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Das Theaterstück „Emilia Galotti“ unter dem 

Aspekt der Aufklärung 

Von Pascal Vogt 

Inhaltsverzeichnis 

 

Einleitung 

1.1    Einleitung in das Thema 

1.2    Inhaltsangabe 

 

Hauptteil 

2.1    Analyse des 

Theaterstückes „Emilia Galotti“ 

2.2    Das Trauerspiel „Emilia Galotti“ unter dem Aspekt der Aufklärung 

 

Schlussteil 

3.1                Zusammenfassungen der Untersuchungsergebnisse 

 

1 Einleitung 

 

Im Rahmen dieser Facharbeit werde ich mich mit dem Theaterstück „Emilia Galotti“ 
beschäftigen, das zur Zeit der Aufklärung im 18. Jahrhundert von Gotthold Ephraim 
Lessing verfasst wurde. Im ersten Teil meiner Arbeit wird ein Schwerpunkt auf der 
Analyse des Textes beruhen, wobei ich im zweiten Abschnitt versuchen möchte, 
aufklärerische Aspekte anhand der von mir angefertigten Analyse darzustellen und 
zu erläutern. Das heißt, es liegt besonders in meinem Interesse eigene analytische 
Aussagen zu treffen und mich nur in vereinzelten Fällen auf Sekundärliteratur zu 
beziehen. D

ie Anwendung der sekundären Quellen wird sich vor allem auf Aspekte 

der Aufklärung im Stück „Emilia Galotti“ beziehen, auf die ich mich in diesem 
Zusammenhang ebenfalls konzentrieren möchte. Meine persönliche Motivation mich 
mit diesem Thema auseinanderzus

etzen rührt daher, dass ich mich für Literatur und 

Geschichte interessiere.   zum Anfang 

 

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1.1 Inhaltsangabe 

 

Die Tragödie „Emilia Galotti“, verfasst von Gotthold Ephraim Lessing, handelt von 
einem Prinzen namens Hettore Gonzaga, der sich kurz vor seiner Hochzeit mit der 
Prinzessin von Massa in das Bürgermädchen Emilia Galotti verliebt. Ungeachtet 
seiner derzeitigen Geliebten, der Gräfin von Orsina, schmiedet der Prinz zusammen 
mit seinem Kammerherrn Marinelli einen Plan, um den Grafen Appiani am Tage 
seiner 

Eheschließung mit der vom Fürsten begehrten Emilia Galotti, aus der Stadt zu 

locken. Der Plan misslingt, da Marinelli und Appiani sich nicht einigen können und in 
einen Streit geraten, woraufhin Marinelli den Grafen auf dem Weg zur Hochzeit 
umbringen lässt. Emilia wird nun zu ihrem „Schutz“ auf das „Lustschloss“ des Prinzen 
nach Dosalo gebracht. Claudia Galotti, Emilias Mutter, ahnt die Intrigen des Prinzen, 
ist jedoch nicht in der Lage in irgendeiner Form einzugreifen. 

 

Auf der Suche nach seiner Tochter, gelangt Odoardo Galotti, Vater der Emilia, zu 
dem „Lustschloss“ nach Dosalo, wo er die vom Prinzen gedemütigte Gräfin Orsina 
vorfindet. Da sie die Ruchlosigkeit des Prinzen kennt, erkennt sie die 
Zusammenhänge und klärt den äußerst besorgten Familienvater über den gestellten 
Überfall auf. Die Gräfin Orsina, die vom Prinzen kurz zuvor noch auf übelste Art und 
Weise gedemütigt worden ist, gibt in ihrer Wut Odoardo einen Dolch mit. Diesem 
gelingt es, ein Gespräch mit seiner Tochter führen zu dürfen, in dem Emilia ihren 
Vater bittet, sie zu töten, da sie sich selbst für verführbar hält und somit ihre 
Unschuld und die damit verbundene Ehre verlieren würde. Der tugendhafte Odoardo 
ersticht sie, um sie vor dieser Schande zu bewahren. zum Anfang 

 

2.1 Analyse des Theaterstückes „Emilia Galotti“ 

 

Zunächst möchte ich auf die zwei gegensätzlichen sozialen Schichten eingehen, die 
Lessing in seinem Stück auftreten lässt: Zum einen ist es die Welt des Adels, zum 
anderen die Welt des Bürgertums, die beide eine wichtige Rolle spielen für den 
dramatischen Verlauf der Geschichte. 

 

Am Anfang des Theaterstückes wird die höfische Unmoral unverkennbar in Form des 
Verhaltens des Prinzen dargestellt. Er ist gerade dabei einige Bittschriften durch zu 
lesen und stößt bei dieser Beschäftigung auf eine Bitte von einer Dame namens 
Emilia Bruneschi. Da der Prinz sich in der letzten Woche in eine Emilia Galotti 
verliebt hat, nimmt er die Forderung dieser Emilia nur vor dem Hintergrund an, dass 

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sie den Namen 

Emilia trägt: „Eine Emilia? – Aber eine Emilia Bruneschi – nicht 

Galotti. Nicht Emilia Galotti! 

– Was will sie, diese Emilia Bruneschi? (Er lieset) Viel 

gefordert; sehr viel. 

– Doch sie heißt Emilia. Gewährt!“ (Seite 4, Zeile 11 ff.) Das 

Beispiel zeigt, da

ss der Prinz völlig willkürlich handelt und meistens nur das tut, 

wonach ihm gerade der Sinn steht. Dieses Merkmal charakterisiert zusätzlich die 
damalige zeitgenössische Herrschaftsform: den Absolutismus. Um noch einmal 
deutlich zu machen wie skrupellos u

nd gleichgültig der Prinz sich verhält, werde ich 

ein weiteres Beispiel heranziehen: Der Prinz wird von seinem Berater Camillo Rota 
darauf hingewiesen, dass er noch ein Todesurteil zu unterschreiben habe. Als der 
Prinz ihm nun mit „Recht gern. – Nur her!“ (Seite 17, Zeile 9) antwortet, ohne wirklich 
richtig zugehört zu haben, ist Rota so entsetzt über das Verhalten des Prinzen, dass 
er vorgibt, er habe das Todesurteil doch nicht mitgenommen. Auch das Betragen des 
Prinzen im Umgang mit Frauen ist eher als abwertend und herablassend anzusehen. 
Angesichts der Tatsache, dass er den Brief seiner derzeitigen Geliebten, der Gräfin 
Orsina, einfach liegen lässt ohne hineingeschaut zu haben, und dass er gleichzeitig 
kurz vor der Hochzeit mit der Prinzessin von Massa steht, erwecken klar und deutlich 
den Eindruck, dass er sich in keinster Weise um die Würde eines Menschen – schon 
gar nicht einer Frau 

– kümmert. Es dreht sich ausschließlich um sein persönliches 

Wohlergehen. Ein Beweis für seinen Egoismus ist ein Satz, den er gegenüber dem 
Maler Conti äußert: „[...] in meinem Gebiete soll die Kunst nicht nach Brot gehen; - 
bis ich selbst keines habe.“ (Seite 10, Zeile 2-3) Dieser Satz sagt zum einen aus, 
dass er sich durchaus gnädig zeigt Conti gegenüber, indem er ihn reich bezahlen 
lässt, aber gleichzeitig kommt hervor, dass wenn der Prinz selber nicht viel besitzen 
würde, er nicht bereit wäre etwas von seinem Besitz abzugeben oder zu teilen. Ein 
weiteres, für den Verlauf des Stückes, wichtiges Element, ist das erste Gespräch 
zwischen dem Prinzen und seinem Kammerherrn Marinelli. In diesem berichtet der 
Prinz dem Kammerherrn von seiner Liebe zu Emilia und muss dann erfahren, dass 
noch am gleichen Tag ihre Hochzeit mit dem Grafen Appiani vollzogen werden soll, 
woraufhin er v

erzweifelt: „[...], und stoß mir den Dolch ins Herz!“ (Seite 13, Zeile 27-

28). Weiterhin drängt der Prinz, ja er fleht Marinelli schon an, dass er auf irgendeine 
Art und Weise die Hochzeit verhindern muss: „Liebster, bester Marinelli, denken sie 
für mich.“ (Seite 15, Zeile 11-12) und: „Alles, Marinelli, alles, was diesen Streich [die 
Hochzeit von Emilia und Appiani] abwenden kann.“ (Seite 15, Zeile 23-24) sind 
eindeutige Beweise für die Verzweiflung des Prinzen und seine eigene Unfähigkeit 
sie in den Griff 

zu bekommen. Er kann es nicht ertragen, Emilia nicht „besitzen“ zu 

können. Und bei Hofe ist es durchaus üblich, dass Frauen als Besitz, sozusagen als 
ein Gegenstand, angesehen werden: „Waren, die man aus der ersten Hand nicht 
haben kann, kauft man aus der 

zweiten“ (Seite 15, Zeile 2-3). Vor allem die 

Ausdrücke „Waren“ und „kaufen“ im Bezug auf Frauen symbolisieren die 
Instrumentalisierung derselben. Es treibt den Prinzen in den Wahnsinn, dass er 
seinen Willen nicht durchsetzen kann und in seiner Verzweiflun

g überträgt er 

Marinelli die totale Handlungsfreiheit, um die Hochzeit zu verhindern. 

 

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Ganz im Gegensatz zu der höfischen Welt steht die Welt des Bürgertums, die von 
Tugendhaftigkeit geprägt ist. Am Anfang des zweiten Aktes wird dargestellt, wie 
Odoardo Ga

lotti aus Sabionetta nach Guastalla reist, um kurz vor der Vermählung 

seiner Tochter, sicherzustellen, dass alles seinen rechten Weg geht. Bei dieser 
Szene fällt besonders auf, dass in Gegenwart des Dieners Pirro, Claudia Galotti ihren 
Ehemann nicht mit Du 

anredet. Daraus lässt sich schließen, dass, wie in der adeligen 

Gesellschaft, die Frau dem Manne untertan ist: „Zürnen Sie nicht, mein Bester“ (Seite 
18, Zeile 29). „Wie der Prinz im Lande, ist Odoardo im Haus der absolute Herr.“[i] 
Auch Odoardos Moralvor

stellungen treten in diesem Teil des Stückes hervor. Denn 

er sorgt sich schon um die Unschuld seiner Tochter, wenn sie nur ohne Begleitschutz 
in die Kirche geht: „Ganz allein?“ (Seite 18, Zeile 26) oder: „Einer [ein Schritt] ist 
genug zu einem Fehltritt!“ (Seite 18, Zeile 28) und schließlich: „Aber sie [Emilia] sollte 
nicht allein gegangen sein“ (Seite 19, Zeile 1-2). Die Beispiele zeigen eindeutig die 
Moral und die Tugend, die Odoardo an den Tag legt, und seinen Willen, dass auch 
Emilia  nach seinen Prinzipien handelt. Warum sollte er sich sonst so aufspielen, wo 
seine Tochter doch „nur“ in die Kirche geht. Sie besucht einen heiligen Platz, an dem 
Odoardo eigentlich nichts zu befürchten haben sollte. Im Hinblick auf die Erziehung 
Emilias werden Odoardos Zwe

ifel gegenüber der höfischen Welt klar dargestellt. Ihm 

ist die „[...] Nähe des Hofes [...]“ (Seite 21, Zeile 30) nicht geheuer und er war nie 
begeistert davon, dass Emilia in genau der „Nähe“ aufgewachsen ist und so mit der 
lüsternen und unmoralischen Welt des Hofes in Kontakt geraten könnte: „Das gerade 
wäre der Ort [Kontakt zum Prinzen], wo ich am tödlichsten zu verwunden bin“ (Seite 
23, Zeile 3-

4) und: „Aber lass mich heute nur ein einziges für diese Stadt, für diese 

Nähe des Hofes sprechen, die deiner [Odoardos] strengen Tugend so verhasst sind.“ 
(Seite 21, Zeile 35 ff.). Odoardos Bedenken gegen die „Stadterziehung“ finden ihre 
Berechtigung im weiteren Verlauf des Gesprächs zwischen ihm und seiner Frau, als 
Claudia berichtet, dass der Prinz sich mit Emilia unterhalten hat und sich ihr 
gegenüber „[...] so gnädig“ (Seite 22, Zeile 28) gezeigt habe. Die Tatsache, dass der 
Prinz Kontakt zu Emilia gehabt hat, versetzt Odoardo in einen sehr angespannten 
Zustand, weil er um die Unschuld seiner Tochter bangen mu

ss. Er schätzt den 

Prinzen natürlich nach seinen Moralvorstellungen als einen Lüstling ein, der Emilia 
nur einmal „haben“ möchte, um ihr die Unschuld zu rauben: „Ein Wollüstling, der 
bewundert, begehrt.“ (Seite 23, Zeile 4-5). Das allein macht ihn schon wütend, aber 
was ihn zusätzlich noch mehr in Rage bringt, ist, dass Claudia das Gespräch 
zwischen Emilia und dem Prinzen nicht als unmoralisch und gefährlich einschätzt: 
„Und das alles erzählst du mir in einem Tone der Entzückung? O Claudia! eitle, 
törichte Mutter!” (Seite 22, Zeile 38-39). 

 

Nun möchte ich jedoch noch etwas näher auf den Konflikt zwischen der willkürlichen, 
höfischen und der tugendhaften, bürgerlichen Welt eingehen, welcher zum 
dramatischen Verlauf des Theaterstückes führt. Tatsache ist, dass der Prinz 
Interesse an Emilia hat, aber hat Emilia auch Interesse am Prinzen? Das ist die 

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Frage, der ich nun nachgehen werde. Beim Gespräch zwischen Emilia und ihrer 
Mutter, nachdem der Prinz sie von der Kirche bis zu ihrem Zuhause verfolgt hat, geht 
herv

or, dass sie sich zum Prinzen hingezogen fühlt: „Ich will hoffen, dass du deiner 

mächtig genug warest, ihm [dem Prinzen] in Einem Blicke alle die Verachtung zu 
bezeigen, die er verdienet. Emilia: Das war ich nicht, meine Mutter!“ (Seite 25, Zeile 
19-22)  D

er Textauszug eröffnet die Möglichkeit, dass Emilia doch etwas für den 

Prinzen empfindet, denn sie war nicht in der Lage ihm einen verachtenden Blick 
zuzuwerfen. Daraus lässt sich schlussfolgern, dass sie ihn nicht verachtet und sie 
könnte sogar Gefühle für ihn entwickeln, was sie natürlich beunruhigt und extrem 
verwirrt, da sie so von Tugendhaftigkeit geprägt ist und noch dazu kurz vor ihrer 
Hochzeit mit dem Grafen Appiani steht. Ein Beweis für ihre Verwirrtheit ist: „Emilia 
(stürzet in einer ängstlichen Verwirrung herein):“ (Seite 23, Zeile 21) und auch lässt 
sich Emilias Tugendhaftigkeit im Bezug auf die Hochzeit belegen: „Der Graf muss 
das [Begegnung mit dem Prinzen] wissen. Ihm muss ich es sagen.“ (Seite 26, Zeile 
10-

11) oder: „Würde mein Verschweigen nicht, früh oder spät, seine Unruhe 

vermehren? 

– Ich dächte doch, ich behielte lieber vor ihm nichts auf dem Herzen.“ 

(Seite 26, Zeile 24-

27) Es liegt absolut in Emilias Interesse, dem Grafen gegenüber 

völlig aufrichtig zu sein, was von großer Tugend zeugt, die ihr sehr wichtig zu sein 
scheint: „Er [Appiani] könnte mich [Emilia] leicht für mehr eitel, als tugendhaft, 
halten.“ (Seite 27, Zeile 6-7) Ich habe eben erwähnt, dass Emilia auch Gefühle für 
den Prinzen entwickeln könnte. Diese These möchte ich durch einige Beispiele 
stützen. Emilia sagt zu ihrer Mutter: „Nach dem Blicke, mit dem ich ihn erkannte, hatt 
ich nicht das Herz, einen zweiten auf ihn zu richten.“ (Seite 25, Zeile 22-24). Aus 
dieser Aussage heraus kann man schlussfolgern, dass Emilia es nicht wagt einen 
zweiten Blick auf den Prinzen zu richten, weil sie womöglich seinen 
Verführungskünsten verfallen könnte. Sie gerät in Konflikt mit ihrer eigenen Tugend 
und weiß nicht mehr, was sie tun soll. Deshalb entschließt sie, sich den Prinzen nicht 
mehr a

nzusehen und flieht. Ein weiteres Beispiel begründet ihr konfuses Benehmen: 

„Meine Sinne hatten mich verlassen.“ (Seite 25, Zeile 34-35). Sie sagt selbst, dass 
ihre Sinne sie verlassen haben: aber warum? Doch nur weil sie Gefühle für den 
Prinzen hat. Sonst 

würde sie der Besuch des Prinzen nicht derart aus der Fassung 

bringen, abgesehen davon, dass er ein Mann von großem Einfluss ist. Genau der 
Konflikt zwischen ihrer eigenen Tugend und der bestehenden Möglichkeit, vom 
Prinzen verführt zu werden, führten zum Schluss des Stückes zur Katastrophe. 
Emilia drängt ihren Vater sie zu töten und dieser geht ihrem Wunsch nach. Der 
Schlüsselsatz im letzten Akt ist eine Äußerung Emilias, in der sie sozusagen zugibt, 
der Verführungskunst des Prinzen nicht widerstehen zu können: „Verführung ist die 
wahre Gewalt.“ (Seite 73, Zeile 12). Emilia merkt, dass sie durch den Prinzen 
verführbar ist, was natürlich in direktem Gegensatz zu ihrer Tugend steht und was für 
sie einen Zustand darstellen würde, den sie nicht lange aushält. Sie bestätigt ihre 
Verführbarkeit noch durch einen weiteren Satz. „[...] – und es erhob sich so mancher 
Tumult in meiner Seele [als Emilia eine Stunde im Hause der Grimaldi verbrachte], 
den die strengsten Übungen der Religion kaum in Wochen besänftigen konnten.“ 
(Seite 73, Zeile 16-

18). Das heißt, dass ihre Gedanken sich möglicherweise um den 

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Prinzen drehen und sie denkt an Dinge, die ihrer Tugendhaftigkeit nicht entsprechen 
und darum versucht sie ihre Tugend durch die Ausübung der Religion zu 
„besänftigen“. Aber sie selbst glaubt ja, dass auch die Ausübung der Religion ihre 
moralischen Zweifel nicht beseitigen kann und so entscheidet sie sich in den Tod zu 
fliehen. Ihre eigene Unselbstständigkeit mit ihrer Sexualität – die sich durch die 
strenge Erziehung d

es Vaters nicht natürlich entwickeln konnte – umzugehen, wird 

ihr zum Verhängnis. Ihre Unselbstständigkeit zeigt sich auch darin, dass sie keine 
eigene Meinung besitzt, sondern, dass sie sich immer nur nach den von der 
bürgerlichen Gesellschaft vorgegebenen Normen und Werten verhält.       zum 
Anfang 

 

2.2 Das Theaterstück Emilia Galotti unter dem Aspekt der Aufklärung 

 

Gotthold Ephraim Lessings bürgerliches Trauerspiel „Emilia Galotti“ wurde um 1772, 
das heißt zur Zeit der Aufklärung, uraufgeführt. Im Bezug auf die Aufklärung prägte 
Immanuel Kant den berühmten lateinischen Satz: „Sapere aude! Habe den Mut, dich 
deines eigenen Verstandes zu bedienen!“[ii] „[...]Autoritäten, vor allem der Kirche, zu 
misstrauen, Aberglauben, Vorurteile und Intoleranz abzulegen. Nach Kant sind es die 
selbst ernannten Vormünder, wie z.B. Priester, die das Volk verdummen, abhängig 
machen und weiter unmündig halten, indem sie vor den angeblichen Gefahren der 
Selbstständigkeit warnen.“[iii] Das bedeutet, die Aufklärung erfüllt ihren Zweck in der 
Loslösung von den Ansichten der Kirche und von absolutistischen 
Herrschaftsformen, die die freie Entfaltung des menschlichen Denkvermögens 
hemmen. Denn die Menschen im 18. Jahrhundert sind es gewohnt geleitet zu 
werden und sich aus diesem Grun

d nicht „selbst ihres Verstandes zu bedienen.“ 

(siehe 2.Fußnote). Sie leben nach bestimmten Normen und Werten, die ihnen von 
den oben genannten Obrigkeiten auferlegt werden. Lessing kritisiert, basierend auf 
der Aufklärung, die zwei sozialen Schichten des lasterhaften Adels und der 
tugendhaften bürgerlichen Welt, deren Verbindung schließlich zum tragischen Ende 
des Werkes, nämlich zum Tod von Emilia, führen. Aber es kann nicht richtig sein, 
dass ein schönes, junges Mädchen sein Leben verliert, weil es um den moralischen 
Einklang mit sich selbst fürchtet. Das kann nicht sein und es war durchaus Lessings 
Intention den Menschen in der damaligen Zeit klarzumachen, dass sie selbst in solch 
einer Welt leben, wie sie im Stück dargestellt wird, und ihnen dasselbe wie Emilia 
widerfahren könnte. Denn es ist die Zeit des Absolutismus, in der das Stück 
veröffentlicht wird und für die Leute ist es somit sehr realitätsbezogen, hat einen 
hohen Identifikationswert und dient infolgedessen natürlich zur Aufklärung. Der 
Aspekt 

der Identifikation mit Emilia führt dazu, dass die Menschen schockiert sind 

von dem, was ihnen ebenfalls geschehen könnte und erst dann anfangen über ihr 
eigenes Leben nachzudenken. Das Stück stellt eine Art Denkanstoß für die 

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Menschen dar; sowohl für die aus dem Bürgertum, als auch für die aus der adeligen 
Gesellschaft. 

 

Wie aus der Analyse hervorgeht, ist der Prinz ein absolutistischer Herrscher, der 
aufgrund seines willkürlichen und egoistischen Verhaltens, eine Teilschuld an Emilias 
Tod trägt. Denn er ist derjenige, der seinen Trieben nicht trotzen kann und unbedingt 
Emilia „haben“ möchte. Er ist es gewohnt haben zu können, wonach es ihn gelüstet. 
Und dort finden wir einen Kritikpunkt über den Lessing mit Sicherheit aufklären 
wollte: Die absolutistischen Herrscher sollten lieber ihren Aufgaben als Politiker 
nachgehen, anstatt ihre privaten Gelüste zu befriedigen. Ein Beispiel, an dem man 
unschwer erkennen kann, dass der Prinz keine Lust hat seinen Aufgaben 
nachzugehen, findet sich auf Seite 4: „Klagen, nichts als Klagen! Bittschriften, nichts 
als Bittschriften! 

– Die traurigen Geschäfte; und man beneidet uns auch noch!“ (Seite 

4, Zeile 6-

7) Der Prinz beschwert sich über seine „sehr schwierige“ Arbeit – er 

bezeichnet sie als trauriges Geschäft – einige Bittschriften aus der Bevölkerung 
durch zu lesen, was sowieso zu seinem Aufgabengebiet als guter Provinzfürst zählt. 
Nachdem er einige überflogen hat, beschließt er kurzerhand mit seinem 
Kammerherrn Marinelli auszufahren. Das zeigt sein totales Desinteresse am Wohl 
des Volkes und das Regime des Prinzen kann kein haltbarer Zustand sein, was 
Lessing auf diesem Wege sicherlich anzuprangern versucht: „Als Kritik an der 
Fürstenwillkür ist ‚Emilia Galotti’ ein Musterbeispiel eines Aufklärungs-Stücks: 
Hettore, der sei

n Fürstentum als sein Privateigentum und das Regieren zumeist als 

lästig ansieht sowie die höfischen Abhängigkeitsverhältnisse vor allem zum 
Lustgewinn nutzt, ist eben kein aufgeklärter Fürst, kein ‚erster Diener’ (vgl. Barner u. 
a.: Lessing, S. 43 ff.) se

ines Volkes, wie es Friedrich II. formulierte.“[iv]   Dieser 

höfischen Willkür steht die extreme Moral des Bürgertums entgegen, welche aber 
auch nicht gerade als positiv zu bewerten ist, denn die Tugend Emilias trägt massiv 
zu ihrem Tod bei. Denn wäre sie nicht dermaßen von Tugendhaftigkeit geprägt, dann 
hätte die Katastrophe verhindert werden können: „Es (das Bürgertum) strebt 
Mündigkeit als Ideal an, erreicht aber durch seine starren Erziehungsprinzipien und 
Moralvorstellungen genau das Gegenteil: Emilia 

bleibt bis zuletzt unmündig – 

Lessings Bürger verbauen sich durch ihr starres Festhalten an fragwürdigen 
Lebensregeln selbst den Zugang zu Selbstbestimmtem Leben. Das 
Erziehungsresultat bei Emilia ist Mutlosigkeit und Lebensangst 

– der 

Zuschauer/Leser aber 

wird aufgefordert, die Verhältnisse nicht länger zu 

akzeptieren.“[v]  Mutlosigkeit im Sinne von der Angst sich aus ihrer engstirnigen 
Moral durch eigenes Denken zu befreien 

– was einen Aspekt der Aufklärung 

charakterisiert - 

sowie Lebensangst, verkörpert durch die drohende Verführung 

Emilias durch den Prinzen, genügen ihr zu dem Entschluss, unnötigerweise aus dem 
Leben zu schreiten: „Emilia  kann nicht autonom handeln, sondern sich nur so 
verhalten, wie es von ihr erwartet wird: Ohne je als eigenständige Person gelebt zu 
haben, ohne zu wissen, was Leben und Tod wirklich bedeuten, verzichtet sie lieber 

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auf das Leben als auf die Unschuld. ‚Auch du hast nur ein Leben zu verlieren’ (Seite 
73, Zeile 7), gibt Odoardo zu bedenken, als sie um den Tod bittet, aber sie 
entgegnet: ‚Und nur eine Unschuld’ (Seite 73, Zeile 8). Sie ist Opfer ihrer Erziehung, 
ein Produkt der rigorosen Moral ihres Vaters.“[vi] Genau in dieser Art der Erziehung, 
in der der Vater als „absoluter Herr“ im Haus agiert, so (durch seine Autorität) seine 
strenge Tugend auf die Kinder überträgt  und verursacht, dass sie sich an diese 
Moralvorstellungen klammern, sieht Lessing als Aufklärer ein immenses Problem für 
die weitere, gesunde Entwicklung einer Gesellschaft. Denn die Kinder werden 
sozusagen i

hrer eigenen Meinung „beraubt“. 

 

Bei Emilia ist es dasselbe, weil sie den Wert des Leben gegenüber dem Wert der 
Wahrung ihrer Unschuld nicht erkennt und nicht zu schätzen  weiß; sie macht sich 
wie gesagt keine Gedanken über die Vorzüge des Lebens. Um einen nächsten 
Aspekt der Aufklärung aufzugreifen, möchte ich auf die Rolle der Orsina aufmerksam 
machen, die nämlich eindeutig als Instanz der Aufklärung dargestellt wird. Sie lässt 
sich nicht vom Kammerherrn Marinelli wegschicken, denn sie weiß genau, dass der 
König auf Dosalo ist. Ihr   Verhalten zeugt von Mut und Emanzipation, sie setzt sich 
als Frau in der damaligen Zeit gegen einen Mann durch: „Ein Frauenzimmer, das 
denket, ist ebenso ekel als ein Mann der sich schminket. Lachen soll es, nichts als 
lachen, 

um immerdar den gestrengen Herrn der Schöpfung bei guter Laune zu 

erhalten“ (Seite 52, Zeile 28-31) oder: „[...] ob wir arme Geschöpfe gleich nicht 
mitdenken dürfen.“ (Seite 52, Zeile 37-38)  Die Aussage Orsinas kritisiert das 
absolutistische Bild der Frau als Marionette (Untertan) des Mannes, die nur zur 
Befriedigung seiner persönlichen Bedürfnisse dient und nicht zu eigenem Denken 
und Handeln berechtigt ist. Ganz klar wird hier sowohl noch einmal auf die 
Gleichberechtigung der Frau als aufklärerisches Element, als auch auf den oben 
erwähnten Satz von Immanuel Kant hingewiesen, der seine Begründung darin 
wieder findet, dass die Gräfin Orsina „den Mut hat, sich ihres Verstandes zu 
bedienen“ Lessing äußert auch seine Abneigung gegenüber der Ständegesellschaft, 
denn „nicht gegen den Fürsten konnte Odoardo den Dolch zücken; er bleibt der  
Bürger, der leidend opfern muss und sich frivoler Willkür nicht anders erwehren 
kann“[vii] In der gesamten Betrachtung des Stückes wird klar, dass sich das 
Bürgertum wegen seiner Tugend am Ende nicht gegen den willkürlichen Adel 
durchsetzen kann, denn Odoardo würde den Prinzen am liebsten umbringen, aber 
seine Moral steht ihm dabei im Weg. Nach dem von Orsina verursachten „Wutanfall“ 
Odoardos fällt ihm schnell wieder ein, was „richtig“ ist. Er lässt von seinem Vorhaben 
ab, den Prinzen zu töten, da er erkannt hat, dass Orsina ihn nur für ihre private 
Rache ausnutzen will, weil der Prinz sie gedemütigt hat. In Odoardos Augen ist auch 
dies ein Verstoß gegen seine Tugend: „Was hat die gekränkte Tugend mit der Rache 
des Lasters zu schaffen?“ (Seite 64, Zeile 14-15) ist der Beweis für Odoardos 
Einsicht. Auch hier beschränkt die Tugend wieder das freie Handeln, was wohl zeigt, 
dass die übertriebene moralische Haltung nicht zu einem glücklichen Leben führen 

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kann und somit genauso falsch ist wie das höfische Leben, das daraus besteht, 
machen zu können, wonach einem der Sinn steht. Somit ist die Kritik an der 
Ständegesellschaft völlig gerechtfertigt und einer der Hauptaspekte der Aufklärung, 
den Lessing durch sein Stück thematisiert. zum Anfang   

 

3.1 Zusammenfassungen der Untersuchungsergebnisse 

 

Abschließend werde ich die von mir untersuchten Aspekte, mit Blick auf die 
Aufklärung noch einmal kurz zusammenfassen und möglichst prägnant erläutern. 
Das Stück „Emilia Galotti“ ist sehr durchdacht und deswegen gibt es viele 
Interpretationsansätze, die man sich zur Grundlage einer Analyse machen kann. Es 
war meine Absicht, auf die zwei sozialen Schichten einzugehen und deren Charakter 
mit Beweisen aus dem Text zu beschreiben. Zum einen ist dort die adelige, 
lasterhafte und zum anderen die moralisch korrekte, bürgerliche Gesellschaft, die in 
Konflikt miteinander stehen. Es ist eine Tatsache, dass Lessing beide Schichten 
kritisiert, da sie beide zu weit ins Extrem reichen, wahrscheinlich auch um sich selbst 
voneinander abzugrenzen. Die bürgerliche Welt versperrt sich den Zugang zu ihrer 
eigenen Vernunft durch die vorherrschenden Moralvorstellungen und das maßlose 
Verhalten der Adeligen führte zu ihren maßlosen Taten (Entführung Emilias und 
Mord an Appiani). Denn wer keine Achtung vor der Disziplin hat, schreckt auch vor 
Verbrechen nicht zurück, wenn das Gesetz ihn  durch seine absolute Macht nicht 
bestrafen kann. Das ist wohl auch Lessings Kritik an der Herrschaftsform des 
Absolutismus. Die uneingeschränkte Freiheit der Fürsten, Straftaten zu begehen, 
ohne zur Rechenschaft gezogen zu werden, führt meiner Meinung nach zum Chaos 
in einem Staat. 

 

Die Kritik an der Ständegesellschaft ist zu erwähnen da sie erst aus der 
Gesamtbetrachtung des Stücks hervorgeht: „ ‚Emilia Galotti’ ist zweifellos ein Stück 
aus dem Geist der Aufklärung und ist trotz Lessings Behauptung, er habe nur ein 
privates Stück schreiben wollen, eminent politisch in seiner heftigen Kritik an der 
herrschenden Aristokratie. Das wird vor allem deutlich in der provozierenden 
Schlussfolgerung aus dem Drama, dass nämlich alle bürgerliche Moral hilflos ist 
gegenüber der Macht des Hofes.“[viii] Lessing wollte den Menschen, die ins Theater 
gingen, Fur

cht einflößen, indem er das Stück so gestaltete, dass sich die Menschen 

im Stück wieder finden, die Zustände in der Gesellschaft erkennen – dazu gehört 
auch die Erkenntnis der Notwendigkeit der Abschaffung der Ständegesellschaft – 
und sich aus dem Zwangskorsett der Aristokratie befreien. 

 

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Der letzte Punkt, auf den ich nun eingehen werde, ist die Funktion Orsinas als 
aufklärerische Instanz, die sich vom Prinzen nicht an der Nase herumführen lässt. 
Sie birgt einen Aspekt der Aufklärung in sich, der die Gleichberechtigung der Frau 
verlangt. Indem sie es wagt gegen einen Mann in der Zeit des Absolutismus 
anzureden 

– ich beziehe mich auf das Streitgespräch, das sie mit Marinelli führt – 

beweist sie, dass sie nicht alles glaubt, was ihr erzählt wird, sondern, dass sie eigene 
Beobachtungen anstellt und ihre Meinung dazu äußert. Sie lässt sich nicht in die 
Rolle der Frau zwängen, die sich dem Manne untergeordnet sieht und sich nicht traut 
Widerworte gegen den „Herrn“ zu erheben. Orsina ist eine emanzipierte Frau und 
repräsentiert auf diese Art ein Charakteristikum der Aufklärung. 

 

Zusammenfassend werden die folgenden politischen und gesellschaftlichen 
Zustände von Lessing auf tragische, den Leser ergreifende Weise, kritisiert: die 
Willkür des Hofadels; die oftmals zu strenge Moral des Bürgertums; die 
Vormachtstellung des Mannes; die absolutistische Herrschaftsform und in 
Verbindung damit die Ständegesellschaft, wie sie im Stück dargeboten wird.