen dort 
arbeiten. Vielleicht sollte ich aber zunächst erklären, 

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zu welchem Zweck diese Atomsprengkörper entwor-
fen und verwendet wurden ...« 

Er lächelte; sie hatte begriffen, daß er Zeit zum 

Überlegen brauchte, und sprang von einem Thema 
zum anderen, um sie ihm zu verschaffen. Er holte 
Bleistift und Notizblock hervor und begann – bewußt 
nicht auf das hörend, was sie sagte – scheinbar ge-
langweilt vor sich hinzukritzeln. Zwei Dinge mußte 
man wohl annehmen, dachte er sich. Erstens, daß 
König Orgzild bereits eine Atombombe besaß, die er 
jederzeit einsetzen konnte; und zweitens, daß auf 
Gongonk Island eine solche Bombe ohne Dr. Gomes 
nur nach langwierigen Experimenten hergestellt 
werden konnte. Wenn diese beiden Annahmen zutra-
fen, dann hatte er eben das Todesurteil für alle Terra-
ner auf Uller gehört. Die erste Annahme schien ganz 
unzweifelhaft. Es gab zu gute Gründe dafür. Er kon-
zentrierte sich auf die zweite. 

»... was wir als die Bombe vom Nagasaki-Typ ken-

nen, der erste Typ der Plutoniumbombe«, sagte Paula 
gerade. »Heutzutage natürlich ein technisches Fossil, 
aber ihren damaligen Zweck erfüllte sie, und Dr. 
Gomes hätte sie mit hier vorhandenen Materialien 
bauen können ...« 

Das war eben die Crux. Vom militärischen Stand-

punkt aus war die Plutoniumbombe ebenso veraltet 
wie ein Vorderlader zur Zeit des Zweiten Weltkrie-

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ges. Einen Augenblick lang ließ er die Geschichte der 
Waffenentwicklung seit dem Beginn des Atomzeital-
ters vor seinem geistigen Auge Revue passieren. Im 
großen und ganzen hatten seit dem Ende des Zweiten 
Weltkrieges Kernwaffen und Raketen die größte Be-
deutung gehabt. Da war die jetzt ebenfalls veraltete 
Wasserstoffbombe gewesen, die Betazyklus-Bombe, 
die Subneutronen-Bombe, die Omegastrahlen-Bombe, 
die Antimaterie-Bombe, und dann war das Ende der 
Zivilisation in der Nördlichen Hemisphäre und der 
Aufstieg einer neuen Zivilisation in Südamerika, 
Südafrika und Australien gekommen. Nunmehr wa-
ren Artillerie und Kleinwaffen seiner Truppe bloße 
Modifikationen der Waffen des Ersten Jahrhunderts, 
und alle von der Terranischen Föderation benutzten 
Kernwaffen wurden auf dem Mars von einer kleinen 
Schar von Experten gebaut, deren wissenschaftliche 
und technische Kenntnisse dem Rest der Welt fast 
ebenso unbekannt waren wie früher die Geheimnisse 
einer mittelalterlichen Gilde. Die alte Atombombe 
war eine historische Kuriosität, und es gab niemand 
auf Uller, der eine mehr als laienhafte Vorstellung 
von der komplizierten Technik moderner Kernwaffen 
hatte. Es gab eine Reihe von guten Nuklearingenieu-
ren auf Gongonk Island. Aber wie lange würden sie 
brauchen, um eine Plutoniumbombe zu konstruieren 
und sie zu bauen? 

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»... versteht auch Lingua Terrae sehr gut«, sagte 

Paula eben. »Er und Dr. Murillo unterhielten sich in 
zwei Sprachen, genauso wie General von Schlichten 
und König Kankad. Ich weiß allerdings nicht, ob 
Gorkrink Lingua Terrae lesen konnte und, wenn ja, 
welche Papiere oder Pläne er möglicherweise gesehen 
hat.« 

»Augenblick mal, Paula«, unterbrach er sie. »Colo-

nel Grinell, was wissen Sie eigentlich über diesen 
Gorkrink?« 

»Er ist der Sohn von König Orgzild«, sagte Grinell. 

»Wir wußten, daß er vor zwei Jahren nach Niflheim 
wollte. Angeblich allerdings war er am Hof in Un-
gnade gefallen und ins Exil geschickt worden. Auf 
diese Weise sollten wir hinters Licht geführt werden. 
Was seine Fähigkeit, Lingua Terrae zu lesen, anbe-
langt: Ich glaube, daß er es kann. Wir wissen, daß er 
die gesprochene Sprache versteht. Das Lesen könnte 
er in einer jener Schulen gelernt haben, die Moham-
med Ferriera vor zehn oder fünfzehn Jahren gründe-
te.« 

»Und Dr. Gomes, Dr. Murillo und Dr. Livesey lie-

ßen überall Papiere herumliegen«, fügte Paula hinzu. 
»Wenn er als Spion nach Niflheim ging, dann gibt es 
fast nichts, was er nicht kopiert haben könnte.« 

»Also, da haben wir's«, sagte von Schlichten. »Als 

Gorkrink herausfand, daß man mit Plutonium Bom-

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ben machen kann, besorgte er sich alle Informationen 
darüber, an die er herankommen konnte. Und sobald 
er wieder zu Hause war, brachte er sie Pappi Org-
zild.« 

»Damit ist immer noch nicht gesagt, daß die Kee-

Geeks irgend etwas damit anfangen konnten«, wand-
te Air-Commodore Hargreaves ein. 

»Ich glaube schon«, meinte von Schlichten. »Sobald 

Orgzild wußte, daß man eine Plutoniumbombe ma-
chen kann, gab er einen entsprechenden Auftrag. 
Und glauben Sie nicht, daß es für ihn so schwierig 
war wie das Manhattan-Projekt im Ersten Jahrhun-
dert. Spaltbares Material bedeutet ja kein Problem – 
wir haben raffiniertes Plutonium über diesen Plane-
ten gestreut wie Konfetti.« 

»Aber eine A-Bombe ist ein ziemlich komplizierter 

Mechanismus, selbst wenn man die Pläne dafür hat«, 
gab Kent Pickering zu bedenken. »Soweit ich mich er-
innere, sind mehrere subkritische Massen aus Pluto-
nium oder U-235 oder irgend so etwas nötig, die 
durch Explosivladungen plötzlich zusammengbracht 
werden. Alles muß auf die Tausendstel Sekunde ge-
nau stimmen. Dazu braucht es eine ganze Menge 
Elektronik, und ich kann mir nicht vorstellen, die die 
Geeks die von Hand machen sollen.« 

»Ich schon«, sagte Paula. »Haben Sie jemals diese 

Eingeborenen-Goldschmiede arbeiten sehen? Und er-

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zählten Sie nicht einmal von so einer astronomischen 
Uhr hier in der Universität ...« 

»Da hat Paula ganz recht«, sagte von Schlichten. 

»Und was sie nicht selbst herstellen konnten, könnten 
sie von uns bekommen haben. Wir haben ihnen eine 
ganze Menge elektronischer Ausrüstungen verkauft.« 

»Also gut, sie könnten  eine A-Bombe gebaut ha-

ben«, sagte Buhrmann. »Aber haben sie eine gebaut?« 

»Unterstellen wir einmal, daß sie es versucht ha-

ben. Gorkrink kam vor drei Monaten auf der Canberra 
von Niflheim zurück«, sagte von Schlichten. »Wenn 
Orgzild entschlossen war, eine A-Bombe zu bauen, 
dann hätte er das Signal für diesen Aufstand be-
stimmt nicht gegeben, bevor er entweder eine hatte 
oder aber wußte, daß es ihm unmöglich war, eine zu 
bauen; aber nach Ablauf von ganzen drei Monaten 
hätte er bestimmt noch nicht aufgegeben. Deshalb 
müssen wir annehmen, daß ihm sein Vorhaben ge-
lang, und zwar etwa zu dem Zeitpunkt, als er Gor-
krink hierherschickte, um diese vier Tonnen Plutoni-
um zu holen, und wahrscheinlich auch um Ghrogh-
rank zu instruieren, daß er Sid Harrington wie vorge-
sehen vergiften lassen sollte.« 

»Und warum hätte er seine Bombe dann nicht 

gleich bei Beginn des Aufstandes eingesetzt?« wollte 
Meyerstein wissen. 

»Warum sollte er? Uns loszuwerden ist nur der er-

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ste Schritt in Orgzilds Plan«, sagte Grinell. »So lange 
wir die Geschichte der Geeks zurückverfolgen kön-
nen, haben die Könige von Keegark versucht, Kon-
krook und die Freien Städte zu erobern und sich zum 
Herrn des ganzen Gebietes um die Takkad-See zu 
machen. Wenn er uns hier in Konkrook vernichtet, 
kann er mit seinen Truppen kommen und Konkrook 
nehmen. Oder, wenn wir die Geeks hier niederwer-
fen, wie es den Anschein hat, kann er uns zusam-
menbomben und dann in Konkrook einmarschieren. 
So lange, wie wir hier kämpfen, wird er, glaube ich, 
warten. Je mehr wir Konkrook zerstören, desto leich-
ter wird es für ihn sein.« 

»Wenn das so ist, dann sollten wir uns wohl besser 

von der Front in Konkrook verabschieden«, sagte La-
viola. »Und schnellstens anfangen, unsere eigene 
Bombe zu bauen.« 

Von Schlichten sah auf den großen Bildschirm, auf 

dem, von einem in mittlerer Höhe schwebenden Air-
car aus aufgenommen, der Kampf um Konkrook zu 
sehen war. 

»Dem zweiten Teil Ihres Vorschlags stimme ich 

zu«, sagte von Schlichten. »Wir werden auch eine Art 
Abfangsystem gegen Bomber von Keegark organisie-
ren müssen. Und sobald die Procyon da ist, bekommt 
sie den Auftrag, die Jan Smuts und die Krüger aufzu-
spüren und zu zerstören. Darüber hinaus müssen wir 

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Kankads Stadt schützen, denn sie wird auf der Liste 
von Orgzilds Zielpunkten ganz oben stehen. Was 
Konkrook anbelangt, so verlasse ich mich auf Ihren 
Rat, Them. Können wir den Fall der Stadt noch nen-
nenswert hinauszögern?« 

M'zangwe schüttelte den Kopf. »Wenn wir Kontra-

gravitationsschiffe für Patrouillenflüge abziehen, 
werden sich die Aktionen am Boden natürlich etwas 
verlangsamen. Aber die Geeks sind schon jetzt mehr 
oder weniger am Ende.« 

»Dann hol's der Teufel. Ob wir Orgzild gegenüber 

viel Zeit gewinnen, wenn wir den Sieg in der Stadt 
hinauszögern, ist ohnehin zweifelhaft, und wahr-
scheinlich werden wir die Soldaten hier als Arbeiter 
brauchen.« Er wandte sich zu Pickering. »Dr. Picke-
ring, wen schlagen Sie für das Team vor, das unsere 
Bombe bauen soll?« fragte er. 

»Nun, Martirano, Sternberg, Howard Fu-Chung 

und Piet van Reenen ... Sechs bis acht von ihnen kann 
ich in zwanzig Minuten beisammen haben. In ein 
paar Stunden haben wir eine Arbeitsplanung und 
können anfangen. Natürlich muß während der gan-
zen Zeit ein qualifizierter Mann im Kraftwerk sein, 
aber ...« 

»Gut; holen Sie sie zusammen. Die Bombe sollte 

schon gestern nachmittag fertig sein. Und Sie und alle 
anderen nehmen wieder Ihren Zivilstatus an. Ich 

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möchte nicht, daß jemand, der mit der Sache nichts 
zu tun hat und sich auch nicht auskennt, auf Grund 
seines militärischen Ranges bei ihnen dazwischen-
funken kann. Also, lassen Sie so bald wie möglich 
von Ihren Fortschritten hören.« 

Er wandte sich Hargreaves zu. »Les, Sie sind für 

die fliegenden Sicherheitspatrouillen verantwortlich 
und verhindern mit allen Mitteln, daß Orgzild uns 
bombardiert, bevor wir ihn bombardieren. Nach Pik-
kering haben Sie allen anderen gegenüber Priorität.« 

Hargreaves nickte. »Ja, wir müssen Kankads Stadt 

genauso schützen wie diesen Ort hier. Von hier nach 
Kankads Stadt sind es etwa achthundert Kilometer, 
und etwa zwölfhundert von dort nach Keegard.« 

Er begann, Zahlen und Schiffsnamen vor sich hin-

zumurmeln. In etwa fünf Minuten würde er ein Or-
ganisationsprogramm aufgestellt haben. Bis dahin 
konnte von Schlichten nur geduldig warten. Sein 
Blick fiel auf einen schmalgesichtigen, düster drein-
blickenden Mann in einem grünen Hemd mit den 
drei konzentrischen Kreisen eines Colonels auf den 
Ärmeln. Es war Emmett Pearson, der Chef der Kom-
munikationstruppe. 

»Emmett«, sagte er, »diese TV-Satelliten in dreitau-

send Kilometer Höhe. Was für eine Mannschaft könn-
ten die aufnehmen?« 

Pearson lachte. »Was für eine Mannschaft, Gene-

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ral? Weiße Mäuse oder dressierte Kellerasseln? Was 
größer ist, geht da kaum rein.« 

»Ja, ich weiß, daß sie automatisch arbeiten. Aber 

wie werden sie gewartet?« 

»Von außen. Sie haben so ungefähr die Form einer 

Kugelhantel – etwa sieben Meter lang, das Rohr drei 
Meter Durchmesser, und an jedem Ende sitzt eine 
Kugel von fünf Metern Durchmesser. Das ganze be-
steht aus auswechselbaren Sektionen. Zur Wartung 
fliegen unsere Leute in so etwas wie einem kleinen 
Raumschiff hinauf und arbeiten entweder von außen 
her oder setzen eine neue Sektion ein und bringen die 
ausgewechselte in die Werkstatt herunter.« 

»So; und wie sieht so ein kleines Raumschiff denn 

aus?« 

»Wie zwei Fünfzig-Tonnen-Lastfahrzeuge, mit 

Luftschleusen dazwischen und in der Mitte verbun-
den. Natürlich luftdicht und isoliert wie ein Raum-
schiff. Die eine Seite dient als Quartier für sechs 
Mann Besatzung – manchmal sind sie bis zu einer 
Woche unterwegs – die andere Seite als Werkstatt.« 

Das klang interessant. Mit Kontragravitation waren 

natürlich Begriffe wie »Fluchtgeschwindigkeit« und 
»Leistungsgewicht« von rein historischem Interesse. 

»Wie lange«, fragte er Pearson, »würde es dauern, 

um so ein Fahrzeug mit einem vollständigen Satz De-
tektor-Instrumenten zu bestücken – Radar, Infrarot- 

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und Ultraviolett-Sichtgeräte, Elektronenteleskope, 
Wärme- und Strahlungsdetektoren – und auf eine 
Höhe von etwa zweihundert Kilometern über Kee-
gark zu bringen?« 

»Kann ich leider nicht sagen, General«, antwortete 

Emmett Pearson. »So etwas muß in der Werft ge-
macht werden, und mit dem größten Teil des Zeugs 
hat meine Abteilung gar nichts zu tun. Fragen Sie 
doch Air-Commodore Hargreaves.« 

»Les!« rief von Schlichten. »Les, wachen Sie auf!« 
»Augenblick noch, General.« Hargreaves kritzelte 

hastig Zahlen auf ein Stück Papier. »So«, sagte er 
dann und sah auf. »Was gibt es, Sir?« 

»Emmett hat so eine Art Kleinschiff, das er für die 

Wartung seiner TV-Satelliten verwendet. Er wird Ih-
nen sagen, wie es aussieht. Ich möchte, daß Sie alles 
an Detektorgeräten reinquetschen, was nur geht, da-
mit das Ding über Keegark stationiert werden kann. 
Natürlich so hoch, daß es auch Konkrook, Kankads 
Stadt und die unteren Täler des Hoork und des Konk 
beobachtet.« 

»Ich verstehe.« Hargreaves schnappte sich ein Mi-

krofon, tastete eine Nummer in den Kommunikator 
ein und begann dann rasch mit leiser Stimme zu 
sprechen. Nach einer Weile hängte er ein. »In Ord-
nung, Mr. Pearson – Colonel Pearson, meine ich. 
Schicken Sie Ihren Raum-Buggy in die Werft. Meine 

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Jungs machen das schon.« Er notierte sich etwas auf 
einem weiteren Blatt Papier. »Nun, General, hier ist 
mein Vorschlag: Die Elmoran wird südlich und östlich 
von Konkrook patrouillieren, die Gaucho  und die 
Bushranger im Norden und Nordosten. Die Aldebaran 
bleibt in Kankads Stadt in Reserve. Die leichten Kon-
tragravitations-Patrouillen stelle ich mir so vor.« Er 
reichte von Schlichten eine Karte mit roten und blau-
en Markierungen. »Die roten operieren von Kankads 
Stadt aus, die blauen von Konkrook.« 

»So könnte es gehen«, sagte von Schlichten. »Aber 

da ist noch etwas. Wir müssen das Gebiet von Kee-
gark mit Strahlungsdetektoren überwachen. Diese 
Geeks wissen um die von spaltbarem Material ausge-
hende Strahlungsgefahr, kennen aber nur die ge-
wöhnlichen Industriereaktoren, die nach oben nur 
sehr leicht oder gar nicht abgeschirmt sind. Wir müs-
sen feststellen, wo Orgzilds Bombenfabrik ist.« 

»Sobald wir Strahlungsdetektoren nach Kankads 

Stadt schicken können, rüsten wir ein paar schnelle 
Aircars damit aus.« 

»In unserem Laboratorium und im Reaktor haben 

wir Detektoren«, sagte Kankad. »Und meine Leute 
können noch welche bauen, wenn Sie sie brauchen.« 
Er überlegte einen Moment. »Vielleicht sollte ich jetzt 
in meine Stadt zurück. Vielleicht werde ich dort nöti-
ger gebraucht als hier.« 

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Kent Pickering, der sich an einem anderen Tisch 

mit seinen Experten besprochen hatte, kam nun zu-
rück. 

»Wir haben jetzt einen Plan, General«, sagte er. »Es 

wird um einiges schwieriger, als ich angenommen 
hatte. Keiner von uns scheint genau zu wissen, wie 
man beim Bau dieser Dinger vorgeht. Uran- oder Plu-
tonium-Spaltungsbomben sind nämlich schon seit 
über vierhundert Jahren außer Gebrauch. Aber die 
technischen Einzelheiten unterlagen noch lange 
strengster Geheimhaltung, da die Bombe auch durch 
das Aufkommen neuerer Entwicklungen nicht weni-
ger tödlich wurde. Als die Geheimhaltung dann auf-
gehoben wurde, war sie derart veraltet, daß sich nie-
mand mehr dafür interessierte; Fachbücher erwähn-
ten sie nur noch in ganz allgemeinen Wendungen. 
Die Prinzipien gehören natürlich zum ABC der 
Atomwissenschaft; das ›Geheimnis der A-Bombe‹ be-
stand nur aus einem Sack voller Ingenieurstricks, die 
wir nicht kennen und deswegen neu entdecken müs-
sen. Anordnung der subkritischen Massen, Bau eines 
funktionsfähigen Detonationsmechanismus – solche 
Dinge. 

Sogar die Daten der alten Bomben vom Hiroshima- 

und Nagasakityp liegen noch vor. Man kann sie zum 
Beispiel in der Universität von Montevideo oder in 
der Jan-Smuts-Gedächtnis-Bibliothek in Kapstadt ein-

background image

sehen. Aber hier haben wir nichts. Ich werde ein paar 
Techniker beauftragen, die in der Bibliothek auf Gon-
gonk Island vorhandene Literatur zu wälzen, aber 
viel bringt das wohl nicht. Andererseits müssen wir 
auch der kleinsten Chance nachgehen, selbst wenn 
die Wahrscheinlichkeit fast gleich Null ist.« 

Von Schlichten nickte. »Ich hatte auch nichts ande-

res erwartet«, sagte er. »Trotzdem – Ihre Bombe muß 
immer noch seit gestern nachmittag fertig sein; da das 
aber nicht mehr ganz möglich scheint, dürfen Sie ein 
wenig – aber nur ein ganz klein wenig – länger brau-
chen.« 

»Wie wollen wir's mit der Publicity halten?« fragte 

Howlett, der Personalchef. »Wir möchten natürlich 
nicht, daß halbrichtige oder verstümmelte Nachrich-
ten rausgehen – obwohl ich nicht glaube, daß irgend 
etwas dadurch noch viel schlechter werden kann – 
damit die Soldaten bloß noch zum Himmel hinauf-
stieren und sofort in Panik geraten, wenn sie irgend 
etwas sehen, was ihnen nicht gleich bekannt vor-
kommt.« 

»Ganz richtig. So eine Panik habe ich schon mehr-

mals erlebt«, sagte von Schlichten. »Das ist so unge-
fähr das Schlimmste, was man sich vorstellen kann.« 

»Meiner Ansicht nach sollten wir den Terranern die 

Wahrheit sagen«, meinte Hargreaves. »Und ihnen er-
klären, daß unsere einzige Hoffnung darin besteht, 

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selbst so eine Bombe zu bauen und sie zuerst abzu-
werfen. Was die Kraganer betrifft ... was glauben Sie, 
König Kankad?« 

»Sagen Sie ihnen, daß wir eine Bombe bauen, um 

Keegark zu zerstören; daß uns allmählich die Muniti-
on ausgeht und daß dies unsere einzige Hoffnung ist, 
den Krieg zu beenden, bevor wir keine Munition 
mehr haben«, sagte Kankad. »Erklären Sie ihnen in 
etwa, um was für eine Art Bombe es sich handelt. 
Aber sagen Sie ihnen nicht, daß König Orgzild schon 
so eine Bombe hat. Mein Erzeuger, der alte Kankad, 
hat mir erzählt, wie unsere Leute in panischer Angst 
vor den Waffen der Terraner flohen, als Ihr Volk und 
meines noch Feinde waren. Was Sie da bauen wollen, 
verhält sich zu den Waffen, denen sie sich damals ge-
genüber sahen, wie jene Waffen zu den Pfeilen und 
Speeren der alten Kraganer ... Und wenn die Geeks 
von Grank hierher kommen, sagen Sie ihnen, daß der 
Sieg unser ist und daß sie sich, wenn sie gut kämpfen, 
die Beute von Konkrook und Keegark teilen können.« 

Von Schlichten sah auf den großen Bildschirm. 

Themistokles M'zangwe hatte bereits angeordnet, das 
Artilleriefeuer zu reduzieren. Auch bombardiert 
wurde weniger; eine größere Anzahl von Kontragra-
vitationsschiffen war aus dem Kampf genommen 
worden. 

»Damit wäre wohl alles besprochen«, sagte er, 

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»was zu besprechen ist. Haben wir irgend etwas ver-
gessen? ... Die Sitzung ist beendet.« 

Er nahm zusammen mit Paula Quinton den Auf-

zug zum Dach. Oben beobachteten sie schweigend 
den jenseits des Kanals wütenden Brand und das 
Mündungsfeuer der an der stadtwärts gelegenen Sei-
te stationierten Artillerie. »Am Mittwoch abend dach-
te ich schon, wir seien am Ende«, sagte Paula schließ-
lich. »In nur zwei Tagen im Norden aufzuräumen, 
schien auch ganz unmöglich zu sein. Vielleicht schaf-
fen Sie es erneut.« 

»Wenn das noch einmal gut geht, dann bin ich kein 

General – dann bin ich ein Hexenmeister«, antwortete 
er. »Dann ist Pickering ein Hexenmeister, meine ich; 
er ist es, der uns aus der Bredouille zieht, wenn das 
noch möglich ist.« Er blickte düster über das Wasser, 
auf dem die Reflexe der Flammen tanzten. »Machen 
wir uns nichts vor. Wir schlagen wohl nur auf dem 
Weg zum Galgen um uns, das ist alles.« 

»Warum sollten wir damit aufhören, bevor die Fall-

tür sich öffnet?« fragte sie. »Was soll aus den Leuten 
auf diesem Planeten werden, wenn wir nicht mehr da 
sind?« 

»Daran möchte ich gar nicht denken. Kankads 

Stadt wird die zweite Bombe abkriegen; Orgzild wird 
es nicht wagen, die Kraganer übrigzulassen, sobald er 
uns vernichtet hat. Yoorkerk und Jonkvank werden 

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im Norden Keaveney, Shapiro, Karamessinis und Hid 
O'Leary den Hals umdrehen; und wenn das nächste 
Schiff kommt und feststellt, was hier passiert ist, 
dann schickt die Föderation ein Expeditionscorps und 
haut diesen Planeten schlimmer zusammen als da-
mals Fenris.« 

Vom Lufthafen stieg plötzlich ein halbes Dutzend 

Aircars auf und nahm Kurs auf Nordosten. Als sie 
vorbeiflogen, konnte er im Feuerschein der brennen-
den Stadt sehen, daß mindestens drei von ihnen Ra-
ketenwerfer aufmontiert hatten. Sekunden später 
folgte ihnen ein Kanonenboot, dann ein zweites. 

»Großer Gott; vielleicht ist es jetzt schon so weit«, 

sagte Paula. 

»Wenn es so ist, dann sind wir hier genausogut 

aufgehoben wie irgendwo anders«, antwortete er. 
»Jetzt können wir nur noch warten.« 

Eine Ewigkeit schien zu vergehen. Dann flimmerte 

Licht über den East Konk Mountains auf. Aber es wa-
ren nicht die Flammenblitze von Explosionen; zum 
Teil waren es Magnesiumfackeln, zum Teil die Lich-
ter eines Schiffes. 

»Das ist die Procyon von Grank«, sagte er. »Da ha-

ben sich alle eine gute Note verdient – Aufklärer, Jä-
ger, Schützen. Wenn das der Angriff gewesen wäre, 
hätten wir eine gute Chance gehabt, ihn zu stoppen.« 
Zum erstenmal, seit Pickering gesagt hatte, Lourenço 

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Gomes sei tot, fühlte er sich wieder etwas besser. 
»Wir können nur froh sein, daß Gorkrink noch nichts 
von Fernlenkraketen weiß. Solange sie ihre Bomben 
abwerfen müssen, haben wir eine Chance.« 

Sie erhoben sich von der Balustrade, auf der sie ge-

sessen hatten, und zum erstenmal bemerkte er, daß er 
den linken Arm um ihre Schulter gelegt hatte und 
daß ihre rechte Hand auf seiner rechten Hüfte ruhte, 
gerade über der Pistole. Er hob die Papierkladde auf, 
die sie bei sich getragen hatte, und schob Paula vor 
sich in den Lift hinein. Erst als sie sich dann trennten, 
wurde ihm bewußt, daß er den älteren Regeln der 
Ritterlichkeit gefolgt war und nicht denen des militä-
rischen Ranges. 

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14 

 

Von der Kritik in die Pfanne gehauen 

 
 

Er wachte auf und starrte erschreckt auf die Uhr. Es 
war 0945. Sich von den Decken befreiend, sprang er 
von seiner Pritsche und lief ins Bad. Während er sich 
bemühte, die Wassertemperatur der Dusche zu re-
geln, beruhigte er sein Gewissen mit der Überlegung, 
daß ein hellwacher General besser ist als ein schläfri-
ger, daß er ja gar nichts tun konnte außer hoffen, daß 
Hargreaves' Patrouillen die Bombe von Konkrook 
fernhalten würden, bis Pickerings Gehirntrust seine 
eigene fertig hatte, und daß ein langer Schlaf des 
kommandierenden Generals für die Moral der Trup-
pe immer noch besser war als der Anblick eines Be-
fehlshabers, der in Spiralen herumrennt. Er rasierte 
sich sorgfältig; Bartstoppeln auf seinem Kinn konnten 
verraten, daß er bekümmert war. Dann zog er sich an, 
klemmte sein Monokel ein und rief das Hauptquar-
tier an. Die Funkerin holte Paula Quinton. Sie war 
schon seit zwei Stunden auf. 

»Die  Northern Lights kam vor etwa drei Stunden, 

General«, sagte sie. »Sie hatte vier von König Yoor-
kerks Infanterieregimentern an Bord – das Siebente 
›Ruhmreich und Schrecklich‹, das Vierte ›Die Unbesieg-

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bare‹, das Zweite, ›Stärke des Throns‹ und das Zwölfte, 
›Ewiger Ruhm‹. Es ist der traurigste Haufen, den ich 
jemals gesehen habe, aber Hideyoshi sagt, sie seien 
das Beste, was Yoorkerk hat, und immerhin haben al-
le Gewehre terranischen Modells. General M'zangwe 
hat sie in Bataillone aufgeteilt und jedem Kraganerre-
giment eines davon zugeordnet. Vor den Kraganern 
fürchten sie sich, glaube ich, noch mehr als vor den 
Rebellen.« 

Er nickte. Unter den Umständen war das wohl das 

beste, was man mit ihnen anfangen konnte. Aber 
M'zangwes schlaue Taktik barg hier die Gefahr eines 
gänzlich ungewollten Ergebnisses. Gewiß, mit den 
Kraganern zusammengekoppelt würden diese Geeks 
bei der Eroberung Konkrooks sehr nützlich sein. Das 
Problem lag nur darin, daß sie sich unter dem Befehl 
der Kraganer selbst zu halbwegs guten Soldaten ent-
wickeln und so eine unerwünschte Verstärkung von 
König Yoorkerks Armee darstellen würden. Anderer-
seits – wenn man sie lange genug in den Diensten der 
Company behielt, dann würden sie vielleicht von 
Yoorkerk überhaupt nichts mehr wissen wollen und 
hierbleiben. 

»Wie sieht es denn in der Stadt aus?« fragte er. 
»Seit wir die Kontragravitationsschiffe abgezogen 

haben«, antwortete sie, »hat sich alles verlangsamt, 
aber die Geeks fallen immer mehr auseinander. Die 

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Straßen

 

sind

 

voll

 

von

 

Flüchtlingen.

 

Und

 

das

 

Strato-

sphären-Beobachtungsschiff

 

 

sie

 

nennen

 

es

 

›Him-

melsspion‹

 

 

befindet

 

sich

 

in

 

einer

 

Höhe

 

von

 

zweihun-

dertfünfzig

 

Kilometern

 

über

 

Keegark.

 

Radar-

 

und

 

TV-

Schirme

 

sowie

 

Radiations-Telemeter

 

und

 

andere

 

De-

tektoren

 

sind

 

aufgeschaltet.

 

In

 

der

 

Werft

 

wird

 

die

 

Nor-

thern

 

Lights

 

gerade

 

auf

 

ähnliche

 

Weise

 

ausgerüstet.

 

Üb-

rigens,

 

Aircommodore

 

Hargreaves

 

möchte

 

wissen, ob 

er ein Paar 150-mm-Kanonen von der Kanalbatterie 
abziehen und in die Lights einbauen kann.« 

»Natürlich; er kann haben, was er nur will, so lange 

es nicht für das Bombenprojekt benötigt wird.« 

»Himmelsspion

 

meldet

 

normalen

 

Kontragravitati-

onsverkehr

 

zwischen

 

Keegark

 

und

 

den

 

umliegenden

 

Farmen

 

 

Aircars

 

und

 

Lastschiffe

 

 

aber

 

nichts

 

Ver-

dächtiges.

 

Von

 

den

 

Schiffen

 

der

 

Boer-Klasse

 

noch

 

kei-

ne

 

Spur.

 

Pickering

 

und

 

seine

 

Leute

 

arbeiten

 

wie

 

wahnsinnig,

 

aber

 

sie

 

wirken

 

alle

 

ziemlich

 

frustriert.

 

Major

 

Thornton

 

experimentiert

 

in

 

der

 

Munitionsfabrik

 

mit

 

Ladungen,

 

die

 

die

 

subkritischen

 

Massen

 

schnell

 

genug

 

zusammenbringen.

 

Der

 

größte

 

Teil

 

der

 

Elektro-

nik-Ingenieure arbeitet an einem Zünder. Hargreaves 
rüstet eine größere Anzahl kleinerer Fahrzeuge – 
Kampfschiffe und zivile Aircars – mit Radargeräten 
aus, damit sie Aufklärungspatrouillen fliegen kön-
nen.« 

»Klingt nicht schlecht«, sagte von Schlichten. »Ich 

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komme gleich und sehe mich um; aber erst einmal 
brauche ich Frühstück.« 

In der Haupt-Caféteria, vier Stockwerke tiefer, ging 

es etwas ruhiger zu als sonst, aber die Leute schienen 
guter Dinge zu sein. Er brachte einige Zeit im Haupt-
quartier zu und beobachtete Keegark über TV und 
Radar. Bis jetzt hatte dort noch keine direkte Aufklä-
rung mit Strahlungsdetektoren stattgefunden. Aber 
Hargreaves berichtete, daß mehrere private Aircars 
dafür hergerichtet wurden. 

Er machte selbst einen Inspektionsflug über die In-

sel, besuchte die Farmen auf dem Festland südlich 
der Stadt und überflog schließlich die Stadt selbst. 
Aufklärungsflüge dieser Art waren eine archaische 
Prozedur, und nicht wenige Generale hatten dabei 
bereits ihr Leben eingebüßt; aber er konnte auch 
manches sehen, was ihm über TV entgangen wäre. 
Mehrere Male landete er auf bereits erobertem Gebiet 
und sprach mit Soldaten und Offizieren. Bemerkens-
werterweise waren König Yoorkerks Regimenter mit 
den verwegenen Namen nicht ganz so schlecht, wie 
Paula geglaubt hatte. Sie durfte bei der Beurteilung 
anderer Eingeborenertruppen nur nicht von bei Kra-
ganern anzulegenden Maßstäben ausgehen. Die Be-
waffnung der Geeks stammte von Volund und war 
durchaus gut; und die Geeks zeigten sich tapfer und 
willig und waren durch ihre Eingliederung in Kraga-

background image

ner-Regimente gerade genug angestachelt worden, 
um ihr Bestes zu geben. 

Gegen Mittag flauten die Kämpfe in Konkrook ab. 

Auf einem ihrer Widerstandsnester nach dem ande-
ren hißten die Rebellen die weiße Flagge. Um 1430, 
kurz nach seiner Rückkehr auf die Insel, kam eine De-
legation unter dem Konkrooker Gegenstück eines 
Bürgermeisters über den Kanal. Sie bestand haupt-
sächlich aus Kaufleuten, die den Staatsspeer von 
Konkrook überbrachten und sich in weitschweifigen 
Entschuldigungen ergingen, weil Gurgurks Kopf 
nicht darauf steckte. Gurgurk, berichteten sie, war in 
der Nacht zuvor mit einem Aircar nach Keegark ge-
flohen. Die Küstenbatterie hörte zu feuern auf. Bis auf 
den Knall einzelner Schüsse aus kleineren Waffen 
senkte sich Stille über die Stadt. 

Um 1600 besuchte von Schlichten Pickerings 

Hauptquartier im Verwaltungsgebäude des Kern-
kraftwerks. Als er im dritten Stock den Aufzug ver-
ließ, stieß er mit einem Mädchen zusammen, das, die 
Arme voll Aktendeckel, eben den Gang entlanglief. 
Papiere flogen in alle Richtungen. Er bückte sich, um 
ihr beim Einsammeln zu helfen. 

»Oh, General! Ist das nicht wunderbar«, rief sie. 

»Ich kann es einfach nicht glauben!« 

»Ist was nicht wunderbar?« fragte er. 
»Oh, Sie wissen noch nicht? Sie haben es!« 

background image

»Sie haben es?« Er hob die letzten Papiere auf und 

gab sie ihr. »Seit wann?« 

»Seit einer halben Stunde. Und stellen Sie sich vor, 

diese Bücher waren die ganze Zeit hier, und ... Oh, 
ich muß mich beeilen!« Und schon war sie im Aufzug 
verschwunden. 

In Pickerings Hauptquartier sah er einen der Inge-

nieure mit einem Stenofon in der einen Hand und ei-
nem Buch in der anderen. Von Zeit zu Zeit sagte er 
etwas in das Stenofon. Zwei weitere Ingenieure hat-
ten ähnliche Bücher vor sich liegen; sie machten No-
tizen, sahen im Handbuch der Atomphysik nach und 
tippten etwas in ihre Rechner ein. 

Pickering lief gerade von einer Gruppe zur näch-

sten. Er packte ihn am Ärmel. »Nun, was ist?« fragte 
er. 

»Ha! Wir haben es!« rief Pickering. »Alles, was wir 

brauchen! Sehen Sie nur!« 

Auch er hatte eines dieser Bücher unter dem Arm. 

Er hielt es von Schlichten hin. 

Es war ein Roman – ein dicker historischer Roman 

von etwa sieben- oder achthundert Seiten. Der Um-
schlag trug das Brustbild einer vollbusigen, jungen 
Dame mit grünen Augen, rotem Haar und Jadeohr-
ringen. Im Hintergrund stieg ein Atompilz auf, vor 
dem ein viermotoriger Propellerbomber des Ersten 
Jahrhunderts zu fliehen schien. Und das Buch hieß 

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Blutiger Morgen, verfaßt von einer gewissen Hilde-
garde Hernandez. 

»Ja, da ist eine A-Bomben-Explosion drauf«, räum-

te er ein. 

»Und es steht alles drin – wirklich alles! Kritische 

Massen, Sprengladungen, Zünder, alles! Und im An-
hang gibt es sogar Diagramme, Kopien der Zeich-
nungen für die Original-Nagasaki-Bombe. Sehen Sie 
nur!« 

Von Schlichten wußte nicht mehr von Atomphysik 

als jeder andere intelligente Laie – genug, um einen 
Konversions-Reaktor zu reparieren oder zu laden; 
aber die Zeichnungen sahen tatsächlich echt aus. Es 
schien sich um Kopien alter Blaupausen zu handeln. 
Das Englisch des Ersten Jahrhunderts war mit Über-
setzungen in Lingua Terrae versehen. Auf allen Blät-
tern stand TOP SECRET und U.S. ARMY CORPS und 
MANHATTAN ENGINEERING DISTRICT. 

»Und sehen Sie sich das an!« Pickering schlug eine 

markierte Seite auf und zeigte sie ihm. »Und das! Da 
steht praktisch alles drin, was wir wissen wollen!« 

»Das

 

kapier

 

ich

 

nicht.«

 

Von

 

Schlichten

 

schüttelte

 

un-

gläubig

 

den

 

Kopf.

 

»Ich

 

habe

 

ein

 

paar

 

Kritiken

 

dieses

 

Wälzers

 

gelesen.

 

Überall

 

wurde

 

er

 

in

 

die

 

Pfanne

 

gehauen:

 

›Weltkrieg

 

II

 

durch

 

ein

 

Schlafzimmerschlüs-

selloch‹; ›Duell in Spitzenhöschen‹ – so in der Art.« 

»Ja, ja, sicher«, räumte Pickering ein. »Aber diese 

background image

Hildegarde bildet sich ernsthaft ein, große historische 
Romane zu schreiben, verstehen Sie. Sie gibt so ein 
Buch erst in Druck, wenn sie jahrelang recherchiert 
hat – teilweise läßt sie das auch von einer Herde Bi-
bliothekare, Doktoranden und anderen derartigen li-
terarischen Kulis machen. Und sie brüstet sich, daß 
man ihr niemals auch nur den kleinsten historischen 
Irrtum nachweisen kann. 

Nun, in diesem Opus geht es um das alte Manhat-

tan-Projekt. Die Heldin ist eine Art Super-Mata Hari, 
die – nacheinander und manchmal sogar gleichzeitig 
– im Sold der Nazis, der Sowjets, des Vatikans, Tschi-
ang Kai-Scheks, des japanischen Kaisers und aller 
möglichen jüdischen Bankiers steht und mit jeder-
mann schläft bis auf Josef Stalin und Mao Tse-Tung. 
Und natürlich kennt die das A-Bomben-Projekt von A 
bis Z. Unter Mithilfe eines Generals, den sie auf fünf-
zig mulmigen Seiten verführt, bringt sie es sogar fer-
tig, als blinder Passagier in der Enola Gay mitzuflie-
gen. 

Um sich für diese Schwarte zu dokumentieren, hat 

die Hernandez genau dieselben Quellen benutzt wie 
Lourenço Gomes – die in der Bibliothek der Universi-
tät von Montevideo. Sie hatte sogar Zugang zu Foto-
kopien der alten US-Daten, die General Lanningham 
nach dem Debakel der Vereinigten Staaten im Jahr 
114 des Atomzeitalters nach Südamerika brachte. 

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Dieser Anhang stammt direkt daraus. Soweit wir es 
bisher nachrechnen konnten, ist alles völlig authen-
tisch. Was die Sprengladung anbelangt, müssen wir 
noch einige Tests durchführen – die genaue Stärke 
der damals verwendeten Explosivstoffe kennen wir 
nicht mehr – und auch die Zünder werden wir noch 
zu testen haben. Aber in einer halben Stunde sollte es 
uns möglich sein, Pläne für das Gehäuse zu zeichnen. 
Sobald sie fertig sind, gehen sie sofort zur Gießerei in 
der Werft.« 

Mit einem Seufzer der Erleichterung reichte ihm 

von Schlichten das Buch zurück. »Und ich dachte 
schon, wir seien alle im Eimer«, sagte er. »Wir wer-
den Señorita Hildegarde Hernandez auf den Ruinen 
von Keegark ein fünfzig Meter hohes Denkmal er-
richten ... Wie sind Sie denn überhaupt auf dieses 
Ding gekommen?« 

Pickering deutete auf einen jungen Mann mit rot-

blondem Haar, der irgend etwas in einen kleinen 
Computer eingab. 

»Piet van Reenen; er hat eine Freundin, die Ge-

schmack an solchem literarischen Kaugummi findet. 
Sie erzählte ihm, daß alles in einem Buch stehe, das 
sie eben gelesen hatte, und zeigte es ihm. Wir sind 
gleich in sämtliche Buchläden gestürmt und haben 
uns alle greifbaren Exemplare geholt. Jetzt sind wir 
gerade bei einer Art Gas-Diffusions-Prozeß, um die 

background image

Atomphysik von der Pornographie zu trennen. Ich 
muß sagen, daß Hildegarde auch in Biologie recht 
firm ist.« 

»Vielleicht fände sie sogar Spaß daran, einen Ro-

man über Geeks zu schreiben«, sagte von Schlichten. 
»Nun, wann glauben Sie, sind Sie mit der Bombe so 
weit?« 

»Der Guß der Gehäuse dauert am längsten«, sagte 

Pickering. »Dennoch dürfte das alles längstens drei 
Tage dauern. In zwei Wochen liefern wir sie vom 
Fließband.« 

»Ich hoffe, wir brauchen nicht mehr als eine. Den-

noch müssen Sie mindestens ein halbes Dutzend her-
stellen. Lassen Sie auch ein paar Übungsbomben ma-
chen, aus Zement oder irgendwas meinetwegen, so 
lange sie nur das richtige Gewicht und die richtige 
Form haben und irgendwie Rauch entwickeln. Lassen 
Sie die bauen, sobald das Gehäuse gezeichnet ist. 
Dann können wir ein paar Trainingsabwürfe durch-
führen.« 

Jedenfalls mußte er sich davor hüten, Hoffnungen 

zu erwecken, die möglicherweise verfrüht waren. Na-
türlich unterrichtete er Paula Quinton, Themistokles 
M'zangwe und – über verschlüsselte Kommunika-
tormeldung – König Kankad und Aircommodore 
Hargreaves. Ansonsten konnte man jetzt nur warten 
und hoffen, daß Hargreaves Orgzilds Bomber von 

background image

Gongonk Island und Kankads Stadt fernhalten konn-
te. Und vor allem, daß Hildegarde Hernandez ihre 
Leserschaft nicht zum Narren hielt. Er besuchte die 
Stadt, wo die letzten Widerstandsnester ausgeräu-
chert wurden, und wo alle, die sich nicht allzu offen-
sichtlich an der znidd suddabit-Verschwörung beteiligt 
hatten, jetzt beteuerten, stets die ergebensten Freunde 
der Terraner und der Company gewesen zu sein. Von 
Schlichten kehrte nach Gongonk Island zurück und 
überlegte, ob er eine Generalamnestie erklären oder 
ein Dutzend Guillotinen in der Stadt errichten sollte, 
die dann eine Woche lang rund um die Uhr in Betrieb 
sein müßten. Für beides gab es gewichtige Argumen-
te. 

Um 2100 war der letzte organisierte Widerstand 

gebrochen. Eine Sperrstunde wurde verkündet. In 
der Stadt kehrte Ruhe ein. Noch schwebte über ihnen 
das Damoklesschwert aus Keegark. Aber der Gedan-
ke daran wirkte jetzt nicht mehr so bedrohlich wie 
noch am Abend zuvor. Von Schlichten und Paula 
aßen in Broadway Room zu Abend, als das Telefon, 
das sie an ihrem Tisch hatten installieren lassen, läu-
tete. 

»Hier Colonel Quinton«, meldete sich Paula und 

lauschte einen Moment. »Wann? ... Und woher kam 
es? ... Ich verstehe. Und die Richtung? ... Sonst noch 
etwas?« 

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Das war offenbar alles. Sie legte auf und wandte 

sich wieder von Schlichten zu. 

»Der Himmelsspion hat eben den Start eines Schif-

fes in Keegark registriert. Wahrscheinlich ist es einer 
der Frachter der Boer-Klasse – entweder die Jan Smuts 
oder die Oom Paul Krüger. Vermutlich haben die 
Geeks sie getarnt, nachdem Commander Prinsloo 
Keegark zum erstenmal mit der Aldebaran  bombar-
dierte. Der Start erfolgte vor zwanzig Minuten; zu-
letzt befand sich das Schiff siebzig Kilometer nördlich 
von Keegark über dem Hoork River.« 

»Das könnte eine Finte sein«, dachte von Schlichten 

laut, »um unsere Schiffe nach Norden zu ziehen und 
den Zugang nach Konkrook oder Kankads Stadt zu 
öffnen. Das aber würde bedeuten, daß sie von der 
Existenz des Himmelsspions wissen, und das bezwei-
fle ich, obwohl ich auch da kein Risiko laufen möchte. 
Sie wissen, daß wir Boden- und Schiffsradar haben, 
und glauben vielleicht, daß sie unbemerkt das Konk-
Tal heraufschleichen können oder fälschlich für eines 
unserer Schiffe aus dem Norden gehalten werden.« 

Er nahm den Hörer auf. »Stellen Sie zu Air-

Commodore Hargreaves auf der Procyon durch«, sag-
te er. »Legen Sie das Gespräch in mein Büro, ich bin 
gleich oben.« Er stand auf. »Essen Sie ruhig zu Ende, 
und lassen Sie bitte den Rest meines Dinners nach 
oben bringen«, bat er Paula. 

background image

Als er den Saal betrat, in dem das Hauptquartier 

untergebracht war, hatte man ihm die Verbindung 
mit der Procyon  hergestellt, die sich zwischen Kan-
kads Stadt und Keegark an der nordwestlichen Ecke 
der Takkad-See befand. Die Aldebaran,  das wußte er, 
war westlich von Keegark; die Northern Lights, die 
jetzt zu ihren 90-mm-Geschützen jetzt noch zusätz-
lich ein Paar 150-mm-Kanonen hatte, war eben in 
Kankads Stadt angekommen. Er schickte die Aldeba-
ran  
auf Patrouille entlang dem Gebirgskamm zwi-
schen den Flußtälern von Hoork und Konk, die sie 
von dort aus mit Radar und Detektoren überwachen 
konnten. Die Gaucho wurde so stationiert, daß sie al-
ler Voraussicht nach das Schiff der Boer-KIasse aus 
Keegark abfangen konnte. Die Northern Lights, die 
wie die Aldebaran  in ständiger Verbindung mit dem 
Himmelsspion  stand, nahm die bisherige Position der 
Aldebaran  ein. Schließlich rief er noch Skilk und ließ 
die  Northern Star von dort aus ins Hoork-Tal einfah-
ren. 

Jetzt konnte er nur noch warten. Kurz nach dem 

Ende seines Gespräches mit Skilk brachte Paula Quin-
ton auf einem Cocktail-Wagen den Rest des Dinners. 
Nach und nach stellten sich auch die restlichen An-
gehörigen seines Stabes ein, soweit sie nicht auf der 
Werft mit der Besetzung von Konkrook oder dem 
Bombenprojekt beschäftigt waren. Gemeinsam starr-

background image

ten sie auf die verschiedenen Bildschirme, die – in 
Radarmustern, Direktvision, Teleskop-Vision, über 
Wärme- und Strahlungsdetektoren – zeigten, was 
nordöstlich von ihnen vorging. 

Von Keegark gab es kein optisches Bild; offenbar 

hatte König Orgzild völlige Verdunkelung befohlen. 
Allerdings half ihm das nichts: Auf dem Radarschirm 
war die Stadt ganz deutlich zu sehen, und auf den 
Strahlungs- und Wärmebildern nicht weniger. Auch 
das Keegarkanische Schiff, das visuell nicht wahr-
nehmbar war, verriet sich durch die Strahlung seiner 
Maschinen und das charakteristische Strahlungsmu-
ster seines Kontragravitationsfeldes. Der Fleck auf 
dem Radarschirm markierte ebenfalls seine Position. 
Auch auf dem TV-Schirm war diese Position durch 
einen Lichtpunkt gekennzeichnet – er stammte von 
einem mit den Detektoren synchronisierten Gerät des 
Himmelsspions. Die Schiffe und Kontragravitations-
fahrzeuge der Company identifizierten sich durch 
nur von oben sichtbare rote und blaue Blinklichter. 

Langsam verrann die Zeit. Die fünfundsechzig-

Sekunden-Minuten dieses Planeten schienen sich zu 
Stunden zu dehnen. Die Punkte, die das feindliche 
Schiff und seine Verfolger markierten, schlichen träge 
dahin; vom Himmelsspion aus zweihundertfünfzig 
Kilometer Höhe gesehen, waren selbst die gut eintau-
send Stundenkilometer der Gaucho kaum wahrnehm-

background image

bar. Sie tranken Kaffee, bis sie ihn über hatten. Sie 
rauchten, bis sich die Lungen bogen. Sie starrten auf 
die Bildschirme, bis sie gewiß waren, sie fortan in je-
dem ihrer Träume sehen zu müssen. Dann meldete 
die Gaucho Radarkontakt mit dem keegarkanischen 
Schiff, das in Schlangenlinien das Konk-Tal herauf-
kam. 

Danach gingen die Identifikationslichter der Gau-

cho aus, und sie berichtete direkt. 

»... sind jetzt über dem Tal; Höhe etwa dreihundert 

Meter. Die Lichter sind abgeschaltet. Wir versuchen, 
es optisch am Himmel zu orten«, hörten sie eine 
Stimme. »Wir setzen unsere vordere TV-Kamera ein.« 
Mehrere Male wurde die Wellenlänge wiederholt, 
und jemand schaltete einen weiteren Bildschirm an. 

Außer den Sternen am Himmel und der Silhouette 

der East Konk Mountains war allerdings nichts dar-
auf zu sehen. »Wir müßten es jetzt jeden Augenblick 
haben; das Radar zeigt an, daß es sich über den Ber-
gen befindet. Ah, da ist es – direkt vor Beta Hydrae V; 
bewegt sich in Richtung Finnegans Goat – die große 
Konstellation östlich davon. Jetzt muß es gleich in der 
Mitte des Bildschirms sein; wir nehmen Kurs darauf. 
Bis die Aldebaran  eintrifft, werden wir versuchen, es 
aufzuhalten ...« 

Schemenhaft war das feindliche Schiff jetzt im 

Sternenlicht sichtbar. Tatsächlich handelte es sich um 

background image

einen Frachter der Boer-Klasse. Vermutlich war es die 
Jan Smuts; die Oom Paul Krüger war zuletzt in Bwork 
gemeldet worden, und daß sie seit dem Beginn des 
Aufstandes unbemerkt nach Keegark gelangt sein 
konnte, war wenig wahrscheinlich. Durchaus mög-
lich war sogar, daß sie bei den Kämpfen in Bwork be-
reits zerstört worden war. 

»Wir

 

haben

 

es

 

jetzt

 

geortet

 

und

 

greifen

 

an«,

 

ließ

 

sich

 

die

 

Stimme

 

von

 

der

 

Gaucho

 

vernehmen.

 

»Es

 

hat

 

zwei

 

90-mm-Kanonen

 

gegen

 

unsere

 

eine;

 

die

 

müssen

 

wir

 

als

 

erstes

 

ausschalten.«

 

Der

 

Widerschein

 

des

 

Mündungs-

feuers

 

zuckte

 

über

 

den

 

TV-Schirm;

 

das

 

Bild

 

erzitterte

 

unter

 

dem

 

Rückstoß

 

und

 

stabilisierte

 

sich

 

dann

 

wieder.

 

Das

 

feindliche

 

Schiff

 

in

 

der

 

Bildmitte

 

wurde

 

größer

 

und

 

größer,

 

je

 

mehr

 

sich

 

die

 

Gaucho

 

ihm

 

näherte.

 

Noch

 

einmal

 

feuerte

 

das

 

Geschütz;

 

wieder

 

flammte

 

gelbes

 

Licht

 

über

 

den

 

Schirm,

 

wieder

 

vibrierte

 

das

 

Bild.

 

Das

 

feindliche

 

Schiff

 

erwiderte

 

das

 

Feuer,

 

doch

 

gingen

 

sämtliche

 

Schüsse

 

fehl.

 

Offensichtlich

 

waren

 

die

 

Geeks

 

nicht

 

in

 

der

 

Lage,

 

die

 

Radarvisiere

 

richtig

 

zu

 

synchro-

nisieren

 

und

 

die

 

Raketenzünder

 

auf

 

die

 

entsprechende

 

Entfernung

 

einzustellen.

 

Jetzt

 

gingen

 

die

 

Suchschein-

werfer

 

der

 

Gaucho

 

an

 

und

 

tauchten

 

das

 

feindliche

 

Schiff

 

in

 

grelles

 

Licht.

 

Es war die Jan Smuts. Der Name 

war deutlich zu erkennen. Ihr Buggeschütz war ver-
stummt. Sie begann jetzt ein Wendemanöver, um aus 
der Heckkanone zu feuern. 

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»Jetzt eine Raketensalve«, sagte die Stimme. »Ach-

tung!« 

In

 

Halb-Sekunden-Intervallen

 

schossen

 

vier

 

mal

 

vier

 

Raketen

 

aus

 

den

 

oberen

 

Rohren.

 

Die

 

ersten

 

vier

 

trafen

 

die

 

Jan

 

Smuts

 

an

 

der

 

unteren

 

Seite

 

und

 

mittschiffs.

 

Der

 

Flammenschein

 

der

 

Detonationen

 

war

 

noch

 

nicht

 

erlo-

schen,

 

als

 

die

 

zweiten

 

vier

 

Raketen

 

trafen.

 

Den

 

Ein-

schlag

 

der

 

restlichen

 

Geschosse

 

vermochte

 

niemand

 

mehr

 

zu

 

erkennen.

 

Die

 

Jan

 

Smuts

 

verschwand in einem 

riesigen Feuerball, dessen greller Schein alle im Raum 
blendete. Als sie nach dreißig Sekunden wieder sehen 
konnten, war der Bildschirm dunkel. 

Auf dem TV-Schirm des Himmelsspions war jetzt 

das ganze Konk-Tal achthundert Kilometer nördlich 
von Konkrook erleuchtet. Wärme- und Strahlungsde-
tektoren spielten verrückt. Von der Jan Smuts und der 
Gaucho war nichts mehr zu sehen. 

»Also hatten die Geeks tatsächlich eine A-Bombe«, 

sagte Themistokles M'zangwe schließlich. »Und ich 
habe versucht, mir einzureden, die Chancen dafür 
stünden nur eins zu einer Million. Ich frage mich, wie 
viele sie noch haben.« 

»Paula,

 

stellen

 

Sie

 

bitte

 

fest,

 

wer

 

das

 

Kommando

 

der

 

Gaucho

 

hatte.

 

Er

 

dürfte

 

Leutnant

 

gewesen

 

sein.

 

Lassen

 

Sie

 

ihn

 

mit

 

sofortiger

 

Wirkung

 

zum

 

Captain

 

befördern.

 

Das

 

ist

 

vermutlich

 

das

 

einzige,

 

was

 

wir

 

noch

 

für

 

ihn

 

tun

 

können.

 

Alle

 

anderen

 

Mannschaftsmitglieder

 

wer-

background image

den

 

in

 

vergleichbarer

 

Weise

 

befördert.«

 

Er

 

drückte

 

auf

 

einen

 

Kommunikatorknopf.

 

»Geben Sie mir Kom-

mandeur Prinsloo auf der Aldebaran ...« 

Er beauftragte Prinsloo, Aircars auf die Suche zu 

schicken. Sie sollten sorgfältig auf Strahlungsgefähr-
dung achten, andererseits aber sicherstellen, daß kei-
ne der eventuellen Überlebenden der Gaucho  ohne 
Hilfe blieben. Währenddessen meldete der Himmels-
spion ein weiteres Schiff am östlichen Horizont, das 
aus Richtung Bwork kam. Das mußte die Oom Paul 
Krüger  
sein. Hargreaves hatte bereits vom Auftau-
chen des zweiten Frachters erfahren. Er hielt es aber 
für unrichtig, die Procyon von ihrer bisherigen Positi-
on abzuziehen, ehe die Aldebaran  aus dem Konk-Tal 
zurück war. Von Schlichten stimmte ihm zu. 

Ein

 

Drink

 

wäre

 

jetzt

 

angebracht,

 

meinte

 

jemand.

 

Zwar

 

hatten

 

sie

 

eben

 

den

 

ziemlich

 

sicheren

 

Tod

 

von

 

drei

 

terranischen

 

Offizieren,

 

fünfzehn

 

terranischen

 

Mannschaften

 

und

 

zehn

 

Kraganern

 

erlebt.

 

Aber

 

sie

 

hatten

 

in

 

den

 

letzten

 

drei

 

Jahren

 

 

oder

 

waren

 

es

 

drei

 

Jahrhunderte?

 

 

in

 

so

 

enger

 

Nachbarschaft

 

mit

 

dem

 

Tode

 

gelebt,

 

daß

 

ihre

 

Erschütterung

 

sich

 

in

 

Grenzen

 

hielt.

 

Außerdem

 

war

 

der

 

Beweis

 

erbracht,

 

daß

 

sie

 

sich

 

gegen

 

König

 

Orgzilds

 

Bomben

 

verteidigen

 

konnten;

 

die

 

vorläufige

 

Abwehr

 

dieser

 

tödlichen

 

Gefahr

 

nahm

 

ihnen eine Zentnerlast vom Herzen. 

Sie waren noch dabei, Cocktails zu mixen, als sich 

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Pickering meldete. »Eine gute Neuigkeit von des Un-
ternehmens ›Hildegarde‹. Mindestens eine Bombe 
wird bis morgen 1500 abwurfbereit sein; vier oder 
fünf weitere bis zum Ende des folgenden Tages«, sag-
te er. »Gehäuse brauchen wir keine zu gießen. Nach 
der Berechnung der erforderlichen Dimensionen stell-
ten wir fest, daß es auf dem Raumhafen genügend 
leere Flüssigsauerstoffflaschen oder vielmehr -tanks 
gibt, die alles aufnehmen können – spaltbares Materi-
al, Sprengladung, Zünder, alles.« 

»Ausgezeichnet. Dann stellen Sie bis Sonntag 2400 

so viele her wie nur möglich.« Er überlegte einen 
Moment. »Verschwenden Sie keine Zeit mit den 
Übungsbomben, von denen ich sprach. Zum Training 
nehmen wir eine scharfe Bombe. Und werfen Sie die 
Zeichnungen für das Gußgehäuse nicht weg. Die 
brauchen wir vielleicht später noch.« 

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15 

 

Ein Platz in meinem Herzen für Hildegarde 

 
 

In fünftausend Meter Höhe schwebten die Schiffe der 
Company am Himmel von Keegark. Da war die Pro-
cyon, 
von deren Brücke aus von Schlichten die Bewe-
gungen der anderen Schiffe und Aircars und auch 
den fernen Horizont beobachtete. Die Aldebaran  be-
fand sich ein gutes Dutzend Kilometer westlich da-
von; ihre metallene Außenhaut schimmerte im roten 
Licht der Abendsonne. Nördlich der Aldebaran  ein 
kleinerer, entfernterer Schimmer: Die Northern Star 
aus Skilk. Die Northern Lights hielt sich im Osten. 
Zwischen ihr und der Procyon befand sich ein fünftes 
Schiff. Durch das Fernrohr konnte er es gerade noch 
erkennen: Es war die Oom Paul Krüger, die am Tage 
zuvor nach einer Jagd durch die Berge und östlich 
von Keegark von der Procyon zurückerobert worden 
war. Weitab von den anderen Schiffen waren im Sü-
den ein kleiner, blaugrauer Fleck und ein noch klei-
nerer Lichtreflex zu sehen – ein zum Bombentrans-
porter umgerüstetes Müllfahrzeug, der – nicht sehr 
schmeichelhaft aber zutreffend – auf den Namen Hil-
degarde Hernandez 
getauft worden war, und das Artil-
lerieschiff Elmoran. Durch sein Fernglas konnte er se-

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hen, wie ein größeres zylindrisches Objekt von der 
Hildegarde Hernandez auf das improvisierte Bomben-
katapult am Heck der Elmoran gebracht wurde. Kurz 
darauf löste sich das Artillerieschiff vom Bomben-
transporter und steuerte auf die Flotte zu. 

»General, ich muß wirklich Protest einlegen«, sagte 

Aircommodore Hargreaves. »So etwas hat keinen 
Sinn. Diese Bombe kann auch ohne Ihre persönliche 
Gegenwart an Bord abgeworfen werden, Sir, und Sie 
bringen sich nur unnötig in Gefahr. Diese Höllenma-
schine ist überhaupt nicht getestet worden. Sie kann 
schon auf dem Katapult losgehen, wenn wir sie ab-
werfen. Und wir können es uns jetzt einfach nicht lei-
sten, Sie zu verlieren.« 

»Nein; was würde denn aus uns werden, wenn Sie 

an Bord gehen und sich mit diesem Apparat in die 
Luft sprengen«, unterstützte ihn Buhrmann. »Mein 
Gott, ich hatte immer geglaubt, Don Quixote sei Spa-
nier gewesen und nicht Deutscher.« 

»Ich bin Argentinier«, berichtigte ihn von Schlich-

ten. »Und machen Sie mich bloß nicht unersetzlicher, 
als ich in Wirklichkeit bin. Them M'zangwe kann 
meine Stelle einnehmen, Hid O'Leary die seine, Bar-
ney Modkovitz die Hid O'Learys und so weiter, bis 
Sie irgendeinen Sergeanten zum Leutnant ernennen. 
Das alles haben wir ja schon gestern abend durchge-
sprochen. Zugegeben, wir hatten keine Zeit für lange 

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Testreihen und müssen deswegen eine unerprobte 
Waffe verwenden. Unter diesen Umständen schicke 
ich aber keine Männer hinaus und sehe selbst aus si-
cherem Abstand zu, wie sie sich möglicherweise in 
tausend Stücke sprengen. Wenn diese Bombe unsere 
einzige Hoffnung ist, dann darf bei ihrem Abwurf 
kein Fehler passieren. Deshalb möchte ich diese Auf-
gabe nicht einer Mannschaft anvertrauen, die glauben 
könnte, auf ein Himmelfahrtskommando geschickt 
worden zu sein. Was der Gaucho passierte, als sie die 
Smuts  erledigte, ist allen noch allzu frisch im Ge-
dächtnis. Wenn aber ich als derjenige, der den Befehl 
zu dieser Mission gegeben hat, selbst daran teilneh-
me, dann sieht die Mannschaft daraus, wie groß mei-
ne Zuversicht ist, lebend zurückzukehren.« 

»Nun, dann komme ich auch mit, General«, melde-

te sich Kent Pickering. »Ich habe das verdammte 
Ding ja schließlich gebaut, und nach dem Grundsatz, 
daß sich ein Restaurantbesitzer von Zeit zu Zeit ein-
mal beim Verzehr seiner eigenen Speisen sehen las-
sen sollte, muß ich dann doch wohl auch dabei sein.« 

»Ich sehe noch immer nicht ganz ein, warum wir 

nicht wenigstens eine Testexplosion durchgeführt 
haben«, wandte Hans Meyerstein, der Mann vom 
Bankenkartell, ein. 

»Das will ich Ihnen erklären«, sagte Paula Quinton. 

»Es ist durchaus möglich, daß den Geeks von der Exi-

background image

stenz unserer eigenen Bombe gar nichts bekannt ist. 
Vielleicht glauben sie, daß wir unsere atomaren 
Sprengsätze auf Niflheim für den Bergbau entwickel-
ten und nicht für militärische Zwecke verwenden. 
Wahrscheinlich sind sie auch durch den Verlust der 
Jan Smuts zunächst einmal demoralisiert. Ich persön-
lich nehme sogar an, daß sowohl König Orgzild wie 
Fürst Gorkrink an Bord der Jan Smuts waren. Natür-
lich haben wir im Augenblick dafür keinen Beweis. 
Dieses Schiff ist mit seiner ganzen Besatzung einfach 
verdampft; die übriggebliebenen Teilchen registrie-
ren wir jetzt mit unseren Geigerzählern. Ich jedenfalls 
bin felsenfest davon überzeugt, daß einer von diesen 
beiden an Bord war, wenn nicht gar alle beide.« 

»Paula weiß, wovon sie redet«, quäkte König Kan-

kad in der Sprache der Takkad-See, die sie alle ver-
standen. »Es ist genau wie bei von Schlichten, der auf 
dem Bombenschiff mitfliegen will, um die Mann-
schaft zu ermutigen. Die Geeks bestehen immer dar-
auf, daß ihre Könige und Generäle mit ihnen in den 
Krieg ziehen, besonders, wenn es um etwas sehr 
Wichtiges geht. Andernfalls, glauben sie, würden die 
Götter zornig.« 

»Und wir müssen jetzt gleich losschlagen«, sagte 

von Schlichten. »Sie haben noch ein paar weitere 
Bomben. Zwar haben wir sie mit unseren Detektoren 
noch nicht lokalisieren können, aber die Geeks, die 

background image

von Kankads Männern gestern abend gefangenge-
nommen wurden, sagen, daß mindestens drei gebaut 
worden sind. Wir dürfen auf keinen Fall riskieren, 
daß irgendein Fanatiker eine davon in einen Aircar 
lädt und damit einen Kamikazeflug gegen Gongonk 
Island macht.« 

Jetzt

 

drehte

 

die

 

Elmoran

 

mit

 

dem

 

schwarzen

 

Zylin-

der

 

auf

 

ihrem

 

Heckkatapult

 

bei.

 

Jemand

 

hatte

 

in

 

gro-

ßen

 

Lettern

 

auf

 

die

 

Bombe

 

gemalt:

 

»BLUTIGER

 

MOR-

GEN

 

von

 

Hildegarde

 

Hernandez.

 

Mit

 

den

 

besten

 

Wünschen

 

der

 

Autorin

 

an

 

S.

 

M.

 

König

 

Orgzild

 

von

 

Keegark.«

 

Eine

 

Gangway

 

wurde

 

ausgefahren,

 

die

 

das

 

Schiff

 

mit

 

dem

 

Artillerieboot

 

verband.

 

Von

 

Schlichten

 

und Kent Pik-

kering stiegen von der Brücke hinunter. Die anderen 
folgten ihnen. Als von Schlichten die Gangway betrat, 
bemerkte er Paula Quinton hinter sich. 

»Wo wollen Sie denn hin?« fragte er. 
»Dahin, wo Sie hingehen«, erwiderte sie. »Ich bin 

Ihr Adjutant, glaube ich.« 

»Kommt überhaupt nicht in Frage. Ich persönlich 

glaube zwar nicht, daß irgendeine Gefahr besteht; 
dennoch möchte ich nicht, daß Sie ein unnötiges Risi-
ko laufen ...« 

»Ich kenne mich in der Gedankenwelt der Terraner 

nicht allzu gut aus«, meldete sich jetzt Kankad. »Und 
von den Terranern, die Junge bekommen, verstehe 
ich schon gleich gar nichts. Aber ich glaube, daß das 

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für Paula etwas sehr Wichtiges ist. Erlauben Sie ihr, 
Sie zu begleiten. Denn wenn Sie alleine gehen und 
nicht mehr zurückkehren – dann glaube ich, wird sie 
nie wieder glücklich sein.« 

Von Schlichten sah Kankad nachdenklich an und 

fragte sich, wie schon so oft, was eigentlich in diesem 
Eidechsenkopf vorgehen mochte. Dann blickte er 
Paula an und nickte schließlich. 

»Also gut, Colonel. Einspruch zurückgezogen«, 

sagte er. 

An Bord der Elmoran  unterzogen sie die Bombe, 

das Katapult sowie das Zielgerät einer letzten Inspek-
tion und begaben sich dann auf die Brücke. 

»Startbereit, Sir?« fragte der Kommandant, ein 

Leutnant Morrison. 

»Sobald Sie bereit sind, Leutnant. Wir sind hier nur 

Passagiere.« 

»Danke, Sir. Wir hatten vor, zur Zielkontrolle die 

Stadt in etwa zweitausend Metern Höhe anzufliegen, 
kurz vor den Bergen dann kehrtzumachen, und in 
fünftausend Meter Höhe zurückzukommen. Sind Sie 
einverstanden, Sir?« 

Von Schlichten nickte. »Sie sind der Kommandant, 

Leutnant. Stellen Sie jedenfalls sicher, daß Ihr Ingeni-
eur beim Abwurfsignal zuverlässig die Hilfsrakete 
auslöst. Dreißig Kilometer müssen wir mindestens 
weg sein, wenn das Ding losgeht.« 

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Der Leutnant murmelte irgend etwas, was wie ein 

ganz unmilitärisches »worauf Sie sich verlassen kön-
nen, mein Bester« klang. 

»Hoffentlich«, bekräftigte von Schlichten. »Ich habe 

die Jan Smuts auf dem TV-Schirm gesehen.« 

Die  Elmoran  richtete ihren Bug gen Keegark. Die 

Stadt hob sich als braun-grauer Flecken vom Grund-
nebel über dem Delta des ausgetrockneten Hoork-
Flusses ab, wurde dann ein Farbtupfer zwischen dem 
Fluß, der Bucht und den Hügeln auf der landeinwärts 
gelegenen Seite, und nahm dann schließlich mit ihren 
rechtwinklig angelegten Straßenschluchten und ho-
hen Gebäuden plastische Formen an. Jetzt konnte von 
Schlichten, der die Stadt ja schon häufig angeflogen 
hatte, die charakteristischen Punkte erkennen: Den 
Platz, wo sich König Orgzilds Nitroglyzerin-Fabrik 
befunden hatte – jetzt ein in fünfhundert Metern Um-
kreis von Ruinen umgebener, tiefer Krater; die Resi-
denz, die auch nur ein Krater war, seit Rudolfo Mak-
Kinnon sich damit in die Luft gesprengt hatte; die 
zerstörte Christian De Wett in den Docks der Compa-
ny; König Orgzilds Palast, rauchgeschwärzt und 
schwer beschädigt an einer der Ecken, wo die Bom-
ben der Aldebaran  gefallen waren ... Dann ließen sie 
die Stadt hinter sich und befanden sich über offenem 
Land. 

»Wenn wir nur wüßten, wo die anderen Bomben 

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sind, Sir«, sagte Leutnant Morrison. »Unsere Erkun-
dungsflüge mit den Strahlungsdetektoren sind leider 
ohne Erfolg geblieben.« 

»Ja;

 

das

 

einzige,

 

was

 

wir

 

registrierten,

 

war

 

das

 

Hauptkraftwerk,

 

und

 

die

 

Strahlung

 

von

 

dort

 

war

 

nor-

mal«,

 

stimmte

 

Pickering

 

zu.

 

»Von

 

den

 

Bomben

 

selbst

 

nicht

 

die

 

geringste

 

Spur.

 

Wahrscheinlich

 

haben

 

sie sie, 

gut abgeschirmt, irgendwo unterirdisch versteckt.« 

»Kankads Gefangene wußten nur, daß sie irgend-

wo in der Stadt sein sollen«, sagte von Schlichten. 
»Wie wäre es mit der Mitte zwischen dem Palast und 
der terranischen Residenz als Zielpunkt, Leutnant? 
Sieht aus wie die Mitte der Stadt.« 

Das Schiff wendete jetzt und machte sich, rasch an 

Höhe gewinnend, auf den erneuten Anflug. Morrison 
wies den Bombenschützen an, sich bereitzuhalten. 
Schnell näherten sie sich der Stadt und der dahinter-
liegenden See. Von Schlichten, der auf der Brücke 
stand, merkte, daß er den Arm um Paula gelegt und 
sie ein wenig enger an sich gezogen hatte, als es beim 
Militär sonst üblich war. Dennoch kam es ihm nicht 
in den Sinn, sie loszulassen. 

»Es besteht wirklich kein Grund zur Sorge«, versi-

cherte er ihr. »Pickering hat dieses Ding nach allen 
Regeln der Ingenieurkunst gebaut und alles, was in 
diesem Schauerroman stand, aufs genaueste durch-
rechnen lassen ...« 

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Auf der Brücke flammten jetzt rote Warnlampen 

auf, und über die Sprechanlage meldete jemand 
»Bombe ab!« Von Schlichten zog Paula auf den Boden 
nieder und kauerte sich neben sie. 

»Bedecken Sie Ihre Augen«, warnte er sie. »Sie er-

innern sich noch an den Blitz auf dem Bildschirm, als 
die  Jan Smuts explodierte. Was wir da sahen, war 
beileibe nicht alles; die Kamera auf der Gaucho  war 
nur zu schnell kaputt.« 

Er hielt ihr einen Vortrag über Gammastrahlen, ul-

traviolette Strahlen, Röntgenstrahlen und kosmische 
Strahlen, um ihre Gedanken irgendwie zu beschäfti-
gen und selbst nicht daran denken zu müssen, was 
mit der improvisierten Höllenmaschine, die sie über 
Keegark abgeworfen hatten, alles schiefgehen konnte. 
Wenn sie nicht detonierte, würden die Geeks sie fin-
den und wissen, daß bald eine zweite folgen würde, 
und dann ... 

Und dann packte eine unsichtbare Riesenfaust das 

Schiff, wirbelte es durch die Luft wie der Sturmwind 
ein vom Baum gefallenes Blatt. Der Donner der Ex-
plosion war so stark, daß er körperlich fühlbar war. 
Selbst durch die luftdicht konstruierte Außenstruktur 
der  Elmoran  drang jetzt die Hitze herein. Einen Au-
genblick später kam ein weiterer, dann noch ein ähn-
licher Stoß. Hinter ihnen in Keegark waren zwei wei-
tere Sprengkörper losgegangen. Das bedeutete, daß 

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sie König Orgzilds verbliebene atomare Bewaffnung 
vernichtet hatten. Splitterndes Glas und das Knallen 
und Ächzen brechender oder sich verbiegender Teile 
verrieten, welcher Belastung die Elmoran  ausgesetzt 
war. Das Schiff hatte stark an Höhe verloren. Flu-
chend mühten sich Morrison und seine Leute an der 
Steuerung ab, bis es ihnen gelang, es wieder zu stabi-
lisieren. Von Schlichten rappelte sich auf und half 
auch Paula wieder auf die Beine. Erst jetzt begriff er, 
daß sie einander leidenschaftlich geküßt hatten. Und 
sie hielten einander immer noch in den Armen, als 
das Rollen und Stampfen des Schiffes verebbte und 
jemand ihn auf die Schulter tippte. 

Er ließ Paula los und wandte sich um. Es war Leut-

nant Morrison. 

»Was zum Teufel gibt es denn, Leutnant?« fragte 

er. 

»Tut mir leid, stören zu müssen, Sir. Aber wir 

nehmen jetzt wieder Kurs auf die Procyon.  Und das 
würden Sie möglicherweise vermissen.« Er hielt ihm 
eine runde Glasscheibe hin. »Ich hätte nicht geglaubt, 
daß es jemals passieren würde – aber immerhin wa-
ren drei A-Bomben nötig, um Sie von Ihrem Monokel 
zu trennen.« 

»Ach, das?« Von Schlichten nahm sein Wahrzei-

chen und setzte es ein. »Ich habe es nicht verloren«, 
log er. »Ich habe mich nur seiner entledigt. Wissen Sie 

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nicht, Leutnant, daß, wenn er eine Lady küßt, kein 
Gentleman ein Monokel trägt?« 

Er sah sich um. Sie befanden sich etwa zwei- bis 

dreihundert Meter über dem Wasser. Das vordere 90-
mm-Geschütz war von der Wucht der Explosion of-
fenbar losgerissen worden; auch die TV-Kamera und 
das Radargerät konnte er nicht mehr entdecken. Ir-
gend etwas, wahrscheinlich das Geschütz, war gegen 
den Vorderteil der Brücke geschlagen – ihr metalle-
nes Skelett war eingeknickt, das Panzerglas ausge-
schlagen. Immerhin verrieten die Vibrationen des 
Schiffes, daß sein Kontragravitationsfeld nicht beein-
trächtigt war, und auch die Düsen arbeiteten. 

»Die Schäden wurden durch die zweite und dritte 

Bombe angerichtet, Sir«, sagte Morrison. »Unsere ei-
gene Bombe hätte uns nur ein wenig durchgeschüt-
telt. Aber die zwei Geek-Bomben, das war zu viel ...« 

»Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen, Leut-

nant. Sie und Ihre Crew haben sich glänzend ge-
schlagen, Leutnant – Kommandeur – beste Tradition 
und so weiter. War mir durchaus ein Vergnügen, 
Kommandeur. Hoffe, bald wieder bei Ihnen an Bord 
zu sein, Captain.« 

Sie fanden Kent Pickering am hinteren Ende der 

Brücke und sahen mit ihm nach achtern hinaus. 
Selbst von Schlichten, der H-Bomben und Betazyklus-
Bomben gesehen hatte, war beeindruckt. Ganz Kee-

background image

gark war völlig verschwunden unter einer sich nach 
außen rollenden Wolke aus Staub und Rauch von 
acht bis zehn Kilometern Durchmesser, welche die 
Basis einer himmelhoch ragenden Rauchsäule bildete. 

Einhundertfünfzigtausend Leute waren in dieser 

Stadt gewesen, auch wenn sie nur Eidechsenköpfe 
hatten, vier Arme und eine quarzfleckige Haut. Wie-
viele von ihnen jetzt noch am Leben waren, konnte er 
nicht ermessen. Er zwang sich, daran zu denken, daß 
sie die Leute waren, die Eric Blount und Hendrik 
Lemoyne bei lebendigem Leibe verbrannt hatten. Er 
erinnerte sich daran, daß zwei der drei Bomben, die 
dieses Inferno aus Rauch und Feuer ausgelöst hatten, 
in Keegark von Keegarkanern gebaut worden waren, 
und daß er, mutatis mutandis, nichts anderes vor Au-
gen hatte, als Konkrook hätte passieren können. Viel-
leicht hatte auch jeder Terraner eine Art abergläubi-
scher Furcht vor für Kriegszwecke verwendeter 
Kernenergie. Kein Wunder – nach all dem, was sie ih-
rer eigenen Welt zugefügt hatten. 

Zumindest, dachte er grimmig, wird der nächste 

Geek, der auf die Idee kommt, einen Terraner in 
Thermokonzentrat zu tauchen und ihn dann anzu-
zünden, den Gedanken fallen lassen wie eine heiße 
Kartoffel. Und der nächste Geek-Potentat, der ver-
sucht, eine antiterranische Verschwörung anzuzet-
teln, oder der nächste verrückte Packtiertreiber, der 

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znidd suddabit predigt, wird auf der Stelle gelyncht 
werden. Dies aber mußte die letzte A-Bombe auf Ul-
ler sein ... 

Kateridee! tadelte er sich selbst. Das nächste Mal 

würde es schneller so weit sein, und das übernächste 
Mal erst recht. Hat man die erste Bombe geworfen, 
dann führt kein Weg zurück, genausowenig wie nach 
Hiroshima, mehr als vierhundertfünfzig Jahre zuvor. 
Und er hatte sich sogar überlegt, wo in den Bergen 
hinter Bwork er, um seine Aufforderung zur Kapitu-
lation zu unterstreichen, eine Demonstrationsbombe 
abwerfen konnte. 

Kein Zweifel: Entweder führte man sehenden Au-

ges

 

die

 

unvermeidliche

 

Katastrophe

 

herbei,

 

oder

 

man

 

machte

 

sich

 

rechtzeitig

 

klar,

 

daß

 

Atomrüstung

 

und

 

Nationalismus

 

zusammen

 

nicht

 

auf

 

dem

 

gleichen

 

Pla-

neten

 

existieren

 

können.

 

Und

 

es

 

ist

 

leichter,

 

ein

 

über-

kommenes

 

Denkmuster

 

aufzugeben,

 

als

 

ein

 

Stück

 

wis-

senschaftlicher

 

Erkenntnis.

 

Uller

 

war

 

noch

 

nicht

 

reif

 

für

 

die

 

Mitgliedschaft

 

in

 

der

 

Terranischen

 

Föderation;

 

die

 

Bevölkerung

 

hier

 

mußte

 

sich

 

erst

 

zum

 

Terrani-

schen

 

Frieden

 

bekehren.

 

Die

 

Kraganer

 

würden

 

dabei

 

eine

 

Hilfe

 

sein

 

 

als

 

Prokonsuln

 

und

 

Verwalter,

 

nicht

 

mehr

 

als

 

Söldner.

 

Und

 

sie

 

brauchten

 

bemannte

 

Über-

wachungssatelliten,

 

und

 

die

 

Niederlassungen der Ter-

ranischen Föderation mußten aus den Städten heraus, 
weg von möglichen Explosionsherden. Sid Harring-

background image

tons Idee schließlich, die Eingeborenen beim Bau ih-
rer eigenen Kontragravitationsschiffe zu unterstüt-
zen, mußte für lange Zeit ad acta gelegt werden. Viel-
leicht in einem Jahrhundert ... 

Kankad

 

allerdings

 

hatte

 

eine

 

gute,

 

ja

 

geradezu

 

groß-

artige

 

Idee

 

gehabt.

 

Von

 

Schlichten

 

selbst

 

war

 

bereits

 

völlig

 

von

 

ihr

 

überzeugt.

 

Und

 

er

 

glaubte

 

auch

 

nicht,

 

daß

 

es

 

viel

 

Mühe

 

kosten

 

würde,

 

Paula

 

diese

 

Idee

 

nahe-

zubringen,

 

denn

 

schon

 

jetzt

 

hatte

 

sie

 

besitzergreifend

 

seinen

 

Arm

 

umfaßt.

 

Vielleicht

 

würden

 

ihre Enkel und 

der Kankad dieser kommenden Zeit Uller als zivili-
siertes Mitglied der Föderation erleben ... 

Er wurde aus seinen Gedanken gerissen, als das 

Schiff bei der Procyon  beidrehte und die Gangway 
ausgefahren und festgemacht wurde. Er blickte zu-
rück auf Keegark – oder das, was einmal Keegark 
gewesen war. 

»Weißt

 

du«,

 

sagte

 

Paula

 

gerade,

 

»ohne

 

diese

 

Porno-

grafin hätte das genausogut Konkrook sein können.« 

Er nickte. »Ja. Ich hoffe, es macht dir nichts aus – 

aber in meinem Herzen wird immer ein Platz für 
Hildegarde sein.« 

Sie wandten sich ab vom Ort des Grauens und 

betraten die Gangway. Eigentlich sah es nicht aus, als 
ginge da ein General und sein Adjutant. 

 


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