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Lösung Fall 14: Das Rohrleitungsrecht

A.

Ansprüche   des   R   gegen   den   G   auf   Zustimmung   zur   Wiedereintragung 
(Grundbuchberichtigung), § 894 BGB

Voraussetzung   hierfür   ist,   dass   die   formelle   Rechtslage   mit   der   materiellen   Rechtslage   zu 
Ungunsten des Anspruchstellers nicht übereinstimmt.

I.

Formelle Rechtslage

Auf dem Grundstück des G ist kein Rohrleitungsrecht (Grunddienstbarkeit iSd. § 1018 BGB) in 
Abt. II zu Gunsten des R eingetragen.

II.

Materielle Rechtslage

Möglicherweise besteht zu Gunsten des R aber tatsächlich ein Rohrleitungsrecht.

1. Ursprünglich war dieses Rohrleitungsrecht für den R am Gesamtgrundstück gemäß §§ 873, 1018 
BGB eingetragen.

2. Infolge der versehentlichen Löschung im Grundbuch könnte das Rohrleitungsrecht aber verloren 
gegangen   sein.   Ein   Recht   an   einem   Grundstück   erlischt   grundsätzlich   erst,   wenn   sowohl   eine 
Aufgabeerklärung des Berechtigten und die Löschung im Grundbuch erfolgt (§ 875 Abs. 1 BGB). 
Der R hat aber keine Aufgabeerklärung bezüglich des Rohrleitungsrechts abgegeben. Somit ist das 
Rohrleitungsrechtsrecht   durch   die   versehentliche   Löschung   im   Grundbuch   nicht   erloschen   und 
besteht weiterhin.

III. Beeinträchtigung des Anspruchsstellers

Die   Unrichtigkeit   des   Grundbuchs   infolge   der   Löschung   des   Rohrleitungsrechts   wirkt   sich 
unmittelbar nachteilig für den Rechtsinhaber R aus.

IV. Betroffenheit des Anspruchsgegners

Schuldner   des   Grundbuchberichtigungsanspruches   ist   derjenige,   dessen   Recht   durch   die 
Berichtigung   betroffen   wird.   Eine   solche   Beeinträchtigung   kann   in   einer   Beseitigung   oder 
Einschränkung seines Rechts bestehen. Durch die Berichtigung des Grundbuches bezüglich des 
Rohrleitungsrechtsrecht wird das Eigentumsrecht des G beschränkt; damit wird sein Eigentumsrecht 
durch die Grundbuchberichtigung betroffen.

V.

Ergebnis

Hinsichtlich   des   sich   im   Eigentum   des   G   befindlichen   Grundstücksteils   ist   der 
Grundbuchberichtigungsanspruch   begründet,   da   die   formelle   von   der   materiellen   Rechtslage 
abweicht. R kann von G die Zustimmung zur Wiedereintragung des Rohrleitungsrechts verlangen.

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AG GK ZR III Sachenrecht

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Wintersemester 2011/12

B.

Ansprüche des R gegen den S 

I.

GB-Berichtigung, § 894 BGB

Voraussetzung   hierfür   ist,   dass   die   formelle   Rechtslage   mit   der   materiellen   Rechtslage   zu 
Ungunsten des Anspruchstellers nicht übereinstimmt.

1.

Formelle Rechtslage

Auf dem Grundstück des S ist kein Rohrleitungsrecht (Grunddienstbarkeit iSd. § 1018 BGB) in 
Abt. II zu Gunsten des R eingetragen.

2.

Materielle Rechtslage

Möglicherweise hat S das (Teil-)Grundstück jedoch mit dem Rohrleitungsrecht belastet erworben.

a)

Die Eigentumsübertragung an dem Grundstücksteil hat gem. §§ 873, 925 BGB stattgefunden. 
Somit hat der S Eigentum an dem Grundstücksteil erworben.

b)

Fraglich   ist   jedoch,   mit   welchem   Inhalt   der   Erwerber   eines   Grundstücks   dieses   auch 
tatsächlich erwirbt. Möglicherweise hat S das Grundstück gemäß § 892 BGB lastenfrei, also 
ohne das Rohrleitungsrecht, erworben.

§ 892 BGB hat zwei Regelungstatbestände:

1.

Positive Fiktion – Die Rechte stehen den Eingetragenen mit ihrem eingetragenen Inhalt  
und Rang zu.

2.

Negative   Fiktion   –   Die   nicht   eingetragenen   oder   zu   Unrecht   gelöschten   Rechte  
Verfügungsbeschränkungen bestehen nicht (GB ist vollständig).

Dann müssten die Voraussetzungen des § 892 BGB erfüllt sein.

aa)

Ein Rechtsgeschäft i.S. eines Verkehrsgeschäfts liegt vor. (Dem SV lässt sich nicht 
entnehmen, dass eine vorweggenommene Erbfolge unter Lebenden in Betracht kommt, 
dann kein § 892 BGB (str.), Palandt – Bassenge, 71. Aufl. 2012, § 892 Rn. 3).

bb) Das Grundbuch ist unrichtig, da das Rohrleitungsrecht nicht verlorengegangen ist.

cc)     Rechtsscheinstatbestand: Das Rohrleitungsrecht war nicht im Grundbuch 
eingetragen.

dd) S   hatte   auch   keine   positive   Kenntnis   von   dem   Rohrleitungsrecht   (Zeitpunkt   der 

Antragstellung auf Eintragung in das Grundbuch ist maßgeblich) und es war auch kein 
Widerspruch (§ 899 BGB) gegen die Richtigkeit des Grundbuches eingetragen worden.

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AG GK ZR III Sachenrecht

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Wintersemester 2011/12

3.

Ergebnis

Da S das (Teil-)Grundstück von G ohne die Belastung durch das Rohrleitungsrecht erworben hat, 
stimmt die formelle Rechtslage mit der materiellen Rechtslage überein. Dem R steht kein Anspruch 
auf Zustimmung zur Wiedereintragung des Rohrleitungsrechts gegen den S zu.

II.

Wiedereinräumung des Rohrleitungsrechts gem. § 816 I 2 BGB

1. Verfügung eines Nichtberechtigten

Dann müsste der G als Nichtberechtigter über das Rohrleitungsrecht des R als Gegenstand i.S.d. § 
816 BGB verfügt haben.

a.

Eine Verfügung nach § 816 I BGB setzt grundsätzlich ein Rechtsgeschäft, das unmittelbar auf 
die   Veränderung,   Übertragung   oder  Aufhebung   eines   bestehenden   Rechts   gerichtete   ist, 
voraus. Im vorliegenden Fall hat der Veräußerer aber nicht über den Bereicherungsgegenstand 
selbst   verfügt   (Gegenstand   der   Verfügung   war   nicht   das   Rohrleitungsrecht,   sondern   das 
Grundstück!), so dass der lastenfreie Erwerb nicht durch die Verfügung, sondern infolge der 
Verfügung stattfand.

b.

Zu untersuchen ist daher, ob § 816 I 2 BGB auch Fälle abdeckt, in denen die Verfügung kraft 
Gesetzes erfolgt und nicht aufgrund einer rechtsgeschäftlichen Verfügung.

§ 816 I 2 BGB dient dem Ausgleich von Rechtsverschiebungen, die aufgrund der Vorschriften 
über den gutgläubigen Erwerb eintreten. Danach gilt der allgemeine Rechtsgedanke, dass ein 
unentgeltlicher, wenn auch gutgläubiger Erwerb nicht auf Kosten des geschädigten Inhabers 
des Rechts beim Erwerber verbleiben soll, da die Interessen des gutgläubig Erwerbenden 
weniger schutzwürdig sind als die Interessen des früheren Berechtigten. Nach alledem sind 
von § 816 I BGB also auch die Fälle umfasst, in denen durch eine Verfügung des Berechtigten 
über ein Grundstück Rechte eines Dritten am Grundstück ohne ein weiteres Rechtsgeschäft 
infolge des öffentlichen Glaubens an das GB gemäß § 892 BGB erloschen sind (Palandt-
Sprau, 71. Aufl. 2012, § 816 Rn. 13 mwN).

2. Wirksamkeit der Verfügung gegenüber dem Berechtigten

S hat das Eigentum an dem Grundstück lastenfrei hinsichtlich des Rohrleitungsrechts gem. § 892 
BGB erworben; damit ist die Verfügung gegenüber dem Berechtigten R wirksam.

3. Unentgeltlichkeit der Verfügung 

Die   Verfügung   des   G   an   S   erfolgte   zur   Erfüllung   einer   Schenkung   (§   516   BGB),   damit 
unentgeltlich.

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AG GK ZR III Sachenrecht

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Wintersemester 2011/12

4.

Ergebnis:

S ist verpflichtet, das durch die Verfügung Erlangte herauszugeben. S hat hier lastenfreies Eigentum 
erworben.   Dieses   Vorteil   hat   er   wieder   herauszugeben.   S   ist   daher   verpflichtet,   die 
Einigungserklärung gem. § 873 BGB zur Wiederbestellung des Rohrleitungsrechts abzugeben und 
dessen Eintragung im Grundbuch zu bewilligen.

Hinweis:

Der Fall ist BGH 2.10.1981, V ZR 126/80, BGHZ 81, 395 = NJW 1982, 761 nachgebildet.