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Die Schlacht bei Tannenberg

26. - 30. August 1914

Die Lage am 24./25. August 1914

Die Westgruppe

Das   Oberkommando   der   8.   Armee   wurde   von

Marienburg nach  Riesenburg vorverlegt, (30  km

in   Richtung   süd-ost)   um   näher   bei   dem   sich

bildenden   Angriffsflügel   zu   sein.   Der

Oberbefehlshaber   traf   gegen   Mittag   mit   seinem

engeren   Stab   zu   einer   Besprechung   beim

Generalkommando des XX. AK in Tannenberg ein.

General   von   Scholtz   und   sein   Stabschef,

Oberst Hell, hatten noch kein klares Bild von der

Lage bei  der 37.ID. Man stand  noch unter dem

Eindruck   des   schwierigen   Rückzuges   vor   dem

übermächtigen Feind in der Nacht. Genau so wie

bei der Division selbst. Man sah die Lage als ernst

an.   Wenn   auch   momentan   keine   unmittelbare

Bedrohung   der   Ostflanke   des   XX.   Korps   mehr

bestand,   so   war   nach   den   vorliegenden

Nachrichten   am   nächsten   Tag   mit   einem

Herumgreifen  des  Gegners  über Schwedrich  auf

Hohenstein zu rechnen.

General   von   Scholtz   hatte   den   Entschluss

gefasst, den linken Flügel  des Korps noch mehr

zurück zu nehmen. Die 41. und 37.ID sollten auf

die   Linie   Gilgenburg   -   Mühlen   zurück   gehen.

Gleichzeitig sollte die 3. Reserve-Division (3.RD)

an   diesen   linken   Flügel   heranschließen.   Dann

mussten   die   Russen   zum   Angriff   noch   weiter

ausholen und der anrückenden Ostgruppe (I.RK

und   XVII.AK)   den   Rücken   zuwenden.   Ob   diese

Ostgruppe   in   die   sich   anbahnende   Schlacht

eingreifen konnte, war jedoch keineswegs sicher.

Wenn ja, dann aber erst in ein paar Tagen.

Es  kam  also darauf  an, dass  das XX.Korps sich

einige   Tage   gegen   die   feindliche   Übermacht

halten konnte. So entschied General von Hindenburg, dass die 3. Reserve - Division noch nicht so nahe

herangezogen werden soll. Sie hat bei Hohenstein und nördlich davon zu bleiben. Im übrigen stimmte er den

Absichten des Generals von Scholtz zu. Er rechnete damit, dass sich das XX. Korps in der jetztigen Stellung

halten könne, bis zum Eingreifen des I. Korps am 26. August. Das bereits in Löbau eingetroffene Grenadier -

Regiment 1 des I.AK wurde auf Bitten dem XX.AK unterstellt.

Im Armee - Hauptqurtier

in Riesenburg hatte man am Abend folgendes Bild von der Lage:

Die 5. Landwehr - Brigade

war im Vormarsch von Strasburg Richtung Lautenburg. In ihrer Südflanke war bei Rypin und südlich bis zur

Weichsel russische Kavallerie gemeldet worden. Erkundungstrupps waren sogar bis nach Gorzno, unmittelbar

bis an die Brigade, vorgedrungen. In den nächsten Tagen musste hier mit Feindberührung gerechnet werden.

Somit war der Einsatz dieser Landwehr-Brigade bei der Schlacht fraglich.

Beim I.Armeekorps

waren weitere Verzögerungen beim Bahntransport eingetreten. Außer dem 1. Grenadier - Regiment, das dem

XX. Korps unterstellt wurde, waren bisher nur ein Infanterie - Regiment und zwei Batterien ausgeladen und bis

Neumark  und  Löbau  vorgerückt.  Durch  die  mehrmalige Verlegung  der Einladungsorte  bei  Wehlau,  bedingt

durch   Störungen   durch   russische   Kavallerie,   kamen   die   Einheiten   nicht   in   der   vorgesehenen   taktischen

Reihenfolge  an.   Die   Kavallerie   zum   Beispiel,   die  zur   Aufklärung   dringend   gebraucht   wurde,   fuhr  erst   am

Schluss. Das Korps konnte vor dem 26. August mittags nicht eingesetzt werden.

Beim XX.AK  war es  vor dessen Front seit dem  Rückzug der 37.ID und einem Feuergefecht mit russischer

Kavallerie   bei   Usdau   nirgends   mehr   zu   Feindberührung   gekommen.   Der   Gegner   schien   aber   dicht

aufgeschlossen so nahe heran zu sein, dass für den nächsten Tag mit einem Angriff gegen die ganze Front des

XX. Armeekorps gerechnet werden musste.

 

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Die Feindlage

Die vorliegenden Meldungen ließen erkennen, dass hinter der Linie Seeben (westlich Usdau) - Lansker See 3½

russische Korps bereitstanden.

Das russische I.Korps bei Usdau und Soldau

Das halbe XXIII.Korps räumlich getrennt westlich Neidenburg. (2.ID. Die andere Division dieses Korps, die

3.Garde-ID, war noch beim Einteffen in Mlawa, 35 km weiter südlich)

Das XV.AK bei Orlau, nördlich Neidenburg

Das XIII.AK bei Kurken am Lansker See.

Die Sorgen des XX.AK, ob es dieser Überlegenheit gewachsen sei, waren berechtigt. Aber ein nochmaliges

Ausweichen war unmöglich. Die Vereinigung der beiden russischen Armeen wäre nicht mehr zu verhindern

gewesen.

"Das   Korps   muss   sich   in   seiner   Stellung   bis   zum   letzten   Mann   halten".   So   lautete   der   Befehl,   der  vom

Generalstabschef Ludendorff an das Korps per Telefon übermittelt wurde. Man hoffte auf rasche Unterstützung

durch das I.AK, dem die 5. Landwehr - Brigade (LwBr) unterstellt wurde. Die Brigade sollte am nächsten Tag

um 10:00 Uhr Lautenburg erreichen. Die ausgeladenen Teile des I.AK sollten zur gleichen Zeit nord-östlich

davon bei Wompiersk und Rybno eintreffen um den erwarteten russischen Angriff gegen das XX.AK von Süden

her in die Flanke zu stoßen.

Um die Einzelheiten zu besprechen, sagte sich der Oberbefehlshaber für den nächsten Morgen 06:00 Uhr bei

General von François an.

Die Ostgruppe

Auch im Osten hatte sich die Lage bis zum Abend des 24. August zugespitzt.

Die 1. Kavallerie - Division

verschleierte nördlich Gerdauen den Abzug des XVII.AK

Die Hauptreserve Königsberg

deckte östlich Wehlau noch die Verladung des I.AK.

Das XVII.AK

hatte auf seinem Marsch nach Westen die Gegend östlich Bartenstein erreicht.

Das I.RK (Reservekorps)

befand sich weiter im Süden bei Bischofstein - Seeburg.

Die 6. Landwehr - Brigade (LwBr)

war von Lötzen kommend in Rastenburg eingetroffen.

Erster Angriffsbefehl

XVII.AK,   I.RK   und   6.LwBr   wurde   Marsch   in   Richtung   Allenstein   befohlen.   Von   Süden   her,   aus   Richtung

Ortelsburg wurden zwei russische Kolonnen Infanterie im Vormarsch auf Bischofsburg gemeldet. (Bischofsburg

und ,30 km weiter im Osten, Sensburg waren bereits von russischer Kavallerie besetzt). Es war das VI.Korps

von   der   2.   Armee.   Dieses   Korps   schien   westlich   der   masurischen   Seen   geradewegs   Richtung   Norden   zu

marschieren, während die restliche Armee in nordwestlicher Richtung vorrückte. Vielleicht sollte das VI.Korps

Verbindung mit der 1. Armee im Norden aufnehmen. Viel wahrscheinlicher war jedoch, daß  Samsonov dem

Befehl des Oberbefehlshabers der russischen Nordwestfront, General Shilinskij, nachkam. Demnach sollte er

ursprünglich mit der 2. Armee nach Norden vorstoßen und den Deutschen in den Rücken fallen, die im Kampf

mit der 1. Armee standen. Inzwischen hatten jedoch die Deutschen die Schlacht bei Gumbinnen abgebrochen

und waren auf dem Rückzug. Um doch noch Teile der (vermeintlich) zurückflutenden deutschen Einheiten zu

erwischen, richtete die Armee ihre Stoßrichtung nach Nordwesten. Nur das VI.Korps zog in Richtung Norden.

Ein schwerer Fehler. Das russische VI. Korps trennte sich dadurch immer mehr vom Gros der Armee. Die

Sicherung der rechten Flanke der Armee war nicht mehr gegeben. Das Korps selbst stand nun zwei deutschen

Korps und einer Landwehrbrigade gegenüber und ahnte noch nichts davon. Man rechnete auf russischer Seite

lediglich mit vereinzelten deutschen Einheiten auf dem Rückzug.

General   von  Hindenburg   war  sofort  entschlossen,   die  sich  bietende  günstige  Lage  auszunutzen.  Es  erging

Befehl an beide Korps und die 6.LwBr nach Süden abzudrehen: "I.RK marschiert um 04:00 Uhr über Seeburg

in Richtung Süden und greift den Feind an, wo es ihn findet...."

Die 6.LwBr sollte an das Korps heranschließen, das XVII.Korps sollte zumindest mit seiner südlichen Division

von Norden her angreifen. Die nördliche Division war zu weit weg, wurde aber als Rückendeckung gegen die

sehr   langsam   heranrückende   1.   Armee   Rennenkampfs   verwendet.   Die   Marschleistung   der   Soldaten   des

XVII.AK   war   enorm.   So   sollte   die   eine   Division   Bischofstein   erreichen   (50km-Marsch)   und   die   andere

Groß-Schwansfeld (40km).

Die 1.Kavallerie - Division sollte bei Gerdauen den Abmarsch der beiden Korps nach Süden verschleiern.

Der Angriffsbefehl an die Westgruppe

Die Meldung der 8. Armee am Abend des 24. August an die Oberste Heeresleitung in Koblenz lautete unter

anderem:   Die   Stellung   des   XX.AK   müsse   gehalten   werden   "da   Rückzug   die   gleiche   Wirkung   hat   wie

Niederlage" und weiter: "Stimmung ist entschlossen, wenn auch schlimmer Ausgang nicht ausgeschlossen".

Am   25.   August   früh   morgens   ging   beim   Armee   -   Oberkommando   (AOK)   eine   Mitteilung   der   Obersten

Heeresleitung (OHL) ein, nach der eine Landwehr - Division unter Generalleutnant von der Goltz der 8. Armee

zur Verfügung gestellt wird. Diese Lw-Division war bisher in Nordschleswig an der Grenze zu Dänemark als

Grenzsicherung   und   Küstenschutz   eingesetzt.   Sie   werde   nicht   vor   dem   27.   August   auf   dem   Schlachtfeld

eintreffen. Das AOK bestimmte vorläufig Strasburg und Neumark als Eisenbahn - Zielpunkte für diese Division,

da die Lage an der rechten Flanke noch ziemlich unklar war.

An   der   Front   des   XX.AK   war   die   Nacht   vom   24.   zum   25.   August   ruhig   verlaufen.   Bis   auf   einen

Erkundungsvorstoß   des   russischen   Infanterieregiments   93   (24.   Infanterie   -   Division,   I.Korps)   südwestlich

Gilgenburg verhielt sich der Feind ruhig. Auch in den Morgenstunden gab es keine Anzeichen des erwarteten

Angriffs. Beim deutschen AOK begann man aufzuatmen, denn mit dem weitern Eintreffen der Truppen des

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Generals von François (I.Korps, Südflanke) besserte sich die Lage von Stunde zu Stunde.

Der Oberbefehlshaber der 8. Armee war entschlossen, wenn ihm  der Gegner die Zeit dazu ließ, am  26.

August früh seinerseits zum Angriff anzutreten. An diesem Zeitpunkt für den Angriff wollte er festhalten, auch

wenn  das I.Armeekorps im  Süden  bis dahin  noch  nicht alle  Truppen  versammelt haben  würde.  Länger zu

warten verboten die Verhältnisse vor der Front des Generals von Scholtz (XX.Korps), wie auch die im Norden

drohende  Gefahr  von   der  russischen   Njemen-Armee  (Rennenkampf).   Es  galt  eine mehrtägige  Schlacht  zu

schlagen   in   dem   engen   Raum   zwischen   zwei   feindlichen   Armeen.   Da   konnte   man   gar   nicht   früh   genug

beginnen.

Die Entscheidung musste gegen den russischen Westflügel (I.russisches Korps) bei Usdau gesucht werden.

Gelingt es, diesen Flügel zu werfen, dann lag der Weg auf Neidenburg, in die Flanke und in den Rücken des

russischen   XV.   und   XIII.   Korps   offen.   Diese   Korps   waren   dabei,   weit   nach   Norden,   bis   Hohenstein   und

Allenstein auszuholen.

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Funksprüche

Noch vor der Abfahrt am 25. früh morgens von General Hindenburg mit Ludendorff und andere Mitglieder des

Stabes zur angekündigten Besprechung mit General von François ging beim AOK ein aufgefangener russischer

Funkspruch   ein.   Er  enthielt,   was   bisher   noch   nicht   da   gewesen   war,   einen   kompletten   Armeebefehl   des

Generals   von   Rennenkampf,   der   unverschlüsselt!!   an   das   IV.Korps   gegeben   wurde.   Danach   wollte   die

1.(Njemen)Armee am 26. August erst die Linie Gerdauen - Allenburg - Wehlau erreichen. Das war für die

bisher gefassten Entschlüsse nicht ungünstig. Es wuchs die Aussicht, gegen die 2.(Narew)Armee ungestört

operieren zu können.

Das war noch nicht alles. Als die beiden Wagen Löbau passierten, wurde der zweite Wagen, in dem der 1.

Generalstabsoffizier Oberstleutnant Hofmann saß, von einem Beamten der Poststation angehalten. Er übergab

eine soeben übermittelte Depesche mit einem weiteren vor kurzem aufgefangenen russischen Funkspruch, der

über die Bewegungen der russischen 2. Armee Aufschluss gab. Ebenfalls unverschlüsselt.

So erfuhr der deutsche Oberbefehlshaber gerade jetzt, in den für die Entschlüsse und Befehle der Schlacht

entscheidenden Stunden, die nächsten Absichten beider feindlichen Armeen.

Der  Funkspruch,   durch   den   General   Samsonov  am   25.   um   06:00   Uhr  einen   dringenden   Befehl   an   das

XIII.Korps gegeben hatte, kam durch mangelhafte Übersetzung in folgender Form an:

"Nach der Schlacht an der Front des XV.Korps ist das gegnerische Korps am 24.August zurückgegangen in

Richtung   Osterode.   Bei   Gilgenburg   nach   Aussagen   Landwehrbrigade   ......   die   Armee   verfolgt   den   Gegner

weiter, der nach Königsberg - Rastenburg zurückgeht. - Die 2. Armee geht vor: Linie Allenstein - Osterode am

25.August,  die Hauptmacht  der  Korps  besetzt:  XIII.Korps  Linie Gimmendorf  -  Kurken,  XV.Korps  Nadrau  -

Paulsgut, XXIII.Korps Michalken - Groß-Gardienen. Trennungsstreifen für das Vorgehen der Korps: Zwischen

XIII. und XV. Linie Muschaken - Schwedrich, zwischen XV. und XXIII. Linie Neidenburg - Wittigwalde. Das

I.Korps soll bleiben im 5.Bezirk, indem es linke Flanke der Armee sichert..... dem Korps überzugehen in den

Raum Bischofsburg - Rothfließ, um den rechten Flügel zu sichern. Von der Seite Rastenburg soll 4.Kavallerie -

Division, die dem VI.Korps unterstellt, bleiben Sensburg, indem sie aufklärt Linie Rastenburg - Bartenstein und

Seeburg - Heilsberg. 6. und 15. Kavallerie - Division......

Stab Ostrolenka."

Durch diesen Funkspruch wurde die Hoffnung des AOK 8 gestärkt, dass an diesem Tage, dem 25.August, kein

russischer Angriff mehr zu erwarten sei. Nach Berechnungen des Stabes konnte es frühestens am Abend zu

Zusammenstößen mit dem Feind kommen, wenn bei ihm alles optimal verläuft. Dies war nicht anzunehmen.

Die feindliche Kräfteverteilung, die sich aus dem Funkspruch ergab, entsprach in den wesentlichen Punkten

dem,   was   man   beim   AOK   schon   wusste  oder  annahm.   Die  gefassten   Entscheidungen   mussten   also  nicht

geändert werden.

(Man dachte natürlich auch an die Möglichkeit einer Irreführung durch den Feind. Dies wäre jedoch zu plump

gewesen. Also nahm man die Funksprüche als "echt" an. Die fehlende Verschlüsselung führte man auf Mängel

im Umgang mit dieser neuen Technik zurück.)

Bei François

Um 08:00 Uhr traf General von Hindenburg mit seinem Stab auf dem Gefechtsstand des I.AK, in Montowo, 10

km südlich Löbau ein.

Die bis jetzt ausgeladenen Teile des I.AK befanden sich zunächst hinter den großen Waldungen bei Kielpin und

Hartowitz.   Bei   der   Besprechung   auf   dem   Gefechtsstand   legte   General   Ludendorff   die   Absichten   des

Oberbefehlshabers dar. General von Francois äußerte Bedenken gegen den frühen Zeitpunkt sowie gegen die

Richtung des Angriffs seines Korps. Waren doch im Ganzen erst 10 Bataillone Infanterie (davon 2½ an das XX.

Korps  abgegeben), aber noch keine Schwadron und nur zwei  Batterien ausgeladen. Die Züge kamen nicht

regelmäßig an und nicht in der taktischen Reihenfolge.

Soweit   möglich,   wurde   seit   dem   Morgen   bis   Montowo   vorgefahren.   Trotzdem   ließ   sich   nach   Ansicht   des

Generals von François doch jetzt schon übersehen, dass die kämpfenden Teile des I.AK am nächsten Morgen

bei weitem noch nicht vollkommen versammelt sein könnten. Insbesondere würden Kavallerie, Artillerie und

die ebenfalls unentbehrlichen Munitionskolonnen fehlen. Von François glaubte daher die Verantwortung nicht

übernehmen zu können, sein Korps in so unfertigem Zustand gegen den Feind zu führen.

Bezüglich der Angriffrichtung wollte François nicht frontal auf Usdau vorgehen, sondern nach Süden ausholend,

über Groß-Tauersee gegen die Flanke des Feindes. Bei der von Ludendorff vorgeschlagen Angriffsrichtung hätte

man stets Teile des Gegeners in der rechten Flanke.

Angesichts   der   Gesamtlage   hielt   es   das   Armee   -   Oberkommando   jedoch   für   unmöglich,   diesen   an   sich

beachtenswerten   Einwendungen   des   Kommandiernden   Generals   nachzugeben.   Mit   Rücksicht   auf   die

Bedrohung des XX.AK durch die Njemen - Armee musste am 26. angegriffen werden. Es sollte alles getan

werden, das I.AK möglichst stark zu machen. Das XX.AK sollte den Angriff durch eine von Norden auf Usdau

angesetzte Abteilung (Abteilung Schmettau, 6 Bataillone, 2 Schwadrone und 2 Batterien die von der 37. und

41.ID abgegeben werden mussten. Unter Führung von General von Schmettau.) unterstützen. Weiterhin sollte

das XX.AK mit Reiterei und leichten Munitionskolonnen aushelfen.

Aber auch das Ausholen über Groß-Tauersee wurde vom AOK verworfen. Dazu hätte sich das I.AK am nächten

Tag,  (26.  August),  nach  Süden   schieben  müssen,  sein  Angriff  hätte  nicht  vor dem   27.  beginnen  können.

Unterdessen   aber   hätte   das   XX.AK   dem   übermächtigen   Feind   ohne   Aussicht   auf   Unterstützung   allein

gegenüber gestanden.

Der Oberbefehlshaber von Hindenburg und sein Stabschef Ludendorff waren sich einig darüber, dass es bei

dem Angriff am 26. auf Usdau zu bleiben habe. General von Hindenburg übernahm die volle Verantwortung

für diese Entscheidung.

Um   auch   das   XX.AK   von   den   Absichten   für   den   folgenden   Tag   zu   unterrichten,   wurde   der

Oberquartiermeister  General   Grünert   zum   Gefechtsstand   des   Generals   von   Scholtz   in   Frögenau   (4   km

westlich Tannenberg) entsandt. Nachdem der erwartete feindliche Angriff ausgeblieben war, sah General von

Scholtz   die  Lage  durchaus   zuversichtlich   an.   Es   stellte  sich   die  Frage,   wie  das   XX.AK   sich   der  drohnden

Umfassung durch die immer weiter nach Norden ausholenden feindlichen Korps erwehren könne.

Als   erste   Maßnahme   wurde   die  Abteilung   Unger  (Festungstruppen)   vom   südlichen   Korpsabschnitt   beim

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Großen Damerau-See nach dem nördlichen Abschnitt nach Mühlen und nördlich davon verlegt. (15 km) Die

3.RD konnte dann als Stoßtruppe in der Gegend von Reichenau bereit gestellt werden.

Der 25. August verlief, ohne dass es zum Kampf kam. Damit aber war die bange Zeit der Abhängigkeit von den

Maßnahmen des Gegners vorüber.

Die Lage am Abend des 25. August

Südlich   der   Linie   Strasburg   -   Lautenburg   hatte   die   Luftaufklärung   nur   einzelne,   räumlich   weit   verteilte

russische Kavallerie erkannt. Im ganzen etwa eine Division. Die bisherige Sicherung nach Süden durch zwei

Landwehr  - Bataillone  bei  Strasburg konnte beibehalten werden.  Die Verwendung  der Landwehr  - Division

Goltz, die ja am 27. August aus Schleswig hier eintreffen soll, konnte man sich noch vorbehalten.

5. Landwehr-Brigade

Durch   ihren   Vormarsch   von   Strasburg   nach   Lautenburg   war   starke   russische   Kavallerie   bis   nach   Soldau

zurückgedrängt worden. Dabei hatte die Landwehr Teile der russischen 15.KD, die Lautenburg besetzt hielten,

angegriffen und vertrieben. Dieser erste Erfolg trug natürlich zum Selbstvertrauen der Wehrmänner bei.

I. Armee-Korps

Das I.AK lag mit  der 2.ID bei  Kielpin und mit der 1.ID bei  Rybno. Es wurden ständig Truppen durch die

Eisenbahn herangeführt. Dem Korps fehlten am Abend aber immer noch drei Bataillone Infanterie, 7 von 8

Schwadronen Kavallerie, 13 von 24 Batterien Feldartillerie, die gesamte schwere Artillerie (4 Batterien) und

fast alle Munitionskolonnen. Solche Lücken konnten auch durch die in der Nacht anrollenden Züge nicht mehr

ausgeglichen werden.

XX. Armeekorps

Beim XX.AK verliefen die Verschiebungen ohne Störung. Sie wurden erst spät in der Nacht abgeschlossen. Das

1. Grenadierregiment bildete den rechten Flügel und rückte in die Stellungen der Abteilung Unger am Großen

Damerau-See ein, die, wie schon erwähnt, nach Mühlen verlegt wurde. Östlich dieses Sees stand die 41. ID bis

westlich Logdau. Daran anschließend die 37.ID, ihr linker Flügel reichte bis östlich Mühlen.

3. Reservedivision

Die 3.RD, war inzwischen bei Reichenau eingetroffen. Sie bildete den linken Flügel.

Vor der Front stand die Kavallerie der Festungstruppen östlich Mühlen, die der 3.RD bei  Wittigwalde, eine

Radfahrabteilung bei Grieslienen, nordöstlich Hohenstein.

Beim Gegner

Nach den beim XX.AK vorliegenden Nachrichten bildete sich eine starke feindliche Gruppe bei Usdau und eine

weitere   nördlich   Neidenburg.   Das   russische   XV.AK   hatte   um   15:00   Uhr   Waplitz   erreicht.   Beim   XIII.AK

beobachtete man Bewegungen beiderseits des Lansker Sees nach Norden, dahinter Biwaks bei Kurken und

östlich.

Es schien, als ob dieses Korps noch weiter nördlich ausholen wolle. Damit bot sich die Aussicht, das russische

XXIII.AK (nur eine Division vor Ort) und XV.AK am 26. August zu schlagen, bevor das XIII. wieder herankam.

Um 20:30 Uhr gab General von Hindenburg im HQ in Riesenburg den

Angriffsbefehl an die Westgruppe

für den 26. August:

"I.AK setzt sich gegen 04:00 Uhr mit seinem linken Flügel  in Besitz der Höhen von Seeben und greift bis

spätestens 10:00 Uhr vormittags von Seeben und südlich, tief rechts gestaffelt in allgemeiner Richtung Usdau

an, Detachement Mülmann bleibt unterstellt.

Verstärktes XX.AK hält seine Stellungen und unterstützt das Vorgehen des I.AK durch Angriff seines rechten

Flügels in Richtung Groß-Grieben - Jankowitz. Es hält sich im übrigen bereit, auf der ganzen Front mit starkem

rechten Flügel zum Angriff überzugehen. Die 3. Reserve - Division ist vorher rechtzeitig erneut in die Gegend

von Hohenstein vorzuführen."

© Eckhardt Dirks
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Tannenberg 1914, 24./25. August 1914, Druckversion

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2011-01-29 23:21